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Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland

by Selma Lagerlöf · German · Gutenberg #28751 · 887,888 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland
    
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Title: Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland

Author: Selma Lagerlöf

Translator: Mathilde Mann


        
Release date: May 10, 2009 [eBook #28751]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/28751

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
        Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GÖSTA BERLING: ERZÄHLUNGEN AUS DEM ALTEN WERMLAND ***




Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net







     Gösta Berling

     Erzählungen
     aus dem alten Wermland

     von

     Selma Lagerlöf

     [Illustration]

     Im Insel-Verlag zu Leipzig




Einleitung




Der Pfarrer


Endlich stand der Pfarrer auf der Kanzel. Die Leute in der Kirche hoben
die Köpfe in die Höhe. Er war also wirklich da! So fiel denn die Predigt
diesen Sonntag doch nicht wieder aus wie am letzten Sonntage und an
vielen Sonntagen vorher.

Der Pfarrer war jung, von hohem Wuchs, schlank und strahlend schön. Wenn
man ihm einen Helm auf den Kopf gesetzt und ihm ein Schwert und einen
Harnisch umgehangen hätte, so wäre er der beste Vorwurf für eine
Marmorstatue gewesen, die man getrost nach dem schönsten aller Griechen
hätte benennen können.

Der Pfarrer hatte die tiefen Augen eines Dichters und das feste, runde
Kinn eines Feldherrn. Alles an ihm war schön, ausdrucksvoll -- durchglüht
von Genialität und geistigem Leben.

Die Leute in der Kirche fühlten sich eigenartig bedrückt, als sie ihn so
erblickten. Sie waren daran gewöhnt, ihn schwankenden Schrittes aus der
Schenke herauskommen zu sehen in Gesellschaft lustiger Kameraden wie
Oberst Beerencreutz mit dem dicken weißen Schnurrbart und Kapitän Bergh
mit der gewaltigen Körperkraft.

Er hatte sich derartig dem Trunk ergeben, daß er mehrere Wochen hindurch
sein Amt nicht mehr hatte versehen können, und die Gemeinde über ihn
hatte Klage führen müssen, erst bei seinem Propst und dann bei dem
Bischof und Domkapitel. Jetzt war der Bischof gekommen, um Visitation in
der Gemeinde abzuhalten. Er saß im Chor mit seinem goldenen Kreuz auf
der Brust. Die Prediger aus Karlstad und den Nachbargemeinden saßen
rings um ihn herum.

Es unterlag keinem Zweifel, daß das Benehmen des Pfarrers die Grenzen
des Erlaubten überschritten hatte. Zu jenen Zeiten -- diese Geschichte
spielt in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts -- nahm man es nicht
so genau, wenn die Leute tranken; dieser Mann aber hatte infolge seiner
Trunksucht sein Amt vernachlässigt, und nun sollte er es verlieren.

Er stand auf der Kanzel und wartete, während der letzte Gesangvers
gesungen wurde.

Während er so dastand, kam die Gewißheit über ihn, daß er in der ganzen
Kirche, in allen Stühlen lauter Feinde hatte. Die Herrschaft oben in der
Loge, die Bauern unten in der Kirche, die Konfirmanden im Chor -- sie
alle waren seine Feinde. Ein Feind spielte die Orgel, und ein Feind trat
die Bälge. Alle haßten ihn, von den kleinen Kindern, die in die Kirche
getragen wurden, bis hinab zu dem Kirchendiener, einem steifen, strammen
Soldaten, der die Schlacht bei Leipzig mitgemacht hatte.

Der Pfarrer hätte sich auf die Knie werfen und sie um Barmherzigkeit
anflehen mögen.

Aber gleich darauf überkam ihn ein dumpfer Groll. Er entsann sich sehr
wohl, wie er gewesen war, als er vor einem Jahr die Kanzel zum erstenmal
bestieg. Damals war er ein unbescholtener Mann, und jetzt stand er da
und schaute auf den Mann mit dem goldenen Kreuz herab, der gekommen war,
um ihn zu richten.

Während er das Gebet sprach, rollte eine Blutwelle nach der andern über
sein Gesicht -- das war der Groll.

Freilich hatte er getrunken, aber wer hatte ein Recht, ihn deswegen
anzuklagen? Hatte jemand den Pfarrhof gesehen, auf dem er leben sollte?
Der Tannenwald reichte finster und unheimlich bis dicht an die Fenster.
Die Feuchtigkeit tropfte von den schwarzen Decken und trieb an den
schimmligen Wänden herab. Bedurfte er nicht des Branntweins, um den Mut
aufrechtzuerhalten, wenn der Regen oder der treibende Schnee durch die
zerbrochenen Fensterscheiben zu ihm eindrang, wenn das schlecht
bestellte, vernachlässigte Erdreich nicht Brot genug hergeben wollte, um
den Hunger fernzuhalten?

Seiner Meinung nach war er gerade so ein Pfarrer gewesen, wie sie ihn
verdienten. Sie tranken ja alle. Weswegen sollte _er_ der einzige sein,
der sich Zwang antat? Der Mann, der seine Gattin begraben hatte, betrank
sich beim Leichenschmaus; der Vater, der sein Kind zur Taufe gebracht
hatte, hielt hinterher ein Saufgelage. Die Gemeinde trank auf dem
Heimweg von der Kirche, so daß die meisten berauscht waren, wenn sie zu
Hause anlangten. Für _die_ war ein vertrunkener Pfarrer gut genug.

Auf den Amtsreisen, wenn er in seinem dünnen Mantel viele Meilen lang
über die gefrorenen Seen gesaust war, wo alle Winde sich Stelldichein
gaben, auf seinen Fahrten über diese selben Seen in offnem Boot bei
Sturm und Platzregen, im Schneegestöber, wenn er hatte vom Schlitten
steigen müssen, um seinem Pferd einen Weg durch haushohe Schneeschanzen
zu schaufeln, oder wenn er durch die grundlosen Waldmoore hatte waten
müssen -- da hatte er es gelernt, den Branntwein zu lieben.

Ein Tag nach dem andern hatte sich finster und schwer dahingeschleppt.
Bauer und Edelmann waren gleichsam an den Staub der Erde gefesselt, am
Abend aber hatte der Geist seine Fesseln abgeschüttelt, befreit durch
den Branntwein. Die Inspiration war gekommen. Das Herz wurde warm, das
Leben strahlend, Gesang ertönte, und Rosen dufteten. Da war ihm die
Schenkstube zu einem Rosengarten unter südlichem Himmelsstrich geworden.
Trauben und Oliven hingen über seinem Haupt, Marmorstatuen schimmerten
durch das dunkle Laubwerk, Philosophen und Dichter wanderten unter
Palmen und Platanen.

Nein, er, der Pfarrer dort oben auf der Kanzel, wußte, daß das Leben in
dieser Gegend des Landes ohne Branntwein nicht zu ertragen war; alle
seine Zuhörer wußten das, und nun wollten sie ihn richten.

Sie wollten ihm den Talar abreißen, weil er betrunken in das Haus ihres
Gottes gekommen war. Hah! -- Alle diese Menschen, hatten die denn --
wollten die sich denn etwa einbilden, daß sie einen andern Gott hatten
als den Branntwein! --

Er hatte das Einleitungsgebet gesprochen und beugte sich jetzt herab, um
das Vaterunser zu beten.

Es herrschte atemlose Stille in der Kirche während des Gebetes.
Plötzlich griff der Pfarrer mit fester Hand nach den Bändern, mit denen
der Talar zusammengehalten war. Es war ihm, als wenn die ganze Gemeinde
mit dem Bischof an der Spitze die Treppe zur Kanzel heraufgeschlichen
kam, um ihm den Talar abzureißen. Er lag auf den Knien und wandte den
Kopf nicht um, aber er konnte fühlen, wie sie an den Bändern zerrten,
und er sah sie so deutlich, die Pröpste, Pfarrer, Kirchenvorsteher, den
Küster und die ganze Gemeinde in einer langen Reihe, aus Leibeskräften
zerrend und ziehend, um den Talar herunterzubekommen. Und er konnte es
sich so deutlich vorstellen, wie alle die, die jetzt so eifrig zerrten,
einer über den andern die Treppe hinabpurzeln würden, sobald das Gewand
nachgab, und die ganze Reihe da unten, die nicht mitzerren konnten, die
einander nur an den Rockschößen zupften -- sie alle würden mitfallen.

Er sah das so deutlich, daß er nahe daran war, laut zu lachen, während
er dort auf den Knien lag, aber zu gleicher Zeit trat ihm der kalte
Schweiß auf die Stirn. Das war doch zu grauenhaft!

Um des Branntweins willen sollte er jetzt ein verworfener Mann werden!
Ein abgesetzter Pfarrer -- gab es etwas Schimpflicheres hier auf der
Welt?

Er konnte ein Bettler auf der Landstraße werden, betrunken am
Grabenrande liegen, in Lumpen gekleidet gehen, sich zu den
Landstreichern halten. -- -- --

Das Gebet war beendet. Jetzt sollte er seine Predigt halten. Da kam ein
Gedanke über ihn, der ihm das Wort auf der Zunge zurückhielt. Er mußte
daran denken, daß er heute zum letztenmal auf der Kanzel stehen und
Gottes Lob und Ehre verkünden durfte.

Zum letztenmal -- das bewegte den Pfarrer tief. Er vergaß den Branntwein
und den Bischof. Er mußte die Gelegenheit ergreifen und von Gottes Ehre
zeugen.

Es war ihm, als versinke der Fußboden der Kirche in einen tiefen
Abgrund, als werde das Dach der Kirche abgehoben, so daß er direkt in
den Himmel schauen konnte. Er stand allein, ganz allein auf seiner
Kanzel, und sein Geist bekam Flügel und flog zu dem offnen Himmel empor,
seine Stimme wurde stark und gewaltig, und er verkündete die Ehre
Gottes.

Er war ein Mann der Inspiration. Er ließ die ausgearbeitete Predigt
liegen, die Gedanken flatterten zu ihm herab wie ein Schwarm zahmer
Tauben. Es war ihm, als rede ein anderer, aber er fühlte gleichzeitig,
daß dies das Höchste war, was es auf Erden gibt, und daß niemand in
Glanz und Herrlichkeit höher gelangen könne, als er, wie er so dastand
und Gottes Ehre verkündete.

Solange die Feuerzunge der Inspiration über ihm glühte, redete er, als
sie aber erloschen war und das Dach sich wieder auf die Kirche
herabgesenkt hatte, und der Fußboden aus dem tiefen Abgrund
herausgehoben war, da kniete er nieder und weinte, denn er war sich
bewußt, daß ihm das Leben seine schönste Stunde geschenkt hatte, und daß
die jetzt vorüber war.

Nach dem Gottesdienst sollte eine Kirchenversammlung und eine
Untersuchung abgehalten werden. Der Bischof fragte, ob die Gemeinde
Klage über ihren Pfarrer zu führen habe.

Der Pfarrer war nicht mehr zornig und trotzig wie vor der Predigt. Jetzt
schämte er sich und senkte das Haupt. Ach! jetzt sollten diese elenden
Branntweinsgeschichten aufgetischt werden!

Aber es kam nicht eine einzige. Es war ganz still um den großen Tisch in
der Gemeindestube.

Der Pfarrer blickte auf, erst zu dem Küster hinüber -- nein, der schwieg;
dann zu den Kirchenvorstehern, dann zu den Bauern und den
Eisenwerkbesitzern -- sie schwiegen alle. Sie hielten die Lippen fest
aufeinander gepreßt und sahen halb verlegen auf den Tisch nieder.

Sie warten, daß einer den Anfang machen soll, dachte der Pfarrer.

Einer der Kirchenvorsteher räusperte sich.

»Ich finde, daß wir einen guten Pfarrer haben«, sagte er.

»Der Herr Bischof haben ja selber gehört, wie er predigen kann«, stimmte
der Küster ein.

Der Bischof sagte etwas von häufigem Ausfallen der Predigt.

»Der Pfarrer kann doch ebensogut einmal krank sein wie andere Menschen«,
meinte ein Bauer.

Der Bischof deutete an, daß man in der Gemeinde Anstoß an dem
Lebenswandel des Pfarrers genommen habe.

Da verteidigten sie ihn alle wie aus einem Munde. Ihr Pfarrer sei ja
noch so jung; dazu sei nichts zu sagen. Nein, wenn er nur immer so
predigen wolle wie heute, dann wollten sie ihn selbst für den Herrn
Bischof nicht hergeben.

Da war kein Kläger, kein Richter.

Der Pfarrer fühlte, wie sein Herz sich erweiterte, wie leicht ihm das
Blut durch die Adern strömte. Er befand sich also nicht mehr unter
Feinden, er hatte sie gewonnen, als er es am mindesten dachte, er sollte
auch ferner im Amt bleiben!

Nach der Visitation speisten der Bischof, die Pröpste, die Pfarrer und
die Vornehmsten der Gemeinde im Pfarrhof. Eine benachbarte Pfarrersfrau
hatte es übernommen, die Wirtin zu machen, denn der Pfarrer war
unverheiratet. Sie hatte alles aufs beste angeordnet, und zum erstenmal
gingen ihm die Augen darüber auf, daß der Pfarrhof im Grunde gar nicht
so ungemütlich war. Die lange Mittagstafel war draußen unter den Tannen
gedeckt und prangte festlich mit dem schneeweißen Gedeck, dem weiß und
blauen Porzellan, den Gläsern und den künstlich aufgestellten
Servietten. Zwei Birken waren am Eingang eingepflanzt, die Diele war mit
Wacholderzweigen bestreut, vom Dachbalken herab hing ein Blumenkranz, in
allen Zimmern standen Blumen, der dumpfe Geruch war vertrieben, und die
grünlichen Fensterscheiben glitzerten vergnügt im Sonnenschein.

Der Pfarrer war so herzensfroh, er gelobte sich selber, nie wieder zu
trinken.

An der ganzen Tafel sah man nur frohe Gesichter. Die Männer, die vorhin
hochherzig gewesen waren und verziehen hatten, waren froh, und die
Pfarrer und Pröpste waren froh, weil der Skandal glücklich vermieden
war.

Der gute Bischof erhob sein Glas und sagte, er habe diese Reise schweren
Herzens angetreten, denn es seien böse Gerüchte an sein Ohr gedrungen.
Er sei ausgezogen, um einen Saulus zu finden, aber siehe, aus dem Saulus
sei schon ein Paulus geworden, der mehr arbeiten werde als alle andern.
Und der fromme Herr sprach weiter von den reichen Gaben, die ihr junger
Bruder erhalten habe, und pries sie. Er solle nicht hochmütig werden,
sondern alle seine Kräfte anspannen und acht auf sich geben, wie es dem
gezieme, der eine so überaus schwere und kostbare Last auf den Schultern
trage.

Der Pfarrer betrank sich nicht an jenem Mittag, aber berauscht war er
trotzdem. Das große, unerwartete Glück stieg ihm zu Kopf. Der Himmel
hatte die Feuerzunge der Inspiration über ihm flammen lassen, und die
Menschen hatten ihm ihre Liebe geschenkt. Das Blut brauste ihm noch
fieberheiß und heftig durch die Adern, als der Abend kam und die Gäste
ihn verließen. Bis tief in die Nacht hinein saß er noch auf seinem
Zimmer und ließ die Nachtluft durch das offene Fenster strömen, um das
Glückseligkeitsfieber, diese jauchzende Unruhe zu kühlen, die ihn nicht
schlafen ließ.

Da vernahm er eine Stimme: »Wachst du, Pfarrer?«

Und über dem Rasenplatz näherte sich ein Mann dem Hause. Der Pfarrer
blickte hinaus und erkannte den starken Kapitän Christian Bergh, einen
seiner getreuen Trinkgenossen. Ein umherstreifender Mann, ohne Haus und
Heim, war dieser Kapitän Christian, und ein Riese an Gestalt und
Körperkräften, groß wie ein Berg und dumm wie ein Berggeist.

»Freilich wache ich, Kapitän«, antwortete der Pfarrer. »Meinst du, dies
sei eine Nacht, in der man schlafen könne?«

Und nun hört, was ihm Kapitän Christian erzählt. Der Riese hat seine
Ahnungen gehabt, er hat begriffen, daß sich der Pfarrer hinfort scheuen
werde zu trinken. Er würde nie wieder Ruhe haben vor diesen Pfarrern aus
Karlstad, sie waren einmal dagewesen und konnten jederzeit wiederkommen
und ihm, falls er in sein altes Laster verfiel, den Talar ausziehen.

Nun hatte sich aber Kapitän Christian der Sache mit seiner starken Hand
angenommen, er hatte es so gemacht, daß kein Pfarrer, kein Probst und
auch kein Bischof wiederkommen würde. In Zukunft konnten der Pfarrer und
seine Freunde dort im Pfarrhof trinken, soviel sie wollten, denn der
Kapitän hat eine Heldentat ausgeführt.

Als der Bischof und die drei Geistlichen in die geschlossene Kutsche
gestiegen waren und man die Türen fest hinter ihnen geschlossen hatte,
da hatte sich der Kapitän auf den Bock gesetzt und sie eine oder zwei
Meilen in der hellen Sommernacht gefahren. Und er hatte sie fühlen
lassen, was es heiße, mit dem Leben in der Hand dasitzen. Er hatte die
Pferde in rasendem Galopp dahinsausen lassen. Das war ihre Strafe, weil
sie einem ehrlichen Manne nicht gönnten, sich einen Rausch anzutrinken.

Glaubt ihr, daß er auf der Landstraße blieb? Glaubt ihr, daß er sich
genierte, sie tüchtig durchzuschütteln? Er fuhr über Gräben und
Stoppelfelder, er rutschte in sausendem Galopp die Hügel hinab, er
lenkte in den See hinein, so daß das Wasser bis über die Räder
aufspritzte, und er ließ das Gefährt Bergabhänge hinabfahren, so daß die
Pferde die Vorderbeine steif vorsetzten und sich gleiten ließen. Und die
ganze Zeit hindurch saßen der Bischof und die Geistlichen mit bleichen
Gesichtern da und murmelten Gebete. Eine schlimmere Fahrt hatten sie
niemals erlebt.

Und man kann sich vorstellen, wie sie aussahen, als sie im Gasthof zu
Rissäter ankamen -- lebendig, aber durchgeschüttelt wie Hagelkörner in
einem ledernen Beutel.

»Was hat dies zu bedeuten, Kapitän Christian?« fragt der Bischof, als er
ihnen die Wagentür öffnet.

»Es bedeutet, daß der Herr Bischof sich die Sache zweimal überlegen
soll, ehe er wieder auf Visitationsreisen zu Gösta Berling kommt«, sagt
Kapitän Christian, und den Satz hat er vorher gemacht und auswendig
gelernt, um nicht im Text stecken zu bleiben.

»Dann grüße nur Gösta Berling und sag ihm, zu ihm käme weder ich noch
ein anderer Bischof jemals wieder.«

Diese Heldentat erzählt der starke Kapitän dem Pfarrer, während er in
der hellen Sommernacht vor seinem geöffneten Fenster steht. Denn der
Kapitän hat soeben die Pferde im Krug abgeliefert und sich dann mit
seiner Neuigkeit nach dem Pfarrhof begeben.

»Jetzt kannst du ruhig sein, Herzensbruder«, sagte er.

Ach, Kapitän Christian, wohl saßen die Geistlichen mit bleichen
Gesichtern im Wagen, aber der Pfarrer hier am Fenster starrte mit einem
weit bleicheren Gesicht in die helle Sommernacht hinaus. Ach, Kapitän
Christian!

Der Pfarrer hob den Arm in die Höhe und schickte sich an, dem Riesen
einen gewaltigen Schlag in das grobe, dumme Gesicht zu versetzen, aber
er besann sich. Mit lautem Getöse schlug er das Fenster zu und blieb
mitten im Zimmer stehen, seine geballte Faust dräuend gen Himmel
erhoben.

Er, über dem die Feuerzunge der Inspiration geflammt hatte, er, der die
Ehre Gottes verkündet hatte, er stand dort und dachte, daß Gott sein
Gaukelspiel mit ihm getrieben habe.

Mußte der Bischof nicht glauben, daß der Pfarrer Kapitän Christian
ausgesandt habe? Mußte er nicht glauben, daß er den ganzen Tag
geheuchelt und gelogen habe? Jetzt würde er sicher Ernst machen mit dem
Verfahren gegen ihn, ihn erst suspendieren und ihn dann absetzen.

Als der Morgen kam, war der Pfarrer aus dem Pfarrhaus verschwunden. Er
hatte nicht bleiben und sich verteidigen wollen. Gott hatte ihn zum
Narren gehabt. Gott wollte ihm nicht helfen. Er wußte, daß er abgesetzt
werden würde. Gott wollte es so. Dann konnte er ja ebensogut gleich
gehen.

Dies trug sich in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts in Schweden,
in einer entlegenen Gemeinde des westlichen Wermland zu.

Es war dies das erste Unglück, das über Gösta Berling hereinbrach; es
sollte nicht das letzte bleiben.

Denn für die Pferde, die weder Sporen noch Peitsche dulden, ist das
Leben nicht leicht. Bei jedem Schmerz, der sie trifft, fahren sie dahin
auf wilden Wegen, den gähnenden Abgründen zu. Sobald der Weg steinig ist
und die Fahrt schwer wird, wissen sie sich nicht anders zu helfen, als
die Fuhre umzuwerfen und in tollem Galopp dahinzusprengen.




Der Bettler


An einem kalten Tag im Dezember kam ein Bettler den Brobyer Hügel
hinaufgewandert. Seine Kleidung bestand aus den elendsten Lumpen, und
seine Schuhe waren so zerrissen, daß der kalte Schnee seine Füße
durchnäßte.

Der Löfsee ist ein langes, schmales Gewässer in Wermland, das sich an
ein paar Stellen zu einem schmalen Sund verengert. Er erstreckt sich
nach Norden zu bis an die finnischen Wälder und nach Süden bis an den
Wenersee. Mehrere Kirchspiele liegen an seinen Ufern, von allen aber ist
die Broer Gemeinde die reichste und größte. Sie nimmt einen guten Teil
des östlichen wie auch des westlichen Ufers ein, an letzterem aber
liegen die größten Güter, Edelsitze wie Ekeby und Björne, weitberühmt
wegen ihres Reichtums und ihrer Schönheit, sowie Broby, ein größerer
Flecken mit einem Krug, Gasthaus, Thinghaus, Amtmannswohnung, Pfarrhof
und Marktplatz.

Broby liegt an einem steilen Abhang.

Der Bettler war an dem Kruge vorübergekommen, der an dem Fuß des Hügels
liegt, und arbeitete sich nun nach dem auf dem Gipfel gelegenen Pfarrhof
hinauf.

Vor ihm her ging ein kleines Mädchen, das einen Schlitten zog, auf dem
ein Sack Mehl lag.

Der Bettler holte das kleine Mädchen ein und begann eine Unterhaltung
mit ihm.

»Das ist doch ein kleines Pferd für eine so schwere Last«, meinte er.

Das Kind wandte sich um und sah ihn an. Es war ungefähr zwölf Jahre alt,
klein, mit spähenden, scharfen Augen und einem zusammengekniffenen Mund.

»Gott gebe, daß das Pferd kleiner und die Last größer wäre, dann hielte
sie wohl länger vor«, erwiderte das Mädchen.

»Ist es vielleicht dein eigenes Futter, was du da schleppst?«

»Ja, Gott sei's geklagt. Ich muß mir meine Nahrung selber verschaffen,
so klein ich bin.«

Der Bettler schob von hinten an dem Schlitten. Das Mädchen wandte sich
um und sah ihn an.

»Du brauchst nicht zu glauben, daß du etwas dafür bekommst«, sagte sie.

Der Bettler lachte laut auf. »Du bist wohl die Tochter des Pfarrers von
Broby,« sagte er, »das kann man merken.«

»Freilich bin ichs. Einen ärmeren Vater hat manch ein Kind -- einen
schlechteren Vater hat keins. Es ist die reine Wahrheit, wenngleich es
auch eine Schande ist, daß sein eigen Kind es sagen muß.«

»Er ist wohl geizig und böse obendrein, dein Vater?«

»Geizig ist er und böse obendrein, aber seine Tochter wird, wenn sie am
Leben bleibt, noch schlimmer als er, das sagen alle Leute.«

»Darin mögen die Leute recht haben. Ich möchte wohl wissen, wie du zu
dem Sack Mehl gekommen bist.«

»Es kann wohl nicht schaden, wenn ich dirs sage. Ich nahm heute morgen
Korn aus des Vaters Scheune, und nun bin ich damit zur Mühle gewesen.«

»Wird er dich denn nicht sehen, wenn du nun damit angeschleppt kommst?«

»Du scheinst mir noch ziemlich grün zu sein! Vater ist auf einer
Amtsreise!«

»Da kommt jemand hinter uns den Hügel hinaufgefahren. Ich kann den
Schnee unter den Schlittenkufen knirschen hören. Wenn er das nun wäre?«

Die Kleine lauschte und spähte; dann fing sie an zu brüllen. »Das ist
Vater!« schluchzte sie. »Er schlägt mich tot. Er schlägt mich tot!«

»Ja, nun ist guter Rat teuer, und ein schneller Rat ist besser als Gold
und Silber«, sagte der Bettler.

»Weißt du was,« sagte das Kind, »du kannst mir helfen. Nimm den Strick
und zieh den Schlitten, dann glaubt Vater, daß es der deine ist.«

»Was soll ich denn damit machen?« fragte der Bettler und warf den Strick
über die Schulter.

»Geh damit hin, wohin du willst, komm aber, sobald es dunkel wird, nach
dem Pfarrhof. Ich werde dir schon aufpassen.«

»Ich kann es ja versuchen.«

»Gott gnade dir, wenn du nicht kommst!« rief das Mädchen und lief dann,
so schnell es konnte, um vor dem Vater nach Hause zu kommen.

Der Bettler wandte den Schlitten schweren Herzens und schob ihn nach dem
Krug hinab. Der Ärmste hatte seinen Traum gehabt, während er dort auf
nackten Füßen durch den Schnee watete. Er hatte von den großen Wäldern
nördlich vom Löfsee -- von den großen finnischen Wäldern geträumt.

Hier unten in der Broer Gemeinde, wo er jetzt an dem schmalen Sund
entlang wanderte, der den oberen und den unteren Teil des Sees
miteinander verband, in diesen reichen, fröhlichen Gegenden, wo ein
Schloß neben dem andern, ein Eisenwerk neben dem andern liegt, hier war
ihm der Weg zu schwer, jedes Zimmer zu eng, jedes Bett zu hart. Hier
empfand er ein schmerzliches Sehnen nach dem Frieden der großen, ewigen
Wälder.

Hier hörte er den Dreschflegel auf die Tenne fallen, als solle das
Dreschen nie ein Ende haben. Holz- und Kohlenladungen kamen unablässig
aus den unerschöpflichen Waldungen herab. Endlose Reihen erzbeladener
Wagen zogen in tiefen Spuren, die Hunderte von Vorgängern hinterlassen
hatten, die Wege entlang. Hier sah er Schlitten von Gehöft zu Gehöft
fahren, und es war ihm, als führe die Freude die Zügel, als stehe
Schönheit und Liebe hinten auf den Kufen. Ach, wie sich der arme einsame
Wanderer nach dem Frieden der großen Wälder sehnte!

Dort oben, wo die Bäume wie schlanke Säulen aus der ebenen Fläche
emporragen, wo der Schnee in schweren Schichten auf den unbeweglichen
Zweigen liegt, wo der Wind keine Macht hat, sondern nur ganz leise mit
den Nadeln der Wipfel spielen kann, _dort_ wollte er tiefer und tiefer in
den Wald hinein wandern, bis ihn die Kräfte eines Tages verlassen würden
und er unter den großen Bäumen umsank, um vor Hunger und Kälte zu
sterben.

Er sehnte sich nach dem großen, sausenden Grab oberhalb des Löfsees, wo
ihn die zerstörenden Mächte übermannen konnten, wo es endlich dem
Hunger, der Kälte, der Ermattung und dem Branntwein gelingen mochte,
die Herrschaft über diesen elenden Körper zu gewinnen, der allem zu
widerstehen schien.

Er war nach dem Krug hinuntergekommen und wollte dort bis zum Abend
warten. Er trat in die Schenkstube und saß in stumpfer Ruhe auf der Bank
neben der Tür, von den ewigen Wäldern träumend.

Die Schenkwirtin hatte Mitleid mit ihm und gab ihm ein Glas von ihrem
starken, süßen Branntwein. Und sie gab ihm noch eins dazu, weil er sie
so inständig darum bat.

Mehr wollte sie ihm nicht geben, und der Bettler geriet in helle
Verzweiflung. Er _mußte_ mehr haben von diesem starken, süßen Branntwein.
Er mußte noch einmal fühlen, wie ihm das Herz im Leibe hüpfte, wie die
Gedanken im Rausch aufflammten. O, dies herrliche Kornbräu! Des Sommers
Sonne, des Sommers Vogelsang, des Sommers Duft und Schönheit umfluteten
ihn auf seinen Wogen. Noch einmal, ehe er in Nacht und Finsternis
verschwindet, will er Sonne und Glück trinken.

Und so vertauschte er denn erst das Mehl, dann den Mehlsack und
schließlich den Schlitten -- alles gegen Branntwein. Damit trank er sich
einen tüchtigen Rausch an und verschlief den größten Teil des
Nachmittags auf einer Bank in der Schenkstube.

Als er erwachte, sah er ein, daß ihm nur eins hier auf der Welt
übrigblieb. Sintemal dieser elende Körper die ganze Herrschaft über
seine Seele gewonnen hatte, sintemal er das vertrinken konnte, was ihm
ein Kind anvertraut hatte, sintemal er eine Schande für die Erde war,
mußte er sie von der Last all dieses Elends befreien. Er mußte seiner
Seele die Freiheit schenken, mußte sie zu Gott gehen lassen.

Er lag auf der Bank in der Schenkstube und ging mit sich selber ins
Gericht: »Gösta Berling, abgesetzter Pfarrer, angeklagt, das Eigentum
eines hungernden Kindes vertrunken zu haben, wird zum Tode verurteilt.
Zu welchem Tode? Zum Tode im Schnee.«

Er griff nach seiner Mütze und wankte hinaus. Er war weder ganz wach
noch ganz nüchtern. Er weinte aus Mitleid mit sich selber, mit seiner
armen, erniedrigten Seele, der er die Freiheit schenken mußte.

Er ging nicht weit und entfernte sich auch nicht vom Wege. Am Rande des
Weges hatte der Wind den Schnee hoch aufgetürmt, dort legte er sich hin,
um zu sterben. Er schloß die Augen und versuchte zu schlafen.

Niemand weiß, wie lange er so gelegen haben mochte, aber es war noch
Leben in ihm, als die Tochter des Brobyer Pfarrers die Landstraße
dahergelaufen kam, eine Laterne in der Hand, und ihn am Wegesrande im
Schnee liegen sah. Sie hatte stundenlang auf ihn gewartet, jetzt war sie
die Brobyer Hügel hinabgelaufen, um sich umzusehen, wo er denn nur
blieb.

Sie erkannte ihn sofort und fing an ihn zu schütteln und aus
Leibeskräften zu schreien, um ihn zu erwecken.

Sie mußte wissen, was der Mann mit ihrem Mehlsack gemacht hatte. Sie
mußte ihn ins Leben zurückrufen -- wenigstens so lange, daß er ihr sagen
konnte, was aus ihrem Schlitten und ihrem Mehlsack geworden war. Ihr
Vater würde sie totschlagen, wenn sie seinen Schlitten fortgebracht
hatte. Sie beißt den Bettler in den Finger, zerkratzt ihm das Gesicht
und schreit wie eine Verzweifelte.

Da kam jemand die Landstraße entlang gefahren.

»Wer zum Teufel schreit denn da so?« fragte eine barsche Stimme.

»Ich will wissen, was er mit meinem Schlitten und mit meinem Mehlsack
gemacht hat«, schluchzte das Kind und schlug den Bettler mit den
geballten Fäusten vor die Brust.

»Schämst du dich nicht, einen erfrorenen Mann so zu zerkratzen? Fort mit
dir, du wilde Katze!«

Eine große, grobknochige Frau entstieg dem Schlitten und näherte sich
dem Schneehaufen. Das Kind ergriff sie beim Nacken und schleuderte es
auf die Landstraße. Dann beugte sie sich herab, schob den Arm unter den
Rücken des Bettlers und hob ihn in die Höhe. So trug sie ihn bis an den
Schlitten und legte ihn hinein.

»Komm mit in die Schenke, du wilde Katze!« rief sie der Pfarrerstochter
zu, »damit wir hören, was du hierüber zu erzählen weißt.«

       *       *       *       *       *

Eine Stunde später saß der Bettler auf einem Stuhl neben der Tür in der
besten Stube der Schenke, und vor ihm stand die willensstarke Frau, die
ihn aus dem Schnee errettet hatte.

So wie Gösta Berling sie jetzt auf dem Heimwege vom Kohlenfahren in den
Wäldern sah, mit rußigen Händen, eine Tonpfeife im Munde, bekleidet mit
einem kurzen, ungefütterten Pelz aus Lammfellen und einem Kleide aus
gestreiftem Beiderwand, mit eisenbeschlagenen Schuhen an den Füßen, ein
Messer in einer Scheide in das Mieder gesteckt, so wie er sie da vor
sich stehen sah, das graue Haar über dem alten, schönen Gesicht glatt
in die Höhe gestrichen -- so hatte er sie wohl tausendmal beschreiben
hören, und er wußte, daß er mit der weit und breit bekannten Majorin aus
Ekeby zusammengetroffen war.

Sie war die mächtigste Frau in Wermland, die Herrin über sieben
Eisenwerke, gewohnt zu befehlen und zu gebieten. Und er war nur ein
elender, zum Tode verurteilter Bettler, der nicht das Geringste besaß
und der es fühlte, daß ihm jeder Weg zu schwer, jede Stube zu eng war.
Sein Körper bebte vor Angst, während ihr Blick auf ihm ruhte.

Sie stand schweigend da und sah herab auf diesen Haufen menschlichen
Elends vor ihr, auf die roten, geschwollenen Hände, die abgezehrte
Gestalt und den herrlichen Kopf, der trotz des Verfalls und der
Vernachlässigung in wilder Schönheit strahlte.

»Er ist Gösta Berling, der tolle Pfarrer?« fragte sie.

Der Bettler saß unbeweglich da.

»Ich bin die Majorin auf Ekeby.«

Es ging ein Beben durch den Bettler. Er faltete seine Hände und erhob
die Augen mit sehnsuchtsvollem Blick. Was wollte sie ihm? Wollte sie ihn
zwingen zu leben? Er bebte vor ihrer Stärke. Er war ja doch dem Frieden
der ewigen Wälder so nahe gewesen!

Sie begann den Kampf, indem sie ihm sagte, daß die Tochter des Brobyer
Pfarrers ihren Schlitten und ihren Mehlsack wiederbekommen, und daß sie,
die Majorin, für ihn wie für so viele andere ein Heim im Kavalierflügel
auf Ekeby habe. Sie biete ihm ein Leben in Lust und Freude an.

Er aber antwortete, daß er sterben müsse.

Da schlug sie mit der geballten Faust auf den Tisch und sagte ihm ihre
Ansicht offen heraus.

»Also sterben will Er -- sterben? Ja, darüber würde ich mich nicht
wundern, wenn Er überhaupt lebte. Aber seh Er nur Seinen abgezehrten
Körper, Seine ohnmächtigen Glieder, die matten Augen an -- glaubt Er
wirklich, daß da noch viel zu töten ist? Glaubt Er, daß man, um tot zu
sein, unter einem zugenagelten Sargdeckel zu liegen braucht? Glaubt Er
nicht, daß ich es Ihm ansehen kann, wie tot Er ist, Gösta Berling, tot!
Ich sehe, daß ein grinsender Totenkopf auf Seinen Schultern sitzt, und
es scheint mir, als sehe ich die Würmer durch Seine Augenhöhlen aus- und
einkriechen. Merkt Er nicht, daß Er den Mund voll Erde hat? Kann Er
nicht hören, wie die Gebeine rasseln, sobald Er sich bewegt? Er hat sich
in Branntwein ertränkt, Gösta Berling, und tot ist Er. Was sich jetzt in
Ihm rührt, ist nur das Totengebein, und dem will Er es nicht gönnen zu
leben -- wenn man das überhaupt Leben nennen kann? Es ist fast, als wolle
Er den Toten einen Tanz über die Gräber im Mondschein mißgönnen.

»Schämt Er sich, daß Er Pfarrer gewesen ist, weil Er jetzt sterben will?
Es wäre ehrenvoller, wenn Er jetzt Seine Gaben dazu verwenden wollte,
Nutzen zu schaffen auf Gottes grüner Erde -- das kann Er mir glauben.
Weshalb ist Er nicht gleich zu mir gekommen? Da hätte ich die Sache
schon für Ihn ordnen wollen. Ja, nun erwartet Er wohl viel Ehre davon,
eingekleidet und auf Hobelspäne gelegt und eine schöne Leiche genannt zu
werden!«

Der Bettler saß ruhig, halb lächelnd da, während sie ihre heftigen
Worte über ihn hindonnern ließ. Das hat keine Not, jubelte er, keine
Not! Die ewigen Wälder warten, und sie hat keine Macht, meine Seele
davon abzuwenden.

Die Majorin aber schwieg und ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder;
dann nahm sie Platz am Kamin, setzte die Füße auf den Rost und stützte
die Ellbogen auf die Knie.

»Tausend Teufel auch,« fuhr sie fort und lachte vor sich hin. »Was ich
da sage, ist so wahr, daß ich es selber kaum gemerkt habe. Glaubt Er
nicht, daß die meisten Menschen in dieser Welt tot oder doch halbtot
sind? Glaubt Er etwa, daß ich lebe? Ach nein! Ach nein!

»Ja, sieh Er mich nur an! Ich bin die Majorin auf Ekeby, und ich sollte
meinen, daß ich die mächtigste Frau in ganz Wermland bin. Winke ich mit
einem Finger, so springt der Landrat, und winke ich mit zweien, so
springt der Bischof, und winke ich mit dreien, so tanzen Domkapitel und
Ratsherren und alle Grundbesitzer in ganz Wermland Polka auf dem Markt
zu Karlstad. Tausend Teufel, ich sage Ihm, Pfarrer, ich bin nichts als
eine aufgeputzte Leiche. Unser Herrgott weiß am besten, wie wenig Leben
in mir ist.«

Der Bettler beugte sich vor und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit.
Die alte Majorin saß vor dem Feuer und wiegte sich hin und her. Sie sah
ihn nicht an, während sie sprach.

»Glaubt Er nicht,« fuhr sie fort, »daß ich, wenn ich ein lebendiges
Menschenkind gewesen wäre, das Ihn dort so elend und traurig mit
Selbstmordgedanken im Herzen sitzen sah -- daß ich sie da nicht alle mit
einem Atemhauch aus Seinem Herzen hätte vertreiben können? Da hätte ich
Tränen für Ihn gehabt und Gebete, die alles in Ihm aufgerührt hätten,
und ich hätte Seine sündige Seele erlöst. Jetzt aber bin ich tot. Gott
allein weiß, wie wenig Leben noch in mir ist.

»Hat Er gehört, daß ich einstmals die schöne Margarete Celsing war? Das
war nicht gestern, aber noch heute kann ich dasitzen und meine alten
Augen rot weinen über sie. Weshalb mußte Margarete Celsing sterben und
Margarete Samzelius leben? Weshalb soll die Majorin auf Ekeby leben?
Kann Er mir das sagen, Gösta Berling?

»Weiß Er, wie Margarete Celsing beschaffen war? Sie war schlank und fein
und sittsam und unschuldig, Gösta Berling. Sie gehörte zu denen, auf
deren Grabe die Engel weinen. Sie kannte nichts Böses, niemand hatte ihr
Kummer gemacht, sie war gut gegen alle. Und schön war sie.

»Da war ein herrlicher Mann, Altringer hieß er. Gott mag wissen, wie es
kam, daß er da oben in die wilde Einöde des Elfdals hinaufgeriet, wo
ihrer Eltern Gut lag. Ihn sah Margarete Celsing, er war schön, er war
ein Mann, und er liebte sie. Aber er war arm, und sie kamen überein, daß
sie fünf Jahre aufeinander warten wollten, wie es im Liede heißt.

»Als die drei ersten Jahre verstrichen waren, meldete sich ein anderer
Freier. Er war häßlich zu schauen, ihre Eltern glaubten aber, daß er
reich sei, und sie zwangen sie durch Reden und Versprechungen, durch
Schläge und böse Worte, ihn zum Manne zu nehmen. An jenem Tage starb
Margarete Celsing.

»Seit jener Zeit hat es keine Margarete Celsing gegeben, sondern nur
eine Majorin Samzelius, und sie war nicht gut, nicht sittsam; sie
glaubte an viel Böses und gab nicht acht auf das Gute.

»Du weißt es wohl, wie dann alles gekommen ist. Wir wohnten in Sjö, hier
am Löfsee, der Major und ich. Aber er war nicht reich, wie die Leute
gesagt hatten.

Ich hatte oft schwere Tage.

»Da kam Altringer heim, und nun war er reich. Er ward Besitzer von Ekeby
und unser Nachbar. Er kaufte auch noch sechs andere Güter am Löfsee. Er
war tüchtig, unternehmend; ein herrlicher Mann war er. Er stand uns bei
in unserer Armut, wir fuhren in seinem Wagen, er sandte uns Speisen für
unsere Küche, Wein für unsern Keller. Er füllte mein Leben mit Fest und
Freude. Als der Krieg ausbrach, reiste der Major fort, was aber kehrten
wir uns daran! Den einen Tag war ich sein Gast auf Ekeby, den nächsten
Tag kam er nach Sjö. Ach, es ging wie ein Freudenreigen an den Ufern des
Sees entlang!

»Dann aber fingen sie an, Böses über mich und Altringer zu reden. Hätte
Margarete Celsing gelebt, so würde es sie sicherlich betrübt haben, mir
aber tat es nichts. Doch wußte ich noch nicht, daß ich, weil ich tot
war, so gefühllos war.

»Die bösen Gerüchte über uns fanden ihren Weg bis zu meinem Vater und
meiner Mutter, die da oben zwischen den Kohlenmeilern im Elfdalswalde
lebten. Die Alte besann sich nicht lange; sie reiste hierher, um mit mir
zu reden.

»Eines Tages, als der Major fort war und ich mit Altringer und mehreren
anderen zu Tische saß, kam sie nach Sjö. Ich sah sie in den Saal
eintreten, aber ich fühlte nicht, daß es meine Mutter war. Gösta
Berling. Ich begrüßte sie wie eine Fremde und bat sie, an meinem Tische
niederzusitzen und teil an der Mahlzeit zu nehmen. Sie wollte mit mir
reden, als wenn ich ihre Tochter sei, aber ich sagte ihr, sie irre sich,
meine Eltern lebten nicht mehr, sie seien beide an meinem Hochzeitstage
gestorben.

»Da ging sie auf das Spiel ein. Siebzig Jahre zählte sie, dreißig Meilen
war sie in drei Tagen gefahren. Jetzt setzte sie sich ohne weitere
Umstände an den Mittagstisch und aß mit uns; sie war eine kräftige alte
Frau.

»Sie meinte, es sei doch traurig, daß ich just an dem Tage einen solchen
Verlust erlitten habe.

»Das Traurigste bei der Sache war, entgegnete ich, daß meine Eltern
nicht einen Tag früher gestorben wären, denn dann wäre nichts aus der
Hochzeit geworden.

»Frau Majorin sind also nicht glücklich in Ihrer Ehe? fragte sie darauf.

»Ja, sagte ich, jetzt bin ich glücklich. Ich werde stets glücklich sein,
dem Willen meiner teuren Eltern zu folgen.

»Sie fragte, ob es der Wille meiner Eltern gewesen sei, Scham und
Schande über sie und mich selber zu bringen und meinen Gatten zu
betrügen. Wenig Ehre erzeige ich meinen Eltern, indem ich mich selber in
der Leute Mund bringe.

»Sie müssen so liegen, wie sie sich gebettet haben, erwiderte ich. Und
übrigens mag die fremde Dame wissen, daß ich mich nicht darein finde,
daß jemand die Tochter meiner Eltern verhöhnt.

»Wir aßen allein, wir beide. Die Männer rings um uns her saßen
schweigend da und konnten weder Messer noch Gabel rühren.

»Die Alte blieb einen Tag und eine Nacht, um sich auszuruhen. Aber
solange ich sie sah, konnte ich nicht begreifen, daß es meine Mutter
war. Ich wußte nur, daß meine Mutter gestorben sei.

»Als sie reisen wollte, Gösta Berling, und ich neben ihr auf der Treppe
stand und der Wagen vorgefahren war, da sagte sie zu mir: Einen Tag und
eine Nacht bin ich hier gewesen, ohne daß du mich als Mutter hast
anerkennen wollen. Auf öden Wegen bin ich hierhergereist, dreißig Meilen
in drei Tagen. Und aus Scham über dich zittert mein alter Körper, als
sei er mit Ruten gepeitscht. Möchtest du verleugnet werden, wie ich
verleugnet worden bin, verstoßen werden, wie ich verstoßen bin. Möge die
Landstraße dein Heim, der Graben dein Bett, der Kohlenmeiler deine
Feuerstätte werden. Schande und Verschmähung sei dein Lohn, mögen dich
andere schlagen, so wie ich dich jetzt schlage!

»Und sie versetzte mir einen harten Schlag auf die Wange.

»Ich aber hob sie auf, trug sie die Treppe hinab und setzte sie in den
Wagen.

»Wer bist du, daß du mich verfluchst? fragte ich. Wer bist du, daß du
mich schlägst? Das leide ich von niemand!

»Und ich gab ihr die Ohrfeige zurück. Im selben Augenblick fuhr der
Wagen, aber da, in dem Augenblick, Gösta Berling, wußte ich, daß
Margarete Celsing tot war. Sie war gut und unschuldig. Sie kannte
nichts Böses. Die Engel würden auf ihrem Grabe geweint haben. Hätte sie
gelebt, sie würde niemals ihre Mutter geschlagen haben.«

Der Bettler an der Tür hatte gelauscht, und die Worte hatten für einen
Augenblick das Sausen der ewigen Wälder übertäubt. Sieh, diese reiche
Frau stieg zu ihm herab in ihren Sünden, ward seine Schwester in ihrem
Elend, nur um ihm Mut zum Leben zu machen. Er sollte erkennen lernen,
daß auch auf den Häuptern anderer Sorge und Schuld lastete. Er erhob
sich und trat auf die Majorin zu.

»Willst du jetzt leben, Gösta Berling?« fragte sie mit einer Stimme, die
von Tränen fast erstickt war. »Weshalb willst du sterben? Du hättest ein
tüchtiger Pfarrer werden können, nie aber war der Gösta Berling, den du
in Branntwein ertränktest, so strahlend unschuldsrein wie die Margarete
Celsing, die ich in Haß erstickte. Willst du jetzt leben?«

Gösta fiel vor der Majorin auf die Knie. »Vergib mir«, sagte er, »aber
ich kann nicht!«

»Ich bin eine alte Frau,« sagte die Majorin, »verhärtet in bitterem
Kummer, und ich sitze hier und gebe mich selber einem Bettler preis, den
ich halb erfroren in einer Schneewehe am Wege gefunden habe. Es
geschieht mir recht. Geh Er nur hin und werd' Er ein Selbstmörder, dann
kann Er jedenfalls nichts von meiner Torheit erzählen.«

»Ich bin kein Selbstmörder, ich bin ein zum Tode Verurteilter. Mache mir
den Kampf nicht zu schwer! Ich kann nicht leben. Mein Körper hat die
Obergewalt über meine Seele gewonnen, deswegen muß ich die freigeben,
damit sie zu Gott kommen kann.«

»Er glaubt also, daß sie zu Gott kommt?«

»Lebt wohl, Majorin Samzelius, und habt Dank!«

»Leb wohl, Gösta Berling!«

Der Bettler erhob sich und ging mit hängendem Kopf und schleppenden
Schritten auf die Tür zu. Diese Frau machte ihm den Weg zu den ewigen
Wäldern schwer.

Als er an die Tür kam, mußte er sich umwenden. Da begegnete er einem
Blick der Majorin, die regungslos dasaß und ihm nachsah. Er hatte
niemals eine solche Veränderung in einem Gesicht wahrgenommen, und er
stand still und starrte sie an. Sie, die eben noch böse und drohend
gewesen war, saß still da wie verklärt, und ihre Augen strahlten vor
erbarmender, mitleidiger Liebe. Es war etwas in ihm, in seinem
verwilderten Herzen, das vor diesem Blick schmolz; er lehnte seine Stirn
gegen den Türpfosten, hob die Arme über dem Kopf in die Höhe und weinte,
als wenn sein Herz brechen sollte.

Die Majorin warf die Tonpfeife ins Feuer und kam zu ihm hin. Ihre
Bewegungen waren plötzlich so sanft wie die einer Mutter.

»Nun, nun, mein Junge!«

Und sie zog ihn zu sich auf die Bank neben der Tür, so daß er, den Kopf
in ihrem Schoß, weinte.

»Will Er noch sterben?«

Er wollte aufspringen. Sie mußte ihn mit Gewalt festhalten.

»Jetzt sage ich Ihm zum letztenmal, daß Er tun kann, was Er will. Das
aber verspreche ich Ihm, wenn Er leben will, so werde ich die Tochter
des Brobyer Pfarrers zu mir nehmen und sie zu einem tüchtigen Menschen
erziehen: dann kann Er ja Gott danken, daß Er ihr Mehl stahl. Nun, will
Er?«

Er hob den Kopf in die Höhe und sah ihr in die Augen.

»Ist das Euer Ernst?«

»Freilich ist es das, Gösta Berling.«

Da rang er die Hände in unsagbarer Angst. Er sah vor sich die
eingeschüchterten Augen, die zusammengekniffenen Lippen, die kleinen,
abgemagerten Hände. Das arme kleine Wesen sollte Schutz und Pflege
haben, das Brandmal der Erniedrigung sollte aus ihrem Körper getilgt
werden, wie das Böse aus ihrer Seele. Jetzt ward ihm der Weg zu den
ewigen Wäldern verschlossen.

»Ich werde mir das Leben nicht nehmen, solange sie unter Eurem Schutz
steht«, sagte er. »Ich wußte es ja, daß die Majorin stärker sei als ich,
daß sie mich zwingen würde zu leben.«

»Gösta Berling,« sagte sie feierlich, »ich habe um dich gekämpft wie um
meine eigene Seligkeit. Ich sagte zu Gott: Wenn noch eine Spur von
Margarete Celsing in mir ist, so mache, daß sie sich zu erkennen gibt
und den Mann verhindert, sich das Leben zu nehmen! Und Gott erhörte mein
Flehen, und du hast sie gesehen, und deswegen konntest du nicht gehen.
Und sie flüsterte mir zu, daß du vielleicht um des armen Kindes willen
den Gedanken an den Tod aufgeben würdest. Ach, ihr fliegt so kühn, ihr
wilden Vögel, Gott aber kennt das Netz, das euch fangen kann.«

»Er ist ein großer, wunderbarer Gott!« sagte Gösta Berling. »Er hat mich
zum Narren gehabt und mich verworfen, aber er will mich nicht sterben
lassen. Sein Wille geschehe.«

Seit jenem Tage wurde Gösta Berling Kavalier auf Ekeby. Zweimal
versuchte er es, sich loszumachen und sich einen Weg zu bahnen, um von
der eigenen Arbeit zu leben. Das einemal gab ihm die Majorin ein Haus in
der Nähe von Ekeby; er zog dahin und wollte versuchen, als Arbeiter zu
leben. Es gelang ihm auch eine Zeitlang, aber er ward bald der
Einsamkeit und der täglichen Arbeit müde und wurde wieder Kavalier. Das
zweitemal ward er Hauslehrer auf Borg bei dem jungen Grafen Heinrich
Dohna. Dort verliebte er sich in Ebba Dohna, des Grafen Schwester; als
sie aber starb, gerade als er sie zu gewinnen meinte, gab er jeden
Gedanken, etwas anderes als ein Kavalier auf Ekeby zu werden, auf. Es
schien ihm, als seien einem abgesetzten Pfarrer alle Wege zur
Wiederherstellung seiner Ehre verschlossen.




Gösta Berlings Sage




Die Landschaft


Nun muß ich diejenigen, die den langen See, die reichen Ebenen und die
blauen Berge schon kennen, bitten, daß sie einige Seiten überschlagen.
Sie können es ruhig tun, das Buch wird trotzdem lang genug.

Ein jeder wird verstehen, daß ich gezwungen bin, diese drei Szenerien
denen zu beschreiben, die sie noch nicht gesehen haben, denn sie waren
der Schauplatz, auf dem Gösta Berling und die Kavaliere ihr lustiges
Leben lebten. Aber für diejenigen, die sie gesehen haben, ist es gar
leicht zu verstehen, daß dies die Kräfte eines Menschen übersteigt, der
nur die Feder führen kann.

Am liebsten würde ich mich damit begnügen, _von dem See_ zu erzählen, daß
er der Löfsee heißt, daß er lang und schmal ist, daß er sich von den
großen einsamen Wäldern im nördlichen Wermland bis hinab in die
Niederungen des Wenersees nach Süden zu erstreckt; _von der Ebene_, daß
sie zu beiden Seiten des Sees dahinläuft, und _von den Bergen_, daß sie
mit ihren ragenden Ketten das ganze Tal umschließen. Aber das ist nicht
genug für mich, wenn ich den See meiner Kindheitsträume und das Leben
meiner Kindheitshelden schildern will.

Die Quellen des Sees liegen hoch oben im Norden, und da ist ein
herrliches Land für einen See. Wald und Berge werden niemals fertig,
Wasser für ihn zu sammeln, Elfe und Bäche stürzen das ganze Jahr
hindurch in ihn hinab. Er hat feinen, weißen Sand, auf dem er sich
ausstrecken kann, Landzungen und Inseln, die er widerspiegeln kann, da
ist freier Spielraum für den Wassermann und die Meerfrau, und er wächst
groß und schön heran. Da oben im Norden ist er munter und freundlich.
Ihr solltet ihn nur an einem Sommermorgen sehen, wenn er ganz wach
daliegt und unter dem Nebelschleier blitzt, wie lustig er da ist. Er
verbirgt sich erst eine Weile, dann schlüpft er leise, ganz leise aus
seiner lichten Hülle heraus, so bezaubernd schön, daß man ihn kaum
wiedererkennen kann. Aber dann, mit einem Ruck, wirft er die ganze Decke
ab und liegt da, bloß und frei und rosenrot und strahlt im Morgenlicht.

Aber der See begnügt sich nicht mit Spiel und Lustigkeit; er bricht sich
einen Weg durch einige Sandhügel nach Süden zu, schnürt sich zu einem
engen Sund zusammen und sucht sich ein neues Reich. Das findet er, wird
bald wieder groß und mächtig, hat eine bodenlose Tiefe auszufüllen und
eine fleißige Gegend zu schmücken. Aber nun wird das Wasser auch
dunkler, die Ufer werden weniger abwechselnd, die Winde schärfer, der
ganze Charakter wird strenger. Aber es ist noch immer ein stattlicher,
ein herrlicher See. Mannigfach sind die Schiffe und die Holzflöße, die
auf ihm fahren, und selten findet er vor Weihnacht Zeit, sich zur
Winterruhe zu legen. Oft ist er schlechter Laune; er kann weiß schäumen
und Boote umstürzen, aber er kann auch in träumerischer Ruhe daliegen
und den Himmel abspiegeln.

Aber der See will noch weiter hinaus in die Welt, obwohl die Berge
fester werden und der Platz enger wird, je weiter er hinabkommt, so daß
er schließlich wie ein schmaler Sund zwischen sandigen Ufern
dahinkriechen muß. Dann breitet er sich zum drittenmal aus, aber nicht
mit derselben Schönheit und Macht.

Die Ufer liegen flach und einförmig da, mildere Winde wehen, und der See
legt sich früh zur Winterruhe. Er ist noch schön, doch er hat die
Wildheit seiner Jugend und die Kraft seines Mannesalters eingebüßt -- er
ist ein See wie alle anderen. Mit zwei Armen tastet er sich nach dem
Wenersee hin, und wenn er den gefunden hat, stürzt er sich in
Altersschwäche steile Abhänge hinab, und mit dieser letzten Heldentat
begibt er sich zur Ruhe.

Die Ebene ist ebensolang wie der See, aber es wird ihr schwer, vor Seen
und Bergen weiter zu kommen, gleich von der Schlucht am nördlichen
Endpunkt des Sees an und bis sie sich behaglich an den Ufern des
Wenersees zur Ruhe legt. Natürlich würde die Ebene am liebsten an dem
See entlang laufen, von dem einen Ende bis zum andern; aber das erlauben
ihr die Berge nicht. Die Berge sind mächtige Mauern aus Granitgestein,
mit Wäldern bedeckt, voll von Schluchten, es ist schwierig, dort zu
wandern; reich sind sie an Moos und Flechten, und in alten Zeiten waren
sie die Heimstätte für Unmengen von Wild. Oft stößt man oben auf den
weitausgedehnten Bergrücken auf ein Moor mit Schlammboden oder auf einen
Sumpf mit schwarzem Wasser, und hier und da findet man einen Köhlerplatz
oder eine offene Stelle, wo Holz geschlagen ist, oder ein Stück
abgesengter Heide, und das zeugt davon, daß die Berge auch Arbeit
ertragen können; gewöhnlich aber liegen sie in sorgloser Ruhe da und
begnügen sich damit, Licht und Schatten ihr ewiges Spiel auf ihren
Abhängen spielen zu lassen.

Mit diesen Bergen liegt die Ebene -- die fromm und fruchtbar ist und die
Arbeit liebt -- in einem ewigen Krieg.

»Könnt ihr euch nicht damit begnügen, Mauern um mich her zu errichten?«
sagt die Ebene zu den Bergen; »das ist Sicherheit genug für mich.«

Aber die Berge lauschen dieser Rede nicht. Sie entsenden lange Reihen
von Hügeln und kahlen Hochebenen bis ganz hinab an den See. Sie bauen
prächtige Aussichtstürme auf jeder Landzunge und weichen so selten von
dem Ufer des Sees zurück, daß sich die Ebene nur an ganz einzelnen
Stellen in dem weichen Sand des Ufers rollen kann. Aber es nützt ihr
nicht, zu klagen.

»Freue du dich, daß wir hier stehen«, sagen die Berge. »Denk an die Zeit
vor Weihnacht, wenn die eiskalten Nebel Tag für Tag über den Löfsee
dahinrollen. Wir tun gute Dienste da, wo wir stehen!«

Die Ebene klagt darüber, daß sie zu wenig Platz und zu schlechte
Aussicht hat.

»Du Törin!« antworten die Berge; »du solltest nur fühlen, wie es hier
unten am See weht. Man muß allermindestens einen Rücken aus Granitstein
haben und einen Pelz aus Tannen, um das aushalten zu können. Und im
übrigen kannst du froh sein, daß du uns ansehen darfst!«

Und darüber ist die Ebene auch wirklich froh. Sie kennt sehr wohl jedes
wunderliche Wechseln von Licht und Schatten, das über die Berge
hinhuscht. Sie hat sie in der Mittagsbeleuchtung gleichsam bis zu dem
Horizont hinabsinken sehen, niedrig und ganz hellblau, hat sie sich in
der Morgen- und Abendbeleuchtung zu ehrwürdiger Höhe emporheben sehen,
klar, blau wie der Himmel im Zenit. Zuweilen kann das Licht so scharf
auf sie herabfallen, daß sie grün oder schwarzblau werden, und jede
Furche, jeden Weg, jede Schlucht sieht man da aus meilenweiter
Entfernung.

Aber dann geschieht es an einzelnen Stellen, daß die Berge ein wenig zur
Seite weichen und die Ebene nach dem See hinablugen lassen. Aber wenn
sie dann den See in seinem Zorn erblickt, wie er faucht und speit gleich
einer Wildkatze, oder wenn sie ihn mit dem kalten Rauch bedeckt sieht,
der daher kommt, daß die Wasserleute büken oder brauen, da gibt sie gar
bald den Bergen recht und zieht sich wieder in ihr enges Gefängnis
zurück.

Seit Olims Zeiten haben die Menschen die herrliche Ebene bebaut, und sie
ist gut bevölkert. Wo sich nur ein Bach mit seinem weißschäumenden
Wasserfall das Ufer hinabstürzt, lag ein Sägewerk oder eine Mühle.

Auf den offenen, hellen Stellen, wo die Ebene bis an den See hinabging,
lagen Kirchen und Pfarrhäuser; aber am Talrande, halbwegs am Abhang, auf
den mit Steinen angefüllten Feldern, wo kein Korn gedeiht, lagen die
Gehöfte der Bauern, die Offiziershäuser und hin und wieder ein
Herrensitz.

Aber man darf nicht vergessen, daß die Gegend in den zwanziger Jahren
lange nicht so angebaut war wie jetzt. Große Strecken, die heute
fruchtbare Felder tragen, lagen damals als Wald, Sumpf und See da. Die
Bevölkerung war auch nicht so zahlreich und ernährte sich teils durch
Fuhren, teils durch Arbeit in Mühlen und Sägewerken und an fremden
Orten; der Ackerbau konnte ihnen das Leben nicht fristen. Zu jener Zeit
kleideten sich die Bewohner der Ebene in selbstgewebte Stoffe, sie aßen
Haferbrot und begnügten sich mit zwölf Schilling Tagelohn. Die Not war
oft groß unter ihnen; aber sie wurde gemildert durch einen leichten und
munteren Sinn, durch Tüchtigkeit, Handgeschicklichkeit, die namentlich
an fremden Orten zur Entfaltung gelangten.

Aber alle diese drei, der lange See, die reiche Ebene und die blauen
Berge, bildeten die schönste Landschaft, und das tun sie noch heutigen
Tages, und das Volk ist noch heute kräftig, mutig und gut begabt. Jetzt
hat es auch große Fortschritte in bezug auf Wohlstand und Bildung
gemacht.

Möge es denen gut ergehen, die dort oben an dem langen See und an den
blauen Bergen wohnen! Was ich hier schildern will, sind einige von ihren
Erinnerungen.




Die Christnacht


Sintram heißt der böse Gutsherr auf Fors, mit dem schwerfälligen Körper,
den langen Affenarmen, dem kahlen Kopf und dem häßlichen, grinsenden
Gesicht, der nichts Schöneres kennt als Unfrieden stiften.

Sintram heißt er, der nur Landstreicher und Raufbolde als Knechte
annimmt, der nur keifende, verlogene Mägde in seinem Dienst hat, er, der
die Hunde bis zur Raserei quält, indem er ihnen Knopfnadeln in die
Schnauze steckt, der sich am glücklichsten zwischen bösen Menschen und
wilden Tieren fühlt.

Sintram heißt er, dessen schönstes Vergnügen es ist, sich wie der
leibhaftige Teufel auszukleiden mit Hörnern und Schwanz und Pferdefuß,
und der dann plötzlich aus den dunklen Ecken, aus dem Backofen oder
hinter dem Holzschober hervorstürzt, um furchtsame Kinder und
abergläubische Frauen zu erschrecken.

Sintram heißt er, der sich freut, wenn er alte Freundschaft in
flammenden Haß verwandeln und die Herzen mit Lügen vergiften kann.

Sintram heißt er -- und eines Tages kam er nach Ekeby.

       *       *       *       *       *

»Zieht den großen Brennholzschlitten in die Schmiede, stellt ihn in die
Mitte des Raumes, legt einen Karren darüber, den Boden nach oben
gewendet, dann haben wir einen Tisch. Hurra, der Tisch soll leben!

»Jetzt herbei mit Stühlen und mit allem, was sich zum Sitzen benutzen
läßt! Herbei mit dreibeinigen Schusterhockern und leeren Kisten! Herbei
mit zerfetzten Lehnstühlen ohne Lehne, und her mit dem alten
Einspännerschlitten ohne Kufen und mit der alten Karosse! Ha, ha! her
mit der alten Karosse! Das soll die Rednertribüne sein. Nein, seht nur,
das eine Rad ist ab, und der ganze Wagenkasten fehlt! Es ist nichts als
der Bock übriggeblieben. Das Polster ist zerfetzt, die Krollhaare
quellen daraus hervor, das Leder ist rot von Alter. Hoch wie ein Haus
ist das alte Stück Rumpelzeug. Stoßt, stoßt, sonst stürzt es um!«

Hurra! Hurra! Es ist Christnacht auf Ekeby!

Hinter den seidenen Gardinen des Doppelbettes schlafen der Major und die
Majorin, schlafen und glauben, daß auch der Kavalierflügel schläft.
Knechte und Mägde können schlafen, übersättigt von dem festlichen
Reisbrei, müde von dem starken Weihnachtsbier, nicht aber die Herren im
Kavalierflügel. Kann überhaupt jemand glauben, daß der Kavalierflügel
schläft?

Keine barfüßigen Schmiede rasseln mit den eisernen Stangen, keine
rußgeschwärzten Knaben ziehen die Kohlenkarren hinter sich her, der
große Hammer hängt wie ein Arm mit geballter Faust oben unterm Dach. Der
Amboß steht leer, die Öfen sperren ihren roten Schlund nicht auf, um
Kohlen zu verschlingen, die Bälge knirschen nicht. Es ist Weihnacht. Die
Schmiede schläft.

Sie schläft, schläft! O du Menschenkind, sie schläft, wenn die Kavaliere
wachen! Die langen Zangen stehen aufrecht auf dem Fußboden, halten
Talglichter in ihrem Schnabel. Aus dem Zehnkannenkessel aus blankem
Kupfer schlägt die blaue Flamme des Punsches zu dem dunklen Dach empor.

Beerencreutz' Hornlaterne hängt an dem Stangeneisenhammer. Der gelbe
Punsch schimmert in der Bowle wie die helle Sonne. Hier ist ein Tisch,
und hier sind Bänke. Die Kavaliere feiern Weihnachten in der Schmiede.

Hier ist Lärm und Lustigkeit und Musik und Gesang. Das mitternächtliche
Getöse weckt niemand. Aller Lärm, alles Geräusch aus der Schmiede
ertrinkt in dem mächtigen Brausen des Gießbaches da draußen.

Da ist Lärm und Lustigkeit. Wenn die Frau Majorin sie jetzt sähe?

Nun, was dann? Sie würde sich sicher bei ihnen niederlassen und einen
Becher mit ihnen leeren. Eine tüchtige Frau ist sie, sie läuft nicht
davon vor einem donnernden Trinkliede, vor einem Spiel Rabouge. Die
reichste Frau in ganz Wermland, barsch wie ein Kerl und stolz wie eine
Königin. Gesang liebt sie, gellende Waldhörner und Violinen. Wein und
Spiel hat sie gern und lange Tische, umringt von fröhlichen Gästen. Sie
sieht es gern, wenn die Vorräte schwinden, wenn Tanz und Lustbarkeit in
Kammer und Saal herrschen und der Kavalierflügel voller Kavaliere ist!

Seht sie dort rings im Kreise um die Bowle sitzen, Kavalier an Kavalier!
Es sind ihrer zwölf, zwölf Männer! Keine Eintagsfliegen, keine
Modehelden, sondern Männer, deren Ruf erst spät in Wermland ersterben
wird, mutige Männer, starke Männer!

Keine dürren Pergamente, keine zugeschnürten Geldbeutel, sondern arme
Männer, sorglose Männer, Kavaliere vom Morgen bis zum Abend.

Keine Hängeweiden, keine schläfrigen Stubenhocker, wegefahrende Männer,
fröhliche Männer, Ritter von tausend Abenteuern.

-- -- Jetzt hat der Kavalierflügel schon seit Jahren leer gestanden. Ekeby
ist kein Zufluchtsort für heimatlose Kavaliere mehr. Pensionierte
Offiziere und arme Edelleute fahren nicht mehr in wackeligen Gefährten
auf den Landstraßen Wermlands umher; hier aber sollen sie wieder
auferstehen, die Fröhlichen, Sorglosen, die ewig Jungen!

Alle diese weitberühmten Männer konnten ein oder mehrere Instrumente
spielen. Alle sind sie so voller Eigenheiten, voller Redensarten,
Einfälle und Lieder wie der Ameishaufen voller Ameisen, aber ein jeder
von ihnen hat doch seine besondere vorzügliche Eigenschaft, seine
hochgeschätzte Kavaliertugend, die ihn von den übrigen unterscheidet.

Zuerst von alle denen, die um die Bowle herumsitzen, will ich
Beerencreutz nennen, den Obersten mit dem großen weißen Schnurrbart, den
Rabougespieler, den Bellman-Sänger, und neben ihm seinen Freund und
Kriegskameraden, den wortkargen Major, den großen Bärenjäger Anders
Fuchs, und als dritten im Bunde den kleinen Ruster, den Trommelschläger,
der lange Bursche des Obersten gewesen war, aber infolge seiner
Geschicklichkeit im Punschbrauen und im Generalbaß Kavalierrang erhalten
hatte. Dann muß der alte Fähnrich, Rutger von Örneclou, erwähnt werden,
der Herzenbrecher in Perücke, steifer Halsbinde und Jabot, der
geschminkt war wie eine Frau. Er war einer der hervorragendsten
Kavaliere, und das war auch Christian Bergh, der starke Hauptmann, ein
gewaltiger Held, aber ebenso leicht an der Nase herumzuführen wie der
Riese im Märchen. In Gesellschaft dieser beiden sah man oft den kleinen,
kugelrunden Patron Julius, fröhlich und munter, ein heller Kopf, Redner,
Maler, Liedersänger und Anekdotenerzähler. Er ließ seine gute Laune
gewöhnlich über den gichtbrüchigen Fähnrich und den dummen Riesen aus.

Hier sah man auch den großen Deutschen Kevenhüller, den Erfinder des
selbsttätigen Wagens und der Flugmaschine, ihn, dessen Name noch in den
sausenden Wäldern widerhallt. Ein Ritter war er von Geburt wie von
Gestalt, mit großem, gedrehtem Schnurrbart, spitzem Kinnbart, Adlernase
und kleinen schiefen Augen in einem Netz sich kräuselnder Falten. Hier
saß der große Kriegsheld, Vetter Kristoffer, der nie aus den vier Wänden
des Kavalierflügels herauskam, es sei denn, daß eine Bärenjagd oder
sonst ein verwegenes Abenteuer in Aussicht war; und neben ihm Onkel
Eberhard, der Philosoph, der nicht des Scherzes und der Lustbarkeit
halber nach Ekeby gezogen war, sondern um ungestört von Nahrungssorgen
seine große Arbeit in der Wissenschaft der Wissenschaften verrichten zu
können.

Zu allerletzt nenne ich die Besten der ganzen Schar: den sanften
Löwenberg, den frommen Mann, der zu gut war für diese Welt und sich so
blitzwenig auf ihr Treiben verstand, und Liliencrona, den großen
Musiker, der ein gutes Heim hatte und sich stets dahin sehnte, der aber
doch auf Ekeby bleiben mußte, weil sein Geist des Reichtums und der
Abwechselung bedurfte, um das Leben ertragen zu können.

Alle diese elfe hatten ihre Jugend hinter sich und waren ein gutes Stück
ins Alter hineingekommen; in ihrer Mitte aber gab es einen, der nicht
mehr als dreißig Jahre zählte und dessen geistige wie körperliche Kräfte
noch ungebrochen waren. Das war Gösta Berling, der Kavalier der
Kavaliere, er, der allein ein größerer Redner, Sänger, Musiker, Jäger,
Trinkheld und Spieler war als alle die andern zusammengenommen. Welch
einen Mann hatte nicht die Majorin aus ihm gemacht!

Seht ihn an, wie er jetzt da oben auf dem Rednerstuhl steht! Die
Dunkelheit senkt sich von dem rußgeschwärzten Dach in schweren Festons
auf ihn herab. Sein blondes Haupt schimmert daraus hervor wie das der
jungen Götter, jener jungen Lichtträger, die das Chaos ordneten.
Schlank, schön, abenteuerbegehrlich steht er da.

Aber er redet mit tiefem Ernst.

»Kavaliere und Brüder! Die Mitternacht naht heran, das Fest ist weit
vorgeschritten, es ist Zeit, den Becher auf das Wohl des Dreizehnten am
Tische zu trinken!«

»Lieber Bruder Gösta,« ruft Patron Julius, »hier ist kein Dreizehnter,
wir sind nur zwölf!«

»Auf Ekeby stirbt alljährlich ein Mann«, fährt Gösta mit immer finsterer
werdender Stimme fort. »Einer von den Gästen des Kavalierflügels stirbt,
einer von den Frohen, den Sorglosen, den ewig Jungen. Nun ja! Kavaliere
dürfen nicht alt werden. Wenn unsere zitternden Hände das Glas nicht
mehr halten können, wenn unsere halbblinden Augen die Karten nicht mehr
zu unterscheiden vermögen, was ist das Leben dann für uns, was sind wir
dann für das Leben? Einer von den Dreizehn, die die Christnacht in der
Schmiede auf Ekeby feiern, _muß_ sterben, aber jedes Jahr kommt ein neuer,
um die Zahl voll zu machen; ein Mann, der wohlerfahren ist in dem
Handwerk der Freude, ein Mann, der eine Violine streichen, der ein Spiel
Karten spielen kann, muß unsere Schar vollzählig machen. Alte
Schmetterlinge müssen zu sterben wissen, solange die Sonne scheint! Auf
das Wohl des Dreizehnten!«

»Aber Gösta, wir sind nur zwölf!« wandten die Kavaliere ein, und keiner
griff zum Glase.

Gösta Berling, den sie den Poeten nannten, obwohl er niemals einen Vers
schrieb, fuhr mit ungestörter Ruhe fort: »Kavaliere und Brüder! Habt ihr
vergessen, wer ihr seid? Ihr haltet die Freude in Wermland am Leben. Ihr
bringt Fahrt in den Strich des Fiedelbogens, ihr haltet den Tanz im
Gange, laßt Gesang und Spiel durch das Land erschallen. Wenn ihr nicht
wäret, so würde der Tanz ersterben, die Rosen würden sterben,
Kartenspiel und Gesang würden sterben, und in diesem ganzen herrlichen
Lande würde es nichts weiter geben als Eisenwerke und Grundbesitzer. Die
Freude wird leben, solange ihr lebet. Sechs Jahre habe ich jetzt die
Christnacht in der Schmiede zu Ekeby gefeiert, und niemals hat sich
jemand geweigert, auf das Wohl des Dreizehnten zu trinken. Wer von euch
fürchtet sich, zu sterben?«

»Aber Gösta!« riefen sie, »wenn wir doch nur zwölf sind, wie können wir
da auf das Wohl des Dreizehnten trinken?«

Tiefe Bekümmernis malt sich auf Göstas Zügen. »Sind wir nur zwölf?«
fragt er. »Und weshalb denn? Sollen wir aussterben? -- Sollen wir im
nächsten Jahr nur elf und in dem darauffolgenden nur zehn sein? Soll
unser Leben eine Sage werden, soll unsere Schar zugrunde gehen? Ich rufe
ihn herbei, den Dreizehnten, denn ich habe mich erhoben, um auf sein
Wohl zu trinken. Aus der Tiefe des Meeres, aus den Eingeweiden der Erde,
vom Himmel herab, aus der Hölle herauf rufe ich ihn, der die Zahl der
Kavaliere vervollständigen soll!«

Da rasselt es im Schornstein, da schlagen die Flammen des Schmelzofens
auf, da kommt der Dreizehnte. Behaart kommt er mit Schwanz und
Pferdehuf, mit Hörnern und spitzigem Bart, und bei seinem Anblick fahren
die Kavaliere mit einem lauten Aufschrei in die Höhe.

Aber unter nicht endenwollendem Jubel ruft Gösta Berling: »Der
Dreizehnte ist gekommen -- auf das Wohl des Dreizehnten!«

So ist er denn gekommen, der alte Feind der Menschheit, gekommen zu den
Verwegenen, die den Frieden der heiligen Nacht stören. Der Freund der
Hexen vom Blocksberg, der seine Kontrakte mit Blut auf kohlschwarzes
Papier schreibt, er, der sieben Tage mit der Gräfin auf Ivarsnäs tanzte
und den sieben Pfarrer nicht vertreiben konnten -- er ist gekommen.

In stürmischer Eile fliegen die Gedanken bei seinem Anblick den alten
Abenteurern durch die Köpfe. Sie grübeln darüber nach, um wessentwillen
er wohl über Nacht unterwegs sein mag.

Viele von ihnen sind nahe daran, vor Angst fortzulaufen; bald aber
verstehen sie, daß er nicht gekommen war, um sie in sein finsteres Reich
hinabzuholen, sondern daß der Becherklang und der Gesang ihn
herbeigelockt hatte. Er wollte teilhaben an der Freude der Menschen in
der heiligen Christnacht und die Last der Regierung in dieser Zeit der
Freuden abschütteln.

Kavaliere! Kavaliere! Wer von euch denkt wohl daran, daß dies die
Christnacht ist! Jetzt singen die Engel den Hirten auf dem Felde ihren
Gruß zu, jetzt liegen die Kinder in den Betten und fürchten sich zu fest
zu schlafen, so daß sie nicht rechtzeitig zu der schönen Frühmette
erwachen. Bald ist es Zeit, die Weihnachtskerzen in der Kirche zu Bro
anzuzünden, und weit weg in der Waldhütte hat der Jüngling einen Haufen
knisternder Tannenzweige in Brand gesteckt, die seiner Herzliebsten auf
dem Wege zur Kirche leuchten sollen. In allen Hütten haben die Frauen
Lichter in die Fenster gestellt, die angezündet werden sollen, wenn die
Kirchgänger vorüberziehen. Der Küster überhört sich im Traum die
Weihnachtsgesänge, und der alte Probst liegt im Bett und stellt Versuche
an, ob er noch Stimme genug hat, um »Ehre sei Gott in der Höhe und
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« zu singen.

Ach, Kavaliere, es wäre besser für euch gewesen, wenn ihr in dieser
Nacht des Friedens in euren Betten gelegen hättet, statt Umgang mit dem
Fürsten der Finsternis zu pflegen!

Aber sie begrüßen ihn mit Willkommensrufen, wie es Gösta bereits getan
hat. Einen Becher, gefüllt mit dem brennenden Trank, setzen sie vor ihn
hin, und sie räumen ihm den Ehrenplatz am Tische ein. Beerencreutz ladet
ihn zu einem Spiel Rabouge ein, Patron Julius singt ihm seine schönsten
Lieder vor, und Örneclou redet mit ihm über schöne Frauen, diese
himmlischen Wesen, die das Leben versüßen. Er befindet sich äußerst
wohl, der Gehörnte, während er sich mit königlicher Haltung gegen den
alten Kutscherbock lehnt und den gefüllten Pokal an den grinsenden Mund
hebt.

Gösta Berling hält natürlich eine Rede auf ihn.

»Euer Gnaden,« sagt er, »wir haben Sie lange hier auf Ekeby erwartet,
denn Sie haben wohl kaum Zutritt zu einem andern Paradies. Hier lebt
man, ohne zu säen oder zu spinnen, wie Euer Gnaden wohl schon weiß. Hier
fliegen einem die gebratenen Tauben in den Mund; hier fließt starkes
Bier und süßer Branntwein in allen Bächen und Strömen. Hier ist gut
sein, merkt Euch das, Euer Gnaden!

»Wir Kavaliere haben uns wirklich nach Ihnen gesehnt, denn wir sind
bisher nicht recht vollzählig gewesen. Denn wir sind ein wenig mehr, als
wofür wir uns ausgeben: wir sind der Dichtung alte Zahl der Zwölfe, die
sich durch alle Zeiten hindurchzieht. Zwölf waren wir, als wir die Welt
da oben auf dem wolkenumkränzten Gipfel des Olympos regierten, zwölf,
als wir gleich Vögeln in Yggdrasils grüner Krone wohnten. Saßen wir
nicht zu Zwölfen um König Arturs Tafelrunde, und gingen nicht zwölf
Genossen in Carolus Magnus' Heer? Einer von uns ist Thor gewesen, ein
anderer Jupiter, das muß uns ein jedes Kind noch heute ansehen können.
Man kann noch den Götterglanz unter den Lumpen, die Löwenmähne unter der
Eselshaut erkennen. Die Zeit hat uns arg mitgenommen, hier aber wird uns
die Schmiede zum Olymp, der Kavalierflügel zu Walhall!

»Aber, Euer Gnaden, wir sind nicht vollzählig gewesen. Wir wissen ja,
daß in der Schar der Zwölfte in der Dichtung stets ein Loke, ein
Prometheus, ein Ganelon sein mußte. Den haben wir vermißt.

»Euer Gnaden! Ich heiße Sie willkommen!«

»Seht, seht!« sagte der Böse. »Schöne Worte, schöne Worte. Und ich, der
ich keine Zeit habe zu antworten! Geschäfte, meine Freunde, Geschäfte!
Ich muß gleich fort, sonst stünde ich euch zu jeglicher Rolle zu
Diensten. Habt Dank für eure freundliche Aufnahme, Kameraden. Auf
Wiedersehen!«

Da fragen die Kavaliere, wohin es ihn denn so eilig zieht, und er
antwortet, daß die Herrin auf Ekeby, die Majorin selber ihn erwartet, um
ihren Kontrakt zu erneuern.

Große Verwunderung ergreift die Kavaliere. Eine strenge und tüchtige
Frau ist sie, die Majorin auf Ekeby. Sie hebt eine Tonne Roggen auf ihre
breiten Schultern. Sie führt den Erztransport von den Gruben bis nach
Ekeby. Sie schläft wie ein Fuhrknecht auf der Tenne, einen Sack als
Kopfkissen unter dem Haupt. Im Winter kann sie einen Kohlenmeiler
beaufsichtigen, im Sommer eine Bretterladung den Löfsee hinabflößen.
Eine willensstarke Frau ist sie. Sie flucht wie ein Kerl und regiert
ihre sieben Besitzungen und die Güter ihrer Nachbarn, regiert ihr
eigenes Kirchspiel und die benachbarten Kirchspiele, ja das ganze schöne
Wermland. Den heimatlosen Kavalieren aber ist sie eine Mutter gewesen,
und deswegen haben sie ihre Ohren verschlossen, wenn das Gerücht zu
ihnen drang, daß sie mit dem Teufel im Bunde stehe. Also fragen sie ihn
mit großem Staunen, welchen Kontrakt sie mit ihm geschlossen hat.

Und er, der Schwarze, antwortete ihnen, daß er der Majorin ihre sieben
Besitzungen geschenkt hat, gegen das Versprechen, daß sie ihm
alljährlich eine Seele sendet.

O, welch ein Entsetzen schnürt da die Herzen der Kavaliere zusammen!

Sie wußten es ja, aber sie haben es bisher nicht verstanden. Auf Ekeby
stirbt alljährlich ein Mann, einer von den Gästen des Kavalierflügels
stirbt, einer von den Fröhlichen, den Sorglosen, den ewig Jungen stirbt.
Nun ja, -- Kavaliere dürfen nicht alt werden! Wenn ihre zitternden Hände
kein Glas mehr halten können, wenn ihre halbblinden Augen die Karten
nicht mehr zu unterscheiden vermögen -- was ist das Leben da für sie, was
sind sie für das Leben? Schmetterlinge müssen zu sterben wissen, solange
die Sonne scheint.

Aber erst jetzt verstanden sie die rechte Bedeutung der Sache.

Wehe der Frau! Deswegen also hat sie ihnen so manche gute Mahlzeit
gereicht, deswegen läßt sie sie ihr starkes Bier, ihren süßen Branntwein
trinken, damit sie vom Trinksaal und den Spieltischen auf Ekeby zu dem
Fürsten der Finsternis hinabstürzen, einer alljährlich -- einer in jedem
flüchtigen Jahr!

Wehe der Frau, wehe der Hexe! Starke, herrliche Männer waren nach
diesem Ekeby gekommen, um zu vergehen. Und sie stürzte sie ins
Verderben; ihre Gehirne wurden zu Schwämmen, ihre Lungen zu trockener
Asche, ihr Geist war umnachtet, wenn sie auf das Totenbett sanken, um
ohne Hoffnung, ohne Seele diese lange Reise anzutreten. Wehe der Frau!
So sind alle die gestorben, die bessere Männer waren als sie, und so
sollen auch sie sterben.

Lange aber stehen die Kavaliere nicht vom Schrecken gelähmt da.

»Du Fürst der Verdammnis!« rufen sie. »Mit der Hexe sollst du nie wieder
deine mit Blut geschriebenen Kontrakte schließen; sie soll sterben.
Christian Bergh, der starke Hauptmann, hat den schwersten Hammer der
Schmiede über die Schulter geworfen; der soll in dem Kopf dieses
Ungeheuers begraben werden. Sie soll dir keine Seele mehr opfern. Und du
selber, du Gehörnter, dich legen wir auf den Amboß, und dann lassen wir
den Stangeneisenhammer los. Während die Hammerschläge fallen, halten wir
dich mit den Zangen fest; wir wollen dich lehren, auf Jagd nach
Kavalierseelen auszugehen!«

Feige ist er, der schwarze Herr, das ist eine alte Geschichte, und die
Aussicht, unter den großen Hammer zu kommen, sagt ihm nicht zu. Er ruft
Christian Bergh zurück und fängt an, mit den Kavalieren zu unterhandeln.

»Nehmt die sieben Eisenwerke in dem kommenden Jahr, nehmt sie selber,
Kavaliere, und überlaßt mir die Majorin!«

»Glaubst du, daß wir ebenso niedrig denken wie sie?« ruft Patron Julius.
»Ekeby und alle sieben Besitztümer wollen wir haben, mit der Majorin
aber mußt du dich selber abfinden.«

»Was sagt Gösta? Was sagt Gösta?« fragt der sanfte Löwenberg. »Gösta
Berling soll reden. Bei einer so wichtigen Angelegenheit müssen wir
seine Ansicht hören.«

»Das Ganze ist Unsinn!« sagt Gösta Berling. »Kavaliere, laßt euch nicht
von ihm anführen! Was sind wir gegen die Majorin? Mit unseren Seelen mag
es gehen, wie es will, aber mit meinem freien Willen werden wir nicht zu
undankbaren Wichten, benehmen wir uns nicht wie Schurken und Verräter.
Ich habe das Brot der Majorin zu lange Jahre gegessen, um sie jetzt im
Stich zu lassen.«

»Ja, fahr du zur Hölle, Gösta, wenn du Lust dazu hast! Wir wollen Ekeby
lieber selber regieren.«

»Aber seid ihr denn ganz toll, oder habt ihr all euren Sinn und Verstand
vertrunken? Glaubt ihr, daß das die Wahrheit ist? Glaubt ihr, daß das
der Teufel ist? Könnt ihr denn nicht merken, daß das Ganze eine
verdammte Lüge ist?«

»Sieh, sieh, sieh!« sagt der schwarze Herr. »Er merkt noch nicht, daß Er
auf dem besten Wege ist, zur Hölle zu fahren, und doch ist Er schon
sieben Jahre auf Ekeby gewesen! Er merkt nicht, wie weit Er schon
gekommen ist.«

»Ach was, Unsinn, Alter! Ich bin dir ja selber behilflich gewesen, dort
in den Ofen hineinzukriechen!«

»Als ob das einen Unterschied machte. Als ob ich deswegen nicht
ebensogut ein Teufel sein könnte wie jeder andere. Ja, ja, Gösta
Berling! Dich habe ich sicher. Du hast dich schon recht nett entfaltet
unter der Behandlung der Majorin.«

»Sie hat mich gerettet!« sagt Gösta. »Was wäre ich wohl ohne sie
gewesen?«

»Sieh, sieh! Als ob sie nicht ihren eigenen Zweck dabei gehabt hätte,
als sie dich auf Ekeby zurückhielt. Du kannst viele in die Falle locken;
du hast große Gaben. Einmal suchtest du dich von ihr zu befreien, du
ließest dir von ihr ein Haus geben, und du wurdest Arbeiter; du wolltest
dein eigenes Brot essen. Jeden Tag ging sie an dem Hause vorüber, und
sie hatte schöne Mädchen in ihrem Gefolge. Eines Tages war Marianne
Sinclaire bei ihr; da warfest du Spaten und Schurzfell weg, Gösta
Berling, und wurdest wieder Kavalier.«

»Der Weg führte an meinem Hause vorüber, du Dummkopf.«

»Freilich führte der Weg dort vorüber. Später kamst du nach Borg,
wurdest Henrik Dohnas Hauslehrer und wärest fast der Schwiegersohn der
Gräfin Märta geworden. Wer war schuld daran, daß die junge Gräfin Ebba
Dohna erfuhr, daß du nur ein verabschiedeter Pfarrer seiest, so daß sie
dir einen Korb gab? Daran war die Majorin schuld, Gösta Berling! Sie
wollte dich wieder zurück haben.«

»Ei was!« erwidert Gösta. »Ebba Dohna starb bald darauf. Die hätte ich
doch nicht bekommen.«

Da trat der schwarze Herr dicht an ihn heran und zischte ihm ins
Gesicht: »Starb -- ja freilich starb sie. Gemordet hat sie sich um
deinetwillen -- das tat sie, aber dir hat das niemand gesagt.«

»Du bist kein so übler Teufel!« sagt Gösta.

»Die Majorin hat das Ganze besorgt, sage ich dir! Sie wollte dich wieder
für ihren Kavalierflügel haben!«

Gösta lachte laut auf. »Du bist kein so übler Teufel!« rief er wild.
»Weshalb sollten wir nicht einen Kontrakt mit dir schließen? Du kannst
uns, wenn du willst, die sieben Eisenwerke verschaffen.«

»Gut, daß du deinem Glück nicht mehr im Wege stehst.«

Die Kavaliere atmeten erleichtert auf. So weit war es mit ihnen
gekommen, daß sie nichts mehr ohne Gösta unternehmen mochten. Wäre er
nicht darauf eingegangen, so wäre der ganze Pakt nicht zustande
gekommen. Und doch war es keine Kleinigkeit für die armen Kavaliere, die
Herrschaft über sieben Eisenwerke zu bekommen!

»Gebt jetzt acht,« sagte Gösta, »daß wir die sieben Besitzungen
annehmen, um unsere Seelen zu retten, nicht aber um reiche Gutsherren zu
werden, die Geld zählen und Eisen wiegen; keine trocknen Pergamente,
keine zugeschnürten Geldbeutel wollen wir werden, sondern Kavaliere
wollen wir sein und bleiben.«

»Goldene Körner der Weisheit!« murmelte der schwarze Herr.

»Wenn du uns deswegen die sieben Besitzungen auf ein Jahr geben willst,
so nehmen wir sie an, merk dir aber eins: wenn wir während der Zeit
etwas tun, was nicht kavaliermäßig ist, wenn wir irgend etwas tun, was
nützlich oder klug oder schurkenhaft ist, so kannst du uns alle zwölfe
holen, wenn das Jahr um ist, und die Eisenwerke geben, wem du willst.«

Der Böse rieb sich vor Wonne die Hände.

»Dahingegen aber, wenn wir uns stets benehmen wie wahre Kavaliere,« fuhr
Gösta fort, »so darfst du nie wieder einen Kontrakt in bezug auf Ekeby
schließen und erhältst in diesem Jahr keinen Lohn, weder von uns noch
von der Majorin.«

»Das sind harte Bedingungen«, sagte der Böse. »Ach, lieber Gösta, du
könntest mir immerhin eine Seele gönnen, eine einzige kleine Seele.
Könnte ich nicht die Majorin bekommen? Weswegen schonst du nur die
Majorin?«

»Ich treibe keinen Handel mit dergleichen Waren«, brüllt Gösta. »Willst
du aber eine Seele haben, so hol dir den alten Sintram auf Fors; der ist
reif für die Hölle, dafür steh ich ein!«

»Sieh, sieh, sieh! Das läßt sich hören«, sagt der alte Herr, ohne zu
blinken. »Die Kavaliere oder Sintram -- das geht gegeneinander auf. Das
wird ein fettes Jahr.«

Und dann wird der Kontrakt mit Blut aus Göstas kleinem Finger
geschrieben auf das schwarze Papier des Bösen und mit seiner Gänsefeder.

Als das aber getan ist, jubeln die Kavaliere. Jetzt soll die
Herrlichkeit der Welt ihnen ein ganzes Jahr lang gehören -- und später
wird man schon einen Ausweg finden.

Sie rücken die Stühle beiseite, reichen einander die Hände und bilden
einen Kreis um den Punschkessel mitten auf dem schwarzen Fußboden und
schwingen sich in wildem Tanz herum. In der Mitte des Kreises tanzt der
Böse mit hohen Sprüngen, schließlich läßt er sich, so lang er ist, neben
dem Kessel fallen, neigt ihn zu sich heran und trinkt.

Da wirft sich Beerencreutz neben ihm und Gösta Berling nieder, und dann
lagern sie sich alle im Kreis um den Kessel, der von dem einen Mund zum
andern geneigt wird. Schließlich bekommt er einen Stoß, so daß er
umstürzt und der ganze heiße, klebrige Trank sich über die Lagernden
ergießt.

Als sie sich fluchend erheben, ist der Böse verschwunden, aber seine
goldenen Versprechungen schweben gleich strahlenden Kronen über den
Scheiteln der Kavaliere.




Das Weihnachtsfestmahl


Am Weihnachtstage gibt die Majorin Samzelius ein großes Festmahl auf
Ekeby.

Da sitzt sie als Wirtin an ihrem Tisch, der für fünfzig Gäste gedeckt
ist. Sie sitzt dort in Glanz und Herrlichkeit; der kurze Pelz, das
gestreifte Kleid aus Beiderwand, die Tonpfeife sind verschwunden. Seide
umrauscht sie, Gold ziert ihre Arme, Perlen kühlen ihren weißen Hals.

Wo aber sind die Kavaliere, wo sind die, die auf dem schwarzen Fußboden
der Schmiede aus dem blanken Kupferkessel auf das Wohl der neuen
Besitzer von Ekeby tranken?

In einer Ecke am Ofen sitzen die Kavaliere an einem Tisch für sich;
heute ist kein Platz für sie an der großen Tafel. Zu ihnen gelangen die
Speisen spät und die Weine spärlich, zu ihnen fliegen nicht die Blicke
der schönen Damen hinüber, niemand lauscht dort Göstas Scherzen.

Die Kavaliere gleichen aber gezähmten Füllen, matten Raubtieren. Nur
eine Stunde Schlaf hatte die Nacht für sie, dann fuhren sie beim
Fackel- und Sternenschein zur Frühmesse. Sie sahen die Weihnachtskerzen,
sie hörten die Weihnachtslieder, ihre Mienen wurden wie die sanfter
Kinder. Sie vergaßen die Christnacht in der Schmiede, wie man einen
bösen Traum vergißt.

Groß und mächtig ist die Majorin auf Ekeby. Wer wagt es, seinen Arm zu
erheben, um sie zu schlagen, wer wagt es, den Mund zu öffnen, um gegen
sie zu zeugen? Sicherlich nicht die armen Kavaliere, die jahrelang ihr
Brot gegessen und unter ihrem Dach geschlafen haben. Sie setzt sie hin,
wo es ihr beliebt, sie kann ihnen die Tür verschließen, wenn sie will,
und sie können sich nicht einmal ihrer Macht entziehen. Gott steh ihnen
bei! Fern von Ekeby können sie nicht leben.

An dem großen Tisch genießt man das Leben; dort strahlen Marianne
Sinclaires schöne Augen, dort klingt das fröhliche Lachen der munteren
Gräfin Dohna.

Bei den Kavalieren aber ist es still. Wäre es nicht recht und billig,
wenn sie, die um der Majorin willen in den Abgrund gestürzt werden
sollen, an demselben Tische säßen wie ihre anderen Gäste? Was für eine
beschämende Einrichtung ist dies mit diesem Tisch unten in der Ofenecke?
Als ob die Kavaliere nicht würdig seien, an der Gesellschaft der
Honoratioren teilzunehmen!

Die Majorin brüstet sich, wie sie da zwischen dem Grafen auf Borg und
dem Probst zu Bro sitzt. Die Kavaliere lassen die Köpfe hängen wie
Kinder, die in die Ecke gestellt sind. Und währenddes fangen die
Gedanken der Nacht an, bei ihnen zu erwachen.

Gleich scheuen Gästen kommen die munteren Einfälle, die lustigen
Lügengeschichten zu dem Tisch in der Ecke. Dort halten der Zorn der
Nacht, die Gelübde der Nacht ihren Einzug in die Gehirne. Wohl macht
Patron Julius dem starken Hauptmann, Christian Bergh, weis, daß die
gebratenen Haselhühner, die jetzt am großen Tisch herumgereicht werden,
nicht für alle Gäste ausreichen, aber dieser Einfall ruft kein munteres
Lachen hervor.

»Sie können nicht ausreichen«, sagt er. »Ich weiß, wie viele da waren.
Aber deswegen ist man nicht in Verlegenheit, Hauptmann Christian, man
hat für uns hier an dem kleinen Tisch Krähen gebraten.«

Aber Oberst Beerencreutz' Lippen kräuseln sich nur zu einem matten
Lächeln unter dem wüsten Schnurrbart, und Gösta sieht den ganzen Tag
hindurch aus, als gehe er mit dem Gedanken um, irgend jemand
totzuschlagen.

»Ist nicht jegliches Essen gut genug für die Kavaliere?« fragt er.

Da gelangt denn endlich eine hochgetürmte Schale voll prächtiger
Haselhühner an den kleinen Tisch.

Aber Hauptmann Christian ist wütend. Hat er nicht den ganzen Haß seines
Lebens den Krähen geweiht, diesen abscheulichen, schreienden Geschöpfen.
So bitter war sein Haß, daß er im Herbst Frauengewänder anlegte und sich
zum Gespött für alle machte, nur um bis auf Schußweite an sie heran zu
gelangen, wenn sie das Korn auf den Feldern verzehrten. Er überraschte
sie im Frühling beim Liebestanz auf den kahlen Feldern und erschlug sie.
Er suchte im Sommer ihre Nester auf und warf die schreienden, federlosen
Jungen heraus oder vernichtete die halbausgebrüteten Eier.

Jetzt rückt er die Schale mit den Haselhühnern zu sich heran.

»Glaubst du etwa, daß ich die nicht kenne?« brüllt er dem Diener zu.
»Glaubst du, daß ich sie krächzen hören muß, um sie zu kennen? Zum
Teufel mit euch, Christian Bergh Krähen anzubieten! Zum Teufel, sage
ich!«

Damit nimmt er ein Haselhuhn nach dem andern und schleudert es gegen die
Wand. Sauce und Fett spritzen ringsumher. Die zermalmten Vögel prallen
von der Wand ab und fliegen über den Fußboden hin. Und der ganze
Kavalierflügel jubelt.

Da dringt die erzürnte Stimme der Majorin an das Ohr der Kavaliere:
»Werft ihn zur Tür hinaus!« ruft sie den Dienern zu.

Aber das wagen diese nicht. Ist er doch Christian Bergh, der starke
Hauptmann!

»Werft ihn zur Tür hinaus!«

Er hört den Ruf. Und schreckeinflößend in seinem Zorn wendet er sich nun
an die Majorin, wie sich ein Bär von einem gefallenen Feind gegen den
neuen Angreifer wendet. Er tritt an den hufeisenförmig gedeckten Tisch.
Der Fußboden erbebt unter den Schritten des Riesen. Er bleibt ihr
gegenüber stehen, den Tisch zwischen sich und ihr.

»Werft ihn zur Tür hinaus!« ruft die Majorin noch einmal.

Er aber ist rasend; seine gerunzelte Stirn, seine grobe, geballte Faust
sind schrecklich zu schauen. Er ist groß wie ein Riese, stark wie ein
Riese. Gäste und Diener zittern und wagen nicht, Hand an ihn zu legen.
Wer sollte es auch wohl wagen, jetzt, wo ihm der Zorn den Verstand
geraubt hat?

Er steht der Majorin gerade gegenüber und droht ihr. »Ich schleuderte
die Krähen gegen die Wand. Hatte ich nicht ein Recht dazu?«

»Hinaus mit dir, Hauptmann!«

»Du Weibsbild! Christian Bergh Krähen zu bieten! Handelte ich gegen
dich, wie du es von Gottes und Rechts wegen verdienst, so nähme ich dich
mitsamt deinen sieben Teufeln ...«

»Bei allen Teufeln, Christian Bergh, untersteh dich nicht zu fluchen --
hier darf nur ich allein fluchen.«

»Glaubst du, daß ich mich vor dir fürchte, du Hexe? Glaubst du, daß ich
nicht weiß, woher du deine sieben Besitztümer hast?«

»Schweige, Hauptmann!«

»Als Altringer starb, gab er sie deinem Mann, weil du seine Liebste
gewesen warst.«

»Schweig, sage ich dir!«

»Weil du eine so treue Gattin gewesen warst, Margarete Samzelius. Und
der Major nahm die sieben Güter ruhig an und überließ dir die Verwaltung
und tat, als wisse er von nichts. Und der Teufel hat die ganze
Geschichte angezettelt. Jetzt aber soll es ein Ende haben mit dir!«

Die Majorin setzt sich, sie ist bleich, sie zittert am ganzen Leibe.
Dann bestätigt sie seine Worte mit einer sonderbar leisen Stimme: »Ja,
jetzt ist es aus mit mir, und das ist dein Werk, Christian Bergh!«

Bei dem Ton erbebt der starke Hauptmann; seine Züge verzerren sich,
Tränen der Angst treten ihm in die Augen.

»Ich bin betrunken!« ruft er. »Ich weiß nicht, was ich sage, ich habe
nichts gesagt. Hund und Sklave, Hund und Sklave und nichts weiter bin
ich in diesen vierzig Jahren für sie gewesen. Sie ist Margarete Celsing,
der ich mein ganzes Leben lang gedient habe. Ich sage nichts Böses von
ihr. Sollte ich etwas über die schöne Margarete Celsing sagen? Ich bin
der Hund, der ihre Tür bewacht, der Sklave, der ihre Lasten trägt. Sie
kann mich schlagen, mich mit Füßen stoßen, aber ihr seht ja, daß ich
schweige und leide. Ich habe sie vierzig Jahre lang geliebt. Wie sollte
ich wohl etwas Schlechtes von ihr sagen!«

Und ein wunderlicher Anblick ist es, wie er sich ihr zu Füßen wirft und
um Verzeihung bittet, und da sie an dem andern Ende des Tisches sitzt,
geht er auf seinen Knien um den Tisch herum, bis er zu ihr gelangt; da
beugt er sich herab, küßt den Saum ihres Gewandes und benetzt den
Fußboden mit seinen Tränen.

Aber nicht weit von der Majorin sitzt ein kleiner, wohlbeleibter Mann.
Er hat krauses Haar, kleine, schielende Augen und einen vorstehenden
Unterkiefer. Er gleicht einem Bären. Ein wortkarger Mann ist er, er geht
am liebsten seine eigenen Wege und kümmert sich nicht um die Welt und
ihr Treiben. Das ist Major Samzelius.

Er erhebt sich, als er Hauptmann Christians letzte Worte hört, und die
Majorin erhebt sich, und alle die fünfzig Gäste tun ein gleiches. Die
Frauen weinen aus Angst vor dem, was da kommen wird. Die Männer stehen
verzagt da, und zu den Füßen der Majorin liegt Hauptmann Christian und
küßt den Saum ihres Gewandes, während seine Tränen den Fußboden netzen.

Die breite, behaarte Hand des Majors ballt sich langsam, er erhebt den
Arm.

Sie aber redet zuerst. Es ist ein dumpfer Klang in ihrer Stimme, der ihr
sonst fremd ist.

»Du hast mich gestohlen!« ruft sie aus. »Du kamst wie ein Räuber und
nahmst mich. Daheim zwang man mich mit Hieben und Schlägen, mit Hunger
und bösen Worten, dein Weib zu werden. Ich habe gegen dich gehandelt,
wie du es verdienst.«

Die breite Faust des Majors hat sich geballt. Die Majorin zieht sich
einen Schritt zurück. Dann spricht sie weiter: »Ein lebender Aal windet
sich unter dem Messer, eine zur Ehe gezwungene Gattin schafft sich einen
Liebhaber an. Willst du mich für das schlagen, was vor zwanzig Jahren
geschah? Weshalb schlugst du mich damals nicht? Weißt du nicht mehr, daß
er auf Ekeby wohnte und wir auf Sjö? Hast du vergessen, wie er uns aus
unserer Armut half? Wir fuhren in seinem Wagen, wir tranken seinen Wein.
Haben wir dir etwas verheimlicht? Waren nicht seine Diener unsere
Diener? Füllte sein Gold nicht deine Taschen? Nahmst du die sieben
Besitzungen nicht an? Damals hast du geschwiegen und alles angenommen;
da hättest du dreinschlagen sollen, Berndt Samzelius, da hättest du
dreinschlagen sollen!«

Der Mann wendet sich von ihr ab und sieht alle Anwesenden an. Er liest
auf ihren Gesichtern, daß sie ihr recht geben, daß sie alle geglaubt
haben, er habe Geld und Gut für sein Schweigen genommen.

»Ich wußte es nicht!« sagt er und stampft auf den Fußboden.

»Ein Glück, daß du es jetzt weißt!« unterbricht sie ihn mit schneidender
Stimme. »Ich fürchtete, du würdest sterben, ohne es erfahren zu haben.
Ein Glück, daß du es jetzt weißt, da kann ich offen mit dir reden, der
du mein Herr und mein Gefängniswächter gewesen bist. So wisse denn, daß
ich ihm doch angehört habe, dem du mich gestohlen hast. Alle, die mich
verklatscht haben, sollen es wissen!«

Es ist die alte Liebe, die in ihrer Stimme jubelt, die aus ihren Augen
strahlt. Sie sieht ihren Mann mit erhobener, geballter Faust vor sich
stehen. Entsetzen und Verachtung liest sie auf den fünfzig Gesichtern
vor sich. Sie fühlt, daß dies die letzte Stunde ihrer Macht ist. Aber
sie kann nicht umhin, sich zu freuen, daß sie offen von den schönsten
Erinnerungen ihres Lebens reden darf.

»Er war ein Mann, ein herrlicher Mann! Wer warst du, daß du dich
zwischen uns stellen durftest? Nie habe ich seinesgleichen gesehen. Er
schenkte mir Glück, er schenkte mir Hab und Gut. Gesegnet sei sein
Andenken!«

Da senkt der Major den erhobenen Arm, ohne zuzuschlagen -- jetzt weiß er,
wie er sie strafen soll.

»Hinaus!« brüllt er, »hinaus aus meinem Haus!«

Sie regt sich nicht.

Die Kavaliere aber stehen mit bleichen Gesichtern da und starren
einander an. Jetzt ging ja alles in Erfüllung, was der Schwarze
geweissagt hatte. Jetzt sahen sie die Folge davon, daß der Kontrakt der
Majorin nicht erneut war. Wenn dies wahr ist, so ist es wohl auch wahr,
daß sie seit mehr denn zwanzig Jahren Kavaliere in die Hölle
hinabgesandt hat, daß auch sie zu dieser Reise bestimmt gewesen sind. O
diese Hexe!

»Hinaus mit dir!« wiederholte der Major. »Erbettle dir dein Brot auf der
Landstraße. Du sollst keine Freude mehr von seinem Geld haben, du sollst
nicht auf seinen Gütern wohnen. Jetzt ist es aus mit der Majorin auf
Ekeby. An dem Tage, wo du deinen Fuß in mein Haus setzt, schlage ich
dich tot!«

»Verjagst du mich aus meinem Heim?«

»Du hast kein Heim! Ekeby gehört mir!«

Da kommt ein Geist der Verzagtheit über die Majorin. Sie weicht zurück
bis an die Tür, und er folgt ihr auf den Fersen.

»Du, der du das Unglück meines Lebens gewesen bist,« klagt sie, »sollst
du nun auch Macht haben, mir dies anzutun?«

»Hinaus, hinaus mit dir!«

Sie lehnt sich gegen den Türpfosten, faltet die Hände und hält sie vor
das Gesicht. Sie denkt an ihre Mutter und murmelt vor sich hin:
»Möchtest du verleugnet werden, wie ich verleugnet worden bin. Möge die
Landstraße dein Heim, der Graben dein Bett, der Kohlenmeiler deine
Feuerstätte sein. So sollte es also doch geschehen, so sollte es also
doch geschehen!«

Der gute alte Pfarrer aus Bro und der Landrichter aus Munkerud traten
nun an den Major heran und versuchten, ihn zu beruhigen. Sie sagten ihm,
daß er am besten daran tue, wenn er alle diese alten Geschichten ruhen
lasse, wenn er alles beim alten ließe, vergessen und vergeben. Er aber
schüttelt die sanften Hände von seinen Schultern ab. Es ist gefährlich,
sich ihm zu nahen, so wie vorhin Christian Bergh.

»Das ist keine alte Geschichte!« ruft er. »Ich habe bis zum heutigen Tag
nichts gewußt. Ich habe die Ehebrecherin bisher nicht strafen können.«

Bei diesem Wort richtet die Majorin den Kopf in die Höhe, ihr alter Mut
kehrt wieder.

»Du sollst vor mir aus dem Hause hinaus! Glaubst du, daß ich dir
weiche?« sagte sie. Und sie tritt von der Tür zurück.

Der Major antwortet nicht, aber er verfolgt eine jede ihrer Bewegungen
mit den Augen, bereit zuzuschlagen, wenn er sie nicht auf andere Weise
los werden kann.

»Helft mir, ihr guten Herren,« ruft sie, »damit wir den Mann binden und
hinausschaffen können, bis er seine Vernunft wiedererlangt hat! Bedenkt,
wer er ist, und wer ich bin! Bedenkt das, ehe ich ihm weichen muß! Ich
verwalte die ganze Wirtschaft auf Ekeby, und er sitzt den ganzen Tag in
der Bärengrube und füttert die Bären. Helft mir, ihr guten Freunde und
Nachbarn! Hier wird ein Elend ohnegleichen entstehen, wenn ich nicht
mehr hier bin. Der Bauer hat seine Nahrung und Behausung davon, daß er
mir Holz im Walde fällt, daß er Erz für mich fährt. Der Köhler lebt
davon, daß er mir Kohlen schafft, und der Flößer davon, daß er mein Holz
stromabwärts führt. Ich teile alle diese wohlstandverbreitende Arbeit
aus. Glaubt ihr, daß der da mein Werk aufrechterhalten kann? Ich sage
euch, wenn ihr mich fortjagt, öffnet ihr der Hungersnot das Tor!«

Abermals erhoben sich eine Menge Hände, um der Majorin zu helfen,
abermals legen sich milde Hände überredend auf die Schultern des Majors.

»Nein,« sagt er, »weg mit euch! Wer will die Ehebrecherin verteidigen?
Ich sage euch, wenn sie nicht gutwillig geht, so nehme ich sie auf meine
Arme und trage sie hinab zu meinen Bären.«

Bei diesen Worten sinken die erhobenen Hände wieder herab.

Da, in ihrer äußersten Not, wendet sich die Majorin an die Kavaliere.

»Wollt auch ihr ruhig zusehen, daß ich aus meinem Hause verjagt werde,
Kavaliere? Habe ich euch des Winters im Schnee frieren lassen, habe ich
euch starkes Bier und süßen Branntwein versagt? Habe ich Lohn oder
Arbeit von euch angenommen, weil ich euch Kleidung und Nahrung gab?
War't ihr nicht geborgen bei mir, wie die Kinder bei der Mutter? Sind
nicht Munterkeit und Freude euer tägliches Brot gewesen? Laßt nicht
diesen Mann, der das Unglück meines Lebens gewesen ist, mich aus meinem
Hause verjagen, Kavaliere! Laßt mich nicht zur Bettlerin auf der
Landstraße werden.«

Gösta Berling beugt sich zu einem schönen, dunkelhaarigen Mädchen hinab,
das an dem großen Tisch gesessen hat. »Du verkehrtest vor fünf Jahren
viel auf Borg, Anna,« sagt er. »Weißt du, ob die Majorin Ebba erzählt
hat, daß ich ein abgesetzter Pfarrer bin?«

»Hilf der Majorin, Gösta!« antwortet sie ihm.

»Du wirst begreifen, daß ich erst Klarheit darüber haben muß, ob sie
mich zum Mörder gemacht hat.«

»Ach, Gösta, was sind das für Gedanken! So hilf ihr doch!«

»Ich merke schon, du willst nicht antworten. Dann hat Sintram doch die
Wahrheit geredet.« Und Gösta kehrt zu den Kavalieren zurück. Er rührt
keinen Finger, um der Majorin zu helfen.

Ach, hätte doch die Majorin die Kavaliere nicht an einen Tisch für sich
in die Ecke gesetzt! Jetzt sind die Gedanken der Nacht in ihren Gehirnen
erwacht, jetzt funkelt in ihren Augen ein Zorn, der nicht geringer ist
als der des Majors. Muß nicht alles, was sie sehen, die nächtlichen
Gesichte bestätigen?

»Es ist sehr wohl zu merken, daß ihr Kontrakt nicht erneuert wurde«,
murmeln sie.

Nein, von dieser murrenden, drohenden Kavalierschar hat die Majorin
keine Hilfe zu erwarten.

So weicht sie denn wieder zurück bis an die Tür und hebt die gefalteten
Hände vors Gesicht.

»Mögest du verleugnet werden, wie ich verleugnet worden bin!« ruft sie
sich selber in bitterem Schmerz zu. »Möge die Landstraße dein Heim, der
Graben dein Bett werden!«

Dann legt sie die eine Hand auf das Türschloß, die andere aber hebt sie
hoch in die Höhe: »Merkt es euch, ihr, die ihr mich jetzt fallen laßt!
Merkt es euch, daß eure Stunde gar bald kommen wird. Jetzt werdet ihr
euch zerstreuen, und euer Platz wird leer stehen. Wie werdet ihr stehen
können, wenn ich euch nicht stütze? Du, Melchior Sinclaire, der du eine
schwere Hand hast und die Deinen sie fühlen läßt, nimm dich in acht! Du,
Pfarrer zu Broby, nun kommt das Strafgericht! Du, Frau Uggla, gib acht
auf dein Haus, die Armut kommt! Ihr jungen, schönen Frauen, Elisabeth
Dohna, Marianne Sinclaire, Anna Stjärnhök, glaubt nicht, daß ich die
einzige bleibe, die von ihrem Hause fliehen muß! Und ihr, Kavaliere,
nehmt euch in acht, jetzt kommt ein Sturm übers Land gezogen. Ihr werdet
von der Erde fortgefegt werden, jetzt ist eure Zeit um! Ich klage nicht
meinetwegen, sondern euretwegen, denn der Sturm wird über eure Häupter
hinfahren, und wer vermag zu stehen, wenn ich gefallen bin? Ach, mein
Herz blutet um der armen, elenden Menschen willen! Wer wird ihnen Arbeit
schaffen, wenn ich fort bin?«

Die Majorin öffnet die Tür; da aber hebt Hauptmann Christian den Kopf in
die Höhe und sagt: »Wie lange soll ich hier zu deinen Füßen liegen,
Margarete Celsing? Willst du mir nicht verzeihen, auf daß ich aufstehen
und für dich streiten kann?«

Da kämpft die Majorin einen harten Kampf mit sich selber; aber sie
sieht, daß er, wenn sie ihm verzeiht, sich erheben und mit ihrem Gatten
kämpfen wird, und daß der Mann, der sie vierzig Jahre lang treu geliebt
hat, zum Mörder werden muß.

»Soll ich nun auch noch verzeihen?« sagt sie. »Bist du nicht schuld an
all meinem Unglück, Christian Bergh? Kehre zurück zu den Kavalieren und
freue dich deines Werkes!«

Und damit ging die Majorin. Sie ging in Ruhe, aber sie ließ Entsetzen
hinter sich zurück. Sie fiel, aber selbst in ihrer Erniedrigung war sie
nicht ohne Größe. Sie gab sich keinem weichlichen Schmerz hin, aber noch
im Alter jubelte sie über ihre Jugendliebe. Sie gab sich keiner Klage,
keinen feigen Tränen hin, als sie alles begriff; sie schreckte nicht
davor zurück, mit dem Bettelstab und Sack das Land zu durchwandern. Sie
bemitleidete nur die armen Bauern und die frohen, sorglosen Menschen an
den Ufern des Löfsees, die armen Kavaliere, alle die, die sie gestützt
und beschützt hatte. Von allen verlassen war sie, und dennoch besaß sie
die Kraft, ihren letzten Freund von sich zu weisen, um ihn nicht zum
Mörder zu machen.

Eine merkwürdige Frau war sie, groß in ihrer Kraft und in ihrem
Tatendrang. Ihresgleichen werden wir so leicht nicht wiedersehen.

Am nächsten Tage brach Major Samzelius von Ekeby auf und zog nach Sjö,
das ganz nahe bei dem großen Eisenwerk liegt. In Altringers Testament,
kraft dessen der Major die sieben Eisenwerke bekommen hatte, stand mit
klaren, deutlichen Worten geschrieben, daß nichts davon verkauft oder
verschenkt werden dürfe, sondern daß alles nach dem Tode des Majors auf
seine Gattin oder auf deren Erben übergehen solle. Da er also das
verhaßte Erbe nicht vergeuden konnte, setzte er die Kavaliere als Herren
darüber ein, in dem Glauben, daß er dadurch Ekeby und den andern sechs
Besitzungen den schlimmsten Schaden zufüge.

Da nun niemand im Lande daran zweifelte, daß der böse Sintram die
Befehle des Satans ausführte, und da alles, was er ihnen versprochen
hatte, so glänzend in Erfüllung gegangen war, so waren die Kavaliere
fest überzeugt, daß der Kontrakt Punkt für Punkt erfüllt werden würde,
und sie waren fest entschlossen, das ganze Jahr hindurch nichts Kluges
oder Nützliches oder Schurkenhaftes zu tun, auch waren sie ganz davon
durchdrungen, daß die Majorin eine böse Hexe sei, die ihr Verderben
gewollt habe.

Der alte Onkel Eberhard, der Philosoph, machte sich über diese
Anschauung lustig; aber wer kümmerte sich um so einen, der so verhärtet
in seinem Glauben war, daß er, selbst wenn er mitten in den Flammen der
Hölle gelegen und alle Teufel um sich herum hätte stehen und ihn
auslachen sehen, doch behauptet haben würde, daß sie nicht existierten,
weil sie nicht existieren _könnten_. Denn Onkel Eberhard war ein großer
Philosoph.

Gösta Berling sagte niemand, was er glaubte. Das steht fest, er war der
Ansicht, daß er der Majorin keinen Dank schulde, weil sie ihn zum
Kavalier auf Ekeby gemacht hatte; er glaubte, es wäre besser für ihn
gewesen, tot zu sein, als sich mit dem Bewußtsein herumzutragen, schuld
an Ebba Dohnas Selbstmord zu sein. Er erhob nicht die Hand, um sich an
der Majorin zu rächen, aber auch nicht, um ihr zu helfen. Er konnte es
nicht.

Die Kavaliere aber waren zu großer Macht und Herrlichkeit gelangt. Das
Weihnachtsfest mit seinen Gastmählern und Zerstreuungen stand vor der
Tür, die Herzen der Kavaliere waren voller Jubel, und welch Kummer auch
Gösta Berlings Herz bedrücken mochte, so trug er ihn nicht auf dem
Antlitz oder auf den Lippen.




Gösta Berling, der Poet


Es war Weihnachten, und auf Borg sollte ein Ball stattfinden.

Um diese Zeit wohnte ein junger Graf Dohna auf Borg; er war neuvermählt
und hatte eine junge, schöne Gemahlin. Es sollte schon lustig hergehen
in dem alten Grafenschloß!

Auch nach Ekeby war eine Einladung gelangt, aber es stellte sich heraus,
daß von allen denen, die in diesem Jahr dort Weihnachten feierten, Gösta
Berling, »der Poet«, wie man ihn nannte, der einzige war, der Lust
hatte, sich nach Borg zu begeben.

Borg und Ekeby liegen beide an dem langen Löfsee, aber jedes an seinem
Ufer. Wenn der See nicht zugefroren ist, so ist es eine Reise von zwei
Meilen von Ekeby bis nach Borg.

Der arme Gösta Berling wurde zu diesem Fest von den alten Herren
ausgerüstet, als sei er ein Königssohn, der die Ehre eines Königreichs
zu vertreten hat. Neu war der Frack mit den blanken Knöpfen, steif das
Jabot, und glänzend waren die Lacklederschuhe. Er bekam einen Pelz vom
feinsten Biberfell und eine Zobelmütze auf sein blondes, lockiges Haar.
Sie breiteten ein Bärenfell mit silbernen Klauen über den
Einspännerschlitten und spannten den schwarzen Don Juan, den Stolz des
Stalles, davor. Er pfiff seinem weißen Tankred und ergriff die
geflochtenen Zügel. Jubelnd fuhr er von dannen, umgeben vom Glanz des
Reichtums und der Pracht, er, der schon ohnedem hinreichend strahlte in
der körperlichen Schöne und den großen, glänzenden Geistesgaben.

Er fuhr am frühen Vormittag. Es war Sonntag, und er hörte den Gesang aus
der Broer Kirche erschallen, als er daran vorüberfuhr. Dann schlug er
den einsamen Waldweg ein, der nach Berga führte, wo Hauptmann Uggla
damals wohnte, und wo er zu Mittag zu bleiben gedachte.

Berga war nicht eines reichen Mannes Heim. Der Hunger kannte den Weg zu
des Hauptmanns grassodengedecktem Hause, aber er ward mit Scherzen
empfangen, mit Gesang und Spiel unterhalten wie andere Gäste und ging
ungern wie sie.

Die alte Mamsell Ulrika Dillner, die der Küche und der Webstube auf
Berga vorstand, hieß Gösta Berling auf der Treppe willkommen. Sie
knickste, und die falschen Locken, die ihr in das braune Gesicht mit den
tausend Runzeln hingen, tanzten vor Freude. Sie führte ihn in den Saal
hinein und fing an, von den Bewohnern des Gutes und den unsicheren
Verhältnissen zu sprechen.

Kummer und Sorge stünden vor der Tür, sagte sie; harte Zeiten herrschten
auf Berga. Sie hätten nicht einmal Meerrettich zu dem gesalzenen Fleisch
am Mittag; aber Ferdinand und die Mädchen hätten Disa vor einen
Schlitten gespannt und seien nach Munkerud gefahren, um ein wenig zu
leihen. Der Hauptmann sei wieder in den Wald gegangen und käme
vermutlich mit einem zähen Hasen heim, der mehr Butter zum Braten
erfordere, als er selber wert sei. Das nenne er Essen fürs Haus
schaffen. Das ginge aber noch allenfalls, wenn er nur nicht mit einem
jämmerlichen Fuchs käme, dem elendesten Tier, das der liebe Gott
erschaffen, gleich unbrauchbar, mag er nun tot oder lebendig sein!

Und die gnädige Frau -- ja, die war noch nicht aufgestanden. Sie lag im
Bett und las Romane, wie sie es jeden Tag zu tun pflegte. Sie war nicht
zum Arbeiten geschaffen, diese Engelsunschuld!

Nein, das überließ man den Alten, im Dienst Ergrauten, so wie sie es
war. Tag und Nacht war man auf den Beinen, um nur die Brocken
zusammenzuhalten. Und das war nicht so ganz leicht. Einen ganzen Winter
hindurch hatten sie wahrhaftig keine andern Fleischspeisen im Hause
gehabt, als einen einzigen Bärenschinken. Und einen großen Lohn
erwartete sie nicht; bisher hatte sie noch nicht das geringste davon
gesehen, aber man würde sie wohl auch nicht auf die Landstraße
hinauswerfen, wenn sie einmal nicht mehr fürs tägliche Brot arbeiten
könne. Hier im Hause betrachtete man die Wirtschafterin wie einen
Menschen und würde der alten Ulrika schon ein ehrliches Begräbnis
gönnen, falls Geld genug da sei, um einen Sarg zu kaufen.

»Denn wer weiß, wie es werden soll?« rief sie, sich mit der Schürze über
die Augen fahrend, die stets so leicht übergingen. »Wir schulden dem
bösen Gutsherrn Sintram Geld, und er kann uns alles nehmen. Nun ist ja
Ferdinand mit der reichen Anna Stjärnhök verlobt, aber sie wird seiner
überdrüssig, sie wird seiner überdrüssig. Und was soll nun aus uns
werden mit unsern drei Kühen und unsern neun Pferden, mit unsern
fröhlichen jungen Fräulein, die von einem Ball zum andern fahren wollen,
mit unsern dürren Äckern, wo nichts wächst, mit unserm guten Ferdinand,
aus dem nie im Leben ein Mann wird! Was soll aus diesem ganzen Hause
werden, wo alles gedeiht, die Arbeit ausgenommen!«

Aber es wurde Mittag, und die Hausbewohner versammelten sich. Der gute
Ferdinand, der sanfte Sohn des Hauses und die munteren Töchter kamen mit
dem geborgten Meerrettich heim. Der Hauptmann kam, erfrischt durch ein
Bad in einer Wake des Sees und durch die Jagd im Walde. Er riß das
Fenster auf, um frische Luft zu bekommen, und reichte Gösta die Hand mit
warmem Druck. Und die gnädige Frau kam in seidenem Kleide mit breiten
Spitzen über den weißen Händen, die sie Gösta gnädigst zum Kuß reichte.
Alle begrüßten Gösta mit Jubel, Scherz und Lachen kam in den Kreis
hineingeflogen. Fröhlich fragte man: »Wie lebt ihr denn auf Ekeby, wie
sieht es aus in dem Gelobten Lande?«

»Dort fließt Milch und Honig«, erwiderte er. »Wir entleeren die Berge
allen Eisens und füllen unsere Keller mit Wein. Die Äcker tragen Gold;
damit vergolden wir das Elend des Lebens, und unsere Wälder fällen wir,
um Kegelbahnen und Lusthäuser zu bauen.«

Frau Uggla aber seufzte und lächelte über die Antwort, ihren Lippen
entschwebte ein einziges Wort: »Poet!«

»Viele Sünden habe ich auf dem Gewissen,« erwiderte Gösta, »nie aber
habe ich eine Zeile Poesie geschrieben.«

»Du bist trotzdem ein Poet, Gösta, den Spitznamen hast du nun einmal
weg. Du hast mehr Gedichte erlebt, als unsere Dichter geschrieben
haben.«

Später sprach Frau Uggla sanft wie eine Mutter zu ihm über sein
vergeudetes Leben. »Ich werde es sicher noch erleben, dich zum Manne
heranreifen zu sehn«, sagte sie. Und es erschien ihm süß, sich von
dieser milden Frau vorwärtstreiben zu lassen, die eine so treue Freundin
war und deren starkes, schwärmerisches Herz vor Liebe zu großen Taten
entbrannte.

Als sie aber die muntere Mahlzeit beendet und das Meerrettichfleisch und
den Kohl und die Waffeln verzehrt und das Weihnachtsbier getrunken
hatten, als Gösta sie durch seine Erzählungen von dem Major und der
Majorin und dem Pfarrer zu Broby zum Weinen und Lachen gebracht hatte,
vernahm man plötzlich Schellengeläute im Hofe, und gleich darauf trat
der böse Sintram bei ihnen ein.

Er strahlte vor Vergnügen von seinem kahlen Scheitel bis hinab zu den
langen, breiten Füßen.

Er schlenkerte mit seinen langen Armen und schnitt Grimassen; man sah es
ihm auf den ersten Blick an, daß er als Träger schlechter Nachrichten
kam.

»Habt ihr es gehört?« fragte der Böse, »habt ihr es schon gehört, daß
Anna Stjärnhök und der reiche Dahlberg heute zum erstenmal in der
Svartsjöer Kirche aufgeboten sind? Sie muß es vergessen haben, daß sie
mit Ferdinand verlobt ist.«

Sie hatten kein Wort davon gehört. Sie waren erschrocken und traurig.

Sie sahen im Geiste schon ihr Heim geplündert, damit ihre Schulden an
den bösen Mann bezahlt werden konnten; sie sahen ihre geliebten Pferde
verkauft und ebenso die alten Möbel, ein Erbe aus dem Kindheitsheim der
Mutter. Sie sahen das Ende des fröhlichen Lebens mit Festen und Fahrten
von Ball zu Ball. Der Bärenschinken würde wieder auf ihrem Tische
stehen, und die Jungen mußten zu fremden Leuten in den Dienst gehen. Die
Mutter streichelte ihren Sohn zärtlich und ließ ihn eine nie versiegende
Liebe empfinden.

Doch -- da saß Gösta Berling mitten zwischen ihnen, und dem
Unüberwindlichen gingen tausenderlei Pläne durch den Kopf.

»Ei was!« rief er, »noch ist es keine Zeit zum Jammern. Die Pfarrerin in
Svartsjö hat die ganze Sache gemacht. Sie hat Anna ganz in ihrer Gewalt,
seit sie bei ihr auf dem Pfarrhof wohnt. Sie hat sie dazu gebracht,
Ferdinand im Stich zu lassen und den alten Dahlberg zu nehmen; aber noch
sind sie nicht getraut, und es soll auch nichts daraus werden. Jetzt
fahre ich nach Borg, und dort treffe ich Anna. Ich will mit ihr reden,
ich will sie den Pfarrersleuten, dem Bräutigam schon abspenstig machen.
Ich bringe sie über Nacht hierher; dann soll der alte Dahlberg keine
Freude mehr an ihr haben.«

Und so geschah es. Gösta fuhr allein nach Borg, ohne eins der munteren
Fräulein, aber geleitet von den heißen Wünschen der Zurückbleibenden.
Und Sintram, der frohlockte, daß der alte Dahlberg angeführt werden
sollte, beschloß, auf Berga zu bleiben, um Göstas Rückkehr mit der
Treulosen abzuwarten. In einem Anfall von Wohlwollen hüllte er ihn sogar
in seinen grünen Reiseschal -- ein Geschenk von Mamsell Ulrika selber.

Frau Uggla aber kam mit drei rot eingebundenen Büchern auf die Treppe
hinaus.

»Nimm die,« sagte sie zu Gösta, der schon im Schlitten saß, »nimm die
und behalte sie, wenn du kein Glück haben solltest. Es ist Corinna,
Madame de Staëls Corinna; ich möchte nicht gern, daß die Bücher unter
den Hammer kämen.«

»Ich habe stets Glück!«

»Ach, Gösta, Gösta,« sagte sie und strich mit der Hand über sein
entblößtes Haupt, »du Stärkster und Schwächster unter den Menschen! Wie
lange wirst du daran denken, daß das Glück von uns armen Menschen in
deiner Hand ruht!«

Abermals flog Gösta über die Landstraße dahin, gezogen von dem schwarzen
Don Juan, gefolgt von dem weißen Tankred, und das Bewußtsein des
bevorstehenden Abenteuers erfüllte seine Seele mit Jubel.

Er fühlte sich wie ein junger Eroberer; der Geist war über ihm. Sein Weg
führte ihn am Pfarrhofe zu Svartsjö vorüber. Er fuhr dort vor und
fragte, ob er Anna Stjärnhök nicht zum Balle fahren dürfe. Ja, das dürfe
er. Ein schönes, eigensinniges Mädchen stieg zu ihm in den Schlitten.
Wer wäre nicht gern mit dem schwarzen Don Juan gefahren!

Anfangs waren die Jungen schweigsam, dann aber begann die Unterhaltung,
trotzig wie nur der Übermut sie eingibt.

»Hast du gehört, Gösta, was der Pfarrer heute von der Kanzel verlesen
hat?«

»Hat er gesagt, daß du das schönste Mädchen zwischen dem Löfsee und dem
Klar-Elf seiest?«

»Du bist dumm, Gösta. Das wissen die Leute auch ohnedem. Nein, er hat
mich und den alten Dahlberg aufgeboten.«

»Weiß Gott, hätte ich das gewußt, so würde ich dich nicht aufgefordert
haben, dich zu mir in den Schlitten zu setzen! Darauf kannst du dich
verlassen!«

Und die stolze Erbin antwortete: »Ich wäre auch wohl ohne Gösta Berling
nach Borg gekommen.«

»Es ist doch eigentlich schade um dich, Anna,« sagte Gösta nachdenklich,
»daß du weder Vater noch Mutter hast. Nun bist du, wie du bist, und man
darf es nicht so genau mit dir nehmen.«

»Es ist weit mehr schade, daß du das nicht früher gesagt hast, dann
hätte mich ein anderer fahren können.«

»Die Pfarrerin denkt wie ich, daß du eines Mannes bedarfst, der dir
zugleich den Vater ersetzen kann, sonst hätte sie dich wohl nicht mit so
einer alten Kracke eingespannt.«

»Die Pfarrerin hat nichts damit zu tun.«

»Großer Gott, hast du selber dir den schönen Mann ausgesucht?«

»Der nimmt mich wenigstens nicht des Geldes wegen.«

»Nein, die alten sehen nur auf blaue Augen und rote Wangen, und Narren
sind sie, daß sie das tun.«

»Ach, Gösta, du solltest dich schämen!«

»Bedenke aber, daß du fortan nicht mehr mit den jungen Männern spielen
darfst. Mit Tanz und Spiel ists nun vorbei. Du gehörst in die Sofaecke --
oder vielleicht ziehst du es vor, eine Partie Rabouge mit dem alten
Dahlberg zu spielen?«

Dann saßen sie stumm da, bis sie die steilen Hügel bei Borg hinanfuhren.

»Ich danke dir für die gütige Beförderung. Es soll nicht sobald wieder
geschehen, daß ich mit Gösta Berling fahre!«

»Danke bestens! Ich kenne mehr als einen, der es bereut hat, mit dir zum
Fest gefahren zu sein.«

Ein wenig milder als sonst trat die trotzige Schöne in den Tanzsaal und
überschaute die versammelten Gäste.

Zu allererst erblickte sie den kleinen, kahlköpfigen Dahlberg neben dem
hohen, schlanken, blondlockigen Gösta Berling. Sie hatte die größte
Lust, sie beide zur Tür hinauszujagen. Ihr Verlobter kam, um sie zum
Tanz aufzufordern, aber sie empfing ihn mit höhnischem Staunen.

»Willst du tanzen? Seit wann pflegst du zu tanzen?«

Und die jungen Mädchen kamen, um sie zu beglückwünschen.

»Verstellt euch doch nicht, Kinder! Ihr glaubt doch unmöglich, daß man
sich in den alten Dahlberg verlieben kann? Aber er ist reich, und ich
bin reich, deswegen passen wir zueinander.«

Die alten Damen kamen auf sie zu, drückten ihr die weiße Hand und
sprachen von dem höchsten Glück des Lebens.

»Gratuliert der Pfarrerin,« erwiderte sie, »die freut sich mehr darüber
als ich.«

Aber dort stand Gösta Berling, der muntere Kavalier, mit Jubel begrüßt
ob seines frischen Lachens und seiner schönen Worte, die Goldstaub über
das graue Einerlei des Lebens streuten. Nie zuvor hatte sie ihn so
gesehen wie an diesem Abend. Er war kein Verstoßener, kein Verworfener,
kein heimatloser Spaßmacher, nein, ein König war er unter Männern, ein
geborener König.

Er und die andern jungen Männer verschworen sich gegen sie. Sie sollte
Muße haben, darüber nachzudenken, wie übel sie daran getan, daß sie sich
mit ihrem schönen Gesicht und ihrem großen Reichtum an einen alten Mann
weggeworfen hatte. Und sie ließen sie zehn Tänze hindurch sitzen.

Ihr Blut kochte vor Zorn.

Als der elfte Tanz begann, kam ein Mann, der Geringste unter den
Geringen, einer, mit dem niemand tanzen wollte, und forderte sie auf.

»Das Bier ist getrunken, jetzt kommt die Bärme«, sagte sie.

Dann spielte man Pfänderspiele. Blondlockige junge Mädchen steckten die
Köpfe zusammen und verurteilten sie, den zu küssen, der ihr der liebste
sei. Und lächelnden Mundes warteten sie auf das Schauspiel, wie die
stolze Schöne den alten Dahlberg küssen würde. Sie aber erhob sich stolz
in ihrem Zorn und sagte: »Darf ich nicht lieber demjenigen eine Ohrfeige
geben, den ich am wenigsten leiden kann?«

Einen Augenblick später brannte Göstas Wange unter ihrer festen Hand. Er
wurde dunkelrot, ergriff ihre Hand, hielt sie eine Sekunde fest und
flüsterte: »Warte in einer halben Stunde im roten Saal unten auf mich!«

Seine blauen Augen strahlten auf sie herab und umschlossen sie mit
magischen Banden. Sie fühlte, daß sie gehorchen mußte.

Dort unten empfing sie ihn mit Stolz und bösen Worten.

»Was geht es Gösta Berling an, mit wem ich mich verheirate?«

Er hatte noch keine freundlichen Worte auf der Zunge, auch erschien es
ihm noch nicht ratsam, gleich von Ferdinand zu reden.

»Ich meine nicht, daß die Strafe, dich zehn Tänze über sitzen zu lassen,
zu groß war. Aber du willst die Freiheit haben, ungestraft Eidschwüre
und Versprechungen zu brechen. Hätte ein besserer Mann als ich das
Strafgericht in die Hand genommen, so hätte er es härter handhaben
können.«

»Was habe ich dir und euch allen getan, daß ihr mich nicht in Frieden
lassen könnt? Nur des Geldes wegen verfolgt ihr mich. Ich will es in den
Löfsee werfen, mag es da auffischen, wer Lust hat.«

Sie barg ihr Antlitz in den Händen und weinte vor Zorn.

Da ward das Herz des Poeten gerührt. Er schämte sich seiner Härte. Seine
Stimme ward zärtlich.

»Ach, Kind, Kind, verzeih mir! Verzeih dem armen Gösta Berling! Niemand
kehrt sich daran, was so ein Lump sagt oder tut, das weißt du ja.
Niemand weint über seinen Zorn; man könnte ebensowohl über den Stich
einer Mücke weinen. Es war Wahnsinn -- aber ich wollte es verhindern, daß
sich unser schönstes und reichstes Mädchen mit dem Alten verheiratete.
Und nun habe ich nichts erreicht, als dich zu betrüben.«

Er setzte sich neben sie ins Sofa. Leise legte er seinen Arm um ihre
Taille, um sie mit zärtlicher Fürsorge zu stützen und aufzurichten. Sie
entzog sich ihm nicht. Sie schmiegte sich an ihn, schlang ihre Arme um
seinen Hals und weinte, ihr schönes Haupt an seine Schulter gelehnt.

Ach, Poet, du Stärkster und Schwächster unter den Menschen! Nicht an
deinem Halse sollten diese weißen Arme ruhen!

»Wenn ich dies gewußt hätte, so würde ich niemals den Alten genommen
haben, heute abend erst habe ich dich kennen gelernt, niemand ist wie
du!«

Zwischen bleichen Lippen aber drängte Gösta ein Wort hervor:
»Ferdinand!«

Sie brachte ihn mit einem Kuß zum Schweigen.

»Er ist nichts! Niemand außer dir ist etwas. Dir will ich treu sein!«

»Ich bin Gösta Berling,« erwiderte er finster, »mit mir kannst du dich
nicht verheiraten.«

»Dich liebe ich, dich, den ersten unter allen Männern! Du brauchst
nichts zu tun, nichts zu sein. Du bist ein geborener König.«

Da wallte das Blut des Poeten auf. Sie war schön und liebreizend in
ihrer Liebe. Er schloß sie in seine Arme.

»Wenn du die Meine werden willst, kannst du nicht auf dem Pfarrhof
bleiben. Laß mich dich diese Nacht nach Ekeby fahren, dort werde ich
dich schon zu verteidigen wissen, bis wir Hochzeit halten können.«

       *       *       *       *       *

Es ward eine berauschende Fahrt in jener Nacht. Sie beugten sich dem
Gebot der Liebe und ließen sich von Don Juan entführen. Es war, als wenn
das Knirschen des Schnees unter den Schlittenkufen die Klage des
Betrogenen sei. Was kehrten sie sich daran? Sie hing an seinem Halse,
und er beugte sich zu ihr hinab und flüsterte ihr ins Ohr: »Kann sich
eine Seligkeit mit gestohlenem Glück vergleichen?«

Das Aufgebot -- was hatte das zu bedeuten? Sie hatten Liebe. Und der Zorn
der Menschen? Gösta Berling glaubte an das Schicksal. Das Schicksal
hatte sie bezwungen, gegen das Schicksal kann niemand streiten. Wären
die Sterne Hochzeitslichter gewesen, die zu ihrer Hochzeit angezündet
waren, wären Don Juans Schellen Kirchenglocken gewesen, die die Leute zu
ihrer Hochzeit mit dem alten Dahlberg zusammenriefen -- sie hätte dennoch
mit Gösta Berling fliehen müssen. So mächtig ist das Schicksal! -- -- --

Sie waren glücklich und wohlbehalten am Pfarrhof zu Munkerud
vorübergekommen. Sie hatten noch eine halbe Meile bis Berga und eine
zweite halbe Meile bis Ekeby zurückzulegen. Der Weg führte am
Waldesrande entlang, rechts von ihnen lagen dunkle Berge, links ein
langes, weißes Tal.

Da kam Tankred herangestürzt. Er lief, als läge er der Länge nach am
Boden. Heulend vor Angst sprang er in den Schlitten und verkroch sich zu
Annas Füßen.

Don Juan zog mit einem Ruck an und sprang im Galopp dahin.

»Wölfe!« sagte Gösta Berling.

Sie sahen einen langen grauen Strich, der sich am Waldessaum entlang
bewegte. Es waren mindestens ein Dutzend.

Anna erschrak nicht. Der Tag war reich an Abenteuern gewesen, und die
Nacht versprach, ihm darin nicht nachzustehen. Das war Leben! So über
die schimmernde Schneefläche dahinzusausen, den wilden Tieren und den
Menschen trotzend.

Gösta stieß einen Fluch aus, beugte sich vornüber und versetzte Don Juan
einen scharfen Schlag mit der Peitsche.

»Fürchtest du dich?« fragte er. »Sie schlagen einen Richtweg ein und
werden uns da hinten, wo die Landstraße eine Biegung macht, einholen.«

Don Juan sprang und lief um die Wette mit den wilden Tieren des Waldes,
und Tankred heulte vor Wut und Angst. Sie erreichten die Krümmung des
Weges gleichzeitig mit den Wölfen, und Gösta trieb den ersten mit der
Peitsche zurück.

»Ach, Don Juan, mein Junge, wie leicht könntest du zwölf Wölfen
entfliehen, wenn du uns Menschen nicht zu schleppen hättest!«

Sie banden den grünen Reiseschal hinten am Schlitten fest. Die Wölfe
wurden davor bange und hielten sich eine Zeitlang in einiger Entfernung.
Als sie aber ihre Furcht überwunden hatten, sprang einer von ihnen mit
lang heraushängender Zunge und mit geöffnetem Rachen auf den Schlitten
zu. Da nahm Gösta Madame de Staëls Corinna und warf es ihm ins Maul.

Abermals hatten sie eine kleine Ruhepause, während die Tiere ihre Beute
zerrissen, und abermals fühlten sie die Rucke, wenn die Wölfe an dem
grünen Reiseschal zerrten, und der kurze, hastige Atemzug der wilden
Tiere drang an ihr Ohr. Sie wußten, daß sie vor Berga an keiner
menschlichen Wohnung vorüberkamen; aber es erschien Gösta weit schlimmer
als der Tod, denen ins Auge sehen zu sollen, die er betrogen hatte. Er
sah auch ein, daß das Pferd ermüden würde, und was sollte dann nur aus
ihnen werden?

Da ward das Bergaer Haus am Waldesrande sichtbar. In den Fenstern
brannten Lichter. Gösta wußte sehr wohl, wem die galten.

Doch nun flüchteten die Wölfe, bange vor der Nähe der Menschen, und
Gösta fuhr an Berga vorüber. Er kam aber trotzdem nicht weiter als bis
zu der Stelle, wo der Weg sich wieder in den Wald verliert; da erblickte
er eine dunkle Gruppe vor sich -- die Wölfe warteten auf ihn.

»Laß uns nach dem Pfarrhof umwenden, wir können ja sagen, daß wir eine
kleine Spazierfahrt im Sternenschein gemacht haben. Dies geht nun und
nimmer gut.«

Sie wandten um, aber im nächsten Augenblick war der Schlitten von Wölfen
umringt. Graue Gestalten glitten an ihnen vorüber, die weißen Zähne
schimmerten in den weit aufgerissenen Rachen, die funkelnden Augen
leuchteten. Sie heulten vor Hunger und Blutdurst. Die schimmernden Zähne
waren bereit, sich in das weiche Menschenfleisch zu hauen. Die Wölfe
sprangen an Don Juan in die Höhe und hängten sich in dem Geschirr fest.
Anna dachte darüber nach, ob die Bestien sie mit Haut und Haar verzehren
oder ob sie wohl ein wenig von ihnen übriglassen würden, und ob wohl die
Leute am nächsten Morgen zernagte Gebeine in dem niedergetretenen,
blutigen Schnee finden würden.

»Jetzt gilt es unser Leben«, sagte sie, beugte sich herab und ergriff
Tankred beim Nacken.

»Laß das, es nützt nichts! Nicht des Hundes wegen sind die Wölfe über
Nacht unterwegs.«

Damit fuhr Gösta auf den Bergaer Hof ein, aber die Wölfe verfolgten ihn
bis an die Treppe. Er mußte sich ihrer mit der Peitsche erwehren.

»Anna,« sagte er, als er an der Treppe hielt, »Gott wollte es nicht.
Mach nun eine gute Miene dazu, wenn du das Mädchen bist, für das ich
dich halte, hörst du!«

Drinnen hatten sie das Schellengeklingel gehört und kamen heraus.

»Er hat sie!« riefen sie. »Er hat sie! Gösta Berling soll leben!« Und
die Gäste taumelten aus einer Umarmung in die andere.

Es wurden nicht viele Fragen gestellt. Die Nacht war weit
vorgeschritten, die Reisenden waren überwältigt von ihrer gefährlichen
Fahrt und bedurften der Ruhe. Es genügte ja, daß Anna da war.

Alles war gut. Nur Corinna und der grüne Reiseschal, Mamsell Ulrikas
wertvolles Geschenk, waren vernichtet.

       *       *       *       *       *

Das ganze Haus schlief. Da stand Gösta Berling auf, kleidete sich an und
schlich hinaus. Unbemerkt zog er Don Juan aus dem Stall, spannte ihn vor
den Schlitten und wollte sich davonmachen. Da kam Anna Stjärnhök aus dem
Hause.

»Ich hörte dich fortgehen«, sagte sie. »Da stand ich auf. Ich bin
bereit, mit dir zu fahren.«

Er trat an sie heran und ergriff ihre Hand.

»Verstehst du es denn noch nicht? Es kann nicht sein! Gott will es
nicht! Hör mich an und versuche, mich zu verstehen! Ich war heute mittag
hier und sah, wie sie über deine Treulosigkeit jammerten. Da fuhr ich
nach Borg, um dich zu Ferdinand zurückzuführen. Aber ich bin stets ein
erbärmlicher Wicht gewesen und werde nie mehr etwas anderes. Ich verriet
ihn und behielt dich für mich. Hier ist eine alte Frau, die glaubt, daß
noch einmal ein Mann aus mir werden kann. An ihr habe ich ehrlos
gehandelt. Und eine andere arme Alte will hier frieren und hungern, nur
um zwischen Freunden sterben zu können, ich aber war kurz davor, sie vom
bösen Sintram heimführen zu lassen. Du warst schön, und die Sünde war
süß. Gösta Berling ist so leicht zu verlocken.

»Ach, was für ein armseliger Schuft bin ich doch! Ich weiß, wie sehr die
da drinnen ihr Heim lieben, und doch war ich kurz davor, es der
Plünderung preiszugeben. Ich vergaß alles um deinetwillen. Du warst so
entzückend in deiner Liebe. Aber jetzt, Anna, jetzt, wo ich Zeuge ihrer
Freude gewesen bin, will ich dich nicht behalten. O, du meine Geliebte!
Der dort oben spielt mit unserm Willen. Jetzt ist es Zeit, daß wir uns
unter seine züchtigende Hand beugen. Sag mir, daß du von heute an deine
Last auf dich nehmen willst! Alle da drinnen verlassen sich auf dich.
Sag, daß du bei ihnen bleiben und ihnen eine Stütze, eine Hilfe sein
willst! Wenn du mich liebst, wenn du meinen bittern Kummer erleichtern
willst, so versprich mir dies! Meine Geliebte, ist dein Herz so groß,
daß es sich selbst überwinden und dabei lächeln kann?«

Sie nahm voller Begeisterung das Gebot des Entsagens hin.

»Ich will tun, wie du willst -- mich opfern und dazu lächeln.«

Sie lächelte wehmütig.

»Solange ich dich liebe, werde ich die da drinnen lieben.«

»Jetzt erst weiß ich, welch ein Mädchen du bist. Es ist schwer, von dir
zu lassen.«

»Lebe wohl, Gösta! Geh mit Gott! Meine Liebe soll dich nicht zur Sünde
verleiten.«

Sie wandte sich ab, um hineinzugehen. Er gab ihr das Geleite.

»Wirst du mich bald vergessen?«

»Fahre jetzt, Gösta. Wir sind nur Menschen.«

Er sprang in den Schlitten, da aber kehrte sie zurück.

»Denkst du nicht an die Wölfe?«

»Freilich denke ich an die. Aber die haben ihren Nutzen getan. Mit mir
haben sie diese Nacht nichts mehr zu schaffen.«

Noch einmal streckte er die Arme nach ihr aus, Don Juan aber ward
ungeduldig und zog an. Er griff nicht nach den Zügeln. Er saß
hintenübergelehnt und schaute zurück. Dann beugte er sich über den Rand
des Schlittens und schluchzte wie ein Verzweifelter.

»Ich habe das Glück besessen und es von mir gestoßen. Weswegen hielt ich
es nicht fest?«

Ach, Gösta Berling! Du Stärkster und Schwächster unter den Menschen!




=La cachucha=


Streitroß, Streitroß! Du altes, das jetzt auf dem Felde grast. Gedenkst
du deiner Jugend?

Gedenkst du des Schlachtentages, mutiges Roß? Du sprengtest voran, als
trügen dich Flügel, deine Mähne flatterte über dir gleich wehenden
Gluten, Blut und Schaum bedeckten deine schwarzen Flanken. In
goldverziertem Zaum sprangst du dahin, das Feld erdröhnte unter deinem
Hufschlag. Du zittertest vor Wonne, du mutiges Roß. Ach, wie schön du
warst!

       *       *       *       *       *

Über dem Kavalierflügel liegt graue Dämmerung. In dem großen Zimmer
stehen die rot angestrichenen Kisten der Kavaliere an den Wänden, und
ihre Sonntagskleider hängen in der Ecke. Der Schein aus dem Kamin fällt
auf die weißgetünchten Wände und die gelb gewürfelten Gardinen, die die
Alkoven in der Wand verbergen. Der Kavalierflügel ist kein königliches
Gemach, kein Serail.

Aber Liliencronas Violine ertönt dort. Er spielt =la cachucha= in der
Dämmerstunde.

Wieder und wieder spielt er sie.

Zerschneidet die Saiten, zertrümmert den Bogen! Weshalb spielt er diesen
verdammten Tanz? Weshalb spielt er ihn gerade jetzt, wo Örneclou, der
Fähnrich, im Bett liegt, von den heftigsten Gichtschmerzen geplagt, so
daß er sich nicht rühren kann? Nein, entreißt ihm die Violine, werft sie
gegen die Wand, wenn er nicht aufhören will!

=La cachucha=, soll die für uns sein, Maestro? Kann die auf den
schwankenden Brettern des Kavalierflügels, zwischen den engen, von Rauch
geschwärzten und mit Schmutz bedeckten Wänden, unter diesem niederen
Dach getanzt werden? Wehe dir, wie du spielst!

=La cachucha=, soll die für uns Kavaliere sein? Draußen heult der
Schneesturm. Willst du die Schneeflocken lehren, im Takt zu tanzen?
Spielst du den leichtfüßigen Kindern des Schneekönigs zum Tanze auf?

Frauenkörper, die unter dem Pulsschlag des heißen Blutes zittern, kleine
rußige Hände, die den Kochtopf beiseite schieben und zu den
Kastagnetten greifen, nackte Füße unter hochgeschürzten Röcken, ein Hof
mit Marmorfliesen, Zigeuner, die mit Sackpfeife und Tamburin am Boden
kauern, maurische Bogengänge, Mondschein und schwarze Augen, hast du
das, Maestro? Sonst laß deinen Bogen ruhen!

Die Kavaliere trocknen ihre nassen Kleider am Feuer. Können sie sich in
hohen, eisenbeschlagenen Stiefeln mit fingerdicken Sohlen im Tanze
schwingen? Den ganzen Tag sind sie durch ellenhohen Schnee gewatet, um
dem Bären auf die Spur zu kommen. Glaubst du, daß sie in feuchten,
dampfenden Frieskleidern tanzen mögen, mit dem zottigen Petz als Dame?

Sternenübersäter Abendhimmel, rote Rosen in dunklem Frauenhaar,
berauschende Wärme in der Abendluft, angeborene Plastik in den
Bewegungen, Liebe, von der Erde aufsteigend, vom Himmel herabregnend, in
der Luft schwebend, hast du das, Maestro? Weshalb uns sonst dazu
zwingen, uns nach alledem zu sehnen?

Du Grausamer, bläst du das Kompagniesignal für das angebundene
Streitroß? Rutger von Örneclou liegt von Gichtschmerzen gefesselt in
seinem Bett. Erspar ihm die Qual der schönen Erinnerungen! Auch er hat
den Sombrero und das bunte Haarnetz getragen, auch er hat die
Sammetjacke getragen und den Dolch im Gürtel. Schone den alten Örneclou,
Maestro!

Aber Liliencrona spielt =la cachucha=, wieder und wieder =la cachucha=. Und
Örneclou leidet wie der Liebende, der die Schwalbe den Weg zu der fernen
Wohnung der Geliebten nehmen sieht, wie der lechzende Hirsch, der von
den Verfolgern an der Quelle vorübergetrieben wird.

Liliencrona nimmt einen Augenblick die Violine unter dem Kinn fort.

»Fähnrich, entsinnst du dich der schönen Rosalie von Berger?«

Örneclou stößt einen gewaltigen Fluch aus.

»Sie war leicht wie eine Flamme. Sie glitzerte und tanzte wie der
Diamant an der Spitze des Violinbogens. Du entsinnst dich ihrer wohl
noch vom Theater in Karlstad? Wir sahen sie damals, als wir jung waren,
entsinnst du dich dessen noch, Fähnrich?«

Ob sich der Fähnrich dessen entsinnt! Sie war klein und wild und
sprühend wie Feuer. Sie konnte =la cachucha= tanzen! Sie lehrte alle die
jungen Herren in Karlstad =la cachucha= tanzen und Kastagnetten schlagen.
Auf dem Balle des Landrats tanzten der Fähnrich und Fräulein von Berger
in spanischer Tracht =la cachucha=. Und er hatte so getanzt, wie man unter
Feigenbäumen und Platanen tanzt -- wie ein echter Spanier.

Niemand in ganz Wermland konnte die Cachucha tanzen wie er. Niemand
außer ihm konnte sie so tanzen, daß es sich verlohnte, davon zu reden.
Welchen Kavalier verlor nicht Wermland, als die Gicht seine Glieder
steif machte und sich über den Gelenken große Knoten bildeten! Welch ein
Kavalier war er, so schlank, so schön, so ritterlich! »Den schönen
Örneclou« nannten ihn diese jungen Mädchen, die sich seinetwegen auf
Lebenszeit verfeinden konnten.

Und Liliencrona stimmt abermals =la cachucha= an, wieder und wieder =la
cachucha=, und Örneclou wird zurückversetzt in die alten Zeiten.

Da steht er, und da steht sie -- Rosalie von Berger! Sie sind soeben
allein im Toilettenzimmer gewesen. Sie war Spanierin, er Spanier. Er
durfte sie küssen, aber vorsichtig, denn sie fürchtete seinen gewichsten
Bart. Jetzt tanzen sie. Ach, wie man unter Feigenbäumen und Platanen
tanzt! Sie weicht zurück, er folgt ihr, er wird kühn, sie stolz, er
beleidigt, sie versöhnlich. Als er schließlich aufs Knie fällt und sie
in den ausgebreiteten Armen auffängt, geht ein Seufzer durch den Saal,
ein Seufzer des Entzückens.

Er war ein Spanier gewesen, ein echter Spanier!

Gerade bei dem Bogenstrich hatte er sich so herabgebeugt, die Arme so
ausgestreckt, den Fuß vorgereckt, um auf den Zehenspitzen zu schweben.
Welche Grazie! Man hätte ihn in Marmor aushauen können.

Er weiß nicht, wie es zugeht, aber er hat den Fuß über den Rand des
Bettes gesetzt, er steht aufrecht da, er beugt sich herab, er breitet
die Arme aus, knipst mit den Fingern und will über den Fußboden
dahinschweben wie in alten Tagen, als er so enge Schuhe trug, daß man
die Füßlinge von den Strümpfen abschneiden mußte.

»Bravo, Örneclou! Bravo, Liliencrona! Spiel Leben in ihn hinein!«

Der Fuß versagt ihm, er kann nicht auf die Zehenspitze kommen. Er
zappelt ein paarmal mit dem einen Bein, mehr kann er nicht, dann fällt
er wieder aufs Bett zurück.

Schöner Señor, Ihr seid alt geworden. Die Señorita vielleicht ebenfalls?

Nur unter Granadas Platanen wird =la cachucha= von ewig jungen Gitanos
getanzt. Ewig jung sind sie wie die Rosen, denn jeder Lenz bringt neue.

So ist denn die Zeit gekommen, wo die Saiten der Violine zerschnitten
werden müssen?

Nein, spiel, Liliencrona, spiel =la cachucha=, wieder und wieder =la
cachucha=! Lehr uns, daß wir hier im Kavalierflügel, selbst wenn wir
schwere Körper und steife Glieder haben, im Herzen doch stets dieselben
bleiben -- stets Spanier!

Streitroß, Streitroß! Sage, daß du die Trompetenstöße liebst, die dich
zum Galopp verleiten, wenn du dir auch das Bein blutig reißt an dem
Strick, der dich bindet!




Der Ball auf Ekeby


O, ihr Frauen entschwundener Zeiten! Wenn man von euch spricht, das ist,
als spräche man vom Himmelreich: eitel Schönheit waret ihr, eitel Licht!
Ewig jung, ewig schön waret ihr, milde wie die Augen einer Mutter, wenn
sie ihr Kind anschaut. Weich wie die jungen Eichhörnchen hinget ihr am
Halse des Gatten. Niemals machte der Zorn eure Stimme erbeben, niemals
legte sich eure Stirn in Falten, eure weiche Hand ward niemals rauh oder
hart. Ihr sanften Heiligen! Gleich geschmückten Bildsäulen standet ihr
im Tempel des Hauses. Räucherwerk und Gebete wurden euch geopfert, durch
euch verrichtete die Liebe ihre Wunder, und um euren Scheitel wand die
Poesie ihren goldigstrahlenden Glorienschein.

O, ihr Frauen entschwundener Zeiten, diese Erzählung soll jetzt
berichten, wie eine von euch Gösta Berling ihre Liebe schenkte.

       *       *       *       *       *

Vierzehn Tage nach dem Balle auf Borg fand ein Fest auf Ekeby statt. Es
war das herrlichste Fest von der Welt. Alte Frauen und Männer konnten
wieder jung werden, konnten lachen und sich freuen, wenn sie nur davon
sprachen.

Aber die Kavaliere waren zu jener Zeit auch Alleinherrscher auf Ekeby.
Die Majorin wanderte mit Bettelsack und Stab im Lande umher, und der
Major wohnte auf Sjö. Er konnte nicht einmal teilnehmen an dem Fest,
denn auf Sjö waren die Blattern ausgebrochen, und er fürchtete die böse
Krankheit weiter zu verbreiten.

Welch eine Fülle von Genuß umschlossen nicht diese zwölf Stunden vom
Knall des ersten Flaschenkorkes bei Tische bis zu dem letzten
Bogenstrich, als die Mitternachtsstunde längst geschlagen hatte. Hinab
in den Abgrund der Zeit sanken sie, diese gekrönten Stunden, angeregt
von feurigem Wein, von den leckersten Speisen, von der herrlichsten
Musik, von den geistreichsten Ausführungen, von den schönsten lebenden
Bildern. Hinab sanken sie, schwindelig von dem wildesten Tanz. Wo gab es
auch wohl so glatte Fußböden, so galante Kavaliere, so schöne Frauen!

Ja, ihr Frauen entschwundener Zeiten! Ekebys Säle wimmeln von den
schönsten aus eurer schönen Schar. Da ist die junge Gräfin Dohna in
ihrer ausgelassenen Fröhlichkeit, stets aufgelegt zu Spiel und Tanz, wie
es sich für ihre zwanzig Jahre ziemt, da sind die drei schönen Töchter
des Landrichters aus Munkerud und die munteren Fräulein aus Berga, da
ist Anna Stjärnhök, tausendmal schöner als früher, in der sanften
Schwermut, die seit jener Nacht, als sie von den Wölfen verfolgt wurde,
über sie gekommen war; da sind noch weit mehr, die wohl noch nicht
vergessen sind, die es aber bald sein werden, und da ist auch die schöne
Marianne Sinclaire.

Sie, die Weitberühmte, die am Hofe des Königs geglänzt, die in
Grafenschlössern gestrahlt hat, die Königin der Schönheit, die durch das
Land gezogen ist und überall Huldigungen in Empfang genommen hat, sie,
die den Funken der Liebe entzündete, wo sie sich zeigte, sie hatte sich
herabgelassen, zu dem Fest der Kavaliere zu erscheinen.

Wermlands Ehre strahlte hell in jenen Zeiten, aufrechterhalten von manch
stolzem Namen. Die fröhlichen Kinder des schönen Landes hatten vieles,
worauf sie stolz sein konnten, wenn sie aber ihre Schätze nannten, so
unterließen sie es niemals, Marianne Sinclaires Namen zu nennen.

Der Ruf von ihren Siegen erfüllte das ganze Land. Man sprach von den
Grafenkronen, die über ihrem Haupt geschwebt hatten, von den Millionen,
die ihr zu Füßen gelegt waren, von den Kriegerschwertern und
Dichterkränzen, deren Glanz ihr gewinkt hatte.

Und sie war nicht allein schön, sie war auch geistreich und belesen. Die
besten Männer der Zeit unterhielten sich gern mit ihr. Eine
Schriftstellerin war sie selber nicht, aber viele ihrer Gedanken, die
sie in die Seelen ihrer dichtenden Freunde gelegt hatte, lebten in
Liedern auf.

In Wermland, im Bärenlande, hielt sie sich nur selten auf. Sie brachte
ihr Leben auf Reisen zu. Ihr Vater, der reiche Melchior Sinclaire, saß
mit seiner Frau daheim auf Björne und ließ Mariannen zu ihren vornehmen
Freunden in die großen Städte oder auf die prächtigen Schlösser reisen.
Er hatte seine Freude daran, von all dem Geld zu erzählen, das sie
verbrauchte, und die beiden Alten lebten glücklich im Glanze von
Mariannens strahlendem Dasein.

Ihr Leben war ein Leben voller Vergnügungen und Huldigungen. Die Luft um
sie her war Liebe, Liebe war ihr Licht, ihre Leuchte, Liebe ihr täglich
Brot.

Oft, gar oft hatte sie selber geliebt, niemals aber hatte eine solche
Flamme lange genug gewährt, daß man in ihr die Fesseln hätte schmieden
können, die fürs Leben binden.

»Ich warte auf die Liebe, die da kommt wie ein Eroberer«, pflegte sie zu
sagen. »Bisher ist sie über keinen Wall geklettert und durch keinen
Graben geschwommen. Ich warte auf die gewaltige Liebe, die mich über
mich selber erhebt; so stark will ich die Liebe in mir fühlen, daß ich
vor ihr erbeben muß; jetzt kenne ich nur die Liebe, über die mein
Verstand lacht.«

Ihre Nähe verlieh dem Worte Feuer und dem Wein Leben. Ihre glühende
Seele beschleunigte den Bogenstrich, der Tanz schwebte leichter,
berauschender über den Boden dahin, sobald sie ihn mit ihrem schmalen
Fuß berührte. Sie strahlte in den lebenden Bildern, sie flößte den
Lustspielen Geist ein, ihre schönen Lippen -- --

Ach, stille, es war nicht ihre Schuld, es war niemals ihre Absicht
gewesen! Der Balkon, der Mondschein, der Spitzenschleier, die
Ritterkleidung, der Gesang waren schuld daran. Die armen jungen Leute
waren ganz unschuldig.

Alles dies, was so viel Unheil anstiften sollte, war doch in der besten
Absicht geplant. Patron Julius, der sich auf alles verstand, hatte ein
lebendes Bild arrangiert, nur damit Marianne in ihrem vollen Glanze
strahlen könne.

Vor der Bühne, die in dem großen Saal zu Ekeby errichtet war, saßen über
hundert Gäste und sahen, wie Spaniens gelber Mond an dem dunklen,
nächtlichen Himmel dahinzog. Ein Don Juan schlich sich über die Straßen
Sevillas und machte halt unter einem efeuumkränzten Balkon. Er war als
Mönch verkleidet, doch sah man eine geflickte Manschette aus dem Ärmel
hervorgucken und eine blanke Schwertspitze unter der Kutte zum Vorschein
kommen.

Der Vermummte stimmte ein Lied an:

     »Ich trinke keinen Becher Wein,
     Auf keinem roten Mädchenmund
     Hat meine Lipp geruht.
     Ein Antlitz noch so zart und fein,
     Entfacht von meinem Aug in Glut,
     Ein Blick, der fleht: 'Ach, sei mir gut!'
     Dringt nicht auf meines Herzens Grund.

     Kommt nicht in Eurer Schöne Glanz,
     Señora, an das Gittertor.
     Ich scheue Euren Blick!
     Ich trage Kutt und Rosenkranz,
     Madonna ists, die ich erkor,
     Dem Wein zieh ich den Quelltrunk vor,
     Der ist mein Trost, mein Glück!«

Sobald der letzte Ton verklang, trat Marianne in schwarzem
Sammetgewande, in einen Spitzenschleier gehüllt, auf den Balkon. Sie
beugte sich über das Gitter und sang langsam und ironisch:

     »Weshalb denn weilst du, frommer Mann,
     Um Mitternacht vor dem Altan,
     Flehst für mein Seelenheil du bang?«

Plötzlich aber fuhr sie schneller und mit Wärme fort:

     »Ach flieh, ach flieh, es geht nicht an!
     Dein Degen guckt hervor gar lang,
     Man hört durch deinen frommen Sang
     Der Silbersporen hellen Klang!«

Bei diesen Worten warf der Mönch seine Vermummung ab, und Gösta Berling
stand in einer Rittertracht aus Gold und Seide unter dem Balkon. Er
kehrte sich nicht an die Warnung der Schönen, sondern kletterte an einer
der Säulen, die den Balkon trugen, hinauf, schwang sich über das Gitter
und fiel -- wie Patron Julius es arrangiert hatte -- der schönen Marianne
zu Füßen.

Sie lächelte ihm holdselig zu, ihm ihre Hand zum Kusse reichend, und
während die beiden jungen Leute einander, von Liebe bezaubert,
betrachteten, fiel der Vorhang.

Und vor ihr lag Gösta Berling mit einem Antlitz, sanft wie das eines
Dichters und keck wie das eines Feldherrn, mit tiefen Augen, die von
Schelmerei und Geist strahlten, die flehten und drohten. Geschmeidig und
kräftig war er, feurig, berückend.

Während der Vorhang aufgerollt und wieder herabgelassen wurde, verharrte
das junge Paar regungslos in derselben Stellung. Göstas Augen sahen
unverwandt die schöne Marianne an, sie flehten und drohten.

Dann verstummte der Beifall. Der Vorhang ward nicht wieder aufgezogen,
niemand sah die beiden.

Da beugte die schöne Marianne sich hinab und küßte Gösta Berling. Sie
wußte nicht, weshalb sie es tat, sie mußte es tun. Er schlang den Arm
um ihren Hals und preßte sie an sich. Sie küßte ihn wieder und wieder.

Aber der Balkon, der Mondschein, der Spitzenschleier, die Rittertracht,
der Gesang, der Beifall waren schuld daran; die armen jungen
Menschenkinder waren ganz unschuldig. Sie hatten es nicht gewollt. Sie
hatte die Grafenkronen nicht von sich gestoßen, die über ihrem Haupte
schwebten, war nicht an den Millionen vorübergeschritten, die zu ihren
Füßen lagen, weil sie sich nach Gösta Berling sehnte, und er hatte Anna
Stjärnhök noch nicht vergessen. Nein, sie hatten keine Schuld daran,
keiner von ihnen hatte es gewollt.

Der sanfte Löwenberg, dem die Träne im Auge und das Lächeln auf den
Lippen schwebte, zog an jenem Tage den Vorhang auf. Bedrückt von der
Erinnerung vieler kummervoller Ereignisse, schenkte er den Dingen dieser
Welt nur wenig Aufmerksamkeit, hatte er es nie gelernt, sie gebührend zu
beachten. Als er nun sah, daß Marianne und Gösta eine neue Stellung
eingenommen hatten, meinte er, daß dies mit zu der Aufführung gehöre,
und zog den Vorhang nochmals wieder auf.

Das junge Paar auf dem Balkon merkte nichts, ehe der Beifallssturm sie
abermals umbrauste.

Marianne schreckte auf, sie wollte entfliehen, Gösta aber hielt sie
zurück und flüsterte ihr zu: »Stehe still, man glaubt, daß dies mit zu
den lebenden Bildern gehört.«

Er fühlte ihren Körper vor Angst erbeben, und die Glut der Küsse erlosch
auf ihren Lippen.

»Fürchte dich nicht,« flüsterte er, »schöne Lippen haben ein Recht zu
küssen.«

Sie mußten stillstehen, während der Vorhang fiel und wieder aufging und
Hunderte von Augen sie jedesmal anstarrten, Hunderte von Händen ihnen
stürmischen Beifall zuklatschten.

Denn es ist erhebend, zwei schöne junge Menschen eine Darstellung von
dem Glück der Liebe geben zu sehen. Niemand kam auf den Gedanken, daß
die Küsse etwas anderes sein könnten als Theaterblendwerk, niemand
ahnte, daß die Señora vor Scham errötete, daß der Ritter vor Unruhe
bebte. Sie alle glaubten, daß das mit zur Aufführung gehöre.

Endlich standen Marianne und Gösta hinter der Bühne Sie strich sich mit
der Hand das Haar aus der Stirn. »Ich verstehe mich selber nicht«, sagte
sie.

»Pfui Kuckuck, Fräulein Marianne,« sagte er, machte eine Grimasse und
eine abwehrende Bewegung mit den Händen, »Gösta Berling zu küssen! Pfui
Kuckuck!«

Marianne mußte lachen.

»Alle Welt weiß ja, daß Gösta Berling unwiderstehlich ist. Mein Vergehen
ist nicht größer als das anderer.«

Und sie kamen überein, daß sie gute Miene dazu machen wollten, damit
niemand Verdacht über den wahren Sachverhalt schöpfen solle.

»Kann ich mich darauf verlassen, daß die Wahrheit nie ans Licht kommt,
Herr Gösta?« fragte sie, ehe sie sich unter die Zuschauer begaben.

»Darauf kann Fräulein Marianne sich verlassen. Die Kavaliere wissen zu
schweigen, für die stehe ich ein.«

Sie schlug die Augen nieder, und ein eigentümliches Lächeln kräuselte
ihre Lippen.

»Wenn nun die Wahrheit trotzdem ans Licht kommen sollte, was werden die
Leute dann nur einmal von mir denken, Herr Gösta?«

»Sie werden nichts denken; sie werden wissen, daß die Sache nichts zu
bedeuten hat. Sie werden meinen, daß wir in der Rolle gewesen sind und
weiter gespielt haben.«

Noch eine Frage schlich sich unter dem gesenkten Blick, unter dem
erzwungenen Lächeln hervor: »Was aber denkt Herr Gösta selber davon?«

»Ich denke, daß Fräulein Marianne in mich verliebt ist«, lachte er.

»So etwas sollte Herr Gösta nicht glauben,« erwiderte sie lächelnd, »da
müßte ich Herrn Gösta mit diesem spanischen Dolch durchbohren, um ihm zu
beweisen, daß er unrecht hat.«

»Teuer sind Frauenküsse«, sagte Gösta. »Kostet es das Leben, von
Fräulein Marianne geküßt zu werden?«

Da traf ihn ein Blick aus Mariannens Augen, der war so scharf, daß er
ihn wie einen Dolchstoß empfand.

»Ich möchte Ihn tot vor mir sehen, Gösta Berling, tot, tot!«

Diese Worte erweckten aufs neue ein altes Sehnen in der Brust des
Poeten.

»Ach,« sagte er, »wären doch diese Worte mehr als Worte. Wären sie
Pfeile, die aus dem finstern Dickicht herausflögen, wären sie ein Dolch
oder Gift -- hätten sie doch die Macht, diesem elenden Körper ein Ende zu
machen, meiner Seele die Freiheit zu geben!«

Sie hatte ihre Ruhe wiedergewonnen und lächelte. »Torheiten«, sagte sie,
seinen Arm ergreifend, um sich zu den Gästen zu begeben.

Sie behielten ihre Kostüme an, und ihr Triumph wiederholte sich, sobald
sie sich im Publikum zeigten. Alle waren des Lobes voll, niemand hegte
den geringsten Verdacht.

Der Ball nahm seinen Fortgang, Gösta aber floh aus dem Tanzsaal. Sein
Herz krümmte sich unter Mariannens Blick, als habe es ein scharfer
Strahl getroffen. Er verstand sehr wohl den Sinn ihrer Worte. Eine
Schande war es, ihn zu lieben, eine Schande, von ihm geliebt zu werden,
eine Schande, schlimmer als der Tod. Er wollte nie wieder tanzen, wollte
sie nicht wiedersehen, die schönen Frauen. Er wußte es nur zu gut: diese
schönen Augen, diese roten Wangen strahlten nicht für ihn. Für ihn
schwebten diese leichten Füße nicht, für ihn erklang nicht dies
gedämpfte Lachen. Ja, mit ihm tanzen, mit ihm schwärmen, das konnten
sie, keine von ihnen aber wollte im Ernst die Seine werden.

Der Poet begab sich zu den alten Herren ins Rauchzimmer und nahm Platz
an einem der Spieltische. Zufälligerweise kam er an denselben Tisch, an
dem der mächtige Herr von Björne saß; bald spielte er, bald hielt er
Bank und häufte eine ganze Menge von Sechs- und Zwölfschillingstücken
vor sich auf.

Man spielte bereits hoch, Gösta aber brachte noch mehr Fahrt hinein. Die
grünen Scheine kamen zum Vorschein, und der Geldhaufen vor dem mächtigen
Melchior Sinclaire wuchs von Minute zu Minute.

Aber auch vor Gösta häufte sich das Kupfer- und Papiergeld an, und bald
war er der einzige, der den Kampf mit dem Besitzer von Björne aushielt.
Es währte denn auch nicht lange, bis der große Geldhaufen von Melchior
Sinclaire zu Gösta Berling hinüberwanderte.

»Nun, Gösta,« rief der Gutsherr lachend, als er alles verspielt hatte,
was sich in seiner Börse und in seinem Taschenbuch befand, »was sollen
wir jetzt anfangen? Ich bin völlig ausgeplündert, und mit geliehenem
Gelde spiele ich niemals, das habe ich meiner Mutter versprochen.«

Er fand aber einen Ausweg. Er verspielte seine Uhr und seinen Biberpelz
und war gerade im Begriff, sein Pferd und seinen Schlitten aufs Spiel zu
setzen, als Sintram ihn davon zurückhielt.

»Setze doch lieber gleich etwas ein, was sich verlohnt«, rief der böse
Besitzer von Fors. »Nimm etwas, was den Unglücksbann brechen kann!«

»Der Teufel mag wissen, was ich aussetzen soll!«

»Spiel um dein rotestes Herzblut, Melchior, spiel um deine Tochter!«

»Das kann der Herr Sinclaire getrost wagen«, lachte Gösta. »Den Preis
bekomme ich nimmer unter mein Dach!«

Der mächtige Melchior konnte ebenfalls nicht umhin zu lachen. Er duldete
es nur ungern, daß Mariannens Name am Spieltisch genannt wurde, aber
diese Idee war zu toll, um darüber böse zu werden. Mariannen an Gösta zu
verspielen -- ja, das konnte er getrost wagen.

»Das heißt, Gösta,« erklärte er, »unter der Bedingung, daß, wenn du ihr
Jawort erringen kannst, so setze ich meinen väterlichen Segen auf diese
Karte.«

Gösta setzte seinen ganzen Gewinn dagegen, und das Spiel begann. Er
gewann, und der Gutsherr Melchior Sinclaire hielt mit dem Spielen inne.
Gegen das Unglück konnte er nicht ankämpfen, das sah er ein. -- --

Nun, Gösta Berling, pocht nicht dein Herz bei alledem! Begreifst du
nicht, was dein Schicksal will? Was bedeuteten Mariannens Küsse, was
bedeutete Mariannens Zorn? Verstehst du dich denn nicht mehr auf
Weiberherzen? Und nun dies gewonnene Spiel! Siehst du denn nicht, daß
das Schicksal will, was die Liebe will? Auf, Gösta Berling!

Nein, an diesem Abend ist Gösta Berling nicht in Erobererlaune. Er murrt
über die Unbeugsamkeit des Schicksals. Warum wird Liebe nur von Liebe
gestillt? Er weiß, wie alle diese schönen Lieder enden. Liebe kann er
bekommen, aber keine Gattin. Es kann nicht nützen, das zu versuchen. --

Die Nacht verstrich, es war bereits über Mitternacht. Die Wangen der
schönen Damen fingen an zu erbleichen, die Locken fielen aus, die
Spitzengarnituren waren zerdrückt. Die alten Damen erhoben sich aus
ihren Sofaecken und sagten, das Fest habe nun volle zwölf Stunden
gedauert, da sei es Zeit, aufzubrechen.

Und das schöne Fest sollte wirklich ein Ende haben, da aber griff
Liliencrona selber zur Fiedel und spielte die letzte Polka. Die
Schlitten hielten vor den Türen, die alten Damen hüllten sich in ihre
Pelze und Kapuzen, die alten Herren knoteten die Schals um den Hals und
knöpften die Pelzstiefel zu.

Die Jungen aber konnten sich nicht vom Tanz losreißen. Sie tanzten in
ihren warmen Hüllen, es war ein wildes, wahnsinniges Tanzen. Sobald ein
Kavalier eine Dame zu Platz führte, kam ein anderer und riß sie mit sich
fort.

Selbst der schwermütige Gösta Berling wurde mit hineingezogen in diesen
Wirbel. Er wollte den Kummer und die Demütigung forttanzen, er wollte
sich brausende Lebenslust ins Blut tanzen, er wollte fröhlich sein wie
die andern. Und er tanzte, so daß die Wände im Saal sich drehten und
seine Gedanken schwindelten.

Aber was für eine Dame war es denn, die er aus der Menge mit sich
fortgerissen hatte? Sie war leicht und geschmeidig, und es war ihm, als
wenn Feuerströme zwischen ihm und ihr hin und her zuckten. Ach,
Marianne!

Während Gösta mit Marianne tanzte, saß Sintram bereits unten im Hof in
seinem Schlitten, und neben ihm stand Melchior Sinclaire. Der mächtige
Gutsherr war ungeduldig, weil er auf Marianne warten mußte. Er stampfte
mit den großen Pelzstiefeln in den Schnee und machte sich Bewegung mit
den Armen, denn es war bitter kalt.

»Du solltest doch nicht am Ende Marianne an Gösta verspielt haben,
Sinclaire?« sagte Sintram.

»Wie beliebt?«

Sintram ordnete die Zügel und hob die Peitsche in die Höhe, dann
erwiderte er: »Diese Küsserei vorhin gehörte nicht mit zu den lebenden
Bildern.«

Der mächtige Gutsherr erhob den Arm zu einem vernichtenden Schlage, aber
Sintram war bereits fort. Er fuhr dahin, hieb auf die Pferde ein, so daß
sie in wilder Flucht von dannen jagten, und wagte es nicht, sich
umzusehen; denn Melchior Sinclaire hatte eine schwere Hand und eine
kurze Geduld.

Der Besitzer von Björne begab sich nun in den Tanzsaal, um seine Tochter
zu holen, und da sah er denn, wie Gösta und Marianne tanzten.

Wild und stürmisch war die letzte Polka. Einige Paare waren bleich,
andere glühendrot; der Staub lag gleich einer Rauchwolke über dem Saal,
die Wachskerzen flackerten tief herabgebrannt in den Leuchtern, und
inmitten all dieser ungemütlichen Zerstörung flogen sie dahin -- Gösta
und Marianne, königlich in ihrer unerschöpflichen Kraft, ohne Makel an
ihrer Schönheit, glücklich in dem Gefühl, sich dieser herrlichen
Bewegung ganz hingeben zu können.

Als Marianne aufhörte zu tanzen und nach ihren Eltern fragte, waren
diese nach Hause gefahren. Sie ließ sich jedoch ihre Überraschung nicht
merken, sondern kleidete sich ruhig an und ging hinaus. Die Damen im
Toilettenzimmer glaubten, daß sie im eigenen Schlitten fahre.

Sie aber eilte in ihren dünnen, seidenen Schuhen den Weg entlang, ohne
jemand ihre Not zu klagen. In der Finsternis erkannte keiner der Gäste
sie, wie sie dort am Rande des Weges ging, niemand würde geglaubt haben,
daß diese nächtliche Wanderin, die von den vorübereilenden Schlitten in
die hohen Schneeschanzen gedrängt wurde, die schöne Marianne sei. Sobald
sie ungestört in der Mitte des Weges gehen konnte, fing sie an zu
laufen. Sie lief, solange sie konnte, ging dann eine Strecke und lief
darauf wieder. Eine unheimliche, qualvolle Angst trieb sie vorwärts.

Von Ekeby bis Björne ist nur eine Viertelmeile. Marianne war bald zu
Hause, aber sie glaubte beinahe, daß sie sich verirrt habe. Als sie auf
den Hof kam, waren alle Türen verschlossen, alle Lichter ausgelöscht,
sie glaubte anfänglich, daß ihre Eltern noch nicht nach Hause gekommen
seien.

Sie ging an die Haustür und klopfte mit einigen schweren Schlägen an.
Sie faßte an das Schloß und rüttelte daran, daß es im ganzen Hause
widerhallte. Niemand kam und öffnete; als sie aber die eiserne Türklinke
loslassen wollte, die sie mit den bloßen Händen erfaßt hatte, riß sie
sich die an dem Metall festgefrorene Haut von den Händen.

Der mächtige Gutsherr Melchior Sinclaire war nach Hause gefahren, um
seinem einzigen Kinde die Tür zu verschließen. Er war berauscht von
Getränken, wild vor Zorn. Er haßte seine Tochter, weil sie Gösta Berling
liebte. Jetzt sperrte er die Dienstboten in die Küche und seine Frau in
die Schlafstube. Mit kräftigen Eiden gelobte er, denjenigen
totzuschlagen, der es wagen würde, Marianne einzulassen. Und man wußte,
daß er Wort halten würde.

So erzürnt hatte ihn noch niemand gesehen. Ein größerer Kummer war ihm
noch niemals widerfahren. Wäre ihm seine Tochter vor die Augen gekommen,
so würde er sie vielleicht getötet haben.

Er hatte ihr goldenes Geschmeide und seidene Kleider geschenkt; er hatte
ihr eine feine Bildung und eine wissenschaftliche Erziehung zuteil
werden lassen. Sie war sein Stolz gewesen, seine Ehre. Er hatte zu ihr
aufgesehen, als trüge sie eine Krone. Ach! seine Königin, seine Göttin,
seine angebetete, schöne, stolze Marianne! Hatte er jemals gespart, wo
es sich um sie gehandelt hatte? Hatte er sich nicht zu niedrig gefühlt,
um ihr Vater sein zu können? Ach, Marianne, Marianne!

Mußte er sie nicht hassen, wenn sie in Gösta Berling verliebt war und
ihn küßte! Mußte er sie nicht verstoßen, ihr seine Tür verschließen,
wenn sie seine Hoheit kränkte, indem sie einen solchen Mann liebte! Laßt
sie auf Ekeby bleiben, laßt sie zu den Nachbarn laufen, um Nachtquartier
zu begehren, laßt sie im Schnee schlafen, das ist einerlei, sie ist doch
schon durch den Schmutz geschleift, die schöne Marianne. Der Glanz von
ihr ist fort. Der Glanz von seinem Leben ist dahin!

Er liegt in seinem Bett und hört sie an die Haustür klopfen. Was geht
das ihn an! Er schläft! Da draußen steht die Dirne, die sich mit einem
abgesetzten Pfarrer verheiraten will -- für die hat er kein Heim. Hätte
er sie weniger geliebt, wäre er weniger stolz auf sie gewesen, so hätte
er sie hereinlassen können.

Ja, seinen Segen kann er ihnen nicht verweigern. Den hatte er verspielt.
Ihr aber seine Tür öffnen, das wollte er nicht. Ach, Marianne!

Das schöne junge Mädchen stand noch immer vor der Tür des Hauses. Bald
rüttelte sie in ohnmächtigem Zorn an dem Schloß, bald fiel sie auf die
Knie, faltete ihre zerfleischten Hände und flehte um Vergebung.

Niemand aber hörte sie, niemand antwortete, niemand öffnete ihr.

Ach, war dies nicht schrecklich! Entsetzen erfaßt mich, während ich dies
erzähle. Sie kam von einem Ball, dessen Königin sie gewesen war. Sie war
stolz, reich, glücklich gewesen, und einen Augenblick später war sie in
ein so bodenloses Elend gestürzt. Aus ihrem Hause ausgeschlossen, der
Kälte preisgegeben, nicht verhöhnt, nicht geschlagen, nicht verflucht,
nur mit kalter, mitleidsloser Härte ausgeschlossen.

Ich denke an die kalte, sternklare Nacht, die sie umgab, diese große,
weiße Nacht mit den leeren, öden Schneefeldern, mit den stillen Wäldern.
Alles schlief, alles war in schmerzlosen Schlummer versenkt; nur einen
einzigen lebenden Punkt gab es in diesem schlafenden Weiß. Aller Kummer,
alle Angst, alle Sorgen, die sonst über die ganze Welt verteilt sind,
schlichen an diesen einen Punkt heran. Ach Gott! so allein mitten in der
schlafenden, steifgefrorenen Welt leiden zu müssen!

Zum erstenmal in ihrem Leben trat ihr Unbarmherzigkeit und Härte
entgegen. Ihre Mutter wollte nicht einmal aus ihrem Bette aufstehen, um
sie zu erretten. Alte, treue Diener, die ihre ersten Schritte geleitet
hatten, hörten sie und rührten keine Hand für sie.

Für welch ein Verbrechen wurde sie denn gestraft? Wo durfte sie auf
Barmherzigkeit hoffen, wenn nicht an dieser Tür? Wenn sie einen Menschen
gemordet hätte, würde sie dennoch angepocht haben im festen Glauben, daß
die da drinnen ihr verzeihen würden. Wenn sie zu dem erbärmlichsten von
allen Wesen herabgesunken und elend in Lumpen verkommen wäre, so würde
sie dennoch an diese Tür geklopft und einen liebevollen Empfang erwartet
haben. Diese Tür war der Eingang zu ihrem Heim -- hinter dieser Tür
konnte ihrer nur Liebe harren.

Hatte ihr Vater sie denn jetzt nicht genugsam geprüft? Würde er ihr
nicht bald öffnen?

»Vater, Vater!« rief sie. »Laß mich ein! Mich friert, ich zittere vor
Kälte. Es ist entsetzlich hier draußen!«

»Mutter, Mutter! Die du so viele Schritte mir zuliebe getan, die du so
viele Nächte meinetwillen gewacht hast, weshalb schläfst du jetzt?
Mutter, Mutter, so wache doch noch diese eine Nacht, und ich will dir
nie wieder Kummer bereiten.«

Sie ruft und versinkt dann in atemloses Schweigen, um einer Antwort zu
lauschen. Niemand aber hörte sie, niemand gehorchte ihr, niemand
antwortete.

Da ringt sie die Hände in wilder Angst, aber ihre Augen haben keine
Tränen.

Das lange dunkle Haus mit seinen verschlossenen Türen und schwarzen
Fenstern liegt unheimlich, unbeweglich da in der Nacht. Was sollte jetzt
nur aus ihr werden, heimatlos wie sie war? Gebrandmarkt, entehrt war
sie, solange der Himmel dieser Erde sich über ihr wölbte. Und ihr Vater
selber drückte ihr dies glühende Eisen auf die Schulter!

»Vater!« rief sie noch einmal, »was soll aus mir werden? Die Menschen
werden das Schlimmste von mir glauben.«

Sie weinte und jammerte, ihr Körper war starr vor Kälte.

Ach, daß ein solcher Jammer über einen Menschen hereinbrechen kann, der
eben noch so hoch stand! Ach, es gehört nicht viel dazu, um in das
tiefste Elend gestürzt zu werden! Muß uns nicht bange werden vor dem
Leben? Wer sitzt in einem sicheren Fahrzeug? Rings um uns her wogt die
Sorge gleich einem stürmischen Meer; begehrlich lecken die Wogen an den
Seiten des Schiffleins herauf, siehe, sie brausen auf, um es zu
überwältigen. Kein sicherer Halt, kein fester Boden, kein zuverlässiges
Fahrzeug, soweit das Auge reicht, nur ein unbekannter Himmel über einem
Meer von Kummer. -- --

Aber horch! endlich, endlich! Über die Diele nahen leichte Schritte.

»Bist du es, Mutter?« fragt Marianne.

»Ja, mein Kind.«

»Kann ich jetzt hineinkommen?«

»Der Vater will dich nicht einlassen.«

»Ich bin in meinen dünnen Schuhen von Ekeby bis hierher durch den Schnee
gelaufen. Ich habe hier eine Stunde gestanden und gerufen. Ich friere
tot hier draußen. Weshalb seid ihr mir fortgefahren?«

»Mein Kind, mein Kind, weshalb küßtest du Gösta Berling?«

»Aber so sage dem Vater doch, daß ich ihn deswegen nicht liebe. Es war
ja ein Spiel. Glaubt er, daß ich Gösta heiraten will?«

»Geh auf den Pachthof hinab, Marianne, und bitte, daß sie dich dort für
die Nacht aufnehmen. Der Vater ist trunken. Er will keine Vernunft
annehmen. Er hat mich oben gefangen gehalten. Ich schlich hinaus, als
ich glaubte, daß er schliefe. Er schlägt dich tot, wenn du ins Haus
kommst.«

»Mutter, Mutter, soll ich zu Fremden gehen, wenn ich ein Heim habe? Ist
denn meine Mutter ebenso hart wie mein Vater? Wie kannst du es nur
zugeben, daß ich ausgeschlossen werde? Ich lege mich hier draußen in den
Schnee, wenn du mich nicht einläßt!«

Da legte Mariannens Mutter die Hand auf das Schloß, um zu öffnen. Im
selben Augenblick aber wurden schwere Tritte auf der Treppe hörbar, und
eine scharfe Stimme rief nach ihr.

Marianne lauschte, ihre Mutter eilte von dannen, die scharfe Stimme
schalt sie aus -- und dann -- --

Marianne hörte etwas Entsetzliches -- sie konnte jeden Ton hören in dem
stillen Haus.

Sie hörte den Schall eines Schlages, eines Stockschlages oder einer
Ohrfeige, dann vernahm sie ein schwaches Geräusch und dann abermals
einen Schlag.

Er schlug ihre Mutter, der schreckliche, der riesenhafte Melchior
Sinclaire schlug seine Frau!

Und in bleichem Entsetzen warf sich Marianne auf die Türschwelle nieder
und wand sich in ihrer Angst. Jetzt weinte sie und ihre Tränen gefroren
zu Eis auf der heimatlichen Schwelle.

Gnade und Erbarmen! Öffnet, öffnet, damit sie hineinkommen und ihren
Rücken unter den Schlägen beugen kann! Ach, daß er ihre Mutter schlagen
kann, weil sie ihre Tochter nicht im Schnee erfrieren lassen will, weil
sie ihr Kind trösten wollte!

Tief erniedrigt ward Marianne in jener Nacht. Sie hatte geträumt, daß
sie eine Königin sei, und lag nun dort, nicht viel besser als eine
gepeitschte Sklavin.

Aber sie erhob sich in kaltem Zorn. Noch einmal schlug sie ihre blutige
Hand gegen die Tür und rief: »Höre, was ich dir sage, du, der du meine
Mutter schlägst. Du sollst weinen, Melchior Sinclaire, weinen sollst
du!«

Dann ging die schöne Marianne hin und legte sich in den Schnee zur Ruhe.
Sie warf den Pelz ab und lag dort in ihrem schwarzen Sammetkleide, das
sich von dem weißen Schnee grell abhob. Sie lag da und malte es sich
aus, wie ihr Vater am nächsten Tage bei seiner frühen Morgenwanderung
herauskommen und sie dort finden würde. Sie hatte nur den _einen_ Wunsch,
daß er selber sie finden möge.

O Tod, bleicher Freund, ist es denn ebenso wahr, wie es tröstlich ist,
daß ich nie umhin kann, dir zu begegnen. Auch zu mir, dem saumseligsten
von den Arbeitern der Erde, kommst du einmal, ziehst den verschlissenen
Lederschuh von meinem Fuß, reißest mir den Breilöffel und die Mehltonne
aus der Hand, nimmst mir die Arbeitskleider vom Leibe. Mit sanfter Hand
streckst du mich auf das spitzenverzierte Lager und schmückst mich mit
langen, gestickten Linnenkleidern.

Meine Füße bedürfen der Schuhe nicht mehr, aber meine Hände werden mit
schneeweißen Handschuhen bedeckt, die keine Arbeit beschmutzen soll. Von
dir der süßen Ruhe geweiht, schlafe ich einen tausendjährigen Schlaf.

O Erlöser! der saumseligste von den Arbeitern der Erde bin ich, und ich
träume mit einem Schaudern von Wollust von dem Augenblick, in dem ich in
dein Reich aufgenommen werden soll.

Bleicher Freund, an mir kannst du gern deine Kraft üben, aber ich sage
dir, härter war der Kampf gegen die Frauen entschwundener Zeiten! Die
Lebenskräfte waren stark in ihren schlanken Körpern, keine Kälte konnte
ihr warmes Blut kühlen.

Du hattest die schöne Marianne auf dein Lager gelegt, o Tod, und du
saßest an ihrer Seite, wie ein altes Kindermädchen an der Wiege sitzet,
um das Kind in Schlaf zu lullen. Du treue alte Amme, die du weißt, was
gut ist für die Kinder der Menschen, wie muß es dich nicht erbosen, wenn
die Spielgefährten mit Lärm und Getöse kommen und dein halbschlummerndes
Kind aufwecken. Wie konntest du anders als zürnen, als die Kavaliere die
schöne Marianne von dem Lager aufhoben, als ein Mann sie an seine Brust
preßte und warme Tränen aus seinen Augen auf ihr Antlitz fielen.

Auf Ekeby waren alle Lichter gelöscht, alle Gäste hatten sich
verabschiedet. Die Kavaliere standen oben im Kavalierflügel allein um
die letzte, halbgeleerte Punschbowle.

Da schlug Gösta an die Bowle und hielt eine Rede auf euch, ihr Frauen
entschwundener Zeiten. Von euch zu reden, sagte er, sei, als rede man
vom Himmelreich, eitel Schönheit wäret ihr, eitel Licht. Ewig jung, ewig
schön wäret ihr und milde wie die Augen einer Mutter wenn sie ihr Kind
anschaut. Weich wie die jungen Eichhörnchen hinget ihr an dem Halse des
Gatten. Niemals hörte man eure Stimme im Zorn erbeben, niemals legte
sich eure Stirn in Falten, eure weiche Hand wurde niemals rauh und hart.
Sanfte Heilige wäret ihr, geschmückte Bildsäulen im Tempel des Hauses.
Die Männer lägen euch zu Füßen, opferten euch Räucherwerk und Gebete.
Durch euch verrichte die Liebe ihre Wunder, um eure Stirn schlänge die
Poesie ihren goldstrahlenden Glorienschein.

Und die Kavaliere sprangen auf, wirr vom Wein, wirr von seinen Worten,
ihr Blut wallte auf vor Festesfreude. Der alte Onkel Eberhard und der
träge Vetter Kristoffer hielten sich nicht zurück von dem Scherz. In
fliegender Eile spannten die Kavaliere Pferde vor die Schlitten und
eilten hinaus in die kalte Nacht, um denen noch eine Huldigung zu
bringen, denen man niemals genügend huldigen kann, um einer jeden von
denen, deren rote Wangen und helle Augen vor wenigen Stunden in Ekebys
großen Sälen gestrahlt hatten, eine Serenade zu bringen.

Aber die Kavaliere kamen nicht weit auf diesem Zuge, denn gleich, als
sie nach Björne kamen, fanden sie die schöne Marianne an der Türe ihres
Heims im Schnee liegen.

Sie schauderten und ergrimmten, als sie sie daliegen sahen. Es war, als
hätten sie ein angebetetes Heiligenbild zertrümmert und beraubt vor der
Kirchentür gefunden, es war, als habe ein Missetäter den Bogen einer
Stradivarius-Geige zerbrochen und die Saiten zerrissen.

Gösta drohte mit geballter Faust in der Richtung nach dem dunklen Hause
zu. »Ihr Kinder des Hasses!« rief er; »ihr Hagelschauer, ihr Nordwinde,
ihr Zerstörer von Gottes Paradies!«

Beerencreutz zündete seine Hornlaterne an und beleuchtete das
totenbleiche Antlitz. Da sahen die Kavaliere Mariannens zerfleischte
Hände und die Tränen, die in ihren Wimpern gefroren waren, und sie
jammerten wie die Weiber; denn sie war doch nicht nur ein Heiligenbild
und ein Saitenspiel, sondern eine schöne Frau, die ihrem alten Herzen
eine Freude gewesen war.

Gösta Berling warf sich neben sie auf die Knie.

»Hier liegt sie nun, meine Braut!« sagte er. »Vor wenigen Stunden gab
sie mir den Brautkuß, und ihr Vater hat mir seinen Segen versprochen.
Sie liegt und wartet, daß ich kommen und ihr weißes Bette teilen soll.«

Und Gösta hob die Leblose auf seine starken Arme.

»Heim, mit ihr nach Ekeby!« rief er. »Jetzt ist sie die Meine! Im Schnee
habe ich sie gefunden, jetzt soll niemand sie mir wieder nehmen. Die da
drinnen wollen wir nicht wecken. Was hat sie hinter den Türen zu tun,
gegen die sie ihre Hände blutig geschlagen hat?«

Und sie willfahrteten ihm. Er legte Mariannen in den ersten Schlitten
und setzte sich neben sie. Beerencreutz stellte sich hinten auf und
ergriff die Zügel.

»Nimm Schnee und reibe sie damit, Gösta!« befahl er.

Die Kälte hatte ihre Glieder gelähmt, das war alles. Das wilde,
unbändige Herz schlug noch. Sie hatte nicht einmal das Bewußtsein
verloren, sie war sich ganz klar darüber, wie die Kavaliere sie gefunden
hatten, aber sie konnte sich nicht rühren. So lag sie steif und
unbeweglich im Schlitten, während Gösta Berling sie mit Schnee rieb und
abwechselnd weinte und sie küßte. Sie empfand ein unsagbares Verlangen,
nur eine Hand so weit erheben zu können, um seine Liebkosung zu
erwidern.

Sie erinnerte sich alles dessen, was geschehen war, lag starr und
unbeweglich da und dachte so klar wie nie zuvor. Liebte sie Gösta
Berling? Ja, das tat sie. War es nur eine Laune, die mit dem heutigen
Abend gekommen war und ebenso schnell wieder schwinden würde? Nein, sie
hatte ihn schon lange geliebt -- seit vielen Jahren.

Sie verglich sich selber mit ihm und mit den andern Menschen in
Wermland. Sie waren alle unmittelbar wie die Kinder. Jedem Gelüst, das
sie ankam, gaben sie nach. Sie lebten nur ein äußerliches Leben, hatten
nie die Tiefen ihrer Seele erforscht. Sie aber war so geworden, wie man
zu werden pflegt, wenn man sich in der Fremde unter Menschen bewegt; sie
konnte sich nie ganz hingeben. Wenn sie liebte -- ja, sie mochte sich
noch so sehr bemühen --, so stand die eine Hälfte ihres Ich gleichsam da
und schaute mit einem kalten, höhnischen Lächeln zu. Sie hatte sich nach
einer Leidenschaft gesehnt, die kommen und sie in wilder
Besinnungslosigkeit mit fortreißen würde. Und nun war er, der
Gewaltige, gekommen. Als sie Gösta Berling auf dem Balkon küßte, da
hatte sie sich selbst zum erstenmal vergessen.

Und jetzt überkam sie die Leidenschaft von neuem, ihr Herz arbeitete, so
daß sie sein Pochen hören konnte. Erhielt sie denn noch immer nicht die
Herrschaft über ihre Glieder zurück? Sie empfand eine wilde Freude bei
dem Gedanken, aus ihrem Heim verstoßen zu sein. Jetzt wollte sie ohne
Bedenken Göstas Gattin werden. Wie dumm war sie doch gewesen, wie viele
Jahre hatte sie nicht ihre Liebe bekämpft. Ach, herrlich, herrlich ist
es, der Liebe nachzugeben, das Brausen des Blutes zu fühlen! Würde sie
denn aber nimmer, nimmer die Eisfesseln abschütteln! Bisher war sie im
Innern Eis gewesen, und Feuer nach außen hin, jetzt war das Gegenteil
eingetreten -- in einem Eiskörper brannte eine Feuerseele.

Da fühlte Gösta, wie sich zwei Arme um seinen Hals legten, er empfand
einen schwachen, kraftlosen Druck.

Er konnte ihn nur eben empfinden, Marianne aber glaubte, daß sie der in
ihrem Innern eingeengten Leidenschaft in einer heftigen Umarmung Luft
gemacht habe.

Als aber Beerencreutz dies sah, ließ er das Pferd auf dem wohlbekannten
Wege laufen, wie es wollte. Er erhob den Blick und starrte hartnäckig
und unverwandt zu dem Siebengestirn empor.




Die alten Gefährte


Freunde, Menschenkinder! Sollte der Zufall es so fügen, daß ihr dieses
in später Nacht leset, so wie ich es jetzt in den stillen Nachtstunden
niederschreibe, da sollt ihr nicht erleichtert aufseufzen und denken,
daß die guten Herren Kavaliere sich eines ungestörten Schlafes erfreuen
durften, nachdem sie mit Mariannen nach Hause gekommen und sie in ein
gutes Bett in dem besten Fremdenzimmer neben dem großen Saal zur Ruhe
hatten bringen lassen.

Zu Bett gingen sie freilich und in Schlaf fielen sie auch, aber es
sollte ihnen nicht vergönnt sein, bis zum Mittag ruhig zu schlafen.

Denn man darf nicht vergessen, daß die alte Majorin inzwischen mit dem
Bettelsack und Stab das Land durchschweifte und daß es nie ihre Art
gewesen war, Rücksicht auf die Bequemlichkeit müder Sünder zu nehmen.
Jetzt konnte sie das um so weniger tun, als sie beschlossen hatte, in
dieser Nacht die Kavaliere aus Ekeby zu vertreiben.

Die Zeit, wo sie in Glanz und Herrlichkeit auf Ekeby gesessen und Freude
über die Welt ausgestreut hatte, wie Gott Sterne über den Himmel
ausstreut, die war dahin. Und während sie heimatlos im Lande umherzog,
waren die Macht und die Ehre der großen Besitztümer den Händen der
Kavaliere überlassen, um von ihnen gehütet zu werden, wie der Wind die
Asche hütet, wie die Lenzsonne den Schnee hütet.

Zuweilen geschah es, daß die Kavaliere in einem langen Schlitten mit
fröhlichem Schellengeläute ausfuhren. Begegnete ihnen dann die Majorin,
die gleich einer Bettlerin auf der Landstraße einherwankte, so schlugen
sie die Augen nicht nieder. Die lärmende Schar streckte ihr die
geballten Fäuste entgegen. Durch eine schnelle Wendung des Schlittens
zwangen sie sie in die hohen Schneeschanzen hinein, und Major Fuchs,
der Bärenjäger, versäumte es niemals, dreimal auszuspucken, damit eine
solche Begegnung keine böse Folgen habe.

Sie hatten kein Mitleid mit ihr, sie betrachteten sie wie eine böse
Hexe. Wäre ihr ein Unglück zugestoßen, sie würden sich deswegen nicht
mehr gegrämt haben wie jemand, der in der Walpurgisnacht eine mit
Messingknöpfen geladene Büchse abfeuert, sich darüber grämt, wenn er
zufällig eine vorbeifliegende alte Hexe trifft. Es war für die armen
Kavaliere, als hinge ihrer Seelen Seligkeit davon ab, daß sie die
Majorin verfolgten. Die Menschen haben einander oft auf das grausamste
gepeinigt, wo es sich um ihrer Seelen Seligkeit handelte.

Wenn die Kavaliere spät in der Nacht vom Trinktische nach dem Fenster
schwankten, um zu sehen, ob die Nacht ruhig und sternenklar war, sahen
sie oft einen dunklen Schatten über den Hofplatz gleiten, dann wußten
sie, daß die Majorin gekommen war, um sich nach ihrem geliebten Heim
umzusehen. In solchen Augenblicken hallte der Kavalierflügel wider von
dem Hohngelächter der alten Sünder, und spöttische Bemerkungen flogen
durch die geöffneten Fenster bis zu ihr hinab.

Wahrlich -- Herzlosigkeit und Hochmut hatten angefangen, ihren Einzug bei
den armen Abenteurern zu halten. Sintram hatte Haß in ihre Herzen gesät.
Wenn die Majorin ruhig in Ekeby geblieben wäre, hätten ihre Seelen nicht
in größere Gefahr geraten können. Es fallen mehr Krieger auf der Flucht
als in der Schlacht.

Die Majorin hegte keinen weiteren Zorn gegen die Kavaliere. Hätte sie
ihre alte Macht noch gehabt, so würde sie ihnen die Rute gegeben haben
wie ungezogenen Knaben, um ihnen dann hinterher wieder gut zu sein.
Jetzt aber war sie in Sorge um ihr geliebtes Besitztum, das den
Kavalieren preisgegeben war, um von ihnen gehütet zu werden, wie der
Wolf die Schafe hütet.

Gar mancher hat denselben Kummer durchmachen müssen. Sie ist nicht die
einzige, die es mit angesehen hat, wie sich der Verfall über ein
geliebtes Heim ausbreitet, die fühlt, was es heißt, wenn uns das Heim
unserer Kindheit anschaut wie ein verwundetes Wild. Manch einer fühlt
sich wie ein Verbrecher, wenn er sieht, wie die Bäume von Flechten
überwuchert, wie die Kiesgänge mit Gras bewachsen sind. Er möchte sich
auf die Knie werfen auf diesen Feldern, die einstmals im reichen
Saatenschmucke prangten, und sie bitten, ihm die Schmach nicht
anzurechnen, die man ihnen angetan hat. Er wendet sich ab von den armen
Pferden, es fehlt ihm an Mut, ihrem Blick zu begegnen. Er wagt es nicht,
am Zauntor zu stehen, wenn die Herde von der Weide heimkehrt. Kein Fleck
auf der Welt erweckt so viel bittere Regungen wie ein verfallendes Heim.

Ach, ich bitte euch alle, die ihr Felder und Wiesen und freudespendende
Blumengärten habt, Sorge dafür zu tragen, sie wohl zu pflegen. Pflegt
sie mit Liebe, mit Arbeit! Es ist nicht gut, wenn die Natur über die
Menschen trauern muß.

Wenn ich daran denke, was das stolze Ekeby unter dem Regiment der
Kavaliere leiden mußte, da wünsche ich, daß die Majorin ihr Ziel
erreicht hätte, daß Ekeby den Kavalieren entrissen wäre.

Es war nicht ihre Absicht, selber wieder zur Macht zu gelangen. Sie
hatte nur ein Ziel, ihr Heim von diesen Tollen zu befreien, von diesen
Heuschrecken, diesen Räubern, unter deren Schritten kein Gras wächst.

Während sie bettelnd das Land durchstreifte und von Almosen lebte, mußte
sie unausgesetzt an ihre Mutter denken, und in ihrem Herzen faßte der
Gedanke Wurzel, daß niemals bessere Zeiten für sie kommen würden, ehe
nicht ihre Mutter das Joch des Fluches von ihren Schultern genommen
hatte. Niemand hatte ihr bisher den Tod der Alten vermeldet, folglich
mußte sie noch da oben in den Wäldern leben. Trotz ihrer neunzig Jahre
lebte sie noch in unablässiger Arbeit, sorgte im Winter für ihre
Milchschüsseln und im Sommer für ihre Kohlenmeiler, bis zur Ermüdung
arbeitend, sehnsuchtsvoll den Tag erwartend, an dem ihr Lebensberuf
erfüllt sein würde.

Und die Majorin dachte, wenn die Alte so lange lebe, so habe das sicher
den Zweck, daß sie den Fluch wieder von ihr nehmen solle. Die Mutter,
die ein solches Elend über ihr Kind gebracht hatte, konnte unmöglich
sterben.

So beschloß denn die Majorin, zu der Alten zu gehen, damit sie beide
Ruhe finden könnten. Sie wollte durch die finsteren Wälder wandern, an
dem langen Fluß entlang, bis sie das Heim ihrer Kindheit erreicht hatte.
Eher konnte sie keine Ruhe finden. Gar viele boten ihr in diesen Tagen
ein trautes Obdach und die Gaben einer treuen Freundschaft an, sie aber
hatte keine bleibende Stätte. Barsch und zornig ging sie von Gehöft zu
Gehöft, denn der Fluch bedrückte sie.

Sie wollte zu ihrer Mutter ziehen, vorerst aber wollte sie für ihr
geliebtes Ekeby sorgen. Sie wollte es nicht in den Händen leichtsinniger
Taugenichtse, untüchtiger Zechbrüder, gleichgültiger Verschwender der
Gaben Gottes lassen. Sollte sie gehen und wiederkommen, um ihr Erbe
vergeudet, ihre Schmieden leer, ihre Pferde ausgehungert und ihre
Dienstboten fern zu finden? Nein, noch einmal wollte sie alle ihre Kraft
zusammenraffen und die Kavaliere vertreiben!

Wohl wußte sie, daß es ihrem Gatten eine Freude war, zu sehen, wie ihr
Erbe vergeudet wurde. Aber sie kannte ihn hinreichend, um zu wissen, daß
er, falls sie seine Heuschrecken vertrieb, zu träge sein würde, um für
andere zu sorgen. Waren die Kavaliere erst einmal fort, da würde ihr
alter Verwalter und Vogt die Leitung des ganzen Betriebes übernehmen und
es wieder in die gewohnten Spuren lenken.

Deswegen war ihr finsterer Schatten viele Nächte lang auf den schwarzen
Wegen, die die Eisenwerke umgaben, umhergeschlichen. Sie war bei den
Häuslern ein und aus gegangen, sie hatte unten im untersten Raum der
großen Mühle mit dem Müller und seinen Gesellen geflüstert sie hatte in
dem dunklen Kohlenschuppen mit den Schmieden Rat gepflogen.

Und alle hatten geschworen, ihr zu helfen. Die Ehre und das Ansehen des
großen Besitzes sollte nicht länger den Händen ruchloser Kavaliere
überlassen werden, um von ihnen gehütet zu werden, wie der Wind die
Asche hütet, wie der Wolf die Schafe hütet.

Und in dieser Nacht, in der die munteren Herren getanzt und getrunken
haben, bis sie in todesmüdem Schlaf auf ihre Betten gesunken sind -- in
dieser Nacht sollen sie fort. Sie hat das Maß ihres Übermutes voll
werden lassen. Finsteren Blickes hat sie in der Schmiede gesessen und
gewartet, bis das Fest vorüber war. Sie hat noch länger gewartet, bis
die Kavaliere von ihrer nächtlichen Fahrt zurückkamen, sie hat
schweigend gewartet, bis man ihr vermeldete, daß das letzte Licht im
Kavalierflügel erloschen sei, daß der große Hof schlummernd daliege. Da
erhob sie sich und ging hinaus. Es war bereits fünf Uhr des Morgens,
noch aber wölbte die dunkle, strahlende Februarnacht sich über der Erde.

Die Majorin hieß alle Leute sich am Kavalierflügel versammeln; sie
selber betrat zuerst den Hof. Sie näherte sich dem Hauptgebäude, klopfte
an die Tür und ward eingelassen. Die Tochter des Pfarrers von Broby, die
sie zu einem tüchtigen Dienstmädchen erzogen hatte, nahm sie in Empfang.

»Die gnädige Frau sind herzlich willkommen«, sagte sie, ihr die Hand
küssend.

»Lösche das Licht!« sagte die Majorin. »Glaubst du, daß ich hier den Weg
nicht ohne Licht finden kann?«

Und dann begann sie ihre Wanderung durch das stille Haus. Sie ging vom
Keller bis zum Boden, um Abschied zu nehmen. Leisen Schrittes schlich
sie von einem Zimmer in das andere.

Die Majorin sprach mit ihren Erinnerungen. Das Mädchen seufzte und
schluchzte nicht, doch Träne auf Träne rollte ihr von den Wangen herab,
während sie ihrer Herrin folgte. Die Majorin ließ sie den Leinenschrank
und den Silberschrank öffnen und strich mit der Hand über die feinen
Damastgedecke und über die prächtigen silbernen Kannen. Auf der
Bettenkammer ließ sie die Hand über die hochaufgetürmten Daunenbetten
gleiten. Alles Hausgerät -- Webstühle, Spinnrocken, Garnwinden mußte sie
berühren. Prüfend steckte sie die Hand in die Gewürzlade und befühlte
die Reihen von Talglichten, die unter der Decke hingen.

»Die Lichte sind trocken«, sagte sie. »Sie können herabgenommen und
verwahrt werden.«

In den Keller ging sie, klopfte an die Fässer und ließ die Hand über die
Borde mit den Weinflaschen gleiten. Sie war in Speisekammer und Küche,
sie befühlte, sie untersuchte alles. Sie streckte ihre Hand aus und nahm
von allem in ihrem Hause Abschied.

Schließlich ging sie in die Zimmer. Im Speisesaal ließ sie die Hand über
den großen Klapptisch gleiten.

»Gar mancher hat sich hier an diesem Tisch sattgegessen«, sagte sie.

Sie schritt durch alle Zimmer. Sie fand die langen, breiten Sofas an
ihrem alten Platz, sie streichelte den kalten Marmor der Konsolen, die,
von vergoldeten Greifen getragen, die kostbaren Spiegel stützten.

»Ein reiches Haus«, sagte sie. »Ein herrlicher Mann war der, der mich
zur Herrin über dies alles setzte.«

In dem großen Saal, wo der Tanz noch soeben gewirbelt hatte, standen
schon die hochlehnigen Armstühle wieder in steifer Ordnung an den
Wänden.

Sie trat an das Klavier und schlug leise einen Ton an.

»Auch zu meiner Zeit gebrach es hier nicht an Freude und Frohsinn«,
sagte sie.

Auch in das Fremdenzimmer hinter dem großen Saal ging die Majorin. Es
war stockfinster. Sie tastete mit der Hand vor sich hin und berührte
dabei das Gesicht des Mädchens.

»Weinst du?« fragte sie, denn ihre Hand wurde naß von Tränen.

Da schluchzte das junge Mädchen laut. »Ach, Herrin, teure Herrin,« rief
sie aus, »sie zerstören alles! Weshalb ginget Ihr von uns und ließet die
Kavaliere das ganze Haus zerstören?«

Die Majorin zog die Gardine zur Seite und zeigte in den Hof hinaus.
»Habe ich dich gelehrt, zu weinen und zu jammern?« fragte sie. »Siehe,
der Hof ist voll von Menschen; morgen wird sich nicht ein einziger
Kavalier mehr in Ekeby befinden.«

»Kommt Ihr dann wieder?« fragte das Mädchen.

»Meine Zeit ist noch nicht gekommen«, sagte die Majorin. »Die Landstraße
ist meine Heimat, der Graben mein Bett. Aber du sollst an meiner Statt
über Ekeby wachen, während ich fort bin, Mädchen.«

Und sie gingen weiter. Keins von beiden wußte oder dachte daran, daß
Marianne gerade in diesem Zimmer schlief.

Sie schlief auch nicht. Sie war ganz wach, hörte alles und verstand
alles. Sie hatte in ihrem Bett gelegen und eine Hymne auf die Liebe
gedichtet.

»Du Herrliche, die du mich über mich selber erhoben hast«, sagte sie.
»Ich lag in grenzenlosem Elend, und du hast es in ein Paradies
verwandelt. An dem eisernen Schloß der verriegelten Tür hingen meine
Hände fest, wurden sie mir wund gerissen; auf der Schwelle meines Hauses
liegen meine Tränen zu Perlen von Eis gefroren. Die Kälte des Zornes
durchschauerte mein Herz, als ich die Schläge auf den Rücken meiner
Mutter hörte. In der kalten Schneeschanze wollte ich meinen Zorn
verschlafen; aber da kamst du! O Liebe, du Kind des Feuers, du kamst --
zu der von Kälte Durchschauerten kamst du. Wenn ich mein Elend mit der
Herrlichkeit vergleiche, die mir daraus ersprossen ist, so erscheint es
mir wie nichts. Losgelöst von allen Banden bin ich, habe weder Vater
noch Mutter noch ein Heim mehr. Die Menschen werden alles mögliche
Schlechte von mir glauben und sich von mir abwenden. Wohlan, so geschehe
dein Wille, o Liebe, denn weshalb sollte ich höher stehen als mein
Geliebter? Hand in Hand wollen wir in die Welt hinauswandern. Arm ist
Gösta Berlings Braut. In der Schneeschanze hat er sie gefunden. So laß
uns denn ein Heim zusammen gründen, nicht in den hohen Sälen, sondern in
der Bauernhütte am Waldesrande. Ich will ihm helfen, den Meiler zu
besorgen, ich will ihm helfen, dem Hasen und dem Birkhuhn Schlingen zu
legen, ich will seine Speisen bereiten, seine Kleider flicken. O mein
Geliebter, glaubst du wohl, daß ich trauern und mich sehnen werde, wenn
ich allein am Waldesrande sitze und deiner harre? Das werde ich tun!
Doch nicht nach den Tagen des Reichtums werde ich mich sehnen, nur nach
dir will ich spähen und verlangen, nach deinen Schritten auf dem
Waldpfade, nach deinem frohen Gesang, wenn du mit der Axt über dem
Nacken daherkommst. O mein Geliebter, mein Geliebter! Solange mein Leben
währt, könnte ich sitzen und deiner harren.« -- --

So hatte sie dagelegen und Hymnen an den allmächtigen Gott des Herzens
gedichtet, sie hatte ihre Augen noch nicht geschlossen, als die Majorin
eintrat.

Nachdem sie gegangen war, stand Marianne auf und kleidete sich an. Noch
einmal mußte sie das schwarze Sammetkleid und die dünnen Ballschuhe
anlegen. Sie hüllte sich in ihre Decke wie in einen Schal und eilte noch
einmal in die schreckliche Nacht hinaus.

Ruhig, sternenklar und beißend kalt ruhte die Februarnacht noch über der
Erde; es war, als solle sie niemals ein Ende nehmen. Und die Finsternis
und die Kälte, die diese lange Nacht verbreitete, ruhte noch lange,
lange, nachdem die Sonne aufgegangen war, über der Erde, noch lange,
lange, nachdem die Schneeschanzen, die die schöne Marianne durchwandert
hatte, zu Wasser geworden waren. -- --

Marianne eilte von Ekeby fort, um Hilfe zu schaffen. Sie konnte es nicht
geschehen lassen, daß die Männer, die sie aus dem Schnee aufgehoben und
ihr Haus und Herz geöffnet hatten, vertrieben werden sollten. Sie wollte
nach Sjö hinabgehen, zu Major Samzelius. Sie mußte sich beeilen. Erst in
einer Stunde konnte sie wieder zurück sein.

Als die Majorin von ihrem Heim Abschied genommen hatte, ging sie auf den
Hofplatz hinaus, wo die Leute sie erwarteten, und der Kampf um den
Kavalierflügel begann.

Die Majorin stellte die Leute rings um das hohe, schmale Gebäude auf,
dessen oberes Stockwerk das berüchtigte Heim der Kavaliere ist. In dem
großen Zimmer da oben mit den getünchten Wänden, den rotgemalten Kisten
und dem großen Klapptisch, auf dem die Rabougekarten in dem
verschütteten Branntwein schwimmen, wo die breiten Betten von
gelbgewürfelten Vorhängen verhüllt sind, da schlafen die Kavaliere. Die
Sorglosen!

Und im Stall, vor gefüllten Krippen, schlafen die Kavalierpferde und
träumen von den Fahrten ihrer Jugend. Es ist schön, in Tagen der Ruhe
von den wilden Taten der Jugend zu träumen, von Jahrmarktreisen, wo sie
Tage und Nächte unter offnem Himmel stehen mußten, von Wettfahrten
heimwärts von der Frühmesse am Weihnachtsmorgen, von der Probefahrt vor
dem Pferdetausch, wenn tolle Kavaliere, die losen Zügel in der Hand,
sich über den Wagen hinausbogen, über ihre Rücken und ihnen Flüche in
die Ohren brüllten. Es ist schön zu träumen, wenn sie wissen, daß sie
nie mehr Ekebys volle Krippen verlassen werden. Die Sorglosen!

In einem alten, verfallenen Wagenschuppen, wo unbrauchbare Wagen und
abgedankte Schlitten hineingeworfen werden, befindet sich eine drollige
Sammlung alter Gefährte.

Da stehen grünbemalte Korbschlitten und rot und gelb bemalte
Lattenwagen. Da steht das erste Karriol, das man in Wermland gesehen
hat, das Beerencreutz im Jahre 1814 als Kriegsbeute gewann. Da stehen
alle erdenklichen Arten von Einspännerwagen, Giggs auf schaukelnden
Schwanenhalsfedern, und da stehen Postkarren, lächerliche
Martergerätschaften, deren Bock auf hölzernen Federn ruht. Da findet man
sie, alle die rumpelnden Karren und Kutschen und Gefährte, mit denen
unsere Großeltern auf den Landstraßen durchgerüttelt wurden. Und da
steht der lange Schlitten, der zwölf Kavaliere faßt, und der
Kaleschenschlitten des verfrorenen Vetters Kristoffers, und Örneclous
alter Familienschlitten mit dem mottenzerfressenen Bärenfell und dem
verschlissenen Familienwappen auf dem Schlag, sowie Spitzschlitten. Eine
wahre Unendlichkeit von Spitzschlitten!

Groß ist die Zahl der Kavaliere, die auf Ekeby gelebt haben und dort
gestorben sind. Ihre Namen hat die Welt vergessen; und sie haben keinen
Platz mehr in den Herzen der Menschen, aber die Majorin hat die Gefährte
aufbewahrt, in denen sie auf den Hof kamen. Sie hat sie alle in dem
alten Wagenschuppen gesammelt.

Und da drinnen stehen sie und schlafen und lassen den Staub in dichten
Schichten auf sich fallen. Schrauben und Nägel verlieren ihren Halt in
dem vermoderten Holz. Die Farbe schilpert ab, das Krollhaar in der
Rücklehne und in den Polstern guckt aus den Löchern heraus, die die
Motten gefressen haben. »Laßt uns ruhen, laßt uns auseinanderfallen!«
sagen die alten Gefährte. »Wir haben lange genug auf den Wegen
gehumpelt, und wir haben Feuchtigkeit genug aus Regen und Schnee in uns
eingesogen. Laßt uns ruhen! Lange ist es her, seit wir mit den jungen
Herren zu ihrem ersten Ball ausfuhren, lange ist es her, als wir
frischgewaschen und schimmernd auf die herrlichen Abenteuer der
Schlittenfahrt auszogen, als wir muntere Helden auf aufgeweichten Wegen
in das Lager von Trosnäs trugen. Sie schlafen, die meisten von ihnen,
aber die letzten und besten werden Ekeby nie mehr verlassen, nie mehr!«

Und dann platzt das Oberleder, und dann lösen sich die Ringe von den
Rädern, dann verfaulen Speichen und Radschrauben; die alten Gefährte
machen sich nichts mehr daraus, zu leben; sie wollen sterben. Der Staub
liegt schon auf ihnen wie ein Leichentuch, und unter seinem Schutz
lassen sie das Alter Macht über sich gewinnen. In einem ungestörten
Faulenzerleben stehen sie da und verfallen. Niemand benutzt sie, und
doch werden sie zerstört. Einmal im Jahr tut sich die Tür des
Wagenschuppens auf, wenn ein neuer Kamerad gekommen ist, der sich auf
Ekeby niederlassen will, und sobald sich die Tür wieder geschlossen
hat, legt sich Müdigkeit, Schlaf, Altersschwäche auch über den
Neuangekommenen. Mäuse und Motten und Holzwürmer und wie sie alle heißen
mögen, die Raublustigen, beugen sich über ihn, und er rostet und
zerfällt in stiller, traumloser Ruhe.

Aber jetzt in der Februarnacht läßt die Majorin die Tür weit öffnen.
Beim Schein von Laternen und Lichtern läßt sie die Gefährte
herausführen, die den jetzigen Kavalieren von Ekeby gehören:
Beerencreutz' altes Karriol und Örneclous wappengeschmückten Schlitten,
und die schmale Kalesche, in der Vetter Kristoffer zusammenkroch. Ob es
Winter- oder Sommergefährte sind, daran kehrt sie sich nicht. Sie sorgt
nur dafür, daß jeder das seine bekommt.

Und im Stall werden sie nun geweckt, alle die alten Kavalierpferde, die
eben noch vor den gefüllten Krippen träumten. Einmal noch soll der Traum
Wahrheit werden, ihr Sorglosen! Ihr sollt wieder das muffige Heu in den
Reiseställen der Wirtshäuser fressen, sollt zittern vor der
Knutenpeitsche der betrunkenen Pferdehändler und den wahnsinnigen
Wettfahrten auf dem schimmernden Eis, das so glatt ist, daß ihr davor
bebt, es zu betreten.

Jetzt kommt der rechte Schick über die alten Gefährte, wenn die kleinen
grauen Gebirgspferde vor einen hohen, gerippeartigen Gigg gespannt
werden, oder wenn die langbeinigen, knochigen Reiterpferde vor die
niedrigen Spitzschlitten geschirrt werden. Die alten Tiere schnauben und
wiehern, wenn ihnen der Stangenzaum in das zahnlose Maul gelegt wird,
die alten Gefährte knarren und kreischen. Jammervolle Gebrechlichkeit,
die Erlaubnis hätte haben sollen, bis ans Ende der Welt in Ruhe zu
schlafen, wird jetzt an das Tageslicht gezerrt; steife Knie, lahme
Vorderbeine, Spat und Kropf kommen zum Vorschein.

Den Stallknechten gelingt es aber doch, sie alle vorzuspannen. Dann
gehen sie zu der Majorin und fragen, welch Fuhrwerk Gösta Berling haben
soll, denn wie Gott und jedermann weiß, kam er in der Kohlenkarre der
Majorin nach Ekeby gefahren.

»Spannt Don Juan vor unsern besten Schlitten,« sagt die Majorin, »und
breitet das Bärenfell und die silbernen Glocken darüber.« Und als der
Stallknecht murrt, sagt sie: »Es steht kein Pferd in meinem Stall, das
ich nicht hergeben würde, um den Kerl loszuwerden, müßt ihr wissen!«

So, jetzt sind die Gefährte geweckt und die Pferde, aber die Kavaliere
schlafen noch. Jetzt ist die Reihe an ihnen, in die Winternacht
hinausgeführt zu werden. Aber es ist eine gewagtere Tat, sie in ihren
Betten anzugreifen, als steifbeinige Pferde und alte, verfallene Wagen
herauszuziehen. Sie sind kühne, starke, gefährliche Männer, abgehärtet
durch Hunderte von Abenteuern. Sie sind bereit, sich bis auf den letzten
Blutstropfen zu verteidigen; es ist keine leichte Sache, sie gegen ihren
Willen aus ihren Betten zu holen, hinab in die Wagen, die sie von dannen
führen sollen.

Dann läßt die Majorin eine Strohmiete anzünden, die so nahe am Hofe
steht, daß der Schein zu den schlafenden Kavalieren hineinleuchten muß.

»Die Strohmiete gehört mir, ganz Ekeby gehört mir!« sagt sie. Und als
die Miete in hellen Flammen steht, ruft sie: »Jetzt weckt sie!«

Aber die Kavaliere schlafen hinter wohlverriegelten Türen. Die
Volksschar draußen stößt diesen fürchterlichen, schreckeinflößenden Ruf:
»Feuer! Feuer!« aus. Aber die Kavaliere schlafen.

Der schwere Hammer des Schmieds donnert gegen die Tür, aber die
Kavaliere schlafen.

Ein hartgepreßter Schneeball zertrümmert die Fensterscheibe, fährt in
das Zimmer und prallt gegen den Bettvorhang, aber die Kavaliere
schlafen.

Sie träumen, daß ein schönes Mädchen ihnen ihr Taschentuch zuwirft, sie
träumen von Beifallssalven hinter dem herabgelassenen Vorhang, sie
träumen von munterem Lachen und dem polternden Lärm mitternächtlicher
Gelage. Ein Kanonenschuß vor ihrem Ohr, ein Meer von eiskaltem Wasser
gehört dazu, um sie zu wecken. Sie haben getanzt, musiziert, gesungen
und Komödie gespielt. Sie sind schwer von Wein, todmüde, und sie
schlafen einen Traum so tief wie den Schlaf des Todes.

Dieser gesegnete Schlaf wäre fast ihre Rettung geworden. Die Knechte
fangen an zu glauben, daß diese Stille eine Fahrt in sich birgt. Wie,
wenn es bedeutete, daß sie, die Hand am Gewehr, auf der Wache hinter
Fenster und Türen stehen, bereit, den ersten, der eintritt,
niederzuschießen! Sie sind schlau und streitbar, diese Männer; etwas
müssen sie mit ihrem Schweigen beabsichtigen. Wer kann von ihnen
glauben, daß sie sich überrumpeln lassen wollen wie ein Bär in seiner
Höhle?

Die Leute brüllen: »Feuer! Feuer!« Einmal über das andere, aber es hilft
nichts.

Da, als alle andern zittern, ergreift die Majorin selbst eine Axt und
sprengt die Außentür. Dann läuft sie allein die Treppe hinauf, reißt
die Tür zum Kavalierflügel auf und brüllt: »Feuer!«

Das ist eine Stimme, die besseren Widerklang in den Ohren der Kavaliere
findet als das Gebrüll der Knechte. Gewohnt, dieser Stimme zu gehorchen,
stürzen auf einmal zwölf Männer aus den Betten, sehen den Schein des
Feuers, reißen die Kleider an sich und stürzen die Treppe hinab, hinaus
auf den Hof.

Aber am Tor stehen der große Schmied des Gutes und zwei handfeste
Müllerknechte, und nun kommt eine große Schande über die Kavaliere. Nach
und nach, so wie sie herunterkommen, werden sie gepackt, niedergeworfen,
an Händen und Füßen gebunden und dann ohne weiteres ein jeder nach dem
Gefährt getragen, das für ihn bestimmt war. Niemand entkam. Sie wurden
alle gefangen. Beerencreutz, der barsche Oberst, ward gebunden und
abgeführt, ebenso Kristian Bergh, der starke Hauptmann, und Onkel
Eberhard, der Philosoph. Selbst der unüberwindliche Gösta Berling ward
gefangen. Der Anschlag der Majorin war geglückt, sie ist doch größer als
alle Kavaliere.

Jammervoll sind sie anzusehen, wie sie da mit gebundenen Gliedern in den
alten, wackligen Gefährten sitzen. Mit hängenden Köpfen und schielenden
Blicken sitzen sie da, und der Schloßhof hallt wider von Flüchen und
wilden Ausbrüchen ohnmächtigen Zornes.

Aber die Majorin geht von dem einen zu dem andern. »Schwöre,« sagt sie,
»daß du niemals nach Ekeby zurückkehren willst!«

»Reite du nach dem Blocksberg, du Hexe!«

»Schwöre!« sagt sie, »oder ich werfe dich wieder in den Kavalierflügel,
gebunden, wie du bist, dann kannst du mit ihm zusammen verbrennen, denn
über Nacht brenne ich den Kavalierflügel ab, daß du das nur weißt!«

»Das darf Frau Majorin nicht!«

»Ich es nicht dürfen? Gehört Ekeby nicht mir? Du Schurke! Glaubst du,
ich wüßte es nicht mehr, wie du auf der Landstraße nach mir gespien
hast? Wenn dir recht geschähe, so ließe ich dich und euch alle gleich
verbrennen! Hast du deine Hand zu meiner Verteidigung erhoben, als ich
aus meinem Heim vertrieben wurde? Schwöre!«

Und die Majorin steht da so schreckeinflößend, obwohl sie sich
vielleicht zorniger anstellt, als sie ist, und da stehen so viele Männer
mit großen Äxten um sie herum, daß sie gezwungen sind, zu schwören,
damit nicht ein noch größeres Unglück geschieht.

Aber während dies alles vor sich gegangen, ist die Zeit verstrichen, und
Marianne hat Sjö erreicht. Der Major war ein Frühaufsteher, sie traf ihn
im Hofe, wo er seinen Bären das Frühmahl gereicht hatte. Er machte nicht
viele Worte, legte aber seinen Bären sofort Maulkörbe an, führte sie
hinaus und eilte nach Ekeby.

Marianne folgte ihm. Sie war nahe daran, vor Erschöpfung umzusinken; da
aber sah sie einen Feuerschein am Himmel, und eine namenlose Angst
ergriff sie.

Was für eine Nacht war doch dies! Ein Mann schlägt seine Frau und läßt
sein Kind vor der Tür erfrieren. Wollte nun eine Frau ihre Feinde
einbrennen, und wollte der alte Major seine Bären auf seine eigenen
Leute hetzen?

Sie überwand ihre Ermattung, eilte dem Major voraus und kam zuerst nach
Ekeby, wo die Majorin inmitten ihrer Leute die Gefährte der gebundenen
Kavaliere umstand. Atemlos rief sie: »Der Major! Der Major kommt mit den
Bären!«

Es entstand eine große Bestürzung. Aller Blicke waren auf die Majorin
gerichtet.

»Du hast ihn geholt«, sagte sie zu Marianne.

»Fliehe um Gottes willen!« rief diese noch eifriger. »Ich weiß nicht,
was der Major im Schilde führt, aber er hat seine Bären mitgenommen.«

Alle standen still, die Augen auf die Majorin gerichtet.

»Habt Dank für die Hilfe, liebe Kinder!« sagte sie ruhig zu ihren
Leuten. »Alles, was über Nacht geschehen ist, war so geordnet, daß
niemand von euch deswegen ins Unglück kommen kann. Geht jetzt nach
Hause! Ich will nicht sehen, wie einer von meinen Leuten tötet oder
getötet wird. Geht jetzt!«

Aber die Leute blieben stehen.

Die Majorin wandte sich an Marianne. »Ich weiß, daß du liebst,« sagte
sie, »du handelst im Wahnsinn der Liebe. Möge nie der Tag kommen, an dem
du machtlos zusehen mußt, wie dein Heim zerstört wird! Möchtest du stets
die Herrschaft über deine Zunge und deine Hand behalten, wenn Zorn deine
Seele anfüllt!«

»Aber kommt jetzt, liebe Kinder, kommt jetzt!« fuhr sie zu den Leuten
gewendet fort. »Jetzt muß Gott Ekeby beschützen, ich gehe zu meiner
Mutter. Ach, Marianne, wenn du deinen Verstand wiederbekommst und Ekeby
zerstört ist und das Land in Not seufzt, dann denke an das, was du über
Nacht angerichtet hast, und nimm dich der armen Menschen an!«

Und dann ging sie, und die Leute gaben ihr das Geleit.

Als der Major auf den Hof kam, fand er keine lebende Seele vor außer
Marianne und einer langen Reihe von Wagen und Pferden, eine lange,
betrübliche Reihe, wo Wagen und Pferd und Besitzer alle gleich gering,
alle gleich mitgenommen vom Leben waren.

Marianne ging umher und löste die Gebundenen. Sie bissen die Lippen
zusammen und sahen nach der Seite. Sie schämten sich wie nie zuvor. Ein
größerer Schimpf war ihnen niemals angetan.

»Mir erging es nicht besser, als ich vor ein paar Stunden auf der Treppe
auf den Knien lag«, sagte Marianne.

Und dann, lieber Leser, was sich in jener Nacht weiter zutrug, wie die
alten Gefährte wieder in den Schuppen, die Pferde in den Stall und die
Kavaliere in den Kavalierflügel kamen, das zu erzählen, darauf will ich
mich nicht einlassen. Die Morgenröte begann sich über den Bergen im
Osten zu zeigen, und der Tag brach mit Klarheit und Frieden an. Wieviel
friedlicher sind nicht die hellen, sonnigen Tage als die dunklen Nächte,
unter deren beschützenden Schwingen die Raubtiere jagen und die Eulen
schreien.

Nur das will ich sagen, daß, als die Kavaliere wieder hineingekommen
waren und in der Punschbowle noch einige Tropfen gefunden hatten, die
sie in ihre Gläser füllen konnten, sie eine plötzliche Begeisterung
überkam.

»Die Majorin soll leben, hurrah hoch!« riefen sie.

Sie war doch ein Weib ohnegleichen! Was konnten sie wohl Besseres
verlangen, als ihr zu dienen und sie anzubeten.

War es nicht traurig, daß der Teufel Macht über sie gewonnen hatte, und
daß all ihr Trachten darauf ausging, die Seelen der Kavaliere in die
Hölle zu schicken!




Der große Bär auf dem Gurlita-Berge


In der Dunkelheit des Waldes wohnen friedlose Tiere, deren Kiefer mit
unheimlich schimmernden Zähnen bewaffnet sind, und deren Füße scharfe
Klauen tragen, die sich danach sehnen, sich in einem blutgefüllten Hals
festzubeißen, und deren Augen vor Mordlust leuchten.

Da wohnen die Wölfe, die des Nachts zum Vorschein kommen und hinter dem
Schlitten des Bauern herjagen

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