Die Leute von Seldwyla — Band 2
by Gottfried Keller · German · Gutenberg #28042 · 646,582 chars · public domain (US)
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Title: Die Leute von Seldwyla — Band 2
Author: Gottfried Keller
Release date: February 9, 2009 [eBook #28042]
Language: German
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Credits: E-text prepared by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
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Anmerkungen zur Transkription:
Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
Formatierung und Rechtschreibung wurden prinzipiell beibehalten.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#]
Gottfried Kellers
Gesammelte Werke
Fünfter Band
[Illustration: Verlags-Logo]
Stuttgart und Berlin 1913
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
* * * * *
DIE LEUTE VON SELDWYLA
Erzählungen von
GOTTFRIED KELLER
Zweiter Band
74.-78. Auflage
[Illustration: Verlags-Logo]
Stuttgart und Berlin 1913
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Seite
Einleitung 7
Kleider machen Leute 11
Der Schmied seines Glückes 66
Die mißbrauchten Liebesbriefe 101
Dietegen 188
Das verlorene Lachen 260
Seit die erste Hälfte dieser Erzählungen erschienen, streiten sich etwa
sieben Städte im Schweizerlande darum, welche unter ihnen mit Seldwyla
gemeint sei; und da nach alter Erfahrung der eitle Mensch lieber für
schlimm, glücklich und kurzweilig, als für brav aber unbeholfen und
einfältig gelten will, so hat jede dieser Städte dem Verfasser ihr
Ehrenbürgerrecht angeboten für den Fall, daß er sich für sie erkläre.
Weil er aber schon eine Heimat besitzt, die hinter keinem jener
ehrgeizigen Gemeinwesen zurücksteht, so suchte er sie dadurch zu
beschwichtigen, daß er ihnen vorgab, es rage in jeder Stadt und in jedem
Tale der Schweiz ein Türmchen von Seldwyla, und diese Ortschaft sei
mithin als eine Zusammenstellung solcher Türmchen, als eine ideale Stadt
zu betrachten, welche nur auf den Bergnebel gemalt sei und mit ihm
weiterziehe, bald über diesen, bald über jenen Gau, und vielleicht da
oder dort über die Grenze des lieben Vaterlandes, über den alten
Rheinstrom hinaus.
Während aber einige der Städte hartnäckig fortfahren, sich ihres Homers
schon bei dessen Lebzeiten versichern zu wollen, hat sich mit dem
wirklichen Seldwyla eine solche Veränderung zugetragen, daß sich sein
sonst durch Jahrhunderte gleich gebliebener Charakter in weniger als
zehn Jahren geändert hat und sich ganz in sein Gegenteil zu verwandeln
droht.
Oder, wahrer gesagt, hat sich das allgemeine Leben so gestaltet, daß die
besonderen Fähigkeiten und Nücken der wackeren Seldwyler sich herrlicher
darin entwickeln können, ein günstiges Fahrwasser, ein dankbares
Ackerfeld daran haben, auf welchem gerade sie Meister sind und dadurch
zu gelungenen, beruhigten Leuten werden, die sich nicht mehr von der
braven übrigen Welt unterscheiden.
Es ist insonderlich die überall verbreitete Spekulationsbetätigung in
bekannten und unbekannten Werten, welche den Seldwylern ein Feld
eröffnet hat, das für sie wie seit Urbeginn geschaffen schien und sie
mit _einem_ Schlage Tausenden von ernsthaften Geschäftsleuten
gleichstellte.
Das gesellschaftliche Besprechen dieser Werte, das Herumspazieren zum
Auftrieb eines Geschäftes, mit welchem keine weitere Arbeit verbunden
ist, als das Erdulden mannigfacher Aufregung, das Eröffnen oder Absenden
von Depeschen und hundert ähnliche Dinge, die den Tag ausfüllen, sind so
recht ihre Sache. Jeder Seldwyler ist nun ein geborener Agent oder
dergleichen, und sie wandern als solche förmlich aus, wie die Engadiner
Zuckerbäcker, die Tessiner Gipsarbeiter und die savoyischen Kaminfeger.
Statt der ehemaligen dicken Brieftasche mit zerknitterten Schuldscheinen
und Bagatellwechseln führen sie nun elegante kleine Notizbücher, in
welchen die Aufträge in Aktien, Obligationen, Baumwolle oder Seide kurz
notiert werden. Wo irgend eine Unternehmung sich auftut, sind einige
von ihnen bei der Hand, flattern wie die Sperlinge um die Sache herum
und helfen sie ausbreiten. Gelingt es einem, für sich selbst einen
Gewinn zu erhaschen, so steuert er stracks damit seitwärts, wie der
Karpfen mit dem Regenwurm, und taucht vergnügt an einem andern Lockort
wieder auf.
Immer sind sie in Bewegung und kommen mit aller Welt in Berührung. Sie
spielen mit den angesehensten Geschäftsmännern Karten und verstehen es
vortrefflich, zwischen dem Ausspielen schnelle Antworten auf
Geschäftsfragen zu geben oder ein bedeutsames Schweigen zu beobachten.
Dabei sind sie jedoch bereits einsilbiger und trockener geworden; sie
lachen weniger als früher und finden fast keine Zeit mehr, auf Schwänke
und Lustbarkeiten zu sinnen.
Schon sammelt sich da und dort einiges Vermögen an, welches bei
eintretenden Handelskrisen zwar zittert wie Espenlaub, oder sich sogar
still wieder auseinander begibt wie eine ungesetzliche Versammlung, wenn
die Polizei kommt.
Aber statt der früheren plebejisch-gemütlichen Konkurse und
Verlumpungen, die sie untereinander abspielten, gibt es jetzt vornehme
Akkommodements mit stattlichen auswärtigen Gläubigern, anständig
besprochene Schicksalswendungen, welche annäherungsweise wie etwas
Rechtes aussehen, sodann Wiederaufrichtungen, und nur selten muß noch
einer vom Schauplatze abtreten.
Von der Politik sind sie beinahe ganz abgekommen, da sie glauben, sie
führe immer zum Kriegswesen; als angehende Besitzlustige fürchten und
hassen sie aber alle Kriegsmöglichkeiten, wie den baren Teufel, während
sie sonst hinter ihren Bierkrügen mit der ganzen alten Pentarchie zumal
Krieg führten. So sind sie, ehemals die eifrigsten Kannegießer, dahin
gelangt, sich ängstlich vor jedem Urteil in politischen Dingen zu hüten,
um ja kein Geschäft, bewußt oder unbewußt, auf ein solches zu stützen,
da sie das blinde Vertrauen auf den Zufall für solider halten.
Aber eben durch alles das verändert sich das Wesen der Seldwyler; sie
sehen, wie gesagt, schon aus wie andere Leute; es ereignet sich nichts
mehr unter ihnen, was der beschaulichen Aufzeichnung würdig wäre, und es
ist daher an der Zeit, in ihrer Vergangenheit und den guten lustigen
Tagen der Stadt noch eine kleine Nachernte zu halten, welcher Tätigkeit
die nachfolgenden weiteren fünf Erzählungen ihr Dasein verdanken.
Kleider machen Leute
An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein
auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur
wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner
Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend
einer Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte
wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm
ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des
Fallimentes irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn
mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch
nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund
geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot
herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm
gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide,
welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit
schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und
romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und
Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser aber
regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.
Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daß er etwas
Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er
zufrieden, wenn man ihn nur gewähren und im stillen seine Arbeit
verrichten ließ; aber lieber wäre er verhungert, als daß er sich von
seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte, die
er ebenfalls mit großem Anstand zu tragen wußte.
Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu
sehr auffiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet
er in die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn
die Leute mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles
andere, als daß er betteln würde; so erstarben ihm, da er überdies nicht
beredt war, die Worte im Munde, also daß er der Märtyrer seines Mantels
war und Hunger litt, so schwarz wie des letzteren Sammetfutter.
Als er bekümmert und geschwächt eine Anhöhe hinauf ging, stieß er auf
einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher
Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn überbrachte, einem
fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder
angekauften alten Schlosse saß. Der Wagen war mit allerlei Vorrichtungen
zur Aufnahme des Gepäckes versehen und schien deswegen schwer bepackt zu
sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges
neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg,
fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen
wolle. Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke
gesehen, daß der Fußgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt
schlug.
Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der Wagen
rasch mit ihm von dannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich
und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten
Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk plötzlich, und
alsogleich zog der Hausknecht so heftig an der Glocke, daß der Draht
beinahe entzwei ging. Da stürzten Wirt und Leute herunter und rissen den
Schlag auf; Kinder und Nachbaren umringten schon den prächtigen Wagen,
neugierig, welch' ein Kern sich aus so unerhörter Schale enthülsen
werde, und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem
Mantel, blaß und schön und schwermütig zur Erde blickend, schien er
ihnen wenigstens ein geheimnisvoller Prinz oder Grafensohn zu sein. Der
Raum zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal
und im übrigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es
nun der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu
durchbrechen und einfach seines Weges zu gehen, -- er tat dieses nicht,
sondern ließ sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und
bemerkte seine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen
wohnlichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwürdiger Mantel
dienstfertig abgenommen wurde.
»Der Herr wünscht zu speisen?« hieß es, »gleich wird serviert werden, es
ist eben gekocht!«
Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Küche und rief:
»Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die
Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie für
die Abendherren bestimmt und versprochen ist. So geht es! Den einzigen
Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, muß ein
solcher Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knöpfen und
der Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den
Mund öffnen vor Vornehmheit!«
Doch die ruhige Köchin sagte: »Nun, was ist denn da zu lamentieren,
Herr? Die Pastete tragen Sie nur kühn auf, die wird er doch nicht
aufessen! Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs
Portionen wollen wir schon noch herausbringen!«
»Sechs Portionen? Ihr vergeßt wohl, daß die Herren sich satt zu essen
gewohnt sind!« meinte der Wirt, allein die Köchin fuhr unerschüttert
fort: »Das sollen sie auch! Man läßt noch schnell ein halbes Dutzend
Kotelettes holen, die brauchen wir so wie so für den Fremden, und was er
übrig läßt, schneide ich in kleine Stückchen und menge sie unter die
Pastete, da lassen Sie nur mich machen!«
Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft: »Köchin, ich habe Euch schon
einmal gesagt, daß dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht
angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermögen es!«
»Ei der Tausend, ja, ja!« rief die Köchin endlich etwas aufgeregt, »wenn
man sich dann nicht zu helfen weiß, so opfere man die Sache! Hier sind
zwei Schnepfen, die ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann
man am Ende der Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen gefälschte
Rebhuhnpastete werden die Leckermäuler nicht beanstanden! Sodann sind
auch die Forellen da, die größte habe ich in das siedende Wasser
geworfen, wie der merkwürdige Wagen kam, und da kocht auch schon die
Brühe im Pfännchen, so haben wir also einen Fisch, das Rindfleisch, das
Gemüse mit den Kotelettes, den Hammelsbraten und die Pastete; geben Sie
nur den Schlüssel, daß man das Eingemachte und den Dessert herausnehmen
kann! Und den Schlüssel könnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen
übergeben, damit man Ihnen nicht allerorten nachspringen muß und oft in
die größte Verlegenheit gerät!«
»Liebe Köchin! Das braucht Ihr nicht übel zu nehmen, ich habe meiner
seligen Frau am Totbette versprechen müssen, die Schlüssel immer in
Händen zu behalten; sonach geschieht es grundsätzlich und nicht aus
Mißtrauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen
und hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr
aufstellen; geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches
Backwerk holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er
sie auch gleich mitgeben!«
»Aber Herr! Sie können ja dem einzigen Gast das nicht alles aufrechnen,
das schlägt's beim besten Willen nicht heraus!«
»Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafür soll
ein großer Herr, wenn er durch unsere Stadt reist, sagen können, er habe
ein ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im
Winter gekommen sei! Es soll nicht heißen, wie von den Wirten zu
Seldwyl, die alles Gute selber fressen und den Fremden die Knochen
vorsetzen! Also frisch, munter, sputet Euch allerseits!«
Während dieser umständlichen Zubereitungen befand sich der Schneider in
der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glänzendem Zeuge gedeckt wurde,
und so heiß sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach einiger
Nahrung gesehnt hatte, so ängstlich wünschte er jetzt, der drohenden
Mahlzeit zu entfliehen. Endlich faßte er sich einen Mut, nahm seinen
Mantel um, setzte die Mütze auf und begab sich hinaus, um den Ausweg zu
gewinnen. Da er aber in seiner Verwirrung, und in dem weitläufigen Hause
die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den der Teufel
beständig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit, rief:
»Erlauben Sie gefälligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg weisen!«
und führte ihn durch einen langen Gang, der nirgend anders endigte, als
vor einer schönen lackierten Türe, auf welcher eine zierliche Inschrift
angebracht war.
Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämmlein,
dort hinein und schloß ordentlich hinter sich zu. Dort lehnte er sich
bitterlich seufzend an die Wand, und wünschte der goldenen Freiheit der
Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das
Wetter war, als das höchste Glück erschien.
Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er
in dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den
abschüssigen Weg des Bösen.
Unterdessen schrie der Wirt, der ihn gesehen hatte im Mantel dahingehen:
»Der Herr friert! heizt mir ein im Saal! Wo ist die Lise, wo ist die
Anne? Rasch einen Korb Holz in den Ofen und einige Hände voll Späne, daß
es brennt! Zum Teufel, sollen die Leute in der Wage im Mantel zu Tisch
sitzen?«
Und als der Schneider wieder aus dem langen Gange hervorgewandelt kam,
melancholisch wie der umgehende Ahnherr eines Stammschlosses, begleitete
er ihn mit hundert Komplimenten und Handreibungen wiederum in den
verwünschten Saal hinein. Dort wurde er ohne ferneres Verweilen an den
Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgerückt und da der Duft der kräftigen
Suppe, dergleichen er lange nicht gerochen, ihn vollends seines Willens
beraubte, so ließ er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den
schweren Löffel in die braungoldene Brühe. In tiefem Schweigen
erfrischte er seine matten Lebensgeister und wurde mit achtungsvoller
Stille und Ruhe bedient.
Als er den Teller geleert hatte und der Wirt sah, daß es ihm so wohl
schmeckte, munterte er ihn höflich auf, noch einen Löffel voll zu
nehmen, das sei gut bei dem rauhen Wetter. Nun wurde die Forelle
aufgetragen, mit Grünem bekränzt, und der Wirt legte ein schönes Stück
vor. Doch der Schneider, von Sorgen gequält, wagte in seiner Blödigkeit
nicht, das blanke Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern und
zimperlich mit der silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Köchin,
welche zur Tür hineinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte
zu den Umstehenden: »Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen feinen
Fisch zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem
zarten Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein
Herr von großem Hause, darauf wollt' ich schwören, wenn es nicht
verboten wäre! Und wie schön und traurig er ist! Gewiß ist er in ein
armes Fräulein verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die
vornehmen Leute haben auch ihre Leiden!«
Inzwischen sah der Wirt, daß der Gast nicht trank, und sagte
ehrerbietig: »Der Herr mögen den Tischwein nicht, befehlen Sie
vielleicht ein Glas guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann?«
Da beging der Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus
Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfügte sich der Wagwirt
persönlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es
lag ihm alles daran, daß man sagen könne, es sei etwas Rechtes im Ort zu
haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus bösem
Gewissen ganz kleine Schlücklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die
Küche, schnalzte mit der Zunge und rief: »Hol' mich der Teufel, der
versteht's, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge, wie man einen
Dukaten auf die Goldwage legt!«
»Gelobt sei Jesus Christ!« sagte die Köchin, »ich hab's behauptet, daß
er's versteht!«
So nahm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil der
arme Schneider immer zimperlich und unentschlossen aß und trank und der
Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen ließ. Trotzdem
war es nicht der Rede wert, was der Gast bis jetzt zu sich genommen;
vielmehr begann der Hunger, der immerfort so gefährlich gereizt wurde,
nun den Schrecken zu überwinden, und als die Pastete von Rebhühnern
erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um und ein
fester Gedanke begann sich in ihm zu bilden. »Es ist jetzt einmal, wie
es ist,« sagte er sich, von einem neuen Tröpflein Weines erwärmt und
aufgestachelt; »nun wäre ich ein Tor, wenn ich die kommende Schande und
Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafür sattgegessen zu haben! Also
vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Türmchen, was sie da aufgestellt
haben, dürfte leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich
halten, komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein
König wieder rauben!«
Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweiflung hieb er in die leckere
Pastete, ohne an ein Aufhören zu denken, so daß sie in weniger als fünf
Minuten zur Hälfte geschwunden war und die Sache für die Abendherren
sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trüffeln, Klößchen, Boden,
Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt,
sein Ränzchen voll zu packen, ehe das Verhängnis hereinbräche; dazu
trank er den Wein in tüchtigen Zügen und steckte große Brotbissen in den
Mund; kurz es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei
aufsteigendem Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich auf der Gabel
in die Scheune geflüchtet wird. Abermals lief der Wirt in die Küche und
rief: »Köchin! Er ißt die Pastete auf, während er den Braten kaum
berührt hat! Und den Bordeaux trinkt er in halben Gläsern!«
»Wohl bekomm' es ihm,« sagte die Köchin, »lassen Sie ihn nur machen, der
weiß, was Rebhühner sind! Wär' er ein gemeiner Kerl, so hätte er sich an
den Braten gehalten!«
»Ich sag's auch,« meinte der Wirt, »es sieht sich zwar nicht ganz
elegant an; aber so hab' ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur
Generäle und Kapitelsherren essen sehen!«
Unterdessen hatte der Kutscher die Pferde füttern lassen und selbst ein
handfestes Essen eingenommen in der Stube für das untere Volk, und da er
Eile hatte, ließ er bald wieder anspannen. Die Angehörigen des Gasthofes
zur Wage konnten sich nun nicht länger enthalten und fragten, eh' es zu
spät wurde, den herrschaftlichen Kutscher geradezu, wer sein Herr da
oben sei, und wie er heiße? Der Kutscher, ein schalkhafter und
durchtriebener Kerl, versetzte: »Hat er es noch nicht selbst gesagt?«
»Nein,« hieß es, und er erwiderte: »Das glaub' ich wohl, der spricht
nicht viel in einem Tage; nun, es ist der Graf Strapinski! Er wird aber
heut und vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir befohlen
mit dem Wagen vorauszufahren.«
Er machte diesen schlechten Spaß, um sich an dem Schneiderlein zu
rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für seine Gefälligkeit ein Wort
des Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus
begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs äußerste
treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche für sich und
die Pferde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und
alles ward so in der Ordnung befunden und dem guten Schneider aufs
Kerbholz gebracht.
Nun mußte es sich aber fügen, daß dieser, ein geborener Schlesier,
wirklich Strapinski hieß, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall
sein, oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervorgezogen,
es dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen haben. Genug, als
der Wirt freudestrahlend und händereibend vor ihn hintrat und fragte, ob
der Herr Graf Strapinski zum Nachtisch ein Glas alten Tokaier oder ein
Glas Champagner nehme, und ihm meldete, daß die Zimmer soeben zubereitet
würden, da erblaßte der arme Strapinski, verwirrte sich von neuem und
erwiderte gar nichts.
»Höchst interessant!« brummte der Wirt für sich, indem er abermals in
den Keller eilte und aus besonderem Verschlage nicht nur ein Fläschchen
Tokaier, sondern auch ein Krügelchen Bocksbeutel holte und eine
Champagnerflasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski
einen kleinen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der Champagnerkelch
wie eine Pappel emporragte. Das glänzte, klingelte und duftete gar
seltsam vor ihm, und was noch seltsamer war, der arme, aber zierliche
Mann griff nicht ungeschickt in das Wäldchen hinein, und goß, als er
sah, daß der Wirt etwas Rotwein in seinen Champagner tat, einige Tropfen
Tokaier in den seinigen. Inzwischen war der Stadtschreiber und der Notar
gekommen, um den Kaffee zu trinken, und das tägliche Spielchen um
denselben zu machen; bald kam auch der ältere Sohn des Hauses Häberlein
und Co., der jüngere des Hauses Pütschli-Nievergelt, der Buchhalter
einer großen Spinnerei, Herr Melcher Böhni; allein statt ihre Partie zu
spielen, gingen sämtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen
Grafen herum, die Hände in den hinteren Rocktaschen, mit den Augen
blinzelnd und auf den Stockzähnen lächelnd. Denn es waren diejenigen
Mitglieder guter Häuser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren
Verwandte und Genossen aber in aller Welt saßen, weswegen sie selbst die
Welt sattsam zu kennen glaubten.
Also das sollte ein polnischer Graf sein? Den Wagen hatten sie freilich
von ihrem Kontorstuhl aus gesehen; auch wußte man nicht, ob der Wirt den
Grafen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt noch
keine dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer
Kopf bekannt, und so wurden denn die Kreise, welche die neugierigen
Herren um den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie sich zuletzt
vertraulich an den gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu
dem Gelage aus dem Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine
Flasche zu würfeln begannen.
Doch tranken sie nicht zu viel, da es noch früh war; dagegen galt es,
einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen und dem Polacken, wie sie den
Schneider bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzuwarten,
damit er immer mehr röche, wo er eigentlich wäre.
»Darf ich dem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe
sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen!« sagte der eine.
»Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak
aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt,« rief der andere, indem er
ein rotseidenes Beutelchen hinschob.
»Dieser aus Damaskus ist feiner, Herr Graf,« rief der dritte, »unser
dortiger Prokurist selbst hat ihn für mich besorgt!«
Der vierte streckte einen ungefügen Zigarrenbengel dar, indem er
schrie: »Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen, so versuchen Sie
diese Pflanzerzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht und
durchaus nicht käuflich!«
Strapinski lächelte sauersüß, sagte nichts und war bald in feine
Duftwolken gehüllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich
versilbert wurden. Der Himmel entwölkte sich in weniger als einer
Viertelstunde, der schönste Herbstnachmittag trat ein; es hieß, der
Genuß der günstigen Stunde sei sich zu gönnen, da das Jahr vielleicht
nicht viele solcher Tage mehr brächte; und es wurde beschlossen,
auszufahren, den fröhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der
erst vor wenigen Tagen gekeltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten
Sauser, zu kosten. Pütschli-Nievergelt, Sohn, sandte nach seinem
Jagdwagen, und bald schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor
der Wage. Der Wirt selbst ließ ebenfalls anspannen, man lud den Grafen
zuvorkommend ein, sich anzuschließen und die Gegend etwas kennen zu
lernen.
Der Wein hatte seinen Witz erwärmt; er überdachte schnell, daß er bei
dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen und seine
Wanderung fortsetzen könne; den Schaden sollten die törichten und
zudringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die
Einladung mit einigen höflichen Worten an und bestieg mit dem jungen
Pütschli den Jagdwagen.
Nun war es eine weitere Fügung, daß der Schneider, nachdem er auf seinem
Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste geleistet,
seine Militärzeit bei den Husaren abgedient hatte und demnach genugsam
mit Pferden umzugehen verstand. Wie daher sein Gefährte höflich fragte,
ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort Zügel und Peitsche und
fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe durch das Tor und auf
der Landstraße dahin, so daß die Herren einander ansahen und flüsterten:
»Es ist richtig, es ist jedenfalls ein Herr!«
In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Strapinski
fuhr in einem prächtigen Halbbogen auf und ließ die feurigen Pferde aufs
beste anprallen; man sprang von den Wagen, der Amtsrat kam herbei und
führte die Gesellschaft ins Haus, und alsobald war auch der Tisch mit
einem halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das
heiße, gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt, und sodann
fröhlich in Angriff genommen, während der Hausherr im Hause die Kunde
herum trug, es sei ein vornehmer Graf da, ein Polacke, und eine feinere
Bewirtung vorbereitete.
Mittlerweile teilte sich die Gesellschaft in zwei Partien, um das
versäumte Spiel nachzuholen, da in diesem Lande keine Männer zusammen
sein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem
Tätigkeitstriebe. Strapinski, welcher die Teilnahme aus verschiedenen
Gründen ablehnen mußte, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien
ihnen immerhin der Mühe wert, da sie so viel Klugheit und
Geistesgegenwart bei den Karten zu entwickeln pflegten. Er mußte sich
zwischen beide Partien setzen, und sie legten es nun darauf an,
geistreich und gewandt zu spielen und den Gast zu gleicher Zeit zu
unterhalten. So saß er denn wie ein kränkelnder Fürst, vor welchem die
Hofleute ein angenehmes Schauspiel aufführen und den Lauf der Welt
darstellen. Sie erklärten ihm die bedeutendsten Wendungen, Handstreiche
und Ereignisse, und wenn die eine Partei für einen Augenblick ihre
Aufmerksamkeit ausschließlich dem Spiele zuwenden mußte, so führte die
andere dafür um so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider.
Der beste Gegenstand dünkte sie hierfür Pferde, Jagd und dergleichen;
Strapinski wußte hier auch am besten Bescheid, denn er brauchte nur die
Redensarten hervorzuholen, welche er einst in der Nähe von Offizieren
und Gutsherren gehört und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen
hatten. Wenn er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen
Bescheidenheit und stets mit einem schwermütigen Lächeln vorbrachte, so
erreichte er damit nur eine größere Wirkung; wenn zwei oder drei von den
Herren aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: »Es ist ein
vollkommener Junker!«
Nur Melcher Böhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich
vergnügt die Hände und sagte zu sich selbst: »Ich sehe es kommen, daß es
wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaßen schon da!
Es war aber auch Zeit, denn schon sind's zwei Jahre seit dem letzten!
Der Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von
Praga oder Ostrolenka her! Nun, ich werde mich hüten, den Verlauf zu
stören!«
Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelüste der Herren
gebüßt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des Amtsrates
ein wenig abzukühlen, die jetzt gebracht wurden; doch war die Abkühlung
etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in schnöden
Müßiggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel vorgeschlagen wurde.
Man mischte die Karten, jeder warf einen Brabantertaler hin und als die
Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl seinen Fingerhut auf den
Tisch setzen. »Ich habe nicht ein solches Geldstück,« sagte er errötend;
aber schon hatte Melcher Böhni, der ihn beobachtet, für ihn eingesetzt,
ohne daß jemand darauf acht gab, denn alle waren viel zu behaglich, als
daß sie auf den Argwohn geraten wären, jemand in der Welt könne kein
Geld haben. Im nächsten Augenblicke wurde dem Schneider, der gewonnen
hatte, der ganze Einsatz zugeschoben; verwirrt ließ er das Geld liegen
und Böhni besorgte für ihn das zweite Spiel, welches ein anderer gewann,
sowie das dritte. Doch das vierte und fünfte gewann wiederum der
Polacke, der allmählich aufwachte und sich in die Sache fand. Indem er
sich still und ruhig verhielt, spielte er mit abwechselndem Glücke;
einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er setzen mußte, gewann
wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam, besaß er einige
Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen, welche er, als er
sah, daß jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich nahm, nicht
ohne Furcht, daß alles ein Traum sei. Böhni, welcher ihn fortwähren
scharf betrachtete, war jetzt im klaren über ihn und dachte: den Teufel
fährt der in einem vierspännigen Wagen!
Weil er aber zugleich bemerkte, daß der rätselhafte Fremde keine Gier
nach dem Gelde gezeigt, sich überhaupt bescheiden und nüchtern verhalten
hatte, so war er nicht übel gegen ihn gesinnt, sondern beschloß, die
Sache durchaus gehen zu lassen.
Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien
erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten
Zeitpunkt einer geräuschlosen Beurlaubung für gekommen. Er hatte ein
artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nächsten
Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er
seinen Radmantel malerisch um, drückte die Pelzmütze tiefer in die Augen
und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne
langsam auf und nieder, das schöne Gelände betrachtend, oder vielmehr
den Weg erspähend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner
bewölkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermütigen Mundbärtchen,
seinen glänzenden schwarzen Locken, seinen dunkeln Augen, im Wehen
seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das
Säuseln der Bäume über ihm erhöhte den Eindruck, so daß die Gesellschaft
ihn von Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmählich
ging er immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebüsch,
hinter welchem ein Feldweg vorüber ging, und als er sich vor den Blicken
der Gesellschaft gedeckt sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld
rücken, als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter
Nettchen ihm entgegentrat. Nettchen war ein hübsches Fräulein, äußerst
prächtig, etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich
verziert.
»Wir suchen Sie, Herr Graf!« rief der Amtsrat, »damit ich Sie erstens
hier meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, daß Sie uns
die Ehre erweisen möchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; die
anderen Herren sind bereits im Hause.«
Der Wanderer nahm schnell seine Mütze vom Kopfe und machte
ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot übergossen. Denn
eine neue Wendung war eingetreten, ein Fräulein beschritt den Schauplatz
der Ereignisse. Doch schadete ihm seine Blödigkeit und übergroße
Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut
und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns
erschien ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend. Da sieht man, fuhr es ihr
durch den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt
es euch, ihr Herren Wildfänge von Goldach, die ihr vor den jungen
Mädchen kaum mehr den Hut berührt!
Sie grüßte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch
lieblich errötete, und sprach sogleich hastig und schnell und vieles mit
ihm, wie es die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die sich den
Fremden zeigen wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit
um; während er bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle
einzugehen, die man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich, etwas
gesuchter zu sprechen und mischte allerhand polnische Brocken in die
Rede, kurz, das Schneiderblütchen fing in der Nähe des Frauenzimmers an
seine Sprünge zu machen und seinen Reiter davon zu tragen.
Am Tisch erhielt er den Ehrenplatz neben der Tochter des Hauses; denn
die Mutter war gestorben. Er wurde zwar bald wieder melancholisch, da er
bedachte, nun müsse er mit den andern wieder in die Stadt zurückkehren
oder gewaltsam in die Nacht hinaus entrinnen, und da er ferner
überlegte, wie vergänglich das Glück sei, welches er jetzt genoß. Aber
dennoch empfand er dies Glück und sagte sich zum voraus: »Ach, einmal
wirst du doch in deinem Leben etwas vorgestellt und neben einem solchen
höheren Wesen gesessen haben.«
Es war in der Tat keine Kleinigkeit, eine Hand neben sich glänzen zu
sehen, die von drei oder vier Armbändern klirrte, und bei einem
flüchtigen Seitenblick jedesmal einen abenteuerlich reizend frisierten
Kopf, ein holdes Erröten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er
mochte tun oder lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich und
nobel ausgelegt und die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige
Unbefangenheit liebenswürdig befunden von der jungen Dame, welche sonst
stundenlang über gesellschaftliche Verstöße zu plaudern wußte. Da man
guter Dinge war, sangen ein paar Gäste Lieder, die in den
Dreißigerjahren Mode waren. Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied
zu singen. Der Wein überwand seine Schüchternheit endlich, obschon nicht
seine Sorgen; er hatte einst einige Wochen im Polnischen gearbeitet und
wußte einige polnische Worte, sogar ein Volksliedchen auswendig, ohne
ihres Inhaltes bewußt zu sein, gleich einem Papagei. Also sang er mit
edlem Wesen, mehr zaghaft als laut und mit einer Stimme, welche wie von
einem geheimen Kummer leise zitterte, auf polnisch:
Hunderttausend Schweine pferchen
Von der Desna bis zur Weichsel,
Und Kathinka, dieses Saumensch,
Geht im Schmutz bis an die Knöchel!
Hunderttausend Ochsen brüllen
Auf Wolhyniens grünen Weiden,
Und Kathinka, ja Kathinka,
Glaubt, ich sei in sie verliebt!
»Bravo! Bravo!« riefen alle Herren, mit den Händen klatschend, und
Nettchen sagte gerührt: »Ach das Nationale ist immer so schön!«
Glücklicherweise verlangte niemand die Übersetzung dieses Gesanges.
Mit dem Überschreiten solchen Höhepunktes der Unterhaltung brach die
Gesellschaft auf; der Schneider wurde wieder eingepackt und sorgfältig
nach Goldach zurückgebracht; vorher hatte er versprechen müssen, nicht
ohne Abschied davonzureisen. Im Gasthof zur Wage wurde noch ein Glas
Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschöpft und verlangte nach dem
Bette. Der Wirt selbst führte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit
er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in dürftigen
Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle und jede Habseligkeit
mitten auf einem schönen Teppich, als der Wirt plötzlich den Mangel an
Gepäck entdeckte und sich vor die Stirne schlug. Dann lief er schnell
hinaus, schellte, rief Kellner und Hausknechte herbei, wortwechselte mit
ihnen, kam wieder und beteuerte: »Es ist richtig, Herr Graf, man hat
vergessen, Ihr Gepäck abzuladen! Auch das Notwendigste fehlt!«
»Auch das kleine Paketchen, das im Wagen lag?« fragte Strapinski
ängstlich, weil er an ein handgroßes Bündelein dachte, welches er auf
dem Sitze hatte liegen lassen und das ein Schnupftuch, eine Haarbürste,
einen Kamm, ein Büchschen Pomade und einen Stengel Bartwichse enthielt.
»Auch dieses fehlt, es ist gar nichts da,« sagte der gute Wirt
erschrocken, weil er darunter etwas sehr Wichtiges vermutete. »Man muß
dem Kutscher sogleich einen Expressen nachschicken,« rief er eifrig,
»ich werde das besorgen!«
Doch der Herr Graf fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm und sagte
bewegt: »Lassen Sie, es darf nicht sein! Man muß meine Spur verlieren
für einige Zeit,« setzte er hinzu, selbst betreten über diese Erfindung.
Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gästen, erzählte ihnen
den Fall und schloß mit dem Ausspruche, daß der Graf unzweifelhaft ein
Opfer politischer oder der Familienverfolgung sein müsse; denn um eben
diese Zeit wurden viele Polen und andere Flüchtlinge wegen gewaltsamer
Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden Agenten
beobachtet und umgarnt.
Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spät erwachte, sah er
zunächst den prächtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes über einen
Stuhl gehängt, ferner ein Tischchen mit allem möglichen
Toilettenwerkzeug bedeckt. Sodann harrten eine Anzahl Dienstboten, um
Körbe und Koffer, angefüllt mit feiner Wäsche, mit Kleidern, mit
Zigarren, mit Büchern, mit Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit
Reitpeitschen, mit Pelzen, mit Mützen, mit Hüten, mit Socken, mit
Strümpfen, mit Pfeifen, mit Flöten und Geigen abzugeben von seiten der
gestrigen Freunde, mit der angelegentlichen Bitte, sich dieser
Bequemlichkeiten einstweilen bedienen zu wollen. Da sie die
Vormittagsstunden unabänderlich in ihren Geschäften verbrachten, ließen
sie ihre Besuche auf die Zeit nach Tisch ansagen.
Diese Leute waren nichts weniger, als lächerlich oder einfältig, sondern
umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt; allein da ihre
wohlbesorgte Stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin
vorkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis,
einen Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt hingaben. Der vierspännige
Wagen, das Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, die Aussage des
Kutschers waren so einfache und natürliche Dinge, daß die Goldacher,
welche keinem müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis darauf
aufbauten, wie auf einen Felsen.
Als Strapinski das Warenlager sah, das sich vor ihm ausbreitete, war
seine erste Bewegung, daß er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob
er träume oder wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit
weilte, so träumte er. Aber nein, der Fingerhut wohnte traulich zwischen
dem gewonnenen Spielgelde und scheuerte sich freundschaftlich an den
Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wiederum in das Ding und stieg
von seinen Zimmern herunter auf die Straße, um sich die Stadt zu
besehen, in welcher es ihm so wohl erging. Unter der Küchentüre stand
die Köchin, welche ihm einen tiefen Knix machte und ihm mit neuem
Wohlgefallen nachsah; auf dem Flur und an der Haustüre standen andere
Hausgeister, alle mit der Mütze in der Hand und Strapinski schritt mit
gutem Anstand und doch bescheiden heraus, seinen Mantel sittsam
zusammennehmend. Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.
Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um Arbeit
darin ausgegangen wäre. Dieselbe bestand größtenteils aus schönen,
festgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten
Sinnbildern geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen
Benennungen war die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das
Mittelalter spiegelte sich ab in den ältesten Häusern oder in den
Neubauten, welche an deren Stelle getreten, aber den alten Namen
behalten aus der Zeit der kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da
hieß es: zum Schwert, zum Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum
blauen Schild, zum Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum
Türken, zum Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab,
zur Wasserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum
Einhorn und dergleichen. Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie
war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen
Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur
Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur
Bürgertugend #a#, zur Bürgertugend #b#, zum Vertrauen, zur Liebe, zur
Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren
Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches
Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse
behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube
und Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste ein Böttcher, welcher
eifrig und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fäßchen mit Reifen
einfaßte und unablässig klopfte); ein Haus hieß schauerlich: zum Tod!
ein verwaschenes Gerippe erstreckte sich von unten bis oben zwischen den
Fenstern; hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte
der Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt
keiner dem andern etwas schuldig blieb.
Endlich verkündete sich an den neuesten Häusern die Poesie der
Fabrikanten, Bankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den
wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg,
Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camellia, Wilhelminenburg
und so weiter. Die an Frauennamen gehängten Täler und Burgen bedeuteten
für den Kundigen immer ein schönes Weibergut.
An jeder Straßenecke stand ein alter Turm mit reichem Uhrwerk, buntem
Dach und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Türme waren sorgfältig
erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der
Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber
von der alten Ringmauer eingefaßt, welche, obwohl nichts mehr nütze,
dennoch zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem
Efeu überwachsen war und so die kleine Stadt mit einem immergrünen
Kranze umschloß.
Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er
glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die
Aufschriften der Häuser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er
der Meinung, sie bezögen sich auf die besonderen Geheimnisse und
Lebensweisen jedes Hauses und es sehe hinter jeder Haustüre wirklich so
aus, wie die Überschrift angab, so daß er in eine Art moralisches
Utopien hineingeraten wäre. So war er geneigt zu glauben, die
wunderliche Aufnahme, welche er gefunden, hänge hiemit im Zusammenhang,
so daß zum Beispiel das Sinnbild der Wage, in welcher er wohnte,
bedeute, daß dort das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und
zuweilen ein reisender Schneider zum Grafen gemacht würde.
Er geriet auf seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun so über
das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der
pflichtgemäße Gedanke, seinen Weg unverweilt fortzusetzen. Die Sonne
schien, die Straße war schön, fest, nicht zu trocken und auch nicht naß,
zum Wandern wie gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so daß er angenehm
einkehren konnte, wo er Lust dazu verspürte, und kein Hindernis war zu
erspähen.
Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Scheidewege, auf einer
wirklichen Kreuzstraße; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab,
stiegen gastliche Rauchsäulen, die goldenen Turmknöpfe funkelten lockend
aus den Baumwipfeln; Glück, Genuß und Verschuldung, ein geheimnisvolles
Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glänzte die freie
Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber auch ein
gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fühlend, wollte er denn
auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke rollte
ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Fräulein von gestern, welches mit
wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten
Fuhrwerke saß, ein schönes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr.
Sobald Strapinski nur an seine Mütze griff und dieselbe demütig vor
seine Brust nahm in seiner Überraschung, verbeugte sich das Mädchen
rasch errötend gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in großer
Bewegung, das Pferd zum Galopp antreibend, davon.
Strapinski aber machte unwillkürlich ganze Wendung und kehrte getrost
nach der Stadt zurück. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem
besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft,
durch die Allee, welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden
Blätter der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklärtes
Haupt.
Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich,
gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden
Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in
Jahren, da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im
Regentropfen. Er beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und
bildete sie während des Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um;
besonders suchte er abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm
dächten und was für ein Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild
arbeitete er weiter aus nach seinem eigenen Geschmacke, zur
vergnüglichen Unterhaltung der einen, welche gern etwas Neues sehen
wollten, und zur Bewunderung der anderen, besonders der Frauen, welche
nach erbaulicher Anregung dürsteten. So ward er rasch zum Helden eines
artigen Romanes, an welchem er gemeinsam mit der Stadt und liebevoll
arbeitete, dessen Hauptbestandteil aber immer noch das Geheimnis war.
Bei alledem verlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie
gekannt, eine schlaflose Nacht um die andere, und es ist mit Tadel
hervorzuheben, daß es ebensoviel die Furcht vor der Schande, als armer
Schneider entdeckt zu werden und dazustehen als das ehrliche Gewissen
war, was ihm den Schlaf raubte. Sein angeborenes Bedürfnis, etwas
Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl
der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte jetzt auch
jene Furcht hervor, und sein Gewissen war nur insoweit mächtig, daß er
beständig den Vorsatz nährte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur
Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die
Mittel zu gewinnen, aus geheimnisvoller Ferne zu vergüten, um was er die
gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er ließ sich auch schon aus
allen Städten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen
mit mehr oder weniger bescheidenem Einsatze, und die daraus entstehende
Korrespondenz, der Empfang der Briefe wurde wiederum als ein Zeichen
wichtiger Beziehungen und Verhältnisse vermerkt.
Schon hatte er mehr als einmal ein paar Gulden gewonnen und dieselben
sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines Tages von
einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte
Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszuführen. Er
war bereits nicht mehr erstaunt über sein Glück, das sich von selbst zu
verstehen schien, fühlte sich aber doch erleichtert und besonders dem
guten Wagwirt gegenüber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen
sehr wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden
gradaus zu bezahlen und abzureisen, gedachte er, wie er sich
vorgenommen, eine kurze Geschäftsreise vorzugeben, dann aber von irgend
einer großen Stadt aus zu melden, daß das unerbittliche Schicksal ihm
verbiete, je wiederzukehren; dabei wolle er seinen Verbindlichkeiten
nachkommen, ein gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe
sich aufs neue und mit mehr Umsicht und Glück widmen, oder auch sonst
einen anständigen Lebensweg erspähen. Am liebsten wäre er freilich auch
als Schneidermeister in Goldach geblieben und hätte jetzt die Mittel
gehabt, sich da ein bescheidenes Auskommen zu begründen; allein es war
klar, daß er hier nur als Graf leben konnte.
Wegen des sichtlichen Vorzuges und Wohlgefallens, dessen er sich bei
jeder Gelegenheit von Seite des schönen Nettchens zu erfreuen hatte,
waren schon manche Redensarten im Umlauf und er hatte sogar bemerkt, daß
das Fräulein hin und wieder die Gräfin genannt wurde. Wie konnte er
diesem Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das
Schicksal, das ihn gewaltsam so erhöht hatte, so frevelhaft Lügen
strafen und sich selbst beschämen?
Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel
bekommen, welchen er bei einem Goldacher Haus einkassierte; diese
Verrichtung bestärkte abermals die günstigen Meinungen über seine Person
und Verhältnisse, da die soliden Handelsleute nicht im entferntesten an
einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich
Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes,
einfaches Schwarz gekleidet erschien er und verkündete sogleich den ihn
Begrüßenden, daß er genötigt sei, zu verreisen.
In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt und
Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, seinen
Blicken auszuweichen, bald rot, bald blaß werdend. Dann tanzte sie
mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und
schnell atmend und schlug eine Einladung des Polen, der endlich
herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung aus, ohne ihn anzusehen.
Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen
Mantel um und schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und
nieder. Es wurde ihm nun klar, daß er eigentlich nur dieses Wesens
halber so lange dageblieben sei, daß die unbestimmte Hoffnung, doch
wieder in ihre Nähe zu kommen, ihn unbewußt belebte, daß aber der ganze
Handel eben eine Unmöglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art.
Wie er so dahin schritt, hörte er rasche Tritte hinter sich, leichte,
doch unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorüber und schien, nach
einigen ausgerufenen Worten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen,
obgleich derselbe auf der andern Seite des Hauses stand und hier nur
Winterkohlköpfe und eingewickelte Rosenbäumchen den Schlaf der Gerechten
verträumten. Dann kam sie wieder zurück, und da er jetzt mit klopfendem
Herzen ihr im Wege stand und bittend die Hände nach ihr ausstreckte,
fiel sie ihm ohne weiteres um den Hals und fing jämmerlich an zu weinen.
Er bedeckte ihre glühenden Wangen mit seinen fein duftenden dunklen
Locken und sein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneeweiße
Gestalt des Mädchens wie mit schwarzen Adlersflügeln; es war ein
wahrhaft schönes Bild, das seine Berechtigung ganz allein in sich selbst
zu tragen schien.
Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewann
das Glück, das öfter den Unverständigen hold ist. Nettchen eröffnete
ihrem Vater noch in selbiger Nacht beim Nachhausefahren, daß kein
anderer als der Graf der Ihrige sein werde; dieser erschien am Morgen in
aller Frühe, um bei dem Vater liebenswürdig, schüchtern und
melancholisch wie immer, um sie zu werben, und der Vater hielt folgende
Rede: »So hat sich denn das Schicksal und der Wille dieses törichten
Mädchens erfüllt! Schon als Schulkind behauptete sie fortwährend, nur
einen Italiener oder einen Polen, einen großen Pianisten oder einen
Räuberhauptmann mit schönen Locken heiraten zu wollen, und nun haben wir
die Bescherung! Alle inländischen wohlmeinenden Anträge hat sie
ausgeschlagen, noch neulich mußte ich den gescheiten und tüchtigen
Melchior Böhni heimschicken, der noch große Geschäfte machen wird, und
sie hat ihn noch schrecklich verhöhnt, weil er nur ein rötliches
Backenbärtchen trägt und aus einem silbernen Döschen schnupft! Nun, Gott
sei Dank, ist ein polnischer Graf da aus wildester Ferne! Nehmen Sie die
Gans, Herr Graf, und schicken Sie mir dieselbe wieder, wenn sie in Ihrer
Polackei friert und einst unglücklich wird und heult! Ach, was würde die
selige Mutter für ein Entzücken genießen, wenn sie noch erlebt hätte,
daß das verzogene Kind eine Gräfin geworden ist!«
Nun gab es große Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung
gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, daß der künftige
Schwiegersohn sich in seinen Geschäften und vorhabenden Reisen nicht
durch Heiratssachen dürfe aufhalten lassen, sondern diese durch die
Beförderung jener beschleunigen müsse.
Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihn die Hälfte
seines zeitlichen Vermögens kosteten; die andere Hälfte verwandte er zu
einem Feste, das er seiner Braut geben wollte. Es war eben
Fastnachtszeit und bei hellem Himmel ein verspätetes glänzendes
Winterwetter. Die Landstraßen boten die prächtigste Schlittenbahn, wie
sie nur selten entsteht und sich hält, und Herr von Strapinski
veranstaltete darum eine Schlittenfahrt und einen Ball in dem für solche
Feste beliebten stattlichen Gasthause, welches auf einer Hochebene mit
der schönsten Aussicht gelegen war, etwa zwei gute Stunden entfernt und
genau in der Mitte zwischen Goldach und Seldwyla.
Um diese Zeit geschah es, daß Herr Melchior Böhni in der letzteren Stadt
Geschäfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in
einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und
es geschah ferner, daß die Seldwyler auf den gleichen Tag, wie die
Goldacher, auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen
Orte, und zwar eine kostümierte oder Maskenfahrt.
So fuhr denn der Goldacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter
Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknall durch die Straßen der
Stadt, daß die Sinnbilder der alten Häuser erstaunt herniedersahen, und
zum Tore hinaus. Im ersten Schlitten saß Strapinski mit seiner Braut, in
einem polnischen Überrock von grünem Sammet, mit Schnüren besetzt und
schwer mit Pelz verbrämt und gefüttert. Nettchen war ganz in weißes
Pelzwerk gehüllt; blaue Schleier schützten ihr Gesicht gegen die frische
Luft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat war durch irgend ein
plötzliches Ereignis verhindert worden, mitzufahren; doch war es sein
Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes
Frauenbild als Schlittenzierat vor sich, die Fortuna vorstellend; denn
die Stadtwohnung des Amtsrates hieß zur Fortuna.
Ihnen folgten fünfzehn bis sechzehn Gefährte mit je einem Herren und
einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines der Paare so schön
und stattlich, wie das Brautpaar. Die Schlitten trugen, wie die
Meerschiffe ihre Galions, immer das Sinnbild des Hauses, dem jeder
angehörte, so daß das Volk rief: »Seht, da kommt die Tapferkeit! wie
schön ist die Tüchtigkeit! Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu
sein und die Sparsamkeit frisch vergoldet! Ah, der Jakobsbrunnen und
der Teich Bethesda!« Im Teiche Bethesda, welcher als bescheidener
Einspänner den Zug schloß, kutschierte Melchior Böhni still und
vergnügt. Als Galion seines Fahrzeuges hatte er das Bild jenes jüdischen
Männchens vor sich, welcher an besagtem Teiche dreißig Jahre auf sein
Heil gewartet. So segelte denn das Geschwader im Sonnenscheine dahin und
erschien bald auf der weithin schimmernden Höhe, dem Ziele sich nahend.
Da ertönte gleichzeitig von der entgegengesetzten Seite lustige Musik.
Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten
Farben und Gestalten und entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher
hoch am weißen Feldrande sich auf den blauen Himmel zeichnete und
ebenfalls nach der Mitte der Gegend hinglitt, von abenteuerlichem
Anblick. Es schienen meistens große bäuerliche Lastschlitten zu sein, je
zwei zusammengebunden, um absonderlichen Gebilden und Schaustellungen
zur Unterlage zu dienen. Auf dem vordersten Fuhrwerke ragte eine
kolossale Figur empor, die Göttin Fortuna vorstellend, welche in den
Äther hinaus zu fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll
schimmernden Flittergoldes, deren Gazegewänder in der Luft flatterten.
Auf dem zweiten Gefährte aber fuhr ein ebenso riesenmäßiger Ziegenbock
einher, schwarz und düster abstechend und mit gesenkten Hörnern der
Fortuna nachjagend. Hierauf folgte ein seltsames Gerüste, welches sich
als ein fünfzehn Schuh hohes Bügeleisen darstellte, dann eine gewaltig
schnappende Schere, welche mittels einer Schnur auf- und zugeklappt
wurde und das Himmelszelt für einen blauseidenen Westenstoff anzusehen
schien. Andere solche landläufige Anspielungen auf das Schneiderwesen
folgten noch, und zu Füßen aller dieser Gebilde saß auf den geräumigen,
je von vier Pferden gezogenen Schlitten die Seldwyler Gesellschaft in
buntester Tracht, mit lautem Gelächter und Gesang.
Als beide Züge gleichzeitig auf dem Platze vor dem Gasthause auffuhren,
gab es demnach einen geräuschvollen Auftritt und ein großes Gedränge von
Menschen und Pferden. Die Herrschaften von Goldach waren überrascht und
erstaunt über die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen
stellten sich vorerst gemütlich und freundschaftlich bescheiden. Ihr
vorderster Schlitten mit der Fortuna trug die Inschrift »Leute machen
Kleider« und so ergab es sich denn, daß die ganze Gesellschaft lauter
Schneidersleute von allen Nationen und aus allen Zeitaltern darstellte.
Es war gewissermaßen ein historisch-ethnographischer Schneiderfestzug,
welcher mit der umgekehrten und ergänzenden Inschrift abschloß: »Kleider
machen Leute!« In dem letzten Schlitten mit dieser Überschrift saßen
nämlich, als das Werk der vorausgefahrenen heidnischen und christlichen
Nahtbeflissenen aller Art, ehrwürdige Kaiser und Könige, Ratsherren und
Stabsoffiziere, Prälaten und Stiftsdamen in höchster Gravität.
Diese Schneiderwelt wußte sich gewandt aus dem Wirrwarr zu ordnen und
ließ die Goldacher Herren und Damen, das Brautpaar an deren Spitze,
bescheiden ins Haus spazieren, um nachher die unteren Räume desselben,
welche für sie bestellt waren, zu besetzen, während jene die breite
Treppe empor nach dem großen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des
Herren Grafen fand dies Benehmen schicklich und ihre Überraschung
verwandelte sich in Heiterkeit und beifälliges Lächeln über die
unverwüstliche Laune der Seldwyler; nur der Graf selbst hegte gar dunkle
Empfindungen, die ihm nicht behagten, obgleich er in der jetzigen
Voreingenommenheit seiner Seele keinen bestimmten Argwohn verspürte und
nicht einmal bemerkt hatte, woher die Leute gekommen waren. Melchior
Böhni, der seinen Teich Bethesda sorglich bei Seite gebracht hatte und
sich aufmerksam in der Nähe Strapinskis befand, nannte laut, daß dieser
es hören konnte, eine ganz andre Ortschaft als den Ursprungsort des
Maskenzuges.
Bald saßen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den
gedeckten Tafeln und gaben sich fröhlichen Gesprächen und Scherzreden
hin, in Erwartung weiterer Freuden.
Die kündigten sich denn auch für die Goldacher an, als sie paarweise in
den Tanzsaal hinüber schritten und dort die Musiker schon ihre Geigen
stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Reihen ordnen
wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das
freundnachbarliche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen
von Goldach einen Besuch abstatten zu dürfen und ihnen zum Ergötzen
einen Schautanz aufzuführen. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl
zurückgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen
Seldwylern einen tüchtigen Spaß und setzte sich daher nach der Anordnung
der besagten Gesandtschaft in einem großen Halbring, in dessen Mitte
Strapinski und Nettchen glänzten gleich fürstlichen Sternen.
Nun traten allmählich jene besagten Schneidergruppen nacheinander ein.
Jede führte in zierlichem Gebärdenspiel den Satz »Leute machen Kleider«
und dessen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend ein
stattliches Kleidungsstück, einen Fürstenmantel, Priestertalar und
dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige Person damit
bekleidete, welche urplötzlich umgewandelt sich in höchstem Ansehen
aufrichtete und nach dem Takte der Musik feierlich einherging. Auch die
Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige
Krähe erschien, die sich mit Pfauenfedern schmückte und quakend
umherhüpfte, ein Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte,
schließlich ein Esel, der eine furchtbare Löwenhaut von Werg trug und
sich heroisch damit drapierte, wie mit einem Karbonarimantel.
Alle, die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurück und
machten allmählich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Ring
von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem
Augenblicke ging die Musik in eine wehmütig ernste Weise über und
zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen
sämtlich auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann in
dunklem Mantel, dunkeln schönen Haaren und mit einer polnischen Mütze;
es war niemand anders als der Graf Strapinski, wie er an jenem
Novembertag auf der Straße gewandert und den verhängnisvollen Wagen
bestiegen hatte.
Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche
feierlich schwermütig einige Gänge nach dem Takte der Musik umher trat,
dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden
breitete, sich schneidermäßig darauf niedersetzte und anfing ein Bündel
auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie
ihn Strapinski in diesem Augenblicke trug, nähete mit großer Hast und
Geschicklichkeit Troddeln und Schnüre darauf und bügelte ihn
schulgerecht aus, indem er das scheinbar heiße Bügeleisen mit nassen
Fingern prüfte. Dann richtete er sich langsam auf, zog seinen
fadenscheinigen Rock aus und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen,
kämmte sich und vollendete seinen Anzug, daß er endlich als das
leibhafte Ebenbild des Grafen dastand. Unversehens ging die Musik in
eine rasche, mutige Weise über, der Mann wickelte seine Siebensachen in
den alten Mantel und warf das Pack weit über die Köpfe der Anwesenden
hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte er sich ewig von seiner
Vergangenheit trennen. Hierauf beging er als stolzer Weltmann in
stattlichen Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den Anwesenden
huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte. Plötzlich faßte
er den Polen, ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand als eine Säule
vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die Musik
aufhörte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz einfiel.
»Ei ei ei ei!« rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den
Arm gegen den Unglücklichen aus, »sieh da den Bruder Schlesier, den
Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer
kleinen Geschäftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun es
freut mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche
Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?«
Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasitzenden Grafensohn die Hand,
welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, während
der Doppelgänger rief: »Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften
Schneidergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dienstmägden,
auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen
übergeschnappt ist!«
Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um
Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig
die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und zitterte.
Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die
Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum
Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohl einstudierten
diabolischen Lachchores aus dem Saale, während die Goldacher, unter
welchen Böhni die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten
gewußt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten,
so daß es einen großen Tumult gab.
Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige
Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein
paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen,
unschlüssig, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht.
Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem steinernen
ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den
unabsehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen.
Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach ihrem
Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.
Da stand er langsam auf und ging mit schweren Schritten hinweg, die
Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus denselben
fielen.
Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen bedeckten,
hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem Jahrmarkt
stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen
passieren, indem sie ihm still auswichen ohne zu lachen oder harte Worte
nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten
und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem
Quartiere erst noch recht belustigten, und er wandelte halb unbewußt,
nur in der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe
Straße gegen Seldwyla hin, auf welcher er vor einigen Monaten
hergewandert war. Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes,
durch welchen sich die Straße zog. Er war barhäuptig, denn seine
Polenmütze war im Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst
den Handschuhen, und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die
frierenden Hände unter die gekreuzten Arme bergend vorwärts, während
seine Gedanken sich allmählich sammelten und zu einigem Erkennen
gelangten. Das erste deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war
dasjenige einer ungeheuren Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher
Mann von Rang und Ansehen gewesen und nun infam geworden wäre durch
Hereinbrechen irgend eines verhängnisvollen Unglückes. Dann löste sich
dieses Gefühl aber auf in eine Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er
hatte sich bis zu seinem glorreichen Einzug in die verwünschte Stadt nie
ein Vergehen zu Schulden kommen lassen; soweit seine Gedanken in die
Kindheit zurückreichten, war ihm nicht erinnerlich, daß er je wegen
einer Lüge oder einer Täuschung gestraft oder gescholten worden wäre,
und nun war er ein Betrüger geworden dadurch, daß die Torheit der Welt
ihn in einem unbewachten und sozusagen wehrlosen Augenblicke überfallen
und ihn zu ihrem Spielgesellen gemacht hatte. Er kam sich wie ein Kind
vor, welches ein anderes boshaftes Kind überredet hat, von einem Altare
den Kelch zu stehlen; er haßte und verachtete sich jetzt, aber er weinte
auch über sich und seine unglückliche Verirrung.
Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre seiner
Kirche ohne Überzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe mit
Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile
eines hohen Lehramtes inne hat und genießt, ohne von der Höhe seiner
Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den
kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Künstler ohne Tugend, mit
leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und
Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der
einen großen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine
Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und
Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht über sich, sondern
erfreuen sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne
aufheiternde Gesellschaft und gute Freunde.
Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, das heißt er fing
solches plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an
der sie hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und
sich aus Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und
die Erniedrigung zeigten ihm mit einem hellen Strahle das verlorene
Glück und machten aus dem unklar verliebten Irrgänger einen verstoßenen
Liebenden. Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor
und taumelte mehr als er ging, auf seiner Straße dahin, stand wieder
still und schüttelte den Kopf, als plötzlich ein roter Schein den Schnee
um ihn her erreichte und zugleich Schellenklang und Gelächter ertönte.
Es waren die Seldwyler, welche mit Fackeln nach Hause fuhren. Schon
näherten sich ihm die ersten Pferde mit ihren Nasen; da raffte er sich
auf, tat einen gewaltigen Sprung über den Straßenrand und duckte sich
unter die vordersten Stämme des Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und
verhallte endlich in der dunklen Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt
worden war; dieser aber, nachdem er eine gute Weile reglos gelauscht
hatte, von der Kälte wie von den erst genossenen feurigen Getränken und
seiner gramvollen Dummheit übermannt, streckte unvermerkt seine Glieder
aus und schlief ein auf dem knisternden Schnee, während ein eiskalter
Hauch von Osten heranzuwehen begann.
Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sie hatte
dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß
länger als eine Stunde unbeweglich da und stand dann auf, indem sie
bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging. Zwei
Freundinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft tröstenden Worten;
sie bat dieselben, ihr Mantel, Tücher, Hut und dergleichen zu
verschaffen, in welche Dinge sie sich sodann stumm verhüllte, die Augen
mit dem Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast
immer zugleich auch die Nase schneuzen muß, so sah sie sich doch
genötigt, das Taschentuch zu nehmen und tat einen tüchtigen Schneuz,
worauf sie stolz und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein
geriet Melchior Böhni, der sich ihr freundlich, demütig und lächelnd
näherte und ihr die Notwendigkeit darstellte, nunmehr einen Führer und
Begleiter nach dem väterlichen Hause zurückzuhaben. Den Teich Bethesda,
sagte er, werde er hier im Gasthause zurücklassen und dafür die Fortuna
mit der verehrten Unglücklichen sicher nach Goldach hingeleiten.
Ohne zu antworten ging sie festen Schrittes voran nach dem Hofe, wo der
Schlitten mit den ungeduldigen wohlgefütterten Pferden bereit stand,
einer der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz,
ergriff das Leitseil und die Peitsche, und während der achtlose Böhni,
mit glücklicher Geschäftigkeit sich gebärdend, dem Stallknecht, der die
Pferde gehalten, das Trinkgeld hervorsuchte, trieb sie unversehens die
Pferde an und fuhr auf die Landstraße hinaus in starken Sätzen, welche
sich bald in einen anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar
ging es nicht nach der Heimat, sondern auf der Seldwyler Straße hin.
Erst als das leichtbeschwingte Fahrzeug schon dem Blicke entschwunden
war, entdeckte Herr Böhni das Ereignis und lief in der Richtung gegen
Goldach mit Ho ho! und Haltrufen, sprang dann zurück und jagte mit
seinem eigenen Schlitten der entflohenen oder nach seiner Meinung durch
die Pferde entführten Schönen nach, bis er am Tore der aufgeregten Stadt
anlangte, in welcher das Ärgernis bereits alle Zungen beschäftigte.
Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in der Verwirrung oder mit
Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei Umstände mögen hier ein
leises Licht gewähren. Einmal lagen sonderbarerweise die Pelzmütze und
die Handschuhe Strapinskis, welche auf dem Fenstersimse hinter dem Sitze
des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten der Fortuna neben Nettchen;
wann und wie sie diese Gegenstände ergriffen, hatte niemand beachtet und
sie selbst wußte es nicht; es war wie im Schlafwandel geschehen. Sie
wußte jetzt noch nicht, daß Mütze und Handschuhe neben ihr lagen. Sodann
sagte sie mehr als einmal laut vor sich hin: »Ich muß noch zwei Worte
mit ihm sprechen, nur zwei Worte!«
Diese beiden Tatsachen scheinen zu beweisen, daß nicht ganz der Zufall
die feurigen Pferde lenkte. Auch war es seltsam, als die Fortuna in die
Waldstraße gelangte, in welche jetzt der helle Vollmond hineinschien,
wie Nettchen den Lauf der Pferde mäßigte und die Zügel fester anzog, so
daß dieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, während die Lenkerin
die traurigen aber dennoch scharfen Augen gespannt auf den Weg heftete,
ohne links und rechts den geringsten auffälligen Gegenstand außer acht
zu lassen.
Und doch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer,
unglücklicher Vergessenheit befangen; was sind Glück und Leben! von was
hangen sie ab? Was sind wir selbst, daß wir wegen einer lächerlichen
Fastnachtslüge glücklich oder unglücklich werden? Was haben wir
verschuldet, wenn wir durch eine fröhliche gläubige Zuneigung Schmach
und Hoffnungslosigkeit einernten? Wer sendet uns solche einfältige
Truggestalten, die zerstörend in unser Schicksal eingreifen, während sie
sich selbst daran auflösen, wie schwache Seifenblasen?
Solche mehr geträumte als gedachte Fragen umfingen die Seele Nettchens,
als ihre Augen sich plötzlich auf einen länglichen dunklen Gegenstand
richteten, welcher zur Seite der Straße sich vom mondbeglänzten Schnee
abhob. Es war der langhingestreckte Wenzel, dessen dunkles Haar sich mit
dem Schatten der Bäume vermischte, während sein schlanker Körper
deutlich im Lichte lag.
Nettchen hielt unwillkürlich die Pferde an, womit eine tiefe Stille über
den Wald kam. Sie starrte unverwandt nach dem dunklen Körper, bis
derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar darstellte und
sie leise die Zügel festband, ausstieg, die Pferde einen Augenblick
beruhigend streichelte und sich hierauf der Erscheinung vorsichtig,
lautlos näherte.
Ja, er war es. Der dunkelgrüne Sammet seines Rockes nahm sich selbst auf
dem nächtlichen Schnee schön und edel aus; der schlanke Leib und die
geschmeidigen Glieder, wohl geschnürt und bekleidet, alles sagte noch in
der Erstarrung, am Rande des Unterganges, im Verlorensein: Kleider
machen Leute!
Als sich die einsame Schöne näher über ihn hinbeugte und ihn ganz sicher
erkannte, sah sie auch sogleich die Gefahr, in der sein Leben schwebte,
und fürchtete, er möchte bereits erfroren sein. Sie ergriff daher
unbedenklich eine seiner Hände, die kalt und fühllos schien. Alles
andere vergessend rüttelte sie den Ärmsten und rief ihm seinen Taufnamen
ins Ohr: »Wenzel! Wenzel!« Umsonst, er rührte sich nicht, sondern atmete
nur schwach und traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit der Hand
über sein Gesicht, und gab ihm in der Beängstigung Nasenstüber auf die
erbleichte Nasenspitze. Dann nahm sie, hiedurch auf einen guten Gedanken
gebracht, Hände voll Schnee und rieb ihm die Nase und das Gesicht und
auch die Finger tüchtig, soviel sie vermochte und bis sich der glücklich
Unglückliche erholte, erwachte und langsam seine Gestalt in die Höhe
richtete.
Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den
Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen
Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen.
Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief:
»Verzeih mir! Verzeih mir!«
»Komm, fremder Mensch!« sagte sie mit unterdrückter zitternder Stimme,
»ich werde mit dir sprechen und dich fortschaffen!«
Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab
ihm Mütze und Handschuh, ebenso unwillkürlich, wie sie dieselben
mitgenommen hatte, ergriff Zügel und Peitsche und fuhr vorwärts.
Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag ein Bauernhof, auf welchem
eine Bäuerin hauste, deren Mann unlängst gestorben. Nettchen war die
Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch
neulich war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glück zu wünschen
und allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von
dem Wandel der Dinge wissen.
Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Straße ablenkend und mit
einem kräftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch
Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Bäuerin war wach und machte
sich zu schaffen, während Kinder und Gesinde längst schliefen. Sie
öffnete das Fenster und guckte verwundert heraus. »Ich bin's nur, wir
sind's!« rief Nettchen. »Wir haben uns verirrt wegen der neuen obern
Straße, die ich noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau
Gevatterin, und laßt uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter
fahren!«
Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und
bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das große
Tier, den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glück und Glanz
dieser Welt in diesen zwei Personen über ihre Schwelle getreten;
unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgend einen
bescheidenen Nutzen für sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die
gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschaftsleute
zu bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu
halten, und bald hatte sie auch einen heißen Kaffee bereitet, welchen
sie jetzt hereinbrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube
einander gegenüber saßen, ein schwach flackerndes Lämpchen zwischen sich
auf dem Tische.
Wenzel saß, den Kopf in die Hände gestützt, und wagte nicht
aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurück und hielt die
Augen fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schönen Mund, woran
man sah, daß sie keineswegs schlief.
Als die Gevattersfrau den Trank auf den Tisch gesetzt hatte, erhob sich
Nettchen rasch und flüsterte ihr zu: »Laßt uns jetzt eine halbe
Viertelstunde allein, legt Euch aufs Bett, liebe Frau, wir haben uns ein
bißchen gezankt und müssen uns heute noch aussprechen, da hier gute
Gelegenheit ist.«
»Ich verstehe schon, Ihr macht's gut so!« sagte die Frau und ließ die
zwei bald allein.
»Trinken Sie dies,« sagte Nettchen, die sich wieder gesetzt hatte, »es
wird Ihnen gesund sein!« Sie selbst berührte nichts. Wenzel Strapinski,
der leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie
aus, mehr weil sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er
blickte sie jetzt auch an und als ihre Augen sich begegneten, und
Nettchen forschend die seinigen betrachtete, schüttelte sie das Haupt
und sagte dann: »Wer sind Sie? Was wollten Sie mit mir?«
»Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine!« erwiderte er traurig, »ich bin
ein armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung
geben und nicht lange mehr am Leben sein!« Solche Worte sagte er so
überzeugt und ohne allen gemachten Ausdruck, daß Nettchens Augen
unmerklich aufblitzen. Dennoch wiederholte sie: »Ich wünsche zu wissen,
wer Sie eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen?«
»Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wahrheit gemäß
erzählen will,« antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm
bei seinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, wie er
mehrmals habe fliehen wollen, schließlich aber durch ihr Erscheinen
selbst gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume.
Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimgesucht; doch
überwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als daß es zum Ausbruch
gekommen wäre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: »Und wohin gedachten
Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen?« -- »Ich weiß es kaum,«
erwiderte er; »ich hoffte auf weitere merkwürdige oder glückliche Dinge;
auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, daß ich mir denselben
geben wolle, nachdem ich --«
Hier stockte Wenzel und sein bleiches Gesicht wurde ganz rot.
»Nun, fahren Sie fort!« sagte Nettchen, ihrerseits bleich werdend,
indessen ihr Herz wunderlich klopfte.
Da flammten Wenzels Augen groß und süß auf und er rief: »Ja, jetzt ist
es mir klar und deutlich vor Augen, wie es gekommen wäre! Ich wäre mit
dir in die weite Welt gegangen und, nachdem ich einige kurze Tage des
Glückes mit dir gelebt, hätte ich dir den Betrug gestanden und mir
gleichzeitig den Tod gegeben. Du wärest zu deinem Vater zurückgekehrt,
wo du wohl aufgehoben gewesen wärest und mich leicht vergessen hättest.
Niemand brauchte darum zu wissen; ich wäre spurlos verschollen. --
Anstatt an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen
Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken,« fuhr er wehmütig fort, »wäre
ich einen Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch über
allen, die weder glücklich noch unglücklich sind und doch nie sterben
wollen! O hätten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wäre so
ruhig eingeschlafen!«
Er war wieder still geworden und schaute düster sinnend vor sich hin.
Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das
durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt
hatte: »Haben Sie dergleichen oder ähnliche Streiche früher schon
begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide
getan?«
»Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und
mich nicht erinnert, daß ich je ein Lügner gewesen bin! Ein solches
Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder erfahren! Ja, in jenen
Tagen, als der Hang in mir entstanden, etwas Ordentliches zu sein oder
zu scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst überwunden
und einem Glück entsagt, das mir beschieden schien!«
»Was ist dies?« fragte Nettchen.
»Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer
benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen
Städten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die
anderen Weiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie
kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und
gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister,
starb aber früh, und so blieb uns bei größter Armut keine Aussicht auf
glückliche Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu träumen pflegte.
Vielmehr mußte sie sich harter Arbeit hingeben, um uns zu ernähren, und
damit das Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung,
aufopfern. Unerwartet sagte nun jene neu verwitwete Gutsherrin, als ich
etwa sechszehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die
Residenz für immer; die Mutter solle mich mitgeben, es sei schade für
mich in dem Dorfe ein Taglöhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle
mich etwas Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, während ich in
ihrem Hause leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun
könne. Das schien nun das Herrlichste zu sein, was sich für uns ereignen
mochte. Alles wurde demgemäß verabredet und zubereitet, als die Mutter
nachdenklich und traurig wurde und mich eines Tages plötzlich mit vielen
Tränen bat, sie nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie
werde nicht alt werden, sagte sie, und ich würde gewiß noch zu etwas
Gutem gelangen, auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das
betrübt hinterbrachte, kam her und machte meiner Mutter Vorstellungen;
aber diese wurde jetzt ganz aufgeregt und rief einmal um das andere, sie
lasse sich ihr Kind nicht rauben; wer es kenne --«
Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wußte sich nicht recht
fortzuhelfen.
Nettchen fragte: »Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie
nicht fort?«
Wenzel errötete und antwortete: »Sie sagte etwas Seltsames, was ich
nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht verspürt habe;
sie meinte, wer das Kind kenne, könne nicht mehr von ihm lassen, und
wollte wohl damit sagen, daß ich ein gutmütiger Junge gewesen sei oder
etwas dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, daß ich trotz alles
Zuredens jener Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich
doppelt lieb hatte, tausendmal mich um Verzeihung bittend, daß sie mir
vor dem Glücke sei. Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte,
stellte es sich heraus, daß nicht viel anderes zu tun war, als daß ich
zu unserem Dorfschneider in die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die
Mutter weinte so sehr, daß ich mich ergab. Dies ist die Geschichte.«
Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort sei und
wann? erwiderte Wenzel: »Der Militärdienst rief mich weg. Ich wurde
unter die Husaren gesteckt und war ein ganz hübscher roter Husar, obwohl
vielleicht der dümmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem
Jahr konnte ich endlich für ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte
nach Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da
bin ich denn, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereist
und endlich hier in mein Unglück geraten.«
Nettchen lächelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei
aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube;
auf einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen.
»Da Sie,« sagte sie plötzlich, aber dennoch mit zögerndem, spitzigen
Wesen, »stets so wertgeschätzt und liebenswürdig waren, so haben Sie
ohne Zweifel auch jederzeit Ihre gehörigen Liebschaften oder dergleichen
gehabt und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen
-- von mir nicht zu reden?«
»Ach Gott,« erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, »eh' ich zu Ihnen kam,
habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mädchens berührt,
ausgenommen --«
»Nun,« sagte Nettchen.
»Nun,« fuhr er fort, »das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und
bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder
acht Jahren, ein seltsames heftiges Kind und doch gut wie Zucker und
schön wie ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschützer
machen müssen und es hatte sich an mich gewöhnt. Ich mußte es regelmäßig
nach dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer
Unterricht genoß, und es von da wieder abholen. Auch sonst mußte ich
öfter mit ihm ins Freie, wenn sonst niemand gerade mitgehen konnte.
Dieses Kind nun, als ich es zum letztenmal im Abendschein über das Feld
nach Hause führte, fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an,
erklärte mir, ich müßte dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun
wolle. Ich sagte, daß es nicht sein könne. Das Kind fuhr aber fort, gar
beweglich und dringlich zu bitten, indem es mir am Arme hing und mich am
Gehen hinderte, wie Kinder zu tun pflegen, so daß ich mich bedachtlos
wohl etwas unwirsch frei machte. Da senkte das Mädchen sein Haupt und
suchte beschämt und traurig die Tränen zu unterdrücken, die jetzt
hervorbrachen, und es vermochte kaum das Schluchzen zu bemeistern.
Betroffen wollte ich das Kind begütigen, allein nun wandte es sich
zornig ab und entließ mich in Ungnaden. Seitdem ist mir das schöne Kind
immer im Sinne geblieben und mein Herz hat immer an ihm gehangen,
obgleich ich nie wieder von ihm gehört habe --«
Plötzlich hielt der Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war,
wie erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefährtin an.
»Nun,« sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone in gleicher Weise
etwas blaß geworden, »was sehen Sie mich so an?«
Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie
wenn er einen Geist sähe, und rief: »Dieses habe ich auch schon
erblickt. Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie jetzt
bei Ihnen, die schönen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig aufwärts,
daß man sie sich bewegen sah, und so war es auch zuletzt auf dem Felde
in jenem Abendglanze.«
In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über der Stirne
liegenden Locken Nettchens leise bewegt wie von einem ins Gesicht
wehenden Lufthauche.
Die allezeit etwas kokette Mutter Natur hatte hier eines ihrer
Geheimnisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu führen.
Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand
Nettchen auf, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm um
den Hals mit den Worten: »Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein,
und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!«
So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener
Seele, indem sie in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und
Treue hielt.
Doch war sie keineswegs so blöde, dieses Schicksal nicht selbst ein
wenig lenken zu wollen; vielmehr faßte sie rasch und keck neue
Entschlüsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen
Glückeswechsel verloren träumte: »Nun wollen wir gerade nach Seldwyl
gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, daß sie
uns erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben!«
Dem wackern Wenzel wollte dies nicht einleuchten. Er wünschte vielmehr
in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch dort zu
leben in stillem Glücke, wie er sagte.
Allein Nettchen rief: »Keine Romane mehr! Wie du bist, ein armer
Wandersmann, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen
diesen Stolzen und Spöttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach
Seldwyla gehen und dort durch Tätigkeit und Klugheit die Menschen, die
uns verhöhnt haben, von uns abhängig machen!«
Und wie gesagt, so getan! Nachdem die Bäuerin herbeigerufen und von
Wenzel, der anfing seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden
war, fuhren sie ihres Weges weiter. Wenzel führte jetzt die Zügel.
Nettchen lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensäule
wäre. Denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war
just vor drei Tagen volljährig geworden und konnte dem ihrigen folgen.
In Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch eine
Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saß. Als das Paar im Wirtssaale
erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: »Ha, da haben wir eine
Entführung; wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitet!«
Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Braut, und nachdem sie
in ihren Gemächern verschwunden war, begab er sich in den Wilden Mann,
ein anderes gutes Gasthaus, und schritt stolz durch die dort ebenfalls
noch hausenden Seldwyler hindurch in ein Zimmer, das er begehrte, und
überließ sie ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie sich das
grimmigste Kopfweh anzutrinken genötigt waren.
Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zeit schon das Wort
»Entführung!« herum.
In aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von dem
aufgeregten Böhni und Nettchens betroffenem Vater bestiegen. Fast wären
sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, als sie noch
rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen
sahen und zu ihrem Troste vermuteten, daß wenigstens die schönen Pferde
auch nicht weit sein würden. Sie ließen daher ausspannen, als sich die
Vermutung bestätigte und sie die Ankunft und den Aufenthalt Nettchens
vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.
Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis Nettchen den Vater bitten ließ,
sie auf ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen.
Auch sagte man, sie habe bereits den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen
lassen, welcher im Laufe des Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat
ging etwas schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf
welche Weise er das desperate Kind am besten aus der Verirrung
zurückführe, und war auf ein verzweifeltes Gebaren gefaßt.
Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie
dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte und
erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens sie wolle nach dem
Vorgefallenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nächsten
Jahre; zweitens wünsche sie ihr bedeutendes mütterliches Erbe an sich zu
nehmen, welches der Vater ja schon lange für den Fall ihrer Verheiratung
bereit gehalten; drittens wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten;
woran vor allem nichts zu ändern sei; viertens wolle sie mit ihm in
Seldwyla wohnen und ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen helfen, und
fünftens und letztens werde alles gut werden; denn sie habe sich
überzeugt, daß er ein guter Mensch sei und sie glücklich machen werde.
Der Amtsrat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen ja
wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung
ihres wahren Glückes je eher je lieber in ihre Hände legen zu können.
Dann aber schilderte er mit aller Bekümmernis, die ihn seit der ersten
Kunde von der schrecklichen Katastrophe erfüllte, das Unmögliche des
Verhältnisses, das sie festhalten wolle und schließlich zeigte er das
große Mittel, durch welches sich der schwere Konflikt allein würdig
lösen lasse. Herr Melchior Böhni sei es, der bereit sei, durch
augenblickliches Einstehen mit seiner Person den ganzen Handel
niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren Namen ihre Ehre vor der
Welt zu schützen und aufrecht zu halten.
Aber das Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Aufregung.
Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni
nicht zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen
Fremden getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, und den
sie auch leiden könne!
Es gab nun ein fruchtloses Hin- und Widerreden, welches die standhafte
Schöne endlich doch zum Tränenvergießen brachte.
Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf der Treppe
zusammengetroffen, und es drohte eine große Verwirrung zu entstehen, als
auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate wohlbekannter Mann, und
vor der Hand zur friedlichen Besonnenheit mahnte. Als er in wenigen
vorläufigen Worten vernahm, worum es sich handle, ordnete er an, daß vor
allem Wenzel sich in den Wilden Mann zurückziehe und sich dort still
halte, daß auch Herr Böhni sich nicht einmische und fortgehe, daß
Nettchen ihrerseits alle Formen des bürgerlichen guten Tones wahre bis
zum Austrag der Sache und der Vater auf jede Ausübung von Zwang
verzichte, da die Freiheit der Tochter gesetzlich unbezweifelt sei.
So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für
einige Stunden.
In der Stadt, wo der Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem
großen Vermögen, welches vielleicht nach Seldwyla käme durch diese
Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler
schlug plötzlich um zu Gunsten des Schneiders und seiner Verlobten, und
sie beschlossen, die Liebenden zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer
Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher das Gerücht
ging, die Schöne von Goldach sollte mit Gewalt zurückgeführt werden,
rotteten sie sich zusammen, stellten bewaffnete Schutz- und Ehrenwachen
vor den Regenbogen und vor den Wilden Mann und begingen überhaupt mit
gewaltiger Lustbarkeit eines ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige
Fortsetzung des gestrigen.
Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach Goldach
um Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nächsten Tage fuhren eine
Anzahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber, um
dem Amtsrat beizustehen, und es gewann den Anschein, als ob Seldwyla ein
neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend gegenüber;
der Stadttambour drehte bereits an seiner Spannschraube und tat einzelne
Schläge mit dem rechten Schlägel. Da kamen höhere Amtspersonen,
geistliche und weltliche Herren auf den Platz, und die Unterhandlungen,
welche allseitig gepflogen wurden, ergaben endlich, da Nettchen fest
blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, aufgemuntert durch die
Seldwyler, daß das Aufgebot ihrer Ehe nach Sammlung aller nötigen
Schriften förmlich stattfinden und daß gewärtigt werden solle, ob und
welche gesetzliche Einsprachen während dieses Verfahrens dagegen erhoben
würden und mit welchem Erfolge.
Solche Einsprachen konnten bei der Volljährigkeit Nettchens einzig noch
erhoben werden wegen der zweifelhaften Person des falschen Grafen Wenzel
Strapinski.
Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte,
ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf
seinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds
getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse
für ihn einliefen.
Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wies der Advokat nach, daß
Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen ausgegeben,
sondern daß ihm dieser Rang von andern gewaltsam verliehen worden; daß
er schriftlich auf allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen
Namen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte und
somit kein anderes Vergehen vorlag, als daß er eine törichte
Gastfreundschaft genossen hatte, die ihm nicht gewährt worden wäre, wenn
er nicht in jenem Wagen angekommen wäre und jener Kutscher nicht jenen
schlechten Spaß gemacht hätte.
So endigte denn der Krieg mit einer Hochzeit, an welcher die Seldwyler
mit ihren sogenannten Katzenköpfen gewaltig schossen zum Verdrusse der
Goldacher, welche den Geschützdonner ganz gut hören konnten, da der
Westwind wehte. Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie
sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchand-Tailleur und Tuchherr werden
in Seldwyla; denn da hieß der Tuchhändler noch Tuchherr, der
Eisenhändler Eisenherr und so weiter.
Das geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler
geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem
Geschäfte, welchem er einen großen Umfang zu geben verstand. Er machte
ihnen ihre veilchenfarbigen oder weiß und blau gewürfelten Sammetwesten;
ihre Ballfräcke mit goldenen Knöpfen, ihre rot ausgeschlagenen Mäntel,
und alles waren sie ihm schuldig, aber nie zu lange Zeit. Denn um neue,
noch schönere Sachen zu erhalten, welche er kommen oder anfertigen ließ,
mußten sie ihm das frühere bezahlen, so daß sie unter einander klagten,
er presse ihnen das Blut unter den Nägeln hervor.
Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr
träumerisch aus; er wurde von Jahr zu Jahr geschäftserfahrener und
gewandter und wußte in Verbindung mit seinem bald versöhnten
Schwiegervater, dem Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich
sein Vermögen verdoppelte und er nach zehn oder zwölf Jahren mit ebenso
vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapinska, geboren hatte,
und mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener
Mann ward.
Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank
oder aus Rache.
Der Schmied seines Glückes
John Kabys, ein artiger Mann von bald vierzig Jahren, führte den Spruch
im Munde, daß jeder der Schmied seines eigenen Glückes sein müsse, solle
und könne, und zwar ohne viel Gezappel und Geschrei.
Ruhig, mit nur wenigen Meisterschlägen schmiede der rechte Mann sein
Glück! war seine öftere Rede, womit er nicht etwa die Erreichung bloß
des Notwendigen, sondern überhaupt alles Wünschenswerten und
Überflüssigen verstand.
So hatte er denn als zarter Jüngling schon den ersten seiner
Meisterstreiche geführt und seinen Taufnamen Johannes in das englische
John umgewandelt, um sich von vornherein für das Ungewöhnliche und
Glückhafte zuzubereiten, da er dadurch von allen übrigen Hansen abstach
und überdies einen angelsächsisch unternehmenden Nimbus erhielt.
Darauf verharrte er einige Jährchen ruhig, ohne viel zu lernen oder zu
arbeiten, aber auch ohne über die Schnur zu hauen, sondern klug
abwartend.
Als jedoch das Glück auf den ausgeworfenen Köder nicht anbeißen wollte,
tat er den zweiten Meisterschlag und verwandelte das i in seinem
Familiennamen Kabis in ein y. Dadurch erhielt dies Wort (anderwärts auch
Kapes), welches Weißkohl bedeutet, einen edleren und fremdartigern
Anhauch, und John Kabys erwartete nun mit mehr Berechtigung, wie er
glaubte, das Glück.
Allein es vergingen abermals mehrere Jahre, ohne daß selbiges sich
einstellen wollte, und schon näherte er sich dem einunddreißigsten, als
er sein nicht bedeutendes Erbe mit aller Mäßigung und Einteilung endlich
doch aufgezehrt hatte. Jetzt begann er aber sich ernstlich zu regen und
sann auf ein Unternehmen, das nicht für den Spaß sein sollte. Schon oft
hatte er viele Seldwyler um ihre stattlichen Firmen beneidet, welche
durch Hinzufügen des Frauennamens entstanden. Diese Sitte war einst
plötzlich aufgekommen, man wußte nicht wie und woher; aber genug, sie
schien den Herren vortrefflich zu den roten Plüschwesten zu passen und
auf einmal erklang das ganze Städtchen an allen Ecken von pompösen
Doppelnamen. Große und kleine Firmatafeln, Haustüren, Glockenzüge,
Kaffeetassen und Teelöffel waren damit beschrieben und das Wochenblatt
strotzte eine Zeitlang von Anzeigen und Erklärungen, deren einziger
Zweck das Anbringen der Alliance-Unterschrift war. Insbesondere gehörte
es zu den ersten Freuden der Neuverheirateten, alsobald irgend ein
Inserat vom Stapel laufen zu lassen. Dabei gab es auch mancherlei Neid
und Ärgernis; denn wenn etwa ein schwärzlicher Schuster oder sonst für
gering Geachteter durch Führung solchen Doppelnamens an der allgemeinen
Respektabilität teilnehmen wollte, so wurde ihm das mit Naserümpfen übel
vermerkt, obgleich er im legitimsten Besitze der anderen Ehehälfte war.
Immerhin war es nicht ganz gleichgültig, ob ein oder mehrere Unbefugte
durch dieses Mittel in das allgemeine vergnügte Kreditwesen eindrangen,
da erfahrungsgemäß die geschlechterhafte Namensverlängerung zu den
wirksameren, doch zartesten Maschinenteilchen jenes Kreditwesens
gehörte.
Für John Kabys aber konnte der Erfolg einer solchen Hauptveränderung
nicht zweifelhaft sein. Die Not war jetzt gerade groß genug, um diesen
lang aufgesparten Meisterstreich zur rechten Stunde zu führen, wie es
einem alten Schmied seines Glückes geziemt, der da nicht in den Tag
hinein hämmert, und John sah demgemäß nach einer Frau aus, still, aber
entschlossen. Und siehe! schon der Entschluß schien das Glück endlich
heraufzubeschwören; denn noch in derselben Woche langte an, wohnte in
Seldwyla mit einer mannbaren Tochter eine ältere Dame und nannte sich
Frau Oliva, die Tochter Fräulein Oliva. Kabys-Oliva! klang es sogleich
in Johns Ohren und wiederhallte es in seinem Gemüte! Mit einer solchen
Firma ein bescheidenes Geschäft begründet, mußte in wenig Jahren ein
großes Haus daraus werden. So machte er sich denn weislich an die Sache,
ausgerüstet mit allen seinen Attributen.
Diese bestanden in einer vergoldeten Brille, in drei emaillierten
Hemdeknöpfen, durch goldene Ketten unter sich verbunden, in einer langen
goldenen Uhrkette, welche eine geblümte Weste überkreuzte, mit allerlei
Anhängseln, in einer gewaltigen Busennadel, welche als Miniaturgemälde
eine Darstellung der Schlacht von Waterloo enthielt, ferner in drei oder
vier großen Ringen, einem großen Rohrstock, dessen Knopf ein kleiner
Operngucker bildete in Gestalt eines Perlmutterfäßchens. In den Taschen
trug, zog hervor und legte er vor sich hin, wenn er sich setzte: ein
großes Futteral aus Leder, in welchem eine Zigarrenspitze ruhte aus
Meerschaum geschnitzt, darstellend den aufs Pferd gebundenen Mazeppa;
diese Gruppe ragte ihm, wenn er rauchte, bis zwischen die Augenbrauen
hinauf und war ein Kabinettsstück; ferner eine rote Zigarrentasche mit
vergoldetem Schloß, in welcher schöne Zigarren lagen mit kirschrot und
weiß getigertem Deckblatt, ein abenteuerlich elegantes Feuerzeug, eine
silberne Tabaksdose und eine gestickte Schreibtafel. Auch führte er das
komplizierteste und zierlichste aller Geldtäschchen mit unendlich
geheimnisvollen Abteilungen.
Diese sämtliche Ausrüstung war ihm die Idealausstattung eines Mannes im
Glücke; er hatte dieselbe, als kühn entworfenen Lebensrahmen, im voraus
angeschafft, als er noch an seinem kleinen Vermögen geknabbert, aber
nicht ohne einen tieferen Sinn. Denn solche Anhäufung war jetzt nicht
sowohl das Behänge eines geschmacklosen eiteln Mannes, als vielmehr eine
Schule der Übung, der Ausdauer und des Trostes zur Zeit des Unsterns,
sowie eine würdige Bereithaltung für das endlich einkehrende Glück,
welches ja kommen konnte wie ein Dieb in der Nacht. Lieber wäre er
verhungert, als daß er das geringste seiner Zierstücke veräußert oder
versetzt hätte; so konnte er weder vor der Welt, noch vor sich selbst
für einen Bettler gelten und lernte das Äußerste erdulden, ohne an Glanz
einzubüßen. Ebenso war, um nichts zu verlieren, zu verderben, zu
zerbrechen oder in Unordnung zu bringen, eine fortwährend ruhige und
würdevolle Haltung geboten. Kein Räuschchen und keine andere Aufregung
durfte er sich gestatten, und wirklich besaß er seinen Mazeppa schon
seit zehn Jahren, ohne daß an dem Pferde ein Ohr oder der fliegende
Schweif abgebrochen wäre, und die Häkchen und Ringelchen an seinen Etuis
und Necessaires schlossen noch so gut als am Tage ihrer Schöpfung. Auch
mußte er zu all dem Schmucke Rock und Hut säuberlich schonen, sowie er
auch stets ein blankes Vorhemdchen zu besitzen wußte, um seine Knöpfe,
Kettchen und Nadeln auf weißem Grunde zu zeigen.
Freilich lag eigentlich mehr Mühe darin, als er in seinem Spruche von
den wenigen Meisterschlägen zugestehen wollte; allein man hat ja immer
die Werke des Genies fälschlich für mühelos ausgegeben.
Wenn nun die beiden Frauenzimmer das Glück waren, so ließ es sich nicht
ungern in dem ausgespannten Netze des Meisters fangen, ja er schien
ihnen mit seiner Ordentlichkeit und seinen vielen Kleinodien gerade der
Mann zu sein, den zu suchen sie ins Land gekommen waren. Sein geregelter
Müßiggang deutete auf einen behaglichen und sichern Zinsleinpicker oder
Rentier, der seine Werttitel gewiß in einem artigen Kästchen
aufbewahrte. Sie sprachen einiges von ihrem eigenen wohlbestellten
Wesen; als sie aber merkten, daß Herr Kabys nicht viel Gewicht darauf zu
legen schien, hielten sie klüglich inne und ihre Persönlichkeit für das,
was diesen guten Mann allein anziehe. Kurz, in wenig Wochen war er mit
dem Fräulein Oliva verlobt, und gleichzeitig reiste er nach der
Hauptstadt, um eine reich verzierte Adreßkarte mit dem herrlichen
Doppelnamen stechen zu lassen, anderseits ein prächtiges Firmaschild zu
bestellen und einige Handelsverbindungen mit Kredit für ein Geschäft mit
Ellenwaren zu eröffnen. Im Übermut kaufte er gleich noch zwei oder drei
Ellenstäbe von poliertem Pflaumenholz, einige Dutzend Wechselformulare
mit vielen merkurialischen Emblemen, Preiszettel und kleine Papierchen
mit goldenem Rande zum Aufkleben, Handlungsbücher und derartiges mehr.
Vergnügt eilte er wieder in seine Heimatstadt und zu seiner Braut, deren
einziger Fehler ein etwas unverhältnismäßig großer Kopf war. Freundlich,
zärtlich wurde er empfangen und seinem Reiseberichte die Eröffnung
entgegengesetzt, daß die Papiere der Braut, so für die Hochzeit
erforderlich waren, angekommen seien. Doch geschah diese Eröffnung mit
einer lächelnden Zurückhaltung, wie wenn er auf eine zwar unbedeutende,
aber immerhin nicht ganz ordnungsgemäße Nebensache müßte vorbereitet
werden. Alles dies ging endlich vorüber und es ergab sich, daß die
Mutter allerdings eine verwitwete Dame Oliva, die Tochter hingegen ein
außereheliches Kind von ihr war aus ihrer Jugendzeit und ihren eigenen
Familiennamen trug, wenn es sich um amtliche und zivilrechtliche Dinge
handelte. Dieser Name war: Häuptle! Die Braut hieß: Jungfer Häuptle, und
die künftige Firma also: »John Kabys-Häuptle«, zu deutsch: »Hans
Kohlköpfle.«
Sprachlos stand der Bräutigam eine gute Weile, die unselige Hälfte
seines neuesten Meisterwerkes betrachtend; endlich rief er: »Und mit
einem solchen Hauptkopfschädel kann man Häuptle heißen!« Erschrocken und
demütig senkte die Braut ihr Häuptlein, um das Gewitter vorübergehen zu
lassen; denn noch ahnte sie nicht, daß die Hauptsache an ihr für
Kabyssen jener schöne Name gewesen sei.
Herr Kabys schlechtweg aber ging ohne weiteres nach seiner Behausung, um
sich den Fall zu überlegen; allein schon auf dem Wege riefen ihm seine
lustigen Mitbürger Hans Kohlköpfle zu, da das Geheimnis bereits verraten
war. Drei Tage und drei Nächte suchte er das gefehlte Werk in tiefer
Einsamkeit umzuschmieden. Am vierten Tage hatte er seinen Entschluß
gefaßt, ging wieder dorthin und begehrte die Mutter statt der Tochter
zur Ehe. Allein die entrüstete Frau hatte nun ihrerseits in Erfahrung
gebracht, daß Herr Kabys gar kein Mahagonikästchen mit Werttiteln
besitze, und wies ihm schnöde die Türe, worauf sie mit ihrer Tochter um
ein Städtchen weiter zog.
So sah Herr John das glänzende Oliva entschwinden wie eine schimmernde
Seifenblase im Ätherblau, und höchst betreten hielt er seinen
Glücksschmiedehammer in der Hand. Seine letzte Barschaft war über diesem
Handel fortgegangen. Daher mußte er sich endlich entschließen, etwas
Wirkliches zu arbeiten oder wenigstens zur Grundlage seines Daseins zu
machen, und indem er sich so hin und her prüfte, konnte er gar nichts,
als vortrefflich rasieren, ebenso die Messer dazu im stande halten und
scharf machen. Nun stellte er sich auf mit einem Bartbecken und in einem
schmalen Stübchen zu ebener Erde, über dessen Türe er ein »John Kabys«
befestigte, welches er aus jener stattlichen Firmatafel eigenhändig
herausgesägt und von dem verlorenen Oliva wehmütig abgetrennt hatte. Der
Spitzname Kohlköpfle blieb ihm jedoch in der Stadt und führte ihm
manchen Kunden zu, so daß er mehrere Jahre lang ganz leidlich dahin
lebte, Gesichter schabend und Messer abziehend, und seinen übermütigen
Wahlspruch fast ganz zu vergessen schien.
Da sprach eines Tages ein Bürger bei ihm ein, der soeben von langen
Reisen zurückgekehrt war, und jetzt nachlässig, indem er sich zum
Einseifen setzte, hinwarf: »So gibt es, wie ich aus Ihrem Schilde
ersehe, doch noch Kabysse in Seldwyla?« »Ich bin der letzte meines
Geschlechts,« erwiderte der Barbier nicht ohne Würde, »doch warum frugen
Sie das, wenn ich fragen darf?« Der Fremde schwieg jedoch, bis er
barbiert und gesäubert, und erst als alles beendigt und der Ehrensold
entrichtet war, fuhr er fort: »In Augsburg kannte ich einen alten
reichen Kauz, welcher öfter versicherte, seine Großmutter sei eine
geborene Kabis von Seldwyla in der Schweiz gewesen, und es nehme ihn
höchlich Wunder, ob da noch Leute dieses Geschlechtes lebten?«
Hierauf entfernte sich der Mann.
Hans Kohlköpfle dachte nach und dachte nach und kam in eine große
Aufregung, als er sich endlich dunkel erinnerte, daß eine Vorfahrin von
ihm sich wirklich vor langen Jahren nach Deutschland verheiratet haben
sollte, die seither verschollen war. Ein rührendes Familiengefühl
erwachte plötzlich in ihm, ein romantisches Interesse für Stammbäume,
und es ward ihm bange, ob der Gereiste auch wiederkommen würde. Nach der
Art seines Bartwuchses mußte er in zwei Tagen wieder erscheinen. In der
Tat kam der Mann pünktlich um diese Zeit. John seifte ihn ein und
schabte ihn beinahe zitternd vor Neugierde. Als er fertig war, platzte
er heraus und erkundigte sich angelegentlich nach den näheren Umständen.
Der Mann sagte: »Es ist einfach ein Herr Adam Litumlei, hat eine Frau,
aber keine Kinder, und wohnt in der und der Straße zu Augsburg.«
John beschlief sich den Handel noch eine Nacht und faßte in derselben
den Mut, doch noch tüchtig glücklich zu werden. Am nächsten Morgen
schloß er seinen Ladenstreifen, packte seinen Sonntagsanzug in einen
alten Tornister und alle seine wohlerhaltenen Wahrzeichen in ein
besonderes Paketlein, und nachdem er sich mit hinlänglichen
Ausweisschriften und pfarrbücherlichen Auszügen versehen, trat er
unverweilt die Reise nach Augsburg an, still und unscheinbar, wie ein
älterer Handwerksbursche.
Als er die Türme und die grünen Wälle der Stadt vor sich sah, überzählte
er seine Barschaft und fand, daß er sich sehr knapp halten müsse, wenn
er im ungünstigen Falle den Rückweg wieder bestehen wolle. Darum kehrte
er in der bescheidensten Herberge ein, welche er nach einigem Suchen
auffinden konnte; er trat in die Gaststube und sah verschiedene
Handwerkszeichen über den Tischen hangen, worunter auch dasjenige der
Schmiede. Unter dieses setzte er sich als ein Schmied seines Glückes,
der guten Vorbedeutung wegen, und stärkte sein Leibliches durch ein
Frühstück, da es noch zeitig am Tage. Dann ließ er sich ein eigenes
Kämmerchen geben, wo er sich umkleidete. Er stutzte sich auf jegliche
Weise auf und behing sich mit dem ganzen Zierat; auch schraubte er das
Perspektivfäßchen auf den Stock. So trat er aus der Kammer hervor, daß
die Wirtin erschrak ob all der Pracht.
Es dauerte ziemlich lang, eh er die Straße fand, nach der sein Herz
begehrte. Doch endlich sah er sich in einer weiten Gasse, worin mächtige
alte Häuser standen; aber kein lebendes Wesen war zu erblicken. Endlich
wollte doch ein Mägdlein mit einem blanken schäumenden Kännchen Bier an
ihm vorüberhuschen. Er hielt es fest und fragte nach Herrn Adam
Litumlei, und das Mädchen zeigte ihm das Haus, vor welchem er gerade
stand.
Neugierig schaute er daran hinauf. Über einem ansehnlichen Portale
türmten sich mehrere Stockwerke mit hohen Fenstern empor, deren starke
Gesimse und Profile ein senkrechtes Meer von kühnen Verkürzungen vor dem
Auge des armen Glücksuchers ausbreiteten, so daß es ihm fast bänglich
wurde und er befürchtete, eine zu großartige Sache unternommen zu haben;
denn er stand vor einem förmlichen Palast. Dennoch drückte er sachte an
dem schweren Torflügel, schlüpfte hinein und befand sich in einem
prächtigen Treppenhaus. Eine steinerne Doppeltreppe baute sich mit
breiten Absätzen in die Höhe, von einem reich geschmiedeten Geländer
eingefaßt. Unter der Treppe hindurch und durch die hintere offene
Haustüre sah man Sonnenschein und Blumenbeete. John ging leise dahin, um
vielleicht einen Dienstboten oder einen Gärtner zu finden, sah aber
nichts als einen großen altfränkischen Garten, der voll der schönsten
Blumen war, sowie einen steinernen Brunnen mit vielen Figuren.
Alles war wie ausgestorben; er ging wieder zurück und begann die Treppe
hinaufzusteigen. An den Wänden hingen große vergilbte Landkarten, Pläne
alter Reichsstädte mit ihren Festungswerken, mit stattlichen
allegorischen Darstellungen in den Ecken. Eine eichene Türe unter
mehreren war bloß angelehnt; der Eindringling öffnete sie zur Hälfte und
sah eine ziemlich hübsche Frau auf einem Ruhebette ausgestreckt, welcher
das Strickzeug entfallen war und die ein geruhiges Schläfchen tat,
obgleich es erst zehn Uhr Vormittags war. Mit klopfendem Herzen hielt
John Kabys, da das Zimmer sehr tief war, seinen Stock ans Auge und
betrachtete die Erscheinung durch das Perspektivchen von Perlmutter; das
seidene Kleid, die rundlichen Formen der Schläferin ließen ihm das Haus
immer mehr wie ein verzaubertes Schloß erscheinen, und höchst gespannt
zog er sich zurück und stieg weiter hinauf, sachte und vorsichtig.
Zu oberst war das Treppenhaus eine ordentliche Rüstkammer, da es
behangen war mit Rüstungen und Waffen aus allen Jahrhunderten; rostige
Panzerhemden, Eisenhüte, Galakürasse aus der Zopfzeit, Schlachtschwerter,
vergoldete Luntenstäbe, alles hing durcheinander, und in den Ecken standen
ziervolle kleine Geschütze, grün vor Alter. Kurz, es war das Treppenhaus
eines großen Patriziers und Herrn John wurde es feierlich zu Mute.
Da ließ sich plötzlich eine Art Geschrei vernehmen, ganz in der Nähe,
wie von einem größeren Kinde, und als es nicht aufhörte, benutzte John
den Anlaß, ihm nachzugehen und so zu Leuten zu kommen. Er öffnete die
nächste Türe und sah einen weitläufigen Ahnensaal, von unten bis oben
mit Bildnissen angefüllt. Der Boden bestand aus sechseckigen Fliesen
verschiedener Farbe, die Decke aus Gipsstukkaturen mit lebensgroßen,
fast frei schwebenden Menschen- und Tiergestalten, Fruchtkränzen und
Wappen. Vor einem zehn Fuß hohen Kaminspiegel aber stand ein winziges
eisgraues Greischen, nicht schwerer als ein Zicklein, in einem
Schlafrock von scharlachrotem Sammet, mit eingeseiftem Gesicht. Das
strampelte vor Ungeduld, schrie weinerlich und rief: »Ich kann mich
nicht mehr rasieren! Ich kann mich nicht mehr rasieren! Mein Messer
schneidt nicht! Niemand hilft mir, o je, o je!« Als es im Spiegel den
Fremden sah, schwieg es still, kehrte sich um und sah mit dem Messer in
der Hand verblüfft und furchtsam auf Herrn John, welcher, den Hut in der
Hand, mit vielen Bücklingen vordrang, den Hut abstellte, lächelnd dem
Männchen das Messer aus der Hand nahm und dessen Schneide prüfte. Er zog
sie einige Male auf seinem Stiefel, dann auf dem Handballen ab, prüfte
hierauf die Seife und schlug einen dichtern Schaum, kurz er barbierte
das Männchen in weniger als drei Minuten aufs herrlichste.
»Verzeihen Sie, hochgeehrter Herr!« sagte hierauf Kabys, »die Freiheit,
die ich mir genommen habe! Allein da ich Sie in solcher Verlegenheit
sah, glaubte ich mich dergestalt auf die natürlichste Weise bei Ihnen
einzuführen, insofern ich etwa die Ehre habe, vor Herrn Adam Litumlei zu
stehen.«
Das Alterchen betrachtete noch immer erstaunt den Fremden; dann schaute
es in den Spiegel und fand sich sauber rasiert, wie lange nicht mehr,
worauf es, Wohlgefallen mit Mißtrauen vermischend, den Künstler abermals
besah und mit Zufriedenheit wahrnahm, daß es ein anständiger Fremder
sei. Doch fragte es mit immer noch unwirschem Stimmchen, wer er sei und
was er wolle?
John räusperte sich und versetzte: er sei ein gewisser Kabys aus
Seldwyla, und da er sich gerade auf Reisen befinde und hiesige Stadt
passiere, so habe er nicht versäumen wollen, die Nachkommen einer Ahne
seines Hauses aufzusuchen und zu begrüßen. Und er tat, als ob er von
Kindheit auf nur von Herrn Litumlei sprechen gehört hätte. Dieser war
auf einmal freudig überrascht und rief freundlich und wohlgemut: »Ha! so
blühet also das Geschlecht der Kabysse noch! Ist es zahlreich und
angesehen?«
John hatte schon gleich einem Wandergesellen, der vor dem Torschreiber
steht, seine Schriften ausgepackt und vorgelegt. Indem er auf sie wies,
sprach er ernst: »Zahlreich ist es nicht mehr, denn ich bin der letzte
des Geschlechtes! Aber seine Ehre steht noch unbewegt!« Erstaunt und
gerührt ob solchen Reden bot ihm der Alte die Hand und hieß ihn
willkommen. Die beiden Herren verständigten sich schnell über den Grad
ihrer Verwandtschaft; abermals rief Litumlei: »So nahe berühren sich
unsere Lebenszweige! Kommen Sie, lieber Vetter, hier sehen Sie Ihre edle
und treffliche Urgroßtante, meine leibliche Großmama!« Und er führte ihn
im mächtigen Saale umher, bis sie vor einem schönen Frauenbilde standen
in der Tracht des vorigen Jahrhunderts. In der Tat bezeichnete ein
Papierbörtchen, welches in der Ecke des Rahmens befestigt war, die
besagte Dame, sowie auch eine Anzahl der andern Bildnisse mit solchen
Zetteln versehen war. Freilich zeigten die Gemälde selbst noch andere
Inschriften in lateinischer Sprache, welche mit den angehefteten
Papierchen nicht übereinstimmten. Aber John Kabys stand und stand und
überlegte in seinem Innern: »So hast du denn doch gut geschmiedet! Denn
hier blickt auf dich hernieder, hold und freundlich, die Ahnfrau deines
Glückes im reichen Rittersaal!«
Melodisch zu dieser Selbstansprache klangen die Worte des Herrn
Litumlei, welcher sagte, daß nun von einer Weiterreise keine Rede sein
dürfe, sondern der werteste Vetter zur Begründung eines engeren
Verhältnisses vorerst so lange, als dessen Zeit es erlaube, sein Gast
sein müsse. Denn das flunkernde Ziergeräte des Herrn Großneffen,
welches ihm schon in die Augen gefallen, versah trefflich seinen Dienst
und erfüllte ihn mit Vertrauen.
Darum zog er jetzt mit aller Macht an einer Glocke, worauf allmählich
einige Dienstboten herbeischlurften, um nach ihrem kleinen Gebieter zu
sehen, und endlich erschien auch die Dame, welche im ersten Stock
geschlafen hatte, noch gerötet von ihrem Schläfchen und mit halb offenen
Augen. Als ihr aber der angekommene Gast vorgestellt wurde, tat sie
dieselben ganz auf, neugierig und vergnüglich, wie es schien, über die
unerwartete Begebenheit. John wurde nun in andere Räume geführt und
mußte eine gehörige Erfrischung einnehmen, wobei ihm das Ehepaar so
eifrig half, wie Kinder, die zu jeder Stunde Eßlust haben. Dies gefiel
dem Gast über die Maßen, da er sah, daß es Leute waren, die sich nichts
abgehen ließen und welche noch Freude an den guten Dingen hätten.
Seinerseits aber verfehlte er auch nicht, stündlich einen angenehmeren
Eindruck zu machen, ja schon beim bald folgenden Mittagessen stellte
sich derselbe entschieden fest, als jedes der beiden Leutchen seine
eigenen Leibgerichte auftragen ließ, und John Kabys von allem aß und
alles trefflich fand und seine angewöhnte ruhige Würde seinem Urteil
einen noch höheren Wert gab. Es wurde aufs rühmlichste gegessen und
getrunken, und noch nie genossen drei wackere Leute zusammen ein
reichlicheres und zugleich schuldloseres Dasein. Es war für John ein
Paradies, in welchem kein Sündenfall möglich schien.
Genug, es gab sich alles auf das beste. Bereits lebte er acht Tage in
dem ehrwürdigen Hause und kannte dasselbe schon in allen Ecken. Er
vertrieb dem Alten die Zeit auf tausenderlei Weise, ging mit ihm
spazieren und rasierte ihn so leicht wie ein Zephir, was dem Männchen
vor allem aus gefiel. John merkte, daß Herr Litumlei über irgend etwas
nachzusinnen begann und erschrak, wenn jener von seiner Abreise sprach,
was er etwa in ernsten Andeutungen tat. Da fand er, es sei Zeit, jetzt
wieder einen kleinen Meisterschlag zu wagen, und kündigte seinem Gönner
am Ende des achten Tages deutlicher seine demnächstige Abreise an, zum
Grunde nehmend, daß er durch längeres Zaudern den Abschied und die
Gewöhnung an ein einfacheres Leben nicht erschweren dürfe. Denn männlich
wolle er sein Schicksal ertragen, das Schicksal eines letzten seines
Geschlechtes, der da in strenger Arbeit und Zurückgezogenheit die Ehre
des Hauses bis zum Erlöschen zu wahren habe.
»Kommen Sie mit mir hinaus in den Rittersaal!« erwiderte Herr Adam
Litumlei; sie gingen; als dort der Alte einigemal feierlich auf und ab
gewandelt, begann er wieder: »Hören Sie meinen Entschluß und meinen
Vorschlag, lieber Großneffe! Sie sind der letzte Ihres Geschlechts, es
ist dies ein ernstes Schicksal! Allein ein nicht minder ernstes habe ich
zu tragen! Blicken Sie mich an, wohlan! Ich bin der erste des meinigen!«
Stolz richtete er sich auf, und John sah ihn an, konnte aber nicht
entdecken, was das heißen sollte. Aber jener fuhr fort: »Ich bin der
erste des meinigen will so viel heißen, als: Ich habe mich entschlossen,
ein solch großes und rühmliches Geschlecht zu gründen, wie Sie hier an
den Wänden dieses Saales gemalt sehen! Dieses sind nämlich nicht meine
Ahnen, sondern die Glieder eines ausgestorbenen Patriziergeschlechtes
dieser Stadt. Als ich vor dreißig Jahren hier einwanderte, war das Haus
mit all seinem Inhalt und seinen Denkmälern eben käuflich und ich
erstand sogleich den ganzen Apparat als Grundlage zur Verwirklichung
meines Lieblingsgedankens. Denn ich besaß ein großes Vermögen, aber
keinen Namen, keine Vorfahren, und ich kenne nicht einmal den Taufnamen
meines Großvaters, welcher eine Kabis geheiratet hat. Ich entschädigte
mich anfänglich damit, die hier gemalten Herren und Frauen als meine
Vorfahren zu erklären und einige zu Litumleis, andere zu Kabissen zu
machen mittels solcher Zettel, wie Sie sehen; doch meine
Familienerinnerungen reichten nur für sechs oder sieben Personen aus,
die übrige Menge dieser Bilder, das Ergebnis von vier Jahrhunderten,
spottete meiner Bestrebungen. Umso dringender war ich an die Zukunft
gewiesen, an die Notwendigkeit, selbst ein lang andauerndes Geschlecht
zu stiften, dessen gefeierter Stammvater ich bin. Mein Bild habe ich
längst anfertigen lassen, sowie einen Stammbaum, an dessen Wurzel mein
Name steht. Aber ein hartnäckiger Unstern verfolgt mich! Schon habe ich
die dritte Frau und noch hat mir keine ein Mädchen, geschweige denn
einen Sohn und Stammhalter geschenkt. Die beiden früheren Weiber, von
denen ich mich scheiden ließ, haben seither mit andern Männern aus
Bosheit verschiedene Kinder gehabt, und die Gegenwärtige, welche ich
auch schon sieben Jahre besitze, würde es gewißlich gerade so machen,
wenn ich sie laufen ließe.
»Ihre Erscheinung, teurer Großneffe! hat mir nun eine Idee eingegeben,
diejenige einer künstlichen Nachhilfe, wie sie in der Geschichte, in
großen und kleinen Dynastien vielfach gebraucht wurde. Was sagen Sie
hiezu: Sie leben bei uns wie das Kind im Hause, ich setze Sie
gerichtlich zu meinem Erben ein! Dagegen haben Sie zu leisten: Sie
opfern äußerlich Ihre eigene Familienüberlieferung (sind Sie ja doch der
letzte Ihres Geschlechtes) und nehmen nach meinem Tode, das heißt bei
Antritt des Erbes, meinen Namen an! Ich verbreite unter der Hand das
Gerücht, daß Sie ein natürlicher Sohn von mir seien, die Frucht eines
tollen Jugendstreiches; Sie nehmen diese Auffassung an, widersprechen
ihr nicht! Vielleicht läßt sich in der Folge eine schriftliche
Kundgebung darüber aufsetzen, eine Memoire, ein kleiner Roman, eine
denkwürdige Liebesgeschichte, worin ich eine feurige, wenn auch
unbesonnene Figur mache, Unheil anrichte, das ich im Alter wieder gut
mache. Endlich verpflichten Sie sich, diejenige Gattin von meiner Hand
anzunehmen, die ich unter den angesehenen Töchtern der Stadt für Sie
aussuchen werde, zur weiteren Verfolgung meines Zieles. Das ist im
ganzen und im besondern mein Vorschlag!«
John war während dieser Rede abwechselnd rot und bleich geworden, aber
nicht aus Scham und Schreck, sondern vor Freude und Erstaunen über das
endlich eingetroffene Glück und über seine eigene Weisheit, welche
dasselbe herbeigeführt habe. Aber mit nichten ließ er sich davon
überrumpeln, sondern er tat, als ob er sich nur schwer entschließen
könnte wegen der Aufopferung seines ehrbaren Familiennamens und seiner
ehelichen Geburt. Er nahm sich eine Bedenkzeit von vierundzwanzig
Stunden, in höflichen und wohlgesetzten Worten, und fing darnach an, in
dem schönen Garten höchst nachdenklich auf und ab zu spazieren. Die
lieblichen Blumen, die Levkoyen, Nelken und Rosen, die Kaiserkronen und
Lilien, die Geranienbeete und Jasminlauben, die Myrten- und
Oleanderbäumchen, alle äugelten ihn höflich an und huldigten ihm als
ihrem Herrn.
Als er eine halbe Stunde lang den Duft und Sonnenschein, den Schatten
und die Frische des Brunnens genossen, ging er ernsthaft hinaus auf die
Straße, um die Ecke, und trat in einen Gebäckladen, wo er drei warme
Pastetchen samt zwei Spitzgläsern feinen Weines zu sich nahm. Hierauf
kehrte er in den Garten zurück und spazierte abermals eine halbe Stunde,
doch diesmal eine Zigarre dazu rauchend. Da entdeckte er ein Beet voll
kleiner, zarter Radieschen. Er zog ein Büschel davon aus der Erde,
reinigte sie am Brunnen, dessen steinerne Tritonen ihn mit den Augen
ergebenst anzwinkerten, und begab sich damit in ein kühles Bräuhaus, wo
er einen Krug schäumendes Bier dazu trank. Er unterhielt sich
vortrefflich mit den Bürgern und versuchte schon seinen Heimatdialekt in
das weichere Schwäbische umzuwandeln, da er voraussichtlich unter diesen
Leuten einen hervorragenden Mann abgeben würde.
Absichtlich versäumte er die Mittagsstunde und verspätete sich beim
Essen. Um dort eine kritische Appetitlosigkeit durchzuführen, aß er
vorher noch drei Münchner Weißwürste und trank einen zweiten Krug Bier,
der ihm noch besser schmeckte, als der erste. Endlich runzelte er doch
seine Stirn und begab sich mit derselben zum Essen, wo er die Suppe
anstarrte.
Das Männchen Litumlei, welches durch unerwartete Hindernisse einem
leidenschaftlichen Eigensinn zu verfallen pflegte und keinen Widerspruch
ertragen konnte, empfand schon zornige Angst, daß seine letzte Hoffnung,
ein Geschlecht zu gründen, zu Wasser werde, und beobachtete den
unbestechlichen Gast mit mißtrauischen Blicken. Endlich ertrug er die
Ungewißheit, ob er ein Stammvater sein solle oder keiner, nicht länger,
sondern forderte den Bedenkzeitler auf, jene vierundzwanzig Stunden
abzukürzen und seinen Entschluß sogleich zu fassen. Denn er fürchtete,
die strenge Tugend seines Vetters möchte mit jeder Stunde wachsen. Er
holte eigenhändig eine uralte Flasche Rheinwein aus dem Keller, von
welchem John noch keine Ahnung gehabt. Als die entfesselten
Sonnengeister unsichtbar über den Kristallgläsern dufteten, die gar
fein erklangen, und mit jedem Tropfen des flüssigen Goldes, das man auf
die Zunge brachte, schnell ein Blumengärtlein unter die Nase zu wachsen
schien, da erweichte endlich der rauhe Sinn John Kabyssens und er gab
sein Jawort. Schnell wurde der Notar geholt und bei einem herrlichen
Kaffee ein rechtsgültiges Testament aufgesetzt. Schließlich umarmten
sich der künstlich-natürliche Sohn und der geschlechtergründende
Erzvater; aber es war nicht wie eine warme Umarmung von Fleisch und
Blut, sondern weit feierlicher, eher wie das Zusammenstoßen von zwei
großen Grundsätzen, die auf ihren Wurfbahnen sich treffen.
Nun saß John im Glücke. Er hatte jetzt weiter nichts zu tun, als seiner
angenehmen Bestimmung inne zu sein, etwas rücksichtsvoll sich gegen
seinen Herrn Vater zu benehmen und ein reichliches Taschengeld auf die
Art zu verzehren, die ihm am meisten zusagte. Dies geschah alles auf die
anständigste und ruhigste Weise, und er kleidete sich dabei wie ein
Baron. Von Wertgegenständen brauchte er nicht einen einzigen mehr
anzuschaffen; es zeigte sich jetzt sein Genie, indem die vor Jahren
erworbenen auch jetzt noch gerade ausreichten und einem genau
entworfenen Schema glichen, welches durch die Fülle des Glückes nun
vollkommen gedeckt wurde. Die Schlacht von Waterloo blitzte und donnerte
auf einer zufriedenen Brust; Ketten und Klunkern schaukelten sich auf
einem wohlgefüllten Magen, durch die goldene Brille guckte ein
vergnügtes und stolzes Auge, der Stock zierte mehr einen klugen Mann,
als er ihn stützte, und die schöne Zigarrentasche war mit guten Stengeln
angefüllt, welche er aus dem Mazepparöhrchen mit Verstand rauchte. Das
wilde Pferd war schon glänzend braun, der Mazeppa darauf aber erst hell
rötlich, beinahe fleischfarbig, so daß das doppelte Kunstwerk des
Schnitzers und des Rauchers die rechte Bewunderung der Sachverständigen
erregte. Auch Papa Litumlei wurde höchlich davon eingenommen und lernte
bei seinem Pflegesöhnchen eifrig Meerschäume anrauchen. Es wurde eine
ganze Sammlung solcher Pfeifen angeschafft; doch der Alte war zu unruhig
und ungeduldig in der edlen Kunst. Der Junge mußte überall nachhelfen
und gut machen, was jenem wiederum Achtung und Zutrauen einflößte.
Jedoch fand sich bald eine noch wichtigere Tätigkeit für die beiden
Männer vor, als der Papa darauf drang, nun gemeinschaftlich jenen Roman
zu erfinden und aufzuschreiben, durch welchen John zu seinem natürlichen
Sohn erhoben wurde. Es sollte ein geheimes Familiendokument werden in
der Form fragmentarischer Denkwürdigkeiten. Um Eifersucht und Unruhe der
Frau Litumlei zu verhüten, mußte es in geheimen Sitzungen abgefaßt und
sollte ganz im stillen in das zu gründende Familienarchiv verschlossen
werden, um erst in künftigen Zeiten, wenn das Geschlecht in Blüte
stände, an das Tageslicht zu treten und von der Geschichte des
Litumleiblutes zu reden.
John hatte sich schon vorgenommen, nach dem Absterben des Alten sich
nicht schlechtweg Litumlei, sondern #Kabys de Litumley# zu nennen, da
er für seinen eigenen Namen, den er so zierlich geschmiedet, eine
verzeihliche Vorliebe hegte; ebenso nahm er sich vor, das zu errichtende
Schriftstück, wodurch er um seine eheliche Geburt und zu einer
liederlichen Mutter kommen sollte, dereinst ohne weiteres zu verbrennen.
Aber dennoch mußte er jetzt daran mitarbeiten, was eine leise Trübung
seines Wohlseins verursachte. Doch schickte er sich weislich in die
Sache und schloß sich eines Morgens mit dem Alten in einem Gartenzimmer
ein, um das Werk zu beginnen. Da saßen sie nun an einem Tische sich
gegenüber und entdeckten plötzlich, daß ihr Vorhaben schwieriger war,
als sie gedacht, indem keiner von ihnen je hundert Zeilen nacheinander
geschrieben hatte. Sie konnten durchaus keinen Anfang finden, und je
näher sie die Köpfe zusammensteckten, desto weniger wollte ihnen etwas
einfallen. Endlich besann sich der Sohn, daß sie eigentlich zuerst ein
Buch starkes und schönes Papier haben müßten, um ein dauerhaftes
Schriftstück zu errichten. Das leuchtete ein; sie machten sich sogleich
auf, ein solches zu kaufen, und durchstreiften einträchtig die Stadt.
Als sie gefunden, was sie suchten, rieten sie einander, da es ein warmer
Tag war, in ein Schenkhaus zu gehen und sich allda zu erfrischen und zu
sammeln. Vergnügt tranken sie mehrere Kännchen und aßen Nüsse, Brot,
Würstchen, bis John plötzlich sagte, er hätte jetzt den Anfang der
Geschichte erfunden und wolle stracks nach Hause laufen, um ihn
aufzuschreiben, damit er ihn nicht wieder verliere. »So lauf nur
schnell,« sagte der Alte, »ich will unterdessen hier die Fortsetzung
erfinden, ich merke, daß sie mir schon auf dem Weg ist!«
John eilte wirklich mit dem Buch Papier nach jenem Zimmer und schrieb:
»Es war im Jahr 17.., als es ein gesegnetes Jahr war. Der Eimer Wein
kostete sieben Gulden, der Eimer Apfelmost einen halben Gulden und die
Maß Kirschbranntwein vier Batzen. Ein zweipfündiges Weißbrot einen
Batzen, ein ditto Roggenbrot einen halben Batzen und ein Sack Erdäpfel
acht Batzen. Auch war das Heu gut geraten und der Scheffel Haber kostete
zwei Gulden. Auch waren die Erbsen und Bohnen gut geraten und der Flachs
und Hanf waren nicht gut geraten, dagegen wieder die Ölfrüchte und der
Talg oder Unschlitt, so daß alles in allem die merkwürdige Sachlage
stattfand, daß die bürgerliche Gesellschaft gut genährt und getränkt,
notdürftig gekleidet und wiederum wohl beleuchtet war. So ging das Jahr
ohne weiteres zu Ende, wo nun jedermann mit Recht neugierig war zu
erleben, wie sich das neue Jahr anlassen würde. Der Winter bezeigte sich
als ein gehöriger und regelrechter Winter, kalt und klar; eine warme
Schneedecke lag auf den Feldern und schützte die junge Saat. Aber
dennoch ereignete sich zuletzt etwas Seltsames. Es schneite, taute und
fror wieder während des Monats Hornung in so häufigem Wechsel, daß nicht
nur viele Menschen krank wurden, sondern auch eine solche Menge
Eiszapfen entstand, daß das ganze Land aussah wie ein großes Glasmagazin
und jedermann ein kleines Brett auf dem Kopfe trug, um von den fallenden
Spitzen nicht angestochen zu werden. Im übrigen behaupteten sich die
Preise der Lebensmittel noch immer, wie oben bemerkt und schwankten
endlich einem merkwürdigen Frühling entgegen.«
Hier kam der kleine Alte eifrig hergerannt, nahm den Bogen an sich, und
ohne das bisher Geschriebene zu lesen oder etwas zu sagen, schrieb er
weiter: »Nun kam Er und hieß Adam Litumlei. Er verstand keinen Spaß und
war geboren anno 17... Er kam dahergestürmt wie ein Frühlingswetter. Er
war einer von denjenigen. Er trug einen roten Sammetrock, einen Federhut
und einen Degen. Er trug eine goldene Weste mit dem Wahlspruch: Jugend
hat keine Tugend! Er trug goldene Sporen und ritt auf einem weißen
Hengst; er stellte denselben in den ersten Gasthof und rief: Ich kümmere
mich den Teufel darum, denn es ist Frühling und Jugend muß austoben! Er
zahlte alles bar und alles wunderte sich über ihn. Er trank den Wein, er
aß den Braten, er sagte: das taugt mir alles nichts! Ferner sagte er:
Komm, du holdes Liebchen, du taugst mir besser als Wein und Braten, als
Silber und Gold! Was kümmere ich mich darum? Denke was du willst, was
sein muß, muß sein!«
Hier blieb er plötzlich stecken und konnte durchaus nicht weiter. Sie
lasen zusammen das Geschriebene, fanden es nicht übel und sammelten sich
wieder während acht Tagen, wobei sie ein lockeres Leben führten; denn
sie gingen öfter ins Bierhaus, um einen neuen Anlauf zu gewinnen; allein
das Glück lachte nicht alle Tage. Endlich erwischte John wieder einen
Zipfel, lief nach Hause und fuhr fort: »Diese Worte richtete der junge
Litumlei nämlich an eine gewisse Jungfrau Liselein Federspiel, welche in
den äußersten Häusern der Stadt wohnte, wo die Gärten sind und bald ein
Wäldchen oder Hölzchen kommt. Diese war eine der reizendsten
Schönheiten, welche die Stadt je hervorgebracht hat, mit blauen Augen
und kleinen Füßen. Sie war so schön gewachsen, daß sie kein Korsett
brauchte und aus dieser Ersparnis, denn sie war arm, allmählich ein
violettes Seidenkleid kaufen konnte. Aber alles dies war verklärt durch
eine allgemeine Traurigkeit, welche nicht nur über die lieblichen
Gesichtszüge, sondern über die ganze Gliederharmonie des Fräulein
Federspiel zitterte, daß man in aller Windstille die wehmütigen Akkorde
einer Äolsharfe zu hören glaubte. Denn es war jetzt ein gar denkwürdiger
Maimonat angebrochen, in welchem sich alle vier Jahreszeiten
zusammenzudrängen schienen. Es gab im Anfang noch einen Schnee, daß die
Nachtigallen mit Schneeflocken auf dem Kopfe sangen, als ob sie weiße
Zipfelmützchen trügen; dann trat eine solche Wärme ein, daß die Kinder
im Freien badeten und die Kirschen reiften, und die Chronik bewahrt
davon den Reim auf:
Eis und Schnee,
Buben baden im See,
Reife Kirschen und blühender Wein
Mocht' alles in einem Maimond sein.
»Diese Naturerscheinungen machten die Menschen nachdenklich und wirkten
auf verschiedene Weise. Die Jungfer Liselein Federspiel, welche
besonders tiefsinnig war, grübelte auch nach und ward zum erstenmal
inne, daß sie ihr Wohl und Wehe, ihre Tugend und ihren Fall in der
eigenen Hand trage, und indem sie nun die Wage hielt und diese
verantwortliche Freiheit erwog, ward sie ebenso traurig darüber. Wie sie
nun dastand, kam jener verwegene Rotrock und sagte unverweilt:
Federspiel, ich liebe dich! Worüber sie durch eine sonderbare Fügung
plötzlich ihren vorigen Gedankengang änderte und in ein helles Gelächter
ausbrach.«
»Jetzt laß mich fortfahren!« rief der Alte, welcher erhitzt nachgelaufen
kam und dem Jungen über die Schulter las, »es paßt mir nun eben recht!«
und setzte die Geschichte fort: »Da ist nichts zu lachen! sagte jener,
denn ich verstehe keinen Spaß! Kurz, es kam, wie es kommen mußte; wo das
Wäldchen auf der Höhe stand, saß mein Federspiel im Grünen und lachte
noch immer; aber schon sprang der Ritter auf seinen Schimmel und flog so
schnell in die Ferne, daß er durch die platzgreifende Luftperspektive in
wenig Augenblicken ganz bläulich aussah. Er verschwand, kehrte nicht
mehr zurück; denn er war ein Teufelsbraten!«
»Ha, nun ist's geschehen!« schrie Litumlei und warf die Feder hin, »nun
habe ich das meinige getan, führe du nun den Schluß herbei, ich bin ganz
erschöpft von diesen höllischen Erfindungen! Beim Styx! Es nimmt mich
nicht wunder, daß man die Ahnherren großer Häuser so hoch hält und in
Lebensgröße malt, da ich spüre, welche Mühe mich die Gründung des
meinigen kostet! Aber habe ich das Ding nicht kühn behandelt?«
John schrieb nun weiter: »Die arme Jungfer Federspiel empfand eine große
Unzufriedenheit, als sie plötzlich vermerkte, daß der verführerische
Jüngling entschwunden war, fast gleichzeitig mit dem denkwürdigen
Maimonat. Doch hatte sie die Geistesgegenwart, schnell das Vorgefallene
in ihrem Innern für ungeschehen zu erklären, um so den früheren Zustand
einer gleichschwebenden Wage wieder herzustellen. Aber sie genoß dieses
Nachspiel der Unschuld nur kurze Zeit. Der Sommer kam, man schnitt das
Korn; es ward einem gelb vor den Augen, wohin man blickte, vor all' dem
goldenen Segen; die Preise gingen wieder bedeutend herunter, Liselein
Federspiel stand auf jenem Hügel und schaute allem zu; aber sie sah
nichts vor lauter Verdruß und Reue. Es kam der Herbst, jeder Weinstock
war ein fließender Brunnen, vom Fallen der Äpfel und Birnen trommelte es
fortwährend auf der Erde: man trank, man sang, kaufte und verkaufte.
Jeder versorgte sich, das ganze Land war ein Jahrmarkt, und so reichlich
und wohlfeil alles war, so wurde doch das Überflüssige noch gelobt und
gehätschelt und dankbar angenommen. Nur allein der Segen, den Liselein
brachte, sollte nichts gelten und keiner Nachfrage wert sein, als ob der
im Überfluß schwimmende Menschenhaufen nicht ein einziges Mäulchen mehr
brauchen könnte. Da hüllte sie sich in ihre Tugend und gebar, einen
Monat zu früh, ein munteres Knäblein, welches so recht darauf angewiesen
war, der Schmied seines eigenen Glückes zu werden.
»Dieser Sohn führte sich auch so wacker durch ein vielbewegtes Leben,
daß er, durch wunderbare Schicksale endlich mit seinem Vater vereinigt,
von demselben zu Ehren gezogen und in seine Rechte eingesetzt wurde, und
ist dies der zweite bekannte Stammherr des Geschlechtes der Litumlei.«
Unter dieses Dokument schrieb der Alte: »Eingesehen und bestätigt,
Johann Polykarpus Adam Litumlei.« Und John unterschrieb ebenfalls. Dann
drückte Herr Litumlei noch sein Siegel bei, dessen Wappenschild drei
halbe goldene Fischangeln im blauen Felde und sieben weiß und rot
quadrierte Bachstelzen auf einem schräglaufenden grünen Balken zeigte.
Sie wunderten sich aber, daß das Schriftstück nicht größer geworden;
denn sie hatten kaum einen Bogen von dem Buch Papier beschrieben.
Nichtsdestoweniger legten sie es in das Archiv, wozu sie einstweilen
eine alte eiserne Kiste bestimmten, und waren zufrieden und guter Dinge.
Unter solchen und anderen Beschäftigungen verging die Zeit auf das
angenehmste; es wurde dem glückhaften John beinahe unheimlich, daß es
auch gar nichts mehr zu hoffen und zu fürchten, zu schmieden und zu
spekulieren gab. Indem er sich so nach neuer Tätigkeit umsah, wollte es
ihn bedünken, daß die Gemahlin des Hausherrn ein etwas unzufriedenes und
verdächtiges Gesicht gegen ihn zeige; es dünkte ihn nur, bestimmt konnte
er es nicht behaupten. Er hatte diese Frau, welche fast immer schlief,
oder wenn sie wachte, etwas Gutes aß, über seinen anderweitigen
Bestrebungen wenig beachtet, da sie sich in nichts mischte und mit allem
zufrieden schien, wenn ihre Ruhe nicht gestört wurde. Jetzt fürchtete er
plötzlich, sie könnte ihm irgend eine nachteilige Wandlung der Dinge
bereiten, ihren Mann umstimmen und dergleichen.
Er legte den Finger an die Nase und sagte: »Halt! Hier dürfte es
geraten sein, dem Werke noch die letzte Feile zu geben! Wie konnte ich
nur diese wichtige Partie so lange aus den Augen setzen! Gut ist gut,
aber besser ist besser!«
Der Alte war eben fort, um im stillen an der Ausmittelung einer
zweckmäßigen Gattin für seinen Stammhalter tätig zu sein, wovon er
selbst diesem nichts verriet. John beschloß unverweilt, sich zu der Dame
zu begeben mit der unbestimmten Vorstellung, ihr auf irgend eine Weise
den Hof zu machen, und sich bei ihr einzuschmeicheln, um das Versäumte
nachzuholen. Er säuselte ehrbarlich die Treppe hinunter bis zu dem
Gemach, wo sie sich aufzuhalten pflegte, und fand wie gewöhnlich die
Türe halb offen stehen; denn sie war bei aller Trägheit neugierig und
liebte, immer gleich zu hören, was vorging.
Er trat vorsichtig hinein und sah sie wieder schlummernd daliegen, ein
halb aufgegessenes Himbeertörtchen in der Hand. Ohne recht zu wissen,
was eigentlich beginnen, ging er endlich auf den Zehen hin, ergriff ihre
runde Hand und küßte sie ehrerbietig. Sie regte sich nicht im mindesten;
doch öffnete sie die Augen zur Hälfte und sah ihn, ohne den Mund zu
verziehen, mit einem höchst seltsamen Blick an, so lang er dastand.
Verblüfft und stotternd zog er sich endlich zurück und lief in sein
Zimmer. Dort setzte er sich in eine Ecke, jenen Blick aus schmaler
Augenzwinkerung immer vor sich. Er eilte wieder hinunter, die Frau
verhielt sich unbeweglich wie vorhin, und wie er näher trat, taten sich
die Augen wieder halb auf. Wiederum zog er sich zurück, wiederum saß er
in der Ecke seiner Kammer, zum drittenmal fuhr er in die Höhe, stieg die
Treppe hinunter, huschte hinein und blieb nun dort, bis der Patriarch
nach Hause kehrte.
Es verging nun kaum ein Tag, wo die zwei Leute sich nicht zusammenzutun
und den Alten zu hintergehen wußten, daß es eine Art hatte. Die
schläfrige Frau wurde auf einmal munter in ihrer Weise; John aber ergab
sich dem leidenschaftlichsten Undank gegen seinen Wohltäter, immer in
der Absicht, seine Stellung zu befestigen und das Glück recht an die
Wand zu nageln.
Beide Sünder taten indessen nur umso freundlicher und ergebener gegen
den betrogenen Litumlei, der dabei sich ganz behaglich fühlte und sein
Haus auf das beste bestellt zu haben glaubte, so daß man nicht
unterscheiden konnte, welcher von beiden Herren mehr mit sich zufrieden
war. Eines Morgens schien jedoch der Alte den Sieg davonzutragen infolge
einer vertraulichen Unterredung, welche seine Frau mit ihm gepflogen;
denn er ging ganz sonderbar herum, stand keinen Augenblick still und
suchte fortwährend allerlei Sätzchen zu pfeifen, was aber wegen Mangels
an Zähnen nicht gelang. Er schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein über
Nacht, kurz, er war der Inbegriff der Selbstzufriedenheit. Aber
denselben Tag noch neigte sich der Sieg wieder auf die Seite des
Jüngeren, als ihn der Alte unversehens frug, ob er nicht Lust habe, eine
tüchtige Reise zu machen, um auch noch die Welt ein wenig kennen zu
lernen und besonders auch, indem er sich selber bilde, die verschiedenen
Arten der Jugenderziehung in den Ländern in Betracht zu nehmen und sich
über die diesfalls herrschenden Grundsätze zu unterrichten, namentlich
mit Bezug auf die vornehmeren Stände?
Nichts konnte ihm willkommener sein, als solch herrlicher Antrag, und
freudig genehmigte er denselben. Er wurde schnell für die Reise
ausgerüstet und mit Wechseln versehen, und er fuhr in höchster Gloria
davon. Zuerst bereiste er Wien, Dresden, Berlin und Hamburg; dann wagte
er sich nach Paris, und überall führte er ein prächtiges und weises
Leben. Er patrouillierte alle Vergnügungsorte, Sommertheater und
Spektakelplätze ab, lief durch die Raritätenkammern der Schlösser und
stand allmittags in der Sonnenhitze auf den Paradeplätzen, um die Musik
zu hören und die Offiziere anzugaffen, eh' er zur Tafel ging. Wenn er
all die Herrlichkeiten unter tausend anderen Menschen mit ansah, so
wurde er ganz stolz und schrieb sich von allem Glanz und Getön das
alleinige Verdienst zu, jeden für einen unwissenden Tropf haltend, der
nicht dabei war. Mit dem behenden Genießen verband er aber die größte
Weisheit, um seinem Wohltäter zu zeigen, daß er keinen Hasen auf Reisen
geschickt habe. Keinem Bettler gab er etwas, keinem armen Kinde kaufte
er je etwas ab, den Dienstbaren in den Gasthäusern wußte er beharrlich
mit dem Trinkgelde durchzugehen, ohne Schaden zu leiden, und um jeden
Dienst feilschte er lange, ehe er ihn annahm. Am meisten Spaß machte ihm
das Vexieren und Foppen der verlorenen Wesen, mit denen er sich im
Vereine mit zwei oder drei Gleichgesinnten auf den öffentlichen Bällen
unterhielt. Mit einem Wort: er lebte so sicher und vergnügt, wie ein
alter Weinreisender.
Zum Schlusse konnte er sich nicht versagen, einen Abstecher nach seiner
Heimat Seldwyla zu machen. Dort logierte er im ersten Gasthof, saß
geheimnisvoll und einsilbig an der Mittagstafel und ließ seine Mitbürger
sich die Köpfe darüber zerbrechen, was aus ihm geworden sei. Sie waren
überzeugt, daß nicht viel hinter der Sache stecke, und doch lebte er zur
Zeit unzweifelhaft im Wohlstand, so daß sie einstweilen ihren Spott
zurückhielten und mit krausen Nasenflügeln nach dem Golde blinzelten,
das er sehen ließ. Er aber regalierte sie nicht mit einer einzigen
Flasche Wein, obgleich er vor ihren Augen vom besten trank und sann,
wie er ihnen noch weiteres antun könne.
Da gedachte er, am Ende seiner Reise, plötzlich des Auftrages, der ihm
zur Erforschung des Erziehungswesens in den durchreisten Ländern
geworden, um die Grundsätze festzustellen, nach welchen die Kinder des
von Litumlei gegründeten und von Kabys fortzupflanzenden Geschlechtes
erzogen werden sollten. Diese Aufgabe in Seldwyla zu lösen, kam ihm nun
trefflich zu statten, da er in den Mantel einer höheren Mission gehüllt,
als eine Art Edukationsrat auftreten und die Seldwyler noch mehr foppen
konnte. Er kam auch gerade vor die rechte Schmiede. Denn seit einiger
Zeit schon waren sie auf einen herrlichen Erwerbszweig geraten, indem
sie alle ihre Mädchen zu Erzieherinnen machten und versandten. Kluge und
unkluge, gesunde und kränkliche Kinder wurden in dieser Weise zubereitet
in eigenen Anstalten und für alle Bedürfnisse. Wie man Forellen
verschiedentlich behandelt, sie blau absiedet oder bäckt oder spickt und
so weiter, so wurden die guten Mädchen entweder mehr positiv christlich
oder mehr weltlich, mehr für die Sprachen oder mehr für die Musik, für
vornehme Häuser oder für mehr bürgerliche Familien zugerichtet, je nach
der Weltgegend, für welche sie bestimmt waren und von wo die Nachfrage
kam. Das Seltsame dabei war, daß die Seldwyler für alle diese
verschiedenen Zweckbestimmungen sich vollkommen neutral und gleichgültig
verhielten und auch von den betreffenden Lebenskreisen durchaus keine
Kenntnis besaßen, und der gute Absatz ließ sich nur dadurch erklären,
daß die Abnehmer des Exportartikels ebenso gleichgültig und kenntnislos
waren. Ein Seldwyler, der den unversöhnlichsten Kirchenfeind spielte,
konnte seine nach England bestimmten Kinder auf Gebet und
Sonntagsheiligung einüben lassen; ein anderer, der in öffentlichen
Reden von der edlen Stauffacherin, der Zierde des freien Schweizerhauses
schwärmte, hatte seine fünf oder sechs Töchter nach den russischen
Steppen oder in andere unwirtliche Gegenden verbannt, wo sie in ferner
Trostlosigkeit schmachteten.
Die Hauptsache war, daß die wackeren Bürger die armen Wesen so bald als
möglich mit einem Reisepaß und Regenschirm versehen hinausjagen und mit
dem heimgesandten Erwerbe derselben sich gütlich tun konnten.
Aus alledem war aber bald eine gewisse Überlieferung und
Geschicklichkeit für die äußerliche Zurichtung der Mädchen entstanden
und John Kabys hatte vollauf zu tun, die kuriosen Grundsätze, die hierin
walteten, mit noch kurioserer Auffassungsgabe einzusammeln und sich zu
notieren. Er ging in den verschiedenen Fabriklein herum, wo die Mädchen
zubereitet wurden, befragte Vorsteherinnen und Lehrer und suchte sich
vorzüglich ein Bild davon zu entwerfen, wie die Erziehung eines
Knäbchens in einem großen Hause von Anfang an standesmäßig betrieben
würde und zwar so recht auf Kosten der hiefür bezahlten Leute und ohne
Mühsal noch Verdruß der Eltern.
Hierüber fertigte er ein merkwürdiges Memorandum an, welches in einigen
Tagen, dank seinen fleißigen Notizen, zu mehreren Bogen anschwoll, und
mit dem er sich Aufsehen erregend beschäftigte. Er verwahrte die Schrift
zusammengerollt in einer runden Blechkapsel und trug dieselbe an einem
Lederriemchen beständig an der Hüfte. Als aber die Seldwyler das
bemerkten, glaubten sie, er sei abgesandt, ihnen das Geheimnis ihrer
Industrie abzustehlen und in das Ausland zu verpflanzen. Sie erbosten
sich über ihn und trieben ihn drohend und scheltend davon.
Erfreut, daß er sie habe ärgern können, reiste er ab und langte endlich
in Augsburg an, gesund und fröhlich, wie ein junger Hecht. Er trat
wohlgemut ins Haus und fand dasselbe ebenso froh belebt. Eine muntere
schöne Landfrau mit hohem Busen war das erste, was er antraf; sie trug
eine Schüssel mit warmem Wasser und er hielt sie für eine neue Köchin
und betrachtete sie vorläufig nicht ohne Wohlgefallen. Doch drängte es
ihn, die Hausfrau schnell zu begrüßen; allein sie war nicht zu sprechen
und lag im Bett, obgleich das Haus von einem seltsamen Geräusch
widerhallte. Dieses rührte vom alten Litumlei her, welcher herumrannte,
sang, rief, lachte und krakeelte und endlich zum Vorschein kam, blasend,
pustend, die Augen rollend und ganz rot vor Freude, Stolz und Hochmut.
Ausgelassen und würdeatmend zugleich hieß er seinen Günstling willkommen
und eilte wieder davon, um etwas anderes zu verrichten; denn er schien
alle Hände voll zu tun zu haben.
Zwischendurch ließ sich von einer Gegend her wiederholt ein gedämpftes
Quieken vernehmen, wie von einem Kreuzertrompetchen; die vollbusige
Bäuerin ging wieder über die Szene mit einer Handvoll weißer Tüchelchen
und rief aus ihrer weißen Kehle: »Gleich, mein Schätzchen! gleich, mein
Bübchen!«
»Daß dich!« sagte John, »was ist das für ein leckerer Bissen!«
Aber er horchte wieder auf jenes Quieken, das sich fort und fort
vernehmen ließ.
»Nun?« rief Litumlei, der wieder hergeträppelt kam, »singt der Vogel
nicht schön? Was sagst du dazu, mein Bursche?«
»Welcher Vogel?« fragte John.
»Ei, Herr Jesus! Du weißt am Ende noch gar nichts?« rief der Alte; »ein
Sohn ist uns allendlich geboren, ein Stammhalter, so munter wie ein
Ferkel, liegt uns in der Wiege! Alle meine Wünsche, meine alten Pläne
sind erfüllt!«
Der Schmied seines Glückes stand wie eine Bildsäule, ohne jedoch die
Folgen des Ereignisses schon zu übersehen, so einfach sie auch sein
mochten; er fühlte nur, daß es ihm höchst widerstrebend zu Mute war,
machte ganz runde Augen und spitzte den Mund, wie wenn er einen Igel
küssen müßte.
»Nun,« fuhr der vergnügte Alte fort, »sei nur nicht zu verdrießlich!
Etwas verändert wird allerdings unser Verhältnis, habe auch bereits das
Testament umgestoßen und verbrannt, sowie jenen lustigen Roman, dessen
wir nun nicht mehr bedürfen! Du aber bleibst im Hause, du sollst bei der
Erziehung meines Sohnes die Oberleitung übernehmen, du sollst mein Rat
sein und mein Helfer in allen Dingen, und es soll dir nichts abgehen, so
lang ich lebe. Nun ruh dich aus, ich muß dem kleinen Kreuzkerl einen
rechten Namen zusammensuchen! Schon dreimal hab' ich den Kalender
durchgesehen, will jetzt noch eine alte Chronik durchstöbern, dort
gibt's so alte Stammbäume mit ganz merkwürdigen Taufnamen!«
John begab sich endlich auf sein Zimmer und setzte sich in jene Ecke;
die Blechkapsel mit der Erziehungsdenkschrift hatte er noch umhängen und
er hielt sie unbewußt zwischen den Knieen. Er sah die Sachlage ein, er
verwünschte die böse Frau, welche ihm diesen Streich gespielt und einen
Erben untergeschoben; er verwünschte den Alten, der da glaubte, er hätte
einen rechtmäßigen Sohn; nur sich selbst verwünschte er nicht, der doch
der wirkliche und alleinige Urheber des kleinen Schreiers war und sich
so selbst enterbt hatte. Er zappelte in einem unzerreißlichen Netze,
rannte aber wieder nach dem Alten, um ihm törichterweise die Augen zu
öffnen.
»Glauben Sie denn wirklich,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihm, »daß
das Kind das Ihrige sei?«
»Wie, was?« sagte Herr Litumlei und sah von seiner Chronik auf.
John fuhr fort, in abgebrochenen Redensarten ihm zu verstehen zu geben,
daß er selbst ja nie im stande gewesen sei, Vater zu werden, daß seine
Frau wahrscheinlich sich eine Untreue habe zu Schulden kommen lassen und
so fort.
Sobald ihn das kleine Männchen ganz verstand, fuhr es wie besessen in
die Höhe, stampfte auf den Boden, schnaubte und schrie endlich: »Aus den
Augen mir, undankbares Scheusal, verleumderischer Schuft! Warum sollte
ich nicht im stande sein, einen Sohn zu haben? Sprich, Elender! Ist das
der Dank für meine Wohltaten, daß du die Ehre meines Weibes und meine
eigene Ehre begeiferst mit deiner niederträchtigen Zunge? Welch ein
Glück, daß ich noch rechtzeitig erkenne, welch eine Schlange ich an
meinem Busen genährt habe! Wie werden doch solche große Stammhäuser
gleich in der Wiege schon vom Neid und von der Selbstsucht attackiert!
Fort! aus dem Hause mit dir von Stund' an!«
Er lief zitternd vor Wut nach seinem Schreibtische, nahm eine Handvoll
Goldstücke, wickelte sie in ein Papier und warf es dem Unglücklichen vor
die Füße.
»Hier ist noch ein Zehrpfennig und damit fort auf immer!« Hiemit
entfernte er sich, immer zischend wie eine Schlange.
John hob das Päcklein auf, ging aber nicht aus dem Hause, sondern
schlich auf seine Kammer, mehr tot als lebendig, zog sich aus bis auf
das Hemd, obschon es noch nicht Abend war, und legte sich ins Bett,
schlotternd und erbärmlich stöhnend. In allem Jammer zählte er, da er
keinen Schlaf finden konnte, das erhaltene Geld und das, welches er auf
der Reise in oben beschriebener Weise erspart. »Unnütz!« sagte er, »ich
denke nicht daran fortzugehen, ich will und muß hier bleiben!«
Da klopften zwei Polizeimänner an die Türe, traten herein und hießen ihn
aufstehen und sich anziehen. Voll Angst und Schrecken tat er es; sie
befahlen ihm, seine Sachen zusammenzupacken; es war aber alles noch auf
das schönste beisammen, da er seine Reisekoffer noch gar nicht geöffnet
hatte. Darauf führten sie ihn aus dem Hause; ein Knecht trug die Sachen
nach, setzte sie auf die Straße und schloß die Türe vor seiner Nase zu.
Hierauf lasen ihm die Männer von einem Papier ein Verbot vor, bei Strafe
nicht mehr das Haus zu betreten. Dann gingen sie fort; er aber blickte
nochmals an das Haus seines verlorenen Glückes hinauf, als eben einer
der hohen Fensterflügel sich ein wenig öffnete, jene hübsche Amme eine
in ländlicher Weise dort getrocknete Windel hereinlangte und
gleichzeitig das Stimmchen des Kindes sich wieder vernehmen ließ.
Da floh er endlich mit seiner Habe in einen Gasthof, zog sich dort
wiederum aus und legte sich nun ungestört ins Bett.
Am andern Tage lief er aus Verzweiflung noch zu einem Advokaten, um zu
erfahren, ob denn gar nichts mehr zu machen sei? Sobald der aber seine
Rede halb angehört, rief er zornig: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie
Esel, mit Ihrer einfältigen Erbschleicherei, oder ich lasse Sie
verhaften!«
Ganz verstürmt reiste er allendlich nach seinem guten Seldwyla, wo er
erst vor einigen Tagen gewesen war. Er setzte sich wieder in den Gasthof
und zehrte einige Zeit nachdenklich von seiner Barschaft, und je mehr
sie sich verminderte, desto kleinlauter wurde er. Humoristisch
gesellten sich die Seldwyler zu ihm, und als sie, da er nun zugänglicher
geworden, sein Schicksal so ziemlich erforscht hatten und ihn im Besitze
seines abnehmenden kleinen Vermögens sahen, verkauften sie ihm eine
kleine alte Nagelschmiede vor dem Tore, die gerade feil stand und, wie
sie sagten, ihren Mann nährte. Er mußte aber, um den Kaufschilling voll
zu machen, alle seine Attribute und Kleinode veräußern, was er umso
leichter tat, als er nun keine Hoffnung mehr auf diese Dinge setzte; sie
hatten ihn ja immer betrogen und er mochte nicht mehr um sie Sorge
tragen.
Mit der Nagelschmiede, in der zwei oder drei Arten einfacher Nägel
gemacht wurden, ging ein alter Geselle in den Kauf, von dem der neue
Inhaber die Hantierung selbst ohne viel Mühe erlernte und dabei noch ein
wackerer Nagelschmied wurde, der erst in leidlicher, dann in ganzer
Zufriedenheit so dahin hämmerte, als er das Glück einfacher und
unverdrossener Arbeit spät kennen lernte, das ihn wahrhaft aller Sorge
enthob und von seinen schlimmen Leidenschaften reinigte.
Dankbarlich ließ er schöne Kürbisstauden und Winden an dem niedrigen
schwärzlichen Häuschen emporranken, das außerdem von einem großen
Holunderbaum überschattet war und dessen Esse immer ein freundliches
Feuerlein hegte.
Nur in stillen Nächten bedachte er etwa noch sein Schicksal, und einige
Mal, wenn der Jahrestag wiederkehrte, wo er die Dame Litumlei bei dem
Himbeertörtchen gefunden hatte, stieß der Schmied seines Glückes den
Kopf gegen die Esse, aus Reue über die unzweckmäßige Nachhilfe, welche
er seinem Glück hatte geben wollen.
Allein auch diese Anwandlungen verloren sich allmählich, je besser die
Nägel gerieten, welche er schmiedete.
Die mißbrauchten Liebesbriefe
Viktor Störteler, von den Seldwylern nur Viggi Störteler genannt, lebte
in behaglichen und ordentlichen Umständen, da er ein einträgliches
Speditions- und Warengeschäft betrieb und ein hübsches, gesundes und
gutmütiges Weibchen besaß. Dieses hatte ihm außer der sehr angenehmen
Person ein ziemliches Vermögen gebracht, welches Gritli von auswärts
zugefallen war, und sie lebte zutulich und still bei ihrem Manne. Ihr
Geld aber war ihm sehr förderlich zur Ausbreitung seiner Geschäfte,
welchen er mit Fleiß und Umsicht oblag, daß sie trefflich gediehen.
Hierbei schützte ihn eine Eigenschaft, welche, sonst nicht landesüblich,
ihm einstweilen wohl zu statten kam. Er hatte seine Lehrzeit und einige
Jahre darüber nämlich in einer größeren Stadt bestanden und war dort
Mitglied eines Vereines junger Kontoristen gewesen, welcher sich
wissenschaftliche und ästhetische Ausbildung zur Aufgabe gestellt hatte.
Da die jungen Leute ganz sich selbst überlassen waren, so übernahmen sie
sich und machten allerhand Dummheiten. Sie lasen die schwersten Bücher
und führten eine verworrene Unterhaltung darüber; sie spielten aus ihrem
Theater den Faust und den Wallenstein, den Hamlet, den Lear und den
Nathan; sie machten schwierige Konzerte und lasen sich schreckbare
Aufsätze vor, kurz, es gab nichts, an das sie sich nicht wagten.
Hiervon brachte Viggi Störteler die Liebe für Bildung und Belesenheit
nach Seldwyla zurück; vermöge dieser Neigung aber fühlte er sich zu
gut, die Sitten und Gebräuche seiner Mitbürger zu teilen; vielmehr
schaffte er sich Bücher an, abonnierte in allen Leihbibliotheken und
Lesezirkeln der Hauptstadt, hielt sich die »Gartenlaube« und
unterschrieb auf alles, was in Lieferungen erschien, da hier ein
fortlaufendes, schön verteiltes Studium geboten wurde. Damit hielt er
sich in seiner Häuslichkeit und zugleich seine Umstände vor Schaden
bewahrt. Wenn er seine Tagesgeschäfte munter und vorsichtig
durchgeführt, so zündete er seine Pfeife an, verlängerte die Nase und
setzte sich hinter seinen Lesestoff, in welchem er mit großer
Gewandtheit herumfuhr. Aber er ging noch weiter. Bald schrieb er
verschiedene Abhandlungen, welche er seiner Gattin als »Essays«
bezeichnete, und er sagte öfter, er glaube, er sei seiner Anlage nach
ein Essayist. Als jedoch seine Essays von den Zeitschriften, an welche
er sie sandte, nicht abgedruckt wurden, begann er Novellen zu schreiben,
die er unter dem Namen »Kurt vom Walde« nach allen möglichen
Sonntagsblättchen instradierte. Hier ging es ihm besser, die Sachen
erschienen wirklich feierlich unter dem herrlichen Schriftstellernamen
in den verschiedensten Gegenden des Deutschen Reiches, und bald begann
hier ein Roderich vom Tale, dort ein Hugo von der Insel und wieder dort
ein Gänserich von der Wiese einen stechenden Schmerz zu empfinden über
den neuen Eindringling. Auch konkurrierte er heimlich bei allen
ausgeschriebenen Preisnovellen und vermehrte hierdurch nicht wenig die
angenehme Bewegtheit seines eingezogenen Lebens. Neuen Aufschwung gewann
er stets auf seinen kürzeren oder längeren Geschäftsreisen, wo er dann
in den Gasthöfen manchen Gesinnungsverwandten traf, mit dem sich ein
gebildetes Wort sprechen ließ; auch der Besuch der befreundeten
Redaktionsstübchen in den verschiedenen Provinzen gewährte neben den
Handelsgeschäften eine gebildete Erholung, obgleich diese hier und da
eine Flasche Wein kostete.
Ein Haupterlebnis feierte er eines Tages an der abendlichen Wirtstafel
in einer mittleren deutschen Stadt, an welcher nebst einigen alten
Stammgästen des Ortes mehrere junge Reisende saßen. Die würdigen alten
Herren mit weißen Haaren führten ein gemächliches Gespräch über allerlei
Schreiberei, sprachen von Cervantes, von Rabelais, Sterne und Jean Paul,
sowie von Goethe und Tieck, und priesen den Reiz, welchen das Verfolgen
der Kompositionsgeheimnisse und des Stiles gewähre, ohne daß die Freude
an dem Vorgetragenen selbst beeinträchtigt werde. Sie stellten
einläßliche Vergleichungen an und suchten den roten Faden, der durch
all' dergleichen hindurchgehe; bald lachten sie einträchtig über irgend
eine Erinnerung, bald erfreuten sie sich mit ernstem Gesicht über eine
neu gefundene Schönheit, alles ohne Geräusch und Erhitzung, und endlich,
nachdem der eine seinen Tee ausgetrunken, der andere sein Schöppchen
geleert, klopften sie die langen Tonpfeifen aus und begaben sich auf
etwas gichtischen Füßen zu ihrer Nachtruhe. Nur einer setzte sich
unbeachtet in eine Ecke, um noch die Zeitung zu lesen und ein Glas
Punsch zu trinken.
Nun aber entwickelte sich unter den jüngeren Gästen, welche bislang
horchend dagesessen hatten, das Gespräch. Einer fing an mit einer
spöttischen Bemerkung über die altväterische Unterhaltung dieser Alten,
welche gewiß vor vierzig Jahren einmal die Schöngeister dieses Nestes
gespielt hätten. Diese Bemerkung wurde lebhaft aufgenommen, und indem
ein Wort das andere gab, entwickelte sich abermals ein Gespräch
belletristischer Natur, aber von ganz andrer Art. Von den verjährten
Gegenständen jener Alten wußten sie nicht viel zu berichten, als das
und jenes vergriffene Schlagwort aus schlechten Literargeschichten;
dagegen entwickelte sich die ausgebreitetste und genaueste Kenntnis in
den täglich auftauchenden Erscheinungen leichterer Art und aller der
Personen und Persönchen, welche sich auf den tausend grauen Blättern
stündlich unter wunderbaren Namen herumtummeln. Es zeigte sich bald, daß
dies nicht solche Ignoranten von alten Gerichtsräten und
Privatgelehrten, sondern Leute vom Handwerk waren. Denn es dauerte nicht
lange, so hörte man nur noch die Worte Honorar, Verleger, Clique,
Koterie und was noch mehr den Zorn solchen Volkes reizt und seine
Phantasie beschäftigt. Schon tönte und schwirrte es, als ob zwanzig
Personen sprächen, die tückischen Äuglein blinkerten und eine allgemeine
glorreiche Erkennung konnte nicht länger ausbleiben. Da entlarvte sich
dieser als Guido von Strahlheim, jener als Oskar Nordstern, ein dritter
als Kunibert vom Meere. Da zögerte auch Viggi nicht länger, der bisher
wenig gesprochen, und wußte es mit einiger Schüchternheit einzuleiten,
daß er als Kurt vom Walde erkannt wurde. Er war von allen gekannt, sowie
er ebenso alle kannte, denn diese Herren, welche ein gutes Buch
jahrzehntelang ungelesen ließen, verschlangen alles, was von
ihresgleichen kam, auf der Stelle, es in allen Kaffeebuden
zusammensuchend, und zwar nicht aus Teilnahme, sondern aus einer
sonderbaren Wachsamkeit.
Sie sind Kurt vom Walde? hieß es dröhnend, ha! willkommen! Und nun
wurden mehrere Flaschen eines unechten wohlfeilen und sauren Weines
bestellt, der billigste unter Siegel, der im Hause war, und es hob erst
ein energisches Leben an. Nun galt es zu zeigen, daß man Haare auf den
Zähnen habe! Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in
diesem Augenblicke Hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den
Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das gründlichste demoliert;
jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihrem Tun und Lassen haben,
keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der
Refrain bei jedem war schließlich ein trocken sein sollendes: Er ist
übrigens Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hieß: Ja, er soll ein
Jude sein!
Viggi Störteler rieb sich entzückt die Hände und dachte: »Da bist du
einmal vor die rechte Mühle gekommen! Ein Schriftsteller unter
Schriftstellern! Ei! was das für geriebene Geister sind! Welches
Verständnis und welch sittlicher Zorn!«
In dieser Nacht und bei diesem Schwefelwein ward nun, um der schlechten
Welt vom Amte zu helfen und ein neues Morgenrot herbeizuführen, die
förmliche und feierliche Stiftung einer »neuen Sturm- und Drangperiode«
beschlossen, und zwar mit planvoller Absicht und Ausführung, um
diejenige Gärung künstlich zu erzeugen, aus welcher allein die Klassiker
der neuen Zeit hervorgehen würden.
Als sie jedoch diese gewaltige Abrede getroffen, konnten sie nicht
weiter, sondern senkten alsbald ihre Häupter und mußten das Lager
suchen; denn diese Propheten ertrugen nicht einmal guten, geschweige
denn schlechten Wein und büßten jede kleine Ausschreitung mit großer
Abschwächung und Übelkeit.
Als sie abgezogen waren, fragte der alte Herr, welcher zurückgeblieben
war und sich höchlich an dem Treiben ergötzt hatte, den Kellner, was das
für Leute wären? »Zwei davon,« sagte dieser, »sind Geschäftsreisende,
ein Herr Störteler und ein Herr Huberl; der dritte heißt Herr Stralauer,
doch nur den vierten kenn' ich näher, der nennt sich Doktor Mewes und
hat sich vergangenen Winter einige Wochen hier aufgehalten. Er gab im
Tanzsaal beim Blauen Hecht, wo ich damals war, Vorlesungen über deutsche
Literatur, welche er wörtlich abschrieb aus einem Buche. Dasselbe mußte
aus irgend einer Bibliothek gestohlen worden sein, dem Einbande nach zu
urteilen, und war ganz voll Eselsohren, Tinten- und Ölflecke. Außer
diesem Buche besaß er noch einen zerzausten Leitfaden zur französischen
Konversation und ein Kartenspiel mit obszönen Bildern darin, wenn man es
gegen das Licht hielt. Er pflegte jenes Buch im Bett auszuschreiben, um
die Heizung zu sparen; da verschüttete er schließlich das Tintenfaß über
Steppdecke und Leintuch, und als man ihm eine billige Entschädigung in
die Rechnung setzte, drohte er, den Blauen Hecht in seinen Schriften und
'Feuilletons' in Verruf zu bringen. Da er sonst allerlei häßliche
Gewohnheiten an sich hatte, wurde er endlich aus dem Hause getan. Er
schreibt übrigens unter dem Namen Kunibert vom Meere allerhand süßliche
und nachgeahmte Sachen.«
»Was Teufel!« sagte der Alte, »Ihr wißt ja wie ein Mann vom Handwerk
über diese Dinge zu reden, Meister Georg!« Der Kellner errötete, stockte
ein wenig und sagte dann: »Ich will nur gestehen, daß ich selbst
anderthalb Jahre Schriftsteller gewesen bin!« -- »Ei der Tausend!« rief
der Alte, »und was habt Ihr denn geschrieben?« -- »Das weiß ich kaum
gründlich zu berichten,« fuhr jener fort, »ich war Aufwärter in einem
Kaffeehaus, wo sich eine Anzahl Leute von der Gattung unserer heutigen
Gäste beinahe den ganzen Tag aufhielt. Das lag herum, flanierte,
räsonierte, durchstöberte die Zeitungen, ärgerte sich über fremdes
Glück, freute sich über fremdes Unglück und lief gelegentlich nach
Hause, um im größten Leichtsinn schnell ein Dutzend Seiten zu schmieren;
denn da man nichts gelernt hatte, so besaß man auch keinen Begriff von
irgend einer Verantwortlichkeit. Ich wurde bald ein Vertrauter dieser
Herren, ihr Leben schien mir meiner dienstbaren Stellung weit
vorzuziehen und ich wurde ebenfalls ein Schriftsteller. Auf meiner
Schlafkammer verbarg ich einen Pack zerlesene Nummern von französischen
Zeitungen, die ich in den verschiedenen Wirtschaften gesammelt, wo ich
früher gedient hatte, ursprünglich, um mich darin ein wenig in die
Sprache hineinzubuchstabieren, wie es einem jungen Kellner geziemt. Aus
diesen verschollenen Blättern übersetzte ich einen Mischmasch von
Geschichtchen und Geschwätz aller Art, auch über Persönlichkeiten, die
ich nicht im mindesten kannte. Aus Unkenntnis der deutschen Sprache
behielt ich nicht nur öfter die französische Wort- und Satzstellung,
sondern auch alle möglichen Gallizismen bei, und die Salbadereien,
welche ich aus meinem eigenen Gehirne hinzufügte, schrieb ich dann
ebenfalls in diesem Kauderwelsch, welches ich für echt schriftstellerisch
hielt. Als ich ein Buch Papier auf solche Weise überschmiert hatte,
anvertraute ich es als ein Originalwerk meinen Herren und Freunden,
und siehe, sie nahmen es mit aller Aufmunterung entgegen und wußten es
sogleich zum Druck zu befördern. Es ist etwas Eigentümliches um die
schlechten Skribenten. Obgleich sie die unverträglichsten und
gehässigsten Leute von der Welt sind, so haben sie doch eine
unüberwindliche Neigung, sich zusammenzutun und ins Massenhafte zu
vermehren, gewissermaßen um so einen mechanischen Druck nach der
oberen Schicht auszuüben. Mein Büchlein wurde sofort als das
sehr zu beachtende Erstlingswerk eines geistreichen jungen Autors
verkündet, welcher deutsche Schärfe des Urteils mit französischer
Eleganz verbinde, was wohl von dessen mehrjährigem Aufenthalt in Paris
herrühre. Ich war nämlich in der Tat ein halbes Jahr in dieser Stadt
bei einem deutschen Gastwirt gewesen. Da unter dem übersetzten Zeuge
mehrere pikante, aber vergessene Anekdoten waren, so zirkulierten diese,
unter Anführung meines Buches, alsbald durch eine Menge von Blättern.
Ich hatte mich auf dem Titel George d'Esan, welches eine Umkehrung
meines ehrlichen Namens Georg Nase ist, genannt. Nun hieß es überall:
George Desan in seinem interessanten Buche erzählt folgenden Zug von dem
oder von jenem, und ich wurde dadurch so aufgeblasen und keck, daß ich
auf der betretenen Bahn ohne weiteren Aufenthalt fortrannte, wie eine
abgeschossene Kanonenkugel.«
»Aber zum Teufel!« sagte jetzt der Alte, »was hattet Ihr denn nur für
Schreibestoff? Ihr konntet doch nicht immer von Eurem Pack alter
Zeitungen zehren?«
»Nein! Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst.
Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich
schrieb, kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die
Würde, die Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes,
über die Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern
Ständen, ich schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß
es ein echt deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen
Abschaffung an, indem ich andere, wie ich meinte, viel geistreichere und
richtigere Benennungen ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum
Beispiel Schriftner, Dinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler,
Buchmeister und so fort. Auch drang ich auf Vereinigung aller
Schreibenden, um die Gewährleistung eines schönen und sicheren
Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen, kurz ich regte mit allen
diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf und galt eine Zeitlang für
einen Teufelskerl unter den übrigen Schmierpetern. Alles und jedes
bezogen wir auf unsere Frage und kehrten immer wieder zu den
'Interessen' der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb, obgleich ich der
unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur über
Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu kennen,
komponierte 'ein Stündchen bei X.', oder 'ein Besuch bei N.', oder 'eine
Begegnung mit P.', oder 'ein Abend bei der Q.' und dergleichen mehr, was
ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei ausstattete.
Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten 'Mitgeteilts'
nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei Neuigkeitskram und
Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der Gegenwart vorhanden war,
so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl zum zwanzigsten Male aus
Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen Jargon und sandte sie als
neue Forschung in irgend ein Winkelblättchen. Auch zog ich aus bekannten
Autoren solche Stellen, über welche man in letzter Zeit wenig gesprochen
hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und ließ sie mit einigen
albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen. Oder ich schrieb wohl
aus einem eben herausgekommenen Bande einen Brief, ein Gedicht aus und
setzte es als handschriftliche Mitteilung in Umlauf, und ich hatte immer
die Genugtuung, das Ding munter durch die ganze Presse zirkulieren zu
sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter Heine die fetteste Nahrung;
ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich wie die Rübe im Mistbeete.«
»Aber Ihr seid ja ein ausgemachter Halunke gewesen!« rief der alte Herr
mit Erstaunen, und Meister Georg versetzte: »Ich war kein Halunke,
sondern eben ein armer Tropf, welcher seine Kellnergewohnheiten in eine
Tätigkeit übertrug und in Verhältnisse, von denen er weder einen
sittlichen noch einen unsittlichen, sondern gar keinen Begriff hatte.
Überdies brachte mein Verfahren niemandem einen wirklichen Schaden.«
»Und wie seid Ihr denn von dem schönen Leben wieder abgekommen?« fragte
der Alte.
»Ebenso kurz und einfach, wie ich dazu gekommen!« antwortete der
Exschriftner, »ich befand mich trotz alles Glanzes doch nicht behaglich
dabei und vermißte besonders die bessere Nahrung und die guten
Weinrestchen meines frühern Standes. Auch ging ich ziemlich schäbig
gekleidet, indem ich einen ganz abgetragenen Aufwärterfrack unter einem
dünnen Überzieher Sommer und Winter trug. Unversehens fiel mir aus der
Heimat eine kleine Geldsumme zu, und da ich von früher her noch eine
alte Sehnsucht nährte, ordentlich gekleidet zu sein, so bestellte ich
mir sofort einen feinen neuen Frack, eine gute Weste und kaufte ein
gutvergoldetes Uhrkettchen, sowie ein feines Hemd mit einem Jabot. Als
ich mich aber, dergestalt ausgeputzt, im Spiegel besah, fiel es mir wie
Schuppen von den Augen; ich fand mich plötzlich zu gut für einen
Schriftsteller, dagegen reif genug für einen Oberkellner in einem
Mittelgasthofe und suchte demgemäß eine Anstellung.«
»Aber wie kommt es,« fragte der Gast noch, »daß Ihr nun so einsichtig
und ordentlich über jenes Treiben zu urteilen wißt?«
»Das mag daher kommen,« erwiderte Georg Nase lächelnd, »daß ich mich
erst jetzt in meinen Mußestunden zu unterrichten suche, aber bloß zu
meinem Privatvergnügen!«
Worauf der Alte endlich seine Zeche bezahlte und sich entfernte, nachdem
er den Aufwärter eingeladen, in Zukunft doch an den Gesprächen der Gäste
teilzunehmen und ja nicht zu versäumen, von seinen lustigen Taten und
Erlebnissen so viel mitzuteilen, als er immer wüßte. So fügte es sich,
daß in diesem Gasthofe die täglichen Stammgäste samt dem Kellner mehr
Bildung und Schule besaßen, als der kleine Schriftstellerkongreß, der
zur Stunde unter dem gleichen Dache schlummerte.
Am nächsten Tage zerstreuten sich die Herren nach allen Winden, nicht
ohne nochmals die zu gründende Sturm- und Drangperiode kräftiglichst
besprochen zu haben. Indem sie vorläufig schon einige Rollen verteilten,
wurde es als eine glückliche Fügung gepriesen, daß in Viggi Störteler
die schweizerischen Beziehungen trefflich angebahnt seien, und er
übernahm es, einstweilen Bodmer und Lavater zusammen darzustellen, um
die reisenden neuen Klopstocks, Wieland und Goethe zu empfangen und
aufzumuntern.
So kehrte er ganz aufgebläht von Aussichten und Entwürfen in seine
Heimat zurück. Er ließ die Haare lang wachsen, strich sie hinter die
Ohren, setzte eine Brille von lauterem Fensterglas auf und trug ein
kleines Spitzbärtchen, um sein Äußeres dem bedeutenden Inhalte
entsprechen zu lassen, den er durch seine neuen Bekanntschaften mit
einem Schlage gewonnen. Seiner Sendung gemäß, die er übernommen, begann
er sich mehr unter seinen Mitbürgern umzutun und suchte Anhänger. Wo er
wußte, daß einer ein Histörchen in den Kalender geschickt oder einige
spöttische Knittelverse verfaßt hatte, die einzige Literatur, so in
Seldwyla betrieben wurde, da strebte er ein Mitglied für die Sturm- und
Drangperiode zu erwerben. Allein sobald die wackeren Leute seine
Absichten merkten und seine wunderlichen Aufforderungen verstanden,
machten sie ihn zum Gegenstande ihres Gelächters und neuer Knittelverse,
welche zu seinem Verdruß in den Wirtschaften verlesen wurden. Als er
vollends an einem Bürgermahle den Stadtschreiber verblümt fragte, was
er von »Kurt vom Walde« für eine Meinung hege, und jener erwiderte:
»Kurt vom Walde? was ist das für ein Kalb?« da hatte er für einmal genug
und spann sich wieder in seine Häuslichkeit ein.
Dort betrachtete er sein Weib, und da er sah, wie anmutig Gritli in
ihrem Häubchen am Spinnrädchen saß, mit rosigem Munde, mit stillbewegtem
Busen und mit zierlichem Fuße, da ging ihm ein Licht auf; er beschloß,
sie zu erhöhen und zu seiner Muse zu machen. Von Stund an hieß er sie
das mit beinernen Ringen und Glöckchen kunstreich gezierte Spinnrad zur
Seite stellen und das grüne Band vom seidigen Flachse wickeln. Dafür gab
er ihr eine alte Anthropologie in die Hand und befahl ihr, darin zu
lesen, während er in seinem Kontor arbeite, damit die große
Angelegenheit in der Zeit nicht brach liege. Hierauf ging er an seine
Geschäfte, sehr zufrieden mit seinem Einfall. Als er aber zum Essen kam
und begierig war auf die erste geistige Rücksprache mit seiner Muse, da
schüttelte sie den Kopf und wußte nichts zu sagen.
»Ich muß zartere Saiten aufziehen für den Anfang!« dachte er und gab ihr
nach Tisch einen Band »Frühlingsbriefe von einer Einsamen«, darin sollte
sie lesen bis zum Abend. Dann ging er in sein Magazin, einen Haufen
Farbhölzer wegführen zu lassen, dann in den Wald, um einer Steigerung
von Eichenrinde beizuwohnen. Dort machte er einen guten Handel und,
vergnügt darüber, noch einen Spaziergang, aber nicht ohne abermaligen
Nutzen. Er steckte das geschäftliche Notizbuch beiseite und zog ein
kleineres hervor mit einem Stahlschlößchen.
Damit stellte er sich vor den ersten besten Baum, besah ihn genau und
schrieb: »Ein Buchenstamm. Hellgrau mit noch helleren Flecken und
Querstreifen. Zweierlei Moos bekleidet ihn, ein fast schwärzliches und
dann ein sammetähnliches glänzend grünes. Außerdem gelbliche, rötliche
und weiße Flechten, welche öfter ineinander spielen. Eine Efeuranke
steigt an der einen Seite hinauf. Die Beleuchtung ist ein andermal zu
studieren, da der Baum im Schatten steht. Vielleicht in Räuberszenen
anzuwenden.«
Dann blieb er vor einem eingerammten Pflock stehen, auf welchen irgend
ein Kind eine tote Blindschleiche gehängt hatte. Er schrieb:
»Interessantes Detail. Kleiner Stab in Erde gesteckt. Leiche von
silbergrauer Schlange darum gewunden, gebrochen im Starrkrampf des
Todes. Ameisen kommen aus dem hohlen Innern hervor oder gehen hinein,
Leben in die tragische Szene bringend. Die Schlagschatten von einigen
schwanken Gräsern, deren Spitzen mit rötlichen Ähren versehen sind,
spielen über das Ganze. Ist Merkur tot und hat seinen Stab mit toten
Schlangen hier stecken lassen? Letztere Anspielung mehr für
Handelsnovelle tauglich. #NB.# Der Stab oder Pflock ist alt und
verwittert, von der gleichen Farbe wie die Schlange; wo ihn die Sonne
bescheint, ist er wie mit silbergrauen Härchen besetzt. (Die letztere
Beobachtung dürfte neu sein.)«
Auch vor einem Karrengeleise stellte er sich auf und schrieb: »Motiv für
Dorfgeschichte: Wagenfurche halb mit Wasser gefüllt, in welchem kleine
Wassertierchen schwimmen. Hohlweg. Erde feucht, dunkelbraun. Auch die
Fußstapfen sind mit Wasser gefüllt, welches rötlich, eisenhaltig. Großer
Stein im Wege, zum Teil mit frischen Beschädigungen, wie von
Wagenrädern. Hieran ließe sich Exposition knüpfen von umgeworfenen
Wagen, Streit und Gewalttat.«
Weiter gehend, stieß er auf eine arme Landdirne, hielt sie an, gab ihr
einige Münzen und bat sie, fünf Minuten still zu stehen, worauf er, sie
vom Kopf zu Füßen beschauend, niederschrieb: »Derbe Gestalt, barfuß, bis
über die Knöchel voll Straßenstaub; blaugestreifter Kittel, schwarzes
Mieder, Rest von Nationaltracht, Kopf in rotes Tuch gehüllt, weiß
gewürfelt --« allein urplötzlich rannte die Dirne davon und warf die
Beine aus, als ob ihr der böse Feind im Nacken säße. Viktor, ihr
begierig nachsehend, schrieb eifrig: »Köstlich! dämonisch-populäre
Gestalt, elementarisches Wesen.« Erst in weiter Entfernung stand sie
still und schaute zurück; da sie ihn immer noch schreiben sah, kehrte
sie ihm den Rücken zu und klopfte sich mit der flachen Hand mehrere Male
hinter die Hüften, worauf sie im Walde verschwand.
So kehrte er heimwärts, beladen wie eine Biene mit seiner Ausbeute.
»Nun, liebes Muschen!« rief er seine Frau an, »hast du dein Buch
gelesen? Mir ist es sehr gut gegangen, ich bringe treffliche Studien
nach Hause, über deren Benutzung wir heute noch plaudern wollen!« Allein
sie wußte abermals nichts zu sagen, weil sie den ganzen Nachmittag im
Garten gesessen und mit großer Behaglichkeit grüne Erbsen ausgehülst
hatte. Diesmal schüttelte er seinerseits den Kopf und dachte: »Seltsam!
Vielleicht ist es besser, gleich mit der Praxis zu beginnen und sich auf
den weiblichen Scharfsinn zu verlassen!« Demgemäß las er ihr beim
Nachtessen seine heutigen Notizen vor, entwickelte ein Gespräch über den
Nutzen solcher Beobachtungen, und indem er ihr riet, sich ebenfalls
dergleichen Wahrnehmungen aufzuzeichnen und ihm das Gesammelte
mitzuteilen, forderte er sie auf, ihre Meinung über alles dies zu sagen.
»Ich verstehe dies alles nicht!« war ihre ganze Antwort. Sich zur
Geduld zwingend, sagte er: »So wollen wir gleich ein Ganzes vornehmen,
welches dir vielleicht klarer sein wird, und worin du vielleicht die
Verfechtung solcher Teile, so kunstreich sie auch ist, wahrnehmen
magst!«
Also nahm er seine neueste Handschrift hervor und begann sie vorzulesen,
oft unterbrochen durch die Störungen, welche die allerorts
durchstrichene und verbesserte Schreiberei veranlaßte, sowie durch das
Hin- und Herrücken der Brille, welche ihn blendete. Dennoch gewahrte er
erst nach einem halben Stündchen, daß seine Gattin eingeschlummert war.
Da klingelte er mit dem Messer gegen den metallenen Leuchter und sagte,
als sich Gritli zusammenraffte, ernst und mißfällig: »Das kann so nicht
gehen, liebe Frau! Du siehst, wie ich mir alle Mühe gebe, dich zu mir
heranzubilden, und du kommst mir dennoch nicht entgegen! Du weißt, daß
ich die dornenvolle Laufbahn eines Dichters betreten habe, daß ich des
Verständnisses, der begeisterten Anregung, des liebevollen Mitempfindens
eines weiblichen Wesens, einer gleichgestimmten Gattin bedarf, und du
lässest mich im Stich, du schläfst ein!«
»Ei, mein lieber Mann!« erwiderte Frau Gritli, indem sie über diese
Reden errötete, »mich dünkt, ein rechter Dichter soll seine Kunst
verstehen ohne eine solche Einbläserin!«
»Gut!« rief Viggi, »verhöhne mich nur noch, statt mich zu erheben und
aufzurichten! Gut! Ich werde in Gottes Namen meinen Weg allein wandeln!«
Und er legte sich kummervoll schmollend zu Bett und sein Weib legte sich
neben ihn in Sorgen, daß es um seinen Verstand übel stehen möchte. Er
schmollte nun mehrere Tage und wandelte seinen Weg allein; doch hielt er
das nicht aus, sondern beschloß, nunmehr mit männlicher Strenge seinen
Willen durchzusetzen und die Gattin zu dem zu zwingen, wofür sie ihm
einst danken würde. Er machte schnell einen Erziehungsplan, legte eine
Anzahl Bücher zurecht, trat fest vor die Frau hin und wies sie an,
unfehlbar zu lesen und zu lernen, was er ihr vorlege. Dadurch geriet sie
in große Not; sie sah, daß der Friede Gefahr lief, gänzlich zerstört zu
werden; auch getraute sie sich nirgends Rats zu holen, um ihren Mann
nicht zu verraten und dem Spotte der Leute auszusetzen, welchen diese
Geschichte ein »gefundenes Fressen« wäre. Sie fügte sich also, obgleich
mit zornigem Herzen, und tat wie er verlangte, indem sie die Bücher in
die Hand nahm und so aufmerksam als möglich darin zu lesen suchte; auch
hörte sie seinen Reden und Vorträgen fleißig zu, nahm sich vor dem
Einschlafen in acht und stellte sich sogar, als ob ihr das Verständnis
für manches ausginge, weil sie glaubte, dadurch dem Unglück bälder zu
entrinnen. Heimlich aber vergoß sie bittere Tränen; sie schämte sich vor
sich selber in dieser törichten und schimpflichen Lage und schleuderte
die Bücher oft in eine Ecke oder trat sie unter die Füße. Denn der
Teufel ritt ihren Mann, daß er ihr alles in die Hand gab, was er von
langweiliger und herzloser Ziererei und Schöntuerei nur
zusammenschleppen konnte.
Anfänglich war er nicht übel zufrieden mit ihrer Fügsamkeit; als er aber
nach einigen Wochen bemerkte, daß sie immer noch keine begeisternde
Anregung von sich ausgehen ließ, sagte er eines Morgens: »Das führt uns
vorderhand nicht weiter! Darum frisch nun das Leben selbst, die schöne
Leidenschaft zu Hilfe gerufen! Eine längere Reise werde ich heute
antreten, da ich das Herbstgeschäft einleiten muß. Wohlan, wir werden
einen Briefwechsel führen, der sich einst darf sehen lassen! Nun gilt
es, mein liebes Weibchen, deine Empfindungen und Gedanken in Fluß zu
bringen! Ich werde dir gleich von der nächsten Stadt aus den ersten
Brief schreiben; diesen beantwortest du im gleichen Sinne. Daß du mir ja
nicht schreibst, das Sauerkraut sei bereits geschnitten, und du habest
mir neue Nachthemden bestellt, und du wollest mich am Ohrläppchen
zupfen, wenn ich nach Hause komme, und du habest neulich in meiner
Nachtmütze geschlafen und es am Morgen nicht mehr gewußt, sondern darin
gefrühstückt, und was dergleichen Trivialitäten mehr sind, die du sonst
zu schreiben pflegst! Nein doch! Ermanne dich, oder vielmehr erweibe
dich einmal! möchte ich beinahe sagen, das heißt kehre deine höhere
Weiblichkeit hervor, lasse voll und rein die Harmonien ertönen, die in
dir schlafen müssen, so gewiß als in einem schönen Leibe eine schöne
Seele wohnt! Kurz, merke auf den Ton und Hauch in meinen Briefen und
richte dich danach, mehr sag' ich nicht!«
Als er wirklich reisefertig in der Stube stand, überraschte ihn Gritli
mit einem allerliebsten Handköfferchen aus buntem Korbgeflecht, in
welchem ein gebratenes Huhn, einige Brötchen, zwei Kristallfläschchen
mit altem Wein und Likör, ein silbernes Becherchen, ein Besteck und zwei
kleine Servietten auf das bequemste und appetitlichste zusammengepackt
waren. Das hatte sie alles nach ihrer Angabe herrichten lassen, weil er
sich schon oft über den Hunger und Durst beklagt, welchen man auf den
endlosen Eisenbahnen erleiden müsse. Er nahm es, von seinen Ideen
eingenommen, zerstreut entgegen, sagte aber beim Abschiede noch kalt und
streng: »Wende deine Gedanken nun von dergleichen materiellen Dingen ab
und sinne an das, was ich dir gesagt! Bedenke, daß von dieser letzten
Probe der Frieden und das Glück unserer Zukunft abhangen!«
Hiemit entfernte er sich und öffnete, eh' noch zwei Stunden vergangen
waren, das Körbchen, eine leckere Mahlzeit zu halten und die
Reisegefährten zu reizen. Das Huhn war vortrefflich zerschnitten und
kunstreich wieder zusammengefügt, die Brötchen besonders wohlgebacken;
nur war er unschlüssig, ob er von dem alten Sherry oder von dem feinen
Kirschbranntwein trinken solle; nahm aber zuletzt von beidem. So lebte
er lecker und fröhlich und zündete sich dann eine Zigarre an aus dem
reichen Täschchen, das ihm seine Frau gestickt.
Diese saß indessen nicht in der besten Gemütsverfassung zu Hause; das
Herz war ihr recht schwer; denn als ein sehr eingefleischter Narr hatte
Herr Viggi Störteler einen herrlichen Ausweg gefunden, sie auch aus der
Ferne zu quälen, und anstatt daß durch seine Abreise ein Alp von ihr
genommen wurde, welcher Gedanke ihr auch neu und verwirrend war, hatte
sie nun in dem Postboten ein neues Schreckgespenst zu erwarten. Und daß
die ganze Geschichte bedenklich wurde, bewiesen seine letzten Worte. So
harrte sie denn voll Bangigkeit der Dinge, die da kommen sollten, und
nahm sich vor, wenn immer möglich, die Briefe ihres Mannes zu
beantworten nach ihren besten Kräften. Richtig erschien noch vor Ablauf
von sechzig Stunden folgender Brief:
»Teuerste Freundin meiner Seele!
Wenn sich zwei Sterne küssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige
Lippen erstarren, zwischen deren Kuß ein Gifttropfen fällt! Aber dieses
Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt
Ewigkeiten auf! Wohl hab' ich's bedacht und hab' es bedacht und finde
meines Denkens kein Ende: -- Warum ist Trennung? --? -- Nur _eines_
weiß ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort
in die Wagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist stärker als
Trennung, und wäre diese die Urverneinung selbst -- -- so lange dies
Herz schlägt, ist das Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!!
Geliebte! fern von Dir umfängt mich Dunkelheit -- ich bin herzlich müde!
Einsam such' ich mein Lager -- -- schlaf' wohl! -- --«
Bei diesem Briefe lag noch ein Zettel des Inhalts:
»#P. S.# Ich habe absichtlich, liebe Frau! diesen ersten Brief kurz
gehalten, daß der Anfang Dir nicht zu schwierig erscheinen möge! Du
siehst, daß es sich in diesen Zeilen nur um ein einziges Motiv handelt,
um den Begriff der Trennung. Äußere nun hierüber Deine Gefühle und füge
eine neue Anregung hinzu, welche zu finden nun eben die Sache Deines
Herzens und Deines guten Willens sein wird. Heut schlaf' ich zum
erstenmal in einem Bette seit meiner Abreise; wenn's nur keine Wanzen
hat! Der junge Müller an der Burggasse, welchen ich angetroffen, hat
mich um vierzig Franken angepumpt in Gegenwart von andern Reisenden und
ganz #en passant#, so daß ich es in der Eile nicht abschlagen konnte. Da
ich weiß, daß seine Eltern noch eine Partie Ölsamen haben, so soll unser
Kommis gleich hingehen und den Ölsamen kaufen und auf Rechnung setzen.
Es muß aber gleich geschehen, ehe sie wissen, daß der Junge mir Geld
schuldig ist, sonst bekommen wir weder Ölsamen noch Geld.
#NB.# Wir wollen die geschäftlichen und häuslichen Angelegenheiten auf
solche Extrazettel setzen, damit man sie nachher absondern kann. In
Erwartung Deiner baldigen Antwort, Dein Gatte und Freund Viktor.«
Mit diesem Briefe in der Hand saß sie nun da und las und wußte nichts
darauf zu antworten. Wenn sie sich auch über die Grausamkeit oder
Nützlichkeit der Trennung einige hausbackene Gedanken zurecht gezimmert,
so fehlte ihr für die neue Anregung, die sie hinzufügen sollte, jeder
Einfall, oder wenn sich einer einstellen wollte, so blieb er weit hinter
den küssenden Sternen und hinter der Urbejahung zurück, und darüber
verbleichten auch wieder ihre Trennungsbetrachtungen, welche sich doch
nur um die Notwendigkeit und Einträglichkeit einer Geschäftsreise
drehten, da ihr sonst kein anderer Grund bekannt war.
Sie ging mit dem Briefe auch in den Garten und ging auf und nieder, in
immer größerer Angst befangen; da sah sie den Handlungsdiener ihres
Mannes und geriet auf den Einfall, ihn ins Vertrauen zu ziehen, ihm ihre
Not zu klagen und ihn zur Mithilfe zu veranlassen. Allein sie gab diesen
Gedanken sofort auf, um den Respekt gegen ihren Mann nicht zu
untergraben. Da fiel ihr Blick auf das Gärtchen eines Nachbarhauses,
welches von ihrem Garten nur durch eine grüne Hecke getrennt war, und
plötzlich verfiel ihre Frauenlist auf den wunderlichsten Ausweg, welchen
sie auch, ohne sich lange zu besinnen und wie von einem höheren Licht
erleuchtet, alsobald betrat.
In dem Nachbarhäuschen wohnte ein armer Unterlehrer der Stadt, namens
Wilhelm, ein junger, für unklug oder beschränkt geltender Mensch, mit
etwas schwärmerischen und dunkeln Augen. Derselbe sah für sein Leben
gern die Frauen, war aber außerordentlich still und schüchtern und
durfte überdies seiner beschränkten und ärmlichen Stellung wegen nicht
daran denken, sich zu verheiraten oder sonst dem schönen Geschlechte den
Hof zu machen. Er begnügte sich daher, die Schönheit mehr aus der Ferne
zu bewundern, und da es für sein Verlangen gleich erfolglos war, ob er
eine Frau oder ein Mädchen zum Gegenstande seiner Bewunderung machte,
so wechselte er in aller Ehrbarkeit und wählte bald diese, bald jene zum
Ziel seiner Gedanken. So lebte er in seinem Herzen wie ein Pascha, und
alles Schöne, was Kaffee trank und Strümpfe strickte oder auch müßig
ging, gehörte ihm. Dies doch einigermaßen leichtfertige Wesen
wissenschaftlich zu begründen oder zu beschönigen, war der gute Wilhelm
auch vom Christentum abgefallen und, obgleich er des Sonntags in der
Kinderlehre vorsingen mußte, wo er immer aufs neue den Katechismus
erläutern hörte, einer wahrhaft heidnischen Philosophie zugesteuert.
Alle Götter und Göttinnen der Mythologien, welche er gelesen, rief er
ins Leben zurück und bevölkerte damit sich zur Kurzweil die Landschaft;
je nach der Stimmung des Himmels, der über Seldwyla hing, war er
entweder Germane, Grieche oder Indier, und behandelte seine Weiber
heimlich nach der Art dieser Landsleute. Nur wenn das Wetter gar zu
graulich, sein Brot gar zu knapp und nirgends ein freundliches
Frauenauge zu erblicken war, blies er zuweilen alle diese Götter
auseinander und behauptete bei sich selbst, zu einem solchen Leben
brauche man gar keinen Gott.
Diesen jungen Schulmeister wählte sich die schöne Frau zu ihrem Retter,
sobald er ihr in den Sinn kam. Daß er sie gern sah, wußte sie seit
einiger Zeit, und daß er ein ganz stiller und schüchterner Mensch war,
ebenso, weil er errötete und die Augen niederschlug, wenn er ihr
begegnete, und er schien ihr gerade von der rechten Art zu sein, um ein
Geheimnis zu verschweigen. Sie ging also hin und schrieb den Brief ihres
Mannes ab und zwar dergestalt, daß sie einige Worte veränderte, oder
hinzusetzte, als ob eine Frau an einen Mann schreiben würde. Dann
faltete sie das Papier zierlich zusammen und versiegelte es, ohne aber
eine Adresse darauf zu setzen.
Dann ging sie zur Abendzeit wieder in den Garten, als Wilhelm eben seine
paar Blümchen begoß, nahe der Hecke. Sie trat so dicht davor, als sie
konnte, und rief ihn leise beim Namen. Zitternd und verstohlen zeigte
sie ihm das Briefchen, als er aufblickte, und fragte, indem sie einen
ganz seltsam sonnigen Blick hinüber schoß: Ob er schweigsam sein könne?
Diesmal vergaß er, die Augen niederzuschlagen, lachte sie unbewußt
vielmehr an, wie ein halbjähriges Kind, welchem man ein glänzendes Ding
zeigt, und war im Begriff, indem er die Gießkanne fallen ließ, mit den
Händen nach ihrem Kopf zu fahren, um ihn auch nach dem Munde zu führen,
wie es die Kinder machen, die den Raum noch nicht zu beurteilen wissen.
Doch antwortete er nicht, bis sie ihn nochmals gefragt hatte, worauf er
ernsthaft nickte. »So nehmt das Briefchen hier, wenn es niemand sieht,
und legt mir eine hübsche und passende Antwort dafür hin! es handelt
sich um einen Scherz und Ihr sollt nicht im Schaden bleiben!« sagte sie,
steckte die Epistel durch das Laub des Hages und eilte davon, wie von
einer Schlange gebissen, sich auf ihrem Stübchen verbergend.
Wilhelm schaute ihr nach, wie einer, der eine Erscheinung sah; dann nahm
er den Brief sachte aus dem Weißdorn, machte einen Umweg, so groß ihn
das kleine Grüngärtchen erlaubte, und schlüpfte dann in sein kleines
Gemach, welches unmittelbar am Gärtchen lag. Dort las er hastig den
Brief, einmal, zweimal und rief, indem ihm das Herz übermächtig zu
schlagen anfing: »O Herr Jesus! Das ist wahrhaftig ein Liebesbrief!«
Sogleich zerküßte er das Papier, dann stutzte er wieder, erinnerte sich
jedoch des Blickes, welchen sie ihm zugeworfen und hielt sich für
geliebt. Er sah sich um in seinem Stübchen. Dichte Winden mit blauen und
roten Blumen verhüllten fast ganz die niederen Fenster, doch drang die
Abendsonne hindurch und streute einige goldene Lichter an die Wand, über
sein ärmliches Bett und seine drei oder vier Götterlehren und das
Schreibzeug. Der erste Gedanke, der sein dankbares Gemüt durchblitzte,
war der liebe Gott, und zwar der alleinige und christlich anständige.
»Versteht sich!« rief er auf- und niedergehend, den Brief in der Hand,
wie eine Depesche, »versteht sich, gibt es einen Gott! Versteht sich,
natürlich!« Und er fühlte sich ganz glückseliglich, daß er auf so
angenehme Weise seinen Frieden mit dem Schöpfer schließen konnte, der
die schönen Frauen geschaffen. Aber aufs neue stutzte er. »Was Teufel
tue ich mit ihr? Sie hat ja einen Mann! -- Aber halt! das ist ihre
Sache! Was sie befiehlt, das tu' ich! Will
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