Nach Amerika! Ein Volksbuch. Fünfter Band
by Friedrich Gerstäcker · German · Gutenberg #29102 · 413,778 chars · public domain (US)
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Title: Nach Amerika! Ein Volksbuch. Fünfter Band
Author: Friedrich Gerstäcker
Illustrator: Karl Reinhardt
Release date: June 12, 2009 [eBook #29102]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/29102
Credits: Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau, Clive Pickton, Paul Dring
and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! EIN VOLKSBUCH. FÜNFTER BAND ***
Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau, Clive Pickton, Paul Dring
and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Nach Amerika!
Ein Volksbuch
von
Friedrich Gerstäcker.
Illustrirt von Carl Reinhardt.
Fünfter Band.
Leipzig,
Hermann Costenoble,
Verlagsbuchhandlung
Berlin,
Rudolph Gaertner,
Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
1855.
Inhalt des fünften Bandes.
Herrn von Hopfgartens Abenteuer. Forts. 1
Die Farm in der Wildniß 31
Vater und Sohn 72
Alte Bekannte 113
Herr von Hopfgarten 145
In Indiana 159
Marien's Geburtstag 181
In Michigan 225
Capitel 1.
Von Hopfgartens Abenteuer.
Fortsetzung.
Ehe Hopfgarten das Haus erreichte, mußte er noch über ein Stück
frischgepflügten und aufgeweichten Feldes, in dem er beinah stecken
blieb. Dabei lag das kleine Gebäude vor ihm, so still und versteckt
unter ein paar hohen düsteren Bäumen, und das Licht, oder Kaminfeuer
vielleicht, funkelte so matt und todt zwischen den Spalten der Hütte
durch, daß unser Freund, schon ganz in der Nähe des Hauses angelangt, an
dem ihn nicht einmal das Knurren eines Hundes begrüßte, unwillkürlich
stehen blieb, und nach seinen Pistolen griff, die er hinten in der
Rocktasche trug, und von deren Vorhandensein er sich wenigstens
überzeugen wollte. Aber lieber Gott, die Rocktasche war vollständig
durchgeweicht -- das Wasser lief ihm in die Hand als er daran griff, und
an ein Losgehn der Waffen, hätte er sie wirklich gebraucht, war kaum zu
denken. Aber Zögern half ihm auch Nichts; er war einmal entschlossen
hier zu übernachten, und hatte sich bis zum Hause durchgearbeitet, also
galt es auch jetzt das einmal Begonnene auszuführen. So seine wollene
Decke, die er so gut das gehn wollte als Mantel gebraucht, von dem
rechten Arm zurückwerfend, denselben frei zu bekommen, überkletterte er
jetzt die Fenz noch einmal, nächst zum Hause, durchschritt den kleinen
offenen Hofraum, der beide von einander trennte, und klopfte im nächsten
Augenblick an die niedere Thür.
Es blieb todtenstill im Haus -- nur war es ihm als ob er das dumpfe
Knurren eines großen Hundes höre, das einem fernen Donner nicht
unähnlich klang -- er horchte eine halbe Minute etwa, und als dann noch
Alles ruhig blieb, klopfte er wieder, und zwar stärker als das erste
Mal.
Ein Hund schlug jetzt drinnen mit lauter Stimme an, und er hörte gleich
darauf zu seiner großen Genugthuung Schritte, die sich der Thüre
näherten und davor stehen blieben.
»Wer ist draußen?« fragte eine, wie es dem Fremden fast schien,
vorsichtig gedämpfte Mannesstimme in schlechtem, vielleicht jüdischem
Englisch -- »Bist Du's Benjamin?«
»Ein Fremder ist's« rief aber der Deutsche, durch etwaiges Zögern den
Mann da drinnen nicht vielleicht unnöthiger Weise mistrauisch zu machen
-- »ein Passagier der hier vorbeigehenden Postkutsche, die ein Rad
zerbrochen hat und nicht mehr fortkann, und der nur für die Nacht
Unterkommen zu finden wünscht -- nur Schutz gegen das furchtbare Wetter
draußen.«
»Seid Ihr allein?« frug die Stimme wieder -- »ruhig Nero, ruhig mein
Hund -- was hast Du zu knurren, wenn ich Dir Nichts sage?«
»Ganz allein, aber naß wie eine Katze.«
»Wär' ein Kunststück heute trocken zu bleiben,« sagte die Stimme wieder,
während oben und unten von der Thüre Riegel zurückgeschoben wurden, und
diese sich dann langsam und vorsichtig öffnete. »Kommt herein,« sagte
dabei der Mann -- »der Hund thut Nichts, wenn ich bei Euch bin -- braucht
ihn nicht zu fürchten -- Gott der Gerechte, ist das ein Wetter draußen --
kommt zum Feuer und trocknet Euch.«
Er ging dem Fremden voran zum Kamin, störte die fast ausgebrannten
Kohlen wieder auf, und warf ein paar frische Stücken Holz darauf, die
Flamme heller auflodern zu machen. Von der Seite warf er dabei manchen
verstohlenen Blick nach dem späten Gast, dessen Gesicht er in der
Dunkelheit der Hütte bis jetzt noch nicht hatte erkennen können, und als
das Feuer brannte, drehte er sich nach ihm um, bat ihn auf dem einzigen
Stuhl, der am Kamin stand, Platz zu nehmen, und ging dann zu dem
Reisesack, den er aufhob, einen Augenblick wie in der Hand wog, und dann
ebenfalls zum Kamin trug, damit er, wie er meinte, trocken würde.
»Ihr werdet auch noch hungrig sein,« sagte er dabei, »Gottes Wunder
ist das ein Vergnügen in solcher Nacht, mit solchem Fuhrwerk auf der
Landstraße zu liegen, für solchen feinen und wahrscheinlich auch reichen
Herrn; aber ich bring Euch gleich etwas zu essen.«
Hieran verhinderte ihn aber Hopfgarten; nur wenn er vielleicht ein Stück
trocken Brod und einen Schluck Brandy hätte, möchte er ihn darum bitten;
das sei vollkommen genug bis morgen früh, und er bedürfe nach der
gehabten ungewohnten Anstrengung mehr der Ruhe, als irgend einer
Nahrung.
Der Mann (und der Indiana-Farmer hatte ganz recht, es war jedenfalls ein
Jude seinem ganzen Aussehn und Wesen nach), ging jetzt daran den Tisch,
der mitten in der Hütte stand, für seinen Gast herzurichten; von einem
an der Wand befestigten Bret nahm er ein kleines altes Stück Wachstuch,
das er mit dem Ellbogen von alten Fettflecken oder Staub reinigte,
breitete es dann auf den Tisch, legte einen halben Laib Waizenbrod
daneben, nahm ein Messer aus der Schieblade, das er in das Brod
hineinstieß, und ging dann zu einem kleinen Eckschrank, aus dem er eine
grüne bauchige Flasche und und ein großes Glas herausholte. Hierauf
füllte er einen kleinen eisernen Kessel mit Wasser, stellte ihn auf die
Kohlen, und verließ auf kurze Zeit das Haus.
Hopfgarten behielt indessen Zeit sich in der niederen räucherigen Hütte
etwas mehr umzuschauen, in der es ihm, er wußte eigentlich selber
nicht weshalb, noch gar nicht so recht behaglich werden wollte. Wie
unwillkürlich lief ihm dabei ein Schauer über den Leib -- das mußte die
Nässe und Kälte sein, die das Feuer aus ihm heraustrieb -- und er sah
sich wie scheu in dem engen Raum um, ja bereute fast in solcher Nacht
ein solches Gebäu leichtsinnig betreten zu haben.
Und was für ein mächtiger Hund das war, der unfern des Kamins lag, und
ihn mit den kleinen tückischen Augen so still und aufmerksam anstarrte;
wie er den breiten schweren Kopf so klug und lauernd auf seinen Tatzen
liegen hatte, und keinen Blick dabei von dem Fremden wandte, mit dem
er noch keineswegs wußte woran er war. Die Augen des Hundes hatten
ordentlich etwas Unheimliches. Und wie schwarz geräuchert die Mauern
aussahen, glänzend von Fett und Ruß, und mit kleinen Schränken und
Kasten ringsum die dunkle Wand umstellt, bis dort -- Hopfgarten konnte
einen leisen Schrei der Überraschung kaum unterdrücken, als sein Blick
in diesem Moment auf die Gestalt einer alten, Mumienartigen Frau fiel,
die sich aus der dunklen Ecke, in der sie gesessen und möglicher Weise
geschlafen, langsam und hoch aufrichtete, und auf ihn zu, zum Feuer kam.
Es war der Typus des Häßlichen, Abscheulichen, dieß alte Weib mit den
ihr wirr über die Stirn und Schläfe hängenden eisgrauen Haaren, den
eingefallenen Wangen, hohlliegenden stieren Augen, und dem nackten
braunen, runzeligen Hals, den Körper in einen alten Mantel fröstelnd
eingehüllt, und die dürren knochigen Hände gegen das Feuer vorgestreckt.
Einen so wohlthuenden, beruhigenden Eindruck das Bild einer freundlichen
Matrone auf uns macht, die über die Stürme des Lebens hinaus, mit klarer
Ruhe im Blick den Frieden ihres Herzens wiederspiegelt, mag sie in einer
Tracht dann auftreten wie sie will, so zurückstoßend wirkt die Gestalt
einer alten Frau in Schmutz und Lumpen auch auf uns, deren Scheitel die
Jahre gebleicht, und Nichts von der Ruhe, nichts von dem Frieden darauf
zurückgelassen haben, die dem Alter gehören.
Hopfgarten trat unwillkürlich einen Schritt zurück, der Alten Raum zu
geben, aber wie er sich nur regte, und Miene machte das Kamin zu
verlassen, knurrte der Hund, und als er sich etwas erschreckt nach
diesem umwandte, leuchteten ihm dessen kleine Augen so drohend, so
zornfunkelnd entgegen, daß er regungslos auf seinem Platze stehen blieb,
die Bestie nicht unnöthiger Weise böse zu machen.
»Schöne Situation das« murmelte er dabei vor sich hin -- »sitze hier
drin wie die Rose zwischen den Dornen; hm hm hm Hopfgarten, ich glaube
Du bist da in eins von Deinen ersehnten Abenteuern hineingerathen --
wenn sie nur nicht gleich mit dem letzten anfangen.«
Die Frau, die sich jetzt dicht zu dem hellauflodernden Feuer gedrängt
hatte, und die zitternden, ausgespreizten Finger darüber hielt, drehte
den von der Flamme zurückgebogenen Kopf nach ihm um, sah ihm eine Weile
stier in die Augen, und flüsterte dann, wie es ihm vorkam einige
ängstlich rasche Worte, aber in einer Sprache von der er keine Sylbe
verstand.
»Jetzt werd' ichs bereuen können, daß ich das Hebräische in meiner
Jugend vernachlässigt habe« dachte Hopfgarten und sah die Alte dabei
überrascht und neugierig an, aus ihren Blicken vielleicht zu errathen
was sie meine. Wieder flüsterte die ihm, scheu dabei den Kopf nach der
Thür werfend, etwas zu, und deutete dabei zugleich nach dem Tisch
hinüber.
»Ja, ich begreife aber nicht -- «
»Bst,« sagte die Alte rasch und bestürzt, und hob warnend den Finger; in
dem Augenblick aber ging die Thür wieder auf, und der zurückkehrende
Mann sah kaum die Alte am Feuer, neben seinem Gast, als er auf sie
zuging und ihr mit barscher Stimme einige Worte in derselben fremden
Sprache zurief. Die Frau kroch scheu in sich zusammen, wickelte den
alten Mantel fester um sich her, und glitt auf ihr Lager, das in der
dunklen Ecke nächst dem Kamine gemacht schien, zurück. Der Mann aber
sagte freundlich zu dem Fremden:
»Kehrt Euch nicht an die Alte; sie ist still und gutmüthig, nur _hier_,«
setzte er leiser, mit dem Finger auf die eigene Stirn deutend hinzu,
»nicht ganz richtig. Wenn wir allein sind laß ich sie ruhig gehn, nur
wenn Fremde zu mir kommen, was freilich selten genug geschieht, muß sie
in ihrer Ecke bleiben und darf mir sie nicht stören. Aber hier,« setzte
er lauter hinzu, »ist wenigstens ein Imbiß für Euch. Da ist ein Stück
Brod und Käse, den ich neulich von Vincennes mitgebracht, und ein guter
Brandy, der Euch wahrscheinlich mehr noth thut als alles Andere; das
Wasser wird auch jetzt heiß sein -- ja es kocht sogar schon -- und ich
mach' Euch indessen einen Grog zurecht. Setzt Euch nur zum Tisch und
langt zu.«
Hopfgarten war wirklich durch die ungewohnte Anstrengung nicht allein
flau geworden, sondern hatte sogar eine Art Heißhunger bekommen, dem er
etwas bieten mußte. Nur der Hund war ihm im Wege, der ihn noch immer
lauernd und tückisch anschaute. Was that überhaupt der Köter hier im
Haus?
»Der Hund thut Euch Nichts,« sagte der Alte ruhig, »er ist nur Fremde
nicht gewohnt.«
»Wenn ich mich aber gerührt hätte, wie Ihr draußen wart, wär' er mir auf
den Leib gesprungen,« sagte Hopfgarten mürrisch.
»S' ist ein alter Hund,« lächelte der Alte, »und hat keinen Zahn mehr im
Maul, thut auch nur manchmal so als ob er böse wäre. Die Zeiten sind
vorbei wo er Leute gebissen hat, und Ihr könnt zu ihm gehn und ihn
streicheln, er wird es sich ruhig gefallen lassen.«
Hierzu bezeigte der Deutsche übrigens keine rechte Lust, folgte aber der
wiederholten Einladung, am Tische Platz zu nehmen, und schnitt sich ein
tüchtiges Stück Brod und Käse ab, während der alte Jude mit dem Glas zum
Feuer niederkauerte, aus einem Papier etwas hineinschüttete, und dann
Wasser darauf goß.
»So,« sagte er, als er es zum Tisch zurückbrachte und es dem Gast
vorsetzte, »nun thut Euch selber so viel Brandy zu als Ihr mögt, macht
den Grog aber ein wenig scharf, es wird Eueren Gliedern wohl thun, und
böse Folgen von solchem Nachtmarsch abhalten.«
»Was habt Ihr da im Glase, Freund?« sagte Hopfgarten, dieses gegen den
Schein des Feuers haltend.
»Zucker und Wasser -- der Zucker ist gut, und nimmt dem Brandy die
Schärfe.«
»Ich trinke nicht gern Zucker,« sagte der Deutsche, den ein eigens
wunderliches Mistrauen beschlich, »wenn es Euch recht ist, misch ich mir
den Trank selber.«
»Nicht gern Zucker? -- ist es doch das Beste dran,« sagte der Alte,
»kostet's nur erst, es wird Euch schon schmecken.«
Hopfgarten beharrte übrigens darauf, den Satz fortzugießen, und stand
dann selber auf, schwenkte das Glas mit heißem Wasser aus, füllte von
diesem wieder ein, und goß sich dann Brandy aus der Flasche zu.
»Mehr, Freund, mehr,« mahnte ihn der Alte, »das ist nicht halb genug,
und nähme Euch nicht einmal das Frösteln vom Leib -- noch mehr -- lieber
Gott, meine Alte da trinkt stärkeren Grog, wenn ich's ihr gebe.«
»Ich danke, ich danke,« rief aber Hopfgarten, die Flasche abwehrend, aus
der ihm der Alte, als er sie hingestellt, noch selber anfing nachzugießen;
»ich bin starke Getränke nicht gewohnt, und bekomme danach am andern
Morgen Kopfschmerzen.«
»Für _morgen_ steh' ich Euch,« lachte der Alte in sich hinein, »_der_
Brandy ist vortrefflich und macht Niemandem Kopfschmerzen.«
Den Deutschen überlief es wirklich jetzt mit einem eigenen unbehaglichen
Frösteln, das er freilich immer noch den nassen Kleidern zuschrieb, der
Brandy schmeckte aber gut, und nach kurzer Prüfung und mit einem raschen
Entschluß trank er den Inhalt auf einen Zug hinab -- ha wie das brannte.
»Aber nun legt Euch auch schlafen,« mahnte der Alte, während er Brod
und Brandy wieder vom Tisch abräumte, und an seine Stelle brachte, »es
ist spät in der Nacht, und auf den Trunk werdet Ihr, trotz des harten
Lagers das ich Euch bieten kann, gut ruhen. Hier am Feuer wird der beste
Platz für Euch sein; ehe wir uns hinlegen werf ich dann noch ein paar
Stücken auf, und bis die niedergebrannt sind liegt Ihr ohnedieß warm.
Die Nächte werden jetzt schon recht frisch, ja kalt.«
Hopfgarten, froh endlich seine todtmüden Glieder einmal wieder
ausstrecken zu können, legte seinen Reisesack, der am Feuer indeß schon
etwas abgetrocknet war, so hin, daß er ihn zum Kopfkissen gebrauchen
konnte, und der Alte hatte ihm eine wollene Decke und ein Schaaffell zum
Lager gebracht, wobei er bedauerte ihm nicht mehr Bettzeug bieten zu
können, da er selber seit gestern noch Besuch bekommen. »Aber ich bring'
Euch noch 'was die Füße warm zu halten,« setzte er hinzu, »das ist die
Hauptsache, und gegen Morgen werdet Ihr schon fühlen wie wohl das thut.«
Er nahm dabei einen alten leinenen Sack, der hinter dem Stuhl am Feuer
gelegen und, wie es Hopfgarten vorkam, eine Menge dunkler Flecken trug,
ihn dann aber zu den Füßen des sich eben auf seinem etwas harten Lager
behaglich ausstreckenden Gastes öffnend, forderte er diesen auf dahinein
seine Füße zu stecken.
»Dahinein in den Sack?« -- rief Hopfgarten erstaunt -- »weshalb?«
»Ihr sollt einmal sehn wie warm Euch das die Füße hält.«
»Ich will ihn lieber darüber decken; das ist eben so gut.«
»Nicht halb so gut, nicht um hundert Procent,« rief der Alte, und
versuchte den Mund des geöffneten Sacks selber um die Füße zu bringen,
die Hopfgarten aber zurückzog, und sich jetzt auf das Entschiedenste
weigerte der Aufforderung Folge zu leisten. Es war ihm ein gar so
unheimliches Gefühl seine Füße in einem Sack zu wissen, dessen er sich
in der Dunkelheit, wenn er hätte rasch aufspringen wollen, gar nicht so
schnell entledigen konnte.
Auch das Drängen des finster aussehenden Mannes beunruhigte ihn -- was
zum Henker, lag dem Burschen so sehr daran, seine Füße in den engen Sack
hinein zu bekommen? -- Wie der Jude übrigens sah daß sein Gast sich dem
Verlangen unter keiner Bedingung fügen wollte, ließ er nach mit Drängen,
und legte ihm nur den Sack noch auf die Füße drauf, schürte das Feuer,
sah nach der Thür und ging dann nicht etwa selber zu Bett, sondern
setzte sich am Kamin in den niederen Rohrstuhl, legte das eine Bein über
das andere und faltete die Hände um das rechte, aufgehobene Knie und
starrte nachdenkend in die Flamme.
Hopfgarten schloß die Augen und versuchte zu schlafen, aber -- es ging
nicht; das Feuer brannte nach und nach nieder und er konnte die noch
immer am Kamin sitzende Gestalt nicht mehr ordentlich erkennen, aber er
_fühlte_ daß ihre Blicke auf ihm hafteten, und daß jede seiner
Bewegungen, daß jeder Athemzug beobachtet, belauscht wurde -- weshalb?
-- Er lag noch eine halbe Stunde, und es wurde ihm sonderbar unbehaglich
zu Muthe -- und der Geschmack den er dabei im Munde hatte -- der mußte
von dem Brandy herrühren -- wie eigenthümlich metallisch das schmeckte
-- und im Kopf fing es ihm an zu drehen und zu arbeiten -- wie schwer
und bleiern seine Augenlider wurden. Er fühlte noch einmal neben sich,
wo seine Pistolen lagen, aber er hatte selber kein Vertrauen zu ihnen --
sie waren naß geworden und hätten jedenfalls versagt. Wenn er sie nur
vorher in Stand gesetzt -- er hatte kein Mistrauen zeigen wollen und
würde jetzt doch Gott weiß was darum gegeben haben, nicht so
überrücksichtsvoll gewesen zu sein.
Und was hinderte ihn daran selbst jetzt noch aufzuspringen und das
Versäumte nachzuholen? dem Gerüsteten, mit der Waffe Versehenen würde
der Mann, was auch sonst seine Absicht gewesen, nicht gewagt haben
entgegen zu treten. Er wollte aufstehn, aber er vermochte es nicht mehr
-- die Glieder versagten ihm den Dienst, über seine Augen legte es sich
wie ein Schleier und er fühlte wie sich der Schlaf -- ein gewaltsamer,
nicht zurückzudrängender Schlaf -- seiner bemächtigte.
Wie lange er sich in einem solchen Halbtraum befand wußte er nicht, wohl
aber daß er gegen diese unnatürliche Ruhe mit allen Kräften seiner Seele
ankämpfte, und ihr doch am Ende erlegen wäre, wenn nicht, vielleicht
gerade zur rechten Zeit, ein Geräusch von außen, ihm geholfen hätte sie
zu bewältigen.
Der Jude, der im Stuhl am Feuer saß, regte sich leise und geräuschlos
nur, es ist wahr, aber er bewegte sich doch, hob sich langsam empor,
und stand jetzt, das Gesicht noch immer dem Fremden zugewandt, mit dem
Rücken nach den kaum noch glimmenden Kohlen hin, vor dem Kamin. Wieder
schloß Hopfgarten die Augen, und suchte das fatale Bild, das ihm die
dunkle Gestalt heraufbeschwor, von sich zu schütteln, als er die leisen,
schleichenden Schritte des Mannes auf dem Boden _fühlte_ -- fühlte wie
er sich ihm mehr und mehr näherte -- und als er die Augen nur halb und
vorsichtig öffnete, dem dunklen Gesellen nicht zu verrathen daß er
wache, sah er wie dieser, nur wenige Schritte von seinem Lager entfernt,
mit halb vorgebeugtem Oberkörper lauschend stand, und jedenfalls auf
seine Athemzüge horchte.
Was hatte er im Sinn -- was wollte er von ihm? -- sollte er aufspringen,
und dem Mann, falls er zum Angriff auf ihn fertig stand, im Einzelkampf
begegnen? -- aber der Hund dann, der noch immer im Zimmer lag. Und hatte
der Jude auch wirklich eine feindselige Absicht gegen ihn? -- war es
nicht vielleicht Zufall -- Sorge selbst um seinen Schlaf, die ihn an des
Fremden Lager führte. Hopfgarten beschloß das zu ergründen, selbst auf
die Gefahr hin den Burschen muthwilliger Weise zu einem Angriff auf sich
zu treiben; er war _auch_ kräftig, und noch in den besten Jahren, und
trug der finstere Gesell da Böses gegen ihn im Schilde, ei so mochte er
auch auf einen Widerstand gefaßt sein, den er sich vielleicht nicht so
warm gedacht oder für möglich gehalten. So also den Mann glauben zu
machen daß er wirklich sanft und fest eingeschlafen sei, damit er endlich
einmal mit seinen Absichten herauskäme, fing er an laut und regelmäßig
zu athmen, und blinzte jetzt nur unter den halb geschlossenen Wimpern
nach ihm hinüber.
Der Jude blieb indessen noch eine Weile, halb nach ihm hingebeugt,
stehn, als ob er sich erst selber von der Wahrheit dieses scheinbaren
Schlafes überzeugen wolle; dann aber, als ihm jeder Zweifel genommen
sein mochte, schlich er wieder leise zum Kamin zurück, warf einen Spahn
auf die jetzt nur matt glimmenden Kohlen, der bald zu einer kleinen aber
hell knisternden Flamme aufloderte, ging dann in die entgegengesetzte
Ecke der Hütte, wo Geschirr und andere Sachen standen, und nahm dort --
Hopfgarten fühlte wie ihm das Blut einen Augenblick in den Adern
stockte, und dann eiseskalt den Rücken hinabrieselte -- ein langes
blitzendes Messer von der Wand, dessen Schneide er flüchtig mit dem
Daumen prüfte, während sein Auge die Entfernung zwischen sich und seinem
Opfer abzumessen schien.
Hopfgarten war nichts weniger als feige, ein gewisser kecker Muth --
selbst wenn wir ihn Übermuth nennen wollten -- hatte ihn sogar das
Erleben gefährlicher Abenteuer herbeiwünschen, wenn auch nicht aufsuchen
lassen, denn daß er den Mississippi auf dessen Dampfbooten nur befuhr um
mit einem platzenden Kessel in die Luft zu fliegen, war jedenfalls mehr
eine unschuldige Prahlerei als wirklicher Ernst gewesen; hier aber
fühlte er doch wie er der jedenfalls _berechneten_ Bosheit eines solchen
Räubers gegenüber in eine Falle gegangen sei, aus der ein Entkommen,
wenn nicht unmöglich, doch unwahrscheinlich war. Nichts destoweniger
beschloß er sein Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Er wußte wie
wenig er sich auf seine Pistolen verlassen konnte, deren Versagen ihn
ganz in die Hand des Mörders gegeben hätte, griff deßhalb rasch, und so
wenig als möglich die Decke über sich bewegend, den Angriff des Feindes
nicht zu beschleunigen, in seine Tasche, nahm dort den Genickfänger
(sein Bowiemesser hatte er im Koffer zurückgelassen) vor, klappte ihn
leise und geräuschlos auf und in die Feder, und den linken Arm dann über
die Brust ziehend, einen erst dorthin geführten Stoß rasch pariren zu
können, hielt er das kleine aber haarscharfe Messer, das doch wenigstens
eine fünf Zoll lange Klinge führte, fest in der Faust, und erwartete mit
zusammengebissenen Zähnen aber fester Entschlossenheit den Angriff.
Sein Herz schlug dabei so laut und heftig daß er zu fürchten anfing
die kleine lauernde Gestalt des Juden _müsse_ das hören, wie er aber
diesen jetzt langsam, mit vorsichtig zurückgezogenem Stahl gegen sich
anschleichen sah, ja den Fuß des Mörders schon an dem seinen fühlte, als
sich dieser über ihn hinbog, und mit dem linken, ausgestreckten Arm nach
der Wand fühlte, sich jedenfalls dort zu stützen und seinem Stoß mehr
Sicherheit zu geben, war auch fast jede Angst, die ihn bis dahin wohl
noch bedrückt, verschwunden.
Es ist eine allbekannte und oft geprüfte Wahrheit, daß eine Gefahr
wirklich nur so lange existirt als sie _droht_, und die Hälfte, ja mehr
ihrer Schrecken verloren hat, wenn sie, selbst mit voller,
ungeschwächter Kraft, über uns hereinbricht.
Nur der Schiffer auf leckem Fahrzeug ringt verzweifelnd die Hände und
sinkt in die Knie, oder starrt in dumpfem Schweigen rath- und thatlos
hinaus auf die ihn umtobende See -- der _Schiffbrüchige_, dem das
Meer schon sein Fahrzeug zertrümmert, während die Wogen mit den
zerrissenen Planken spielen, sucht sich schwimmend, und mit zum Äußersten
entschlossenen Arm die Wogen theilend, treibende Bruchstücke seines
Schiffs zusammen, baut sich, mit der Fluth dabei kämpfend, ein kleines
Floß, und schwimmt dann keck und trotzig auf dem weiten Meer umher, von
der stürmischen See an die Küste geworfen, oder von einem zufällig in
Sicht kommenden Schiff aufgelesen und gerettet zu werden.
So war es mit Hopfgarten; wie auch ängstliche Gefühle, er mochte dagegen
ankämpfen wie er wollte, ihm die Brust beengten, als er die jetzt vor
ihm aufsteigende Gefahr näher und näher rücken fühlte, so schwand jeder
andere Gedanke in seiner Brust als er den Stahl darauf gezückt wußte,
und nur der einzige, der der Selbstvertheidigung, lebte noch in ihm. Der
erste Stoß wurde jedenfalls nach seinem Herz geführt, aber der rasch
aufschlagende Arm mit der wollenen Decke, die ihm allein schon Schutz
gewährte, konnte den leicht zur Seite werfen und unschädlich machen;
die aufwärts gehaltene eigene Klinge hatte er dann im Nu auch selbst
befreit, und dem bübischen Verräther ein- oder zweimal in die Rippen
gestoßen, ehe dieser im Stande war sich von dem ersten Schreck zu
erholen, oder gar den Hund hätte rufen können. Den weit schwächeren
Mann konnte er dann schon leicht bewältigen, und die Bestie -- ei zum
Teufel, wenn er erst auf den Füßen stand wollte er sich die wohl auch
vom Leibe halten.
[Illustration: Capitel 1.]
Aber was zögerte der Alte so lang? -- den linken Fuß hatte er vorgesetzt
-- den linken Arm gegen die Wand gestemmt, und ganz über ihn gebeugt hob
er noch immer nicht den rechten Arm zum Stoß -- _wagte_ er es nicht? --
Hopfgarten biß die Zähne fester und trotziger aufeinander, und sehnte
sich jetzt fast nach dem Augenblick, der ihn zu eigenem Handeln rufen
würde, als sich der dunkle Körper des Juden wieder zurückbog -- die Hand
mit dem Messer hob sich _nicht_, und der Mann, auch die linke jetzt
wieder zurückziehend, hielt in der rechten -- Hopfgarten wußte nicht ob
er wache oder träume -- dasselbe Brod, das er ihm vorher schon hingelegt
-- trat wieder zum Kamin, schnitt sich mit dem langen furchtbaren Messer
ein großes Stück ab, legte das übrige indessen auf den Kaminsims, warf
noch einige Kienspähne auf die Gluth, daß sie hoch aufloderten und ein
helles Licht im Gemach verbreiteten, und fing dann -- keinen Blick mehr
nach dem Fremden hinüberwerfend -- ruhig an zu essen.
Hopfgarten holte tief Athem -- es war als ob ihm ein großer Stein von
der Brust fortgewälzt worden, und wie im Traum doch lag er eine ganze
Weile, noch nicht im Stande, dieß völlige Gefühl der Sicherheit von der
Gefahr so ganz zu trennen, in der er sich vor wenigen Secunden ja
geglaubt. Aber jetzt schämte er sich vor dem Manne, der ihn so gastfrei
aufgenommen und dem er, wenn auch nur noch erst in Gedanken, doch so
schwarzes Unrecht angethan -- ja er hätte jetzt lieber aufspringen und
ihm frei und offen die Wahrheit bekennen, wie ihn um Verzeihung bitten
mögen -- und wäre dann ausgelacht worden. -- Nein das ging nicht an;
aber einen Beweis wollte er sich selber geben daß er einsähe wie Unrecht
er gehabt -- sich selber gegenüber etwas thun, das seinem in so
schändlichen Verdacht gehaltenen Wirth dem eigenen Gewissen gegenüber
sein Unrecht eingestand. Zuerst klappte er das Messer also ganz leise
wieder zu und schob es in die Tasche zurück, und dann, wie aus tiefem
Schlaf erwachend -- diese kleine Täuschung konnte er sich nicht versagen
-- richtete er sich empor, warf die Decke zurück, nahm den Sack, öffnete
ihn und schob seine Füße, so weit er sie bringen konnte, hinein.
»Aha?« sagte sein Wirth, der, als er das Geräusch hörte, langsam den
Kopf nach ihm wandte, »hatt' ich recht? -- die Füße fangen Einem
gewöhnlich Nachts an zu frieren, wenn sie den Tag über naß waren; der
Sack wird sie schon warm halten.«
»Ich denke auch -- es ist doch wohl so besser,« sagte Hopfgarten
beschämt, warf sich dann wieder zurück auf sein eben nicht besonders
weiches Kopfkissen, zog die Decke bis zum Kinn hinauf, und war in
wenigen Minuten sanft und süß eingeschlafen.
Als er am anderen Morgen erwachte stand die Sonne schon hoch am Himmel,
und auf dem Tische dampfte ein delikat duftendes Frühstück, während ein
ihm ganz gut bekanntes Gesicht, das einem wunderhübschen jungen Mädchen
gehörte, in dem gestern Abend ihm so wüst und öde vorgekommenen Hause
schaffte und ordnete.
»Ja wie ist mir denn?« sagte er, sich auf seinem Lager in die Höhe
richtend und sich die Augen reibend, »sind Sie denn nicht -- «
»Wahrhaftig Herr von Hopfgarten!« rief das junge Mädchen in deutscher
Sprache überrascht aus, als sie ihm in's Gesicht sah, und ihn erkannte,
»aber wie kommen Sie _hier_ her -- «
»Ja aber ich weiß immer noch nicht?« --
»Sie kennen mich nicht mehr?« lächelte die Kleine, »ich bin Rebecca
Rechheimer, aus dem Zwischendeck der Haidschnucke, und der alte Mann ist
mein Onkel, dem wir unsere Ankunft meldeten, und der mich hat zu sich
kommen lassen ihm die Wirthschaft zu führen. Erst gestern Abend hat mich
sein Sohn von Vincennes, wohin ich von New-Orleans aus mit dem Dampfboot
gefahren bin, hierher gebracht; aber ich hatte keine Ahnung daß der
Fremde, der noch so spät in der Nacht gekommen, ein so guter Bekannter
wäre.«
Der alte Mann, mit dem seine Nichte nur Deutsch sprach, und der es auch
verstand und ihr gebrochen darauf antwortete -- er lebte seit zwanzig
Jahren zwischen Amerikanern -- kam jetzt auch herbei und begrüßte seinen
Gast freundlich. -- Hopfgarten hatte kaum das Herz ihm in's Auge zu sehn
-- er mußte sich dann mit zum Frühstück niedersetzen, an dem der Sohn
des Alten, ein junger hübscher Bursche von vielleicht vierundzwanzig
Jahren, ebenfalls Theil nahm, und erfuhr nun daß dieser auf seinem
kleinen Krämerwagen noch heute Morgen nach Vincennes zurückfahre, wohin
ihm, wenn er das wünsche, mit Vergnügen ein Platz zu Diensten stehe.
Hopfgarten nahm das mit Freuden an und konnte dann in Vincennes die
nächste Cincinnati Post erwarten, seine Reise durch die Prairieen von
Illinois nach St. Louis hin mit mehr Bequemlichkeit fortzusetzen.
Als der kleine Wagen endlich vorfuhr verlangte Hopfgarten zu wissen was
er schuldig sei, der Alte war aber unter keiner Bedingung zu bewegen
auch nur einen rothen Cent für Mahl oder Nachtlager anzunehmen -- Beides
sei spärlich genug gewesen, meinte er, und Hopfgarten lag jetzt das
Bekenntniß seines schändlichen Mistrauens wieder auf der Zunge -- aber
er schluckte es nochmals hinunter, und dankte nur mit herzlichem
Händedruck dem alten, bei Tag gar nicht so übel aussehenden Burschen.
Gerade als sie abfahren wollten kroch die alte Frau aus ihrem Winkel
vor, und nickte ihnen freundlich aber mit etwas stumpfsinnigem Lächeln
nach, und Rebecca stand in der Thür und winkte ihnen ein Lebewohl und
eine glückliche Fahrt durch den Wald zu.
Der Weg war grundschlecht, bei hellem Tag konnten sie jedoch die
schlimmsten Plätze leicht umgehn. Noch waren sie übrigens keine fünf
Miles gefahren, und eben erst in Sicht des nächsten Gasthauses, das
die Postpassagiere am letzten Abend erreichen wollten, als sie den
zusammengebrochenen Postwagen mitten in der Straße liegen fanden, und
Hopfgarten dankte seinem Gott die Gastfreundschaft des alten Juden in
Anspruch genommen zu haben; er hatte es nicht bereut.
Ob sie gleich auf dem jetzt weit besser werdenden Wege sehr scharf
gefahren, erreichten sie doch erst ziemlich spät in der Nacht das,
schon am Rand der Prairie, wenn auch noch östlich vom Wabasch gelegene
Vincennes, wo der junge Mann seinen Begleiter einlud bei ihm abzusteigen,
und so lange bei ihm zu bleiben als es ihm gefiele. Der Reisende lehnte
das aber freundlich dankend ab; er wollte die Gastfreundschaft der
Leute nicht misbrauchen, wo er ein gutes, oder doch wenigstens ein
mittelmäßiges Wirthshaus haben konnte, noch dazu da er die Sitten und
Gebräuche der Amerikaner hier ganz im Inneren des Landes jedenfalls in
einem Hotel besser zu beobachten im Stande war, als in dem Privathaus
eines Landsmanns.
Im Wabasch Hotel, wohin ihn der junge Mann daher, als dem besten der
Stadt, jetzt fuhr, war noch Licht; wie aber der Wagen vor der Thür
hielt, kamen nicht etwa geschäftige Kellner gesprungen dem Fremden sein
Gepäck abzunehmen, und ihm die Bequemlichkeiten anzuweisen deren er
bedurfte oder die er verlangte, und für die er Willens war zu bezahlen.
Niemand bekümmerte sich um ihn, und er durfte seinen Reisesack und seine
Decke selber in die Hand nehmen und damit in das #bar-# oder Schenkzimmer
kommen, wo ein schläfriger Bursche, mit einem halbgefüllten Glas Brandy
hinter der Bar stand, und eben zu überlegen schien ob er das für sich
eingeschenkte Glas auch austrinken, oder vielleicht wieder in die
Flasche zurückschütten solle. Als der Fremde übrigens auf ihn zukam,
entschloß er sich doch zu dem ersteren, und hob das Glas.
Hopfgarten trat an den Schenkstand hinan und frug, schon etwas an den
indolenten Charakter dieser Art Leute gewöhnt, ob er die Nacht da ein
Bett, oder noch besser ein kleines Zimmer für sich bekommen könne. Der
#barkeeper# hörte ihm, das Glas bis beinah an die Lippen gebracht, ruhig
zu, trank dann langsam, erst einen kleinen Schluck, wie um die Güte des
»Stoffes« zu prüfen, dann einen größeren, und dann den Rest durch ein
plötzliches Überstürzen des Gefäßes, spühlte dieses in einem unter dem
Tisch stehenden Kübel aus, trocknete es ab und sagte, während er es mit
der Flasche wieder an seinen Platz stellte:
»Ich denke so.«
»Es freut mich ungemein Ihren Gedanken begegnet zu sein,« lächelte
Hopfgarten, den die Ruhe des Burschen amüsirte, »würden Sie dann wohl
auch so freundlich sein diesen Reisesack und diese Decke auf jenen mir
zu bestimmenden Platz zu spediren und indessen Sorge zu tragen, daß ich
vor allen Dingen ein eben solches Glas Brandy, wie Sie gerade eingegossen,
und etwas Warmes zu essen bekommen könnte?«
Die ironische Höflichkeit, mit der diese Worte gesprochen wurden, machte
jedenfalls einen größeren Eindruck auf den jungen Burschen -- der den
Fremden ganz erstaunt ansah und nicht recht wußte woran er mit ihm war
-- als es irgend etwas anderes gemacht haben konnte; er setzte ihm
wenigstens die Flasche wie ein reines Glas rasch auf den Schenktisch,
sich selber zu bedienen, nahm dann, mit weit mehr Bereitwilligkeit als
er bis dahin gezeigt, die Sachen in Empfang, und wieß den Fremden an
»zum Feuer zu gehn« bis er Essen für ihn bestellt haben würde.
Dem Rathe folgend schritt Hopfgarten gegen das ziemlich breite Kamin, in
dem ein lustiges Feuer loderte, und an dem drei oder vier andere Fremde,
oder Insassen des Hauses, Platz genommen hatten. Nur der Eine von ihnen
war jedenfalls auch ein Reisender, denn er trug, was Hopfgarten im
Vorübergehn flüchtig bemerkte, die bunten Kamaschen, die nur aus einem
Stück um den unteren Theil des Beines geschlagenen wollenen Zeugs
bestehn, und die der Deutsche schon mehrfach im Inneren des Landes an
Reitern bemerkt hatte.
Mit einem freundlichen »Guten Abend«, der von den am Kamin Sitzenden,
und ihm bereitwillig Platz Machenden, höflich erwiedert wurde, trat der
Deutsche zur Flamme, über der er sich erst -- ein höchst wohlthuendes
Gefühl wenn Einen fröstelt -- das Innere der Hände wärmte, und wandte
sich dann zu den übrigen Zimmergenossen, wenigstens erst einmal zu sehn
mit wem er zusammen war, als er auch in demselben Augenblick einen
lauten Ausruf des Staunens nicht unterdrücken konnte, denn vor ihm saß
-- derselbe Mann mit den wollenen Kamaschen, aber gar nicht auf ihn
achtend und ruhig nachdenkend in's Feuer sehend -- _Henkel_.
»Herr Henkel!« rief er ganz überrascht aus, indem er ihm die Hand
entgegenstreckte, »wie, in aller Welt, kommen _Sie_ hierher?«
Der also Angeredete, ohne selber im Mindesten das Erstaunen des Fremden
zu theilen, sah erst seinen Nachbar, und dann den Sprecher an, dessen
auf ihm haftender Blick aber nicht misverstanden werden konnte, und
erwiederte dann ruhig, ohne jedoch die dargebotene Hand anzunehmen, in
Englischer Sprache:
»Sie irren sich wahrscheinlich in der Person, mein Herr, und halten mich
für Jemand der ich nicht bin; ich wenigstens habe nicht das Vergnügen
Sie zu kennen.«
»Mich nicht kennen?« rief Hopfgarten jetzt im höchsten Erstaunen aus,
indem er nach seitwärts einen Schritt von dem Feuer zurücktrat, dessen
Schein voll auf den Mann fallen zu lassen, »ich bitte Sie um tausend
Gottes Willen -- «
»Wenn mein Bruder nicht gerade jetzt, und schon seit längerer Zeit in
Europa wäre,« lächelte dieser da, »so würde ich jedenfalls glauben daß
Sie mich für ihn hielten, was mir auch fast der ausgesprochene Name
beweisen will -- kommen Sie von Europa?«
»Herr Du mein Gott,« rief aber Hopfgarten, sich mit beiden Händen an die
Stirn fühlend, aber jetzt auch in Englischer Sprache, die der Fremde
immer noch beibehielt, »wach' ich denn oder träum' ich -- wenn Sie nicht
Henkel wären, hätten Sie einen Doppelgänger, der Ihnen in Ansehn, Größe,
Gestalt, Sprache, Haltung auch auf das tz gliche -- wie heißen Sie denn?«
»Soldegg!« sagte der Fremde ruhig.
»_Soldegg_?« rief Hopfgarten auf's Neue erstaunt aus, »in Europa Henkel
und in Amerika Soldegg? -- derselbe Name stand unter dem Brief.«
Der Fremde erröthete leicht, sagte aber noch immer ruhig lächelnd:
»Ich sehe schon wie es ist -- Sie kennen meinen Zwillingsbruder, der
jetzt in Deutschland lebt, und halten mich für den.«
»Sie haben einen Zwillingsbruder?«
»Allerdings -- ist das etwas so Außergewöhnliches? wir Beide sind, wie
Sie sich wohl denken können, schon sehr oft verwechselt worden.«
»Aber er hat nie ein Wort davon erwähnt -- «
»Also Sie kennen ihn?«
»Ich bin mit ihm über See nach New-Orleans gekommen.«
»Er ist zurück?« rief der für Henkel gehaltene Mann, von seinem Stuhle
aufspringend; »davon weiß ich ja keine Sylbe.«
»Seit Anfang Oktober -- aber -- wenn Sie denn wirklich nicht der Henkel
sind, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, ich hätte mir noch vor ein
paar Minuten ruhig den Kopf darauf abschneiden lassen, dann lösen Sie
mir wenigstens ein Räthsel, und sagen mir was der Name Soldegg bedeutet?«
»Das ist einfach gelöst,« lachte der junge Mann, und Hopfgarten hätte
jetzt wieder seine Seligkeit zum Pfande setzen wollen daß er seinen
Reisegefährten, und nicht dessen Zwillingsbruder vor sich habe, wäre ihm
nicht die vollständige Ruhe und Unbefangenheit des Mannes im Wege
gewesen. »Der Kaufmann Henkel ist unser Stiefvater; meine Mutter hieß
Soldegg von ihrem ersten Mann, unserem Vater; mein Bruder, der mit
unserem Stiefvater in dessen Geschäft trat, nahm auch seinen Namen an,
und nennt sich nur noch manchmal Henkel Soldegg oder Soldegg Henkel. Ich
selber führe nur den Namen Soldegg.«
»Hm, hm, hm,« murmelte Hopfgarten, mit dem Kopf dazu schüttelnd, leise
vor sich hin, »wenn man's in einem Buche läse, würde man's nicht
glauben. Es ist wahr,« fuhr er dann, zu Soldegg wieder aufschauend und
ihn mit den Augen messend, fort, »es liegt etwas in Ihrem ganzen Wesen
das Henkel _nicht_ hatte. -- Sie stehen kräftiger, entschlossener,
freier da, möchte ich fast sagen -- Henkel hatte mehr etwas Scheues,
Gedrücktes, Unsicheres -- trug sich auch nicht so g'rade in den
Schultern.«
»Läßt sich wohl denken,« lachte der junge Mann, »er ist an Stubensitzen
gewöhnt, und hinter riesigen Büchern und dem Schreibtisch groß geworden,
_ich_ dagegen habe ein freies fröhliches Jägerleben im Wald dafür
geführt. Er mag reicher bei seiner Beschäftigung geworden sein -- aber
ich tausche dennoch nicht mit ihm.«
»Sie wissen daß er verheirathet ist?«
»Er schrieb mir einmal daß er heirathen _würde_; hat er seine Frau
mitgebracht?«
»Nehmen Sie mir's nicht übel,« sagte Hopfgarten, der den Fremden wieder
ein paar Secunden stutzig und aufmerksam betrachtet hatte; »aber wenn
wir Beide zusammen über _den_ Henkel sprechen, kommt es mir bei Gott so
vor, als ob wir mit einander Komödie spielten.«
Soldegg lachte.
»Ich habe schon komische Verwechselungen erlebt,« sagte er, »und das
einzige Merkmal, an dem uns unsere Freunde unterscheiden konnten, war
eine kleine rothe Narbe, die Joseph über dem linken Auge hat, und die
_mir_ fehlt.«
»Ich habe sie nie bemerkt,« sagte Hopfgarten.
»Das glaub' ich, Sie werden ihn früher nie so genau betrachtet haben --
wenn Sie ihn jetzt wieder sehn wird das anders sein, aber -- sehn Sie
ihn wirklich wieder in nächster Zeit?«
»Ich habe einen wichtigen Brief für ihn bei mir,« sagte Hopfgarten, der
sein Mistrauen doch noch nicht ganz bewältigen konnte, und dem plötzlich
ein Gedanke aufstieg, den fraglichen _Bruder_ auf die Probe zu stellen.
»So?« sagte dieser aber vollkommen ruhig, »dann haben Sie wohl Einige
von seinen Bekannten im inneren Land gefunden?«
»Einen Mr. Goodly,« sagte Hopfgarten lauernd.
»Kenn' ich nicht,« erwiederte Soldegg kopfschüttelnd, und ohne die
geringste Theilnahme zu verrathen, »aber würden Sie die Freundlichkeit
haben, auch für mich ein paar Zeilen meinem Bruder übergeben?«
»Recht gern,« sagte Hopfgarten, der doch endlich überzeugt wurde, daß
der wirkliche Henkel nie im Stande gewesen wäre diese Rolle so zu
spielen, das ganz abgerechnet, daß er nicht den mindesten Grund dazu
hatte, »aber mit der Post würde er ihn viel schneller erreichen, denn
ich gehe nicht direkt nach New-Orleans zurück.«
»Es wird ihn mehr freuen die Zeilen durch Jemand zu erhalten, der mich
persönlich gesprochen hat« sagte Soldegg.
»Das allerdings; wissen Sie seine Adresse?«
»Ich werde den Brief an seine Firma adressiren,« sagte Soldegg -- »ist
er nicht dort, mag ihn die weiter befördern. Haben Sie aber keine Zeit
_die_ aufzusuchen,« setzte er nach einigen Augenblicken hinzu -- »so
öffnen Sie nur den Brief -- ich schreibe ihm keine Geheimnisse -- und
schicken ihn dann durch die Briefpost an das unten angegebene Haus.«
»Ich sehe ihn _jedenfalls_« sagte Hopfgarten, »und werde ihn selber
übergeben; wann schreiben Sie den Brief?«
»Noch heute Abend -- es kann sein, daß ich morgen sehr früh aufbreche.«
Der Barkeeper rief in diesem Augenblick den Fremden zu dem indeß
bereiteten Abendbrod, die übrigen Gäste gingen großentheils zu Bett, mit
ihnen Soldegg, der, als er an dem Deutschen vorüberging, ihm eine
freundliche gute Nacht zurief.
»Soll mich der Böse holen,« murmelte Hopfgarten, als jene das Zimmer
verlassen, zwischen den Zähnen und einem eben in Arbeit befindlichen
Hühnerbein durch, »wenn mich nicht des Burschen Gesicht und ganzes Wesen
auf die Länge der Zeit zur Verzweiflung bringen könnte. Solch eine
Ähnlichkeit ist noch gar nicht dagewesen -- aber er ist's nicht --
wahrhaftig nicht, denn mit dem Brief hab' ich ihm auf den Zahn gefühlt.
Wenn _da_ -- 'was nicht richtig war -- wenn er nur mit einer Miene
gezuckt hätte, dann wußt' ich woran ich war -- Sie, Barkeeper« -- setzte
er dann lauter zu dem besagten Individuum hinzu, das sich eben eifrig
damit beschäftigte die wenigen im Zimmer befindlichen Lichter -- das
eine was auf Herrn von Hopfgartens Tisch stand ausgenommen --
auszublasen -- »kannten Sie den Herrn mit dem ich vorhin sprach?«
»Den Gentleman mit den Kamaschen?« sagte der Barkeeper, ohne sich weiter
nach dem Frager umzusehn.
»Denselben.«
»Nein.«
»Sie wissen nicht wo er herkommt.«
»Nein, glaube von oben.«
»Von Norden?«
»Ja -- «
»Und heißt?«
»Wenn ich ihn morgen früh sehe will ich ihn fragen,« sagte der Barkeeper,
schob beide Hände in seine Hosentaschen und ging pfeifend zur Thür hinaus.
Als Herr von Hopfgarten am andern Morgen zum Frühstück hinunter kam,
übergab ihm der Barkeeper einen Brief, den »#Mr. Soldegg#« für ihn
zurückgelassen. Er hatte noch eine Weile auf den Herrn gewartet, da
er aber so lange schlief, konnte er nicht länger zögern und war
fortgeritten. Die Adresse des Briefes lautete:
#Joseph Henkel Esqre. care of Henkel & son 17. Canalstreet New-Orleans.#
Capitel 2.
Die Farm in der Wildniß.
Es war Frühling geworden in dem weiten Land; der Wald hatte sich mit
frischem saftigen Grün bedeckt, und tausende von Blüthen keimten an den
schwellenden Zweigen und füllten die Wildniß mit ihrem süßen Duft. Der
Hirsch zog zur Salzlecke Nachts, der Truthahn balzte in den Fichten
Hügeln und aus dem gelben Laub hervor, das auf dem Boden wie ein dicker
Teppich lagerte, drängten sich Gräser, Kräuter und Blumen heraus, und
öffneten schlaftrunken ihre Kelche dem wärmenden Sonnenstrahl.
Wie die Vögel so fröhlich zwitscherten in dem jungen Laub, und die
Frösche quakten, und die Heuschrecken mit ihrem wunderlich regelmäßigen
Zirpen den Wald belebten; wie das Alles so neu und frisch aussah in der
schönen jungen Welt, und der Thau wieder so klar und blitzend an den
Halmen perlte. -- So neu und frisch -- auch das kleine Grab, das dort
unter der schlanken Eiche aufgeworfen war, und mit der braunen Erde
scharf gegen das gelbe Laub des Bodens, gegen die grünen Büsche abstach,
die sich dicht darüber schmiegten.
Unter dem Hügel schlummerte Olnitzki's jüngstes Kind, und die Mutter
hatte wochenlang, von der Schwester gepflegt, das Lager hüten müssen,
bis sich der Körper wieder von einem hitzigen Fieber, das ihn ergriffen,
und den Folgen der schlaflosen kummervollen Nächte die sie durchwachte,
nur in etwas erholen konnte.
War ihr da auch seit einigen Tagen gestattet worden das Lager wieder zu
verlassen, hatte sie doch noch nicht hinausgedurft in's Freie, zum Grabe
des Lieblings, das Amalie jetzt pflegte, und auf das sie _deutsche_
Blumen säete, das darunter schlummernde Kind lieb und sanft zu betten.
Traurige Pflicht für die Blüthen, die sie daheim gehofft hatte an
freundlicherer Stelle zu pflanzen und der Schwester, wenn sie in Glück
und häuslichem Frieden die Heimath vielleicht vergessen hätte, durch die
duftenden Kelche aus der Eltern Garten die Erinnerung an die Jugendzeit
zurückzurufen, Guter Gott -- gerade _die_ Erinnerung war ja Alles was
das arme Herz in Schmerz und Leid noch aufrecht erhalten, noch getragen
hatte -- was wäre sie jetzt gewesen wenn sie die verloren.
Amalie saß neben dem Grab auf einer kleinen Bank, die ihr der Nachbar
Jack Owen (der ihnen damals das Kind begraben half, und seine eigene
Frau mehre Wochen lang herüber geschickt hatte, ihnen in Allem beizustehn
was sie bedurften) aus Zweigen und jungen Stämmen neben dem kleinen
Hügel errichtet. Sie war in ein einfach wollenes Kleid, wie es die
Frauen der Hinterwäldler trugen, gekleidet, und ihr Haar glatt und
schlicht zurückgekämmt und in einen Zopf gebunden. Auch ihre Ohrringe
und Ringe hatte sie abgethan, nur an den Wimpern hingen ihr die
blitzenden Thränenperlen -- ein schöner, aber ach ein schwerer Schmuck. --
Amalie von Seebald war eine Andere geworden, die langen Monate, die sie
im Wald hier zugebracht; -- nicht _älter_ etwa durch Gram und Mitgefühl,
die Schwester so leiden zu sehn, das weit natürlichere, einfachere Wesen
das ihr das wirkliche Leben, das _Kämpfen_ mit demselben aufgezwungen,
hatte sie eher jünger und kräftiger gemacht, ihrem Auge einen eigenen
Glanz, ihrer ganzen Haltung weit mehr elastisches, weit mehr kräftiges
gegeben, ihr aber dagegen jenes überspannte Schwärmerische, jenes
krankhaft Romantische genommen, das ihre besseren Kräfte bis dahin
zurückgedrängt. Sie war aus einem schönen vielleicht, aber nutzlosen
Traum erwacht, und fühlte jetzt daß sie einen _Zweck_ hatte zu leben,
daß sie wirken und nützen konnte in der Welt.
Wirken und Nützen -- ja, mit allen ihren Kräften zu der Schwester Heil
-- aber wie? -- _was_ konnte sie hier thun, _wie_ konnte sie hier
helfen, wo das Schicksal seine eiserne Hand erbarmungslos auf die
geworfenen Würfel gelegt und sie, wie sie der Schwester Leben jetzt
erkannt, ja fast nur beten durfte daß Gott sie bald aus der Kette die
sie hielt befreien, und neben die Kinder betten möge in den stillen
Wald. Sie hatte einen tiefen, traurigen Blick in beider Leben gethan,
und keine Hülfe sah sie da -- keine Rettung, als den Tod.
In ernstem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt saß sie an dem kleinen
Grab -- es war jetzt der einzige Platz wo sie sich ungestört ausweinen,
und doch der Schwester die Thränen bergen konnte, die ihr das eigene
Herz ja nur schwerer gemacht, ohne im Stande zu sein ihre Last zu
erleichtern -- als sie Schritte im Laub hinter sich hörte, und sich
rasch danach umdrehend, ihren alten Führer Jack Owen erkannte der, mit
seinem Hund an der Seite, die Büchse auf der Schulter, langsam durch den
Wald schlenderte.
Jack Owen war der richtige Typus des ächten, unverfälschten Backwoodsmans;
schlank und kräftig gebaut mit eisernen, wetterharten und doch gutmüthigen
Zügen, klaren lichtblauen Augen und jener festen entschiedenen Bildung
des Mundes, die stets einen entschlossenen Charakter kündet, ging er
ganz in die einfache Tracht des Westens gekleidet, mit ledernem
ausgefranztem Jagdhemde, nur ohne Leggins, in langen dunkelfarbigen,
unten aber durch längeren Gebrauch und die Dornen etwas abgenutzten
Hosen, einen alten, sehr mitgenommenen Filzhut auf dem Kopf und die
lederne Kugeltasche, an dem das, aus dem Ende eines Hirschgeweihs
gebohrte Ladmaaß herunterhing, an der rechten Seite. Auf der Schulter
aber ruhte die lange mächtige Amerikanische Büchse mit altem Feuerschloß,
schwer von Eisen, und doch nur ein kleines Blei schießend, aber auf
sechzig bis hundert Schritt ihr Ziel wohl kaum verfehlend. Die ganze
Gestalt hätte malerisch genannt werden können, wäre ihr der alte
zerknitterte Filzhut, der den Kopf deckte, und wohl manche Nacht schon
als am nächsten Morgen wieder ausgebogenes Kopfkissen gedient hatte,
nicht dabei etwas im Wege gewesen. Das Gesicht trug er, wie fast alle
Amerikaner, glatt rasirt und wie erdfarben auch seine übrige Kleidung,
bis auf die groben Schuh herunter, aussehen mochte, das baumwollene Hemd
war schneeweiß, und zeigte vorn offen, die rothe, sonngebräunte Brust.
Der Hund den er mit sich führte, war eine Bastardart von gewöhnlichem
Fleischerhund oder #cur#, und der feineren Brakenart, grau und
schwarz gestreift, lichtgelbe kleine Flecken über den Augen und, wie
schon erwähnt, mit ganz kurz abgeschlagenen Ohren und Schwanz -- die
beste Schweißhundrace, _langsam_ auf der Fährte eines angeschossenen, ja
selbst gesunden Wildes nachzugehn.
»Guten Tag Miß,« sagte der Mann, in seiner einfach herzlichen Art auf
sie zugehend und ihr die Hand reichend und drückend -- »_wieder_ am
Grab hier und immer so traurig?« setzte er dann mit leiserer, fast
vorwurfsvoller und doch so gutmüthiger Stimme hinzu -- »es muß Ihnen
hier bei uns im Walde gar nicht gefallen, und die Bäume haben sich doch
mit ihrem schönsten Schmuck gedeckt. Sehn Sie nur die prachtvollen
Dogwoodblüthen an, die wie Schnee auf dem frischen grünen Laube liegen;
und wie süß duftet es von den blühenden Weiden herüber, die dort am
Bache stehn. Ach im Frühjahr ist's schön hier bei uns, und ich glaube
mir würde das Herz brechen, wenn ich einmal fortmüßte aus meinem Wald.«
»Es ist wunderschön hier und der Friede Gottes ruht auf dieser Wildniß,«
sagte Amalie mit zitternder Stimme -- »sie könnte ein Paradies für die
Menschen sein -- «
Jack schwieg eine Weile wie verlegen still -- er kannte das _aber_ das
dahinter lag, und wagte doch auch den Punkt nicht direckt zu berühren.
»Ihrer Schwester geht es besser, nicht wahr?« sagte er nach längerer,
ihm endlich selber peinlich werdender Pause, seinen Gedanken weiter
folgend -- »sie ist doch wieder auf?«
»Seit gestern -- ja; aber sie darf das Haus noch nicht verlassen.«
»Und Olnitzki ist noch nicht von Little Rock wieder zurück?«
»Nein -- wir erwarten ihn schon seit mehren Tagen.«
»Hm -- « sagte Jack nach einer Weile, und seinen Rifle mit dem Kolben
auf die Erde stoßend, nahm er ihn in die, auf der Brust gekreuzten Arme,
sich gewissermaßen daran lehnend -- »ich war auch in Little Rock. -- «
»Sie -- jetzt?« rief Amalie schnell fast erschreckt über den Ton.
»Ja; -- ich habe meine Winterbeute, Häute und Fett, was sich so
angesammelt hatte, hineingebracht,« sagte der Jäger gleichgültig.
»Und haben Sie Olnitzki dort gesehn?«
»Ich war ein- oder zweimal mit ihm zusammen.«
»Aber was um Gottes Willen macht er da so lang -- er weiß daß« -- sie
schwieg erröthend still und wandte sich von dem Jäger ab, daß er die
aufsteigende Thräne in ihrem Auge nicht sehen sollte.
Jack wiegte sich indessen augenscheinlich mit etwas beschäftigt das ihm
auf dem Herzen lag, von einem Fuß auf den anderen; er _wußte_ daß die
Fremde weinte -- er wußte weshalb, und wagte doch nicht, mit dem eigenen
Zartgefühl das jenen einfachen Kindern des Waldes eigen ist, das
Geheimniß aufzudecken, in fremde Familienangelegenheiten ein fremdes
Wort zu reden.
»Er wird wohl heute oder morgen kommen,« sagte er endlich -- »seine
Geschäfte waren besorgt und -- nur ein paar Freunde hatte er dort
getroffen, die er lange nicht gesehn -- das mag ihn aufgehalten haben.«
»Und seine _Frau_ ist fast gestorben in der Zeit,« sagte Amalie mit
leiser kaum hörbarer Stimme.
Der Jäger erwiederte Nichts darauf, nahm aber seine Büchse auf, öffnete
die Zündpfanne und sah nach dem Pulver, schloß sie wieder, ließ das
Gewehr auf den Boden zurücksinken, rückte sich den Hut und kämpfte
augenscheinlich mit einem Entschluß zu reden, dessen er noch nicht
Meister werden konnte. Die Fremde schwieg ebenfalls -- schwieg, aber
konnte ihren Thränen nicht länger wehren, und mußte das Tuch an die
Augen bringen, um sie abzutrocknen.
»Miß Seebald,« sagte der Backwoodsman da, ein Herz fassend, aber immer
noch mit schüchterner, zögernder Stimme -- »es ist nicht Alles so in der
Hütte drüben, wie es sein sollte -- hab ich recht?«
»Das weiß Gott,« seufzte das Mädchen, ohne das Antlitz ihm zuzuwenden.
»Miß Seebald,« sagte der Jäger wieder nach einer kleinen Pause, mit
augenscheinlicher Überwindung -- »es wird für schlechte Sitte bei uns
gehalten, die Hütte eines Nachbars zu betreten wenn der Pflock außen
vorgeschoben, und der Besitzer nicht zu Hause ist; noch weniger darf man
sich in Dinge mischen, die eigentlich nie über die Schwelle hinauskommen
sollten -- das was zwischen Mann und Frau geschieht -- aber -- es giebt
da eine Grenze -- wo -- wo ich schon Beispiele weiß -- daß Nachbarn
eingeschritten sind und« -- er holte tief Athem, die Luft ging ihm aus
zu dem, was er dem Mädchen sagen wollte -- »und die Frau,« setzte er
endlich mit einem gewaltsamen Entschluß hinzu, indem er sich halb von
ihr abdrehte -- »vor den _Mishandlungen_ des Mannes geschützt haben.«
Amalie schaute nicht nach ihm um, was er vielleicht gefürchtet haben
mochte, sondern brach in sich zusammen auf der Bank, im stummen
furchtbaren Geständniß des Begangenen. Dadurch aber gewann Jack mehr
Muth; die Hauptsache war überdieß heraus, das Eis gebrochen, und er
setzte mit weit festerer und jetzt recht ernst ja fast drohend klingender
Stimme hinzu: »Wir wissen es schon seit einiger Zeit; Frauen haben darin
ein weit schärferes Auge als Männer, und meine Alte hat es mir schon
vier Wochen vorher, ehe Sie unsere #range# hier betraten, fest versichert
_daß_ es so wäre, und der Pole sein armes, überdieß kränkliches Weib,
die das Herzeleid mit den Kindern so schon zu Boden drücke, _wieder_ --
wie das schon einmal vor längerer Zeit geschehn -- _schlage_. Wir kennen
hier im Wald -- « fuhr er nach einer kleinen Pause fort -- »nichts
Feigeres, Niederträchtigeres auf der Welt, als die Mishandlung einer
Frau. Wenn das aber schon« -- fuhr er wärmer werdend fort -- »schändlich
und feige und nichtswürdig ist, wo die Frau ihre Eltern in der Nähe,
wenigstens im eignen Lande hat, und zu ihnen zurückkehren kann und sich
schützen -- so ist es noch viel schändlicher, wo die Frau dem Manne
gefolgt ist über das Meer herüber -- _teuflisch_ aber,« setzte er mit
finsterem Blick hinzu, »wo die Verhältnisse waren, wie Sie mir auf dem
Herritt selbst erzählt Miß, daß das Mädchen damals den Fremden liebte,
weil sie um _sein_ geknechtetes, zu Boden getretenes _Vaterland_ -- und
der Mensch hat nichts Heiligeres auf der Welt -- trauerte, und die eigene
Heimath, das _eigene_ Vaterland verließ, dem verstoßenen Mann zu folgen
und ihm Alles zu sein was er daheim verloren. Wir hier« -- setzte er
ruhiger hinzu -- »hätten nie geglaubt, daß die Frau aus so vornehmer
Familie sei, wie es jetzt doch wohl scheint, so hat sie gearbeitet, so
sich dem Geringsten unterzogen was in ihre Wirthschaft fiel, und
gesponnen und gewebt dabei wie unsere Frauen; aber der Mann ging dann
nach Little Rock und spielte und trank -- kam trunken nach Hause -- und
schlug sein Weib -- -- -- Ein anderer Nachbar den wir hier früher
hatten« -- setzte er nach längerem Zögern wieder, und sich wie scheu
dabei umsehend hinzu -- »ein junger kräftiger Bursch, unverheirathet,
dem das junge Weib Leid that, und das Herz immer gleich auf der Zunge
lag, setzte den Polen einmal deshalb zur Rede -- harte Worte folgten,
und wie es bei uns nicht lange bei Worten bleibt -- auch Faustschläge.
Der Amerikaner war dem Polen in _der_ Waffe überlegen, aber der forderte
ihn auf die Büchse -- unser gewöhnliches Handwerkszeug hier für solche
Streitigkeiten auf vierzig Schritt Entfernung. Ich war selber dabei wie
sie es ausmachten -- es ging Alles ordentlich zu -- wie ich _drei_
zählte hoben Beide ihre Büchse, Jim Rileys Gewehr aber -- es war ein
etwas nasser Tag, -- blitzte von der Pfanne, und in demselben Augenblick
fuhr ihm auch des Polen Kugel durch die Brust.«
Wieder holte der Mann tief Athem, eine Erinnerung, die ihm wie ein
dunkler Schatten vor der Seele aufstieg, niederzukämpfen und fuhr dann,
seine Büchse fest und fast krampfhaft fassend, langsam fort.
»Wir begruben Jim zusammen, -- der Pole und ich -- kein Wort wurde dabei
gesprochen, und legten den wackeren Burschen -- ein besserer hat nie in
Arkansas eine Fährte eingedrückt -- in sein enges Grab. -- Die Büchse
wollte ihm der Pole mit hinein legen, aber ich zerbrach das treulose
Eisen an den Baum unter dem er schläft, und warf es auf den Hügel der
seine Glieder deckt. Als wir fertig waren reichte mir Olnitzki die Hand,
aber ich nahm sie nicht, schulterte mein eignes Gewehr und ließ ihn
allein bei dem Grab zurück. Ein recht nachbarliches Verhältniß ist seit
der Zeit auch nie wieder zwischen uns aufgekommen, obgleich er mir's
nicht offen nachgetragen. Auch gepackt mag ihn die That wohl haben,
denn obgleich kein Wort davon in der Range weiter erwähnt wurde, und Jim
Rileys Hütte ruhig im Wald verfiel, seine Großmutter und noch kleine
Schwester, die jetzt Beide keinen Brodverdiener mehr hatten, zu einem
Nachbar gezogen, sein kleines Feld unbemerkt jungen Baumwuchs trieb, ja
selbst die Grand Jury, die solche Sachen wenn sie nicht ordentlich
betrieben sind, aufzurühren hat, es nicht in der Countysession zur
Sprache brachte, ging er doch dadurch etwas in sich und man hörte lange
nichts Unrechtes von ihm, bis vor etwa einem Jahr der alte Teufel in ihm
wieder ausbrach und -- wie er's seitdem getrieben zeigt am Besten das
Aussehen der armen Frau. -- Mir aber zuckt es Gott ver -- mir zuckt es
wahrhaftig im rechten Zeigefinger wenn ich das sehn und schweigen muß,
und wie ich mich bis jetzt gescheut ein Wort davon zu sagen, so halt'
ich es nun für meine Pflicht davon zu reden.«
»Ich war in Little Rock und bin dort Zeuge gewesen wie Olnitzki wieder
auf alte Weise wüthet und tobt. -- Das was er zum Verkauf mit in die
Stadt genommen ist lange verspielt und vertrunken, und als ich den Ort
verließ war er schon mehr schuldig, wie er in drei Jahren im Stande ist
abzuverdienen. Ich weiß zugleich« -- und wieder stockte er, als ob er
sich scheue das Wort auszusprechen, aber einmal im Zuge hielt er nicht
länger damit zurück -- »ich weiß zugleich daß seine Frau daheim am
Nothwendigsten Mangel leidet -- daß sie, mit Ihrer Hülfe jetzt den Mais
auf der eigenen abgenutzten Stahlmühle mahlen muß, nur um zu leben --
weiß daß sie gezwungen wurde die wenigen Hühner selbst, die ihr noch
geblieben, zu schlachten, weil der Mann zu bequem war hinaus nach
Fleisch zu gehn -- weiß daß er ihr wieder das Leben schwer macht wie
noch nie, und daß Menschennatur so etwas auf die Länge der Zeit nicht
aushalten _kann_. Sie aber, die Sie von über dem Wasser drüben herüber
gekommen sind, müßten uns hier, die wir uns zu den _Nachbarn_ rechnen,
für schlimmer halten als Panther und Wolf sind, wenn wir Ihnen nicht
wenigstens unsere Hülfe, unseren Schutz anböten, falls Sie beides haben
wollten und gebrauchen sollten. Wir können und dürfen uns nicht um das
bekümmern was in der eigenen Hütte eines der Unseren vorgeht, findet
aber eine Frau daß sie bei ihrem Mann nicht mehr existiren kann, ja daß
vielleicht ihr _Leben_ bedroht ist am eigenen Heerd, und sie will zu
Einem von uns kommen -- die _nächste_ Hütte die _beste nur_. Miß
Seebald, und Jack Owen wohnt nur kleine Strecke von hier entfernt --
will sie und ihre Schwester das theilen was er und seine Familie haben,
dann beim ewigen Gott sollte eine ganze Armee von Polen nicht im Stande
sein ihr auch nur ein Haar weiter zu krümmen, ein rauhes Wort zu sagen.
Dem Einzelnen gegenüber genügt der einzelne Mann, und rief er das Gesetz
zu Hülfe -- nichtsnutzige Advokaten und Landhaye -- dann haben die
Burschen von Arkansas wohl schon früher zusammengestanden, das zu
schützen was sie für ihr Recht, was sie für rechtlich hielten.«
Wildes jubelndes Geschrei und Pferdegestampf unterbrach ihn hier und
als Beide überrascht dorthin schauten, woher die fremden lustigen Töne
schallten, sahen sie durch eine kleine Lichtung die da der Wald macht,
Olnitzki, von einem anderen Reiter gefolgt, auf schäumendem Pferde, die
Arme wild dabei um den Kopf werfend, heransprengen, und gleich darauf
hinter dem Dickicht, das die mit dem Haus in Verbindung stehende Fenz
umwucherte, verschwinden.
»Allmächtiger Gott, wie wird das enden,« rief Amalie, die Hände in
Todesangst faltend -- »in welchem Zustand kehrt der Mann zurück.«
»Der alte Teufel ist wieder ausgebrochen in ihm,« sagte Jack Owen
finster, »und ich müßte mich sehr irren, oder Blut allein kann das auf's
Neue enden.«
»Meiner Schwester Blut!« rief Amalie verzweifelnd aus.
»Gehen Sie zum Haus zurück,« sagte da Jack Owen, der eine Weile in
tiefem Nachdenken gestanden, zu dem Mädchen, »den Mann den er da bei
sich hat kenn' ich; es giebt vielleicht keinen größeren Hallunken in den
Vereinigten Staaten als ihn, und doch ist es ein halber Landsmann von
Ihnen, wenigstens von deutschen Eltern irgendwo in Kentucky oder
Tennessee geboren. Etwas Gutes hat den Gesellen auch nicht hergeführt,
denn der Boden hier brannte ihm einmal, vor drei Jahren etwa, unter den
Füßen, wo nicht viel fehlte daß ihn die Bürger, dem Gesetz zum Trotz das
ihn freisprach, wegen Pferdediebstahl und falschem Spiel _gehangen_
hätten. Seit der Zeit hat er diesen Theil von Arkansas wenigstens
gemieden, und erst seit zwei Monaten etwa tauchte er plötzlich
wieder auf, ritt erst hindurch, bei alten Bekannten vorsprechend,
wahrscheinlich zu sehen welchen Eindruck sein Erscheinen hier wieder
machen würde, und trieb sich dann, als er fand daß man die alten
Geschichten vergessen, oder sich wenigstens scheute sie wieder
aufzurühren, zwischen hier und dem Indianischen Gebiet umher. Er heißt
-- obgleich er sich schon unter verschiedenen Namen im Lande gezeigt
haben soll, Soldegg, und ich möchte Sie von vorn herein vor ihm warnen.«
»Aber was _kann_ ich thun?« sagte Amalie in Todesangst -- »in solcher
Stimmung mit Olnitzki zu sprechen ist nicht möglich, selbst wenn er den
Begleiter nicht bei sich hätte.«
»Sie dürfen Ihre Schwester jetzt vor allen Dingen nicht mit den beiden
Unholden allein lassen,« sagte Jack -- »ich selber will hinüber in die
Gründorn Flat gehen, nach einer Kuh zu sehen, die seit acht Tagen nicht
zum Melken zu Hause gekommen, und wegen der mich meine Frau schon lange
gequält. Ist das geschehen, nehm ich den Rückweg an Ihrem Haus vorbei,
und finde dann schon eine Entschuldigung vorzusprechen, zu sehen wie
sich Olnitzki beträgt und was der andere Bursche bei ihm will. Der
vermuthet überhaupt wohl kaum wie genau ich ihn kenne, und daß ich von
seinen Streichen in Illinois, Indiana und Missouri weiß, und wird sich
desto rücksichtsloser gehen lassen. _Brauchen_ Sie dann meine Hülfe, so
sagen sie es frei heraus, und Jack Owen ist der Mann sein Wort zu
halten.«
»Guter Gott, ich habe die Schwester schon lange gebeten den Schritt zu
thun, und mit mir nach Deutschland zurückzukehren,« sagte Fräulein von
Seebald, die Hände in Gram und Sorge faltend -- »aber sie weißt mich auf
ihre Pflicht, die sie zwänge bei dem Gatten auszuhalten.«
»Das sieht ihr ähnlich,« sagte Jack, »und soviel mehr Ehre gebührt ihr
dafür; ich wäre auch der letzte der ihr zum Gegentheil rathen würde, so
lange sie eben aushalten _kann_; erst wenn _die_ Zeit eintritt, und Gott
gebe daß es nie geschieht, dann sollen Sie nicht sagen, daß Sie Niemand
in der fremden Welt gefunden hätten der sich Ihrer annehme, und Sie
gegen Willkür, gegen die das Gesetz Sie nicht schirmen konnte, schützte,«
und ohne weiter eine Antwort abzuwarten warf der Jäger seine Büchse über
die Schulter, rief durch ein eigenthümliches leises Zischen seinen Hund,
und schritt rasch in den Wald hinein; Amalie aber eilte mit schwerem
ängstlich klopfenden Herzen zum Haus zurück, von dem ihr schon, als sie
noch nicht einmal die Fenz erreicht, wildes Lachen und lautes Jauchzen
entgegenschallte. Sie zögerte auch in der That einen Augenblick die
Schwelle zu betreten, aber es war auch nur ein Moment, und ihr Herz mit
der rechten Hand fast krampfhaft haltend, daß sein Klopfen nicht die
Angst verrathe die in ihm zuckte, durcheilte sie die kurze Strecke, die
sie noch von der Thüre trennte.
»Hallo Schwägerin!« rief ihr Olnitzki hier, der sie zuerst bemerkte und
mit all seinen Kleidern und den beschmutzten Stiefeln halb liegend halb
sitzend auf ihrem Bett lehnte, in englischer Sprache entgegen, »nun ist
die Familie voll, und wir können kochen und braten -- Allons Ihr Weiber,
die Töpfe zum Feuer und hier nun aufgetischt; wir haben Hunger wie die
Bären, und Durst -- heh Soldegg? -- Durst wie die Fische. Nun? -- was
giebts?« -- unterbrach er sich aber plötzlich, als er das starre Staunen
bemerkte, das Amalie noch auf der Schwelle fesselte, und ihren Blick
stier und erschreckt auf seinem Gast haften ließ -- »kennen sich die
Herrschaften etwa schon? -- Mr. Soldegg, Madam, Mr. Soldegg, meine
schöne Schwägerin, Amalie von Seebald, die uns das Vergnügen gemacht hat
uns hier in unserer ländlichen Einsamkeit zu besuchen.« Er brachte die
letzten Worte nur mit schwerer Zunge heraus, richtete sich aber doch
gleich selber erstaunt in die Höh, als Amalie, kaum ihren Augen trauend
rief »Herr Henkel!« und Soldegg, mit einer lächelnden Verbeugung gegen
die Dame, und ihr die Hand entgegenstreckend freundlich sagte:
»Ah Fräulein von Seebald; das ist allerdings ein unerwartetes Vergnügen,
auf das ich nicht gerechnet hatte; beim Himmel, die Passagiere der
Haidschnucke sind von einem neckischen Geist, wie es scheint, in den
wenigen Monaten schon über die ganzen Vereinigten Staaten hinausgestreut,
denn überall trifft man sie an, und hat die Freude alte Bekanntschaften
zu erneuern!«
»Aber wie um Gotteswillen kommen Sie _hierher_, und wo ist Ihre Frau?«
rief Fräulein von Seebald, die nach der Schilderung des Jägers, einen
furchtbaren Verdacht in sich aufsteigen fühlte -- -- »man nennt Sie
_Soldegg_ hier? -- «
»Das sind viele Fragen auf einmal« lachte ihr früherer Mitpassagier,
»aber ich kann Sie Ihnen leicht beantworten; meine Frau amüsirt sich in
New-Orleans, während mich Geschäfte nach dem Norden riefen, und Soldegg
ist der Name meiner Mutter -- ich habe die Geschichte wahrhaftig schon
sehr oft erzählen müssen -- nach der ich gezwungen bin mich hier in
Amerika, einer Erbschaft wegen, zu nennen.«
»Eure Frau in New-Orleans, Soldegg?« rief aber Olnitzki jetzt vom Bett
aus, -- »zum Teufel Mann, ich glaubte die wohnte in Missouri, wo ich
Euch vor zwei Jahren ja besuchte.«
»Die erste Frau?« sagte Soldegg oder Henkel, ernster werdend, »lieber
Gott, Olnitzki, wißt Ihr denn nicht daß die schon seit fast zwei Jahren
in ihrem Grabe ruht? Ich habe jetzt in Deutschland zum zweiten Mal
geheirathet.«
»Ihr war't in Deutschland, Mensch?« rief Olnitzki rasch wieder
emporfahrend, »und davon habt Ihr mir kein einziges Wort gesagt!«
»Wir hatten wichtigere Sachen zusammen abzumachen, heh?« lachte der Mann
wieder, mit einem Seitenblick auf den Polen, »aber mein gnädiges
Fräulein,« setzte er mit eigenem Humor und einem komischen Achselzucken
hinzu -- »ich würde Ihnen mit Freuden einen Stuhl bringen, wenn -- «
»Stühle da wären« -- lachte Olnitzki hell auf -- »Hahahaha unsere
Wirthschaft ist noch nicht eingerichtet -- wir leben noch in den
Flitterwochen, aber in unserer nächsten Wohnung soll das besser werden.
-- Dort wollen wir uns standesgemäß etabliren. Hurrah Soldegg --reicht
mir einmal die Flasche da vom Tisch -- Texas soll leben!«
»Ist ein vortrefflicher Staat,« sagte der junge Mann, seinem Wunsch
willfahrend, »gutes Land und herrliche Jagd.«
»Ach trink nicht mehr, Olnitzki,« bat da mit leiser schüchterner Stimme
die Frau, die zitternd in Angst und Jammer während dem Gespräch an ihrem
Bett gestanden, und sich halb darauf gestützt hatte, »Du weißt ja es
bekommt Dir nicht, und morgen -- «
»Gieb Frieden, Unke«, brummte der halb Trunkene, nach langem Zuge tief
aufseufzend die Flasche von den Lippen nehmend -- Ȋrgerts Dich schon,
mich einmal wieder fidel zu sehn, nach langer Zeit? marsch mit Euch --
fort -- richtet das Essen her; zum Teufel wie oft soll ich's Euch
sagen?« rief er, die Flasche dabei ärgerlich neben sich auf das Bett
stoßend, und einen wilden zornigen Blick der Frau hinüberschleudernd --
»wird's bald, daß ich das Feuer da im Kamin auflodern und den Kessel
darüber hängen, die Kanne daran stehen sehe? -- glaubt Ihr wenn Leute
acht Stunden lang, wie wir, in gestrecktem Galopp auf den Pferden
hängen, nicht nachher ihr Mittagsbrod verlangen, wie sich's gehört?«
»Ja, und ich fürchte, Ihr habt mir das Pferd zu Schanden geritten,
Olnitzki«, sagte Soldegg -- wie wir ihn doch jetzt nennen müssen -- »es
ist zu zart für solch schweren Körper und den scharfen Ritt.«
»_Noch_ ist's mein,« brummte der Pole, mit finster zusammengezogenen
Brauen zwischen den Zähnen durch, einen eben nicht freundlichen Blick
nach dem Redenden schießend, »das war abgemacht.«
»Allerdings,« sagte Soldegg einlenkend; »Ihr seid in Euerem vollen
Rechte, und die Bemerkung galt dem nicht; aber wir müssen den Damen doch
ein wenig an die Hand gehen, Holz zu holen und das Essen zu besorgen;
wir sind einmal im Wald und führen Jägers Leben.«
»Ah bah!« rief der Pole, sich wieder zurück auf das Kissen werfend, »in
Texas wird's die erste Zeit noch schlimmer gehn, und ein Bischen
Vorbereitung dazu kann gar Nichts schaden.«
»In Texas?« sagte die Frau, der das Wort schon vorher schwer auf das
Herz gefallen war, erschreckt -- »in Texas, Olnitzki? -- was um Gottes
Willen meinst Du damit?«
»Wirst's schon erfahren Täubchen,« lachte der Pole -- »und hilf Deiner
Schwester jetzt Holz hereinschaffen von draußen, daß Soldegg das nicht
allein zu thun braucht -- er möchte sich die zarten Hände schmutzig,
oder was noch schlimmer wäre _rauh_ machen, nicht wahr Soldegg? beim
Kartenspielen braucht man feine Fingerspitzen?«
»Was wollen Sie damit sagen, Olnitzki?« frug der Fremde der den
Rückklotz im Kamin mit einem dort liegenden Schüreisen vorgehoben hatte,
während Amalie den kleinen Korb aufgriff und das Haus verließ, indem er
sich hoch und finster aufrichtete, »ich hoffe nicht daß Sie mir falsches
Spiel vorwerfen.«
»Falsches Spiel -- hahaha,« rief der Pole, verächtlich die geleerte
Flasche von sich werfend, »die ganze Welt ist ein falsches Spiel, -- wir
sind die Karten, die stechen und gestochen werden, auf die man setzt und
gewinnt und -- verliert. Heute ist der Trumpf und morgen der -- heute
hat der Bube Glück, morgen die Dame, hahahahahaha -- eine wilde, tolle,
verrückte Welt!«
»Die nur die vortreffliche Eigenschaft hat,« lachte Soldegg, »daß sie
rund ist; eine Kugel auf der die Glücksgöttin steht und dreht, und sind
wir heute unten, wissen wir daß wir doch einmal wieder hinaufkommen
_müssen_. Aber ich werde meiner alten Reisegefährtin helfen noch ein
paar große Stücken Holz zum Feuer zu bringen, wir bekommen heute sonst
wirklich Nichts zu essen,« und ein paar waschlederne Handschuh aus der
Tasche nehmend, zog er diese an und schritt, das Haus verlassend, über
den kleinen Hofplatz hinüber, wo Fräulein von Seebald eben beschäftigt
war Spähne zusammenzusuchen.
»Olnitzki, was um des Heilands Willen sollen die dunklen Worte,« bat
aber die Frau indessen in Todesangst, »es ist irgend etwas Entsetzliches
vorgefallen; das Du mir noch verschweigst, und Deine Reden künden
Schlimmeres.«
Die Frau war ein paar Schritte auf ihn zu getreten, und stand jetzt, den
zitternden Körper an dem Tisch stützend, mit bleichen eingefallenen
Wangen, die Augen bittend und angstvoll auf ihn geheftet, ihm gegenüber.
Zu viel des Jammers hatte sie die letzte Zeit durchlebt, und der Körper
begann unter der überbürdeten Last zusammenzubrechen in Gram und Noth.
»Dunkle Worte,« murmelte der Mann ärgerlich, »hab' ich _dunkle_ Worte
gesprochen? -- so war's nicht gemeint, ich wollte deutlich sein -- ich
habe Haus und Feld verkauft, und morgen magst Du, was Du an Kleidern
und Geschirr hast -- der ganze Bettel geht auf den kleinen Karren --
zusammenpacken und Dich dann oben d'rauf setzen -- wir gehn nach Texas.«
»Nach Texas?« rief die Frau entsetzt -- »_ich_? -- _jetzt_? wo ich kaum
im Stande bin die Stube entlang zu kriechen, fort in die Welt? dieß Haus
-- so ärmlich es ist, doch unsere Heimath -- das Grab meiner Kinder
verlassen -- weiter -- nur immer weiter in die Wildniß zu ziehn in Noth
und Elend? Nie -- nie Olnitzki, so wahr mir Gott helfe, folg' ich Dir
dahin.«
»_Du_ folgst mir nicht?« rief da der, von dem übermäßigen Genuß des
starken Trankes überdieß Betäubte, wild von seinem Lager und auf die ihn
zitternd erwartende Gattin zuspringend, »_Du_ hast einen Willen, Weib,
das an meine Sohlen geheftet mir überall im Wege war, wo ich die Arme
frei gebrauchen könnte? -- aber ich weiß schon wo der Wind her weht --
die Mamsell Schwester, die aus den Wolken hier hereingeschneit, und die
Du Dir zu Hülfe gerufen wider Deinen Mann, hat Dich so keck gemacht --
_Du_ willst nicht?« wiederholte er sie mit einem verächtlichen Blicke
messend, »Ding Du, das sich mit einem Willen brüstet.«
»Olnitzki,« sagte da die Frau, durch die verächtliche Behandlung des
Trunkenen in ihrem krankhaften Zustand mehr gereizt, als sie es durch
die härtesten Worte vielleicht geworden, »ich habe ertragen, was ein
Mensch ertragen kann -- geduldet, was zu dulden möglich ist, und den
festen Willen dabei, mit Dir auszuharren in Freud und Leid, wie ich Dir
bis jetzt gefolgt bin, was auch daraus kommen möge -- aber das was Du
jetzt von mir forderst übersteigt meine Kräfte. Ich _weiß_ was mir
_dort_ bevorstände -- ich habe es hier schon einmal durchgemacht -- ich
weiß daß ich es nicht ertragen würde und sage es Dir hier jetzt frei und
offen -- nach Texas -- in die Wildniß -- fort von den Gräbern meiner
Kinder, einem neuen furchtbaren Leben entgegen folg ich Dir _nicht_.«
»Folgst Du mir _nicht_? -- und _leiden, dulden_?« zischte der Mann
verächtlich zwischen den Zähnen durch, »zu was seid Ihr da? -- fort mit
Dir -- hinaus, daß ich Dich nicht mehr sehe; Dein Anblick vergiftet mir
den schönen Tag.«
»So tödte mich -- morde mich wie Du Dein Kind gemordet,« rief die Frau,
der fieberhafte Röthe über die Wangen lief, während sie den fast
durchsichtig weißen, von hellblauen, peinlich klar hervortretenden Adern
durchzogenen Arm gegen den Gatten drohend ausstreckte.
»#She devil!#« knirschte der Bube zwischen den Zähnen durch, und die
schwache Gestalt des Weibes mit seiner Faust packend, warf er sie zurück
daß sie gegen den massiven Bettpfosten anstieß, und mit einem lauten
Aufschrei zusammenbrach.
* * * * *
»Wie gefällt Ihnen das Landleben, Fräulein von Seebald,« sagte Soldegg,
als er sie draußen an dem Holzplatz einholte, wo abgehauene Stücken und
Klötze wild zerstreut umherlagen, »sehr romantisch, wie?«
Amalie erröthete bis in den Nacken hinab -- sie fühlte den Spott, der in
den Worten lag, den sie in früheren Tagen auch vielleicht verdient, der
aber auch jetzt dafür um so herzloser von des Mannes Lippen klang. Keine
Zeit war jedoch in diesem Augenblick für Empfindelei -- irgend etwas
mußte in der Stadt vorgefallen sein, das Olnitzki, und durch ihn die
Schwester, traf, und das von dem Mann vielleicht zu erfahren, blieben
ihr nur die wenigen Minuten, die sie allein hier mit ihm war. Ohne
deshalb auf seine Frage zu antworten sagte sie rasch:
»Sie kommen mit Olnitzki jetzt von Little Rock?«
»Jetzt? -- ja,« sagte Soldegg, »und freue mich wahrhaftig aufrichtig
eine alte Reisegefährtin hier ganz unerwarter Weise gefunden zu haben;
apropos -- hahahaha -- Sie hätten vor ein paar Monaten dabei sein sollen,
wie ich Herrn von Hopfgarten in einem kleinen Städtchen in Indiana
traf -- hahahaha -- ich muß jetzt noch lachen, es war zu komisch -- «
»War er schon vorher in solcher Stimmung?« frug Amalie, die kaum verstand
was er erzählte.
»Hopfgarten? -- Gott bewahre,« lachte Soldegg wieder, ihre Frage
misverstehend -- »ernsthaft wie ein Quäker kam er Abends, naß und
ausgehungert in ein Wirthshaus, in dem ich am Feuer saß und redete mich
als seinen Reisegefährten Henkel an.«
»Sie verstehn mich nicht -- «
»Sie hätten dabei sein sollen was er für ein Gesicht machte, als ich
mich zum Spaß für meinen Zwillingsbruder ausgab -- es war göttlich.«
»Aber ich spreche von Olnitzki!«
»Von Olnitzki? -- was von dem? -- er hat sich einen Rausch angetrunken,«
sagte Soldegg gleichgültig, sehr vorsichtig dabei eins der Stück
Hickoryholzes aufnehmend und in seinen linken Arm legend. »Lieber Himmel
die Leute wollen Alle spielen, aber nicht verlieren, und wenn ihnen das
auch einmal passirt, verlieren sie gleich den Kopf dazu; schreien und
toben und verschwemmen sich das kleine Bischen Verstand, das ihnen noch
geblieben, in Whiskey -- das Albernste was der Mensch überhaupt auf der
Welt thun kann.«
»Olnitzki hat gespielt, ich weiß es -- ich dachte mir es wenigstens,«
lenkte sie ein, »aber um was?«
»Um was?« lachte Soldegg, sich das Stück Holz auf die Schulter hebend
und nach dem Hause umdrehend, »um was man gewöhnlich spielt, um Geld,
und als das fort war um Schweine, und dann um Rinder, dann um Pferde,
und wie das Alles fort war, um Äcker und Haus.«
»Heiland der Welt -- und hat -- «
»Verloren natürlich,« sagte Soldegg, gleichgültig zurück gegen das Haus
zuschreitend, als ein gellender Schrei von dorther tönte. »Hallo,« rief
er, einen Augenblick halten bleibend und dort hinüberhorchend, »was ist
das?« Aber schon flog Amalie an ihm vorbei der Thüre zu, und während er
ihr langsamer und kopfschüttelnd folgte, murmelte er leise vor sich hin:
»der tolle Bursche wird noch irgend ein Unheil anrichten mit seinem
verdammten Whiskeytrinken. Daß doch, sonst ganz vernünftige Leute albern
genug sind, eines so erbärmlichen Gaumenkitzels wegen ein Vieh aus sich
zu machen, und sich den Händen ihrer Nebenmenschen willig zu
überliefern. S'ist, das wenigste zu sagen, dumm.«
Damit trat er in das Haus und trug das Holz, ohne sich weiter um das was
im Innern vorging anscheinend zu bekümmern, an's Kamin.
»Was um Gottes, Jesu Willen ist geschehn, Sidonie,« rief Amalie, neben
ihr knieend und die sich eben wieder Aufrichtende unterstützend, »Du
blutest am Schlaf -- wer hat -- «
»Ich bin gefallen,« murmelte leise die Frau, »und habe -- und habe mir
wahrscheinlich an der scharfen Bettecke hier weh gethan -- es ist Nichts
-- es wird gleich vorüber gehn -- ängstige Dich nicht meinethalben,
Amalie.«
»Zu viel -- zu viel!« rief aber die Schwester, jetzt in Thränen
ausbrechend, während sie neben der Unglücklichen knieen blieb und sie
mit ihren Armen umschlang; »nein, nein Du darfst nicht hier bleiben, ich
nehme Dich fort von hier mit mir -- zurück zu Vater und Mutter -- zurück
zu _Menschen_. Er hat Dich elend genug gemacht, das weiß ja Gott -- er
soll Dich nicht auch noch morden.«
»Fräulein Schwägerin!« fuhr da Olnitzki, der mit untergeschlagenen Armen
und fest und finster zusammengezogenen Brauen am Kamin stand, drohend
gegen das Mädchen auf, »ich bitte Sie zu überlegen was Sie sprechen, und
_verbitte_ mir jedes Wort, das mich oder mein Weib betrifft, und einer
Einmischung gleicht in unser Leben. Ich will Ihnen übrigens auch beiläufig
bemerken,« fuhr er mit tückischem Lächeln fort, »daß wir Sie morgen auf
kurze Zeit im alleinigen Besitz des Hauses lassen, dessen künftigen
Eigenthümer ich Ihnen das Vergnügen habe hier in Herrn Soldegg
vorzustellen.«
»Lieber Olnitzki, die Sache hat aber gar keine so entsetzliche Eile,«
fiel ihm hier Soldegg, der sein Holz in das Kamin geworfen, und
sich jetzt die Handschuh abklopfte, in die Rede; »ich bin nur mit
herübergekommen die Pferde abzuholen; selbst die Kühe können Sie noch
ein, zwei Monat ruhig hier behalten. Alles andere findet sich dann
später.«
»Was um Gottes Willen bedeutet das?« rief die Frau jetzt, der die
Schwester ein Tuch um die Schläfe gebunden hatte, das vorquellende Blut
zu stillen.
»Er hat Alles verspielt was er sein nennt auf der Welt,« rief Amalie, in
der Angst um die Schwester alles Andere, jede Gefahr der sie sich selber
dabei aussetzte, vergessend, »ein _Bettler_, will er Dich fortschleppen
weiter in den Wald.«
»Thut mir unendlich leid zu hören,« sagte in diesem Augenblick die
ruhige ernste Stimme Jack Owens, der, auf seine Büchse gestützt, in
der Thüre stand, ohne jedoch die Schwelle zu betreten, »guten Abend
mitsammen -- wie geht's Olnitzki, wieder von Little Rock zurück?«
»Kommt herein!« rief Olnitzki, eben nicht besonders guter Laune, aber
vielleicht froh in diesem Augenblick das Gespräch abgebrochen zu sehn.
-- Was geschehen war ließ sich doch nicht gut lange verheimlichen, und
in den nächsten Tagen mußten es die Nachbarn überdieß erfahren, Zum
Henker mit ihnen, sie waren ihm so nie grün gewesen, wenigstens nicht
seit der Geschichte mit Jim Riley, und er hatte sich lange mit der Idee
herumgetragen, wenn auch nicht Arkansas, doch diese Gegend jedenfalls zu
verlassen -- wer konnte ihn daran hindern?
»Guten Tag mitsammen« sagte Jack Owen, der seine Büchse draußen am
Eingang hingestellt, indem er auf die direckte Einladung hin in die
Thüre trat und den Platz flüchtig, aber mit forschendem Blick überflog
-- »hallo Missis Olnitzki, Sie sehn heute kränker aus als gestern, und
_Blut_ an der Stirn? ei ei, was haben Sie gemacht?«
»Setzt Euch Jack« rief Olnitzki dazwischen -- »zum Teufel noch einmal,
zwei Weiber im Haus statt einer, und ob wir hier etwas zu essen bekommen
können? Bei Gott, Soldegg, wir werden es uns noch selber besorgen müssen.«
»Ah Mr. Soldegg -- auch einmal wieder in unserer Range?« sagte der Jäger
den Fremden mit einem aufmerksamen Blick von unten bis oben musternd --
»es ging einmal ein dumpfes Gerücht hier, Sie wären über dem Wasser
drüben -- aber was haben nur die Frauen, Olnitzki -- ist etwas geschehn?«
Amalie, die bei Jack Owens Eintritt Sidonie umfaßt und zum Bett geführt
hatte, lehnte ihren Kopf an ihre Schulter und flüsterte ihr rasch und
leise, tröstende Worte ins Ohr, die aber die Thränen der armen Frau nur
stärker fließen machten.
»Nichts -- Unsinn,« brummte Olnitzki finster -- »die Weiber können bei
jedem Quark das Flennen, ihren alten Erbfehler nicht lassen. Jetzt aber
hab' ichs satt, fort von meinem Weib!« rief er plötzlich, um den Tisch
herum und auf Amalie zugehend -- »ich will das Aufhetzen in meinem
eigenen Haus nicht länger dulden, fort von ihr sag ich, oder ich brauche
mein Hausrecht. Tod und Teufel, ist mir nicht seit ich fort bin, ein
ordentliches Weiberregiment hier aufgewachsen.«
»Zurück von mir,« rief aber Amalie von Seebald und entriß ihm mit
zornfunkelnden Augen den Arm, den er gefaßt hatte, sie von der Gattin
Bett zu führen, »und hiemit erkläre ich es feierlich, in dieses wackeren
Mannes Gegenwart -- daß Sie, Graf Olnitzki, die Schwester, die Ihnen in
jugendlicher Verblendung, fast ein Kind noch, folgte, elend gemacht
haben -- bodenlos elend, und daß Sie nicht weiter Gewalt haben dürfen
über sie; ihre ältere Schwester bin ich -- bin hier an Vaters und
Mutters Statt für die Arme, und fordere sie zurück von Ihnen, so lange
noch Leben in dem armen, mishandelten Körper ist.«
»Hoho?« rief aber Olnitzki sich jetzt plötzlich, wie der sprungfertige
Panther, emporrichtend -- »kommt daher der Wind? -- abgemachte Sache
zwischen Euch, mir das eigene Weib abspenstig zu machen in dem eigenen
Haus. Hahahaha Fräulein Schwägerin, Sie haben die Krallen zu früh gezeigt;
das hat Ihr Spiel verdorben. Und nun« -- schrie er, während Haß und Wuth,
von dem vielen genossenen Whiskey zu einer Art Wahnsinn angestachelt,
mehr und mehr die Überhand gewann, und die Frau, sich auf ihrem Lager
selbst emporrichtend mit gefalteten Händen ihn bittend anschaute -- »hat
das ein Ende was mich hier geärgert und gequält, und in die Stadt
getrieben, dort in Wein und Brandy meinen Grimm zu ersäufen, und mit
Kartenspiel die Zeit zu tödten. -- Hinaus aus meinem Haus, Schlange Sie,
die ich hier freundlich aufgenommen, und die mir die Frau gegen mich
gehetzt von dem Moment an wo sie meine Schwelle betreten. _Da_ ist der
Bettel den Sie mitgebracht -- da -- da und da!« lachte er mit einem fast
thierischen Aufschrei, indem er das Service, und was sonst von den
Geschenken auf einem neben ihm an der Wand befestigten Brete stand,
herunterriß, und der entsetzt zurück Springenden in Trümmern vor die
Füße schleuderte.
»Aber Olnitzki« rief selbst Soldegg erschreckt und mahnend -- »was
machen Sie -- besinnen Sie sich doch!«
»Besinnen? -- zum Teufel auch, meine Geduld ist fort,« schrie der
Rasende -- »da -- und da und da, sind Eure Lumpen, ich _will_ von Euch
nichts mehr von drüben her -- ich _brauch'_ Euch nicht und Gnad' Euch
Gott, wenn ich je wieder Eine von Euch treffe, _wer_ es sei, der auch
nur frägt wie es uns geht hier, was wir treiben, was thun. Und hier --
nun was soll das Mr. Owen, glauben Sie, daß ich etwa gerade in einer
Stimmung bin auf einen Nachbar besondere Rücksicht zu nehmen?«
»Ich erkenne die Stimmung recht gut in der Ihr seid, Olnitzki,« sagte
Jack Owen, der indeß des wirklich gefährdeten Mädchens Hand ergriffen
und sie hinter sich geschoben hatte, sie mit dem eigenen Körper zu
decken -- »Ihr habt zu viel getrunken und wißt eben nicht was Ihr thut;
ob Ihr Rücksicht auf Euere Nachbarn dabei nehmt, kann mir ziemlich
gleich sein; wie weit Ihr da gehn dürft werdet Ihr selber am Besten
wissen. Die junge Fremde aber, die Ihr so roh behandelt und förmlich aus
der Thür geworfen habt, nehm ich mit mir, in mein eigen Haus und zu
meinem Weib, und die arme kranke mishandelte Frau da auf dem Bett, ist
uns ebenfalls herzlich willkommen, wenn sie uns begleiten will.«
»Teufel!« schrie Olnitzki bei den Worten in wild auflodernder Wuth nach
der in der Ecke stehenden Büchse springend und sie in Anschlag reißend
-- »wollt Ihr mein Weib verlocken unter dem eigenen Dach? -- noch ein
Wort hier, und beim ewigen Gott Ihr seid eine Leiche.«
»Schwört nicht bei etwas, Olnitzki, von dem Ihr doch nichts wißt,« sagte
Jack vollkommen ruhig, »daß Ihr mich nicht einschüchtern könnt, solltet
Ihr lange wissen -- übrigens sprechen wir über die Sache noch, und jetzt
#good bye# -- wenn wir uns wieder sehen, werdet Ihr hoffentlich ruhiger
und vernünftiger sein.«
»Ich kann die Schwester nicht -- nicht so verlassen,« klagte Amalie.
»Der Mensch kann Alles was er muß,« sagte aber Jack ruhig, und ohne
weiteres ihren Arm ergreifend, an dem er sie mit sich hinaus in's Freie
führte und dort seine Büchse aufgreifend, schulterte er diese und
schritt, den Arm des Mädchens aber immer noch nicht loslassend, mit ihr
den schmalen Reitweg entlang in den Wald.
Als die Beiden das Haus verließen lag Sidonie bewußtlos, in Ohnmacht
hingesunken, auf ihrem Bett, Soldegg lehnte mit verschränkten Armen,
und eben nicht erfreut Zeuge und gleichsam Mithandelnder des ganzen
Auftritts zu sein, am Kamin, und Olnitzki, auf dem sein halb zürnender,
halb verächtlicher Blick kalt und höhnisch haftete, stand noch inmitten
des kleinen mit den zertrümmerten Fragmenten vergoldeten Porcellains und
gestickter Sachen überstreuten Raums, die Büchse mit eisernen Fingern
fest gepackt, und wie unschlüssig, ob er die Waffe gebrauchen solle oder
nicht.
* * * * *
Am nächsten Morgen um elf Uhr etwa, verließ ein kleiner, mit einem Pferd
bespannter Karren »Olnitzkis Farm«. Der Pole steckte den Pflock von
Außen vor die Thür und schlug ihn mit der Axt, die er dann wieder in
den Karren legte fest, schulterte seine Büchse und stand dann, des
Begleiters harrend, der vier wackere Pferde die Olnitzki selbst gezogen,
immer zwei und zwei zusammenkoppelte, und dann den eigenen Rappen
bestieg. Das Pferd, das Olnitzki gestern geritten, war heute mit den
Thieren zusammengekoppelt, die Soldegg an der Leine führte; ein junges
braunes Pferd hatte er in den kleinen Wagen gespannt, auf dem, unter dem
darüber gespannten aber vorn etwas zurückgeschlagenen Leinen ein weicher
Sitz von den Betten für die Frau hergerichtet worden.
»Hast Du Alles Sidonie?« sagte Olnitzki, der heute bleich und angegriffen
aussah, aber die Worte wenigstens nicht unfreundlich an die Frau richtete,
»und kann ich fortfahren?«
»Olnitzki, ich beschwöre Dich bei Allem was Dir heilig ist, laß mich
nicht ohne Abschied von der Schwester ziehn -- raube mir nicht, wenn ich
Dir denn in die Wildniß folgen _muß_, den letzten Trost -- Du bringst
mich doch nicht hin, und wirst mich schon unterwegs begraben müssen --
oh daß ich bei meinen Kindern schlafen könnte.«
»Du denkst Dir die Sache viel schlimmer als sie ist, liebes Kind,« sagte
der Mann finster -- »Deine Schwester hat Dir den Unsinn wahrscheinlich
eingeblasen; aber nach Jack Owens Haus, wo sie jetzt wohl steckt, könnt'
ich nicht einmal mit dem Karren hinüber, selbst wenn ich wollte -- es
führt kein Fuhrweg hin, und -- ich will auch nicht. Sie hat keinen
Frieden in unser Haus gebracht und wir brauchen sie nicht zwischen uns.
Nun Soldegg, zum Henker, seid Ihr denn endlich mit Eueren Thieren
fertig? Ihr geht so ungeschickt damit um, als ob ihr im Leben noch mit
keinem Pferdefleisch zu thun gehabt.«
»Hol der Böse die Bestien!« zischte Soldegg zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch, indem er sich mit dem eigenen
Thier zwischen den noch scheuenden und zurückschreckenden Pferden
herumtummelte -- »wenn ich sie nur erst in der breiten Straße habe will
ich sie schon kriegen. So, das wird's thun. Fahrt nur voran, Olnitzki,
die Pferde folgen dann leichter; seid Ihr in Ordnung?«
»In Ordnung!« wiederholte der Pole finster, noch einen Blick auf den
Platz, der seine Heimath gewesen, zurückwerfend, und dann entschlossen
sich zum Gehen wendend -- »Komm Brauner, zieh -- wir haben einen langen
Weg vor uns, und je eher wir damit fertig werden, desto besser!«
Ein leiser Schlag brachte das Pferd zum Anziehn und Olnitzki sprang ihm
vor, und schritt in dem schmalen Pfad, während das treue Thier ihm in
den Fährten folgte, rasch voran. Er hatte den linken Arm, dessen Hand
sein Kinn stützte, über den Büchsenkolben geworfen, und blickte in
düsterem Schweigen vor sich nieder. Die zusammengekoppelten Pferde
folgten auch in der That besser, als der Wagen erst einmal in Gang
war, und der kleine Zug hatte eben die Gründornflat durchschnitten
und auf dem höheren Land einen etwas besseren, wenigstens breiteren
Weg erreicht, als Olnitzkis Pferd laut aufwieherte und der Pole
emporschauend, überrascht fünf oder sechs Männer -- Nachbarn von sich
aus der nächsten Gegend -- erkannte, die ihre Pferde am Zügel, auf ihre
Büchsen gelehnt, gerade auf der Straße standen, die er passiren wollte,
und ihn fast zu erwarten schienen.
Olnitzki stutzte einen Augenblick, und seine linke Hand umspannte fest
den Kolben des schweren Rifles, während sein Auge rasch und forschend
die Gruppe überflog -- aber es war auch nur ein Moment; ein trotziges
wildes Lächeln zuckte um seine Lippen und seinen Weg verfolgend, als ob
die Männer eben nicht darauf ständen und ihn versperrten, schritt er
rasch weiter und gerade auf sie zu bis er, ihnen fast gegenüber, durch
ein lautes aber entschiedenes »Halt!« des alten Rosemore, in seiner Bahn
gehemmt wurde.
Der alte Mann stand mitten im Weg, aber in keiner drohenden Stellung,
nur auf seine lange Büchse gelehnt, den Zügel des eigenen Pferdes um
den linken Arm, wie er da gerade abgestiegen, und neben ihm Bill Jones
sein Schwiegersohn mit noch zwei oder drei andern Männern aus der
Nachbarschaft. Nur Jack Owen war seitwärts, etwa zehn Schritt vom Wagen
getreten, seine Büchse auf der Schulter, die rechte Hand in die Seite
und auf das Heft des langen Bowiemessers gestützt, das er dort trug.
»Nun was soll das?« rief aber Olnitzki jetzt seine Büchse herunternehmend
und den Kolben auf den weichen Boden stoßend; »für einen Scherz bin ich
nicht aufgelegt, und im Ernst möcht ich den sehen, der mir ein Halt
entgegenrufen dürfte. Was wollt Ihr von mir? -- kurz, denn ich habe
weder Zeit noch Lust mit Euch hier zu plaudern.«
»Wir denken nicht daran, _Euch_ aufzuhalten, Olnitzki,« nahm der alte
Rosemore ruhig das Wort, »Ihr seid nie ein besonderer Nachbar gewesen,
und alter Zeiten gedenken könnte uns gerade nicht freundlicher gegen
Euch stimmen. Geht mit Gott, und möge Euch in einem andern Staate das
werden, was Ihr bei uns nicht gefunden; aber -- es hat Jemand um Hülfe
bei uns nachgesucht, dem wir sie nicht verweigern können -- eine _Frau_
-- Eures Weibes Schwester hat das bestätigt was wir von Euch schon von
früher wissen -- daß Ihr Euere Frau mishandelt -- und was mehr ist, daß
Ihr die Todtkranke und durch das Hinscheiden ihres jüngsten Kindes so
schon schwer geprüfte Mutter mit Gewalt von hier fort, und ohne Mittel
sie zu erhalten, in eine Wildniß schleppen wollt, und da glaubten wir
denn in unserem schwachen Verstand daß wir das, wenn sich die Sache
wirklich so verhält, nicht dulden dürften.«
»Nicht _dulden_ dürften?« lachte Olnitzki höhnisch auf -- »könnt Ihr es
hindern?«
»Wir könnten es wenigstens versuchen,« sagte der alte Mann ruhig; »aber
die Frau hat das zu bestimmen.«
»Wir wollen auch gar nicht mit Euch unterhandeln, Olnitzki,« mischte
sich jetzt Owen mit eben keinem freundlichen Blick auf den Polen, in das
Gespräch -- »Missiß Olnitzki wird uns vielleicht sagen ob sie gern mit
auf dem Karren nach Texas fährt, der sie in ihrem Zustand kaum lebendig
nach Little Rock bringen wird, oder ob sie es vorzieht unseren Schutz
anzurufen.«
Sidonie, die in dumpfer Verzweiflung, ihrer Schwäche sich bewußt und
erneute Mishandlungen des rohen Menschen fürchtend, ihr Schicksal
entschieden geglaubt hatte, ja schon in einer Art unheimlicher Freude zu
hoffen anfing, der Hand die, so kalt und erbarmungslos in ihr Leben
gegriffen, bald durch den willkommenen Tod entrissen zu werden, sah hier
wieder, kaum ihren Ohren trauend, eine Hoffnung aufleuchten. Hülfe zeigte
sich ihr, wo sie an keine mehr geglaubt, das Bild ihrer glücklichen
Heimath, der sie zurückgegeben werden sollte, tauchte plötzlich, wo
Alles Nacht und Grauen gewesen, vor ihrem Auge lichtumflossen auf, und
die langen Haare in scheuer Angst aus der fieberheißen Stirn werfend --
halb erhoben in dem kleinen Karren und den einen, fast fleischlosen,
durchsichtigen Arm den Männern entgegenstreckend, rief sie mit lauter
zitternder Stimme:
»Rettet mich -- rettet mich vor _ihm_!«
»Wahnsinniges Weib!« schrie der Pole, die Büchse im Anschlag emporreißend,
und während er sie mit der Linken halb schußgerecht und fertig hielt,
mit der rechten des Pferdes Zügel fassend »aber Dein Jammern hilft Dir
Nichts, und der Bande zum _Trotz_ schlepp ich Dich mit mir. _Zurück_ da
aus dem Weg,« donnerte er jetzt mit der vollen Kraft seiner Stimme dem
Alten entgegen, »oder bei Höll' und Teufel schwör' ich's Euch, der Erste
der mir nur eines Auges Zucken noch den Weg vertritt, ist eine Leiche!«
»Wenn Ihr die Büchse gegen einen von uns hebt, seid Ihr ein Kind des
Todes,« rief da Jack Owen, die eigene Waffe im Anschlag emporwerfend.
»Gut daß _Du_ mich mahnst!« schrie da Olnitzki, in blinder auflodernder
Wuth kaum mehr wissend was er that, »Du wenigstens gehst da voran,« und
mit dem Lauf emporfahrend zuckte auch schon in dem nämlichen Augenblick
der scharfe Strahl aus dem Rohr, und die Kugel schlitzte Jack Owens
linken Backen. --
[Illustration: Capitel 2.]
»Jim Riley läßt dich grüßen,« sprach da der Jäger kalt und ruhig, und
wie Olnitzki, die Büchse in die linke Hand fassend, blitzesschnell mit
der Rechten ein Pistol aus dem Gürtel riß, hob sich das lange Rohr
empor und mit dem Knall fast, brach der Pole, mitten durch die Brust
geschossen, in seiner Fährte zusammen. Der Jäger aber, ohne auch nur
einen Blick weiter auf die Leiche zu werfen, stieß seine Büchse auf den
Boden nieder, nahm aus der Tasche den Krätzer und wischte sie aus -- wie
nach jedem Schuß -- that frisches Pulver ein und fettete das Pflaster
aus einem kleinen, dafür mit Talg gefüllten Loch im Kolben, setzte die
Kugel langsam und vorsichtig auf, bis der Ladstock zweimal sprang, und
die Büchse, nachdem er auch Pulver auf die Pfanne geschüttet und diese
wieder geschlossen, über die Schulter werfend, griff er das Pferd am
Zügel, winkte einen anderen Nachbar, Sam Houston, herbei und lenkte mit
diesem den Karren seitab in den Wald, der eigenen Heimath zu.
Still und in düsterem Schweigen starrten indeß die anderen Männer auf
die noch zuckende Leiche -- kein Wort wurde gesprochen, kein Laut gehört
und Soldegg, der ein ziemlich unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorgangs
gewesen, ritt die wenigen Schritte noch hinan, bis sich die Pferde
scheuten vor dem frischen Blut.
»Böse Geschichte das Gentlemen,« sagte er ruhig dabei, während er die
Thiere einer kleinen Blöße im Wald zulenkte, den Platz zu umreiten --
»sehr böse Geschichte das, und wird den Advokaten im Little Rock wieder
haarscharfe Arbeit geben. Apropos, da der frühere Besitzer des Platzes
dahinten jetzt nicht blos _ver_reist sondern auch _ab_gereist ist, wäre
es vielleicht eben so gut Ihnen gleich hier zusammen die Nachricht zu
geben, daß _ich_ jetzt der Eigenthümer bin, und in diesen Tagen Jemanden
herüberschicken werde das Vieh nach Little Rock zu treiben oder, wenn
sich hier passende Käufer finden sollten, es gleich an Ort und Stelle zu
verauktioniren. Guten Morgen, Gentlemen, _dürfte_ ich Sie wohl ersuchen
Mister -- wie ist doch gleich Ihr Name? da vorne ein klein wenig nur aus
dem Weg zu treten; die Pferde sind noch jung und scheuen gern, und
könnten einander schlagen.«
Die Männer von Arkansas hatten indessen, ernst und schweigend auf ihre
Büchsen gelehnt, den Körper des Getödteten angeschaut, und nur manchmal
einen eben nicht freundlichen Blick nach dem Sprecher geworfen, von dem
sie wußten wie genau er im Zusammenhang mit der entwickelten Catastrophe
stand, aber Niemand unterbrach ihn in seiner Rede, noch schien sich
weiter Jemand um ihn kümmern zu wollen, bis er die direkte Aufforderung
machte ihm Raum zu geben. Da war es wieder der alte Rosemore der, ohne
seine Stellung im mindesten zu verändern, nur den Kopf zu dem Reiter
aufhebend, sagte:
»Mr. Soldegg, es fällt uns nicht ein Ihrer Abreise etwas in den Weg zu
legen, so wenig wie wir den unglücklichen Mann da verhindern wollten
seine eigene Bahn zu gehen; soweit das also Sie und Ihr Eigenthum, das
Pferd auf dem Sie reiten, und auf dem Sie in die #range# gekommen sind,
betrifft, haben wir nicht das Mindeste dagegen, verzichten sogar auf das
Vergnügen Sie je wieder bei uns zu sehen -- nur das Eigenthum der _Frau_
darf ohne ihren Willen nicht fortgeführt werden; lassen Sie also die
Pferde los und ziehen Sie mit Gott.«
»Die Pferde sind _mein_,« rief Soldegg trotzig, »und mehr als das,
Olnitzkis Schweine, Kühe, sein Land, sein Haus, Alles ist mein, und die
Papiere die mir das bestätigen trage ich in meinem Taschenbuch.«
»Hat er das Alles Euch _verkauft_?« sagte Rosemore ruhig. --
»Was kümmert Euch das _wie_, wenn Ihr die Thatsache wißt,« sagte Soldegg
finster.
»Und was hat Olnitzki dafür an Werth bekommen?« frug Rosemore wieder,
ohne eine Miene seines starren Antlitzes zu verziehen.
»Und wenn er's mir _geschenkt_ hätte, und wenn ich's im _Spiel_ von ihm
gewonnen oder in einer Wette -- kümmert das _Euch_?«
»Nicht, so lang' er lebte, allerdings; er konnte da über _sein_
Eigenthum verfügen, wenns wirklich _sein_ war und nicht der Frau
gehörte, wie er wollte; aber Gott hat ihn abgefordert, und das was er
hinterlassen gehört seinem _Weib_. Beweißt uns daß das Ganze im
_ehrlichen_ Kauf auf Euch übergegangen, und zieht in Frieden, hat es
Olnitzki aber, wir wir Grund haben zu vermuthen, im Trunk und seiner
Sinne nicht mächtig, verspielt, so mußte _er_ auch dann, so lang' er
lebte, dafür einstehn, -- aber nicht sein Weib, nicht _Euch_ gegenüber
Soldegg, von dem es schon überdieß unklug war, Euch in einem _solchen_
Geschäft _hier_ wieder einzufinden. -- Gut -- gut -- wir wollen Nichts
über vergangene Zeiten reden,« sagte er ruhig und mit der rechten Hand,
ohne den Arm von dem Büchsenlauf zu nehmen, langsam abwehrend, -- »es
ist vorbei, aber die Pferde hier, Soldegg, oder die Schweine und Kühe
auf der Farm, wie die Farm selber, was sie nun eben werth ist, gehört
der _Frau_, und bis Ihr uns eben nicht Beweise bringt daß Ihr die Sachen
rechtlich erworben, gehören sie eben ihr -- und sollen ihr bleiben,«
setzte er fest und bestimmt hinzu -- »so wahr ich Rosemore heiße.«
»Ich lasse die Pferde hier nicht zurück,« sagte Soldegg finster, »außer
Ihr nehmt sie mir mit Gewalt, und nach dem was hier vorgegangen, kann
ich mich nicht der Überzahl der mit Büchsen bewaffneten Männer
widersetzen.«
»Nennt's wie Ihr wollt; der Leute hier bedürfte es aber nicht,« sagte
der Alte ruhig, »ein Einziger wäre da schon genug; laßt nur die Pferde,
die nicht Euch gehören, los.«
»So protestire ich hiermit feierlich gegen ein solch gewaltthätiges
Verfahren,« rief Soldegg die Leine die er in der Hand hielt von sich
werfend und den eigenen Zügel fester packend, -- »protestire gegen
solche Willkür, die in Mord ausartet wo sie ein Hinderniß findet, und
werde die Sache den Gerichten in Little Rock übergeben.«
»Thut das,« sagte der alte Rosemore mit einem verächtlichen Lächeln,
»schickt uns die Advokaten in den Wald, und sie mögen sehen was sie
ausrichten. Und was den _Mord_ betrifft, wie Ihr ihn zu nennen beliebt,
so müssen wir abwarten wie wir ihn verantworten können; bei uns im Wald
wehrt sich eben der Angegriffene seiner Haut, und schon nach dem Schuß,
selbst wenn die Kugel nicht in einem halben Zoll an des Bedrohten Leben
vorübergegangen wäre, hatte Jack Owen das _Recht_, den Burschen über den
Haufen zu schießen. Doch Ihr wißt das besser als ich es Euch sagen
könnte, und nun Herr Soldegg,« sagte er seinem Schwiegersohn dabei mit
einer Bewegung des Kopfes winkend dem Manne freie Bahn zu lassen,
»ziehen Sie in Frieden.«
Soldegg, mit der Rechten fast unwillkürlich in die Brust, nach einer
dort wahrscheinlich verborgenen Waffe fühlend, zügelte das tanzende
Pferd noch mit der Linken scharf zurück; es war, als ob er sich
nicht gutwillig fügen, noch etwas sagen wolle, und die finster
zusammengezogenen Brauen verriethen das eben als nichts Freundliches;
dann aber plötzlich sich eines Anderen besinnend, ließ er den Zügel des
Thieres frei, drückte ihm den linken, mit einem Sporn bewehrten Hacken
in die Seite, und sprengte rasch und ohne Gruß mitten durch die ihm Raum
gebenden Männer hin, den Pfad entlang, der in die Little Rock County
Straße führte.
Capitel 3.
Vater und Sohn.
Es war Frühling um New-Orleans -- draußen im Walde blühten die Magnolien
in voller Pracht, die China-Bäume streuten ein Meer von Wohlgeruch
aus ihren Lilla-Blumen um sich her, in den Büschen und Zweigen der
Niederungen flötete der Mockingbird[1] sein leise klagendes melodisches
Lied, und aus dem wehenden grauen Moos der Bäume, das fahlgrau und fast
winterlich die mächtigen Stämme der Pecan und Cypressen umweht hatte,
quollen die jungen Maigrünen Knospen zu Tag, und streckten thaublitzend
der freundlichen Sonne die schwellenden Lippen entgegen.
Oh wie die Weiden am Ufer so süß dufteten, und das Schilf im Busch so
junge kräftige Schößlinge trieb, wie das in den Zweigen und Wipfeln der
Bäume an zu leben, zu zwitschern und zu flattern fing -- wie lebendig es
auf den Flüssen und Seeen wurde, wo die Wandervögel anlangten vom tiefen
Süden, und die flugmüden Schwingen streckten und dehnten, am nächsten
Morgen in langen geordneten Schwärmen ihren Zug gen Norden weiter
fortzusetzen; wie der Himmel sich so blau und durchsichtig wieder über
das sonnige Land spannte, und die Luft so warm und lau den Wandervögeln
folgte, auch oben im Norden die eisbedeckten Ströme zu befreien, und die
weißen Decken von den darunter grünenden Saaten zu streifen.
Es war Frühling _um_ New-Orleans, aber die Stadt selber merkte freilich
Nichts davon -- Dampfboote kamen und gingen, Schiffe lichteten und
warfen ihre Anker, Schaaren von Menschen landeten und verließen die
Levée, Gütermassen wurden ein- und ausgeschifft, und ein Drängen und
Treiben war an dem lebendigen Strand wie je; aber was kümmerte die Leute
der Frühling, wo er nicht etwa in direkter Verbindung mit ihrer Zucker-
und Baumwollenerndte stand; was kümmerte sie das Zwitschern der Vögel
draußen und das Knospen und Keimen, was der Duft, der Schmelz der
Blüthen. Das Knarren der Winden, die die Güter aus der Dampfer und
Schiffe Bauch zu Tage förderten, das war ihr Vogelsang, Frühling und
Sommer, Herbst und Winter durch, die Blätter ihrer Contobücher die
einzigen auf deren Rauschen sie achteten; das Sonnenlicht wurde mit
Gleichgültigkeit, der frischende Regen mit mürrischem Gesicht oder halb
durch die Zähne gemurmeltem Fluch begrüßt, denn er näßte die Salz- und
Kaffeesäcke, und that den andern Rohprodukten Schaden -- was kümmerte
sie die übrige Welt.
Und welch ein Leben an der Levée herrschte -- siebenzehn Schiffe mit
Auswanderern von Deutschland und Irland waren in der vorigen,
dreiundzwanzig mit derselben Fracht in _dieser_ Woche angekommen;
Schaaren von Einwanderern hatte ebenfalls der vorige Monat gebracht,
von denen die größte Zahl nicht einmal Geld genug mehr besaß, die
Dampfboot-Passage zu zahlen und weiter in's Innere zu gehn, und zu
Hunderten lagen sie jetzt bei ihrem Gepäck auf der Levée umher, in Noth
und Elend das Leben der Frauen und Kinder fristend, während die Männer
mit triefender Stirn, immer und immer vergebens, nach Arbeit in der
Stadt umherliefen. Selbst die Agenten für Dampfboote und Wirthshäuser,
die Aasgeier der menschlichen Gesellschaft, wandten sich in Ekel von
ihnen ab, und das Amerika, nach dem sie die Arme hoffend und sehnend
ausgebreitet, das ihre Träume erfüllt, und sie Gefahren und Mühen des
langen, langen Wegs getrost und freudig ertragen ließ, hatte jetzt weder
eine Brodrinde für sie, die Hungrigen zu sättigen, noch ein freundliches
Wort, die Verzweifelnden aufzurichten. Die Ballen und Säcke zählten die,
geschäftig an ihnen auf- und abeilenden Amerikaner, ihre Notizbücher und
Bleistifte in der Hand, schützten sie gegen Nässe wenn es regnete, und
bewahrten sie vor Schaden; so ein Sack kostete aber auch so und so viel
Dollar, und war so gut wie baar Geld -- um die Unglücklichen kümmerte
sich kein Mensch -- sie konnten verderben wo sie lagen -- die nächsten
Schiffe brachten mehr der Art, und das Land im Innern, zu dem man sie
brauchte es zu bebauen, es der Wildniß zu entreißen, zu dem diese Leute
ihre braven Herzen, ihre kräftigen Arme, ihren Schweiß herübergebracht
-- lieber Gott, das lag eben im Westen und ging _sie_ Nichts an. Wenn
irgend Jemand ein Interesse dabei hatte war es der Staat, und da sich
der nicht darum kümmerte, was hatte der Einzelne damit zu thun -- Allen
hätten sie doch nicht helfen können.
Und der Staat? -- die Regierung der Vereinigten Staaten von
Nord-Amerika? -- Vor funfzig Jahren wohnten westlich von den
Alleghanie-Bergen noch nicht 300,000 Menschen, das Land war
größtentheils noch eine Wildniß, vom Bär, Panther und Büffel und dem
wilderen Indianer bewohnt, jetzt umschließt dieser selbe Raum eine
Bevölkerung von über zwölf Millionen; der Handel des Mississippi-Thales
wird zu dem Werth von 439 Millionen Dollar gerechnet, das Land hat zehn-
und hundertfachen Werth gewonnen, Städte sind seit der Zeit an den
äußersten Grenzen der Wildniß aufgesprungen, die jetzt den Centralpunkt
blühender, reicher Distrikte bilden und ihre Einwohnerzahl nach hundert
Tausenden zählen; so weit das Auge reicht decken blühende fruchtschwere
Felder den Boden, Straßen und Eisenbahnen durchziehen das Land,
unzählige Dampfboote schießen auf den Wassern hin, die sonst nur das
Canoe des Wilden trugen, und seinen Schlachtschrei und den Lockruf
wilden Geflügels hörten; Schulen und Universitäten stehen da, wo
in jener Zeit noch der Bär sein Lager hatte, und der Wolf die
Mitternachtsstunde heulte, und wem verdankt das weite Reich solch
riesigen Umschwung? wem anders als den wackeren Einwanderern, die mit
ihrem Schweiß die Felder gedüngt, mit ihrer Hände Fleiß geschaffen haben
was da fertig liegt. Und _das_ Land ist erst im Wachsen, denn so
Unglaubliches die kurze Zeit geleistet, so viel mehr bleibt noch zu
thun, so viel größere Strecken liegen noch in Wald und Sumpf und Wüste,
und harren der fleißigen Hände, die sie in's Leben rufen sollen.
Die Vereinigten Staaten kennen den Nutzen dabei, den sie allein von der
Einwanderung erwarten dürfen, sie wissen wie gerade der arme Bauer, der
mittellos und auf seiner Hände Arbeit angewiesen dieses Land betritt,
das Werkzeug ist den Boden zu verwerthen; sie erkennen und fühlen auch
die Pflicht, die Wohlfahrt derer zu überwachen, deren Kinder einst den
Kern des Landes bilden sollen, das beweißt z. B. das Schifffahrtsgesetz
das sie gegeben, willkürlichen Überladungen gewissenloser Rheder zu
wehren; aber nur erst ein einziger Schritt war das in dem was ihre
Pflicht ist gegen die Tausende, nur ein Eingeständniß der übernommenen,
die Menschen, die sich ihnen vertrauend genaht und ihnen Alles bringen
was sie das Ihre nennen, die Schaaren, die sie zu Vorfechtern der Cultur
gebrauchen, und die das weite Land mit ihrem Schweiße, wie oft mit ihren
Leibern düngen sollen, nicht erst verkümmern, moralisch untergehen zu
lassen gleich bei der ersten Landung.
Die Art selbst, wie sie betrügerischen Agenten, gewissenlosen Schuften
_aller_ Nationen -- denn jede findet da Geyer unter ihren Landsleuten,
die auf sie lauern -- ganz freien Spielraum läßt die Unglücklichen
auszusaugen, die vielleicht noch bei dem ersten Betreten des Landes so
viel hatten irgend einen Zielpunkt im Innern zu erreichen, und hier und
da gerupft so viele Federn lassen bis sie nicht mehr fliegen können; die
Art wie sie diese armen Unglücklichen, die der Sprache und den Sitten
fremd ihre Ufer betreten, preisgiebt jedem Betrug, jeder Hinterlist,
macht sie zu halben Mitschuldigen an Allem was geschieht, und zieht
verdienten Fluch auf ihre Häupter herab, von Tausenden.
Hier ist freilich nicht der Platz das _wie_ zu besprechen, das diesen
Übeln steuern könnte; aber der Weg, wenigstens einem Theil solchen
Unheils vorzubeugen, ist in New-York z. B. in den letzten Jahren auch
in New-Orleans, von der »deutschen Gesellschaft« angebahnt, die das
begonnen was der Staat versäumt, und _weil_ er es versäumte; aber nur
Privatleute sind es bis jetzt, die von Mitleid für so viele Unglückliche
getrieben ihre Zeit und ihr Geld opferten; der Staat sieht ruhig zu,
hält Agenten, die für die verschiedenen _Staaten_ Land verkaufen dürfen
und glaubt damit Alles gethan zu haben. Wie auf eine nackte Sandbank
hinausgeworfen findet der arme Einwanderer sich inmitten einer
unermeßlich reichen und zahlreichen Bevölkerung, in dem Drängen und
Treiben einer Christlichen Stadt, der Noth, ja dem Hungertode
preisgegeben, wenn er sich eben nicht selber retten -- helfen kann.
Das bedeutsame #Help yourself#[2] der Union hat dabei Ähnlichkeit mit
dem Rufe »Schwimm!« ein vortreffliches Wort für den der es kann, und
wer's _nicht_ kann sinkt eben unter, mit dem besten Willen.
Wie das drängte und trieb an der Levée hin, wie die leeren Karren, von
halbtrunkenen Irländern in vollem Galopp die Straße niedergetrieben,
mitten hinein in die Menschenmassen jagten, und aufluden bis in die
späte Nacht hinein von dem Riesenhaufen aufgestapelter Waaren, der sich
meilenweit den Strom entlang hinstreckt, und diese doch nicht weniger
wurden; wie sich Lastträger und Arbeiter, Krämer, Makler und Agenten,
Buchhalter und Handlungsdiener, Obst- und Blumenverkäufer, Milch-,
Kaffee- und Kuchenmädchen, Matrosen und Neger wild und bunt durcheinander
mischten, Jeder ein Ziel vor Augen, in Beschäftigung oder Erholung, Alle
dort auf- und niederwogend, rasch und geschäftig oder lachend, singend
und plaudernd -- nur die Einwanderer saßen still und stumm dabei auf
ihren Kisten und Koffern, in der fremden, auffälligen Tracht, mit den
bleichen Gesichtern und tief liegenden stieren Augen; nur an ihnen wogte
das rauschende Leben vorbei, wie der munter plätschernde Bach den
Kieselblock in seinem Wege trifft und umspühlt, und weiter strömt seinen
wilden fröhlichen Weg.
»Wo die Leute nur Alle zu Mittag essen,« sagte der eine Mann, der ein
kleines, in Lumpen eingewickeltes Kind auf dem Arme trug und ein
anderes, kaum größeres an der Hand führte, zu seinem Weib, das
fröstelnd in ein altes Tuch geschlagen in der heißen Sonne saß und den
schmerzenden Kopf in die Hand stützte, »und wie die Häuser da alle so
kalt und großartig stehn und uns anstarren mit den gläsernen Augen als
ob sie fragen wollten wo gehört _Ihr_ denn hin. S' ist doch ein eigenes
Gefühl so _gar_ keinen Platz auf der weiten Gottes Welt zu haben wo man
zu Hause ist, und wo Nachts das Bett steht. Wie sie gestern Abend
überall die Thüren zumachten und die Lichter auslöschten, und wir
draußen bleiben mußten unter freiem Himmel, war es mir g'rad wieder zu
Muthe wie daheim, als ich den Kirchweg hinunter aus unserem Dorfe auf
nimmer Wiederkehren ging.«
»Wo begraben sie denn hier die Leute wenn sie sterben?« frug die Frau
mit zitternder, noch immer fröstelnder Stimme, »oder werfen sie Einen
hier auch in's Wasser wie draußen auf dem Meer?«
Der Mann schwieg, setzte sich wieder auf seine Kiste nieder, und hielt
beide Kinder vor sich auf den Knieen; er fing an abzustumpfen gegen das
Elend um ihn her -- und es war nur _Einer_ von vielen Tausenden.
Über Mittagszeit wurde es stiller auf der Levée -- wie ein ebbender
Strom drängten die Menschenmassen von dem Ufer fort -- die Menge theilte
sich -- in die Straßen hinauf, auf die Boote selbst zog sich da Trupp
nach Trupp, bis fast nur die einzelnen Wachen bei den Gütern blieben.
Aber am Ufer hin, auf ihrem Gepäck, oder dem Ballast auch ruhend der in
der Sonne glühte, lagen die Deutschen und Iren, an Stücken Schiffszwieback
kauend, oder muldigem »Lootsenbrod«, das sie sich um ein paar Cent im
»#store#« gekauft, den nagenden Hunger zu stillen. Das schmutzige
Mississippi-Wasser, milchwarm im Sommer doch jetzt noch ziemlich kühl
von den weiter oben treibenden Eisschollen, war ihre Labung dabei, und
die Kinder -- ach wie oft auch die Eltern -- schauten dann wohl
sehnsüchtig nach den Körben hinüber, die junge Negermädchen am Ufer auf
und abtrugen, als Mittagsmahl für Manchen, den Pflicht oder Geschäft an
die Levée bannte durch die Mittagszeit. Den Fremden boten sie die Waare
nicht einmal mehr an -- »#no money, no cakey#« lachten die munteren
Dinger und schritten singend weiter, und den Kindern lief das Wasser im
Mund zusammen bei dem leckeren Anblick, den sie freilich nicht greifen
durften, und der ihnen das trockene harte Brod um so viel trockner, so
viel härter schmecken ließ.
Ei wie das drängte und lief und mit den Tellern klapperte in den
Boardinghäusern von New-Orleans; was sie für Geschäfte machten die
»armen Wirthe« die sich für das Wohl ihrer Landsleute, dem eigenen
Ausdruck nach, nur aufgeopfert. Wie in einem Bienenstock kamen und
gingen die Gäste, im Flug förmlich die Speisen hinterschlingend, nicht
zu viel Zeit auf solche Nebensachen zu verwenden.
Und in den deutschen Häusern -- lieber Gott, bis unter die Decke, auf
der Flur, und auf dem Hof selbst unter freiem Himmel, standen die Kisten
aufgestapelt, und im innern Raum saßen sie festgedrängt Mann an Mann bei
Tisch, im engen heißen Zimmer, ihr Brod im Schweiße ihres Angesichts zu
verzehren.
Auch in dem »deutschen Vaterland« waren die Räume bis unter das Dach,
die Tische gefüllt, soviel wie Stühle daran stehen wollten -- freilich
nur für solche, »die Geld hatten,« wie der alte Hamann meinte. Der ging
aber jetzt immer kopfschüttelnd im Hause herum, und jammerte und klagte
mehr als je, daß ihn seine Landsleute, die er gefüttert und verpflegt,
rein ruinirten. -- Aber er konnte auch Nichts weiter für sie thun -- so
gern er selbst es wollte -- die Zeiten waren zu schlecht, die Leute
_wollten_ nicht zahlen, und was sollte da am Ende aus einem armen
Boardinghauswirthe werden?
Sein Sohn war auch wieder von Arkansas zurückgekommen, und wenn er auch
nicht gerade so brillante Geschäfte gemacht, wie sein Vater mit dem
Waarentransport vielleicht erwartet, schien er doch, seit ein paar
Wochen wenigstens, und nachdem er etwa vierzehn Tage wieder im Haus
gewesen, den alten Trotzkopf abgelegt und keinen solchen Widerwillen
mehr vor der Wirthschaft selber zu haben, der er sich zu des Vaters
inniger Freude thätig annahm -- wenn dieser auch freilich die
Hauptgeschäfte noch selber besorgen mußte.
Auch mit seiner jungen Wirthschafterin hatte der alte Hamann einen
vortrefflichen Fund gethan, und Hedwig seine Erwartungen in jeder
Hinsicht so weit übertroffen, daß er wirklich manchmal gewaltsam an sich
halten mußte, sie nicht laut zu loben; das hätte sie nämlich leicht zu
dem Verlangen einer Gehaltserhöhung locken können, die er wenigstens
nicht selber leichtsinnig herbeiführen wollte. In dem Theil der
Wirthschaft, welchem sie, bei dem sich mehr und mehr ausbreitenden
Geschäft, vorstand, war auch Nichts zu wünschen übrig, und eine
Sauberkeit herrschte in Wäsche und Geschirr, in Tisch- und Bettzeug, die
ihn mit den wenigen Mitteln in Erstaunen setzte, und da erhielt, wo
früher die Hälfte in Schmutz verdorben und untergegangen war.
Hedwig arbeitete vom frühen Morgen bis in die späte Nacht; überwachte
die Beschäftigung der andern weiblichen Dienstleute, und schaffte selber
mit einer Thätigkeit, die Herr Hamann wohl mit innigem Vergnügen, aber
auch mit dem festen Bewußtsein sah, daß die Sache nicht lange so
fortdauern würde. Deutsche Dienstmädchen werden von Amerikanern und
Deutschen immer gesucht, so lange sie eben frisch von Deutschland
kommen, sind sie aber erst einmal eine Weile im Lande, lernen sie die
Verhältnisse näher kennen, und sehen sie besonders, wie es Andere ihres
Gleichen machen, dann arten sie auch fast immer aus, verlangen höhern
Lohn, machen sich ihre Arbeit leicht, fangen sich an zu putzen und ihren
Dienst zu wechseln, und haben sich damit, wie sie meinen, amerikanisirt.
Hedwig dachte aber nicht an etwas derartiges; glücklich in dem Bewußtsein
sich jetzt nicht allein ihr Brod verdienen, sondern auch das unglückliche
Opfer des Mannes, der sie selber, durch ihren armen Bruder so elend
gemacht, unterstützen zu können, war ihr ganzes Streben nur darauf
gerichtet, ihre Pflicht zu erfüllen. Diese Thätigkeit, mit einer, schon
nach den ersten Wochen erlangten, fast selbstständigen Stellung in dem
Hause, gab ihr eine unendliche Ruhe und Zuversicht, ja fast eine
Heiterkeit, die das arme Kind in ihrem ganzen Leben noch nicht gekannt.
Nur eines lag ihr dabei schwer auf der Seele, ja füllte ihre Augen oft
mit Thränen, und ihr Herz mit der Furcht, doch diesen Platz nicht lange
behaupten zu können, und wieder in die Welt hinaus zu müssen, die sie
eigentlich noch gar nicht kannte, und die sie wieder und wieder kalt
zurückgestoßen hatte.
Es war das Leben und Treiben ihres Brodherrn selber, wie dessen Gehülfen,
des Ausschenkers, den armen Auswanderern gegenüber, die Zufall oder Noth
in ihren Bereich warf, und denen sie -- es konnte ihr das bald nicht
mehr entgehen -- abpreßten was ihnen abzupressen war, um sie nachher
von Allem entblößt auf die Straße zu werfen. Fortwährend mit den
Unglücklichen in nächster Berührung, hörte sie täglich deren, meist nur
immer schüchtern laut werdende Klagen, sah, wie sie Schritt für Schritt
dem Verderben entgegengingen, und konnte doch nur so selten helfen.
Das Bettzeug des ganzen Boardingshauses bestand einzig und allein aus
Wäsche, die von den Unglücklichen in Versatz genommen, und selten oder
nie wieder an sie ausgeliefert wurde; ein Nähmädchen, das ebenfalls ihre
ärmliche Kost hier abverdienen mußte, war Tag um Tag beschäftigt die
alten Zeichen auszutrennen, und die Bett- und Tischtücher und Hemden neu
zu marken. Die Küche wurde tagelang mit alten Auswandererkisten geheitzt,
und Jimmy der Barkeeper that dabei mit allen nur erdenklichen Listen
sein Möglichstes, die Männer, die sich regelmäßig und halbverzweifelt
die Abende in dem Schenkzimmer umhertrieben, zum Trinken zu verlocken,
wobei er nie versäumte mitzuzechen. Wenn er sich dann auch nur ein paar
Tropfen in's Glas goß, denn _er_ mußte wenigstens nüchtern bleiben,
wurde das den armen Teufeln, die so schon nicht wußten, wie sie die
Ihrigen unterbringen und vor Mangel schützen sollten, doch immer für
voll angerechnet, und wie die Rechnungen dadurch aufliefen, verringerte
sich die Möglichkeit für die Fremden, sie zu der bestimmten Zeit zahlen
zu können, wo ihre Sachen dann dem Hause verfallen waren.
Dabei hatte Herr Hamann, von Herrn Messerschmidt und vielleicht noch von
manchen anderen eben solchen Agenten unterstützt, eine Art Landagentur,
wie auch selber eine Strecke Wald in der Nähe von New-Orleans, worauf
fortwährend Leute arbeiteten, für die er nie einen Cent baar Geld
bezahlte. Viele Amerikaner in den nördlichen Staaten standen zugleich
mit ihm in Verbindung, denen er gegen eine gute Provision Pachter oder
Käufer hinaufschickte, und von ihm empfohlen, »der ja das Land in dem er
so viele Jahre wohnte, genau kennen mußte« und nicht wissend wohin sich
zu wenden, lief Mancher, der noch ein paar Thaler und eine Menge kluger
Vorsätze mitgebracht, nur zu willig in die leicht gelegte Schlinge. Wie
es ihnen da später ging, ob sie zu spät einsahen, daß sie ihr gutes Geld
an ein Experiment weggeworfen, und nun als Tagelöhner wieder beginnen
mußten, wo sie, wenn sie ihr Geld im Anfang zu Rathe gehalten, später
mit erst gesammelter Erfahrung nach eigenem Urtheil hätten etwas erwerben
können; ob ihre Familien, trotz allem Fleiß, trotz aller Sparsamkeit in
Noth und Mangel geriethen, was kümmerte das _ihn_; er zog von dem einem
Theil seine Provisionen und brachte durch den anderen, mit nur sehr
geringen Auslagen, sein eigenes Land zu einem weit höheren Werth
in den Markt. Die Einwanderer betrachtete er ja überdieß nur als
_Handwerkszeug_, seine eigenen Zwecke zu erreichen, Handwerkszeug das
noch den ungemeinen Vortheil hatte, daß er es, wenn abgenutzt, nie
brauchte schärfen zu lassen, da jede Woche fast neues von Europa kam.
Hedwig sah und durchschaute Vieles, schon nach kurzer Zeit ihres
Aufenthaltes in dem Haus, aber was konnte das arme, mit den inneren
Verhältnissen des Landes überdieß ganz unbekannte Mädchen dagegen thun?
Sie vermochte den Unglücklichen, denen sie nicht zu helfen wußte,
nicht einmal zu rathen, und mußte, obwohl ihr das Herz dabei blutete,
geschehen lassen, was eben geschah.
Das war Amerika? lieber Gott, sie hatte sich das Land anders gedacht,
und wenn sie wohl auch fühlte, daß sie _hier_ nur die schwärzeste Seite
des Ganzen kennen lernte, jammerte sie doch das Elend so vieler
Tausende.
Manche Thräne weinte sie im Stillen den Unglücklichen, aber sie selber
schaffte und arbeitete dabei, und half auch, wo sie konnte, mit manchem,
freilich heimlich den Kindern und kranken Frauen gereichten Labsal, und
mehr noch oft mit freundlichem Wort und Trost für die, die einsam und
verlassen, des Trost's so sehr bedürftig, in der Fremde standen.
Eine furchtbare Zeit verlebte indessen Clara Henkel in dem kleinen
heißen Hinterstübchen des »deutschen Vaterlands«, wo sie, nach Hedwigs
Probewoche, von dieser einquartirt, und die erste Zeit, ehe sie sich
vollständig erholt, noch von dem jungen Mädchen gepflegt wurde, wie es
nur deren, den Tag über fast ganz in Anspruch genommene Zeit erlaubte.
Von einem hitzigen Fieber, die ersten Tage nachdem sie Amerikanischen
Grund und Boden betreten, erfaßt, und auf ihr Lager geworfen, hatte die
Unglückliche viele Tage mit dem Tode gekämpft, und doch ihn herbeigesehnt,
sie von ihrem Elend zu befreien. Hedwig war in der Zeit nur von ihrem
Lager gekommen einen Arzt zu suchen; so viel Mühe sie sich aber auch
gegeben ihren jungen Reisegefährten Donner aufzufinden, zu dem sie, was
seine Kunst betraf, an Bord der Haidschnucke so viel Vertrauen gefaßt,
war es ihr doch nicht möglich, und sie zuletzt gezwungen gewesen einen
Amerikanischen Arzt zu nehmen. Glücklicher Weise kam sie zu einem
geschickten und wackeren Mann, der die Krankheit richtig erkannte und
faßte, und die Leidende nicht mit dem, bei Amerikanischen Ärzten so
häufig alleinigen Heilmittel -- dem Calomel -- noch mehr angriff, als es
die Krankheit selbst vielleicht gethan; aber der Amerikanische Arzt
forderte auch Amerikanische Preise für seine Kur, und das Wenige an
Geld, was Clara fast nur zufällig in ihrem Koffer gehabt (denn Alles was
sie sonst an werthvollen Sachen besaß, hatte Henkel in dem kleinen, ihr
gehörenden Lederkoffer mit an Land genommen) ging mit der Zahlung des
Arztes und der Hotelkost auf. Da war es, wo Hedwig, als die Genesende
ihr ganzes Herz öffnete, ihr Alles klagte und gestand, das ganze
Geheimniß ihres Elends enthüllte, zu eigenem Handeln aufgerufen, jetzt
aber auch vielleicht zum ersten Mal selber den ganzen Jammer ihres armen
Bruders ahnend, aus dem Kind, in wenig Stunden zur Jungfrau reifte.
Nicht mehr mit furchtsamer Scheu abhängig und unentschlossen stand sie
da; Clara war ihr auch nicht mehr die Herrin, deren selbst freundliches
Wesen nie das Gefühl der Niedrigkeit bei ihr im Stande gewesen zu
bannen; sie war ihr _Schwester_, war ihr _gleich_ geworden, und nicht
etwa zu ihr dabei hinabgestiegen, sondern zu sich hinauf hatte sie
das arme bis dahin so verlassene Mädchen gezogen. Wie sie mit dem
thränenfeuchten Antlitz an ihrer Schulter lag und sie umschlungen hielt,
und ganz den eignen Schmerz vergessend, sie ihre »arme, arme Hedwig«
nannte, da drang mit dem bitteren Gefühl vergangnen Leids ein eigen
ruhiges Bewußtsein in ihre Brust. Das Schwerste war geschehn und
überstanden, viel leichter ließ sich jetzt das Andere tragen.
Aber auch Clara selber mußte handeln um sich aus dieser Lage, in der
sie nun doch einmal nicht bleiben konnte, zu befreien. In ihrem
unschuldigen Herzen hatte sie dabei keine Ahnung von der ausgedehnten
Niederträchtigkeit des Mannes, in dessen Hand sie am Altar die ihre
gelegt; noch war ihr nicht einmal der Gedanke aufgestiegen, daß auch
sein ganzer ihr erzählter Lebenslauf, daß seine Familie ein Märchen, und
er so wenig mit dem reichen Kaufmann Henkel verwandt als dessen Sohn und
Compagnon sei; ja trotz alle den Beweisen, die sie gegen ihn hatte,
trotzdem, daß er _sie selbst_ beraubt und ihr sogar das genommen,
was sie wenigstens jetzt in den Stand gesetzt hätte nach Europa
zurückzukehren, _fürchtete_ sie seine Wiederkehr, fürchtete, daß sie von
seiner Familie aufgesucht und zurückgefordert werden könne und wagte
nicht, selbst als sie sich erholt, die Schwelle des Hauses zu
überschreiten, daß ihre Spur hierher nicht aufgefunden würde.
Auch einen langen Kampf kostete es sie, nach Haus zu schreiben, dem
Vater zu gestehen, was geschehn -- wie elend sie geworden. Großer Gott,
ihre armen Eltern; was mußten sie leiden, wenn sie des Kindes Schicksal,
das sie in Glück und Wonne glaubten, erführen, und die _Mishandelte_
zu Hause holen sollten, wo sie die junge reiche Frau in Wohlleben
schwelgend dachten. Aber was blieb ihr anders übrig, als ein solcher
Schritt, denn wie sie im Anfang entschlossen gewesen, gleich mit dem
nächsten Schiff die Heimfahrt anzutreten, hatte ihre Krankheit sie
daran verhindert, und als das wenige Geld für Arzt und Kost darauf
gegangen, blieb nicht genug Passage zu bezahlen. Auch hätte sie nicht so
unvorbereitet des Vaters Haus betreten mögen -- oh ihr schauderte selbst
jetzt vor dem Schritt. -- Und wie die Nachbarinnen flüstern und lachen
würden über die »heimgeschickte _reiche_ Amerikanerin«; wie sie ihr erst
das vermeintliche Glück misgönnt, so war ihr jetzt ihr Spott und Hohn
gewiß.
Sie schrieb den Brief -- mußte sie nicht auch des armen Loßenwerders
Ehre retten, der an der Kirchhofsmauer verachtet und ungerecht
verdächtigt schlief? lieber Gott, es war das Wenigste was sie thun
konnte, den Schatten des moralisch und physisch Gemordeten zu versöhnen.
Daß ihr Vater dann weiter auch für die Schwester sorgen würde, die mit
dem Bruder ja die einzige Stütze verloren hatte in der weiten Welt,
konnte sie ruhig dem guten treuen Herzen desselben überlassen.
Das Geld, das er ihr schicken würde, die Heimfahrt für sich und Hedwig
zu bestreiten, hatte sie ihn gebeten, unter Hedwigs Namen, #poste
restante#, nach New-Orleans zu adressiren; die Zeit war aber noch zu
kurz, schon Antwort zu erwarten, die, ihrer Berechnung nach, erst etwa
in zwei bis drei Wochen eintreffen konnte.
* * * * *
Es mochte elf Uhr Morgens sein, und Hedwig war in dem großen
Speisezimmer des »deutschen Vaterlands« ruhig beschäftigt den Tisch für
das Mittagsessen zu decken und herzurichten. Das Tischtuch lag
schneeweiß darauf ausgebreitet, und eines der Hausmädchen hatte eben die
nöthigen Teller hereingebracht und auf den Nebentisch gestellt. Diese
ordnete Hedwig jetzt, mit den dazu gehörigen Messern und Gabeln, und
rückte die Stühle für die erwarteten Gäste, von denen aber, der
Amerikanischen Sitte nach, keiner das Zimmer betrat, ehe nicht die
zweite Glocke, als Zeichen daß aufgetragen, geläutet worden.
Nur Jimmy, der Barkeeper, der im Schenkzimmer um diese Zeit gerade
nichts zu thun zu haben schien, hatte sich sehr behaglich und in voller
Ruhe auf einen der kleinen noch leeren Ecktische gesetzt, schlenkerte
dort mit den Beinen, revidirte seine Fingergelenke, und starrte dabei
mit hochheraufgezogenen Brauen und immer stierer werdenden Augen nach
dem jungen Mädchen hinüber, das, seiner wenig achtend, was ihm oblag
ruhig besorgte. Sie konnte den Menschen nicht leiden und es war ihr
schon fatal nur in seiner Nähe zu sein; in ihrer Gutmüthigkeit mochte
sie ihn aber auch nicht kränken, und war wenigstens, wo sie mit ihm
unmittelbar zu thun hatte, wie gegen alle andere Menschen, freundlich
und artig.
Jimmy -- Niemand im Haus kannte einen weiteren Namen von ihm -- hatte
aber darüber andere Ansichten. Von seiner Unwiderstehlichkeit fest
überzeugt, war ihm der Fleiß und das anstellige Wesen des jungen,
überdieß wunderhübschen Mädchens keineswegs entgangen, und sich selber
an den Punkt angelangt glaubend, wo er ebenfalls daran denken könne
einen eigenen Heerd zu gründen, fing es ihm an einzuleuchten, daß er
hier einen passenden Gegenstand für sein Haus -- und nebenbei dann auch
für sein Herz -- gefunden haben möchte. Noch nie war ihm aber das
Mädchen wirklich so hübsch und verlockend erschienen wie gerade heute,
und indem sich über sein Gesicht ein breites, ihm eigenthümliches
Schmunzeln zog, in dem das Weiße seiner Augen vollständig sichtbar
wurde, sagte er plötzlich:
»Mamsell Hedwig!«
»Herr Jimmy?« antwortete das junge Mädchen, ohne von ihrer Arbeit
aufzusehn, und mit dem Überwischen der einzelnen Teller noch
beschäftigt.
»Verdammt gute Zeiten jetzt in New-Orleans,« sagte Jimmy.
»_Gute_ Zeiten?« seufzte Hedwig -- »lieber Gott, die armen Menschen
füllen die Wirthshäuser und selbst Straßen, und können nicht Arbeit
finden für sich oder die ihrigen -- ich habe nie geglaubt, daß es so
viel Elend in Amerika gäbe.«
»Bah, Unsinn!« sagte aber Jimmy auf seinem Sitz zurückrückend und sich
einen Stuhl zwischen die Füße nehmend, mit dem er balancirte, »füllen
die Wirthshäuser -- _das_ ist die Hauptsache -- famose Zeiten für
Boardinghäuser -- waren nie besser.«
Hedwig schwieg und arbeitete ruhig weiter, Jimmy aber, dessen Gedanken
jetzt eine bestimmte Bahn bekommen hatten, fuhr halb mit sich selber,
halb zu dem Mädchen redend fort:
»Wenn jetzt Jemand irgendwo an einer passenden Stelle ein passendes
Boarding und Lodginghaus anlegte, und Jemand die Sache aus dem Grunde
verstünde -- wenn Jemand gute Spirituosen, daß heißt _billige_, dabei
hielte, und mit seinen Leuten umzuspringen wüßte -- wenn Jemand dann
eine passende Frau hätte, die ihm die Wirthschaft ordentlich führen, das
Tisch- und Bettwesen besorgen, und den Leuten in der Küche auf die Hände
sehen könnte, und Jemand wäre dann ein hübscher, passender Kerl und« --
Jimmy schwieg einen Augenblick, und knackte seinen Zeigefinger zu
gleicher Zeit so scharf und laut, daß es ordentlich klang als ob er ihn
sich abgebrochen hätte, und selbst Hedwig, die kaum gehört was er
sagte, rasch und erschreckt nach ihm umschaute. Aber sie mußte lachen,
wie sie ihn ansah, denn auf dem Tisch, mit den hochgezogenen Brauen und
dem klugen bedenklichen Gesicht, das er machte, indeß er, den Stuhl
jetzt allein zwischen den Füßen hin und herschlenkernd, seine Finger in
altgewohnter Weise mishandelte, sah der Bursche wirklich komisch aus.
Das freundliche Lächeln in Hedwigs Zügen brachte aber auch in den
seinigen eine merkwürdige Veränderung hervor, und seine Lippen wieder,
wie er das ebenfalls zu Zeiten an sich hatte, nach vorn durch einen
plötzlichen Ruck zu einer Spitze ausstoßend, schloß und öffnete er
die Augen ein paar Mal, ließ den Stuhl dann zwischen seinen Füßen
herausfallen, sprang vom Tisch hinunter und ging, die Hände plötzlich in
beide Hosentaschen schiebend -- er war, wie gewöhnlich, in Hemdsärmeln
-- auf Hedwig zu. Diese sah ihn allerdings etwas erstaunt sich nähern,
hatte aber ihre Arbeit schon wieder aufgegriffen, die darin bestand, von
dem nächsten kleinen Seitentisch dortstehende Wassergläser zu nehmen,
auszuwischen und eines neben jedes Gedeck zu setzen. Sie war dabei
gezwungen nach und nach um den ganzen Tisch zu gehn, und Jimmy folgte
ihr dort herum, seine Unterhaltung wieder aufnehmend.
»Jemand könnte schmähliches Geld dabei verdienen, Mamsell Hedwig,« fuhr
er fort, die linke Hand an ihrem Platz lassend, und mit der rechten dem
jungen Mädchen eines der Gläser zum Abwischen reichend.
»Womit Herr Jimmy?«
»Nun mit einem Boarding und Lodginghaus.«
»Ja, aber warum fängt es da Jemand nicht an?« lächelte Hedwig, der doch
nicht entgehen konnte, daß der junge Mann sich selber mit dem Jemand
verstand, wenn sie auch noch keine Ahnung von den weiteren Consequenzen
hatte. Jimmy aber, der sich mit der höchst unbegründeten Hoffnung
schmeichelte, das junge Mädchen komme ihm auf halbem Wege entgegen,
vergaß auf einmal das Gläserreichen, fing wieder an mit seinen Fingern
zu knacken und sagte, halb bedenklich halb verschämt:
»Ja wenn Jemand wüßte, daß Jemand wollte -- «
»Wollte? -- was?« frug Hedwig.
»Jemandes Frau werden!« sagte Jimmy, indem er, seine halbe Werbung dabei
zu illustriren, den rechten Arm um die Hüfte der eben wieder an ihm
vorbeigehenden Hedwig legte.
Das junge Mädchen zuckte vor der Berührung zurück und sah den, wenn
nicht frechen, doch jedenfalls höchst zuversichtlichen Burschen mit
einem so ernst zurückweisenden Blicke an, daß jeder Andere an Jimmys
Stelle auch jeden weiteren Versuch in Verzweiflung aufgeben haben würde.
Jimmy jedoch war weit davon entfernt eine wirkliche Zurückweisung,
seiner Persönlichkeit gegenüber, auch nur für möglich zu halten, und
einmal _so_ weit gegangen, glaubte er die Sache gleich, mit einem Kuß
vielleicht, zu einem allerseits zufriedenstellenden Ende zu bringen. Die
Gelegenheit war jedenfalls günstig, Niemand in der Nähe, und ehe Hedwig
nur eine Ahnung von dem beabsichtigten Vorhaben hatte, schlang der
unverschämte Gesell seinen rechten Arm um sie, drückte mit der linken
Hand rasch dabei ihr Kinn empor, und wollte eben seinen dicken schwülstigen
Mund auf die zarten Lippen des Mädchens pressen, als deren kleine aber
kräftige und eben so schnell geballte Faust ihn dermaßen in's Gesicht
traf, daß er in Schmerz und Schreck losließ und zurückfuhr, und in
gleicher Zeit auch das warme Blut an seiner Nase niedertropfen fühlte.
In demselben Augenblick fast ging die Thür auf, und ein Deutscher, der
dort einige Wochen im Haus gewohnt und sich jetzt von Herrn Hamann einen
Hausplatz in einer irgendwo in Ohio liegenden Stadt gekauft hatte, trat
rasch herein. Er schien reisefertig und wollte auch in der That, ehe er
an Bord des Dampfers ging, nur noch eine kleine Rechnung zahlen, die in
der »#bar#« für ihn aufgeschrieben stand.
»Haben Sie sich gestoßen, Herr Jimmy?« frug der Mann freundlich, als er
eben sah wie der Barkeeper sein vorn in der Weste steckendes Taschentuch
herausgenommen hatte und einzelne Blutflecke damit aus dem Gesichte
wischte.
»Jes -- ein Bischen« sagte Jimmy, mit einem eben nicht liebevollen Blick
nach Hedwig hinüber, die schon wieder mit den Gläsern beschäftigt war --
»an der -- Tischdecke da drüben.«
»Zu schnell gebückt, nicht wahr? -- ja das thut schändlich weh; da hab
ich mich auch neulich bös getroffen; sehn Sie mal hier, da müssen Sie
noch die Narbe erkennen können.«
»Ja wohl,« sagte Jimmy, über das Taschentuch weg, nach Hedwig hinüber
sehend, die jedoch nicht weiter auf ihn achtete.
»Aber ich muß fort, Herr Jimmy,« sagte der Mann, »und wollte ihnen nur
noch erst die Kleinigkeit zahlen, die ich hier unten schuldig bin, --
mein Boarding und Lodging ist schon abgemacht.«
»Ja so,« sagte Jimmy, der sein Taschentuch wieder in die Weste
zurückschob, sich aber immer noch dann und wann an die Nase fühlte, dann
seine Finger besah, und dem Mädchen aber, um ihr zu beweisen, daß er
sich Nichts aus ihr mache, jetzt den Rücken zudrehte -- »apropos, wie
ist es denn mit unserem Handel; wollen Sie die Büchse nicht mitnehmen?
-- ich habe sie besonders für Sie in Stand setzen lassen.«
»Ja ich habe freilich kein Gewehr, weiß aber auch nicht ob ich in Ohio
viel damit anfangen kann,« meinte der Mann.
»In Ohio?« wiederholte Jimmy auf's Äußerste erstaunt, »na das wäre mir
aber lieb -- in Ohio Nichts mit einer Büchse anfangen? -- Sie wollen
wohl die Bären mit dem Regenschirm schießen?«
»Ja aber Bären giebts doch dort nicht mehr?«
»So? -- auch keine Indianer, wie? -- wenn sie Jemandem nur erst einmal
die Schweine wegholen, wird er's schon merken.«
»Hm -- und Sie meinen wirklich, daß ich sie dort brauchen könnte?«
»Ich meine, daß Jemand _ohne_ Gewehr da eben ungefähr so dran wäre, als
wenn Jemand ins Feld ohne Pflug ginge.«
»Und wie war der genaueste Preis?«
»Sechzehn Dollar hat sie mich selber gekostet, und einen Dollar habe ich
jetzt dem Büchsenmacher für Reinemachen und in Stand setzen bezahlt.«
»Das ist viel Geld, und die paar Dollar die ich noch habe werde ich
überdieß nothwendig genug brauchen. Donnerwetter wenn ich nur daran
vorher gedacht hätte; in Deutschland konnte ich so ein Ding für fünf
Thaler kaufen.«
»Ja das glaub' ich, in Deutschland; hier sind wir aber in Amerika.«
Jimmy hatte indessen das Schenkzimmer geöffnet und war mit dem Mann, mit
dem er drin den Handel um das Gewehr abschloß, hineingegangen, als ein
anderer Mann vorn eintrat, und Herrn Hamann zu sprechen wünschte. Herr
Hamann, der in der Stadt etwas zu besorgen gehabt, und jetzt ebenfalls
gerade zu Hause kam, folgte ihm dicht auf dem Fuße, und frug ihn was er
wünsche.
»Sie kennen mich nicht mehr Herr Hamann?« sagte der Mann, der bleich und
elend aussah, indem er den Hut abnahm und sich mit dem Tuch den Schweiß
von der hohen, und mit spärlichen Haaren besetzten Stirn wischte -- »hab'
ich mich gar so sehr verändert in den dreiviertel Jahren?«
»Ach Herr Dings da -- na wie heißen Sie doch gleich?« --
»Mollwich -- «
»Ach ja wohl, ganz recht, Herr Mollwich; aber bitte, kommen Sie mit
in's Eßzimmer,« setzte er dann hinzu, als er den anderen Mann, mit
dem er ebenfalls eine Landangelegenheit gehabt, noch mit dem Barkeeper
beschäftigt sah, und vielleicht seine guten Gründe hatte, beide
Geschäfte nicht zusammen zu besprechen -- »Bitte treten Sie da hinein;
-- nun Bäcker, reisefertig?« redete er dann im Vorübergehn den Andern
an, indem er ihm die Hand reichte.
»Ja wohl Herr Hamann -- will mir eben hier noch eine Büchse aufschwatzen
lassen.«
»Werden sie hoffentlich gut gebrauchen können. Was haben _Sie_ denn
wieder mit Ihrer Nase gemacht, Jimmy?«
»Gestoßen« sagte dieser, kurz angebunden.
»Sie rennen auch überall gegen; wenn der Schädel nicht so dick wäre,
hätten Sie ihn schon lange eingestoßen.«
»Werde wohl mit meiner eigenen Nase machen können was ich will,« brummte
Jimmy, eben nicht in bester Laune, halblaut vor sich hin.
»Nun adieu Bäcker,« sagte Herr Hamann, wieder zu diesem gewandt, »viel
Glück im Lande oben, und auf der Jagd.«
»Na ja, nun kauft man sich ein Gewehr und bekommt auch noch gleich Glück
dazu gewünscht; nachher freuts Einen aber,« sagte der Mann, halb lachend
halb ärgerlich. --
»Ach ja so, einem Jäger darf man ja kein Glück wünschen,« sagte Herr
Hamann.
»S'ist nur gut, daß es Ihnen noch zur rechten Zeit einfällt,« brummte
Bäcker, während der Wirth mit dem andern Deutschen, ohne weitere Notiz
von ihm zu nehmen, in das Speisezimmer trat.
»Nun wie gehn die Geschäfte Herr Mollwich -- schon einen hübschen
Viehstand? -- Land urbar gemacht, Felder bestellt -- ?«
»Haben Sie meine Briefe nicht bekommen?« frug der Deutsche, ohne auf die
an ihn gerichteten Fragen weiter einzugehen.
»Ihre Briefe? -- keinen einzigen,« sagte Herr Hamann erstaunt, »was
haben Sie mir denn geschrieben?«
»Weiter Nichts,« meinte Mollwich mit bitterem, verbissenem Ton, »als daß
der Landdeed, den ich von Ihnen bekommen, und nach dem ich den Military
Grant[3] nur gleich in Besitz nehmen konnte, wenn nicht falsch, doch
schon lange von Jemand Anderem besiedelt und besetzt war. Mit Gewalt
ließ sich dagegen Nichts ausrichten, und ein deutscher Advokat, dem ich
unglücklicher Weise in die Hände fiel, und der merkte, daß ich ein paar
Thaler Geld im Vermögen hatte, beschwatzte mich einen Proceß anzufangen,
wonach ich es dann endlich, nachdem ich die Sporteln zehn und zehn
Dollarweis bezahlt, schwarz auf weiß bekam, daß der jetzige Besitzer
jenes #military grants# in seinem vollen Rechte sei, und ich meinen
Proceß verloren habe. Die Gerichte bewiesen mir das durch eine Masse
Sachen die ich nicht verstand, aber ihre Geldforderung, _die_ machten
sie mir begreiflich. Da ich das Geld nicht missen konnte wieder nach
New-Orleans zu gehn, _schrieb_ ich ein paar Mal an Sie, mir die Summe,
die ich Ihnen für den falschen Grant gegeben, zurück zu zahlen, erhielt
aber keine Antwort, und bekam indessen in der sumpfigen Gegend auch
noch obendrein das Fieber, das mich zwei volle Monat schüttelte, und
verhinderte wieder auf das Wasser zu gehn, wo es ja noch immer schlimmer
wird. Davon wieder genesen, mußte ich einen Theil meiner Sachen
verkaufen, nur die Passage hier herunter zu bezahlen, und stehe jetzt
auf Amerikanischem Boden, an Erfahrung allerdings reicher, aber sonst
gerade so arm wie Einer jener armen Teufel die an der Levée lagern; und
als ich vor 11 Monaten in New-Orleans landete hatte ich ein Vermögen von
dreizehnhundert Thalern in der Tasche.«
»Das ist allerdings sehr schlimm,« sagte Herr Hamann, der fortwährend
bei der Erzählung des Deutschen den Kopf geschüttelt und mit den Achseln
gezuckt hatte, »aber mit Ihren Erfahrungen, und Fleiß und Ausdauer,
werden Sie sich doch schon wieder hinaufarbeiten. Nur den Muth nicht
sinken lassen; Amerika ist ein durchaus freies und betriebsames Land,
und wer da arbeiten _will_, der kommt auch durch; das ist _mein_
Sprichwort.«
»Das hoff' ich zu Gott,« sagte der Mann, »und wenn ich nur erst einmal
ein klein wenig wieder zu Kräften gekommen bin, werd' ich schon tüchtig
zufassen, wenigstens einen Theil des Verlorenen wieder einzubringen.
Vor allen Dingen muß ich Sie aber jetzt bitten den Landdeed, den ich --
der Himmel weiß es -- kein Opfer gescheut habe zu verwerthen, wieder zu
nehmen, und mir die vierhundert Dollar zurückzuzahlen, die ich Ihnen
dafür gegeben?«
»Ich? -- Ihnen vierhundert Dollar für etwas zahlen was Sie, als
vollkommen freier Herr Ihrer Handlungen von mir einmal gekauft haben?
Das ist auch wohl nur Ihr Scherz, mein guter Herr Mollwich. Ich verkaufe
außerdem so viele Deeds, die _alle_ gut sind, daß ich nicht einmal
wissen kann ob der gerade, den Sie nicht verwerthen konnten, wirklich
derselbe ist, den ich Ihnen gegeben.«
»Seh' ich aus wie ein Spaßvogel,« sagte aber der arme Teufel erschreckt
-- »und _nicht_ der Deed den _Sie_ mir verkauft haben, sagen Sie?
glauben Sie daß ich Sie betrügen würde Herr Hamann?«
»Gott soll mich bewahren das von einem Menschen zu denken,« sagte Herr
Hamann rasch und abwehrend, »aber wie käme _ich_ dazu das Geld zu
verlieren?«
»Und soll _ich_ Ihnen 400 Dollar für ein Papier zahlen, das ich
höchstens zu Fidibus brauchen könnte?« rief der Mann empört.
»Lieber Herr, zu was Sie das Papier brauchen, wenn Sie es einmal gekauft
und bezahlt haben,« sagte Herr Hamann froh eine Gelegenheit zu finden
ärgerlich zu werden, »kann mir ungeheuer gleichgiltig sein; soviel
erinnere ich mir aber noch sehr gut aus jener Zeit -- obgleich es lange
genug her wäre das auch vergessen zu haben -- daß Sie damals bei drei
oder vier Menschen genaue Erkundigungen über die Ächtheit des Dokuments
eingezogen, und diese Ihnen sämmtlich die Ächtheit desselben versichert
haben.«
»Aber wer _waren_ die Männer?« rief Mollwich rasch -- »der eine ein
gewisser Messerschmidt, über den ich in Missouri oben böse Sachen
gehört, und der schon in mehreren Fällen sogar falsches Zeugniß soll
abgelegt haben.« --
»Na nu wird mir aber die Sache doch zu bunt,« rief Herr Hamann
entrüstet; »jetzt beschuldigen Sie mich wohl am Ende, mir gerade in die
Zähne hinein, daß ich falsche Zeugen bestochen hätte, Ihnen das Land
aufzuschwatzen? -- wissen Sie wohl daß ich Sie dafür hier vor Gericht
belangen könnte?«
»Ich beschuldige Sie ja dessen nicht, bester Herr Hamann,« rief der Mann
in Verzweiflung, der wohl einsah, daß er auf solche Art Nichts wieder
von seinem Gelde herausbekommen würde, »aber ich bitte Sie um Gottes
Willen, setzen Sie sich an meine Stelle, und sagen Sie selber was ich
thun, was anfangen soll?«
»Arbeiten, lieber Freund, arbeiten,« erwiderte Herr Hamann immer noch
heftig.
»Aber der Mensch will doch vor allen Dingen _leben_.«
»_Leben_, lieber Mann; es ist noch kein Mensch in Amerika verhungert;
die Sache kommt Ihnen wahrscheinlich viel schlimmer vor als sie wirklich
ist.«
»Sie werden mir zugeben Herr Hamann, daß ich Geld haben muß um meine
nächste Kost zu zahlen, bis ich wenigstens Arbeit bekomme -- das ganz
abgerechnet, daß ich Geld genug mit herübergebracht habe selbstständig
hier aufzutreten, und nun wieder zu _fremden Leuten_ in Arbeit gehen
soll?«
»Aber ist das _meine_ Schuld?« frug Herr Hamann scharf.
»Lieber Herr -- wir wollen uns nicht um das Vergangene streiten« --
sagte der arme Teufel einlenkend; »es war allerdings mehr meine Schuld,
wie die eines andern Menschen; ich bin genug gewarnt worden und hätte
sollen klüger sein; aber, mein guter Herr Hamann, Sie werden das doch
auch einsehen, daß es ungerecht -- daß es wenigstens gar zu hart wäre,
wenn ich den _ganzen_ Verlust allein tragen sollte. Lieber Gott ich wäre
ja ein geschlagner, vollkommen ruinirter Mann -- und das werden Sie doch
gewiß nicht wollen.«
»Ich werde mir gewiß die größte Mühe geben für Ihnen eine passende
Beschäftigung zu finden,« sagte Herr Hamann.
»Einen _Theil_ des Geldes geben Sie mir doch jedenfalls zurück?«
»Einen Theil des Geldes? aber lieber Freund, Sie reden da gerade, als ob
ich die vierhundert Dollar von Ihnen genommen und in die Tasche gesteckt
hätte,« sagte Herr Hamann.
»Aber ich habe es doch an Sie bezahlt?«
»An mich _bezahlt_, -- recht schön, aber ich habe die Deeds doch nicht
haufenweise in meinem Schiebfach liegen, und besorge sie doch nur, wenn
ich Jemandem damit einen Dienst erweisen kann, von Anderen, denen ich
sie aber so theuer, ja dann und wann noch theurer bezahlen muß;« rief
Herr Hamann wieder in Eifer gerathend, »das soll mir aber eine Warnung
sein, mich nicht wieder in solche Geschichten einzulassen! mein gutes
Herz hat mir da schon manchen bösen Streich gespielt, und man hat doch
am Ende nur Ärger und Undank davon.«
»Und können Sie mir's verdenken, daß ich mich über den Verlust beklage?«
»Beklagen? Gott bewahre, aber von _mir_ sollen Sie nur kein Geld wieder
heraus haben wollen.«
»Aber von wem, um des Himmels Willen denn?« rief der Mann händeringend.
»Ich will Ihnen etwas sagen,« meinte Herr Hamann, in einem anscheinenden
Anfall von Gutmüthigkeit, der dem Unglücklichen schon wieder einige
Hoffnung gab -- »ich will mit dem Mann von dem ich den Grant habe --
wenn ich ihn noch finden kann, heißt das, denn hier in Amerika bleiben
die Leute nicht Jahrelang auf ein und demselben Fleck sitzen -- reden,
und wenn _der_ sich dazu versteht etwas von der Summe wieder
herauszugeben, so -- «
»Aber lieber Herr Hamann, Sie wissen recht gut daß das nie der Fall sein
wird,« sagte Mollwich kleinlaut.
»Nein das weiß ich gerade _nicht_,« sagte Herr Hamann, »aber Sie
verlangen doch wahrhaftig nicht, daß ich _dem_ erst für Sie den Grant
bezahlen, und Ihnen dann nachher, wenn Ihnen die Sache nach Jahr und Tag
nicht mehr convenirt, das für Sie ausgelegte und von Ihnen eben nur
wieder erhaltene Geld, noch obendrein dazu bezahlen soll? Das wären
schöne Geschäfte.«
»Und bis wann könnte ich da Antwort haben?«
»Ja das bin ich nicht im Stande Ihnen zu sagen; Sie wissen selber wie
beschränkt meine Zeit ist; übrigens können Sie -- nicht wahr, Sie haben
Ihre Sachen bei sich?« --
»Es liegt noch Alles unten an der Dampfbootlandung,« sagte der Mann.
»Nun gut, dann können Sie die so lange zu mir herstellen und hier für
drei Dollar die Woche -- billiger bekommen Sie es überdieß nirgends --
wohnen, und wenn ich etwas Bestimmtes erfahre -- «
»Auch das noch, nicht wahr?« -- rief aber der Mann jetzt, der zu viel
von Amerika gesehen hatte _darauf_ einzugehn; »dadurch würde ich nur
hingehalten und käme auf's Neue in Schulden, die ich nachher mit dem
_letzten_ Rest meines Eigenthums bezahlen müßte. Nein, lieber Herr
Hamann, geben Sie mir wenigstens _hundert_ Dollar von dem an Sie
gezahlten Geld; nur _ein_hundert Dollar für die _vier_, und ich will
fortgehn und zufrieden sein, und keinem Menschen eine Sylbe klagen, ja
die gesammelte Erfahrung, wenn auch als theuer, doch nicht als zu theuer
erkauft betrachten.«
»Danke Ihnen,« sagte Herr Hamann spöttisch, »Ein Hundert Dollar baar
Geld können allerdings schon ein Übriges thun, ich habe sie aber nicht
in kleinen Paketen daliegen, sie einzeln aus dem Fenster zu werfen; und
wenn Sie überhaupt glauben, daß ich Sie nur in Kost und Logis haben
will, um Sie _hinzuhalten_ und Ihnen Ihre Sachen abzunehmen, so können
Sie meinetwegen hingehen, wohin Sie Lust haben; _mich_ aber seien Sie so
gut und lassen Sie in Zukunft zufrieden, und wenn Sie glauben irgend
eine Forderung an mich zu haben, so gehn Sie hin und verklagen Sie mich
-- ich heiße Hamann, wohne in -- Straße Nr. 36 und gehe keinem Menschen
aus dem Wege.«
Mollwich wollte wieder einlenken, und vielleicht noch einmal versuchen
den Mann in Güte zu bewegen, einen Theil seines Unrechtes, ohne daß er
es gerade einzugestehn brauchte, an ihm gut zu machen; Herr Hamann aber
verfolgte den gewonnenen Vortheil, spielte den Gekränkten und schändlich
Beleidigten, und jagte den armen Teufel, der sein Alles durch ihn
verloren, zuletzt auch noch zum Zimmer und Haus hinaus.
Gerade als er dieses verließ, und noch unter der Thür, begegnete ihm der
junge Hamann, der durch den Schenkstand durch, ohne den hinter ihm drein
Gesichter schneidenden Barkeeper auch nur eines Blicks zu würdigen, den
Speisesaal betrat, und hier Hedwig, still mit ihrer Arbeit beschäftigt,
und den Vater, im Auf- und Niedergehn die Hände vergnügt zusammenreibend,
fand. Mollwich hatte aber so verstört und bleich ausgesehen, daß der
junge Mann nicht anders glauben konnte, als es sei etwas mit ihm
vorgefallen und den Vater frug, was er gehabt und weshalb der Deutsche
-- ein alter Bekannter, wenn er nicht irre -- in solcher Aufregung das
Haus verlassen.
»Aufregung? -- der?« lächelte aber Herr Hamann still vor sich hin, »der
hätt's auch noch nöthig sich groß aufzuregen.«
»Und was wollte er, Vater?«
»Was er wollte? -- was alles derartiges Gesindel von mir will, wenn sie
einmal zu mir kommen; _Geld_. Weil er sich von Jemandem hat einen
verfallenen #military grant# aufbinden lassen kommt er zu mir, und
verlangt ich soll ihn ihm abnehmen, dabei wäre 'was zu verdienen.«
»Ich glaubte Du hättest wieder etwas mit dem Mann gehabt,« sagte der
Sohn seufzend, drehte sich ab und wollte langsam das Zimmer verlassen,
als Hedwig, die mit klopfendem Herzen der ganzen vorigen Verhandlung
gelauscht, und nach Allem, was sie von dem alten Hamann wußte, keinen
Augenblick mehr zweifelte, wie er selber den Unglücklichen betrogen, und
von sich gestoßen, vortrat und mit vor innerer Aufregung hochgefärbten
Wangen und zitternder Stimme, aber mit in edler Entrüstung blitzenden
Augen ausrief:
»Er _hat_ etwas mit ihm gehabt Herr Hamann, und der Mann jetzt elend und
ruinirt dieß Haus verlassen.«
»Ist die Dirne _verrückt_?« rief der Alte, sich rasch und erstaunt nach
ihr umdrehend, denn Hedwig hatte bis jetzt fast noch nie ein Wort
gesprochen, wo sie nicht gefragt worden, oder ihres Geschäftes wegen
reden _mußte_, »_was_ ist vorgefallen Mamsell, und was haben Sie sich in
Dinge zu mischen, die Sie Nichts angehn, und von denen Sie Nichts
verstehn?«
»Ich habe vielleicht Unrecht,« sagte Hedwig, der das aufquellende Blut
die Stirn-Adern zu zersprengen drohte, »den Mann, der mir Brod gegeben,
eines Fehlers anzuklagen; aber ich will lieber das Brod nicht mehr
essen, wenn ich glauben soll, daß es aus den Thränen Unglücklicher
gewachsen ist.«
»Sie können _heute_ abziehn, wenn's Ihnen recht ist,« rief der Alte
ärgerlich auf sie zugehend; »glauben Sie etwa Mamsell, daß ich mir von
meinen _Dienstboten_ etwas derartiges gefallen lasse? -- marsch fort
jetzt in ihre Küche, und wenn die Woche um ist, denn bis so lange müssen
Sie bleiben, damit ich mich nach Jemand Anderem umsehen kann, verlassen
Sie mein Haus! -- Thränen der Unglücklichen -- ich will Sie bethränen
der Unglücklichen« -- und an den Sohn gar nicht mehr denkend, der
erstaunt, erschreckt, die halboffene Thüre des Schenkzimmers in der
Hand, stehn geblieben war, riß er den andern Ausgang, der in das innere
Haus führte, auf, und stürmte, die Thüre wieder hinter sich in's Schloß
werfend, daß die Scheiben klirrten, die Treppe hinauf.
Auf dem Schenktisch aber im Barroom saß Jimmy, pfiff aus Leibeskräften
den Yankeedoodle, und knackte mit seinen Fingern den Takt dazu.
Franz schloß die Thüre wieder, und dann zu dem noch immer zitternden und
erregten Mädchen langsam hintretend, sagte er freundlich:
»Was ist vorgefallen Hedwig -- was hat Sie so erregt -- was hat mein
Vater gethan, daß Sie den Zorn des alten Mannes selbst so weit gereizt
haben Ihre Stellung zu gefährden? sprechen Sie offen zu mir; kann ich es
ändern, soll es geschehn.«
»Wär' es nicht deshalb gerade Herr Hamann,« sagte aber Hedwig jetzt mit
kaum hörbarer zitternder Stimme, während das Blut ihre Wangen verließ
und sie todtenbleich färbte, »ich hätte meine Lippen nicht geöffnet;
aber zu lange habe ich schweigen müssen, zu viel des Elends hier im
Hause mit ansehn, mit erleben, und immer das Bewußtsein dabei mit mir
herumtragen müssen, nicht helfen zu können, nicht im Stande zu sein
beizuspringen und den Unglücklichen die rettende Hand zu reichen. Das
ertrage ich nicht mehr länger und will ja gern dieß Haus verlassen; ich
habe Schmerz und Weh genug schon gelitten auf der Welt,« setzte sie
seufzend hinzu, »mein Herz sehnt sich danach auch einmal glückliche
Menschen um sich zu sehn, wenn es auch selber nie glücklich werden
sollte.«
Mit kurzen Worten erzählte sie jetzt, auf Franzens Bitte, diesem den
Vorfall mit dem Deutschen, der jetzt von Allem entblößt New-Orleans
wieder betreten habe, und Franz stand dabei, die Arme fest auf der Brust
gekreuzt, die Brauen finster zusammengezogen, und hörte schweigend der
Erzählung zu. Und langsam wandte er sich dabei ab -- Scham und Schmerz
drängten ihm eine Thräne in's Auge, die er dem Mädchen nicht verrathen
wollte; aber Hedwig sah sie doch -- der verrätherische Tropfen blitzte,
als er fiel im Sonnenlicht und froher Jubel zog ihr dabei, sie wußte
selber kaum weshalb, in's Herz.
»Der Mann soll sein Geld wieder haben,« sagte er endlich, mit kaum
wieder gesammelter, aber entschlossener Stimme, »der Fluch eines
Unglücklichen soll nicht auf unserem Namen haften, wo ich es hindern
kann, und gebe Gott, daß meines Vaters Herz sich endlich meinen Bitten
und Vorstellungen erweichen möge. Aber wo find' ich den Mann -- wo in
der weiten Stadt darf ich hoffen ihn zu treffen?«
»Er ist von Missouri heruntergekommen, und sagte, daß er sein Gepäck an
der Dampfbootlandung gelassen -- sein Name ist Mollwich.«
»Das ist genug -- ich brauche den Namen nicht, ich kenne das Gesicht,
und lange ehe er die Dampfbootlandung wieder zu Fuß erreicht haben kann,
bin ich mit einem Omnibus an Ort und Stelle.«
Er wandte sich rasch zum Gehen, zögerte, drehte sich um und schritt
wieder auf Hedwig zu.
»Hedwig,« sagte er leise und ergriff ihre Hand, die sie ihm, von einem
eigenen, wunderlichen Schauer durchbebt, überließ, »ich danke Ihnen
herzlich für die Gelegenheit die Sie mir heute geboten Ihnen zu beweisen,
daß ich des Vaters harten Sinn so gerne mildern möchte -- aber -- gehn
Sie nicht von uns, verlassen Sie das Haus nicht, dem Sie ein Segen
werden können -- wenn Sie _wollen_.«
»Und _darf_ ich bleiben?« sagte Hedwig schüchtern »hat nicht Ihr Vater
selbst mich fortgeschickt, und wird er mir je vergessen können was ich
gethan?«
»Er wird es, weil er muß; er _kann_ Sie nicht entbehren, und _darf_
seine Drohung nicht wahr machen, _meinet_wegen,« rief Franz -- »oh gehn
Sie nicht Hedwig -- schon lange habe ich gesehn, wie gut und freundlich
Sie mit den Leuten sind, und manche Thräne trocknen, die nie hätte
fließen sollen. Ich weiß es wohl und _kann_ ihnen nicht immer helfen,
und doch auch hält mich ebenfalls die Pflicht, hält mich die Überzeugung
hier zurück, daß Schlimmeres geschehen und manches hier -- werden würde
wie es -- wie es nicht werden darf und soll, so lange mein Vater noch
das Mindeste auf mich selber giebt. Verließ ich ihn, so wären Consorten,
wie Messerschmidt und Jimmy, bald Leiter des Geschäfts, und Gnade Gott
den Unglücklichen, die _dann_ in ihre Hände fielen. Helfen Sie mir
ausharren Hedwig -- lassen Sie uns Beide das gut zu machen suchen, was
Andere -- ich will ja so gern hoffen, oft absichtslos -- verderben. Schon
seit Sie im Hause sind, kommt es mir vor, als ob Manches anders -- besser
geworden wäre; früher war es als ob mich die Räume hier erdrückten, wenn
ich zwischen ihnen weilen mußte, und von Arkansas kehrte ich mit dem
festen Entschluß zurück, das väterliche Haus zu meiden. Seit Sie hier
sind, hab' ich das Gefühl nicht mehr; mir ist, als ob mich die Pflicht
hielte, und ich dem Wunsche meines Vaters, das Geschäft aus seinen
Händen zu übernehmen und, wenn auch noch unter seiner Leitung,
fortzuführen, nicht länger widerstreben dürfte. Ich weiß daß Vieles dann
besser werden würde -- machen Sie es nicht zu einer Unmöglichkeit durch
Ihr Austreten.«
»Was kann ich armes Mädchen dabei thun?« sagte Hedwig traurig.
»Viel -- unendlich viel -- mich selber zum Ausharren bewegen in dem
schweren Stand. Mein Vater ist, wenn auch vielleicht nicht reich, doch
wohlhabender als er sich mir gegenüber stellt, und hab ich die Aufsicht
über das Ganze in die Hand genommen, kann und darf ich erst den
einzelnen schlechten Menschen gegenübertreten, und die unschädlich
machen, die jetzt der Fluch des Hauses sind, wird Vieles besser, manche
Thräne getrocknet, manchem Unrecht in Zeiten vorgebeugt werden. Schlagen
Sie ein, Hedwig; vergessen Sie, was mein Vater gesagt, wenn nicht um
meinet, doch um der Armen willen, denen Sie Hülfe bringen können.«
Er hatte ihre Hand losgelassen und ihr die rechte wieder mit einem
bittenden aber recht treuherzig ehrlichen Blick entgegenhaltend zögerte
Hedwig wohl einen Augenblick, legte aber dann die Hand auf's Neue, doch
immer noch schüchtern, wie unentschlossen, in die seine.
»Ich will's versuchen,« sagte sie so leise, daß er mehr an der Bewegung
ihrer Lippen, wie dem Laute nach, die Worte verstand, als Jimmy die
Schenkthür mit einem plötzlichen Ruck aufriß und hineinrief:
»Es wird gleich #dinner# Zeit sein.«
Hedwig fuhr von dem jungen Mann zurück -- sie wußte selber nicht weshalb
-- als ob sie etwas Unrechtes begangen, und wieder färbte hohes
brennendes Roth ihre Wangen.
»Ich danke Ihnen,« sagte aber Franz herzlich, und an Jimmy, der ihm
kaum aus dem Weg treten konnte, rasch vorbeischreitend, verließ er das
Haus, vor allen Dingen den Deutschen aufzusuchen.
»Nun? -- zieht die Mamsell heute ab?« frug Jimmy lauernd über die
Schulter zurück nach dem Mädchen hinüber. Hedwig verließ jedoch, ohne
ihn eines Blicks zu würdigen, rasch das Zimmer. Der Barkeeper des
»deutschen Vaterlands« sah ihr etwa eine halbe Minute in tiefem
Nachdenken und mit einem recht häßlich boshaften Blicke nach, und stieg
dann langsam die kleine Treppe hinauf, die zu Herrn Hamanns Zimmer
führte.
Capitel 4.
Alte Bekannte.
Es war die Mittagsstunde desselben Tages, als ein alter Bekannter
von uns, der Wein- und Champagner-Reisende, Adalbert Steinert, in
seinem blauen Frack mit den weißen Beinkleidern, sehr anständig und
modern, aber doch auf eine Weise gekleidet, die uns solche Gestalten
unwillkürlich mit mistrauischen Blicken betrachten läßt, an der
Levée von New-Orleans hinaufschlenderte. Er trug sein kleines
Spatzierstöckchen mit dem Elfenbeinfuß als Griff daran nachdenkend an
die Lippen gepreßt, die ihm Begegnenden dabei mehr musternd als nur
einfach beobachtend, den Hut übrigens keck auf einer Seite und
streichelte manchmal, wie in tiefen Gedanken mit der linken Hand
seinen ziemlich starken, wohlgepflegten Bart, als er plötzlich mitten
auf dem Platz und ohne auszuweichen vor einem stattlichen, sehr
anständig aussehenden ältlichen Herrn stehen blieb und, ihm die Hand
entgegenstreckend, mit freudiger, wenn auch etwas erstaunter Stimme,
ausrief:
»Ha -- täuscht des Mondes Licht mich nicht -- mein verehrter Herr
Dollinger aus Heilingen, ein alter Kunde und Gönner aus dem lieben
Vaterland? Das ist ja vortrefflich! Aber was verschafft _uns_ denn hier
die Ehre Ihres Besuchs, denn daß _Sie_ auch ausgewandert sein sollten,
kann ich mir doch nicht gut denken.«
»Ich weiß wirklich nicht mit wem ich das Vergnügen habe zu sprechen,«
sagte Herr Dollinger etwas verlegen, die vor ihm stehende, und ihm in
ihrem ersten Auftreten vielleicht nicht recht zusagende Gestalt mit
einem flüchtigen Blick überfliegend.
»Mein Name ist Steinert, Adalbert Steinert, Reisender für das Haus
Schwartz und Pelzer in Frankfurt a. M., habe ja die Ehre gehabt, mit
Ihnen, mein bester Herr, seit längeren Jahren schon in angenehmer
Geschäftsverbindung zu stehn, und darf mir gewiß schmeicheln, Ihnen
immer gute, ja vortreffliche Waare geliefert zu haben.«
»Ah Herr Steinert -- ja ich erinnere mich jetzt -- Sie sind wohl schon
längere Zeit in Amerika?«
»Nicht so sehr, mein bester Herr Dollinger, nicht so sehr; hatte das
schätzbare Vergnügen, damals mit Ihrer Frau Tochter die Reise zu
gleicher Zeit zu machen.«
»Sie sind mit der Haidschnucke herübergekommen?« rief Herr Dollinger da
plötzlich mit einem Eifer, der selbst Herrn Steinert auffiel, und ihn
überrascht zu dem Herrn aufschauen machte.
»Allerdings mein verehrter Herr, wie ich Ihnen schon das Vergnügen hatte
in meinem vorigen zu bemerken,« sagte er mit einer nichtsdestoweniger
verbindlichen Verbeugung.
»Ah ja,« erwiederte Herr Dollinger sich rasch fassend, die vor ihm
stehende Gestalt aber jetzt mit einem noch viel aufmerksameren Blick
musternd -- »und sind -- sind viele von Ihren Reisegefährten in
New-Orleans geblieben?«
»Lieber Gott,« entgegnete der Weinreisende achselzuckend -- »wer zählt
die Völker, kennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen --
»New-Orleans wimmelt von fremden Einwanderern; dann und wann aber trifft
man immer noch einmal auf ein bekanntes Gesicht. So habe ich neulich
einen sehr intimen Freund von mir, freilich in eben nicht glänzenden
Verhältnissen wiedergetroffen -- Fortuna ist nur dem Kühnen hold. --
Apropos, bester Herr Dollinger -- bitte vergessen Sie Ihre Rede nicht --
Sie können mir vielleicht einen sehr großen Dienst erweisen, wenn Sie
mir die Adresse Ihres Herrn Schwiegersohnes mittheilen wollten. Aus
einem unglücklichen Versehn hat er mir an Bord, wo er mich dringend
einlud ihn zu besuchen, eine falsche Visitenkarte gegeben, und ich habe
mir bald die Füße abgelaufen ihn hier, immer vergeblich, aufzutreiben.
Die genaue Firma seines Hauses kannte ich nicht, und _ein_ Geschäft
Henkel und Sohn, dessen jüngerer Compagnon ebenfalls in Europa ist,
wußte Nichts von dessen Ankunft und Verheirathung.«
»Herr Henkel ist gegenwärtig nicht in New-Orleans,« sagte Herr Dollinger
ausweichend; »und wird auch wahrscheinlich auf einige Zeit nach Europa
zurückgehn.«
»Ah das thut mir unendlich leid,« sagte Herr Steinert, dem damit
freilich jede Hoffnung auf Verdienst nach _der_ Richtung hin,
abgeschnitten wurde, »wäre mir so sehr angenehm gewesen hier im Lande
der Freiheit, die auf dem Schiff so schön begonnene, liebenswürdige
Bekanntschaft erneuert zu haben. Sie sind wohl nur zu Ihrem Vergnügen
herüber gekommen, mein verehrter Herr?«
»Theils Geschäfte, theils der Wunsch New-Orleans kennen zu lernen,«
sagte Herr Dollinger -- »aber Sie werden entschuldigen -- «
»Ich verstehe -- ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört,«
citirte der Weinreisende, »nun es war mir wirklich sehr angenehm -- ah
sieh da, ein alter Reisegefährte,« sagte er plötzlich, als ein anderer
Herr, der gerade auf sie zugekommen war, plötzlich abbog und seine
Richtung, kaum übrigens noch zwanzig Schritt von ihnen entfernt, nach
der Stadt zu nehmen wollte -- »Herr von Hopfgarten, bitte Herr von
Hopfgarten -- nur ein Wort.«
Der Herr war in der That unser alter Bekannter, Hopfgarten, der jenen
scharfen Winkel in seinem Spatziergang eigentlich nur deshalb gemacht
hatte, dem gerade erkannten Weinreisenden und Reisegefährten aus dem
Wege zu gehn, da er sich nicht in der Stimmung fühlte eine längere
Unterhaltung mit dem redseligen Manne anzuknüpfen. Geradezu unhöflich
gegen ihn zu sein, gestattete ihm aber auch sein gutes Herz nicht, und
da Herr Steinert ihm auf halbem Wege entgegenkam, mußte er schon gute
Miene zum bösen Spiel machen und blieb, ihn erwartend stehn. Herr
Dollinger glaubte die Gelegenheit indessen günstig, von dem etwas
zudringlichen Mann, von dem er doch keine der ersehnten Nachrichten
erwarten durfte, loszukommen, und wollte sich mit einem kurzen höflichen
Gruß entfernen. Darin hatte er sich aber wieder in Steinert geirrt, der
einmal gefaßte Opfer nicht so leicht aus den Händen ließ.
»Nur noch einen Augenblick, bester Herr Dollinger,« rief er ihm nach,
»ich wollte mir nur das Vergnügen nicht versagen, Sie noch mit einem
andern Reisegefährten und sehr achtbaren Herrn, dem Herrn von Hopfgarten
bekannt zu machen. Herr von Hopfgarten, Herr Dollinger, Herr Dollinger,
Herr von Hopfgarten.«
»Herr Dollinger?« rief Hopfgarten rasch, auf den fremden Herrn
zutretend. »Herr Dollinger aus Heilingen?«
»Glücklicher Vater der liebenswürdigen Madam Henkel,« bestätigte Herr
Steinert, während Hopfgarten auf den alten Herrn zuging, ihm die Hand
bot und mit fast bewegter Stimme sagte:
»Sie glauben nicht, wie sehr es mich freut, mein verehrter Herr, Ihre
persönliche Bekanntschaft hier so zufällig gemacht zu haben.«
»Herr von Hopfgarten -- ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte Herr
Dollinger verlegen -- »wie ich so eben hier erfahre, sind auch Sie mit
der Haidschnucke von Europa herübergekommen.«
»Meine verehrten Herren,« unterbrach Steinert aber in diesem Augenblick
das Gespräch -- »da wir uns so fröhlich zusammengefunden und so jung
auch nicht wieder zusammenkommen, hätte ich einen Vorschlag zu machen.
Wie wäre es, wenn wir im ersten besten Hotel dinirten, und ein wenig von
alten Zeiten plauderten. Lieber Gott, die Amerikaner sind ein solches
gemüth- und herzloses Volk, daß man wahrhaftig ein vernünftiges ruhiges
Wort mit ihnen zu reden gar nicht im Stande ist -- was sagen Sie dazu,
meine Herren, sind Sie dabei?«
Hopfgarten hatte indessen, aber von Steinert unbemerkt, dem Vater
Clara's einen so ernsten und bedeutsamen Blick zugeworfen, daß diesem,
der nur zu rasch begriff, auf was er deute, sein Herz plötzlich
stillstehn fühlte, und sich halb abwenden mußte, nur erst wieder Fassung
zu gewinnen und dem Weinreisenden die Bewegung nicht zu verrathen;
Hopfgarten parirte indeß die Einladung des Zudringlichen.
»Es thut mir wirklich leid, mein bester Herr Steinert, der freundlichen
Forderung nicht Folge leisten zu können, da ich auf ein Uhr -- und
wahrhaftig wir haben gar keine Zeit mehr zu verlieren,« unterbrach er
sich selbst, nach seiner Uhr sehend -- »bei Madame Henkel eingeladen
bin. Dort wurde mir schon bemerkt, daß ich das Vergnügen haben würde
Herrn Dollinger zu treffen und kennen zu lernen, welches Sie mir jetzt
etwas früher verschafft haben. Wir werden nun gleich zusammen hinaufgehn
können.«
»Oh das bedaure ich in der That ungemein,« sagte Herr Steinert, der doch
nicht Unverschämtheit genug besaß, sich _noch_ weiter anzubieten -- »aber
ein andermal möchte ich mir das Vergnügen nicht versagen. Wie wär' es
denn, wenn wir uns vielleicht morgen im St. Charles träfen.«
»Ich will sehn, wenn es irgend möglich ist,« sagte Hopfgarten.
»Und Herr Dollinger?«
»Werde ich mitbringen,« sagte der kleine Mann; dabei legte er seinen Arm
in den des Kaufmanns, und mit einer freundlichen Verbeugung gegen Herrn
Steinert, führte er den Vater Clara's mit sich die Levée hinauf.
»Sie wissen wo meine Tochter wohnt?« rief aber Herr Dollinger, wie sie
nur kaum außer Gehörweite des Weinreisenden gekommen waren -- »Sie
kennen die Verhältnisse -- wissen was hier vorgefallen und welches
entsetzliche Schicksal meine Tochter betroffen?«
»Ich weiß nur, daß dieser Henkel oder Soldegg wie er heißt,« sagte
Hopfgarten mit fest aufeinander gebissenen Zähnen, »ein nichtswürdiger,
niederträchtiger Schurke ist und, wie ich nach Allem fürchten muß, was
ich selbst gesehn und später hier in New-Orleans zu meinem Entsetzen
gehört, ein Bubenstück an seiner Frau begangen hat, von dessen
_Möglichkeit_ selbst ich früher keine Ahnung gehabt.«
»Aber wo ist meine Tochter, wo find' ich sie?«
»Und wissen Sie das nicht?« sagte Hopfgarten, erstaunt, ja erschreckt
stehn bleibend und seinen Arm loslassend.
»Mit keinem Wort -- mit keiner Ahnung,« rief der alte Herr, »nur einen
Brief von ihr habe ich, und in dem die furchtbare Kunde erhalten, daß
der Mann, in dessen Hand ich meines armen Kindes Schicksal gelegt,
ein nichtswürdiger, schändlicher Verbrecher ist. In dem Brief bittet
sie mich, ihr Geld genug zu schicken, mit ihrem Mädchen wieder nach
Deutschland zurückkehren zu können, und natürlich ließ ich daheim
Geschäfte und Alles im Stich, mein armes Kind selber abzuholen.
Vergebens habe ich aber jetzt auf der Post nachgefragt, wahrscheinlich
erwarten sie noch gar keine Antwort, da der Brief sowohl wie ich selber
außergewöhnlich kurze Zeit gebraucht herüberzukommen; vergebens habe ich
die ganze Stadt durchsucht -- ich kann sie nicht finden, keine Spur von
ihr ist zu entdecken. Auch von Henkel weiß Niemand etwas, selbst nicht
das hiesige Handlungshaus, dessen Firma er misbraucht, und dieses konnte
nur aussagen, daß sich erst kürzlich ein junger Mann, anscheinend
Arbeiter auf einem Dampfboot, _sehr_ angelegentlich, und schon früher
mehrere Andere bei ihm nach dem Manne erkundigt hätten. Das aber war
dasselbe Haus, für das ich, von diesem Henkel betrogen, eine sehr
bedeutende Waarensendung von Deutschland, theils mit einem französischen
Schiff, theils mit der Haidschnucke, herübergeschickt, von der natürlich
kein Stück an ihre Adresse angekommen, wie sich der Bursche auch nie hat
bei ihnen blicken lassen. Von meinem Kinde, das ich jetzt seit drei
Tagen vergebens suche, wußte mir Niemand ein Wort zu sagen, und der
alte Kaufmann Henkel, ein würdiger, wackerer Mann, rieth mir die Sache
jedenfalls ohne weiteren Zeitverlust den Gerichten zu übergeben,
freilich, wie er mir selber sagte, mit nur schwacher Hoffnung dem
Verbrecher auf die Spur zu kommen, der sich hier, in dem ungeheuer
weiten Land, nachdem er seinen Raub jedenfalls in Sicherheit gebracht,
einer Verfolgung nur zu leicht entziehen konnte. Er hat mir übrigens die
Adresse eines tüchtigen Advokaten aufgeschrieben, an den ich mich, mein
Kind sowohl wieder zu finden, als einen Versuch zu machen mein Eigenthum
wieder zu erlangen, nur ungesäumt wenden solle.«
Die Adresse lautete auf den Staatsanwalt wie Advokaten und Notar Mac
Culloch, in Canalstraße, und da sie sich gerade in der Nähe befanden,
beschlossen die beiden Männer ihn auch ungesäumt aufzusuchen und seinen
Rath zu erholen. Hopfgarten erzählte indessen unterwegs dem alten
Herrn, wie er selber ebenfalls schon seit mehren Tagen in New-Orleans
vergebens umhersuche Clara's Spur zu finden, und sich Gewißheit über den
fürchterlichen Verdacht zu verschaffen, der erst seit dieser Zeit -- das
_wie_ wollte er ihm später mittheilen -- in ihm aufgestiegen.
Den Advokaten fanden sie in seinem Bureau, da die Geschäftsstunden in
New-Orleans meist um vier Uhr schließen und Kaufleute wie Beamte
großentheils erst dann zu Mittag speisen. Herr Dollinger trug ihm
hierauf den Fall ausführlich, von der ersten Rettung Claras auf dem
Rhein, bis zu dem Brief von seiner Tochter vor, indeß ihn Hopfgarten
nur manchmal mit lauten Ausrufungen der Wuth und Entrüstung unterbrach,
bis er endlich, als dieser geendet, seinen Grimm nicht mehr mäßigen
konnte, und ausrief:
»Dann wundert mich auch das nicht mehr, was _ich_ von dem nichtswürdigen
Hallunken später gehört und selber erfahren habe, und ich bin im Stande
Ihnen eine Fortsetzung des hier eben Vorgetragenen zu liefern.«
Mit kurzen Worten erzählte er nun dem, jetzt noch weit aufmerksamer
zuhörenden Rechtsgelehrten, da sich die Sache auf neuere unmittelbare
Daten bezog, zuerst von dem »Soldegg Henkel« unterschriebenen Brief des
Verbrechers, der nach allem Vorgefallenen den Professor und besonders
dessen Familie hatte so rasch als möglich von New-Orleans entfernen
wollen, lästige und gefährliche Freunde der Frau und damit Zeugen gegen
sich, aus dem Weg zu schaffen; dann von seinem Zusammentreffen mit
Soldegg in Vincennes und dessen unerhörter Frechheit, mit der er sich
für seinen Zwillingsbruder ausgegeben. Auch den Brief den ihm Soldegg an
seinen vorgeschützten Bruder eingehändigt, und den zu öffnen er ihn
selber gebeten hatte, falls er Henkel nicht in New-Orleans finden
sollte, trug er bei sich, und Mac Culloch lachte, trotz der ernsten
Sache, laut auf, als er die kurzen, in englischer Sprache geschriebenen
Worte, nicht an seinen _Bruder_, sondern an Herrn von Hopfgarten selber
gerichtet, erst flüchtig überflog und dann laut vorlas.
»Lieber Hopfgarten -- ich hätte wahrhaftig nicht geglaubt, daß Sie sich
_so_ leicht anführen ließen; wo um Gottes Willen hatten Sie nur Ihre
Augen? -- Sie haben uns doch soviel von ihrer _Falkenähnlichkeit_
erzählt. Grüßen Sie mir meine Frau, wenn Sie dieselbe zufällig sehen
sollten, und auf das _Herzlichste_ meinen _Zwillingsbruder_ von Ihrem
alten Freund und Reisegefährten -- _Soldegg Henkel_.«
Aber damit war er noch nicht zu Ende -- Soldegg mußte sich von da nach
Arkansas gewandt haben, da er erst gestern, seinem weiteren Bericht
nach, das Fräulein von Seebald gesprochen, die mit ihrer kranken
Schwester von Arkansas zurückgekommen war, sich mit derselben nach
Deutschland einzuschiffen. Diese hatte ihm genaue Auskunft über jenen
Menschen, der selbst in Arkansas als gefährlicher Spieler und Pferdedieb
einen Namen haben sollte, gegeben. Hiernach war sein letzter
Aufenthaltsort Little Rock gewesen, und das auch wahrscheinlich der
Platz, wo sich Näheres und Bestimmteres über ihn erfahren ließ.
Mac Culloch notirte sich indessen, dem Bericht schweigend und höchst
aufmerksam folgend, sämmtliche darin vorkommende Namen, neben die er
kleine Bemerkungen schrieb, und sagte, als dieser geschlossen war, und
er sich auch noch den Brief Soldeggs, einen Autographen desselben in
Händen zu haben, von Herrn von Hopfgarten erbeten hatte, freundlich:
»Wir haben es hier mit einem gefährlichen, durchtriebenen Burschen zu
thun, von denen es vielleicht in keinem Lande der Welt weiter, so
ausgebildete durch und durch verdorbene Schufte giebt, wie gerade in den
Staaten, deren freie Verfassung und besonders deren wildes, von der
Cultur noch nicht überall erfaßtes Terrain, mit der Leichtigkeit der
Verbindungen den Aufenthaltsort im Nu nach jeder Himmelsrichtung hin zu
ändern, ihren Bubenstreichen jeden nur möglichen Vorschub leistet, und
ihrer Habhaftwerdung oft unübersteigliche Hindernisse in den Weg
schiebt. Es liegt aber hier jedenfalls ein so bösartiges und durchdachtes
Gewebe von Verbrechen vor, daß es mir fast scheinen will, als ob der
Bursche sein Gewerbe auf die Spitze getrieben hätte, wobei diese Herren
dann meist so sicher und zuversichtlich werden, doch manchmal in die
Falle zu gehn. Jedenfalls wollen wir thun, was in der Sache nur
möglicher Weise zu thun ist, und ich habe nach Little Rock hin gerade
_dazu_ die beste Gelegenheit. Der Staatsanwalt dort ist ein intimer
Freund von mir, ich selber kann hier von New-Orleans aus keinen
Verhaftsbefehl nach einem anderen Staat hin ausstellen, aber ich will an
ihn schreiben und sehen, ob wir den Herrn dort fassen und nach hierher
ausgeliefert bekommen können. Vielleicht ist es dann auch möglich einen
Theil der Ihnen betrügerisch abgelockten Güter wieder herauszubekommen,
obgleich _das_ nachher immer sehr schwer hält, denn solcher Sachen
entledigen sich diese Hallunken gern so rasch als möglich. Soldegg
-- Soldegg« -- setzte er dann nachdenkend hinzu -- »ich müßte mich sehr
irren, wenn ein Mann gleiches oder doch ganz ähnlichen Namens, nicht bei
einem bedeutenden Juwelendiebstahl in Mobile, vor einem Jahr etwa
genannt wurde und gleich darauf spurlos verschwunden war; vielleicht
zeigt sich später, daß der Herr auch bei uns im Süden schon auf der
Kreide steht.«
»Glauben Sie, daß es die Sache fördern würde, wenn ich selber deshalb
nach Little Rock ginge?« frug Hopfgarten rasch.
»Gewiß wesentlich,« sagte Mac Culloch -- »ein so wichtiger Zeuge an Ort
und Stelle würde das Ganze ungemein vereinfachen, und hat sich der
Bursche von dort wieder weggewandt, so sind Sie, mit dem Fingerzeig den
Sie von der vorher erwähnten Dame erhalten haben, viel eher im Stande
ihm wieder auf die Spur zu kommen, als vielleicht die Gerichte selber,
derer Unterstützung Sie dann gewiß wären.«
»Aber meine Tochter« -- sagte Herr Dollinger -- »wie soll ich das arme
Kind jetzt in der ungeheuern Stadt hier wiederfinden?«
»Sie hat Ihnen geschrieben die Briefe #poste restante# unter der Adresse
einer gewissen -- «
»Hedwig Loßenwerder -- «
»Ah ja -- Hedwig Loßenwerder zu lassen -- gut, legen Sie Ihre eigene
Adresse unter dem Namen auf die Post; es wird dort jedenfalls
nachgefragt und man sucht Sie selber auf.«
»Seit vorgestern ist das schon geschehn,« sagte Herr Dollinger traurig,
»und wohl zehnmal bin ich an jedem Tag auf der Post gewesen nachzufragen,
ob die Adresse abgeholt, aber noch hat sich Niemand danach erkundigt.
Wenn Sie nur nicht die Stadt, in der es ihr an Mitteln fehlte zu
existiren, verlassen oder krank geworden und -- ich wage den Gedanken
gar nicht zu verfolgen.«
»Lassen Sie den Muth da nicht sinken,« sagte Mac Culloch freundlich, »in
unserer Luft liegt eine merkwürdige Lebenskraft, die den Fremden
unglaublich lange Zeit über Wasser hält. Aber apropos, Sie sind aus
Heilingen Herr Dollinger, nicht wahr? -- ich habe da vor einiger Zeit
einen Schreiber zu mir in Dienst genommen, der vor mehren Monaten von
Deutschland, und wenn ich nicht ganz irre, aus derselben Stadt gekommen
ist. Der Mann wohnt seit der Zeit hier in New-Orleans in einem deutschen
Gasthaus, und es wäre gar nicht unmöglich, daß _er_ uns über seine so
specielle Landsmännin irgend eine Auskunft zu geben vermöchte;
jedenfalls können wir ihn fragen.«
»Wie heißt der Mann?« frug Herr Dollinger rasch.
»Fortmann, Julius Fortmann glaub' ich.«
»Den kenne ich nicht,« sagte Herr Dollinger kopfschüttelnd.
»Das schadet Nichts, fragen können wir ihn doch,« sagte Mac Culloch
aufstehend und seinen Hut nehmend -- »wir brauchen nur über jenen Gang
zu gehn -- hier, wenn ich bitten darf -- dort in der ersten Thüre rechts
sitzt Herr Fortmann.«
Mac Culloch ging voran und öffnete die Thüre, die Herren eintreten zu
lassen. In dem kleinen Gemach saß nur ein einziger Arbeiter, den Rücken
ihnen zugedreht, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.
»Herr Fortmann,« sagte Mac Culloch, »hier sind ein paar Landsleute von
Ihnen, die eine Frage an Sie zu richten wünschten; wären Sie so
freundlich ihnen Auskunft zu geben?«
Herr Fortmann stand rasch von seinem Stuhle auf und drehte sich nach den
Fremden um, erschrak aber sichtlich, wurde leichenblaß und stotterte
verlegen einige Worte, als Herr Dollinger, der ihn erstaunt und
überrascht betrachtet hatte und aus dem starken ungewohnten Bart die
sonst gut genug bekannten Züge nicht gleich wieder herausfinden konnte,
in voller Verwunderung ausrief:
»Herr Aktuar Ledermann, -- träum' ich denn oder wach' ich?«
»Hallo,« sagte Mac Culloch, aufmerksam werdend, »_Leder_mann statt
_Fort_mann, und todtenbleich sehn Sie dabei aus, Herr? -- wie hängt das
zusammen?«
»Herr Dollinger,« stotterte der arme Aktuar in höchster Verlegenheit --
»dieses unerwartete Zusammentreffen?«
»Aber Mann, haben Sie denn nicht Ihr kleines Erbtheil verspielt und
sind aus Verzweiflung in das Wasser bei Heilingen gesprungen? Hat
man denn nicht, nachdem Sie wieder und wieder gewarnt worden, sich des
gefährlichen Spiels zu enthalten, Ihren Rock und Hut am Ufer und in
Ihrem Zimmer einen Brief gefunden, in dem Sie von Ihrer Frau Abschied
nahmen und Alles eingestanden?«
Ledermann war neben seinem Stuhl, ein Bild der personificirten
Verlegenheit, die Hände fest zusammenreibend, und bald einen scheuen
Blick nach seinem jetzigen Principal, bald nach Herrn Dollinger
hinüberwerfend, stehn geblieben, augenscheinlich in Verzweiflung jede
Vertheidigung aufgebend und seinem einmal über ihn hereingebrochenen
Schicksal freien Lauf lassend.
»Hm,« sagte Mac Culloch, der genug Deutsch verstand wenigstens den Sinn
der in dieser Sprache gethanen Fragen zu verstehn, »da kommen wir ja
hinter ganz merkwürdige Sachen Herr _Leder_mann, und der Name _Fort_mann
findet eine halbe, wenn auch ganz eigenthümliche Erklärung. Nun Sir,
haben Sie kein Wort zu Ihrer Vertheidigung, und etwa gar noch die Idee,
daß ich Sie zur Fortführung _meiner_ Geschäfte hier verwenden möchte und
dürfte, wenn eine solche, und wie mir fast scheint _sehr_ begründete
Anklage auf Ihnen lastet?«
Ledermann holte tief Athem, und sah sich dabei nach allen Seiten mit
einem Blick um, als ob er nur irgend eine Öffnung suche hinauszufahren,
einer Situation zu entgehn, die ihm furchtbar zu werden anfing; die
klaren Schweißtropfen standen ihm dabei auf der Stirn. Endlich aber, und
auch wohl durch das Bewußtsein dazu getrieben _ohne_ eine Erklärung hier
nicht fortzukommen, faßte er sich ein Herz, holte noch einmal tief
Athem, denn die Luft fing ihm an auszugehn und sagte:
»Herr Dollinger -- ich bin durchgebrannt.«
»_Was_ ist er?« frug Mac Culloch, der die Deutung des Wortes nicht
verstand.
»Fortgelaufen,« erklärte ihm dieser.
»Aber weshalb?«
»Ich will Ihnen Alles gestehn, und urtheilen Sie dann selbst,« sagte der
arme Teufel. »Sie wissen daß ich vor einiger Zeit 600 Thlr. unverhofft
geerbt, und mit richtiger Anlage des Geldes meinen sehr geringen Gehalt
hätte bessern und dann anständig leben können. Sie kennen aber meine
Frau nicht, Sie wissen nicht in welchen Verhältnissen, welchem häuslichen
Elend ich daheim gelebt, und daß sie mich trieb und trieb das Geld ihrem
Bruder zu leihen, der es mir eben so sicher wie jeder Andere verzinsen
würde. Hätte ich mich geweigert so war es um meine häusliche Existenz,
die überdieß kaum noch dem Namen nach bestand, vollständig geschehn
gewesen, und gab ich es ihm, so war ich das Geld, das mir im Alter
einmal ein Nothpfennig werden sollte, los -- und die Erfahrung hat
gelehrt daß ich recht gehabt, denn in der neuesten deutschen Zeitung die
wir herüber bekamen, steht sein Bankerott schon richtig angegeben. Gott
ist mein Zeuge daß ich Alles versucht habe was in Menschenkräften steht,
meine Frau zu überzeugen und zu einem vernünftigen Nachgeben zu bringen
-- ich hätte eben so gut den Tisch da zu etwas derartigem bewegen mögen.
Mein Kind war todt, ich selber sah nur sich täglich mehrenden Zwist im
Hause, eine Scheidung wurde auch schon dadurch zur Unmöglichkeit, daß
ich, selbst wenn Therese darein gewilligt, nie im Stande gewesen wäre
sie und mich an zwei geschiedenen Heerden zu erhalten. Die Verzweiflung
gab mir da das letzte Mittel ein. Ich ging in ein Spielhaus, wo ich mit
einer bestimmten kleinen Summe setzte, und es ist wohl noch kaum ein
Spieler so mit dem ernsthaften Wunsch an einen solchen Platz getreten
zu verlieren, als ich. Meine Freunde wurden, da sie wußten daß ich etwas
geerbt und Geld in Händen hatte, aufmerksam auf mich, und warnten
mich; das war Alles was ich wollte. Ich ging wieder und wieder in
das Haus, und glaube von mir sagen zu können, daß ich die Rolle
eines unglücklichen, endlich zur Verzweiflung getriebenen Spielers
durchgeführt habe. Als ich den richtigen Zeitpunkt gekommen wähnte,
schrieb ich den Brief, ging Abends an das Wasser, legte dort einen alten
Rock und Hut ab und marschirte in derselben Nacht noch drei Meilen nach
einem kleinen Postflecken; dort nahm ich Extrapost unter falschem Namen
und fuhr nach Hannover, von da nach Bremen und schiffte mich auf einem
Amerikanischen Schiffe, das zufällig im Hafen lag, nach New-Orleans ein.
Ich habe vielleicht gefehlt, -- « setzte er mit einem aus tiefer Brust
heraufgeholten Seufzer hinzu, »ohne diesen Schritt wäre mir aber beim
ewigen Gott nichts Anderes übrig geblieben, als wirklich in's Wasser zu
springen. Meine Frau mag mich jetzt betrauern und wird sich trösten,
denn ihre Verwandten sind wohlhabend, und ich glaube sogar daß sie noch
einmal eine kleine Erbschaft zu erwarten hat, die ich ihr von Herzen
gönne -- verrathen Sie mich aber, bester Herr Dollinger,« setzte er mit
Todesangst in den Zügen hinzu, »so bin ich verloren, denn daß mir
Therese in dem Fall nach Amerika folgte, ist so gewiß, als wir hier
zusammen stehen. Niemand hat jetzt ein Interesse an meinem Leben; ich
bin keinem Menschen einen Pfennig schuldig, alle meine Arbeiten, als ich
sie verließ, waren in größter Ordnung und ich weiß daß ich in Heilingen
das Andenken eines rechtschaffenen, braven Mannes hinterlassen habe.«
»Das haben Sie,« sagte Herr Dollinger, ihm freundlich die Hand reichend,
»und ich gebe Ihnen mein Wort, daß über _meine_ Lippen nie ein Wort
unseres jetzigen Begegnens kommen wird.«
»Aber nicht übel,« lachte Mac Culloch, der der Erzählung aufmerksam
gelauscht, wieder in englischer Sprache, »läuft seiner Frau zu Hause
fort, kommt nach Amerika unter einem falschen Namen, und läßt sich bei
dem Staatsanwalt da anstellen; mein lieber Mr. Fortmann, das sind schöne
Streiche.«
»Bester Mr. Mac Culloch,« sagte Herr Ledermann.
»Nun ich habe Nichts dagegen,« lachte dieser, »wenn weiter Nichts
vorgefallen ist als das, mögen Sie Ihre häuslichen Verhältnisse mit
ihrem Gewissen und Ihrer Frau Gemahlin abmachen; jetzt aber möchten wir
Sie fragen ob Sie in Zeit Ihres hiesigen Aufenthalts Nichts von der
Tochter dieses Herrn, Clara Henkel, gehört haben?«
»Von Frau Henkel?« sagte Ledermann, als Dollinger noch einmal die Frage
in Deutsch an ihn gerichtet hatte; »keine Sylbe -- aber ich erinnere
mich daß ein junger Deutscher Namens Donner, ein Arzt glaub' ich, sich
schon sehr eifrig nach ihr erkundigt hat, und konnte mir schon damals
nicht erklären, daß das so große Schwierigkeiten haben sollte sie
aufzufinden.«
»Hm hm,« sagte Mac Culloch sich das Kinn streichend, und nachdenkend
vor sich nieder sehend -- »es wird Ihnen da doch wohl nichts anderes
übrig bleiben, als den Erfolg des Briefes abzuwarten.«
»Ist denn etwas vorgefallen?« frug Herr Ledermann, durch das ängstliche
Benehmen Herrn Dollingers aufmerksam gemacht -- »doch nicht mit Herrn
_Henkel_?« frug er plötzlich, den alten Herrn scharf und erschreckt
fixirend.
»Sie sollen Alles erfahren lieber Ledermann,« sagte Herr Dollinger
freundlich -- »es ist das eine zwar schmerzliche, aber doch eine Pflicht
sogar, die ich Ihnen gegenüber, einer alten Sache wegen zu erfüllen
habe. Es gilt auch dabei einen armen, unschuldig verfolgten und
unglücklich gemachten Menschen zu rechtfertigen.«
»Loßenwerder?« rief Herr Ledermann rasch.
Herr Dollinger nickte schweigend und langsam mit dem Kopfe.
»Nur nicht jetzt,« sagte er aber dann -- »das Herz ist mir in diesem
Augenblick zu voll und schwer, näher darauf einzugehn -- ich habe keine
Ruhe bis ich meine Tochter, mein armes unglückliches Kind
wiedergefunden. Nicht wahr Herr von Hopfgarten, Sie begleiten mich
nochmals nach der Post?«
Hopfgarten reichte dem armen Vater freundlich und theilnehmend die Hand,
und verließ mit ihm, nachdem Sie Mac Culloch zugesagt hatten das Weitere
in den nächsten Tagen zu besprechen, das Haus.
Schweigend schritten die beiden Männer Canalstreet nieder und an der
Ecke des Marktes hinab, wo ein reges Drängen und Treiben von Käufern
und Verkäufern herüber und hinüber wogte, als Herr von Hopfgarten
plötzlich vor einem Mann stehen blieb, der in sehr dürftiger Kleidung,
an einem der Markthaus-Pfeiler lehnte. An einem breiten Gurt um den Hals
trug er ein mit Streichhölzchen gefülltes Kästchen, und einige Bündel
derselben in der rechten ausgestreckten Hand haltend, schien er seine
Waare den Vorübergehenden zu empfehlen.
»Herr Mehlmeier?« rief Hopfgarten überrascht, ja fast erschreckt aus,
einen so wehmüthigen Eindruck machte die abgemagerte, niedergedrückte
Gestalt des sonst so freundlichen fast behäbigen Mannes, eines der
ruhigsten und ordentlichen Zwischendecks-Passagiere der Haidschnucke,
»was um Gottes Willen machen Sie hier, und wie geht es Ihnen?«
»Oh ich danke Ihnen Herr von Hopfgarten,« sagte Mehlmeier, der in der
ersten Überraschung und ganz unwillkürlich dem Reisegefährten seine
Schwefelhölzchen entgegen hielt, aber dann auch eben so rasch und
bestürzt wieder mit ihnen zurück und in sein Kästchen fuhr, dessen
Deckel er schloß, als ob er sich des Inhalts schämte -- »ich danke Ihnen
herzlich -- gut -- recht gut -- man darf eben nicht klagen,« und der
Mann schüttelte dabei gar wehmüthig, und dießmal freilich nur zu
bezeichnend mit dem betrübten Gesicht, das seine Worte ebenso Lügen
strafte.
Der arme Teufel sah gar so dürftig aus; der alte fadenscheinige
Sommerrock den er trug, war ihm überall, aber besonders in den Ärmeln zu
eng und zu kurz, und an den Ellbogen ausgerissen, ging vorn nicht
zusammen und zeigte eine eben so defekte Weste und Beinkleider; nur das
Hemd war weiß und sauber gewaschen, während ein alter, arg mitgenommener
Strohhut ihm ziemlich hoch auf dem Kopf saß, und mit einem, unter dem
Kinn durchgehenden Bindfaden, den Verdacht rechtfertigte, nicht für den
Kopf, den er jetzt gegen die ziemlich heißen Sonnenstrahlen nothdürftig
schirmte, gemacht und bestimmt gewesen zu sein.
»Aber mein guter Herr Mehlmeier,« sagte Hopfgarten, dem es ein eignes
wehes Gefühl war, den sonst so ordentlichen und anständigen Mann in
einem solchen Zustand vor sich sehn, »wie um Gottes Willen sind Sie zu
_dem_ Handel und -- zu -- zu dieser Beschäftigung gekommen?«
»Zu _den_ Kleidern? wollten Sie sagen, nicht wahr Herr von Hopfgarten,«
sagte Mehlmeier mit einem schwachem Versuch zu lächeln -- »ja, sie
passen nicht recht,« setzte er mit einer ebenso vergeblichen Anstrengung
hinzu, seinen Arm soweit aufzudrehen, den Ellbogen in Sicht zu bekommen
-- »es war ein Lohgerber, von dem ich sie in diesem Zustand überkommen.
_Mir_ haben sie Alles gestohlen was ich hatte.«
»_Alles_ gestohlen?«
»Jawohl,« sagte Herr Mehlmeier und schüttelte dabei freundlich mit dem
Kopf -- »aus dem Koffer heraus.«
»Aber wie war das möglich?« rief Hopfgarten.
[Illustration: Capitel 4.]
»Ja lieber Gott, die Leute machen hier Manches möglich,« seufzte
Mehlmeier -- »ich hatte den Koffer im Wirthshaus stehen, wo eben die
anderen Sachen auch standen, und zwar in der nämlichen Stube in der wir
schliefen. Über Nacht hat sich da, vielleicht Einer von meinen
Schlafkameraden, vielleicht ein Fremder, die Mühe genommen meinen
Koffer, der ihm wohl am anständigsten aussehn mochte, zu öffnen und
_Alles_ herauszupacken was er darin fand. Nur ein altes Paar Hosenträger
und einen Pfeifenkopf hat er mir darin gelassen, und der leere Koffer,
mit diesem Inventarium und sechs Hemden und eben soviel Paar Strümpfen,
die glücklicher Weise in der Wäsche waren, bildeten am nächsten Morgen
mein sämmtliches Besitzthum -- ich konnte nicht einmal hinunter zum
Frühstück gehn.«
»Du lieber Gott, das ist ja zu traurig,« sagte Hopfgarten, »und da
wurden Sie Schwefelholzverkäufer?«
»Doch nicht gleich, bester Herr von Hopfgarten,« sagte Herr Mehlmeier
ihm zunickend -- »doch nicht gleich; zuerst versuchte ich es mit einer
Handarbeit, die ich freilich nicht so rasch fand, dann aber auch nicht
im Stande war durchzuführen. Ich ging nämlich an die Levée, zwischen den
Negern und Bootsleuten Fracht ein- und auszuladen; bekam aber schon am
ersten Abend solche entsetzliche Blutblasen in die, ähnliche Behandlung
nicht gewohnten Hände, und wurde außerdem von meinen Mitarbeitern, denen
ich nicht genug that, so schlecht behandelt, daß ich mehre Tage beide
Hände in einer Binde und fest umwickelt tragen mußte. Geld hatt' ich
auch nicht mehr -- der Wirth wollte meinen leeren Koffer nicht länger
als Bürgschaft für später zu leistende Zahlung annehmen, und da ich auch
keinen Credit finden konnte in einem anderen Geschäftszweig irgend einen
Handel zu beginnen, so warf ich mich mit meiner ganzen Energie auf die
Schwefelhölzer, Herr von Hopfgarten, und verkaufe doch jetzt täglich
davon so viel wenigstens, meine Kost hier auf dem Markt, die sich viel
billiger wie im Boardingshaus herausstellt, zu zahlen, und zu gleicher
Zeit ein kleines Capital dabei anzusetzen, wieder zu einiger Maßen
anständigen Kleidern zu kommen.«
Hopfgarten wollte etwas sagen -- er hätte dem Manne so unendlich gern
eine kleine Unterstützung angeboten, aber er wagte es nicht -- er
fürchtete ihm damit weh zu thun, und hätte das um Alles in der Welt
nicht mögen. Mehlmeier indessen fuhr, still vor sich nieder sehend und
die Spitzen seiner Schuhe betrachtend fort.
»Das Geschäft ist wirklich nicht so übel und nährt seinen Mann -- oder
auch seine Frau« -- setzte er mit einem Blick nach einem andern Pfeiler
hinzu, »denn da drüben steht auch eine, etwas hochgelbe Concurrentin von
mir, die wirklich nichtsnutzige Waare verkauft und trotzdem mehr Käufer
dafür findet wie ich -- wenn nur das _Stehen_ hier nicht wäre; es ist so
öffentlich. Ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, wie ich noch in die
Schule ging, einmal einen Spitzbuben gesehen zu haben, der ein paar
Stunden mit einer Tafel um den Hals, gerade etwa wie ich diesen Kasten
trage, am Pranger stand, und von uns nachher verhöhnt und mit faulen
Äpfeln geworfen wurde. Ich muß gestehn, ich habe anfänglich mit einer
Art von Mistrauen gegen die Schuljugend diesen Stand hier eingenommen,
kann aber nur Rühmliches von den Knaben die hier vorbei passiren, melden
-- sie nehmen nicht die geringste Notiz von mir, ja ich weiß sogar
einzelne Fälle wo sie mir Schwefelhölzer abgekauft haben.«
»Lieber Herr Mehlmeier,« sagte da Hopfgarten, dessen Gedanken wieder zu
dem übersprangen, was ihm am meisten am Herzen lag. »Sie sind doch schon
ein tüchtiges Stück in der Stadt umher gekommen, können Sie mir
vielleicht zufällig sagen, wo ich Frau Henkel -- Sie erinnern sich gewiß
der jungen liebenswürdigen Dame, die mit uns die Überfahrt hierher
machte -- finden könnte. Dem Herrn hier liegt sehr viel daran sie zu
sehen, er hat ihr Sachen von Wichtigkeit mitzutheilen, und wir wissen
ihre Adresse nicht.«
»Ja, das thut mir unendlich leid, meine verehrten Herrn Ihnen damit
nicht dienen zu können,« sagte Mehlmeier, fortwährend dabei aber eine
Miene annehmend, als ob er eben im Begriff wäre ihnen die vollständigste
Auskunft zu geben, »in der ersten Zeit meines hiesigen Aufenthalts
schwamm man in einem solchen Meer von neuen Dingen und Erlebnissen, daß
man gar nicht zu Athem kam an irgend etwas Anderes zu denken -- und seit
ich mich in meinem jetzigen Zustand befinde,« setzte er wieder mit einem
scheuen Blick auf seine Kleidung hinzu, »wäre ich doch der Dame, wenn
ich sie hätte von weitem kommen sehen, jedenfalls eher aus dem Weg
gegangen, als ihr hineinzutreten. Ich will gerade nicht sagen, daß ich
mich meiner Beschäftigung _schäme_; es ist das eben ein _sehr_ großer
Vortheil dieses Landes, daß Jeder sich sein Brod verdienen darf wie er
mag, und sich dessen nicht zu schämen _braucht_ -- aber Sie wissen wohl
Herr von Hopfgarten -- wir haben vielleicht Alle noch einige alte
Vorurtheile von Deutschland mit herübergebracht, und bis die
abgeschüttelt oder vergessen sind -- «
»Hm, hm, hm,« sagte Hopfgarten nachdenklich, ohne die letzte Bemerkung
auch nur zu hören, »das ist doch eine recht fatale Sache -- und von dem
jungen Mädchen die bei ihr war, werden Sie da auch Nichts gehört haben.«
»Von der kleinen Hedwig? -- die dient hier in einem deutschen Kosthaus,«
sagte Herr Mehlmeier ruhig.
»Wo? -- hier in der Stadt? -- in welcher Straße?« riefen die beiden
Männer wie aus einem Mund zugleich, Arm und Schulter des, ruhig und
erstaunt vor Ihnen stehen bleibenden Mannes ergreifend, als ob sie ihm
die nächsten Worte noch ungesprochen von den Lippen nehmen wollten.
»Herr Jesus, haben Sie mich erschreckt,« sagte Herr Mehlmeier den
Bindfaden seines Hutes, der ihn unter dem Kinn schneiden mochte, etwas
lockerer ziehend.
»In welchem Kosthaus, bester Herr Mehlmeier,« bat ihn aber Hopfgarten,
keine weitere Zeit zu versäumen.
»Im deutschen Vaterland in Fayetteville, in der -- wie heißt doch gleich
die Straße, -- «
»Ich kenne den Platz!« rief aber Hopfgarten rasch aus, »ich habe das
Schild schon gesehn -- wir setzen uns in den ersten besten Omnibus der
nach Fayetteville fährt, jeder Kutscher wird das Haus kennen -- das
deutsche Vaterland. Lieber Mehlmeier, Sie sind ein Goldmann!«
»Bitte, bitte Herr von Hopfgarten.«
»Herr Mehlmeier,« sagte aber auch Herr Dollinger jetzt, zu ihm
hinantretend und seine Hand ergreifend -- »Sie haben mir einen _sehr_
großen Dienst erwiesen; mir -- mir lag sehr viel daran ohne großen
Zeitverlust die Adresse der -- der Madame Henkel, oder des jungen
Mädchens zu erfahren -- ich danke Ihnen herzlich dafür« -- und rasch
Hopfgartens Arm ergreifend, der noch einmal nach Mehlmeier zurücknickte,
gingen die beiden Herren mit schnellen Schritten über den freien Platz
fort in die nächste, mit dem Wasser gleich laufende Straße hinein, wo
sie einen der vielen, in der Stadt fortwährend auf- und abfahrenden
Omnibusse halten sahen.
In einer eignen, ganz sonderbar aufgeregten Stimmung mit hochgerötheten
Wangen, die Hand, die ihm Herr Dollinger gedrückt noch fest, fast
krampfhaft zusammenge
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