Nach Amerika! Ein Volksbuch. Vierter Band
by Friedrich Gerstäcker · German · Gutenberg #28243 · 401,111 chars · public domain (US)
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Title: Nach Amerika! Ein Volksbuch. Vierter Band
Author: Friedrich Gerstäcker
Illustrator: Karl Reinhardt
Release date: March 4, 2009 [eBook #28243]
Most recently updated: January 4, 2021
Language: German
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Credits: E-text prepared by richyfourtytwo, Delphine Lettau, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! EIN VOLKSBUCH. VIERTER BAND ***
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NACH AMERIKA!
Ein Volksbuch
von
FRIEDRICH GERSTÄCKER
Illustrirt von Carl Reinhardt.
Vierter Band.
Leipzig,
Hermann Costenoble,
Verlagsbuchhandlung
Berlin,
Rudolph Gaertner,
Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
1855.
Inhalt des vierten Bandes.
1. Die Fahrt durch Arkansas 1
2. Die Gräfin Olnitzka 50
3. Der alte Herr Hamann 86
4. Verschiedene Beschäftigungen 117
5. Literarische Bekanntschaften 144
6. Der Feuermann 171
7. Die Deutschen in Cincinnati 197
8. Professor Lobenstein als Farmer 233
9. Herrn von Hopfgartens Abenteuer 247
Capitel 1.
Die Fahrt durch Arkansas.
Den Mississippi hinauf brauste das kleine, aber tüchtige Dampfboot
_Little Rock_, nach Fort Smith, dem Grenzort des Indianischen
Territoriums bestimmt, aber auch an allen Zwischenorten, wo eben
Passagiere aussteigen oder an Bord kommen wollten, oder wohin Fracht
von New-Orleans aus eingeladen war, anlegend.
Passagiere hatte es aber nicht sehr viele an Bord, denn der große
Menschenstrom der Einwanderung geht vorzugsweise den Mississippi hinauf
bis St. Louis und zu den nördlicher gelegenen Staaten, Iowa oder
Wisconsin, oder den Ohio hinauf, wohin wir der Jane Wilmington mit
unseren Bekannten gefolgt waren. Den Arkansas aufwärts war der Zug der
Einwanderung noch nicht so stark, denn die Fremden fürchteten die kalten
Fieber, die in den östlichen Theilen des Staates herrschen, und scheuen
sich ebenso sehr nach dem Westen zu gehen, den ihre Phantasie nicht
selten auf viel zu poetische Weise mit Bären, Panthern und Gott weiß was
sonst noch für reißenden Thieren bevölkert.
Nichts destoweniger haben die dort gelegenen Städte zum Theil schon
recht wackere Fortschritte gemacht, und blühen und gedeihen in dem
jungen Land, das Fruchtboden aufzuweisen hat, wie kaum ein anderer
Staat der Union, und in seinen westlichen Bergen dabei so gesunde und
trefflich gelegene, überall von schönen Strömen durchzogene Flächen
bietet, wie es der Farmer nur wünschen kann. Freilich war es noch wild
in dem Squatterstaat, noch entsetzlich wild, und als der Little Rock,
der nach der Hauptstadt von Arkansas seinen Namen bekommen, und auch in
der That einem Kaufmann dort gehörte, den lebendigeren Mississippi
verließ, und bei dem kleinen Städtchen Napoleon links in die Mündung des
Arkansas selber einbog, schien Wald, endloser Wald die Ufer zu decken,
aus denen nur hie und da kleine urbar gemachte, oder von den Holzhauern
gelichtete Waldblößen die Wildniß nicht etwa unterbrachen, sondern nur
die Färbung derselben in etwas veränderten. Dicht und unmittelbar
dahinter nahm sie wieder ihre dunklen Schatten an, und die mit wehenden
Schlingpflanzen in schwingenden Festons behangenen Zweige streckten sich
oft weit über das Ufer und den daran hinschäumenden Strom hinaus.
Breite, helle Sandbänke füllten dabei die äußeren Biegungen des in
dieser Jahreszeit ziemlich niedrigen Stromes, auf denen Schwärme von
Wildenten und Gänsen saßen, beim Nahen des heranbrausenden Bootes die
langen dunklen Hälse hoch emporreckten, mit den Flügeln schlugen, und
dann aufstrichen in ihren schnurgeraden Reihen, bis sich der Führer hoch
oben in blauer Luft seinen Zug keilförmig ordnete, und queer über den
Wald weg hielt, einem stilleren Sumpf oder Binnensee zu.
Überall ragten hier häßliche _snags_ und _sawyers_ (in Sand oder Schlamm
unten festsitzende Stämme und Äste) aus der Fluth empor, den Lootsen in
dem nicht so breiten Fahrwasser zu doppelter Vorsicht mahnend, und
auch die Ufer dieses Stromes, wie die des Mississippi, verriethen die
Verheerungen, die er hier angerichtet am bewaldeten Ufer. Ganze Strecken
der hohen, aus dem herrlichsten Fruchtboden bestehenden Bänke waren
unterwühlt, hunderte von mächtigen Stämmen hineingerissen in die um ihre
Äste jetzt quirlende Fluth, und wieder und wieder bohrte und wusch die
Strömung unter den schon halb blos gelegten Wurzeln der nächsten Bäume,
auch sie nachzuholen in ihre gelben Strudel.
Sycamoren, Baumwollenholzbäume, Eschen und Cypressen, mit stämmigen
Weiden am unmittelbaren Ufer, der Unterwald, wie am Mississippi, oft von
dichten fast undurchdringlichen Schilfbrüchen gefüllt, bilden die
Vegetation des Flußlandes, wenigstens die, die vom Fluß selber aus dem
Vorbeifahrenden sichtbar ist, und hier allerdings schleicht der scheue
Panther Nachts zum Strome nieder, seinen Durst zu löschen, oder dem
schlanken Hirsch aufzulauern, der das Wasser des Arkansas, seines
Salzgehaltes wegen, eifrig sucht; in diesen Schilfbrüchen schlägt sich
der Amerikanische gelbnasige Bär sein Lager zurecht, mit den Tatzen, der
wilde Truthahn bäumt in die hohen Baumwollenholzstämme, und sucht von
deren Gipfel aus mit schwerem, leicht ermattetem Flug das andere Ufer zu
erreichen, und das Catamount, ein Mittelding zwischen Panther und wilder
Katze, duckt sich dicht am Ufer in stiller Nacht, als es das Dampfboot
mit den regelmäßig klappenden Radschlägen und dem scharfen Keuchen
stromauf arbeiten hört, und flieht mit flüchtigen Sätzen die steile
Uferbank hinan, als die gegen das Land geworfenen Wellen nach ihm
aufspritzen und züngeln.
Es ist ein wunderbares, nicht zu beschreibendes Gefühl, auf raschem Boot
zwischen diesen stillen rauschenden Wäldern dahinzugleiten, und füllt
die Brust des Fremden besonders, dessen Blick vergebens in des Waldes
Tiefe einzudringen sucht, mit einem halb zagenden Verlangen jene Wildniß
zu betreten. Wie die Wipfel so leise flüstern und so geheimnißvoll, und
im Winde schwanken, herüber und hinüber, und ihren duftigen Schleier über
das zitternde Dunkel des Urwaldes breiten -- wie es da drinnen knarrt und
stöhnt und seufzt, und hindurch schleicht, durch das gelbe, Jahre und
Jahre lang aufgehäufte gelbe Laub mit leisem, scheuem Schritt, und in
den Blättern raschelt, und durch die Büsche hin. -- Hui -- vorbei -- was
war das? -- wie ein Phantom glitts an dem Rand der Waldung hin, und ein
paar glühende Augen blitzten einen Moment von dort herüber. Ein Wolf?
-- vielleicht; die schwarzen tückischen, mordlustigen Burschen haben dort
ihren Tummelplatz, und wenn die Nacht kommt, tönt noch der wunderbar
klagende, unheimlich hohle Laut der Eule von dort heraus, mit dem
neckenden Schrei der Nachtschwalbe,[1] die den Gespielen ruft -- »_whip
poor will_ -- _whip poor will_.«
Der schöne -- wunderschöne Wald -- aber er bleibt Dir ein _verschlossenes_
Heiligthum, wenn Du nicht kühn und keck vom Boote springst, mit starken
Armen die Büsche theilst und den heiligen Boden betrittst, der Gottes
Tempel ist, und seine hohen mächtigen Säulen trägt. -- Nur sein Athmen
hörst Du, wenn Du an der Pforte stehst, die Dir die Arme trotzdem weit
und gastlich entgegen breitet, das stille Rauschen seiner dunklen Wipfel,
und sie grüßen Dich wohl und nicken Dir zu, wie man den Fremden grüßt,
den man auf der Straße trifft, aber der liebende Ton ist es nicht, mit
dem sie den _Freund_, der ihrem Schutz vertraut, das Schlummerlied
flüstern -- leise, leise, daß es ihn nicht stört, und ihm die
Mondesstrahlen von den Augen halten.
»Oh wie großartig -- oh wie herrlich!« seufzte eine entzückte weibliche
Stimme von den _guards_ des Dampfers aus, als dieser dicht an dem wilden
rauschenden Ufer vorüberbrauste -- »wer jetzt hinüber konnte -- dahinein,
die Wunder dieser düsteren, geheimnißvollen Welt zu erforschen!«
»Ja, Mosquitos und Holzböcke würden Sie genug finden, verehrtes
Fräulein,« sagte in diesem Augenblick eine Stimme, als Amalie von
Seebald, die ihren Gefühlen ganz unbewußt laute Worte gegeben, die Arme
fest an die Brust gepreßt, den Blick sehnsüchtig auf die rauschenden
Wipfel geheftet, auf der Gallerie der Damencajüte des Little Rock stand
und nach dem dunklen Wald hinüberschaute.
Fräulein von Seebald schaute überrascht empor, und sah eine kleine
untersetzte, in einen grauen Überrock geknüpfte und mit einem etwas
abgetragenen Strohhut bedeckte Menschengestalt dicht über sich auf dem
Radkasten stehen, die ein Tuch in der Hand hielt und im Begriff schien,
Jemandem, der noch etwas weiter oben am Ufer in einer kleinen, kaum
bemerkbaren Lichtung stand, zuzuwinken.
»Ungeheuer viel Mosquitos da drin,« sagte der kleine freundlich
aussehende Mann, »enorm viel, und Holzböcke? -- puh, ich bin einmal da
drin gewesen, gleich unter der Post Arkansas; Tschisus Etsch Dobbeljuw
Kreist, was für Holzböcke! wenn mich nicht ein Theil festhielt, hätte
mich der andere aus dem Bette gezogen, und am nächsten Morgen war meine
Haut wie ein Sieb, daß ich mich mit Baumharz ordentlich anstreichen
mußte, um nur nicht auszulaufen -- ist aber famoses Land da drinnen.«
»Sie sind hier bekannt?« frug Fräulein von Seebald mit mehr Interesse,
als sie sonst wohl an dem kleinen unscheinbaren Mann genommen
hätte -- »kennen das Land vielleicht und die Leute?«
»Kennen?« sagte der kleine sonderbare Fremde mit einem ungemein
selbstbewußten Lächeln, indem er als bildliche Darstellung seiner
Antwort seine rechte Rocktasche herausdrehte und gegen die Dame
hielt -- »kenne ich meine Tasche? -- ich bin Charley Fischer -- haben
Sie noch nicht von Charley Fischer in Little Rock gehört? wie? -- noch
nicht? -- bin schon zwölf Jahre hier im Lande und habe Little Rock
mit bauen helfen; war damals wirklich ein _little_ Rock,[2] ist aber
jetzt ein hiep bigger geworden.«
Fräulein von Seebald lächelte über die wunderliche Ausdrucksweise des
Mannes, es lag ihr aber daran die genaue Situation der Farm kennen zu
lernen, die dem Grafen Olnitzki gehörte und die, da sie gar nicht so
sehr weite Strecke von der Hauptstadt Little Rock entfernt sein sollte,
auch jedenfalls von dem Mann gekannt sein mußte.
»Dürfte ich Sie da vielleicht um eine Auskunft bitten über Jemand, der
in Ihrer Nähe wohnt? frug sie ihn, und erschrak fast, als der kleine
Fremde ganz zutraulich den kleinen Steg vom Radkasten nieder und zu ihr
auf die Gallerie kam. Sie machte dabei eine fast unwillkürliche Bewegung
zurück, und sah sich nach ihrer Cajütenthür um, Charley aber, der die
Bewegung falsch verstand, sagte freundlich:
»Hat Nichts zu sagen, mein Fräulein; ich darf überall hin, der Capitain
kennt mich und ist mein intimer Freund. Habe selber erst eine kleine
Reise nach Napoleon gemacht, um dort nach Sachen zu sehen, die für mich
von New-Orleans heraufkamen und mit denen das Boot nahe bei Napoleon
verunglückte, habe aber ziemlich Alles wieder bekommen und die ganze
Geschichte gleich selber mitgenommen. Und nach wem wollten Sie sich
erkundigen, wenn ich fragen darf?«
»Kennen Sie einen Graf Olnitzki, der in der Nähe der _Oakland grove_
eine Farm hat und dort ebenfalls schon mehre Jahre ansässig ist?«
»Graf Olnitzki -- Graf Olnitzki?« sagte Charley Fischer, wie er sich
selbst genannt hatte, sein Kinn dabei mit der rechten Hand streichend,
während er die linke tiefer und tiefer in die entsprechende Rocktasche
hineinbohrte -- »Graf Olnitzki -- den Namen habe ich doch oft genug
gehört; er muß auch schon einmal bei mir in Little Rock gewesen
sein -- was hat er denn nur da gewollt -- ich glaube irgend etwas zum
Verkauf gebracht?«
»Wahrscheinlich seine Produkte -- türkischen Weizen oder Baumwolle -- «
sagte Fräulein von Seebald.
»Ne, ne -- es war etwas anderes,« meinte Charley.
»Oder der Ertrag seiner Jagden -- Hirschhäute und Bärenschinken.« --
»Ne, ne,« beharrte der kleine Deutsche, »es war was ganz absonderliches;
Jemine noch einmal, daß ich mich jetzt nicht mehr darauf besinnen kann.«
»Aber das hat ja auch gar Nichts zu bedeuten. -- Sie kennen jedenfalls
die Lage und können mir sagen, wo ich vom Dampfboot abgehen muß den
Platz am leichtesten zu erreichen. Der Capitain meinte, ich würde bis
Little Rock mitfahren müssen.«
»Jedenfalls, jedenfalls,« sagte Charley schnell, »können dann bei mir
logiren, ich halte auch seit einiger Zeit ein Hotel; mein Bruder hält
zwar ebenfalls eins, und wir haben dadurch gewissermaßen eine Opposition
gegeneinander, aber die Opposition ist ja die Seele der Gesellschaft,
der Lebenstrieb, der unsere ganzen Staaten zusammenhält; was wären wir
hier alle mit einander ohne Opposition?«
»Aber ich gedenke mich gar nicht in Little Rock aufzuhalten,« sagte
Fräulein von Seebald ausweichend.
»Es wird aber wohl Abend werden bis wir hinkommen,« meinte Charley --
»doch das können Sie sich noch überlegen; hier haben Sie jedenfalls
meine Adresse.«
»Und welchen Weg schlage ich von Little Rock ein?« frug die junge Dame,
mit einer leicht dankenden Verbeugung die Karte nehmend -- »der Platz
liegt soviel ich weiß auf der anderen Seite des Stromes -- .«
»_Oakland grove?_ -- ja wohl, aber an der Straße -- prächtige Straße
dorthin -- ein Bischen naß, wenn's geregnet hat, aber sonst breit und
famos durch den Wald ausgeschlagen.«
»Und wann geht die Post dorthin ab?« frug Fräulein von Seebald.
»Die Post?« -- sagte Charley, sie rasch und erstaunt dabei ansehend,
setzte aber, sich besinnend, hinzu: »die _Brief_post meinen Sie? -- der
Mailrider[3] geht die Woche zweimal nach Batesville hinauf und kommt
zweimal wieder.«
»Und die Fahrpost?«
»Fahrpost, hahaha« -- lachte Charley, »die Bären und Panther würden
ungemein erstaunt sein, wenn sie einmal eine Fahrpost zwischen sich
durchrasseln hörten. Segne Ihre Seele, mein Fräulein, dahinein geht
keine Fahrpost. Nichts wie ein berittener Bote, und wenn Sie nach
Oakland Grove wollen, so müssen Sie entweder zu Fuß gehen oder reiten.
Ihr Gepäck können Sie indessen zu mir in's Haus stellen.«
»Das wäre ja schrecklich!« rief Fräulein von Seebald.
»Oh es steht dort ganz sicher,« sagte Charley.
»Nein ich meine den Weg zu Fuß oder zu Pferde zu machen; -- ich habe
noch nie auf einem Pferd gesessen.«
»Das ist ganz leicht,« sagte Charley, »der linke Fuß kommt in den
Steigbügel und das rechte Knie nehmen Sie, sehn Sie, _so_, -- über die
Knuppe hinauf, die an dem Damensattel sitzt, dann können Sie gar nicht
herunter fallen, und hängen oben wie eine Klette.«
»Und wie weit ist der Platz von Little Rock?«
»Oakland Grove?«
»Nein, wo Graf Olnitzki wohnt?«
»Ja das weiß ich wahrhaftig nicht genau,« sagte Charley achselzuckend,
»ich bin nach der Richtung hin noch gar nicht gekommen; aber dahin
müssen Sie sich doch einen Führer mit Pferden nehmen, und Ihr Herr
Gemahl -- Sie sind doch verheirathet, wenn ich fragen darf?«
Die Frage kam so plötzlich, daß Amalie von Seebald unwillkürlich darüber
erröthete, aber lächelnd antwortete:
»Nein; ich bin _nicht_ verheirathet.«
»Aber Sie haben doch jedenfalls Begleitung,« sagte Charley.
»Ich bin _ganz_ allein,« erwiederte die Dame.
»_Ganz_ allein? -- und wollen ganz allein in den Wald hinein?«
»Und warum nicht?«
»Nu hören Sie, das nehmen Sie mir nicht übel,« sagte Charley, freundlich
lächelnd, »das ist denn nun doch wohl blos Ihr Spaß?«
»Aber weshalb um Gottes Willen?« frug Fräulein von Seebald wirklich
beunruhigt über das ganze Wesen des Mannes -- »was kann mir denn im Wald
geschehn? Sind noch Indianer dort?«
»Indianer? -- nein; am Fluß lagern vielleicht welche, aber die stehn
unter Aufsicht und sind harmlos.«
»Oder wilde Thiere?«
»Nun ja, es giebt wohl Bären und Panther da, aber man hört doch selten
davon daß sie Jemanden angefallen haben.«
»Was sollte mich also sonst hindern?«
»Ih nun ja« sagte Herr Fischer -- »es ist wahr, es _ginge_ schon,
aber -- ich weiß doch nicht, ich möchte nicht alleine und ohne Gewehr
nach Oakland Grove und von da noch weiter in den Wald hinein gehn, und
ich bin doch nun schon zwölf Jahr in Arkansas. Überhaupt, es ist
nirgends besser wie in Little Rock; das ist ein capitaler Fleck und
sollte mich gar nicht wundern, wenn es einmal die erste Stadt in der
Union würde. Nachher ist aber Charley Fischer am Platz, denn ich habe
eine ganze Parthie Lots gekauft und die müssen einmal einen heillosen
Werth bekommen.«
»Aber es hat doch ungemein viel Romantisches, so allein durch den Wald
zu gehn« sagte Fräulein von Seebald.
»Romantisches, Du lieber Gott« erwiederte achselzuckend der kleine
praktische Mann, »das kauf ich nicht theuer, denn das bringt Nichts ein.
Habe schon mehre Leute hier gekannt -- auch deutsche junge nette Kerle,
die ihre Kräfte hätten an was Vernünftiges wenden können, die thaten
auch eben weiter gar Nichts als im Wald mit der Büchse allein herum zu
laufen, blos ein paar lumpiger Hirsche und des Bischens Romantik wegen.
Was ist nachher aus ihnen geworden? -- weiter hatten sie Nichts auf dem
Leib als ihr ledernes Jagdhemd und ihre Leggins, dabei Moccasins an den
Füßen und keinen Cent in der Tasche, ja nicht einmal eine Tasche an
sich, einen Cent hinein zu thun, wie vielleicht ihren Kugelbeutel, und
nachher brachten sie mit Mühe und Noth Felle genug zusammen um eben ihre
Passage auf einem Dampfboot zu bezahlen, wieder fortzukommen. Der Teufel
soll eine solche Romantik holen -- ne da lob' ich mir Little Rock.«
»Und Sie kennen den Grafen Olnitzki nicht persönlich? -- waren nie dort
in der Gegend?«
»Nein Madame -- mein Fräulein wollt' ich sagen, aber wissen Sie, mit dem
_Grafen_ hat es hier auch nicht viel zu bedeuten.«
»Wie so, geht es ihm schlecht?« frug Amalie rasch und erschreckt.
»Wem? dem Olnitzki? ja ich weiß nicht -- nein ich meine nur mit dem
Titel überhaupt. Wissen Sie, hier in Amerika sind wir alle gleich -- alle
freie Bürger, Einer soviel wie der andere, und wenn ich mich zum Spaß
Graf Charley Fischer nennen wollte, hätte auch Niemand etwas dawieder,
ich wäre eben Graf Charley Fischer, und wenn die Leute zu mir kämen und
ein Glas Brandy trinken wollten, würden sie mir wie jetzt auf die
Schultern schlagen und sagen: 'nu Graf Fischer, altes Haus, wie gehts,
_how do you_ thuts Euch?'«
»Ich glaube auch nicht daß Graf Olnitzki Anspruch auf eine höhere
Stellung macht« sagte Fräulein von Seebald.
»Ne, kann ich mir denken« sagte Charley freundlich, »würde ihm auch gar
Nichts helfen; besonders hier nicht in Arkansas. Wir haben hier übrigens
eine ganze Menge Polen; da ist der Graf Doraski am Red River und der
Graf Potelsk -- Podelscyk -- na wie heißt er denn gleich, verwünschte
Namen tragen die Polen manchmal, und die Amerikaner haben ganz recht
wenn sie meinen, man könnte sie nur aussprechen wenn man dreimal nießte
und dann _ski_ sagte -- na es ist einerlei wie er heißt. Sonderbar, von
Polen kommen blos lauter Grafen hier her, denn wenn man einen Polen
findet, kann man sich auch fest darauf verlassen daß es ein heimlicher
Graf ist; es muß ungeheuer viel Grafen dort im Lande geben.«
»Wie sind aber nur die Verhältnisse der Ansiedler hier in der Nähe von
Little Rock?« frug Fräulein von Seebald, die es drängte etwas Näheres
über die ihr am Herzen liegenden Menschen zu hören, »kommen sie manchmal,
an Sonntagen vielleicht, in die Stadt, zu Theatern oder Concerten? --
haben die Deutschen untereinander nicht Bälle oder andere Festlichkeiten,
bei denen sie sich zusammenfinden und vergnügt sind? das Waldleben denke
ich mir wundervoll, herrlich, aber das Schönste bedarf doch manchmal
einer Abwechslung.«
»Bälle? -- ja, die haben wir manchmal hier unter den Deutschen« lachte
Charley Fischer vergnügt vor sich hin, vielleicht in der Erinnerung
mancher dabei verlebter Stunden, »und amüsiren thun sie sich dabei im
Anfang und prügeln am Schluß, gerade wie bei uns zu Hause; aber wenn die
Farmer, besonders die, die so weit wegwohnen, dazu hereinkommen wollten,
da hätten sie viel zu thun. Die Männer ja, die reiten manchmal her,
stehen[4] auch wohl ein paar Tage und verthun was sie herein gebracht
haben an Produkten, manchmal auch noch das mit, was sie das nächste Mal
bringen wollen, aber die Frauen bleiben zu Hause und hüten das und ihre
Kinder, und haben dabei alle Hände voll zu thun.«
»Aber die Nachbarn kommen dann unter einander wahrscheinlich sehr häufig
zusammen.«
»Ja, wenn sie Nachbarn haben, die Nachbarschaft in Arkansas soll aber
der Henker holen,« sagte Charley -- »die nennen sich so und wenn sie
zwanzig Meilen von einander sitzen.«
»Das ist ein Beweis für ihre Geselligkeit« lächelte Fräulein von
Seebald.
»Ja schöne Geselligkeit, wenn Niemand dazwischen wohnt« meinte
Charley -- »ne, da lob' ich mir Little Rock; wenn mir da mein eigener
Brandy nicht mehr schmeckt, gehe ich um die Ecke herum zum Georg und
trinke da anderen, und alle Wochen kommen ein paar Dampfboote den Strom
herauf oder herunter, die auch Neues bringen, und wo man doch etwas zu
hören und zu sehn bekommt. S'ist ein ganz famoses Leben in Little Rock.«
Fräulein von Seebald fühlte sich, obgleich ihr der fremde Deutsche gar
nichts Direktes von den Ihrigen sagen konnte, und diese jedenfalls
in ganz andern Verhältnissen lebten wie er sie hier schilderte, doch
unangenehm berührt durch diese Beschreibung, sie wußte eigentlich selber
nicht recht weshalb. Es war ihr auch erwünscht daß die Unterhaltung
in diesem Augenblick durch die in der Cajüte geläutete Klingel, das
Zeichen zum Mittagstisch, abgebrochen wurde, und sie zog sich mit einer
leichten dankenden Verbeugung gegen Herrn Fischer, die dieser mit einem
freundlichen Kopfnicken erwiederte, in die _Ladies cabin_ zurück, dort
den Nachmittag hindurch ihren eignen Betrachtungen und Gedanken
nachzuhängen.
Das Boot setzte indessen rasch und wacker seinen Weg fort; die Scenerie
blieb dieselbe -- Wald -- endloser Wald an beiden Seiten, der sich
selbst bei kleinen einzeln zerstreuten Städten, die sie trafen, bis
dicht um diese her zu ziehen schien, als ob er wieder frisch aufgewachsen
sei, seit sie entstanden, und das Land zurück verlange, das sie ihm
abgedrängt.
Am nächsten Tag, gegen Abend, erreichten sie Little Rock, und die
breite, weit ausgehauene Lichtung verrieth schon von weitem eine größere
Ansiedlung, wie sie bis jetzt getroffen. Als sie näher kamen erkannten
sie große ansehnliche steinerne Gebäude, allerdings oft neben kleinen
modernen Holzhütten, und eine Dampffähre spielte über dem Strome nach
dem andern Ufer hinüber. Auch der Landungsplatz, gegen den sie jetzt
aufliefen, bot, wenn auch nicht mit New-Orleans zu vergleichen, doch das
belebte Bild einer größeren, geschäftigen Stadt, die hier im Herzen
eines sonst noch ziemlich wilden Staates entstanden; Karrenführer von
allen Farben drängten sich herbei Güter und Passagiergut fortzuführen,
sobald nur die Taue ausgeworfen und die Planken übergeschoben wären, und
eine Menge Ungeduldiger, wie auf allen Landungspunkten am ganzen Strom
hinab, warteten mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo sie an Bord
springen konnten, Neues und Neuigkeiten in Empfang zu nehmen, oder
gegen die mageren Stadt-Berichte einzutauschen.
Fräulein von Seebald befand sich aber jetzt wirklich in Verlegenheit,
denn in der festen Überzeugung, und gar nichts anderes für möglich
haltend, als daß eine Post doch wenigstens die Woche ein paar Mal nach
jener Ansiedlung, auf der ihre Schwester wohnte, hinauf laufen müsse,
hatte sie ihr ganzes Gepäck, drei Koffer und mehre Hutschachteln mit
noch ein paar kleinen Kisten, die Geschenke für Schwester und Schwager
enthielten, mit an Bord des Dampfers genommen. Wie sollte sie die jetzt
mit fortbringen, in den Wald hinein? und fort mußten sie, denn sie
brauchte, wie sie meinte, dort Alles nothwendig was sie enthielten.
Charley Fischer half ihr da übrigens, als die Landung nur erst überstanden
und er alle seine tausend Freunde begrüßt und mit ihnen, wie er's
nannte, Hands geschäkt[5] hatte, aus der Noth, denn er war erstlich
nicht der Mann irgend Jemanden, aus dem er irgend einen Nutzen zu ziehen
hoffte, unbeachtet zu lassen, dann aber auch die gutmüthige Gefälligkeit
gegen Damen selber, und glaubte hier noch dazu das doppelte Interesse an
einer Reisegefährtin nehmen zu müssen. Kaum daher in die Stadt hinauf
gekommen, sah er sich auch schon, alles Übrige indeß hintansetzend, auf
das Eifrigste nach einer möglichen Gelegenheit nach _Oakland grove_ um,
wozu die Landung selber der beste Platz war, da dort fast alle Gastwirthe,
oder doch Leute von ihnen, bei der Ankunft eines Dampfers zusammen
kamen. Zufällig war in der That ein Geschirr -- freilich nur ein
gewöhnlicher Leiterwagen von Rosemores (einer Farm, die eine kleine
Strecke überhalb der _Oakland grove_ lag) in Little Rock, hatte Butter,
Eier, geräucherte Hirschkeulen und andere Produkte hereingebracht, und
nahm Mehl, Kaffee, Zucker, Brandy etc. etc., kurz Provisionen die dort
nicht zu bekommen waren, wieder mit hinaus. Der Fuhrmann wollte am
nächsten Morgen mit der ersten Fähre über den Strom gehen und, da er nur
halbe Ladung hatte mit Vergnügen gegen eine mäßige Entschädigung die
Sachen der Dame bis zu »_Billy Jones clearing_« mitnehmen, von wo aus
ein Fuß- oder Reitpfad nach _Old Nitzkys range_, wie der Mann den Namen
des Grafen Olnitzki mishandelte, hinüberlief. Wollte die Dame bis Billy
Jones mit auf seinem Wagen fahren, so war sie »_perfectly welcome_«, das
heißt: er stand ihr mit Freuden zu Diensten, und durch ein oder zwei
Arme voll Maishülsen ließ sich auch schon zur Noth ein ziemlich bequemer
Sitz herstellen.
Charley Fischer lief ungesäumt mit dieser »guten Nachricht« an Bord
zurück, wo Fräulein von Seebald eben in ziemlicher Ungewißheit war, ob
sie die Karte des Herrn Charley Fischer benutzen, oder ihr Gepäck in ein
anderes Gasthaus sollte schaffen lassen, dessen riesige Firma sie schon
über die Straße herüberleuchten sah. Des kleinen gefälligen Mannes
Erscheinen entschied dies zu seinem Gunsten, die Koffer und Kisten
wurden aufgeladen, und die junge Dame befand sich bald darauf in
einem kleinen kahlen unbehaglichen, nicht überreinlichen Gemach auf
Pinestreet, in dem sie jedoch bald von der freundlichen Wirthin selber
aufgesucht und unterstützt wurde ihre Toilette zur Abendtafel, die aus
einem recht guten compakten Mahl mit Thee bestand, vorzubereiten.
Charley Fischer hätte nun gar zu gern diese Gelegenheit benutzt, aus
seinem Gast alles nur Mögliche über ihre Lebensverhältnisse und besonders
den Zweck ihrer Reise heraus zu bekommen, denn daß eine junge Dame
eine solche Fahrt _allein_ unternommen, hatte jedenfalls auch etwas
ganz Absonderliches zu bedeuten. Nun sagte ihm Fräulein von Seebald
allerdings ganz einfach, daß sie nur nach Arkansas gekommen wäre ihre,
an den Grafen Olnitzki verheiratete Schwester zu besuchen, aber das
glaubte er ihr natürlich nicht, und suchte nun erst recht etwas
Geheimnißvolles unter dem Besuch. Je bereitwilliger und freigebiger er
dabei mit seiner eigenen Lebensgeschichte war, desto mehr verdroß es ihn
natürlich, wenn Andere nicht Gleiches mit Gleichem vergelten wollten.
Fräulein von Seebald war aber ermüdet von der Reise sowohl, als sie sich
auch angegriffen von der Aufregung der letzten Tage, dem erhofften
Wiedersehn entgegenharrend, fühlte, und suchte deshalb zeitig ihr Lager.
Charley Fischer versprach ihr übrigens sie wecken zu lassen, wo sie das
Frühstück bereit finden und immer noch zeitig genug zur ersten Fähre
kommen sollte. Der Fuhrmann hatte dabei zugesagt, bei seinem Hause, wo
er überdies seinen gewöhnlichen Morgentrunk nahm, vorzufahren, und eine
Versäumniß war deshalb gar nicht möglich.
Der Morgen kam; die Sachen wurden vor das Haus geschafft, die beiden
kleinen Kisten besonders mit wieder und wieder empfohlener Vorsicht, da
sie zerbrechliche Sachen enthielten, Fräulein von Seebald hatte ihre
Reisetoilette wie ihr Frühstück beendet, ihre nicht übermäßige Rechnung
bezahlt, ein Glas Brandy und Zucker, das ihr ihr freundlicher Wirth auf
das hartnäckigste gegen die rauhe Morgenluft aufzudringen suchte, wieder
und wieder verweigert, der Wagen kam, die Sachen wurden aufgeladen, und
Charley Fischer ließ es sich nicht nehmen Fräulein von Seebald seinen
Arm zu reichen und sie zur Fähre hinunter zu begleiten.
Allerdings hätten die beiden Figuren nach unseren deutschen Begriffen
vielleicht ein wenig wunderlich zusammen ausgesehen, und Fräulein von
Seebald selber fühlte sich auch so unbehaglich als möglich in der
Begleitung, die sie nicht gut verweigern konnte. Die Dame nämlich war
ganz modern, ja sogar modisch angezogen, mit einem hellen Kleid von
roher Seide, und feinem Strohhut, und einer dunkelrothen seidenen
Schärpe um, während Charley dagegen in einem etwas sehr kurzen und auch
nicht übermäßig reinen leinenen Röckchen prangte, unter dem ein paar
ebenfalls etwas kurze gestreifte wollene Hosen hervorsahen. Er trug
dabei Schuh und gelbwollene Strümpfe oder vielmehr Socken, die nicht
oben blieben wie er erklärte, er mochte dagegen thun was er wollte, und
der alte Strohhut deckte noch immer seinen Scheitel, wie auf dem Schiff;
nur ein reines gelb und roth gestreiftes Hemd hatte er heute Morgen
angezogen, und ein saftblaues seidenes Tuch darum geknüpft. In Amerika
fällt etwas derartiges aber nicht auf; man sieht sogar, selbst in den
größten Städten, die Damen sehr häufig an dem Arm eines Herrn, der in
kurzer weißleinener Jacke geht, in Sammet und Seide nebenher rauschen;
das Kleid macht dort nicht den Mann, sondern der Mann das Kleid.
Nichts destoweniger und trotz der frühen Morgenstunde war Fräulein von
Seebald fest davon überzeugt, daß die Augen sämmtlicher Einwohner
von Little Rock, an deren Fenstern sie vorüber gingen, in Spott und
Neugierde auf sie geheftet wären, und dankte ihrem Gott, als sie das
Fähr- oder Ferryboot endlich erreichten, wo sich Herr Charley Fischer
auf das Angelegentlichste von ihr verabschiedete, wie sie auch ersuchte,
ihn ihrer Frau Schwester, wenn auch unbekannter Weise, freundlichst zu
empfehlen.
Die kleine Fähre dampfte über den ziemlich breiten Strom, auf dem noch
der leichte Morgennebel in dünnen, hie und da von einem blitzenden
Sonnenstrahl getheilten Schwaden lag, und auch den gegenüberliegenden
Uferrand bedeckte. Nur eine Reihe niederer, hellangestrichener,
viereckiger Holzhäuser wurden da sichtbar, die mit riesigen Schilden
bedeckt, und wenn das möglich gewesen wäre, verunstaltet, den oberen
Rand der steilen Uferbank krönten, und wieder ihrerseits von den hohen
majestätischen Wipfeln riesiger Baumwollenholzbäume überragt wurden.
Diese kleine Stadt hier, die dem wachsenden Little Rock ihren Ursprung
verdankte, bestand fast einzig und allein aus Schenkständen -- sogenannten
»_groceries_ und _provision stores_,« in denen, neben allen möglichen
Lebensbedürfnissen, die spirituösen Getränke den Hauptbestandtheil
bildeten; aber sie sah neu und häßlich aus, wie eine Schachtel frisch
ausgepackter Nürnberger Spielwaaren in eine Reihe gestellt, über die der
darüber wohnende Urwald den Kopf schüttelte, und seufzend dabei den
Krebsschaden erkannte, der sich weiter und weiter in seine Seite fraß.
Fräulein von Seebald, von den Leuten an Bord neugierig betrachtet, die
eine einzelne und dabei so elegant gekleidete fremde Dame nicht so oft
und früh zwischen sich sahen, hüllte sich übrigens, ohne mit irgend
Jemand zu verkehren, fester in ihren Shawl -- die Morgenluft wehte
frisch und kühl über den Strom -- und schaute unverwandt nach dem andern
Ufer hinüber, dem sie rasch entgegenstrebten.
Ha, was war das? -- unten am Strand -- dicht unter der hohen steilen,
wohl sechzehn Fuß schroff emporsteigenden Lehmbank, und bis jetzt von
dem tief streichenden Nebel verdeckt, der sich, wie sie dem Lande näher
kamen, theilte, oder doch durchsichtiger wurde, breitete sich eine Scene
vor den erstaunten Blicken der jungen Dame aus, wie sie ihre kühnste,
romantische Phantasie nur im Stande gewesen wäre herauf zu beschwören.
»Indianer!« rief sie fast unwillkürlich laut aus, denn das ganze Ufer
dort war bedeckt, belebt von einem wilden Schwarm brauner, halbnackter
Gestalten, die theils unter niederen ledernen Zelten, theils nur an
kleinen Feuern campirt haben mußten. Pferde wieherten und galopirten am
Ufer hin, Kinder sprangen und jauchzten in und neben dem Wasser, an dem
sie badeten und spielten, Frauen kochten oder trugen Holz herbei, das
andere oben von der Uferbank herunter warfen, und die Männer saßen
theils still und theilnahmlos an den Feuern, ihre Pfeife rauchend, oder
standen am Ufer, die Ankunft des Dampfers zu erwarten.
»Leben hier noch Indianer?« frug Fräulein von Seebald erstaunt einen
der neben ihr stehenden Leute, der auf dem das Deck umschließende
Lattengitter lehnte, und ebenfalls nach den Eingeborenen hinüber
schaute.
»Nein, Madame!« sagte der Mann, ohne seine Stellung zu verändern, »Gott
sei Dank, daß wir die Rothfelle los sind; würden uns weiter Nichts als
Teufels-Eier in die Nester legen. Hole sie alle mit einander der Böse.«
»Aber was thuen diese hier?«
»Die da? -- die wandern aus -- das sind Seminolen, die Onkel Sam[6] nach
dem Territorium schickt, sich dort mit ihren Kameraden, den Creeks und
Cherokesen, den Chocktaws und Kickapuhs und wie sie alle heißen, so gut
zu vertragen wie sie eben können -- oder noch besser, sich einander die
Hälse abzuschneiden -- das Gescheuteste, was sie auf der Gottes Welt
thun könnten.«
»Sie lieben die Indianer nicht.«
»Ich? -- nein, da ist der Himmel mein Zeuge -- habe auch eben keine
Ursache dazu, und weniger Lust -- wenn ich etwas wüßte, die ganze Race
mit einem Schlag von der Erde zu vertilgen, ich thät's.«
Der Mann richtete sich dabei aus seiner Stellung auf und ging langsam an
die andere Seite des Decks, als ob er die rothen Männer nicht einmal
anschauen wollte, so lange er's verhindern konnte. Er sah dabei so
finster und erbittert aus, daß Fräulein von Seebald froh war, seiner
unheimlichen Gesellschaft bald enthoben zu sein.
Das Boot legte indessen an seinen gewöhnlichen Landungsplatze, einem
dort befestigten riesigen flachgedeckten Boote, auf das Geschirre und
Pferde leicht hinaus oder an Bord gebracht werden konnten, an, und die
Indianer, besonders die Kinder, halb scheu, halb neugierig den Platz
umdrängend, sammelten sich dort, die fremden weißen Männer und Frauen
aussteigen zu sehen. Die Kinder gingen fast sämmtlich nackt, die
Erwachsenen aber trugen ein Tuch um die Hüften, und meist ein ledernes
oder kattunenes Jagdhemd, die Haare dabei in einen Büschel gebunden,
Einzelne mit Zierrathen, zwei mit einer Adlerfeder darin. Nur die Frauen
hielten sich schüchtern zurück bei ihren Lagerfeuern, und schauten kaum um
nach dem rasch den Dampf auspuffenden Boot, oder den weißen Leuten -- sie
hatten davon genug gesehen, mehr als ihnen wohl lieb war, und waren von
ihnen aus der Heimath vertrieben und einem fremden unbekannten, kalten
Lande zugeführt -- wie konnten sie sich da an den verhaßten Wesen
freuen. Auch die Männer schauten still und finster drein, und wo sie
Einer der Weißen anredete, drehten sie sich mürrisch ab von ihnen und
schritten ihrem Lager wieder zu.
Es waren edle, kräftige Gestalten unter ihnen, Manche mit schweren, kaum
geheilten Wunden auf der breiten braunen Brust, und wacker schlugen sich
auch diese Krieger in ihrem Vaterland, jeden Fußbreit Boden den weißen
Eindringlingen mit Tomahawk und Büchse streitig machend; ja noch Jahre
lang würden die Bleichgesichter, die sie oft mit blutigen Köpfen
heimgeschickt und in deren Lager selbst sie so manche Nacht den
Schlachtschrei getragen und die nackte Brust keck und todtesmuthig den
Bayonetten entgegenwarfen, ihre Truppen vergebens gegen sie geführt
haben, hätten sie dem _Verrath_ so gut begegnen können wie der blanken
Waffe. Aber ihr Häuptling fiel -- der wackere Osceola, von den
Amerikanern gegen Krieg und Menschenrecht verrätherisch gefangen
genommen, wo er dem _Wort_ des weißen Mann's vertraut, starb elend im
Gefängniß -- andere Häuptlinge wurden übergekauft, und das Banner der
Staaten fügte einen blutigen Stern zu seinen weißen.
»Nun Madame, wenn Sie jetzt aufsteigen wollen,« unterbrach da der
Wagenführer, der sein Geschirr glücklich von Bord und über das Flatboot
weg auf festen Grund und Boden gebracht hatte, die Betrachtungen seiner
Reisegefährtin -- »die Pferde sind ausgeruht und können's schon ziehen,
und hier hinauf geht sich's doch schlecht für so zarte Füße.«
Fräulein von Seebald wäre gern noch länger hier geblieben, das Leben und
Treiben der Indianer mehr zu beobachten und sich vielleicht gar in ein
Gespräch mit ihnen einzulassen; gebrochen Englisch wenigstens sollten
doch Viele von ihnen sprechen. Aber allein ging das auch nicht an, und
dann schien auch der Wagenführer, der noch einen weiten Weg vor sich
hatte, keine große Lust zu haben länger zu warten. Sie mußte sich
deshalb wirklich nicht allein entschließen, den Platz zu verlassen, der
ihr zum ersten Mal in ihrem Leben eine Scene ächt wilder Romantik bot,
sondern auch auf höchst unromantische Weise, und noch dazu im Beisein
einer Masse fremder Menschen, die gewiß dabei ihren Spott über sie
hatten, auf einen ganz gewöhnlichen Rüstwagen hinaufklettern, und sich
dort in raschelnden Maishülsen, zu denen ihr ganzer Anzug auch nicht im
mindesten paßte, vergraben. Es kostete ihr der Entschluß in der That
eine Überwindung; aber trotz ihrem oft übertriebenen Hang zur
Schwärmerei hatte Amalie von Seebald, wie sie auch schon durch ihre
ganze Reise bewiesen, doch viel Charakterstärke, die, mit dem
Abenteuerlichen ihrer Situation, sie bald bewog sich über alles Andere
hinwegzusetzen.
Der Amerikaner brachte indessen, wie überhaupt keine Nation aufmerksamer
gegen Damen sein kann als diese, aus der nächsten _grocery_ einen Stuhl
heraus, daß sie bequemer auf den Wagen kommen konnte; lachend und
verschämt nahm dabei die Dame ihre Kleider zusammen, stieg auf den
Stuhl und schwang sich, von der breiten Hand des Wagenführers dabei
unterstützt, auf das Rad und von da in den Wagen, ein junger Bursche
trug den benutzten Stuhl in die _grocery_ zurück, der Amerikaner
klatschte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, und neben hergehend,
bis sie die obere Bank erreicht hatten, fuhr das ziemlich schwerfällige
Geschirr, von den kräftigen Thieren gezogen, verhältnißmäßig rasch den
steilen Weg, der auf das obere Ufer führte, hinan. Die Indianer stießen
dabei einen gellenden Schrei aus, die Kinder jubelten, die Hunde bellten
und der Wagen rasselte, während der Mann selber im Fahren aufsprang und
sich neben die Dame in die Maishülsen setzte, den etwas holperigen
ausgefahrenen Weg rasch entlang.
Das kleine Nest von Wirthshäusern ließen sie dabei gleich zurück,
Lichtungen am Weg zeigten aber noch junge Farmen; sie fuhren eine
Strecke lang zwischen Fenzen hin, die erst kürzlich urbar gemachtes Land
umschlossen -- auch diese hörten endlich auf; hie und da lagen noch
dicht am Weg gefällte und zu Fenzstangen zerspaltete Stämme, dort waren
junge Bäume zu Feuerholz abgeschlagen, und jetzt zog sich die, wohl
breit ausgehauene, aber sonst sehr verwilderte und nur allein durch die
Axt hergestellte Straße, durch den finsteren dichten Urwald hin, der sie
in all seiner großartigen Majestät umfing.
So beengt und unbehaglich sich übrigens Fräulein von Seebald noch bei
dem ersten Besteigen des Wagens, und so lange sie die vielen fremden
Menschen um sich her wußte, gefühlt hatte, so wohl, so frei wurde ihr es
jetzt. Das Herz ging ihr auf, und wie die letzten Fenzen hinter ihr
verschwunden waren, wie jene mächtigen riesigen Bäume, die gerade zu
ihrer gewaltigsten Höhe in diesen Niederungen aufsteigen, ihre Stämme
wie gigantische Säulen um sie her emporreckten, und die prachtvollen
Wipfel schüttelten und mit ihnen rauschten und flüsterten, als ob der
Wald Leben gewonnen hätte; als sie die wunderlich geflochtenen und
verschlungenen Lianen in weiten Festons den Weg überhängen, und von den
höchsten Ästen der Bäume niederschaukeln sah, und ihre Phantasie dabei
diese dunklen Waldesschatten mit all dem Wild und Raubzeug des weiten
Landes dicht belebte, da wußte sie sich vor Glück und Seligkeit kaum zu
fassen; die Thränen traten ihr in die Augen, und sie hätte laut
aufjubeln mögen vor Lust und Wonne.
Ihr Ziel war jetzt erreicht, wonach sie Jahre lang gestrebt und sich
gesehnt; derselbe Wald umfing sie schon, der ihrer Schwester eine
Heimath, ein Paradies geschaffen, und nur ein Herz fehlte ihr jetzt, mit
dem sie ihre Seligkeit theilen, dem sie das Alles zujauchzen konnte, was
ihre Brust in diesem Augenblick erfüllte und erhob.
Mit dem Mann an ihrer Seite, der trocken und gleichgültig auf seinem
Platz saß und nur manchmal, wenn der Weg eine kurze Strecke glatt
fortging, die Pferde zu rascherem Lauf antrieb, ließ sich aber freilich
nicht reden; auch war sie des Englischen kaum mächtig genug, gerade den
Gefühlen Worte zu geben, die es sie trieb und drängte auszusprechen. So
fuhren sie eine Zeitlang schweigend mit einander hin, wobei der Weg
indeß, je weiter sie in das Land hinein kamen, schlechter und sumpfiger
wurde, und die ganze Aufmerksamkeit des Wagenführers erforderte. Der
großartige, wirklich herrliche Wald dieser Niederungen blieb dabei
unverändert, unverkümmert, aber die Bewohner und Besitzer desselben, die
Mosquitos, meldeten sich ebenfalls, und wenn sie auch gerade nicht
häufig waren und durch die Bewegung des Fahrens schon abgehalten wurden,
ließen sie sich doch, wenn der Wagen manchmal auf einen Augenblick hielt
und der Fuhrmann absteigen mußte, irgend einen niedergebrochenen Ast aus
dem Weg zu räumen, oder die Thiere um eine stehengebliebene Wurzel
herumzuführen, hören und fühlen, während die zarte Haut der jungen Dame
leicht unter dem scharfen Stich der kleinen scharfsäftigen Thiere
anschwoll.
Dadurch wurde übrigens ihr Geist auch wieder in etwas mehr dem Irdischen
zugewandt und Fräulein von Seebald begann den Wagenführer nach ihrem Weg,
der Länge desselben, den verschiedenen Ansiedlungen oder »Plantagen«
(wie sie es nannte, was er aber im Anfang nicht verstand) zu fragen.
Der Bursche war ein einfach schlichtes »Kind des Waldes«, wie Fräulein
von Seebald bald genug fand; er wußte auch in der That nicht viel mehr,
als was im Bereich seines Waldes und der Landung von Little Rock lag.
Allerdings kannte er den Weg genau, jeden Stumpf und Stamm, jede
»Clearing«, jedes »_improvement_« wie die allerersten Niederlassungen
genannt werden; war dabei im Stande genau anzugeben, wie viel jeder
»Nachbar« den Tag über »Fenzriegel« spalten könne, wie viel Hirsche
Johnny Bligh in der letzten »_season_« erlegt, und wie viel _coons_[7]
sie in ihrem letzten _crop_ (Erndte) im Maisfelde mit den Hunden
gefangen oder geschossen hätten. Auch die Pferde und Rinder der Nachbarn
kannte er persönlich, wußte jeden Flecken an ihnen, jeden Brand anzugeben,
zeigte ihr auch den Platz, als sie daran vorbeifuhren, wo im vorigen
Jahr der Panther ein junges Füllen erwürgt und beinah auch noch
gefressen hätte, wäre er nicht glücklicher Weise (freilich zu spät es
vor dem Erwürgen zu bewahren) dazu gekommen, und ging dann speciell in
seiner Unterhaltung auf die deutschen Einwanderer über, von denen, wie
er meinte, ein »_heap_« die letzten Jahre herüber gekommen sein müßten,
denn am _cashriver_ hätte er zwei gesehen, und nach Little Rock wäre
eine ganze Familie gekommen, der Mann, die Frau und drei oder vier
Kinder. In Little Rock wären überhaupt eine Masse Deutscher, es wimmelte
ordentlich davon -- er allein kannte sechs oder sieben, und Charley
Fischer sei der fidelste von Allen, und »_a monstrous smart hand too!_«
-- ungeheuer schlau und pfiffig -- und hätte ihm neulich einmal (vor
drei Jahren) einen ganz faulen Western Reserve-Käse aufgehangen -- was
er ihm aber nicht besonders übel zu nehmen, sondern sich eher darüber zu
freuen schien, daß er das fertig gebracht.
Nur von dem »Grafen Olnitzki« wußte er wenig oder gar Nichts zu
erzählen; seine »_old lady_«[8] kannte er gar nicht, hatte sie nie
gesehn und glaubte auch nicht, daß sie viel aus der _range_ (eigentlich
Weideplatz, aber auch von Ansiedlungen gebraucht) herauskäme. _Old
Nitzky_ wie er ihn unverdrossen nannte, sollte übrigens _a powerful
hand_ (sehr geschickt) mit der Büchse sein, und viele Hirsche und auch
schon einige Bären geschossen haben. Jetzt war er lange nicht »in die
Ansiedlungen« gekommen, aber er konnte sich noch recht gut auf ihn
besinnen, denn er war ein großer starker Mann und trug »das ganze
Gesicht voller Haare.«
Wenn aber der Führer ihr auch keine nähern Nachrichten über die geben
konnte, deren Schicksal ihr so sehr am Herzen lag, und die es sie so
glücklich machte, nach so langer Trennung wieder zu sehen, so war er
doch in so mancher anderen Art praktisch und unendlich gutmüthig. Er
brach ihr einen Sassafrasbusch ab, sich damit der dann und wann zu ihnen
kommenden Mosquitos zu erwehren, und hielt einige Male besonders an, ihr
einen Hut voll saftiger, zuckersüßer Persimonen, die dort in Masse
wuchsen, zu suchen und zu bringen, oder wilde Weintrauben zu pflücken,
die von manchen Bäumen in schweren blauen Massen niederhingen. Auch die
Muscadinebeeren, vor deren häufigen Genuß er sie des kalten Fiebers
wegen warnte, mußte sie kosten, und die lange, fast widerlich süße
Papaofrucht. Wie sie dann weiter in den Wald hinein und von den dem
Fluß zunächst liegenden Ansiedlungen abkamen, zeigte er der Fremden hie
und da die rasch erspähte Gestalt eines flüchtigen Hirsches, der
stutzte, als er das Knarren der Räder hörte, und den schönen Kopf mit
dem wunderlich gebogenen Geweih zurückwerfend flüchtig über die Büsche
hinweg in das Dickicht setzte; oder das häßliche aber komische Opossum,
das Amerikanische Beutelthier, das eigentlich, nach Australien gehörig,
nur aus Versehn hier von der Natur geschaffen scheint, wie es scheu über
den Weg lief, oder rasch an niederhängenden Weinreben emporklomm, einer
vermutheten Gefahr zu entgehen. Manchmal hielt er sogar an, um ihr auf
der Straße selber Bären-, Wolf- und Pantherfährten zu zeigen, die sie
hier auf ihren nächtlichen Wanderungen in den weichen Boden eingedrückt,
und that überhaupt Alles was in seinen Kräften stand, der jungen Dame
den langen, etwas monotonen Waldpfad so viel als möglich zu verkürzen.
So zogen sie den ganzen langen Weg dahin; die Straße war breit
ausgehauen, auf einer wie auf der andern Stelle, zeigte aber nur wenig
Gleise, mehr Hufspuren und fast noch mehr die Fährten wilder Thiere.
Dann und wann passirten sie eine große Ansiedlung, und gegen Mittag
hielten sie sogar an einem Ort, deren drei oder vier Blockhütten den
stolzen Namen einer Stadt beanspruchten. Die Leute dort, ein einziger
Farmer mit seinem Bruder, der einen kleinen Laden hielt, waren aber
nicht stolz auf diese Bevorzugung vor den Nachbar _clearings_, bestellten
ihr Land noch selber und machten neues urbar, nicht etwa Häuser darauf
zu bauen, sondern Mais hineinzupflanzen.
Dort wurde ein frugales Mittagmahl eingenommen, da fast sämmtliche
Farmer in den westlichen Wäldern, wenigstens Alle die an einer
Haupt- oder _county_straße wohnen, darauf eingerichtet sind Fremde
zu beherbergen und zu speisen. Wirths- und Gasthäuser giebt es dort
nur sehr wenige; baar Geld haben die Leute auch sehr wenig in ihrem
gegenseitigen Verkehr, da wird dann das Fremdebewirthen gewissermaßen zu
einer Erwerbsquelle, der sie sich um so lieber widmen, als sie wenig
mehr Auslagen dabei haben, wie ein paar Betten mit Matratzen und
wollenen Decken herzustellen. Die alte westliche _Gastfreundschaft_, wie
sie in früheren Zeiten Sitte war, geht dabei freilich verloren; eine
Mahlzeit kostet einen Viertel Dollar, ein Pferd zu beherbergen von einem
Viertel bis halben Dollar, je nach der Gegend, das Bett für den Gast
einen »Bit« bis ein Viertel Dollar, oder Nachtlager mit Abendbrod und
Frühstück für einen Reiter gewöhnlich einen Dollar. Daß sie Jemanden
umsonst beherbergen könnten fällt ihnen nicht ein; hat aber ein armer
Teufel wirklich kein Geld, und sagt er ihnen das gleich von vorn herein,
ehe er etwas verzehrt und genossen hat, so wird ihm selten ein
Amerikaner alles das versagen, was er ihm sonst gegen Zahlung nur
gegeben hätte.
Im Wald selbst, das heißt ab von der Straße, wohin kein ausgehauener,
von Geschäftsreisenden betretener Weg führt, und wohin sich nur der
Jäger dann und wann verliert, ist das ganz etwas anderes. Der Wanderer
theilt da Tisch und Bett mit seinem Wirth und am Morgen, fragte er
wirklich was er dafür schuldig sei, lautet die Antwort: »das Wiederkommen,
Fremder, für das was Ihr gehabt, war't Ihr willkommen; lieber Gott, es
war wenig genug, was wir Euch bieten konnten,« setzt die Frau auch wohl
hinzu.
So wenig neugierig die Leute auch gewöhnlich dabei sind, was der
Reisende treibt, woher er kommt, wohin er geht, wenn sie ihn auch
manchmal im Laufe des Gesprächs danach fragen, so erstaunt waren hier
die Waldbewohner, eine »_lady_« im wahren Sinne des Worts in seidenem
Kleid und Hut mit Handschuhen an den Händen und Ringen an den Fingern,
mit einem Schleier vor, und anderen »_fixin's_« wie sie's nannten,
_allein_ im Wald zu sehn, und wenn sie es auch nicht wagten, die Dame
selbst nach alle dem zu fragen, was sie gern von ihr wissen mochten, und
was ihnen fast das Herz abdrückte vor Neugierde, so stahlen sie sich
doch einzeln hinaus, wo Billy Jones's Mann die Pferde versorgte, von
diesem herauszubekommen was die fremde Dame vermocht haben konnte, eine
so abenteuerliche Fahrt allein zu unternehmen.
Billy Jones's Mann wußte aber auch nicht mehr, als daß die Dame mit
einem Dampfer nach Little Rock gekommen sei -- das verstand sich
ohnedieß von selbst -- und nach _Old Nitzkis_ Farm irgendwo im Busch
drin, Nord-Ost von der _Oakland grove_, hinüber wollte; es müßte wohl
eine Verwandte von _Old Nitzki_ oder seiner Frau sein.
Die Damen hätten sich übrigens die Mühe ersparen können, denn Fräulein
von Seebald kam ihnen bei Tisch auf halbem Wege entgegen, erzählte
ihnen, daß sie ihre Schwester aufsuchen wolle, die sie in zehn Jahren
nicht gesehen, und die hier, unfern von Oakland Grove an den Grafen
Olnitzki verheirathet sei, und frug jetzt selber, ob keine der Frauen
sie vielleicht kürzlich gesehen habe, und wie es ihr gehe.
Niemand kannte sie -- ein Mann wohnte allerdings dort oben im Wald, der
so hieß, er war auch verheirathet, aber noch nie hierher zu ihnen
gekommen, hatte wenigstens nie an ihrem Hause angehalten. Es sollte
übrigens vortreffliches Land sein, wo er wohnte -- nur ein wenig
sumpfig. --
»Und wie weit war es noch bis dorthin?«
»Ih nun, nicht mehr so weit; in ganz gerader Richtung hätte es kaum
vielleicht mehr als zwölf Englische Meilen sein können, aber es führte,
eines dazwischen liegenden Sumpfes wegen, kein Weg direkt dorthin, nur
die Jäger kamen manchmal dahinein; es war ausgezeichneter Jagdgrund. Wer
sonst hinüber wollte, mußte über _Rosemores_ Farm; von da führte ein
ziemlich betretener Pfad hinüber nach der Richtung, wie der alte Mann,
dem das Haus hier gehörte, meinte, und er glaubte auch gehört zu haben,
daß ein Pole da drüben ein »_improvement_« habe.«
Fräulein von Seebald begriff gar nicht daß Graf Olnitzki, der doch von
seiner Farm aus einen lebhaften Verkehr mit Little Rock, der Hauptstadt,
unterhalten mußte, hier so wenig gekannt sei; oder gab es vielleicht
einen andern Punkt im Innern, wohin er seine Produkte absetzte?
»Ih nun ja es sei möglich,« lautete die Antwort, »daß es ihm bequemer
oder ebenso bequem nach Batesville am Whiteriver wäre, wo hinauf auch
kleine Dampfer liefen.«
So mußte es auch sein; wahrscheinlich verkehrte er mit Batesville,
jedenfalls auch eine bedeutende Stadt, wenn sie Dampfbootverbindung
hatte. Viel Zeit zu weiteren Erkundigungen blieb ihr aber auch nicht
mehr, denn »Billy Jones's« Mann hatte wieder eingespannt, Rosemores
Platz noch vor Dunkelwerden zu erreichen; Fräulein von Seebald erfragte
und zahlte deshalb ihre Zeche, und wenige Minuten später rasselte der
Wagen wieder, jetzt auf etwas besserem Wege, durch den Wald weiter und
weiter nach Norden hinauf, seinem Bestimmungsorte zu.
»Dort liegt _Oakland grove_!« sagte der Fuhrmann da plötzlich, als sie
einen kleinen sandigen Hügel hinaufgefahren waren, und in der Ferne
durch den Wald ein paar helle Fenzen herüberschimmern sahen.
»Haben wir von hier noch weit bis zu der Stadt?«
»Stadt? -- was für eine Stadt?«
»_Oakland grove._«
»Ist keine Stadt; unsere Farm und der Wald hier heißt so.«
»Und wo liegt die nächste Stadt?«
»Das ist Batesville; aber noch ein hübsch Stückchen Weg bis man dahin
kommt.«
Bald darauf erblickten sie in der Ferne, an einer langen, ziemlich
gut gehaltenen Fenz hinfahrend, zwei durch eine offene Verandah mit
einander verbundene, aus gut beschlagenen Balken errichtete Blockhütten,
deren ganzes Aussehn wie Umgebung einen gewissen Wohlstand verrieth.
Eine Menge kleiner, dicht daran errichteter Gebäude dienten zu Ställen,
Maisscheuern und Futterböden, und Hühner und Gänse um das Haus herum,
wie eine Meute kleffender wohlgenährter Hunde gaben dem Platze etwas
Lebendiges, Wohnliches, hier mitten in dem stillen Wald.
Dasselbe Behäbige bot auch das Innere des Hauses, und als Fräulein von
Seebald, noch in der Thür, von einer würdigen Matrone, deren ganzes
Äußers schon einen unendlich wohlthätigen Eindruck auf sie machte, nach
kurzen einführenden Worten des Fuhrmanns, begrüßt wurde, und im Hause
selbst noch zwei reizende junge Mädchen fand, die zwar sehr einfach in
selbst gewebte Stoffe, aber nichts destoweniger höchst geschmackvoll
gekleidet waren, und als diese auch alles Mögliche thaten es der Fremden
bei sich recht wohnlich und bequem zu machen, fühlte sie sich zum ersten
Male wieder frei von jenem drückenden Gefühl, das ihr den ganzen
Nachmittag, sie wußte sich eigentlich selber keine Rechenschaft zu geben
weshalb, auf dem Herzen gelegen. Die Häuser, die sie bis jetzt hier
überall getroffen, hatten gar so ärmlich und dürftig ausgesehen, die
Menschen so kränklich und das Nothwendigste selbst entbehrend, was man
doch zu einem wenigstens menschlichen Leben bedurfte. Hier war das
anders, und der kleine Platz wirklich nicht allein praktisch, sondern
auch mit Geschmack angelegt, mit schattigen Bäumen und Sitzen vor
der Thür, und, was sie bis jetzt noch bei allen übrigen Blockhütten
schmerzlich vermißt, einem kleinen Gärtchen dicht daneben. Also das war
doch möglich -- die Wildniß bedingte nicht ein fast Indianisches Leben,
die Leute konnten es sich, wenn sie den Trieb und die Lust dazu hatten,
wohnlich und bequem machen, und mehr noch durfte sie das jetzt bei
Olnitzkis erwarten, die sogar das Bedürfniß dazu vom alten Vaterland mit
herüber gebracht.
Auch das Innere des Hauses war weit verschieden von dem der letzten
Farm, wo sie Mittag gegessen. Statt der zerbrochenen Rohrstühle und
umgedrehten Fässer, die dort als Sitze dienen mußten, fand sie hier
ordentliche Meublen; sogar einen Secretair und ein kleines dicht
besetztes Bücherbret. Große reinlich überzogene und mit bunten Decken
und jetzt aufgeschlagenem Mosquitos-Netz versehene Betten füllten den
hinteren Raum aus, große eiserne Holzstützen mit blankgescheuerten
Messingknöpfen lagen im Kamin, neben dem, ebenfalls von Messing,
Schaufel und Zange hingen; Fenster mit reinlichen Gardinen daran waren
sogar in die mächtigen Stämme, welche die Wände bildeten, eingeschnitten,
und der bald darauf mit dem weißesten Linnen bedeckte Tisch zeigte
eine Menge von delikaten Speisen.
Der ganze Platz, mit dem freundlichen Benehmen seiner Bewohnerinnen, die
ordentlich herzlich gegen sie wurden als sie erst erfuhren _weshalb_ und
wie weit sie hierher gekommen, heimelte sie an; das war, wenn auch mit
sehr bescheidenen Ansprüchen, eine Waldwohnung, wie sie sich solche früher
wohl gedacht und ausgemalt -- hier in der stillen Einsamkeit des Forst's,
unter dem leisen Rauschen der Waldwipfel, von keinen äußeren Stürmen
getroffen und berührt, lebte ein einfach glückliches Volk -- glücklich
in seiner Ruhe und Freiheit, und der Traum einer solchen Existenz, von
kalten egoistischen Menschen im alten Vaterlande oft verlacht und
verspottet, war endlich Wahrheit geworden und lag in Wirklichkeit hier
um sie her. Mit dem seligen Gefühl wuchs aber auch die Sehnsucht nach
der Schwester, und sie konnte den Morgen schon kaum erwarten, der ihr
wieder auf ihren Weg leuchten sollte, in die Arme der Geliebten zu
eilen.
Auch die Entfernung war nicht mehr so groß; nur noch zehn englische
Meilen etwa von hier -- ein flüchtiges Pferd hätte solche Strecke in
einer Stunde durchlaufen können, lag Olnitzkis Farm (das Wort Plantage
hatte sie endlich fallen lassen) oder Olnitzkis »_improvement_« wie es
die Leute auch hier nannten; wenn sie bei Zeiten aufbrachen, konnten sie
den Platz recht gut um Mittag erreichen und dann. -- Wie ihr das Herz
so ungeduldig -- so freudig und doch auch wieder so ängstlich pochte;
lieber Gott, zehn Jahre sind eine lange Zeit -- zehn Jahre hatte sie die
Schwester nicht gesehen, in den letzten Jahren sogar nicht einmal etwas
von ihr gehört, wie manches Schmerzliche ihr dabei mitzutheilen aus der
Heimath, die jene, ein Kind noch fast und von dem Glück der ersten Liebe
wie berauscht, verlassen. Die Mutter war vor zwei Jahren gestorben, und
wenn auch Sidonie die Trauerbotschaft bekommen, blieb das erste Begegnen
der Geschwister nach _dem_ Verlust doch immer schmerzlich, und mußte
ja die Freude des Wiedersehens trüben. Aber fort mit solch traurigen
Gedanken jetzt, wo sie so viel des Freudigen auch dabei brachte -- ihr
Bruder war von seinem Hofe ehrenvoll ausgezeichnet und angestellt
worden, ihre jüngste Schwester die Braut eines geliebten Mannes, ihr
Vater noch immer rüstig und gesund, stand seinen Berufsgeschäften wie
jemals vor, nur mit dem einen Verlangen, sein Kind, sein liebes Kind,
das er damals so ungern von sich gelassen, noch einmal wieder zu sehen.
Wie hatte er sich in jener Zeit gesträubt seine Einwilligung zu einem
Bündniß zu geben, das er allein der tollen Schwärmerei des Augenblicks
zugeschrieben, und in das er nur endlich willigte, sein Kind durch eine
Weigerung nicht noch vielleicht unglücklicher zu machen, als es, wie er
fürchtete, durch die Verbindung werden würde. Jetzt lag _die_ Zeit in
weiter Ferne hinter ihnen. Sidonie war glücklich geworden, wie alle
ihre Briefe ja bezeugten, und wenn sich auch die Schwärmerei der ersten
Jugendliebe in ein ruhigeres und stilleres Gleis die Bahn geöffnet, so
hatte sie doch auch mit keiner Zeile ja erwähnt, daß sie sich fortsehne
aus dem neuen, selbst gewählten Leben, daß sie bereue den Schritt gethan
zu haben, der sie aus den Armen ihrer Familie, der sie aus dem
Vaterlande riß.
Viel Unglück hatte sie trotzdem gehabt -- der älteste Knabe war ihr im
vierten Jahr gestorben, und in dem _letzten_ Brief, den sie zu Haus
geschrieben -- schon zwei Jahr her, schien ihr auch das jüngste Kind,
ein Mädchen, schwer erkrankt. Aber seit dem, und nach dem Tod der
Mutter, hatte kein Brief von ihr die Heimath mehr erreicht, und nur
ein einziges Mal war mündlich Nachricht von ihnen durch einen Fremden
hinübergedrungen, der den Grafen Olnitzki zufällig in Little Rock
gesprochen, und von diesem erfahren hatte, daß sich die Frau vollkommen
wohl befinde und in ihrem, allerdings etwas einsamen Aufenthalt von
Herzen glücklich fühle.
Wunderbarer Weise behaupteten aber auch _Rosemores_ nicht im Stande zu
sein ihr genügende oder nähere Auskunft über die, doch nur kurze Strecke
von ihnen entfernt wohnenden Leute zu geben. Olnitzki allerdings kam
manchmal herüber zu ihnen, ja hatte sogar früher schon einige Mal in
ihrem Hause übernachtet, die Frau dagegen sich noch nie bei ihnen
blicken lassen.
»Aber sie hatte doch andere Nachbarn in ihrer Nähe?«
Allerdings, _Jack Owen_ wohnte kaum tausend Schritt von ihrem Hause
entfernt an der _bearlick ridge_, und _Sam Houston_, ein anderer
Farmer hatte sich, etwa eine Meile oberhalb des »_postoak hollow_«
niedergelassen. -- Beide waren verheirathet, und verkehrten gewiß mit
einander, und besonders _Jack Owens_ junge Frau war ein liebes braves
Weibchen. Wunderbarer Weise wußten diese »Nachbarn« nicht einmal ob
Olnitzkis Kinder hatten, und wie viel -- ein oder zwei waren ihnen
gestorben, aber auch das nur als Gerücht zu ihnen gedrungen, denn dort
hinein führte kein bestimmter Weg, zu ihnen heraus kamen die Leute auch
nicht, so bildete sich denn jeder seinen Wirkungskreis in der eigenen
Umgebung, den Nachbar entbehrend und sich wenig um ihn kümmernd.
Aber was bedurfte Amalie von Seebald auch jetzt noch weitläufiger
Berichte, wo sie sich ja morgen schon -- in wenigen Stunden -- selber
von Allem mit eigenen Augen überzeugen konnte. Nur wie sie hinüber
kommen sollte beunruhigte sie noch; die Frauen vertrösteten sie aber auf
die Ankunft der Männer, die jedenfalls zum Abendbrod daheim sein und
schon Mittel und Wege finden würden sie mit ihrem Gepäck hinüber zu
schaffen. Lieber Gott, das sei nicht mehr als ihre Schuldigkeit, dafür
zu sorgen daß eine einzelne Frau, die so vertrauungsvoll hier herüber zu
ihnen gekommen war, auch nicht ohne Hülfe und Beistand gelassen würde,
und Billy Jones, der Schwiegersohn des alten Rosemore, oder Mr. Rosemore
selber fänden da schon Rath.
Hundegebell und Pferdegestampfe kündigte die Erwarteten, die irgendwo im
Walde gewesen waren nach ein paar ausgebliebenen Kühen zu sehn, auch
schon vor Dunkelwerden an, und drei Reiter hielten gleich darauf vor
Rosemores Thür, sprangen aus den Sätteln, die sie mit dem Zaum den
Thieren abnahmen, ihre weitere Versorgung einem herbeispringenden
Negerknaben überlassend, und betraten bald darauf die innere Fenz, zum
Hause kommend.
»Das trifft sich glücklich!« rief da Sarah, Mr. Rosemores jüngste
Tochter, die in die Thür getreten war den Vater zu begrüßen, »da ist Mr.
Owen von _bearlick ridge_ selber, mit Vater und Bill; der weiß Rath und
geht gewiß morgen früh ebenfalls nach seinem Haus zurück.«
»Halloh Miß Sarah,« lachte der also bezeichnete _back-woodsman_, der
die Worte verstanden hatte, und mit seinem Sattel über dem linken Arm,
seine Büchse in der Rechten, zum Hause heran kam, »haben Sie mich
erwartet?«
»Ich nicht, Mr. Owen,« lachte das junge Mädchen, »aber eine fremde
_lady_, die hier im Hause sitzt, und vor Sehnsucht nach Ihnen schon fast
vergangen ist.«
»Alle Wetter,« rief der Jäger, seinen Sattel rasch unter den Zwischenbau
der beiden Häuser legend und die lange Büchse daneben lehnend -- »eine
fremde _lady_? das wäre der Teufel.«
»Nun der _Teufel_ gerade nicht Mr. Owen,« sagte die Matrone, mit einem
leisen Vorwurf in dem Ton, mit dem sie das Wort wiederholte.
»Bitte tausend Mal um Entschuldigung Missis Rosemore,« sagte der Mann,
leicht erröthend, indem er ihr die Hand entgegenstreckte -- »es fuhr mir
nur so heraus; Ihr wißt ja schon, ich mein' es nicht so bös.«
Es war eine kräftige, männliche Gestalt, der Mann, in die gewöhnliche
Tracht der Hinterwäldler, in ein ledernes Jagdhemd mit eben solchen
Leggins gekleidet; an den Füßen trug er Moccasins von demselben Stoff,
auf dem Kopf aber einen alten abgetragenen, arg mißhandelten Filz, und
an der rechten Seite seine Kugeltasche, während an der Linken in dem
breiten Ledergürtel, das lange Amerikanische Bowie- oder Jagdmesser stak.
Das Haar war gelockt, sein Auge blau und der Ausdruck seines Gesichts
entschieden ehrlich und gerade aus, nur um den Mund und die selbst fein
geschnittenen Lippen lag ein etwas harter Zug, der aber ebensogut Muth
und Entschlossenheit deuten konnte, und den westlichen Amerikanern, die
im Wald erzogen und allen seinen Beschwerden und Gefahren von Kindheit
an preisgegeben sind, besonders eigen ist.
Jack Owen war mit einem Wort ein prächtiges Urbild jener kräftigen,
stählernen Menschenrace, die den westlichen Urwald der Union erst als
Jäger durchziehn, und dann mit ihren keck bis weit über die Grenzen der
Civilisation vorgeschobenen »_improvements_« besiedeln, dem Indianer und
Bären ihre Heimath abtrotzen, und nur mit Büchse und Axt bewehrt, im
Schatten der dichten Wildniß eine Heimath schaffen. Diese Race bildet
den Übergang von der Rothhaut zum weißen Mann, und wie der Wolfshund,
der halb dem Wolfgeschlecht noch angehörig ist, keinen ärgeren Feind
kennt als gerade den Wolf, so haßt der Pionier nichts ärger auf der Welt
als den, in dessen Fußstapfen er doch hier getreten, den rothen Sohn der
Wälder.
Als diese Männer, die mit dem freien, natürlichen Leben um sich her,
auch eben solche Sitten angenommen haben, und sich, von Anderen dasselbe
verlangend und glaubend, ebenso geben wie sie sind, das Zimmer betreten
hatten, gingen sie auf die fremde Dame zu, boten ihr zum Willkommen
freundlich die Hand, und dann ihre Sitze am Feuer einnehmend, an dem sie
ihre Moccasins auszogen, und zum Trocknen aufhingen, war ihre erste
Sorge den Frauen Bericht über die entlaufenen oder ausgebliebenen Kühe,
die wie es schien wieder eingefangen waren, abzustatten. Das Gespräch
drehte sich jetzt ausschließlich um Kühe, Rinder und Schweine, bis zum
Abendbrod, welches die beiden Töchter der alten Mrs. Rosemore indeß
bereitet hatten, und alle Theile der _range_, oder des Weidegrundes, wo
sich noch ein oder das andere Stück verhalten, wurden durchgenommen. Die
Frauen selber interessirten sich dabei so viel dafür wie die Männer, und
Fräulein von Seebald, die dabei als stille Zuhörerin mit am Kamin saß,
war wirklich erstaunt so viel Ortskenntniß bei ihnen zu finden, mit der
sie die nach Meilen entfernten Stellen im Wald bezeichneten, und ihre
Richtung dabei nicht etwa bei bestimmten Wegen, sondern nach den
Himmelsgegenden und kleineren sie durchströmenden Wassercoursen
bezeichneten.
Mit dem Abendbrod, bei dem sich Alle um die im Zimmer zusammengerückten
Tische sammelten, nahm aber auch das Gespräch eine andere Wendung; Jack
Owen wurde der Fremden als der nächste Nachbar ihrer Schwester und jenes
»Mr. Olnitzki« bezeichnet, und dann selber aufgefordert einen Rath zu
geben, wie die junge Deutsche am Besten und Leichtesten mit ihrem Gepäck
hinüber kommen könne.
Jack Owen schien übrigens die letzte Frage ganz zu überhören, denn wie
er erfuhr daß die Fremde eine Schwester der »Missis Olnitzki« und über
das Weltmeer nur einzig und allein herübergekommen sei sie zu besuchen,
sah er sie mit den klaren treuherzigen Augen eine ganze Weile ernst und
sinnend an, und fing dann auf einmal wieder, ohne ein Wort darauf zu
äußern, von vorn an zuzulangen, als ob er bis dahin ganz vergessen habe
zu essen.
»Und können Sie mir nicht etwas Näheres über die Schwester sagen?« bat
Amalie, »ich habe schon so oft und oft gefragt, und wie verschollen
schien sie dort im Wald zu wohnen; Niemand konnte mir Rede stehn,
Niemand erinnerte sich in der That sie je gesehn zu haben.«
»Lieber Gott,« sagte der Jäger, ohne sein Essen auch nur auf einen
Augenblick zu unterbrechen, »unsere Frauen kommen Alle wenig fort;
manchmal zu einer Betversammlung oder irgend einem Nachbarfest beim
Klötzerollen oder Decken-Steppen, und da die Nachbarn so dünn gesäet
sind bei uns, fällt selbst das nicht häufig vor.«
»Aber Sie kennen sie doch?«
»Ich? -- oh gewiß -- wohne keine halbe Meile davon.«
»Und es geht ihr gut? -- «
»Das kalte Fieber hat sie neulich einmal ein klein wenig abgeschüttelt,
hatte aber nicht viel zu sagen, und ist bald vorüber gegangen.«
»Und ihr Kind? hat sich das arme kleine Mädchen erholt?«
»Das Mädchen?« -- wiederholte der Mann, zum ersten Mal zu ihr
aufschauend -- »der Knabe, meinen Sie.«
»Hat Sidonie einen Knaben?« rief Amalie überrascht.
»Hm,« meinte der Jäger, sich ein neues Stück Wildpret auf den Teller
nehmend, »seit wann haben Sie denn eigentlich keine Nachricht von ihr
gehabt?« --
»Seit über zwei Jahren.«
»Lieber Gott,« sagte die alte Mrs. Rosemore.
»Dann freilich,« brummte der Jäger halb laut vor sich hin -- »seit der
Zeit ist das Mädchen gestorben und vor einigen Monaten ein Knabe geboren
worden, und _das_ Kind allerdings ist jetzt schwer krank.«
»Das Mädchen todt -- du großer Gott -- die arme, arme Sidonie.«
»Das Herz wird ihr wohl zu voll und schwer gewesen sein in _der_ Zeit
Briefe zu schreiben,« sagte die Matrone bedauernd, »ja aus_sprechen_ und
aus_weinen_ mag man sich dann wohl gern, aber zum Schreiben zwingt man
die Hand da nicht.«
»Aber wie bekommt die Fremde die vielen Sachen hinüber Mr. Owens?« fiel
Sarah hier ein, Amalie zu zerstreuen, daß sie sich nicht dem traurigen
Gedanken zu sehr hingebe -- »es wird schwer sein das Alles zu Pferde zu
transportiren.«
»Ist's denn so viel?« frug Jack Owen.
»Ei die beiden Kisten hier, dann jene Koffer dort, und diese Schachteln
und Reisesäcke.«
»Hm, das allerdings -- packt sich auch verd -- ungemein schlecht auf ein
Pferd; aber das ist das wenigste -- sind es Sachen für Mrs. Olnitzki
bestimmt?«
»Zum großen Theil; wie auch mein eigenes Gepäck.«
»Sehr gut, dann schaffen wir auch Rath,« sagte der Jäger gutmüthig --
»solltet Ihr nicht mit Euerem kleinen Wagen über die _greenbriar ridge_
hinüberkommen können, Rosemore? nachher geht's glatt und leicht durch
den offenen Wald, dicht an der Bayo hin.«
»Über die _greenbriar ridge_ mit dem Wagen, Mann,« sagte aber der Alte,
dabei mit dem Kopfe schüttelnd, »wo denkt Ihr hin; da müßten wir erst
eine ordentliche Straße durch _brushy hollow_ aushauen, und blieben
nachher noch immer im Sumpf an der andern Seite stecken. Nein nicht in
acht Tagen brächten wir das fertig, aber mit den Thieren an der _overcup
flat_ hin geht es ganz gut; die Kisten und Koffer sind eben nicht
übermäßig schwer, und lassen sich recht gut auf einen Packsattel laden.
Freilich muß man nachher tüchtig im Wald herumlaviren mit den Thieren,
freie Bahn durch die Bäume durchzufinden, aber es geht doch, und ich
getraue mich sie in fünf bis sechs Stunden hinüber zu führen.«
»Aber Euer Falbe wird das nicht tragen wollen.«
»Bah, ich habe gerade Widdersons beide Maulthiere in meiner Fenz, die er
von Santa Fé mitgebracht hat und nach Batesville hinaufnehmen will, die
mögen ihr Futter abverdienen.«
»Das wäre vortrefflich!« rief Jack Owen, »wann wird aber die Dame nach
Olnitzkis zu aufbrechen wollen?«
»Oh so bald nur irgend möglich« -- rief Fräulein von Seebald -- »ich
ginge die Nacht hindurch, die Schwester nur eine Stunde früher zu sehen,
zu begrüßen.«
»Das möchte uns durch _den_ Wald doch wohl schwer werden,« lachte der
Jäger gutmüthig, »aber morgen mit Tagesgrauen steh' ich zu Diensten,
und bin gern bereit Sie hinüberzuführen; ich gehe doch zu Haus.«
»Aber nicht vor dem Frühstück,« fiel ihnen hier Mrs. Rosemore in die
Rede, »mit leerem Magen verläßt Niemand mein Haus, wenn ich's verhindern
kann, und die Mädchen werden schon früh auf sein, daß es nicht zu lange
dauert.«
Amalie von Seebald fügte sich gern dem freundlichen Wunsch, noch dazu da
sie ihren Führer nicht auch vor dem Frühstück fortziehen mochte, und die
Männer besahen sich jetzt das Gepäck, und trafen ihre Eintheilung mit
den Packen, die auf die beiden Maulthiere vertheilt werden sollten,
wonach dann Jack Owen selber noch einmal mit seinem Pferd zurückkommen,
und den Rest nachholen wollte. Die Maulthiere sollte Bill Jones selber
mit seinem Knecht hinüber bringen, Jack Owen aber wollte rascher mit der
Lady voraus nach Olnitzkis _improvement_ gehn.
Der Morgen kam, und mit klopfendem Herzen hatte Amalie ihre Vorbereitungen
zu dem Marsch getroffen, als Jack Owen, nach beendigtem Frühstück, einen
Damensattel auf sein Pferd geschnallt, vor der Thür erschien, und die
Lady einlud sein Thier zu besteigen, während er selber zu Fuß voran
ging. Die junge Dame gestand jetzt freilich mit Erröthen, daß sie noch
nie auf einem Pferd gesessen, der Einwand wurde aber nicht beachtet;
Jack Owens Ponny war anerkannt das frömmste Thier in der _range_, ließ
vor und neben sich schießen, wie der Reiter gerade Lust hatte, und ging
seinen festen sicheren Schritt ruhig fort, fast wie ein Maulthier. Die
Mädchen halfen ihr dabei lachend in den Sattel, ordneten ihre Kleider,
gaben ihr eine kleine Gerte in die Hand, das Thier vorwärts zu treiben,
und Jack Owen, mit der langen Büchse auf der Schulter, von fünf
mächtigen Rüden umbellt, schritt ihr voran, in den dunklen Wald hinein.
Capitel 2.
Die Gräfin Olnitzka.
Im Anfang hatte Amalie von Seebald genug mit ihrem Pferd und dem neuen
Sitz zu thun, auf dem sie sich noch nicht sicher fühlte, und deshalb
auch nicht wohl befinden konnte; das Ungewohnte der Bewegung dabei, und
das öftere Anstreifen an die überhängenden Büsche nahmen ihre ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch, und ließen sie sich ängstlich dabei an den
Knopf des Sattels anhalten, nicht herunterzufallen, wie sie immer noch
fürchtete. Das gutmüthige Thier, das Jack Owen auf seinen Jagden schon
so abgerichtet hatte ihm wie ein Hund zu folgen, ging aber einen so
ruhigen sicheren Schritt, und kümmerte sich so gar nicht um die wild
und fröhlich es umbellenden Hunde, nur auf den Weg und die darüber
hinliegenden Wurzeln und Stämme achtend, daß sie sich bald daran
gewöhnte, und nach kaum halbstündigem Ritt schon fast die bis dahin
gefühlte Angst vergaß.
Jack Owen ging dabei meist vor ihr, oft neben ihr her, die Büchse auf
der linken Schulter, über deren Kolben die linke Hand herunter hing, die
Hunde hinter sich, die jetzt, im wirklichen Walde drin, keinen Lärm mehr
machen durften, etwa irgendwo stehendes Wild nicht zu verscheuchen, und
sein Blick schweifte dabei ruhig und forschend über alle offene Stellen
die sie passirten, haftete oft auf einem, vom Herbst gefärbten Busch, ob
sich nicht doch in den gerötheten Blättern die schlanke Gestalt eines
Hirsches berge, und suchte dann wieder in dem weichen Boden des Pfads
die frisch eingedrückten Fährten des Rothwildes oder Raubzeuges, die
herüber und hinüber gewechselt waren.
So hatten sie schweigend einen großen Theil des Wegs zurückgelegt, und
Amalie sah schon in jedem helleren Waldesfleck der vor ihnen lag, die so
heiß ersehnte Lichtung von ihres Schwagers Farm; aber ein Dickicht
wechselte nur mit dem anderen, der Weg, der bis dahin ziemlich breit in
den Wald hinein gereicht hatte, wurde zum engen, kaum mehr begangenen
Pfad, und noch immer zeigten sich nicht jene Spuren der Civilisation,
die unzertrennlich von einer größeren Ansiedlung sind, und wie der dünne
Rauch über einer Stadt, die Nähe des schaffenden Treibens thätiger
Menschen verrathen. Kein Fuhrwerk hatte diesem Boden hier je seine Räder
eingedrückt, keine Axt noch die mächtigen Stämme berührt, und selbst die
wenigen Pferdespuren im Pfad waren von Hirsch- und Pantherfährten fast
unkenntlich gemacht, und doch näherten sie sich mehr und mehr der Farm
des Grafen, doch konnte nur kurze Strecke Waldes mehr, sie von dort
trennen. Nur eins war da noch möglich, daß sein ganzer Verkehr mit
jener nördlich von ihm gelegenen Stadt bestand, die ihm doch wohl näher
liegen mußte als Little Rock, ja vielleicht gar durch einen Strom die
Verbindung erleichterte; aber das Herz des armen Mädchens füllte
sich dennoch, so sehr sie auch dagegen ankämpfen wollte, mit einer
unbestimmten Furcht, und wenn sie der auch keinen Namen zu geben wußte,
drängte es sie doch zuletzt, von ihrem wortkargen Führer das unheimliche
Gefühl verscheucht zu sehn.
»Es ist so einsam hier und still,« brach sie das Schweigen endlich, »und
doch können wir nicht mehr so weit von jener Farm entfernt sein, der
dieser Weg zuführen soll.«
»In einer Stunde kann man's von hier aus, wenigstens in dieser Jahreszeit
gehn,« sagte der Mann, »aber im Winter ist's weiter, denn die Gräben
sind dann mit Wasser gefüllt, und man muß Umwege machen ihrem Schlamme
auszuweichen.«
»Daß sich Olnitzki so tief im Walde angesiedelt hat,« sagte die
Deutsche, fast mehr zu sich selbst als zu dem Führer redend.
»Ja, s' ist etwas einsam hier, für eine Frau wenigstens,« lautete die
Antwort, »aber der Mann fühlt sich desto wohler unter den Bäumen, und
mir ist, wenn ich's aufrichtig gestehen soll, nichts fataler auf der
Welt, als wenn ich an eine Fenz komme -- meine eigene ausgenommen.«
»Wie es Sidonie nur ausgehalten hat.«
»Ist das der Name Euerer Schwester?« frug der Jäger, mit etwas leiserer
Stimme, und sein Blick glitt über die Gestalt der Fremden flüchtig aber
doch forschend hin.
»Ja -- kennt Ihr ihn nicht, als nächster Nachbar?« sagte Amalie rasch
und etwas bestürzt.
»Es ist Sitte bei uns, die Frauen nur nach dem Namen ihres Mannes zu
nennen,« erwiederte der Jäger, »selbst unsere eigenen; ich kann ihn aber
trotzdem doch wohl einmal gehört haben, denn ich kam früher öfter mit
Olnitzki zusammen.«
»Und jetzt nicht mehr?« --
»Oh doch ja, dann und wann wenigstens,« sagte der Mann ausweichend; »er
ist gerade ebenso wie wir Anderen -- eben nicht umgänglicher Natur, und
hält seine Büchse und Hunde für die beste Gesellschaft auf der Welt.«
»Aber die arme Frau -- _sie_ verkehrt doch wenigstens mit ihren
Nachbarn?« frug Amalie.
»Sie? -- o ja -- ja wohl« -- sagte der Jäger -- »im letzten Winter war
sie zweimal bei uns hüben, und meine Alte auch dort, und wie ihr vor
zwei Jahren das Kind krank wurde und dann starb, ist wenigstens eine
von den benachbarten Frauen fortwährend und abwechselnd bei ihr
gewesen -- sie wurde auch damals selber krank und mußte doch eine
Pflege haben.«
»Lieber Gott, im letzten _Winter_,« seufzte Amalie still und kaum hörbar
vor sich hin, und der Wald schien ihr ordentlich unheimlich dazu zu
rauschen, in seiner öden Einsamkeit. Sie fürchtete auch von dem Augenblick
an wirklich eine weitere Frage zu thun, bis ihr Führer selber wieder das
Schweigen brach.
»Ihr habt die Schwester seit langer Zeit nicht gesehn?«
»Seit zehn Jahren nicht.«
»Eine lange Zeit, und wir werden alt dabei.«
»Sidonie war noch so jung wie sie die Heimath verließ.«
»Aus glücklichen, ruhigen Verhältnissen vielleicht heraus« sagte der
Jäger, und sein Blick schweifte dabei wieder über den engen
Waldeshorizont, der ihm da frei lag, nach einem Wilde auszuspähn.
»Aus den glücklichsten,« sagte die Schwester, seufzend der Zeit
gedenkend, »lieber Gott, sie hatte Alles was das Herz begehrt, begehren
kann; in Überfluß und Reichthum erzogen, wurde sie von den Ältern auf
Händen getragen, und die glänzenste Zukunft hätte ihrer im alten
Vaterland gelacht.«
»Hm,« sagte der Jäger, seine Büchse etwas weiter zurück über die
Schulter werfend, und den Tabackssaft seines Priemchens gegen die
nächste Eiche spritzend -- »hm -- und Mr. Olnitzki hatte auch viel
Geld?«
»Der Graf Olnitzki? -- nein,« sagte Amalie, »aus Polen flüchtend, wo
sein Volk besiegt und zerstreut worden, waren ihm von dem Russischen
Czaaren die Güter confiscirt, war ihm selbst die Rückkehr in sein
Vaterland abgeschnitten worden, und jenen unglücklichen Tapferen blieb
damals nichts übrig, als in der neuen Welt auch eine neue Heimath zu
suchen und zu gründen.«
»Aber wie bekam er da so geschwind die reiche Frau?« frug der praktische
Amerikaner, halb ungläubig dazu den Kopf schüttelnd.
»Ich weiß nicht ob Sie sich jener Zeit noch erinnern,« sagte, tief
aufseufzend wieder Amalie, »weiß auch nicht ob Sie in Amerika damals
unsere Gefühle getheilt; aber in Deutschland war es fast, als ob ein
neuer lebendiger Geist über das ganze Volk gekommen, und die träumenden
Nationen aus ihrem Schlafe aufgerüttelt habe. Ein Schrei für Polen ging
durch Deutschlands Gauen, nicht bei den Regierungen zwar, die es mit dem
Nordischen Koloß nicht verderben wollten, wohl aber bei den Völkern.
Doch statt das Schwert aufzugreifen für den bedrohten, geknechteten
Nachbarstaat, begnügten sich die Männer Sammlungen zu veranstalten, den
Verwundeten und Beraubten Hülfe zu bringen, die Frauen zupften Charpie
und sandten Leinwand und Bandagen in die Lazarethe, und als die letzte
Schlacht geschlagen, als die ungeheueren Russischen Heere das kleine
Reich mit ihren Massen überschwemmten, als Polen zertreten, vernichtet
unter den stampfenden Rossen seiner Feinde lag, und die Wenigen seiner
tapferen Krieger, die sich noch bis zur Grenze durchgeschlagen, fremden
Boden Hülfe suchend betreten mußten, da war es Deutschland besonders,
das ihnen seine Arme öffnete, das sie in seine Familien, an seinen Heerd
nahm, die Kranken und Verwundeten pflegte und kräftigte, die Armen
unterstützte, die Besiegten aufrichtete, mit Trost und Hoffnung und
eigener That. Feste, Bälle und Concerte wurden gegeben, Summen zusammen
zu bekommen und den Flüchtigen Reisegeld nach Amerika zu verschaffen,
und Frauen und Mädchen besonders wetteiferten darin ihre Sympathieen für
die zertretene Nationalität der Unglücklichen zu zeigen. Wir trugen in
den Schleifen und Zierrathen unseres Costümes nur die Polnischen Farben,
Polnische Flaggen wehten in den erleuchteten Festesräumen, und viele,
viele von uns gaben was sie an Schmuck und goldenen Zierrathen besaßen
willig her, die Spende für die tapferen Krieger zu erhöhn.«
»Hm, hm, hm, hm,« sagte der Jäger, der mit dem Kopf heftig dabei
schüttelnd, rascher neben dem Pferde herging.
»Auch in unsere Familie,« fuhr Amalie fort, »hatten wir einen jungen
edlen Polen aufgenommen, der unsere Schwelle, von Fieberfrost
geschüttelt, mit einer Menge ungeheilten Wunden, mit zerrissener
Uniform, dem Untergang schon nahe, betrat, und kaum ein Lager für sich
eingerichtet bekommen, als ein hitziges Fieber sein Leben bedrohte, und
ihn für Monate an den Rand des Grabes brachte. Sidonie und ich pflegten
ihn in der Zeit wie Schwestern; Sidonie besonders wich kaum mehr von
seinem Bett, und wir hatten die Freude den Unglücklichen nach langen
Monden dem Leben, der Gesundheit zurückgegeben zu sehn. Vollkommen
endlich wieder hergestellt, und mit Allem reichlich versehn was er zu
einer so weiten Reise brauchte, wollten meine Ältern dann den Fremden
entlassen -- aber es war zu spät; Sidoniens Herz hing an dem fremdem
Mann und konnte -- wollte ihn nicht lassen. Vater und Mutter baten und
beschworen sie -- umsonst, der Pole durfte nicht länger auf deutschem
Boden weilen, unsere deutschen Regierungen fürchteten das Misvergnügen
des Czaaren zu erregen, und mit der warmen Frühlingsluft die über die
Berge zog, und unsere Ströme vom Eis befreite -- mit dem ersten Schiff,
das den aufgethauten Strom befuhr -- verließ Sidonie als Olnitzkis
Gattin das väterliche Haus.«
Amalie schwieg, und Jack Owen ging wieder eine ganze Zeitlang lautlos,
aber recht schwer aufathmend neben dem Pferde her -- endlich sagte er
leise:
»Aber Olnitzki hatte Vermögen wie er Amerika betrat.«
»Mein Vater ist wohlhabend, und wollte die Tochter nicht der Ungewißheit
einer selbst zu erkämpfenden Existenz preis geben.«
Jack Owen blieb stehen und sah die Fremde überrascht und ungewiß
an -- er hatte augenscheinlich nicht recht verstanden was sie mit
den Worten meinte.
»Olnitzki hat also sein Geld nicht mit von Polen herüber gebracht?«
frug er endlich.
»So reich er dort gewesen sein mochte,« sagte Amalie, »der Krieg
verschlang Alles, und jene edlen Herzen warfen nicht allein ihr Leben,
nein Alles was sie auf Erden ihr eigen nannten in die Schaale, das
Vaterland zu retten.«
»Hm, hm, hm, hm, hm!« sagte der Jäger wieder, und schritt rascher
vorwärts, als ob er die versäumten Minuten einholen müsse; aber er
erwiederte nichts weiter, schien sogar jedes fernere Gespräch vermeiden
zu wollen, und beschäftigte sich ausschließlich mit dem Weg, der hier
auch in der That noch eher wilder und verworrener wurde, und seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, der Fremden nur einiger Maßen Bahn zu
brechen. Amalie aber fühlte sich beunruhigt durch das ihr auffällige
Benehmen des Führers, trieb ihr Pferd, jetzt schon vollkommen an den
Ritt gewöhnt, und dreist gemacht durch den sanften Schritt des Thieres,
zu etwas schärferem Schritt mit der Gerte an, und sagte halb schüchtern,
halb entschlossen jeder weiteren Ungewißheit ein Ende zu machen:
»Wie geht es meiner Schwester -- ist sie _glücklich_, und lebt sie so
wie wir es in Deutschland erwartet haben daß sie leben würde und
sollte?« --
»Pst!« sagte ihr Führer aber als einzige Antwort, und bei der rasch
doch vorsichtig abwärts gedrehten rechten Hand, blieb das gelehrige,
aufmerksame Thier wie in den Boden gewurzelt stehn, regte sich nicht mit
dem Kopf, und schüttelte weder Schweif noch Mähne. Der Jäger aber, mit
der Hand langsam, keine rasche auffällige Bewegung zu machen, nach vorne
deutend, zeigte der Fremden, die dem ausgestreckten Finger mit den Augen
folgte, die schlanke prächtige Gestalt eines stattlichen Hirsches, der
aus einem dichten Gebüsch herausgetreten war und sich, keine Gefahr
ahnend, über eine kleine Waldblöße langsam hinüber äßte.
Vorsichtig nahm der Jäger die Mütze vom Kopf, ließ sie geräuschlos auf
den Boden gleiten, und eine Bewegung seiner Hand, mit einem Blick den
die klugen Thiere wohl verstanden, gebot den Hunden den Platz zu wahren
bis er wiederkehre. Nur Einer von ihnen, Deik, ein alter, von Narben
zerrissener Bursche mit ganz kurz abgeschlagenem Schwanz und eben
solchen Ohren, zugestutzt, als ob sein Herr eben nicht mehr von ihm
hätte haben wollen als unumgänglich nöthig war, wußte sich von dem
Befehl ausgenommen, und als der Jäger jetzt, sich nieder duckend und den
Schutz eines kleinen Busches benützend, rasch aber lautlos durch das
feuchte gelbe, den Boden bedeckende Laub hinglitt, folgte er ihm dicht
auf den Fersen, haltend, wenn jener stehen blieb, und vorsichtig
ausschreitend wenn es der Jäger für rechtzeitig hielt weiter
vorzuschleichen.
Amalie selbst vergaß aber in dem neuen Eindruck der Jagd, der jetzt den
Wald mit einem eigenen, kaum geahnten Zauber füllte für den Moment
wenigstens, alles Andere. Das edle, sich so sicher fühlende Wild; die in
das Gras gedrückten klugen Hunde; die lebendige ausdrucksvolle Gestalt
des Jägers mit dem schleichenden Thier an seinen Fersen; das Pferd
selbst auf dem sie saß, das wie ängstlich den klugen Kopf nach dem
leisen Rascheln ihres Kleides wandte; das Rauschen der mächtigen Wipfel
dazu, durch das weit, weit herüber, der gellende Schrei eines Falken
tönte -- sie preßte fast unwillkürlich ihre rechte Hand auf's Herz, so
laut kam ihr jetzt dessen Klopfen vor, und während sie in ängstlicher
Sorge um das Leben des wunderschönen Thieres bangte, das so frei und
glücklich dort durch den Wald schritt, mochte sie selbst kaum athmen,
dem Bedrohten nicht die Nähe des Feindes zu verrathen.
Jack Owen aber war in diesem Augenblick nur noch einzig und allein
Jäger; an seine Schutzbefohlene kaum denkend die er jedoch auch sicher
auf dem Thiere wußte, glitt er, jetzt den Stamm einer Eiche oder eines
Sassafrasbaumes benützend, jetzt einen Busch oder umgestürzten Baumstamm
als Schutz gebrauchend, zugleich aber auch nicht ganz direkt auf das
Wild zu, sondern etwas seitab schleichend, damit durch irgend ein
vielleicht unvorsichtig gemachtes Geräusch die Aufmerksamkeit des
scheuen Wildes nicht etwa auf das im Wege haltende Pferd gelenkt würde,
rasch und geräuschlos über den Boden hin, bis in vielleicht noch hundert
Schritt von seiner Beute. Da knickte ein trockner unter dem Laub versteckt
gelegener Zweig, und ob sich der Moccasin über ihm zusammenzog, und
Jäger wie Hund instinktartig zusammensanken wo sie standen, war der
schwache Laut doch hinübergedrungen zu dem Hirsch, der gerade selber mit
Äsen aufgehört hatte, und hinüberhorchte nach dem Schrei des Falken. Die
Thiere der Wildniß haben eine Sprache untereinander, die der Mensch
nicht versteht -- eine Stimme zu warnen und zu rufen, zu locken und zu
verscheuchen, und sie achten darauf, wenn selbst ein feindliches
Geschlecht die Warnung gäbe.
Einmal aufmerksam geworden, wußte Jack Owen aber auch recht gut, daß
sich das scheue Thier nicht wieder beruhigen würde, weitere Annäherung
zu gestatten, so also rasch die Büchse hebend, die er in der Bewegung
spannte, suchte das Auge den tödtlichen Fleck, der Finger zuckte, scharf
schmetterte der Schlag durch den Wald, und wie sich der Hirsch hob und
zusammenbrach, und wieder empor und mit wilden Sätzen in das Dickicht
hineinschnellte, fuhren die Rüden, die sich nicht länger halten ließen,
von dem Platze auf, an dem sie gekauert, und folgten heulend und
kleffend der flüchtigen Beute. Jack Owen aber wischte indessen
vollkommen ruhig seine Büchse mit dem, an den Ladestock geschraubten
Krätzer aus, lud sie wieder, und sie dann auf die Schulter werfend,
kehrte er zu seinem geduldig haltenden Pferd zurück, seine Mütze
aufzuheben, und das Thier mit sich zu der Stelle zu führen wo sie das
Wild verendet finden sollten.
»Er ist davongelaufen« sagte Amalie von Seebald, als der Schütze
herankam, und sein Pferd ihm -- ohne jedoch seine Stelle zu verlassen,
freudig entgegenwieherte -- halb zufrieden damit, halb in getäuschter
Erwartung.
»Ja Miß« lachte der Jäger, »aber nicht weit; ich bin gut abgekommen und
die Kugel sitzt, vielleicht nur ein wenig tief, auf dem rechten Fleck;
die Hunde haben ihn schon.«
»Die Hunde? wo? -- sie bellen ja noch.«
»Ja,« lachte der Hinterwäldler, »aber nicht mehr gegen den Hirsch,
sondern gegen Deik an, der Besitz von ihm genommen, und keinen
der anderen mehr hinanläßt; der alte Bursche weiß schon was sich
schickt, kommen Sie jetzt mit mir, wir gehen sogar nicht einmal um,
sondern schneiden dort hinüber durch die jetzt vollkommen trockene
Gründorn-Ebene eher noch ein paar hundert Schritte ab bis zu Olnitzkis
Fenz, die auf der anderen Seite daranstößt; ich will nur den Hirsch
aufbrechen und in die Slew hängen, damit ihn die Schmeißfliegen nicht
gleich bedecken; nachher hol ich ihn ab.«
Einen leisen Pfiff dabei ausstoßend, den das Poney gut genug verstand,
drehte er sich, von diesem jetzt dicht gefolgt, wieder auf dem Absatz
herum, und die dichtesten Plätze vermeidend, führte er die Fremde ganz
unbekümmert mitten in das Herz der Waldung hinein. Näher und näher aber
kam dabei das Bellen der Hunde und als sie diese endlich erreichten, war
es wie Jack Owen vorher gesagt. Deik hatte seinen Platz dicht neben dem
schon verendeten Hirsch genommen und sich, seiner Autorität bewußt,
ruhig dabei zusammengekauert, die Ankunft seines Herrn zu erwarten,
während die anderen Rüden ihn kleffend und knurrend, immer aber in
achtungsvoller Ferne, umsprangen, und die Zeit nicht schienen erwarten
zu können, wo ihnen ein Theil des Wildprets preis gegeben wurde. Das
geschah bald; Jack hatte im Nu den Hirsch herumgeworfen, aufgebrochen
und zerwirkt, und dann den vorderen Theil, die beiden Blätter mit Hals
und Kopf an dem das Geweih noch saß, vom übrigen Körper trennend und in
einzelnen mächtigen Stücken den verschiedenen Rüden zuwerfend, zog er
ein Stück Bast von einem dicht dabeistehenden Papaobaum ab, und durch
die Hessen der Hinterläufe des Erlegten, schleifte das Wildpret dann zum
kaum zehn Schritt davon entfernten Wasser, dem das tödtlich getroffene
Thier noch zugeeilt war, und hing es hinein, wusch sich dann selbst
die Hände in der Fluth, warf die Büchse wieder über die Schulter und
schritt, dem Poney ein neues Zeichen gebend, rasch mitten durch den Wald
hin, einer bestimmten Richtung zu.
Diese brachte die Wanderer aber nach kaum viertelstündigem rüstigen
Marsch an die Ecke eines eingefenzten, mit Mais bepflanzten, aber sonst
noch ziemlich wild aussehenden Feldes, in dem die meisten Bäume nur
geringelt und abgestorben oder mitten hinein in das Feld gebrochen,
standen und lagen, und um das hin ein schmaler Feldweg führte.
»Da sind wir am Ziel« sagte der Jäger, als er den Arm gegen das Maisfeld
ausstreckte und zugleich um die Ecke desselben bog, von der aus sie
einen freieren Blick auf die kleine Ansiedlung selber erlangen konnten,
»das hier ist Olnitzkis Feld, und er hat drüben auf der anderen Seite im
letzten Jahr noch drei andere Acker Land urbar gemacht.«
»Und wie weit haben wir noch bis zum Haus?« frug Amalie der das Herz
anfing in fast fieberhafter Aufregung zu klopfen, indem sie fast
unwillkürlich den Zügel des Poneys anhielt, sich erst zu sammeln.
»Zum Haus? -- dort liegt es« sagte der Jäger, und sein Blick haftete
wie in Mitleid auf der bleichen, zitternden Gestalt, die in Angst und
Schreck die Hände faltete, als das suchende Auge nur eine kleine niedere
Hütte traf, aus der dünner Rauch in die blaue Morgenluft emporkräuselte.
»Das?« hauchte sie mit kaum hörbarer, trostloser Stimme -- »_das_
Olnitzkis Haus? -- das der Aufenthalt meiner armen Schwester? -- «
»S'ist eben nur eine Waldwohnung« sagte der Jäger verlegen lächelnd --
»mein eigen Haus ist eben nicht viel besser, und Olnitzki will, glaub'
ich, auch ein anderes bauen; unser Klima hier verlangt es aber kaum
anders, und zum bloßen Staat wäre die Mühe hier ebenfalls weggeworfen.
Doch wollen wir nicht hinangehen?«
»Nein -- bitte, lassen Sie mich vom Pferd« bat Amalie -- »es ist nur
eine kleine Strecke -- ich will von hier zu Fuß gehn -- ich -- ich
möchte gern -- «
»Ich kann mir denken daß Sie die Schwester nach so langer Abwesenheit
allein zu begrüßen wünschen« sagte der Jäger freundlich, indem er dabei
seine Büchse an die Fenz lehnte, und sie mit starkem Griff aus dem
Sattel hob; »ist's Ihnen recht, so gehe ich indeß zurück und hole
mein Wildpret. Ich weiß nicht ob Olnitzki gerade frisches Fleisch im
Hause hat, und da er jetzt Besuch bekommen, wird ihm ein Theil davon
vielleicht willkommen sein. Wild giebt's hier noch genug im Wald, aber
es trifft sich nicht immer daß man gerade zum Schuß kommt wenn man etwas
nothwendig braucht, und besser ist besser. Sie können übrigens nicht
mehr fehlen; der Pfad hier führt Sie, an der Fenz entlang, bis vor die
Thür; das Meiste Ihrer Sachen wird auch bald eintreffen, und das Übrige
bringe ich Ihnen morgen früh.«
Er war bei den letzten Worten in den Damensattel gesprungen, und ohne
einen Dank der Fremden abzuwarten, drückte er dem Thier die Hacken in
die Seite und sprengte, von den Rüden gefolgt, rasch zurück in den Wald,
der sich im nächsten Augenblick schon wieder hinter ihm schloß.
Fräulein von Seebald blieb allein zurück, und brauchte noch Minuten, ehe
sie sich soweit sammeln konnte, der Schwester gefaßt entgegenzutreten.
Aber was zögerte sie auch hier, was fürchtete sie? -- hatte denn der
Jäger nicht vollkommen recht, und durfte sie mitten im Wald etwas anders
erwarten als die Wohnung eines Jägers? Auch Rosemores wohnten in einem
eben so unscheinbaren, vielleicht etwas höheren Blockhaus, und wie
freundlich, wie wohnlich sah es bei denen aus. Es war unrecht von ihr,
sich solch kindischem Kleinmuth in einem Augenblick hinzugeben, wo sie
ihr weitgestecktes Ziel endlich erreicht, und in den Armen der Schwester
wollte und mußte sie ja bald jede solch thörichte Furcht verscheucht,
vernichtet sehn.
Dort lag die Wohnung, und dorthin trug sie jetzt, in Freude und Sehnsucht
zitternd, der Fuß; an der Fenz hin, manchmal noch durch niederes Gestrüpp
und Unkraut das den Boden dicht bedeckte, oder auch über niedergebrochene
Stämme und Äste hin, lief und kletterte sie, von den weiten Kleidern
oft gehalten, in immer wachsender Ungeduld, und erreichte endlich den
kleinen freien, von zahmem Vieh zertretenen und etwas schmutzigen Platz
unmittelbar vor der Hütte, die in die Fenz hineingebaut lag. Hier sah
sie auch das erste lebende Wesen, denn bis jetzt hatte ihr nur der blaue
Rauch die Nähe von Menschen verrathen --eine Frau, in einem ordinairen
weiß-baumwollenen Rock -- der selbstgewebte Stoff der Backwoodsfrauen --
die vor der Thür der Hütte stand und das zu Mittag wahrscheinlich
gebrauchte Geschirr in einem hölzernen Troge reinigte. Gott sei Dank, da
war Jemand den sie erst fragen konnte ehe sie das Haus betrat, und mit
auf dem weichen Boden geräuschlosen Schritten zu ihr hinangehend sagte
sie, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn, mit lauter Stimme, aber in
Englischer Sprache:
»Guten Tag _madame_[9], könnt Ihr mir sagen ob die Gräfin -- ob Mrs.
Olnitzka zu Hause ist?«
Die Frau drehte sich nach ihr um und sah ihr starr und regungslos in die
Augen, erwiederte aber kein Wort -- sie mußte die Anrede nicht
verstanden haben.
»Entschuldigt mich liebe Frau« sagte die Fremde, den Blick dabei unruhig
nach der Thür der Hütte werfend, als ob sie von dort in jeder Secunde
die Gestalt der Schwester zu sehn erwarte -- »ich bin fremd hier -- eben
erst angekommen und suche die Dame der dieß Haus gehört.«
Die Frau hob langsam die Hände auf -- ihr Blick erst erstaunt und
erschreckt, wurde immer stierer und wilder, und während das Geschirr das
sie darin gehalten ihren Fingern entfiel, streckte sie plötzlich wie
abwehrend die Arme von sich, und den bleichen Lippen entrang sich das
Wort »Amalie!«
»Heiliger -- allmächtiger Gott!« schrie Amalie, in diesem Augenblick von
jähem Schreck getroffen, während sie ihre Stirn mit beiden Händen hielt
und die vor ihr stehende Frau anstarrte, als ob ein Geist vor ihr dem
Boden entstiegen wäre -- »Sidonie!« und die Arme nach ihr ausstreckend
umfing sie wie krampfhaft die bleiche, zitternde schmächtige Gestalt. --
»Meine Sidonie -- mein liebes liebes Herz« flüsterte sie dabei in
ängstlich liebkosender Hast, ihr die blassen eingefallenen Wangen
streichelnd und in vergehendem Schmerze fast, die abgehärmten an sie
geschmiegten Glieder fühlend, »mein armes verlassenes Kind« -- aber sie
vermochte nicht mehr zu sagen, und auch die Schwester hing lautlos --
schluchzend in ihren Armen.
Aber Sidonie faßte sich zuerst wieder, und gewaltsam die Bewegung
zwingend der sie sich im ersten Augenblick wohl unwillkürlich, unbewußt
selbst, hingegeben, strich sie die Haare aus der marmorweißen und fast
eben so kalten Stirn, und die Schwester leise auf Armeslänge von sich
pressend, schaute sie ihr voll und zärtlich in die thränengefüllten
Augen, und sagte mit leiser und so unendlich weicher Stimme:
»Amalie -- oh wie Dein lieber Anblick meinen Augen so wohl thut -- aber
wo kommst Du her -- Mädchen, um Gottes Willen, was hat Dich aus
Deutschland herüber in den Wald gebracht -- Du -- Du bist doch nicht -- «
»Herübergekommen Dich zu sehen und zu küssen« rief aber die Schwester,
sie von Neuem an sich ziehend -- »Du böse böse Frau schreibst ja doch
nicht mehr, und da wir nicht länger ohne Nachricht von Dir leben konnten,
gab der Vater endlich meinen dringenden Bitten nach und ließ mich
ziehen, Dich selber aufzusuchen. -- Aber Sidonie -- um Gottes Willen, Du
bist krank -- Du siehst bleich und elend aus, und strengst Dich dann
dabei noch übermäßig an mit unnützer Arbeit -- was lässest Du die Magd
das nicht besorgen?«
»Die Magd?« sagte die Frau verlegen wehmüthig lächelnd.
»Nun ja, Herz, oder Einen Deiner Leute -- lieber Himmel ich habe Dich ja
gar nicht wieder erkannt, als ich Dich traf, so blaß, so abgemagert
siehst Du aus -- daß wir Dich doch nie fort von uns gelassen hätten.
Aber wo ist Dein Mann? -- wo Dein Kind? und hier -- hier drinnen in dem
kleinen Häuschen wohnst Du wirklich Sommer und Winter?«
»Olnitzki ist hinaus auf die Jagd gegangen, aber ich erwarte ihn heute
zurück, und mein armer kleiner Oscar schläft -- es war recht schwer,
recht schwer krank, das Kind. -- «
»Ich hörte es schon am Weg« sagte Amalie -- »aber Du erwartest Deinen
Mann _heute_ von der Jagd zurück? -- bleibt er denn da über Nacht auch
aus?«
»Selten, aber doch wohl manches Mal.«
»Und läßt Dich mit den Leuten hier ganz allein?«
»Mit den Leuten, Amalie?« sagte die Schwester leise und mit einem halb
verlegenen halb schmerzlichen Lächeln zu ihr aufschauend -- »wir leben
hier einfacher als Ihr daheim zu glauben scheint. Der Wald erzeugt wenig
Bedürfnisse, und den wenigen zu begegnen sind wir selbst genug -- wir
halten keine Leute.«
»Keine Leute für das Feld?« rief Amalie erstaunt -- »und Dein Mann
bestellt das Alles allein?«
»In der Arbeitszeit nimmt er sich manchmal einen Mann herüber ihm zu
helfen« sagte die Frau -- »aber komm Amalie, komm in das Haus; die
Herbstsonne sengt Dir noch die Haut, und Du wirst müde von der Reise
sein; auch mußt Du mir erzählen wie und mit wem Du hierher gekommen,
mitten auf _oakland grove_ allein und ordentlich aus dem Boden
herausgewachsen. Wie ich Dich so da vor mir stehen sah, glaubt ich
wahrhaftig erst, ich sähe Deinen Geist -- aber Du wirst Dir Dein Kleid
verderben, hier bei uns.«
»Warum verderben?« lachte Amalie unter zurückgehaltenen Thränen vor,
als sie die dünne, fast durchsichtige Hand der Schwester faßte und ihren
Arm um ihre Schulter legte, sie zum Haus zu führen, »und wenn es wäre,
ist es ja doch für die Reise bestimmt.«
Sie hatten sich indeß der Thür genähert, und Sidonie streckte den Arm
aus sie zu öffnen -- aber der Arm zitterte, zögerte, und der Schwester
Hand ergreifend und sie plötzlich fest, fast krampfhaft in die ihre
pressend, sagte sie mit wie von innerer Bewegung erstickter hastiger
Stimme:
»Amalie -- meine Heimath ist nicht das was Du, trotz des ärmlichen
Aussehns zu erwarten scheinst -- wir leben einfach -- fast ärmlich, wie
der geringste Waldbewohner im weiten Reich -- Du wirst -- Du wirst Dich
nicht wohl hier bei uns fühlen -- _kannst_ es nicht, denn der Abstand
aus dem Leben das Du gerade frisch verlassen ist zu groß -- zu
-- furchtbar -- für Dich heißt das nur -- für den nicht daran Gewöhnten,
während wir es nicht besser wissen nicht besser -- verlangen.«
»Sidonie, um des Heilands Willen, was ist hier vorgegangen?« rief Amalie
in Todesangst, »was verheimlichst Du mir? was soll die Vorbereitung
jetzt bedeuten?«
»Nichts, Amalie« sagte die Frau jetzt schon gefaßter, »als Dich eben,
wie Du es nennst, vorbereiten, auf ein wildes, ungewohntes, und wie Du
es ja in Deinen Briefen mir so oft beneidet, ein -- romantisches Leben.
Schrick aber nicht davor zurück -- unter der rauhen Außenschaale birgt
es doch noch oft den süßen Kern, und hunderte von Familien leben hier im
Wald gerad' wie wir, und glücklich -- und zufrieden.«
»Aber Du?«
»Ich gehöre zu ihnen« sagte die Frau leise -- »bin eine von den ihren
und -- wenn mir mein Kind erhalten wird -- verlange ich nicht mehr.«
Ihre Sprache war dabei fast zu einem Flüstern herabgesunken, aber ein
schwacher Schrei im Inneren machte ihrem Zögern rasch ein Ende. Das
kranke Kind war erwacht und die Mutter, der Schwester kaum noch
gedenkend, stieß hastig die aus gespaltenen Bretern roh zusammengesetzte
Thür auf, zu dem Liebling zu eilen. Über dessen Lager gebeugt, und
welch ärmliches Bettchen war es für den Grafensohn, ließ sie die
Schwester auf der Schwelle stehn, und Amaliens Blick überflog schaudernd
das Innere der ärmlichen Hütte, die ihr, sie mochte sich dagegen stemmen
wie sie wollte, gerade mit den Resten mancher Überbleibsel aus
früherer, besserer Zeit, nur noch trostloser, leerer, verlassener
vorkam, als das ärmlichste Blockhaus, das sie bis jetzt im Wald gesehn.
Die Wände waren kahl und überall von den unverstopften Spalten der
übereinander gelegten und nur oberflächlich zusammengefügten Stämme
durchbrochen; nur wo die beiden schmalen, kaum mit dem nothdürftigsten
Bettzeug belegten Betten standen hatte, vielleicht die Hand der
Frau, Maisstöcke und Überreste von Kleidungsstücken hineingestopft,
unmittelbaren Zug wenigstens von dort her abzuhalten. An der einen Wand
hing ein zerbrochener Spiegel von starkem herrlichen Glas, dessen
verwitterter, einst reich vergoldet gewesener goldener Rahm durch
Streifen Hickorybast zusammengehalten wurde. Dicht daneben war ein roh
gespaltenes Bret durch hölzerne Pflöcke in den dicken Eichenstamm
befestigt, und neben einem alten Pulverhorn und ein paar nachlässig
dahinaufgeworfenen Sporen, neben Blechbechern und alten Kannen und
blechernen Tellern, standen einzelne Obertassen mit abgebrochenen
Henkeln und ausgebrochenen Stücken, aber vom feinsten vergoldeten und
gemalten Severs-Porcellan. Nur über dem Bett der Frau hingen noch zwei
Bilder aus der früheren Zeit -- die ihrer Eltern -- mit unzerbrochenen
Gläsern; aber die Feuchtigkeit des Hauses hatte das Papier vergilbt und
gefleckt, daß sich kaum noch eine Ähnlichkeit erkennen ließ.
Amalie sah nicht mehr -- heißaufquellende Thränen füllten ihr den Blick,
und als sich Sidonie von dem Krankenbett des Kindes aufrichtete, die
Hand nach ihr ausstreckte und sie zu dem Lager des armen Kleinen zog,
der in einem, aus rohen Bretern zusammengenagelten Gestell, aber auf
weichem, wohl der Mutter entzogenen Kissen sein Bettchen hatte, da brach
die Kraft die sie sich zugetraut in einem wilden Thränenstrom sich Bahn,
und neben dem Kinde niedersinkend barg sie ihr Haupt an dem Bett und
schluchzte laut.
Sidonie wollte sie aufrichten -- wollte sich und den Gatten
entschuldigen -- wollte _lügen_ daß sie sich glücklich und zufrieden
fühle hier in der freilich einsamen, ungewohnten Welt, aber -- sie
vermochte es nicht mehr. Das Jahrelang ertragene, bestandene Weh, hielt
jeden Ton, jedes Wort zurück, und bleich, zitternd, mit thränenlosem
stieren Blick stand sie neben der Knieenden und schaute still und
regungslos zu Boden.
Hundegebell vor dem Haus und Pferdegestampfe unterbrach die peinlich
werdende Stille. Amalie richtete sich rasch und wie erschreckt empor,
und auch Sidonie trat zur Thür und öffnete diese, den rückkehrenden
Gatten zu begrüßen.
»Hallo _the house_!« rief dieser schon von weitem die eigene Wohnung an
-- »heda Dony _hupih_! komm heraus Schatz und sieh was ich Dir
mitgebracht!«
Bis dicht vor die Thür sprengte dabei, von der Hand des Reiters gelenkt,
das Thier, bis es mit den Hufen die Schwelle betrat, und mit dem klugen
Kopf die Thür zu öffnen suchte, in der jetzt Sidonie erschien, und vor
der Nähe des Pferdes erschreckend, angstvoll den Vater bat des eignen
Kindes mit dem Lärm zu schonen.
»Ah paperlapapp« lachte aber der Mann, »wird ihm nicht gleich 'was
schaden -- sieh hier was ich Dir mitgebracht,« und in seinen Armen wand
sich, mit den gebundenen Pranten vergebens arbeitend, von den Banden die
ihn zusammenschnürten loszukommen, ein junger Bär, und die Hunde heulten
und klefften und schnappten am Pferd hinauf, die ihnen vorenthaltene
Beute zu ergreifen und zu zerreißen.
»Ruhe Ihr Bestien!« lachte dabei der Jäger vom Pferd herunter, »Ruhe und
nieder mit Euch Canaillen -- Dony, nimm einmal ein paar Brände heraus
und wirf sie zwischen die Satansthiere, sie ziehen mich sonst wahrhaftig
noch vom Pferd hinunter. -- Zurück mit Euch Watch und Bull -- warte
Bestie, wenn ich hinunter komme dreh ich Dir den Hals um für den Biß.«
»Das Kind ist kränker geworden als es war, Olnitzki,« bat die Frau -- »geh
nur wenigstens mit dem furchtbaren Lärm hier von der Thüre weg; es stirbt
mir ja vor Angst und Schreck.«
»Ah bah -- das ist zäh und stirbt nicht,« sagte der Mann finster, »sonst
wären wir den Jammer lange los,« und hinunter springend vom Pferd, das
er sich selber überließ, während er den jungen Bär mit riesiger Kraft in
den linken Arm gepreßt hielt, führte er mit dem scharfen Büchsenkolben
wohlgezielte Stöße gegen die heranpressenden Hunde, die sie heulend
zurücktrieben in sichere Entfernung. Den Gefangenen dann zu Boden
werfend, nahm er eine Kette herunter, die an einem der äußeren Balken
des Hauses hing, befestigte sie mit einem starken Ledergurt um den Hals
des Thieres, das er zu einem der nächsten Bäume trug, schlug das andere
Ende der Kette um einen der unteren Äste, und die Banden dann rasch mit
dem Messer lösend sprang er zurück und rief lachend.
»So mein Bursche, nun wehre Dich selber Deiner Haut! hupih! Ihr Rüden --
hupih -- jetzt thut was Ihr könnt.«
Und mit dem Jagdruf warf sich die Meute in toller Wuth gegen den kaum
entfesselten jungen Bär, und hätte ihn zerrissen, wäre dieser nicht
rasch und gewandt, seine theilweise Freiheit benutzend, an dem Stamm, an
den ihn die Kette gefesselt hielt, emporgeklettert, wo er sich dann auf
dem untersten Aste festsetzte, und mit zurückgelegten Ohren und
fletschenden Zähnen nach den gierig und wild gegen ihn aufspringenden
Hunden hinunter hieb.
»Hahahaha, das ist göttlich, das ist kostbar!« schrie und jubelte dabei
der Pole, »hupih meine Burschen, hupih! brav Watch, beinah hoch genug,
aber der schwarze Bursche theilt auch dafür böse Ohrfeigen aus -- hupih
-- hahahahaha! Aber Wetter noch einmal,« unterbrach er sich dabei, »wie
er mich selber da zugerichtet hat -- Dony, Dony, da wirst Du tüchtig mit
Nadel und Zwirn und Heftpflaster nachhelfen müssen, alle die verschiedenen
Risse an Leib und Jacke wieder in Ordnung zu bringen -- hallo -- wen
haben wir hier?«
Der überraschte Ausruf galt der Fremden, die er nicht wieder erkannte,
und in seiner Hütte fand als er die Schwelle betrat. »Wie gehts, Madame?
weshalb setzen Sie sich nicht? hier ist ja noch ein Stuhl -- wohl eine
neue Nachbarin von uns?«
»Sie kennen mich nicht mehr, Graf Olnitzki?« sagte Amalie aber auf die
englische Anrede in deutscher Sprache -- »ist mein Gesicht Ihnen in den
zehn Jahren so gänzlich fremd geworden?«
»Alle Wetter!« rief der Pole, überrascht einen Schritt zurücktretend und
die Thür hinter sich aufstoßend, mehr Licht in den inneren fensterlosen
Raum zu bekommen -- »ist das nicht -- ist das nicht Fräulein Amalie,
meine sehr verehrte Schwägerin? aber zum Teufel, Schwägerin, wo kommen
_Sie_ auf einmal her, hier mitten in den Wald hinein? -- Nun einerlei,
das erzählen Sie mir nachher; jetzt sein Sie uns herzlich willkommen,
und machen Sie es sich so bequem wie -- nun wie es die Umstände gerade
erlauben. Es ist gerade nicht _verdammt_ bequem bei uns, läßt sich aber
doch aushalten und genügt für den Wald. Gegen die Indianer leben wir
noch immer wie die Fürsten.«
Er hatte ihr dabei die rechte Hand entgegengestreckt, zog sie aber
lachend zurück, denn sie war mit Blut bedeckt.
»Um Gottes Willen wie siehst Du aus Olnitzki?« rief aber auch in
demselben Augenblick die Frau -- »zerrissen und blutig am ganzen Körper;
was hast Du gemacht?«
»Du hättest dabei sein sollen Dony,« lachte der Pole, seine Mütze in die
Ecke werfend und die ausgestreckten Arme, die Zeugniß des bestandenen
Kampfes gaben, von sich haltend. »Wie ich schon auf dem Heimweg, mein
altes Jagdunglück verwünschend, bin, und drüben an der _brushy slew_
vorüber halte, sehe ich plötzlich eine alte Bärin mit einem Jungen bei
sich, die mir die Hunde vorher auch nicht im mindesten gespürt oder
bezeichnet hatten, aus einem kleinen Schilfbruch aufstehn und das Weite
suchen. Ja wohl Weite; wir mit einem Hupih und Hurrah hinterher wie die
wilde Jagd, und wenn es die Alte auch noch eine Weile ausgehalten hätte,
konnte das Junge doch bald nicht mehr fort, und bäumte auf. Hätt' ich
schon 'was geschossen gehabt die Zeit, wär's mir nicht eingefallen mit
dem Kalbfleisch vorlieb zu nehmen, so aber dacht ich, das Ding auf dem
Baum wär' sicherer wie die magere Alte im Busch drin, warf mein Pferd
herum, sprang herunter und hätt' es nun bequem niederschießen können,
aber so leichte Jagd wär ein Schimpf gewesen, und die Büchse deshalb
unter den Baum legend, mit meinem Sattelseil umgehangen, klett're
ich hinauf zu dem kratzenden schlagenden Ding, pack' es bei einer
Hinterprante und will es eben, während es ein mörderisches Geschrei
ausstößt, mit mir hinunterziehn auf ebenen Boden, als ich die Büsche
wieder brechen und krachen höre, und straf mich Gott, wie ich mich
umsehe kommt die Alte mit zurückgelegten Ohren und weit offenem
rothglühenden Rachen -- aber zum Donnerwetter Ruhe da Ihr Bestien, man
kann ja sein eigen Wort nicht verstehn vor der Teufelsbrut -- kommt die
Alte wie ein losgelassener Satan wieder durch den Wald gesaust, und auf
mich zu. Das Junge loslassen und am Stamm herunter nach meiner Büchse
fahren war im Nu geschehn; aber kaum hatte ich Zeit den Hahn zu spannen
und zu zielen, als die schnaubende Bestie heran kam wie zehntausend
Teufel. Meine Kugel traf sie mitten durchs Herz und die Büchse
fortwerfend behielt ich gerade noch Zeit mein Messer aus der Scheide zu
reißen als sich die Wüthende, wie unverwundet, auf mich warf, und ich
fühlte wie mir Kleider und Haut in Fetzen vom Leibe flogen. Glücklicher
Weise dauerte die Geschichte nicht lange; die Kugel wirkte, und die Alte
brach todt über mir zusammen; aber nun ging der Spaß mit dem Jungen von
vorne los, und ich glaube bei Gott es ist kein handgroßer Platz an
meinem ganzen Leib, wo ich nicht einen Riß oder Biß habe, von den
Satansthieren. Du wirst mich tüchtig ausflicken müssen Dony.«
Das Kind fing wieder an zu schreien; der Lärm der Hunde draußen ließ es
nicht ruhen, und der Mann warf sich indessen, während die Frau nach dem
Kleinen sah, erschöpft und blutig wie er war, auf das Bett.
»Nun Fräulein Schwägerin, oder _Frau_ Schwägerin, ich weiß nicht einmal
wie man jetzt sagen muß so lange haben wir Nichts von einander gehört,
welchem glücklichen Ungefähr verdanken wir diesen Besuch, oder« -- er
fuhr bei einem ihn plötzlich durchzuckenden Gedanken rasch von dem Lager
auf und blickte scharf nach der Frau hinüber -- »hat mich Sidonie damit
freundlich _überraschen_ wollen?«
»Sidonie wußte so wenig von meiner Ankunft wie Sie, lieber Graf,« sagte
Amalie, die mit Entsetzen den versteckten Verdacht in den Worten fühlte,
und deren Blicken sich ein Abgrund öffnete.
»Graf?« lachte der Pole aber spöttisch auf -- »den Grafen müssen Sie
hier weglassen, Fräulein von Seebald; sieht das hier aus wie in einer
gräflichen Wohnung? -- da, das ist der Rest meiner Vergangenheit,« rief
er, während er dort an der Wand hängende baumwollene Frauenkleider
zurückschob, und einen alten mit Rost überlaufenen Cavalleriesäbel an
Tageslicht brachte -- »auch ein prächtiges Symbol,« setzte er mit
höhnischer Bitterkeit hinzu, »denn die Lumpen hängen darüber hin, und
_verstecken_ die letzten Überbleibsel des _Grafen_. Wie gefällt es
Ihnen bei uns, heh? -- hübsch nicht wahr? -- romantisch genug, nur ein
Bischen zu viel davon. Ja,« setzte er dumpf brütend dazu, während er auf
das Bett zurücksank und den Kopf in die Hand stützte, »früher war's
Anders -- besser vielleicht -- vielleicht auch nicht, und ein freies,
fröhliches Leben führen wir doch. Aber komm, komm Dony, sieh nur nach
dem Leib, der verdammte Bär hat mir doch weh gethan, und ich glaube, ich
habe viel Blut verloren, es wird mir so schwach und schwindlich auf
einmal.«
Sidonie trat zu dem Bett des Gatten, mit zitternder Hand die blutigen
Kleider zu lösen, und nach den Wunden zu sehn, die ihm der Bär im
Todeskampf geschlagen, während Amalie, die schon Hut und Tuch abgelegt
hatte, zu dem Kind ging und ihm den von der Mutter eingegossenen Trank
zu geben suchte. Olnitzki hatte dabei recht gehabt; an Brust und
Schultern trug er fast unzählige frische Wunden, keine aber glücklicher
Weise tief oder gefährlich, nur alle in das Fleisch hineingerissen, und
mit dem Verband schwand auch bald jeder Anfall von Schwäche, den
Blutverlust und übermäßige Anstrengung im Halten des jungen, schon ganz
kräftigen Bären auf wenige Momente herbeigezogen.
Sidonie bereitete dann rasch etwas zu essen für den erschöpften Gatten
sowohl, wie für die Schwester, setzte die Kaffeekanne zum Feuer, und
that Kaffee in die Mühle. Früher hätte es Amalie freilich nicht für
möglich gehalten daß die Schwester, auf deren Wink sonst zahlreiche
Dienstboten lauschten, allein, ohne eine einzige Hülfe einem solchen
Leben, solcher Arbeit preisgegeben sei; jetzt kam kein Laut des Staunens
noch des Schmerzes mehr über ihre Lippen. Sie sah, sie fühlte was,
fürchtete sogar, daß noch mehr geschehen war als sie sah, und nur die
Angst erfüllte jetzt ihr Herz, ob da zu helfen -- _wie_ da zu helfen
sei.
Stimmen wurden draußen laut, die Hunde, die sich in etwas beruhigt
hatten als der junge Bär seinen sicheren Platz auf dem Baumast nicht
mehr verließ, und auf die unter ihm gelagerten Rüden ruhig niederschaute,
schlugen wieder an, und Jack Owen's Stimme rief gleich darauf, nach
Waldes Art, das Haus an, von den Bewohnern Einen in die Thür zu ziehn.
Olnitzki sprang selber, trotz Sidoniens Bitte sich zu schonen, von
seinem Lager auf, zu sehn wer da sei, und blieb verwundert in der Thür
stehn, als er die Masse von Sachen, Koffern und Kisten auf die
Maulthiere gepackt, vor seiner Wohnung halten sah.
»Hallo Ihr Leute -- guten Tag -- was bringt Ihr da?« rief er hinaus --
»Wetter noch einmal Rosemore, seid Ihr ein wandernder Krämer geworden,
der mit seinen Packen im Lande herumzieht, Band und Stecknadeln zu
verkaufen? -- ah Jack, Ihr führt wohl die Provisionen mit? -- nur herein
mit Euch, der Kaffee wird gleich fertig sein, und ein heißer Becher voll
uns gut thun.«
»Zum Henker noch einmal, Olnitzki, wie seht Ihr denn aus?« sagte Jack
Owen, der indeß vom Pferde gestiegen war und das Wildpret auf der
Schulter auf ihm zu kam -- »wer hat Euch denn so zugerichtet?«
»Der Bursche da und seine Mutter,« lachte der Pole, auf den
aufgebäumten jungen Bär deutend, »aber was solls mit dem Wilde?«
»Ihr habt Besuch bekommen,« meinte der Jäger leicht erröthend, »und da
ich nicht wußte ob Ihr gerade frisch Fleisch im Hause hättet, wollte ich
Euerer Frau das Stück hier, das ich an der Gründorn-Ebene drüben vor
einer Stunde etwa geschossen, herüber legen -- mir sind die Woche ein
paar vor die Büchse gelaufen.«
»Und die Sachen da draußen?«
»Gehören der Dame -- Euerer Frau, Schwester, glaub' ich, die gestern von
Little Rock mit Billy Jones Geschirr herübergekommen.«
»So? -- so ist die Sache? nur herein Ihr Leute -- stellt die Geschichten
nur indeß da vorne hin, Rosemore; kann Euch wahrhaftig nicht einmal
dabei helfen, denn der verdammte Bär hat mir die Arme so zerfetzt, daß
sie mir steif und matt zu werden anfangen.«
Der alte Rosemore, der mit Bill Jones und Owens Hülfe die Kisten und
Koffer bis zum Haus geschafft, trat jetzt mit diesem hinein, begrüßte
die Frauen, frug nach dem kranken Kind, das er sich aufmerksam betrachtete
und der Mutter verschiedene Kräuter anrieth, ein Bad daraus zu bereiten,
und ließ sich dann von Olnitzki sein Abenteuer mit dem Bär erzählen,
wollte aber unter keiner Bedingung mit zum Essen bleiben; er sah wie
beengt der Raum schon ohnedieß da war, und weigerte sich auch schon
jetzt eine Bezahlung für den Transport der Sachen anzunehmen. Die
Maulthiere gehörten nicht ihm, wie er sagte, und er mußte den
Eigenthümer erst fragen, was er für den halben Arbeitstag für sie
verlange -- seinen eigenen Spatziergang verstünde es sich wohl von
selbst, daß er den nicht rechnete.
Olnitzki redete den Nachbarn auch eben nicht besonders zu noch zu
verweilen, und eine Viertelstunde später trabten diese wieder, auf den
indeß ausgeruhten Thieren, der eigenen Heimath zu.
Sidonie hatte indessen der Schwester Hülfe für heute, da sie ja noch
nicht bescheid wisse in Haus und Wirthschaft, lächelnd abgelehnt, und
Kaffee gemahlen und von dem frischen Fleisch in die Pfanne geschnitten,
so daß bald ein recht gutes, nahrhaftes Mahl von Maisbrod und Wildpret,
Honig und Kaffee auf dem reinlich gedeckten Tische dampfte. Nur mit
Sitzen, wie mit Geschirr und Messer und Gabeln sah es ärmlich aus.
Amalie bekam die einzige noch ordentliche Gabel mit dem dazu gehörigen
Messer, Olnitzki nahm seinen Genickfänger, mit einer einzinkigen Gabel,
das Fleisch, das er schneiden wollte, damit zu halten, und Sidonie
benutzte ein ausgeschnittenes Stück Rohr, das allem Anschein nach schon
lange diesen Dienst verrichtet, abwechselnd des Gatten Messer dabei
gebrauchend. Auch für den Kaffee bekam die Schwester eine der freilich
henkellosen Tassen aus der alten Zeit, und wenn die Untertasse auch
nicht dazu paßte, trank es sich doch besser daraus wie aus den
Blechbechern, die von Olnitzki und seiner Frau benutzt wurden. Aber ein
eigenes unheimliches Gefühl bemächtigte sich der Schwester, als sie den
breiten Goldrand des zerbrochenen Geschirrs neben der blechernen
Schüssel stehen sah, und dann der Zeit gedachte wo sie selber diese
Tasse einst der jungen hoffnungsseligen _Braut_ geschenkt.
Das Gespräch bei Tisch war ziemlich einsylbig, und Sidonie selber konnte
kaum fünf Minuten hintereinander auf ihrem Platz bleiben, so nahm das
kranke Kind sie noch in Anspruch; Olnitzki aber neckte Amalie dabei, daß
sie so viel Gepäck mit in den Wald gebracht, wo sie so wenig brauchten,
und war dann selber neugierig zu sehen was die Kisten enthielten, als
ihm die Schwägerin sagte daß das Meiste darin nur für ihn und seine Frau,
wie für sein todtes kleines Kind bestimmt gewesen, dessen Hinscheiden
sie nicht einmal erfahren.
Einige Schwierigkeit hatte es für ihn, als das Essen beendet und das
Kind in Schlaf gebracht worden, die Kisten mit seinen verwundeten Armen
zu öffnen, aber es gelang ihm endlich, und Amalie suchte jetzt im
Auspacken die Schwester -- ja sich selber zu zerstreuen, denn Manches
hatte sie mitgebracht ihr und dem Gatten eine Freude zu machen. Aber,
lieber Gott, bei der Auswahl der Dinge war es ihnen daheim freilich
nicht eingefallen die Lieben in dem fernen Lande sich in solchen
Verhältnissen zu denken, als sie dieselben jetzt gefunden, und
wunderlich nahmen sich die prachtvollen Stickereien von Cigarrentasche
und Lesepult, Briefmappe und Taschenbuch, die Spitzenhauben und
Glacéhandschuh, das kleine reizende Dejeuner vom feinsten gemalten
Porcellan, das auf seinen Kannen und Tassen Landschaftsscenen aus
Sidoniens Heimath trug, die reich verzierte Lampe, die niedlichen
gestickten Pantoffeln, und alle die anderen unendlich geschmackvoll und
elegant gewählten Sachen in der ärmlich wilden Hütte aus, die ihr graues
Bretdach über sie spannte.
[Illustration: Capitel 2.]
Sidonie saß mit gefalteten Händen still daneben, und wagte kaum die
Gegenstände zu berühren, während sie Olnitzki langsam eins nach dem
anderen in die Hand nahm, lächelnd herüber und hinüber drehte, und dann
auf den, zu dem Zweck abgeräumten Tisch hinstellte.
»Hahahaha,« brach er endlich in einem wilden, unnatürlichen Humor heraus,
»wie die Burschen, unsere ungeschlachten Nachbarn schauen sollen, wenn
sie die wunderlichen »_fixins_« zum ersten Male sehn, wie sie staunen
und sich den Kopf zerbrechen werden, zu was dieß und das, und jenes da
bestimmt ist -- hab' ich's doch selber fast vergessen« -- setzte er
leise, und unheimlich dabei lachend hinzu. -- »Und wie prächtig das
Dejeuner zu dem alten Blechtopf paßt, und die Glacéhandschuh hier zu
_den_ Fäusten; Schwägerin, Schwägerin, ich fürchte Sie haben da viel
Geld nutzlos verschwendet, und uns nur Illustrationen zu dem Bilde
mitgebracht, wie Sie sich, trotz allen unseren Schilderungen vom
Gegentheil, unser Wald- und Jägerleben hier eigentlich ausgemalt. Es
fehlte jetzt nur noch ein Kronleuchter -- erinnerst Du Dich noch,
Sidonie, wie so ein Ding aussieht? -- unseren _Salon_ würdig zu
schmücken.«
»Aber Sie wollen doch nicht immer ein solches Leben fortführen,
Olnitzki?« sagte Amalie mit vor Angst und innerer Aufregung fast
erstickter Stimme -- »wenn auch _Ihr_ kräftiger Körper solche
Entbehrungen leicht erträgt, sehen Sie dagegen wie die Schwester
hingewelkt -- denken Sie sich das junge lebenslustige glückliche Weib,
das sie aus ihrer Eltern Haus mit sich hineinnahmen in die Welt, und
sehen Sie _jetzt_ die arme Gattin an.«
»_Arme_ Gattin?« wiederholte Olnitzki, finster die Stirn runzelnd, »das
Weib soll dem Mann folgen in Glück und Leid, und wo sie _zusammen_
tragen, hat sich, meiner Meinung nach, kein Theil zu beklagen.«
»Aber Sidonie -- « wollte Amalie erwiedern, doch ein ängstlich flehender
Blick der Frau hielt das Wort auf ihre Lippen gebannt und Olnitzki, eine
mit den Farben seines Vaterlands gestickte Cigarrentasche in der Hand,
saß lange in dumpfem Brüten darauf niederstarrend. -- Aber der böse
Geist wich von ihm; tief aufseufzend strich er sich mit der Hand die
Falten von der Stirn und die Tasche auf den Tisch, zu den übrigen Sachen
legend, sagte er mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen:
»Nichts für ungut, Schwägerin, die verdammten Risse, die mir der Bär
heute versetzt, brennen mich, morgen ist das vorüber -- herzlichen Dank
für alles das was Sie uns so weit herüber gebracht; es war ja so gut
gemeint, und wird Sidonie viele Freude machen; sie hängt doch wohl noch
ein wenig an den alten Geschichten. Bereite der Schwester dann ihr Lager
auf meinem Bett, Dony, ich lege mich hier zum Kamin -- keine Umstände
Schwägerin,« setzte er lachend hinzu, als er sah daß sie dagegen
protestiren wollte, »Sie kommen um Nichts besser weg, denn es ist hart
genug, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich auf meinem alten Bärenfell
hier dicht am Feuer nicht am Ende noch weicher und wärmer liegen werde,
wie Sie da drüben. Jetzt aber gute Nacht, mir fängt der Kopf so wieder
an zu schwindeln, und ich muß morgen früh hinaus, den Bär zum Haus zu
holen, der noch draußen, eben nur aufgebrochen, im Walde liegt. So mein
Kind --das thuts -- das ist gut genug,« sagte er zur Frau, die ihm das
Fell indeß vor das Camin gezogen und ein Kopfkissen mit einer wollenen
Decke darauf gelegt hatte -- »das ist gut genug, nun laßt mich schlafen,
und morgen früh, soll uns die Schwägerin recht viel von zu Haus -- von
Deutschland erzählen.«
Capitel 3.
Der alte Herr Hamann.
Das Kost- und Logirhaus oder »Bordinghaus« nach dem Amerikanisch-deutschen
Ausdruck in New-Orleans, dessen Schenk- und Gastzimmer wir schon einmal
besucht haben, war eins jener alten französischen Gebäude, welche von
den ersten Ansiedlern der Stadt noch in einer Zeit errichtet worden,
wo der Platz selber, auf dem es stand, wenig Werth hatte, und nahm
deshalb, für seine niedrige Dachung, einen unverhältnißmäßig großen
Flächenraum ein. Auch das darauf errichtete Haus sah verwittert und
baufällig genug aus, mit den alten Hohlziegeln auf dem Dach und den,
ihres Kalkes an vielen Stellen beraubten Wänden, der halben hölzernen
Verandah oder Gallerie vor der ersten Etage, und dem entschieden in
sich zusammengeknickten Giebel. Der Eigenthümer aber, ein schon einige
zwanzig Jahr im Lande ansässiger Deutscher Namens Hamann, wollte das
alte Nest, trotz recht guten Geboten, die ihm darauf gemacht worden,
nicht verkaufen, und behauptete jedesmal, wenn wieder dazu gedrängt, so
lange _er_ lebe, halte es auch, ernähre ihn dabei gerade, und sei seit
so langen Jahren nun eine Heimath ankommender Deutscher gewesen, daß es
diese vermissen würden, wenn sie nach Amerika kämen, und das könne er
nicht über's Herz bringen.
Es war etwa drei Wochen nach der Landung der Haidschnucke in New-Orleans,
als der biedere Christoph Hamann in seiner eigenen Wohnstube oben saß,
und emsig beschäftigt war einen ziemlich ansehnlichen Koffer mit
Chirurgischen Instrumenten, der vor ihm im Zimmer stand, einzupacken und
die auf dem Tisch umherliegenden Instrumente selber, wo sie hie und da
etwas von Rost gelitten hatten, zu putzen und wieder herzustellen.
An einem erhöhten Pult, neben dem nächsten Fenster, stand ein junger,
vielleicht vierundzwanzigjähriger Mann, der Sohn des alten Hamann, in
weißer Jacke und Hose, den breiträndigen Strohhut neben sich auf dem
Stuhle, und notirte die einzelnen Gegenstände, die ihm der Vater, wie er
sie in den Koffer legte, diktirte.
»So« -- sagte der Alte, der mit dem Einpacken ziemlich fertig war, und
eben noch ein Etui mit verschiedenen Messern und Lanzetten vom Tisch
nahm und öffnete -- »hier noch das Besteck mit -- Donnerwetter da sind
eine ganze Menge Geschichten darin -- mit einer Quantität Messer und
Eisen und Feilen -- was weiß ich wie die Dinger alle heißen -- warte
einmal wir können sie wenigstens zählen -- fünf, acht, elf, fünfzehn,
und hier noch vier sind neunzehn, und hier die drei kleinen Dinger sind
zweiundzwanzig Stück. Das Leder außen sieht ebenfalls noch ganz wie neu
aus -- na Du wirst schon sehen was Du dafür bekommst.«
»Vater, die eine Tasche ist fast so viel werth, wie Euch der Mann im
Ganzen schuldig war,« sagte der Sohn.
»Was verstehst denn _Du_ davon?« brummte aber der Alte mit einem
mürrischen Seitenblick auf den jungen schlanken Burschen, dessen
gutmüthig offene Züge tiefes Roth in diesem Augenblick färbte --
»bekümmere Du Dich da um Deine Schreiberei, und misch Dich nicht in
Sachen die Dich nichts angehn, und von denen Du keine Idee hast.«
»Der Mann war bei mir und hat mir seine Noth geklagt!« sagte Franz, der
Sohn.
»Noth geklagt?« fuhr aber der Alte unwillig auf, »der hat auch noch über
Noth zu klagen; erst liegt er bei mir hier fünf Wochen im Haus und ißt
und trinkt, ohne einen Pfennig zu zahlen, nachher geb' ich ihm noch
Reisegeld und ein Gewehr, das mich selber fünfundsiebzig Dollar gekostet
hat, und schicke ihn in's Innere, und nun soll ich auch noch seine
Sachen wieder herausgeben und gar Nichts haben, heh? -- Und ist die
Zeit, in der er es abholen mußte nicht etwa schon seit acht Tagen
verfallen? Hätt' er mir _vor_ der Zeit gezahlt was er mir schuldig war,
so konnte er seinen Bettel, der mir überdieß hier lange genug im Wege
gestanden, ruhig wieder mit fortnehmen, ich wäre der letzte gewesen, der
ihn daran verhindert hätte -- hab' ich so vielen Deutschen fortgeholfen,
würd' ich den auch nicht haben sitzen lassen, aber jetzt ist die Zeit
vorbei -- die ganze Sache ist ohnedieß schriftlich abgemacht, und wenn
er sich im Recht glaubt, soll er mich verklagen; Christoph Hamann ist
nicht der Mann, der einer gerechten Sache aus dem Wege geht.«
Der Sohn seufzte tief auf und begann wieder, ohne etwas weiter gegen den
Vater zu äußern, an seiner Arbeit, bis ihn der alte Herr Hamann mit einer
neuen Frage unterbrach.
»Ist der Elsasser wieder da gewesen, wegen dem Land?«
»Ja, gestern Abend.«
»Nun? -- und hat das Geld nicht mitgebracht?«
»Er hatte es, verlangte aber von mir vorher eine genaue Beschreibung des
Landes, wie es gelegen sei, ob sumpfig oder gesund und da -- «
»Hast Du ihm doch wohl nicht etwa in Deiner Dummheit von dem Bischen
Wasser darauf erzählt?« fuhr der Alte heftig in die Höhe.
»Ich mochte nicht lügen, Vater« sagte der junge Bursche entschlossen.
»Na nun wird's Tag!« schrie aber der Alte, mit der geballten Faust
zornig auf den Tisch schlagend -- »füttern soll ich Euch Alle hier, und
die theuere Wirthschaft in Stand halten, Taxen soll ich bezahlen und
Provisionen für alles mögliche Lumpengesindel, das hier herüberkömmt von
Europa, und wenn sich die Gelegenheit bietet einen ehrlichen Pfennig zu
verdienen, schlägt mir den der eigene Sohn vor der Nase weg.«
»Ich hielt das für keinen _ehrlichen_ Pfennig, Vater« sagte Franz
entschlossen.
»_Du_ hieltest es nicht dafür, Holzkopf -- _nun_ freut mich mein Leben,
_Du_ also hieltest es nicht dafür. Ich will Dir einmal sagen was ich von
_Dir_ halte: daß Du ebenso nach Amerika paßt, wie ein wilder Ochse in
eine Porcellanhandlung. Wenn _das_ also Alles ist, was Du während den
zwei Jahren die ich Dich zu Deiner Ausbildung in Deutschland in einem
Geschäft gehabt, gelernt hast, dann kann ich mir gratuliren das
Reisegeld aus dem Fenster geworfen zu haben, und je eher Du machst daß
Du wieder hinüber kommst, desto besser.«
»Aber Vater diese unglücklichen Menschen die hier nach Amerika
herüberkommen, sind ja so schon arm und elend genug -- wir wollen uns
doch nicht an ihnen bereichern.«
»Wollen wir nicht, so? -- aber von was wollen wir denn _leben_ heh?«
rief der Alte -- »der Mosje schwatzt da in's Blaue hinein und bringt mir
moralische Grundsätze auf einen Amerikanischen Markt, die gerade so gute
Geschäfte machen würden, wie ein Zahnarzt bei den Indianern. Junge,
Junge ich glaubte Du hättest ausgelernt, und sehe jetzt daß Du wieder
ganz von vorne anfangen mußt. Die Reise nach Arkansas wird Dir übrigens
gut thun, mein Geschäftsfreund dort, der einen besonders lebhaften
Whiskeyhandel nach dem Indianischen Territorium treibt, ist ein höchst
praktischer gewiegter Bursche, und wird Dir die deutsche Schlafmütze
schon aus den Gliedern treiben, und Du mußt dann endlich einmal lernen,
daß das deutsche Gesindel, das hier zu uns herüberkommt und mit seiner
Überklugheit immer unser ganzes Amerika verbessern will, nicht eher
Verstand bekommt, bis es seinen letzten Groschen an den Mann gebracht
hat; wer also dazu beiträgt daß das recht bald geschieht, thut den
Leuten nur einen Gefallen, und ist ihr wahrer Freund, und nach _den_
Grundsätzen handle ich, wie sich der junge Herr merken kann, und wonach
er zu achten hat -- verstanden?«
»Lieber Vater« sagte Franz, der sein Pult verlassen und die Feder
niedergelegt hatte, ruhig und bestimmt »Sie haben sich da einen Weg
vorgezeichnet, dem ich im Leben nicht folgen kann und will. Es mag,
wie Sie vielleicht recht haben, viel Gesindel aus Europa zu uns
herüberkommen, aber es kommen auch viele wackere, wenngleich arme
Familien herüber, und die gerade sind es dann, die von Agenten und
Seelenverkäufern ausgezogen und beraubt, anstatt von dem Staat, dem sie
ihre Kräfte weihen wollen, dem sie ihr Alles herüberbringen was sie auf
der Welt noch das ihre nennen, unterstützt und geschützt zu werden.«
»Auch noch?« rief der alte Hamann verwundert aus -- »wir sollen wohl
noch überselig sein wenn sie ankommen, und sie füttern und pflegen und
sie noch bitten nur um Gottes Willen Nichts zu arbeiten, daß sie sich ja
nicht die faulen Knochen strapeziren. Gott verdamm mich, Junge, Du
schwatzest da Zeug daß man verrückt werden möchte.«
»Ich spreche nur von etwas« rief sein Sohn, in edlem Eifer erglühend,
»das mir schon lange auf der Seele brennt und das, neben der Sclavenfrage,
ein Schandfleck für die Union ist -- ich spreche von dem unbeschätzten
Zustand, in dem sie gerade _die_ Menschen an ihrer Küste berauben und
plündern läßt, die das Mark ihrer Bevölkerung bilden, und ohne welche
die einzelnen Staaten schon in ihren Schulden erstickt und zu Grunde
gegangen wären -- die fleißigen Ackerbauer die den Boden urbar machen,
die den Verkehr brechen für Dampfschiff und Eisenbahn, die den Werth
des Landes in den meisten Staaten um das zehnfache, in vielen um das
hundertfache vermehrt haben, und anspruchslos und thätig dabei ihre
stille ruhige Bahn fortgehn.«
»Und was soll der Staat mit denen anfangen? was sollte er für die thun?«
sagte der Alte mit einem spöttischen, ja fast verächtlichen Lächeln, »die
der Mosje da für die _Geplünderten_ und _Beraubten_ hält, und seinem
eigenen Vater dabei gewissermaßen _Plünderung_ und _Raub_ unter die Nase
reibt, heh?«
»Er sollte in den Haupthafenplätzen seines großen Reiches, in New-Orleans
und New-York, in Philadelphia, Baltimore und wie sie heißen, Häuser
errichten, in denen die Armen, wenigstens die ersten Wochen hindurch,
ein Unterkommen, im Nothfall _unentgeltlich_ fänden, und wo ihr
Eigenthum, wenn sie in das Land hinein müssen Arbeit zu suchen, von
geschworenen Beamten, sicher und vor Verfall geschützt, aufbewahrt
würde, bis sie im Stande wären es zu reclamiren.«
»Könnte gleich eine Kleinkinderbewahr-Anstalt damit verbunden werden«
lachte der Alte.
»Wollte Gott es geschähe« rief Franz, »tausende von Kindern, die später
einmal unsere besten und kräftigsten Bürger bilden, würden dann vor
Elend und Untergang bewahrt.«
»Aber was sagst Du _mir_ das hier?« rief der Alte endlich ungeduldig
werdend -- »was hab' _ich_ damit zu schaffen? warum gehst Du damit nicht
zum Gouverneur oder zum Präsidenten, und stellst ihm einmal die
Geschichte vor? Der wird mit dem größten Vergnügen darauf eingehn.«
»Der Präsident kann dabei noch Nichts thun,« sagte aber der Sohn, den im
Spott gemachten Vorschlag ganz ernsthaft nehmend -- »nein, die einzelnen
Staaten müssen das aus sich selber kräftig schaffen und herstellen; die
einzelnen wohlhabenden Bürger zusammentreten, und zum Besten ihrer
eigenen Stadt ein solch Asyl gründen. Wie viel tausend Menschen sehen
in Amerika die Hand, die sich ihnen und ihrer Noth Hülfe bietend
entgegenstreckt -- wie viel tausend finden aber nur daß eben die Hand,
anstatt sie zu stützen und zu halten, in ihre Taschen greift, und sie
des letzten beraubt was sie noch mitgebracht, sich selbst zu helfen. Oh
Vater, Sie sind reich -- wenn Sie den Anfang machten zu solchem großen
Werk.«
»Du bist ein Esel hätt' ich bald gesagt« unterbrach ihn der Alte aber
hier mürrisch, »Donnerwetter, jetzt hab' ich den Unsinn satt, nun mach
daß Du fortkommst, und sieh daß Du mir vor allen Dingen den Elsasser
wieder findest -- schick' ihn mir nur herauf; ich will schon mit ihm
fertig werden.«
»Vater!« rief Franz in edler Entrüstung sich gegen einen Auftrag
sträubend, den er selber für unredlich und schlecht hielt, »Vater ich
passe nicht zu dem, zu dem Sie mich machen wollen; lassen Sie mich fort,
allein in die Welt hinaus und ich will mir mein eignes Fortkommen schon
gründen, mir schon Bahn brechen zu einem neuen frischen Leben, und wenn
ich mir mein Brod im Anfang mit der Schürstange, oder mit Axt und
Schaufel verdienen sollte.«
»Und das Geld das ich für Deine Erziehung verwandt?« rief der Alte
ärgerlich -- »wer zahlte mir denn die Zinsen? Schöne Wirthschaft das,
nicht wahr, wenn die Zeit jetzt gekommen ist, wo Du Deinen alten Vater,
der Niemanden auf der Welt weiter hat auf den er sich verlassen kann,
unterstützen solltest, und dann von ihm fortlaufen willst ein eignes
Geschäft anzufangen? Was würde dann aus den paar Dollarn, die ich
mir erspart, wenn ich die Augen einmal zudrücke, und fremde Menschen
dann hier um mich her säßen, die sich die eigenen Taschen in aller
Geschwindigkeit füllen würden? was würde aus dem Geschäft selbst, das
ich seit ein paar Jahren endlich zu einer Art Aufschwung gebracht, und
das nie, so lange ich und Du es verhindern können, in fremde Hände
fallen darf? -- Unsinn Franz, Du weißt gar nicht _was_ Du von Dir stoßen
willst, irgend einer fixen wahnsinnigen Idee, die eben unausführbar ist,
nachzulaufen. Mach jetzt daß Du fortkommst und thue was ich Dir befohlen
habe; ich will Nichts mehr wissen sag ich Dir,« schrie er den Sohn
unwillig an, als dieser wieder etwas entgegnen wollte, und Franz
verließ, tief aufseufzend, aber mehr als je entschlossen seine Hand zu
Nichts zu bieten, was er nicht vor dem eigenen Gewissen verantworten
könne, das Zimmer.
In diesem aber ging, die Arme auf den Rücken gekreutzt mit raschen,
unruhigen Schritten der alte Hamann auf und ab, leise Flüche in den
Bart murmelnd, und mit dem Kopfe dazu finster und unwillig schüttelnd.
Draußen klopfte Jemand leise an die Thür.
»Herein!« rief der Alte barsch.
»Herr Hamann zu sprechen?« frug eine freundliche Stimme.
»Ah, Sie kommen mir gerade wie gerufen, Messerschmidt« rief ihm der Alte
rasch entgegen -- »sind Sie meinem Jungen begegnet?«
»Herr Hamann _junior_ waren eben so freundlich mich auf der, etwas
dunklen Treppe, beinah über den Haufen zu rennen.«
»Er ist verrückt der Bengel!« rief der Vater.
»Verliebt vielleicht« lächelte Herr Messerschmidt.
»Gott bewahre; er will eine deutsche Kleinkinderbewahr-Anstalt, und ein
_gratis_ Einwanderungshaus gründen.«
»Bah,« sagte Herr Messerschmidt, »das ist eine Idee die am Besten durch
dasselbe Mittel curirt wird, das sie allein in's Leben rufen könnte.«
»Und das wäre? -- «
»Geld,« sagte der Agent, achselzuckend -- »das ist die alte Geschichte
die nur von solchen immer vorgebracht wird, die gerade kein eignes Geld
zur Verfügung haben, es darauf zu verwenden. Überweisen Sie Ihrem Herrn
Sohn ein Vermögen, und er wird etwas Gescheidteres damit anfangen.«
»Vermögen überweisen,« brummte der Alte -- »Sie reden da hinaus, als ob
ich zwei oder mehr zu vergeben hätte. _Das_ ärgert mich ja gerade, daß
der junge Laffe eben das ruiniren will, womit sich sein armer alter
Vater das Brod verdienen muß; unter dem Leib will er mir den Stuhl
fortziehn, und sein schmutziges Zwischendecksgesindel darauf setzen; es
ist zum Verzweifeln.«
»Unsinn,« lächelte Herr Messerschmidt -- »lassen Sie uns von etwas
Vernünftigerem reden; das ist eine Idee die in schönen, wohlklingenden
Redensarten verraucht, und wenn Sie mir folgen, geben Sie ihm vollkommen
recht, muntern ihn noch dazu auf etwas derartiges zu beginnen und
versprechen ihm ihre thätige Hülfe und Unterstützung.«
»Daß ich ein Narr wäre,« rief der Alte, »der Junge hielte mich beim Wort,
und was das Schlimmste ist, er jagt mir schon jetzt die Kunden aus dem
Haus hinaus, und wäre im Stande den eigenen Vater an den Pranger zu
stellen.«
»Das wäre allerdings fatal,« sagte Herr Messerschmidt, die Augenbrauen in
die Höhe ziehend und plötzlich ganz ernsthaft werdend, »wenn die Sache
_so_ steht, bester Herr Nachbar, da möchte ich Ihnen denn doch rathen,
den Burschen lieber aus dem Haus zu thun, und Jemanden hinein zu nehmen,
auf den Sie sich sicher verlassen können. Ich selber würde -- «
»Ihnen meinen eigenen Sohn vorschlagen, heh?« fiel ihm der Alte kurz
und mit einem mistrauischen Blick in die Rede -- »hab' ich recht oder
nicht?«
»Nun der Junge hat Talent und guten Willen.«
»Glaub' ich,« brummte der Alte, »aber mein eigen Fleisch und Blut steht
mir näher, und ich werde den Jungen schon zur Raison bringen; er muß mir
gehorchen, oder -- aber hol's der Teufel, wir wollen von 'was Anderem
reden,« unterbrach er sich plötzlich selbst, -- »kommen Sie wegen der
Pfandgeschichte?«
»Oh Gott bewahre,« lachte Herr Messerschmidt, »die Sache ist ganz
einfach; der junge Bursche behauptet, die beiden goldenen Uhren bei
Ihrem früheren Barkeeper, von dem er auch die Quittung hat, versetzt
zu haben; der ist jetzt fort, Niemand weiß wohin, und ich habe ihm
nun den guten Rath gegeben, einen Aufruf an ihn in dem New-Orleans
Advertiser abdrucken zu lassen, daß ihm nachher Niemand darauf antwortet,
versteht sich von selbst. Nein, lieber Hamann, ich wollte unsere kleine
Speditionsrechnung in Ordnung bringen -- brauche gerade Geld, und muß
vor dem neuen Jahr meine Casse jedenfalls reguliren.«
»Und wie viel macht's im Ganzen?«
»Hundert und sieben und neunzig Dollars fünfzig Cent.«
»Seit zwei Monaten?«
»Ja, und einige Tage -- Ihre Geschäfte sind brillant gegegangen, hier
ist übrigens auch die specifirte Note.«
»Hm, hm,« sagte Herr Hamann, das ihm überreichte Papier öffnend und
langsam durchlesend -- »da steht ja der Goldschmied mit 10 Dollarn
darauf, der nur acht Tage im Hause blieb und nicht einmal sein Boarding
zahlte, -- was fällt Ihnen denn ein? -- den müssen Sie streichen.«
»Er war gestern bei mir;« sagte Herr Messerschmidt lächelnd, »und frug
mich um Rath wie er wohl wieder zu der Tuchnadel kommen könne, die wohl
einige achtzig Dollar werth sein soll.«
»Bah, Unsinn, der Quark war nachgemacht -- fünf und siebzig Cent hat mir
der Jude dafür gegeben.«
»Das hab ich ihm auch gesagt,« schmunzelte der Agent, »und ihm sogar
versichert, ich würde es im Nothfall bezeugen können.«
»Nichtsnutziges Gesindel,« brummte Herr Hamann, in gerechter Entrüstung
über die Schlechtigkeit der Welt, erwähnte aber weiter nichts von den
zehn Dollarn. Der Agent beobachtete ihn indessen schweigend, während er
las, und trommelte dabei auf dem Hut den er zwischen den Knieen hielt,
einen Marsch.
»Hier ist noch ein Posten, der nicht hierher gehört.«
»Und? -- «
»Die Oldenburger -- ich bitte Sie um Gottes Willen, was schaffen Sie mir
für Volk in's Haus. Drei Wochen füttere ich jetzt die ganze Gesellschaft,
und habe ihnen heute Morgen, weil _gar_ nichts aus ihnen herauszukriegen
ist, gekündigt -- wie kann ich Ihnen demnach zwei Dollar für den Kopf
zahlen?«
»Sie haben recht, das wäre unbillig,« sagte Herr Messerschmidt
freundlich -- »wir wollen es dann lieber so machen -- ich zahle Ihnen
den »Boarding« für die Leute, ziehe aber, was sie indessen an Arbeit im
Hause geleistet haben, ab, und bekomme dann ihr Gepäck so lange
überliefert.«
Herr Hamann sah mit einem nichts weniger als freundlichen Blick nach ihm
hinüber, faltete aber das Papier zusammen, hielt es ein paar Secunden
wie nachdenkend in der Hand und sagte dann kopfschüttelnd:
»Das würde eine Masse Umstände und Rechnereien machen -- da, gehen Sie
an den Pult und schreiben Sie mir Ihre Quittung, ich hole Ihnen indessen
das Geld.«
»Alter Gauner,« murmelte Herr Messerschmidt, dem Wirth aber unhörbar,
freundlich zwischen den Zähnen durch, und ging mit einer höflichen
Verbeugung zu dem Stehpult, dem Verlangen Folge zu leisten. Wenige
Minuten später war dieß Geschäft zwischen den beiden Männern abgemacht.
Wie Herr Messerschmidt das Geld gerade nachgezählt, die einzelnen
Banknoten sehr genau betrachtet, und dann in sein Taschenbuch gelegt
hatte, klopfte es wieder an die Thür, und auf das mürrische »Herein« des
Hausherrn, drückte sich, ängstlich und verlegen, seinen Hut dabei unter
den Arm quetschend, der eine der Oldenburger in's Zimmer und blieb an
der Thüre stehn.
»Nun, was soll's,« sagte Herr Hamann, während Herr Messerschmidt
aufstehend an das Fenster ging und hinaus auf die Straße sah.
»Herr Wirth,« sagte der Oldenburger mit bittendem Ausdruck in der
Stimme, »Ihr Ausschenker hat uns vorhin gesagt, daß Sie uns nicht länger
in Kost behalten wollen.«
»Füttern wollen, meint Ihr wohl?« sagte Herr Hamann, »wie komme ich
dazu, ganze Schiffsladungen voll Menschen zu ernähren, ohne daß ich
einen Pfennig Bezahlung bekäme?«
»Wir wollen ja gern gehn,« sagte der Mann, »und Ihnen später Alles auf
Heller und Pfennig bezahlen, aber er will uns unsere Koffer nicht
mitgeben.«
»Auch noch, nicht wahr? -- erst hier Gott weiß wie lange mit den ganzen
Familien zehren, und dann auch noch mit Sack und Pack abziehen -- dumm
seid Ihr nicht, das muß wahr sein, und blöde auch nicht.«
»Wir wollen Ihnen ja gern den Werth der gehabten Kost in Sachen
zurücklassen, wenn wir nur das Übrige mit fortnehmen dürfen. Wir können
doch nicht _so_ in die Welt hineinziehn?«
»Das geht mich Nichts an,« entgegnete aber mürrisch der Wirth, -- »ich
habe hier keinen Handel mit alten Kleidern, sondern ein Gasthaus, in dem
ich für jedes Pfund Fleisch, was ich haben will, baar mit meinem Gelde
zahlen muß -- «
»Aber was sind wir Ihnen denn eigentlich schuldig?« frug der Mann, »der
Ausschenker hat uns eine Rechnung gegeben, auf der eine Menge Gläser
Getränke stehn, von denen wir Nichts wissen, aber nicht einen Pfennig
für die Arbeit abgerechnet, die wir in der Zeit für Sie gethan, und die
Frauen haben doch Woche ein Woche aus gewaschen und wir selber all ihr
Holz gespalten und gesägt, Ihren Mist gefahren, Ihre Kartoffeln
ausgemacht im Feld, und hereingeschafft.«
»Die Arbeitstage sind Euch nicht mit aufgeschrieben,« sagte Herr Hamann.
»Nein, das ist wahr, aber auch Nichts dafür zu Gute, lieber Gott, wir
haben uns unsere Kleider dabei herunter gerissen und tüchtig zugegriffen,
das wissen Sie selber am Besten.«
»Mein Essen war auch nicht schlecht, und bei den theueren Zeiten könnt'
ich's vor meinen Kindern nicht verantworten, wenn ich andere Leute
umsonst fütterte; warum sucht Ihr Euch keine feste Arbeit.«
»Lieber, guter Gott,« sagte der Mann, »da der Herr, der da am Fenster
steht, kann Ihnen darauf die beste Antwort geben; hat er uns nicht von
Woche zu Woche hingehalten und immer und immer versprochen, und immer
Nichts gebracht?«
»Na ja, nun macht _mir_ auch noch Vorwürfe, daß ich mir Euretwegen die
Schuhsohlen abgelaufen, ohne einen rothen Dreier dafür zu haben,« rief
Herr Messerschmidt, sich rasch und ärgerlich nach dem Manne umdrehend,
»kann _ich_ die Leute _zwingen_, Euch Arbeit zu geben, oder habe ich
mich überhaupt dazu verpflichtet?«
»Nichts für ungut,« bat der arme Teufel kleinlaut, »es war ja gar nicht
so bös gemeint, und ich habe es nur erwähnt, um dem Herrn da zu beweisen,
daß wir ja Alles thun wollten, was eben nur in unseren Kräften
stand.«
»Gut, ich will Euch was sagen,« rief Herr Hamann nach einer kleinen
Pause, in der er wie überlegend vor sich niedergesehen, »da es Euch doch
zu viel Schererei machen würde die Frauen mitzunehmen, wenn Ihr Arbeit
suchen geht, so mögen die beiden Frauen mit den beiden Kindern hier bei
mir im Hause bleiben, und für ihre Kost die Wäsche besorgen, bis Ihr
wieder kommt. Seid Ihr das zufrieden?«
»Aber würden Sie ihnen denn da nicht wenigstens einen kleinen, nur ganz
geringen Lohn aussetzen?« bat der Mann, »damit wir -- «
»Nun ja, reicht dem Volk einen Finger und sie greifen nach der ganzen
Hand,« rief Herr Hamann sich entrüstet gegen den Agenten wendend -- »geht
zum Teufel mit Eurer ganzen Sippschaft, ich will meinem Gott danken,
wenn ich Euch Alle los bin.«
»Aber, so war es ja gar nicht gemeint,« sagte der Mann schüchtern, »wir
sehen ja ein daß sie Noth und Mühe genug mit uns gehabt haben, und die
Frauen nur aus Gefälligkeit hier so lange im Hause lassen wollen -- nichts
für ungut, und wir Anderen wollen dann unser Mögliches thun, und finden
wir nur Arbeit, gewiß unsere Schuld bald abtragen. Etwas Wäsche dürfen
wir uns doch aus unseren Koffern nehmen, nicht wahr Herr Hamann.«
»Ja, meinetwegen, der Barkeeper soll Euch das nachher herausgeben; jetzt
macht aber, daß Ihr fortkommt, ich habe mehr zu thun, und wenn der
Barkeeper Zeit hat, soll er einmal einen Augenblick heraufkommen.«
Der arme Teufel von Bauer dankte dem Mann auf das Herzlichste, und würde
ihm gern die Hand zum Abschied in aller Freundschaft gereicht haben,
wenn er sich's eben getraut hätte. So verbeugte er sich nur gegen die
beiden Männer, die seiner gar nicht achteten, und zog die Thür hinter
sich in's Schloß, die aber gleich darauf wieder, und zwar rascher als
vorher, aufflog.
Unwillig sah Herr Hamann dorthin, eine nochmalige Störung des Bauern mit
Entrüstung zurückzuweisen, als er in das rothe, halb spöttische, halb
kecke Gesicht Eines seiner Irischen Boarders schaute, der ihm ganz
respektswidrig vertraulich zunickte, die Thür hinter sich zumachte und
dann auf Herrn Hamann zuging.
»Nun, was soll's, Patrick? -- was habt Ihr hier oben zu suchen?« rief
ihm der Wirth, mit der Nähe des stets halbtrunkenen Burschen eben nicht
recht zufrieden, mürrisch entgegen, -- »weshalb hat Euch der Barkeeper
hier heraufgelassen?«
»Konnt's eben nicht verhindern, mein Herzchen,« sagte Patrick lachend,
»denn wie er mir in den Weg treten wollte, legte ich ihn ganz sanft -- ich
habe dem süßen Burschen nicht ein Bischen weh gethan, -- unter den
Schenktisch.«
»Was wollt Ihr denn da von _mir_?« rief Herr Hamann bestürzt aus -- »was
habt Ihr vor, daß Ihr mit Gewalt hier zu mir heraufbrecht, und meine
Leute mishandelt.«
»Frieden, bei Jäsus mein Herzchen,« beschwichtigte ihn aber der
rauflustige Ire, »Nichts _honey_, wie eine kleine Abrechnung zwischen
uns Beiden, von denen Jeder glaubt, daß der Andere in seiner Schuld
ist.«
»Ich in Deiner Schuld Patrick?« rief aber Herr Hamann rasch erstaunt
aus -- »wohl deshalb, weil Du beinah drei Wochen bei mir gegessen und
getrunken hast?«
»An der _bar_ ist jeder Schluck bei Cent und halbem Cent bezahlt,«
betheuerte der Ire.
»Aber das Essen, wer hat das berichtet?«
»Hab ich Euch nicht den Graben um den Hof gezogen?«
»Den Graben,« rief Herr Hamann verächtlich, »Du hast Dich drei volle
Tage, das heißt die Stunden abgerechnet, die Du dabei im Schenkzimmer
gesessen mit dem kleinen Graben -- «
»Über Mittag, Herzchen.«
»Nun ja, das wollen wir nicht untersuchen -- drei volle Tage mit dem
kleinen Graben herumgeschlagen, den ein tüchtiger Arbeiter in _einem_
Tage beendigen würde. Doch bin ich auch Willens Dir selbst _das_ zu
vergüten.«
»Nun ja, _honey_, da sind wir ja schon in Ordnung,« lachte der Ire,
»Dein Holzkopf von Barkeeper hätte mir mein Bündel gleich herausgeben
und sich selber eine Unannehmlichkeit ersparen können.«
»Wenn Du den Rest herauszahlst.«
»Welchen Rest -- «
»Der mir noch zu Gute kommt -- «
»Verdammt der Cent, den Ihr da noch kriegt,« lachte der Ire -- »drei
Tage Arbeit pr. Tag zwei Dollar, sind sechs Dollar.«
»Drei Tage und zwei Dollar den Tag? -- Ihr seid verrückt.«
[Illustration: Capitel 3.]
»_Never mind_,[10] immer noch genug bei Verstand meinen eigenen Vortheil
wahrzunehmen,« spottete der Ire -- »macht also sechs Dollar, zwei eine
halbe Woche für drei Dollar geboardet, bleiben anderthalb Dollar Rest,
die ich dem Fischkopf von Barkeeper unten auf den Schenktisch gezählt
habe, und die der Töffel nicht nehmen wollte. Natürlich steckt' ich sie
wieder ein, und nun kann er sehn, wie er sie zum zweiten Mal aus
Patricks Tasche kriegt.«
»Ihr könnt Euere Sachen nicht eher bekommen bis Ihr Euere Rechnung
bezahlt habt,« mischte sich in diesem Augenblick Herr Messerschmidt in's
Gespräch, wünschte aber auch gleich darauf gar Nichts gesagt zu haben,
denn der Ire, durch den Streit unten und ein paar Gläser Whiskey
erhitzt, fuhr jetzt dermaßen gegen ihn an, und drohte ihm bei der
geringsten Sylbe, die _er_, den die Sache auf der Welt Nichts anginge,
wieder hineinwürfe, mit einer so ungemessenen Anzahl Hiebe, daß sich der
feige Bursche schon langsam nach der Thüre zurückziehn wollte. Doch
auch hieran wurde er von dem aufmerksamen Iren verhindert, der nicht mit
Unrecht fürchtete, der Agent würde dann unten vielleicht Lärm machen und
einen Constabler herbeiholen; den beiden Männern aber dabei erklärte,
daß er ihnen alles was im Zimmer stände kurz und klein schlagen und ihre
eigenen beiden erbärmlichen Cadaver noch dazu vor sich her die Treppe
hinuntertreten wolle, wenn ihm nicht augenblicklich sein Bündel Wäsche
ausgeliefert würde.
Hamann und Messerschmidt, obgleich der letztere von derber, untersetzter
Statur war, getrauten sich nicht den Burschen zum Ärgsten zu treiben und
Hamann besonders sagte schnell und höflich:
»Aber so machen Sie doch nur nicht solch einen Lärm, bester Herr Patrick
-- wenn Sie Ihre Arbeit für so viel werth halten, habe ich auch nicht
das Mindeste dagegen -- lassen Sie sich nur unten Ihr Bündel geben.«
»Natürlich,« sagte Patrick, der seinen Vortheil rasch übersah, lachend,
»Alles in Ordnung Mr. Hamann -- geht wie geschmiert, bitte dann nur um
die Quittung für bezahlte Kost.«
Hamann wollte sich noch weigern etwas Schriftliches zu geben, er sah
aber auch bald daß er den Burschen nicht anders los würde, und schrieb
ihm rasch ein paar Zeilen für den _barkeeper_ auf.
»Danke Sir,« sagte der Ire, das Geschriebene durchbuchstabirend und dann
in die Westentasche drückend -- »jetzt ist's aber an mir zu traktiren
-- wollen Sie nicht mit hinunter gehn und eins mit mir trinken?«
»Sie haben doch jetzt Alles was Sie wollen?« sagte Herr Hamann, nun auch
endlich ungeduldig werdend.
»Haha, nichts für ungut,« rief aber der Ire, »wenn ein Gentleman den
andern traktiren will, ist das eine Höflichkeit und muß auch als solche
betrachtet werden; aber _never mind_ -- wenn Sie nicht wollen, so viel
besser, und nun _good bye_ Gentlemen.« Und die Hände in die Tasche
schiebend, während er sich eine seiner Irischen Jigs pfiff, verließ
Patrick, mit vollem Grund höchst zufrieden über seinen Erfolg, das
Zimmer, und eine Viertelstunde später, mit seinem Bündel unter dem Arm
auch das Haus, in dem er sich fast drei Wochen Kost und Logis durch ein
paar Tage leichte Arbeit ertrotzt hatte.
»Sie sollten einen Constabler rufen und den Burschen arretiren lassen,«
sagte Herr Messerschmidt ärgerlich, wie der Ire das Zimmer verlassen
hatte.
»Daß mir die Schufte nachher das Haus oder den Schenkstand demoliren,«
knurrte Herr Hamann, »nein der Lump mag laufen, fällt mir vielleicht
einmal wieder auf andere Art unter die Hände, aber eine Warnung soll
mir's für die Zukunft sein, keine Iren wieder in mein Haus zu nehmen --
es ist trunknes, rauflustiges, betrügerisches Volk; da lob' ich mir die
Deutschen, die nehmen Vernunft an, und haben vor der Polizei Respekt.
Aber lieber Gott, mir ist der Ärger ordentlich in die Glieder geschlagen,
und Sie thäten mir einen großen Gefallen, Herr Messerschmidt, wenn Sie
mir durch einen der Leute unten ein Glas Wein heraufschickten.«
»Mit Vergnügen,« sagte Herr Messerschmidt, seinen Hut aufgreifend und im
Begriff das Zimmer zu verlassen -- »apropos Herr Hamann -- die Aktien,
die Sie im vorigen Jahr gekauft haben, sind ja in den letzten Wochen
fabelhaft gestiegen -- Sie müssen ein rasendes Geld daran verdient
haben.«
»Wenn ich sie hätte behalten können,« entgegnete mürrisch der Wirth,
»glauben Sie ich verdiene hier Capitalien zum Hinlegen? -- Gott sei's
geklagt, meine deutschen Landsleute, mit den Verlusten die ich allein an
Auslagen für Proviant und Getränke habe, machen mich, wenn ich noch
länger das Geschäft fortsetze, zum Bettler, und bin mehr als je
gesonnen, mich ganz zurückzuziehn und es meinem Sohn zu übergeben, dem
ewigen Ärger und Skandal zu entgehn. Wäre mit dem thörichten Gesellen
nur ein vernünftiges Wort zu reden -- bitte den Wein, lieber Herr
Messerschmidt.«
»Guten Morgen Herr Hamann.«
»Guten Morgen Herr Messerschmidt« -- und der Alte ging mit auf den
Rücken gekreuzten Händen und fest und ärgerlich zusammengezogenen Brauen
wieder in seinem Zimmer auf und ab, bis der Barkeeper, einen kleinen
Präsentirteller in der Hand, auf dem eine Karaffe Rothwein und ein
Wasserglas stand, herein kam und dieses auf den Tisch setzte. Hamann sah
ihn an, nickte ihm zu daß es gut sei, und setzte seinen Marsch im Zimmer
fort, während Jimmy jedoch auf seiner Stelle stehen blieb, und -- einer
leidigen Gewohnheit nach, einen seiner Finger nach dem anderen
abknackte, daß es klang als ob er sich die Glieder vom Leibe bräche.
»Nun was giebt's noch?« sagte Herr Hamann, mürrisch vor ihm stehen
bleibend -- »was wollen Sie?«
»Verdammt feines Mädchen unten, _Sür_,« sagte Jimmy, zog die Augenbrauen
in die Höhe, und streckte, die Schultern zurückpressend, den Kopf so
weit nach vorn, als er nur möglicher Weise konnte.
»Verdammt feines Mädchen?« sagte Herr Hamann erstaunt, »was zum Teufel
schiert denn das _mich_? -- sind Sie betrunken?«
Jimmy behielt seine Stellung bei, zog aber den Mund, wie in freundlicher
Anerkennung des huldreichen Scherzes, von einem Ohr bis zum andern, ohne
übrigens auch nur eine Sylbe weiter zu erwiedern.
»Nun zum Wetter noch einmal, was wollen Sie denn von mir? stehn da und
ziehen das Maul breit, als ob Sie eine Schlehe verschluckt hätten;
glauben Sie daß ich Zeit habe Ihren Albernheiten zu folgen?«
Wie man, mit einem einzigen Ruck einen Tabacksbeutel zusammen und in
zahllose Falten legen kann, so zuckte das Gesicht des eben noch so
freundlichen Mannes nach dem Mittelpunkt der zu einer Spitze
vorgeschobenen Lippen, von denen sich die Augenbrauen wo möglich noch
weiter entfernten, und eine halbe Minute vielleicht in dieser Stellung
bleibend sagte er ruhig:
»Setzt Jemand irgend etwas in irgend eine Zeitung, wenn Jemand von
irgend etwas nachher nichts wissen will?«
Herr Hamann wollte noch heftiger darauf erwiedern, als ihm plötzlich
einfiel daß er allerdings eine Annonce hatte in das deutsche Blatt
einrücken lassen, wonach er ein junges deutsches Mädchen suchte, die
Aufwartung bei Tisch, das Einschenken des Kaffee und Thee, und die
Überwachung seines Geschirrs und seiner Wäsche zu übernehmen. Jimmy
aber, als er merkte daß sein Principal jetzt wußte was er wollte, begann
wieder seine Fingergelenke zu revidiren und überzuknacken, als ob er
sich von der Brauchbarkeit derselben zu überzeugen wünsche.
»Sie bringen Einen noch zur Verzweiflung, mit Ihrem verfluchten
Gesichter schneiden und Finger brechen« sagte Herr Hamann aber
ungeduldig -- »können Sie das nicht gleich, und gerad' heraussagen?«
»Verdammt feines Mädchen unten, _Sür_!« begann Jimmy wieder, genau wie
im Anfang! seine Rede, den Principal vielleicht zu überzeugen daß er
eben gar nichts anderes gleich gesagt habe.
»Wird wieder so ein Rüpel mit Holzschuhen sein, wie sich schon ein
Dutzend gemeldet hat,« brummte der Alte.
»Venus!« sagte Jimmy, und drohte sich wirklich seine Finger zu
verrenken.
»Esel -- hätte ich bald gesagt« zischte Herr Hamann zwischen den Zähnen
durch und setzte dann lauter hinzu -- »und warum schicken Sie mir sie
nicht herauf?«
Jimmy hielt darauf eine Antwort für unnöthig, und verschwand blitzschnell
durch die noch offene Thür, wenige Minuten später mit der Angemeldeten
zurückzukommen, die er aber, da in diesem Augenblick unten nach ihm
gerufen wurde, allein oben mit seinem Herrn zurücklassen mußte. Aber,
schon in der Thür, drehte er sich noch einmal nach dem jungen, in seiner
dunklen einfachen Tracht wirklich bildhübschen Mädchen um, starrte ihr
vielleicht eine halbe Minute lang stier in die Augen, und war dann in
wenigen Sätzen die Treppe hinunter.
Vor Herrn Hamann indessen, mit, von der Erregung des Augenblicks, der
vielleicht über ihr künftiges Schicksal entscheiden sollte, etwas
gebleichten Wangen, stand Hedwig Loßenwerder, und sagte mit noch ein
wenig zitternder aber bald wieder fest werdender Stimme:
»Sie haben, mein Herr, eine Wirthschafterin für Ihr Hauswesen gesucht,
und ich bin gekommen mich Ihnen dafür anzubieten.«
»Hm« sagte Herr Hamann dicht vor dem jungen Mädchen stehen bleibend, und
sie so, fest und aufmerksam von Kopf bis zu Füßen betrachtend, daß dem
armen Kinde das Blut in Stirn und Schläfe stieg, und es verlegen den
Blick zu Boden senkte -- »hm -- nicht übel, aber -- Sie sind zu jung
mein Kind -- «
»Ich habe in ähnlicher Weise schon drei Jahre in Dienst gestanden« sagte
sie leise.
»_Drei_ Jahre? und wie alt sind Sie jetzt?«
»Ich werde im nächsten Monat sechzehn Jahr.«
Hamann schüttelte mit dem Kopf und setzte, die Fremde dabei dann und
wann von der Seite ansehend, seine Wanderung im Zimmer wieder fort,
während Hedwig indessen still und regungslos stehen blieb, eine
entscheidende Antwort des Mannes zu erwarten.
Die letzten Wochen hatten eine große Veränderung in Hedwigs ganzem
Äußeren hervorgerufen, und das ängstlich schüchterne, fast kindliche
Mädchen, das sie noch an Bord gewesen, war zur ernsten, selbstständigen,
selbsthandelnden Jungfrau herangereift, in der kurzen Zeit. Schwere
Stunden waren es aber gewesen, die das bewirkt, schwere, herbe Stunden,
in denen die selber so unglückliche Clara ihr Alles vertraut, was das
eigene Herz bedrückte, von dem ersten Verdacht des Diebstahls an, bis zu
dem Augenblick wo sie die Gewißheit in Mark und Seele traf, daß der
eigene Gatte der Verbrecher sei, und weit schlimmer und entsetzlicher
als ein bloßer feiger Dieb, nicht allein den treuen schuldlosen Diener
ihres Vaters, nein auch ihr eignes Glück und Leben kalt und meuchlerisch
gemordet habe.
Der Schmerz um den Bruder war damit, wenn nicht aus ihrer Brust
gewichen, doch von anderen, mächtigeren Gefühlen die sie früher nie
gekannt, abgestumpft, ja fast verdrängt -- von einem Gefühle der
Bitterkeit gegen die Menschen, die einen armen Unglücklichen kalt und
theilnahmlos verderben ließen, ohne sich viel um seine Schuld oder
Unschuld zu kümmern, und dem Gemordeten kaum ein einsam verachtetes
Plätzchen an der Kirchhofsmauer gönnten; von einem Gefühle des Hasses
gegen den Mörder selbst, der frei und ledig, in Glück und Reichthum --
der Beute seines Verbrechens -- unter Gottes Sonne wandelte. Nur an
Clara hing sie mit aller Liebe und Aufopferung, deren ihr warmes,
weiches Herz fähig war, nur in Clara sah sie die Leidensschwester --
nicht mehr die Gebieterin -- die mit ihr, noch stärker fast getroffen
und geschlagen worden, und einem Schatten gleich, lag eine dunkle
Ahnung, der sie nicht Ausdruck, Form zu geben wußte, auf ihrer Seele,
daß der Verstorbene in größerem Schmerz und Weh dahin geschieden, auch
von _ihr_ verkannt zu sein.
»Und Sie glauben daß Sie der Sache vorstehen könnten?« -- sagte Hamann
endlich, wieder vor ihr stehen bleibend und ihr scharf und forschend
in's Auge schauend. --
»Ich glaube es« sagte Hedwig, dem Blick fest begegnend.
»Haben Sie Zeugnisse?«
»Ja -- hier.«
Der Wirth überlas die Papiere und gab sie ihr zurück.
»Ja, das klingt Alles recht schön« sagte er, »aber ist weit von hier, und
irgend ein Thorschreiber oder Bäcker kann das eben so gut geschrieben
haben, aber« -- setzte er rasch hinzu, als er sah daß sich die Wangen
des jungen Mädchens unter dem halben Verdacht tiefer färbten, und sich
ihre Gestalt höher emporrichtete -- »aber das kann und wird auch wohl
Alles in Ordnung sein, nur darauf gehn können wir hier nicht, und müssen
selber sehn und prüfen. Sind Sie das zufrieden?«
»Ich will eine Woche auf Probe meinen Dienst antreten« sagte Hedwig,
»wenn Ihnen das genügt.«
»Das wäre gut« sagte Herr Hamann, leise mit dem Kopfe nickend -- »und
wie viel Lohn verlangen Sie?«
»Keinen.«
»Ich meine nicht für die Probewoche, sondern überhaupt.«
»Keinen« sagte die Jungfrau fest und entschieden.
»Keinen Lohn?« rief Herr Hamann, überrascht zu ihr aufschauend -- »und
was sonst dafür? denn um gar Nichts kann ich mir doch nicht gut denken
daß Sie arbeiten wollen?«
»Nein« sagte Hedwig mit leiserer Stimme als vorher -- »ich verlange
vielleicht mehr dafür, als Sie gesonnen sind mir zu bewilligen, könnte
aber auch nur unter der Bedingung die Stelle, die ich gewiß zu Ihrer
Zufriedenheit ausfüllen würde, annehmen.«
»Und das wäre?«
»Ich habe eine kranke Schwester in der Stadt« sagte Hedwig -- »das
wenige was wir mitgebracht ist bald verzehrt, und ich suche deshalb
einen Dienst, uns Beide zu erhalten, bis meine Schwester wieder zu
Kräften gekommen ist. Alles was ich bis dahin für meine Arbeit verlange
ist, daß sie mein Zimmer mit mir bewohnen, mein Lager mit mir theilen
darf, und die wenige Nahrung erhält die ihr Körper verträgt.«
»Eine Kranke in's Haus nehmen?« sagte Herr Hamann, kopfschüttelnd, »nein
Mamsell, das ist eine misliche Sache, davon hat man nur Schererei und
Kosten, und darauf kann ich mich nicht einlassen.«
»Sie ist nicht mehr _krank_« sagte Hedwig rasch, »nur noch schwach und
erschöpft von schwerem doch _überstandenen_ Leiden. Nur Ruhe bedarf
sie, keiner Pflege mehr; auch verlange ich nicht daß sie mit an der
Wirthstafel ißt; das Wenige was sie braucht würd' ich ihr selber
bringen.«
»Wie heißen Sie?« frug Herr Hamann.
»Hedwig. -- «
»Und Ihre Schwester?«
»Clara.«
»Mit Zunamen?«
»Loßenwerder« sagte Hedwig, und wie sie den Namen aussprach färbten sich
ihr Stirn und Schläfe dunkelroth.
»Clara Loßenwerder?« wiederholte Hamann.
»Ich heiße _Hedwig_!« sagte das junge Mädchen, und eine eigene, ihr
selbst unerklärliche Angst schoß ihr bei der Verbindung jener beiden
Namen durch das Herz.
»Ja ja, Hedwig« wiederholte Herr Hamann, sie wieder dabei betrachtend,
als ob er ihr mit dem Blick bis in das innerste Herz hineinsehn wollte
-- »nun ich will Ihnen einmal etwas sagen -- Ihr Gesicht gefällt mir,
obgleich man danach nicht recht gehn kann, und durch eine hübsche Firma
oft genug hinter's Licht geführt wird; aber -- wir könnens ja einmal mit
einander versuchen. Ich brauche zwar eine derartige Wirthschafterin
gerade jetzt nicht mehr so unumgänglich nöthig, und würde auch nur wenig
Lohn geben können; vielleicht, wenn wir einander zusagen, ließe sich's
aber auch auf die Art einrichten, erst müssen wir jedoch Beide wissen,
woran wir miteinander sind; wären Sie das zufrieden?«
»Ich habe nicht mehr verlangt« sagte Hedwig.
»Gut, dann können Sie heute noch anziehn, wenn Sie wollen -- aber die
Schwester bringen Sie mir noch nicht in's Haus« setzte er rasch hinzu
»es ist das mit kranken Leuten eine eigene Sache.«
»Aber darf ich sie in der Woche jeden Tag wenigstens einmal besuchen?«
frug Hedwig.
»Zwischen dem Mittag- und Abendessen ist nicht viel Zeit« sagte Herr
Hamann, »aber die Abende _nach_ dem Essen, können Sie benutzen wie Sie
wollen -- also wann kommen Sie?«
»Noch heute Mittag finde ich mich ein« sagte Hedwig, »und hoffe recht
von Herzen daß Sie mit mir zufrieden sein werden.«
Sie verließ nach kurzem Abschiedsgruß, aber Trost und Hoffnung im
Herzen, das Gemach, während Herr Hamann sich aus der, bis jetzt noch
nicht berührten Karaffe ein volles Glas Wein einschenkte, und dann,
wieder vollkommen zufrieden mit sich selber, seinen Spatziergang im
Zimmer aufnahm.
Für die Besetzung einer solchen Stelle hatte er schon gefürchtet
ziemlich beträchtlichen Lohn zahlen zu müssen, denn er konnte sich eine
Person dazu nicht aus dem Haufen der Auswanderer heraussuchen, und jetzt
war alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sie durch ein ganz junges
hübsches Mädchen, was ihm jedenfalls eine Masse Kostgänger in's Haus
ziehn würde, und für wenig mehr als Nichts, für die doppelte Kost von
ein paar Frauen, die überdieß nicht viel aßen und gar Nichts tranken,
bekommen konnte.
Capitel 4.
Verschiedene Beschäftigungen.
Vor der Thüre des deutschen Wirthshauses in ---- _street_, standen die
armen Oldenburger, jeder ein kleines Bündel unter dem Arm, und schauten
trübselig und trostlos die Straße hinauf und hinab, die nach Norden und
Süden hin in die Welt, die weite Welt hinaus führte. Und immer noch
hatten sie nur erst deren Schwelle betreten, immer noch hoben sie
zögernd den Fuß, und wagten ihn nicht niederzusetzen, weil er nicht
gleich den altgewohnten Boden unter sich fühlte, und während der eine
seufzte und den Kopf hängen ließ, kratzte sich der Andere mit der
rechten Hand hinter dem Ohr, und zerrieb einen halbgemurmelten Fluch
zwischen den fest übereinander gedrückten Zähnen.
»In Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren« sang da plötzlich
eine wohlbekannte Stimme ein nur zu wohlbekanntes, aber schon lange
nicht mehr angestimmtes Lied.
»In den Kuts-chen mit Sammet und mit Sa-i-de!« und als sie sich eben
nicht freudig überrascht, nach dem Sänger umdrehten, rasselte eben der
kleine wunderliche Karren Maulbeeres, von diesem geschoben, an ihnen
vorüber, und der Dampf aus der kleinen schmutzigen Pfeife zog in
zusammengedrängten kurzen Kräuselwolken, regelmäßig auspuffend wie von
einer Diminutiv-Locomotive hinter ihm drein. Übrigens that er gar
nicht, als ob er die Oldenburger sähe, und war auch schon an ihnen
vorbei, als ihn der Ruf des Einen -- »Herr Maulbeere -- « erreichte und
anhalten machte.
Es ist ein eigenthümliches Gefühl nach einer gewissen Zeit wieder mit
früheren Reisegefährten zusammenzutreffen, von denen es sich dabei
wunderbarer Weise ganz gleich bleibt, ob man sie gern gehabt unterwegs,
oder gar nicht mit ihnen verkehrt hat, vielleicht die ganze Reise über.
Was da unterwegs auch mag vorgefallen sein, wie man übereinander
gedacht, und sich vielleicht ganz besonders danach gesehnt hat das
Schiff verlassen zu können, von solcher Gesellschaft endlich einmal
fortzukommen; ein kurzer Aufenthalt an Land, mit dem Fremden,
Ungewohnten um sich her, hat das Alles verscheucht, wir haben es
vergessen, und begrüßen mit aufrichtiger Freude den früheren Reise- und
Leidensgefährten.
»Guten Tag Herr Maulbeere« sagte der eine Oldenburger, der, sein Bündel
in der Linken, die paar Schritte hinter ihm hergegangen war und jetzt,
neben ihm stehen bleibend, die Rechte nach ihm ausstreckte -- »wie gehts
hier in Amerika?«
»Hallo« sagte Maulbeere, sein Tragband von den Handgriffen seines
Karrens ziehend und, indem er sich aufrichtete, die gebotene Hand, aber
noch etwas zögernd annehmend -- »hallo Ihr Leute -- immer noch zu Fuß?
-- Donnerwetter, wo sind denn die »Kuts-chen«?«
»Ja Kuts-chen« sagte der Oldenburger in seinem eigenthümlichen Dialekte,
»es fährt sich hier was in Kuts-chen -- wir sind froh daß wir zu Fuß
gehn dürfen -- «
»Ich fahre,« sagte Maulbeere mit einem wohlwollenden Seitenblick auf
seinen Karren.
»Soweit haben wir's noch nicht einmal gebracht,« sagte der Andere, jetzt
ebenfalls hinzutretend, »guten Tag Herr Maulbeere.«
»Guten Morgen meine Herren, guten Morgen; irgend etwas zu schleifen? --
Scheeren, Messer, Rasirmesser, Lanzetten, Pflugschaaren, Sensen?« rief
Maulbeere, mit einer Geschäftsmiene dabei wieder auf seine Schleifsteine
deutend -- »stehe zu Diensten und sollen billig bedient werden -- sehe
mehr auf gute Behandlung, als schlechten Gehalt.«
»Ach lassen Sie das Spaßen, Herr Maulbeere,« meinte der Erste wieder,
einen tiefen Seufzer ausstoßend -- »die Geschichte hier ist verzweifelt
ernsthaft, und wenn man nicht weiß wo man Brod hernehmen soll, ist Einem
nicht gerade wie Lachen zu Muthe.«
»Hoho,« sagte Maulbeere, die Augenbrauen in die Höh ziehend, »schon drei
Wochen in Amerika und noch kein Brod? -- das ist Pech!«
»Ist es Ihnen denn geglückt?«
»Harte Arbeit Schentelmen,« sagte aber der Scheerenschleifer
achselzuckend -- »_sehr_ harte Arbeit -- habe im Sinn die Residenz zu
verlassen.«
»Und wo gehn Sie hin?«
»Den Fluß hinauf, versteht sich; werde das Land durchziehn, hier ist
wenig zu verdienen. Es giebt eben hier zu viel Mäuler die Brod haben
wollen. Apropos, wo sind denn Ihre Frauen?«
»Arbeiten da drin,« sagte der Eine, mit dem Kopf nach dem Haus
hinüberzeigend.
»So? -- untergebracht?« frug der Scheerenschleifer, »nun da kann man ja
gratuliren.«
»Aber kriegen Nichts« sagte der Andere.
»Desto längere Aussicht auf stete Beschäftigung« bemerkte Maulbeere.
»Aber wovon nachher leben?«
»Vielleicht von den großen Rosinen, die Sie früher im Kopf gehabt,«
meinte Maulbeere -- »ist ein merkwürdiges Land das Amerika; guten Morgen
meine Herren!« und mit den Worten tauchte er wieder mit den Ösen seines
Tragbands nach den beiden Griffen des Karrens, warf sie in das richtige
Gleichgewicht und schob, während ihm die weiße Wolke folgte, rasch die
Straße nieder, ohne sich um die beiden Bauern weiter zu bekümmern.
Die nächste Straße rechts einbiegend, die zum Fluß nieder führte,
erreichte er dort die sogenannte Flatbootlandung, und das Ufer sah hier
kahl, und keineswegs so belebt aus als weiter oben, wo die rauchenden
dunklen Schornsteine und oberen Decks der Cajüten, oder die mit ihren
wie spinnwebartig durchflochtenen Masten über die hohe, mit Gütern und
Waarenballen bedeckte Levée hervorragten. Der Strom hatte in dieser
Jahreszeit wenig Wasser, und die niederen flachen Boote schwammen, nur
erst bemerkbar wenn man auf die Levée selber trat, tief unter der
steilen schmutzigen Bank, mit Tauen an diese befestigt am Ufer.
Alligator ähnlich lagen sie dabei in der trüben Fluth, hie und da mit
den Vordertheilen auf dem Schlamm, und nur mit schmalen Laufplanken von
diesem aus nach trockenem Boden oder Sand hinüberreichend.
Wunderbare Fahrzeuge sind aber diese _Flatboats_ des Mississippi, allem
Anschein nach aus den ersten Urzuständen des Schiffsbaues herrührend,
und doch noch nicht, weder durch Dampf- noch Segelschiffe aus ihrer
Wirksamkeit verdrängt, ja eher mit diesen anwachsend und an Zahl
zunehmend.
Ein langes aus derben Planken mit hölzernen Pflöcken zusammengenageltes
und mit Werg und Theer dicht gemachtes, vielleicht sieben Fuß tiefes
Boot mit vollkommen flachem Boden, das, wenn geladen, fünf bis sechs Fuß
im Wasser geht, ist es mit einer Art, vielleicht vier bis fünf Fuß hohem
Fachwerk umgeben, und mit zölligen oder halbzölligen Bretern, die in der
Mitte etwas gewölbt, quer von einem Bord nach dem andern hinübergebogen
sind und ziegelartig übereinander liegen, gedeckt. Diese Boote gehen nur
mit der Strömung, wie wir ihnen schon auf dem Mississippi begegnet sind,
manchmal gradaus, manchmal über Steuer, nicht selten Meilen weit seitwärts,
den Krabben ähnlich, ihre Bahn entlang, hier der Strömung folgend, dort,
durch eine Rückströmung gehalten, daß die Leute mit den langen Finnen
ähnlichen »_sweeps_« oder Rudern Stunden lang arbeiten müssen, nur
wieder los und in freies Fahrwasser zu kommen. Und wie manches sinkt
und verdirbt auf der langen mühseligen, und so oft gefährlichen Bahn;
plötzliche Stürme und Unwetter -- der _Hurricane_ in Natchez 1841
zerstörte damals 112 in wenigen Meilen Entfernung -- im Wasser
verborgene Snags, Untiefen und festgeschwemmtes Driftholz sinken manches
von ihnen, und man kann immer rechnen, daß kaum drei Viertel der Zahl
ihr Ziel erreichen.
So unscheinbar dabei ihr Äußeres ist, so werthvolle Ladungen bergen sie
nicht selten in dem rohen unbehülflichen Kasten, die der Führer, wo er
einen Markt für seine Waaren zu finden glaubt, oder zuletzt in
New-Orleans selber, mit dem Vordertheil an Land schiebt, und seinen,
weder Steuer noch Abgaben zahlenden Laden gleich fix und fertig
errichtet hat, den er, wenn die Waaren abgesetzt sind, auseinander
schlägt und mit verkauft.
Und wie wunderlich sieht es in den Booten selber aus -- hier das erste
-- der Weg ist etwas steil, die schlüpfrige Bank hinunter -- birgt in
seinem Innern ein buntes Gemisch von Allem, was das Herz eines richtigen
Yankees erfreuen könnte, Butter, Schmalz, Kartoffeln, Hühner, Apfelwein
und Whiskey, Heu, Zwiebeln, getrocknetes Obst, und Fässer mit Makrelen,
Kisten mit Stockfisch und Traubenrosinen, Krachmandeln, Nudeln, Käse,
Alles steht bunt und wild durcheinander gepackt, hier in Proben
aufgestellt, dort in angerissenen Fässern und Kisten, unter Deck --
daneben liegt ein Boot mit eingesalzenem Schweinefleisch von Cincinnati,
und das Fett mit dem das Deck beschmiert ist, dampft in der Sonne; dort
liegt ein anderes mit Baumwolle von Tennessee, da ein anderes mit Taback
von Kentucky geladen; und da strecken Rinder und Schaafe den Kopf aus
den offen gelassenen Luftlöchern anderer, und blöken und brüllen ihren
Kameraden zu. Die Staaten Arkansas, Missouri, Texas, Tennessee, Kentucky
und Illinois senden jährlich wohl dreißig tausend Stück lebendigen
Hornviehs nach New-Orleans, und von Ohio werden ebenfalls hunderte
solcher »schwimmenden Sauställe« mit ihren grunzenden Bewohnern der
»Königin des Südens« zugeführt.
Was das für ein Leben ist, zwischen den, einen schauerlich warmen
Fettgeruch und Dunst faulenden Obstes und angegangenen Fleisches
ausstoßenden Fahrzeugen; wie die Eigenthümer auf der Levée stehn, oder
vorn in ihren Booten sitzen, Käufer herbeizurufen, und ihre Waaren dabei
ausschreien, die vorzügliche Qualität derselben anpreisend. Dazwischen
durch dann das Drängen und Treiben der Arbeiter, die hier ein verkauftes
Boot entladen, damit es nachher auseinander geschlagen und in seinen
Planken noch verwerthet werden könne, dort eine Parthie aufgekaufter
Fässer und Kisten die steile Levée mühselig hinaufschaffen, und von Fett
und Schmutz bedeckt unter ihren Lasten keuchen und schwitzen, bis sie
die Höhe der Levée erreicht haben, dort sich einen Augenblick die
glühende tropfende Stirn abtrocknen, und dann wieder schwanken Schritts
niedersteigen, ihr Werk von Neuem zu beginnen.
Maulbeere fuhr mit seinem Schleifkarren, seinem Grundsatz treu keinen
Fleck unbesucht zu lassen wo er die Hoffnung hatte etwas verdienen zu
können, oben an der Levée hin, dann und wann stehen bleibend, seine
schon auswendig gelernten Rufe -- _no knives, no scissors to grind_?[11]
ertönen zu lassen. Hie und da bekam er auch wirklich zu thun; dort und
da schaute ein behaubter Kopf unter einem der niederen Flatboot-Decke
vor, eine rauhe Stimme rief ihm ein »_stop_!« zu, und irgend ein
rothwollener Unterrock, oder auch dann und wann ein schlankes hübsches
Kind in dem kleidsam eng anschließenden Mieder der Backwoodsfrauen, nur
die feinen rosigen Züge von dem unförmlichen Sonnenbonnet fast verhüllt,
stieg die Bank zu ihm hinauf, eine widerspenstige Scheere, mit der der
Vater oder Gatte so lange Bindfaden geschnitten hatte bis sie jeden
weiteren Dienst verweigerte, wieder zu stellen und zu schärfen; oder der
Flatbootman selber stieg langsam das Ufer hinan, ein riesiges langes
Messer in der Hand, mit dem er Speck und Käse schneiden mußte, und das
er auch gern schärfer haben wollte als es war. So lange er seinen Stein
dann drehte, daß die hellen blitzenden Funken daraus vorblitzten,
drängte sich ein Kreis von neugierigen Müßiggängern, von denen die Levée
schwärmt, um ihn her, nicht selten fast mehr von der wunderlichen
Gestalt des Mannes selber, als von seiner Arbeit ergötzt, bis er die ihm
gebrachten Instrumente in Stand gesetzt, sein Geld dafür eingestrichen
und sein Tragband wieder eingehakt hatte, mitten zwischen die Schaar,
die ihm lachend Raum gab, mit einem deutschen »bitt' um Verzeihung«
hineinzufahren.
An manchen Stellen wurde er übrigens durch die dort aufgestapelten
Fässer und Waaren in seiner Bahn aufgehalten, und mußte einen Umweg
machen, den Hindernissen aus dem Weg zu kommen. Eben auch war er wieder
einer Anzahl fettglänzender und entsetzlicher duftender Porkfässer
ausgebogen, als er eine lachende Stimme seinen Namen nennen hörte. Wie
er aber stehen blieb und sich überall vergebens nach einem bekannten
Gesicht umschaute -- denn auf die Arbeitsleute, von denen ein großer
Theil gerade Mittag gemacht, während das Ausladen noch nicht wieder
begonnen hatte, achtete er gar nicht -- rief Einer der Flatboatleute,
die zwischen den heraufgerollten Pork- oder Schweinefässern standen, und
von der schmutzigen Arbeit und Schweiß und Sonne in ihren kurzen blauen
Oberhemden und abgetragenen oder zerdrückten Strohhüten kaum eine
Physionomie erkennen ließen, indem er dem Scheerenschleifer freundlich
zunickte:
»Aber Herr Maulbeere, kennen Sie mich nicht mehr?«
»Wetter noch einmal,« sagte dieser, seinen Karren niedersetzend und die
Gestalt erstaunt von oben bis unten betrachtend, »die Stimme ist mir
bekannt und das Gesicht auch, hat wenigstens, wie Herr Schultze sagen
würde, eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einer Nebelkrähe oder einem
Schornsteinfeger.« --
»Habe ich mich denn in den paar Tagen so merkwürdig verändert,« lachte
der Mann, seinen Hut abnehmend, unter dem eine Fülle kastanienbraunen
lockigen Haares vorfiel, »daß mich ein Reisegefährte und Coyennachbar
nicht einmal mehr kennt?«
»Herr Eltrich -- so wahr ich lebe,« sagte Maulbeere, jetzt aber wirklich
auf das Äußerste erstaunt, »wie um Gottes Willen sehn Sie denn aber
aus, und was machen Sie hier in _dem_ Aufzug und bei _der_ Arbeit?«
»Mein Schicksal ist bald erzählt,« sagte der junge Mann mit lachendem
Gesicht, aber doch kaum im Stand einen gewaltsam aufsteigenden Seufzer
zu unterdrücken -- »kaum hier in New-Orleans angekommen ließ ich mir auf
leichtsinnig kindische Weise -- ich war genug davor gewarnt worden -- und
von dem Neuen was mich überall umgab beirrt, von dem Neger, der mein
sämmtliches Gepäck auf seinem Karren hatte, dieses mit allen unseren
Effekten, ein paar Kleinigkeiten die meine Frau in der Hand trug
ausgenommen, entführen. Von Allem entblößt, was schon der einzelne Mann,
wie viel mehr dann eine Familie zu ihrem Leben braucht, sah ich, wenn
ich nicht rasche Anstalt machte Geld zu verdienen, unseren Untergang,
oder doch einen Zustand grenzenloser Noth vor Augen. Vergebens lief ich
dabei herum in meiner Kunst Beschäftigung zu erhalten -- ich konnte mich
nicht einmal anständig kleiden, denn es war ja Alles zum Teufel, und mit
dem etwas abgerissen aussehenden Menschen wollte sich Niemand einlassen.
Wir aber brauchten auch außerdem Brod, die paar Dollar, die ich noch im
Vermögen besaß, nahmen schon in der ersten Woche so rasend schnell ab,
daß ich mir genau die Zeit berechnen konnte wo wir, wenn nicht irgend
etwas geschah das aufzuhalten, auch ohne einen Pfennig dasitzen würden,
und ich entschloß mich kurz und gut Arbeit zu suchen und zu nehmen, wo
ich sie finden würde. Drei Tage lief ich auch hiernach vergebens herum;
der gute Wille that es nicht allein, denn die wieder gesündere
Jahreszeit in New-Orleans hatte eine wahre Unmasse von Arbeitern hierher
zurückgeworfen, bis ich, eigentlich in letzter Verzweiflung diese Boote
besuchend, Arbeit und guten Lohn auf einem von ihnen fand, das seine
Leute, Streites halber, den sie mit dem Eigenthümer gehabt, entlassen
hatte.«
»Und _die_ Arbeit hier können Sie thun?« sagte Maulbeere, abwechselnd
und erstaunt bald die leichte schmächtige Gestalt, und die sonst so
feinen, jetzt fettbeschmutzten Hände des jungen Mannes, bald die
schweren Pork- und Mehlfässer betrachtend, die um ihn her aufgestapelt
lagen.
»Der Mensch kann Alles was er _muß_,« lachte der junge Mann, »früher
hab' ich es freilich selber nicht für möglich gehalten, jetzt aber geht
es, und Alles berücksichtigt, sogar vortrefflich, denn ich verdiene,
außer der Kost, einen Dollar den Tag, und befinde mich vollkommen wohl
und gesund dabei.«
»Und Ihre Frau?«
»Pflegt zu Hause das Kind und weint und lacht, wenn sie mich in diesem
Aufzug ankommen sieht -- ich habe sie aber noch nicht bewegen können,
einmal mit dem Kleinen hier herunterzukommen und unserer Arbeit
zuzusehen -- sie meint es bräche ihr das Herz.« --
»Bah,« sagte Maulbeere kopfschüttelnd, »wenn _Sie_ sich nicht den Rücken
bei den verdammt schweren Fässern brechen, glaube ich nicht daß Gefahr
für ihrer Frau Herz zu fürchten ist, aber -- was Leichteres wäre mir
doch auch lieber -- ich weiß nicht, den Begriff Amerika habe ich mir
anders gedacht, als Fässer gepökelten Schweinefleisches bergauf zu
kullern.«
»Ich auch lieber Maulbeere, ich auch, aber was wollen wir machen?«
lächelte Eltrich, »Hunger thut weh und ehrliche Arbeit schändet hier
nicht, das ist schon ein ungeheuerer Vortheil dieses freien Landes --
andere habe ich allerdings noch keine Gelegenheit gehabt kennen zu
lernen.«
»Es ist eine kleine, aber doch immer eine Empfehlung,« sagte Maulbeere
achselzuckend, »und ungefähr so, als ob ich Jemanden in's Wasser werfe,
und erlaube ihm dann das Maul zuzumachen und zu schwimmen -- und dafür
35 Thaler Gold Passage -- kommt mir beinah ein wenig theuer vor -- haben
Sie die Fässer Pech -- oder ist das etwa gar Kolophonium? auch mit
heraufgewälzt?«
»Ja,« lachte Eltrich.
»Stoffverschwendung,« murmelte Maulbeere zwischen den Zähnen durch, und
setzte dann lauter hinzu, »nein, zu _solcher_ Arbeit möchte ich mich
doch nicht verstehen; werde wenigstens suchen mich so lange davor zu
bewahren als möglich. Meine Absicht ist hier in Amerika, so bald sich
eine schickliche Gelegenheit dazu bietet, meinen Händen wie meinemersten
linken Hinterbein, das nun so lange Jahre hat das Rad treten müssen,
Ruhe zu gönnen, und mit dem Geist zu arbeiten.«
»Aber wie wollen Sie das anfangen Herr Maulbeere?«
»Daran arbeitet mein Geist eben noch,« sagte der Scheerenschleifer
etwas geheimnißvoll, »der passende Zeitpunkt ist auch noch nicht
gekommen -- sollte er nahen werde ich ihn nicht versäumen.« --
»Hallo _boys_ -- hier, macht daß die Sachen hinaufkommen!« unterbrach
da eine Stimme vom Flatboot herauf, die Unterhaltung der beiden
Reisegefährten -- »die Karren kommen da oben schon wieder zurück und
wollen Ladung haben.«
»Ich muß fort Herr Maulbeere,« rief Eltrich rasch, dem Mann die Hand
entgegenstreckend, sie aber wieder zurückziehend -- »ich mache Sie
schmutzig,« setzte er, dabei leicht erröthend, hinzu.
»Ich wasche mich wieder,« sagte Maulbeere, ohne eine Miene zu verziehn,
nahm die nochmals dargebotene Hand, schüttelte sie weit wärmer als das
sonst seine Gewohnheit war, und blieb dann, während Eltrich wieder nach
dem Boot hinuntersprang, noch eine Weile oben auf der Levée, die heiß
niederbrennende Sonne nicht weiter beachtend, halten, zuzusehn wie sein
Reisegefährte arbeite. Eltrich war dabei vielleicht der Einzige von den
Zwischendeckspassagieren gewesen, mit dem er nie ein unfreundliches Wort
gehabt, der ihn nie verspottet oder geärgert; Einer der Wenigen, dem,
wie seiner Frau, man es auf den ersten Blick ansah, daß sie einst in
besseren Verhältnissen und größeren Bequemlichkeiten gelebt, während sie
sich doch alle Beide nie, auch über die größten Unannehmlichkeiten
nicht, weder über Kost noch Raum beklagten. Das besonders hatte ihnen
die Achtung dieses wunderlichen Zwitterdings von Thier und Mensch, des
Scheerenschleifers, gewonnen, und wenn dieses Herz überhaupt einer
solchen Regung fähig gewesen wäre, würde er den jungen Mann, der sich
mit seinem schmächtigen Körper jetzt gegen ein ziemlich dreihundert
Pfund schweres Porkfaß legte, und es mit triefender Stirn den Hang
hinaufarbeitete, bemitleidet, ja ihm vielleicht irgend eine Hülfe
angeboten haben, er hätte von vornherein überzeugt sein können daß sie
Eltrich nicht annahm. Maulbeere wollte etwas derartiges aber auch nicht
einmal riskiren, und nur nach einer Weile auf das Entschiedenste mit dem
Kopfe schüttelnd, drehte er sich um, hakte sein Tragband wieder ein, und
fuhr in seinem gewöhnlichen schwankenden Gang die Levée hinauf, der
Dampfbootlandung zu.
Über den freien, vor dieser Landung liegenden Platz, schritt ein Mann
mit einer Frau. Der Mann trug einen Jagdranzen über der Schulter, die
Frau ein, in ein rothes Tuch eingeknüpftes Bündel in der Hand, aber
den Kopf blos dabei, die Haare wirr und ungemacht, und nur mit einem
schwarzsammetnen Stirnband zusammengebunden, das vorn eine kleine
unächte emaillirte Broche trug. Ohrringe und Halskette waren von
demselben Metall, paßten aber wie das in grellbunten Farben prangende
seidene Tuch, das sie um den Hals trug, schlecht zu den bleichen Wangen,
den hohl liegenden stieren Augen, und die Leute die ihnen begegneten,
und nicht gerade zu viel mit sich selber zu thun hatten, noch auf irgend
etwas anderes zu achten, blieben stehn und schauten der wunderlichen, ja
fast unheimlichen Gestalt nach, die wankenden Ganges neben dem Mann
hinschritt, mit den Händen dabei focht, und einzelne unzusammenhängende
Worte ausstieß.
»Sei jetzt vernünftig Jule!« flüsterte ihr da der Mann, ihren Arm zu
gleicher Zeit fassend daß sie vor Schmerz einen leisen Schrei ausstieß,
zu -- »zum Donnerwetter noch einmal, alle Menschen, die uns begegnen,
stieren uns an, und halten Dich am Ende noch für verrückt. Laß doch zum
Teufel die Arme ruhig, was hast Du denn damit in einem fort in der Luft
herumzufahren? Wenn Du mir nicht unterwegs wieder vernünftig wirst, weiß
ich wahrhaftig gar nicht was ich mit Dir anfangen soll.«
»Unterwegs? -- ja -- das ist gut,« sagte die Frau, leise vor sich
hinlachend, »unterwegs -- wenn wir nur erst unterwegs wären -- ich sehne
mich danach.«
»Na dann geh auch ordentlich zu, und betrage Dich nicht so albern,«
brummte der Mann, »sieh' das Boot raucht schon, wir müssen machen daß
wir hinunter kommen.«
»Herr Gott!« rief die Frau da, plötzlich stehen bleibend, und sich mit
der linken Hand wild über die Stirn streichend, »wir haben -- wir haben
etwas zu Haus vergessen!«
»Vergessen?« sagte der Mann, sie fragend anschauend, »na was ist nun
wieder los -- die Brieftasche? -- nein die habe ich hier, und das Geld
ist auch da -- was hast Du denn vergessen?«
»Die _Kinder_,« flüsterte die Frau, und ergriff heftig seinen Arm, der
Mann aber schleuderte sie wild von sich; wie er jedoch sah daß mehr und
mehr Menschen auf sie aufmerksam wurden, und stehen blieben und ihnen
nachschauten, trat er rasch an die Frau wieder hinan, zog ihren linken
freien Arm in den seinen, und sie wie mit eisernem Griffe haltend und
mit sich fortziehend, zischte er ihr in's Ohr:
»Bist Du denn ganz des Teufels, sinnloses Weib, hier auf offenem
Platze den Unsinn auszuschreien? -- oder möchtest Du etwa mit den
Amerikanischen Zellengefängnissen Bekanntschaft machen? Komm -- halte
Dich fest an mich an und verlier Dein Bündel nicht; ein Glück daß die
Leute kein Deutsch verstehn.«
»Gehn wir denn hin wo sie sind?« frug die Frau rasch, immer noch an dem
einen Bild sich anklammernd.
»Mir wär's recht wenn Du's thätest,« rief der Mann in finsterem, kaum
zurückgehaltenem Groll, »ich habe das Gewinsele und Geklage satt --
begreife überhaupt nicht, wie ich es so lang ausgehalten, und geb' Dir
meinen Segen auf die Reise.«
»Und ich _dürfte_ zurück?« rief die Frau rasch und heftig bewegt zu ihm
aufschauend.
»Treib' keinen Unsinn,« knurrte der Mann, »Du wärst's am Ende im Stande,
ihnen gerade wieder in den Rachen zu laufen, und die Freude zu machen,
daß sie Dich eine halbe Lebenszeit in's Spinnhaus stecken könnten. --
Dort liegt unser Boot -- alle Wetter, da geht auch ein alter Bekannter;
noch von Bord her; kennst Du den, Jule?«
»Laß den widerlichen Menschen,« sagte die Frau, in sich zusammenschaudernd.
»Guten Tag Herr _Meier_!« rief in diesem Augenblick Maulbeere, der mit
seinem Karren gerade an ihnen vorüber fuhr und den Hut in spöttischer
Ehrerbietung tief gegen ihn schwenkte -- »bitte mich Ihrer Frau Gemahlin
auf das Gehorsamste zu empfehlen.«
Steffen, der seine rechte Hand in der Hosentasche stecken hatte, zog sie
heraus, griff an die Mütze und ging steif und finster an dem, ihm aus
mehr als einer Hinsicht verhaßten Scheerenschleifer vorüber.
»Ein nobeles Pärchen,« murmelte dieser aber vor sich hin, als er, ohne
sich nach den Beiden weiter umzusehn, an ihnen vorbei gefahren war, »ein
_sehr_ nobeles Pärchen, das muß wahr sein. Gäbe auch was drum wenn ich
wüßte was die einmal für ein Ende nehmen hier in Amerika -- jedenfalls
auf Staatsunkosten, oder müßte mich sehr irren.«
»Hallo Scheerenschleifer!« rief da eine laute fröhliche Stimme hinter
ihm her -- »halt da, hier ist Arbeit für Euch.«
Maulbeere hielt rasch still und sah sich nach dem Rufer um, der vorn auf
dem Bug desselben Bootes stand, das der Mann von der Haidschnucke mit
seiner Frau eben betreten hatte, und das an seinem Boilerdeck ein großes
Schild mit seinem Namen »_The backwoods queen_« und dem Bestimmungsort
_St. Louis_ trug.
»Ist denn heute die ganze Haidschnucke über die Landung hier
weggeschüttelt?« murmelte der Scheerenschleifer erstaunt zwischen den
Zähnen durch, als er wieder einen seiner Reisegefährten, ebenfalls als
Bootsmann gekleidet, gar nicht weit von sich entfernt stehen und winken
sah, »und blaue verdammt kurze Hemden scheinen ein ordentlicher
Modeartikel zu sein -- hm, hm, hm, Herr Donner als Matrose auch nicht
übel; Zachäus Maulbeere darf da, seinen größeren Fähigkeiten
entsprechend, wohl bald erwarten Capitain zu werden.«
»Nun Maulbeere wie gehn die Geschäfte?« rief ihm Georg Donner noch
einmal zu, und kam dann über die Laufplanke, seine beiden Daumen vorn in
dem breiten Ledergürtel, der seine Hüften umschloß, herüber an Land --
»Wetter noch einmal Mann, Ihr seht noch genau so aus wie an Bord, und
habt Euch nicht im mindesten amerikanisirt.«
»Hätte bald 'was gesagt« brummte Maulbeere, die Gestalt vor sich mit
einer eigenen Mischung von Spott und Humor betrachtend; »aber was thun
Sie hier eigentlich, und wie sehn Sie aus?«
Maulbeere hatte allerdings Ursache so zu fragen, denn mit Georg Donner
schien jedenfalls eine ganz eigenthümliche und große Veränderung
vorgegangen zu sein. Schon in seinem Äußeren war er ein anderer Mensch
geworden, der den dunklen Rock ab- und ein kurzes blaues Matrosenhemd
übergeworfen hatte, das in der Mitte von dem schon erwähnten Ledergürtel
zusammengehalten wurde. Die Beine staken in Hosen von demselben
einfachen Stoff, sein blaugestreiftes Hemd hielt ein schwarzseidenes in
einen Matrosenknoten geschlagenes Halstuch zusammen, und das dunkle
lockige Haar deckte eine blauwollene schottische Mütze, während an dem
Gürtel ein kurzes Matrosenmesser mit hölzernem Griff und in lederner
Scheide hing. Aber das nicht allein -- sein ganzes Wesen hatte das
ernste, träumerische verloren das ihm an Bord so eigen gewesen, und war
frei und entschlossen, ja fast keck geworden, ohne jedoch dadurch irgend
etwas von seiner offenen Ehrlichkeit verloren zu haben.
Er lachte, als er den schmutzigen verdrossenen Burschen, der ihm immer
in seinem ganzen Wesen viel Spaß gemacht, noch eben so sauertöpfisch,
bis in dasselbe Knopfloch hinauf eingeschnürt, und ohne die Spur von
irgend einer reinen Wäsche vor sich stehen sah, besserte aber dadurch
Maulbeeres Laune keinenfalls.
»Wie ich aussehe, mein würdiger Maulbeere?« lachte Donner, »wie ein Mann
der entschlossen ist seinen Weg in Amerika zu machen, und das Land zu
sehn und kennen zu lernen.«
»Um das Land kennen zu lernen gehn Sie auf's Wasser?« sagte der
Scheerenschleifer, seine Stirnhaut zu unzähligen Falten zusammenziehend
-- »auch nicht übel, und als was? -- Capitain, Steuermann, Koch,
Ingenieur?«
»Nichts von alle dem Kamerad« lachte der junge Mann, »zu so hohen Posten
kann man erst avanciren, wenn man von der Pike auf gedient hat; vorerst
mache ich eine Reise als Feuermann mit.«
»Als Heizer an Bord?« frug Maulbeere wirklich erstaunt.
»Als Heizer« bestätigte Donner lachend, »mit dreißig Dollar monatlichem
Gehalt, und frei Kost und Logis, Whiskey, Zucker, Kaffee und wie die
Vortheile alle heißen, die uns das wackere Boot bietet.«
»Sind Sie bei dieser Anstellung als _Lehrling_ oder gleich als _Geselle_
eingetreten?« frug Maulbeere, der sich noch immer nicht an dem Costüm
seines früheren Reisegefährten satt sehn konnte.
»Als Geselle, Herr Maulbeere, als Geselle, und Sie sollten einmal sehn
wie ich die Schürstange schwingen werde.«
»Kann ich mir lebhaft denken« betheuerte der Scheerenschleifer, sein
Gesicht in einen förmlichen Knoten zusammendrückend -- »kann ich mir
lebhaft denken -- ist auch eine recht passende Beschäftigung für einen
Pastors-Sohn.«
»Schadet Nichts Maulbeere« lachte aber der junge Mann, »nur ehrlich und
rechtschaffen gehandelt und sich sein Brod selber erarbeitet, auf das
Übrige kommts dann nicht an; ob ich einen Frack oder ein Schurzfell
trage, und _durch_ komm' ich, darauf können Sie sich verlassen, so lange
mir Gott meine Gesundheit und meine gesunden Glieder läßt. Übrigens
sind noch ein paar Bekannte von Ihnen hier an Bord« setzte er rasch
hinzu -- »Carl Berger, der Deserteur, und Herr Schultze aus Hannover.«
»_Auch_ Feuermann?« rief Maulbeere rasch und erstaunt.
»Der erste ja, der letzte nicht« lachte Georg Donner -- »sollte sich
nicht übel mit der Schürstange ausnehmen, und würde das Feuern wohl kaum
vierundzwanzig Stunden aushalten; er geht als Passagier, glaub' ich,
nach St. Louis.«
»Hm« brummte Maulbeere vor sich hin -- »alle Welt geht fort von hier;
wenn ich wüßte daß es im Lande besser wäre, schöb ich meinen Karren auch
an Bord.«
»Scheeren und Messer wird's überall zu schleifen geben« sagte Donner.
»Die Möglichkeit ist vorhanden daß ich mir in Zukunft meine eignen
Messer schleifen _lasse_« sagte Maulbeere.
»Oho?« rief Donner verwundert aus, »ja wenn Sie solche Pläne haben,
Freund Scheerenschleifer, dann ist doch wohl New-Orleans der beste
Platz, galopirende Speculationen rasch zur Ausführung zu bringen; ich
wüßte übrigens eine für Sie.«
»Eine Speculation? -- und die wäre?«
»Haben Sie die riesenhaften Ankündigungen von Stiefelwichse gesehn, die
überall in der Stadt an den Straßenecken kleben?«
»Allerdings -- wo sich der Neger vor dem Stulpenstiefel rasirt« feixte
Maulbeere, dem die Idee ungemein gefallen.
»Dieselbe!« lachte Donner, »wenn Sie Ihren Stiefeln im Stande sind halb
den Glanz zu geben den das Schultertheil Ihres Rockes hat, so ist Ihr
Glück gemacht.«
»Hören Sie einmal mein lieber Herr Donner« sagte aber jetzt Maulbeere
gereizt, und mit einem fast boshaften Lächeln in den entsetzlich
häßlichen Zügen -- »wenn Ihre Feuer nicht besser scheinen werden als Ihr
Witz, so glaub' ich, käm' ich eher mit meinem Schiebkarren nach St.
Louis hinauf, wie Sie mit Ihrem Dampfboot -- wer weiß ob mein blanker
Rock nicht noch länger hält als Ihr blaues Hemd, und Sie im nächsten
Winter nicht vielleicht Gott danken würden, einen so warmen Überzieher
zu haben.«
»Frieden, würdiger Greis, Frieden« lachte der junge Mann, »die Bemerkung
war keineswegs böse gemeint und sollte Sie nicht beleidigen -- im
Gegentheil hab' ich sogar eine Bitte an Sie, mir nämlich über ein paar
junge Leute von unserem Schiff Auskunft zu geben, die Sie gewiß nicht,
wenigstens trau' ich das Ihrem Scharfblick kaum zu -- aus den Augen
verloren haben.«
»Und die wären?« -- sagte Maulbeere immer noch mistrauisch den jungen
Burschen dabei betrachtend.
»Was ist aus dem Doktor Hückler geworden?« sagte dieser -- »ich habe ihn
nicht wieder gesehn, seit er an jenem ersten Landungsabend unser Schiff
verließ.«
»Wohnt jetzt in ---- _street_« sagte Maulbeere, »führt ein großes Schild
über der Thür _J. A. Hückler_, deutscher Doktor und Geburtshelfer«
schmunzelte Maulbeere -- »und rechts und links an dem Schild hat er sich
ein paar große schwarz-roth-goldene Kokarden malen lassen.«
Georg Donner lachte.
»Der wird sein Brod schon hier finden« sagte er achselzuckend, »wer
kann's ändern; vielleicht haben die Leute recht, die da behaupten, in
Amerika _wollten_ die Menschen betrogen sein.«
»_Vielleicht_ haben sie recht,« brummte Maulbeere vor sich hin -- »da
ist gar kein vielleicht dabei, und wer hier seine _Knochen_ einsetzt,
muß gewöhnlich die Haut mit in Kauf geben -- ich gedenke hier _Gerber_
zu werden -- aber nach wem wollten Sie noch fragen?«
»Haben Sie von Henkel und seiner Frau Nichts gehört?«
»Hm -- « sagte Maulbeere, sich mit der linken Hand die grauen
Kinnst
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