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Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.

by Alexander von Humboldt · German · Gutenberg #24746 · 726,301 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.
    
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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.

Author: Alexander von Humboldt

Translator: Hermann Hauff


        
Release date: March 3, 2008 [eBook #24746]
                Most recently updated: June 20, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/24746


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2. ***





Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.


by Alexander von Humboldt




Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008)





               In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.

         Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.

   Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.

                            ------------------

                                   1859

                            ------------------

                               Zweiter Band





INHALT


Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Liste explizit genannter Werke
Anmerkungen des Korrekturlesers






NEUNTES KAPITEL.


      Körperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen.


Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich
keine allgemeinen Betrachtungen über die Stämme der Eingeborenen, welche
Neu-Andalusien bewohnen, über ihre Sitten, ihre Sprache und ihren
gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von
dem wir ausgegangen, möchte ich alles dieß, das für die Geschichte des
Menschengeschlechts von so großer Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt
zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen,
desto mehr wird uns das Interesse für diese Gegenstände, den Erscheinungen
der physischen Natur gegenüber, in Anspruch nehmen. Der nordöstliche Theil
des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen
hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Völkerschaften, die sie bewohnen,
den Thälern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem nördlichen Ende
Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Mündung des Lena
hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht,
ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck ursprünglicher völliger
Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten
der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Völkern, die
einst auf bedeutend höherer Culturstufe standen, und wie soll man ein
Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches überhaupt
vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem
Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein
grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was
sich auf die ursprünglichen Zustände des Menschen und auf die älteste
Bevölkerung eines Festlandes bezieht, an und für sich der Geschichte
angehörte, so würden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die
Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen
wird, nach der die Wilden aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßene,
in die Wälder getriebene Stämme sind. Das Wort _‘Barbar’_, das wir von
Griechen und Römern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen
versunkenen Horde.

Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden große gesellschaftliche Vereine
unter den Eingeborenen nur auf dem Rücken der Cordilleren und auf den
Asien gegenüber liegenden Küsten. Auf den mit Wald bedeckten, von Flüssen
durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwärts
ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende
Völkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten,
zerstreut gleich den Trümmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob
uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen
und die Beobachtung der Körperbildung dazu dienen können, die
verschiedenen Stämme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu
verfolgen und ein paar jener Familienzüge aufzufinden, durch die sich die
ursprüngliche Einheit unseres Geschlechtes verräth.

Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Ländern, deren Gebirge wir
vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva
Barcelona, beinahe noch die Hälfte der schwachen Bevölkerung. Ihre
Kopfzahl läßt sich auf 60,000 schätzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien
kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenüber der Stärke der Jägervölker in
Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien
dagegen hält, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht,
z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten
mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner
als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zählt aber über
400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in
Cumana leben nicht alle in den Missionsdörfern; man findet sie zerstreut
in der Umgegend der Städte, auf den Küsten, wohin sie des Fischfangs wegen
ziehen, selbst auf den kleinen Höfen in den Llanos oder Savanen. In den
Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein
15,000 Indianer, die fast sämmtlich dem Chaymasstamm angehören. Indessen
sind die Dörfer dort nicht so stark bevölkert, wie in der Provinz
Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fünf- bis sechshundert, während
man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu
indianische Dörfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich
die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000
schätzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die
Guaiqueries auf der Insel Margarita und die große Masse der Guaraunos, die
auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhängigkeit behauptet haben.
Diese schätzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; dieß scheint mir aber zu
viel. Außer den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den
sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Caño
Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken
lassen, gibt es seit dreißig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden
Indianer mehr.

Ungern brauche ich das Wort _‘wild’_, weil es zwischen dem
*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder
unabhängigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die
Erfahrung häufig widerspricht. In den Wäldern Südamerikas gibt es Stämme
Eingeborener, die unter Häuptlingen friedlich in Dörfern leben, auf
ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus
letzterer ihre Hängematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die
nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren.
Die irrige Meinung, als wären sämmtliche nicht unterworfene Eingeborene
umherziehende Jägervölker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra
Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europäer; er besteht noch
jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der
Wälder, wohin nie ein Missionär den Fuß gesetzt hat. Das verdankt man
allerdings dem Regiment der Missionen, daß der Eingeborene Anhänglichkeit
an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewöhnt und ein
ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in
dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer völlig
von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche
Vorstellungen vom gegenwärtigen Zustand der Völker in Südamerika, wenn man
einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits
*heidnisch*, *wild* und *unabhängig* für gleichbedeutend hält. Der
unterworfene Indianer ist häufig so wenig ein Christ als der unabhängige
Götzendiener; beide sind völlig vom augenblicklichen Bedürfnis in Anspruch
genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Maße vollkommene
Gleichgültigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die
Natur und ihre Kräfte göttlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst
gehört dem Kindesalter der Völker an; er kennt noch keine Götzen und keine
heiligen Orte außer Höhlen, Schluchten und Forsten.

Wenn die unabhängigen Indianer nördlich vom Orinoco und Apure, d. h. von
den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem
Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht
schließen, daß es jetzt in diesen Ländern weniger Eingeborene gibt, als
zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomäus Las Casas. In meinem Werke
über Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung
der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen
Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race
ist auf beiden Festländern Amerikas noch über sechs Millionen stark, und
obgleich unzählige Stämme und Sprachen ausgestorben sind oder sich
verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß zwischen den
Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit
Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend
zugenommen hat. Zwei caraibische Dörfer in den Missionen von Piritu oder
am Carony zählen mehr Familien als vier oder fünf Völkerschaften am
Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustände der unabhängig gebliebenen
Caraiben an den Quellen des Esquibo und südlich von den Bergen von
Pacaraimo thun zur Genüge dar, wie sehr auch bei diesem schönen
Menschenschlag die Bevölkerung der Missionen die Masse der unabhängigen
und verbündeten Caraiben übersteigt. Uebrigens verhält es sich mit den
Wilden im heißen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese
bedürfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die
Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein
kleines Stück Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die
Berührung mit den Weißen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die,
nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi
zurückgedrängt, sich den Lebensunterhalt in dem Maaße abgeschnitten sehen,
in dem man ihr Gebiet beschränkt. In der gemäßigten Zone, in den
_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Berührung
mit den europäischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden,
weil die Berührung dort eine unmittelbare ist.

Im größten Theil von Südamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den
Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weißen
breiten sich langsam aus. Die Mönchsorden haben ihre Niederlassungen
zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer
gegründet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben
allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschränkt, aber fast aller Orten
ist durch sie eine Zunahme der Bevölkerung herbeigeführt worden, wie sie
beim Nomadenleben der unabhängigen Indianer nicht möglich ist. Im Maaß als
die Ordensgeistlichen gegen die Wälder vorrücken und den Eingeborenen Land
abgewinnen, suchen ihrerseits die weißen Ansiedler von der andern Seite
her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der
weltliche Arm fortwährend die unterworfenen Indianer dem Mönchsregiment zu
entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmählich Pfarrer an die
Stelle der Missionäre. Weiße und Mischlinge lassen sich, begünstigt von
den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu
spanischen Dörfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, daß
sie eine Volkssprache gehabt haben. So rückt die Cultur von der Küste ins
Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten,
aber sichern, gleichmäßigen Schrittes.

Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen
_Govierno de Cumana_ begreift, zählen in ihrer gegenwärtigen Bevölkerung
mehr als vierzehn Völkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas,
Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der
Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas,
Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn
Völkerschaften glauben selbst, daß sie ganz verschiedener Abstammung sind.
Man weiß nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Hütten an der
Mündung des Orinoco auf Bäumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von
Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Köpfe. Unter den übrigen
Völkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf
den südlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den
Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf
dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht
unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und
Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, daß sie demselben
Sprachstamm anzugehören scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe
verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung
herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit.

Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben,
Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Völker zu betrachten.
Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich
nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, daß ihre
Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind
Küstenvölker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Stämme betrifft,
die gegenwärtig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben,
so läßt sich über ihre ursprüngliche Abstammung und ihr Verhältniß zu
andern, ehemals mächtigeren Völkern schwer etwas aussagen. Die
Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die
Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise
der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen
von Indianern von Cumana und von der Küste von Paria, als ob die
Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie
sogar die Stämme nach ihren Häuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die
sie bewohnen. Dadurch häuft sich die Zahl der Völkerschaften ins
Unendliche und werden alle Angaben der Missionäre über die ungleichartigen
Elemente in der Bevölkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie
will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener
Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil
des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben
und der Chaymas im südlichen und östlichen? Durch die große
Uebereinstimmung in der Körperbildung werden Untersuchungen der Art sehr
schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung völlig
verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit
von Sprachen bei Völkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer
Körperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen
sprechen körperlich ungemein verschiedene Völker, Lappen, Finnen und
Esthen, die germanischen Völker und die Hindus, die Perser und die Kurden
Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die größte Aehnlichkeit mit
einander haben.

Die Indianer in den Missionen treiben sämmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme
derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewächse;
ihre Hütten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung
ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhältniß zu den
Missionären und den aus ihrer Mitte gewählten Beamten, Alles ist nach
Vorschriften geordnet, die überall gelten. Und dennoch -- und dieß ist
eine höchst merkwürdige Beobachtung in der Geschichte der Völker -- war
diese große Gleichförmigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die
individuellen Züge, die Schattirungen, durch welche sich die
amerikanischen Völkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit
kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zähes Festhalten an
den bei jedem Stamm wieder anders gefärbten Sitten und Gebräuchen, das der
ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrückt. Diesen Charakterzügen
begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai
und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische
Organisation der Eingeborenen, aber die mönchische Zucht leistet ihnen
wesentlich Vorschub.

Es gibt in den Missionen nur wenige Dörfer, wo die Familien verschiedenen
Völkerschaften angehören und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so
verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu
regieren. Meist haben die Mönche ganze Nationen, oder doch bedeutende
Stücke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Dörfern
untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes;
denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der
Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben,
Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthümlichkeiten um so mehr, da
sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualität des
Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf
Gedanken und Empfindung zurück. Durch diesen innigen Verband zwischen
Sprache, Volkscharakter und Körperbildung erhalten sich die Völker
einander gegenüber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthümlichkeit, und
dieß ist eine unerschöpfliche Quelle von Bewegung und Leben in der
geistigen Welt.

Die Missionäre konnten den Indianern gewisse alte Gebräuche bei der Geburt
eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten;
sie konnten es dahin bringen, daß sie sich nicht mehr die Haut bemalten
oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim großen
Haufen die abergläubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen
Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebräuche abzustellen
und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu
ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt
gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in beständigem Kampfe mit
feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und führt so dem wilden,
unabhängigen Indianer gegenüber ein einförmigeres, unthätigeres, der
Entwicklung der Geistes- und Gemüthskraft weniger günstiges Leben. Wenn er
gutmüthig ist, so kommt dieß nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil
er gefühlvoll ist und gemüthlich. Wo er außer Verkehr mit den Weißen auch
all den Gegenständen ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt
zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle
seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Bedürfniß bestimmt
zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist
ernst, geheimnißvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an
das Aussehen der Eingeborenen nicht gewöhnt ist, hält ihre Trägheit und
geistige Starrheit leicht für den Ausdruck der Schwermuth und des
Tiefsinns.

Ich habe die Charakterzüge des Indianers und die Veränderungen, die sein
Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um
den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden
sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas,
deren über 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht
sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte
des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die
Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Süd die Caraiben zu Nachbarn.
Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern
des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Caño de Caripe. Nach
der genauen statistischen Aufnahme des Paters Präfekten zählte man im.Jahr
1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn
*Missions*dörfer; das älteste ist von 1728, und sie zählten 6433 Einwohner
in 1465 Haushaltungen; sechzehn Dörfer _de doctrina_; das älteste ist von
1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien.

Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden;
die damals noch unabhängigen Caraiben machten Einfälle und brannten ganze
Dörfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevölkerung
zurück in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der
kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weißen. Viele
Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Sümpfe.
Vierzehn alte Missionen blieben wüste liegen oder wurden nicht wieder
aufgebaut.

Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; dieß fällt namentlich auf, wenn
man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und
Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen,
sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die
Mittelgröße eines Chaymas beträgt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuß 10
Zoll. Ihr Körper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit,
die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die
der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und
Neugrenadas bis herab zu den heißen Tiefländern am Amazonenstrom. Die
climatischen Unterschiede äußern keinen Einfluß mehr auf dieselbe; sie ist
durch organische Verhältnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten
unabänderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird
die gleichförmige Hautfarbe röther, dem Kupfer ähnlicher; bei den Chaymas
dagegen ist sie dunkelbraun und nähert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck
»kupferfarbige Menschen« zur Bezeichnung der Eingeborenen wäre im
tropischen Amerika niemals aufgekommen.

Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber
doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewölbt; daher
heißt es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schönen
Weibe, »sie sey fett und habe eine schmale Stirne.« Die Augen der Chaymas
sind schwarz, tiefliegend und stark in die Länge gezogen; sie sind weder
so schief gestellt noch so klein wie bei den Völkern mongolischer Race,
von denen Jornandes sagt, sie haben »vielmehr Punkte als Augen,« _magis
puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schläfen zu dennoch
merklich in die Höhe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder
dunkelbraun, dünn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange
Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schläfrig niederzuschlagen, gibt dem
Blick der Weiber etwas Sanftes und läßt das verschleierte Auge kleiner
erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie überhaupt alle
Eingeborenen Südamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die
vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gänzlich
mangelnden Bart sich der mongolischen Race nähern, so unterscheiden sie
sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang
ist, der ganzen Länge nach vorspringt und bei den Naslöchern dicker wird,
welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Völkern caucasischer
Race. Der große Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat häufig
einen gutmüthigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden
Geschlechtern zwei Furchen von den Naslöchern gegen die Mundwinkel. Das
Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und
breit.

Die Zähne sind bei den Chaymas schön und weiß, wie bei allen Menschen von
einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den
ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensäften
und Aetzkalk die Zähne schwarz zu färben; gegenwärtig weiß man nichts mehr
davon. Die Völkerstämme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den
Einfällen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her
geschoben worden, daß die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und
Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas.
Ich bezweifle sehr, daß der Brauch des Schwärzens der Zähne, wie Gomara
behauptet, mit seltsamen Schönheitsbegriffen zusammenhängt(1), oder daß es
ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die
Indianer so gut wie nichts; auch die Weißen in den spanischen Colonien,
wenigstens in den heißen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichförmig
ist, leiden selten daran. Auf dem Rücken der Cordilleren, in Santa-Fe und
Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt.

Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Völker, die ich gesehen,
kleine, schmale Hände. Ihre Füße aber sind groß und die Zehen bleiben
beweglicher als gewöhnlich. Alle Chaymas sehen einander ähnlich wie nahe
Verwandte, und diese gleichförmige Bildung, die von den Reisenden so oft
hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen
zwischen dem zwanzigsten und fünfzigsten Jahr das Alter nicht durch
Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfälligkeit des Körpers verräth.
Tritt man in eine Hütte, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den
Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach
meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen
Momenten, auf den örtlichen Verhältnissen der indianischen Völkerschaften
und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Völker
zerfallen in eine Unzahl von Stämmen, die sich tödtlich hassen und niemals
Ehen unter einander schließen, selbst wenn ihre Mundarten demselben
Sprachstamme angehören und nur ein kleiner Flußarm oder eine Hügelkette
ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Stämme sind, desto mehr
muß sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander
verbinden, eine gewisse gleichförmige Bildung, ein organischer, recht
eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhält sich unter
der Zucht der Missionen, die nur Eine Völkerschaft unter der Obhut haben.
Die Vereinzelung ist so stark wie früher; Ehen werden nur unter
Angehörigen derselben Dorfschaft geschlossen. Für diese
Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Völkerschaft ein
Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren
sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Wäldern spanisch gelernt haben,
einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme
gehören, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten.

Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren
Einfluß sich ja auch bei den europäischen Juden, bei den indischen Kasten
und allen Gebirgsvölkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher
weniger beachtete. Ich habe schon früher bemerkt, daß es vorzüglich die
Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht.
Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie
als eine, die diesem oder jenem Individuum zukäme. Der wilde Mensch
verhält sich hierin dem gebildeten gegenüber wie die Thiere einer und
derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, während die andern in
der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der
Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Körperbau und Farbe kommen nur bei
den Hausthieren häufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Züge
und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den
Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in
einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim
Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den
Zügen ab, und die Züge werden desto beweglicher, je häufiger,
mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in
den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen
Bedürfniß bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast mühelos
befriedigt, führt er ein träges, einförmiges Leben. Unter den
Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese
Einförmigkeit, diese Starrheit der Verhältnisse drückt sich auch in den
Gesichtszügen der Indianer aus.

Unter der Zucht der Mönche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und
Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Wäldern
lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemüthsbewegungen
überläßt, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal
krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorüber, je
stärker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am
Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen,
aber er hält länger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher
Entwicklung nicht die Stärke oder die augenblickliche Entfesselung der
Leidenschaften, was den Zügen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern
vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in beständiger Berührung mit
der Außenwelt erhält, Zahl und Maaß unserer Schmerzen und unserer Freuden
steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurückwirkt.
Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Züge das belebte Naturreich
verschönern, so ist auch nicht zu läugnen, daß beide zwar nicht allein
Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der großen
Völkerfamilie kommen diese Vorzüge keiner Race in höherem Maaße zu als der
caucasischen oder europäischen. Nur beim weißen Menschen tritt das Blut
plötzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der
Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemüthsbewegungen so bedeutend
verstärkt. »Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden können?«
sagt der Europäer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den
Indianer. Man muß übrigens zugeben, daß diese Starrheit der Züge nicht
allen Racen mit sehr dunkel gefärbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner
lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern.

Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine
Bemerkungen über ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die
Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen,
während meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren
Charakter durchgängig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den
Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionären
erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten.

Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Völker in sehr heißen Ländern, eine
entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen
Schriftstellern hören wir, daß im nördlichen Europa die Hemden und
Beinkleider, welche die Missionäre austheilten, nicht wenig zur Bekehrung
der Heiden beigetragen haben. In der heißen Zone dagegen schämen sich die
Eingeborenen, wie sie sagen, daß sie Kleider tragen sollen, und sie laufen
in die Wälder, wenn man sie zu frühe nöthigt, ihr Nacktgehen aufzugeben.
Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Mönche, Männer und Weiber
im Innern der Häuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine
Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Männern
hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten,
zwölften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei.
Das Hemd ist so geschnitten, daß Vorderstück und Rückenstück durch zwei
schmale Bänder auf der Schulter zusammenhängen. Es kam vor, daß wir
Eingeborenen außerhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei
Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm
trugen. Sie wollten sich lieber auf den bloßen Leib regnen, als ihre
Kleider naß werden lassen. Die ältesten Weiber versteckten sich dabei
hinter die Bäume und schlugen ein lautes Gelächter auf, wenn wir an ihnen
vorüber kamen. Die Missionäre klagen meist, daß Schaam und Gefühl für das
Anständige bei den jungen Mädchen nicht viel entwickelter seyen als bei
den Männern. Schon Ferdinand Columbus erzählt, sein Vater habe im Jahr
1498 auf der Insel Trinidad völlig nackte Weiber angetroffen, während die
Männer den _‘Guayuco’_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als
eine Schürze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Küste von Paria
die Mädchen von den verheiratheten Weibern dadurch, daß sie, wie Cardinal
Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, daß sie
einen anders gefärbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den
Chaymas und allen nackten Völkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur
zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur
befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Mädchen heirathen
häufig mit zwölf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionäre,
nackt, das heißt ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht
daran zu erinnern, daß bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen
und indianischen Dörfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut
Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener,
der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den
ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land
gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem
Kopf ackern sah, und er glaubte »in einem armseligen Lande zu seyn, wo
sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen.«

Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schönheitsbegriffen nicht hübsch;
indessen haben die jungen Mädchen etwas Sanftes und Wehmüthiges im Blick,
das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm
absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zöpfe geflochten. Die Haut
bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck
als Hals- und Armbänder aus Muscheln, Vögelknochen und Fruchtkernen.
Männer und Weiber sind sehr musculös, aber der Körper ist fleischigt mit
runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, daß mir nie ein Individuum mit
einer natürlichen Mißbildung aufgestoßen ist; dasselbe gilt von den vielen
tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fünf
Jahren gesehen. Dergleichen Mißbildungen sind bei gewissen Racen ungemein
selten, besonders aber bei Völkern, deren Hautgewebe stark gefärbt ist.
Ich kann nicht glauben, daß sie allein Folgen höherer Cultur, einer
weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniß sind. In Europa
heirathet ein buckligtes oder sehr häßliches Mädchen, wenn sie Vermögen
hat, und die Kinder erben häufig die Mißbildung der Mutter. Im wilden
Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts
einen Mann vermögen, eine Mißbildete oder sehr Kränkliche zum Weibe zu
nehmen. Hat eine solche das seltene Glück, daß sie das Alter der Reife
erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man möchte glauben, die Wilden
seyen alle so wohlgebildet und so kräftig, weil die schwächlichen Kinder
aus Verwahrlosung frühe wegsterben und nur die kräftigen am Leben bleiben;
aber dieß kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die
Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und
Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren
Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen
dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfähigkeit, vom ursprünglichen Typus
abzuweichen, so müssen wir darin doch wohl großentheils angeborene Anlage
erblicken, das, worin eben der eigenthümliche Racencharakter besteht. Ich
sage absichtlich: großentheils, weil ich den Einfluß der Cultur nicht ganz
ausschließen möchte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weißen, wird
der Körper durch Luxus und Weichlichkeit geschwächt, und aus diesem Grunde
waren früher Mißbildungen in Couzco und Tenochtitlan häufiger; aber unter
den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der größten
Sitteneinfalt leben, hätte Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten
aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah.

Die Sitte des frühzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen
bezeugen, der Zunahme der Bevölkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese
frühe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heißen
Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestküste von Amerika, bei den
Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriäken, wo häufig
zehnjährige Mädchen Mütter sind. Man kann sich nur wundern, daß die
Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei
keiner Race und in keinem Klima verändert.

Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere
Völker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reißen sie aus;
aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur
deßhalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch
wären die Indianer größtentheils ziemlich bartlos. Ich sage größtentheils,
denn es gibt Völkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben
den andern stehen und deßhalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher
gehören in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die
Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in
Südamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne
sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den dünnen
Kinnbart auszuraufen, sich häufig rasiren, so wächst der Bart stärker.
Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Meßdiener lebhaft
wünschten den Väter Kapuzinern, ihren Missionären und Meistern zu
gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Maße
verhaßt, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille
fließt aus derselben Quelle wie die Vorliebe für abgeflachte Stirnen, die
an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise
zu Tage kommt. Den Völkern gilt immer für schön, was ihre eigene
Körperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da
ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine
rothbraune Haut gegeben hat, so hält sich jeder für desto schöner, je
weniger sein Körper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut
mit _‘Roucou’_, _‘Chica’_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist.

Die Lebensweise der Chaymas ist höchst einförmig. Sie legen sich
regelmäßig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb
fünf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Hängematte.
Die Weiber sind so frostig, daß ich sie in der Kirche vor Kälte zittern
sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im
Innern sind die Hütten der Indianer äußerst sauber. Ihr Bettzeug, ihre
Schilfmatten, ihre Töpfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und
Pfeile, Alles befindet sich in der schönsten Ordnung. Männer und Weiber
baden täglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die
Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Ländern
vorzugsweise von den Kleidern herrührt. Außer dem Haus im Dorfe haben sie
meist auf ihren _‘Conucos’_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht
einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblättern gedeckte Hütte von
geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten
sie sich doch dort auf, so oft sie nur können. Schon oben gedachten wir
ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben
in der Wildniß zurückzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten
ihren Eltern und ziehen vier, fünf Tage in den Wäldern herum, von
Früchten, von Palmkohl und Wurzeln sich nährend. Wenn man in den Missionen
reist, sieht man häufig die Dörfer fast ganz leer stehen, weil die
Einwohner in ihren Gärten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den
civilisirten Völkern fließt wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben
moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen
Unabhängigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur überall auf den
Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenüber sieht.

Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen
halbbarbarischen Völkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit fällt
ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen,
trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen
Weg durch das Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere
saßen nicht selten oben auf dem Bündel. Trotz dieser gesellschaftlichen
Unterordnung schienen mir die Weiber der südamerikanischen Indianer
glücklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem
Mississippi werden überall, wo die Eingeborenen nicht größtentheils von
der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kürbisse nur von den Weibern gebaut; der
Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heißen Zone gibt es
nur sehr wenige Jägervölker, und in den Missionen arbeiten die Männer im
Felde so gut wie die Weiber.

Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch
lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weißen nicht
in Berührung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte
Indianer zu heißen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrückt,
_‘latinisirte’_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein
bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich
später besucht, am meisten auffiel, das ist, daß es den Indianern so
ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf
spanisch auszudrücken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den
Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie für noch einfältiger halten als
Kinder, wenn ein Weißer sie über Gegenstände befragt, mit denen sie von
Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionäre versichern, dieses Stocken
sey nicht Folge der Schüchternheit; bei den Indianern, die täglich ins
Haus des Missionärs kommen und bei der öffentlichen Arbeit die Aussicht
führen, sey es keineswegs natürliche Beschränktheit, sondern nur
Unvermögen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden
Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr
moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu
verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt,
Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen,
Mulatten und Weißen in der Nähe der Städte in Pfarrdörfern wohnen. Ich war
oft erstaunt, mit welcher Geläufigkeit in Caripe der _‘Alcalde’_, der
_‘Governador’_, der _‘Sargento mayor’_ stundenlang zu den vor der Kirche
versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten für die
Woche, schalten die Trägen, drohten den Unanstelligen. Diese Häuptlinge,
die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionärs der Gemeinde zur
Kenntniß bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit
starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Züge bleiben dabei
unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch.

Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und
ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr
zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausflügen in der Nähe des
Klosters begleiteten und wir durch die Mönche Fragen an sie richten
ließen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage
stellte; und ihre Trägheit und nebenbei auch jene schlaue Höflichkeit, die
auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, ließ sie nicht selten
ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten
schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen
wollen, können sie vor diesem gefälligen Jasagen sich nicht genug in Acht
nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe
stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der
Höhle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus
und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu
besinnen und sagte dann zur Unterstützung meiner Annahme: »Freilich, wie
wäre auch sonst vorne in der Höhle immer Wasser im Bett?«

Alle Zahlenverhältnisse fassen die Chaymas außerordentlich schwer. Ich
habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey
achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an
den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fünfhundert Jahren
civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich große Zahlen
ausdrücken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im
Verkehr mit den Missionären dazu genöthigt sind, so zählen die fähigsten
spanisch, aber so, daß man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf
30 oder 50. In der Chaymassprache zählen dieselben Menschen nicht über 5
oder 6. Es ist natürlich, daß sie sich vorzugsweise der Worte einer
Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen
gelernt haben. Seit die europäischen Gelehrten es der Mühe werth halten,
den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der
semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt,
schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus
Rechnung der Rohheit der Völker kommt. Man erkennt an, daß fast überall
die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als
man nach der Culturlosigkeit der Völker, die sie sprechen, vermuthen
sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schönsten
Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen
hat ein klareres, regelmäßigeres und einfacheres Zahlsystem als das
Oquichua und das Aztekische, die in den großen Reichen Couzco und Anahuac
gesprochen wurden. Dürfte man nun sagen, in diesen Sprachen zähle man
nicht über vier, weil es in den Dörfern, wo sich dieselben unter den armen
Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen
gibt, die nicht weiter zählen können? Die seltsame Ansicht, nach der so
viele Völker Amerikas nur bis zu fünf, zehn oder zwanzig sollen zählen
können, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wußten, daß die
Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen
Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heißt nach den Fingern
Einer Hand, beider Hände, der Hände und Füße zusammen) einen Abschnitt
machen, und daß 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fünf eins, zehn
drei und »Fuß zehn« ausgedrückt werden. Kann man sagen, die Zahlen der
Europäer gehen nicht über zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe
von zehn Einheiten beisammen ist?

Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die
Töchtersprachen des Lateinischen, daß die Jesuiten, welche Alles, was ihre
Anstalten fördern konnte, aufs Sorgfältigste in Betracht zogen, bei den
Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr
regelmäßige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das
Guarani, einführten. Sie suchten durch diese Sprachen die ärmeren,
plumperen, im Satzbau nicht so regelmäßigen Mundarten zu verdrängen. Und
der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener
Stämme ließen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese
verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel
zwischen den Missionären und den Neubekehrten. Mit Unrecht würde man
glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen
gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluß zweier
auf einander eifersüchtiger Gewalten, der Bischöfe und der Statthalter, zu
entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere
Gründe, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese
Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden
zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch
die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Ländern
bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form
oder doch das Aussehen von Ursprachen.

Wenn es heißt, ein Däne lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter
Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man
zunächst, dieß rühre daher, daß alle germanischen Sprachen oder alle
Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein
haben; man vergißt, daß es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere
gibt, die Völker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die
Sprache ist keineswegs ein Ergebniß willkührlicher Uebereinkunft; der
Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Möglichkeit der
Inversionen, Alles ist ein Ausfluß unseres Innern, unserer eigenthümlichen
Organisation. Im Menschen lebt ein unbewußt thätiges und ordnendes
Princip, das bei Völkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt
ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder
am Meeresufer, die ganze Lebensweise mögen die Laute umwandeln, die
Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber
alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen
unberührt. Die Einflüsse des Klimas und aller äußern Verhältnisse sind ein
verschwindendes Moment dem gegenüber, was der Racencharakter wirkt, die
Gesammtheit der dem Menschen eigenthümlichen, sich vererbenden Anlagen.

In Amerika nun -- und dieses Ergebniß der neuesten Forschungen ist für die
Geschichte unserer Gattung von der höchsten Bedeutung -- in Amerika haben
vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heißen Ufern dieses
Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz
verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein
ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und
das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem
grammatischen Bau die überraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren
Wurzeln einander um nichts ähnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen
und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit,
Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast
überall in der neuen Welt, daß die Zeitwörter eine ganze Menge Formen und
Tempora haben, ein künstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder
durch Flexion der persönlichen Fürwörter, welche die Wortendungen bilden,
oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhältnisse
des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder
leblos, männlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher
Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil
amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben
(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung
übereinkommen und von den Töchtersprachen des Lateinischen durchaus
abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine
amerikanische Sprache als die des europäischen Mutterlandes. In den
Wäldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen
sprechen hören. Häufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem
andern als ihrem eigenen Idiom mit einander.

Hätte man das System der Jesuiten befolgt, so wären bereits weit
verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am
Orinoco spräche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Süden und
Südwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionäre
könnten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen
höchst regelmäßig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit,
und würden so den Eingeborenen, über die sie herrschen, weit näher kommen.
Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus
einem Dutzend Völkerschaften bestehen, verschwänden mit der
Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten würden todte Sprachen;
aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine
Individualität und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf
friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus
in die neue Welt eingeführt, mit Waffengewalt durchzuführen begonnen.

Wie mag man sich auch wundern, daß die Chaymas, die Caraiben, die Saliven
oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man
bedenkt, daß fünf-, sechshundert Indianern Ein Weißer, Ein Missionär
gegenübersteht, und daß dieser alle Mühe hat, einen Governador, Alcalden
oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Könnte man statt der Zucht der
Missionäre die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre
Sitten sänftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten,
ohne deßhalb gebildeter zu seyn), könnte man die Weißen, statt sie ferne
zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben
lassen, so wären die amerikanischen Sprachen bald von den europäischen
verdrängt, und die Eingeborenen überkämen mit den letzteren die gewaltige
Masse neuer Vorstellungen, welche die Früchte der Cultur sind. Dann
brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder
das Guarany, einzuführen. Aber nachdem ich mich in den Missionen des
südlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzüge und die
Mißbräuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die
Ansicht aussprechen, daß dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn
wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern läßt und das als
Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von bürgerlicher
Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Römer
haben in Gallien, in Bätica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft
schnell auch ihre Sprache eingeführt; aber die eingeborenen Völker dieser
Länder waren keine Wilde. Sie wohnten in Städten, sie kannten den Gebrauch
des Geldes, sie hatten bürgerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe
Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und
den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in
unmittelbare Berührung gekommen. Dagegen sehen wir der Einführung der
Sprachen der Mutterländer überall fast unüberwindliche Hindernisse
entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder römische Colonien
auf wirklich barbarischen Küsten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und
unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem
civilisirten Menschen gegenüber.

Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das
Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie
weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_,
_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, daß
diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber
Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten
selbst einverleibt sind. Mit Unrecht würde man diese Rauheit des
Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind
ursprünglich diesem gemäßigten Klima fremd. Sie sind erst durch die
Missionäre dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie
allen Bewohnern heißer Landstriche, die Kälte in Caripe, wie sie es
nennen, Anfangs sehr zuwider. Während unseres Aufenthalts im
Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniß von
Chaymasworten angelegt. Ich weiß wohl, daß der Bau und die grammatischen
Formen für die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute
und der Wurzeln, und daß diese Analogie der Laute nicht selten in
verschiedenen Dialekten derselben Sprache völlig unkenntlich wird; denn
die Stämme, in welche eine Nation zerfällt, haben häufig für dieselben
Gegenstände völlig verschiedene Benennungen. So kommt es, daß man sehr
leicht irre geht, wenn man, die Flexionen außer Augen lassend, nur nach
den Wurzeln, z. B. nach den Worten für Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei
Idiome allein wegen der Unähnlichkeit der Laute für völlig verschieden
erklärt. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden
gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugänglich ist.
Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane
des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben für sich
kennen. Die Wörterverzeichnisse sind nicht zu vernachläßigen; sie geben
sogar über den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluß,
wenn der Reisende Sätze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort
flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender
Weise geschieht, die persönlichen und possessiven Fürwörter bezeichnet
werden.

Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona
sind gegenwärtig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische.
Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat
ihr Wörterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfaßt von den Patres Tauste,
Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios
Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im
siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die
Missionen gekommen und in den Wäldern zu Grunde gegangen. Wegen der großen
Feuchtigkeit und der Gefräßigkeit der Insekten lassen sich in diesen
heißen Ländern Bücher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller
Vorsichtsmaßregeln sind sie in kurzer Zeit gänzlich verdorben. Nur mit
großer Mühe konnte ich in den Missionen und Klöstern die Grammatiken
amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner
Rückkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu
Königsberg übermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem
schönen großen Werk über die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals
versäumt meine Notizen über die Chaymassprache aus meinem Tagebuch
abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch
der Abt Hervas dieser Sprache erwähnen, gebe ich hier kurz das Ergebniß
meiner Untersuchungen.

Auf dem rechten Ufer des Orinoco, südöstlich von der Mission Encaramada,
über hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in
mehrere Dialekte zerfällt. Diese einst sehr mächtige Nation ist auf wenige
Köpfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den
Orinoco, durch die großen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine
noch schwerer zu übersteigende Schranke, durch Völker von caraibischem
Stämme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen örtlichen
Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der
Tamanacusprache. Die ältesten Missionare in Caripe wissen nichts von
dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast
nie an das südliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der
Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache
dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rückkehr
nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer
Grammatik verglich, die ein alter Missionär am Orinoco in Italien drucken
lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili
vermuthet, daß die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu
verwandt seyn müsse.

Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die
Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die
Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die
persönlichen Fürwörter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_,
ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder
_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person
ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu.

+---------------------+-----------------+
|   Chaymas           |    Tamanacu     |
+---------------------+-----------------+
|_Ure_, ich.          | _ure._          |
+---------------------+-----------------+
|_Tuna_, Wasser.      | _Tuna._         |
+---------------------+-----------------+
|_Conopo_, Regen.     | _Canepo._       |
+---------------------+-----------------+
|_Poturu_, Wissen.    | _Puturo._       |
+---------------------+-----------------+
|_Apoto_, Feuer.      | _U-apto._       |
+---------------------+-----------------+
|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._         |
+---------------------+-----------------+
|_Je_, Baum.          | _Jeje._         |
+---------------------+-----------------+
|_Ata_, Haus.         | _Aute._         |
+---------------------+-----------------+
|_Euya_, dir.         | _Auya._         |
+---------------------+-----------------+
|_Toya_, ihm.         | _Iteuya._       |
+---------------------+-----------------+
|_Guane_, Honig.      | _Uane._         |
+---------------------+-----------------+
|_Nacaramayre_, er    | _Nacaramai._    |
|hat’s gesagt.        |                 |
+---------------------+-----------------+
|_Piache_, Zauberer,  | _Psiache._      |
|Arzt.                |                 |
+---------------------+-----------------+
|_Tibin_, eins.       | _Obin._         |
+---------------------+-----------------+
|_Aco_, zwei.         | _Oco._          |
+---------------------+-----------------+
|_Oroa_, drei.        | _Orua._         |
+---------------------+-----------------+
|_Pun_, Fleisch.      | _Punu._         |
+---------------------+-----------------+
|_Pra_, nicht.        | _Pra._          |
+---------------------+-----------------+

*Seyn* heißt im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persönliche
Fürwort *ich* (_u_ von _u-re_), so läßt man des Wohlklangs wegen vor dem
_u_ ein _g_ hören, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die
erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte
durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; »_muerepuec araquapemaz,_«, »
warum bist du traurig?« wörtlich: »das für traurig du seyn?« »_punpuec
topuchemaz,_« »du bist fett von Körper;« wörtlich: »Fleisch (_pun_) für
(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_).« Die zueignenden Fürwörter
kommen vor das Hauptwort zu stehen: »_upatay,_« »in meinem Hause;«
wörtlich: »ich Haus in.« Alle Präpositionen wie die Negation _pra_ werden
nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: »_ipuec,_ mit ihm,«
wörtlich »er mit;« »_euya,_ zu dir, oder dir zu;« »_epuec charpe guaz_«
»ich bin lustig mit dir;« wörtlich: »du mit lustig ich seyn;« »_ucarepra,_
nicht wie ich;« wörtlich: »ich wie nicht;« »_quenpotupra quoguaz_ ich
kenne ihn nicht;« wörtlich: »ihn kennend nicht ich bin;« »_quenepra
quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen,« wörtlich: »ihn sehend nicht ich
bin.« Im Tamanacu sagt man: »_acurivane,_ schön,« und »_acurivanepra,_
häßlich, nicht schön;« »_uotopra,_ es gibt keinen Fisch,« wörtlich: »Fisch
nicht;« »_uteripipra,_ ich will nicht gehen;« wörtlich: »ich gehen wollen
nicht;« und dieß ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen,
und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit
dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die
Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrückt: »_amoyenlenganti,_
es ist sehr kalt;« »_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt.« In
ähnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht
angehängt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B.
_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen.

Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmäßig ist,
lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den
Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloß zur Bildung des
Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen
Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwörter angehängt. Diese
Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Hülfszeitwörter _as_ und
_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan,
ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die
einander unähnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der
geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau
der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten,
offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen.

Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des
Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses
bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_
bezeichnet: »_teure,_ er selbst,« »_teurecon,_ sie selbst;« »_taronocon,_
die hier;« »_montaonocon,_ die dort,« wenn der Sprechende einen Ort meint,
an dem er sich selbst befand; »_miyonocon,_ die dort,« wenn er von einem
Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen
Adverbe _aqui_ und _alà (allà),_ deren Sinn sich in den Sprachen von
germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung
wiedergeben läßt.

Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute
nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Dieß schien mir um so
auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Völkern besondere
Worte für Gott und für Sonne findet. Der Caraibe wirft »_tamoussicabo,_
den Alten des Himmels,« und »_veyou,_ die Sonne,« nicht zusammen. Sogar
der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines
Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heißt die
Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) während Gott _Vinay Huayna_, der
ewig Junge, genannt wird.

Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente,
die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor
das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persönliche Fürwort. Der
Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck fällt, geht Allem voran, was sonst
ausgesagt wird. Der Amerikaner würde sagen: »Freiheit völlige lieben wir,«
statt: wir lieben völlige Freiheit; »dir nicht glücklich bin ich,« statt:
mit dir bin ich glücklich. Diese Sätze haben eine gewisse Unmittelbarkeit,
Bestimmtheit, Bündigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel
fehlt. Ob wohl diese Völker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst
überlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen wären? Man
könnte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Römer in
ihren bestimmten, klaren, aber etwas schüchternen Töchtersprachen
umgewandelt worden ist.

Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen,
fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein
Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache,
in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in
den Worten so häufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_
weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen
vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im
französischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_
erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu
_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen
Mundarten fehlen, so kommt dieß vom innigen Verwandtschaftsverhältniß
zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher
Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden
verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_,
_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Bürde,
_pous_, Fuß. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und
aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani,
aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Büchse).

Trotz der erwähnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, daß das Chaymas als
ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano,
Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und
die beiden Sprachen scheinen mir höchstens in dem Grade verwandt, wie das
Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehören derselben Unterabtheilung
der großen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen
Sprachen an. Da es für die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maaß gibt,
so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten
Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie
Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch
und Sanskrit.

Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, daß alle
Sprachen in zwei große Classen zerfallen, indem die einen, mit
vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere
Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, während die andern, plumperen,
weniger bildungsfähigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln
roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie für sich braucht, ihre
eigenthümliche Physiognomie beibehalten. Diese höchst geistreiche
Auffassung wäre unrichtia, wenn man annähme, es gebe vielsylbige Sprachen
ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus
organisch entwickeln, kennen gar keinen äußerlichen Zuwachs durch
*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon öfters als Agglutination
oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt für
Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht ursprünglich Affixe, von
denen nur ein oder zwei Consonanten übrig geblieben sind. Es ist mit den
Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz für
sich, nichts ist dem Andern völlig unähnlich. Je weiter man in ihren
innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden
Eigenthümlichkeiten. »Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem
scharf umrissen scheinen.« [Wilhelm v. Humboldt]

Lassen wir aber auch für die Sprachen keinen durchgreifenden
Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, daß im
gegenwärtigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern
zur äußerlichen Aggregation. Zu den ersteren gehören bekanntlich die
Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu
den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder
Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das
Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben
mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation
oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber
ein ziemlich entwickeltes Gefühl für Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft
oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die
mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhältnisse bezeichnet.

Betrachtet man den eigenthümlichen Bau der amerikanischen Sprachen näher,
so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete
Ansicht rührt, daß die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem
Hebräischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am
Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hörte ich diesen Gedanken äußern,
besonders Geistliche, die vom Hebräischen und Baskischen einige
oberflächliche Kenntniß hatten. Liegen etwa religiöse Rücksichten einer so
seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas,
haben etwas leichtgläubige Reisende das Hallelujah der Hebräer singen
hören, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen
Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertönen. Ich will
nicht glauben, daß die Völker des lateinischen Europa Alles hebräisch oder
baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles,
was nicht im griechischen oder römischen Styl gehalten war, egyptische
Denkmäler nannte. Ich glaube vielmehr, daß das grammatische System der
amerikanischen Sprachen die Missionäre des sechzehnten Jahrhunderts in
ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Völker der neuen Welt
bestärkt hat. Einen Beweis hiefür liefert die langweilige Compilation des
Paters GARCIA: »_Tratad del origen de los indios._« Daß die possessiven
und persönlichen Fürwörter hinter Substantiven und Zeitwörtern stehen, und
daß letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthümlichkeiten des
Hebräischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden
es nun sehr merkwürdig, daß die amerikanischen Sprachen dieselben Formen
aufzuweisen haben. Sie wußten nicht, daß die Uebereinstimmung in
verschiedenen einzelnen Zügen für die gemeinsame Abstammung der Sprachen
nichts beweist.

Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr
verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine
Familienähnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die
Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente
auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen
Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles
dieß konnte die Täuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen
es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch
keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser
physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und
dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgängig von einander abweichen.
*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, wörtlich: wissend nicht
ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna
aichi_, er wird nicht tragen, wörtlich: tragend nicht wird seyn;
_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu;
_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier;
_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen;
_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich
kehre zurück; _Maypur butkè_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutkè_,
ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein böser Maypure-Indianer; _aicataje_
ein böses Weib.

*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, wörtlich: ich liebend ihn bin;
_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den
Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen;
_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges
kindisches Benehmen.(8)

Diesen Beispielen mögen einige beschreibende Composita folgen, die an die
Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen
wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetät des Ausdrucks überraschen.
*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, wörtlich: Vater (_im-de_) des Honigs
(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, wörtlich: die Söhne des Fußes; die
Finger, _amgna-mucuru_, die Söhne der Hand; die Schwämme, _jeje-panari_,
wörtlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_,
wörtlich: verästete Wurzeln; die Blätter, _prutpe-jareri_, wörtlich: die
Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, wörtlich: gerade oder senkrechte
Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, wörtlich: das Feuer des Donners oder des
Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, wörtlich: was zum Auge gehört;
_odotsa_, Getöse der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, wörtlich:
der lebendige Stein.

Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwörter eine Unzahl Tempora, ein
doppeltes Präsens, vier Präterita, drei Futura. Diese Häufung ist selbst
den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des
Baskischen zählt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des
Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion
haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch bloße
Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren
sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist
aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Für sich geben
diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen.
Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten
Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Räderwerk. Man erkennt die
Künstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es
ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man könnte sie für
sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedächte, daß der menschliche
Geist unverrückt einem einmal erhaltenen Anstoß folgt, daß die Völker nach
einem ursprünglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen
erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und daß es Länder gibt, wo
Sprache, Verfassung, Sitten und Künste seit vielen Jahrhunderten wie
festgebannt sind.

Die höchste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Völkern
stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehören. Die
hauptsächlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein
natürliches Hinderniß der Culturentwicklung; es geht ihnen großentheils
die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln
mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz
geben. Wir dürfen indessen nicht vergessen, daß ein schon im hohen
Alterthum hochberühmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer
Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau
unwillkürlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein-
oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder
Hauptwort angehängt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen,
haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen für Größe, Neid, Leichtsinn,
_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit,
_metrepherpeton_, aus fünf leicht zu unterscheidenden Elementen
zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes
(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) böse (_on_). Und
dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die
chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an
einander gerückt sind und sich gar nicht unmittelbar berühren. So viel ist
gewiß, sind einmal die Völker aus ihrem Schlummer aufgerüttelt und auf die
Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das
Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudrücken und Seelenregungen zu
schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von
Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen
Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich übertragen, und
man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und
philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere
Literaturprodukt ins Peruanische übersetzen.

Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der
Eroberung hat zur natürlichen Folge gehabt, daß nicht wenige amerikanische
Worte in die spanische Sprache übergegangen sind. Manche dieser Worte
bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt
waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung
(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehören der Sprache der großen
Antillen au, die früher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hieß.
Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco
u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu
besuchen, hatten sie bereits Worte für die nutzbarsten Gewächse, die auf
den Antillen, wie auf den Küsten von Cumana und Paria vorkommen. Sie
behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei,
durch sie wurden dieselben über ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo
die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Völkern, die
von der Existenz der Antillen gar nichts wußten. Manchen Worten, die in
den spanischen Colonien in täglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen
mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache,
_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schürze,
_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist
tamanakisch, _Chinchorro_ (Hängematte) und _Tutuma_ (die Frucht der
_Crescentia Cujete_, oder ein Gefäß für Flüssigkeiten) sind Chaymaswörter.

Ich habe lange bei Betrachtungen über die amerikanischen Sprachen
verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke
bespräche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der
Art sind. Es verhält sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmälern
halb barbarischer Völker zukommt. Man beschäftigt sich mit ihnen nicht,
weil sie für sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen können,
sondern weil die Untersuchung für die Geschichte unseres Geschlechts und
den Entwicklungsgang unserer Geisteskräfte nicht ohne Belang ist.

Ehe Cortes nach der Landung an der Küste von Mexico seine Schiffe
verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war
Europa auf die Länder, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit
der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man
die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Dieß fällt
alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest,
namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe
Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen
Bemerkungen über Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle
Begeisterung für die großen Entdeckungen eines an außerordentlichen
Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine nähere Beschreibung der
Sitten der Völker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier
(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen
scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklären, den ich im spanischen
Amerika häufig habe besprechen hören.

Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die
Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, daß
die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten
Besucher haben am Vorgebirge Paria weiße Menschen mit blonden Haaren
gesehen? Waren dieß Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und
ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer
hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Stämme mit dunklerer
Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man früher auf der Landenge von
Panama gefunden? Aber Fälle dieser Mißbildung sind bei der kupferfarbigen
Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den
Einwohnern von Paria überhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9)
beschreiben sie wie Völker germanischen Stammes: sie seyen weiß mit
blonden Haaren. Ferner sollen sie ähnlich wie Türken gekleidet gewesen
seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach mündlichen Berichten, die sie
gesammelt.

Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand
Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, näher ansehen. Da heißt es
bloß, »der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria
und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena
conversacion_) und weißer gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin
gesehen.« Damit ist doch wohl nicht gesagt, daß die Pariagotos weiß
gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kühlen
Morgen sah der große Mann eine Bestätigung seiner seltsamen Hypothese von
der unregelmäßigen Krümmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in
diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in
der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine
angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten
anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit
den *tartarischen* Völkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des
breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben.

Gab es aber zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts auf den Küsten von Cumana
so wenig als jetzt Menschen mit weißlichter Haut, so darf man daraus
deßhalb nicht schließen, daß bei den Eingeborenen der neuen Welt das
Hautsystem durchgängig gleichförmig organisirt sey. Wenn man sagt, sie
seyen alle kupferfarbig, so ist dieß so unrichtig, als wenn man behauptet,
sie wären nicht so dunkel gefärbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth
aussetzten oder nicht von der Luft gebräunt würden. Man kann die
Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur
einen gehören die Eskimos in Grönland, in Labrador und auf der Nordküste
der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstraße, der Halbinsel Alaska und
des Prinz-Williams-Sunds. Der östliche und der westliche Zweig dieser
Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern
Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe
Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich
sogar, wie in neuerer Zeit außer Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter,
zu den Bewohnern des nordöstlichen Asiens; denn die Mundart der
Tschuktschen an der Mündung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die
Sprache der Eskimos auf der Europa gegenüberliegenden Küste von Amerika.
Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt
diese hyperboräische Race nur am Meeresufer. Sie nähren sich von Fischen,
sind fast durchgängig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind
lebhaft, beweglich, geschwätzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und
schwarz; aber (und dieß zeichnet die Race, die ich die
Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist
ursprünglich weißlicht. Es ist gewiß, daß die Kinder der Grönländer weiß
zur Welt kommen; bei manchen erhält sich diese Farbe, und auch bei den
dunkelsten (den von der Luft am meisten gebräunten) sieht man nicht selten
das Blut auf den Wangen roth durchschimmern.

Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfaßt alle Völler außer den
Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluß bis zur Magellanschen Meerenge, von den
Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und
Tehuelhets in der südlichen Halbkugel. Die Völker dieses zweiten Zweiges
sind größer, stärker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen
hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru,
in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms,
im ganzen Strich von Südamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den
sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei,
drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Daß die Eingeborenen
nur von Luft und Sonne gebräunte Weiße seyn möchten, ist einem Spanier in
Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im
nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Stämme, bei denen die Kinder weiß
sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die
Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Häuptling der Miamis
Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten
Körpertheile fast weiß. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und
nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico
niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich
fast beständig in ihren Häusern aufhalten. Westwärts von den Miamis, auf
der gegenüberliegenden asiatischen Küste, bei den Koluschen und
Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Mädchen, wenn
sie angehalten werden sich zu waschen, so weiß wie Europäer. Diese weiße
Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvölkern in
Chili zukommen.(11)

Dieß sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr
verbreiteten Ansicht von der außerordentlichen Gleichförmigkeit der
Körperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir
dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu,
daß die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in
der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren
sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstämme zu gruppiren,
so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschließend zu Werke geht. Wir
wollten hier darthun, daß, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet,
mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Stämme vorkommen, bei denen die
Kinder weiß zur Welt kommen, ohne daß sich, bis zur Zeit der Eroberung
zurück, darthun ließe, daß sie sich mit Europäern vermischt hätten. Dieser
Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei
physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der
Mexicaner und die weißen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu
beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heißesten Erdstrich ihr
Leben lang und bei voller Kraft die weißlichte Hautfarbe der Mestizen
behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den
spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen
unmöglich gemacht.

Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus
mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Körperbau, als die Farbe. Bei
den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe
häufiger als solche nach dem Körperbau. Das Haar der Säugethiere, die
Federn der Vögel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je
nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach
den Hitze- und Kältegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im
Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen
guten Beobachtungen geht hervor, daß sich die Hautfarbe wohl beim
Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen
Race ändert. Die Eskimos in Grönland und die Lappen sind gebräunt durch
den Einfluß der Luft, aber ihre Kinder kommen weiß zur Welt. Ob und welche
Veränderungen die Natur in Zeiträumen hervorbringen mag, gegen welche alle
geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darüber haben wir nichts zu
sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt,
sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Führern hat.

Die Völker mit weißer Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weißen Menschen;
nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Völker durch die
übermäßige Sonnengluth geschwärzt oder gebräunt worden. Diese Ansicht, die
schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch,
hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was
Theodectes zweitausend Jahre früher poetisch ausgesprochen: »die Nationen
tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen.« Wäre die Geschichte
von schwarzen Völkern geschrieben worden, sie hätten behauptet, was
neuerdings sogar von Europäern angenommen worden ist, der Mensch sey
ursprünglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der
Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen
gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle
Färbung in eine hellere übergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind
Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, beständig
geworden und haben sich unverändert fortgepflanzt; aber nichts weist
darauf hin, daß, unter den gegenwärtigen Verhältnissen der menschlichen
Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe,
kupferfarbige und weiße, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den
Einfluß des Klimas, der Nahrung und anderer äußerer Umstände vom
ursprünglichen Typus bedeutend abweichen.

Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen
zurückzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen,
die vier- und fünfmal höher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe
mich hier vorläufig nur auf das Zeugniß ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah
die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heißen Küsten von
Panama, und wiederum in Louisiana, im nördlichen gemäßigten Erdstrich. Er
hatte den Vortheil, daß er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch
nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, daß der
Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so
broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in
der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den
heißen Ufern des Orinoco Indianern mit weißlichter Haut begegnen: _est
durans originis vis._

                            ------------------





    1 Die Völker, welche die Spanier auf der Küste von Paria antrafen,
      hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit
      Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablätter oder
      Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Küste,
      nur weiter ostwärts, bei den Guajiros an der Mündung des Rio la
      Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, führen das Pulver
      von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als
      Kapsel dient, am Gürtel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein
      Handelsartikel, wie früher, nach Gomara, das der Indianer in Paria.
      In Europa werden die Zähne vom übermäßigen Tabakrauchen gleichfalls
      gelb und schwarz. Wäre der Schluß richtig, man rauche bei uns, weil
      man gelbe Zähne schöner finde als weiße?

    2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4.

    3 So übertrieben die Griechen bei ihren schönsten Statuen die
      Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu groß annahmen.

    4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._

_    5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heißt ein
      Spanier, wörtlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier
      oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen
      Gegenständen zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum,
      _jejecne_ Bäume.

    6 In der Sprache der Incas heißt Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ groß
      _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, groß _vipulo_.
      Es sind dieß die einzigen Fälle von Lautähnlichkeit, die man bis
      jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen
      völlig verschieden.

    7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch
      gebildet, daß man _butkè_ das Ende des Wortes _cujuputkè_, klein,
      beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_.

    8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine
      schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit.

_    9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis
      oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi
      veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara
      sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Mündung des Flusses
      Cumana gesehen: »_Las donzellas eran amorosas, desnudas y
      __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan
      negros del sol._«

   10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem
      Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz für einen
      Turban angesehen? Daß ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf
      bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit
      merkwürdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die
      Küste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d’Anghiera
      beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: »_Incolas
      omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis
      vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum,
      insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._« Was soll man
      aus diesen Völkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel
      getragen, wie man auf dem Rücken der Anden trägt, und auf einer
      Küste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen
      gesehen?

   11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas
      am Uruguay glauben, die wie Völker vom Stamme Odins geschildert
      werden? (Azzara, _Reise._)

   12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Züge Alexanders scheinen viel
      dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die große Frage nach dem
      Einfluß des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden
      vernommen, daß in Hindostan die Völker im Süden dunkelfarbiger
      seyen, als im Norden in der Nähe der Gebirge, und sie setzten
      voraus, daß beide derselben Race angehören.

   13 »Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den
      Einfluß von Sonne und Luft dunkler. Ich muß darauf aufmerksam
      machen, daß weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar
      verändern, so daß man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und
      die auf den heißesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen,
      die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten nördlichen und
      südlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann.« _Noticias
      americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden
      Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwärtig von der
      Verschiedenheit benachbarter Völker nach Farbe und Gesichtszügen
      Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des
      _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem
      Einfluß des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der
      gewiß weiß, daß wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts
      wissen.»Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante
      originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli
      corporibus habitum dedit.« _Agricola._ cap. 11





ZEHNTES KAPITEL.


       Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewöhnliche
                                 Meteore.


Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem
Orinoco und Rio Negro erforderte Zurüstungen aller Art. Wir mußten die
Instrumente auswählen, die sich auf engen Canoes am leichtesten
fortbringen ließen; wir mußten uns für eine zehnmonatliche Reise im
Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Küsten steht, mit Geldmitteln
versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war,
so war es mir von großem Belang, daß mir die Beobachtung einer
Sonnenfinsterniß nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich
blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schön und heiter
ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von
Caracas war für meinen Zweck minder günstig wegen der Dünste, welche die
nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Länge von Cumana genau bestimmte, so
hatte ich einen Ausgangspunkt für die chronometrischen Bestimmungen, auf
die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt,
um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten.

Fast hätte ein Unfall mich genöthigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben
oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der
Sonnenfinsterniß, gingen wir, wie gewöhnlich, am Ufer des Meerbusens, um
der Kühle zu genießen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an
diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll beträgt. Es war acht Uhr
Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war
bedeckt und bei der Windstille war es unerträglich heiß. Wir gingen über
den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries.
Ich hörte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen
hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Gürtel. Er
hielt fast über meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten
keulenförmig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage
aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging,
war nicht so glücklich; er hatte den Zambo später bemerkt als ich, und
erhielt über der Schläfe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir
waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer
weiten Ebene an der See. Der Zambo kümmerte sich nicht mehr um mich,
sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des
Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeußerste
erschrocken, da ich meinen Reisegefährten zu Boden stürzen und eine Weile
bewußtlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der
Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stürzten auf den Zambo
zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist,
oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und
dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und
baumartigen Avicennien. Zufällig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunächst
an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der äußersten Gefahr aus.
Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen
Kampfe wären wir sicher verwundet worden, wären nicht biscayische
Handelsleute, die auf dem Strande Kühlung suchten, uns zu Hülfe gekommen.
Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang
wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus
nachgelaufen, schlüpfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig
herausholen und ins Gefängniß führen ließ.

Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kräftiger Mann, voll der
Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem
Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner
Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut
gequetscht und er spürte die Nachwehen mehrere Monate während unseres
Aufenthaltes in Caracas. Beim Bücken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er
mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befürchten ließ, daß im
Schädel etwas ausgetreten seyn möchte. Zum Glück war diese Besorgniß
ungegründet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden
nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die rührendste
Theilnahme. Wir hörten, der Zambo sey aus einem der indianischen Dörfer
gebürtig, die um den großen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem
Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem
Capitän, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Küste
zurückgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen
lassen, um die Höhe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns
auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, daß er, nachdem er einen von
uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnügen schien? Im
Verhör waren seine Antworten so verworren und albern, daß wir nicht klug
aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht
gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung über die schlechte
Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns
eines zu versetzen, nicht widerstehen können, sobald er uns habe
französisch sprechen hören. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam
ist, daß die Verhafteten, von denen die Gefängnisse wimmeln, sieben, acht
Jahre auf ihr Urtheil warten müssen, so hörten wir wenige Tage nach
unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem
Schlosse San Antonio entsprungen.

Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am
28. October um fünf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur
Beobachtung der Sonnenfinsterniß zu rüsten. Der Himmel war klar und rein.
Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine
gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden
in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schönen
Tag um so mehr Glück zu wünschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der
Gewitter, die regelmäßig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
durch den Meridian in Süd und Südost aufzogen, die Uhren nicht nach
correspondirenden Höhen hatte richten können. Ein röthlichter Dunst, der
in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt,
verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr
ungewöhnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine
Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der
Sonnenfinsterniß vollständig beobachten. Das Ende der Finsterniß war um
2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniß
meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna
und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im
neunten Jahrgang) veröffentlicht. Dieses Ergebniß wich um nicht weniger
als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Länge ab, die der Chronometer mir
ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von
Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt
stimmten Sonnenfinsterniß und Chronometer bis auf 10 Secunden überein. Ich
führe diesen merkwürdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln
auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen,
wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstände bei ihren
einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die
vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den
Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle überzeugt,
hatten mir großes Zutrauen zu Louis Berthoud’s Uhr gegeben, so oft sie
nicht auf den Maulthieren starken Stößen ausgesetzt war.

Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniß boten sehr auffallende
atmosphärische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter,
das heißt in der Jahreszeit des bewölkten Himmels und der kurzen
Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der
Nacht ein röthlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten
einen mehr oder minder dichten Schleier über das blaue Himmelsgewölbe. Der
Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs größere Feuchtigkeit an, sondern
ging vielmehr oft von 90° auf 83° zurück. Die Hitze bei Tag war 28--32°,
also für diesen Strich der heißen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der
Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die
Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weiße Wolken im Zenith und
dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so
auffallend durchsichtig, daß man noch Sterne der vierten Größe dadurch
sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, daß es war, als stünde
die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten
Streifen, die, wie durch elektrische Abstoßung, in gleichen Abständen
fortliefen. Es sind dieß dieselben kleinen weißen Dunstmassen, die ich auf
den Gipfeln der höchsten Anden über mir gesehen, und die in mehreren
Sprachen *Schäfchen*, _moutons_ heißen. Wenn der röthliche Nebel den
Himmel leicht überzog, so behielten die Sterne der ersten Größen, die in
Cumana über 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr
ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Höhen, wie nach
einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den
Hygrometer an der Erdoberfläche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich
blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen großen
Theil des Horizonts übersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel
Anziehendes für mich, bei heiterem Himmel ein großes Sternbild ins Auge zu
fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstbläschen sich bilden, wie um
einen Kern anschießen, verschwinden und sich von neuem bilden.

Zwischen dem 28. October und 3. November war der röthlichte Nebel dicker
als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der
Thermometer nur auf 26° stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun
Uhr Abends die Luft abkühlt, ließ sich gar nicht spüren. Die Luft war wie
in Gluth; der staubigte, ausgedörrte Boden bekam überall Risse. Am
4. November gegen zwei Uhr Nachmittags hüllten dicke, sehr schwarze Wolken
die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rückten allmählich bis
ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an über uns zu donnern, aber ungemein
hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schläge. Im Moment, wo
die stärkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten,
erfolgten zwei Erdstöße, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut
auf der Straße. Bonpland, der über einen Tisch gebeugt Pflanzen
untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spürte den Stoß
sehr stark, obgleich ich in einer Hängematte lag. Die Richtung des Stoßes
war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Süd. Sklaven,
die aus einem 18--20 Fuß tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schöpften,
hörten ein Getöse wie einen starken Kanonenschuß. Das Getöse schien aus
dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die übrigens
in allen Ländern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, häufig
vorkommt.

Einige Minuten vor dem ersten Stoß trat ein heftiger Sturm ein, dem ein
elektrischer Regen mit großen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die
Elektricität der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kügelchen
wichen vier Linien auseinander; die Elektricität wechselte oft zwischen
positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im nördlichen Europa
zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm
folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der
Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke
Wolkenschleier zerriß dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne
erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein
stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die
Wolken waren vergoldet und Strahlenbündel in den schönsten
Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem
großen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das
Erdbeben, der Donnerschlag während desselben, der rothe Nebel seit so
vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniß zugeschrieben.

Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoß, weit schwächer als die
ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen
Geräusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewöhnlich, aber
der Gang der stündlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphärischen H
Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im
Moment, wo der Erdstoß eintrat, eben auf dem Minimum der Höhe; es stieg
wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr
Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen
Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der röthlichte Nebel
so dick, daß ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schönen Hof von
12 Grad Durchmesser erkennen konnte.

Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana
durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört worden. Das Volk sieht die
Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei
Nacht für sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die
sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stöße für den andern Tag
anzeigten. Besonders groß und allgemein wurde die Unruhe, als am
5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat,
dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es ließ sich
kein Stoß spüren. Sturm und Gewitter kamen fünf oder sechs Tage zur selben
Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die
Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung
gemacht, daß scheinbar ganz zufällige atmosphärische Veränderungen
wochenlang mit erstaunlicher Regelmäßigkeit nach einem gewissen Typus
eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemäßigten Erdstrich
vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Häufig sieht
man nämlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an
derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung
fortziehen und sich in derselben Höhe wieder auflösen, bald vor, bald nach
dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten
zur selben *wahren Zeit*.

Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um
so stärkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufällig, von so
auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine
wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenförmiger Stoß. Ich hätte
damals nicht geglaubt, daß ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen
von Quito und an den Küsten von Peru mich selbst an ziemlich starke
Bewegungen des Bodens so sehr gewöhnen würde, wie wir in Europa an das
Donnern gewöhnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran,
bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebrülle (_bramidos_) das
immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen
7--8 Minuten vorher) einen Stoß ankündigte, dessen Stärke nur selten mit
dem Grad des Getöses im Verhältniß steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner,
die wissen, daß in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstört worden
ist, theilt sich bald selbst dem ängstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist
es nicht so sehr die Besorgniß vor Gefahr, als die eigenthümliche
Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur
einen ganz leichten Erdstoß empfindet.

Von Kindheit auf prägen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein;
das Wasser gilt uns für ein bewegliches Element, die Erde für eine
unbewegliche, träge Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der täglichen
Erfahrung und hängen mit allen unsern Sinneseindrücken zusammen. Läßt sich
ein Erdstoß spüren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir für
unerschütterlich gehalten, so ist eine langjährige Täuschung in einen
Augenblick zerstört. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes
Erwachen; man fühlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine
scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geräusch, man mißtraut
zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuß
gesetzt. Wiederholen sich die Stöße, treten sie mehrere Tage hinter
einander häufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784
waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewöhnt, unter ihren Füßen
donnern zuhören, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch faßt sehr
schnell wieder Zutrauen, und an den Küsten von Peru gewöhnt man sich am
Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stöße, die
das Fahrzeug von den Wellen erhält.

Der röthlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog,
hatte seit dem 7. November aufgehört. Die Luft war wieder so rein wie
sonst und das Himmelsgewölbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den
Klimaten eigen ist, wo die Wärme, das Licht und große Gleichförmigkeit der
elektrischen Spannung mit einander die vollständigste Auflösung des
Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum
achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die
Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen.

Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstärke der schönen
Sterne am südlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See
sorgfältige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie später bei
meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphären
fort. Es war über ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den
Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die
Sterne nahe am Südpol werden meist so oberflächlich und so wenig anhaltend
beobachtet, daß in ihrer Lichtstärke und in ihrer eigenen Bewegung die
größten Veränderungen eintreten können, ohne daß die Astronomen das
Geringste davon erfahren. Ich glaube Veränderungen der Art in den
Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach
einem Mittel aus sehr vielen Schätzungen habe ich die relative Lichtstärke
der großen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius,
Canopus, α des Centauren, Achernar, β des Centauren, Fomalhaut, Rigel,
Procyon, Beteigeuze, ε des großen Hundes, δ des großen Hundes, α des
Kranichs, α des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich
anderswo veröffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je
50--60 Jahren Reisende die Lichtstärke der Sterne von Neuem beobachten und
darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgängen an der Oberfläche der
Himmelskörper oder von ihrem veränderten Abstand von unserem
Planetensystem herrühren.

Hat man in unsern nördlichen Himmelsstrichen und in der heißen Zone lange
mit denselben Fernröhren beobachtet, so ist man überrascht, wie deutlich
in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren
Schwächung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und
gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man
bessere Instrumente unter den Händen zu haben, so viel deutlicher, so viel
schärfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstände unter den Tropen. So viel
ist sicher, wird einst Südamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten
Cultur, so muß die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen,
sobald man einmal anfängt im trockenen, heißen Klima von Cumana, Coro und
der Insel Margarita den Himmel mit vorzüglichen Werkzeugen zu beobachten.
Des Rückens der Cordilleren erwähne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich
dürre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus,
auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der
Meeresfläche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veränderlich ist.
Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit
fast beständig vorkommt, bietet vollen Ersatz für die hohe Lage und die
verdünnte Luft auf den Plateaus.

Die Nacht vom 11. zum 12. November war kühl und ausnehmend schön. Gegen
Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost höchst merkwürdige
Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kühle
zu genießen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und
Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung
war sehr regelmäßig von Nord nach Süd; sie füllten ein Stück des Himmels,
das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Süd reichte. Auf einer
Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost über den
Horizont aufsteigen, größere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem
sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Süd niederfallen.
Manche stiegen 40 Grad hoch, alle höher als 25--30 Grad. Der Wind war in
der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war
keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der
Erscheinung kein Stück am Himmel so groß als drei Monddurchmesser, das
nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt hätte.
Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Größen
sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmöglich
eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore ließen 8--10 Grad lange Lichtstreifen
hinter sich zurück, was zwischen den Wendekreisen häufig vorkommt. Die
Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche
Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Größe der
Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die
Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die größten, von
1--1° 13′ Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und ließen
leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_‘trabes’_) hinter sich. Das
Licht der Meteore war weiß, nicht röthlicht, wahrscheinlich weil die Luft
ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter
den Tropen die Sterne erster Größe beim Aufgehen ein auffallend weißeres
Licht als in Europa.

Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor
vier Uhr aus den Häusern gehen, um die Frühmesse zu hören. Der Anblick der
Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgültig; die ältesten erinnerten
sich, daß dem großen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz ähnliches Phänomen
vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf
den Beinen; sie behaupteten, »das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts
begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurückgekommen, haben sie
schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen.« Sie
versicherten zugleich, auf dieser Küste seyen nach zwei Uhr Morgens
Feuermeteore sehr selten.

Von vier Uhr an hörte die Erscheinung allmählich auf; Feuerkugeln und
Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine
Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weißen Licht und dem
raschen Hinfahren erkennen. Dieß erscheint nicht so auffallend, wenn ich
daran erinnere, daß im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das
Innere der Häuser durch einen ungeheuer großen Meteorstein stark
erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein
über die Stadt weg. Am 26. September 1800, während unseres zweiten
Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die
Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich
die Sonnenscheibe über den Horizont erhoben, den Planeten mit bloßem Auge
deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewölk, aber Jupiter stand
auf blauem Grunde. Diese Fälle beweisen, wie rein und durchsichtig die
Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist
desto kleiner, je vollständiger der Wasserdunst aufgelöst ist. Dieselbe
Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert
auch die Schwächung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom
Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht.

Der 12. November war wieder ein sehr heißer Tag und der Hygrometer zeigte
eine für dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der
röthlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch
herauf. Es war das letztemal, daß man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke
hier, daß derselbe unter dem schönen Himmel von Cumana im Allgemeinen so
selten ist, als er in Acapulco auf der Westküste von Mexico häufig
vorkommt.

Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen
auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so
versäumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns
überall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden
seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner größtentheils im Freien
schlafen, konnte eine so außerordentliche Erscheinung nur da unbemerkt
bleiben, wo sie sich durch bewölkten Himmel der Beobachtung entzog. Der
Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen
der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Fällen des Orinoco und
in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das
Himmelsgewölbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen südwestlich von
Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phänomen mit einem schönen
Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewährt. Einige Geistliche
hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben
nach den nächsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der
Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Höhe. Nach der Lage der Berge
und dichten Wälder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das
kleine Dorf Maroa liegen, mögen die Feuerkugeln noch 20 Grad über dem
Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Südende von spanisch Guyana, im kleinen
Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos
Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in
diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel
das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14)

Ich wunderte mich sehr über die ungeheure Höhe, in der die Feuerkugeln
gestanden haben mußten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze
von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie
staunte ich aber, als ich bei meiner Rückkehr nach Europa erfuhr, die
selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Längegrade großen Stück
des Erdballs, unter dem Aequator, in Südamerika, in Labrador und in
Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach
Bordeaux fand ich zufällig in den Verhandlungen der pennsylvanischen
Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten
Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder
nach Berlin ging, auf der Göttinger Bibliothek den Bericht der mährischen
Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die
Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana,
die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben
Gegenstand betreffen.

Ich gebe im Folgenden eine gedrängte Zusammenstellung der Beobachtungen:
1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad über
dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10° 27′ 52″,
Länge 66° 30′), in Porto-Cabello (Breite 10° 6′ 52″, Länge 67° 5′) und an
der Grenze von Brasilien in der Nähe des Aequators unter 70° der Länge vom
Pariser Meridian. 2) In französisch Guyana (Breite 40° 56′, Länge 54° 35′)
»sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden
lang schossen unzählige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten
ein so starkes Licht, daß man die Meteore mit den sprühenden Funkengarben
bei einem Feuerwerk vergleichen konnte.« Für diese Thatsache liegt ein
höchst achtungswerthes Zeugniß vor, das des Grafen Marbois, der damals als
ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhänglichkeit an
verfassungsmäßige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der
Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er
trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet
hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und
81° 50′ der Länge. Er sah am ganzen Himmel »so viel Meteore als Sterne;
sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht
niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff
herabkommen.« Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30° 43′
der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56° 55′) und
Hoffenthal (Breite 58°,4′), in Grönland zu Lichtenau (Breite 61° 5′) und
Neu-Herrnhut (Breite 64° 14′, Länge 52° 20′) erschraken die Eskimos über
die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Dämmerung nach allen
Himmelsgegenden niederfielen, »und von denen manche einen Schuh breit
waren.« 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstädt bei Weimar,
Zeising (Breite 50° 59′, östliche Länge 9° 1′), am 12. November zwischen 6
und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige
Sternschnuppen mit sehr weißem Licht. »Kurz darauf erschienen gegen Süd
und Südwest 4--6 Fuß lange, röthliche Lichtstreifen, ähnlich denen einer
Rakete. In der Morgendämmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu
Zeit den Himmel durch weißlichte, in Schlangenlinien am Horizont
hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kälter geworden
und der Barometer war gestiegen.« Sehr wahrscheinlich hätte das Meteor
noch weiter ostwärts in Polen und Rußland gesehen werden können. Ohne die
umständliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstädt
entnommen, hätten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen außerhalb der
Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden.

Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach
Herrnhut in Grönland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen
Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt dieß für dieselben eine
Höhe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen
gegen Süd und Südwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man könnte
deßhalb glauben, zahllose Aerolithen müßten zwischen Afrika und Südamerika
westwärts von den Inseln des grünen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn.
Wie kommt es aber, daß die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana
verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen
wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer
Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten
angestellten Beobachtungen fehlt. Ich möchte fast glauben, daß die Chaymas
in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen
in Brasilien und die Missionäre in Labrador; immer aber bleibt es
unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir höchst merkwürdig), daß in
der neuen Welt zwischen 46° und 82° der Länge, vom Aequator bis zu 64° der
Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und
Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flächenraum von 921,000
Quadratmeilen erschienen die Meteore überall gleich glänzend.

Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit über die
Sternschnuppen und ihre Parallaxen so mühsame Untersuchungen angestellt
haben, betrachten sie als Meteore, die der äußersten Grenze unseres
Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der
leichtesten Wolken(15) angehören. Es sind welche beobachtet worden, die
nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die höchsten scheinen
nicht über 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben häufig über 100 Fuß
Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, daß sie in wenigen
Secunden zwei Meilen zurücklegen. Man hat welche gemessen, die fast
senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen.
Aus diesem sehr merkwürdigen Umstand hat man geschlossen, daß die
Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich
Himmelskörpern durch den Raum gezogen, sich entzünden, wenn sie zufällig
in unsere Atmosphäre gerathen, und zur Erde fallen.

Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben mögen, so hält es
schwer, sich in einer Region, wo die Luft verdünnter ist als im luftleeren
Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Höhe) das Quecksilber im
Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stünde, sich eine plötzliche Entzündung
zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichförmige Gemisch
der atmosphärischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Höhe, folglich nicht über
die höchste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man könnte annehmen,
bei den frühesten Umwälzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt
ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die
Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen
von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, daß eine oberste, von
den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die
gasförmigen Körper mischen sich und durchdringen einander bei der
geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte hätte sich ein
gleichförmiges Gemisch herstellen müssen, wenn man nicht eine abstoßende
Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Körper
etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugänglichen Regionen
der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts
eigenthümliche luftförmige Flüssigkeiten an, wie will man es erklären, daß
sich nicht die ganze Schicht dieser Flüssigkeiten zumal entzündet, daß
vielmehr Gasausströmungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen?
Wie soll man sich ohne die Bildung von Dünsten, die einer ungleichen
Ladung fähig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer
Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250° unter Null beträgt, und
die so verdünnt ist, daß die Compression durch den elektrischen Schlag so
gut wie keine Wärme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten würden
großentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in
der sie sich bewegen, als Körper mit festem Kern, als *kosmische* (dem
Himmelsraum außerhalb unseres Luftkreises angehörige), nicht als
*tellurische* (nur unserem Planeten angehörige) Erscheinungen betrachten
könnte.

Hatten die Meteore in Cumana nur die Höhe, in der sich die Sternschnuppen
gewöhnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310
Meilen aus einander liegen, über dem Horizont gesehen werden. Wie
außerordentlich muß nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen
die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden
lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am
Aequator, in Grönland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht
die scharfsinnige Bemerkung, daß dieselbe Ursache, aus der das Phänomen
häufiger eintritt, auch auf die Größe der Meteore und ihre Lichtstärke
Einfluß äußert. In Europa sieht man in den Nächten, in denen am meisten
Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz
kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch
interessanter. In manchen Monaten zählte Brandes in unserem gemäßigten
Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die
Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter,
so kann man sicher darauf rechnen, daß hinter diesem glänzenden Meteor
viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so
ist es höchst wahrscheinlich, daß dieß mehrere Wochen anhält. In den hohen
Luftregionen, an der äußersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere
sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur
Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten.
Hängt die Periodicität dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der
Atmosphäre ab, oder von etwas, das der Atmosphäre von auswärts zukommt,
während die Erde in der Ekliptik fortrückt? Von alle dem wissen wir gerade
so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras.

Was die Sternschnuppen für sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner
eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen häufiger zu seyn als in
gemäßigten Landstrichen, über den Festländern und an gewissen Küsten
häufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberfläche des
Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der
Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich
ändert, ihre Einflüsse noch in Höhen äußern, wo ewiger Winter herrscht?
Daß in gewissen Jahreszeiten und über manchen dürren, pflanzenlosen Ebenen
der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf
hinzudeuten, daß dieser Einfluß sich wenigstens bis zur Höhe von 5--600
Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der
Hochebene der Anden ist vor dreißig Jahren eine ähnliche Erscheinung wie
die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an
Einem Stück des Himmels, über dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in
solcher Menge aufsteigen, daß man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer.
Dieses außerordentliche Schauspiel dauerte über eine Stunde; das Volk lief
auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die
höchsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe
vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, daß das
Feuer am Horizont von Feuermeteoren herrührte, die bis zur Höhe von 12 bis
15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schoßen.

                            ------------------





   14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der südlichen Halbkugel in
      Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen
      hätte. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphäre, der in diesen
      westlichen Ländern sehr veränderlich ist, daran Schuld.

   15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Rücken der Anden in mehr als 2700
      Toisen Meereshöhe über die *Schäfchen* oder kleinen weißen,
      gekräuselten Wolken schätzte ich die Höhe derselben zuweilen auf
      mehr als [] Toisen über der Küste.





ELFTES KAPITEL.


    Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das
            Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas.


Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um längs der
Küste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die
Einwohner von Venezuela den größten Theil ihrer Produkte ausführen. Es
sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt währt meist nur 36--40 Stunden. Den
kleinen Küstenfahrzeugen kommen Wind und Strömungen zumal zu gut; letztere
streichen mehr oder minder stark von Ost nach West längs den Küsten von
Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa.
Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so
ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit
allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsblöcke und
einer wuchernden Vegetation zu kämpfen; man muß unter freiem Himmel
schlafen, die Thäler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und über Ströme
setzen, die wegen der Nähe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen
Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende läuft, weil das Land sehr
ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Küstenkette und dem
Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die
von einem ungeheuren Gehölz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus
umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem dürren Boden
und dem Mangel an Regen.

Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas
nach Cumana zurückgeht und nicht gerne gegen die Strömung fährt. Der
Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen häufig Leute, die
sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen
Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel
gegen diese Fieber ist, wächst in denselben Thälern, am Saume derselben
Wälder, deren Ausdünstungen so gefährlich sind. Der kranke Reisende macht
Halt in einer Hütte, deren Bewohner nichts davon wissen, daß die Bäume,
welche die Thalgründe umher beschatten, das Fieber vertreiben.

Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir
wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort über die
großen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen
ungeheuren Strom südlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur
Grenze von Brasilien hinauffahren und über die Hauptstadt des spanischen
Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpaß geheißen,
nach Cumana zurückkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen,
wovon wir über zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen würden,
ließ sich unmöglich bestimmen. Auf den Küsten kennt man nur das Stück des
Orinoco nahe an seiner Mündung; mit den Missionen besteht lediglich kein
Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist für die Einwohner von
Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen
bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Süd
fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in
Verbindung; andere halten wegen der großen Sterblichkeit unter den Truppen
Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land südlich von
den Katarakten von Amtes für äußerst ungesund. In einem Lande, wo man so
wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenüber die
Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu
übertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten
mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht
gewöhnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefaßten Entschlusse fest. Wir
konnten auf die Theilnahme und Unterstützung des Statthalters der Provinz,
Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der
Franziscanermönche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen
Herren sind.

Zum Glück für uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in
Cumana. Dieser junge Mönch war nur ein Laienbruder, aber sehr verständig,
gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Küste
hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen
von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer große Aufregung
herrscht, das Mißfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei übte
eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen
konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern
Orinoco, berüchtigt durch die Unzahl bösartiger Insekten, welche Jahr aus
Jahr ein die Luft erfüllen. Fray Juan Gonzales war mit den Wäldern
zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt.
Eine andere Umwälzung im republikanischen Regiment der Mönche hatte ihn
seit einigen Jahren wieder an die Küste gebracht und er stand bei seinen
Obern in verdienter Achtung. Er bestärkte uns in unserem Verlangen, die
vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns
guten Rath für die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er
selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnügen auf
der Rückreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder
anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte,
übernahm er es gefällig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und
unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen
gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der
uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines
Ordens große Dienste hätte leisten können, kam im Jahr 1801 in einem Sturm
an der afrikanischen Küste ums Leben.

Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von
denen, die zum Handel an den Küsten und mit den Antillen gebraucht werden.
Sie sind dreißig Fuß lang und haben nicht mehr als drei Fuß Bord über
Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewöhnlich 200 bis 250 Centner.
Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie
ein ungeheures dreieckiges Segel führen, was bei den Windstößen, die aus
den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit
dreißig Jahren kein Beispiel, daß eines dieser Fahrzeuge auf der
Ueberfahrt von Cumana an die Küste von Caracas gesunken wäre. Die
indianischen Schiffer sind so gewandt, daß selbst bei ihren häufigen
Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den dänischen Inseln, die mit
Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehört. Diese
120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Küste mehr
sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne
Beobachtung der Sonnenhöhe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compaß
unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem
Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er
voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom
Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen
und  des großen Bären zu finden wußten, und es kam mir vor, als steuerten
sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man
wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel
Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der
Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so glücklich. Wenn sich
die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande nähern, kommen sie gegen Ost gegen
Wind und Strömung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die
Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des
Octanten schwer zu büßen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen,
welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen,
in Sicht bekommen müssen, um ihres Weges gewiß zu seyn.

Wir fuhren rasch den kleinen Fluß Manzanares hinab, dessen Krümmungen
Cocosbäume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf
dem anstoßenden dürren Strande schimmerten auf den Dornbüschen, die bei
Tag nur staubigte Blätter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend
Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man
wird unter den Tropen des Schauspiels nicht müde, wenn diese hin und her
zuckenden röthlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre
Bilder und die der Sterne am Himmelsgewölbe unter einander wimmeln.

Wir schieden vom Küstenlande von Cumana, als hätten wir lange da gelebt.
Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach
dem ich mich seit meiner frühesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der
Natur im indischen Klima ist so mächtig und großartig, daß man schon nach
wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In
Europa hat der Nordländer und der Bewohner der Niederung selbst nach
kurzem Besuch eine ähnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von
der köstlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von
der wilden, großartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenäen scheidet.
Ueberall in der gemäßigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt
nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens
haben Familienähnlichkeit mit denen, die unter dem schönen Himmel
Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den
Tiefländern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur.
Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa
mahnt; denn von der Vegetation hängt der Charakter einer Landschaft ab;
sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast
zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und mächtiger
die Eindrücke sind, desto mehr löschen sie frühere Eindrücke aus, und
durch die Stärke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich
auf alle, die mit mehr Sinn für die Schönheiten der Natur als für die
Reize des geselligen Lebens lange in der heißen Zone gelebt haben. Das
erste Land, das ihr Fuß betreten, wie theuer und denkwürdig bleibt es
ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins höchste Alter, regt sich in ihnen
ein dunkles Sehnsuchtsgefühl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein
staubigter Boden stehen noch jetzt weit öfter vor meinem inneren Auge als
alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schönen südlichen Himmel wird
selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die
Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht
allein, sie färbt die Gegenstände, sie umgibt sie mit einem leichten Duft,
der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben
harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und über die Natur eine Ruhe
ausgießt, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen
Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kärglich bewaldeter
Küstenstriche zu begreifen, bedenke man nur, daß von Neapel dem Aequator
zu der Himmel in dem Verhältniß immer schöner wird, wie von der Provence
nach Unteritalien.

Wir liefen während der Fluth über die Barre, welche der kleine Manzanares
an seiner Mündung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die
Gewässer des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen,
aber der Theil der Milchstraße zwischen den Füßen des Centauren und dem
Sternbild des Schützen schien einen Silberschimmer auf die Meeresfläche zu
werfen. Der weiße Fels, auf dem das Schloß San Antonio steht, tauchte
zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht
lange, so erkannten wir die Küste nur noch an den zerstreuten Lichtern
fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und
das schmerzliche Gefühl, scheiden zu müssen. Vor fünf Monaten hatten wir
dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der
ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit
Zagen den Fuß setzend. Jetzt, da diese Küste unsern Blicken entschwand,
lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt dünkten. Boden,
Gebirgsart, Gewächse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden.

Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel
Araya zuhielten; dann fuhren wir dreißig Meilen nach West und
West-Süd-West. In der Nähe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und
bis zu den Bergölquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein
belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in
diesem Klima so häufig bietet. Schwärme von Tummlern zogen unserem
Fahrzeug nach. Ihrer fünfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand
von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf
die Wasserfläche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war,
als bräche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm ließ beim
Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurück. Dieß fiel
uns um so mehr auf, da außerdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag
eines Ruders und der Stoß des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken
gaben, so muß man wohl annehmen, daß der starke Lichtschein, der von den
Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herrührte, sondern
auch von der gallertartigen Materie, die ihren Körper überzieht und vom
Stoß der Wellen abgerieben wird.

Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie
Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und
Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerklüfteten,
kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera
bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land.
Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Trümmer der
alten Küste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West
lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die
sicher eines Tages stark besuchte Häfen werden. Das zerrissene Land, die
zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine große
Umwälzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge
gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom
Gneiß des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht
man in Cumana von den flachen Dächern, und dort zeigen sich an ihnen in
Folge der verschiedenen Temperatur der über einander gelagerten
Luftschichten die sonderbarsten Verrückungen und Luftspiegelungen. Diese
Felsen sind schwerlich über 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht
scheinen sie von sehr bedeutender Höhe.

Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heißen, so weit von der Stadt
dieses Namens, der Küste der Cumanagotos gegenüber zu finden; aber Caracas
bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen
Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe
hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale
Wasserfäden in der Strömung auf Boracha zu, das größte der Eilande. Da die
Felsen fast senkrecht aufsteigen, so fällt der Meeresgrund steil ab und
auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, daß
sie beinahe ans Land stießen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen,
seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein
erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Wärme durch
Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne über den Horizont stieg,
desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die
Meeresfläche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur
in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese
Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde,
braune, sehr große, schnellfüßige Ziegen mit -- wie unser Steuermann
versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreißig Jahren hatte
sich eine weiße Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc
gebaut. Der Vater überlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein
Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und dieß ward
sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen
verwilderten, nicht so die Kulturgewächse. Der Mais in Amerika, wie der
Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu
erhalten, an den sie seit seinen frühesten Wanderungen gekettet sind. Wohl
wachsen diese nährenden Gräser hin und wieder aus verstreuten Samen auf;
wenn sie sich aber selbst überlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die
Vögel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas
entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; für ein an so einsamem Ort
begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser
Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen
angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach
dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, daß er alle
Verhafteten aufknüpfte, gegen die längst das Todesurtheil gefällt war. Man
sollte kaum glauben, daß es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr
Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Händen diejenigen
abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben.

Wir verließen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knüpfen, und
ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Mündung
des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen
Inipiricuar lautet. Der Fluß wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis
auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehören zu
der Art, die im Orinoco so häufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so
sehr gleicht, daß man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht
ein, daß ein Thier, dessen Körper in einer Art Panzer steckt, für die
Schärfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta
sah, wie er in seinem kürzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzählt,
auf der Küste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am
Lande leben. Diese Beobachtungen werden für die Geologie von Bedeutung,
seit man in dieser Wissenschaft die Süßwasserbildungen näher ins Auge
faßt, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See-
und Süßwasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen.

Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt
seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden
größtentheils die Produkte der weiten Steppen ausgeführt, die sich vom
Südabhang der Küstenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind
an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die
Handelsindustrie dieser Länder gründet sich auf den Bedarf der großen und
kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden.
Da die Küsten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von
15--18 Tagereisen gegenüber liegen, so beziehen die Handelsleute in der
Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona,
als daß sie das Wagniß einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur
Mündung des Rio de la Plata übernähmen. Von der schwarzen Bevölkerung von
1,300,000 Köpfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zählt, kommen
auf Cuba allein über 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemüßen,
gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das
gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma führt, ladet 20 bis
30,000 Arobas, deren Handelswerth über 45,000 Piaster beträgt. Barcelona
ist besonders für den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei
Tagen aus den Llanos in den Hafen, während sie wegen der Gebirgskette des
Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den
Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und
1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere
nach den spanischen, englischen und französischen Inseln eingeschifft. Wie
viele aus Burburata, Coro und aus den Mündungen des Guarapiche und Orinoco
ausgeführt werden, weiß ich nicht genau; aber trotz der Einflüsse, durch
welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas
herabgebracht worden ist, müssen, nach meiner Schätzung, diese
unermeßlichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jährlich in
den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster
(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen
3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De
Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt
kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da
er als Agent der französischen Regierung sich fortwährend in der Stadt
Caracas aufhalten mußte, so mögen die Besitzer der *Hatos* bei den
Schätzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben.

Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines
Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen über dem Meere liegt. Es
ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Süd von einem
weit höheren Berge beherrscht, und Sachverständige behaupten, es könnte
dem Feind, nachdem er zwischen der Mündung des Flusses und dem Morro
gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden
Höhen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht über
die englischen Kreuzer, die längs der Küsten stationirt waren. Zwei
unserer Reisegefährten, Brüder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus
Spanien, wo sie in der königlichen Garde gedient hatten. Es waren sehr
gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem
Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurück.
Ihnen mußte noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica
geführt zu werden. Ich hatte keine Pässe von der Admiralität; aber im
Vertrauen auf den Schutz, den die großbritannische Regierung Reisenden
gewährt, die bloß wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich
nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad
geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Ländern suchte. Die
Antwort, die mir über den Meerbusen von Paria zukam, war sehr
befriedigend.

Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich
Mondshöhen auf, um die Länge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von
Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr
viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden
aus einander. Ich habe mich über diese Entfernung, über die damals viele
Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der
Magnetnadel fand ich gleich 42°,20; 224 Schwingungen gaben die Intensität
der magnetischen Kraft an.

Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und
zieht sich gegen Süden zurück; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei
Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser
25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberfläche war 25°,9,
als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu
mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24°,5. Der
Unterschied zeigte sich beständig; er wäre vielleicht bedeutender, wenn
die Strömung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbrächte,
und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhöhung der
Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Bänken, die bei
der Ebbe über Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll über den
mittleren Wasserstand. Ihre Oberfläche ist völlig eben und mit Gras
bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben.
Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball über der
Grasflur zu hängen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen
beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte.
Wenn aber auch in der heißen Zone an tiefen, feuchten Orten Gräser und
Riedgräser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem
Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen,
die nur eben über die Gräser emporragen und sich vom ebenen grünen Grunde
abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den
Tropen ein solcher Trieb in den Gewächsen, daß die kleinsten
dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Sträuchern werden. Man könnte sagen,
die Liliengewächse, die unter den Gräsern wachsen, vertreten unsere
Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie
nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut
aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhältniß
nicht aufkommen, das zwischen den Gewächsen besteht, die bei uns den Rasen
und die Wiese bilden. Die gütige Natur verleiht unter allen Zonen der
Landschaft einen ihr eigenthümlichen Reiz des Schönen.

Man darf sich nicht wundern, daß fruchtbare Inseln so nahe der Küste
gegenwärtig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die
Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Küsten waren,
gründeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald
die Eingeborenen unterworfen oder südwärts den Savanen zu gedrängt waren,
ließ man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter
Ländereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Lägen
die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel
der Antillen, so wären sie nicht unangebaut geblieben.

Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der
südlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre
Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren,
sehr gefürchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der
Mündung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still
gewesen, immer unruhiger, je näher wir Cap Codera kamen. Der Einfluß
dieses großen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen
weithin fühlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra hängt
davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt.
Jenseits dieses Caps ist die See beständig so unruhig, daß man nicht mehr
an der Küste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum
Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stürmen weiß. Der Stoß der Wellen
wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefährten litten
sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glück,
nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht über. Bei Sonnenaufgang am
20. November waren wir so weit, daß wir hoffen konnten das Cap in wenigen
Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra
zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort
vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im
kleinen Hafen Higuerote, über den wir schon hinaus waren, vor Anker zu
gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man
Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiß man zum voraus,
wofür sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man mußte nachgeben,
und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in
der Bucht von Higuerote, westwärts von der Mündung des Rio Capaya.

Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen
Fischern, Mestizen, bewohnte Hütten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die
auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, daß diese Gegend eine der
ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Küste
ist. Die See ist hier so seicht, daß man in der kleinsten Barke nicht
landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Wälder ziehen sich bis
zum Strande herunter, und diesen überzieht ein dichtes Buschwerk von
sogenannten Wurzelträgern, Avicennien, Manschenillbäumen und der neuen Art
der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _‘Romero de la mar’_ heißt.
Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausdünstungen der Wurzelträger oder
Manglebäume, schreibt man es hier, wie überall in beiden Indien, zu, daß
die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein
fader, süßlicher Geruch entgegen, ähnlich dem, den in verlassenen
Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verlöschen anfangen, das mit Schimmel
überzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in
Folge der Reverberation des weißen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk
und den hochgipfligten Waldbäumen hinzog. Da der Boden einen ganz
unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier
sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebäume bald
unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse
Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten
Blätter und die im angeschwemmten Seetang hängenden Weichthiere gleichsam
in Gährung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schädlichen Gase,
die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Küste zeigt
das Seewasser da, wo es mit den Manglebäumen in Berührung kommt, eine
braungelbe Färbung.

Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein
ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in
Caracas mit dem Aufguß des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der
Aufguß mit heißem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden
Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die
Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den
natürlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben
Eigenschaften. Der Aufguß des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwölf
Tage lang mit atmosphärischer Luft in Berührung gebracht; die Reinheit
derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein
kleiner flockigter, schwärzlichter Bodensatz, aber eine merkbare
Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des
Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei
nachahmen, was in der Natur auf der Küste bei steigender Fluth täglich
vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen
ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff
und Kohlensäure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an.
Endlich ließ ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stöpsel eine bestimmte
Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphärische Luft einwirken.
Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch
kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur
0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem
absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch flüchtigen
Untersuchung war ich der Ansicht, daß die Luft in den Manglegebüschen
durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark
gelb gefärbte Schichte Seewasser, die längs der Küste einen deutlichen
Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie,
auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche
Reisende den eigenthümlichen Geruch unter den Manglebäumen zuschreiben.
Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren
Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen
Strand- und Seegewächsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff
entbunden; ich glaube aber vielmehr, daß Rhizophora, Avicennia und
Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den
sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Sträucher gehören zu den drei
natürlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die
reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, daß
dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nußbäume mit
Gallerte verbunden ist.

Uebrigens würde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schädliche
Ausdünstungen Verbreiten, wenn es auch aus Bäumen bestände, die an sich
keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo
Manglebäume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und
Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und
im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter über dem Wasser
steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften
sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Stämme, der
Tang, den Wind und Fluth an die Küsten treiben, bleibt an den sich zum
Boden niederneigenden Zweigen hängen. Auf diese Weise, indem sich der
Schlamm zwischen den Wurzeln anhäuft, wird durch die Küstenwälder das
feste Land allgemach vergrößert; aber während sie so der See Boden
abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maaß, als sie
vorrücken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebäume und die andern
Gewächse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden
trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit
Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Stämme bezeichnen nach
Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die
Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen.

Die Bucht von Higuerote ist sehr günstig gelegen, um das Vorgebirge
Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem
daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch
seine Höhe, die mir nach Höhenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht
über 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West fällt es steil
ab, und man meint an diesen großen Profilen die fallenden Schichten zu
unterscheiden. Die Schichten zunächst bei der Bucht strichen Nord 60° West
und fielen unter 80° nach Nordwest. Am großen Berge Silla und östlich von
Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben,
und daraus scheint hervorzugehen, daß die Urgebirgskette dieser Landenge,
die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez
und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera
wieder auftritt und gegen West als Küstenkette fortstreicht.

Meinen Reisegefährten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern
unseres kleinen Schiffes so bange, daß sie beschlossen, den Landweg von
Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe führt durch ein wildes,
feuchtes Land, durch die Montana de Capaja nördlich von Caucagua, durch
das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, daß auch
Bonpland diesen Weg wählte, auf dem er trotz des beständigen Regens und
der ausgetretenen Flüsse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst
ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir
zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus
den Augen zu lassen.

Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr
günstig und wir hatten viele Mühe, um Cap Codera herum zu kommen; die
Wellen waren kurz und brachen sich häufig in einander; es gehörte die
Erschöpfung durch einen furchtbar heißen Tag dazu, um in einem kleinen,
dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu können. Die See ging um so
höher, als der Wind bis nach Mitternacht der Strömung entgegen blies. Der
zwischen den Wendekreisen überall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen
ist an diesen Küsten nur während zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu
spüren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor,
daß die Strömung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon
öfter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die
Strömung, die von West nach Ost ging, nicht bewältigen, obgleich sie den
Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmäßigkeiten ist bis
jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stürmen aus Nordwest im
Golf von Mexico zu, aber diese Stürme sind im Frühjahr weit stärker als im
Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, daß die Strömung nach Osten geht,
bevor der Seewind sich ändert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach
einigen Tagen geht auch der Wind der Strömung nach und bläst beständig aus
West. Während dieser Vorgänge bleiben die kleinen Schwankungen des
Barometers auf und ab in ihrer Regelmäßigleit durchaus ungestört.

Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwärts vom Cap
Codera dem Curuao gegenüber. Der indianische Steuermann erschrack nicht
wenig, als sich nordwärts in der Entfernung einer Seemeile eine englische
Fregatte blicken ließ. Sie hielt uns wahrscheinlich für eines der
Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles
organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete
Lizenzscheine führten. Sie ließ uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen
schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Küste felsigt und
sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und
malerisch. Wir waren so nahe am Land, daß wir die zerstreuten von
Cocospalmen umgebenen Hütten unterschieden und die Massen von Grün sich
vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge
drei, viertausend Fuß hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite
Schlagschatten über das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und
geschmückt mit frischem Grün daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen
großentheils die tropischen Früchte, die man auf den Märkten von Caracas
in so großer Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich
mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thäler hinauf, die
Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne
fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und
Schatten.

Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die höchsten Gipfel dieser
Küstenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenäen; es
ist als stiegen die Pyrenäen oder die Alpen, von ihrem Schnee entblöst,
gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die
Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei
Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Hügel mit sanftem Abhang
erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel
Zuckerrohr und die barmherzigen Brüder haben daselbst eine Pflanzung und
200 Sklaven. Die Gegend war früher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man
behauptet, die Luft sey gesünder geworden, seit man um einen Teich, dessen
Ausdünstungen man besonders fürchtete, Bäume gepflanzt hat, so daß das
Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda
läuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von
geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das hübsch
gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra
mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken über einander und in duftiger
Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelförmigen, blendend weißen
Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnußbäume säumen das Ufer und geben ihm
unter dem glühenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit.

Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um
meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich
empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe
Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehört hatte, sondern über dem Dorfe
Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhöhe, das dem kühlen Luftzug
mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier
Tage früher als meine Reisegefährten, die auf dem Landweg zwischen Capaya
und Curiepe durch die starken Regengüsse und die ausgetretenen Bergwasser
viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht öfters auf dieselben Gegenstände
zurückzukommen, schließe ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des
merkwürdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas führt, alle
Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco
zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat,
sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich
mich auf eine nähere Beschreibung der Gegenstände, die er ausführlich
behandelt hat, nicht ein.

Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig
und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbänken, vom schlechten
Ankergrund und den Bohrwürmern(18) zumal gefährdet. Das Laden ist mit
großen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann
man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere
einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der
Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie
waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwürdig ist,
sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so häufig sind, nichts
zu fürchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie
die Beobachtung, die ich unter den Tropen häufig an Thieren aus andern
Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe.
In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die
Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, daß die von gewissen Inseln leicht zu
zähmen sind, während Affen derselben Art, die auf dem benachbarten
Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie
sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache
in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, während
die aus einer andern Lache äußerst unerschrocken angreifen. Aus den äußern
Verhältnissen der Oertlichkeiten wäre diese Verschiedenheit in Gemüthsart
und Sitten nicht leicht zu erklären. Mit den Haifischen im Hafen von
Guayra scheint es sich ähnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenüber der
Küste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefährlich
und blutgierig, während sie Badende in den Häfen von Guayra und Santa
Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklärung der
Naturerscheinungen zu vereinfachen, überall zum Wunderbaren, und so glaubt
es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen
ertheilt.

Guayra ist ganz eigenthümlich gelegen; es läßt sich nur mit Santa Cruz auf
Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem
hochgelegenen Thal von Caracas stürzt fast unmittelbar in die See ab und
die Häuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen
dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener
Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Straßen,
die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf
dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt
und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes,
Trübseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Wäldern bedeckten
Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und
Pflanzenwuchs. Außer Cabo Blanco und den Cocosnußbäumen von Maiquetia,
besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen
Himmelsgewölbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei
Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht für heißer als das von Cumana,
Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwächer ist und durch die
Wärme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt,
die Luft erhitzt wird. Man machte sich übrigens von der Luftbeschassenheit
dieses Ortes und des ganzen benachbarten Küstenlandes eine unrichtige
Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie
angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht
eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Berührung stehende Luft wirkt
auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener
Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds
nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muß aber
doch bemerken, daß ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg
von den Häusern und über 300 Toisen von den Gneißfelsen, mehrere Tage lang
kaum schwache Spuren von positiver Elektricität bemerken konnte, während
in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem
Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkügelchen 1--2
Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten über
die regelmäßigen täglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der
Luft unter den Tropen, ein Verhältniß, das mit den Schwankungen in der
Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht.

Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten
thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich
in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz
zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der
Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese
Länder besuchen, ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in
diesem Falle das Zeugniß der Sinne ungemein leicht täuscht, so läßt sich
über die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhältnissen
urtheilen.

Die vier eben genannten Orte gelten für die heißesten auf dem Küstenstrich
der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon öfters von
uns gemachte Bemerkung zu bestätigen, daß im Allgemeinen nur das lange
Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die übermäßige Hitze oder die
absolute Wärmemenge den Bewohnern der heißen Zone lästig wird.

Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November
war in Guayra 31°,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29°,3, in
Vera Cruz 28°,7, in der Havana 29°,5. Die täglichen Abweichungen betrugen
zur selben Stunde nicht leicht über 0°,8--1°,4. Während dieser ganzen Zeit
regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Dieß ist der Zeitpunkt,
wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der
Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhört, sobald die Tagestemperatur auf
24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heißesten Monats war in
Guayra etwa 29°,3, in Cumana 29°,1, in Vera Cruz 27°,7, in Cairo, nach
Rouet, 29°,9, in Rom 25°,0. Vom 16. November bis 19. December war die
mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24°,3, bei Nacht 21°,6. Um
diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube
übrigens, daß man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21°
fallen sieht; in Cumana fällt er zuweilen auf 21°,2, in Vera Cruz auf 16°,
in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8° und selbst darunter. Die
mittlere Temperatur des kältesten Monats ist an diesen vier Orten: 23°,2,
26°,8, 21°, 21°,0; in Cairo 13°,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur
ist, nach guten, sorgfältig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefähr
28°,1, in Cumana 27°,7, in Vera Cruz 25°,4, in der Havana 25°,6, in Rio
Janeiro 23°,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28° 28′ der Breite, aber
wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21°,9, in Cairo 22°,4, in
Rom 15°,8.(19)

Aus diesen Beobachtungen geht hervor, daß Guayra einer der heißesten Orte
der Erde ist, daß die Summe der Wärme, welche derselbe im Laufe eines
Jahres erhält, etwas größer ist als in Cumana, daß sich aber in den
Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei
Durchgängen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra
stärker abkühlt. Sollte diese Abkühlung, die weit unbedeutender ist, als
die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht
von der westlicheren Lage von Guayra herrühren? Das Luftmeer, das für den
oberflächlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Strömungen bewegt,
deren Grenzen durch unabänderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur
desselben ändert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Länder
und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken
abtheilen, die sich in einander ergießen, und wovon die unruhigsten (wie
das über dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem
Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluß auf Erkältung und Bewegung der
benachbarten Luftsäulen äußern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im
südwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und
Gegenströmungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma
hin herabdrücken.

Während meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geißel des gelben
Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die
Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Küste von Caracas weit
weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte
hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, plötzlich an gewissen
unregelmäßig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte
Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome
einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren
meist Menschen, die das anstrengende Geschäft des Holzfällens trieben, zum
Beispiel in den Wäldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am
Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte häufig in
Städten, die für sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europäer in
Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen
worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Küsten von Terra Firma war der
eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen)
und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu
betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa
Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und
beschrieben hat. Die kürzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des
Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man
beklagte sich nur über die drückende Hitze, die einen großen Theil des
Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man
höchstens die Haut- und Augenentzündungen zu befürchten, die fast überall
in der heißen Zone vorkommen und die häufig von Fieberbewegungen und
Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kühlen, aber
äußerst veränderlichen Klima von Caracas das heiße, aber beständige von
Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die
Rede.

Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern
Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geöffnet. Matrosen aus
kälteren Ländern als Spanien, und daher empfindlicher für die klimatischen
Einflüsse der heißen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das
gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den
spanischen Spitälern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der
Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer
aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf
die Rhede gekommen. Der Capitän der Brigantine stellte solches in Abrede
und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs
eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgängen in Cadix
im Jahr 1800 weiß man, wie schwer es ist, über Fälle ins Reine zu kommen,
die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu
sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren
über das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so
gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen
sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, daß der
Typhus von außen gekommen, die andern, daß er im Lande selbst entstanden.
Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, daß das Austreten des Rio de
la Guayra eine Veränderung der Luftbeschaffenheit herbeigeführt habe.
Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach
sechzigstündigem Regen im Gebirge so furchtbar an, daß es Baumstämme und
ansehnliche Felsblöcke mit sich fortriß. Das Wasser wurde 30--40 Fuß breit
und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken
ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu
urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Häuser wurden von der Fluth
weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr
Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfließen
konnte, sich zufällig geschlossen hatte. Man mußte in die Mauer der See zu
ein Loch schießen; mehr als dreißig Menschen kamen ums Leben und der
Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende
Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewölben des Gefängnisses
mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als prädisponirende
Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben können;
indessen glaube ich, daß das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die
erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir,
des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren
Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigeführt haben. Ich habe das
Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als dürren
Boden und Blöcke von Glimmerschiefer und Gneiß mit eingesprengtem
Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts,
was die Luft hätte verunreinigen können.

Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa
Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein groß war) hat das
gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wüthete nicht
allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch
unter denen, die fern von der Küste in den Llanos zwischen Calabozo und
Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiß als
Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand würde uns noch mehr auffallen,
wenn wir nicht wüßten, daß sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause
den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in
den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen
am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro
(in 476 Toisen Meereshöhe), wo mit den Eichen ein kühles, köstliches Klima
beginnt, eine unübersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber
nicht leicht über den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas
hinüber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man
darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den
Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine
treffliche Schutzwehr für die Stadt Caracas, die etwas höher liegt als der
Encaro, die aber eine höhere mittlere Temperatur hat als Xalapa.

Bonplands und meine Beobachtungen über die physischen Verhältnisse der
Städte, welche periodisch von der Geißel des gelben Fiebers heimgesucht
werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue
Vermuthungen über die Veränderungen in der pathogonischen Constitution
mancher Städte zu äußern. Je mehr ich über diesen Gegenstand nachdenke,
desto räthselhafter erscheint mir alles, was auf die gasförmigen Effluvien
Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _‘Keime der Ansteckung’_
nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kälte
zerstört werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Wänden der
Häuser haften sollen. Wie will man erklären, daß in den achtzehn Jahren
vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von »Vomito« vorkam,
obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europäern und Mexicanern
aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen
überließen, über die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich
war, als sie seit dem Jahr 1800 ist?

Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck
gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heißen Erdstrichs, der bis
jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele
in kälterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der
amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt
vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist
hier eine Veränderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich
in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform
entwickelt?

Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in
südlicheren Ländern geborenen Europäern. Theilt er sich durch Ansteckung
mit, so ist es zu verwundern, daß er in den Städten des tropischen
Festlandes keineswegs sich an gewisse Straßen hält, und daß die
unmittelbare Berührung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als
Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein,
namentlich an kühlere, höhere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa,
stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit
an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die prädisponirenden Ursachen,
die sich an der Küste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur
bedeutend ab, so hört die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewöhnlich
auf. Mit Eintritt der heißen Jahreszeit, zuweilen weit früher, fängt sie
wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen
und kein Schiff eingelaufen ist.

Der amerikanische Typhus scheint auf den Küstenstrich beschränkt, sey es
nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier
die Waaren aufgehäuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen
haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthümliche gasförmige Effluvien
bilden. Das äußere Ansehen der Orte, wo der Typhus wüthet, scheint oft die
Annahme eines örtlichen oder endemischen Ursprungs völlig auszuschließen.
Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen
Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Ländern, deren Klima
früher für sehr gesund galt. Die Fälle von Verschleppung des gelben
Fiebers ins Binnenland sind in der heißen Zone sehr zweideutig; die
Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt
worden seyn. In der gemäßigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus
entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit
vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden
ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach
Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche
nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der prädisponirenden
Ursachen, nach der längeren oder kürzeren Dauer, nach den Graden der
Bösartigkeit muß uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt,
den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein
einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre
1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit
auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat,
ist mit mir der Ansicht, daß der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber
nicht immer.

Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet,
hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu
übertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von
Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt,
fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar
Tropfen Regen fallen, können der Ursachen der sogenannten schädlichen
Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Straßen von Guayra schienen mir im
Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die
Schlachtbänke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich
zersetzte Tange und Weichthiere anhäufen, aber die benachbarte Küste nach
Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist äußerst
ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und
Caravalleda häufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind
Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge
oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine
mit faulen Dünsten geschwängerte Luft auf die Küste von Guayra.

Da die Reizbarkeit der Organe bei den nördlichen Völkern so viel stärker
ist als bei den südlichen, so ist nicht zu bezweifeln, daß bei größerer
Handelsfreiheit und stärkerem und innigerem Verkehr zwischen Ländern mit
verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich über die neue Welt verbreiten
wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen
von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, können
möglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der
Lebenskräfte sich ausbilden. Es ist dieß eines der nothwendigen Uebel im
Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wünscht darum
keineswegs die Barbarei zurück; ebensowenig theilt er die Ansicht der
Leute, die dem Verkehr unter den Völkern gerne ein Ende machten, nicht um
die Häfen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem
Eindringen der Aufklärung zu wehren und die Geistesentwicklung
aufzuhalten.

Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen
Meerbusen führen, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen
Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der großen
Beständigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva
Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befürchten, der Typhus möchte dort
einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs
sehr bösartig aufgetreten ist. Glücklicherweise hat sich die Sterblichkeit
vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der
Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen
Stadien der Krankheit, die Periode der entzündlichen Erscheinungen, und
die der Ataxie oder Schwäche, besser kennt und auseinander hält. Es wäre
sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, daß die neuere Medicin gegen dieses
schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese
Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hört
ziemlich allgemein die Aeußerung, »die Aerzte wissen jetzt den Hergang der
Krankheit befriedigender zu erklären als früher, sie heilen sie aber
keineswegs besser; früher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei,
außer einem Tamarindenaufguß; gegenwärtig führe ein eingreifenderes
Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode.«

Wer so spricht, weiß nicht ganz, wie man früher auf den Antillen zu Werke
ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, daß zu Anfang des
achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so
ruhig sterben ließen, als man meint. Man tödtete damals nicht durch
übertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und
Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlässe und übermäßiges Purgiren. Die
Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, daß
sie, sehr treuherzig, »gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar
am Krankenbett erschienen.« Gegenwärtig bringt man es in reinlichen, gut
gehaltenen Spitälern dahin, daß von 100 Kranken nur 15--20 und selbst
etwas weniger sterben; aber überall, wo die Kranken zu sehr auf einander
gehäust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Hälfte, wohl gar (wie im
Jahr 1802 bei der französischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile
der Kranken.

Ich fand die Breite von Guayra 10° 36′ 19″, die Länge 69° 26′ 13″. Die
Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42° 20, die Declination
nach Nordost 4° 30′ 35″; die Intensität der magnetischen Kraft
= 237 Schwingungen.

Geht man an der aus Granit gebauten Küste von Guayra gegen West, so kommt
man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschützte Rhede ist, und
dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die
Schiffe vortrefflich ankern können. Es sind die kleinen Buchten Catia, los
Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata
und Patanebo. Alle diese Häfen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem
man Maulthiere nach Jamaica ausführt, werden gegenwärtig nur von kleinen
Küstenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten
Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter
Blickenden, legen einen großen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich
von Cabo Blanco. Diesen K

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