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Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.

by Alexander von Humboldt · German · Gutenberg #28280 · 709,641 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.
    
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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.

Author: Alexander von Humboldt

Translator: Hermann Hauff


        
Release date: March 8, 2009 [eBook #28280]
                Most recently updated: June 20, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/28280


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3. ***





Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.


by Alexander von Humboldt




Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 8, 2009)





               In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.

         Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.

   Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.

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                                   1859

                            ------------------

                               Dritter Band





INHALT


Achzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Liste explizit genannter Werke
Anmerkungen des Korrekturlesers






ACHZEHNTES KAPITEL.


    San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der
           Flüsse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure.


Bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die großen
Flüsse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach
bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der
tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen,
um jenseits des Apure die große Stadt des Dorado und das reiche Land
Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So kühne Züge
waren nur in voller Kriegsrüstung auszuführen. Auch wurden die Waffen, die
nur die neuen Ansiedler schützen sollten, beständig wider die
unglücklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthätigkeit
und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei
mächtige indianische Volksstämme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco,
zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr
verheerten. Von nun an war es nur noch armen Mönchen gestattet, südlich
von den Steppen den Fuß zu setzen. Jenseits des Uritucu begann für die
spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der
unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Küsten von Neu-Grenada
und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die
Wege, die von Coro an den Rio Meta führen. Das Küstenland von Venezuela
blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionäre von der
Gesellschaft Jesu wollte es nur längs der Ufer des Orinoco glücken. Diese
Väter waren bereits bis über die Katarakten von Atures und Maypures
hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Küste und den
Thälern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus
den verschiedenen Ordensregeln läßt sich ein solcher Contrast nicht wohl
erklären; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die
Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande,
in Gebirgen oder auf Steppen, überall, wo sie nicht am selben Flusse
fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, daß
die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fünfzig Meilen
von dem am frühesten bevölkerten Küstenstrich von Caracas liegt, erst im
Jahre 1789 gegründet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll
hübscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war
auf Ansuchen der Mönche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als
ein paar Rohrhütten um ein großes, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz.
Da die Missionäre und die weltlichen obersten Behörden gleiches Interesse
haben, in Europa ihre Bemühungen für Förderung der Cultur und der
Bevölkerung in den Provinzen über dem Meer in übertriebenem Lichte
erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, daß Stadt- und Dorfnamen lange
vor der wirklichen Gründung in der Liste der neuen *Eroberungen*
aufgeführt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare
dergleichen Ortschaften nennen, die längst projektirt waren, aber nie
anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten.

San Fernando, an einem großen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmündung
eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist für den Handel
ungemein günstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Häute, Cacao,
Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen über
diese Stadt nach den Mündungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen große
Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio
Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit
treten die Flüsse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco
bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das über eine
Fläche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der
Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Gefälle der Gegenhänge
seinen Lauf ändert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines
Meridians zu verfolgen, ostwärts fließt. Betrachtet man die Erdoberfläche
als einen vielseitigen Körper mit verschieden geneigten Flächen, so
springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, daß zwischen
San Fernando am Apure, Caycara und der Mündung des Meta drei Gehänge, die
gegen Nord, West und Süd ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine
bedeutende Bodensenkung entstehen mußte. In diesem Becken steht in der
Regenzeit das Wasser 12--14 Fuß hoch auf den Grasfluren, so daß sie einem
mächtigen See gleichen. Die Dörfer und Höfe, die gleichsam auf Untiefen
dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fuß über dem Wasser. Alles erinnert
hier an die Ueberschwemmung in Unterägypten und an die Laguna de Xarayes,
die früher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein
paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Flüsse Apure, Meta und
Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen
die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil
sie die Plateaus oder die gewölbten Erhöhungen in den Llanos nicht
erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Füllen, einen
Theil des Tags herumschwimmen und die Gräser abweiden, die nur mit den
Spitzen über das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen
angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren
von den Zähnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die
Aase von Pferden, Maulthieren und Kühen ziehen zahllose Geier herbei. Die
*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des
Landes. Sie haben ganz den Habitus des _‘Huhns der Pharaonen’_ und leisten
den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_
den Egyptern.

Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht
umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der
Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Grönland
frißt der Hund die Abfälle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so
nährt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten,
dürren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt,
treten hier in den wilden Zustand zurück und fristen im heißen tropischen
Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von übermäßiger Dürre
und darauf von übermäßiger Nässe geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst
zu löschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald flüchten sie
sich vor den Wassern der austretenden Flüsse, vor einem Feinde, der sie
von allen Seiten umzingelt. Den Tag über werden Pferde, Maulthiere und
Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren
Fledermäusen angefallen, die sich in ihren Rücken einkrallen und ihnen
desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere bösartige
Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der großen Dürre benagen die
Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum
erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle
zu gelangen. Während der großen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere
wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und
Seekühen. Und dennoch erhält sich, nach den unabänderlichen Gesetzen der
Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen
Plagen und Gefahren. Fällt das Wasser wieder, kehren die Flüsse in ihre
Betten zurück, so überzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem
Gras, und im Herzen des heißen Landstrichs scheinen die Thiere des alten
Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des
neuen Frühlingsgrüns zu freuen.

Während des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Länder, um die
starke Strömung und die gefährlichen Baumstämme, die sie treibt, zu
vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flußbetten hinauf, sondern fahren
über die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Dörfern San Juan
de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo,
wendet man sich gerade nach Süd, als führe man auf einem einzigen 20
Meilen breiten Strome. Die Flüsse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca
bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergießen, 160 Meilen von der Küste
von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der
alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Höhe des Quecksilbers im
Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Gefälle von
34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmündung des
Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben.
Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern überhaupt in allen Stücken an die
Savanen am untern Orinoco.

Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir
wohnten beim Missionär, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom
Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die größte
Aufmerksamkeit und Gefälligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit
der Fluß den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwühlen könnte, und
er zog mich deßhalb zu Rath. Durch den Einfluß der Portuguesa in den Apure
wird dieser nach Südost gedrängt, und statt dem Fluß freieren Lauf zu
verschaffen, hatte man Dämme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war
leicht vorauszusagen, daß, wenn die Flüsse stark austraten, diese Wehren
um so schneller weggeschwemmt werden mußten, da man das Erdreich zu den
Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwächt hatte.

San Fernando ist berüchtigt wegen der unmäßigen Hitze, die hier den
größten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt
auf den Strömen berichte, führe ich hier einige Beobachtungen an, welche
für die Meteorologie der Tropenländer nicht ohne Werth seyn mögen. Wir
begaben uns mit Thermometern aus das mit weißem Sand bedeckte Gestade am
Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand überall, wo er der Sonne
ausgesetzt war, 52°,5 [42° R]. In achtzehn Zoll Höhe über dem Sand stand
der Thermometer auf 42°, in sechs Fuß Höhe auf 38°,7. Die Lufttemperatur
im Schatten eines Ceibabaums war 36°,2. Diese Beobachtungen wurden bei
völlig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die
Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem
_‘Sandwind’_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark
erhitzten Boden in Berührung gewesen, oder durch welche _‘Sandhosen’_
durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heißeste,
weil ihm die Luft zugeführt wird, welche bereits über die ganze dürre
Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den
östlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wüsten da bemerkt, wo
die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos
bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die
strahlende Wärme gegen den Erdboden zurückwirft. In dieser Zeit hört der
Seewind ganz auf, und nach POZO’s guten thermometrischen Beobachtungen
steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39°,5 [31°,2--31°,6 R], und
zwar noch über 15 Fuß vom Boden. Je näher wir den Flüssen Portugueza,
Apure und Apurito kamen, desto kühler wurde die Luft, in Folge der
Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Dieß ist besonders bei
Sonnenaufgang fühlbar; den Tag über werfen die mit weißem Sand bedeckten
Flußufer die Sonnenstrahlen auf unerträgliche Weise zurück, mehr als der
gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao.

Am 28. März bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des
Apure zu messen. Sie beträgt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es
war dieß das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Fluß
schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still,
und alsbald fingen große Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz
ähnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der
Wasserfläche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und träge, schienen die
Nähe dieser lärmenden, in ihren Bewegungen ungestümen Thiere zu scheuen;
wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Daß
Cetaceen so weit von der Küste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier
in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr
indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fuß lang und zeigen, wenn
sie den Rücken krümmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten
schlagen, ein Stück des Rückens und der Rückenfloße. Ich konnte keines
Stücks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen
auf sie zu schießen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch
derselben. Gehören diese Cetaceen den großen Strömen Südamerikas
eigenthümlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER’s
anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Süßwassersäugethier* ist,
oder soll man annehmen, daß sie aus der See gegen die Strömung so weit
heraufkommen, wie in den asiatischen Flüssen der _Delphinapterus Beluga_
zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der
Umstand, daß wir im Rio Atabapo, oberhalb der großen Fälle des Orinoco,
Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Mündung des Amazonenstroms
her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und
Orinoco bis in das Herz von Südamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort
in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, daß sie zu
bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse.

Während es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur
einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem
Zenith zuzogen. DELUC’s Hygrometer stand auf 53°, der Thermometer auf
23°,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von
Elektricität. Während das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des
Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstbläschen wurden sichtbar
und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei
bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Wärme des Bodens zurückwirft.
Jetzt goß der Regen in Strömen nieder. Wir waren hinlänglich an das Klima
gewöhnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil fürchten zu
dürfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau
zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fuß über dem Boden 20 Minuten lang in der
Hand und sah die Fliedermarkkügelchen meist nur wenige Secunden vor dem
Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb
sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer
Siegellackstange die Art der Elektricität zu untersuchen, und so sah ich
hier, wie später oft auf dem Rücken der Anden während eines Gewitters, daß
die Luftelektricität zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ
wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und
Harzelektricität) wiederholte sich öfters. Indessen zeigte der
Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive
Elektricität, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der
Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel
auf 22°, in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Wärmestrahlung
gegen den Himmel.

Ich bin hier näher auf Einzelnes über elektrische Spannung der Luft
eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschränken, den
Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu
angekommenen Europäer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei große
Hälften zerfällt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie
die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und
in *Regenzeit*, ist es von großem Interesse, den Verlauf der
meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur
andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in
den Thälern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit
Anfang März wurde die Anhäufung sichtbarer Dunstbläschen und damit die
Anzeichen von Luftelektricität von Tag zu Tag stärker. Wir sahen gegen Süd
wetterleuchten und der VOLTA’sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang
fortwährend Glaselektricität. Mit Einbruch der Nacht wichen die
Fliedermarkkügelchen, die sich den Tag über nicht gerührt, 3--4 Linien
auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument
bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun
aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft völlig gestört. Stundenlang
war die Elektricität Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und
bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC’s Hygrometer zeigte
fortwährend große Trockenheit an, 33--35°, und dennoch schien die Luft
nicht mehr dieselbe. Während dieses beständigen Schwankens der
Luftelektricität fingen die kahlen Bäume bereits an frische Blätter zu
treiben, als hätten sie ein Vorgefühl vom nahenden Frühling.

Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa
auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen
in wunderbarer Einförmigkeit auf einander, weil die lebendigen Kräfte der
Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschränken und im
Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwärts von den Cordilleren von
Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta,
zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober
beständig regnet und demnach die Zeit der größten Hitze, die im Juli und
August eintritt, in die Regenzeit fällt, nehmen die atmosphärischen
Erscheinungen folgenden Verlauf.

Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar.
Der Himmel ist beständig wolkenlos, und zieht je Gewölk auf, so ist das
ein Phänomen, das die ganze Einwohnerschaft beschäftigt. Der Wind bläst
stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er beständig Luft von der gleichen
Temperatur herführt, so können die Dünste nicht durch Abkühlung sichtbar
werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang März ist das Blau des Himmels
nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmählig stärkere Feuchtigkeit
an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert,
ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder
bis zu 20 Grad über dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind
schwächer, unregelmäßiger, und es tritt öfter als zuvor völlige Windstille
ein. In Süd-Süd-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge
mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit lösen sie sich vom Horizont
ab und laufen über das Himmelsgewölbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem
schwachen Wind in den untern Luftschichten außer Verhältniß steht. Zu Ende
März wird das südliche Stück des Himmels von kleinen, leuchtenden
elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die
immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich
der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Südwest.
Es ist dieß ein sicheres Zeichen, daß die Regenzeit bevorsteht, die am
Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel fängt an sich zu beziehen,
das Blau verschwindet und macht einem gleichförmigen Grau Platz. Zugleich
nimmt die Luftwärme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken
am Himmel, sondern verdichtete Wasserdünste hüllen ihn vollkommen ein.
Lange vor Sonnenaufgang erheben die Brüllaffen ihr klägliches Geschrei.
Die Luftelektricität, die während der großen Dürre vom December bis März
bei Tag fast beständig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer
war, fängt mit dem März an äußerst veränderlich zu werden. Ganze Tage lang
ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkügelchen ein paar
Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricität, die in der
heißen wie in der gemäßigtenz Zone in der Regel Glaselektricität ist,
schlägt auf 8--10 Minuten in Harzelektricität um. Die Regenzeit ist die
Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebniß meiner zahlreichen,
dreijährigen Beobachtungen, daß gerade in dieser Gewitterzeit die
elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die
Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der über einander gelagerten
Luftschichten? Was hindert die Elektricität in einer Luft, die schon seit
Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint
die Elektricität nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der
äußern Hülle, auf der Oberfläche der Wolken angehäuft zu seyn. Daß sich
das elektrische Fluidum an die Oberfläche der Wolke zieht, ist, nach
GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das
Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus,
also kurze Zeit nach dem Eintritt des täglichen Wärmemaximums unter den
Tropen. Im Binnenlande hört man bei Nacht oder Morgens äußerst selten
donnern; nächtliche Gewitter kommen nur in gewissen Flußthälern vor, die
ein eigenthümliches Klima haben.

Auf welchen Ursachen beruht es nun, daß das Gleichgewicht in der
elektrischen Spannung der Luft gestört wird, daß sich die Dünste
fortwährend zu Wasser verdichten, daß der Wind aufhört, daß die Regenzeit
eintritt und so lange anhält? Ich bezweifle, daß die Elektricität bei
Bildung der Dunstbläschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur
die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Nördlich und südlich
vom Aequator kommen die Gewitter oder die großen Entladungen in der
gemäßigten und in der äquinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein
Moment, das durch das große Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her
wirkt? Wie läßt sich denken, daß in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne
sich immer so hoch über den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns
durch das Zenith bedeutenden Einfluß auf die Vorgänge in der Luft haben
sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das
Eintreten des Regens bedingt, keine örtliche, und das scheinbar so
verwickelte Problem würde sich wohl unschwer lösen, wenn wir mit den obern
Luftströmungen besser bekannt wären. Wir können nur beobachten, was in den
untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshöhe sind die Anden
fast unbewohnt, und in dieser Höhe äußern die Nähe des Bodens und die
Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden
Einfluß auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana
beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnähme, wenn man in
derselben Höhe in einem Luftballon über den Llanos oder über der
Meeresfläche schwebte.

Wie wir gesehen haben, fällt in der nördlichen Aequinoctialzone der Anfang
der Regenniederschläge und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne
durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhören der See- oder Nordostwinde,
mit dem häufigen Eintreten von Windstillen und _‘Bendavales’_, das heißt
heftigen Südost- und Südwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwärtigt
man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen,
aus denen unsere Atmosphäre besteht, gehorchen, so ist, nach meiner
Ansicht, in den Momenten, daß der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol
herbläst, unterbrochen wird, daß die Luft in der heißen Zone sich nicht
mehr erneuert, und daß fortwährend ein feuchter Strom aufwärts geht,
einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So
lange nördlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft
bläst, läßt er die Luft über den tropischen Ländern und Meeren sich nicht
mit Wasserdunst sättigen. Die heiße, trockene Luft dieser Erdstriche
steigt aufwärts und fließt den Polen zu ab, während untere, trockenere und
kältere Luft herbeiführende Polarströmungen jeden Augenblick die
aufsteigenden Luftsäulen ersetzen. Bei diesem unaufhörlichen Spiel zweier
entgegengesetzten Luftströmungen kann sich die Feuchtigkeit in der
Aequatorialzone nicht anhäufen, sondern wird kalten und gemäßigten
Regionen zugeführt. Während dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die
Sonne in den südlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der
nördlichen Aequatorialzone beständig heiter. Die Dunstbläschen verdichten
sich nicht, weil die beständig erneuerte Luft weit vom Sättigungspunkt
entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die nördlichen
Zeichen gegen das Zenith heraufrückt, desto mehr legt sich der Nordostwind
und hört nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den
Tropen und der nördlichen gemäßigten Zone ist jetzt der kleinstmögliche.
Es ist Sommer am Nordpol, und während die mittlere Wintertemperatur unter
dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die
Temperatur unter dem Aequator, beträgt der Unterschied im Sommer kaum 4--6
Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hört der Nordostwind auf, so
treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der
nördlichen Aequinoctialzone anhäufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die
Luftsäule über dieser Zone sättigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht
mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesättigten und durch
die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen
erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maaß als diese Luft sich verdünnt,
nimmt ihre Wärmecapacität zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der
Dunstbläschen häuft sich die Elektricität in den obern Luftregionen an.
Den Tag über schlagen sich die Dünste fortwährend nieder; bei Nacht hört
dieß meist auf, häufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regengüsse
sind regelmäßig am stärksten und von elektrischen Entladungen begleitet,
kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser
Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die südlichen Zeichen tritt.
Jetzt beginnt in der nördlichen gemäßigten Zone die kalte Witterung. Von
nun an tritt die Luftströmung vom Nordpol her wieder ein, weil der
Unterschied zwischen den Wärmegraden im tropischen und im gemäßigten
Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind bläst stark,
die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Sättigungspunkt nicht
mehr erreichen. Daher hört es auf zu regnen, die Dunstbläschen lösen sich
auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen
ist nichts mehr zu hören, ohne Zweifel weil die Elektricität in den hohen
Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstbläschen, fast hätte ich gesagt,
keine Wolkenhüllen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhäufen
könnte.

Wir haben das Aufhören des Nordostwinds als die Hauptursache der
tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so
lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es muß
hier aber noch bemerkt werden, daß, wenn der Nordost aufhört, nicht immer
Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft häufig, besonders längs den
Westküsten von Amerika, durch _‘Bendavales’_, d. h. Südwest- und
Südostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf
hinzuweisen, daß die feuchten Luftsäulen, die im nördlichen äquatorialen
Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Südpol zuströmen. In der That hat in
den Ländern der heißen Zone nördlich und südlich vom Aequator in ihrem
Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen
ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht.
Die südliche gemäßigte Zone hat jetzt Winter, während es nördlich vom
Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad höher ist als in
der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Daß der Regen
fortdauert, während die Bendavales wehen, beweist, daß die Luftströmungen
vom entfernteren Pol her in der nördlichen Aequatorialzone nicht die
Wirkung äußern wie die vom benachbarten Pole her, weil die
Südpolarströmung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Strömung
herbeiführt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie
geht, bevor sie zum achten Grad nördlicher Breite gelangt, über die ganze
südliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so
kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger
geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu
erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Küsten, z. B. an denen von
Guatimala, als heftige Winde austreten, so rührt dieß ohne Zweifel daher,
daß sie nicht Folge eines allmähligen, regelmäßigen Absiusses der
tropischen Luft gegen den Südpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln,
von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre
Stoßwinde daraus hinweist, daß im Luftmeer eine Rückstauung, eine rasche,
vorübergehende Störung des Gleichgewichts stattgefunden hat.

Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter
den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen
der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so äußert
sich auch die Wirkung der Polarluftströmungen unter verschiedenen
Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die
Gebirgsketten und das Küstenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden
in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwähnen;
will man aber zur Erkenntniß der Naturgesetze gelangen, so muß man, bevor
man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren
Zustand* der Atmosphäre und die beständige Norm ihrer Veränderungen
kennen.

Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricität und der Regenguß am
28. Merz verkündeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von
San Fernando am Apure noch über San Francisco de Capanaparo, über den Rio
Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem kürzlich am Ufer des Meta
gegründeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas
oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg führt durch einen
ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Pächter, Don
Francisco Sanchez, bot sich uns gefällig als Führer an. Seine Tracht war
ein sprechendes Bild der großen Sitteneinfalt in diesen entlegenen
Ländern. Er hatte ein Vermögen von mehr als hunderttausend Piastern, und
doch stieg er mit nackten Füßen, an die mächtige silberne Sporen
geschnallt waren, zu Pferde. Wir wußten aber aus mehrwöchentlicher
Erfahrung, wie traurig einförmig die Vegetation auf den Llanos ist, und
schlugen daher lieber den längeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco
ein. Wir wählten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier
_‘Lanchas’_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und
vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine
mit Coryphablättern gedeckte Hütte hergerichtet. Sie war so geräumig, daß
Tisch und Bänke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus über Rahmen von
Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhäuten. Ich führe
diese kleinen Umstände an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure
hatten, gegenüber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden
Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San
Fernando(2) gibt es Hühner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im
Ueberfluß. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und
Tamarinden zu kühlender Limonade. Es war vorauszusehen, daß ein Dach aus
Palmblättern sich im breiten Flußbett, wo man fast immer den senkrechten
Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen mußte. Die Indianer
rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre
Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schießgewehre mit, die wir bis zu
den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, während weiter nach Süden die
Missionäre wegen der übermäßigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen
mehr führen können. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekühe und
Schildkröten, deren Eier allerdings nährend, aber keine sehr angenehme
Speise sind. Die Ufer sind mit unzähligen Vögelschaaren bevölkert. Die
ersprießlichsten für uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den
Truthahn und den Fasan des Landes nennen könnte. Ihr Fleisch kam mir
härter und nicht so weiß vor als das unserer hühnerartigen Vögel in
Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich stärker brauchen. Neben dem
Mundvorrath, dem Geräthe zum Fischfang und den Waffen vergaß man nicht ein
paar Fässer Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco
einzunehmen.

Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr
starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34°, obgleich der
Wind stark aus Südost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir
keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und
Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz
Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst kürzlich von Cadix angekommen war und
einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Länder kennen zu lernen,
die ein würdiges Ziel für die Wißbegierde des Europäers sind, entschloß er
sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos
wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswürdiges Wesen und
seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht
gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einfluß des Apurito
vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico
gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger
Landstrich, der von zwei großen Flüssen eingefaßt wird, die sich in
geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergießen, nachdem sie
bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich
vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen
breit. Sie wird durch den *Caño* de la Tigrera und den *Caño* del Manati
in drei Stücke getheilt, wovon die beiden äußersten Isla de Blanco und
Isla de las Garzilas heißen. Ich mache hier diese umständlichen Angaben,
weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der
Gewässer zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen.
Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut
als das linke, wo einige Hütten der Yaruros-Indianer aus Rohr und
Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind
besonders geübt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen
Tigerfelle bekannten Bälge vorzüglich durch sie in die spanischen Dörfer
kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine
christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhängig
bleiben wollen. Andere Stämme der Yaruros leben unter der Zucht der
Missionäre im Dorfe Achaguas, südlich vom Rio Payara. Die Leute dieser
Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Züge
von der fälschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen
der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die
Länge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Länge
nach vorspringend. Sie sind größer, brauner und nicht so untersetzt wie
die Chaymas. Die Missionare rühmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die
früher eine mächtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren,
besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico.
Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung,
der Insel dieses Namens gegenüber.

Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und
von dort nach der Stadt Angostura war ich bemüht, Tag für Tag, sey es im
Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes
vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von
denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit
nothwendig Lücken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergänzt habe.
Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht
der geschilderten Gegenstände niedergeschrieben ist, hat ein Gepräge von
Wahrhaftigkeit (ich möchte sagen von Individualität), das auch den
unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnöthige
Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch
eingetragen, was über die beschriebenen Gegenstände später zu meiner
Kenntniß gelangt ist. Je gewaltiger und großartiger die Natur in den von
ungeheuren Strömen durchzogenen Wäldern erscheint, desto strenger muß man
bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das
vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist.

Am 31. März. Der widrige Wind nöthigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben.
Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstört, der sich
aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden
Indianer zünden überall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in
der dürren Jahreszeit würden ganze Provinzen von diesen Bränden verheert,
wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Bäume vor der gänzlichen
Zerstörung schützte. Wir fanden Stämme des Mahagonibaums (_caoba_) und von
Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren.

Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und
_Chiguire_, einer großen Art von LINNÉs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier
sahen wir dichtgedrängte Vogelschwärme sich vom Himmel abheben, wie eine
schwärzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick verändern. Der
Fluß wird allmählig breiter. Das eine Ufer ist meist dürr und sandigt, in
Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist höher und mit hochstämmigen
Bäumen bewachsen. Hin und wieder ist der Fluß zu beiden Seiten bewaldet
und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Bäume
ist sehr merkwürdig. Vorne sieht man Büsche von _Sauso_ (_Hermesia
castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es
ist, als wäre diese künstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein
Gehölz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten;
man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten
Piritupalme. Die großen Vierfüßer dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire
und Pecarischweine, haben Durchgänge in die eben beschriebene Sausohecke
gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht
viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genuß, sie
langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen
Lücken im Gebüsch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so
oft sie vorkamen, behielten immer großen Reiz für mich. Die Lust, die man
empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers,
sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schooße der Cultur
aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer
wilden, ungezähmten Natur gegenüber. Bald zeigt sich am Gestade der
Jaguar, der schöne amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax
alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der
Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen lösen einander ab. »_es
como in el Paraiso_« (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein
alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den
Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glück uralte ehrwürdige
Ueberlieferungen allen Völkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das
gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, daß sie
einander fürchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in
diesem Paradies der amerikanischen Wälder, wie aller Orten, hat lange
traurige Erfahrung alle Geschöpfe gelehrt, daß Sanftmuth und Stärke selten
beisammen sind.

Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von
Sausobüschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man
Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die
Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne
irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden
Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht,
und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem männlichen und vielen
weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St.
Domingo so fleißig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Männchen sind
ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kämpfen unds sich ums
Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, daß auf dem
ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fünf oder sechs zu sehen
waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und
hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben.
Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das
der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fuß 8 Zoll lang; einige Tage
später fand Bonpland ein anderes (männliches), das 22 Fuß 3 Zoll maß.
Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe
Größe; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom
so häufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres
Krokodil mit an den äußern Rändern gezähnten Füßen, dem Nilkrokodil sehr
ähnlich. Bedenkt man, daß das männliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar
wird und daß es dann 8 Fuß lang ist, so läßt sich annehmen, daß das von
Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten
uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei
erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschöpfen am Fluß, von
diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen würden. Man erzählte uns die
Geschichte eines jungen Mädchens aus Uritucu, das sich durch seltene
Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils
gerettet. Sobald sie sich gepackt fühlte, griff sie nach den Augen des
Thiers und stieß ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, daß das Krokodil
vor Schmerz sie fahren ließ, nachdem es ihr den linken Vorderarm
abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit
der übrig gebliebenen Hand schwimmend, glücklich ans Ufer. In diesen
Einöden, wo der Mensch in beständigem Kampfe mit der Natur liegt,
unterhält man sich täglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa
oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder rüstet sich
gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. »Ich wußte,« sagte das junge
Mädchen in Uritucu gelassen, »daß der Cayman abläßt, wenn man ihm die
Finger in die Augen drückt.« Lange nach meiner Rückkehr nach Europa erfuhr
ich, daß die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden.
Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Führer
des unglücklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu)
gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es
ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu
drücken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre
Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang.

Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es
angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger
aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Läuft das Thier, so hört
man ein trockenes Geräusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen
einander herzurühren scheint. Bei dieser Bewegung krümmt es den Rücken und
erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hörten wir am Ufer dieses
Rauschen der Platten ganz in der Nähe; es ist aber nicht wahr, was die
Indianer behaupten, daß die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier,
»ihre Schuppen und ihre ganze Rüstung sollen ausrichten können.« Die
Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein
Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung änderte; aber trotz der
kleinen Anhängsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und
die seitliche Bewegung zu beschränken scheinen, wenden die Krokodile ganz
gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beißen sehen;
Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre
Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so rührt dieß daher, daß
dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stoßweise erfolgt. Die
Krokodile schwimmen vortrefflich und überwinden leicht die stärkste
Strömung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie flußabwärts
schwimmen, nicht wohl rasch umwenden könnten. Eines Tags wurde ein großer
Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im
Fluß von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm
und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, daß er umwandte und auf
einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil führte nun dieselbe Bewegung
aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte glücklich das
Ufer.

Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia
Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stücken an den
Flußufern leben. Diese unglücklichen Thiere, von der Größe unserer
Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas
besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der
Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift
kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich
seyn können; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder
Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind.

Unterhalb der Einmündung des Caño de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta
de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Strömung an der
Oberfläche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fuß in der Secunde, was 2,56
Fuß mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhöhen ergaben, unter
Berücksichtigung der kleinen stündlichen Abweichungen, ein Gefälle von
kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das
Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers
im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die
beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf
dem Strand gegenüber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein mächtiges
Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen:
Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue näher kamen, und ging langsam dem
Wasser zu, ohne daß die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den
Grund dieser Gleichgültigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich
aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, daß das Krokodil des Apure
und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen
will, müßte ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den
Weg kommen.

Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft großartig wild. Hier sahen
wir den größten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer
erstaunten über seine ungeheure Länge; er war größer als alle indischen
Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten
eines großen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine
Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die
Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten
verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom
Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergötzten uns nicht wenig durch den
seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fuß
vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie
zurück. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Nähe zu beobachten,
bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich führte. Sehr
selten greift der Tiger Kähne an, indem er darnach schwimmt, und dieß
kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim
Geräusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den
Sausobüschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten
sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der
Tiger machte, trotz der Nähe unseres Canoe, einen Satz unter sie und
schleppte zornerfüllt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines
Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, daß sie
ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu
können. Sie sind an diese Waffe gewöhnt, und thaten wohl, sich nicht auf
unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft häufig
versagten.

Im Weiterfahren flußabwärts sahen wir die große Heerde der Chiguire, die
der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stück geholt hatte. Die Thiere
sahen uns ganz ruhig landen. Manche saßen da und schienen uns zu
betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den
Menschen schienen sie sich nicht zu fürchten, aber beim Anblick unseres
großen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen
höher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen
aber dabei so wenig vorwärts, daß wir zwei fangen konnten. Der Chiguire,
der sehr fertig schwimmt, läßt im Laufen ein leises Seufzen hören, als ob
ihm das Athmen beschwerlich würde. Er ist das größte Thier in der Familie
der Nager; er setzt sich nur in der äußersten Noth zur Wehr, wenn er
umringt und verwundet ist. Da seine Backzähne, besonders die hinteren,
ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Biß einem
Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fuß zerreißen. Sein Fleisch hat einen
ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken
daraus, und dieß rechtfertigt gewissermaßen den Namen _‘Wasserschwein’_,
den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die
geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne
Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Gürtelthier,
das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkröten;
ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist,
die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den
Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Sümpfen und auf den
überschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge
vor, daß die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem
die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire)
heißt. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, daß das
Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10
Minuten unter Wasser bleibt.

Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf
einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz
nackt und schwärzlich braun wie ein Zambo, zählte sich aber nichts
destoweniger zum weißen Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die
so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich
er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil
»an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen,
und an all den Geschichten dort drüben (_todas las cosas de allà_). Er
wußte, daß der König von Spanien bald zum Besuche »Ihrer Herrlichkeiten im
Lande Caracas« herüber kommen würde, setzte aber scherzhaft hinzu: »Da die
Hofleute nur Weizenbrod essen können, werden sie nie über die Stadt
Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen.«
Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber
unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weiße Leute
wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _‘Indianerwildpret’_
zu genießen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit
dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schießgewehr.

Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehölze liege die Hütte
des Gehöftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine
Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Mühe gegeben, aus
Palmblättern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere
Hängematten neben den seinigen zwischen zwei Bäumen befestigen zu lassen,
und versicherte uns mit selbstgefälliger Miene, wenn wir in der Regenzeit
den Fluß wieder heraufkämen, würden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_)
finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwünschen, die
der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen für alle Bequemlichkeiten
des Lebens gleichgültig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer
Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir
wurden bis auf die Haut durchnäßt. Während des Ungewitters versetzte uns
ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze
hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie
fiel in die Hängematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt
von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein
wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein
Geschrei hinzu und rißen ihn nur mit Mühe aus seinem Irrthum. Während es
auf unsere Hängematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in
Strömen regnete, wünschte uns Don Ignacio Glück, daß wir nicht am Ufer
geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befänden, »_entre gento blanca y
de trato_« (unter Weißen und Leuten von Stande). Durchnäßt wie wir waren,
fiel es uns denn doch schwer, uns zu überzeugen, daß wir es hier so
besonders gut haben, und wir hörten ziemlich widerwillig zu, wie unser
Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio
Meta erzählte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den
Guahibos gehalten, und »welche Dienste er Gott und seinem König geleistet,
indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die
Missionen vertheilt.« Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten
Einöde bei einem Manns der von europäischer Abkunft zu seyn glaubt und
kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle
Anmaaßung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten
Cultur anzutreffen!

Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Señor Don
Ignacio und von Señora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war
abgekühlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35° stand, war auf
24° gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie
war fortwährend 26--27°. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstämme.
Man sollte meinen, auf einem völlig ebenen Boden, wo das Auge nicht die
geringste Erhöhung bemerkt, hätte sich der Fluß durch die Gewalt seiner
Strömung einen ganz geraden Canal graben müssen. Ein Blick auf die Carte,
die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compaß entworfen, zeigt das
Gegentheil. Das abspülende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben
Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhöhungen geben zu starken
Krümmungen Anlaß. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flußbett etwas breiter
wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen
scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Bäumen beschattet ist. Dieses
Stück des Flusses heißt _Caño ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit.
Wir kamen an einer niedrigen Insel vorüber, auf der Flamingos,
rosenfarbige Löffelgänse, Reiher und Wasserhühner, die das mannigfaltigste
Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Vögel waren so dicht an
einander gedrängt, daß man meinte, sie könnten sich gar nicht rühren. Die
Insel heißt *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo
der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch
bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer
kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen
erst 16 bis 18 Hütten aus Palmblättern; aber aus den statistischen
Tabellen, welche die Missionäre jährlich bei Hofe einreichen, wird diese
Gruppe von Hütten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgeführt.

Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer seßhaft zu machen ist.
Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos
gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum
wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen völlig von einander ab. Diese
vier Stämme leben größtentheils von Fischfang und Jagd aus den häufig
überschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das
Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst
bedingt. Wir werden bald sehen, daß man, sobald man die Berge an den
Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares
sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Hütten große Reinlichkeit
findet. Auf dem Rücken der Gebirge, in undurchdringlichen Wäldern sieht
sich der Mensch genöthigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen
Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner großen Anstrengung, wogegen
der Jäger in einem Lande, durch das keine andern Wege führen als die
Flüsse, ein hartes, mühseliges Leben führt. Die Guamos in der Mission
Santa Barbara konnten uns die Mundvorräthe, die wir gerne gehabt hätten,
nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen
gastfreundlich, und als wir in ihre Hütten traten, boten sie uns
getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war
in porösen Gefäßen abgekühlt.

Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Fluß
ein neues Bett gegraben hatte, übernachteten wir auf einem dürren, sehr
breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten
wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu können,
wobei man, wie die Indier glauben, vor dem nächtlichen Angriff des Tigers
sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu bestätigen;
dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen
Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt.

Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile
lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, daß sie das Feuer sehen konnten.
Wir glauben bemerkt zu haben, daß der Glanz desselben sie herlockt, wie
die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns
im Sand die Fährten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne
Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Fluß
geführt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den
Boden und befestigten unsere Hängematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig
bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so
furchtbarer Lärm, daß man beinahe kein Auge schließen konnte. Unter den
vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere
Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hören ließen, namentlich
die leisen Flötentöne der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Brüllen
des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Löwen ohne Mähne, das
Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und
einiger andern hühnerartigen Vögel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich
näherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwährend gebellt hatte, an
zu heulen und suchte Schutz unter den Hängematten. Zuweilen, nachdem es
lange geschwiegen, erscholl das Brüllen der Tiger von den Bäumen herunter,
und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich
wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten.

Ich schildere Zug für Zug diese nächtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang
unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewöhnt waren. Monate lang,
aller Orten, wo der Wald nahe an die Flußufer rückt, hatten wir sie zu
erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden
Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger fürchten alle das Feuer und
greifen niemals einen Menschen in seiner Hängematte an. Und solche
Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen
Aufenthalt in Südamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo,
den Achaguas-Inseln gegenüber, ein Llanero in seiner Hängematte
zerfleischt gefunden wurde.

Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden
einen so furchtbaren Lärm erheben, so geben sie die lustige Antwort: »Sie
feiern den Vollmond.« Ich glaube, die Unruhe rührt meist daher, daß im
innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum
Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz
finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedrängten Rudeln fliehend das
Gebüsch, das ihnen in den Weg kommt, niederreißen. Die Affen, scheu und
furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Bäumen herab
das Geschrei der großen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Vögel
auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden
bald sehen, daß dieser Lärm keineswegs nur bei schönem Mondschein, sondern
vorzugsweise während der Gewitter und starken Regengüsse unter den wilden
Thieren ausbricht. »Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns
andern!« sprach der Mönch, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er,
todtmüde von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war
allerdings seltsam, daß man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe
finden können. In den spanischen Herbergen fürchtet man sich vor den
schrillen Tönen der Guitarren im anstoßenden Zimmer; in denen am Orinoco,
das heißt auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum,
besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestört zu werden.

Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war
schön und kühl, wie es Leuten vorkommt, die an die große Hitze in diesen
Ländern gewöhnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28°, aber
der trockene, weiße Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen
wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36° behalten. Die Delphine
(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Fluß und das Ufer war mit
fischfangenden Vögeln bedeckt. Manche machen sich das Floßholz, das den
Fluß herabtreibt, zu Nutze und überraschen die Fische, die sich mitten in
der Strömung halten. Unser Canoe stieß im Laufe des Morgens mehrmals an.
Solche Stöße, wenn sie sehr heftig sind, können schwache Fahrzeuge
zertrümmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer großer Bäume auf, die
Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Bäume
kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flußbett
dergestalt, daß die Piroguen stromaufwärts häufig zwischen den Untiefen
und überall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle
bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstämme aus dem Wasser
ragten. Sie saßen voll Vögeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr
nahe steht. Diese Vögel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die
Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt,
regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt.

Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Fluß desto
auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein
Arm, kein natürlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der
Verlust rührt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten,
durchnäßten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel dieß ausmacht,
wenn man bedenkt, daß wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden
36--52, den Sand, über dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad
warm fanden. Das Flußwasser erwärmt sich dem Boden zu, so weit die
Sonnenstrahlen eindringen können, ohne beim Durchgang durch die über
einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwächt zu werden. Dabei
reicht die Einsickerung weit über das Flußbett hinaus und ist, so zu
sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Höhe
des Wasserspiegels mit Wasser getränkt. Fünfzig Toisen vom Fluß sahen wir
Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten;
dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand
wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung
vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht
durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich
am Abend die Luft abkühlt. Im Maaß, als das Gestade Wasser abgibt, zieht
es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, daß dieses fortwährende
Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Fluß ungeheure
Wassermassen entziehen muß, nur daß der Verlust schwer genau zu berechnen
ist. Die Zunahme dieses Verlustes wäre der Länge des Stromlaufes
proportional, wenn die Flüsse von der Quelle bis zur Mündung überall
gleiche Ufer hätten; da aber diese von den Anschwemmungen herrühren, und
die Gewässer, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer fließen und
somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden
viele Flüsse im heißen Erdstrich ihrer Mündung zu seichter. BARROW hat
diese auffallende Wirkung des Sandes im östlichen Afrika an den Ufern des
Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen
über den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Erörterungen Anlaß.

Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu
sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei hübsche kleine pechschwarze
Affen, von der Größe des Saï, mit Wickelschwänzen. Ihrem Gesicht und ihren
Bewegungen nach konnte es weder der Coaïta, noch der Chamek, noch
überhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen
gesehen. In diesen Wäldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die
Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in
Rudeln lebenden und darum rührigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so
kommt es vor, daß bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren
Hütten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer
zeigten uns unsere Führer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang
waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die
Rückenstacheln, die großen ausgerichteten Schuppen, all die Anhängsel, die
dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fuß lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen
geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse
fanden wir in allen sehr trockenen Ländern von angenehmem Geschmack,
selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist
sehr weiß und nach dem Fleisch des Tatu oder Gürtelthiers, das hier
_Cachicamo_ heißt, eines der besten, die man in den Hütten der
Eingeborenen findet.

Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die
vollkommen den unsrigen glichen, über die Wasserfläche hin. Wir sahen
auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt
wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der
Raubvögel seltsam ab. Wir übernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in
der Nähe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische
Hütten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kündigte uns zum voraus an, daß
wir den Jaguar hier nicht würden brüllen hören, weil er, wenn er nicht
großen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. »Die
Menschen machen ihn übellaunig,« »_los hombres lo enfadan_« sagt das Volk
in den Missionen, ein spaßhafter, naiver Ausdruck für eine richtige
Beobachtung.

Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe
auf dem schönen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am
Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande
_Caribe_ oder _Caribito_ heißt, weil keiner so blutgierig ist. Er fällt
die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reißt ihnen oft ansehnliche
Stücke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt
man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu
tragen. Die Indianer fürchten diese Caraibenfische ungemein, und
verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe
Wunden, die von diesen kleinen Thieren herrührten, die bei den Maypures
_Umati_ heißen. Sie leben auf dem Boden der Flüsse, gießt man aber ein
paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt
man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefräßigsten und
blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen
schneidenden, spitzen Zähne und ihr weites retractiles Maul, so wundert
man sich nicht, daß die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so
sehr fürchten. An Stellen, wo der Fluß ganz klar und kein Fisch zu sehen
war, warfen wir kleine blutige Fleischstücke ins Wasser. In wenigen
Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um
den Fraß. Der Fisch hat einen kantigen, sägenförmig gekerbten Bauch, ein
Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den
*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten
Rückenfloße und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander
stehenden, in der untern Kinnlade größeren Zähne gehört der Caribe zu den
Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten.
Der Körper ist am Rücken aschgrau, ins Grünliche spielend; aber Bauch,
Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterfloßen sind schön orangegelb. Im Orinoco
kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Größe
unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art
des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINNÉ). Ich habe sie an Ort und
Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil
man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der größten
Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der
Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Bedürfniß machen.

Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt.
Ich trennte mich von meinen Gefährten, während man das Fahrzeug ans Land
zog und das Mittagessen rüstete. Ich ging am Gestade hin, um in der Nähe
einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie
ihre mit breiten Platten belegten Schwänze auf einander legten. Kleine
schneeweiße Reiher(6) liefen ihnen auf dem Rücken, sogar auf dem Kopf
herum, als wären es Baumstämme. Die Krokodile waren graugrün, halb mit
trockenem Schlamm überzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach
konnte man sie für Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so wäre mir der
Spaziergang übel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin
gesehen, aber indem ich Glimmerblättchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte
ich die frische Fährte eines Tigers, die an ihrer Form und Größe so leicht
zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun
dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem
dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so groß
vorgekommen.

Es gibt Vorfälle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Hülfe ruft.
Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und
meiner Bewegungen, daß ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns
die Indianer schon oft für dergleichen Fälle ertheilt hatten. Ich ging
weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte
zu bemerken, daß der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde
Capybaras war, die über den Fluß schwammen. Jetzt kehrte ich um und
beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm
weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu können. Wie oft war ich in
Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Glücklicherweise
gab ich diesem Drange erst sehr spät nach. Der Jaguar war ruhig liegen
geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande,
wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberfluß gibt, so gut
genährt, daß sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim
Schiffe an und erzählte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht
viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen
mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn
nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man
sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen
muß.

Abends kamen wir an der Mündung des *Caño del Manati* vorüber, so genannt
wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jährlich hier
gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersäugethier, das die Indianer
_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fuß lang und 500--800
Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der
sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco
unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln
Carizales und Conserva sehr häufig. Wir fanden keine Spur von Nägeln auf
der äußern Fläche und am Rande der Schwimmfloßen, die ganz glatt sind;
zieht man aber die Haut der Floße ab, so zeigen sich an der dritten
Phalange kleine Nägelrudimente. Bei einem 9 Fuß langen Thier, das wir in
Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe
vier Zoll über die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut
bekleidet und dient als Rüßel oder Fühler zum Betasten der vorliegenden
Körper. Die Mundhöhle, die beim frisch getödteten Thier auffallend warm
ist, zeigt einen ganz eigenthümlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich;
aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf
und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Höhlung, die in einander
passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, daß wir sowohl den in
mehrere Fächer getheilten Magen, als den 108 Fuß langen Darm ganz damit
angefüllt fanden. Schneidet man das Thier am Rücken auf, so erstaunt man
über die Größe, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein große
Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fuß lang. Mit
Luft gefüllt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich mußte
mich nur wundern, daß der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehältern so
oft an die Wasserfläche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus
irgend einem Vorurtheil, für ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend)
gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit
Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos
essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Stämme vorzugsweise
mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedörrte Fleisch
wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Säugethier bei der Clerisei
für einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin
hat ein äußerst zähes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann,
schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Dieß
geschieht oft, wenn das Thier sehr groß ist, mitten auf dem Flusse, und
zwar so, daß man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser füllt, sie
unter das Thier schiebt und mit einer Kürbißflasche wieder ausschöpft. Am
leichtesten sind sie am Ende der großen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn
sie aus den Strömen in die umliegenden Seen und Sümpfe gerathen sind und
das Wasser schnell fällt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am
untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem
Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fuße des
Bergs, der. gegenwärtig *el Capuchino* heißt, eine große Seekuhjagd
anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den
Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den
widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit
Spritzlöchern. Die Haut der Seekuh, die über anderthalb Zoll dick ist,
wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die
Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den
Fehler, daß sie zu faulen anfängt. Man macht in den spanischen Colonien
Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_
gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein
schreckliches Werkzeug zur Züchtigung der unglücklichen Sklaven, ja der
Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen
behandelt werden sollten.

Wir übernachteten der Insel Conserva gegenüber. Als wir am Waldsaume
hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fuß hoher, mit verästeten
Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es
ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne.
Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezündet; da fanden wir
wieder, daß sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine
(Toninas), deren Lärm uns nicht schlafen ließ, bis man das Feuer
auslöschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was
ich nur anführe, weil es ein paar Züge zum Bilde dieser Wildniß liefert.
Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am
Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume
Zeit hörten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen
Katze klang. Bald darauf wurde unsere große Dogge von ungeheuern
Fledermäusen, die um unsere Hängematten flattevten, vorne an der Schnauze
gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange
Schwänze wie die Molossen; ich glaube aber, daß es Phyllostomen waren,
deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend
verlängern können. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte
kläglich, sobald er den Biß fühlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil
er über die Fledermäuse, als sie unter unsern Hängematten hervorkamen,
erschrak. Dergleichen Fälle sind weit seltener, als man im Lande selbst
glaubt. Obgleich wir in Ländern, wo die Vampyre und ähnliche
Fledermausarten so häufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel
geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem
ist der *Stich* keineswegs gefährlich und der Schmerz meist so
unbedeutend, daß man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits
davongemacht hat.

Am 4. April. Dieß war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs
an den Ufern wurde immer einförmiger. Seit einigen Tagen, besonders seit
der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten gequält zu
werden, die sich uns auf Gesicht und Hände setzten. Es waren keine
*Moskitos*, die den Habitus kleiner Mücken von der Gattung _Simulium_
haben,(7) sondern *Zancudos*, ächte Schnacken, aber von unserem _Culex
pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum
Vorschein; ihr Saugrüssel ist so lang, daß, wenn sie sich an die
Unterseite der Hängematte setzen, ihr Stachel durch die Hängematte und die
dicksten Kleider dringt.

Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* übernachten, aber an diesem Strich
des Apure gibt es so viele Jaguars, daß unsere Indianer, als sie unsere
Hängematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm
versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser
Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einfluß in den Orinoco,
aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehört zu der Provinz Caracas,
dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte
Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Bäume, um unsere
Hängematten zu befestigen, und mußten am Boden auf Ochsenhäuten schlafen.
Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als daß man darin
übernachten könnte.

An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das
Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben
besprochenen Trägheit der hühnerartigen Vögel unter den Tropen. Die Hoccos
und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Fluß herunter, um
ihren Durst zu löschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge
dieser Vögel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem
Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschüssigen
Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Flügel zu
brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier
entschließen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen.

Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhöhe von α
des südlichen Kreuzes anstellen. Der Einfluß des Apure liegt unter
7° 36′ 23″ der Breite. Pater GUMILLA gibt 5° 5′, D’ANVILLE 7° 3′, CAULIN
7° 26′ an. Die Länge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhöhen, die
ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69° 7′ 29″, oder 1° 12′ 41″ östlich
vom Meridian von San Fernando.

*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist,
welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zuführt. Derselbe Strom,
der nach meinen Messungen beim *Caño ricco* noch 136 Toisen breit war, maß
an seiner Ausmündung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier
nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und
den Caño del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico
laufen; aber der größte Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern
herzurühren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Strömung
bei der Ausmündung war nur 3 Fuß in der Secunde, so daß ich die ganze
Wassermasse leicht berechnen könnte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen
Abständen alle Dimensionen des Querschnitts bekannt wären. Der Barometer,
der in San Fernando, 28 Fuß über dem mittleren Wasserstand des Apure, um
9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der
Ausmündung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die
ganze Länge des Wegs (die Krümmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94
Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der
stündlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in
Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Gefälle von 13 Zoll auf die
Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL
glauben, daß der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich
kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile beträgt.

Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die
Anschwemmungen sind beim Zusammenfluß der beiden Ströme ungeheuer groß.
Wir mußten uns längs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast
zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der
Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung
ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich
einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, über den Grasfluren steht! Gegen
Süd sahen wir die einzelnstehenden Hügel bei Coruato; im Osten fingen die
Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del
Tirano* an über den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefühl der
Rührung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die
Gewässer des Orinoco, an einem von der Meeresküste so weit entfernten
Punkte.

                            ------------------





    1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im
      Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stoßen die
      Stacheln mit den Füßen ab, und man sieht welche in Folge dieses
      Verfahrens hinken.

    2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco
      (acht Tagereisen) 10 Piaster für die Lancha, und außerdem dem
      Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der
      indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn.

    3 Es ist dieß der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren,
      CUVIERs _Crocodilus acutus_.

    4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberfläche zu ermitteln,
      maaß ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fuß ab und bemerkte
      mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender
      Körper brauchte, um dieselbe Strecke zurückzulegen.

    5 Eine Mimosenart.

_    6 Garzon Chico_. In Oberägypten glaubt man, die Reiher haben eine
      Zuneigung zum Krokodil, weil sie sich beim Fischfang den Umstand zu
      Nutze machen, daß die Fische sich über das ungeheure Thier entsetzen
      und sich vor ihm vom Grunde des Wassers an die Oberfläche
      heraufflüchten; aber an den Ufern des Nils kommt der Reiher dem
      Krokodil klüglich nicht zu nahe.

    7 LATREILLE hat gefunden, daß die *Moustiques* in Süd-Carolina zur
      Gattung _Simulium_ (_Atractocera_, Meigen) gehören.

    8 Letzterer (_Crax Pauxi_) ist nicht so häufig als ersterer.

    9 Dieß ist nicht ganz die Breite der Seine am Pontroyal, den Tuilerien
      gegenüber.

   10 Ich schätzte sie auf ein Viertheil der geraden Entfernung.





NEUNZEHNTES KAPITEL.


        Zusammenfluß des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von
     Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einfluß
                     des Meta. -- Die Insel Panumana.


Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land
versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure
Wasserfläche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei
der Reiher, Flamingos und Löffelgänse, wenn sie in langen Schwärmen von
einem Ufer zum andern ziehen, erfüllte nicht mehr die Luft. Vergeblich
sahen wir uns nach den Schwimmvögeln um, deren gewerbsmäszige Listen bei
jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt.
Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein großes
Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserfläche
schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldgürtel begrenzt, aber
nirgends traten die Wälder bis ans Strombett vor. Breite, beständig der
Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und dürr wie der Meeresstrand, glichen
in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese
sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie für
das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung
rückten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg.

Diese zerstreuten Landschaftszüge, dieses Gepräge von Einsamkeit und
Großartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten
Ströme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewässer wie das Land ihren
eigenthümlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz
anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des
Amazonenstroms. Diese Unterschiede rühren nicht bloß von der Breite und
der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von
Verhältnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu
beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form
der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der
Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im
tropischen Strich des großen Oceans befindet.

Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns günstig, um
stromaufwärts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue
leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, daß, wer gewöhnlich
seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Fluß sich sehr
unbehaglich fühlte. Das Scholken rührt daher, daß die Gewässer der beiden
Ströme beider Bereinigung auf einander stoßen. Dieser Stoß ist sehr stark,
aber lange nicht so gefährlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an
der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem
Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Blöcken bestehenden Vorgebirge.
Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater
Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt.
Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fuß desselben
rings von Wasser umgeben. Wegen dieses großen Uebelstandes und wegen der
Unzahl Moskitos und _‘Niguas’_,(11) von denen Missionäre und Indianer
geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er völlig
verlassen, während gegenüber auf dem linken Ufer in den Hügeln von Coruato
herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus
freien, den Mönchen nicht unterworfenen Stämmen ausgestoßen worden sind.

Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmündung des Apure und dem
Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer
Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des
Orinoco war beim gegenwärtigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber
in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Hügel
Pocopocori Inseln sind, mögen es 5517 Toisen werden. Zum starken
Anschwellen des Orinoco trägt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der
nicht, wie andere Nebenflüsse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen
spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmündet. Wir
maßen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers;
mitten im Thalweg, wo die Strömung am stärksten ist, betrug sie 28°,3, in
der Nähe der Ufer 29°,2.

Wir fuhren zuerst gegen Südwest hinaus bis zum Gestade der
Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Süd.
Der Strom ist so breit, daß die Berge von Encaramada aus dem Wasser
emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie über dem Meereshorizont sähe.
Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und
je näher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese
Berge bestehen aus ungeheuren zerklüfteten, auf einander gethürmten
Granitblöcken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Blöcke ist eine Folge der
Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada trägt besonders der
kräftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswände bedeckt und nur die
abgerundeten Gipfel frei läßt. Man meint, altes Gemäuer rage aus einem
Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano*
der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei
geneigt sind, während der dritte, unten schmälere und über 80 Fuß hohe,
senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die
*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert,
war früher ein Stück des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der
nicht geschichtete Granit das Eigenthümliche, daß er durch Verwitterung in
prismatische, cylindrische oder säulenförmige Blöcke zerfällt.

Gegenüber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Nähe eines andern,
ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten
in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen,
die man in Holland und Niederdeutschland _‘Hünenbetten’_ nennt. Der
Ufersand an diesem Stück des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er
besteht aus Thon und Glimmerblättchen in sehr dünnen Schichten, die meist
unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter
Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der
Ufer tritt schon weit oberhalb der Mündung des Apure ein; schon beim
Algodonal und beim Caño de Manati fingen wir in letzterem Flusse an
denselben zu bemerken. Die Glimmerblättchen kommen ohne Zweifel von den
Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost
findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Daß
Anschwemmungen von Süd nach Nord geführt werden, kann am Orinoco nicht
befremden; aber wie erklärt sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure,
sieben Meilen westwärts von seiner Ausmündung? Beim gegenwärtigen Zustand
der Dinge läuft der Apure auch beim höchsten Wasserstand des Orinoco nie
so weit rückwärts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben,
muß man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit
niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen
Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war.

Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist dieß eine Art
Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem
40--50 Fuß hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethürmten
Granitblöcken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen
Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen
sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten,
sondern nur abgerundete Blöcke, Kerne, von denen das umhüllende Gestein
abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd
überzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das
röthlich weiß, grobkörnig ist und keine Hornblende enthält.

Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind
_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist dieß das kleine Dorf, das im Jahr 1749
vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell
Orinoco_, gegründet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte
Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der
Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie öde diese Landstriche sind,
wenn man hört, daß Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada
liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und daß er nie bis zu
dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er
sich gewagt hat.

Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein
Cazike, der in seiner Pirogue zum berühmten Schildkröteneierfang den Fluß
hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo*
und führte ein kleineres Canoe, _‘Curiara’_ genannt, mit sich. Er saß
unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblättern
bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die
Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, daß man einen großen Herrn vor sich
hatte. Der Cazike trug sich übrigens ganz wie seine Indianer; alle waren
nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des
Rocou, bemalt. Häuptling, Dienerschaft, Geräthe, Fahrzeug, Segel, Alles
war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem
Wuchs; sie schienen uns weit höher gewachsen als die Indianer, die wir
bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den
Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefärbten Augenbrauen, ihr
finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas
ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein
paar Caraibenschädel von den Antillen gesehen und waren daher überrascht,
daß bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewölbter war,
als man sie uns beschrieben. Die sehr großen, aber ekelhaft schmutzigen
Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken. Die Ober- und
Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abständen mit breiten Binden
aus Baumwollenzeug eingeschnürt. Das Fleisch unter den Binden wird stark
zusammengepreßt und quillt in den Zwischenräumen heraus. Die Caraiben
verwenden meist auf ihr Aeußeres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als
nackte und roth bemalte Menschen nur immer können. Sie legen bedeutenden
Werth auf gewisse Körperformen, und eine Mutter würde gewissenloser
Gleichgültigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch
künstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer
Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von
Panapana nicht nach den Lagerplätzen erkundigen, wo man in dieser
Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkröteneier
zusammenkommt.

Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir
übernachteten in einer Felsenbucht, gegenüber der Einmündung des Rio
Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaicà sich vereinigen, und den
manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den
Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schön; der Mond beschien
die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die
Wärme so gleichmäßig vertheilt, daß man kein Sternflimmern bemerkte,
selbst nicht 4 oder 5 Grad über dem Horizont. Das Licht der Planeten war
auffallend geschwächt, und ließe mich nicht die Kleinheit des scheinbaren
Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung fürchten, so sagte
ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit bloßem Auge die Scheibe
Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er
führte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit
Dunst. Es traten starke Windstöße ein und machten uns für unsere Pirogue
besorgt. Wir hatten den ganzen Tag über nur sehr wenige Krokodile gesehen,
aber lauter ungewöhnlich große, 20--24 Fuß lange. Die Indianer
versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und
weniger breite und tiefe Flüsse auf; besonders in den Caños sind sie in
Menge zu finden, und man könnte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den
Nilkrokodilen sagt, »sie wimmeln wie Würmer an den seichten Stromstellen
und im Schutz der unbewohnten Inseln.«

Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Süd, dann gegen Südwest weiter den
Orinoco hinauf und bekamen den Südabhang der *Serrania* oder der Bergkette
Encaramada zu Gesicht. Der dem Fluß am nächsten gelegene Strich ist nicht
mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhänge, die Lage mitten
in einer Savane; ihre in unförmliche Prismen zerklüfteten Felsgipfel
lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre größte Breite beträgt
nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie
gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den
nördlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des
Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einfluß des Rio
Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zügen
dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander
nicht ganz parallel, denn die nördlichsten ziehen sich von West nach Ost,
die südlichsten von Nordwest nach Südost. Aus dieser verschiedenen
Richtung erklärt sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen
Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird.
Wenn wir einmal über die großen Katarakten von Atures und Maypures hinauf
gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen
sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana,
Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen
Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf
dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmäßig gruppirt
scheinen, eine Neigung zu regelmäßigen Formen. Jede Kette erscheint einem,
wenn man auf dem Orinoco fährt, im Querschnitt als ein einzelner Berg,
aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmäßigkeit im Streichen und
dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man
gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada hängen mit denen des Mato
zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge
von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Ausläufer, die Granitberge
Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und
Ventuari.

Ueber diese Berge, die von sanftmüthigen, ackerbauenden Indianern bewohnt
sind, ließ bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh
gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden
sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten
den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari mündet. Fährt man diese
beiden Flüsse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne über
die großen Katarakten zu kommen, über welche Vieh hinaufzuschaffen so gut
wie unmöglich wäre. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit
der Entdeckung von Amerika in so vorzüglichem Grade eigen war, lebte in
der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf,
als König Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen
kennen lernen wollte, und in den Wäldern von Guyana, dem classischen Lande
der Lüge und der mährchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer
die chimärische Vorstellung von den Schätzen des Dorado, welche die
Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschäftigt hatte, von
Neuem in Umlauf brachte.

In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkörnige Granit,
keine Gänge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen,
welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so
großer Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem
Theile von Amerika glaube ich, daß das Gold, wie das Zinn, zuweilen in
kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins
zerstreut ist, ohne daß man kleine verästete und in einander verschlungene
Gänge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in
der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien
Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung
war den Missionären noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb
alleinstehend.

Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen,
ohne eines Umstandes zu erwähnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben
war und dessen man während unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco
häufig gegen uns erwähnte. Unter den Eingeborenen dieser Länder hat sich
die Sage erhalten, »beim großen Wasser, als ihre Väter das Canoe besteigen
mußten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen
des Meeres die Felsen der Encaramada bespült.« Diese Sage kommt nicht nur
bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehört zu einem Kreise
geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei
den Maypures an den großen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato,
der sich in den Caura ergießt, und fast bei allen Stämmen am obern Orinoco
finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese große
Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, überlebt habe, so sagen sie,
»ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu,
am Ufer des Asiveru, geflüchtet; da haben sie Früchte der Mauritiapalme
hinter sich über ihre Köpfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen
Männlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevölkert.« In
solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Völkern eine Sage, welche
von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmückt worden
ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels,
der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf
Thierbilder und symbolische Zeichen, ähnlich denen, wie wir sie auf der
Rückfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt
Caycara gesehen. In Afrika heißen dergleichen Felsen bei den Reisenden
_‘Fetischsteine’_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am
Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die
wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen,
Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstände religiöser Verehrung
vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen
Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren
häufig sehr hoch oben in Felswände eingehauen, wohin man nur mittelst sehr
hoher Gerüste gelangen könnte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es
möglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie lächelnd, als
sprächen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weißer nicht bekannt seyn
kann, »zur Zeit des *großen Wassers* seyen ihre Väter so hoch oben im
Canoe gefahren.«

Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Trümmern eines
großen Schiffbruchs über den Erdball zerstreut finden, sind für die
Geschichtsphilosophie von höchster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien
in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshöhen das Gepräge des
gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen
der Völker aller Orten denselben Charakter, eine Familienähnlichkeit, die
uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der
lebendigen Schöpfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast
gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine örtliche Färbung. Auf den
großen Festländern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben
sich die übrig gebliebenen Menschen immer auf den höchsten Berg in der
Nähe geflüchtet, und das Ereigniß erscheint desto neuer, je roher die
Völker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit
zurückreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor
der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Wälder am Orinoco,
sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europäischen
Niederlassungen sind und in welchen Zuständen die unabhängig gebliebenen
Stämme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene
Uebereinstimmung dem Einfluß der Missionare und des Christenthums auf die
Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß die Völker
am Orinoco durch den Umstand, daß sie Meeresprodukte hoch oben in den
Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom großen Wasser gekommen seyn
sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde
vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare
und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine
Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundären
Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen.

Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la
Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im
Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum
betrachten. Diese Insel ist berühmt wegen des Schildkrötenfangs, oder, wie
man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jährlich hier
gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Hütten
aus Palmblättern gelagert. Das Lager war über dreihundert Köpfe stark.
Seit San Fernando am Apure waren wir nur an öde Gestade gewöhnt, und so
fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Außer den Guamos und
Otomacos aus Uruana, die beide für wilde, unzähmbare Stämme gelten, waren
Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte
für sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt
war. Wir fanden in diesem lärmenden Haufen einige Weiße, namentlich
_‘Pulperos’_ oder Krämer aus Angostura, die den Fluß herausgekommen waren,
um von den Eingeborenen Schildkröteneieröl zu kaufen. Wir trafen auch den
Missionär von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebürtig war. Der Mann
verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere
Instrumente bewundert, entwarf er uns eine übertriebene Schilderung von
den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem
Orinoco bis über die Fälle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien
ihm in bedeutendes Dunkel gehüllt. »Wie soll einer glauben,« sagte er,
»daß ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den
Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht
gehört?« Zum Glück hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der
Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von
Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch
unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland
unter den Weißen aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem
frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzählte uns, er sey mit den
Indianern über die »Eierernte« herübergekommen, »um jeden Morgen unter
freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel für die Altarlampe zu
verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_
in Ordnung zu halten, in der jeder für sich allein haben wolle, was Gott
allen bescheert.«

Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der
sich rühmte, daß er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca
de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stück des Orinoco, wie man bei uns
die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem
ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: »So weit das Auge an den Ufern hin
reicht, liegen Schildkröteneier unter einer Erdschicht.« Der Missionar
trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange
(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der
Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder
Steinkohle ermittelt. Stößt man die Vara senkrecht in den Boden, so spürt
man daran, daß der Widerstand auf einmal aufhört, daß man in die Höhlung
oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir
sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichförmig verbreitet, daß die Sonde
in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher
darauf stößt. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie
wenn man ein Bodenstück, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und
ganz regelmäßig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht
die ganze Insel; sie hört überall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil
die Schildkröte auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich
erzählte meinen Führern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater
GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkörner enthalten, als
der Strom Schildkröten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf
aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljährlich so viele tödteten.
»_Son cuentos de fraíles_« sagte der Krämer aus Angostura leise, denn da
arme Missionäre hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man
hier »Pfaffenmährchen,« was man in Europa den Reisenden überhaupt
aufbürden würde.

Die Indianer versicherten uns, von der Mündung des Orinoco bis zum Einfluß
des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade,
wo man Schildkröteneier in Masse sammeln könnte. Die große Schildkröte,
der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von
Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den
Kopf über das Wasser streckt und sich beim leisesten Geräusch versteckt.
Die Uferstrecken, wo fast sämmtliche Schildkröten des Orinoco sich
jährlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenfluß des
Orinoco und des Apure und den großen Fällen oder *Raudales*, das heißt
zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei
berühmten Fangplätze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder
_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die
Arrau-Schildkröte geht, wie es scheint, nicht über die Fälle hinauf, und
wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur
*Terekay*-Schildkröten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte über diese
beiden Arten und ihr Verhältniß zu den verschiedenen Familien der
Schildkröten zu sagen.

Wir beginnen mit der Arrau-Schildkröte, welche die Spanier in den Colonien
kurzweg _‘Tortuga’_ nennen, und deren Geschlecht für die Völker am untern
Orinoco von so großer Bedeutung ist. Es ist eine große
Süßwasserschildkröte, mit Schwimmfüßen, sehr plattem Kopf, zwei
fleischigen, sehr spitzen Anhängen unter dem Kinn, mit fünf Zehen an den
Vorder- und vier an den Hinterfüßen, die unterhalb gefurcht sind. Der
Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist
oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Füße sind gleichfalls orangegelb
und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Nägel
sind sehr stark und gebogen. Die Afteröffnung befindet sich am letzten
Fünftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die
Eier, weit größer als Taubeneier, sind nicht so länglicht wie die Gier des
Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, daß die
Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen
können. Käme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen
die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern
dieser Schildkröte; man sah aber früher ganze Volksstämme von den Flüssen
Atabapo und Cassiquiare über die Raudales herabkommen, um am Fang bei
Uruana Theil zu nehmen.

Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll
Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders
vertheilt. Ich zählte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige,
am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Grüne
spielend; Füße und Nägel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist
olivengrün, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte
Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die
Terekays thun sich nicht in große Schwärme zusammen, wie die Arraus, um
ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay
haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch
Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der
Fälle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Flüssen,
welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Füße und
des Kopfs, nach den Anhängen an Kinn und Hals und nach der Stellung der
Afteröffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine
neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen wäre. Durch die
Anhänge und die Stellung des Afters nähern sie sich der _Emys nasuta_
SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in französisch Guyana, unterscheiden sich
aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine
pyramidalischen Buckel haben.

Die Zeit, wo die große Arrau-Schildkröte ihre Eier legt, fällt mit dem
niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Frühlings-Tag-
und Nachtgleiche an zu steigen anfängt, so liegen von Anfang Januar bis
zum 20. oder 25. März die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus
sammeln sich schon im Januar in große Schwärme; sie gehen jetzt aus dem
Wasser und wärmen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben,
das Thier bedürfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das
Liegen in der Sonne befördere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man
die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang März vereinigen
sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen
sie gewöhnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkröte
jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen,
erscheinen viele tausend Schildkröten in langen Reihen an den Ufern der
Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den
Kopf über dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu
fürchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, daß die vereinigten
Schwärme auch beisammen bleiben, daß sich die Schildkröten nicht
zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen können, stellen längs des
Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu
halten und die Schildkröten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier
werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das
Thier gräbt mit seinen Hinterfüßen, die sehr lang sind und krumme Klauen
haben, ein drei Fuß weites und zwei Fuß tiefes Loch. Die Indianer
behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkröte
denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen,
wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _‘Eiernest’_, wie man hier sagt,
öffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, daß manche in die
von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefüllten Löcher
hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite
legen. Bei diesem stürmischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier
zerbrochen. Der Missionär zeigte uns, indem er den Sand an mehreren
Stellen ausgrub, daß der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen
mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand
noch stärker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene
Eierschaalen in großen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der
Nacht am Ufer graben, sind so unermeßlich viele, daß manche der Tag
überrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der
doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Löcher
zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen möge. Die Schildkröten, die
sich verspätet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie
arbeiten unter den Augen der Indianer, die früh Morgens auf das Ufer
kommen. Man nennt sie _‘närrische Schildkröten.’_ Trotz ihrer ungestümen
Bewegungen fängt man sie leicht mit den Händen.

Die drei Indianerlager an den oben erwähnten Orten werden Ende März und in
den ersten Tagen Aprils eröffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich
wie das andere, mit der Regelmäßigkeit, die bei Allem herrscht, was von
Mönchen ausgeht. Ehe die Missionäre an den Fluß kamen, beuteten die
Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Fülle bietet,
in weit geringerem Maaße aus. Jeder Stamm durchwühlte das Ufer nach seiner
eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen,
weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen
konnte. Es war, als würde eine Erzgrube von ungeschickten Händen
ausgebeutet. Den Jesuiten gebührt das Verdienst, daß sie die Ausbeutung
geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen
am Orinoco abgelöst haben, rühmen sich zwar, daß sie das Verfahren ihrer
Vorgänger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehörigen
Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, daß das ganze Ufer
ausgebeutet wurde; sie ließen ein Stück unberührt liegen, weil sie
besorgten, die Arrau-Schildkröten möchten, wenn nicht ausgerottet werden,
doch bedeutend abnehmen. Jetzt wühlt man das ganze Ufer rücksichtslos um,
und man meint auch zu bemerken, daß die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer
werden.

Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionär von Uruana seinen
Stellvertreter oder den _‘Commissär’_, der den Landstrich, wo die Eier
liegen, nach der Zahl der Indianerstämme, die sich in die Ernte theilen,
in Loose zerlegt. Es sind lauter »Indianer aus den Missionen,« aber so
nackt und versunken, wie die »Indianer aus den Wäldern;« man nennt sie
_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke
zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen.

Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschäft damit, daß er den Boden
sondirt. Mit einer langen hölzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit
einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die »Eierschicht« reicht. Nach
unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fuß vom Ufer und
ist im Durchschnitt drei Fuß tief. Der Commissär steckt ab, wie weit jeder
Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hört man den Ertrag der Eierernte
gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schätzen. Es kam vor, daß ein
Areal genau hundertzwanzig Fuß lang und dreißig breit hundert Krüge oder
für tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Händen
auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _‘Mappiri’_ genannte Körbe,
tragen sie ins Lager und werfen sie in große mit Wasser gefüllte hölzerne
Tröge. In diesen Trögen werden die Eier mit Schaufeln zerdrückt und
umgerührt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der öligte Theil), das
obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser öligte Theil wird, wie er sich
auf dem Wasser sammelt, abgeschöpft und bei einem starken Feuer gekocht.
Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heißt,
soll sich desto besser halten, je stärker es gekocht wird. Gut zubereitet
ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionäre
schätzen es dem besten Olivenöl gleich, und man braucht es nicht nur zum
Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den
Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es hält indessen schwer,
ganz reines Schildkrötenöl zu bekommen. Es hat meist einen fauligten
Geruch, der davon herrührt, daß Eier darunter gerathen sind, in denen
sich, weil sie schon länger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen
Schildkröten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese
unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rückfahrt vom Rio
Negro, wo das flüssige Fett, das wir hatten, braun und übelriechend
geworden war. Die Gefäße hatten einen faserigen Bodensatz, und dieß ist
das Kennzeichen des unreinen Schildkrötenöls.

Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle
aus dem Munde des Missionärs von Uruana, seines Commissärs und der Krämer
aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jährlich tausend
Botijas(14) oder Krüge Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt
von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze
Ertrag der drei Uferstrecken, wo jährlich die _cosecha_ oder Ernte
gehalten wird, läßt sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine
Weinflasche oder _‘limeta’_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen
Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkröte gebe 100--116 Eier,
und ein Drittheil werde während des Legens, namentlich von den
»närrischen« Schildkröten zerbrochen, so ergibt sich, daß, sollen jährlich
5000 Krüge Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkröten, die zusammen
165,000 Centner wiegen, auf den drei Ernteplätzen 33 Millionen Eier legen
müssen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren
Zahl. Viele Schildkröten legen nur 60--70 Eier; viele werden im
Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die
Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu
essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlässigkeit. Die
Menge der Eier, die bereits ausgeschlüpft sind, ehe der Mensch darüber
kommt, ist so ungeheuer, daß ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer
des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkröten wimmeln sah, die
mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten.
Nimmt man noch hinzu, daß nicht alle Arraus zu den drei Lagerplätzen
kommen, daß viele zwischen der Mündung des Orinoco und dem Einfluß des
Apure einzeln und ein paar Wochen später legen, so kommt man nothwendig
zum Schluß, daß sich die Zahl der Schildkröten, welche jährlich an den
Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million beläuft.
Dieß ist ausnehmend viel für ein Thier von beträchtlicher Größe, das einen
halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so
furchtbar aufräumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die
großen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen.

Das Erntegeschäft und die Zubereitung des Oels währen drei Wochen. Nur um
diese Zeit stehen die Missionen mit der Küste und den benachbarten
civilisirten Ländern in Verkehr. Die Franciskaner, die südlich von den
Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu
verschaffen, als um *weiße Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu
hören, »ob der König sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhält, ob
die Klöster in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob
der Türke sich noch immer ruhig verhält.« Das ist Alles, wofür ein Mönch
am Orinoco Sinn hat, Dinge, worüber die Krämer aus Angostura, die in die
Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben können. In diesen weit
entlegenen Ländern wird eine Neuigkeit, die ein Weißer aus der Hauptstadt
bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken,
und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen,
wenn man sein Lebenlang über die Hitze und die Stiche der Moskitos zu
klagen hat?

Die Oelhändler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen
den Krug oder die Botija für einen harten Piaster an sie und die
Transportkosten machen für den Krug nur Zweifünftel Piaster. Die Indianer,
welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der
Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer
hatten immer welche in Körben oder kleinen Säcken von Baumwollenzeug. Der
Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man
zeigte uns große, von Jaguars geleerte Schildkrötenpanzer. Die Tiger gehen
den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie überfallen
sie auf dem Sand, und um sie gemächlich verzehren zu können, kehren sie
sie um, so daß der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage können die
Schildkröten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr
umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer
häufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze.

Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Körper der
Schildkröte herausbringt, wenn er Rücken- und Brustschild nicht trennen
will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der
mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als wären die Ansätze
der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger
verfolgt die Schildkröte sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief
ist. Er gräbt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern
und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschlüpften
Schildkröten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma während der
Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, daß die Indianer in einer
einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fuß lange, mit hakenförmigen Eisen
und Seekuhfleisch daran, fingen. Außer den eben erwähnten Waldthieren thun
auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die
ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _‘Schildkrötenregen’_ genannt, sich
einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und tödten mit vergifteten
Pfeilen die Schildkröten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten
Tatzen sich sonnen.

Die jungen Schildkröten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag,
man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schlüpfen. Die
Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten
uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg
vom Ufer trägt und so an den Boden setzt, daß er dem Flusse den Rücken
kehrt, alsbald den kürzesten Weg zum Wasser einschlägt. Ich gestehe, daß
dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich
gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom
Ufer, selbst auf einer Insel, mit äußerst feinem Gefühl zu spüren, von
woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht
fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende
kleiner Schildkröten gleich nach dem Ausschlüpfen dem Wasser zugehen, so
läßt sich nicht wohl annehmen, daß so viele Schildkröten, die am selben
Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die
Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco führen können. Soviel ist aber
gewiß, daß das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen
zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das große Flußbett geht. Wie
finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen
Schildkröten hingeführt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstoßen?
Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in
abgesonderte Löcher, und wir werden bald sehen, daß in dieser
Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt,
den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden
hilft. Die Arrau-Schildkröte erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den
Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum
Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie könnte
sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits
wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkröten gesehen haben,
die eine ganze Menge junger Schildkröten hinter sich hatten. Dieß waren
vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem
sie wieder kommen konnten. Männliche Thiere sind unter den Schildkröten
sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund
dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen,
die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern.

Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige
Mundvorräthe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden
daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus
Weizenmehl. Unsere Indianer füllten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf
mit jungen Schildkröten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir
vom Missionär, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet
hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies
frisch und in Stößen. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes
befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, daß unsere Pirogue ein sehr
schlechtes Segelwerk führe; aber der »Patron« wollte den Indianern, die am
Ufer beisammen standen, zeigen, daß er, wenn er sich dicht am Wind halte,
mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen könne. Aber eben, als er
seine Geschicklichkeit und die Kühnheit seines Manövers pries, fuhr der
Wind so heftig in das Segel, daß wir beinahe gesunken wären. Der eine Bord
kam unter Wasser und dasselbe stürzte mit solcher Gewalt herein, daß wir
bis zu den Knieen darin standen. Es lief über ein Tischchen weg, an dem
ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein
Tagebuch, und im nächsten Augenblick sahen wir unsere Bücher, Papiere und
getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der
Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer
aufgeschreckt, übersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltblütigkeit, die
ihm unter allen Verhältnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende
Bord hob sich während der Windstöße von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er
das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen müssen, so
konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil
blicken ließ. Während wir so ängstlich gespannt waren, riß auf einmal das
Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half
uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den
Früchten der _Crescentia Cujete_ auszuschöpfen; das Segel wurde
ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder
weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windstöße, die mit
Windstillen wechseln, sind übrigens hier, wo der Orinoco im Gebirge läuft,
sehr häufig und können überladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefährlich
werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann
verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig
schalt, daß er sich zu nahe am Wind gehalten. Er äußerte kaltblütig, »es
werde hier herum den weißen Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre
Papiere* zu trocknen.« Wir hatten nur ein einziges Buch eingebüßt, und
zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser
gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige
wissenschaftliche Werke beschränkt ist.

Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen
Insel mitten im Strome in der Nähe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem
Mondschein, auf großen Schildkrötenpanzern sitzend, die am Ufer lagen,
nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, daß wir
alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen wäre,
der sich beim Schiffbruch allein gerettet hätte, wie er am öden Ufer auf
und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den
Orinoco läuft und durch das er wegen der vielen Krokodile und
Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit
gefühlvollem Herzen weiß nicht, was aus seinen Unglücksgefährten geworden
ist, und ihr Loos bekümmert ihn mehr als das seine! Gerne überläßt man
sich solchen wehmüthigen Vorstellungen, weil einen nach einer
überstandenen Gefahr unwillkürlich nach starken Eindrücken fort verlangt.
Jeder von uns war innerlich mit dem beschäftigt, was sich eben vor unsern
Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne daß man
gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei
Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Flüssen
voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu
Grund gegangen wären.

Die Nacht war sehr schwül. Wir lagen am Boden auf Häuten, da wir keine
Bäume zum Befestigen der Hängematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde
mit jedem Tag ärger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, daß die
Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen über den Flußarm,
der uns vom Lande trennte, und Morgens hörten wir sie ganz in unserer Nähe
brüllen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten,
herübergekommen. Die Indianer sagten uns, während der Eierernte zeigen
sich die Tiger an den Ufern hier immer häufiger als sonst, und sie seyen
um diese Zeit auch am kecksten.

Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmündung des großen
Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Vögeln berühmt ist, die auf
ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de
Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von
den Jesuiten gegründet und daselbst Otomaken und Caveres- oder
Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fuße eines aus Granitblöcken
bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heißt. Durch die
Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Höhlen, in
denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen
findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Züge in Reihen
eingehauen. Ich bezweifle indessen, daß diesen Zügen ein Alphabet zu
Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rückkehr vom Rio
Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die
Otomaken essen und über die in Europa so viel gestritten worden ist.

Wir maßen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla
de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe
vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 französische Meilen von der
Mündung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die
Temperatur des Wassers an der Oberfläche war bei Uruana 27°,8; den Zaire-
oder Congofluß in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitän
TUCKEY im Juli und August nur 23°,9--25°,6 warm. Wir werden in der Folge
sehen, daß im Orinoco, sowohl in der Nähe der Ufer, wo er in dichtem
Schatten fließt, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des
Wassers aus 29°,5 [23°,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27°,5 herabgeht;
die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist
28--30°, bei Nacht 24--26°, während im Thal des Congo von acht Uhr Morgens
bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20°,6 und 26°,7 stand.

Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis über den Einfluß des Meta
hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer näher an das
östliche Ufer herantreten. Da die Strömung stärker wird, je mehr das
Flußbett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend
langsamer vorwärts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwärts,
aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann
brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren,
heftige, aber schnell vorübergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des
Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem großen
See Capanaparo gegenüber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die
Lagune Cabularito zugleich in letzteren Fluß und in den Rio Arauca
ausmündet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern
Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald
sie bei den ersten Regengüssen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie
sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder
zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder
feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemäßigten
Erdstrich, reißt die wieder zunehmende Wärme die Thiere aus der Erstattung
oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwäche, in dem der Athmungsproceß
unterbrochen oder doch sehr stark beschränkt wird. Die Zeit der großen
Trockenheit, uneigentlich der _‘Sommer der heißen Zone’_ genannt,
entspricht dem Winter der gemäßigten Zone, und es ist physiologisch sehr
merkwürdig, daß in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Kälte
wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre
*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, daß diese
derselben Familie angehörenden Thiere einmal in einem nördlicheren Lande
zusammen gelebt hätten, so könnte man glauben, sie fühlen, auch näher an
den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre
Muskeln gebraucht, das Bedürfniß auszuruhen und bleiben auch unter einem
neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem
Körperbau zusammenzuhängen scheint.

Nachdem wir an der Mündung der Kanäle, die zum See Capanaparo führen,
vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstück, wo das Bett durch die Berge
des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpaß, der bis zum Einfluß
des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer
früher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einfluß des Arauca und dem des
Atabapo den Fluß *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Völkern große
Ströme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der
Paß von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen
senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach
Südost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten
Winkel durchbricht, so stellen sich die Höhen als freistehende Gipfel dar.
Die meisten sind nicht über 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten
einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhänge erhalten sie etwas
Großartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Rändern abgerundete
Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, über einander gethürmt. Die
Blöcke sind häufig 80 Fuß lang und 20--30 breit. Man müßte glauben, sie
seyen durch eine äußere Gewalt übereinander gehäuft, wenn nicht ein ganz
gleichartiges, nicht in Blöcke getheiltes, aber von Gängen durchzogenes
Gestein anstände und deutlich verriethe, daß das Zerfallen in
Parallelipipede von atmosphärischen Einflüssen herrührt. Jene zwei bis
drei Zoll mächtigen Gänge bestehen aus einem quarzreichen, feinkörnigen
Granit im grobkörnigen, fast porphyrartigen, an schönen rothen
Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der
Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen
umgesehen, die für mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch
sind.

Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu
messen. Die Felsen stehen so dicht am Fluß, daß ich nur mit Mühe eine
Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen
breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge*
nennen kann, muß man bedenken, daß der Strom von Uruana bis zum Einfluß
des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, außerordentlich
heißen und trockenen Punkt maß ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und
fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl
höhere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange
nicht so hoch, als die Missionäre angeben.

In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von
Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts
als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit großer birnförmiger
Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda
salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit
breiten, häutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und
offenem Maul saßen die Eidechsen da und schienen sich von der heißen Luft
durchströmen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg
auf 50°,2 [40°,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und
ab zu schwanken, während sich kein Lüftchen rührte. Die Sonne war nahe am
Zenith und ihr glänzendes, vom Spiegel des Stromes zurückgeworfenes Licht
stach scharf ab vom röthlichen Dunst, der alle Gegenstände in der Nähe
umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heißen Landstrichen
um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere
verbergen sich im Dickicht, die Vögel schlüpfen unter das Laub der Bäume
oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille
auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr trägt, so vernimmt man
ein dumpfes Schwirren, ein beständiges Brausen und Summen der Insekten,
von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen
lebendiger vor die Seele führen, wie weit und wie gewaltig das Reich des
organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder
umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewächse. Ein wirres Getöne
dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstämmen, aus den Felsspalten, aus
dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfüße, Cäcilien ihre Gänge graben. Es
sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, daß Alles in der Natur athmet,
daß in tausendfältiger Gestalt das Leben im staubigten, zerklüfteten Boden
waltet, so gut wie im Schooße der Wasser und in der Luft, die uns umgibt.
Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht
bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in
Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille,
dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft
auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des
Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamärops und der Dattelpalme
betritt.

Wir übernachteten am östlichen Ufer des Orinoco am Fuße eines
Granithügels. An diesem öden Fleck lag früher die Mission San Regis. Gar
gerne hätten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Flußwasser hatte
einen Bisamgeruch und einen süßlichten, äußerst unangenehmen Geschmack.
Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in
dieser Beziehung, am dürrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome
verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit
gallertigen Stoffen beladen. »Das macht die Rinde (die lederartige
Hautdecke) der faulenden Caymans,« sagen die Indianer. »Je älter der
Cayman, desto bitterer ist seine Rinde.« Ich bezweifle nicht, daß die Aase
dieser großen Reptilien, die der Seekühe, die 500 Pfund wiegen, und der
Umstand, daß die im Fluß lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben,
das Wasser verderben mögen, zumal in Buchten, wo die Strömung schwach ist.
Indessen waren die Punkte, wo man das übelriechendste Wasser antraf, nicht
immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in
diesem heißen Klima, wo man fortwährend vom Durst geplagt ist, Flußwasser
mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken muß, so wünscht man
natürlich, daß ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens
geruchlos seyn möchte.

Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmündungen des Suapure
oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Fluß
ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der
Suapure, der eine Menge kleiner Fälle bildet, ist bei den Indianern wegen
des vielen wilden Honigs berühmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen
hängen dort ihre ungeheuren Stöcke an die Baumäste. Pater GILI hat im Jahr
1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergießt, befahren. Er
fand dort Stämme der Nation der Areverier. Wir übernachteten ein wenig
unterhalb der Insel Macupina.

Am 9. April. Wir langten früh Morgens am *Strande von Pararuma* an und
fanden daselbst ein Lager von Indianern, ähnlich dem, das wir an der _boca
de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die
Schildkröteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider
ein paar Tage zu spät daran. Die jungen Schildkröten waren ausgekrochen,
ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die
Krokodile und die *Garzes*, eine große weiße Reiherart, das Säumniß zu
Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkröten
sehr und verzehren unzählige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da
die Tortuguillos erst nach der Abenddämmerung aus dem Boden kriechen und
dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu träge [S. Band I.
Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den
Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Eßwaaren
zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heißhunger zu stillen,
nichts übrig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll
lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwürdig anzusehen, wie schlau sich
die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen
ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfüßen auf, krümmen den
Rücken, strecken den Kopf aufwärts und reißen den Rachen weit auf.
Fortwährend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen
ihm die Zähne, die bei den eben ausgeschlüpften Thieren sehr lang und
spitz sind. Oft, während so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen
Krokodils in Anspruch nimmt, benützt ein anderer die gute Gelegenheit zu
einem unerwarteten Angriff. Er stößt auf das Thier nieder, packt es am
Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel
halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom
hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschlüpfte
Krokodile in einem großen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen.

Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weiße, die von Angostura
herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten
uns mit ihren Klagen über die »schlechte Ernte« und den Schaden, den die
Tiger während des Eierlegens angerichtet, und führten uns endlich unter
eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier saßen die Missionäre von
Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen
rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Köpfen und
langen Bärten hätten wir sie für Orientalen gehalten! Die armen
Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle
Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren
Monaten am dreitägigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes
Aussehen überzeugte uns unschwer, daß in den Ländern, die wir zu betreten
im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefährdet sey.

Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum
Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die
*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter
führen. Wir mußten uns seinem Willen fügen. Glücklicherweise fand sich der
Missionär von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine hübsche
Pirogue abzutreten; ja der Missionär von Atures und Maypures bei den
großen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war,
uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die
Canoes über die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, daß
wir, hätten wir keinen Mönch bei uns gehabt, Gefahr gelaufen wären,
wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu müssen.
An den Ufern des Orinoco gelten die Wälder am Rio Negro für ein köstliches
Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt
im Fluß fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und
Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte,
wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit
wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der
Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht,
was in weiter Ferne liegt.

Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel,
wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die
allmähliche Entwicklung unserer Geisteskräfte zu beobachten. Man sträubt
sich gegen die Vorstellung, daß wir in diesem gesellschaftlichen
Kindheitszustand, in diesem Haufen trübseliger, schweigsamer,
theilnahmloser Indianer das ursprüngliche Wesen unseres Geschlechts vor
uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande
liebenswürdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so
hinreißend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstoßend
als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der
größte Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten,
gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie
da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf
großen Schildkrötenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern
auf das Getränk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der
ursprüngliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht,
die schwachen Ueberreste von Völkern, die versprengt lange in Wäldern
gelebt und am Ende in Barbarei zurückgesunken.

Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und
es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der größeren oder
geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der
Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _‘Onoto’_, von den Spaniern
_‘Achote’_, von den Colonisten in Cayenne _‘Rocou’_ genannt. Es ist der
Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht.
Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der
Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und
lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig
absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit
den Händen ausgedrückt, mit Schildkröteneieröl geknetet und runde 3--4
Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkrötenöl
vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit
kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien
gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht
hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _‘Craviri’_, die Maypures
_‘Chirraviri’_. Sie klettert auf die höchsten Bäume und heftet sich mit
Ranken an. Die zweilippigen Blüthen sind einen Zoll lang, schön violett,
und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten
Blätter vertrocknen leicht und werden röthlich. Die Frucht ist eine zwei
Fuß lange Schote mit geflügelten Samen. Diese Bignonie wächst bei Maypures
in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des
Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida,
besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie
gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der
Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blättern. Er sondert
sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn
mit Schildkrötenöl zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll
hohen, an den Rändern abgerundeten Broden. Erwärmt verbreiten diese Brode
einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica
keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Körper
wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsäure, selbst in den Alkalien löst er
sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack
ähnliche Farbe. Tränkt man Wolle damit, so könnte man sie mit Krapproth
verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Chica, der vor
unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch nützlich verwenden
ließe: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Völkerschaften der
Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Völker am
Orinoco können mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben
die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem
Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte
gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschränkt sich auf die
Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussüßen der
stärkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien.

Die meisten Missionäre am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern
in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die
auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Mönche nicht
Leinwand und Kleider an sie verkaufen können, so handeln sie mit rother
Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren
Hütten, die vornehm _Conventos_ heißen, Niederlagen von Chica. Der Kuchen,
die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben,
welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich
hier, daß ein hochgewachsener Mann durch zwei wöchentliche Arbeit kaum
genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, daß er
sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemäßigten Ländern von einem
armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hört
man die Indianer am Orinoco sagen: »Der Mensch ist so elend, daß er sich
den Leib nicht einmal halb malen kann.« Der kleine Handel mit Chica wird
besonders mit den Stämmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die
Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht wächst. Die Caraiben und
Otomaken färben sich bloß Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives
steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, daß sie den ganzen Körper damit
überziehen können. Wenn die Missionäre nach Angostura auf ihre Rechnung
kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro
machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten
Artikel, bei. Manche Leute europäischer Abkunft brauchen den Farbstoff,
mit Wasser angerührt, als ein vorzügliches harntreibendes Mittel.

Der Brauch, den Körpers zu bemalen, ist nicht bei allen Völkern am Orinoco
gleich alt. Erst seit den häufigen Einfällen der mächtigen Nation der
Caraiben in diese Länder ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und
Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefällig zu seyn, mußte man
sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der
Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Flüssen Carony,
Cuyuni und Paraguamuzi beschränkt, aber die caraibische Mode, den ganzen
Körper zu färben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die
Eroberung.

Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden
Völkern so häufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder gründet er
sich vielleicht auf die Beobachtung, daß ein Ueberzug von färbenden und
öligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schützt? In den
Missionen am Orinoco und überall, wo die Luft von giftigen Insekten
wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft erörtern hören. Die Erfahrung
zeigt, daß der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos
und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe
aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst
zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch
angekommenen Europäern ein so unerträgliches Jucken verursachen. So lange
aber das Insekt den Saugrüssel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der
Stich den Eingeborenen und den Weißen gleich sehr. Nach tausend andern
nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Hände und Arme mit
Krokodilfett und Schildkröteneieröl eingerieben und davon nie die
geringste Erleichterung gespürt; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich
weiß wohl, daß Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten
Schutzmittel gerühmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am
Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere
Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom
fetten und adstringirenden Stoffen(17) die unglücklichen Landeseinwohner
vor der Insektenplage schützte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum wäre
der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden?
wie könnten so viele nackte Völker, die sich bloß das Gesicht bemalen,
dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Körper färben?

Es erscheint auffallend, daß die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen
in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Rührt diese
Vorliebe davon her, daß der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das
Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das möchte ich sehr be-
zweifeln. In einem großen Theil des tropischen Amerika wächst der Indigo
wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewächse, hätten den
Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu färben wie die alten
Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten
Stämme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht
dieß, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Völker,
Alles, was sie nationell auszeichnet, schön zu finden. Menschen, deren
Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit
niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren
Kindern die Stirne niederzudrücken. Unterscheiden sie sich von andern
Völkern durch sehr dünnen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche
die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich für desto
schöner, je stärker sie die charakteristischen Züge ihres Stammes oder
ihrer Nationalbildung hervortreten lassen.

Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, daß sehr alte
Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die jüngsten. Wir
sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit
Schildkrötenöl einreiben und den Rücken mit Onoto und *Caruto* bemalen
ließ; zwei ihrer Töchter mußten dieses Geschäft verrichten. Die Malerei
bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf
rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt
gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehörte. Wir hatten sehr
lange botanisirt, und als wir zurückkamen, war die Malerei noch nicht halb
fertig. Man wundert sich über einen so umständlichen Putz um so mehr, wenn
man bedenkt, daß die Linien und Figuren nicht tätowirt werden, und daß das
so mühsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer
unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen
sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe
angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgänglich,
daß Männer und Weiber sich wohl weniger schämten, wenn sie sich ohne
*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken ließen. Die *Guayucos*
bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die
Männer tragen sie breiter als die Weiber, die überhaupt (wie die
Missionäre behaupten) weniger Schamgefühl haben. Schon Christoph Columbus
hat eine ähnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgültigkeit der
Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Völkern, deren Sitten doch nicht
sehr verdorben sind, nicht daher rühren, daß das andere Geschlecht in
Südamerika durch Mißbrauch der Gewalt von Seiten der Männer so tief
herabgewürdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist?

Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man
sich einen Menschen vor, der an Kopf und Gürtel mit schönen Arras-,
Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmückt ist. Von jeher gilt bei
unsern Malern und Bildhauern solcher Putz für das charakteristische
Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den
Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe
am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schönen Federbüsche, jene
Federschürzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary
heimbringen. Die meisten Völkerschaften in Guyana, selbst die, deren
Geisteskräfte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und
Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die
Neuholländer. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiß, der den
Körper den ganzen Tag über und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede
Bekleidung unerträglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbüsche werden
nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbüsche der Guaypuñaves
sind wegen der Auswahl der schönen Manakin- und Papagayenfedern die
berühmtesten.

Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenüberzug stehen;
zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den
Schnitt europäischer Kleidungsstücke nach. Wir sahen in Pararuma welche,
die sich blaue Jacken mit schwarzen Knöpfen malen ließen. Die Missionäre
erzählten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura färben sich mit Onoto und
machen sich dem Körper entlang breite Querstreifen, auf die sie
silberfarbige Glimmerblättchen kleben. Von weitem sieht es aus, als trügen
die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Wären die *bemalten*
Völker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so wäre man zum
Schlusse gelangt, daß beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der
Brauch von großer Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel
der Laune erzeugt wird.

Das Bemalen und Tätowiren ist in beiden Welten weder auf Einen
Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschränkt. Am häufigsten kommen
diese Arten von Putz bei Völkern malayischer und amerikanischer Race vor;
aber zur Zeit der Römer bestand die Sitte auch bei der weißen Race im
Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und
in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Tätowirung bei
den Insulanern der Südsee am höchsten ausgebildet. Manche bekleideten
Völker bemalen sich dabei doch Hände, Nägel und Gesicht. Die Bemalung
erscheint hier auf die Körpertheile beschränkt, die allein blos getragen
werden, und während die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit
erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in
manchen Städten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weiße Haut
durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Stärke, Eiweiß und
Mehl schöner zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit
Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei
inmitten aller Gebräuche der gebildeten Welt nicht wenig auf.

Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis
dahin nur von den europäischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal
lebend zu sehen. Die Missionäre treiben mit dergleichen kleinen Thieren
Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _‘Gallitos’_ (Felshühner),
*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Küsten sehr gesuchte Affen
tauschen sie Zeuge, Nägel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte
vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Mönche
leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann
von den Mönchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der
Eierernte erlösen, ihr Fischergeräthe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften
mehrere Thiere, die uns auf der übrigen Stromfahrt begleiteten und deren
Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in
einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben
Gegenständen zweimal handeln muß, beschränke ich mich hier auf ganz kurze
Angaben und füge Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen
Reisetagebüchern aufstießen.

Die *Gallitos* oder *Felshühner*, die man in Pararuma in niedlichen
kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des
Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit
seltener als in französisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der
Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Fällen von Maypures. Ich
sage ausdrücklich in den Fällen; denn diese Vögel nisten gewöhnlich in den
Höhlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und
so zahlreiche Wasserfälle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im
Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander
kämpfen, wobei sie wie unsere Hähne den doppelten beweglichen Kamm, der
ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten
erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Männchen geschätzt sind,
die vom dritten Jahre an prächtig goldgelb werden, so muß der Käufer auf
der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide
sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon
ganz jung durch seine Größe und seine gelben Füße aus. Die Henne bleibt
ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil
der Flügel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern
Sammlungen die schöne Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man
dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als
bei andern Gattungen sperlingsartiger Vögel. Die jungen Hahnen haben, wie
die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so
ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die
Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei
den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen
gesehen zu haben.

Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen
wir mehrere Spielarten des *Saï* [_Simia capucina_], der der kleinen
Gruppe der Winselaffen angehört, die in den spanischen Colonien *Matchi*
heißen, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem
Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten
uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19)
BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia
Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi*
[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Saïmiri der französischen Zoologen,
und diese Thiere dürfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen
spanischen Colonien heißen *Titi* Affen, die drei verschiedenen
Untergattungen angehören und in der Zahl der Backzähne von einander
abweichen. Nach dem eben Angeführten ist die Bemerkung fast überflüssig,
wie wünschenswerth es wäre, daß man in wissenschaftlichen Werken sich der
landesüblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt
werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klägliche
Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren.

Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet,
indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heißt bei den
Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt südlich von den Katarakten sehr
häufig vor. Er hat ein weißes Gesicht und über Mund und Nasenspitze weg
einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am
schönsten gefärbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des
Cassiquiare. Die man am Guaviare fängt, sind groß und schwer zu zähmen.
Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so ähnlich wie der Titi; es
ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln: derselbe
rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine großen Augen füllen sich mit
Thränen, sobald er über etwas ängstlich wird. Er ist sehr lüstern nach
Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, daß ein
Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu
CUVIERs _Tableau élémentaire d’histoire naturelle_ ganz gut unterschied.
Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die
kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu
erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese
Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Köpfe von
Säugethieren, blieb er völlig gleichgültig.(20) Setzt man mehrere dieser
kleinen Affen, die im selben Käfigt beisammen sind, dem Regen aus, und
fällt die gewöhnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie
sich den Schwanz, der übrigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und
verschränken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwärmen. Die
indianischen Jäger erzählten uns, man finde in den Wäldern häufig Haufen
von zehn, zwölf solcher Affen, die erbärmlich schreien, weil die auswärts
Stehenden in den Knäuel hinein möchten, um Wärme und Schutz zu finden.
Schießt man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verdünntes Gift)
getaucht sind, auf einen solchen Knäuel, so fängt man viele junge Affen
auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter
hängen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von
Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Hütten
der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer
Mütter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten
Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand
der Gefangenschaft gewöhnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame
kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Küsten
von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich
hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der
unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Veränderung nicht
zuschreiben, sie scheint vielmehr vom stärkeren Licht, von der geringeren
Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an
der Küste herzurühren.

Den Saïmiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon
lange in Europa bekannten Vierhändern steht in scharfem Abstich, nach
Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenüber, den
die Missionäre _‘Viudita’_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine
Thier hat feines, glänzendes, schön schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine
weißlichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen.
Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast
ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weißen, zollbreiten
Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfüße oder vielmehr Hände
sind schwarz wie der übrige Körper, aber die Vorderhände sind außen weiß
und innen glänzend schwarz. Diese weißen Abzeichen deuten nun die
Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*.
Die Gemüthsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den
Hinterbeinen ausrichtet, verräth sich durch seine Haltung nur sehr wenig.
Er sieht sanft und schüchtern aus; häufig berührt er das Fressen nicht,
das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne
in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samïri ansichtig
wird, läuft er davon. Sein Auge verräth große Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn
stundenlang regungslos dasitzen, ohne daß er schlief, und auf Alles, was
um ihn vorging, achten. Aber diese Schüchternheit und Sanftmuth sind nur
scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst überlassen, so wird sie
wüthend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und läuft dann mit
erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die
Katze, und erwürgt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr
zärtliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen
hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de
Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro
mitgemacht und ist zweimal mit uns über die Katarakten gegangen. Will man
die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung,
sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in
Häusern, wo sie ihre natürliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den
Augen hat.

Die neue für uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war,
wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehöhlter
Baumstamm, vierzig Fuß lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht
neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie
erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmäßige
Vertheilung der Last, daß man, wenn man einen Augenblick aufstehen will,
den Ruderern (_bogas_) zurufen muß, sich auf die entgegengesetzte Seite zu
lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig über den geneigten
Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie übel man auf
einem solchen elenden Fahrzeug daran ist.

Der Missionär aus den *Raudales* betrieb die Zurüstungen zur Weiterfahrt
eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und
Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen
Kanälen und Wasserfällen, welche die Raudales oder Katarakten bilden,
bekannt wären; man legte daher die Nacht über zwei Indianer in den *Cepo*,
das heißt, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch
zwei Holzstücke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschloß
legte. Am frühen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den
man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein
sehr verständiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste
leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission
Atures gebürtig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der
Maypures; er war in die Wälder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar
Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich
mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionär brauchte ihn als
Dolmetscher. Nur mit Mühe brachten wir es dahin, daß der junge Mann
begnadigt wurde. »Ohne solche Strenge,« hieß es, »würde es euch an Allem
fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein
stärkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie
wissen wohl, daß sie in Angostura sehr gesucht sind. Ließe man sie machen,
so gingen sie alle den Fluß hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in
voller Freiheit unter den Weißen zu leben, und die Missionen stünden
leer.«

Diese Gründe mögen scheinbar etwas für sich haben, richtig sind sie nicht.
Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens genießen, so muß er
allerdings seine natürlichen Rechte, seine frühere Unabhängigkeit zum
Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht
durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so nährt der Wilde in
seiner verständigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Wälder
zurückzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den
Wäldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil
er der Früchte seiner Arbeit nicht froh wird, deßhalb veröden die
christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die
Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gründet, tödtet die
Geisteskräfte oder hemmt doch ihre Entwicklung.

Wenn man sagt, der Wilde müsse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten
werden, so ist dieß ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco
haben in den Aeußerungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer
Gemüthsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs große Kinder,
sowenig als die armen Bauern im östlichen Europa, die in der Barbarei des
Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen können.
Zwang, als hauptsächlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden,
erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Völker und
bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief
gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Fähigkeit ist ganz erstorben. Die
menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach
verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwärtigen Zustand
mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem
Instinkt, sondern nach Rücksichten der Nützlichkeit. Unter allen Umständen
kann Vernunft durch Vernunft aufgeklärt werden; die Entwicklung derselben
wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur
Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Völker berufen glauben, im
hochmüthigen Gefühl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen
herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel,
die allein keimende Fähigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften
sänftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen können.

Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur
schwer gewöhnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues
Gefängniß war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des
Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden
Seiten über den Bord hinausreichte. Leider war das Blätterdach (_el
toldo_) darüber so niedrig, daß man gebückt sitzen oder ausgestreckt
liegen mußte, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die
Stromschnellen, ja von einem Fluß zum andern schleppen muß, und weil man
dem Wind zu viel Fläche böte, wenn man den _Toldo_ höher machte, so kann
auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache
nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war für vier Personen bestimmt,
die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine
reichen weit über das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum
halben Leib durchnäßt. Dabei liegt man auf Ochsenhäuten oder Tigerfellen
und die Baumzweige darunter drücken einen durch die dünne Decke gewaltig.
Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die
drei Fuß lange, löffelsörmige *Pagaies* führen. Sie sind ganz nackt,
sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwürdig genau einhalten.
Ihr Gesang ist trübselig, eintönig. Die kleinen Käfige mit unsern Vögeln
und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am
Toldo, theils am Vordertheil aufgehängt. Es war unsere Reisemenagerie.
Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich
zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rückkehr vom Cassiquiare noch
vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen
wollen, könnten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstädten
am Orinoco und Amazonenstrom, eigens für ihren Zweck Piroguen bauen
lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth
geschützter Käfige angebracht wären. Wenn wir unser Nachtlager
aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der
Mitte; ringsum kamen sofort unsere Hängematten, dann die der Indianer, und
zu äußerst die Feuer, die man für unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne
zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der
Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die
einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der
Freiheit genießen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmüthiges,
Rührendes.

Auf der überfüllten, keine drei Fuß breiten Pirogue blieb für die
getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompaß
und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem
Gitter aus Zweigen, auf dem wir den größten Theil des Tags ausgestreckt
liegen mußten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein
Instrument gebrauchen, mußte man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen
Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so
niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmblätter
ausstrahlen, deren obere Fläche beständig der Sonnengluth ausgesetzt ist.
Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage erträglicher zu machen, und
immer vergeblich. Während der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich
vor den Insekten zu schützen, verlangte der andere, man solle grünes Holz
unter dem Toldo anzünden, um die Mücken durch den Rauch zu vertreiben.
Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden
Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit
einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und
Auge für die großartige Natur dieser weiten Stromthäler fällt es den
Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit
werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe,
geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und
begreiflich zu machen, daß Bonpland und ich auf diesem Stück unserer Reise
beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu
denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung
aufforderte.

Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo früher die ums
Jahr 1733 von den Jesuiten gegründete Mission Pararuma gestanden. Eine
Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern große Verheerungen
anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen
Einwohner, welche die schreckliche Seuche überlebten, wurden im Dorfe
Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war
es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen
Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Dieß ist so ziemlich
der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres
liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den
Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshöhe [S. Band II Seite 156].
Bildet sich der Hagel in derselben Höhe über Niederungen und Hochebenen,
so muß man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten
Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27°,5
und 24° beträgt. Ich gestehe indessen, daß es beim jetzigen Stande der
Meteorologie sehr schwer zu erklären ist, warum es in Philadelphia, Rom
und Montpellier in den heißesten Monaten mit einer mittleren Temperatur
von 25 bis 26° hagelt, während in Cumana, Guayra und überhaupt in den
Niederungen in der Nähe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In
den Vereinigten Staaten und im südlichen Europa (unter dem 40--43. Grad
der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefähr eben
so hoch als unter den Tropen. Auch die Wärmeabnahme ist nach meinen
Untersuchungen nur wenig verschieden. Rührt nun der Umstand, daß in der
heißen Zone kein Hagel fällt, davon her, daß die Hagelkörner beim
Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so muß man annehmen,
daß die Körner im Moment der Bildung in der gemäßigten Zone größer sind
als in der heißen. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem
Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, daß wir
nicht zu beurtheilen vermögen, ob unter dem Aequator über den Niederungen
dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, daß sich der Hagel immer
in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und
die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen
man die Hagelkörner, bevor sie fallen, an einander schlagen hört, und die
wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint
begreiflich, daß in solch geringerer Höhe durch die Ausdehnung der
aufsteigenden Luft, welche an Wärmecapacität zunimmt, durch Ströme kalter
Luft aus einer höheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die
Strahlung der obern Fläche der Wolken, eine ungewöhnliche Erkältung
hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt
zurückzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter
denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshöhe Hagel und Graupen
auftreten, und die Frage erörtert wird, ob man die Wolken, welche die
Gebirge einhüllen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht
betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade über uns sich bilden
sehen.

Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom fängt jetzt an sich in
mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und
Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der
Insel Javanavo gegenüber sahen wir gegen Ost die Mündung des *Caño*
Aujacoa. Zwischen diesem Caño und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das
Land immer stärker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco
steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler,
ein Prisma, dessen kahle, schroffe Wände gegen zweihundert Fuß hoch sind.
Den Gipfel, der über die höchsten Waldbäume emporragt, krönt eine ebene,
wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionäre Pic oder
_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Bäume. Dieses großartig einfache
Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf
gezeichneter Umriß und oben darauf die Bäume und das Buschwerk heben sich
vom blauen Himmel ab, ein Wald über einem Walde.

Weiterhin beim Einfluß des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen
Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge
herantritt. Er ist gegen 300 Fuß hoch und diente den Jesuiten als fester
Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien
entthielt und in dem beständig ein Militärposten lag. In Carichana und
Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die
Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der
Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstört, aber der Ort heißt noch el
Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen
entworfenen, nicht gestochenen Karte führt derselbe den seltsamen Namen
_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Mönchsdespotismus). In
allen politischen Umwälzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der
über die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus.

Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht
allein die Missionen gegen die Einfälle der Caraiben schützen, sie diente
auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen
(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten
Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einfälle oder
_Entradas_ auf das Gebiet unabhängiger Indianer. Man brachte um, was
Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Hütten nieder, zerstörte die
Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort.
Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern
Orinoco vertheilt. Man wählte die entlegensten Orte, damit sie nicht in
Versuchung kämen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses
gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz
verboten, wurde aber von den bürgerlichen Behörden geduldet und von den
Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen
förderlich, höchlich gepriesen. »Die Stimme des Evangeliums,« sagt ein
Jesuit vom Orinoco in den »erbaulichen Briefen«(21) äußerst naiv, »wird
nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hören (_el eco de
la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Züchtigung
erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen.« Dergleichen die
Menschheit schändenden Grundsätze wurden sicher nicht von allen Gliedern
einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und überall, wo die
Erziehung ausschließlich in den Händen von Mönchen geblieben ist, der
Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*,
die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem
Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam,
unzertrennlicher Gräuel. Es thut dem Gemüthe wohl, daß die Franciskaner,
Dominikaner und Augustiner, welche gegenwärtig einen großen Theil von
Südamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart
sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den
mächtigsten Einfluß üben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einfälle
mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen,
werden sie von den Ordensobern mißbilligt. Wir wollen hier nicht
ausmachen, ob diese Wendung des Mönchsregiments zum Bessern daher rührt,
daß die frühere Thätigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz
Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thäte, einen Beweis
sehen soll, daß die Aufklärung zunimmt und eine höhere, dem wahren Geist
des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift.

Vom Einfluß des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist
voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen*
oder kleinen Fälle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der
vielen Wirbel dem Reisenden bange machen können, aber in keiner Jahreszeit
den Schiffen gefährlich sind. Man muß wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn
man wie Pater GILI, der sonst so genau und verständig ist, sagen kann: »e
terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana.«
Eine Reihe von Klippen, die fast über den ganzen Fluß läuft, heißt *Raudal
de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurück, und zwar in einem
schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestüm, wie siedend, unter der *Piedra
de Marimara* heraufschießt, einer compakten Granitmasse, 80 Fuß hoch und
300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Fluß tritt
weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser
Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heißt der *Hafen von Carichana*.
Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine
mächtigen Schatten über den Wasserspiegel und das Wasser erscheint
schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon
bemerkt, wegen der eigenen Färbung ihrer Oberfläche, bald wie Steinkohlen,
bald wie Bleierz aussehen. Wir übernachteten im kleinen Dorfe Carichana,
wo wir auf die Empfehlung des guten Missionärs Fray Jose Antonio de Torre
im Pfarrhaus oder _‘Convento’_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast
vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen.

Am 11. April. Um die für die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der
Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel
Meilen vom Fluß angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die
ursprünglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des
Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta
und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwärtig findet man Salivas nicht
nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in
Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom
Jesuiten Fray Manuel Roman gegründete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas
sind ein geselliges, sanftes, fast schüchternes Volk, und leichter, ich
sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am
Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, ließen die
Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen
anzuschließen. Die Patres rühmen aber auch in ihren Schriften durchgängig
ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben großen Hang zur
Musik; seit den ältesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde,
die vier bis fünf Fuß lang sind und mehrere kugelförmige Erweiterungen
haben, die durch enge Röhren zusammenhängen. Diese Trompeten geben sehr
klägliche Töne. Die Jesuiten haben die natürliche Neigung der Salivas zur
Instrumentalmusik mit Glück ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der
Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco
die schöne Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort
gepflegt. Erst kürzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die
Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Flöte spielen.

In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so
günstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der
Bevölkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare
und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit
den Weißen im Dorf, die fast lauter _‘Flüchtlinge von Socorro’_(22) sind,
sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Dörfer am Orinoco,
Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana,
verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759,
als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch
standen, zählte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr
1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts übrig als einige
Lehmhütten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen.

Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weißer Abkunft, die
Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude,
wenn man mitten unter Völkern, deren Sprache man nicht versteht, einem
Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede
Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind
Indianer, etwas weniger beschränkt als die andern, mittelst deren die
Missionäre am Orinoco, die sich gegenwärtig nur selten die Mühe nehmen,
die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese
Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch,
aber sie können es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgültigkeit
geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer
mit gefälligem Lächeln zur Antwort: »Ja, Pater; nein, Pater.« Man begreift
leicht, daß einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche
Gespräche zu führen hat, statt über Gegenstände Auskunft zu erhalten, für
die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst
mehrerer Dolmetscher und so, daß derselbe Satz mehrmals übersetzt wurde,
mit den Eingeborenen verkehren.

»Von meiner Mission an,« sagte der gute Ordensmann in Uruana, »werdet ihr
reisen wie Stumme.« Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfüllung
gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr
selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen
zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, daß man sich keines
Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man
auf die Gegenstände deutet, so legt er seine gewöhnliche Stumpfheit ab und
weiß sich mit merkwürdiger Gewandtheit verständlich zu machen. Er macht
Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie
unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, daß man ihn
beachtet und sich von ihm belehren läßt. Diese Leichtigkeit, sich
verständlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhängigen
Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, muß ich den
Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die
erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den
Wald laufen, um ihrer früheren Freiheit zu genießen. Es unterliegt wohl
keinem Zweifel, daß der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen
belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S.
Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen weiß und
dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt
richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare
und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, daß der Reisende
selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich
aneignen könnte, um sich längs der schiffbaren Ströme von Angostura bis
zum Fort San Carlos am Rio Negro verständlich zu machen. In Peru und Quito
kommt man mit der Kenntniß der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili
mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich
wenigstens der Mehrzahl der Bevölkerung verständlich machen. Ganz anders
in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Völker
verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier wäre es nicht einmal
genug, wenn man folgende Sprachen verstände: Caraibisch oder Carina,
Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare
und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt
und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und
Persisch.

Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schön. Das
kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von
Encaramada bis über die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all
den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der
Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet,
von düsterer Färbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der
Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthümlichen
Charakter erhält die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbänke, die oft
achthundert Fuß im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll über die
umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwärtig einen Theil der Ebene
aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewöhnliches
stürmisches Ereigniß Dammerde und Gewächse weggerissen, oder ob der
Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime
des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe
Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China
vorzukommen. Diese in der Wüste zerstreuten Felsbänke heißen _‘Tsy’_. Es
wären, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, wären von der Ebene umher
der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen
angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr
interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfängen durch die
verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche
das Gestein zerklüften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein
wenig Quarzsand sich angehäuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich
in Höhlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und
Blättern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergrünes
Buschwerk wächst. Handelte es sich hier von großartigen Natureffekten, so
käme ich nicht auf unsere Gärten und die ängstlichen Künsteleien der
Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und blühendem
Gesträuch, die Gruppen kleiner Bäume da und dort in der Savane erinnern
unwillkürlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer
Parke. Es ist als hätte hier der Mensch mit tiefem Gefühl für
Naturschönheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen.

Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen
durchzogenen Ebenen eine ebenso üppige als mannigfalti

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