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Die Wahlverwandtschaften

by Johann Wolfgang von Goethe · German · Gutenberg #2403 · 534,688 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Wahlverwandtschaften
    
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Title: Die Wahlverwandtschaften

Author: Johann Wolfgang von Goethe


        
Release date: November 1, 2000 [eBook #2403]
                Most recently updated: April 17, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2403


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WAHLVERWANDTSCHAFTEN ***









Die Wahlverwandtschaften



Ein Roman


von Johann Wolfgang von Goethe



Inhaltsverzeichnis


 Erster Theil
 Erstes Kapitel
 Zweites Kapitel
 Drittes Kapitel
 Viertes Kapitel
 Fünftes Kapitel
 Sechstes Kapitel
 Siebentes Kapitel
 Achtes Kapitel
 Neuntes Kapitel
 Zehntes Kapitel
 Elftes Kapitel
 Zwölftes Kapitel
 Dreizehntes Kapitel
 Vierzehntes Kapitel
 Fünfzehntes Kapitel
 Sechzehntes Kapitel
 Siebzehntes Kapitel
 Achtzehntes Kapitel

 Zweiter Teil
 Erstes Kapitel
 Zweites Kapitel
 Drittes Kapitel
 Viertes Kapitel
 Fünftes Kapitel
 Sechstes Kapitel
 Siebentes Kapitel
 Achtes Kapitel
 Neuntes Kapitel
 Zehntes Kapitel
 Elftes Kapitel
 Zwölftes Kapitel
 Dreizehntes Kapitel
 Vierzehntes Kapitel
 Fünfzehntes Kapitel
 Sechzehntes Kapitel
 Siebzehntes Kapitel
 Achtzehntes Kapitel



Erster Teil



Erstes Kapitel

Eduard—so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter—Eduard
hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags
zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu
bringen. Sein Geschäft war eben vollendet; er legte die Gerätschaften
in das Futteral zusammen und betrachtete seine Arbeit mit Vergnügen,
als der Gärtner hinzutrat und sich an dem teilnehmenden Fleiße des
Herrn ergetzte.

„Hast du meine Frau nicht gesehen?“ fragte Eduard, indem er sich
weiterzugehen anschickte.

„Drüben in den neuen Anlagen“, versetzte der Gärtner. „Die Mooshütte
wird heute fertig, die sie an der Felswand, dem Schlosse gegenüber,
gebaut hat. Alles ist recht schön geworden und muß Euer Gnaden
gefallen. Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein
wenig rechter Hand die Kirche, über deren Turmspitze man fast
hinwegsieht, gegenüber das Schloß und die Gärten“.

„Ganz recht“, versetzte Eduard; „einige Schritte von hier konnte ich
die Leute arbeiten sehen“.

„Dann“, fuhr der Gärtner fort, „öffnet sich rechts das Tal, und man
sieht über die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne. Der Stieg die
Felsen hinauf ist gar hübsch angelegt. Die gnädige Frau versteht es;
man arbeitet unter ihr mit Vergnügen“.

„Geh zu ihr“, sagte Eduard, „und ersuche sie, auf mich zu warten. Sage
ihr, ich wünsche die neue Schöpfung zu sehen und mich daran zu
erfreuen“.

Der Gärtner entfernte sich eilig, und Eduard folgte bald.

Dieser stieg nun die Terrassen hinunter, musterte im Vorbeigehen
Gewächshäuser und Treibebeete, bis er ans Wasser, dann über einen Steg
an den Ort kam, wo sich der Pfad nach den neuen Anlagen in zwei Arme
teilte. Den einen, der über den Kirchhof ziemlich gerade nach der
Felswand hinging, ließ er liegen, um den andern einzuschlagen, der sich
links etwas weiter durch anmutiges Gebüsch sachte hinaufwand; da, wo
beide zusammentrafen, setzte er sich für einen Augenblick auf einer
wohlangebrachten Bank nieder, betrat sodann den eigentlichen Stieg und
sah sich durch allerlei Treppen und Absätze auf dem schmalen, bald mehr
bald weniger steilen Wege endlich zur Mooshütte geleitet.

An der Türe empfing Charlotte ihren Gemahl und ließ ihn dergestalt
niedersitzen, daß er durch Tür und Fenster die verschiedenen Bilder,
welche die Landschaft gleichsam im Rahmen zeigten, auf einen Blick
übersehen konnte. Er freute sich daran in Hoffnung, daß der Frühling
bald alles noch reichlicher beleben würde. „Nur eines habe ich zu
erinnern“, setzte er hinzu, „die Hütte scheint mir etwas zu eng“.

„Für uns beide doch geräumig genug“, versetzte Charlotte.

„Nun freilich“, sagte Eduard, „für einen Dritten ist auch wohl noch
Platz“.

„Warum nicht?“ versetzte Charlotte, „und auch für ein Viertes. Für
größere Gesellschaft wollen wir schon andere Stellen bereiten“.

„Da wir denn ungestört hier allein sind“, sagte Eduard, „und ganz
ruhigen, heiteren Sinnes, so muß ich dir gestehen, daß ich schon einige
Zeit etwas auf dem Herzen habe, was ich dir vertrauen muß und möchte,
und nicht dazu kommen kann“.

„Ich habe dir so etwas angemerkt“, versetzte Charlotte.

„Und ich will nur gestehen“, fuhr Eduard fort, „wenn mich der Postbote
morgen früh nicht drängte, wenn wir uns nicht heut entschließen müßten,
ich hätte vielleicht noch länger geschwiegen“.

„Was ist es denn?“ fragte Charlotte freundlich entgegenkommend.

„Es betrifft unsern Freund, den Hauptmann“, antwortete Eduard. „Du
kennst die traurige Lage, in die er, wie so mancher andere, ohne sein
Verschulden gesetzt ist. Wie schmerzlich muß es einem Manne von seinen
Kenntnissen, seinen Talenten und Fertigkeiten sein, sich außer
Tätigkeit zu sehen und—ich will nicht lange zurückhalten mit dem, was
ich für ihn wünsche: ich möchte, daß wir ihn auf einige Zeit zu uns
nähmen“.

„Das ist wohl zu überlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten“,
versetzte Charlotte.

„Meine Ansichten bin ich bereit dir mitzuteilen“, entgegnete ihr
Eduard. „In seinem letzten Briefe herrscht ein stiller Ausdruck des
tiefsten Mißmutes; nicht daß es ihm an irgendeinem Bedürfnis fehle,
denn er weiß sich durchaus zu beschränken, und für das Notwendige habe
ich gesorgt; auch drückt es ihm nicht, etwas von mir anzunehmen, denn
wir sind unsre Lebzeit über einander wechselseitig uns so viel schuldig
geworden, daß wir nicht berechnen können, wie unser Kredit und Debet
sich gegeneinander verhalte—daß er geschäftlos ist, das ist eigentlich
seine Qual. Das Vielfache, was er an sich ausgebildet hat, zu andrer
Nutzen täglich und stündlich zu gebrauchen, ist ganz allein sein
Vergnügen, ja seine Leidenschaft. Und nun die Hände in den Schoß zu
legen oder noch weiter zu studieren, sich weitere Geschicklichkeit zu
verschaffen, da er das nicht brauchen kann, was er in vollem Maße
besitzt—genug, liebes Kind, es ist eine peinliche Lage, deren Qual er
doppelt und dreifach in seiner Einsamkeit empfindet“.

„Ich dachte doch“, sagte Charlotte, „ihm wären von verschiedenen Orten
Anerbietungen geschehen. Ich hatte selbst um seinetwillen an manche
tätige Freunde und Freundinnen geschrieben, und soviel ich weiß, blieb
dies auch nicht ohne Wirkung“.

„Ganz recht“, versetzte Eduard; „aber selbst diese verschiedenen
Gelegenheiten, diese Anerbietungen machen ihm neue Qual, neue Unruhe.
Keines von den Verhältnissen ist ihm gemäß. Er soll nicht wirken; er
soll sich aufopfern, seine Zeit seine Gesinnungen, seine Art zu sein,
und das ist ihm unmöglich. Je mehr ich das alles betrachte, je mehr ich
es fühle, desto lebhafter wird der Wunsch, ihn bei uns zu sehen“.

„Es ist recht schön und liebenswürdig von dir“, versetzte Charlotte,
„daß du des Freundes Zustand mit soviel Teilnahme bedenkst; allein
erlaube mir, dich aufzufordern, auch deiner, auch unser zu gedenken“.

„Das habe ich getan“, entgegnete ihr Eduard. „Wir können von seiner
Nähe uns nur Vorteil und Annehmlichkeit versprechen. Von dem Aufwande
will ich nicht reden, der auf alle Fälle gering für mich wird, wenn er
zu uns zieht, besonders wenn ich zugleich bedenke, daß uns seine
Gegenwart nicht die mindeste Unbequemlichkeit verursacht. Auf dem
rechten Flügel des Schlosses kann er wohnen, und alles andere findet
sich. Wieviel wird ihm dadurch geleistet, und wie manches Angenehme
wird uns durch seinen Umgang, ja wie mancher Vorteil! Ich hätte längst
eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewünscht; er wird sie
besorgen und leiten. Deine Absicht ist, selbst die Güter künftig zu
verwalten, sobald die Jahre der gegenwärtigen Pächter verflossen sind.
Wie bedenklich ist ein solches Unternehmen! Zu wie manchen
Vorkenntnissen kann er uns nicht verhelfen! Ich fühle nur zu sehr, daß
mir ein Mann dieser Art abgeht. Die Landleute haben die rechten
Kenntnisse; ihre Mitteilungen aber sind konfus und nicht ehrlich. Die
Studierten aus der Stadt und von den Akademien sind wohl klar und
ordentlich, aber es fehlt an der unmittelbaren Einsicht in die Sache.
Vom Freunde kann ich mir beides versprechen; und dann entspringen noch
hundert andere Verhältnisse daraus, die ich mir alle gern vorstellen
mag, die auch auf dich Bezug haben und wovon ich viel Gutes voraussehe.
Nun danke ich dir, daß du mich freundlich angehört hast; jetzt sprich
aber auch recht frei und umständlich und sage mir alles, was du zu
sagen hast; ich will dich nicht unterbrechen“.

„Recht gut“, versetzte Charlotte; „so will ich gleich mit einer
allgemeinen Bemerkung anfangen. Die Männer denken mehr auf das
Einzelne, auf das Gegenwärtige, und das mit Recht, weil sie zu tun, zu
wirken berufen sind, die Weiber hingegen mehr auf das, was im Leben
zusammenhängt, und das mit gleichem Rechte, weil ihr Schicksal, das
Schicksal ihrer Familien an diesen Zusammenhang geknüpft ist und auch
gerade dieses Zusammenhängende von ihnen gefordert wird. Laß uns
deswegen einen Blick auf unser gegenwärtiges, auf unser vergangenes
Leben werfen, und du wirst mir eingestehen, daß die Berufung des
Hauptmannes nicht so ganz mit unsern Vorsätzen, unsern Planen, unsern
Einrichtungen zusammentrifft.

Mag ich doch so gern unserer frühsten Verhältnisse gedenken! Wir
liebten einander als junge Leute recht herzlich; wir wurden getrennt;
du von mir, weil dein Vater, aus nie zu sättigender Begierde des
Besitzes, dich mit einer ziemlich älteren, reichen Frau verband; ich
von dir, weil ich, ohne sonderliche Aussichten, einem wohlhabenden,
nicht geliebten, aber geehrten Manne meine Hand reichen mußte. Wir
wurden wieder frei; du früher, indem dich dein Mütterchen im Besitz
eines großen Vermögens ließ; ich später, eben zu der Zeit, da du von
Reisen zurückkamst. So fanden wir uns wieder. Wir freuten uns der
Erinnerung, wir liebten die Erinnerung, wir konnten ungestört
zusammenleben. Du drangst auf eine Verbindung; ich willigte nicht
gleich ein, denn da wir ungefähr von denselben Jahren sind, so bin ich
als Frau wohl älter geworden, du nicht als Mann. Zuletzt wollte ich dir
nicht versagen, was du für dein einziges Glück zu halten schienst. Du
wolltest von allen Unruhen, die du bei Hof, im Militär, auf Reisen
erlebt hattest, dich an meiner Seite erholen, zur Besinnung kommen, des
Lebens genießen; aber auch nur mit mir allein. Meine einzige Tochter
tat ich in Pension, wo sie sich freilich mannigfaltiger ausbildet, als
bei einem ländlichen Aufenthalte geschehen könnte; und nicht sie
allein, auch Ottilien, meine liebe Nichte, tat ich dorthin, die
vielleicht zur häuslichen Gehülfin unter meiner Anleitung am besten
herangewachsen wäre. Das alles geschah mit deiner Einstimmung, bloß
damit wir uns selbst leben, bloß damit wir das früh so sehnlich
gewünschte, endlich spät erlangte Glück ungestört genießen möchten. So
haben wir unsern ländlichen Aufenthalt angetreten. Ich übernahm das
Innere, du das Äußere und was ins Ganze geht. Meine Einrichtung ist
gemacht, dir in allem entgegenzukommen, nur für dich allein zu leben;
laß uns wenigstens eine Zeitlang versuchen, inwiefern wir auf diese
Weise miteinander ausreichen“.

„Da das Zusammenhängende, wie du sagst, eigentlich euer Element ist“,
versetzte Eduard, „so muß man euch freilich nicht in einer Folge reden
hören oder sich entschließen, euch recht zu geben; und du sollst auch
recht haben bis auf den heutigen Tag. Die Anlage, die wir bis jetzt zu
unserm Dasein gemacht haben, ist von guter Art; sollen wir aber nichts
weiter darauf bauen, und soll sich nichts weiter daraus entwickeln? Was
sich im Garten leiste, du im Park, soll das nur für Einsiedler getan
sein?“

„Recht gut!“ versetzte Charlotte, „recht wohl! Nur daß wir nichts
Hinderndes, Fremdes hereinbringen! Bedenke, daß unsre Vorsätze, auch
was die Unterhaltung betrifft, sich gewissermaßen nur auf unser
beiderseitiges Zusammensein bezogen. Du wolltest zuerst die Tagebücher
deiner Reise mir in ordentlicher Folge mitteilen, bei dieser
Gelegenheit so manches dahin Gehörige von Papieren in Ordnung bringen
und unter meiner Teilnahme, mit meiner Beihülfe aus diesen
unschätzbaren, aber verworrenen Heften und Blättern ein für uns und
andere erfreuliches Ganze zusammenstellen. Ich versprach, dir an der
Abschrift zu helfen, und wir dachten es uns so bequem, so artig, so
gemütlich und heimlich, die Welt, die wir zusammen nicht sehen sollten,
in der Erinnerung zu durchreisen. Ja, der Anfang ist schon gemacht.
Dann hast du die Abende deine Flöte wieder vorgenommen, begleitest mich
am Klavier; und an Besuchen aus der Nachbarschaft und in die
Nachbarschaft fehlt es uns nicht. Ich wenigstens habe mir aus allem
diesem den ersten wahrhaft fröhlichen Sommer zusammengebaut, den ich in
meinem Leben zu genießen dachte“.

„Wenn mir nur nicht“, versetzte Eduard, indem er sich die Stirne rieb,
„bei alle dem, was du mir so liebevoll und verständig wiederholst,
immer der Gedanke beiginge, durch die Gegenwart des Hauptmanns würde
nichts gestört, ja vielmehr alles beschleunigt und neu belebt. Auch er
hat einen Teil meiner Wanderungen mitgemacht; auch er hat manches, und
in verschiedenem Sinne, sich angemerkt: wir benutzten das zusammen, und
alsdann würde es erst ein hübsches Ganze werden“.

„So laß mich denn dir aufrichtig gestehen“, entgegnete Charlotte mit
einiger Ungeduld, „daß diesem Vorhaben mein Gefühl widerspricht, daß
eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt“.

„Auf diese Weise wäret ihr Frauen wohl unüberwindlich“, versetzte
Eduard, „erst verständig, daß man nicht widersprechen kann, liebevoll,
daß man sich gern hingibt, gefühlvoll, daß man euch nicht weh tun mag,
ahnungsvoll, daß man erschrickt“.

„Ich bin nicht abergläubisch“, versetzte Charlotte, „und gebe nichts
auf diese dunklen Anregungen, insofern sie nur solche wären; aber es
sind meistenteils unbewußte Erinnerungen glücklicher und unglücklicher
Folgen, die wir an eigenen oder fremden Handlungen erlebt haben. Nichts
ist bedeutender in jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines
Dritten. Ich habe Freunde gesehen, Geschwister, Liebende, Gatten, deren
Verhältnis durch den zufälligen oder gewählten Hinzutritt einer neuen
Person ganz und gar verändert, deren Lage völlig umgekehrt wurde“.

„Das kann wohl geschehen“, versetzte Eduard, „bei Menschen, die nur
dunkel vor sich hinleben, nicht bei solchen, die, schon durch Erfahrung
aufgeklärt, sich mehr bewußt sind“.

„Das Bewußtsein, mein Liebster“, entgegnete Charlotte, „ist keine
hinlängliche Waffe, ja manchmal eine gefährliche für den, der sie
führt; und aus diesem allen tritt wenigstens soviel hervor, daß wir uns
ja nicht übereilen sollen. Gönne mir noch einige Tage, entscheide
nicht!“

„Wie die Sache steht“, erwiderte Eduard, „werden wir uns auch nach
mehreren Tagen immer übereilen. Die Gründe für und dagegen haben wir
wechselsweise vorgebracht; es kommt auf den Entschluß an, und da wär es
wirklich das Beste, wir gäben ihn dem Los anheim“.

„Ich weiß“, versetzte Charlotte, „daß du in zweifelhaften Fällen gerne
wettest oder würfelst; bei einer so ernsthaften Sache hingegen würde
ich dies für einen Frevel halten“.

„Was soll ich aber dem Hauptmann schreiben?“ rief Eduard aus; „denn ich
muß mich gleich hinsetzen“.

„Einen ruhigen, vernünftigen, tröstlichen Brief“, sagte Charlotte.

„Das heißt soviel wie keinen“, versetzte Eduard.

„Und doch ist es in manchen Fällen“, versetzte Charlotte, „notwendig
und freundlich, lieber nichts zu schreiben, als nicht zu schreiben“.



Zweites Kapitel

Eduard fand sich allein auf seinem Zimmer, und wirklich hatte die
Wiederholung seiner Lebensschicksale aus dem Munde Charlottens, die
Vergegenwärtigung ihres beiderseitigen Zustandes, ihrer Vorsätze sein
lebhaftes Gemüt angenehm aufgeregt. Er hatte sich in ihrer Nähe, in
ihrer Gesellschaft so glücklich gefühlt, daß er sich einen
freundlichen, teilnehmenden, aber ruhigen und auf nichts hindeutenden
Brief an den Hauptmann ausdachte. Als er aber zum Schreibtisch ging und
den Brief des Freundes aufnahm, um ihn nochmals durchzulesen, trat ihm
sogleich wieder der traurige Zustand des trefflichen Mannes entgegen;
alle Empfindungen, die ihn diese Tage gepeinigt hatten, wachten wieder
auf, und es schien ihm unmöglich, seinen Freund einer so ängstlichen
Lage zu überlassen.

Sich etwas zu versagen, war Eduard nicht gewohnt. Von Jugend auf das
einzige, verzogene Kind reicher Eltern, die ihn zu einer seltsamen,
aber höchst vorteilhaften Heirat mit einer viel älteren Frau zu bereden
wußten, von dieser auch auf alle Weise verzärtelt, indem sie sein gutes
Betragen gegen sie durch die größte Freigebigkeit zu erwidern suchte,
nach ihrem baldigen Tode sein eigner Herr, auf Reisen unabhängig, jeder
Abwechslung, jeder Veränderung mächtig, nichts übertriebenes wollend,
aber viel und vielerlei wollend, freimütig, wohltätig, brav, ja tapfer
im Fall—was konnte in der Welt seinen Wünschen entgegenstehen!

Bisher war alles nach seinem Sinne gegangen, auch zum Besitz
Charlottens war er gelangt, den er sich durch eine hartnäckige, ja
romanenhafte Treue doch zuletzt erworben hatte; und nun fühlte er sich
zum erstenmal widersprochen, zum erstenmal gehindert, eben da er seinen
Jugendfreund an sich heranziehen, da er sein ganzes Dasein gleichsam
abschließen wollte. Er war verdrießlich, ungeduldig, nahm einigemal die
Feder und legte sie nieder, weil er nicht einig mit sich werden konnte,
was er schreiben sollte. Gegen die Wünsche seiner Frau wollte er nicht,
nach ihrem Verlangen konnte er nicht; unruhig wie er war, sollte er
einen ruhigen Brief schreiben; es wäre ihm ganz unmöglich gewesen. Das
Natürlichste war, daß er Aufschub suchte. Mit wenig Worten bat er
seinen Freund um Verzeihung, daß er diese Tage nicht geschrieben, daß
er heut nicht umständlich schreibe, und versprach für nächstens ein
bedeutenderes, ein beruhigendes Blatt.

Charlotte benutzte des andern Tags auf einem Spaziergang nach derselben
Stelle die Gelegenheit, das Gespräch wieder anzuknüpfen, vielleicht in
der Überzeugung, daß man einen Vorsatz nicht sicherer abstumpfen kann,
als wenn man ihn öfters durchspricht.

Eduarden war diese Wiederholung erwünscht. Er äußerte sich nach seiner
Weise freundlich und angenehm; denn wenn er, empfänglich wie er war,
leicht aufloderte, wenn sein lebhaftes Begehren zudringlich ward, wenn
seine Hartnäckigkeit ungeduldig machen konnte, so waren doch alle seine
Äußerungen durch eine vollkommene Schonung des andern dergestalt
gemildert, daß man ihn immer noch liebenswürdig finden mußte, wenn man
ihn auch beschwerlich fand.

Auf eine solche Weise brachte er Charlotten diesen Morgen erst in die
heiterste Laune, dann durch anmutige Gesprächswendungen ganz aus der
Fassung, sodaß sie zuletzt ausrief: „du willst gewiß, daß ich das, was
ich dem Ehemann versagte, dem Liebhaber zugestehen soll.

Wenigstens, mein Lieber“, fuhr sie fort, „sollst du gewahr werden, daß
deine Wünsche, die freundliche Lebhaftigkeit, womit du sie ausdrückst,
mich nicht ungerührt, mich nicht unbewegt lassen. Sie nötigen mich zu
einem Geständnis. Ich habe dir bisher auch etwas verborgen. Ich befinde
mich in einer ähnlichen Lage wie du und habe mir schon eben die Gewalt
angetan, die ich dir nun über dich selbst zumute“.

„Das hör ich gern“, sagte Eduard; „ich merke wohl, im Ehestand muß man
sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man was voneinander“.

„Nun sollst du also erfahren“, sagte Charlotte, „daß es mir mit
Ottilien geht, wie dir mit dem Hauptmann. Höchst ungern weiß ich das
liebe Kind in der Pension, wo sie sich in sehr drückenden Verhältnissen
befindet. Wenn Luciane, meine Tochter, die für die Welt geboren ist,
sich dort für die Welt bildet, wenn sie Sprachen, Geschichtliches und
was sonst von Kennntnissen ihr mitgeteilt wird, so wie ihre Noten und
Variationen vom Blatte wegspielt; wenn bei einer lebhaften Natur und
bei einem glücklichen Gedächtnis sie, man möchte wohl sagen, alles
vergißt und im Augenblicke sich an alles erinnert; wenn sie durch
Freiheit des Betragens, Anmut im Tanze, schickliche Bequemlichkeit des
Gesprächs sich vor allen auszeichnet und durch ein angebornes
herrschendes Wesen sich zur Königin des kleinen Kreises macht, wenn die
Vorsteherin dieser Anstalt sie als kleine Gottheit ansieht, die nun
erst unter ihren Händen recht gedeiht, die ihr Ehre machen, Zutrauen
erwerben und einen Zufluß von andern jungen Personen verschaffen wird,
wenn die ersten Seiten ihrer Briefe und Monatsberichte immer nur Hymnen
sind über die Vortrefflichkeit eines solchen Kindes, die ich denn recht
gut in meine Prose zu übersetzen weiß: so ist dagegen, was sie
schließlich von Ottilien erwähnt, nur immer Entschuldigung auf
Entschuldigung, daß ein übrigens so schön heranwachsendes Mädchen sich
nicht entwickeln, keine Fähigkeiten und keine Fertigkeiten zeigen
wolle. Das wenige, was sie sonst noch hinzufügt, ist gleichfalls für
mich kein Rätsel, weil ich in diesem lieben Kinde den ganzen Charakter
ihrer Mutter, meiner wertesten Freundin, gewahr werde, die sich neben
mir entwickelt hat und deren Tochter ich gewiß, wenn ich Erzieherin
oder Aufseherin sein könnte, zu einem herrlichen Geschöpf heraufbilden
wollte. Da es aber einmal nicht in unsern Plan geht und man an seinen
Lebensverhältnissen nicht soviel zupfen und zerren, nicht immer was
Neues an sie heranziehen soll, so trag ich das lieber, ja ich überwinde
die unangenehme Empfindung, wenn meine Tochter, welche recht gut weiß,
daß die arme Ottilie ganz von uns abhängt, sich ihrer Vorteile
übermütig gegen sie bedient und unsre Wohltat dadurch gewissermaßen
vernichtet. Doch wer ist so gebildet, daß er nicht seine Vorzüge gegen
andre manchmal auf eine grausame Weise geltend machte! Wer steht so
hoch, daß er unter einem solchen Druck nicht manchmal leiden müßte!
Durch diese Prüfungen wächst Ottiliens Wert; aber seitdem ich den
peinlichen Zustand recht deutlich einsehe, habe ich mir Mühe gegeben,
sie anderwärts unterzubringen. Stündlich soll mir eine Antwort kommen,
und alsdann will ich nicht zaudern. So steht es mit mir, mein Bester.
Du siehst, wir tragen beiderseits dieselben Sorgen in einem treuen,
freundschaftlichen Herzen. Laß sie uns gemeinsam tragen, da sie sich
nicht gegeneinander aufheben!“

„Wir sind wunderliche Menschen“, sagte Eduard lächelnd. „Wenn wir nur
etwas, das uns Sorge macht, aus unserer Gegenwart verbannen können, da
glauben wir schon, nun sei es abgetan. Im ganzen können wir vieles
aufopfern, aber uns im einzelnen herzugeben, ist eine Forderung, der
wir selten gewachsen sind. So war meine Mutter. Solange ich als Knabe
oder Jüngling bei ihr lebte, konnte sie der augenblicklichen
Besorgnisse nicht los werden. Verspätete ich mich bei einem Ausritt, so
mußte mir ein Unglück begegnet sein; durchnetzte mich ein Regenschauer,
so war das Fieber mir gewiß. Ich verreiste, ich entfernte mich von ihr,
und nun schien ich ihr kaum anzugehören.

Betrachten wir es genauer“, fuhr er fort, „so handeln wir beide töricht
und unverantwortlich, zwei der edelsten Naturen, die unser Herz so nahe
angehen, im Kummer und im Druck zu lassen, nur um uns keiner Gefahr
auszusetzen. Wenn dies nicht selbstsüchtig genannt werden soll, was
will man so nennen! Nimm Ottilien, laß mir den Hauptmann, und in Gottes
Namen sei der Versuch gemacht!“

„Es möchte noch zu wagen sein“, sagte Charlotte bedenklich, „wenn die
Gefahr für uns allein wäre. Glaubst du denn aber, daß es rätlich sei,
den Hauptmann mit Ottilien als Hausgenossen zu sehen, einen Mann
ohngefähr in deinen Jahren, in den Jahren—daß ich dir dieses
Schmeichelhafte nur gerade unter die Augen sage -, wo der Mann erst
liebefähig und erst der Liebe wert wird, und ein Mädchen von Ottiliens
Vorzügen?“

„Ich weiß doch auch nicht“, versetzte Eduard, „wie du Ottilien so hoch
stellen kannst! Nur dadurch erkläre ich mir’s, daß sie deine Neigung zu
ihrer Mutter geerbt hat. Hübsch ist sie, das ist wahr, und ich erinnere
mich, daß der Hauptmann mich auf sie aufmerksam machte, als wir vor
einem Jahre zurückkamen und sie mit dir bei einer Tante trafen. Hübsch
ist sie, besonders hat sie schöne Augen; aber ich wüßte doch nicht, daß
sie den mindesten Eindruck auf mich gemacht hätte“.

„Das ist löblich an dir“, sagte Charlotte, „denn ich war ja
gegenwärtig; und ob sie gleich viel jünger ist als ich, so hatte doch
die Gegenwart der ältern Freundin so viele Reize für dich, daß du über
die aufblühende, versprechende Schönheit hinaussahest. Es gehört auch
dies zu deiner Art zu sein, deshalb ich so gern das Leben mit dir
teile“.

Charlotte, so aufrichtig sie zu sprechen schien, verhehlte doch etwas.
Sie hatte nämlich damals dem von Reisen zurückkehrenden Eduard Ottilien
absichtlich vorgeführt, um dieser geliebten Pflegetochter eine so große
Partie zuzuwenden; denn an sich selbst in bezug auf Eduard dachte sie
nicht mehr. Der Hauptmann war auch angestiftet, Eduarden aufmerksam zu
machen; aber dieser, der seine frühe Liebe zu Charlotten hartnäckig im
Sinne behielt, sah weder rechts noch links und war nur glücklich in dem
Gefühl, daß es möglich sei, eines so lebhaft gewünschten und durch eine
Reihe von Ereignissen scheinbar auf immer versagten Gutes endlich doch
teilhaft zu werden.

Eben stand das Ehepaar im Begriff, die neuen Anlagen herunter nach dem
Schlosse zu gehen, als ein Bedienter ihnen hastig entgegenstieg und mit
lachendem Munde sich schon von unten herauf vernehmen ließ:“ kommen
Euer Gnaden doch ja schnell herüber! Herr Mittler ist in den Schloßhof
gesprengt. Er hat uns alle zusammengeschrieen, wir sollen sie
aufsuchen, wir sollen Sie fragen, ob es not tue. ‘Ob es not tut’, rief
er uns nach, ‘hört ihr? Aber geschwind, geschwind!’.

„Der drollige Mann!“ rief Eduard aus; „kommt er nicht gerade zur
rechten Zeit, Charlotte?“—„Geschwind zurück!“ befahl er dem Bedienten;
„sage ihm, es tue not, sehr not! Er soll nur absteigen. Versorgt sein
Pferd; führt ihn in den Saal, setzt ihm ein Frühstück vor! Wir kommen
gleich“.

„Laß uns den nächsten Weg nehmen!“ sagte er zu seiner Frau und schlug
den Pfad über den Kirchhof ein, den er sonst zu vermeiden pflegte.

Aber wie verwundert war er, als er fand, daß Charlotte auch hier für
das Gefühl gesorgt habe. Mit möglichster Schonung der alten Denkmäler
hatte sie alles so zu vergleichen und zu ordnen gewußt, daß es ein
angenehmer Raum erschien, auf dem das Auge und die Einbildungskraft
gerne verweilten.

Auch dem ältesten Stein hatte sie seine Ehre gegönnt. Den Jahren nach
waren sie an der Mauer aufgerichtet, eingefügt oder sonst angebracht;
der hohe Sockel der Kirche selbst war damit vermannigfaltigt und
geziert. Eduard fühlte sich sonderbar überrascht, wie er durch die
kleine Pforte hereintrat: er drückte Charlotten die Hand, und im Auge
stand ihm eine Träne.

Aber der närrische Gast verscheuchte sie gleich. Denn dieser hatte
keine Ruh im Schloß gehabt, war spornstreichs durchs Dorf bis an das
Kirchhoftor geritten, wo er still hielt und seinen Freunden
entgegenrief: „Ihr habt mich doch nicht zum besten? Tuts wirklich not,
so bleibe ich zu Mittage hier. Haltet mich nicht auf! Ich habe heute
noch viel zu tun“.

„Da Ihr Euch so weit bemüht habt“, rief ihm Eduard entgegen, „so reitet
noch vollends herein; wir kommen an einem ernsthaften Orte zusammen;
und seht, wie schön Charlotte diese Trauer ausgeschmückt hat!“

„Hier herein“, rief der Reiter, „komm ich weder zu Pferde, noch zu
Wagen, noch zu Fuße. Diese da ruhen in Frieden, mit ihnen habe ich
nichts zu schaffen. Gefallen muß ich mirs lassen, wenn man mich einmal,
die Füße voran, hereinschleppt. Also ists Ernst?“

„Ja“, rief Charlotte, „recht Ernst! Es ist das erstemal, daß wir neuen
Gatten in Not und Verwirrung sind, woraus wir uns nicht zu helfen
wissen“.

„Ihr seht nicht darnach aus“, versetzte er, „doch will ichs glauben.
Führt ihr mich an, so laß ich euch künftig stecken. Folgt geschwinde
nach! Meinem Pferde mag die Erholung zugut kommen“.

Bald fanden sich die dreie im Saale zusammen; das Essen ward
aufgetragen, und Mittler erzählte von seinen heutigen Taten und
Vorhaben. Dieser seltsame Mann war früherhin Geistlicher gewesen und
hatte sich bei einer rastlosen Tätigkeit in seinem Amte dadurch
ausgezeichnet, daß er alle Streitigkeiten, sowohl die häuslichen als
die nachbarlichen, erst der einzelnen Bewohner, sodann ganzer Gemeinden
und mehrerer Gutsbesitzer zu stillen und zu schlichten wußte. Solange
er im Dienste war, hatte sich kein Ehepaar scheiden lassen, und die
Landeskollegien wurden mit keinen Händeln und Prozessen von dorther
behelliget. Wie nötig ihm die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr.
Er warf sein ganzes Studium darauf und fühlte sich bald den
geschicktesten Advokaten gewachsen. Sein Wirkungskreis dehnte sich
wunderbar aus; und man war im Begriff, ihn nach der Residenz zu ziehen,
um das von oben herein zu vollenden, was er von unten herauf begonnen
hatte, als er einen ansehnlichen Lotteriegewinst tat, sich ein mäßiges
Gut kaufte, es verpachtete und zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit
machte, mit dem festen Vorsatz oder vielmehr nach alter Gewohnheit und
Neigung, in keinem Hause zu verweilen, wo nichts zu schlichten und
nichts zu helfen wäre. Diejenigen, die auf die Namensbedeutungen
abergläubisch sind, behaupten, der Name Mittler habe ihn genötigt,
diese seltsamste aller Bestimmungen zu ergreifen.

Der Nachtisch war aufgetragen, als der Gast seine Wirte ernstlich
vermahnte, nicht weiter mit ihren Entdeckungen zurückzuhalten, weil er
gleich nach dem Kaffee fort müsse. Die beiden Eheleute machten
umständlich ihre Bekenntnisse; aber kaum hatte er den Sinn der Sache
vernommen, als er verdrießlich vom Tische auffuhr, ans Fenster sprang
und sein Pferd zu satteln befahl.

„Entweder ihr kennt mich nicht“, rief er aus, „ihr steht mich nicht,
oder ihr seid sehr boshaft. Ist denn hier ein Streit? Ist denn hier
eine Hülfe nötig? Glaubt ihr, daß ich in der Welt bin, um Rat zu geben?
Das ist das dümmste Handwerk, das einer treiben kann. Rate sich jeder
selbst und tue, was er nicht lassen kann. Gerät es gut, so freue er
sich seiner Weisheit und seines Glücks; läufts übel ab, dann bin ich
bei der Hand. Wer ein Übel los sein will, der weiß immer, was er will;
wer was Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind—ja ja! Lacht
nur—er spielt Blindekuh, er ertappts vielleicht; aber was? Tut, was ihr
wollt: es ist ganz einerlei! Nehmt die Freunde zu euch, laßt sie weg:
alles einerlei! Das Vernünftigste habe ich mißlingen sehen, das
Abgeschmackteste gelingen. Zerbrecht euch die Köpfe nicht, und wenns
auf eine oder die andre Weise übel abläuft, zerbrecht sie euch auch
nicht! Schickt nur nach mir, und euch soll geholfen werden. Bis dahin
euer Diener!“

Und so schwang er sich aufs Pferd, ohne den Kaffee abzuwarten.

„Hier siehst du“, sagte Charlotte, „wie wenig eigentlich ein Dritter
fruchtet, wenn es zwischen zwei nah verbundenen Personen nicht ganz im
Gleichgewicht steht. Gegenwärtig sind wir doch wohl noch verworrner und
ungewisser, wenns möglich ist, als vorher“.

Beide Gatten würden auch wohl noch eine Zeitlang geschwankt haben, wäre
nicht ein Brief des Hauptmanns im Wechsel gegen Eduards letzten
angekommen. Er hatte sich entschlossen, eine der ihm angebotenen
Stellen anzunehmen, ob sie ihm gleich keineswegs gemäß war. Er sollte
mit vornehmen und reichen Leuten die Langeweile teilen, indem man auf
ihn das Zutrauen setzte, daß er sie vertreiben würde.

Eduard übersah das ganze Verhältnis recht deutlich und malte es noch
recht scharf aus“. „Wollen wir unsern Freund in einem solchen Zustande
wissen?“ rief er. „Du kannst nicht so grausam sein, Charlotte!“

„Der wunderliche Mann, unser Mittler“, versetzte Charlotte, „hat am
Ende doch recht. Alle solche Unternehmungen sind Wagestücke. Was daraus
werden kann, sieht kein Mensch voraus. Solche neue Verhältnisse können
fruchtbar sein an Glück und an Unglück, ohne daß wir uns dabei
Verdienst oder Schuld sonderlich zurechnen dürfen. Ich fühle mich nicht
stark genug, dir länger zu widerstehen. Laß uns den Versuch machen! Das
einzige, was ich dich bitte: es sei nur auf kurze Zeit angesehen.
Erlaube mir, daß ich mich tätiger als bisher für ihn verwende und
meinen Einfluß, meine Verbindungen eifrig benutze und aufrege, ihm eine
Stelle zu verschaffen, die ihm nach seiner Weise einige Zufriedenheit
gewähren kann“.

Eduard versicherte seine Gattin auf die anmutigste Weise der
lebhaftesten Dankbarkeit. Er eilte mit freiem, frohem Gemüt, seinem
Freunde Vorschläge schriftlich zu tun. Charlotte mußte in einer
Nachschrift ihren Beifall eigenhändig hinzufügen, ihre
freundschaftlichen Bitten mit den seinen vereinigen. Sie schrieb mit
gewandter Feder gefällig und verbindlich, aber doch mit einer Art von
Hast, die ihr sonst nicht gewöhnlich war; und was ihr nicht leicht
begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit einem Tintenfleck,
der sie ärgerlich machte und nur größer wurde, indem sie ihn wegwischen
wollte.

Eduard scherzte darüber, und weil noch Platz war, fügte er eine zweite
Nachschrift hinzu: der Freund solle aus diesen Zeichen die Ungeduld
sehen, womit er erwartet werde, und nach der Eile, womit der Brief
geschrieben, die Eilfertigkeit seiner Reise einrichten.

Der Bote war fort, und Eduard glaubte seine Dankbarkeit nicht
überzeugender ausdrücken zu können, als indem er aber—und abermals
darauf bestand, Charlotte solle zugleich Ottilien aus der Pension holen
lassen.

Sie bat um Aufschub und wußte diesen Abend bei Eduard die Lust zu einer
musikalischen Unterhaltung aufzuregen. Charlotte spielte sehr gut
Klavier, Eduard nicht ebenso bequem die Flöte; denn ob er sich gleich
zuzeiten viel Mühe gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die
Ausdauer verliehen, die zur Ausbildung eines solchen Talentes gehört.
Er führte deshalb seine Partie sehr ungleich aus, einige Stellen gut,
nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder hielt er an, weil sie
ihm nicht geläufig waren, und so wär es für jeden andern schwer
gewesen, ein Duett mit ihm durchzubringen. Aber Charlotte wußte sich
darein zu finden; sie hielt an und ließ sich wieder von ihm fortreißen
und versah also die doppelte Pflicht eines guten Kapellmeisters und
einer klugen Hausfrau, die im ganzen immer das Maß zu erhalten wissen,
wenn auch die einzelnen Passagen nicht immer im Takt bleiben sollten.



Drittes Kapitel

Der Hauptmann kam. Er hatte einen sehr verständigen Brief
vorausgeschickt, der Charlotten völlig beruhigte. Soviel Deutlichkeit
über sich selbst, soviel Klarheit über seinen eigenen Zustand, über den
Zustand seiner Freunde gab eine heitere und fröhliche Aussicht.

Die Unterhaltungen der ersten Stunden waren, wie unter Freunden zu
geschehen pflegt, die sich eine Zeitlang nicht gesehen haben, lebhaft,
ja fast erschöpfend. Gegen Abend veranlaßte Charlotte einen Spaziergang
auf die neuen Anlagen. Der Hauptmann gefiel sich sehr in der Gegend und
bemerkte jede Schönheit, welche durch die neuen Wege erst sichtbar und
genießbar geworden. Er hatte ein geübtes Auge und dabei ein genügsames;
und ob er gleich das Wünschenswerte sehr wohl kannte, machte er doch
nicht, wie es öfters zu geschehen pflegt, Personen, die ihn in dem
Ihrigen herumführten, dadurch einen üblen Humor, daß er mehr verlangte,
als die Umstände zuließen, oder auch wohl gar an etwas Vollkommneres
erinnerte, das er anderswo gesehen.

Als sie die Mooshütte erreichten, fanden sie solche auf das lustige
ausgeschmückt, zwar nur mit künstlichen Blumen und Wintergrün, doch
darunter so schöne Büschel natürlichen Weizens und anderer Feld—und
Baumfrüchte angebracht, daß sie dem Kunstsinn der Anordnenden zur Ehre
gereichten. „Obschon mein Mann nicht liebt, daß man seinen Geburts-
oder Namenstag feire, so wird er mir doch heute nicht verargen, einem
dreifachen Feste diese wenigen Kränze zu widmen“.

„Ein dreifaches?“ rief Eduard. „Ganz gewiß!“ versetzte Charlotte;
„unseres Freundes Ankunft behandeln wir billig als ein Fest; und dann
habt ihr beide wohl nicht daran gedacht, daß heute euer Namenstag ist.
Heißt nicht einer Otto so gut als der andere?“

Beide Freunde reichten sich die Hände über den kleinen Tisch. „Du
erinnerst mich“, sagte Eduard, „an dieses jugendliche
Freundschaftsstück.—Als Kinder hießen wir beide so; doch als wir in der
Pension zusammenlebten und manche Irrung daraus entstand, so trat ich
ihm freiwillig diesen hübschen, lakonischen Namen ab“.

„Wobei du denn doch nicht gar zu großmütig warst“, sagte der Hauptmann.
„Denn ich erinnere mich recht wohl, daß dir der Name Eduard besser
gefiel, wie er denn auch, von angenehmen Lippen ausgesprochen, einen
besonders guten Klang hat“.

Nun saßen sie also zu dreien um dasselbe Tischchen, wo Charlotte so
eifrig gegen die Ankunft des Gastes gesprochen hatte. Eduard in seiner
Zufriedenheit wollte die Gattin nicht an jene Stunden erinnern, doch
enthielt er sich nicht zu sagen: „für ein Viertes wäre auch noch recht
gut Platz“.

Waldhörner ließen sich in diesem Augenblick vom Schloß herüber
vernehmen, bejahten gleichsam und bekräftigten die guten Gesinnungen
und Wünsche der beisammen verweilenden Freunde. Stillschweigend hörten
sie zu, indem jedes in sich selbst zurückkehrte und sein eigenes Glück
in so schöner Verbindung doppelt empfand.

Eduard unterbrach die Pause zuerst, indem er aufstand und vor die
Mooshütte hinaustrat. „Laß uns“, sagte er zu Charlotten, „den Freund
gleich völlig auf die Höhe führen, damit er nicht glaube, dieses
beschränkte Tal nur sei unser Erbgut und Aufenthalt; der Blick wird
oben freier und die Brust erweitert sich“.

„So müssen wir diesmal noch“, versetzte Charlotte, „den alten, etwas
beschwerlichen Fußpfad erklimmen; doch, hoffe ich, sollen meine Stufen
und Steige nächstens bequemer bis ganz hinauf leiten“.

Und so gelangte man denn über Felsen, durch Busch und Gesträuch zur
letzten Höhe, die zwar keine Fläche, doch fortlaufende, fruchtbare
Rücken bildete. Dorf und Schloß hinterwärts waren nicht mehr zu sehen.
In der Tiefe erblickte man ausgebreitete Teiche, drüben bewachsene
Hügel, an denen sie sich hinzogen, endlich steile Felsen, welche
senkrecht den letzten Wasserspiegel entschieden begrenzten und ihre
bedeutenden Formen auf der Oberfläche desselben abbildeten. Dort in der
Schlucht, wo ein starker Bach den Teichen zufiel, lag eine Mühle halb
versteckt, die mit ihren Umgebungen als ein freundliches Ruheplätzchen
erschien. Mannigfaltig wechselten im ganzen Halbkreise, den man
übersah, Tiefen und Höhen, Büsche und Wälder, deren erstes Grün für die
Folge den füllereichsten Anblick versprach. Auch einzelne Baumgruppen
hielten an mancher Stelle das Auge fest. Besonders zeichnete zu den
Füßen der schauenden Freunde sich eine Masse Pappeln und Platanen
zunächst an dem Rande des mittleren Teiches vorteilhaft aus. Sie stand
in ihrem besten Wachstum, frisch, gesund, empor und in die Breite
strebend.

Eduard lenkte besonders auf diese die Aufmerksamkeit seines Freundes.
„Diese habe ich“, rief er aus, „in meiner Jugend selbst gepflanzt. Es
waren junge Stämmchen, die ich rettete, als mein Vater, bei der Anlage
zu einem neuen Teil des großen Schloßgartnens, sie mitten im Sommer
ausroden ließ. Ohne Zweifel werden sie auch dieses Jahr sich durch neue
Triebe wieder dankbar hervortun“.

Man kehrte zufrieden und heiter zurück. Dem Gaste ward auf dem rechten
Flügel des Schlosses ein freundliches, geräumiges Quartier angewiesen,
wo er sehr bald Bücher, Papiere und Instrumente aufgestellt und
geordnet hatte, um in seiner gewohnten Tätigkeit fortzufahren. Aber
Eduard ließ ihm in den ersten Tagen keine Ruhe; er führte ihn überall
herum, bald zu Pferde, bald zu Fuße, und machte ihn mit der Gegend, mit
dem Gute bekannt; wobei er ihm zugleich die Wünsche mitteilte, die er
zu besserer Kenntnis und vorteilhafterer Benutzung desselben seit
langer Zeit bei sich hegte.

„Das erste, was wir tun sollten“, sagte der Hauptmann, „wäre, daß ich
die Gegend mit der Magnetnadel aufnähme. Es ist das ein leichtes,
heiteres Geschäft, und wenn es auch nicht die größte Genauigkeit
gewährt, so bleibt es doch immer nützlich und für den Anfang
erfreulich; auch kann man es ohne große Beihülfe leisten und weiß
gewiß, daß man fertig wird. Denkst du einmal an eine genauere
Ausmessung, so läßt sich dazu wohl auch noch Rat finden“.

Der Hauptmann war in dieser Art des Aufnehmens sehr geübt. Er hatte die
nötige Gerätschaft mitgebracht und fing sogleich an. Er unterrichtete
Eduarden, einige Jäger und Bauern, die ihm bei dem Geschäft behülflich
sein sollten. Die Tage waren günstig; die Abende und die frühsten
Morgen brachte er mit Aufzeichnen und Schraffieren zu. Schnell war auch
alles laviert und illuminiert, und Eduard sah seine Besitzungen auf das
deutlichste aus dem Papier wie eine neue Schöpfung hervorwachsen. Er
glaubte sie jetzt erst kennenzulernen, sie schienen ihm jetzt erst
recht zu gehören.

Es gab Gelegenheit, über die Gegend, über Anlagen zu sprechen, die man
nach einer solchen Übersicht viel besser zustande bringe, als wenn man
nur einzeln, nach zufälligen Eindrücken, an der Natur herumversuche.

„Das müssen wir meiner Frau deutlich machen“, sagte Eduard.

„Tue das nicht!“ versetzte der Hauptmann, der die Überzeugungen anderer
nicht gern mit den seinigen durchkreuzte, den die Erfahrung gelehrt
hatte, daß die Ansichten der Menschen viel zu mannigfaltig sind, als
daß sie, selbst durch die vernünftigsten Vorstellungen, auf Einen Punkt
versammelt werden könnten. „Tue es nicht!“ rief er, „sie dürfte leicht
irre werden. Es ist ihr wie allen denen, die sich nur aus Liebhaberei
mit solchen Dingen beschäftigen, mehr daran gelegen, daß sie etwas tue,
als daß etwas getan werde. Man tastet an der Natur, man hat Vorliebe
für dieses oder jenes Plätzchen; man wagt nicht, dieses oder jenes
Hindernis wegzuräumen, man ist nicht kühn genug, etwas aufzuopfern; man
kann sich voraus nicht vorstellen, was entstehen soll, man probiert, es
gerät, es mißrät, man verändert, verändert vielleicht, was man lassen
sollte, läßt, was man verändern sollte, und so bleibt es zuletzt immer
ein Stückwerk, das gefällt und anregt, aber nicht befriedigt“.

„Gesteh mir aufrichtig“, sagte Eduard, „du bist mit ihren Anlagen nicht
zufrieden“.

„Wenn die Ausführung den Gedanken erschöpfte, der sehr gut ist, so wäre
nichts zu erinnern. Sie hat sich mühsam durch das Gestein hinaufgequält
und quält nun jeden, wenn du willst, den sie hinaufführt. Weder
nebeneinander noch hintereinander schreitet man mit einer gewissen
Freiheit. Der Takt des Schrittes wird jeden Augenblick unterbrochen;
und was ließe sich nicht noch alles einwenden!“


„Wäre es denn leicht anders zu machen gewesen?“ fragte Eduard.

„Gar leicht“, versetzte der Hauptmann; „sie durfte nur die eine
Felsenecke, die noch dazu unscheinbar ist, weil sie aus kleinen Teilen
besteht, wegbrechen, so erlangte sie eine schön geschwungene Wendung
zum Aufstieg und zugleich überflüssige Steine, um die Stellen
heraufzumauern, wo der Weg schmal und verkrüppelt geworden wäre. Doch
sei dies im engsten Vertrauen unter uns gesagt; sie wird sonst irre und
verdrießlich. Auch muß man, was gemacht ist, bestehen lassen. Will man
weiter Geld und Mühe aufwenden, so wäre von der Mooshütte hinaufwärts
und über die Anhöhe noch mancherlei zu tun und viel Angenehmes zu
leisten“.

Hatten auf diese Weise die beiden Freunde am Gegenwärtigen manche
Beschäftigung, so fehlte es nicht an lebhafter und vergnüglicher
Erinnerung vergangener Tage, woran Charlotte wohl teilzunehmen pflegte.
Auch setzte man sich vor, wenn nur die nächsten Arbeiten erst getan
wären, an die Reisejournale zu gehen und auch auf diese Weise die
Vergangenheit hervorzurufen.

Übrigens hatte Eduard mit Charlotten allein weniger Stoff zur
Unterhaltung, besonders seitdem er den Tadel ihrer Parkanlagen, der ihm
so gerecht schien, auf dem Herzen fühlte. Lange verschwieg er, was ihm
der Hauptmann vertraut hatte; aber als er seine Gattin zuletzt
beschäftigt sah, von der Mooshütte hinauf zur Anhöhe wieder mit
Stüfchen und Pfädchen sich emporzuarbeiten, so hielt er nicht länger
zurück, sondern machte sie nach einigen Umschweifen mit seinen neuen
Einsichten bekannt.

Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell
einzusehen, daß jene recht hatten; aber das Getane widersprach, es war
nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wünschenswert
gefunden, selbst das Getadelte war ihr in jedem einzelnen Teile lieb;
sie widerstrebte der Überzeugung, sie verteidigte ihre kleine
Schöpfung, sie schalt auf die Männer, die gleich ins Weite und Große
gingen, aus einem Scherz, aus einer Unterhaltung gleich ein Werk machen
wollten, nicht an die Kosten denken, die ein erweiterter Plan durchaus
nach sich zieht. Sie war bewegt, verletzt, verdrießlich; sie konnte das
Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber
entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm
sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.

Indem sie nun auch diese tätige Unterhaltung vermißte, da indes die
Männer ihr Geschäft immer geselliger betrieben und besonders die
Kunstgärten und Glashäuser mit Eifer besorgten, auch dazwischen die
gewöhnlichen ritterlichen Übungen fortsetzten, als Jagen, Pferdekaufen,
-tauschen, -bereiten und -einfahren, so fühlte sich Charlotte täglich
einsamer. Sie führte ihren Briefwechsel auch um des Hauptmanns willen
lebhafter, und doch gab es manche einsame Stunde. Desto angenehmer und
unterhaltender waren ihr die Berichte, die sie aus der Pensionsanstalt
erhielt.

Einem weitläufigen Briefe der Vorsteherin, welcher sich wie gewöhnlich
über der Tochter Fortschritte mit Behagen verbreitete, war eine kurze
Nachschrift hinzugefügt nebst einer Beilage von der Hand eines
männlichen Gehülfen am Institut, die wir beide mitteilen.

Nachschrift der Vorsteherin

„Von Ottilien, meine Gnädige, hätte ich eigentlich nur zu wiederholen,
was in meinen vorigen Berichten enthalten ist. Ich wüßte sie nicht zu
schelten, und doch kann ich nicht zufrieden mit ihr sein. Sie ist nach
wie vor bescheiden und gefällig gegen andere; aber dieses Zurücktreten,
diese Dienstbarkeit will mir nicht gefallen. Euer Gnaden haben ihr
neulich Geld und verschiedene Zeuge geschickt. Das erste hat sie nicht
angegriffen, die andern liegen auch noch da, unberührt. Sie hält
freilich ihre Sachen sehr reinlich und gut und scheint nur in diesem
Sinn die Kleider zu wechseln. Auch kann ich ihre große Mäßigkeit im
Essen und Trinken nicht loben. An unserm Tisch ist kein Überfluß; doch
sehe ich nichts lieber, als wenn die Kinder sich an schmackhaften und
gesunden Speisen satt essen. Was mit Bedacht und Überzeugung
aufgetragen und vorgelegt ist, soll auch aufgegessen werden. Dazu kann
ich Ottilien niemals bringen. Ja, sie macht sich irgendein Geschäft, um
eine Lücke auszufüllen, wo die Dienerinnen etwas versäumen, nur um eine
Speise oder den Nachtisch zu übergehen. Bei diesem allen kommt jedoch
in Betrachtung, daß sie manchmal, wie ich erst spät erfahren habe,
Kopfweh auf der linken Seite hat, das zwar vorübergeht, aber
schmerzlich und bedeutend sein mag. Soviel von diesem übrigens so
schönen und lieben Kinde“.

Beilage des Gehülfen

„Unsere vortreffliche Vorsteherin läßt mich gewöhnlich die Briefe
lesen, in welchen sie Beobachtungen über ihre Zöglinge den Eltern und
Vorgesetzten mitteilt. Diejenigen, die an Euer Gnaden gerichtet sind,
lese ich immer mit doppelter Aufmerksamkeit, mit doppeltem Vergnügen;
denn indem wir Ihnen zu einer Tochter Glück zu wünschen haben, die alle
jene glänzenden Eigenschaften vereinigt, wodurch man in der Welt
emporsteigt, so muß ich wenigstens Sie nicht minder glücklich preisen,
daß Ihnen in Ihrer Pflegetochter ein Kind beschert ist, das zum Wohl,
zur Zufriedenheit anderer und gewiß auch zu seinem eigenen Glück
geboren ward. Ottilie ist fast unser einziger Zögling, über den ich mit
unserer so verehrten Vorsteherin nicht einig werden kann. Ich verarge
dieser tätigen Frau keinesweges, daß sie verlangt, man soll die Früchte
ihrer Sorgfalt äußerlich und deutlich sehen; aber es gibt auch
verschlossene Früchte, die erst die rechten, kernhaften sind und die
sich früher oder später zu einem schönen Leben entwickeln. Dergleichen
ist gewiß Ihre Pflegetochter. Solange ich sie unterrichte, sehe ich sie
immer gleichen Schrittes gehen, langsam, langsam vorwärts, nie zurück.
Wenn es bei einem Kinde nötig ist, vom Anfange anzufangen, so ist es
gewiß bei ihr. Was nicht aus dem Vorhergehenden folgt, begreift sie
nicht. Sie steht unfähig, ja stöckisch vor einer leicht faßlichen
Sache, die für sie mit nichts zusammenhängt. Kann man aber die
Mittelglieder finden und ihr deutlich machen, so ist ihr das Schwerste
begreiflich.

Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre Mitschülerinnen
zurück, die mit ganz andern Fähigkeiten immer vorwärtseilen, alles,
auch das Unzusammenhängende, leicht fassen, leicht behalten und bequem
wieder anwenden. So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten
Lehrvortrage gar nichts; wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche
von trefflichen, aber raschen und ungeduldigen Lehrern gegeben werden.
Man hat über ihre Handschrift geklagt, über ihre Unfähigkeit, die
Regeln der Grammatik zu fassen. Ich habe diese Beschwerde näher
untersucht: es ist wahr, sie schreibt langsam und steif, wenn man so
will, doch nicht zaghaft und ungestalt. Was ich ihr von der
französischen Sprache, die zwar mein Fach nicht ist, schrittweise
mitteilte, begriff sie leicht. Freilich ist es wunderbar: sie weiß
vieles und recht gut; nur wenn man sie fragt, scheint sie nichts zu
wissen.

Soll ich mit einer allgemeinen Bemerkung schließen, so möchte ich
sagen: sie lernt nicht als eine, die erzogen werden soll, sondern als
eine, die erziehen will; nicht als Schülerin, sondern als künftige
Lehrerin. Vielleicht kommt es Euer Gnaden sonderbar vor, daß ich selbst
als Erzieher und Lehrer jemanden nicht mehr zu loben glaube, als wenn
ich ihn für meinesgleichen erkläre. Euer Gnaden bessere Einsicht,
tiefere Menschen- und Weltkenntnis wird aus meinen beschränkten,
wohlgemeinten Worten das Beste nehmen. Sie werden sich Überzeugen, daß
auch an diesem Kinde viel Freude zu hoffen ist. Ich empfehle mich zu
Gnaden und bitte um die Erlaubnis, wieder zu schreiben, sobald ich
glaube, daß mein Brief etwas Bedeutendes und Angenehmes enthalten
werde“.

Charlotte freute sich über dieses Blatt. Sein Inhalt traf ganz nahe mit
den Vorstellungen zusammen, welche sie von Ottilien hegte; dabei konnte
sie sich eines Lächelns nicht enthalten, indem der Anteil des Lehrers
herzlicher zu sein schien, als ihn die Einsicht in die Tugenden eines
Zöglings hervorzubringen pflegt. Bei ihrer ruhigen, vorurteilsfreien
Denkweise ließ sie auch ein solches Verhältnis, wie so viele andre, vor
sich liegen; die Teilnahme des verständigen Mannes an Ottilien hielt
sie wert; denn sie hatte in ihrem Leben genugsam einsehen gelernt, wie
hoch jede wahre Neigung zu schätzen sei in einer Welt, wo
Gleichgültigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind.



Viertes Kapitel

Die topographische Karte, auf welcher das Gut mit seinen Umgebungen
nach einem ziemlich großen Maßstabe charakteristisch und faßlich durch
Federstriche und Farben dargestellt war und welche der Hauptmann durch
einige trigonometrische Messungen sicher zu gründen wußte, war bald
fertig; denn weniger Schlaf als dieser tätige Mann bedurfte kaum
jemand, so wie sein Tag stets dem augenblicklichen Zwecke gewidmet und
deswegen jederzeit am Abende etwas getan war.

„Laß uns nun“, sagte er zu seinem Freunde, „an das Übrige gehen, an die
Gutsbeschreibung, wozu schon genugsame Vorarbeit da sein muß, aus der
sich nachher Pachtanschläge und anderes schon entwickeln werden. Nur
Eines laß uns festsetzen und einrichten: trenne alles, was eigentlich
Geschäft ist, vom Leben! Das Geschäft verlangt Ernst und Strenge, das
Leben Willkür; das Geschäft die reinste Folge, dem Leben tut eine
Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswürdig und erheiternd. Bist du
bei dem einen sicher, so kannst du in dem andern desto freier sein,
anstatt daß bei einer Vermischung das Sichre durch das Freie
weggerissen und aufgehoben wird“.

Eduard fühlte in diesen Vorschlägen einen leisen Vorwurf. Zwar von
Natur nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine
Papiere nach Fächern abzuteilen. Das, was er mit andern abzutun hatte,
was bloß von ihm selbst abhing, es war nicht geschieden, so wie er auch
Geschäfte und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht
genugsam voneinander absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein
Freund diese Bemühung übernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte,
in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag.

Sie errichteten auf dem Flügel des Hauptmanns eine Repositur für das
Gegenwärtige, ein Archiv für das Vergangene, schafften alle Dokumente,
Papiere, Nachrichten aus verschiedene Behältnissen, Kammern, Schränken
und Kisten herbei, und auf das geschwindeste war der Wust in eine
erfreuliche Ordnung gebracht, lag rubriziert in bezeichneten Fächern.
Was man wünschte, ward vollständiger gefunden, als man gehofft hatte.
Hierbei ging ihnen ein alter Schreiber sehr an die Hand, der den Tag
über, ja einen Teil der nicht vom Pulte kam und mit dem Eduard bisher
immer unzufrieden gewesen war.

„Ich kenne ihn nicht mehr“, sagte Eduard zu seinem Freund, „wie tätig
und brauchbar der Mensch ist“. „Das macht“, versetzte der Hauptmann,
„wir tragen ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner
Bequemlichkeit vollendet hat; und so leistet er, wie du siehst, sehr
viel; sobald man ihn stört, vermag er gar nichts“.

Brachten die Freunde auf diese Weise ihre Tage zusammen zu, so
versäumten sie abends nicht, Charlotten regelmäßig zu besuchen. Fand
sich keine Gesellschaft von benachbarten Orten und Gütern, welches
öfters geschah, so war das Gespräch wie das Lesen meist solchen
Gegenständen gewidmet, welche den Wohlstand, die Vorteile und das
Behagen der bürgerlichen Gesellschaft vermehren.

Charlotte, ohnehin gewohnt, die Gegenwart zu nutzen, fühlte sich, indem
sie ihren Mann zufrieden sah, auch persönlich gefördert. Verschiedene
häusliche Anstalten, die sie längst gewünscht, aber nicht recht
einleiten können, wurden durch die Tätigkeit des Hauptmanns bewirkt.
Die Hausapotheke, die bisher nur aus wenigen Mitteln bestanden, ward
bereichert und Charlotte so wohl durch faßliche Bücher als durch
Unterredung in den Stand gesetzt, ihr tätiges und hülfreiches Wesen
öfter und wirksamer als bisher in Übung zu bringen.

Da man auch die gewöhnlichen und dessen ungeachtet nur zu oft
überraschenden Notfälle durchdachte, so wurde alles, was zur Rettung
der Ertrunkenen nötig sein möchte, um so mehr angeschafft, als bei der
Nähe so mancher Teiche, Gewässer und Wasserwerke öfters ein und der
andere Unfall dieser Art vorkam. Diese Rubrik besorgte der Hauptmann
sehr ausführlich, und Eduarden entschlüpfte die Bemerkung, daß ein
solcher Fall in dem Leben seines Freundes auf die seltsamste Weise
Epoche gemacht. Doch als dieser schwieg und einer traurigen Erinnerung
auszuweichen schien, hielt Eduard gleichfalls an, so wie auch
Charlotte, die nicht weniger im allgemeinen davon unterrichtet war,
über jene Äußerungen hinausging.

„Wie wollen alle diese vorsorglichen Anstalten loben“, sagte eines
Abends der Hauptmann; „nun geht uns aber das Notwendigste noch ab, ein
tüchtiger Mann, der das alles zu handhaben weiß. Ich kann hiezu einen
mir bekannten Feldchirurgus vorschlagen, der jetzt um leidliche
Bedingung zu haben ist, ein vorzüglicher Mann in seinem Fache, und der
mir auch in Behandlung heftiger innerer Übel öfters mehr Genüge getan
hat als ein berühmter Arzt; und augenblickliche Hülfe ist doch immer
das, was auf dem Lande am meisten vermißt wird“.

Auch dieser wurde sogleich verschrieben, und beide Gatten freuten sich,
daß sie so manche Summe, die ihnen zu willkürlichen Ausgaben
übrigblieb, auf die nötigsten zu verwenden Anlaß gefunden.

So benutzte Charlotte die Kenntnisse, die Tätigkeit des Hauptmanns auch
nach ihrem Sinne und fing an, mit seiner Gegenwart völlig zufrieden und
über alle Folgen beruhigt zu werden. Sie bereitete sich gewöhnlich vor,
manches zu fragen, und da sie gern leben mochte, so suchte sie alles
Schädliche, alles Tödliche zu entfernen. Die Bleiglasur der
Töpferwaren, der Grünspan kupferner Gefäße hatte ihr schon manche Sorge
gemacht. Sie ließ sich hierüber belehren, und natürlicherweise mußte
man auf die Grundbegriffe der Physik und Chemie zurückgehen.

Zufälligen, aber immer willkommenen Anlaß zu solchen Unterhaltungen gab
Eduards Neigung, der Gesellschaft vorzulesen. Er hatte eine sehr
wohlklingende, tiefe Stimme und war früher wegen lebhafter, gefühlter
Rezitation dichterischer und rednerischer Arbeiten angenehm und berühmt
gewesen. Nun waren es andre Gegenstände, die ihn beschäftigten, andre
Schriften, woraus er vorlas, und eben seit einiger Zeit vorzüglich
Werke physischen, chemischen und technischen Inhalts.

Eine seiner besondern Eigenheiten, die er jedoch vielleicht mit mehrern
Menschen teilt, war die, daß es ihm unerträglich fiel, wenn jemand ihm
beim Lesen in das Buch sah. In früherer Zeit, beim Vorlesen von
Gedichten, Schauspielen, Erzählungen, war es die natürliche Folge der
lebhaften Absicht, die der Vorlesende so gut als der Dichter, der
Schauspieler, der Erzählende hat, zu überraschen, Pausen zu machen,
Erwartungen zu erregen; da es denn freilich dieser beabsichtigten
Wirkung sehr zuwider ist, wenn ihm ein Dritter wissentlich mit den
Augen vorspringt. Er pflegte sich auch deswegen in solchem Falle immer
so zu setzen, daß er niemand im Rücken hatte. Jetzt zu dreien war diese
Vorsicht unnötig; und da es diesmal nicht auf Erregung des Gefühls, auf
Überraschung der Einbildungskraft angesehen war, so dachte er selbst
nicht daran, sich sonderlich in acht zu nehmen.

Nur eines Abends fiel es ihm auf, als er sich nachlässig gesetzt hatte,
daß Charlotte ihm in das Buch sah. Seine alte Ungeduld erwachte, und er
verwies es ihr, gewissermaßen unfreundlich: „wollte man sich doch
solche Unarten, wie so manches andre, was der Gesellschaft lästig ist,
ein für allemal abgewöhnen! Wenn ich jemand vorlese, ist es denn nicht,
als wenn ich ihm mündlich etwas vortrüge? Das Geschriebene, das
Gedruckte tritt an die Stelle meines eigenen Sinnes, meines eigenen
Herzens; und würde ich mich wohl zu reden bemühen, wenn ein Fensterchen
vor meiner Stirn, vor meiner Brust angebracht wäre, so daß der, dem ich
meine Gedanken einzeln zuzählen, meine Empfindungen einzeln zureichen
will, immer schon lange vorher wissen könnte, wo es mit mir hinaus
wollte? Wenn mir jemand ins Buch sieht, so ist mir immer, als wenn ich
in zwei Stücke gerissen würde“.

Charlotte, deren Gewandtheit sich in größeren und kleineren Zirkeln
besonders dadurch bewies, daß sie jede unangenehme, jede heftige, ja
selbst nur lebhafte Äußerung zu beseitigen, ein sich verlängerndes
Gespräch zu unterbrechen, ein stockendes anzuregen wußte, war auch
diesmal von ihrer guten Gabe nicht verlassen:“ du wirst mir meinen
Fehler gewiß verzeihen, wenn ich bekenne, was mir diesen Augenblick
begegnet ist. Ich hörte von Verwandtschaften lesen, und da dacht ich
eben gleich an meine Verwandten, an ein paar Vettern, die mir gerade in
diesem Augenblick zu schaffen machen. Meine Aufmerksamkeit kehrt zu
deiner Vorlesung zurück; ich höre, daß von ganz leblosen Dingen die
Rede ist, und blicke dir ins Buch, um mich wieder zurechtzufinden“.

„Es ist eine Gleichnisrede, die dich verführt und verwirrt hat“, sagte
Eduard. „Hier wird freilich nur von Erden und Mineralien gehandelt,
aber der Mensch ist ein wahrer Narziß; er bespiegelt sich überall gern
selbst, er legt sich als Folie der ganzen Welt unter“.

„Jawohl!“ fuhr der Hauptmann fort; „so behandelt er alles, was er außer
sich findet; seine Weisheit wie seine Torheit, seinen Willen wie seine
Willkür leiht er den Tieren, den Pflanzen, den Elementen und den
Göttern“.

„Möchtet ihr mich“, versetzte Charlotte, „da ich euch nicht zu weit von
dem augenblicklichen Interesse wegführen will, nur kürzlich belehren,
wie es eigentlich hier mit den Verwandtschaften gemeint sei?“

„Das will ich wohl gerne tun“, erwiderte der Hauptmann, gegen den sich
Charlotte gewendet hatte, „freilich nur so gut, als ich es vermag, wie
ich es etwa vor zehn Jahren gelernt, wie ich es gelesen habe. Ob man in
der wissenschaftlichen Welt noch so darüber denkt, ob es zu den neuern
Lehren paßt, wüßte ich nicht zu sagen“.

„Es ist schlimm genug“, rief Eduard, „daß man jetzt nichts mehr für
sein ganzes Leben lernen kann. Unsre Vorfahren hielten sich an den
Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt
alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen
wollen“.

„Wir Frauen“, sagte Charlotte, „nehmen es nicht so genau; und wenn ich
aufrichtig sein soll, so ist es mir eigentlich nur um den Wortverstand
zu tun; denn es macht in der Gesellschaft nichts lächerlicher, als wenn
man ein fremdes, ein Kunstwort falsch anwendet. Deshalb möchte ich nur
wissen, in welchem Sinne dieser Ausdruck eben bei diesen Gegenständen
gebraucht wird. Wie es wissenschaftlich damit zusammenhänge, wollen wir
den Gelehrten überlassen, die übrigens, wie ich habe bemerken können,
sich wohl schwerlich jemals vereinigen werden“.

„Wo fangen wir aber nun an, um am schnellsten in die Sache zu kommen?“
fragte Eduard nach einer Pause den Hauptmann, der, sich ein wenig
bedenkend, bald darauf erwiderte: „wenn es mir erlaubt ist, dem Scheine
nach weit auszuholen, so sind wir bald am Platze“.

„Sein Sie meiner ganzen Aufmerksamkeit versichert“, sagte Charlotte,
indem sie ihre Arbeit beseitelegte.

Und so begann der Hauptmann: „an allen Naturwesen, die wir gewahr
werden, bemerken wir zuerst, daß sie einen Bezug auf sich selbst haben.
Es klingt freilich wunderlich, wenn man etwas ausspricht, was sich
ohnehin versteht; doch nur indem man sich über das Bekannte völlig
verständig hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten“.

„Ich dächte“, fiel ihm Eduard ein, „wir machten ihr und uns die Sache
durch Beispiele bequem. Stelle dir nur das Wasser, das Öl, das
Quicksilber vor, so wirst du eine Einigkeit, einen Zusammenhang ihrer
Teile finden. Diese Einung verlassen sie nicht, außer durch Gewalt oder
sonstige Bestimmung. Ist diese beseitigt, so treten sie gleich wieder
zusammen“.

„Ohne Frage“, sagte Charlotte beistimmend.

„Regentropfen vereinigen sich gern zu Strömen. Und schon als Kinder
spielen wir erstaunt mit dem Quecksilber, indem wir es in Kügelchen
trennen und es wieder zusammenlaufen lassen“.

„Und so darf ich wohl“, fügte der Hauptmann hinzu, „eines bedeutenden
Punktes im flüchtigen Vorbeigehen erwähnen, daß nämlich dieser völlig
reine, durch Flüssigkeit mögliche Bezug sich entschieden und immer
durch die Kugelgestalt auszeichnet. Der fallende Wassertropfen ist
rund; von den Quecksilberkügelchen haben Sie selbst gesprochen; ja ein
fallendes geschmolzenes Blei, wenn es Zeit hat, völlig zu erstarren,
kommt unten in Gestalt einer Kugel an“.

„Lassen Sie mich voreilen“, sagte Charlotte, „ob ich treffe, wo Sie
hinwollen. Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muß es auch
gegen andere ein Verhältnis haben“.

„Und das wird nach Verschiedenheit der Wesen verschieden sein“, fuhr
Eduard eilig fort. „Bald werden sie sich als Freunde und alte Bekannte
begegnen, die schnell zusammentreten, sich vereinigen, ohne aneinander
etwas zu verändern, wie sich Wein mit Wasser vermischt. Dagegen werden
andre fremd nebeneinander verharren und selbst durch mechanisches
Mischen und Reiben sich keinesweges verbinden; wie Öl und Wasser,
zusammengerüttelt, sich den Augenblick wieder auseinander sondert“.

„Es fehlt nicht viel“, sagte Charlotte, „so sieht man in diesen
einfachen Formen die Menschen, die man gekannt hat; besonders aber
erinnert man sich dabei der Sozietäten, in denen man lebte. Die meiste
Ähnlichkeit jedoch mit diesen seelenlosen Wesen haben die Massen, die
in der Welt sich einander gegenüberstellen, die Stände, die
Berufsbestimmungen, der Adel und der dritte Stand, der Soldat und der
Zivilist“.

„Und doch!“ versetzte Eduard; „wie diese durch Sitten und Gesetze
vereinbar sind, so gibt es auch in unserer chemischen Welt
Mittelglieder, dasjenige zu verbinden, was sich einander abweist“.

„So verbinden wir“, fiel der Hauptmann ein, „das Öl durch Laugensalz
mit dem Wasser“.

„Nur nicht zu geschwind mit Ihrem Vortrag!“ sagte Charlotte, „damit ich
zeigen kann, daß ich Schritt halte. Sind wir nicht hier schon zu den
Verwandtschaften gelangt?“

„Ganz richtig“, erwiderte der Hauptmann; „und wir werden sie gleich in
ihrer vollen Kraft und Bestimmtheit kennenlernen. Die jenigen Naturen,
die sich beim Zusammentreffen einander schnell ergreifen und
wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien und
Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben
deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am
entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen
neuen Körper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug.
Gedenken wir nur des Kalks, der zu allen Säuren eine große Neigung,
eine entschiedene Vereinigungslust äußert! Sobald unser chemisches
Kabinett ankommt, wollen wir Sie verschiedene Versuche sehen lassen,
die sehr unterhaltend sind und einen bessern Begriff geben als Worte,
Namen und Kunstausdrücke“.

„Lassen Sie mich gestehen“, sagte Charlotte, „wenn Sie diese Ihre
wunderlichen Wesen verwandt nennen, so kommen sie mir nicht sowohl als
Blutsverwandte, vielmehr als Geistes- und Seelenverwandte vor. Auf eben
diese Weise können unter Menschen wahrhaft bedeutende Freundschaften
entstehen; denn entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere
Vereinigung möglich. Und so will ich denn abwarten, was Sie mir von
diesen geheimnisvollen Wirkungen vor die Augen bringen werden. „Ich
will dich“, sagte sie, zu Eduard gewendet, „jetzt im Vorlesen nicht
weiter stören und, um so viel besser unterrichtet, deinen Vortrag mit
Aufmerksamkeit vernehmen“.

„Da du uns einmal aufgerufen hast“, versetzte Eduard, „so kommst du so
leicht nicht los; denn eigentlich sind die verwickelten Fälle die
interessantesten. Erst bei diesen lernt man die Grade der
Verwandtschaften, die nähern, stärkern, entferntern, geringern
Beziehungen kennen; die Verwandtschaften werden erst interessant, wenn
sie Scheidungen bewirken“.

„Kommt das traurige Wort“, rief Charlotte, „das man leider in der Welt
jetzt so oft hört, auch in der Naturlehre vor?“

„Allerdings!“ erwiderte Eduard. „Es war sogar ein bezeichnender
Ehrentitel der Chemiker, daß man sie Scheidekünstler nannte“.

„Das tut man also nicht mehr“, versetzte Charlotte, „und tut sehr wohl
daran. Das Vereinigen ist eine größere Kunst, ein größeres Verdienst.
Ein Einungskünstler wäre in jedem Fache der ganzen Welt
willkommen.—„Nun so laßt mich denn, weil ihr doch einmal im Zug seid,
ein paar solche Fälle wissen!“

„So schließen wir uns denn gleich“, sagte der Hauptmann, „an dasjenige
wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben. Zum
Beispiel was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine
Kalkerde, innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform
bekannt geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte
Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als
Gips; jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine
Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich
nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil
es wirklich aussieht, als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen,
eins vor dem andern erwählt würde“.

„Verzeihen Sie mir“, sagte Charlotte, „wie ich dem Naturforscher
verzeihe; aber ich würde hier niemals eine Wahl, eher eine
Naturnotwendigkeit erblicken, und diese kaum; denn es ist am Ende
vielleicht gar nur die Sache der Gelegenheit. Gelegenheit macht
Verhältnisse, wie sie Diebe macht; und wenn von Ihren Naturkörpern die
Rede ist, so scheint mir die Wahl bloß in den Händen des Chemikers zu
liegen, der diese Wesen zusammenbringt. Sind sie aber einmal beisammen,
dann gnade ihnen Gott! In dem gegenwärtigen Falle dauert mich nur die
arme Luftsäure, die sich wieder im Unendlichen herumtreiben muß“.

„Es kommt nur auf sie an“, versetzte der Hauptmann, „sich mit dem
Wasser zu verbinden und als Mineralquelle Gesunden und Kranken zur
Erquickung zu dienen“.

„Der Gips hat gut reden“, sagte Charlotte; „der ist nun fertig, ist ein
Körper, ist versorgt, anstatt daß jenes ausgetriebene Wesen noch manche
Not haben kann, bis es wieder unterkommt“.

„Ich müßte sehr irren“, sagte Eduard lächelnd, „oder es steckt eine
kleine Tücke hinter deinen Reden. Gesteh nur deine Schalkheit! Am Ende
bin ich in deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer
Schwefelsäure, ergriffen, deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in
einen refraktären Gips verwandelt wird“.

„Wenn das Gewissen“, versetzte Charlotte, „dich solche Betrachtungen
machen heißt, so kann ich ohne Sorge sein. Diese Gleichnisreden sind
artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten!
Aber der Mensch ist doch um so manche Stufe über jene Elemente erhöht,
und wenn er hier mit den schönen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft
etwas freigebig gewesen, so tut er wohl, wieder in sich selbst
zurückzukehren und den Wert solcher Ausdrücke bei diesem Anlaß recht zu
bedenken. Mir sind leider Fälle genug bekannt, wo eine innige,
unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentlich
Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schön
verbundenen ins lose Weite hinausgetrieben ward“.

„Da sind die Chemiker viel galanter“, sagte Eduard; „sie gesellen ein
viertes dazu, damit keines leer ausgehe“.

„Jawohl!“ versetzte der Hauptmann; „diese Fälle sind allerdings die
bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man das Anziehen, das
Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam übers Kreuz
wirklich darstellen kann, wo vier bisher je zwei zu zwei verbundene
Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und
sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in
diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere Bestimmung zu
sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Wählen zu und
hält das Kunstwort ‘Wahlverwandtschaften’ für vollkommen
gerechtfertigt“.

„Beschreiben Sie mir einen solchen Fall!“ sagte Charlotte.

„Man sollte dergleichen“, versetzte der Hauptmann, „nicht mit Worten
abtun. Wie schon gesagt: sobald ich Ihnen die Versuche selbst zeigen
kann, wird alles anschaulicher und angenehmer werden. Jetzt müßte ich
Sie mit schrecklichen Kunstworten hinhalten, die Ihnen doch keine
Vorstellung gäben. Man muß diese tot scheinenden und doch zur Tätigkeit
innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor seinen Augen sehen, mit
Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich anziehen, ergreifen,
zerstören, verschlingen, aufzehren und sodann aus der innigsten
Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt hervortreten
: dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl gar Sinn und
Verstand zu, weil wir unsere Sinne kaum genügend fühlen, sie recht zu
beobachten, und unsre Vernunft kaum hinlänglich, sie zu fassen“.

„Ich leugne nicht“, sagte Eduard, „daß die seltsamen Kunstwörter
demjenigen, der nicht durch sinnliches Anschauen, durch Begriffe mit
ihnen versöhnt ist, beschwerlich, ja lächerlich werden müssen. Doch
könnten wir leicht mit Buchstaben einstweilen das Verhältnis
ausdrücken, wovon hier die Rede war“.

„Wenn Sie glauben, daß es nicht pedantisch aussieht“, versetzte der
Hauptmann, „so kann ich wohl in der Zeichensprache mich kürzlich
zusammenfassen. Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden
ist, durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu
trennen; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhält;
bringen Sie nun die beiden Paare in Berührung: A wird sich zu C, C zu B
werfen, ohne daß man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen, wer
sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe“.

„Nun denn!“ fiel Eduard ein; „bis wir alles dieses mit Augen sehen,
wollen wir diese Formel als Gleichnisrede betrachten, woraus wir uns
eine Lehre zum unmittelbaren Gebrauch ziehen. Du stellst das A vor,
Charlotte, und ich dein B; denn eigentlich hänge ich doch nur von dir
ab und folge dir wie dem A das B. Das C ist ganz deutlich der Kapitän,
der mich für diesmal dir einigermaßen entzieht. Nun ist es billig, daß,
wenn du nicht ins Unbestimmte entweichen sollst, dir für ein D gesorgt
werde, und das ist ganz ohne Frage das liebenswürdige Dämchen Ottilie,
gegen deren Annäherung du dich nicht länger verteidigen darfst“.

„Gut!“ versetzte Charlotte. „Wenn auch das Beispiel, wie mir scheint,
nicht ganz auf unsern Fall paßt, so halte ich es doch für ein Glück,
daß wir heute einmal völlig zusammentreffen und daß diese Natur- und
Wahlverwandtschaften unter uns eine vertrauliche Mitteilung
beschleunigen. Ich will es also nur gestehen, daß ich seit diesem
Nachmittage entschlossen bin, Ottilien zu berufen; denn meine bisherige
treue Beschließerin und Haushälterin wird abziehen, weil sie heiratet.
Dies wäre von meiner Seite und um meinetwillen; was mich um Ottiliens
willen bestimmt, das wirst du uns vorlesen. Ich will dir nicht ins
Blatt sehen, aber freilich ist mir der Inhalt schon bekannt. Doch ließ
nur, lies!“ Mit diesen Worten zog sie einen Brief hervor und reichte
ihn Eduarden.



 Fünftes Kapitel

Brief der Vorsteherin

„Euer Gnaden werden verzeihen, wenn ich mich heute ganz kurz fassen;
denn ich habe nach vollendeter öffentlicher Prüfung dessen, was wir im
vergangenen Jahr an unsern Zöglingen geleistet haben, an die sämtlichen
Eltern und Vorgesetzten den Verlauf zu melden; auch darf ich wohl kurz
sein, weil ich mit wenigem viel sagen kann. Ihre Fräulein Tochter hat
sich in jedem Sinne als die Erste bewiesen. Die beiliegenden Zeugnisse,
ihr eigner Brief, der die Beschreibung der Preise enthält, die ihr
geworden sind, und zugleich das Vergnügen ausdrückt, das sie über ein
so glückliches Gelingen empfindet, wird Ihnen zur Beruhigung, ja zur
Freude gereichen. Die meinige wird dadurch einigermaßen gemindert, daß
ich voraussehe, wir werden nicht lange mehr Ursache haben, ein so weit
vorgeschrittenes Frauenzimmer bei uns zurückzuhalten. Ich empfehle mich
zu Gnaden und nehme mir die Freiheit, nächstens meine Gedanken über
das, was ich am vorteilhaftesten für sie halte, zu eröffnen. Von
Ottilien schreibt mein freundlicher Gehülfe“.

Brief des Gehülfen

„Von Ottilien läßt mich unsre ehrwürdige Vorsteherin schreiben, teils
weil es ihr, nach ihrer Art zu denken, peinlich wäre, dasjenige, was zu
melden ist, zu melden, teils auch, weil sie selbst einer Entschuldigung
bedarf, die sie lieber mir in den Mund legen mag.

Da ich nur allzuwohl weiß, wie wenig die gute Ottilie das zu äußern
imstande ist, was in ihr liegt und was sie vermag, so war mir vor der
öffentlichen Prüfung einigermaßen bange, um so mehr, als überhaupt
dabei keine Vorbereitung möglich ist, und auch, wenn es nach der
gewöhnlichen Weise sein könnte, Ottilie auf den Schein nicht
vorzubereiten wäre. Der Ausgang hat meine Sorge nur zu sehr
gerechtfertigt; sie hat keinen Preis erhalten und ist auch unter denen,
die kein Zeugnis empfangen haben. Was soll ich viel sagen? Im Schreiben
hatten andere kaum so wohlgeformte Buchstaben, doch viel freiere Züge;
im Rechnen waren alle schneller, und an schwierige Aufgaben, welche sie
besser löst, kam es bei der Untersuchung nicht. Im Französischen
überparlierten und überexponierten sie manche; in der Geschichte waren
ihr Namen und Jahrzahlen nicht gleich bei der Hand; bei der Geographie
vermißte man Aufmerksamkeit auf die politische Einleitung. Zum
musikalischen Vortrag ihrer wenigen bescheidenen Melodien fand sich
weder Zeit noch Ruhe. Im Zeichnen hätte sie gewiß den Preis
davongetragen; ihre Umrisse waren rein und die Ausführung bei vieler
Sorgfalt geistreich. Leider hatte sie etwas zu Großes unternommen und
war nicht fertig geworden.

Als die Schülerinnen abgetreten waren, die Prüfenden zusammen Rat
hielten und uns Lehrern wenigstens einiges Wort dabei gönnten, merkte
ich wohl bald, daß von Ottilien gar nicht und, wenn es geschah, wo
nicht mit Mißbilligung, doch mit Gleichgültigkeit gesprochen wurde. Ich
hoffte, durch eine offne Darstellung ihrer Art zu sein einige Gunst zu
erregen, und wagte mich daran mit doppeltem Eifer, einmal, weil ich
nach meiner Überzeugung sprechen konnte, und sodann, weil ich mich in
jüngeren Jahren in eben demselben traurigen Fall befunden hatte. Man
hörte mich mit Aufmerksamkeit an; doch als ich geendigt hatte, sagte
mir der vorsitzende Prüfende zwar freundlich, aber lakonisch:
‘Fähigkeiten werden vorausgesetzt, sie sollen zu Fertigkeiten werden.
Dies ist der Zweck aller Erziehung, dies ist die laute, deutliche
Absicht der Eltern und Vorgesetzten, die stille, nur halb bewußte der
Kinder selbst. Dies ist auch der Gegenstand der Prüfung, wobei zugleich
Lehrer und Schüler beurteilt werden. Aus dem, was wir von Ihnen
vernehmen, schöpfen wir gute Hoffnung von dem Kinde, und Sie sind
allerdings lobenswürdig, indem Sie auf die Fähigkeiten der Schülerinnen
genau achtgeben. Verwandeln Sie solche übers Jahr in Fertigkeiten, so
wird es Ihnen und Ihrer begünstigten Schülerin nicht an Beifall
mangeln.

‘In das, was hierauf folgte, hatte ich mich schon ergeben, aber ein
noch Übleres nicht befürchtet, das sich bald darauf zutrug. Unsere gute
Vorsteherin, die wie ein guter Hirte auch nicht eins von ihren
Schäfchen verloren oder, wie es hier der Fall war, ungeschmückt sehen
möchte, konnte, nachdem die Herren sich entfernt hatten, ihren Unwillen
nicht bergen und sagte zu Ottilien, die ganz ruhig, indem die andern
sich über ihre Preise freuten, am Fenster stand: ‘aber sagen Sie mir,
um ’s Himmels willen! Wie kann man so dumm aussehen, wenn man es nicht
ist?’ Ottilie versetzte ganz gelassen: ‘verzeihen Sie, liebe Mutter,
ich habe gerade heute wieder mein Kopfweh, und ziemlich stark’.—’Das
kann niemand wissen!’ Versetzte die sonst so teilnehmende Frau und
kehrte sich verdrießlich um.

Nun es ist wahr: niemand kann es wissen; denn Ottilie verändert das
Gesicht nicht, und ich habe auch nicht gesehen, daß sie einmal die Hand
nach dem Schlafe zu bewegt hätte.

Das war noch nicht alles. Ihre Fräulein Tochter, gnädige Frau, sonst
lebhaft und freimütig, war im Gefühl ihres heutigen Triumphs
ausgelassen und übermütig. Sie sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen
in den Zimmern herum und schüttelte sie auch Ottilien vor dem Gesicht.
„Du bist heute schlecht gefahren!“ rief sie aus. Ganz gelassen
antwortete Ottilie: „es ist noch nicht der letzte Prüfungstag“.—„Und
doch wirst du immer die Letzte bleiben!“ rief das Fräulein und sprang
hinweg.

Ottilie schien gelassen für jeden andern, nur nicht für mich. Eine
innere, unangenehme, lebhafte Bewegung, der sie widersteht, zeigt sich
durch eine ungleiche Farbe des Gesichts. Die linke Wange wird auf einen
Augenblick rot, indem die rechte bleich wird. Ich sah dies Zeichen, und
meine Teilnehmung konnte sich nicht zurückhalten. Ich führte unsre
Vorsteherin beiseite, sprach ernsthaft mit ihr über die Sache. Die
treffliche Frau erkannte ihren Fehler. Wir berieten, wir besprachen uns
lange, und ohne deshalb weitläufiger zu sein, will ich Euer Gnaden
unsern Beschluß und unsre Bitte vortragen: Ottilien auf einige Zeit zu
sich zu nehmen. Die Gründe werden Sie sich selbst am besten entfalten.
Bestimmen Sie sich hiezu, so sage ich mehr über die Behandlung des
guten Kindes. Verläßt uns dann Ihre Fräulein Tochter, wie zu vermuten
steht, so sehen wir Ottilien mit Freuden zurückkehren.

Noch eins, das ich vielleicht in der Folge vergessen könnte: ich habe
nie gesehen, daß Ottilie etwas verlangt oder gar um etwas dringend
gebeten hätte. Dagegen kommen Fälle, wiewohl selten, daß sie etwas
abzulehnen sucht, was man von ihr fordert. Sie tut das mit einer
Gebärde, die für den, der den Sinn davon gefaßt hat, unwiderstehlich
ist. Sie drückt die flachen Hände, die sie in die Höhe hebt, zusammen
und führt sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig vorwärts neigt
und den dringend Fordernden mit einem solchen Blick ansieht, daß er
gern von allem absteht, was er verlangen oder wünschen möchte. Sehen
Sie jemals diese Gebärde, gnädige Frau, wie es bei Ihrer Behandlung
nicht wahrscheinlich ist, so gedenken Sie meiner und schonen Ottilien“.

Eduard hatte diese Briefe vorgelesen, nicht ohne Lächeln und
Kopfschütteln. Auch konnte es an Bemerkungen über die Personen und über
die Lage der Sache nicht fehlen.

„Genug!“ rief Eduard endlich aus; „es ist entschieden, sie kommt! Für
dich wäre gesorgt, meine Liebe, und wir dürfen nun auch mit unserm
Vorschlag hervorrücken. Es wird höchst nötig, daß ich zu dem Hauptmann
auf den rechten Flügel hinüberziehe. Sowohl abends als morgens ist erst
die rechte Zeit, zusammen zu arbeiten. Du erhältst dagegen für dich und
Ottilien auf deiner Seite den schönsten Raum“.

Charlotte ließ sichs gefallen, und Eduard schilderte ihre künftige
Lebensart. Unter andern rief er aus: „es ist doch recht zuvorkommend
von der Nichte, ein wenig Kopfweh auf der linken Seite zu haben; ich
habe es manchmal auf der rechten. Trifft es zusammen und wir sitzen
gegeneinander, ich auf den rechten Ellbogen, sie auf den linken
gestützt und die Köpfe nach verschiedenen Seiten in die Hand gelegt, so
muß das ein Paar artige Gegenbilder geben“.

Der Hauptmann wollte das gefährlich finden. Eduard hingegen rief aus:
„nehmen Sie sich nur, lieber Freund, vor dem D in acht! Was sollte B
denn anfangen, wenn ihm C entrissen würde?“

„Nun, ich dächte doch“, versetzte Charlotte, „das verstünde sich von
selbst“.

„Freilich“, rief Eduard; „es kehrte zu seinem A zurück, zu seinem A und
O!“ rief er, indem er aufsprang und Charlotten fest an seine Brust
drückte.



Sechstes Kapitel

Ein Wagen, der Ottilien brachte, war angefahren. Charlotte ging ihr
entgegen; das liebe Kind eilte, sich ihr zu nähern, warf sich ihr zu
Füßen und umfaßte ihre Kniee.

„Wozu die Demütigung!“ sagte Charlotte, die einigermaßen verlegen war
und sie aufheben wollte. „Es ist so demütig nicht gemeint“, versetzte
Ottilie, die in ihrer vorigen Stellung blieb. „Ich mag mich nur so gern
jener Zeit erinnern, da ich noch nicht höher reichte als bis an Ihre
Kniee und Ihrer Liebe schon so gewiß war“.

Sie stand auf, und Charlotte umarmte sie herzlich. Sie ward den Männern
vorgestellt und gleich mit besonderer Achtung als Gast behandelt.
Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast. Sie schien aufmerksam
auf das Gespräch, ohne daß sie daran teilgenommen hätte.

Den andern Morgen sagte Eduard zu Charlotten: „es ist ein angenehmes,
unterhaltendes Mädchen“.

„Unterhaltend?“ versetzte Charlotte mit Lächeln;“ sie hat ja den Mund
noch nicht aufgetan“.

„So?“ erwiderte Eduard, indem er sich zu besinnen schien, „das wäre
doch wunderbar!“

Charlotte gab dem neuen Ankömmling nur wenig Winke, wie es mit dem
Hausgeschäfte zu halten sei. Ottilie hatte schnell die ganze Ordnung
eingesehen, ja, was noch mehr ist, empfunden. Was sie für alle, für
einen jeden insbesondre zu besorgen hatte, begriff sie leicht. Alles
geschah pünktlich. Sie wußte anzuordnen, ohne daß sie zu befehlen
schien, und wo jemand säumte, verrichtete sie das Geschäft gleich
selbst.

Sobald sie gewahr wurde, wieviel Zeit ihr übrigblieb, bat sie
Charlotten, ihre Stunden einteilen zu dürfen, die nun genau beobachtet
wurden. Sie arbeitete das Vorgesetzte auf eine Art, von der Charlotte
durch den Gehülfen unterrichtet war. Man ließ sie gewähren. Nur
zuweilen suchte Charlotte sie anzuregen. So schob sie ihr manchmal
abgeschriebene Federn unter, um sie auf einen freieren Zug der
Handschrift zu leiten; aber auch diese waren bald wieder scharf
geschnitten.

Die Frauenzimmer hatten untereinander festgesetzt, französisch zu
reden, wenn sie allein wären, und Charlotte beharrte um so mehr dabei,
als Ottilie gesprächiger in der fremden Sprache war, indem man ihr die
Übung derselben zur Pflicht gemacht hatte. Hier sagte sie oft mehr, als
sie zu wollen schien. Besonders ergetzte sich Charlotte an einer
zufälligen, zwar genauen, aber doch liebevollen Schilderung der ganzen
Pensionsanstalt. Ottilie ward ihr eine liebe Gesellschafterin, und sie
hoffte, dereinst an ihr eine zuverlässige Freundin zu finden.

Charlotte nahm indes die älteren Papiere wieder vor, die sich auf
Ottilien bezogen, um sich in Erinnerung zu bringen, was die
Vorsteherin, was der Gehülfe über das gute Kind geurteilt, um es mit
ihrer Persönlichkeit selbst zu vergleichen. Denn Charlotte war der
Meinung, man könne nicht geschwind genug mit dem Charakter der Menschen
bekannt werden, mit denen man zu leben hat, um zu wissen, was sich von
ihnen erwarten, was sich an ihnen bilden läßt, oder was man ihnen ein
für allemal zugestehen und verzeihen muß.

Sie fand zwar bei dieser Untersuchung nichts Neues, aber manches
Bekannte ward ihr bedeutender und auffallender. So konnte ihr zum
Beispiel Ottiliens Mäßigkeit im Essen und Trinken wirklich Sorge
machen.

Das Nächste, was die Frauen beschäftigte, war der Anzug. Charlotte
verlangte von Ottilien, sie solle in Kleidern reicher und mehr
ausgesucht erscheinen. Sogleich schnitt das gute, tätige Kind die ihr
früher geschenkten Stoffe selbst zu und wußte sie sich mit geringer
Beihülfe anderer schnell und höchst zierlich anzupassen. Die neuen,
modischen Gewänder erhöhten ihre Gestalt; denn indem das Angenehme
einer Person sich auch über ihre Hülle verbreitet, so glaubt man sie
immer wieder von neuem und anmutiger zu sehen, wenn sie ihre
Eigenschaften einer neuen Umgebung mitteilt.

Dadurch ward sie den Männern, wie von Anfang so immer mehr, daß wir es
nur mit dem rechten Namen nennen, ein wahrer Augentrost. Denn wenn der
Smaragd durch seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar
einige Heilkraft an diesem edlen Sinn ausübt, so wirkt die menschliche
Schönheit noch mit weit größerer Gewalt auf den äußern und innern Sinn.
Wer sie erblickt, den kann nichts Übles anwehen; er fühlt sich mit sich
selbst und mit der Welt in Übereinstimmung.

Auf manche Weise hatte daher die Gesellschaft durch Ottiliens Ankunft
gewonnen. Die beiden Freunde hielten regelmäßiger die Stunden, ja die
Minuten der Zusammenkünfte. Sie ließen weder zum Essen, noch zum Tee,
noch zum Spaziergang länger als billig auf sich warten. Sie eilten,
besonders abends, nicht so bald von Tische weg. Charlotte bemerkte das
wohl und ließ beide nicht unbeobachtet. Sie suchte zu erforschen, ob
einer vor dem andern hiezu den Anlaß gäbe; aber sie konnte keinen
Unterschied bemerken. Beide zeigten sich überhaupt geselliger. Bei
ihren Unterhaltungen schienen sie zu bedenken, was Ottiliens Teilnahme
zu erregen geeignet sein möchte, was ihren Einsichten, ihren übrigen
Kenntnissen gemäß wäre. Beim Lesen und Erzählen hielten sie inne, bis
sie wiederkam. Sie wurden milder und im ganzen mitteilender.

In Erwiderung dagegen wuchs die Dienstbeflissenheit Ottiliens mit jedem
Tage. Je mehr sie das Haus, die Menschen, die Verhältnisse
kennenlernte, desto lebhafter griff sie ein, desto schneller verstand
sie jeden Blicke, jede Bewegung, ein halbes Wort, einen Laut. Ihre
ruhige Aufmerksamkeit blieb sich immer gleich, so wie ihre gelassene
Regsamkeit. Und so war ihr Sitzen, Aufstehen, Gehen, Kommen, Holen,
Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen Schein von Unruhe, ein ewiger
Wechsel, eine ewige angenehme Bewegung. Dazu kam, daß man sie nicht
gehen hörte; so leise trat sie auf.

Diese anständige Dienstfertigkeit Ottiliens machte Charlotten viele
Freude. Ein einziges, was ihr nicht ganz angemessen vorkam, verbarg sie
Ottilien nicht. „Es gehört“, sagte sie eines Tages zu ihr, „unter die
lobenswürdigen Aufmerksamkeiten, daß wir uns schnell bücken, wenn
jemand etwas aus der Hand fallen läßt, und es eilig aufzuheben suchen.
Wir bekennen uns dadurch ihm gleichsam dienstpflichtig; nur ist in der
größern Welt dabei zu bedenken, wenn man eine solche Ergebenheit
bezeigt. Gegen Frauen will ich dir darüber keine Gesetze vorschreiben.
Du bist jung. Gegen Höhere und Ältere ist es Schuldigkeit, gegen
deinesgleichen Artigkeit, gegen Jüngere und Niedere zeigt man sich
dadurch menschlich und gut; nur will es einem Frauenzimmer nicht wohl
geziemen, sich Männern auf diese Weise ergeben und dienstbar zu
bezeigen“.

„Ich will es mir abzugewöhnen suchen“, versetzte Ottilie. „Indessen
werden Sie mir diese Unschicklichkeit vergeben, wenn ich Ihnen sage,
wie ich dazu gekommen bin. Man hat uns die Geschichte gelehrt; ich habe
nicht soviel daraus behalten, als ich wohl gesollt hätte; denn ich
wußte nicht, wozu ichs brauchen würde. Nur einzelne Begebenheiten sind
mir sehr eindrücklich gewesen, so folgende:

als Karl der Erste von England von seinen sogenannten Richtern stand,
fiel der goldne Knopf des Stöckchens, das er trug, herunter. Gewohnt,
daß bei solchen Gelegenheiten sich alles für ihn bemühte, schien er
sich umzusehen und zu erwarten, daß ihm jemand auch diesmal den kleinen
Dienst erzeigen sollte. Es regte sich niemand; er bückte sich selbst,
um den Kopf aufzuheben. Mir kam das so schmerzlich vor, ich weiß nicht,
ob mit Recht, daß ich von jenem Augenblick an niemanden kann etwas aus
den Händen fallen sehn, ohne mich darnach zu bücken. Da es aber
freilich nicht immer schicklich sein mag und ich“, fuhr sie lächelnd
fort, „nicht jederzeit meine Geschichte erzählen kann, so will ich mich
künftig mehr zurückhalten“.

Indessen hatten die guten Anstalten, zu denen sich die beiden Freunde
berufen fühlten, ununterbrochenen Fortgang. Ja täglich fanden sie neuen
Anlaß, etwas zu bedenken und zu unternehmen.

Als sie eines Tages zusammen durch das Dorf gingen, bemerkten sie
mißfällig, wie weit es an Ordnung und Reinlichkeit hinter jenen Dörfern
zurückstehe, wo die Bewohner durch die Kostbarkeit des Raums auf beides
hingewiesen werden.

„Du erinnerst dich“, sagte der Hauptmann, „wie wir auf unserer Reise
durch die Schweiz den Wunsch äußerten, eine ländliche sogenannte
Parkanlage recht eigentlich zu verschönern, indem wir ein so gelegnes
Dorf nicht zur Schweizer Bauart, sondern zur Schweizer Ordnung und
Sauberkeit, welche die Benutzung so sehr befördern, einrichteten“.

„Hier zum Beispiel“, versetzte Eduard, „ginge das wohl an. Der
Schloßberg verläuft sich in einen vorspringenden Winkel herunter; das
Dorf ist ziemlich regelmäßig im Halbzirkel gegenüber gebaut; dazwischen
fließt der Bach, gegen dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen,
der andere mit Pfählen, wieder einer mit Balken und der Nachbar sodann
mit Planken verwahren will, keiner aber den andern fördert, vielmehr
sich und den übrigen Schaden und Nachteil bringt. So geht der Weg auch
in ungeschickter Bewegung bald herauf, bald herab, bald durchs Wasser,
bald über Steine. Wollten die Leute mit Hand anlegen, so würde kein
großer Zuschuß nötig sein, um hier eine Mauer im Halbkreis aufzuführen,
den Weg dahinter bis an die Häuser zu erhöhen, den schönsten Raum
herzustellen, der Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Große
gehende Anstalt alle kleine, unzulängliche Sorge auf einmal zu
verbannen“.

„Laß es uns versuchen!“ sagte der Hauptmann, indem er die Lage mit den
Augen überlief und schnell beurteilte.

„Ich mag mit Bürgern und Bauern nichts zu tun haben, wenn ich ihnen
nicht geradezu befehlen kann“, versetzte Eduard.

„Du hast so unrecht nicht“, erwiderte der Hauptmann; „denn auch mir
machten dergleichen Geschäfte im Leben schon viel Verdruß. Wie schwer
ist es, daß der Mensch recht abwäge, was man aufopfern muß gegen das,
was zu gewinnen ist, wie schwer, den Zweck zu wollen und die Mittel
nicht zu verschmähen! Viele verwechseln gar die Mittel und den Zweck,
erfreuen sich an jenen, ohne diesen im Auge zu behalten. Jedes Übel
soll an der Stelle geheilt werden, wo es zum Vorschein kommt, und man
bekümmert sich nicht um jenen Punkt, wo es eigentlich seinen Ursprung
nimmt, woher es wirkt. Deswegen ist es so schwer, Rat zu pflegen,
besonders mit der Menge, die im Täglichen ganz verständig ist, aber
selten weiter sieht als auf morgen. Kommt nun gar dazu, daß der eine
bei einer gemeinsamen Anstalt gewinnen, der andre verlieren soll, da
ist mit Vergleich nun gar nichts auszurichten. Alles eigentlich
gemeinsame Gute muß durch das unumschränkte Mejestätsrecht gefördert
werden“.

Indem sie standen und sprachen, bettelte sie ein Mensch an, der mehr
frech als bedürftig aussah. Eduard, ungern unterbrochen und beunruhigt,
schalt ihn, nachdem er ihn einigemal vergebens gelassener abgewiesen
hatte. Als aber der Kerl sich murrend, ja gegenscheltend mit kleinen
Schritten entfernte, auf die Rechte des Bettlers trotzte, dem man wohl
ein Almosen versagen, ihn aber nicht beleidigen dürfe, weil er so gut
wie jeder andere unter dem Schutze Gottes und der Obrigkeit stehe, kam
Eduard ganz aus der Fassung.

Der Hauptmann, ihn zu begütigen, sagte darauf: „laß uns diesen Vorfall
als eine Aufforderung annehmen, unsere ländliche Polizei auch hierüber
zu erstrecken! Almosen muß man einmal geben; man tut aber besser, wenn
man sie nicht selbst gibt, besonders zu Hause. Da sollte man mäßig und
gleichförmig in allem sein, auch im Wohltun. Eine allzu reichliche Gabe
lockt Bettler herbei, anstatt sie abzufertigen, dagegen man wohl auf
der Reise, im Vorbeifliegen, einem Armen an der Straße in der Gestalt
des zufälligen Glücks erscheinen und ihm eine überraschende Gabe
zuwerfen mag. Uns macht die Lage des Dorfes, des Schlosses eine solche
Anstalt sehr leicht; ich habe schon früher darüber nachgedacht.

An dem einen Ende des Dorfes liegt das Wirtshaus, an dem andern wohnen
ein Paar alte, gute Leute; an beiden Orten mußt du eine kleine
Geldsumme niederlegen. Nicht der ins Dorf Hereingehende, sondern der
Hinausgehende erhält etwas; und da die beiden Häuser zugleich an den
Wegen stehen, die auf das Schloß führen, so wird auch alles, was sich
hinaufwenden wollte, an die beiden Stellen gewiesen“.

„Komm“, sagte Eduard, „wir wollen das gleich abmachen; das Genauere
können wir immer noch nachholen“.

Sie gingen zum Wirt und zu dem alten Paare, und die Sache war abgetan.

„Ich weiß recht gut“, sagte Eduard, indem sie zusammen den Schloßberg
wieder hinaufstiegen, „daß alles in der Welt ankommt auf einen
gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluß. So hast du die
Parkanlagen meiner Frau sehr richtig beurteilt und mir auch schon einen
Wink zum Bessern gegeben, den ich ihr, wie ich gar nicht leugnen will,
sogleich mitgeteilt habe“.

„Ich konnte es vermuten“, versetzte der Hauptmann, „aber nicht
billigen. Du hast sie irregemacht; sie läßt alles liegen und trutzt in
dieser einzigen Sache mit uns; denn sie vermeidet davon zu reden und
hat uns nicht wieder zur Mooshütte eingeladen, ob sie gleich mit
Ottilien in den Zwischenstunden hinaufgeht“.

„Dadurch müssen wir uns“, versetzte Eduard, „nicht abschrecken lassen.
Wenn ich von etwas Gutem überzeugt bin, was geschehen könnte und
sollte, so habe ich keine Ruhe, bis ich es getan sehe. Sind wir doch
sonst klug, etwas einzuleiten! Laß uns die englischen
Parkbeschreibungen mit Kupfern zur Abendunterhaltung vornehmen, nachher
deine Gutskarte! Man muß es erst problematisch und nur wie zum Scherz
behandeln; der Ernst wird sich schon finden“.

Nach dieser Verabredung wurden die Bücher aufgeschlagen, worin man
jedesmal den Grundriß der Gegend und ihre landschaftliche Ansicht in
ihrem ersten, rohen Naturzustande gezeichnet sah, sodann auf andern
Blättern die Veränderung vorgestellt fand, welche die Kunst daran
vorgenommen, um alles das bestehende Gute zu nutzen und zu steigern.
Hievon war der Übergang zur eigenen Besitzung, zur eignen Umgebung und
zu dem, was man daran ausbilden könnte, sehr leicht.

Die von dem Hauptmann entworfene Karte zum Grunde zu legen, war nunmehr
eine angenehme Beschäftigung; nur konnte man sich von jener ersten
Vorstellung, nach der Charlotte die Sache einmal angefangen hatte,
nicht ganz losreißen. Doch erfand man einen leichtern Aufgang auf die
Höhe; man wollte oberwärts am Abhange vor einem angenehmen Hölzchen ein
Lustgebäude aufführen; dieses sollte einen Bezug aufs Schloß haben; aus
den Schloßfenstern sollte man es übersehen, von dorther Schloß und
Gärten wieder bestreichen können.

Der Hauptmann hatte alles wohl überlegt und gemessen und brachte jenen
Dorfweg, jene Mauer am Bache her, jene Ausfüllung wieder zur Sprache.
„Ich gewinne“, sagte er, „indem ich einen bequemen Weg zur Anhöhe
hinaufführe, gerade soviel Steine, als ich zu jener Mauer bedarf.
Sobald eins ins andre greift, wird beides wohlfeiler und geschwinder
bewerkstelligt“.

„Nun aber“, sagte Charlotte, „kommt meine Sorge. Notwendig muß etwas
Bestimmtes ausgesetzt werden; und wenn man weiß, wieviel zu einer
solchen Anlage erforderlich ist, dann teilt man es ein, wo nicht auf
Wochen, doch wenigstens auf Monate. Die Kasse ist unter meinem
Beschluß; ich zahle die Zettel, und die Rechnung führe ich selbst“.

„Du scheinst uns nicht sonderlich viel zu vertrauen“, sagte Eduard.

„Nicht viel in willkürlichen Dingen“, versetzte Charlotte. „Die Willkür
wissen wir besser zu beherrschen als ihr“.

Die Einrichtung war gemacht, die Arbeit rasch angefangen, der Hauptmann
immer gegenwärtig und Charlotte nunmehr fast täglich Zeuge seines
ernsten und bestimmten Sinnes. Auch er lernte sie näher kennen, und
beiden wurde es leicht, zusammenzuwirken und etwas zustande zu bringen.

Es ist mit den Geschäften wie mit dem Tanze: Personen, die gleichen
Schritt halten, müssen sich unentbehrlich werden, ein wechselseitiges
Wohlwollen muß notwendig daraus entspringen, und daß Charlotte dem
Hauptmann, seitdem sie ihn näher kennengelernt, wirklich wohlwollte,
davon war ein sicherer Beweis, daß sie ihn einen schönen Ruheplatz, den
sie bei ihren ersten Anlagen besonders ausgesucht und verziert hatte,
der aber seinem Plane entgegenstand, ganz gelassen zerstören ließ, ohne
auch nur die mindeste unangenehme Empfindung dabei zu haben.



Siebentes Kapitel

Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschäftigung
fand, so war die Folge, daß sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte. Für
sie sprach ohnehin seit einiger Zeit eine stille, freundliche Neigung
in seinem Herzen. Gegen jedermann war sie dienstfertig und
zuvorkommend; daß sie es gegen ihn am meisten sei, das wollte seiner
Selbstliebe scheinen. Nun war keine Frage: was für Speisen und wie er
sie liebte, hatte sie schon genau bemerkt; wieviel er Zucker zum Tee zu
nehmen pflegte und was dergleichen mehr ist, entging ihr nicht.
Besonders war sie sorgfältig, alle Zugluft abzuwehren, gegen die er
eine übertriebene Empfindlichkeit zeigte und deshalb mit seiner Frau,
der es nicht luftig genug sein konnte, manchmal in Widerspruch geriet.
Ebenso wußte sie im Baum- und Blumengarten Bescheid. Was er wünschte,
suchte sie zu befördern, was ihn ungeduldig machen konnte, zu verhüten,
dergestalt daß sie in kurzem wie ein freundlicher Schutzgeist ihm
unentbehrlich ward und er anfing, ihre Abwesenheit schon peinlich zu
empfinden. Hiezu kam noch, daß sie gesprächtiger und offener schien,
sobald sie sich allein trafen.

Eduard hatte bei zunehmenden Jahren immer etwas Kindliches behalten,
das der Jugend Ottiliens besonders zusagte. Sie erinnerten sich gern
früherer Zeiten, wo sie einander gesehen; es stiegen diese Erinnerungen
bis in die ersten Epochen der Neigung Eduards zu Charlotten. Ottilie
wollte sich der beiden noch als des schönsten Hofpaares erinnern; und
wenn Eduard ihr ein solches Gedächtnis aus ganz früher Jugend absprach,
so behauptete sie doch, besonders einen Fall noch vollkommen
gegenwärtig zu haben, wie sie sich einmal bei seinem Hereintreten in
Charlottens Schoß versteckt, nicht aus Furcht, sondern aus kindischer
Überraschung. Sie hätte dazusetzen können: weil er so lebhaften
Eindruck auf sie gemacht, weil er ihr gar so wohl gefallen.

Bei solchen Verhältnissen waren manche Geschäfte, welche die beiden
Freunde zusammen früher vorgenommen, gewissermaßen in Stocken geraten,
sodaß sie für nötig fanden, sich wieder eine Übersicht zu verschaffen,
einige Aufsätze zu entwerfen, Briefe zu schreiben. Sie bestellten sich
deshalb auf ihre Kanzlei, wo sie den alten Kopisten müßig fanden. Sie
gingen an die Arbeit und gaben ihm bald zu tun, ohne zu bemerken, daß
sie ihm manches aufbürdeten, was sie sonst selbst zu verrichten gewohnt
waren. Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann, gleich der erste
Brief Eduarden nicht gelingen. Sie quälten sich eine Zeitlang mit
Konzipieren und Umschreiben, bis endlich Eduard, dem es am wenigsten
vonstatten ging, nach der Zeit fragte.

Da zeigte sich denn, daß der Hauptmann vergessen hatte, seine
chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen, das erstemal seit vielen
Jahren; und sie schienen, wo nicht zu empfinden, doch zu ahnen, daß die
Zeit anfange, ihnen gleichgültig zu werden.

Indem so die Männer einigermaßen in ihrer Geschäftigkeit nachließen,
wuchs vielmehr die Tätigkeit der Frauen. Überhaupt nimmt die
gewöhnliche Lebensweise einer Familie, die aus den gegebenen Personen
und aus notwendigen Umständen entspringt, auch wohl eine
außerordentliche Neigung, eine werdende Leidenschaft in sich wie ein
Gefäß auf, und es kann eine ziemliche Zeit vergehen, ehe dieses neue
Ingrediens eine merkliche Gärung verursacht und schäumend über den Rand
schwillt.

Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen
von der angenehmsten Wirkung. Die Gemüter öffneten sich, und ein
allgemeines Wohlwollen entsprang aus dem besonderen. Jeder Teil fühlte
sich glücklich und gönnte dem andern sein Glück.

Ein solcher Zustand erhebt den Geist, indem er das Herz erweitert, und
alles, was man tut und vornimmt, hat eine Richtung gegen das
Unermeßliche. So waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung
befangen. Ihre Spaziergänge dehnten sich weiter aus, und wenn dabei
Eduard mit Ottilien, die Pfade zu wählen, die Wege zu bahnen,
vorauseilte, so folgte der Hauptmann mit Charlotten in bedeutender
Unterhaltung, Teilnehmend an manchem neuentdeckten Plätzchen, an
mancher unerwarteten Aussicht, geruhig der Spur jener rascheren
Vorgänger.

Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schloßpforte des
rechten Flügels hinunter nach dem Gasthofe, über die Brücke gegen die
Teiche zu, an denen sie hingingen, soweit man gewöhnlich das Wasser
verfolgte, dessen Ufer sodann, von einem buschigen Hügel und witerhin
von Felsen eingeschlossen, aufhörte, gangbar zu sein.

Aber Eduard, dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war,
drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor, wohl
wissend, daß die alte, zwischen Felsen versteckte Mühle nicht weit
abliegen konnte. Allein der wenig betretene Pfad verlor sich bald, und
sie fanden sich im dichten Gebüsch zwischen moosigen Gestein verirrt,
doch nicht lange; denn das Rauschen der Räder verkündigte ihnen
sogleich die Nähe des gesuchten Ortes.

Auf eine Klippe vorwärts tretend, sahen sie das alte, schwarze,
wunderliche Holzgebäude im Grunde vor sich, von steilen Felsen sowie
von hohen Bäumen umschattet. Sie entschlossen sich kurz und gut, über
Moos und Felstrümmer hinabzusteigen, Eduard voran; und wenn er nun in
die Höhe sah und Ottilie leicht schreitend, ohne Furcht und
Ängstlichkeit, im schönsten Gleichgewicht von Stein zu Stein ihm
folgte, glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen, das über ihm
schwebte. Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine
ausgestreckte Hand ergriff, ja sich auf seine Schulter stützte, dann
konnte er sich nicht verleugnen, daß es das zarteste weibliche Wesen
sei, das ihn berührte. Fast hätte er gewünscht, sie möchte straucheln,
gleiten, daß er sie in seine Arme auffangen, sie an sein Herz drücken
könnte. Doch dies hätte er unter keiner Bedingung getan, aus mehr als
einer Ursache: er fürchtete sie zu beleidigen, sie zu beschädigen.

Wie dies gemeint sei, erfahren wir sogleich. Denn als er nun
herabgelangt, ihr unter den hohen Bäumen am ländlichen Tische
gegenübersaß, die freundliche Müllerin nach Milch, der bewillkommende
Müller Charlotten und dem Hauptmann entgegen gesandt war, fing Eduard
mit einigem Zaudern zu sprechen an:

„ich habe eine Bitte, liebe Ottilie; verzeihen Sie mir die, wenn Sie
mir sie auch versagen! Sie machen kein Geheimnis daraus, und es braucht
es auch nicht, daß Sie unter Ihrem Gewand, auf Ihrer Brust ein
Miniaturbild tragen. Es ist das Bild Ihres Vaters, des braven Mannes,
den Sie kaum gekannt und der in jedem Sinne eine Stelle an Ihrem Herzen
verdient. Aber vergeben Sie mir: das Bild ist ungeschickt groß, und
dieses Metall, dieses Glas macht mir tausend Ängste, wenn Sie ein Kind
in die Höhe heben, etwas vor sich hintragen, wenn die Kutsche schwankt,
wenn wir durchs Gebüsch dringen, eben jetzt, wie wir vom Felsen
herabstiegen. Mir ist die Möglichkeit schrecklich, daß irgendein
unvorgesehener Stoß, ein Fall, eine Berührung Ihnen schädlich und
verderblich sein könnte. Tun Sie es mir zuliebe, entfernen Sie das
Bild, nicht aus Ihrem Andenken, nicht aus Ihrem Zimmer; ja geben Sie
ihm den schönsten, den heiligsten Ort Ihrer Wohnung; nur von Ihrer
Brust entfernen Sie etwas, dessen Nähe mir, vielleicht aus
übertriebener Ängstlichkeit, so gefährlich scheint!“

Ottilie schwieg und hatte, während er sprach, vor sich hingesehen;
dann, ohne Übereilung und ohne Zaudern, mit einem Blick mehr gen Himmel
als auf Eduard gewendet, löste sie die Kette, zog das Bild hervor,
drückte es gegen ihre Stirn und reichte es dem Freunde hin mit den
Worten: „heben Sie mir es auf, bis wir nach Hause kommen! Ich vermag
Ihnen nicht besser zu bezeugen, wie sehr ich Ihre freundliche Sorgfalt
zu schätzen weiß“.

Der Freund wagte nicht, das Bild an seine Lippen zu drücken, aber er
faßte ihre Hand und drückte sie an seine Augen. Es waren vielleicht die
zwei schönsten Hände, die sich jemals zusammenschlossen. Ihm war, als
wenn ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre, als wenn sich eine
Scheidewand zwischen ihm und Ottilien niedergelegt hätte.

Vom Müller geführt, langten Charlotte und der Hauptmann auf einem
bequemeren Pfade herunter. Man begrüßte sich, man erfreute und
erquickte sich. Zurück wollte man denselben Weg nicht kehren, und
Eduard schlug einen Felspfad auf der andern Seite des Baches vor, auf
welchem die Teiche wieder zu Gesicht kamen, indem man ihn mit einiger
Anstrengung zurücklegte. Nun durchstrich man abwechselndes Gehölz und
erblickte nach dem Lande zu mancherlei Dörfer, Flecken, Meiereien mit
ihren grünen und fruchtbaren Umgebungen; zunächst ein Vorwerk, das an
der Höhe mitten im Holze gar vertraulich lag. Am schönsten zeigte sich
der größte Reichtum der Gegend, vor- und rückwärts, auf der
sanfterstiegenen Höhe, von da man zu einem lustigen Wäldchen gelangte
und beim Heraustreten aus demselben sich auf dem Felsen dem Schlosse
gegenüber befand.

Wie froh waren sie, als sie daselbst gewissermaßen unvermutet ankamen!
Sie hatten eine kleine Welt umgangen; sie standen auf dem Platze, wo
das neue Gebäude hinkommen sollte, und sahen wieder in die Fenster
ihrer Wohnung.

Man stieg zur Mooshütte hinunter und saß zum erstenmal darin zu vieren.
Nichts war natürlicher, als daß einstimmig der Wunsch ausgesprochen
wurde, dieser heutige Weg, den sie langsam und nicht ohne
Beschwerlichkeit gemacht, möchte dergestalt geführt und eingerichtet
werden, daß man ihn gesellig, schlendernd und mit Behaglichkeit
zurücklegen könnte. Jedes tat Vorschläge, und man berechnete, daß der
Weg, zu welchem sie mehrere Stunden gebraucht hatten, wohlgebahnt in
einer Stunde zum Schloß zurückführen müßte. Schon legte man in Gedanken
unterhalb der Mühle, wo der Bach in die Teiche fließt, eine
wegverkürzende und die Landschaft zierende Brücke an, als Charlotte der
erfindenden Einbildungskraft einigen Stillstand gebot, indem sie an die
Kosten erinnerte, welche zu einem solchen Unternehmen erforderlich sein
würden.

„Hier ist auch zu helfen“, versetzte Eduard. „Jenes Vorwerk im Walde,
das so schön zu liegen scheint und so wenig einträgt, dürfen wir nur
veräußern und das daraus Gelöste zu diesen Anlagen verwenden, so
genießen wir vergnüglich auf einem unschätzbaren Spaziergange die
Interessen eines wohlangelegten Kapitals, da wir jetzt mit Mißmut, bei
letzter Berechnung am Schlusse des Jahrs, eine kümmerliche Einnahme
davon ziehen“.

Charlotte selbst konnte als gute Haushälterin nicht viel dagegen
erinnern. Die Sache war schon früher zur Sprache gekommen. Nun wollte
der Hauptmann einen Plan zu Zerschlagung der Grundstücke unter die
Waldbauern machen; Eduard aber wollte kürzer und bequemer verfahren
wissen. Der gegenwärtige Pachter, der schon Vorschläge getan hatte,
sollte es erhalten, terminweise zahlen, und so terminweise wollte man
die planmäßigen Anlagen von Strecke zu Strecke vornehmen.

So eine vernünftige, gemäßigte Einrichtung mußte durchaus Beifall
finden, und schon sah die ganze Gesellschaft im Geiste die neuen Wege
sich schlängeln, auf denen und in deren Nähe man noch die angenehmsten
Ruhe- und Aussichtsplätze zu entdecken hoffte.

Um sich alles mehr im einzelnen zu vergegenwärtigen, nahm man abends zu
Hause sogleich die neue Karte vor. Man übersah den zurückgelegten Weg
und wie er vielleicht an einigen Stellen noch vorteilhafter zu führen
wäre. Alle früheren Vorsätze wurden nochmals durchgesprochen und mit
den neuesten Gedanken verbunden, der Platz des neuen Hauses gegen dem
Schloß über nochmals gebilligt und der Kreislauf der Wege bis dahin
abgeschlossen.

Ottilie hatte zu dem allen geschwiegen, als Eduard zuletzt den Plan,
der bisher vor Charlotten gelegen, vor sie hinwandte und sie zugleich
einlud, ihre Meinung zu sagen, und, als sie einen Augenblick anhielt,
sie liebevoll ermunterte, doch ja nicht zu schweigen; alles sei ja noch
gleichgültig, alles noch im Werden.

„Ich würde“, sagte Ottilie, indem sie den Finger auf die höchste Fläche
der Anhöhe setzte, „das Haus hieher bauen. Man sähe zwar das Schloß
nicht, denn es wird von dem Wäldchen bedeckt; aber man befände sich
auch dafür wie in einer andern und neuen Welt, indem zugleich das Dorf
und alle Wohnungen verborgen wären. Die Aussicht auf die Teiche, nach
der Mühle, auf die Höhen, in die Gebirge, nach dem Lande zu ist
außerordentlich schön; ich habe es im Vorbeigehen bemerkt“.

„Sie hat recht!“ rief Eduard. „Wie konnte uns das nicht einfallen!
Nicht wahr, so ist es gemeint, Ottilie?“—er nahm einen Bleistift und
strich ein längliches Viereck recht stark und derb auf die Anhöhe.

Dem Hauptmann fuhr das durch die Seele, denn er sah einen sorgfältigen,
reinlich gezeichneten Plan ungern auf diese Weise verunstaltet; doch
faßte er sich nach einer leisen Mißbilligung und ging auf den Gedanken
ein. „Ottilie hat recht“, sagte er; „macht man nicht gern eine
entfernte Spazierfahrt, um einen Kaffee zu trinken, einen Fisch zu
genießen, der uns zu Hause nicht so gut geschmeckt hätte? Wir verlangen
Abwechselung und fremde Gegenstände. Das Schloß haben die Alten mit
Vernunft hieher gebaut, denn es liegt geschützt vor den Winden und nah
an allen täglichen Bedürfnissen; ein Gebäude hingegen, mehr zum
geselligen Aufenthalt als zur Wohnung, wird sich dorthin recht wohl
schicken und in der guten Jahrszeit die angenehmsten Stunden gewähren“.

Je mehr man die Sache durchsprach, desto günstiger erschien sie, und
Eduard konnte seinen Triumph nicht bergen, daß Ottilie den Gedanken
gehabt. Er war so stolz darauf, als ob die Erfindung sein gewesen wäre.



Achtes Kapitel

Der Hauptmann untersuchte gleich am frühsten Morgen den Platz, entwarf
erst einen flüchtigen und, als die Gesellschaft an Ort und Stelle sich
nochmals entschieden hatte, einen genauen Riß nebst Anschlag und allem
Erforderlichen. Es fehlte nicht an der nötigen Vorbereitung. Jenes
Geschäft wegen Verkauf des Vorwerks ward auch sogleich wieder
angegriffen. Die Männer fanden zusammen neuen Anlaß zur Tätigkeit.

Der Hauptmann machte Eduarden bemerklich, daß es eine Artigkeit, ja
wohl gar eine Schuldigkeit sei, Charlottens Geburtstag durch Legung des
Grundsteins zu feiern. Es bedurfte nicht viel, die alte Abneigung
Eduards gegen solche Feste zu überwinden; denn es kam ihm schnell in
den Sinn, Ottiliens Geburtstag, der später fiel, gleichfalls recht
feierlich zu begehen.

Charlotte, der die neuen Anlagen, und was deshalb geschehen sollte,
bedeutend, ernstlich, ja fast bedenklich vorkamen, beschäftigte sich
damit, die Anschläge, Zeit- und Geldeinteilungen nochmals für sich
durchzugehen. Man sah sich des Tages weniger, und mit desto mehr
Verlangen suchte man sich des Abends auf.

Ottilie war indessen schon völlig Herrin des Haushaltes, und wie konnte
es anders sein bei ihrem stillen und sichern Betragen. Auch war ihre
ganze Sinnesweise dem Hause und dem Häuslichen mehr als der Welt, mehr
als dem Leben im Freien zugewendet. Eduard bemerkte bald, daß sie
eigentlich nur aus Gefälligkeit in die Gegend mitging, daß sie nur aus
geselliger Pflicht abends länger draußen verweilte, auch wohl manchmal
einen Vorwand häuslicher Tätigkeit suchte, um wieder hineinzugehen.
Sehr bald wußte er daher die gemeinschaftlichen Wanderungen so
einzurichten, daß man vor Sonnenuntergang wieder zu Hause war, und fing
an, was er lange unterlassen hatte, Gedichte vorzulesen, solche
besonders, in deren Vortrag der Ausdruck einer reinen, doch
leidenschaftlichen Liebe zu legen war.

Gewöhnlich saßen sie abends um einen kleinen Tisch auf hergebrachten
Plätzen: Charlotte auf dem Sofa, Ottilie auf einem Sessel gegen ihr
über, und die Männer nahmen die beiden andern Seiten ein. Ottilie saß
zu Eduarden zur Rechten, wohin er auch das Licht schob, wenn er las.
Alsdann auch sie traute ihren eigenen Augen mehr als fremden Lippen;
und Eduard gleichfalls rückte zu, um es ihr auf alle Weise bequem zu
machen, ja er hielt oft längere Pausen als nötig, damit er nur nicht
eher umwendete, bis auch sie zu Ende der Seite gekommen.

Charlotte und der Hauptmann bemerkten es wohl und sahen manchmal
einander lächelnd an; doch wurden beide von einem andern Zeichen
überrascht, in welchem sich Ottiliens stille Neigung gelegentlich
offenbarte.

An einem Abende, welcher der kleinen Gesellschaft durch einen lästigen
Besuch zum Teil verloren gegangen, tat Eduard den Vorschlag, noch
beisammen zu bleiben. Er fühlte sich aufgelegt, seine Flöte
vorzunehmen, welche lange nicht an die Tagesordnung gekommen war.
Charlotte suchte nach den Sonaten, die sie zusammen gewöhnlich
auszuführen pflegten, und da sie nicht zu finden waren, gestand Ottilie
nach einigem Zaudern, daß sie solche mit auf ihr Zimmer genommen.

„Und Sie können, Sie wollen mich auf dem Flügel begleiten?“ rief
Eduard, dem die Augen vor Freude glänzten. „Ich glaube wohl“, versetzte
Ottilie, „daß es gehen wird“. Sie brachte die Noten herbei und setzte
sich ans Klavier. Die Zuhörenden waren aufmerksam und überrascht, wie
vollkommen Ottilie das Musikstück für sich selbst eingelernt hatte,
aber noch mehr überrascht, wie sie es der Spielart Eduards anzupassen
wußte. ‘Anzupassen wußte’ ist nicht der rechte Ausdruck; denn wenn es
von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen abhing, ihrem bald
zögernden, bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten, dort
mitzugehen, so schien Ottilie, welche die Sonate von jenen enigemal
spielen sie gehört, nur in dem Sinne eingelernt zu haben, wie jener sie
begleitete. Sie hatte seine Mängel so zu den ihrigen gemacht, daß
daraus wieder eine Art von lebendigem Ganzen entsprang, das sich zwar
nicht taktgemäß bewegte, aber doch höchst angenehm und gefällig
lautete. Der Komponist selbst hätte seine Freude daran gehabt, sein
Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen.

Auch diesem wundersamen, unerwarteten Begegnis sahen der Hauptmann und
Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu, wie man oft
kindische Handlungen betrachtet, die man wegen ihrer besorglichen
Folgen gerade nicht billigt und doch nicht schelten kann, ja vielleicht
beneiden muß. Denn eigentlich war die Neigung dieser beiden ebensogut
im Wachsen als jene, und vielleicht nur noch gefährlicher dadurch, daß
beide ernster, sicherer von sich selbst, sich zu halten fähiger waren.

Schon fing der Hauptmann an zu fühlen, daß eine unwiderstehliche
Gewohnheit ihn an Charlotten zu fesseln drohte. Er gewann es über sich,
den Stunden auszuweichen, in denen Charlotte nach der Anlagen zu kommen
pflegte, indem er schon am frühsten Morgen aufstand, alles anordnete
und sich dann zur Arbeit auf seinen Flügel ins Schloß zurückzog. Die
ersten Tage hielt es Charlotte für zufällig; sie suchte ihn an allen
wahrscheinlichen Stellen; dann glaubte sie ihn zu verstehen und achtete
ihn nur um desto mehr.

Vermied nun der Hauptmann, mit Charlotten allein zu sein, so war er
desto emsiger, zur glänzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die
Anlagen zu betreiben und zu beschleunigen; denn indem er von unten
hinauf, hinter dem Dorfe her, den bequemen Weg führte, so ließ er,
vorgeblich um Steine zu brechen, auch von oben herunter arbeiten und
hatte alles so eingerichtet und berechnet, daß erst in der letzten
Nacht die beiden Teile des Weges sich begegnen sollten. Zum neuen Hause
oben war auch schon der Keller mehr gebrochen als gegraben und ein
schöner Grundstein mit Fächern und Deckplatten zugehauen.

Die äußere Tätigkeit, diese kleinen, freundlichen, geheimnisvollen
Absichten bei innern, mehr oder weniger zurückgedrängten Empfindungen
ließen die Unterhaltung der Gesellschaft, wenn sie beisammen war, nicht
lebhaft werden, dergestalt daß Eduard, der etwas Lückenhaftes empfand,
den Hauptmann eines Abends aufrief, seine Violine hervorzunehmen und
Charlotten bei dem Klavier zu begleiten. Der Hauptmann konnte dem
allgemeinen Verlangen nicht widerstehen, und so führten beide mit
Empfindung, Behagen und Freiheit eins der schwersten Musikstücke
zusammen auf, daß es ihnen und dem zuhörenden Paar zum größten
Vergnügen gereichte. Man versprach sich öftere Wiederholung und mehrere
Zusammenübung.

„Sie machen es besser als wir, Ottilie!“ sagte Eduard. „Wir wollen sie
bewundern, aber uns doch zusammen freuen“.



Neuntes Kapitel

Der Geburtstag war herbeigekommen und alles fertig geworden: die ganze
Mauer, die den Dorfweg gegen das Wasser zu einfaßte und erhöhte, ebenso
der Weg an der Kirche vorbei, wo er eine Zeitlang in dem von Charlotten
angelegten Pfade fortlief, sich dann die Felsen hinaufwärts schlang,
die Mooshütte links über sich, dann nach einer völligen Wendung links
unter sich ließ und so allmählich auf die Höhe gelangte.

Es hatte sich diesen Tag viel Gesellschaft eingefunden. Man ging zur
Kirche, wo man die Gemeinde im festlichen Schmuck versammelt antraf.
Nach dem Gottesdienste zogen die Knaben, Jünglinge und Männer, wie es
angeordnet war, voraus; dann kam die Herrschaft mit ihrem Besuch und
Gefolge; Mädchen, Jungfrauen und Frauen machten den Beschluß.

Bei der Wendung des Weges war ein erhöhter Felsenplatz eingerichtet;
dort ließ der Hauptmann Charlotten und die Gäste ausruhen. Hier
übersahen sie den ganzen Weg, die hinaufgeschrittene Männrschar, die
nachwandelnden Frauen, welche nun vorbeizogen. Es war bei dem
herrlichen Wetter ein wunderschöner Anblick. Charlotte fühlte sich
überrascht, gerührt und drückte dem Hauptmann herzlich die Hand.

Man folgte der sachte fortschreitenden Menge, die nun schon einen Kreis
um den künftigen Hausraum gebildet hatte. Der Bauherr, die Seinigen und
die vornehmsten Gäste wurden eingeladen, in die Tiefe hinabzusteigen,
wo der Grundstein, an einer Seite unterstützt, eben zum Niederlassen
bereit lag. Ein wohlgeputzter Maurer, die Kelle in der einen, den
Hammer in der andern Hand, hielt in Reimen eine anmutige Rede, die wir
in Prosa nur unvollkommen wiedergeben können.

„Drei Dinge“, fing er an, „sind bei einem Gebäude zu beachten: daß es
am rechten Fleck stehe, daß es wohl gegründet, daß es vollkommen
ausgeführt sei. Das erste ist eigentlich die Sache des Bauherrn; denn
wie in der Stadt nur der Fürst und die Gemeine bestimmen können, wohin
gebaut werden soll, so ist es auf dem Lande das Vorrecht des
Grundherrn, daß er sage: hier soll meine Wohnung stehen und nirgends
anders“.

Eduard und Ottilie wagten nicht, bei diesen Worten einander anzusehen,
ob sie gleich nahe gegen einander über standen.

„Das dritte, die Vollendung, ist die Sorge gar vieler Gewerke; ja
wenige sind, die nicht dabei beschäftigt wären. Aber das zweite, die
Gründung, ist des Maurers Angelengenheit und, daß wir es nur
heraussagen, die Hauptangelegenheit des ganzen Unternehmens. Es ist ein
ernstes Geschäft, und unsre Einladung ist ernsthaft; denn diese
Feierlichkeit wird in der Tiefe begangen. Hier innerhalb dieses engen,
ausgegrabenen Raums erweisen Sie uns die Ehre, als Zeugen unseres
geheimnisvollen Geschäftes zu erscheinen. Gleich werden wir diesen
wohlzugehauenen Stein niederlegen, und bald werden diese mit schönen
und würdigen Personen gezierten Erdwände nicht mehr zugänglich, sie
werden ausgefüllt sein.

Diesen Grundstein, der mit seiner Ecke die rechte Ecke des Gebäudes,
mit seiner Rechtwinkligkeit die Regelmäßigkeit desselben, mit seiner
wasser- und senkrechten Lage Lot und Waage aller Mauern und Wände
bezeichnet, könnten wir ohne weiteres niederlegen; denn er ruhte wohl
auf seiner eignen Schwere. Aber auch hier soll es am Kalk, am
Bindungsmittel nicht fehlen; denn so wie Menschen, die einander von
Natur geneigt sind, noch besser zusammenhalten, wenn das Gesetz sie
verkittet, so werden auch Steine, deren Form schon zusammenpaßt, noch
besser durch diese bindenden Kräfte vereinigt; und da es sich nicht
ziemen will, unter den Tätigen müßig zu sein, so werden Sie nicht
verschmähen, auch hier Mitarbeiter zu werden“.

Er überreichte hierauf seine Kelle Charlotten, welche damit Kalk unter
den Stein warf. Mehreren wurde ein Gleiches zu tun angesonnen und der
Stein alsobald niedergesenkt, worauf denn Charlotten und den Übrigen
sogleich der Hammer gereicht wurde, um durch ein dreimaliges Pochen die
Verbindung des Steins mit dem Grunde ausdrücklich zu segnen.

„Des Maurers Arbeit“, fuhr der Redner fort, „zwar jetzt unter freiem
Himmel, geschieht, wo nicht immer im Verborgnen, doch zum Verborgnen.
Der regelmäßig aufgeführte Grund wird verschüttet, und sogar bei den
Mauern, die wir am Tage aufführen, ist man unser am Ende kaum
eingedenk. Die Arbeiten des Steinmetzen und Bildhauers fallen mehr in
die Augen, und wir müssen es sogar noch gutheißen, wenn der Tüncher die
Spur unserer Hände völlig auslöscht und sich unser Werk zueignet, indem
er es überzieht, glättet und färbt.

Wem muß also mehr daran gelegen sein, das, was er tut, sich selbst
recht zu machen, indem er es recht macht, als dem Maurer? Wer hat mehr
als er das Selbstbewußtsein zu nähren Ursach? Wenn das Haus aufgeführt,
der Boden geplattet und gepflastert, die Außenseite mit Zieraten
überdeckt ist, so sieht er durch alle Hüllen immer noch hinein und
erkennt noch jene regelmäßigen, sorgfältigen Fugen, denen das Ganze
sein Dasein und seinen Halt zu danken hat.

Aber wie jeder, der eine Übeltat begangen, fürchten muß, daß,
ungeachtet alles Abwehrens, sie dennoch ans Licht kommen werde, so muß
derjenige erwarten, der insgeheim das Gute getan, daß auch dieses wider
seinen Willen an den Tag komme. Deswegen machen wir diesen Grundstein
zugleich zum Denkstein. Hier in diese unterschiedlichen gehauenen
Vertiefungen soll verschiedenes eingesenkt werden zum Zeugnis für eine
entfernte Nachwelt. Diese metallnen zugelöteten Köcher enthalten
schriftliche Nachrichten; auf diese Metallplatten ist allerlei
Merkwürdiges eingegraben; in diesen schönen gläsernen Flaschen
versenken wir den besten Wein, mit Bezeichnung seines Geburtsjahrs; es
fehlt nicht an Münzen verschiedener Art, in diesem Jahre geprägt: alles
dieses erhielten wir durch die Freigebigkeit unseres Bauherrn. Auch ist
hier noch mancher Platz, wenn irgendein Gast und Zuschauer etwas der
Nachwelt zu übergeben Belieben trüge“.

Nach einer kleinen Pause sah der Geselle sich um; aber wie es in
solchen Fällen zu gehen pflegt: niemand war vorbereitet, jedermann
überrascht, bis endlich ein junger, munterer Offizier anfing und sagte:
„wenn ich etwas beitragen soll, das in dieser Schatzkammer noch nicht
niedergelegt ist, so muß ich ein paar Knöpfe von der Uniform schneiden,
die doch wohl auch verdienen, auf die Nachwelt zu kommen“. Gesagt,
getan! Und nun hatte mancher einen ähnlichen Einfall. Die Frauenzimmer
säumten nicht, von ihren kleinen Haarkämmen hineinzulegen;
Riechenfläschchen und andre Zierden wurden nicht geschont; nur Ottilie
zauderte, bis Eduard sie durch ein freundliches Wort aus der
Betrachtung aller der beigesteuerten und eingelegten Dinge herausriß.
Sie löste darauf die goldne Kette vom Halse, an der das Bild ihres
Vaters gehangen hatte, und legte sie mit leiser Hand über die anderen
Kleinode hin, worauf Eduard mit einiger Hast veranstaltete, daß der
wohlgefugte Deckel sogleich aufgestürzt und eingekittet wurde.

Der junge Gesell, der sich dabei am tätigsten erwiesen, nahm seine
Rednermiene wieder an und fuhr fort: „wir gründen diesen Stein für
ewig, zur Sicherung des längsten Genusses der gegenwärtigen und
künftigen Besitzer dieses Hauses. Allein indem wir hier gleichsam einen
Schatz vergraben, so denken wir zugleich, bei dem gründlichsten aller
Geschäfte, an die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge; wir denken
uns eine Möglichkeit, daß dieser festversiegelte Deckel wieder
aufgehoben werden könne, welches nicht anders geschehen dürfte, als
wenn das alles wieder zerstört wäre, was wir noch nicht einmal
aufgeführt haben.

Aber eben, damit dieses aufgeführt werde: zurück mit den Gedanken aus
der Zukunft, zurück ins Gegenwärtige! Laßt und nach begangenem heutigem
Feste unsre Arbeit sogleich fördern, damit keiner von den Gewerken, die
auf unserm Grunde fortarbeiten, zu feiern brauche, daß der Bau eilig in
die Höhe steige und vollendet werde und aus den Fenstern, die noch
nicht sind, der Hausherr mit den Seinigen und seinen Gästen sich
fröhlich in der Gegend umschaue, deren aller sowie sämtlicher
Anwesenden Gesundheit hiermit getrunken sei!“

Und so leerte er ein wohlgeschliffenes Kelchglas auf einen Zug aus und
warf es in die Luft; denn es bezeichnet das Übermaß einer Freude, das
Gefäß zu zerstören, dessen man sich in der Fröhlichkeit bedient. Aber
diesmal ereignete es sich anders: das Glas kam nicht wieder auf den
Boden, und zwar ohne Wunder.

Man hatte nämlich, um mit dem Bau vorwärtszukommen, bereits an der
entgegengesetzten Ecke den Grund völlig herausgeschlagen, ja schon
angefangen, die Mauern aufzuführen, und zu dem Endzweck das Gerüst
erbaut, so hoch, als es überhaupt nötig war.

Daß man es besonders zu dieser Feierlichkeit mit Brettern belegt und
eine Menge Zuschauer hinaufgelassen hatte, war zum Vorteil der
Arbeitsleute geschehen. Dort hinauf flog das Glas und wurde von einem
aufgefangen, der diesen Zufall als ein glückliches Zeichen für sich
ansah. Er wies es zuletzt herum, ohne es aus der Hand zu lassen, und
man sah darauf die Buchstaben E und O in sehr zierlicher Verschlingung
eingeschnitten: es war eins der Gläser, die für Eduarden in seiner
Jugend verfertigt worden.

Die Gerüste standen wieder leer, und die leichtesten unter den Gästen
stiegen hinauf, sich umzusehen, und konnten die schöne Aussicht nach
allen Seiten nicht genugsam rühmen; denn was entdeckt der nicht alles,
der auf einem hohen Punkte nur um ein Geschoß höher steht! Nach dem
Innern des Landes zu kamen mehrere neue Dörfer zum Vorschein, den
silbernen Streifen des Flusses erblickte man deutlich, ja selbst die
Türme der Hauptstadt wollte einer gewahr werden. An der Rückseite,
hinter den waldigen Hügeln, erhoben sich die blauen Gipfel eines fernen
Gebirges, und die nächste Gegend übersah man im ganzen. „Nun sollten
nur noch“, rief einer, „die drei Teiche zu einem See vereinigt werden;
dann hätte der Anblick alles, was groß und wünschenswert ist“.

„Das ließe sich wohl machen“, sagte der Hauptmann; „denn sie bildeten
schon vorzeiten einen Bergsee“.

„Nur bitte ich, meine Platanen- und Pappelgruppe zu schonen“, sagte
Eduard, „die so schön am mittelsten Teiche steht“. „Sehen Sie“,—wandte
er sich zu Ottilien, die er einige Schritte vorführte, indem er
hinabwies—„diese Bäume habe ich selbst gepflanzt“.

„Wie lange stehen sie wohl schon?“ fragte Ottilie. „Etwa so lange“,
versetzte Eduard, „als Sie auf der Welt sind. Ja, liebes Kind, ich
pflanzte schon, da Sie noch in der Wiege lagen“.

Die Gesellschaft begab sich wieder in das Schloß zurück. Nach
aufgehobener Tafel wurde sie zu einem Spaziergang durch das Dorf
eingeladen, um auch hier die neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen.
Dort hatten sich auf des Hauptmanns Veranlassung die Bewohner vor ihren
Häusern versammelt; sie standen nicht in Reihen, sondern familienweise
natürlich gruppiert, teils, wie es der Abend forderte, beschäftigt,
teils auf neuen Bänken ausruhend. Es ward ihnen angenehmen Pflicht
gemacht, wenigstens jeden Sonntag und Festtag diese Reinlichkeit, diese
Ordnung zu erneuern.

Eine innere Geselligkeit mit Neigung, wie sie sich unter unseren
Freunden erzeugt hatte, wird durch eine größere Gesellschaft immer nur
unangenehm unterbrochen. Alle vier waren zufrieden, sich wieder im
großen Saale allein zu finden; doch ward dieses häusliche Gefühl
einigermaßen gestört, indem ein Brief, der Eduarden überreicht wurde,
neue Gäste auf morgen ankündigte.

„Wie wir vermuteten“, rief Eduard Charlotten zu; „der Graf wird nicht
ausbleiben, er kommt morgen“. „Da ist also auch die Baronesse nicht
weit“, versetzte Charlotte.

„Gewiß nicht!“ antwortete Eduard;“ sie wird auch morgen von ihrer Seite
anlangen. Sie bitten um ein Nachtquartier und wollen übermorgen
zusammen wieder fortreisen“.

„Da müssen wir unsere Anstalten beizeiten machen, Ottilie! „ sagte
Charlotte.

„Wie befehlen Sie die Einrichtung?“ fragte Ottilie.

Charlotte gab es im allgemeinen an, und Ottilie entfernte sich.

Der Hauptmann erkundigte sich nach dem Verhältnis dieser beiden
Personen, das er nur im allgemeinsten kannte. Sie hatten früher, beide
schon anderwärts verheiratet, sich leidenschaftlich liebgewonnen. Eine
doppelte Ehe war nicht ohne Aufsehn gestört; man dachte an Scheidung.
Bei der Baronesse war sie möglich geworden, bei dem Grafen nicht. Sie
mußten sich zum Scheine trennen, allein ihr Verhältnis blieb; und wenn
sie Winters in der Residenz nicht zusammen sein konnten, so
entschädigten sie sich Sommers auf Lustreisen und in Bädern. Sie waren
beide um etwas älter als Eduard und Charlotte und sämtlich genaue
Freunde aus früher Hofzeit her. Man hatte immer ein gutes Verhältnis
erhalten, ob man gleich nicht alles an seinen Freunden billigte. Nur
diesmal war Charlotten ihre Ankunft gewissermaßen ganz ungelegen, und
wenn sie die Ursache genau untersucht hätte: es war eigentlich um
Ottiliens willen. Das gute, reine Kind sollte ein solches Beispiel so
früh nicht gewahr werden.

„Sie hätten wohl noch ein paar Tage wegbleiben können“, sagte Eduard,
als eben Ottilie wieder hereintrat, „bis wir den Vorwerksverkauf in
Ordnung gebracht. Der Aufsatz ist fertig, die eine Abschrift habe ich
hier; nun fehlt es aber an der zweiten, und unser alter Kanzellist ist
recht krank“. Der Hauptmann bot sich an, auch Charlotte; dagegen waren
einige Einwendungen zu machen. „Geben Sie mirs nur!“ rief Ottilie mit
einiger Hast.

„Du wirst nicht damit fertig“, sagte Charlotte.

„Freilich müßte ich es übermorgen früh haben, und es ist viel“, sagte
Eduard. „Es soll fertig sein“, rief Ottilie und hatte das Blatt schon
in den Händen.

Des andern Morgens, als sie sich aus dem obern Stock nach den Gästen
umsahen, denen sie entgegenzugehen nicht verfehlen wollten, sagte
Eduard: „wer reitet denn so langsam dort die Straße her?“ Der Hauptmann
beschrieb die Figur des Reiters genauer. „So ist ers doch“, sagte
Eduard; „denn das Einzelne, das du besser siehst als ich, paßt sehr gut
zu dem Ganzen, das ich recht wohl sehe. Es ist Mittler. Wie kommt er
aber dazu, langsam und so langsam zu reiten?“

Die Figur kam näher, und Mittler war es wirklich. Man empfing ihn
freundlich, als er langsam die Treppe heraufstieg. „Warum sind Sie
nicht gestern gekommen?“ rief ihm Eduard entgegen.

„Laute Feste lieb ich nicht“, versetzte jener. „Heute komm ich aber,
den Geburtstag meiner Freundin mit euch im stillen nachzufeiern“.

„Wie können Sie denn soviel Zeit gewinnen?“ fragte Eduard scherzend.

„Meinen Besuch, wenn er euch etwas wert ist, seid ihr einer Betrachtung
schuldig, die ich gestern gemacht habe. Ich freute mich recht herzlich
den halben Tag in einem Hause, wo ich Frieden gestiftet hatte, und dann
hörte ich, daß hier Geburtstag gefeiert werde. ‘Das kann man doch am
Ende selbstisch nennen’, dachte ich bei mir, ‘daß du dich nur mit denen
freuen willst, die du zum Frieden bewogen hast. Warum freust du dich
nicht auch einmal mit Freunden, die Frieden halten und hegen?’ Gesagt,
getan! Hier bin ich, wie ich mir vorgenommen hatte“.

„Gestern hätten Sie große Gesellschaft gefunden, heute finden Sie nur
kleine“, sagte Charlotte. „Sie finden den Grafen und die Baronesse, die
Ihnen auch schon zu schaffen gemacht haben“.

Aus der Mitte der vier Hausgenossen, die den seltsamen, willkommenen
Mann umgeben hatten, fuhr er mit verdrießlicher Lebhaftigkeit heraus,
indem er sogleich nach Hut und Reitgerte suchte: „schwebt doch immer
ein Unstern über mir, sobald ich einmal ruhen und mir wohltun will!
Aber warum gehe ich aus meinem Charakter heraus! Ich hätte nicht kommen
sollen, und nun werd ich vertrieben. Denn mit jenen will ich nicht
unter einem Dache bleiben; und nehmt euch in acht: sie bringen nichts
als Unheil! Ihr Wesen ist wie ein Sauerteig, der seine Ansteckung
fortpflanzt“.

Man suchte ihn zu begütigen, aber vergebens. „Wer mir den Ehstand
angreift“, rief er aus, „wer mir durch Wort, ja durch Tat diesen Grund
aller sittlichen Gesellschaft untergräbt, der hat es mit mir zu tun;
oder wenn ich sein nicht Herr werden kann, habe ich nichts mit ihm zu
tun. Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur. Sie macht den
Rohen mild, und der Gebildetste hat keine bessere Gelegenheit, seine
Milde zu beweisen. Unauflöslich muß sie sein; denn sie bringt so vieles
Glück, daß alles einzelne Unglück dagegen gar nicht zu rechnen ist. Und
was will man von Unglück reden? Ungeduld ist es, die den Menschen von
Zeit zu Zeit anfällt, und dann beliebt er sich unglücklich zu finden.
Lasse man den Augenblick vorübergehen, und man wird sich glücklich
preisen, daß ein so lange Bestandenes noch besteht. Sich zu trennen
gibts gar keinen hinlänglichen Grund. Der menschliche Zustand ist so
hoch in Leiden und Freuden gesetzt, daß gar nicht berechnet werden
kann, was ein Paar Gatten einander schuldig werden. Es ist eine
unendliche Schuld, die nur durch die Ewigkeit abgetragen werden kann.
Unbequem mag es manchmal sein, das glaub ich wohl, und das ist eben
recht. Sind wir nicht auch mit dem Gewissen verheiratet, das wir oft
gerne los sein möchten, weil es unbequemer ist, als uns je ein Mann
oder eine Frau werden könnte?“

So sprach er lebhaft und hätte wohl noch lange fortgesprochen, wenn
nicht blasende Postillons die Ankunft der Herrschaften verkündig
hätten, welche wie abgemessen von beiden Seiten zu gleicher Zeit in den
Schloßhof hereinfuhren. Als ihnen die Hausgenossen entgegeneilten,
versteckte sich Mittler, ließ sich das Pferd an den Gasthof bringen und
ritt verdrießlich davon.



Zehntes Kapitel

Die Gäste waren bewillkommt und eingeführt; sie freuten sich, das Haus,
die Zimmer wieder zu betreten, wo sie früher so manchen guten Tag
erlebt und die sie eine lange Zeit nicht gesehn hatten. Höchst angenehm
war auch den Freunden ihre Gegenwart. Den Grafen sowie die Baronesse
konnte man unter jene hohen, schönen Gestalten zählen, die man in einem
mittlern Alter fast lieber als in der Jugend sieht; denn wenn ihnen
auch etwas von der ersten Blüte abgehn möchte, so erregen sie doch nun
mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen. Auch dieses Paar zeigte
sich höchst bequem in der Gegenwart. Ihre freie Weise, die Zustände des
Lebens zu nehmen und zu behandeln, ihre Heiterkeit und scheinbare
Unbefangenheit teilte sich sogleich mit, und ein hoher Anstand
begrenzte das Ganze, ohne daß man irgendeinen Zwang bemerkt hätte.

Diese Wirkung ließ sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden. Die
Neueintretenden, welche unmittelbar aus der Welt kamen, wie man sogar
an ihren Kleidern, Gerätschaften und allen Umgebungen sehen konnte,
machten gewissermaßen mit unsern Freunden, ihrem ländlichen und
heimlich leidenschaftlichen Zustande eine Art von Gegensatz, der sich
jedoch sehr bald verlor, indem alte Erinnerungen und gegenwärtige
Teilnahme sich vermischten und ein schnelles, lebhaftes Gespräch alle
geschwind zusammenverband.

Es währte indessen nicht lange, als schon eine Sonderung vorging. Die
Frauen zogen sich auf ihren Flügel zurück und fanden daselbst, indem
sie sich mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und
Zuschnitte von Frühkleidern, Hüten und derglichen zu mustern anfingen,
genugsame Unterhaltung, während die Männer sich um die neuen
Reisewagen, mit vorgeführten Pferden, beschäftigten und gleich zu
handeln und zu tauschen anfingen.

Erst zu Tische kam man wieder zusammen. Die Umkleidung war geschehen,
und auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile.
Alles, was sie an sich trugen, war neu und gleichsam ungesehen und doch
schon durch den Gebrauch zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht.

Das Gespräch war lebhaft und abwechselnd, wie denn in Gegenwart solcher
Personen alles und nichts zu interessieren scheint. Man bediente sich
der französischen Sprache, um die Aufwartenden von dem Mitverständnis
auszuschließen, und schweifte mit mutwilligem Behagen über hohe und
mittlere Weltverhältnisse hin. Auf einem einzigen Punkt blieb die
Unterhaltung länger als billig haften, indem Charlotte nach einer
Jugendfreundin sich erkundigte und mit einiger Befremdung vernahm, daß
sie ehstens geschieden werden sollte.

„Es ist unerfreulich“, sagte Charlotte, „wenn man seine abwesenden
Freunde irgend einmal geborgen, eine Freundin, die man liebt, versorgt
glaubt; eh man sichs versieht, muß man wieder hören, daß ihr Schicksal
im Schwanken ist, und daß sie erst wieder neue und vielleicht abermals
unsichre Pfade des Lebens betreten soll“.

„Eigentlich, meine Beste“, versetzte der Graf, „sind wir selbst schuld,
wenn wir auf solche Weise überrascht werden. Wir mögen uns die
irdischen Dinge und besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so
recht dauerhaft vorstellen, und was den letzten Punkt betrifft, so
verführen uns die Lustspiele, die wir immer wiederholen sehen, zu
solchen Einbildungen, die mit dem Gange der Welt nicht zusammentreffen.
In der Komödie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines durch
die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches, und im Augenblick,
da er erreicht ist, fällt der Vorhang, und die momentane Befriedigung
klingt bei uns nach. In der Welt ist es anders; da wird hinten immer
fortgespielt, und wenn der Vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts
weiter davon sehen noch hören“.

„Es muß doch so schlimm nicht sein“, sagte Charlotte lächelnd, „da man
sieht, daß auch Personen, die von diesem Theater abgetreten sind, wohl
gern darauf wieder eine Rolle spielen mögen“.

„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte der Graf. „Eine neue Rolle mag
man gern wieder übernehmen, und wenn man die Welt kennt, so sieht man
wohl: auch bei dem Ehestande ist es nur diese entschiedene, ewige Dauer
zwischen soviel Beweglichem in der Welt, die etwas Ungeschicktes an
sich trägt. Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in
Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptet: eine jede Ehe solle
nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine
schöne, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben
hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich
zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen.
Gewöhnlich rief er aus: ‘wie glücklich würde die erste Zeit
verstreichen! Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnüglich hin. Dann
würde doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhältnis
länger dauern zu sehen, die Gefälligkeit würde wachsen, je mehr man
sich dem Termin der Aufkündigung näherte. Der gleichgültige, ja selbst
der unzufriedene Teil würde durch ein solches Betragen begütigt und
eingenommen. Man vergäße, wie man in guter Gesellschaft die Stunden
vergißt, daß die Zeit verfließe, und fände sich aufs angenehmste
überrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, daß er
schon stillschweigend verlängert sei“.

So artig und lustig dies klang und so gut man, wie Charlotte wohl
empfand, diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so
waren ihr dergleichen Äußerungen, besonders um Ottiliens willen, nicht
angenehm. Sie wußte recht gut, daß nichts gefährlicher sei als ein
allzufreies Gespräch, das einen strafbaren oder halbstrafbaren Zustand
als einen gewöhnlichen, gemeinen, ja löblichen bahandelt; und dahin
gehört doch gewiß alles, was die eheliche Verbindung antastet. Sie
suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gespräch abzulenken; da sie
es nicht vermochte, tat es ihr leid, daß Ottilie alles so gut
eingerichtet hatte, um nicht aufstehen zu dürfen. Das ruhig aufmerksame
Kind verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink, daß
alles auf das trefflichste geriet, obgleich ein paar neue, ungeschickte
Bedienten in der livree staken.

Und so fuhr der Graf, Charlottens Ablenken nicht empfindend, über
diesen Gegenstand sich zu äußern fort. Ihm, der sonst nicht gewohnt
war, im Gespräch irgend lästig zu sein, lastete diese Sache zu sehr auf
dem Herzen, und die Schwierigkeiten, sich von seiner Gemahlin getrennt
zu sehen, machten ihn bitter gegen alles, was eheliche Verbindung
betraf, die er doch selbst mit der Baronesse so eifrig wünschte.

„Jener Freund“, so fuhr er fort, „tat noch einen andern
Gesetzvorschlag: eine Ehe sollte nur alsdann für unauflöslich gehalten
werden, wenn entweder beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum
drittenmal verheiratet wäre. Denn was eine solche Person betreffe, so
bekenne sie unwidersprechlich, daß sie die Ehe für etwas
Unentbehrliches halte. Nun sei auch schon bekannt geworden, wie sie
sich in ihren frühern Verbindungen betragen, ob sie Eigenheiten habe,
die oft mehr zur Trennung Anlaß geben als üble Eigenschaften. Man habe
sich also wechselseitig zu erkundigen; man habe ebensogut auf
Verheiratete wie auf Unverheiratete achtzugeben, weil man nicht wisse,
wie die Fälle kommen können“.

„Das würde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren“,
sagte Eduard; „denn in der Tat jetzt, wenn wir verheiratet sind, fragt
niemand weiter mehr nach unsern Tugenden noch unsern Mängeln“.

„Bei einer solchen Einrichtung“, fiel die Baronesse lächelnd ein,
„hätten unsere lieben Wirte schon zwei Stufen glücklich überstiegen und
könnten sich zu der dritten vorbereiten“.

„Ihnen ists wohl geraten“, sagte der Graf; „hier hat der Tod willig
getan, was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen“.

„Lassen wir die Toten ruhen“, versetzte Charlotte mit einem halb
ernsten Blicke.

„Warum?“ versetzte der Graf, „da man ihrer in Ehren gedenken kann. Sie
waren bescheiden genug, sich mit einigen Jahren zu begnügen für
mannigfaltiges Gute, das sie zurückließen“.

„Wenn nur nicht gerade“, sagte die Baronesse mit einem verhaltenen
Seufzer, „in solchen Fällen das Opfer der besten Jahre gebracht werden
müßte!“

„Jawohl“, versetzte der Graf, „man müßte darüber verzweifeln, wenn
nicht überhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte.
Kinder halten nicht, was sie versprechen, junge Leute sehr selten, und
wenn sie Wort halten, hält es ihnen die Welt nicht“.

Charlotte, welche froh war, daß das Gespräch sich wendete, versetzte
heiter:“ nun! Wir müssen uns ja ohnehin bald genug gewöhnen, das Gute
stück- und teilweise zu genießen“.

„Gewiß“, versetzte der Graf, „Sie haben beide sehr schöner Zeiten
genossen. Wenn ich mir die Jahre zurückerinnere, da Sie und Eduard das
schönste Paar bei Hof waren; weder von so glänzenden Zeiten noch von so
hervorleuchtenden Gestalten ist jetzt die Rede mehr. Wenn Sie beide
zusammen tanzten, aller Augen waren auf Sie gerichtet, und wie umworben
beide, indem Sie sich nur ineinander bespiegelten!“

„Da sich so manches verändert hat“, sagte Charlotte, „können wir wohl
soviel Schönes mit Bescheidenheit anhören“.

„Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt“, sagte der Graf, „daß
er nicht beharrlicher war; denn am Ende hätten seine wunderlichen
Eltern wohl nachgegeben; und zehn frühe Jahre gewinnen ist keine
Kleinigkeit“.

„Ich muß mich seiner anehmen“, fiel die Baronesse ein. „Charlotte war
nicht ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob
sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum
Gatten bestimmte, so war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal
quälte, sodaß man ihn leicht zu dem unglücklichen Entschluß drängen
konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwöhnen“.

Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar für ihre Fürsprache.

„Und dann muß ich eins“, fuhr sie fort, „zu Charlottens Entschuldigung
beifügen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon
lange durch Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn näher
kannte, gewiß liebenswürdiger, als ihr andern gern zugestehen mögt“.

„Liebe Freundin“, versetzte der Graf etwas lebhaft, „bekennen wir nur,
daß er Ihnen nicht ganz gleichgültig war, und daß Charlotte von Ihnen
mehr zu befürchten hatte als von einer andern. Ich finde das einen sehr
hübschen Zug an den Frauen, daß sie ihre Anhänglichkeit an irgendeinen
Mann solange noch fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung stören
oder aufheben lassen“.

„Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Männer noch mehr“,
versetzte die Baronesse; „wenigstens an Ihnen lieber Graf, habe ich
bemerkt, daß niemand mehr Gewalt über Sie hat als ein Frauenzimmer, dem
Sie früher geneigt waren. So habe ich gesehen, daß Sie auf die
Fürsprache einer solchen sich mehr Mühe gaben, um etwas auszuwirken,
als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen erlangt hätte“.

„Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen“, versetzte
der Graf; „doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich
ihn deshalb nicht leiden, weil er mir das schöne Paar
auseinandersprengte, ein wahrhaft prädestiniertes Paar, das, einmal
zusammengegeben, weder fünf Jahre zu scheuen, noch auf eine zweite oder
gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte“.

„Wir wollen versuchen“, sagte Charlotte, „wieder einzubringen, was wir
versäumt haben“.

„Da müssen Sie sich dazuhalten“, sagte der Graf. „Ihre ersten
Heiraten“, fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, „waren doch so
eigentlich rechte Heiraten von der verhaßten Art, und leider haben
überhaupt die Heiraten—verzeihen Sie mir einen lebhafteren
Ausdruck—etwas Tölpelhaftes; sie verderben die zartesten Verhältnisse,
und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit, auf die
sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut. Alles versteht sich von
selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das
andere nunmehr seiner Wege gehe“.

In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein für allemal dies
Gespräch abbrechen wollte, von einer kühnen Wendung Gebrauch; es gelang
ihr. Die Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der
Hauptmann konnten daran teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlaßt sich
zu äußern, und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen,
woran der in zierlichen Fruchtkörben aufgestellte Obstreichtum, die
bunteste, in Prachtgefäßen schön verteilte Blumenfülle den
vorzüglichsten Anteil hatte.

Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach
Tische besuchte. Ottilie zog sich unter dem Vorwande häuslicher
Beschäftigung zurück; eigentlich aber setzte sie sich nieder zur
Abschrift. Der Graf wurde von dem Hauptmann unterhalten; später
gesellte sich Charlotte zu ihm. Als sie oben auf die Höhe gelangt waren
und der Hauptmann gefällig hinuntereilte, um den Plan zu holen, sagte
der Graf zu Charlotten: „Dieser Mann gefällt mir außerordentlich. Er
ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet. Ebenso scheint seine
Tätigkeit sehr ernst und folgerecht. Was er hier leistet, würde in
einem höhern Kreise von viel Bedeutung sein“.

Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen. Sie faßte
sich jedoch und bekräftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit. Wie
überrascht war sie aber, als der Graf fortfuhr: „diese Bekanntschaft
kommt mir sehr zu gelegener Zeit. Ich weiß eine Stelle, an die der Mann
vollkommen paßt, und ich kann mir durch eine solche Empfehlung, indem
ich ihn glücklich mache, einen hohen Freund auf das allerbeste
verbinden“.

Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel. Der Graf
bemerkte nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu bändigen,
behalten in den außerordentlichsten Fällen immer noch eine Art von
scheinbarer Fassung. Doch hörte sie schon nicht mehr, was der Graf
sagte, indem er fortfuhr: „wenn ich von etwas überzeugt bin, geht es
bei mir geschwind her. Ich habe schon meinen Brief im Kopfe
zusammengestellt, und mich drängts, ihn zu schreiben. Sie verschaffen
mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann“.

Charlotte war innerlich zerrissen. Von diesen Vorschlägen sowie von
sich selbst überrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. Der Graf
fuhr glücklicherweise fort, von seinen Planen für den Hauptmann zu
sprechen, deren Günstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel.
Es war Zeit, daß der Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem
Grafen entfaltete. Aber mit wie andern Augen sah sie den Freund an, den
sie verlieren sollte! Mit einer notdürftigen Verbeugung wandte sie sich
weg und eilte hinunter nach der Mooshütte. Schon auf halbem Wege
stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und nun warf sie sich in den
engen Raum der kleinen Einsiedelei und überließ sich ganz einem
Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Möglichkeit
sie wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt
hatte.

Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen
hergegangen. Die kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein
mochte, bemerkte bald in einem tastenden Gespräch, daß Eduard sich zu
Ottiliens Lobe weitläufig herausließ, und wußte ihn auf eine so
natürliche Weise nach und nach in den Gang zu bringen, daß ihr zuletzt
kein Zweifel übrigblieb, hier sei eine Leidenschaft nicht auf dem Wege,
sondern wirklich angelangt.

Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben,
stehen doch stillschweigend miteinander, besonders gegen junge Mädchen,
im Bündnis. Die Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem
weltgewandten Geiste nur allzugeschwind dar. Dazu kam noch, daß sie
schon heute früh mit Charlotten über Ottilien gesprochen und den
Aufenthalt dieses Kindes auf dem Lande, besonders bei seiner stillen
Gemütsart, nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte, Ottilien in
die Stadt zu einer Freundin zu bringen, die sehr viel an die Erziehung
ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen
Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle
Vorteile mitgenießen solle. Charlotte hatte sichs zur Überlegung
genommen.

Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemüt diesen Vorschlag bei der
Baronesse ganz zur vorsätzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses
in ihr vorging, um desto mehr schmeichelte sie äußerlich Eduards
Wünschen. Denn niemand besaß sich mehr als diese Frau, und diese
Selbstbeherrschung in außerordentlichen Fällen gewöhnt uns, sogar einen
gemeinen Fall mit Verstellung zu behandeln, macht uns geneigt, indem
wir soviel Gewalt über uns selbst üben, unsre Herrschaft auch über die
andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir äußerlich gewinnen, für
dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermaßen schadlos zu
halten.

An diese Gesinnung schließt sich meist eine Art heimlicher
Schadenfreude über die Dunkelheit der andern, über das Bewußtlose,
womit sie in eine Falle gehen. Wir freuen uns nicht allein über das
gegenwärtige Gelingen, sondern zugleich auch auf die künftig
überraschende Beschämung. Und so war die Baronesse boshaft genug,
Eduarden zur Weinlese auf ihre Güter mit Charlotten einzuladen und die
Frage Eduards, ob sie Ottilien mitbringen dürften, auf eine Weise, die
er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten.

Eduard sprach schon mit Entzücken von der herrlichen Gegend, dem großen
Flusse, den Hügeln, Felsen und Weinbergen, von alten Schlössern, von
Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter,
wobei er in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut über
den Eindruck freute, den dergleichen Szenen auf das frische Gemüt
Ottiliens machen würden. In diesem Augenblick sah man Ottilien
herankommen, und die Baronesse sagte schnell zu Eduard, er möchte von
dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden; denn gewöhnlich
geschähe das nicht, worauf man sich so lange voraus freue. Eduard
versprach, nötigte sie aber, Ottilien entgegen geschwinder zu gehen,
und eilte ihr endlich, dem lieben Kinde zu, mehrere Schritte voran.
Eine herzliche Freude drückte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er küßte
ihr die Hand, in die er einen Strauß Feldblumen drückte, die er
unterwegs zusammengepflückt hatte. Die Baronesse fühlte sich bei diesem
Anblick in ihrem Innern fast erbittert. Denn wenn sie auch das, was an
dieser Neigung strafbar sein mochte, nicht billigen durfte, so konnte
sie das, was daran liebenswürdig und angenehm war, jenem unbedeutenden
Neuling von Mädchen keineswegs gönnen.

Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine völlig
andre Stimmung in der Gesellschaft verbreitet. Der Graf, der schon vor
Tische geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte, unterhielt sich
mit dem Hauptmann, den er auf eine verständige und bescheidene Weise
immer mehr ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite
gebracht hatte. Die zur Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von
daher wenig Unterhaltung, ebensowenig an Eduard, der, erst durstig,
dann aufgeregt, des Weines nicht schonte und sich sehr lebhaft mit
Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen hatte, wie von der andern
Seite neben dem Hauptmann Charlotte saß, der es schwer, ja beinahe
unmöglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen.

Die Baronesse hatte Zeit genug, Beobachtungen anzustellen. Sie bemerkte
Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhältnis zu Ottilien
im Sinn hatte, so überzeugte sie sich leicht, auch Charlotte sei
bedenklich und verdrießlich über ihres Gemahls Benehmen, und überlegte,
wie sie nunmehr am besten zu ihren Zwecken gelangen könne.

Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft. Der Graf,
der den Hauptmann recht ergründen wollte, brauchte bei einem so
ruhigen, keineswegs eitlen und überhaupt lakonischen Manne verschiedene
Wendungen, um zu erfahren, was er wünschte. Sie gingen miteinander an
der einen Seite des Saals auf und ab, indes Eduard, aufgeregt von Wein
und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster scherzte, Charlotte und die
Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite des Saals
nebeneinander hin und wider gingen. Ihr Schweigen und müßiges
Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die übrige
Gesellschaft. Die Frauen zogen sich zurück auf ihren Flügel, die Männer
auf den andern, und so schien dieser Tag abgeschlossen.



Elftes Kapitel

Eduard begleitete den Grafen auf sein Zimmer und ließ sich recht gern
durchs Gespräch verführen, noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben. Der
Graf verlor sich in vorige Zeiten, gedachte mit Lebhaftigkeit an die
Schönheit Charlottens, die er als ein Kenner mit vielem Feuer
entwickelte:“ ein schöner Fuß ist eine große Gabe der Natur. Diese
Anmut ist unverwünstlich. Ich habe sie heute im Gehen Beobachtet; noch
immer möchte man ihren Schuh küssen und die zwar etwas barbarische,
aber doch tief gefühlte Ehrenbezeugung der Aarmaten wiederholen, die
sich nichts Besseres kennen, als aus dem Schuh einer geliebten und
verehrten Person ihre Gesundheit zu trinken“.

Die Spitze des Fußes blieb nicht allein der Gegenstand des Lobes unter
zwei vertrauten Männern. Sie gingen von der Person auf alte Geschichten
und Abenteuer zurück und kamen auf die Hindernisse, die man ehemals den
Zusammenkünften dieser beiden Liebenden entgegengesetzt, welche Mühe
sie sich gegeben, welche Kunstgriffe sie erfunden, nur um sich sagen zu
können, daß sie sich liebten.

„Erinnerst du dich“, fuhr der Graf fort, „welch Abenteuer ich dir recht
freundschaftlich und uneigennützig bestehen helfen, als unsre höchsten
Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitläufigen Schlosse
zusammenkamen? Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern
hingegangen; ein Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem,
liebevollem Gespräch verstreichen“.

„Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt“,
sagte Eduard. „Wir gelangten glücklich zu meiner Geliebten“.

„Die“, versetzte der Graf, „mehr an den Anstand als an meine
Zufriedenheit gedacht und eine sehr häßliche Ehrenwächterin bei sich
behalten hatte; da mir denn, indessen ihr euch mit Blicken und Worten
sehr gut unterhieltet, ein höchst unerfreuliches Los zuteil ward“.

„Ich habe mich noch gestern“, versetzte Eduard, „als Sie sich anmelden
ließen, mit meiner Frau an die Geschichte erinnert, besonders an unsern
Rückzug. Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden.
Weil wir uns nun von da recht gut zu finden wußten, so glaubten wir
auch hier ganz ohne Bedenken hindurch und an dem Posten, wie an den
Übrigen, vorbei gehen zu können. Aber wie groß war beim Eröffnen der
Türe unsere Verwunderung! Der Weg war mit Matratzen verlegt, auf denen
die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und schliefen. Der
einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an; wir aber, im
jugendlichen Mut und Mutwillen, stiegen ganz gelassen über die
ausgestreckten Stiefel weg, ohne daß auch nur einer von diesen
schnarchenden Enakskindern erwacht wäre“.

„Ich hatte große Lust zu stolpern“, sagte der Graf, „damit es Lärm
gegeben hätte; denn welch eine seltsame Auferstehung würden wir gesehen
haben!“

In diesem Augenblick schlug die Schloßglocke zwölf.

„Es ist hoch Mitternacht“, sagte der Graf lächelnd, „und eben gerechte
Zeit. Ich muß Sie, lieber Baron, um eine Gefälligkeit bitten: führen
Sie mich heute, wie ich Sie damals führte; ich habe der Baronesse das
Versprechen gegeben, sie noch zu besuchen. Wir haben uns den ganzen Tag
nicht allein gesprochen, wir haben uns solange nicht gesehen, und
nichts ist natürlicher, als daß man sich nach einer vertraulichen
Stunde sehnt. Zeigen Sie mir den Hinweg, den Rückweg will ich schon
finden, und auf alle Fälle werde ich über keine Stiefel wegzustolpern
haben“.

„Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Gefälligkeit erzeigen“,
versetzte Eduard; „nur sind die drei Frauenzimmer drüben zusammen auf
dem Flügel. Wer weiß, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder
was wir sonst für Händel anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn
gewinnen“.

„Nur ohne Sorge!“ sagte der Graf; „die Baronesse erwartet mich. Sie ist
um diese Zeit gewiß auf ihrem Zimmer und allein“.

„Die Sache ist übringens leicht“, versetzte Eduard und nahm ein Licht,
dem Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem
langen Gang führte. Am Ende desselben öffnete Eduard eine kleine Türe.
Sie erstiegen eine Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete
Eduard dem Grafen, dem er das Licht in die Hand gab, nach einer
Tapetentüre rechts, die beim ersten Versuch sogleich sich öffnete, den
Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen Raum zurückließ.

Eine andre Türe links ging in Charlottens Schlafzimmer. Er hörte reden
und horchte. Charlotte sprach zu ihrem Kammermädchen: „ist Ottilie
schon zu Bette?“—„Nein“, versetzte jene, „sie sitzt noch unten und
schreibt“. „So zünde Sie das Nachtlicht an“, sagte Charlotte, „und gehe
Sie nur hin: es ist spät. Die Kerze will ich selbst auslöschen und für
mich zu Bette gehen“.

Eduard hörte mit Entzücken, daß Ottilie noch schreibe. ‘Sie beschäftigt
sich für mich!’ dachte er triumphierend. Durch die Finsternis ganz in
sich selbst geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu
treten, sie zu sehen, wie sie sich nach ihm umkehrte; er fühlte ein
unüberwindliches Verlangen, ihr noch einmal nahe zu sein. Von hier aber
war kein Weg in das Halbgeschoß, wo sie wohnte. Nun fand er sich
unmittelbar an seiner Frauen Türe, eine sonderbare Verwechselung ging
in seiner Seele vor; er suchte die Türe aufzudrehen, er fand sie
verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hörte nicht.

Sie ging in dem größeren Nebenzimmer lebhaft auf und ab. Sie
wiederholte sich aber und abermals, was sie seit jenem unerwarteten
Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte. Der
Hauptmann schien vor ihr zu stehen. Er füllte noch das Haus, er belebte
noch die Spaziergänge, und er sollte fort, das alles sollte leer
werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen kann, ja sie
antizipierte, wie man gewöhnlich pflegt, den leidigen Trost, daß auch
solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwünschte die
Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwünschte die totenhafte
Zeit, wo sie würden gelindert sein.

Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Tränen um so willkommner, als
sie bei ihr selten stattfand. Sie warf sich auf den Sofa und überließ
sich ganz ihrem Schmerz. Eduard seinerseits konnte von der Türe nicht
weg; er pochte nochmals, und zum drittenmal etwas stärker, sodaß
Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt
auffuhr. Der erste Gedanke war, es könne, es müsse der Hauptmann sein;
der zweite, das sei unmöglich. Sie hielt es für Täuschung, aber sie
hatte es gehört, sie wünschte, sie fürchtete es gehört zu haben. Sie
ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten Tapetentür. Sie
schalt sich über ihre Furcht. Wie leicht kann die Gräfin etwas
bedürfen! sagte sie zu sich selbst und rief gefaßt und gesetzt: „ist
jemand da?“ Eine leise Stimme antwortete: „ich bins“. „Wer?“ entgegnete
Charlotte, die den Ton nicht unterscheiden konnte. Ihr stand des
Hauptmanns Gestalt vor der Tür. Etwas lauter klang es ihr entgegen:“
Eduard!“ Sie öffnete, und ihr Gemahl stand vor ihr. Er begrüßte sie mit
einem Scherz. Es ward ihr möglich, in diesem Tone fortzufahren. Er
verwickelte den rätselhaften Besuch in rätselhafte Erklärungen. „Warum
ich denn aber eigentlich komme“, sagte er zuletzt, „muß ich dir nur
gestehen. Ich habe ein Gelübde getan, heute abend noch deinen Schuh zu
küssen“.

„Das ist dir lange nicht eingefallen“, sagte Charlotte. „Desto
schlimmer“, versetzte Eduard, „und desto besser!“

Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung
seinen Blicken zu entziehen. Er warf sich vor ihr nieder, und sie
konnte sich nicht erwehren, daß er nicht ihren Schuh küßte, und daß,
als dieser ihm in der Hand blieb, er den Fuß ergriff und ihn zärtlich
an seine Brust drückte.

Charlotte war eine von den Frauen, die, von Natur mäßig, im Ehestande
ohne Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen
fortführen. Niemals reizte sie den Mann, ja seinem Verlangen kam sie
kaum entgegen; aber ohne Kälte und abstoßende Strenge glich sie immer
einer liebevollen Braut, die selbst vor dem Erlaubten noch innige Scheu
trägt. Und so fand sie Eduard diesen Abend in doppeltem Sinne. Wie
sehnlich wünschte sie den Gatten weg; denn die Luftgestalt des Freundes
schien ihr Vorwürfe zu machen. Aber das, was Eduarden hätte entfernen
sollen, zog ihn nur mehr an. Eine gewisse Bewegung war an ihr sichtbar.
Sie hatte geweint, und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut
verlieren, so gewinnen diejenigen dadurch unendlich, die wir gewöhnlich
als stark und gefaßt kennen. Eduard war so liebenswürdig, so
freundlich, so dringend; er bat sie, bei ihr bleiben zu dürfen, er
forderte nicht, bald ernst bald scherzhaft suchte er sie zu bereden, er
dachte nicht daran, daß er Rechte habe, und löschte zuletzt mutwillig
die Kerze aus.

In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innre Neigung,
behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche: Eduard
hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann
näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug,
sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander.

Und doch läßt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben. Sie
brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gesprächen und Scherzen
zu, die um desto freier waren, als das Herz leider keinen Teil daran
nahm. Aber als Eduard des andern Morgens an dem Busen seiner Frau
erwachte, schien ihm der Tag ahnungsvoll hereinzublicken, die Sonne
schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten; er schlich sich leise von
ihrer Seite, und sie fand sich, seltsam genug, allein, als sie
erwachte.



Zwölftes Kapitel

Als die Gesellschaft zum Frühstück wieder zusammenkam, hätte ein
aufmerksamer Beobachter an dem Betragen der einzelnen die
Verschiedenheit der innern Gesinnungen und Empfindungen abnehmen
können. Der Graf und die Baronesse begegneten sich mit dem heitern
Behagen, das ein Paar Liebende empfinden, die sich nach erduldeter
Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert halten,
dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschämt und ruhig dem Hauptmann
und Ottilien entgegentraten. Denn so ist die Liebe beschaffen, daß sie
allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr
verschwinden. Ottilie war kindlich heiter, nach ihrer Weise konnte man
sie offen nennen. Ernst erschien der Hauptmann; ihm war bei der
Unterredung mit dem Grafen, indem dieser alles in ihm aufregte, was
einige Zeit geruht und geschlafen hatte, nur zu fühlbar geworden, daß
er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erfülle und im Grunde bloß in
einem halbtätigen Müßiggang hinschlendere. Kaum hatten sich die beiden
Gäste entfernt, als schon wieder neuer Besuch eintraf, Charlotten
willkommen, die aus sich selbst herauszugehen, sich zu zerstreuen
wünschte; Eduarden ungelegen, der eine doppelte Neigung fühlte, sich
mit Ottilien zu beschäftigen; Ottilien gleichfalls unerwünscht, die mit
ihrer auf morgen früh so nötigen Abschrift noch nicht fertig war. Und
so eilte sie auch, als die Fremden sich spät entfernten, sogleich auf
ihr Zimmer.

Es war Abend geworden. Eduard, Charlotte und der Hauptmann, welche die
Fremden, ehe sie sich in den Wagen setzten, eine Strecke zu Fuß
begleitet hatten, wurden einig, noch einen Spaziergang nach den Teichen
zu machen. Ein Kahn war angekommen, den Eduard mit ansehnlichen Kosten
aus der Ferne verschrieben hatte. Man wollte versuchen, ob er sich
leicht bewegen und lenken lasse.

Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten
Eichbäumen angebunden, auf die man schon bei künftigen Anlagen
gerechnet hatte. Hier sollte ein Landungsplatz angebracht, unter den
Bäumen ein architektonischer Ruhesitz aufgeführt werden, wonach
diejenigen, die über den See fahren, zu steuern hätten.

„Wo wird man denn nun drüben die Landung am besten anlegen?“ fragte
Eduard. „Ich sollte denken, bei meinen Platanen“.

„Sie stehen ein wenig zu weit rechts“, sagte der Hauptmann. „Landet man
weiter unten, so ist man dem Schlosse näher; doch muß man es
überlegen“.

Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder
ergriffen. Charlotte stieg ein, Eduard gleichfalls und faßte das andre
Ruder; aber als er eben im Abstoßen begriffen war, gedachte er
Ottiliens, gedachte, daß ihn diese Wasserfahrt verspäten, wer weiß erst
wann zurückführen würde. Er entschloß sich kurz und gut, sprang wieder
ans Land, reichte dem Hauptmann das andre Ruder und eilte, sich
flüchtig entschuldigend, nach Hause.

Dort vernahm er, Ottilie habe sich eingeschlossen, sie schreibe. Bei
dem angenehmen Gefühle, daß sie für ihn etwas tue, empfand er das
lebhafteste Mißbehagen, sie nicht gegenwärtig zu sehen. Seine Ungeduld
vermehrte sich mit jedem Augenblicke. Er ging in dem großen Saale auf
und ab, versuchte allerlei, und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit
zu fesseln. Sie wünschte er zu sehen, allein zu sehen, ehe noch
Charlotte mit dem Hauptmann zurückkäme. Es ward Nacht, die Kerzen
wurden angezündet.

Endlich trat sie herein, glänzend von Liebenswürdigkeit. Das Gefühl,
etwas für den Freund getan zu haben, hatte ihr ganzes Wesen über sich
selbst gehoben. Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf
den Tisch. „Wollen wir kollationieren?“ sagte sie lächelnd. Eduard
wußte nicht, was er erwidern sollte. Er sah sie an, er besah die
Abschrift. Die ersten Blätter waren mit der größten Sorgfalt, mit einer
zarten weiblichen Hand geschrieben, dann schienen sich die Züge zu
verändern, leichter und freier zu werden; aber wie erstaunt war er, als
er die letzten Seiten mit den Augen überlief! „Um Gottes willen!“ rief
er aus, „was ist das? Das ist meine Hand!“ Er sah Ottilien an und
wieder auf die Blätter, besonders der Schluß war ganz, als wenn er ihn
selbst geschrieben hätte. Ottilie schwieg, aber sie blickte ihm mit der
größten Zufriedenheit in die Augen. Eduard hob seine Arme empor: „du
liebst mich!“ rief er aus, „Ottilie, du liebst mich!“ und sie hielten
einander umfaßte. Wer das andere zuerst ergriffen, wäre nicht zu
unterscheiden gewesen.

Von diesem Augenblick an war die Welt für Eduarden umgewendet, er nicht
mehr, was er gewesen, die Welt nicht mehr, was sie gewesen. Sie standen
voreinander, er hielt ihre Hände, sie sahen einander in die Augen, im
Begriff, sich wieder zu umarmen.

Charlotte mit dem Hauptmann trat herein. Zu den Entschuldigungen eines
längeren Außenbleibens lächelte Eduard heimlich. ‘O wie viel zu früh
kommt ihr!’ sagte er zu sich selbst.

Sie setzten sich zum Abendessen. Die Personen des heutigen Besuchs
wurden beurteilt. Eduard, liebevoll aufgeregt, sprach gut von einem
jeden, immer schonend, oft billigend. Charlotte, die nicht durchaus
seiner Meinung war, bemerkte diese Stimmung und scherzte mit ihm, daß
er, der sonst über die scheidende Gesellschaft immer das strengste
Zungengericht ergehen lasse, heute so mild und nachsichtig sei.

Mit Feuer und herzlicher Überzeugung rief Eduard: „man muß nur Ein
Wesen recht von Grund aus lieben, da kommen einem die Übrigen alle
liebenswürdig vor!“ Ottilie schlug die Augen nieder, und Charlotte sah
vor sich hin.

Der Hauptmann nahm das Wort und sagte:“ mit den Gefühlen der
Hochachtung, der Verehrung ist es doch auch etwas Ähnliches. Man
erkennt nur erst das Schätzenswerte in der Welt, wenn man solche
Gesinnungen an Einem Gegenstande zu üben Gelegenheit findet“.

Charlotte suchte bald in ihr Schlafzimmer zu gelangen, um sich der
Erinnerung dessen zu überlassen, was diesen Abend zwischen ihr und dem
Hauptmann vorgegangen war.

Als Eduard ans Ufer springend den Kahn vom Lande stieß, Gattin und
Freund dem schwankenden Element selbst überantwortete, sah nunmehr
Charlotte den Mann, um den sie im stillen schon soviel gelitten hatte,
in der Dämmerung vor sich sitzen und durch die Führung zweier Ruder das
Fahrzeug in beliebiger Richtung fortbewegen. Sie empfand eine tiefe,
selten gefühlte Traurigkeit. Das Kreisen des Kahns, das Plätschern der
Ruder, der über den Wasserspiegel hinschauernde Wildhauch, das Säuseln
der Rohre, das letzte Schweben der Vögel, das Blinken und Widerblinken
der ersten Sterne: alles hatte etwas Geisterhaftes in dieser
allgemeinen Stille. Es schien ihr, der Freund führe sie weit weg, um
sie auszusetzen, sie allein zu lassen. Eine wunderbare Bewegung war in
ihrem Innern, und sie konnte nicht weinen.

Der Hauptmann beschrieb ihr unterdessen, wie nach seiner Absicht die
Anlagen werden sollten. Er rühmte die guten Eigenschaften des Kahns,
daß er sich leicht mit zwei Rudern von einer Person bewegen und
regieren lasse. Sie werde das selbst lernen, es sei eine angenehme
Empfindung, manchmal allein auf dem Wasser hinzuschwimmen und sein
eigner Fähr- und Steuermann zu sein.

Bei diesen Worten fiel der Freundin die bevorstehende Trennung aufs
Herz. ‘Sagt er das mit Vorsatz?’ dachte sie bei sich selbst. ‘Weiß er
schon davon? Vermutet ers? Oder sagt er es zufällig, so daß er mir
bewußtlos mein Schicksal vorausverkündigt?’ Es ergriff sie eine große
Wehmut, eine Ungeduld; sie bat ihn, baldmöglichst zu landen und mit ihr
nach dem Schlosse zurückzukehren.

Es war das erstemal, daß der Hauptmann die Teiche befuhr, und ob er
gleich im allgemeinen ihre Tiefe untersucht hatte, so waren ihm doch
die einzelnen Stellen unbekannt. Dunkel fing es an zu werden; er
richtete seinen Lauf dahin, wo er einen bequemen Ort zum Aussteigen
vermutete und den Fußpfad nicht entfernt wußte, der nach dem Schlosse
führte. Aber auch von dieser Bahn wurde er einigermaßen abgelenkt, als
Charlotte mit einer Art von Angstlichkeit den Wunsch wiederholte, bald
am Lande zu sein. Er näherte sich mit erneuten Anstrengungen dem Ufer,
aber leider fühlte er sich in einiger Entfernung davon angehalten; er
hatte sich festgefahren, und seine Bemühungen, wieder loszukommen,
waren vergebens. Was war zu tun? Ihm blieb nichts übrig, als in das
Wasser zu steigen, das seicht genug war, und die Freundin an das Land
zu tragen. Glücklich brachte er die liebe Bürde hinüber, stark genug,
um nicht zu schwanken oder ihr einige Sorgen zu geben; aber doch hatte
sie ängstlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen. Er hielt sie fest
und drückte sie an sich. Erst auf einem Rasenabhang ließ er sie nieder,
nicht ohne Bewegung und Verwirrung. Sie lag noch an seinem Halse; er
schloß sie aufs neue in seine Arme und drückte einen lebhaften Kuß auf
ihre Lippen; aber auch im Augenblick lag er zu ihrem Füßen, drückte
seinen Mund auf ihre Hand und rief: „Charlotte, werden Sie mir
vergeben?“

Der Kuß, den der Freund gewagt, den sie ihm beinahe zurückgegeben,
brachte Charlotten wieder zu sich selbst. Sie drückte seine Hand, aber
sie hob ihn nicht auf. Doch indem sie sich zu ihm hinunterneigte und
eine Hand auf seine Schultern legte, rief sie aus: „daß dieser
Augenblick in unserm Leben Epoche mache, können wir nicht verhindern;
aber daß sie unser wert sei, hängt von uns ab. Sie müssen scheiden,
lieber Freund, und Sie werden scheiden. Der Graf macht Anstalt, Ihr
Schicksal zu verbessern; es freut und schmerzt mich. Ich wollte es
verschweigen, bis es gewiß wäre; der Augenblick nötigt mich, dies
Geheimnis zu entdecken. Nur insofern kann ich Ihnen, kann ich mir
verzeihen, wenn wir den Mut haben, unsre Lage zu ändern, da es von uns
nicht abhängt, unsre Gesinnung zu ändern“. Sie hub ihn auf und ergriff
seinen Arm, um sich darauf zu stützen, und so kamen sie stillschweigend
nach dem Schlosse.

Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie sich als Gattin
Eduards empfinden und betrachten mußte. Ihr kam bei diesen
Widersprüchen ihr tüchtiger und durchs Leben mannigfaltig geübter
Charakter zu Hülfe. Immer gewohnt, sich ihrer selbst bewußt zu sein,
sich selbst zu gebieten, ward es ihr auch jetzt nicht schwer, durch
ernste Betrachtung sich dem erwünschten Gleichgewichte zu nähern; ja
sie mußte über sich selbst lächeln, indem sie des wunderlichen
Nachtbesuches gedachte. Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung,
ein freudig bängliches Erzittern, das in fromme Wünsche und Hoffnungen
sich auflöste. Gerührt kniete sie nieder, sie wiederholte den Schwur,
den sie Eduarden vor dem Altar getan. Freundschaft, Neigung, Entsagen
gingen vor ihr in heitern Bildern vorüber. Sie fühlte sich innerlich
wiederhergestellt. Bald ergreift sie eine süße Müdigkeit und ruhig
schläft sie ein.



Dreizehntes Kapitel

Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung. Zu
schlafen denkt er so wenig, daß es ihm nicht einmal einfällt, sich
auszuziehen. Die Abschrift des Dokuments küßte er tausendmal, den
Anfang von Ottiliens kindlich schüchterner Hand; das Ende wagt er kaum
zu küssen, weil er seine eigene Hand zu sehen glaubt. ‘O, daß es ein
andres Dokument wäre!’ sagt er sich im stillen; und doch ist es ihm
auch schon die schönste Versicherung, daß sein höchster Wunsch erfüllt
sei. Bleibt es ja doch in seinen Händen! Und wird er es nicht immerfort
an sein Herz drücken, obgleich entstellt durch die Unterschrift eines
Dritten?

Der abnehmende Mond steigt über den Wald hervor. Die warme Nacht lockt
ins Freie; er schweift umher, er ist der unruhigste und der
glücklichste aller Sterblichen. Er wandelt durch die Gärten; sie sind
ihm zu enge; er eilt auf das Feld, und es wird ihm zu weit. Nach dem
Schlosse zieht es ihn zurück; er findet sich unter Ottiliens Fenstern.
Dort setzt er sich auf eine Terrassentreppe. ‘Mauern und Riegel’, sagt
er zu sich selbst, ‘trennen uns jetzt, aber unsre Herzen sind nicht
getrennt. Stünde sie vor mir, in meine Arme würde sie fallen, ich in
die ihrigen, und was bedarf es weiter als diese Gewißheit!’ Alles war
still um ihn her, kein Lüftchen regte sich; so still wars, daß er das
wühlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen
Tag und Nacht gleich sind. Er hing ganz seinen glücklichen Träumen
nach, schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die
Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die frühsten Nebel
gewältigte.

Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die
Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm
ihrer zu wenig und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu
gering. Er fragte nach mehreren Arbeitern; man versprach sie und
stellte sie im Laufe des Tages. Aber auch diese sind ihm nicht genug,
um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu sehen. Das Schaffen macht ihm
keine Freude mehr; es soll schon alles fertig sein, und für wen? Die
Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen, die Sitze
schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen könne. Auch an dem
neuen Hause treibt er, was er kann; es soll an Ottiliens Geburtstage
gerichtet werden. In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist
kein Maß mehr. Das Bewußtsein, zu lieben und geliebt zu werden, treibt
ihn ins Unendliche. Wie verändert ist ihm die Ansicht von allen
Zimmern, von allen Umgebungen! Er findet sich in seinem eigenen Hause
nicht mehr. Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles; er ist ganz in
ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf, kein
Gewissen spricht ihm zu; alles, was in seiner Natur gebändigt war,
bricht los, sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien.

Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wünscht
den traurigen Folgen zuvorzukommen. Alle diese Anlagen, die jetzt mit
einem einseitigen Triebe, übermäßig gefördert werden, hatte er auf ein
ruhig freundliches Zusammenleben berechnet. Der Verkauf des Vorwerks
war durch ihn zustande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte
hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen. Aber sie muß gleich
in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst üben
und im Auge haben; denn nach der übereilten Weise wird das Ausgesetzte
nicht lange reichen.

Es war viel angefangen und viel zu tun. Wie soll er Charlotten in
dieser Lage lassen! Sie beraten sich und kommen überein, man wolle die
planmäßigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende Gelder
aufnehmen und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anweisen, die vom
Vorwerksverkauf zurückgeblieben waren. Es ließ sich fast ohne Verlust
durch Zession der Gerechtsame tun; man hatte freiere Hand; man
leistete, da alles im Gange, Arbeiter genug vorhanden waren, mehr auf
einmal und gelangte gewiß und bald zum Zweck. Eduard stimmte gern bei,
weil es mit seinen Absichten übereintraf.

Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht
und sich vorgesetzt, und männlich steht ihr der Freund mit gleichem
Sinn zur Seite. Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur
vermehrt. Sie erklären sich wechselseitig über Eduards Leidenschaft,
sie beraten sich darüber. Charlotte schließt Ottilien näher an sich,
beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr eigen Herz gewahr worden,
desto tiefer blickt sie in das Herz des Mädchens. Sie sieht keine
Rettung, als sie muß das Kind entfernen.

Nun scheint es ihr eine glückliche Fügung, daß Luciane ein so
ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten; denn die Großtante, davon
unterrichtet, will sie nun ein für allemal zu sich nehmen, sie um sich
haben, sie in die Welt einführen. Ottilie konnte in die Pension
zurückkehren, der Hauptmann entfernte sich wohlversorgt; und alles
stand wie vor wenigen Monaten, ja um so viel besser. Ihr eigenes
Verhältnis hoffte Charlotte zu Eduard bald wiederherzustellen, und sie
legte das alles so verständig bei sich zurecht, daß sie sich nur immer
mehr in dem Wahn bestärkte: in einen frühern, beschränktern Zustand
könne man zurückkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins
Enge bringen.

Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den
Weg legte. Er bemerkte gar bald, daß man ihn und Ottilien
auseinanderhielt, daß man ihm erschwerte, sie allein zu sprechen, ja
sich ihr zu nähern, außer in Gegenwart von mehreren; und indem er
hierüber verdrießlich war, ward er es über manches andere. Konnte er
Ottilien flüchtig sprechen, so war es nicht nur, sie seiner Liebe zu
versichern, sondern sich auch über seine Gattin, über den Hauptmann zu
beschweren. Er fühlte nicht, daß er selbst durch sein heftiges Treiben
die Kasse zu erschöpfen auf dem Wege war; er tadelte bitter Charlotten
und den Hauptmann, daß sie bei dem Geschäft gegen die erste Abrede
handelten, und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt, ja er
hatte sie selbst veranlaßt und notwendig gemacht.

Der Haß ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr. Auch Ottilie
entfremdete sich einigermaßen von Charlotten und dem Hauptmann. Als
Eduard sich einst gegen Ottilien über den letztern beklagte, daß er als
Freund und in einem solchen Verhältnisse nicht ganz aufrichtig handle,
versetzte Ottilie unbedachtsam: „es hat mir schon früher mißfallen, daß
er nicht ganz redlich gegen Sie ist. Ich hörte ihn einmal zu Charlotten
sagen: ‘wenn uns nur Eduard mit seiner Flötendudelei verschonte! Es
kann daraus nichts werden und ist für die Zuhörer so lästig.’ Sie
können denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so gern
akkompagniere“.

Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zuflüsterte, daß sie
hätte schweigen sollen; aber es war heraus. Eduards Gesichtszüge
verwandelten sich. Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in
seinen liebsten Forderungen angegriffen, er war sich eines kindlichen
Strebens ohne die mindeste Anmaßung bewußt. Was ihn unterhielt, was ihn
erfreute, sollte doch mit Schonung von Freunden behandelt werden. Er
dachte nicht, wie schrecklich es für einen Dritten sei, sich die Ohren
durch ein unzulängliches Talent verletzen zu lassen. Er war beleidigt,
wütend, um nicht wieder zu vergeben. Er fühlte sich von allen Pflichten
losgesprochen.

Die Notwendigkeit, mit Ottilien zu sein, sie zu sehen, ihr etwas
zuzuflüstern, ihr zu vertrauen, wuchs mit jedem Tage. Er entschloß
sich, ihr zu schreiben, sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten.
Das Streifchen Papier, worauf er dies lakonisch genug getan hatte, lag
auf dem Schreibtisch und ward vom Zugwind heruntergeführt, als der
Kammerdiener hereintrat, ihm die Haare zu kräuseln. Gewöhnlich, um die
Hitze des Eisens zu versuchen, bückte sich dieser nach Papierschnitzeln
auf der Erde; diesmal ergriff er das Billet, zwickte es eilig, und es
war versengt. Eduard, den Mißgriff bemerkend, riß es ihm aus der Hand.
Bald darauf setzte er sich hin, es noch einmal zu schreiben; es wollte
nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder. Er fühlte einiges Bedenken,
einige Besorgnis, die er jedoch überwand. Ottilien wurde das Blättchen
in die Hand gedrückt, den ersten Augenblick, wo er sich ihr nähern
konnte.

Ottilie versäumte nicht, ihm zu antworten. Ungelesen steckte er das
Zettelchen in die Weste, die, modisch kurz, es nicht gut verwahrte. Es
schob sich heraus und fiel, ohne von ihm bemerkt zu werden, auf den
Boden. Charlotte sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem
flüchtigen Überblick. „Hier ist etwas von deiner Hand“, sagte sie, „das
du vielleicht ungern verlörest“.

Er war betroffen. ‘Verstellt sie sich?’ dachte er. ‘Ist sie den Inhalt
des Blättchens gewahr worden, oder irrt sie sich an der Ähnlichkeit der
Hände?’ Er hoffte, er dachte das letztre. Er war gewarnt, doppelt
gewarnt; aber diese sonderbaren, zufälligen Zeichen, durch die ein
höheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft
unverständlich; vielmehr, indem sie ihn immer weiter führte, empfand er
die Beschränkung, in der man ihn zu halten schien, immer unangenehmer.
Die freundliche Geselligkeit verlor sich. Sein Herz war verschlossen,
und wenn er mit Eduard und Frau zusammenzusein genötigt war, so gelang
es ihm nicht, seine frühere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder
aufzufinden, zu beleben. Der stille Vorwurf, den er sich selbst
hierüber machen mußte, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine
Art von Humor zu helfen, der aber, weil er ohne Liebe war, auch der
gewohnten Anmut ermangelte.

Über alle diese Prüfungen half Charlotten ihr inneres Gefühl hinweg.
Sie war sich ihres ernsten Vorsatzes bewußt, auf eine so schöne, edle
Neigung Verzicht zu tun.

Wie sehr wünschte sie, jenen beiden auch zu Hülfe zu kommen!
Entfernung, fühlte sie wohl, wird nicht allein hinreichend sein, ein
solches Übel zu heilen. Sie nimmt sich vor, die Sache gegen das gute
Kind zur Sprache zu bringen; aber sie vermag es nicht; die Erinnerung
ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege. Sie sucht sich darüber im
allgemeinen auszudrücken; das Allgemeine paßt auch auf ihren eignen
Zustand, den sie auszusprechen scheut. Ein jeder Wink, den sie Ottilien
geben will, deutet zurück in ihr eignes Herz. Sie will warnen und
fühlt, daß sie wohl selbst noch einer Warnung bedürfen könnte.

Schweigend hält sie daher die Liebenden noch immer auseinander, und die
Sache wird dadurch nicht besser. Leise Andeutungen, die ihr manchmal
entschlüpfen, wirken auf Ottilien nicht; denn Eduard hatte diese von
Charlottens Neigung zum Hauptmann überzeugt, sie überzeugt, daß
Charlotte selbst eine Scheidung wünsche, die er nun auf eine anständige
Weise zu bewirken denke.

Ottilie, getragen durch das Gefühl ihrer Unschuld, auf dem Wege zu dem
erwünschtesten Glück, lebt nur für Eduard. Durch die Liebe zu ihm in
allem Guten gestärkt, um seinetwillen freudiger in ihrem Tun,
aufgeschlossener gegen andre, findet sie sich in einem Himmel auf
Erden.

So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tägliche Leben
fort, mit und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewöhnlichen Gang
zu gehen, wie man auch in ungeheuren Fällen, wo alles auf dem Spiele
steht, noch immer so fortlebt, als wenn von nichts die Rede wäre.



Vierzehntes Kapitel

Von dem Grafen war indessen ein Brief an den Hauptmann angekommen, und
zwar ein doppelter, einer zum Vorzeigen, der sehr schöne Aussichten in
die Ferne darwies; der andre hingegen, der ein entschiedenes Anerbieten
für die Gegenwart enthielt, eine bedeutende Hof- und Geschäftsstelle,
den Charakter als Major, ansehnlichen Gehalt und andre Vorteile, sollte
wegen verschiedener Nebenumstände noch geheimgehalten werden. Auch
unterrichtete der Hauptmann seine Freunde nur von jenen Hoffnungen und
verbarg, was so nahe bevorstand.

Indessen setzte er die gegenwärtigen Geschäfte lebhaft fort und machte
in der Stille Einrichtungen, wie alles in seiner Abwesenheit
ungehinderten Fortgang haben könnte. Es ist ihm nun selbst daran
gelegen, daß für manches ein Termin bestimmt werde, daß Ottiliens
Geburtstag manches beschleunige. Nun wirken die beiden Freunde, obschon
ohne ausdrückliches Einverständnis, gern zusammen. Eduard ist nun recht
zufrieden, daß man durch das Vorauserheben der Gelder die Kasse
verstärkt hat; die ganze Anstalt rückt auf das rascheste vorwärts.

Die drei Teiche in einen See zu verwandeln, hätte jetzt der Hauptmann
am liebsten ganz widerraten. Der untere Damm war zu verstärken, die
mittlern abzutragen und die ganze Sache in mehr als einem Sinne wichtig
und bedenklich. Beide Arbeiten aber, wie sie ineinanderwirken konnten,
waren schon angefangen, und hier kam ein junger Architekt, ein
ehemaliger Zögling des Hauptmanns, sehr erwünscht, der teils mit
Anstellung tüchtiger Meister, teils mit Verdingen der Arbeit, wo sichs
tun ließ, die Sache förderte und dem Werke Sicherheit und Dauer
versprach; wobei sich der Hauptmann im stillen freute, daß man seine
Entfernung nicht fühlen würde. Denn er hatte den Grundsatz, aus einem
übernommenen unvollendeten Geschäft nicht zu scheiden, bis er seine
Stelle genugsam ersetzt sähe. Ja er verachtete diejenigen, die, um
ihren Abgang fühlbar zu machen, erst noch Verwirrung in ihrem Kreise
anrichten, indem sie als ungebildete Selbstler das zu zerstören
wünschen, wobei sie nicht mehr fortwirken sollen.

So arbeitete man immer mit Anstrengung, um Ottiliens Geburtstag zu
verherrlichen, ohne daß man es aussprach oder sichs recht aufrichtig
bekannte. Nach Charlottens obgleich neidlosen Gesinnungen konnte es
doch kein entschiedenes Fest werden. Die Jugend Ottiliens, ihre
Glücksumstände, das Verhältnis zur Familie berechtigten sie nicht, als
Königin eines Tages zu erscheinen. Und Eduard wollte nicht davon
gesprochen haben, weil alles wie von selbst entspringen, überraschen
und natürlich erfreuen sollte.

Alle kamen daher stillschweigend in dem Vorwande überein, als wenn an
diesem Tage, ohne weitere Beziehung, jenes Lusthaus gerichtet werden
sollte, und bei diesem Anlaß konnte man dem Volke sowie den Freunden
ein Fest ankündigen.

Eduards Neigung war aber grenzenlos. Wie er sich Ottilien zuzueignen
begehrte, so kannte er auch kein Maß des Hingebens, Schenkens,
Versprechens. Zu einigen Gaben, die er Ottilien an diesem Tage verehren
wollte, hatte ihm Charlotte viel zu ärmliche Vorschläge getan. Er
sprach mit seinem Kammerdiener, der seine Garderobe besorgte und mit
Handelsleuten und Modehändlern in beständigem Verhältnis blieb; dieser,
nicht unbekannt sowohl mit den angenehmsten Gaben selbst als mit der
besten Art, sie zu überreichen, bestellte sogleich in der Stadt den
niedlichsten Koffer, mit rotem Saffian überzogen, mit Stahlnägeln
beschlagen und angefüllt mit Geschenken, einer solchen Schale würdig.

Noch einen andern Vorschlag tat er Eduarden. Es war ein kleines
Feuerwerk vorhanden, das man immer abzubrennen versäumt hatte. Dies
konnte man leicht verstärken und erweitern. Eduard ergriff den
Gedanken, und jener versprach, für die Ausführung zu sorgen. Die Sache
sollte ein Geheimnis bleiben.

Der Hauptmann hatte unterdessen, je näher der Tag heranrückte, seine
polizeilichen Einrichtungen getroffen, die er für so nötig hielt, wenn
eine Masse Menschen zusammenberufen oder -gelockt wird. Ja sogar hatte
er wegen des Bettelns und andrer Unbequemlichkeiten, wodurch die Anmut
eines Festes gestört wird, durchaus Vorsorge genommen.

Eduard und sein Vertrauter dagegen beschäftigten sich vorzüglich mit
dem Feuerwerk. Am mittelsten Teiche vor jenen großen Eichbäumen sollte
es abgebrannt werden; gegenüber unter den Platanen sollte die
Gesellschaft sich aufhalten, um die Wirkung aus gehöriger Ferne, die
Abspiegelung im Wasser, und was auf dem Wasser selbst brennend zu
schwimmen bestimmt war, mit Sicherheit und Bequemlichkeit anzuschauen.

Unter einem andern Vorwand ließ daher Eduard den Raum unter den
Platanen von Gesträuch, Gras und Moos säubern, und nun erschien erst
die Herrlichkeit des Baumwuchses sowohl an Höhe als Breite auf dem
gereinigten Boden. Eduard empfand darüber die größte Freude. ‘Es war
ungefähr um diese Jahrszeit, als ich sie pflanzte. Wie lange mag es her
sein?’ sagte er zu sich selbst. Sobald er nach Hause kam, schlug er in
alten Tagebüchern nach, die sein Vater, besonders auf dem Lande, sehr
ordentlich geführt hatte. Zwar diese Pflanzung konnte nicht darin
erwähnt sein, aber eine andre häuslich wichtige Begebenheit an
demselben Tage, deren sich Eduard noch wohl erinnerte, mußte notwendig
darin angemerkt stehen. Er durchblättert einige Bände, der Umstand
findet sich. Aber wie erstaunt, wie erfreut ist Eduard, als er das
wunderbarste Zusammentreffen bemerkt! Der Tag, das Jahr jener
Baumpflanzung ist zugleich der Tag, das Jahr von Ottiliens Geburt.



Fünfzehntes Kapitel

Endlich leuchtete Eduarden der sehnlich erwartete Morgen, und nach und
nach stellten viele Gäste sich ein; denn man hatte die Einladungen weit
umhergeschickt, und manche, die das Legen des Grundsteins versäumt
hatten, wovon man soviel Artiges erzählte, wollten diese zweite
Feierlichkeit um so weniger verfehlen.

Vor Tafel erschienen die Zimmerleute mit Musik im Schloßhofe, ihren
reichen Kranz tragend, der aus vielen stufenweise übereinander
schwankenden Laub- und Blumenreifen zusammengesetzt war. Sie sprachen
ihren Gruß und erbaten sich zur gewöhnlichen Ausschmückung seidene
Tücher und Bänder von dem schönen Geschlecht. Indes die Herrschaft
speiste, setzten sie ihren jauchzenden Zug weiter fort, und nachdem sie
sich eine Zeitlang im Dorfe aufgehalten und daselbst Frauen und Mädchen
gleichfalls um manches Band gebracht, so kamen sie endlich, begleitet
und erwartet von einer großen Menge, auf die Höhe, wo das gerichtete
Haus stand.

Charlotte hielt nach der Tafel die Gesellschaft einigermaßen zurück.
Sie wollte keinen feierlichen, förmlichen Zug, und man fand Sich daher
in einzelnen Partieen, ohne Rang und Ordnung, auf dem Platz gemächlich
ein. Charlotte zögerte mit Ottilien und machte dadurch die Sache nicht
besser; denn weil Ottilie wirklich die letzte war, die herantrat, so
schien es, als wenn Trompeten und Pauken nur auf sie gewartet hätten,
als wenn die Feierlichkeit bei ihrer Ankunft nun gleich beginnen müßte.

Dem Hause das rohe Ansehn zu nehmen, hatte man es mit grünem Reisig und
Blumen, nach Angabe des Hauptmanns, architektonisch ausgeschmückt;
allein ohne dessen Mitwissen hatte Eduard den Architekten veranlaßt, in
dem Gesims das Datum mit Blumen zu bezeichnen. Das mochte noch
hingehen; allein zeitig genug langte der Hauptmann an, um zu
verhindern, daß nicht auch der Name Ottiliens im Giebelfelde glänzte.
Er wußte dieses Beginnen auf eine geschickte Weise abzulehnen und die
schon fertigen Blumenbuchstaben beiseitezubringen.

Der Kranz war aufgesteckt und weit umher in der Gegend sichtbar. Bunt
flatterten die Bänder und Tücher in der Luft, und eine kurze Rede
verscholl zum größten Teil im Winde. Die Feierlichkeit war zu Ende, der
Tanz auf dem geebneten und mit Lauben umkreiseten Platze vor dem
Gebäude sollte nun angehen. Ein schmucker Zimmergeselle führte Eduarden
ein flinkes Bauermädchen zu und forderte Ottilien auf, welche
danebenstand. Die beiden Paare fanden sogleich ihre Nachfolger, und
bald genug wechselte Eduard, indem er Ottilien ergriff und mit ihr die
Runde machte. Die jüngere Gesellschaft mischte sich fröhlich in den
Tanz des Volks, indes die ältern beobachteten.

Sodann, ehe man sich auf den Spaziergängen zerstreute, ward abgeredet,
daß man sich mit Untergang der Sonne bei den Platanen wieder versammeln
wollte. Eduard fand sich zuerst ein, ordnete alles und nahm Abrede mit
dem Kammerdiener, der auf der andern Seite in Gesellschaft des
Feuerwerkers die Lusterscheinungen zu besorgen hatte.

Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit
Vergnügen; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer
mit Eduard sprechen, als ihn derselbe etwas hastig bat, er möge ihm
diesen Teil der Feierlichkeit doch allein überlassen.

Schon hatte sich das Volk auf die oberwärts abgestochenen und vom Rasen
entblößten Dämme gedrängt, wo das Erdreich uneben und unsicher war. Die
Sonne ging unter, die Dämmerung trat ein, und in Erwartung größerer
Dunkelheit wurde die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen
bedient. Man fand den Ort unvergleichlich und freute sich in Gedanken,
künftig von hier die Aussicht auf einen weiten und so mannigfaltig
begrenzten See zu genießen.

Ein ruhiger Abend, eine vollkommene Windstille versprachen das
nächtliche Fest zu begünstigen, als auf einmal ein entsetzliches
Geschrei entstand. Große Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt,
man sah mehrere Menschen ins Wasser stürzen. Das Erdreich hatte
nachgegeben unter dem Drängen und Treten der immer zunehmenden Menge.
Jeder wollte den besten Platz haben, und nun konnte niemand vorwärts
noch zurück.

Jedermann sprang auf und hinzu, mehr um zu schauen als zu tun; denn was
war da zu tun, wo niemand hinreichen konnte. Nebst einigen
Entschlossenen eilte der Hauptmann herbei, trieb sogleich die Menge von
dem Damm herunter nach den Ufern, um den Hülfreichen freie Hand zu
geben, welche die Versinkenden herauszuziehen suchten. Schon waren alle
teils durch eignes, teils durch fremdes Bestreben wieder auf dem
Trochnen, bis auf einen Knaben, der durch allzu ängstliches Bemühen,
statt sich dem Damm zu nähern, sich davon entfernt hatte. Die Kräfte
schienen ihn zu verlassen, nur einigemal kam noch eine Hand, ein Fuß in
die Höhe. Unglücklicherweise war der Kahn auf der andern Seite, mit
Feuerwerk gefüllt, nur langsam konnte man ihn ausladen, und die Hülfe
verzögerte sich. Des Hauptmanns Entschluß war gefaßt, er warf die
Oberkleider weg, aller Augen richteten sich auf ihn, und seine
tüchtige, kräftige Gestalt flößte jedermann Zutrauen ein; aber ein
Schrei der Überraschung drang aus der Menge hervor, als er sich ins
Wasser stürzte, jedes Auge begleitete ihn, der als geschickter
Schwimmer den Knaben bald erreichte und ihn, jedoch für tot, an den
Damm brachte.

Indessen ruderte der Kahn herbei, der Hauptmann bestieg ihn und
forschte genau von den Anwesenden, ob denn auch wirklich alle gerettet
seien. Der Chirurgus kommt und übernimmt den totgeglaubten Knaben;
Charlotte tritt hinzu, sie bittet den Hauptmann, nur für sich zu
sorgen, nach dem Schlosse zurückzukehren und die Kleider zu wechseln.
Er zaudert, bis ihm gesetzte, verständige Leute, die ganz nahe
gegenwärtig gewesen, die selbst zur Rettung der einzelnen beigetragen,
auf das heiligste versichern, daß alle gerettet seien.

Charlotte sieht ihn nach Hause gehen, sie denkt, daß Wein und Tee und
was sonst nötig wäre, verschlossen ist, daß in solchen Fällen die
Menschen gewöhnlich verkehrt handeln; sie eilt durch die zerstreute
Gesellschaft, die sich noch unter den Platanen befindet. Eduard ist
beschäftigt, jedermann zuzureden: man soll bleiben; in kurzem gedenkt
er das Zeichen zu geben, und das Feuerwerk soll beginnen. Charlotte
tritt hinzu und bittet ihn, ein Vergnügen zu verschieben, das jetzt
nicht am Platze sei, das in dem gegenwärtigen Augenblick nicht genossen
werden könne; sie erinnert ihn, was man dem Geretteten und dem Retter
schuldig sei. „Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun“, versetzte
Eduard. „Er ist mit allem versehen, und unser Zudringen wäre nur eine
hinderliche Teilnahme“.

Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien, die sich
sogleich zum Weggehen anschickte. Eduard ergriff ihre Hand und rief:
„wir wollen diesen Tag nicht im Lazarett endigen! Zur barmherzigen
Schwester ist sie zu gut. Auch ohne uns werden die Scheintoten erwachen
und die Lebendigen sich abtrocknen“.

Charlotte schwieg und ging. Einige folgten ihr, andere diesen; endlich
wollte niemand der Letzte sein, und so folgten alle. Eduard und Ottilie
fanden sich allein unter den Platanen. Er bestand darauf, zu bleiben,
s

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