Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Semper der Jüngling

by Otto Ernst Schmidt · German · Gutenberg #28083 · 555,302 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Semper der Jüngling
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Semper der Jüngling

Author: Otto Ernst Schmidt


        
Release date: February 14, 2009 [eBook #28083]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/28083

Credits: Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
        and the Online Distributed Proofreading Team at
        http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***




Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
and the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net










                                  Semper
                               der Jüngling


                             Ein Bildungsroman

                                    von

                                Otto Ernst


                Sechsundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend


                 Leipzig - Verlag von L. Staackmann - 1914




     Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte
     Der Schlaf hervor.
     Schon raunte mir die ersten, leisen Worte
     Der Traum ins Ohr.
     Da klang von nahen Zweigen
     Ein tiefer Freudenschall
     Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.
     In meinen Traum sang eine Nachtigall.

     Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume
     Im Traum, im Traum.
     Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume
     Ein lichter Saum.
     Doch horch: von jenen Röten
     Ein süß geheimer Hall,
     Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten!
     In meinen Traum sang eine Nachtigall.

     Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme
     Von je erklang
     Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme
     Voll Hoffnung sang.
     Ein Land des Lichtes träumen
     Wir armen Seelen all!
     Ich aber höre Klang aus jenen Räumen:
     In meinen Traum singt eine Nachtigall.




Erstes Buch

Spiel und Arbeit




I. Kapitel.

Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen
Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.


Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger
Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor
seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der
Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen
und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen
Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings
also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine
Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine
Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer
Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam
er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig
Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in
die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe
Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung
aufnimmt, wächst und sich vollendet!

Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld,
wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner
Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es
ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann
wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper
betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die
Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht
mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute,
rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!«

Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden
Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln
umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas
Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm
nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater
sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig
Mark das Jahr!«

Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen
auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz
Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die
ganze Welt.

»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er
den Kopf zurückwarf.

»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich
Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher
lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht
drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und
das geb’ ich natürlich alles euch!«

Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er
immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war,
und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen
zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell
auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter
verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil
er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und
Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen;
aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen,
und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei
und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein
Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer
Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da
stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren;
denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen
dasselbe.

Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all
ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück
Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich
trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß
einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke
wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.

Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich
andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah
man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so
gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge,
du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer
gemacht!«

Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater:
»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die
Allgemeinheit ab.

Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis
gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer,
Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und
vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein
über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren
still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich,
es währte nicht lange, da klang es durch den Raum:

     »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
     Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
     Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen
Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern
Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen
fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel
Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich
liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den
Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als
wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich,
was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle
Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das
Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein
Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen
den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen
mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde
einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem
Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch
ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar
Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück
und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als
deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für
eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon
nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes,
von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte.

»Warum weinst du?« fragte Asmus.

»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter
’rausgeschmissen.«

»Warum das denn?«

»Och, er is all wieder duhn (betrunken).«

»So früh schon?«

»Ja, er säuft immer ’rum.«

Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten?

»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die
nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und
dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne
Jacke fuhr.

Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er
notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man
muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen
und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem
Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann
mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine
Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß:

     »Drunten klingt verworrner Klang,
     Tönt es nicht wie Grabgesang?«

Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus
jener Tage ohne weiteres schön.

»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der
Oberlehrer.

»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen.

»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf
wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des
Kulturgendarmen wurde eingezogen.

Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten.
Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte
er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen
und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit
den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von
Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die
Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge
Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben
und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer,
dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen
hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten
deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes
Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen
zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute
Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen
Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu
addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die
Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden
Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an;
wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!«

Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten
Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube
wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen,
die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und
addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in
der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja
noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein
anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in
unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus
dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner
vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt
war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das
Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber.
»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau
am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise
den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den
Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern
können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und
fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte.
Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux,
betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie
sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf
von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus
wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen
Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten
Male sehe.




II. Kapitel.

Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere
Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün
nicht hinaustrampeln wollte.


Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das
letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen
Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück,
dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften
Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es
liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig
belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten,
mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über
seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt.
Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war
nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der
hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder
hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die
zugehörigen Verse hersagen, z. B.:

     6×6 sind 36
     In die große Schlackwurst beiß’ ich

oder

     8×9 sind 72
     Dieser Knabe übergibt sich,

aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich«
ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die
falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer
Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die
kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen.

»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem
Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob
solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an.

Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen
der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu
reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus
wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein
hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit
einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er
unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten
eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern
zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg,
wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber
er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne
dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf
den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal
Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten,
alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten.

Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er
hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke
seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht:
Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt
nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die
Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten
Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten
von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und
vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also
hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht
unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last,
hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt.
Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit
solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze
Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche
Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es
frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er
kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des
Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte
er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest
hing alles mit ehernen Klammern zusammen.

Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen
Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede
Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler
nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch
Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen
Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht
einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten
sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre
brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und
doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft
will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben
gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie
dieser.

Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule
waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen
Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese
sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule
hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein
einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und
Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres
Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt.
Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# – das war die
Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit,
das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit
drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er
schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst,
und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender
Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth
Bethondereth mitgebracht!«

     [Fußnote 1: th sprich wie das englische #th#.]

Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder
zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und
vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er
wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen
war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des
guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom
Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich
selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war
alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des
Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen
geschmückt!

»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel,
»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von
Angethicht zu Angethicht zu thehen!«

Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie
sprach, so sagte er:

»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen;
andere dagegen thind häthlich und widerlich!«

Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in
einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz
reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen
es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege
heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung
zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und
wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die
drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von
ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne
jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen
anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz.

Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu
urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge
durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer
zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und
träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling
dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich
unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges
Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein,
und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem
französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige
üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und
nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich
sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn
Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt
aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei.
Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja
der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen
für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors
nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß
man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen
preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten.

Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der
Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die
Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine
Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der
Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen
Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur
Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...«
und wandte sich seinen Geschäften zu.

Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr
Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün
auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der
Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu
repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl
nennen:

»Amenemha III.?«

»2200.«

»Vertreibung der Hyksos?«

»1580.«

»Durch wen?«

»Durch Thutmosis.«

»Amenophis?«

»1500.«

Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche
Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die
ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr
Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte.

»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er
fort war.

In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach
effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders
von neuem:

»Phul?«

»770.«

»Tiglat Pilesar?«

»740.«

Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser,
Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl
wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm.

Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er
die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber
keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen
langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer
erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere
waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man
solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen
Unterricht beschweren.

»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend.

»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da
sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.«

»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer.

»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die
Folgen trage ich natürlich mit.«




III. Kapitel.

Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie
sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen
Augen zum Arzt mußte.


Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann:
»Tiglat Pilesar?«

»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die
Klasse, das wie grollender Donner klang.

Herr Rothgrün wurde weiß.

»Was soll das?« rief er.

Keine Antwort.

»Was soll das heißen?«

Eisiges Schweigen.

»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was
das bedeuten soll?« schrie der Lehrer.

Niemand rührte sich.

»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu
melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht
gestört worden bin.«

Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er
wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht
ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur
gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte
sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und
richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich
noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen
beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er
wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der
Anstalt.

Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere
Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte
die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner
»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl:

     »Die Zeiten der Vergangenheit
     Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
     Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
     Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
     Darin die Zeiten sich bespiegeln.«

und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte
man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem
von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten,
fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie
nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein
in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine
Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte
waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die
menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß
man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber
lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern
von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit
aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er
sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom
Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll
gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land,
indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder
schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle
errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da
königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange
Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und
das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es
eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute
und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und
Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des
Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger
Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen
eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren
Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten
Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den
Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die
Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt
dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz
aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit
winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern
Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die
Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften
Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger
Professors zu streiten.

So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber
dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden,
und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und
wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während
eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte
die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg
hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre
wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur
Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie
Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften,
absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte
die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und
langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von
geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine
visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude
wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der
Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit
fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal
mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter
tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich
Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts.
Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber
_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird
Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben,
ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen
Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen
mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und
niemals befolgte.

Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun
wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die
gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen
Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie
sogar den Charakter verdarben.

Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an
hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er
kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst
der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch
Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal,
der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines
Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack
ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den
Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis
dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)

Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den
Lehrer.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere
Seitenfläche.

Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum
dritten Male.

Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte
dann den Klotz auf die große Seitenfläche.

Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte
sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.

Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der
Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.

Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete
dann das rechtsstehende Prisma.

Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das
Prisma etwas nach links.

#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das.

Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder
gerade vor die Nase, aber »über Eck«, so daß man drei Flächen auf
einmal sah.

»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus,
betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und
machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.

In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es
gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern
zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen
Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges,
erfreuendes Objekt.

Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das
dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz
bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander
saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die
bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht
konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten
Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme
breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und
ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer
zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig
Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.«

»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus.

»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.

»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.«

Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich
mit Augenschmerzen.

Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr
Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein
ärztliches Attest beibringen.«

Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde.




IV. Kapitel.

Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem
Taubenschlag.


Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten:
Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne
wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz
geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden.
Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und
kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.

»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der
Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.

Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der
Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und
überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.

Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man
weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes
Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab,
immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So
unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer
wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte
ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man
niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach
genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr
Attest ist abgelaufen.«

Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.

»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und
dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.

»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.

Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht.
Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male
mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte
schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann,
können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit
seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal
und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der
Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen
lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt
verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine
silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal.
Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen
Blick ins Attest. »Semper?«

»Jawohl, Herr Direktor!«

»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich
hospitierte?«

»Jawohl, Herr Direktor!«

»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?«

Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen.

»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles
verstanden?«

»Das – wohl kaum!«

»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?«

Asmus nannte eine lange Reihe.

»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges
Gesicht bekommen. Das war sein Liebling.

Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls.

»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl
die Augen verdorben?«

»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick
noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so
viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.

»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus
betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung
haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz
geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.

Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in
seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg
des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg,
nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein
Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer,
sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite
an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen
Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht
wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum
geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe
Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich
streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu
lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen
Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei
andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die
Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung
beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der
Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper
war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und
einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit
Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden
Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des
Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu
schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal
warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der
diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den
»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum
ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen.

Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei
Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene
und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten
Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange
seiner Opfer wie die Keule des Herkules.

»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen
war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel
einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler
Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe
einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine
zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er
bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die
Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten
Grünwarenhändler.

»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen
Besuchen zu sagen.

»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn
nicht ab!«

»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich
nun schon so viele Jahre.«

Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich
Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob
als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des
Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von
Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus
war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an
manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er
nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen
er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen.

Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde
eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten,
durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der
Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte
er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe.

Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war
wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter
und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen
Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie
er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen
und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als
müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so
konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen
und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am
Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater,
schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche
vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen
Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten
Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann
die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich
unter dem Glanz dieser Sterne.




V. Kapitel.

Ob der Mensch schlafen muß oder nicht. Von stummer Liebe und von
stygischen Gewässern.


Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher
sich neben ihm aufhäuften. An Faust mußte er denken, der hatte auch
»über Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten
durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das
war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte
auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wollt’
es schon herausbekommen,

     »was die Welt
     Im Innersten zusammenhält«!

Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie
es Faust tat. Freilich:

     »Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt;
     Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden«

das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft
sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön!

     »Wie anders tragen uns des Geistes Freuden
     Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
     Da werden Winternächte hold und schön,
     Ein selig Leben wärmet alle Glieder –«

Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch
recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben
wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor
sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen
und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem
Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,«
dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich
werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen
braucht.«

Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater
aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf.

»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte
der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann
richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in
den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der
Träume zu.

Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und
Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines
Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer
mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand
er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren,
ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da
war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete.
Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas
bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich
ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in
die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt
fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte,
und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer
aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es
denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an
den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon
vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale
Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie
schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die
Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und
lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte
an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als
aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal
umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen mußte,
da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er
sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam,
wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder
aufgesogen vom Grau.

Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der
Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er
erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei
Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß,
wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen
schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und
begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er
hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein
gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel.
Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens
mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über
alles Erwarten schön fand.

Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen
Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in
die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern
der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte
einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches
Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren,
glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines
heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne
nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper
hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem
er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten
Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten –
nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche
Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte,
seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen
Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst
aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen;
auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und
Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle
Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein
grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen
ging.

O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen
Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau
Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen.
Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber
gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine
unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter
hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur
Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper
gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu
lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten
Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s
niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den
Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und
Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den
Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des
Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch
diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein
kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine
Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs
Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort,

     »Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet
     Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.«

daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern
vermocht.




VI. Kapitel.

Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein
Sklave irdischer Lust ist.


Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und
Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag
und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein,
gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und
Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters.
Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen
im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte,
da sagte der alte Knapp:

»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?«

»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar
nicht.«

»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.«

Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen.

»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die
Worzeln.«

Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein;
aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein.

Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein
Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann
auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden
Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht
nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und
Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage
hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am
dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er
eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder
zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und
Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei,
damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer
wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes
Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte.

Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde
weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli,
das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse
und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht nur Kuchenbuden,
Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die
vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der
sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da
gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen,
Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen –
o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von
bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch
Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel
Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus.

Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer
bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein
Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur
darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung
der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5
Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich
zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin.

»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte
Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit
einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die
Leistungen des Gefeierten im einzelnen zur Darstellung brachte. Schon
von weitem schlug Asmus einen andern Weg ein, er wußte auf der Welt
nichts Widerwärtigeres als diese Bilder und die erklärenden Gesänge
der Schausteller.

Aber dann gab es einen Mann auf dem »Spielbudenplatze«, der war am
ganzen Leibe mit Musik bewaffnet. Mit dem Fuße schlug er Becken und
Triangel, mit dem Ellbogen eine große Trommel, mit der rechten drehte
er einen Leierkasten, mit dem Munde blies er eine Panflöte, und wenn
er den Kopf schüttelte, erklangen von seinem Hute, der einer
chinesischen Pagode glich, eine Menge von Glöcklein. Die Musik war
gewiß scheußlich; aber die Fertigkeit des schwitzenden Mannes blieb
bewundernswert. Er hatte denn auch immer ein Rudel von Jungen um sich,
und darum mußte er die linke Hand frei behalten.

»Käupt, Lüd, käupt!« schrie mit furchtbarer Schnapsstimme, die dem
Bellen eines heiseren Wüstenwolfes glich, ein Mann, der Datteln
verkaufte. Aber es waren keine Datteln mehr, es war nur noch ein
unerklärbares Mus, das zu Klumpen geballt auf der Karre lag. »Tein
Penn dat Pund, Lüd!« schrie der Mann. »Ick verkäup se mit Schoden,
Lüd; ick sett dor noch bi too! Blos ut Schobernack käupt mi wat af,
Lüd!«

Und einmal kam Asmus an eine Bude, auf deren Vorderseite ein Schwein
mit Menschenaugen abgebildet war. Das Tier hatte einen seelenvollen
Blick und schien darüber nachzusinnen, ob es ein Mensch oder ein
Schwein sei. Was es in seinem Zweifel noch bestärken konnte, war der
Umstand, daß es an den Hinterfüßen fünf menschliche Zehen hatte. Wohl
hundertmal drehte Asmus sein Zehnpfennigstück in den Händen herum;
aber dann sagte er sich, daß ein zukünftiger Lehrer seiner Bildung
jedes Opfer bringen müsse; er gab es hin und trat ein. Er fand in
einem Glashafen voll Spiritus ein kleines totes Ferkel, das genau wie
jedes andere Ferkel aussah. Der Schausteller, ein großer Kerl in
Hemdärmeln, erklärte ihm, das Ferkelauge sei ein vollkommenes
Menschenauge, und die hinteren Zehen seien Menschenzehen. Asmus
blickte schon lange nicht mehr auf das Ferkel im Glashafen, sondern
auf den Mann in Hemdärmeln; er sah ihn mit staunenden Blicken an; denn
er begriff nicht, daß ein Mensch so unverschämt sein könne.

»Das ist ja alles Schwindel!« sagte Asmus. Im nächsten Augenblick
fühlte er sich unsanft vor die Bude befördert, und wenig fehlte, so
wäre er die Stiege, die zum Eingang hinaufführte, hinuntergefallen. Es
war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die er im »Kampfe gegen das
Unrecht« machte; aber noch viel, viel weniger war es die letzte.

Nach solchen Erlebnissen gab es einen Wirbel in seinem Kopfe. Wie
konnte so etwas geschehen! _Das war doch Unrecht!_ Und Unrecht
brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen! Unrecht _durfte_ man
sich gar nicht gefallen lassen ...

Wenn es sich aber traf, daß die drei sich männlich aufgelegt fühlten,
so wandten sie den kindlichen Freuden des Spielbudenplatzes nach
gründlicher Betrachtung mit kritisch geschürzten Lippen den Rücken und
gingen noch dreiviertel Stunden weiter nach Hamburg hinein. Dort gab
es nämlich eine Wirtschaft, wo man ein ganzes Seidel »echtes
Kulmbacher« für fünfzehn Pfennige verzapfte und sechzehnjährige Männer
mit Hochachtung behandelte. Sie saßen dort eine Stunde lang bei einem
Glase und übten Kritik nach Art der Jugend, das heißt sie rezensierten
die Bälle der Billardspieler, ohne von diesem Spiel etwas zu kennen.
Auch das Billardspiel war ein #pium desiderium# Asmussens; aber ach,
zu all dergleichen gehörte ein Lehrergehalt. Ja, wenn man 1200 Mark
verdiente – nach einem vorzüglichen Examen bekam man sogar 1300 Mark
das Jahr – dann ließen sich alle Sehnsüchte kühlen.

Wenn sie mehr Geld als gewöhnlich hatten, so gingen sie in ein
Vorstadttheater, wo die Vorstellung 7 Stunden dauerte. Da gab es Musik,
Couplets, Liedervorträge, Männer, die abgeschossene Kanonenkugeln
auffingen, wunderschöne Trapezkünstlerinnen in Trikots und dazu noch ganze
Dramen in fünf oder mehr Akten, z. B. Anna Field, die Frau in Weiß oder ein
Opfer der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich
Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über
die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren
als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig
Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen
edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem
diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch
sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und
liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem
billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand
genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er
war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern
Geschlechte recht zu geben pflegt.

Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr,
dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das
heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der
höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne
erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel
bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und
siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten hatte er beachtenswerte
Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie
verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark
war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen
und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen
Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je
das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die
Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei
Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem
Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann.




VII. Kapitel.

Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete.


Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim
Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei
Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und
Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann
war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen
vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages
durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das
Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen
wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen
Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine
tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon
vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige
Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und
wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in
diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke
war. Dann unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr
Bockholm den Kopf neigte und horchte.

»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen
doch singen können!«

Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne –
»eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst.

»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am
Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?«

Asmus begann mit bebendem Herzen das Lied des Zaren »Einst spielt’ ich
mit Zepter«, und als er das beendet hatte, schrie Herr Bockholm:
»Weiter, was können Sie noch?«

Und nun sang Asmus, kühner geworden:

     »Horch auf den Klang der Zither.«

»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den
Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine
Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den
Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang.

»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit,
und nun mußte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und
noch eins. Noch am selben Abend mußte Asmus mit dem weißen Elefanten
auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter
war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle
jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle
sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum
Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen.

Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so
doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« – »darin
steckt mehr als in mancher großen Oper,« schrie Bockholm mitten im
Spiel – las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor –
denn der Blinde wollte alles wissen – und übte sich im Biertrinken.

In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein
Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu
verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreißig Seidel
brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber
er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen.
Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und
traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daß
Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch
wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in berußten Blusen und
kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen
Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor
kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer
Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger:

»Junge – wenn ick den sin’n Kopp harr!« und ein anderer versetzte
langsam und gedankenvoll:

»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook
nix.«

»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn
gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten.

Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und
warm wurde!

Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler
zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich
revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig
Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher.

Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den
heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine
heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und
allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt,
das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des
Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben
schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich
bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,«
und Asmus ließ sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes
und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales.
Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des
Ostermorgens, und als er an die Stelle kam:

     »Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen;
     Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;
     Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
     Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle;
     Den ich bereitet, den ich wähle,
     Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
     Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!«

da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war
nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze
Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber
gelacht hätte.

Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein
possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die
lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er
endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust«
erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen,
und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen
»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und
die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man
trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei
Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche
Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am
wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie
all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von
denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig,
gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das
Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze
Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der
Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle
Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen,
Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich
Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe
herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie
göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen
sangen:

     O wie bimmel, bammel, bummelt,
     O wie bimmel, bammel, bummelt,
     O wie bummelt mir mein Frack!
     Ich hab noch nie einen Frack gehabt,
     der mir so sehr gebimmelbammelt hat –

aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige
Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein
Duft – ein Glanz – eine unnennbare Weihe – es fehlten die rosigen,
silbernen Wolken über der Versammlung – – –!

Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und
nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als
er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne
plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da
schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht
zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam
ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den
das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus
vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist
anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher
mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum
lachten nicht alle?




VIII. Kapitel.

Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem
Windhund verkehrte.


Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause
kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse;
aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn;
das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen
Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und
manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am
Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend,
gesungen:

     »Seht ihn blinken
     In der Linken
     Diesen Schläger, nie entweiht!
     Ich durchbohr den Hut und schwöre:
     Halten will ich stets auf Ehre,
     Stets ein braver Bursche sein!«

Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes
durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen
Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte.
Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so
schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder
zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke
Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für
gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch
immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger
Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume
gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach
Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene,
aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische
Mann gemacht hatte.

Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch-
mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen
Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau
so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es
besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine
war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die
wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er
war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar
und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und
Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine
fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie
das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit
gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe
den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein
»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt
man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei
Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der
Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte
ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die
Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der
Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem
Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer
wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen
vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen,
überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß
wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben
konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern
über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm
ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit
Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause
kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde
wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund,
was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische
Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ
nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des
Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit
solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen
Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen
und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und
geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns,
Mozarts, Beethovens und Schuberts.

Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale
Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß
er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen
Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen
ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder
dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten
aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun
schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des
Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur
dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und
gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln
oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch
Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens
verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s
vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie
wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ,
seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper
anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins
Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu
lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer
gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen
Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem
Frevler die Hand und sagte:

»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene
Leute.«

Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon.




IX. Kapitel.

Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist.


Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager,
sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein
silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie
Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo
die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren
gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn
»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn
er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch
falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter
allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen
Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn
Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der
Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch
kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den
seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken
ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem
»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John
Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes
Asmus.

Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie
unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst
über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral,
der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux
war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.)
Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft.

»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.«
Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der
er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer
weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:

»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter
werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich
Unsinn.«

Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend
nebeneinander her.

»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich.

»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe
nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.«

Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt
feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war
eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen
angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein
zweifelhafter Reichtum gewesen.

Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich
herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines
kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den
herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er
holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er
sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand.
Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach
einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie
Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische
Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in
Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die
alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung.

»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig
eines Abends aus.

Das ärgerte Asmus und er versetzte:

»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.«

Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das
Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer
erkalten.

John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren
Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen
einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu
trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater
erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er
Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat,
versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus
erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt
wurden.

Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der
Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich,
den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu
lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl
soviel haben.«

Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf
Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem
Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie,
die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken
eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt,
der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht
besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine
Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen
Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um
es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von
Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig
einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von
ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt,
unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer
Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den
Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern
her.

Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig,
_doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich
zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten
gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt
hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und
mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens
atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die
nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte:
»Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.«

Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig.

Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat,
fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte
Herrig:

»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!«

»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig.

Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen
Studiengenossen.




X. Kapitel.

Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca.
Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige
Bekanntschaft.


Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit
der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit
ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber
er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und
starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab,
drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das
Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein
Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen,
und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom
Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er,
daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er
zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal
tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen
Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde
sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich
anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise
herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus
Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen
war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige
denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte
auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn
bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte
er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und
Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es
geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm
geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor
Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den
ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören,
hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich
auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders;
aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund,
gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen
seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende
und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und
Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran
hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der
Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als
die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden
aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet
werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen,
bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn
Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der
Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und
hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer
Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können.
Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu
geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar
vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse
Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert,
jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel
eines Galeerensträflings.

Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost
finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte,
hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue
Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von
einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine
zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht
versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie
hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die
bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon
am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm
und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht
zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen
mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte
mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule
vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron,
und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen;
Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der
Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer
gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am
Musenhof zu Ferrara oder Avignon.

Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele,
von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war
die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin
und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine
Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und
diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren
Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah
sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer
gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt
erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und
unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals
schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher,
und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die
Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher,
die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine;
aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen
fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein
reiches Leben gehabt.«

In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine,
unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben
konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel
von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus,
daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute
sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel
leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe
immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal
auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«

»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.

Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine
schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem
sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie
und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung,
unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber
nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die
»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner
Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen
gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war,
das konnte er nicht mehr wissen.




XI. Kapitel.

Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den
Hund kam.


Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze
Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines
Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der
Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank
gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht
kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen.
Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen
rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen;
er nickte nur stumm und verließ das Zimmer.

Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel.
Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er
vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst
nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen
war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder
lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen
war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und
jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum
nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er?
Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß
mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar
nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für
außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die
er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen
einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn
nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß
hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade
um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen
ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.

     Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen
     Durch den abendlichen Himmelsraum.
     Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen
     Zarte Lichter wie ein Flockensaum.

     Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen
     Ragt die Wolke hoch in den Azur,
     Doch um ihre Stirne lichtgetroffen
     Hängt des Alpenglühens Rosenflur.

     Denn verborgen hinter jener Mauer
     Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts,
     Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,
     Blickt nach dort verklärten Angesichts.

     Also sah ich düstre Menschenstirnen
     In den Grenzen dieser Erde auch:
     Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen
     Eines fremden Lichtes leiser Hauch.

     Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,
     Das mit Tränenschatten sie umhüllt;
     Doch versunken war ihr Blick nach innen
     Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –

Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein
überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals
gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in
Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens
mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der
Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und
Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es
ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal
alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie
sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben
stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.

Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er
stand vor den Kindern.

Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie.
Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich
ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich
hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine
Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da
steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und
sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne
Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war
nicht so schwer; aber das Unterrichten!

Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von
der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen
sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade!
Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s
aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder
»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese
gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig
Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle
er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und
wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er
jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse,
das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der
Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn
es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern
zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser
mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#«
anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine
»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein
zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob
er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle
Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch
tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er
auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase
geputzt habe usw.

Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich
aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank
der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte.

»Was ist das?« fragte Asmus.

»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder
kannten keinen Fuchs.

Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den
Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber
hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in
diese Antwort fest.

»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es
kein Hund ist?«

»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche.

»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh,
eine »Wahlfrage!«)

»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die
Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux
notierten eifrig in ihren Heften.)

»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?«

»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler.

Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß
der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß
die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten),
er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des
Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper«
herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein
Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja-
und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte,
jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt
werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb
des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon
am ganzen Körper schwitzte.

Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe
verloren.

»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?«

Da stand ein Genie auf und sagte:

»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!«

»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort
vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz
und Morieux notierten das.




XII. Kapitel.

Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er
empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen.


Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder
Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern,
wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging
alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen
Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er
gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des
Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen
vor:

     »Als der Mond schien helle,
     Kam ein Häslein schnelle«

und

     »Gestern abend ging ich aus,
     Ging wohl in den Wald hinaus«

und

     »Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
     Saßen einst zwei Hasen«

und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen
vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als
Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er
sie:

»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über
die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein
Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel
sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer
dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes
Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von
ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute.

Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem
Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen
das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der
Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen
geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und
in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und
heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr
Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber
unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten
müsse, und wenn es auch noch so schwer sei.

»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte
Asmus einen Schüler.

»Ich weiß nicht,« sagte der.

»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?«

»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.

Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich.
Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl
im stillen: wenn ich es versprochen hätte.

»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch
schlafen. _Aber doch nur wann?_«

»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.

Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der
Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen.
Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem
Spiel mit den Tieren.

Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an
der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem
Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die
andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den
acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes.
Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags
denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur
Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er
sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute
Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für
Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und
fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon
durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine
Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging
er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf
seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich
Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden.

Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens
Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine
Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen
solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des
bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar
übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht
ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie
schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der
sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres
Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte
sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn
ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts
davon.«

Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über
sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn
davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim
nicht in der #Toga palmata# erscheinen.

Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und
Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und
energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit
dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und
sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann
bestehen lassen?«

Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs
vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach,
strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und
ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als
ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite
genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere
Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er
fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die
Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas
ruhiger.

Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du
bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster
hinaus in die Ferne.

Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er
pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte
sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben,
das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes
oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den
schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der
Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor
natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm
die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen,
an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen
Gretchen beim #dies irae#.

     #Quid sum miser tunc dicturus
     »Quem patronum rogaturus?«#

Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein
Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach
alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers
Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja,
dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines
Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen
Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach
dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei
der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins
Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer
Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die
Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte.
Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn
lachen sah, sagte er:

»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth
Ekthamen!«

In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger,
und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern
so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er
ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke
beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich
nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand
trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man
eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen.




XIII. Kapitel.

Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein
längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein
Gärtner mit einer Schere.


In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die
Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er
nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als
wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken
wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz
beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das
war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel
der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit
Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die
Küche an den Herd.

Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an
seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem
Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah,
wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm
ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die
zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las
nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der
Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus
Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich
von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene
Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln.

Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als
Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn
Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde
heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf,
und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht
und weit vorgestreckter Hand.

»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er.

»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir?
Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an,
eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?«

Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate
anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu
werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und
über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte
seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa
gebeten hatte.

Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen.

»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich
vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso
schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die
Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«

Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg.

Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge
machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es
war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann
auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die
vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben.
Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten
Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn
nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts-
und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten
das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch
die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da
war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt:

»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.«

»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer
gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist,
brüllt ihr Hurra?«

Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht
an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit.
Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen
wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...

Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in
die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung
ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch
immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei
der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde;
denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken
der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des
Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und
ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie
eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer
abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend
braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar
und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und
stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein
Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses
Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und
nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren
Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht.

Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte
nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer
verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin
über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite
an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal
den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen
gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg,
wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines
Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und
ernst blickte sie ihm ins Auge.

Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des
Kollegiums verabschieden.

»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.«

Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und
als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich
habe kein Geld.«

»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie
einlade, brauchen Sie doch kein Geld.«

Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der
Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren
behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und
sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart
die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden
Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem
Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über
der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß
sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So
gefielen sie ihm noch viel besser.

Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte,
das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht
ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte
seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der
Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur
wolle.

»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde
ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.«

»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus.

»Nee,« sagte der Herr.

Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen:

     »Monument von unsrer Zeiten Schande,
     Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande,
     Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir!
     Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens!
     Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens;
     Fried’ und Ruhe fand’st du hier.

     Wann wird doch die alte Wunde narben?
     Einst war’s finster, und die Weisen starben;
     Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt.
     Sokrates ging unter durch Sophisten,
     Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen,
     Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.«

Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen«
hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben.

»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer
empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.«

»Was? Schiller –?«

Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand
auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus
»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«

»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er
sich in die »Bekenntnisse«.

Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er
stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er
auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o
Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu
jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine
Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins
Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein
Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur
Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch
berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine
geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde
seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder
und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine
unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen
Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch
auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es
wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und
nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut,
sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das
ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen,
die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte.

Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und
Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er
hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es
da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in
Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm
lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom
Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo
ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und
Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden
hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er
studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft
hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu
lernen –

     »O Erd’, o Sonne,
     O Glück, o Lust!«

das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer
wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden
und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün
über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe
Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.

Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend,
erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und
rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?«

Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin
ich nicht ein glücklicher Mann?

Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich
geworden.

»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde
glücklich sein, ich weiß es.«

Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum
ersten Male die Schwelle des Seminars.

Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der
herankam, sein Glück zu beschneiden.




Zweites Buch

Arbeit und Kampf




XIV. Kapitel.

Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben.


Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege,
auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien
in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme
anrufen hörte.

»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme.

Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau,
die ein Kind auf dem Arme trug.

Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche
Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche
er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste
Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte.

»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den
Mund bis an beide Ohren.

»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre
Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.

»Wie geht’s dir denn?«

»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?«

»Ja, natürlich,« sagte Asmus.

»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine.

»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus.

Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es
über den ganzen Platz hallte.

»Bis woll verrückt!« schrie sie.

Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er.
»Natürlich werd’ ich Lehrer.«

Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam
und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr
Mund.

»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte
an ihre eigene Schulzeit.

»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter.
Adieu, laß dir’s gut gehen!«

Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon
fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – –

Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen
und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – –

Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten
schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die
Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt.
Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde
in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt.
Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das
war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder
Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner
trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte
still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte
er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo
die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung
weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben
bedrohte.

Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie
ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich
nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte
mit stoischem Lächeln:

»Ich bin ausgewiesen.«

Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den
Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses
neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie?
dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und
meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde
Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben;
aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel
mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht
ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der
sozialistischen Lehre zu überzeugen.

Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache.

»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper.

»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig.

Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn
Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee
zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer
war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die
Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung
Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen?
Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit?
Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck.

Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon
oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen
Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen
reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer
wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und
Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer
Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern
freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein
Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst
»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern.

Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über
Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die
ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im
stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie
immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und
bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn
sie glauben, daß ihnen das was hilft!«

Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit
seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl
er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen«
und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen.

Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch
er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den
nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit
unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere
die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder
in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte.




XV. Kapitel.

Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt
Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes
Dichterhonorar.


Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund
und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer
Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden;
Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte
und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man
war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit
Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen,
wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende
Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze
hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein
Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem
Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas
in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm
aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang,
monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als
einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die
»Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz
besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer
Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die
den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie
hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame,
süß-traurige Weise die Augen auf.

[Illustration:
#/Largo./#

Musiknoten

Liedtext:
#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#]

sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen.

»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir
fleißig schreiben.«

»Gewiß,« sagte Asmus.

»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie
werden allmählich alt.«

»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich.

»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe,
schick’ ich auch Geld.«

»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann
schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige
Weise an:

     #Je vais donc quitter pour jamais
     Mon doux pays# – – –

Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der
vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in
Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie
auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und
was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern,
Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein
großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in
diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins
Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und
den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten
Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren
Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie
knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um
den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von
Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff
unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon.

Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er
von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans
Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er.

     #Je vais donc quitter – – –#

Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle
seine Gedanken.

     #Je vais donc quitter pour jamais
     Mon doux pays, ma douce amie!
     Loin d’eux je vais trainer ma vie
     Dans les pleurs et dans les regrets.#

Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war
ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche
Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die
Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den
Traum und bis in manchen folgenden Tag.

Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele
nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit
realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen
hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber
einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren.
Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der
dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten
Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im
zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie
sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre
hindurchschleppen?!

Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer
angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner
Eltern.

»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher
werden,« sagte die Mutter.

»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers.

»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht.
Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.«

»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig.

»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort.
»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer
geworden.«

Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des
Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein
Unglück ist.

Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es
Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen,
die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht
begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die
sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche
liegen? Nein.

Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu
verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.

Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers,
drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem
Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine
seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte,
wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das
etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes
Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75
Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater
mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken
Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut.

Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die
Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang
an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht
beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines
Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so
zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es
nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte
es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte
Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein
Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen
bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten
Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach
ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer
kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins
Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und
ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom
Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt
habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz
richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht.

»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.«

»Klemme!« – »Klemme!«

»Klosett!« – »Klosett!«

»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte
nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen
zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun
an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus
den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein
vollkommen helles und frisches Geistchen hervor.

Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes
Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß
der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von
seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus
sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor
hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit
mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein
Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner
Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein
funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht
übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein
Honorar beanspruche.

»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte
der Doktor.

Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee,
ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er
ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von
Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so
hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte.




XVI. Kapitel.

Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen
Architekten.


Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten
aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch
lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des
Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das
Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich
Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und
studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente,
Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und
Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur
denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte
diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man
mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch
noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine
Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual
sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden
zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden
Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien
»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen.
Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim
Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier
Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung
finden sollte.

Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente
allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten
konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von
seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden
eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf
diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf
Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio
cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war
vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines
Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er
ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst
oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis
zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten
an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins
verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die
Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der
in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park
mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden
Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten
und Höhlen für die Erinnerung?

Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im
leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser
vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten,
für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder
sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In
einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu
neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser
Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus
wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken
mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts
Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche.

Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter
den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen
erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen
– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die
Kompagnons erledigt.

Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die
Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die
Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell
wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der
Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins
Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein
Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon,
aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der
– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und
dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft
übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab
Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit
Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den
Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so
war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht,
in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen
Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder
verlangt habe.




XVII. Kapitel.

Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.


In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in
»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens
weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil
ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu
wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in
solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum
Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu
erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und
bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch
jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen
servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem
Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute
Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und
Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er
anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber
die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner
Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über
alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein,
behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit
seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein
alter Freund!

»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau
hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich;
aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig
bleiben.«

Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und
schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als
pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind.

Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich
beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau
Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm
stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der
Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone:

»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den
Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein.

Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe.
Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu
vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame
anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger
Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war
und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis
glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch
wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse.

Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden
und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine
geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle
noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem
Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er
konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie
schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn
auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen,
verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte,
das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung
schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über
errötend, dem Kandidaten erwiderte:

»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.«

»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch.

»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit«
gelesen?«

»Nee.«

»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und
ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort
kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.«

Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und
als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau
Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört.

Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den
jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im
Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für
sein Ideal.

»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?«

»Semper.«

»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles
sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch
unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen.
Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben
Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?«

Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und
Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der
Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm
sogar Feuer gegeben.

Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen
belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung
den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen?
Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines
Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten
schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile?

Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden
gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick
aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines
Landsmannes Th. Storm ein:

     »Wo zum Weib du nicht die Tochter
     Wagen würdest zu begehren,
     Halte dich zu wert, um gastlich
     In dem Hause zu verkehren.«

Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt,
schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und
andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen,
und daß er für die erwiesene Güte danke.

Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt
er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte
Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu
setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben
zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber
weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu
erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts
bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches
Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete:

     »Wer ungebetet zu Tische geht
     Und ungebetet vom Tisch aufsteht,
     Der ist dem Öchs- und Eslein gleich
     Und hat nicht teil am Himmelreich.«

Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht
einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände
faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich
erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht.
Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen
mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief
der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am
Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge
ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder
fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein:

     »Auch bleib der Priester meinem Grabe fern;
     Zwar sind es Worte, die der Wind verweht;
     Doch will es sich nicht schicken, daß Protest
     Gepredigt werde dem, was ich gewesen,
     Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!«




XVIII. Kapitel.

Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth
auf den Kopf stellte.


Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch
diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten
Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und
er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt
wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit
einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis
elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr
abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten
erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang
nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht
gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und
die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne
Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten
kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der
Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und
hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen.

Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den
Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte
er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete
an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei
bekneipt gewesen.

Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf
einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo
er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte
nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft,
daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der
einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein
heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim
Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte
langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich
nicht, wie er nach Hause gekommen.

Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von
einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er
vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht
weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend
weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin.

Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder
im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt
keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.

Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie
lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden?
Du bist wohl verrückt!« – – – –

Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn
warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein
Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief
nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens
bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und
wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk
gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines
Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte
Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas
werde, was er nicht werden durfte.«

O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag
über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen
kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück
auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein.
Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege
wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte
man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen
hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit
fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn
Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde:

»Stehen Sie morgens so früh auf?«

»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis.

»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort.

»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider
Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises
Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch
vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom
dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr
Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser
Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst
schwach.

Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten
verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse
eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als
eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt
hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer;
aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz.

Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein
Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt,
zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene
Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem
Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen
und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte
sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die
Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die
Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke
und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre
Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich
gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit
sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im
kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka,
die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis
hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja
wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche
Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts
Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und
er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren
Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war
in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und
die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen.
Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses
Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie
auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren
das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie
machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch
begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler
in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des
Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet,
logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch
_sehen_, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander
gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen,
aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem
Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik,
der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale
Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des
menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen
Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den
Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut,
daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das
Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner
geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der
Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist
selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe
Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei
Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu
erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung.
Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu
üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den
möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und
bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das
Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen
sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber
Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so
vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben
einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit
siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem
Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht
darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er
durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs
nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben
zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten
als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft
und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und
nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind
sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es
alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis –
um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler
richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe.




XIX. Kapitel.

Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf
erklärt.


Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem
jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft,
jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu
sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber
es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht
scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem
geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier
machen, solange uns Hoffnung bleibt.

Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden
konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für
den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder
Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal
durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte
dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein
Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies.
In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der
schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art
Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr
von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse
deutlich erkennen.

Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein
Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am
Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium
ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße
anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste
Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese
Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.«

Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem
Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß
seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl
manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der
Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit
der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und
feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm,
fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu
überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich
tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen
vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern
zuvortat.

»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte
Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper.

»Das ist er,« versetzte dieser.

»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr
der Lauernde fort.

»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit
diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte.

Wiedemann war enttäuscht.

Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer,
tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb.

Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran.

»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte
Wiedemann.

»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus.

»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner
nach!«

»Soo?« machte Semper.

»Ja, bist du nicht der Meinung?«

»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser
konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den
geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen.

Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme
der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper
gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der
Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht
mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen
stachen, als er nun fragte:

»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?«

Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die
Nieren schaute, sagte er:

»Du nicht.«

In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann
ging erquickt von dannen.

Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete
die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen
Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und
finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu
Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde.

Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und
Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs.

Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie
sollten es nicht nur hier!

Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes
bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs,
das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann
erzeugt sie sich aus nichts.

Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold,
der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers
Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet
hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub
also an:

»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller
und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im
Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.«

Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er
vielleicht gesagt haben:

»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die
vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.«

Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen
Schurken nannte und der freundlich erwiderte:

»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange
nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der
Semper gewesen, und also erwiderte er:

»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner
Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus.

Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht
zugestanden.

»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und
Idioten!«

Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß
entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er
das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und
sagte:

»Bitte, ich sagte: oder«.

Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen
hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«,
seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die
Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als
Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos
zu erkennen gab.

Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr
Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in
seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der
karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner
Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in
Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und
genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.«
Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg.

Und so war es also Krieg.

Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es
war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die
Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus
nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt
wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann
bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über
seinen Rock.

»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder,
der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt
»Original« für etwas sehr Schimpfliches.

Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag
und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht
schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und
Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er
dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten
beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die
Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie
beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas
Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er
brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte,
sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine
heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit
versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er
verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter
verfolgen.

Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid
war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum
kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum
Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe,
die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht
schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes
kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte,
ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten;
er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte
er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte?

Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.

Das Wort des Polonius an seinen Sohn:

     »Härte deine Hand nicht durch den Druck
     Von jedem neu geheckten Bruder«

hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut
entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem
Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte
er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht
hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es
hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv
zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.

Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch
des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und
Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu
Werner von Kiburg, wenn er ruft:

     »Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter,
     An meine Fersen heftet sich der Tod,
     Und unter Flüchen krachet mein Genick.
     Vom Werner laß ich nicht!«

und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war
nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die
Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich
gesittetes Betragen zeigten.




XX. Kapitel.

Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als
Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe.


Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn
sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der
Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt
sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei;
man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des
jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das
Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun
Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und
Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der
Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und
merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung
gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den
Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil,
das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal
knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen
Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als
Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war
der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte
ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten
Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die
Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die
»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht,
daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die
Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber
doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren,
ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte:

»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem
Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.«

Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das,
nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso!

In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller
Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet
mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und
Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert,
und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und
namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr
Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge
unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den
Sachsenwald.

Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt
hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm
damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der
eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im
Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine
komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu
unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht,
und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den
Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und
Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie
plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die
Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich
Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und
Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was
der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der
Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen
Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im
Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte
Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem
Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle
Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum
Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das
Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die
Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so
gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die
Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte
nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen
verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte.
Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der
Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren.
Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon
gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und
zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem
jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein
dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber
blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen:
»Ein Künstler bist du _auch_ noch?«

»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit
meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne
auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus,
daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber
doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der
himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen
hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten
abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die
Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann
legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des
Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes.
»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren
Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die
Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm
verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es
das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als
»Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden,
da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot
holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner
grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm
vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim
Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich
nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem
Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er,
im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln
zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das
dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl
an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er
nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur
Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus
einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter
auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon
stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie
eine Stecknadelwunde.

Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine
tiefere Herzenswunde bringen.




XXI. Kapitel.

Wie Asmus eine bessere Liebe fand.


Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem
Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit
bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich
deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört
hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter
Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief,
und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der
»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei
seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend
selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben
eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch
ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden
Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein
hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s
heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der
tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und
die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen
Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn
Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem
Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen
Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner
Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte
so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser
Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen
haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher
Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben
verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze
aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in
diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte.
Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu
jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche
enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich
abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber
hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio:

     »Hab ich nur deine Liebe,
     Die »Treue« brauch ich nicht.«

Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen
glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte
Semper sich nicht einlassen.

»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem
Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser
ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends
Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!«

     [Fußnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.]

»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein
unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten
gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein
blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie
ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele
schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem
schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite
gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach
vergessen.«

Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und
introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner
Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages
aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und
die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner
engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens
»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der
Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl;
in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft
mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke
bringen müssen.

»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter
Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie
die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem
Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter
als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden.
Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen
Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er
eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit.
Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise,
wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und
wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus
mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett
von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.«

Sturm nickte nur.

»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt.
Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster
hinauswerfen.

»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich
erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas.

Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte
ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber
hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das
jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer
oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen
und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund,
wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die
künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und
heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle,
wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem
Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag
wurde.

Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte
erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen
habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel
ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder
produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur
hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm
war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf
wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die
Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf
Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz,
damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war
glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes
Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es
wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die
Hand des Asmus fest.

»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem
Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist
Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir
nicht, _solange ich lebe_!«

Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster
stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des
Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als
er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose.
Sie hatte sich nicht erholt.




XXII. Kapitel.

Wie Asmus verlor, was er gefunden.


Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht
schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen
zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das
»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper
gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der
Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen,
da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins
Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung
für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz
gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse
natürlich im Bette bleiben.

Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte
sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht
war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit
wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am
Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen
Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte
das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als
etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs
über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit
einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte
sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.

Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und
humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf
dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?«
fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn
gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine
Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten,
hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es
einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals
und ging heim.

Der Exzeß schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saß er
wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer,
heftigerer Anfall ihn nieder.

»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem
Bette saß. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine
Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weiß ich ganz
genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich
sehe, und wenn ich allein bin, heul’ ich vor Reue wie ein dummer
Junge.«

Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft
dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel
nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen,
sonnigen Nachmittag.

»Ich hab’ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise
vor sich hin, »ob ich’s mal wieder riskiere?«

Asmus riet ihm ab. »Wart’ noch ’n bißchen, dann kannst du rauchen,
soviel du willst.«

»Meinst du wirklich, daß ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte
Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der
untergehenden Sonne stand in seinen Augen.

Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas
Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem
Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte.

Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er:

»Du – gib mir _doch_ eine Zigarre.«

»Ich hab’ leider keine mehr bei mir,« log Asmus.

»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daß du noch mehrere hast.
Daran seh’ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.«

»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein
Todeskandidat; bedenk’ doch, daß du erst –«

»Ach, laß nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war
erloschen wie ein Licht von einem Windstoß. Auf dem Heimwege fielen
nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den
Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit großen ernsten
Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in
seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog
die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?«

Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.«

Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daß Alfred
Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus
dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten
Flüstertone sprechen.

»Wie geht’s?« fragte Asmus.

»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und
Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins
Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein
könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue«
vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber
Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluß kämpfe. Endlich
zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem
Freunde hin:

»Da – es ist natürlich Unsinn – aber ich wollt’ es dir doch geben –.«
Asmus nahm das Blatt und las:

     »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
     Den müden Geist zu dichterischem Flug,
     Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
     Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«

Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller
schwärmenden Begeisterung der Jugend pries.

»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit
ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«

Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen
Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes
und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide
dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte
entgegen, und sie küßten sich auf den Mund.

Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges.
Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine
Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküßt, als sie
nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie
Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen
nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.

Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht.

Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen;
er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche
Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt
haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so
unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund
kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich
in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit
seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt –
und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am
Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in
der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch
an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften
zu geben.

Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und
wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog
er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu
schreiben:

     _An meinen toten Freund A. S._

     »Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
     Den müden Geist zu dichterischem Flug,
     Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,
     Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.«

     So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen,
     Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug
     Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug,
     Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen.

     Begnüge Dich! Du trägst nach heißem Ringen
     Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen
     Die hehre Poesie der Herzensreinheit.

     Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
     Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,
     So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.

       *       *       *       *       *

     Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder
     Und bange Seufzer irren durch die Luft.
     Ich starre trocknen Auges in die Gruft;
     Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.

     Ich steh’ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder,
     Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft
     So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ...
     Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!

     Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen:
     »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!«
     Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.

     An Deiner Gruft werd’ ich im Geiste stehen,
     Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen
     Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.

       *       *       *       *       *

Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen
Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und
gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der
»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und
ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause.




XXIII. Kapitel.

Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als
Seminardirektor.


Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine
schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran
findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres größten
Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen,
oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen,
oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen
soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln.
Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im
Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den
Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben
verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den
Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten
Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein,
Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das
Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und
alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor
in den Weg kam.

»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut
genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen
waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins
Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer
ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein
nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit
langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück.

»Wie heißen Sie?« fuhr er Morieux an.

»Wieso?« fragte der.

»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?«

»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.«

»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth.

»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiße Wackerbarth.«

Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daß
Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der
ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in
der liberalen Presse verspottet werde.

Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem mußte
er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn
für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob
Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf.

»Wackerbarth!« rief er.

»Hier.«

»Klöhn.«

»Hier.«

»Morieux!«

»Hier.«

»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener Straße verhöhnt...
Was woll’n Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.

»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen
Zorn.

Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen
Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft:

»Also: man sollt’s kaum jlauben! Vier junge Leute, 

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/28083