Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1.
by Alexander von Humboldt · German · Gutenberg #22492 · 714,431 chars · public domain (US)
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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1.
Author: Alexander von Humboldt
Translator: Hermann Hauff
Release date: September 3, 2007 [eBook #22492]
Most recently updated: June 20, 2020
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1. ***
Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents.
Band 1.
by Alexander von Humboldt
Edition 01 , (September 3, 2007)
In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
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1865
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Erster Band
CONTENTS
Vorwort
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
VORWORT
Einem wissenschaftlichen Reisenden kann es wohl nicht verargt werden, wenn
er eine vollständige Uebersetzung seiner Arbeiten jeder auch noch so
geschmackvollen Abkürzung derselben vorzieht. Bouquer´s und La Condamine´s
mehr als hundertjährige Quartbände werden noch heute mit großer Theilnahme
gelesen; und da jeder Reisende gewissermaßen den Zustand der
Wissenschaften seiner Zeit, oder vielmehr die Gesichtpunkte darstellt,
welche von dem Zustande des Wissens seiner Zeit abhangen, so ist das
wissenschaftliche Interesse um so lebendiger, als die Epoche der
Darstellung der Jetztzeit näher liegt. Damit aber die lebendige
Darstellung des Geschehenen weniger unterbrochen werde, habe ich das
Material, durch welches allgemeine kosmische Resultate begründet werden,
in besonderen Zugaben über stündliche Barometer-Veränderungen, Neigung der
Magnetnadel und Intensität der magnetischen Erdkraft zusammengedrängt. Die
Absonderung solcher und anderer Zugaben hat allerdings, und ohne großen
Nachtheil, zu Abkürzungen in der Uebersetzung des Originaltextes der Reise
Anlaß geben können. Diese Betrachtung war auch geeignet mich bald mit dem
Unternehmen zu versöhnen, einem größeren Kreise gebildeter Leser, die
bisher mehr mit der Natur als mit scientifischen Wissen befreundet waren,
einen etwas *abgekürzten Text der Reise in die Tropen-Gegenden des Neuen
Continents* darzubieten. Die Buchhandlung, welche aus edler, ich setze
gern hinzu angeerbter Freundschaft meinen Arbeiten eine so lange und
sorgfältige Pflege geschenkt hat, hat mich aufgefordert diese neue
Ausgabe, welche einem vielseitig unterrichteten Gelehrten, Herrn
Bibliothekar Professor _Dr._ *Hauff* anvertraut ist, nicht bloß, so viel
mein Uralter und meine gesunkenen Kräfte es erlauben, zu revidiren,
sondern auch mit Zusätzen und Berichtigungen zu bereichern. Die
Naturwissenschaft ist, wie die Natur selbst, in ewigem *Werden* und
Wechsel begriffen. Seit der Herausgabe des ersten Bandes der Reise sind
jetzt 45 Jahre verflossen. Die Berichtigungen müßten also zahlreich seyn:
in geognostischer Hinsicht wegen Bezeichnung der Gebirgs-Formationen und
der metamorphosirten Gebirge, des wohlthätigen Einflusses der Chemie auf
die Geognosie, wie in allem, was anbetrifft die Vertheilung der Wärme auf
dem Erdkörper und die Ursach der verschiedenen Krümmung monatlicher
Isothermen (nach Dove´s meisterhaften Arbeiten). Die durch die neue
Ausgabe veranlaßte Erweiterung des Kreises wissenschaftlicher Anregung
kann ich nur freudig begrüßen; denn in dem Entwickelungsgange physischer
Forschungen wie in dem der politischen Institutionen ist Stillstand durch
unvermeidliches Verhängnis an den Anfang eines verderblichen
*Rückschrittes* geknüpft.
Es würde mir dazu eine innige Freude seyn noch zu erleben, wie die
Unternehmer es hoffen, daß meine in den Jahren freudig aufstrebender
Jugend ausgeführte Reise, deren einer Genosse, mein theurer Freund, *Aimé
Bonpland*, bereits, im hohen Alter, dahingegangen ist, in unserer eigenen
schönen Sprache von demselben deutschen Volke mit einigem Vergnügen
gelesen werde, welches mehr denn zwei Menschenalter hindurch mich in
meinen wissenschaftlichen Bestrebungen und meiner Laufbahn durch ein
eifriges Wohlwollen beglückt und selbst meinen spätesten Arbeiten durch
seine partheiische Theilnahme eine Rechtfertigung gewährt hat.
*Berlin*, 26. März 1859.
*Alexander v. Humboldt.*
ERSTES KAPITEL
Vorbereitungen — Abreise von Spanien — Aufenthalt auf den
Kanarischen Inseln
Wenn eine Regierung eine jener Fahrten auf dem Weltmeer anordnet, durch
welche die Kenntniß des Erdballes erweitert und die physischen
Wissenschaften gefördert werden, so stellt sich ihrem Vorhaben keinerlei
Hinderniß entgegen. Der Zeitpunkt der Abfahrt und der Plan der Reise
können eingehalten werden, sobald die Schiffe ausgerüstet und die
Astronomen und Naturforscher, welche unbekannte Meere befahren sollen,
gewählt sind. Die Inseln und Küsten, deren Produkte die Seefahrer kennen
lernen sollen, liegen außerhalb des Bereiches der staatlichen Bewegungen
Europas. Wenn längere Kriege die Freiheit zur See beschränken, so stellen
die kriegführenden Mächte gegenseitig Pässe aus; der Haß zwischen Volk und
Volk tritt zurück, wenn es sich von der Förderung des Wissens handelt, das
die gemeine Sache der Völker ist.
Anders, wenn nur ein Privatmann auf seine Kosten eine Reise in das Innere
eines Festlandes unternimmt, das Europa in sein System von Kolonien
gezogen hat. Wohl mag sich der Reisende einen Plan entwerfen, wie er ihm
für seine wissenschaftlichen Zwecke und bei den staatlichen Verhältnissen
der zu bereisenden Länder die angemessenste scheint; er mag sich die
Mittel verschaffen, die ihm fern vom Heimathland auf Jahre die
Unabhängigkeit sicher, aber gar oft widersetzen sich unvorhergesehene
Hindernisse seinem Vorhaben, wenn er eben meint, es ausführen zu können.
Nicht leicht hat aber ein Reisender mit so vielen Schwierigkeiten zu
kämpfen gehabt als ich vor meiner Abreise nach dem spanischen Amerika.
Gern wäre ich darüber weggegangen und hätte meine Reisebeschreibungen mit
der Besteigung des Pic von Tenerifa begonnen, wenn nicht das Fehlschlagen
meiner ersten Pläne auf die Richtung meiner Reise nach der Rückkehr vom
Orinoko bedeutenden Einfluß geäußert hätte. Ich gebe daher eine flüchtige
Schilderung dieser Vorgänge, die für die Wissenschaft von keinem Belang
sind, von denen ich aber wünschen muß, daß sie richtig beurteilt werden.
Da nun einmal die Neugier des Publikums sich häufig mehr an die Person des
Reisenden als an seine Werke heftet, so sind auch die Umstände, unter
denen ich meine ersten Reisepläne entworfen, ganz schief aufgefaßt
worden.(1)
Von früher Jugend auf lebte in mir der sehnliche Wunsch, ferne, von
Europäern wenig besuchte Länder bereisen zu dürfen. Dieser Drang ist
bezeichnend für einen Zeitpunkt im Leben, wo dieses vor uns liegt wie ein
schrankenloser Horizont, wo uns nichts so sehr anzieht als starke
Gemüthsbewegung und Bilder physischer Fährlichkeiten. In einem Lande
aufgewachsen, das in keinem unmittelbaren Verkehr mit den Kolonien in
beiden Indien steht, später in einem fern von der Meeresküste gelegenen,
durch starken Bergbau berühmten Gebirge lebend, fühlte ich den Trieb zur
See und zu weiten Fahrten immer mächtiger in mir werden. Dinge, die wir
nur aus den lebendigen Schilderungen der Reisenden kennen, haben ganz
besonderen Reiz für uns; Alles in Entlegenheit undeutlich Umrissene
besticht unsere Einbildungskraft; Genüsse, die uns nicht erreichbar sind,
scheinen uns weit lockender, als was uns im engen Kreise des bürgerlichen
Lebens bietet. Die Lust am Botanisiren, das Studium der Geologie, ein
Ausflug nach Holland, England und Frankreich in Gesellschaft eines
berühmten Mannes, Georg Forsters, dem das Glück geworden war, Capitän Cook
auf seiner zweiten Reise um die Welt zu begleiten, trugen dazu bei, den
Reiseplänen, die ich schon mit achtzehn Jahren gehegt, Gestalt und Ziel zu
geben. Wenn es mich noch immer in die schönen Länder des heißen Erdgürtels
zog, so war es jetzt nicht mehr der Drang nach einem aufregenden
Wanderleben, es war der Trieb, eine wilde, großartige, an mannichfaltigen
Naturprodukten reiche Natur zu sehen, die Aussicht, Erfahrungen zu
sammeln, welche die Wissenschaften förderten. Meine Verhältnisse
gestatteten mir damals nicht, Gedanken zu verwirklichen, die mich so
lebhaft beschäftigten, und ich hatte sechs Jahre Zeit, mich zu den
Beobachtungen, die ich in der Neuen Welt anzustellen gedachte,
vorzubereiten, mehrere Länder Europas zu bereisen und die Kette der
Hochalpen zu untersuchen, deren Bau ich in der Folge mit den Anden von
Quito und Peru vergleichen konnte. Da ich zu verschiedenen Zeiten mit
Instrumenten von verschiedener Construction arbeitete, wählte ich am Ende
diejenigen, die mir als die genauesten und dabei auf dem Transport
dauerhaftesten erschienen; ich fand Gelegenheit, Messungen, die nach den
strengsten Methoden vor genommen wurden, zu wiederholen, und lernte so
selbstständig die Grenzen der Irrthümer kennen, auf die ich gefaßt seyn
mußte.
Im Jahre 1795 hatte ich einen Teil von Italien bereist, aber die
vulkanischen Striche in Neapel und Sizilien nicht besuchen können. Ungern
hätte ich Europa verlassen, ohne Vesuv, Stromboli und Aetna gesehen zu
haben; ich sah ein, um zahlreiche geologische Erscheinungen, namentlich in
der Trappformation, richtig aufzufassen, mußte ich mich mit den
Erscheinungen, wie noch tätige Vulkane sie bieten, näher bekannt gemacht
haben. Ich entschloß mich daher im November 1797, wieder nach Italien zu
gehen. Ich hielt mich lange in Wien auf, wo die ausgezeichneten Sammlungen
und die Freundlichkeit Jacquins und Josephs van der Schott mich in meinen
vorbereitenden Studien ausnehmend förderten; ich durchzog mit Leopold von
Buch, von dem seitdem ein treffliches Werk über Lappland erschienen ist,
mehrere Teile des Salzburger Landes und Steiermark, Länder, die für den
Geologen und Landschaftsmaler gleich viel Anziehendes haben; als ich aber
über die Tiroler Alpen gehen wollte, sah ich mich durch den in ganz
Italien ausgebrochenen Krieg genötigt, den Plan der Reise nach Neapel
aufzugeben.
Kurz zuvor hatte ein leidenschaftlicher Kunstfreund, der bereits die
Küsten Illyriens und Griechenlands als Alter thumsforscher besucht hatte,
mir den Vorschlag gemacht, ihn auf einer Reise nach Oberegypten zu
begleiten. Der Ausflug sollte nur acht Monate dauern; geschickte Zeichner
und astronomische Werkzeuge sollten uns begleiten, und so wollten wir den
Nil bis Assuan hinaufgehen und den zwischen Tentyris und den Cataracten
gelegenen Teil des Saïd genau untersuchen. Ich hatte bis jetzt bei meinen
Planen nie ein außertropisches Land im Auge gehabt, dennoch konnte ich der
Versuchung nicht widerstehen, Länder zu besuchen, die in der Geschichte
der Kultur eine so bedeutende Rolle spielen. Ich nahm den Vorschlag an,
aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich bei der Rückkehr nach
Alexandrien allein durch Syrien und Palästina weiter reisen dürfte. Sofort
richtete ich meine Studien nach dem neuen Plane ein, was mir später zu
gute kam, als es sich davon handelte, die rohen Denkmale der Mexicaner mit
denen der Völker der Alten Welt zu vergleichen. Ich hatte die nahe
Aussicht, mich nach Egypten einzuschiffen, da nöthigten mich die
eingetretenen politischen Verhältnisse, eine Reise aufzugeben, die mir so
großen Genuß versprach. Im Orient standen die Dinge so, daß ein einzelner
Reisender gar keine Aussicht hatte, dort Studien machen zu können, welche
selbst in den ruhigsten Zeiten von den Regierungen mit mißtrauischen Augen
angesehen werden.
Zur selben Zeit war in Frankreich eine Entdeckungsreise in die Südsee
unter dem Befehl des Kapitäns Baudin im Werk. Der ursprüngliche Plan war
großartig, kühn und hätte verdient, unter umsichtiger Leitung ausgeführt
zu werden. Man wollte die spanischen Besitzungen in Südamerika von der
Mündung des Rio de la Plata bis zum Königreich Quito und der Landenge von
Panama besuchen. Die zwei Corvetten sollten sofort über die Inselwelt des
Stillen Meeres nach Neuholland gelangen, die Küsten desselben von
Vandiemensland bis Nuytsland untersuchen, bei Madagaskar anlegen und über
das Kap der guten Hoffnung zurückkehren. Ich war nach Paris gekommen, als
man sich eben zu dieser Reise zu rüsten begann. Der Charakter des Kapitäns
Baudin war eben nicht geeignet, mir Vertrauen einzuflößen; der Mann hatte
meinen Freund, den jungen Botaniker van der Schott, nach Brasilien
gebracht, und der Wiener Hof war dabei schlecht mit ihm zufrieden gewesen;
da ich aber mit eigenen Mitteln nie eine so weite Reise unternehmen und
ein so schönes Stück der Welt hätte kennen lernen können, so entschloß ich
mich, auf gutes Glück die Expedition mitzumachen. Ich erhielt Erlaubniß,
mich mit meinen Instrumenten auf einer der Corvetten, die nach der Südsee
gehen sollten, einzuschiffen, und machte nur zur Bedingung, daß ich mich
von Kapitän Baudin trennen dürfte, wo und wann es mir beliebte. Michaux,
der bereits Persien und einen Teil von Nordamerika besucht hatte, und
Bonpland, dem ich mich anschloß, und der mir seitdem aufs innigste
befreundet geblieben, sollten die Reise als Naturforscher mitmachen.
Ich hatte mich einige Monate lang darauf gefreut, an einer so großen und
ehrenvollen Unternehmung Theil nehmen zu dürfen, da brach der Krieg in
Deutschland und Italien von neuen aus, so daß die französische Regierung
die Geldmittel, die sie zu der Entdeckungsreise angewiesen, zurückzog und
dieselbe auf unbestimmte Zeit verschob. Mit Kummer sah ich alle meine
Aussichten vernichtet, ein einziger Tag hatte dem Plane, den ich für
mehrere Lebensjahre entworfen, ein Ende gemacht; da beschloß ich nur so
bald als möglich, wie es auch sey, von Europa wegzukommen, irgend etwas zu
unternehmen, das meinen Unmuth zerstreuen könnte.
Ich wurde mit einen schwedischen Konsul, Skiöldebrand, bekannt, der dem
Dey von Algier Geschenke von seiten seines Hofes zu überbringen hatte und
durch Paris kam, um sich in Marseille einzuschiffen. Dieser achtenswerthe
Mann war lange auf der afrikanischen Küste angestellt gewesen, und da er
bei der algerischen Regierung gut angeschrieben war, konnte er für mich
auswirken, daß ich den Theil der Atlaskette bereisen durfte, auf den sich
die bedeutenden Untersuchungen Desfontaines nicht erstreckt hatten. Er
schickte jedes Jahr ein Fahrzeug nach Tunis, auf dem die Pilger nach Mekka
gingen, und er versprach mir, mich auf diesem Wege nach Egypten zu
befördern. Ich besann mich keinen Augenblick, eine so gute Gelegenheit zu
benutzen, und ich meinte nunmehr den Plan, den ich vor meiner Reise nach
Frankreich entworfen, sofort ausführen zu können. Bis jetzt hatte kein
Mineralog die hohe Bergkette untersucht, die in Marokko bis zur Grenze des
ewigen Schnees aufsteigt. Ich konnte darauf rechnen, daß ich, nachdem ich
in den Alpenstrichen der Berberei einiges für die Wissenschaft gethan, in
Egypten bei den bedeutenden Gelehrten, die seit einigen Monaten zum
Institut von Cairo zusammengetreten waren, dasselbe Entgegenkommen fand,
das mir in Paris in so reichem Maße zu Theil geworden. Ich ergänzte rasch
meine Sammlung von Instrumenten und verschaffte mir die Werke über die zu
bereisenden Länder. Ich nahm Abschied von meinem Bruder, der durch Rath
und Beispiel meine Geistesrichtung hatte bestimmen helfen. Er billigte die
Beweggründe meines Entschlusses, Europa zu verlassen; eine geheime Stimme
sagte uns, daß wir uns wieder sehen würden. Diese Hoffnung hat uns nicht
betrogen, und sie linderte den Schmerz einer langen Trennung. Ich verließ
Paris mit den Entschluß, mich nach Algier und Egypten einzuschiffen, und
wie nun einmal der Zufall in allen Menschenleben regiert, ich sah bei der
Rückkehr vom Amazonenstrom und aus Peru meinen Bruder wieder, ohne das
Festland von Afrika betreten zu haben.
Die schwedische Fregatte, welche Skiöldebrand nach Algier überführen
sollte, wurde zu Marseille in den letzten Tagen Oktobers erwartet.
Bonpland und ich begaben uns um diese Zeit dahin, und eilten um so mehr,
da wir während der Reise immer besorgten, zu spät zu kommen und das Schiff
zu versäumen. Wir ahnten nicht, welche neuen Widerwärtigkeiten uns
zunächst bevorstanden.
Skiöldebrand war so ungeduldig als wir, seinen Bestimmungsort zu
erreichen. Wir bestiegen mehrmals am Tage den Berg Notre Dame de la Garde,
von dem man weit ins Mittelmeer hinausblickt. Jedes Segel, das am Horizont
sichtbar wurde, setzte uns in Aufregung; aber nachdem wir zwei Monate in
großer Unruhe vergeblich geharrt, ersahen wir aus den Zeitungen, daß die
schwedische Fregatte, die uns überführen sollte, in einem Sturm an den
Küsten von Portugal stark gelitten und in den Hafen von Cadiz habe
einlaufen müssen, um ausgebessert zu werden. Privatbriefe bestätigten die
Nachricht, und es war gewiß, daß der Jaramas — so hieß die Fregatte — vor
dem Frühjahr nicht nach Marseille kommen konnte.
Wir konnten es nicht über uns gewinnen, bis dahin in der Provence zu
bleiben. Das Land, zumal das Klima, fanden wir herrlich; aber der Anblick
des Meeres mahnte uns fortwährend an unsere zertrümmerten Hoffnungen. Auf
einem Ausflug nach Hyères und Toulon fanden wir in letzterem Hafen die
Fregatte Boudeuse, die Bougainville auf seiner Reise um die Welt befehligt
hatte. Ich hatte mich zu Paris, als ich mich rüstete, die Expedititon des
Kapitäns Baudin mitzumachen, des besonderen Wohlwollens des berühmten
Seefahrers zu erfreuen gehabt. Nur schwer vermochte ich zu schildern, was
ich beim Anblick des Schiffes empfand, das Commerson auf die Inseln der
Südsee gebracht. Es gibt Stimmungen, in denen sich ein Schmerzgefühl in
alle unsere Empfindungen mischt.
Wir hielten immer noch am Gedanken fest, uns an die afrikanische Küste zu
begeben, und dieser zähe Entschluß wäre uns beinahe verderblich geworden.
Im Hafen von Marseille lag zur Zeit ein kleines ragusanisches Fahrzeug,
bereit nach Tunis unter Segel zu gehen. Dies schien uns eine günstige
Gelegenheit; wir kamen ja auf diese Weise in die Nähe von Egypten und
Syrien. Wir wurden mit dem Kapitän wegen der Ueberfahrtspreises einig; am
folgenden Tage sollten wir unter Segel gehen, aber die Abreise verzögerte
sich glücklicherweise durch einen an sich ganz unbedeutenden Umstand. Das
Vieh, das uns als Proviant auf der Ueberfahrt dienen sollte, war in der
großen Kajüte untergebracht. Wir verlangten, daß zur Bequemlichkeit der
Reisenden und zur sicheren Unterbringung unserer Instrumente das
Notwendigste vorgekehrt werde. Allermittelst erfuhr man in Marseille, daß
die tunesische Regierung die in der Berberei niedergelassenen Franzosen
verfolge, und daß alle aus französischen Häfen ankommenden Personen ins
Gefängnis geworfen würden. Durch diese Kunde entgingen wir einer großen
Gefahr; wir mußten die Ausführung unserer Pläne verschieben und
entschlossen uns, den Winter in Spanien zuzubringen, in der Hoffnung, uns
im nächsten Frühjahr, wenn anders die politischen Zustände im Orient es
gestatteten, in Cartagena oder in Cadiz einschiffen zu können.
Wir reisten durch Katalonien und das Königreich Valencia nach Madrid. Wir
besuchten auf dem Wege die Trümmer Tarragonas und des alten Sagunt,
machten von Barcelona aus einen Ausflug auf den Montserrat, dessen hoch
aufragende Gipfel von Einsiedlern bewohnt sind, und der durch die
Contraste eines kräftigen Pflanzenwuchses und nackter, öder Felsmassen ein
eigenthümliches Landschaftsbild bietet. Ich fand Gelegenheit, durch
astronomische Rechnung die Lage mehrerer für die Geographie Spaniens
wichtiger Punkte zu bestimmen; ich maß mittels des Barometers die Höhe des
Centralplateaus und stellte einige Beobachtungen über die Inclination der
Magnetnadel und die Intensität der magnetischen Kraft an. Die Ergebnisse
dieser Beobachtungen sind die sich erschienen, und ich verbreite mich hier
nicht weiter über die Naturbeschaffenheit eines Landes, in dem ich mich
nur ein halbes Jahr aufhielt, und das in neuerer Zeit von so vielen
unterrichteten Männern bereist worden ist.
Zu Madrid angelangt, fand ich bald Ursache, mir Glück dazu zu wünschen,
daß wir uns entschlossen, die Halbinsel zu besuchen. Der Baron Forell,
sächsischer Gesandter am spanischen Hofe, kam mir auf eine Weise entgegen,
die meinen Zwecken sehr förderlich wurde. Er verband mit ausgebreiteten
mineralogischen Kenntnissen das regste Interesse für Unternehmungen zur
Förderung der Wissenschaft. Er bedeutete mir, daß ich unter der Verwaltung
eines aufgeklärten Ministers, des Ritters Don Mariano Luis de Urquijo,
Aussicht habe, auf meine Kosten im Inneren des spanischen Amerika reisen
zu dürfen. Nach all den Widerwärtigkeiten, die ich erfahren, besann ich
mich keinen Augenblick, diesen Gedanken zu ergreifen.
Im März 1799 wurde ich dem Hofe von Aranjuez vorgestellt. Der König nahm
mich äußerst wohlwollend auf. Ich entwickelte die Gründe, die mich
bewogen, eine Reise in den neuen Kontinent und auf die Philippinen zu
unternehmen, und reichte dem Staatssecretär eine darauf bezügliche
Denkschrift ein. Der Ritter d’Urquijo unterstützte mein Gesuch und räumte
alle Schwierigkeiten aus dem Wege. Der Minister handelte hierbei desto
großmüthiger, da ich in gar keiner persönlichen Beziehung zu ihn stand.
Der Eifer, mit dem er fortwährend meine Absichten unterstützte, hatte
keinen anderen Beweggrund als seine Liebe zu den Wissenschaften. Es wird
mir zu angenehmen Pflicht, in diesem Werke der Dienste, die er mir
erwiesen, dankbar zu gedenken.
Ich erhielt zwei Pässe, den einen vom ersten Staatsecretär, den anderen
vom Rath von Indien. Nie war einem Reisenden mit der Erlaubniß, die man
ihm ertheilte, mehr zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung
einem Fremden größeres Vertrauen bewiesen. Um alle Bedenken zu beseitigen,
welche die Vicekönige oder Generalcapitäne, als Vertreter der königlichen
Gewalt in Amerika, hinsichtlich des Zweckes und Wesens meiner
Beschäftigungen erheben könnten, hieß es im Paß der _primera secretaria de
estado:_ »ich sey ermächtigt, mich meiner physikalischen und geodätischen
Instrumente mit voller Freiheit zu bedienen; ich dürfe in allen spanischen
Besitzungen astronomische Beobachtungen anstellen, die Höhen der Berge
messen, die Erzeugnisse des Bodens sammeln und alle Operationen ausführen,
die ich zur Förderung der Wissenschaft gut finde«. Diese Befehle von
Seiten des Hofes wurden genau befolgt, auch nachdem infolge der Ereignisse
Don D´Urquijo vom Ministerium hatte abtreten müssen. Ich meinerseits war
bemüht, diese sich nie verleugnende Freundlichkeit zu erwidern. Ich
übergab während meines Aufenthaltes in Amerika den Statthaltern der
Provinzen Abschriften des von mir gesammelten Materials über die
Geographie und Statistik der Colonien, das dem Mutterlande von einigen
Werth seyn konnte. Dem von mir vor meiner Abreise gegebenen Versprechen
gemäß übermachte ich dem naturhistorischen Cabinet zu Madrid mehrere
geologische Sammlungen. Da der Zweck unserer Reise ein rein
wissenschaftlicher war, so hatten Bonpland und ich das Glück, uns das
Wohlwollen der Colonisten wie der mit der Verwaltung dieser weiten
Landstriche betrauten Europäer zu erwerben. In den fünf Jahren, während
wir den neuen Continent durchzogen, sind wir niemals einer Spur von
Mißtrauen begegnet. Mit Freude spreche ich es hier aus; unter den
härtesten Entbehrungen, im Kampfe mit einer wilden Natur, haben wir uns
nie über menschliche Ungerechtigkeit zu beklagen gehabt.
Verschiedene Gründe hätten uns eigentlich bewegen sollen, noch länger in
Spanien zu verweilen. Abbé Cavanilles, ein Mann gleich geistreich wie
mannigfaltig unterrichtet; Née, der mit Hänke die Expedition Malaspinas
als Botaniker mitgemacht und allein eine der größten Kräutersammlungen,
die man je in Europa gesehen, zusammengebracht hat; Don Casimir Ortega,
Abbé Pourret und die gelehrten Verfasser der Flora von Peru, Ruiz und
Pavon, stellten uns ihre reichen Sammlungen zur unbeschränkten Verfügung.
Wir untersuchten zum Theil die mexicanischen Pflanzen, die von Sesse,
Mociño und Cervantes entdeckt worden, und von denen Abbildungen an das
naturhistorische Museum zu Madrid gelangt waren. In dieser großen Anstalt,
die unter der Leitung Clavijos stand, des Herausgebers einer gefälligen
Uebersetzung der Werke Buffons, fanden wir allerdings keine geologischen
Suiten aus den Cordilleren; aber Proust, der sich durch die große
Genauigkeit seiner chemischen Arbeiten bekannt gemacht hat, und ein
ausgezeichneter Mineralog, Hergen, gaben uns interessante Nachweisungen
über verschiedene mineralische Substanzen Amerikas. Mit bedeutendem Nutzen
hätten wir uns wohl noch länger mit den Naturprodukten der Länder
beschäftigt, die das Ziel unserer Forschungen waren, aber es drängte uns
zu sehr, von der Vergünstigung, die der Hof uns gewährt, Gebrauch zu
machen, als daß wir unsere Abreise hätten verschieben können. Seit einen
Jahr war ich so vielen Hindernissen begegnet, daß ich es kaum glauben
konnte, daß mein sehnlichster Wunsch endlich in Erfüllung gehen sollte.
Wir verließen Madrid gegen die Mitte Mais. Wir reisten durch einen Theil
von Altcastilien, durch das Königreich Leon und Galizien nach Corunna, wo
wir uns nach der Insel Cuba einschiffen sollten. Der Winter war streng und
lang gewesen, und jetzt genossen wir auf der Reise der milden
Frühlingstemperatur, die schon so weit gegen Süd gewöhnlich nur den
Monaten Mai und April eigen ist. Schnee bedeckte noch die hohen
Granitgipfel der Guadarama; aber in den tiefen Thälern Galiziens, welche
an die malerischen Landschaften der Schweiz und Tirols erinnern, waren
alle Felsen mit Cistus in voller Blüthe und baumartigem Heidekraut
überzogen. Man ist froh, wenn man die castilische Hochebene hinter sich
hat, welche fast ganz von Pflanzenwuchs entblöst und wo es im Winter
empfindlich kalt, im Sommer drückend heiß ist. Nach den wenigen
Beobachtungen, die ich selbst anstellen konnte, besteht das Innere
Spaniens aus einer weiten Ebene, die 300 Toisen (584 Meter) über dem
Spiegel des Meeres mit secundären Gebirgsbildungen, Sandstein, Gips,
Steinsalz, Jurakalk bedeckt ist; das Klima von Castilien ist weit kälter
als das von Toulon oder Genua; die mittlere Temperatur errecht kaum 15
Grad der hunderttheiligen Scale. Man wundert sich, daß unter der Breite
von Calabrien, Thessalien und Kleinasien die Orangenbäume im Freien nicht
mehr fortkommen. Die Hochebene in der Mitte des Landes ist umgeben von
einer tiefgelegenen, schmalen Zone, wo an mehreren Punkten Chamärops, der
Dattelbaum, das Zuckerrohr, die Banane und viele Spanien und dem
nördlichen Afrika gemeinsame Pflanzen vorkommen, ohne vom Winterfrost zu
leiden. Unter dem 36 – 40. Grad der Breite beträgt die mittlere Temperatur
17 – 20 Grad, und durch den Verein von Verhältnissen, die hier nicht
aufgezählt werden können, ist dieser glückliche Landstrich der vornehmste
Sitz des Gewerbfleißes und der Geistesbildung geworden.
Kommt man im Königreich Valencia von der Küste des Mittelmeeres gegen die
Hochebene von Mancha und Castilien herauf, so meint man, tief im Land, in
weithin gestreckten schroffen Abhängen die alte Küste der Halbinsel vor
sich zu haben. Dieses merkwürdige Phänomen erinnert an die Sagen der
Samothracier und andere geschichtliche Zeugnisse, welche darauf
hinzuweisen scheinen, daß durch den Ausbruch der Wasser aus den
Dardanellen das Becken des Mittelmeeres erweitert und der südliche Theil
Europas zerrissen und vom Mittelmeer verschlungen worden ist. Nimmt man
an, diese Sagen seyen keine geologischen Träume, sondern beruhen wirklich
auf der Erinnerung an eine uralte Umwälzung, so hätte die spanische
Centralebene dem Anprall der gewaltigen Fluthen widerstanden, bis die
Wasser durch die zwischen den Säulen des Hercules sich bildende Meerende
abfloßen, so daß der Spiegel des Mittelmeeres allmählig sank und
einerseits Niederegypten, andererseits die fruchtbaren Ebenen von
Tarragena, Valencia und Murcia trocken gelegt wurden. Was mit der Bildung
dieses Meeres zusammenhängt, dessen Daseyn von so bedeutendem Einfluß auf
die frühesten Culturbewegungen der Menschheit war, ist von ganz besonderem
Interesse. Man könnte denken, Spanien, das sich als ein Vorgebirge
inmitten der Meere darstellt, verdanke seine Erhaltung seinem
hochgelegenen Boden; ehe man aber auf solche theoretische Vorstellungen
Gewicht legt, müßte man erst die Bedenken beseitigen, die sich gegen die
Durchbrechung so vieler Dämme erheben, müßte man wahrscheinlich zu machen
suchen, daß das Mittelmeer einst in mehrere abgeschlossene Becken getheilt
gewesen, dere alte Grenzen durch Sicilien und die Insel Candia angedeutet
scheinen. Die Lösung dieser Probleme soll uns hier nicht beschäftigen, wir
beschränken uns darauf, auf den auffallenden Contrast in der Gestaltung
des Landes am östlichen und am westlichen Ende Europas aufmerksam zu
machen. Zwischen den baltischen und dem schwarzen Meer erhebt sich das
Land gegenwärtig kaum fünfzig Toisen über den Spiegel des Oceans, während
die Hochebene von Mancha, wenn sie zwischen den Quellen des Niemen und des
Dnieper läge, sich als eine Gebirgsgruppe von bedeutender Höhe darstellen
würde. Es ist höchst anziehend, auf die Ursachen zurückzugehen, durch
welche die Oberfläche unseres Planeten umgestaltet worden seyn man;
sicherer ist es aber, sich an diejenigen Seiten der Erscheinungen zu
halten, welche der Beobachtung und Messung des Forschers zugänglich sind.
Zwischen Astorga und Corunna, besonders von Lugo an, werden die Berge
allmählich höher. Die secundären Gebirgsbildungen verschwinden mehr und
mehr, und die Uebergangsgebirgsarten, die sie ablösen, verkünden die Nähe
des Urgebirgs. Wir sahen ansehnliche Berge aufgebaut aus altem Sandstein,
den die Mineralogen der Freiberger Schule als Grauwacke und
Grauwackenschiefer aufführen. Ich weiß nicht, ob diese Formation, die im
südlichen Europa nicht häufig vorkommt, auch in andern Strichen Spaniens
aufgefunden worden ist. Eckige Bruchstücke von lydischem Stein, die in den
Thälern am Boden liegen, schienen uns darauf zu deuten, daß die Grauwacke
dem Uebergangsschiefer aufgelagert ist. Bei Corunna selbst erheben sich
Granitgipfel, die bis zum Cap Ortegal fortstreichen. Diese Granite, welche
einst mit denen in Bretagne und Wales in Zusammenhang gestanden haben
mögen, sind vielleicht die Trümmer einer von den Fluthen zertrümmerten und
verschlungenen Bergkette. Schöne große Feldspathkrystalle sind für dieses
Gestein charakteristisch, Zinnstein ist darin eingesprengt, und von den
Galiciern wird darauf ein mühsamer, wenig ergiebiger Bergbau betrieben.
In Corunna angelangt, fanden wir den Hafen von zwei englischen Fregatten
und einem Linienschiff blokirt. Diese Fahrzeuge sollten den Verkehr
zwischen dem Mutterland und den Colonien in Amerika unterbrechen; den von
Corunna, nicht von Cadiz lief damals jeden Monat ein Paketboot _(Correo
maritimo)_ nach der Havana aus und alle zwei Monate ein anderes nach
Buenos Aires oder der Mündung des la Plata. Ich werde später den Zustand
der Posten auf dem neuen Continent genau beschreiben; hier nur so viel,
daß seit dem Ministerium des Grafen Florida Blanca der Dienst der
»Landcouriere« so gut eingerichtet ist, daß Einer in Paraquay oder in der
Provinz Jaen de Bracamoros nur durch sie ziemlich regelmäßig mit Einem in
Neumexiko oder an der Küste von Neukalifornien correspondiren kann, also
so weit, als es von Paris nach Siam oder von Wien an das Cap der Guten
Hoffnung ist. Ebenso gelangt ein Brief, den man in einer kleinen Stadt in
Aragonien zur Post gibt, nach Chili oder in die Missionen am Orinoko, wenn
nur der Name des Coregimiento oder Bezirks, in dem das betreffende
indianische Dorf liegt, genau angegeben ist. Mit Vergnügen verweilt der
Gedanke bei Einrichtungen, die für eine der größten Wohlthaten der Cultur
der neueren Zeit gelten können. Die Einrichtung der Curiere zur See und im
inneren Lande hat das Band zwischen den Kolonien unter sich und mit dem
Mutterlande enger geknüpft. Der Gedankenaustausch wurde dadurch
beschleunigt, die Beschwerden der Colonisten drangen leichter nach Europa
und die Staatsgewelt konnte hin und wieder Bedrückungen ein Ende machen,
die sonst aus so weiter Ferne nie zu ihrer Kenntniß gelangt wären.
Der Minister hatte uns ganz besonders dem Brigadier Don Rafael Clavijo
empfohlen, der seit kurzem die Oberaufsicht über den Seeposten hatte.
Dieser Officier, bekannt als ausgezeichneter Schiffsbauer, war in Corunna
mit der Einrichtung neuer Werfte beschäftigt. Er bot Allem auf, um uns den
Aufenthalt im Hafen angenehm zu machen, und gab uns den Rat, uns auf der
Corvette *Pizarro* [Nach dem spanischen Sprachgebrauch war der Pizarro
eine leichte Fregatte _(Fregata lijera)_.] einzuschiffen, die nach der
Havana und Mexico ging. Dieses Fahrzeug, das die Post für Juni an Bord
hatte, sollte mit der Alcudia segeln, dem Paketboot für den Mai, das wegen
der Blokade seit drei Wochen nicht hatte auslaufen können. Der Pizarro
galt für keinen guten Segler, aber durch einen glücklichen Zufall war er
vor kurzem auf seiner langen Fahrt von Rio de la Plata nach Corunna den
kreuzenden englischen Fahrzeugen entgangen. Clavijo ließ an Bord der
Korvette Einrichtungen treffen, daß wir unsere Instrumente aufstellen und
während der Ueberfahrt unsere chemischen Versuche über die atmosphärische
Luft vornehmen konnten. Der Capitän des Pizarro erhielt Befehl, bei
Tenerifa so lange anzulegen, daß wir den Hafen von Orotava besuchen und
den Gipfel des Pic besteigen könnten.
Die Einschiffung verzögerte sich nur zehn Tage, dennoch kam uns der
Aufenthalt gewaltig lang vor. Wir benutzten die Zeit, die Pflanzen
einzulegen, die wir in den schönen, noch von keinem Naturforscher
betretenen Thälern Galiciens gesammelt; wir untersuchten die Tange und
Weichthiere, welche die Fluth von Nordwest her in Menge an den Fuß des
steilen Felsen wirft, auf dem der Wachtturm des Herkules steht. Dieser
Thurm, auch »der eiserne Thurm« genannt, wurde im Jahre 1788 restauriert.
Er ist 92 Fuß [30 m] hoch, seine Mauern sind 4 und einen halben Fuß
[1,46 m] dick, und nach seiner Bauart ist er unzweifelhaft ein Werk der
Römer. Eine in der Nähe der Fundamente gefundene Inschrift, von der ich
durch Herrn de Labordes Gefälligkeit eine Abschrift besitze, besagt, der
Thurm sey von Cajus Servius Lupus, Architekten der Stadt *Aqua Flavia*
(Chaves), erbaut und dem Mars geweiht. Warum heißt der eiserne Thurm der
Herkulesthurm? Sollten ihn die Römer auf den Trümmern eines griechischen
oder phönicischen Bauwerkes errichtet haben? Wirklich behauptet Strabo,
Galizien, das Land der Galläci, sey von griechischen Colonien bevölkert
gewesen. Nach einer Angabe des Asklepiades von Myrläa in seiner Geographie
von Spanien hätten sich nach einer alten Sage die Gefährten des Herkules
in diesen Landstrichen niedergelassen. [Die Phönicier und die Griechen
besuchten die Küsten von Galizien _(Gallaecia)_ wegen des Handels mit
Zinn, das sie von hier wie von den Cassiteridischen Inseln bezogen.]
Die Höhen von Ferrol und Corunna sind an derselben Bai gelegen, so daß ein
Schiff, das bei schlimmem Wetter gegen das Land getrieben wird, je nach
der Richtung des Windes, im einen oder im anderen Hafen vor Anker gehen
kann. Ein solcher Vortheil ist unschätzbar in Strichen, wo die See fast
beständig hoch geht, wie zwischen den Vorgebirgen Ortegal und Finisterre,
den Vorgebirgen Trileucum und Artabrum der algen Geographen. Ein enger,
von steilen Granitfelsen gebildeter Canal führt in das weite Becken von
Ferrol. In ganz Europa findet sich kein zweiter Ankerplatz, der so
merkwürdig weit ins Land hineinschnitte. Dieser enge, geschlängelte Paß,
durch den die Schiffe in den Hafen gelangen, sieht aus, als wäre er durch
eine Fluth oder durch wiederholte Stöße heftiger Erdbeben eingerissen. In
der Neuen Welt, an der Küste von Neuandalusien, hat die _Laguna des
Opisco_, der »Bischofsee«, genau dieselbe Gestalt wie der Hafen von
Ferrol. Die auffallendsten geologischen Erscheinungen wiederholen sich auf
den Festländern an weit entlegenen Punkten, und der Forscher, der
Gelegenheit gehabt, verschiedene Welttheile zu sehen, erstaunt über die
durchgehende Gleichförmigkeit im Ausschnitt der Küsten, im krummen Zug der
Thäler, im Anblick der Berge und ihrer Gruppirung. Das zufällige
Zusammentreffen derselben Ursachen mußte allerorten dieselben Wirkungen
hervorbringen, und mitten aus der Mannigfaltigkeit der Natur tritt uns in
der Anordnung der todten Stoffe, wie in der Organisation der Pflanzen und
Thiere, eine gewisse Uebereinstimmung in Bau und Gestaltung eingegen.
Auf der Ueberfahrt von Corunna nach Ferrol machten wir über einer Untiefe
beim »weißen Signal,« in der Bai, die nach d’Anville der _portus magnus_
der Alten war, mittels einer Thermometersonde mit Ventilen einige
Beobachtungen über die Temperatur der See und über die Abnahme der Wärme
in den über einander gelagerten Wasserschichten. Ueber der Bank zeigte das
Instrument an der Meeresfläche 12°5 bis 13°3 Grad der hunderttheiligen
Scale, während ringsumher, wo das Meer sehr tief war, der Thermometer bei
12°8 Lufttemperatur auf 15° – 15°3 stand. Der berühmte Franklin und
Jonathan Williams, der Verfasser des zu Philadelphia erschienenen Werkes
»_thermometric Navigation,_« haben zuerst die Physiker darauf aufmerksam
gemacht, wie abweichend sich die Temperaturverhältnisse der See über
Untiefen gestalten, sowie in der Zone warmer Wasserströme, die aus dem
Meerbusen von Mexico zur Bank von Neufoundland und hinüber an die
Nordküsten von Europa sich erstreckt. Die Beobachtung, daß sich die Nähe
einer Sandbank durch ein rasches Sinken der Temperatur an der Meeresflüche
verkündet, ist nicht nur für die Physik von Wichtigkeit, sie kann auch für
Sicherheit der Schiffahrt von großer Bedeutung werden. Allerdings wird man
über dem Thermometer das Senkblei nicht aus der Hand legen; aber
Beobachtungen, wie ich sie im Verlauf dieser Reisebeschreibung anführen
werde, thun zur Genüge dar, daß ein Temperaturwechsel, den die
unvollkommensten Instrumente anzeigen, die Gefahr verkündet, lange bevor
das Schiff über der Untiefe anlangt. In solchen Fällen mag die Abnahme der
Meerestemperatur den Schiffer veranlassen, zum Senkblei zu greifen in
Strichen, wo er sich vollkommen sicher dünkte. Auf die physischen Ursachen
dieser verwickelten Erscheinungen kommen wir anderswo zurück. Hier sey nur
erwähnt, daß die niedrigere Temperatur des Wassers über den Untiefen
großentheils daher rührt, daß es sich mit tieferen Wasserschichten mischt,
welche längs der Abhänge der Bank zur Meeresoberfläche aufsteigen.
Eine Aufregung des Meeres von Nordwest her unterbrach unsere Versuche über
die Meerestemperatur in der Bai von Ferrol. Die Wellen gingen so hoch,
weil auf offener See ein heftiger Wind geweht hatte, in dessen Folge die
englischen Schiffe sich hatten von der Küste entfernen müssen. Man wollte
die Gelegenheit zum Auslaufen benutzen; man schiffte alsbald unsere
Instrumente, unsere Bücher, unser ganzes Gepäcke ein; aber der Westwind
wurde immer stärker und man konnte die Anker nicht lichten. Wir benutzten
den Aufschub, um an unsere Freunde in Deutschland und Frankreich zu
schreiben. Der Augenblick, wo man zum erstenmal von Europa scheidet, hat
etwas Ergreifendes. Wenn man sich noch so bestimmt vergegenwärtigt, wie
stark der Verkehr zwischen den beiden Welten ist, wie leicht man bei den
großen Fortschritten der Schifffahrt über den atlantischen Ocean gelangt,
der, der Südsee gegenüber, ein nicht sehr breiter Meeresarm ist, das
Gefühl, mit dem man zum erstenmal eine weite Seereise antritt, hat immer
etwas tief Aufregendes. Es gleicht keiner der Empfindungen, die uns von
früher Jugend auf bewegt haben. Getrennt von den Wesen, an denen unser
Herz hängt, im Begriff, gleichsam den Schritt in ein neues Leben zu thun,
ziehen wir uns unwillkührlich in uns selbst zusammen und über uns kommt
ein Gefühl des Alleinseyns, wie wir es nie empfunden.
Unter den Briefen, die ich kurz vor unserer Einschiffung schrieb, befand
sich einer, der für die Richtung unserer Reise und den Verlauf unserer
späteren Forschungen sehr folgereich wurde. Als ich Paris verließ, um die
Küste von Afrika zu besuchen, schien die Entdeckungsreise in die Südsee
auf mehrere Jahre verschoben. Ich hatte mit Kapitän Baudin die Verabredung
getroffen, daß ich, wenn er wider Vermuthen die Reise früher antreten
könnte und ich davon Kenntniß bekäme, von Algier aus in einen
französischen oder spanischen Hafen eilen wolle, um die Expedition
mitzumachen. Im Begriff, in die Neue Welt abzugehen, wiederholte ich jetzt
dieses Versprechen. Ich schrieb Kapitän Baudin, wenn die Regierung in auch
jetzt noch den Weg um Cap Horn nehmen lassen wolle, so werde ich mich
bemühen, mit ihm zusammenzutreffen, in Montevideo, in Chili, in Lima, wo
immer er in den spanischen Kolonien anlegen möchte. Treu dieser Zusage,
änderte ich meinen Reiseplan, sobald die amerikanischen Blätter im Jahre
1801 die Nachricht brachten, die französische Expedition sey von Havre
abgegangen, um von Ost nach West die Welt zu umsegeln. Ich miethete ein
kleines Fahrzeug und ging von Batabano auf der Insel Cuba nach Portobelo
und von da über die Landenge an die Küste der Südsee. In Folge einer
falschen Zeitungsnachricht haben Bonpland und ich über 800 Meilen [Unter
Meilen ohne Beisatz sind immer französische Lieues zu verstehen.] [3600
km] in einem Lande gemacht, das wir gar nicht hatten bereisen wollen. Erst
in Quito erfuhren wir durch einen Brief Delambres, des beständigen
Secretärs der ersten Classe des Institutes, daß Kapitän Baudin um das Kap
der Guten Hoffnung gegangen und die West- und Ostküste Amerikas gar nicht
berührt habe. Nicht ohne ein Gefühl von Wehmut gedenke ich einer
Expedition, die mehrfach in mein Leben eingreift, und die kürzlich von
einem Gelehrten [Peron, der nach langen schmerzlichen Leiden im 35. Jahre
der Wissenschaft entrissen wurde.] beschrieben worden ist, den die Menge
der Entdeckungen, welche die Wissenschaft ihm dankt, und der aufopfernde
Muth, den er auf seiner Laufbahn unter den härtesten Entbehrungen und
Leiden bewiesen, gleich hoch stellen.
Ich hatte auf die Reise nach Spanien nicht meine ganze Sammlung
physikalischer, geodätischer und astronomischer Werzeuge mitnehmen können;
ich hatte die Doubletten in Marselle in Verwahrung gegeben und wollte sie,
sobald ich Gelegenheit gefunden hätte, an die Küste der Berberei zu
gelangen, nach Algier oder Tunis nachkommen lassen. In ruhigen Zeiten ist
Reisenden sehr zu rathen, daß sie sich nicht mit allen ihren Instrumenten
beladen; man läßt sie besser nachkommen, um nach einigen Jahren
diejenigen, zu ersetzen, die durch den Gebrauch oder auf dem Transport
gelitten haben. Diese Vorsicht erscheint besonders dann geboten, wenn man
zahlreiche Punkte durch rein chronometrische Mittel zu bestimmen hat. Aber
während eines Seekriegs thut man klug, seine Instrumente, Handschriften
und Sammlungen fortwährend bei sich zu haben. Wie wichtig dies ist, haben
traurige Erfahrungen mir bewiesen. Unser Aufenthalt zu Madrid und Corunna
war zu kurz, als daß ich den meteorologischen Apparat, den ich in
Marseille gelassen, hätte von dort kommen lassen können. Nach unserer
Rückkehr vom Orinoko gab ich Auftrag, mir denselben nach der Havana zu
schicken, aber ohne Erfolg; weder diese Apparat, noch die achromatischen
Fernröhren und der Thermometer von Arnold, die ich in London bestellt,
sind mir in Amerika zugekommen.
Getrennt von unseren Instrumenten, die sich an Bord der Corvette befanden,
brachten wir noch zwei Tage in Corunna zu. Ein dichter Nebel, der den
Horizont bedeckte verkündete endlich die sehnlich erwartete Aenderung des
Wetters. Am 4. Juni abends drehte sich der Wind nach Nordost, welche
Windrichtung an der Küste von Galizien in der schönen Jahreszeit für sehr
beständig gilt. Am fünften ging der Pizarro wirklich unter Segel, obgleich
wenige Stunden zuvor die Nachricht angelangt war, eine englische Escadre
sey vom Wachtposten Sisarga signalisirt worden und scheine nach der
Mündung des Tajo zu segeln. Die Leute, welche unsere Corvette die Anker
lichten sahen, äußerten laut, ehe drei Tage vergehen, seyen wir
aufgebracht und mit dem Schiffe, dessen Los wir teilen müßten, auf dem
Wege nach Lissabon. Diese Prophezeiung beunruhigte uns um so mehr, als wir
in Madrid Mexicaner kennengelernt hatten, die sich dreimal in Cadiz nach
Veracruz eingeschifft hatten, jedesmal aber fast unmittelbar vor dem Hafen
aufgebracht worden und über Portugal nach Spanien zurückgekehrt waren.
Um zwei Uhr nachmittags war der Pizarro unter Segel. Der Canal, durch den
man aus dem Hafen von Corunna fährt, ist lang und schmal; da er sich gegen
Nord öffnet und der Wind uns entgegen war, mußten wir acht kleine Schläge
machen, von denen drei so gut wie verloren waren. Gewendet wurde immer
äußerst langsam, und einmal, unter dem Fort St. Amarro, schwebten wir in
Gefahr, da uns die Strömung sehr nahe an die Klippen trieb, an denen sich
das Meer mit Ungestüm bricht. Unsere Blicke hingen am Schloß St. Antonio,
wo damals der unglückliche Malaspina als Staatsgefangener saß. Im
Augenblick, da wir Europa verließen, um Länder zu besuchen, welche dieser
bedeutende Forscher mit so vielem Erfolg bereist hat, hätte ich mit meinen
Gefährten gern bei einem minder traurigen Gegenstande verweilt.
Um sechs ein halb Uhr kamen wir am Thurm des Herkules vorüber, von dem
oben die Rege war, der Corunna als Leuchtthurm dient, und auf dem man seit
ältesten Zeiten ein Steinkohlenfeuer unterhält. Der Schein dieses Feuers
steht in schlechtem Verhältnis mit dem schönen stattlichen Bauwerk; es ist
so schwach, daß die Schiffe es erst gewahr werden, wenn sie bereits Gefahr
laufen zu stranden. Bei Einbruch der Nacht wurde die See sehr unruhig und
der Wind bedeutend frischer. Wir steuerten gegen Nordwest, um nicht den
englischen Fregatten zu begegnen, die, wie man glaubte, in diesen Strichen
kreuzten. Gegen neun Uhr sahen wir das Licht in einer Fischerhütte von
Sisarga, das letzte, was uns von der Küste von Europa zu Gesicht kam. Mit
der zunehmenden Entfernung verschmolz der schwache Schimmer mit dem Licht
der Sterne, die am Horizont aufgingen, und unwillkürlich blieben unsere
Blicke daran hängen. Dergleichen Eindrücke vergißt einer nie, der in einem
Alter, wo die Empfindung noch ihre volle Tiefe und Kraft besitzt, eine
weite Seereise angetreten hat. Welche Erinnerungen werden in der
Einbildungskraft wach, wenn so ein leuchtender Punkt in finsterer Nacht,
der von Zeit zu Zeit aus den bewegten Wellen aufblitzt, die Küste des
Heimatlandes bezeichnet!
Wir mußten die Segel einziehen. Wir segelten zehn Knoten in der Stunde,
obgleich die Corvette nicht zum Schnellsegeln gebaut war. Um sechs Uhr
morgens wurde das Schlingern so heftig, daß die kleine Bramstange brach.
Der Unfall hatte indessen keine schlimmen Folgen. Wir brauchten zu
Ueberfahrt von Corunna nach den Canarien dreizehn Tage, und dies war lang
genug, um uns in so stark befahrenen Strichen wie die Küsten von Portugal
der Gefahr auszusetzen, auf englische Schiffe zu stoßen. Die ersten drei
Tage zeigte sich kein Segel am Horizont, und dies beruhigte nachgerade
unsere Mannschaft, die sich auf kein Gefecht einlassen konnte.
Am 7. liefen wir über den Parallelkreis von Cap Finisterre. Die Gruppe von
Granitfelsen, die dieses Vorgebirge, wie das Vorgebirge Toriañes und den
Berg Corcubion bilden, heißt Sierra de Toriñona. Das Cap Finisterre ist
niedriger als das Land umher, aber die Toriñona ist auf hoher See 76,5 km
weit sichtbar, woraus folgt, daß die höchsten Gipfel derselben nicht unter
582 m hoch seyn können.
Am 8. bei Sonnenuntergang wurde von den Masten ein englisches Convoi
signalisiert, das gegen Südost an der Küste hinsteuerte. Ihm zu entgehen,
wichen wir die Nacht hindurch aus unserem Curs. Damit durften wir in der
großen Cajüte kein Licht mehr haben, um nicht von weitem bemerkt zu
werden. Diese Vorsicht, die an Bord aller Kauffahrer beobachtet wird und
in dem Reglement für die Paketboote der königlichen Marine vorgeschrieben
ist, brachte uns tödtliche Langeweile auf den vielen Ueberfahrten, die wir
in fünf Jahren gemacht hatten. Wir mußten uns fortwährend der
Blendlaternen bedienen, um die Temperatur des Meerwassers zu beobachten
oder an der Theilung der astronomischen Instrumente die Zahlen abzulesen.
In der heißen Zone, wo die Dämmerung nur einige Minuten dauert, ist man
unter diesen Umständen schon um sechs Uhr abends außer Thätigkeit gesetzt.
Dies war für mich um so verdrießlicher, als ich vermöge meiner
Constitution nie seekrank wurde, und so oft ich an Bord eines Schiffes
war, immer großen Trieb zur Arbeit fühlte.
Eine Fahrt von der spanischen Küste nach den Canarien und von da nach
Südamerika bietet wenig Bemerkenswerthes, zumal in der guten Jahreszeit.
Es ist weniger Gefahr dabei, als oft bei der Ueberfahrt über die großen
Schweizer Seen. Ich theile daher hier nur die allgemeinen Ergebnisse
meiner magnetischen und meteorologischen Versuche in diesem Meeresstriche
mit.
Am 9. Juni, unter 39° 50’ der Breite und 16° 10’ westlicher Länge vom
Meridian der Pariser Sternwarte, fingen wir an die Wirkung der großen
Strömung zu spüren, welche von den azorischen Inseln nach der Meerenge von
Gibraltar und nach den canarischen Inseln geht. Indem ich den Punkt, den
mir der Gang der Berthoud´schen Seeuhr angab, mit des Steuermanns
Schätzung verglich, konnte ich die kleinsten Aenderungen in der Richtung
und Geschwindigkeit der Strömungen bemerken. Zwischen dem 37. und
30. Breitengrade wurde das Schiff in vierundzwanzig Stunden zuweilen
18 bis 26 Meilen nach Ost getrieben. Anfänglich war die Richtung des
Stromes Ost ¼ Südost, aber in der Nähe der Meerenge wurde sie genau Ost.
Capitan Macintosh und einer der gebildetsten Seefahrer unserer Zeit, Sir
Erasmus Gower, haben die Veränderungen beobachtet, welche in diese
Bewegung des Wassers zu verschiedenen Zeiten des Jahres eintreten. Es
kommt nicht selten vor, daß Schiffer, welche die canarischen Inseln
besuchen, sich an der Küste von Lancerota befinden, während sie meinten an
Teneriffa landen zu können. Baugainville befand sich auf seiner Ueberfahrt
vom Cap Finisterre nach den Canarien im Angesicht der Insel Ferro um
4 Grade weiter nach Ost, als seine Rechnung ihm ergab.
Gemeinhin erklärt man die Strömung, die sich zwischen den azorischen
Inseln, der Südküste von Portugal und den Canarien merkbar macht, daraus,
daß das Wasser des atlantischen Oceans durch die Meerenge von Gibraltar
einen Zug nach Osten erhalte. De Fleurieu behauptet sogar in den
Anmerkungen zur Reise des Capitän Marchand, der Umstand, daß das
Mittelmeer durch die Verdunstung mehr Wasser verliere, als die Flüsse
einwerfen, bringe im benachbarten Weltmeer eine Bewegung hervor, und der
Einfluß der Meerenge sey sechshundert Meilen [2700 km] weit auf offener
See zu spüren. Bei aller Hochachtung, die ich einem Seefahrer schuldig
bin, dessen mit Recht sehr geschätzten Werken ich viel zu danken habe, muß
es mir gestattet seyn, diesen wichtigen Gegenstand aus einem weit
allgemeineren Gesichtspunkte zu betrachten.
Wirft man einen Blick auf das atlantische Meer oder das tiefe Thal, das
die Westküsten von Europa und Afrika von den Ostküsten des neuen Continent
trennt, so bemerkt man in der Bewegung der Wasser entgegengesetzte
Richtungen. Zwischen den Wendekreisen, namentlich zwischen der
afrikanischen Küste am Senegal und dem Meere der Antillen, geht die
allgemeine, den Seefahrern am längsten bekannte Strömung fortwährend von
Morgen nach Abend. Dieselbe wird mit dem Namen *Aequinoctialstrom*
bezeichnet. Die mittlere Geschwindigkeit derselben unter verschiedenen
Breiten ist sich im Atlantischen Ozean und in der Südsee ungefähr gleich.
Man kann sie auf 9 bis 10 Meilen [40 bis 45 km] in 24 Stunden, somit auf
0,59 bis 0,65 Fuß [0,18 bis 0,21 m] in der Secunde schätzen(2). Die
Geschwindigkeit, mit der die Wasser in diesen Strichen nach Westen
strömen, ist etwa ein Viertheil von der der meisten großen europäischen
Flüsse. Diese der Umdrehung des Erdballes entgegengesetzte Bewegung des
Oceans hängt mit jenem Phänomen wahrscheinlich nur insofern zusammen, als
durch die Umdrehung der Erde die Polarwinde, welche in den unteren
Luftschichten die kalte Luft aus den hohen Breiten dem Aequator zuführen,
in Passatwinde umgewandelt werden. Der Aequinoctialstrom ist die Folge der
allgemeinen Bewegung, in welche die Meeresfläche durch die Passatwinde
versetzt wird, und lokale Schwankungen im Zustande der Luft bleiben ohne
merkbaren Einfluß auf die Stärke und die Geschwindigkeit der Strömung.
Im Canal, den der atlantische Ocean zwischen Guyana und Guinea auf 20 bis
23 Längengrade, vom 8. oder 9. bis zum 2. oder 3. Grad nördlicher Breite
gegraben hat, wo die Passatwinde häufig durch Winde aus Süd ode
Süd-Süd-West unterbrochen werden, ist die Richtung des Aequinoctialstroms
weniger constant. Der afrikanischen Küste zu werden die Schiffe nach
Südost fortgetrieben, während der Allerheiligenbai und dem Vorgebirge
St. Augustin zu, denen die Schiffe, die nach der Mündung des La Plata
steuern, nicht gerne nahe kommen, der allgemeine Zug der Wasser durch eine
besondere Strömung maskirt ist. Letztere Strömung ist vom Cap St. Roch bis
zur Insel Trinidad fühlbar, sie ist gegen Nordwest gerichtet mit einer
Geschwindigkeit von einem bis anderthalb Fuß in der Secunde.
Der Aequinoctialstrom ist, wenn auch schwach, sogar jenseits des
Wendekreises des Krebses unter 26 und 28 Grad der Breite fühlbar. Im
weiten Becken des atlantischen Oceans, sieben- bis achthundert Meilen von
der afrikanischen Küste, beschleunigt sich der Lauf der europäischen
Schiffe, welche nach den Antillen gehen, ehe sie in die heiße Zone
gelangen. Weiter gegen Nord, unter dem 28. bis 35. Grad, zwischen den
Parallelkreisen von Teneriffe und Ceuta, unter 46 bis 48 Grad der Länge,
bemerkt man keine constante Bewegung; denn eine 140 Meilen breite Zone
trennt den Aequinoktialstrom, der nach West geht, von der großen
Wassermasse, die nach Ost strömt und sich durch auffallend hohe Temperatur
auszeichnet. Auf diese Wassermasse, bekannt unter dem Namen *Golfstrom*
(_Golfstream_), sind die Physiker seit 1776 durch Franklins und Sir
Charles Blagdens schöne Beobachtungen aufmerksam geworden. Da in neuerer
Zeit amerikanische und englsiche Seefahrer eifrig bemüht sind, die
Richtung desselben zu ermitteln, so müssen wir weiter ausholen, um ienen
allgemeinen Gesichtspunkt für das Phänomen zugewinnen.
Der Aequinoctialstrom treibt die Wasser des atlantischen Oceans an die
Küsten der Moskito-Indianer und von Honduras. Der von Süd nach Nord
gestreckte neue Continent hält diese Strömung auf wie ein Damm. Die
Gewässer erhalten zuerst die Richtung nach Nordwest, gelangen durch die
Meerenge zwischen Cap Catoche und Cap. St. Antonio in den Meerbusen von
Mexico, und folgen den Krümmungen der mexicanischen Küste von Vera-Cruz
zur Mündung des Rio del Norte, und von da zur Mündung des Mississippi und
denUntiefen westwärts von der Ostspitze von Florida. Nach dieser großen
Drehung nach West, Nord, Ost und Süd nimmt die Strömung wieder die
Richtung nach Nord und drängt sich mit Ungestüm in den Canal von Bahama.
Dort habe ich im Mai 1804, unter 26 und 27 Grad der Breite, eine
Geschwindigkeit von 80 Meilen in 24 Stunden, also von 5 Fuß in der Secunde
beobachtet, obgleich gerade ein sehr starker Nordwind wehte. Beim Ausgang
des Canals von Bahama, unter dem Parallel von Cap Cañaveral, kehr sich der
Golfstrom oder Strom von Florida nach Nordost. Er gleicht hier einem
reißenden Strome und erreicht zuweilen die Geschwindigkeit von fünf Meilen
in der Stunde. Der Steuermann kann, sobald er den Rand der Strömung
erreicht, mit ziemlicher Sicherheit annehmen, um was er sich in seiner
Schätzung geirrt, und wie weit er noch nach New-York, Philadelphia oder
Charlestown hat; die hohe Temperatur des Wassers, sein starker Salzgehalt,
die indigoblaue Farbe und die schwimmenden Massen Tang, endlich die im
Winter sehr merkbare Erhöhung der Lufttemperatur geben den Golfstrom zu
erkennen. Gegen Norden nimmt seine Geschwindigkeit ab, während seine
Breite zunimmt und die Gewässer sich abkühlen. Zwischen Cayo Biscaino und
der Bank von Bahama ist er nur 15 Meilen, unter 28½ Grad Breite schon 17,
und unter dem Parallel von Charlestown, Cap Henlopen gegenüber, 40 bis
50 Meilen breit. Wo die Strömung am schmalsten ist, erreicht sie eine
Geschwindigkeit von 3 bis 4 Meilen in der Stunde, weiter nach Norden zu
beträgt dieselbe nur noch eine Meile. Die Gewässer des mexicanischen
Meerbusens behalten auf ihrem gewaltigen Zuge nach Nordost ihre hohe
Temperatur dermaßen, daß ich unter 40 und 41 Grad der Breite noch 22° 5
(18° Reaumur) beobachtete, während außerhalb des Stroms das Wasser an der
Oberfläche kaum 17° 5 (14° R.) warm war. Unter der Breite von New-York und
Oporto zeigt somit der Golfstrom dieselbe Temperatur wie die tropischen
Meere unter 18 Grad Breite, also unter der Breite von Portorico und der
Inseln des grünen Vorgebirgs.
Vom Hafen von Boston an und unter dem Meridian von Halifax, unter
14° 25’ der Breite und 67° der Länge, erreicht der Strom gegen
80 Seemeilen Breite. Hier kehrt er sich auf einmal nach Ost, so daß sein
westlicher Rand bei der Umbiegung zur nördlichen Grenze der bewegten
Wasser wird und er an der Spitze der großen Bank von Neufoundland
wegstreicht, die Bolney sinnreich die Barre an der Mündung dieses
ungeheurn Meerstroms nennt. Höchst auffallend ist der Abstand zwischen der
Temperatur des kalten Wassers über dieser Bank und der Wärme der Gewässer
der heißen Zone, die durch den Golfstrom nach Norden getrieben werden;
jene betrug nach meinen Beobachtungen 8°7 – 10 (7 – 8° R.), diese
21 – 22°5 (17 – 18° R.). In diesen Strichen ist die Wärme im Meere höchst
sonderbar vertheilt: die Gewässer der Bank sind um 9°4 kälter als das
benachbarte Meer, und dieses ist um 3° kälter als der Strom. Diese Zonen
können ihre Temperaturen nicht ausgleichen, weil jede ihre eigene
Wärmequelle oder einen Grund der Wärmeerniedrigung hat, und beide Momente
beständig fortwirken.(3)
Von der Bank von Neufoundland, oder vom 52. Grad der Breite bis zu den
Azoren bleibt der Golfstrom nach Ost oder Ost-Süd-Ost gerichtet. Noch
immer wirkt hier in den Gewässern der Stoß nach, den sie tausend Meilen
von da in der Meerende von Florida, zwischen der Insel Cuba und den
Untiefen der Schildkröteninseln, erhalten haben. Diese Entfernung ist das
Doppelte von der Länge des Laufs des Amazonenstromes von Jaen oder dem Paß
von Manseriche zum Gran-Para. Im Meridian der Inseln Corvo und Flores, der
westlichsten der Gruppe der Azoren, nimmt die Strömung eine Meeresstrecke
von 160 Meilen in der Breite ein. Wenn die Schiffe auf der Rückreise aus
Südamerika nach Europa diese beiden Inseln aufsuchen, um ihre Länge zu
berichtigen, so gewahren sie immer deutlich den Zug des Wassers nach
Südost. Umter 33 Grad der Breite rückt der tropische Aequinoctialstrom dem
Golfstrom sehr nahe. In diesem Striche des Weltmeeres kann man an Einem
Tage aus den Gewässern, die nach West laufen, in diejenigen gelangen, die
nach Südost oder Ost-Süd-Ost strömen.
Von den Azoren an nimmt der Strom von Florida seine Richtung gegen die
Meerenge von Gibraltar, die Insel Madera und die Gruppe der Canarien. Die
Pforte bei den Säulen des Herkules beschleunigt ohne Zweifel den Zug des
Wassers gegen Ost. Und in diesem Sinne mag man mit Recht behaupten, die
Meerenge, durch welche Mittelmeer und Atlantischer Ozean zusammenhängen,
äußere ihren Einfluß auf sehr weite Ferne; sehr wahrscheinlich würden
aber, auch wenn die Meerenge nicht bestände, Fahrzeuge, die nach Teneriffa
segeln, dennoch nach Südost getrieben, und zwar infolge eines Anstoßes,
dessen Ursprung man an den Küsten der neuen Welt zu suchen hat. Im weiten
Meeresbecken pflanzen sich alle Bewegungen fort, gerade wie im Luftmeer.
Verfolgt man die Strömungen rückwärts zu ihren fernen Quellen, gibt man
sich Rechenschaft von dem Wechsel in ihrer Geschwindigkeit, warum sie bald
abnimmt, wie zwischen dem Canal von Bahama und der Bank von Neufoundland,
bald wieder wächst, wie in der Nähe der Meerenge von Gibraltar und bei den
canarischen Inseln, so kann man nicht darüber im Zweifel seyn, daß
dieselbe Ursache, welche die Gewässer im Meerbusen von Mexiko herumdreht,
sie auch bei der Insel Madera in Bewegung setzt.
Südlich von letztgenannter Insel läßt sich die Strömung in ihrer Richtung
nach Südost und Süd-Süd-Ost gegen die Küste von Afrika zwischen Cap Cantin
und Cap Bojador verfolgen. In diesen Strichen sieht sich ein Schiff bei
stillem Wetter nahe an der Küste, wenn es sich nach der nicht berichtigten
Schätzung noch weit davon entfernt glaubt. Ist die Oeffnung bei Gibraltar
die Ursache der Bewegung des Wassers, warum hat dann die Strömung südlich
von der Meerenge nicht die entgegengesetzte Richtung? Im Gegentheil aber
geht sie unter dem 25. und 26. Grad der Breite erst grade nach Süd und
dann nach Südwest. Cap Blanc, nach Cap Verd das am weitesten sich
hinausstreckende Vorgebirge, scheint Einfluß auf diese Richtung zu äußern,
und unter der Breite desselben mischen sich die Wasser, deren Bewegung wir
von der Küste von Honduras bis zur afrikanischen verfolgt haben, mit dem
großen tropischen Strom, um den Lauf von Morgen nach Abend von neuem zu
beginnen. Wir haben oben bemerkt, daß mehrere hundert Kilometer westwärts
von den Canarien der eigenthümliche Zug der Aequinoktialgewässer schon in
der gemäßigten Zone, von 28. und 29. Breitengrad an, bemerklich wird; aber
im Meridian der Insel Ferro kommen sie Schiffe südwärts bis zum Wendekreis
des Krebses, ehe sie sich nach Schätzung ostwärts von ihrer wahren Länge
befinden.
Wie nun aber die nördliche Grenze des tropischen Stroms und der
Passatwinde nach den Jahreszeiten sich verschiebt, so zeigt sich auch der
Golfstrom nach Stellung und Richtung veränderlich. Diese Schwankungen sind
besonders auffallend vom 28. Breitegrad bis zur großen Band von
Neufoundland, ebenso zwischen dem 48. Grad westlicher Länge von Paris und
dem Meridian der Azoren. Die wechselnden Winde in der gemäßigten Zone und
das Schmelzen des Eises am Nordpol von wo in den Monaten Juli und August
eine bedeutende Masse süßen Wassers nach Süden abfließt, erscheinen als
die vornehmsten Ursachen, aus welchen sich in diesen hohen Breiten Stärke
und Richtung des Golfstoms verändern.
Wir haben gesehen, daß zwischen dem 11. und 43. Grad der Breite die
Gewässer des atlantischen Oceans mittelst Strömungen fortwährend im Kreise
umhergeführt werden. Angenommen, ein Wassertheilchen gelange zu derselben
Stelle zurück, von der es ausgegangen, so läßt sich, nach dem, was wir bis
jetzt von der Geschwindigkeit der Strömungen wissen, berechnen, daß es zu
seinem 3800 Meilen langen Umlauf zwei Jahre und zehn Monate brauchte. Ein
Fahrzeug, bei dem man von der Wirkung des Windes absähe, gelangte in
dreizehn Monaten von den canarischen Inseln an die Küste von Caracas. Es
brauchte zehn Monate, um im Meerbusen von Mexico herum zu kommen und um zu
den Untiefen der Schildkröteninseln gegenüber vom Hafen von Havana zu
gelangen, aber nur vierzig bis fünfzig Tage vom Eingang der Meerenge von
Florida bis Neufoundland. Die Geschwindigkeit der rückläufigen Strömung
von jener Bank bis an die Küste von Afrika ist schwer zu schätzen; nimmt
man sie im Mittel auf 7 oder 8 Meilen in vierundzwanzig Stunden an, so
ergeben sich für diese letzte Strecke zehn bis elf Monate. Solches sind
die Wirkungen des langsamen, aber regelmäßigen Zuges, der die Gewässer des
Oceans herumführt. Das Wasser des Amazonenstroms braucht von Tomependa bis
zum Gran-Para etwa fünfundvierzig Tage.
Kurz vor meiner Ankunft auf Teneriffa hatte das Meer auf der Rhede von
Santa Cruz einen Stamm der _Cedrela odorata_, noch mit der Rinde,
ausgeworfen. Dieser amerikanischen Baum wächst nur unter den Tropen oder
in den zunächst angrenzenden Ländern. Er war ohne Zweifel an der Küste von
Terra Firma oder Honduras abgerissen worden. Die Beschaffenheit des Holzes
und der Flechten auf der Rinde zeigte augenscheinlich, daß der Stamm nicht
etwa von einem der unterseeischen Wälder herrührte, welche durch alte
Erdumwälzungen in die Flötzgebilde nördlicher Länder eingebettet worden
sind. Wäre der Cedrelastamm, statt bei Teneriffa ans Land geworfen zu
werden, weiter nach Süden gelangt, so wäre er wahrscheinlich rings um den
ganzen atlantischen Ocean geführt worden und mittels des allgemeinen
tropischen Stroms wieder in sein Heimathland gelangt. Diese Vermuthung
wird durch einen älteren Fall unterstützt, dessen Abbé Viera in seiner
allgemeinen Geschichte der Canarien erwähnt. Im Jahre 1770 wurde ein mit
Getreide beladenes Fahrzeug, das von der Insel Lancerota nach Santa Cruz
auf Teneriffa gehen sollte, auf die hohe See getrieben, als sich niemand
von der Mannschaft an Bord befand. Der Zug der Gewässer von Morgen nach
Abend führte es nach Amerika, wo es an der Küste von Guyana bei Caracas
strandete.
Zu einer Zeit, wo die Schifffahrtskunst noch wenig entwickelt war, bot der
Golfstrom dem Geiste eines Christoph Columbus sichere Anzeichen vom Daseyn
westwärts gelegener Länder. Zwei Leichname, die nach ihrer Körperlichkeit
einem unbekannten Menschenstamme angehörten, wurden gegen Ende des
15. Jahrhunderts bei den azorischen Inseln ans Land geworfen. Ungefähr um
dieselbe Zeit fand Columbus Schwager, Peter Borrea, Statthalter von Porto
Santo, am Strande dieser Insel mächtige Stücke Bambusrohr, die von der
Strömung und den Westwinden angeschwemmt worden waren. Diese Leichname und
diese Rohre machten den genuesischen Seemann aufmerksam; er errieth, daß
beide von einem gegen West gelegenen Festlande herrühren mußten. Wir
wissen jetzt, daß in der heißen Zone die Passatwinde und der tropische
Strom sich jeder Wellenbewegung in der Richtung der Umdrehung der Erde
widersetzen. Erzeugnisse der neuen Welt können in die alte Welt nur in
hohen Breiten und in der Richtung des Stroms von Florida gelangen. Häufig
werden Früchte verschiedener Bäume der Antillen an den Küsten der Inseln
Ferro und Gomera angetrieben. Vor der Entdeckung von Amerika glaubten die
Canarier, diese Früchte kommen von der bezauberten Insel St. Borondon, die
nach den Seemannsmärchen und gewissen Sagen westwärts in einem Striche des
Oceans liegen sollte, der beständig in Nebel gehüllt sey.
Mit dieser Uebersicht der Strömungen im Atlantischen Meere wollte ich
hauptsächlich darthun, daß der Zug der Gewässer gegen Südost, von Kap
St. Vincent zu den canarischen Inseln, eine Wirkung der allgemeinen
Bewegung ist, in der sich die Oberfläche des Ozeans an seinem Westende
befindet. Wir erwähnen daher nur kurz des Arms des Golfstroms, der unter
dem 45. und 50. Grad der Breite, bei der Bank Bonnet Flamand, von Südwest
nach Nordost gegen die Küsten von Europa gerichtet ist. Diese Abtheilung
des Stromes wird sehr reißend, wenn der Wind lange aus West geblasen hat.
Gleich dem, der an Ferro und Gomera vorüberstreicht, wirft er alle Jahre
an die Westküsten von Irland und Norwegen Früchte von Bäumen, welche dem
heißen Erdstrich Amerikas eigenthümlich sind. Am Strande der Hebriden
findet man Samen von _Mimosa scandens_, _Dolichos urens_, _Guilandina
bonduc_, und verschiedener anderer Pflanzen von Jamaika, Cuba und dem
benachbarten Festland. Die Strömung treibt nicht selten wohl erhaltene
Fässer mit französischen Wein an, von Schiffen, die im Meere der Antillen
Schiffbruch gelitten. Neben diesen Beispielen von den weiten Wanderungen
der Gewächse stehen andere, welche die Einbildungskraft beschäftigen. Die
Trümmer des englischen Schiffes Tilbury, das bei Jamaika verbrannt war,
wurden an der schottischen Küste gefunden. In denselben Strichen kommen
zuweilen verschiedene Arten von Schildkröten vor, welche das Meer der
Antillen bewohnen. Hat der Westwind lange angehalten, so entsteht in den
hohen Breiten eine Strömung, die von den Küsten von Grönland und Labrador
bis nordwärts von Schottland gerade nach Ost-Süd-Ost gerichtet ist. Wie
Wallace berichtet, gelangten zweimal, in den Jahren 1682 und 1864,
amerikanische Wilde vom Stamme der Eskimos, die ein Sturm in ihren Canoes
aus Fellen auf die hohe See verschlagen, mittels der Strömung zu den
orcadischen Inseln. Dieser letztere Fall verdient um so mehr
Aufmerksamkeit, als man daraus ersieht, wie zu einer Zeit, wo die
Schifffahrt noch in ihrer Kindheit war, die Bewegung der Gewässer des
Oceans ein Mittel werden konnte, um die verschiedenen Menschenstämme über
die Erde zu verbreiten.
Das Wenige, was wir bis jetzt über die wahre Lage und die Breite des
Golfstroms, so wie über die Fortsetzung desselben gegen die Küsten von
Europa und Afrika wissen, ist die Frucht der zufälligen Beobachtung
einiger unterrichteten Männer, welche in verschiedenen Richtungen über das
atlantische Meer gefahren sind. Da die Kenntiß der Strömungen zu Abkürzung
der Seefahrten wesentlich beitragen kann, so wäre es von so großem Belang
für die praktische Seemannskunst, als wissenschaftlich von Interesse, wenn
Schiffe mit vorzüglichen Chronometern im Meerbusen von Mexico und im
nördlichen Ocean zwischen dem 30. und 54. Grad der Breite kreuzten, ganz
eigens zu dem Zweck, um zu ermitteln, in welchem Abstand sich der
Golfstrom in den verschiedenen Jahreszeiten und unter dem Einfluß der
verschiedenen Winde südlich von der Mündung des Mississippi und ostwärts
von den Vorgebirgen Hatteras und Codd hält. Dieselben könnten zu
untersuchen haben, ob der große Strom von Florida beständig am östlichen
Ende der Bank von Neufoundland hinstreicht, und unter welchem Parallel
zwischen dem 32. und 40. Grad westlicher Länge die Gewässer, die von Ost
nach West strömen, denen, welche die umgekehrte Richtung haben, am
nächsten gerückt sind. Die Lösung der letzteren Frage ist desto wichtiger,
als die meisten Fahrzeuge, welche von den Antillen oder vom Cap der guten
Hoffnung nach Europa zurückgehen, die bezeichneten Striche befahren. Neben
der Richtung und Geschwindigkeit der Strömungen könnte sich eine solche
Expedition mit Beobachtungen über die Meerestemperatur, über die Linien
ohne Abweichung, die Inclination der Magnetnadel und die Intensität der
magnetischen Kraft beschäftigen. Beobachtungen dieser Art erhalten einen
hohen Werth, wenn der Punkt, wo sie angestellt worden, astronomisch
bestimmt ist. Auch in den von Europäern am starksten besuchten Meeren,
weit von jeder Küste, kann ein unterrichteten Seemann der Wissenschaft
wichtige Dienste leisten. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe ist
von geringerem Interesse, als die Kenntniß der Gesetze, welche um eine
Menge vereinzelter Thatsachen das einigende Band schlingen.
Denkt man den Ursachen der Strömungen nach, so erkennt man, daß sie viel
häufiger vorkommen müssen, als man gemeiniglich glaubt. Die Gewässer des
Meeres können durch gar mancherlei in Bewegung gesetzt werden, durch einen
äußern Anstoß, durch Verschiedenheiten in Temperatur und Salzgehalt, durch
das zeitweise, Schmelzen des Polareises, endlich durch das ungleiche Maaß
der Verdunstung unter verschiedenen Breiten. Bald wirken mehrere dieser
Ursachen zum selben Effekt zusammen, bald bringen sie entgegengesetzte
Effekte hervor. Schwache, aber beständig in einem gnazen Erdgürtel wehende
Winde, wie die Passatwinde, bedingen eine Bewegung vorwärts, wie wir sie
selbst bei den stärksten Stürmen nicht beobachten, weil diese auf ein
kleines Gebiet beschränkt sind. Wenn in einer großen Wassermasse die
Wassertheilchen an der Oberfläche specifisch verschieden schwer werden, so
bildet sich an der Fläche ein Strom dem Punkte zu, wo das Wasser am
kältesten ist, oder am meisten salzsaures Natron, schwefelsauren Kalk und
schwefelsaure oder salzsaure Bittererde enthält. In den Meeren unter den
Wendekreisen zeigt der Thermometer in großen Tiefen nicht mehr als
7 – 8 Grad der hunterttheiligen Scale. Dieß ergibt sich aus zahlreichen
Beobachtungen des Commodore Ellis und Perons. Da in diesen Strichen die
Lufttemperatur nie unter 19 – 20 Grad sinkt, so kann das Wasser einen dem
Gefrierpunkt und dem Maximum der Dichtigkeit des Wassers so nahe gerückten
Kältegrad nicht an der Oberfläche angenommen haben. Die Existenz solcher
kalten Wasserschichten in niedern Breiten weist somit auf einen Strom hin,
der in der Tiefe von den Polen zum Aequator geht; sie weist ferner darauf
hin, daß die Salze, welche das specifische Gewicht des Wassers verändern,
im Ocean so vertheilt sind, daß sie die von der Verschiedenheit im
Wärmegrad abhängigen Wirkungen nicht aufheben.
Bedenkt man, daß in Folge der Umdrehung der Erde die Wassertheilchen je
nach der Breite eine verschiedene Geschwindigkeit haben, so sollte man
voraussetzen, daß jede von Süd nach Nord gehende Strömung zugleich nach
Ost, die Gewässer dagegen, die vom Pol zum Aequator strömen, nach West
abgelenken müßten. Man sollte ferner glauben, daß diese Neigung den
tropischen Strom bis zu einem gewissen Grad einerseits verlangsamen,
andererseits dem Polarstrom, der sich im Juli und August, wenn das Eis
schmilzt, unter der Breite der Bank von Neufoundland und weiter nordwärts
regelmäßig einstellt, eine andere Richtung geben müßte. Sehr alte
nautische Beobachtungen, die ich bestätigen Gelegenheit hatte, indem ich
die vom Chronometer angegebene Länge mit der Schätzung des Schiffers
verglich, widersprechen diesen theoretischen Annahmen. In beiden
Hemisphären weichen die Polarströme, wenn sie merkbar sind, ein wenig nach
Ost ab; und nach unserer Ansicht ist der Grund dieser Erscheinung in der
Beständigkeit der in hohen Breiten herrschenden Westwinde zu suchen.
Ueberdieß bewegen sich die Wassertheilchen nicht mit derselben
Geschwindigkeit wie die Lufttheilchen, und die stärksten Meereströmungen,
die wir kennen, legen nur 8 bis 9 Fuß in der Secunde zurück; es ist
demnach höchst wahrscheinlich, daß das Wasser, indem es durch verschiedene
Breiten geht, die denselben entsprechende Geschwindigkeit annimmt, und daß
die Umdrehung der Erde ohne Einfluß auf die Richtung der Strömungen
bleibt.
Der verschiedene Druck, dem die Meeresfläche in Folge der wechselnden
Schwere der Luft unterliegt, erscheint als eine weitere Ursache der
Bewegung, die besonders ins Auge zu fassen ist. Es ist bekannt, daß die
Schwankungen des Barometers im Allgemeinen nicht gleichzeitig an zwei
auseinanderliegenden, im selben Niveau befindlichen Punkten eintreten.
Wenn am einen dieser Punkte der Barometer einige Linien tiefer steht als
am andern, so wird sich dort das Wasser in Folge des geringeren Luftdrucks
erheben, und diese örtliche Anschwellung wird andauern, bis durch den Wind
das Gleichgewicht der Luft wiederhergestellt ist. Nach Bauchers Ansicht
rühren die Schwankungen im Spiegel des Genfer Sees, die sogenannten
»Seiches«, eben davon her. In der heißen Zone können die stündlichen
Schwankungen des Barometers kleine Schwingungen an der Meeresfläche
hervorbringen, da der Meridian von 4 Uhr, der dem Minimum des Luftdrucks
entspricht, zwischen den Meridianen von 21 und 11 Uhr liegt, wo das
Quecksilber am höchsten steht; aber diese Schwingungen, wenn sie überhaupt
merkbar sind, können keine Bewegung in horizontaler Richtung zur Folge
haben.
Ueberall wo eine solche durch die Ungleichheit im specifischen Gewicht der
Wassertheile entsteht, bildet sich ein doppelter Strom, ein oberer und ein
unterer, die entgegengesetzte Richtungen haben. Daher ist in den meisten
Meerengen wie in den tropischen Meeren, welche die kalten Gewässer der
Polarregionen aufnehmen, die ganze Wassermasse bis zu bedeutender Tiefe in
Bewegung. Wir wissen nicht, ob es sich eben so verhält, wenn die
Vorwärtsbewegung, die man nicht mit dem Wellenschlag verwechseln darf,
Folge eines äußern Anstoßes ist. De Fleurien führt in seinem Bericht über
die Expedition der Isis mehrere Thatsachen an, die darauf hinweisen, daß
das Meer in der Tiefe weit weniger ruhig ist, als die Physiker gewöhnlich
annehmen. Ohne hier auf eine Untersuchung einzugehen, jmit der wir uns in
der Folge zu beschäftigen haben werden, bemerken wir nur, daß, wenn der
äußere Anstoß ein andauernder ist, wie bei den Passatwinden, durch die
gegenseitige Reibung der Wassertheilchen die Bewegung nothwendig von
Meeresfläche sich auf die tieferen Wasserschichten fortpflanzen muß. Eine
solche Fortpflanzung nehmen auch die Seefahrer beim Golfstrom schon lange
an; auf die Wirkungen derselben scheint ihnen die große Tiefe hinzudeuten,
welche das Meer aller Orten zeigt, wo der Strom von Florida durchgeht,
sogar mitten in den Sandbänken an den Nordküsten der Vereinigten Staaten.
Dieser ungeheure Strom warmen Wassers hat, nachdem er in fünfzig Tagen vom
24. bis 45. Grad der Breite 450 Meilen zurückgelegt, trotz der bedeutenden
Winterkälte in der gemäßigten Zone, kaum 3 – 4 Grad von seiner
ursprünglichen Temperatur unter den Tropen verloren. Die Größe der Masse
und der Umstand, daß das Wasser ein schlechter Wärmeleiter ist, machen,
daß die Abkühlung nicht rascher erfolgt. Wenn sich somit der Golfstrom auf
dem Boden des atlantischen Oceans ein Bett gegraben hat, und wenn seine
Gewässer bis in beträchtliche Tiefen in Bewegung sind, so müssen sie auch
in ihren untern Schichten eine höhere Temperatur behalten, als unter
derselben Breite Meeresstriche ohne Strömungen und Untiefen zeigen. Diese
Fragen sind nur durch unmittelbare Beobachtungen mittelst des Senkbleis
mit Thermometer zu lösen.
Sir Erasmus Gower bemerkt, auf der Ueberfahrt von England nach den
canarischen Inseln gerathe man in die Strömung und dieselbe treibe vom
39. Breitegrade an die Schiffe nach Südost. Auf unerer Fahrt von Corunna
nach Südamerika machte sich der Einfluß dieses Zugs der Wasser noch weiter
nördlich merkbar. Vom 37. zum 30. Grad war die Abweichung sehr ungleich;
sie betrub täglich im Mittel zwölf Meilen, das heißt usnere Corvette wurde
in sechs Tagen um 72 Seemeilen gegen Ost abgetrieben. Als wir auf 140
Meilen (Lieues) Entfernung den Parallel der Meerenge von Gibraltar
schnitten, hatten wir Gelegenheit zur Beobachtung, daß in diesen Strichen
das Maximum der Geschwindigkeit nicht der Oeffnung der Meerenge selbst
entspricht, sondern einem nördlicher gelegenen Punkte in der Verlängerung
einer Linie, die man durch die Meerenge und Cap Vincent zieht. Diese Linie
läuft von der Gruppe der azorischen Inseln bis zum Cap Cantin parallel mit
der Richtung der Gewässer. Es ist ferner zu bemerken, und der Umstand ist
für die Physiker, die sich mit der Bewegung der Flüssigkeiten
beschäftigen, nicht ohne Interesse, daß in diesem Stück des rückläufigen
Stromes, in einer Breite von 120 bis 140 Meilen, nicht die ganze
Wassermasse dieselbe Geschwindigkeit, noch dieselbe Richtung hat. Bei ganz
ruhiger See zeigen sich an der Oberfläche schmale Streifen, kleinen Bächen
gleich, in denen das Wasser mit einem für das Ohr des geübten Schiffers
wohl hörbaren Geräusch hinströmit. Am 13. Juni, unter 34° 35’ nördlicher
Breite, befanden wir uns mitten unter einer Menge solcher Strombetten. Wir
konnten die Richtung derselben mit dem Compaß aufnehmen: die einen liefen
nach Nordost, anderen nach Ost-Nord-Ost, trotz dem, daß der allgemeine Zug
der See, wie die Vergleichung der Schätzung mit der chronometrischen Länge
angab, fortwährend nach Südost gieng. Sehr häufig sieht man eine stehende
Wassermasse von Wasserfäden durchzogen, die nach verschiedenen Richtungen
strömen; solches kann man täglich an der Oberfläche unserer Landseen
beobachten, aber seltener bemerkt man solch partielle Bewegungen kleiner
Wassertheile in Folge lokaler Ursachen mitten in einem Meeresstrome, der
sich über ungeheure Räume erstreckt und sich immer in derselben Richtung,
wenn auch nicht mit bedeutender Geschwindigkeit fortbewegt. Die sich
kreuzenden Strömungen beschäftigen unsere Einbildungskraft, wie der
Wellenschlag, weil diese Bewegungen, die den Ocean in beständiger Unruhe
erhalten, sich zu durchdringen scheinen.
Wir fuhren am Cap Vincent, das aus Besalt besteht, auf mehr als 80 Meilen
[360 km] Entfernung vorüber. Auf 15 Meilen [67,5 km] erkennt man es nicht
mehr deutlich, aber die Foya von Monchique, ein Granitberg in der Nähe des
Caps, soll, wie die Steuerleute behaupten, auf 26 Meilen [117 km] in See
sichtbar seyn. Verhält es sich wirklich so, so ist die Foya 700 Toisen
(1363 Meter) hoch, also 116 Toisen (225 Meter) höher als der Vesuv. Es ist
auffallend, daß die portugiesische Regierung kein Feuer auf einem Punkte
unterhält, nach dem sich alle vom Cap der guten Hoffnung und vom Cap Horn
kommenden Schiffe richten müssen; nach keinem anderen Punkte wird mit so
viel Ungeduld ausgeschaut, bis er in Sicht kommt. Die Feuer auf dem Turm
des Herkules und am Cap Spichel sind so schwach und so wenig weit
sichtbar, daß man sie gar nicht rechnen kann. Dazu wäre das
Capuzinerkloster, das auf Kap Vincent steht, ganz der geeignete Platz zu
einem Leuchtturm mit sich drehendem Feuer, wie zu Cadix und an der
Garonnemündung.
Seit unserer Abfahrt von Corunna und bis zum 36. Breitegrad hatten wir
außer Meerschwalben und einigen Delphinen fast kein lebendes Wesen
gesehen. Umsonst sahen wir uns nach Tangen und Weichthieren um. Am
11. Juni aber hatten wir ein Schauspiel, das uns höchlich überraschte, das
wir aber später in der Südsee häufig genossen. Wir gelangten in einen
Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das
Schiff stand beinahe still, aber die Weichtiere zogen gegen Südost,
viermal rascher als die Strömung. Ihr Vorüberzug währte beinahe
dreiviertel Stunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem
großen Haufen, wie wandermüde, nachziehen. Kommen diese Thiere vom Grunde
des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Toisen tief ist?
oder machen sie in Schwärmen weite Züge? Wie man weiß, lieben die
Weichthiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem
Wasserspiegel, welche Kapitän Vobonne im Jahr 1732 nordwärts von der Insel
Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so läßt sich
annehmen, daß diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir
befanden uns nur 28 Meilen [126 km] von jenen Klippen. Wir erkannten neben
der _Medusa aurita_ von Baster und der _M. pelagica_ von Bosc mit acht
Tentakeln _(Pelagia denticulata, Peron)_ eine dritte Art, die sich der
_M. hysocella_ nähert, die Vandelli an der Mündung des Tajo gefunden hat.
Sie ist ausgezeichnet durch die braungelbe Farbe und dadurch, daß die
Tentakeln länger sind als der Körper. Manche dieser Meernesseln hatten
vier Zoll [10 cm] im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre
violett und purpurn schillernde Färbung hob sich vom Blau der See äußerst
angenehm ab.
Unter den Medusen fand Bonpland Bündel der _Dagysa notata_, eines
Weichthiers von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen
gelernt hat. Es sind kleine gallertartige Säcke, durchsichtig,
walzenförmig, zuweilen vieleckig, 13 Linien [3 mm] lang, 2 – 3 [0,5 bis
0,7 mm] im Durchmesser. Diese Säcke sind an beiden Enden offen. An der
einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck.
Diese Cylinder sind der Länge nach aneinander geklebt wie Bienenzellen und
bilden 6 – 8 Zoll [16 bis 21 cm] lange Schnüre. Umsonst versuchte ich die
galvanische Elektricität an diesen Weichthieren; sie brachte keine
Zusammenziehung hervor. Die Gattung _Dagysa_, die zur Zeit von Cooks
erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehören.
Auch die Salpen wandern in Schwärmen, wobei sie sich zu Schnüren an
einander hängen, wie wir bei der _Dagysa_ gesehen.
Am 13. Juni Morgens unter 34° 33’ Breite sahen wir wieder bei vollkommen
ruhiger See große Haufen des letzterwähnten Thiers vorbeitreiben. Bei
Nacht machten wir die Beobachtung, daß alle drei Medusenarten, die wir
gefangen, nur leuchteten, wenn man sie ganz leicht anstieß. Diese
Eigenschaft kommt also nicht der von Forskael in seiner _Fauna Aegytiaca_
beschriebenen _Medusa noctiluca_ allein zu, die Gmelin mit der _Medusa
pelagica_ Löflings vereinigt, obgleich sie rote Tentakeln und braune
Körperwarzen hat. Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller
und schlägt mit irgendeinem Metall an den Teller, so wird das Tier schon
durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisirt man Medusen,
so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die
Kette schließt, wenn auch die Excitatoren die Organe des Tieres nicht
unmittelbar berühren. Die Finger, mit denen man es berührt, bleiben ein
paar Minuten leuchtend, wie man dies auch beobachtet, wenn man das Gehäuse
der Pholaden zerbricht. Reibt man Holz mit dem Körper einer Meduse und
leuchtet die geriebene Stelle nicht mehr, so erscheint der Schimmer
wieder, wenn man mit der trockenen Hand über das Holz fährt. Ist derselbe
wieder verschwunden, so läßt er sich nicht noch einmal hervorrufen, wenn
auch die geriebene Stelle noch feucht und klebrig ist. Wie wirkt in diesem
Falle die Reibung oder der Stoß? Die Frage ist schwer zu beantworten. Ruft
etwa eine kleine Temperaturerhöhung den Schein hervor, oder kommt er
wieder, weil man die Oberfläche erneuert und so die Theile des Thiers,
welche den Phosphorwasserstoff entbinden, mit dem Sauerstoff der
atmosphärischen Luft in Berührung bringt? Ich habe durch Versuche, die im
Jahre 1797 veröffentlicht worden, dargethan, daß Scheinholz in reinem
Wasserstoff und Stickstoff nicht mehr leuchtet, und daß der Schein
wiederkehrt, sobald man die kleinste Blase Sauerstoff in das Gas treten
läßt. Diese Thatsachen, deren wir in der Folge noch mehrere anführen
werden, bahnen uns den Weg zur Erklärung des Meerleuchtens und des
besonderen Umstandes, daß das Erscheinen des Lichtschimmers mit dem
Wellenschlag in Zusammenhang steht.
Zwischen Madera und der afrikanischen Küste hatten wir gelinde Winde oder
Windstille, wodurch ich mich bei den magnetischen Versuchen, mit denen ich
mich bei der Ueberfahrt beschäftigte, sehr gefördert sah. Wir wurden nicht
satt, die Pracht der Nächte zu bewundern; nichts geht über die Klarheit
und Heiterkeit des afrikanischen Himmels. Wir wunderten uns über die
ungeheure Menge Sternschnuppen, die jeden Augenblick niedergingen. Je
weiter wir nach Süden kamen, desto häufiger wurden sie, besonders bei den
canarischen Inseln. Ich glaube auf meinen Reisen die Beobachtung gemacht
zu haben, daß diese Feuermeteore überhaupt in manchen Landstrichen
häufiger vorkommen und glänzender sind als in anderen. Nie sah ich ihrer
so viele als in der Nähe der Vulkane der Provinz Quito und in der Südsee
an der vulkanischen Küste von Guatimala. Der Einfluß, den Oertlichkeit,
Klima und Jahreszeit auf die Bildung der Sternschnuppen zu haben scheinen,
trennt diese Classe von Meteoren von den Aerolithen, die wahrscheinlich
dem Weltraume außerhalb unseres Luftkreises angehören. Nach den
übereinstimmenden Beobachtungen von Benzenberg und Brandes erscheinen in
Europa viele Sternschnuppen nicht mehr als 30,000 Toisen [58 470 m] über
der Erde. Man hat sogar eine gemessen, die nur 14,000 Toisen [27 280 m]
hoch war. Es wäre zu wünschen, daß dergleichen Messungen, die nur
annähernde Resultate ergeben können, öfters wiederholt würden. In den
heißen Landstrichen, besonders unter den Tropen, zeigen die Sternschnuppen
einen Schweif, der noch 12 bis 15 Secunden fortleuchtet; ein andermal ist
es, als platzten sie und zerstieben in mehrere Lichtfunken, und im
allgemeinen sind sie viel weiter unten in der Luft als im nördlichen
Europa. Man sieht sie nur bei heiterem, blauen Himmel, und unter einer
Wolke ist wohl noch nie eine beobachtet worden. Häufig haben die
Sternschnuppen ein paar Stunden lang eine und dieselbe Richtung, und dies
ist dann die Richtung des Windes. In der Bucht von Neapel haben Gay-Lussac
und ich Lichterscheinungen beobachtet, die denen, welche mich bei meinem
langen Aufenthalt in Mexiko und Quito beschäftigten, sehr ähnlich waren.
Das Wesen dieser Meteore hängt vielleicht ab von der Beschaffenheit von
Boden und Luft, gleich gewissen Erscheinungen von Luftspiegelung und
Strahlenbrechung an der Erdoberfläche, wie sie an den Küsten von Calabrien
und Sicilien vorkommen.
Wir bekamen auf unserer Fahrt weder die Inseln Desiertas noch Madera zu
Gesicht. Gerne hätte ich die Länge dieser Inseln berichtigt und von den
vulkanischen Bergen nordwärts von Funchal Höhenwinkel genommen. De Borda
berichtet, man sehe diese Berge auf 20 Meilen [90 km], was nur auf eine
Höhe von 414 Toisen (806 Meter) hinweise; wir wissen aber, daß nach
neueren Messungen der höchste Gipfel von Madera 5167 englische Fuß oder
807 Toisen [1573 m] hoch ist. Die kleinen Inseln Desiertas und Salvages,
auf denen man Orseille und _Mesembryanthemum crystallinum_ sammelt, haben
nicht 200 Toisen senkrechter Hähe. Es scheint mir von Nutzen, die
Seefahrer auf dergleichen Bestimmungen hinzweisen, weil sich mittelst
einer Methode, deren in dieser Reisebeschreibung öfter Erwähnung geschieht
und deren sich Borda, Lord Mulgrave, de Rossel und Don Cosme Churruca auf
ihren Reisen mit Erfolg bedient haben, durch Höhenwinkel, die man mit
guten Reflexionsinstrumenten nimmt, mit hinlänglicher Genauigkeit
ermitteln läßt, wie weit sich das Schiff von einem Vorgebirge oder von
einer gebirgigen Insel befindet.
Als wir 40 Meilen [180 km] ostwärts von Madera waren, setzte sich eine
Schwalbe auf die Marsstenge. Sie war so müde, daß sie sich leicht fangen
ließ. Es war eine Rauchschwalbe _(Hierundo rustica, Lin.)_. Was mag einen
Vogel veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu
fliegen? Bei d´Entrecasteaux´ Expedition sah man gleichfalls eine
Rauchschwalbe 60 Meilen [270 km] weit vom weißen Vorgebirge; das war aber
Ende Oktobers, und Labillardière war der Meinung, sie komme eben aus
Europa. Wir befuhren diese Striche im Juni, und seit langer Zeit hatte
kein Sturm das Meer aufgerührt. Ich betone den letzteren Umstand, weil
kleine Vögel, sogar Schmetterlinge zuweilen durch heftige Winde auf die
hohe See verschlagen werden, wie wir es in der Südsee, westwärts von der
Küste von Mexiko, beobachten konnten.
Der Pizarro hatte Befehl, bei der Insel Lanzarota, einer der sieben großen
Canarien, anzulegen, um sich zu erkundigen, ob die Engländer die Rhede von
Santa Cruz auf Teneriffa blokirten. Seit dem 15. Juni war man im Zweifel,
welchen Weg man einschlagen sollte. Bis jetzt hatten die Steuerleute, die
mit den Seeuhren nicht recht umzugehen wußten, keine großen Stücke auf die
Länge gehalten, die ich fast immer zweimal des Tags bestimmte, indem ich
zum Uebertrag der Zeit Morgens und Abends Stundenwinkel aufnahm. Endlich
am 16. Juni, um neun Uhr morgens, als wir schon unter 20° 26’ der Breite
waren, änderte der Capitän den Curs und steuerte gegen Ost. Da zeigte sich
bald, wie genau Louis Berthouds Chronometer war; um 2 Uhr nachmittags kam
Land in Sicht, das wie eine kleine Wolke am Horizont erschien. Um fünf
Uhr, bei niedriger stehender Sonne, lag die Insel Lanzarota so deutlich
vor uns, daß ich den Höhenwinkel eines Kegelberges messen konnte, der
majestätisch die anderen Gipfel überragt und den wir für den großen Vulkan
hielten, der in der Nacht vom ersten September 1730 so große Verwüstungen
angerichtet hat.
Die Strömung trieb uns schneller gegen die Küste, als wir wünschten. Im
Hinfahren sahen wir zuerst die Insel Fortaventura, bekannt durch die
vielen Kameele(4), die darauf leben, und bald darauf die kleine Insel
Lobos im Canal zwischen Fortaventura und Lancerota. Wir brachten die Nacht
zum Theil auf dem Verdeck zu. Der Mond beschien die vulkanischen Gipfel
von Lanzerota, deren mit Asche bedeckten Abhänge wie Silber schimmerten.
Antares glänzte nahe der Mondscheibe, die nur wenige Grad über dem
Horizont stand. Die Nacht war wunderbar heiter und frisch. Obgleich wir
nicht weit von der afrikanischen Küste und der Grenze der heißen Zone
waren, zeigte der hunderttheilige Thermometer nicht mehr als 18°. Es war,
als ob das Leuchten des Meeres die in der Luft verbreitete Lichtmasse
vermehrte. Zum erstenmal konnte ich an einem zweizölligen Sextanten von
Troughton mit sehr feiner Theilung den Nonius ablesen, ohne mit einer
Kerze an den Rand zu leuchten. Mehrere unserer Reisegefährten waren
Canarier; gleich allen Einwohnern der Insel priesen sie enthusiastisch die
Schönheit ihres Landes. Nach Mitternacht zogen hinter dem Vulkan schwere
Wolken auf und bedeckten hin und wieder den Mond und das schöne Sternbild
des Scorpion. Wir sahen am Ufer Feuer hin und her tragen. Es waren
wahrscheinlich Fischer, die sich zur Fahrt rüsteten. Wir hatten auf der
Reise fortwährend in den alten spanischen Reisebeschreibungen gelesen, und
diese sich hin und her bewegenden Lichter erinnerten uns an die, welche
Pedro Guttierez, ein Page der Königin Isabella, in der denkwürdigen Nacht,
da die neue Welt entdeckt wurde, auf der Guanahani sah.
Am 17. Morgens war der Horizont nebligt und der Himmel leicht umzogen.
Desto schärfer traten die Berge von Lanzerota in ihren Umrissen hervor.
Die Feuchtigkeit erhöht die Durchsichtigkeit der Luft und rückt zugleich
scheinbar die Gegenstände näher. Diese Erscheinung ist jedem bekannt, der
Gelegenheit gehabt hat, an Orten, wo man die Ketten der Hochalpen oder der
Anden sieht, hygrometrische Betrachtungen anzustellen. Wir liefen, mit dem
Senkblei in der Hand, durch den Canal zwischen den Inseln Alegranza und
Montaña Clara. Wir untersuchten den Archipel kleiner Eilande nördlich von
Lanzerota, die sowohl auf der sonst sehr genauen Karte von de Fleurieu,
als auf der Karte, die zur Reise der Fregatte Flora gehört, so schlecht
gezeichnet sind. Die auf Befehl des Herrn de Castries i. J. 1786
veröffentlichte Karte des Atlantischen Oceans hat dieselben irrigen
Angaben. Da die Strömungen in diesen Strichen ausnehmend rasch sind, so
mag die für die Sicherheit der Schiffahrt nicht unwichtige Bemerkung hier
stehen, daß die Lage der fünf kleinen Inseln Alegranza, Clara, Graciosa,
Roca del Este und Infierno nur auf der Karte der canarischen Inseln von
Borda und im Atlas von Tofiño genau angegeben ist, welcher letztere sich
dabei an die Beobachtungen von Don Jose Varela hielt, die mit denen der
Fregatte Boussole ziemlich übereinstimmen.
Inmitten dieses Archipels, den Schiffe, die nach Teneriffa gehen, selten
befahren, machte die Gestaltung der Küsten den eigenthümlichsten Eindruck
auf uns. Wir glaubten uns in die euganäischen Berge im Vincentinischen
oder an die Ufer des Rheins bei Bonn versetzt (Siebengebirge). Die
Gestaltung der organischen Wesen wechselt nach den Klimaten, und diese
erstaunliche Mannigfaltigkeit gibt dem Studium der Vertheilung der
Pflanzen und Thiere seinen Hauptreiz; aber die Gebirgsarten, die
vielleicht früher gebildet worden, als die Ursachen, von welchen die
Abstufung der Klimate abhängt, in Wirksamkeit getreten, sind in beiden
Hemisphären die nämlichen. Die Porphyre, welche glasigen Feldspath oder
Hornblende einschließen, die Phonolithe (Werners Porphyrschiefer),
Grünsteine, Mandelsteine und Basalte zeigen fast so constante Formen wie
in der Auvergne, im böhmischen Mittelgebirge wie in Mexiko und an den
Ufern des Ganges erkennt man die Trappformation am symmetrischen Bau der
Berge, an den gestutzten, bald einzeln stehenden, bald zu Gruppen
vereinigten Kegeln, an den Plateaux, die an beiden Enden mit einer runden
niedrigen Kuppe gekrönt sind.
Der ganze westliche Theil von Lanzerota, den wir in der Nähe sahen, hat
ganz das Ansehen eines in neuester Zeit von vulkanischem Feuer verwüsteten
Landes. Alles ist schwarz, dürr, von Dammerde entblößt. Wir erkannten mit
dem Fernrohr Basalt in ziemlich dünnen, stark fallenden Schichten. Mehrere
Hügel gleichen dem Monte nuovo bei Neapel oder den Schlacken- und
Aschenhügeln, welche am Fuße des Vulkanes Jorullo in Mexiko in Einer Nacht
aus dem berstenden Boden emporgestiegen sind. Nach Abbé Viera wurde auch
im Jahre 1730 mehr als die Hälfte der Insel völlig umgewandelt. Der »große
Vulkan«, dessen wir oben erwähnt, und der bei den Eingeborenen der Vulkan
von *Temanfaya* heißt, verheerte das fruchtbarste und bestangebaute
Gebiet; neun Dörfer wurden durch die Lavaströme völlig zerstört. Ein
heftiges Erdbeben war der Katastrophe vorangegangen, und gleich starke
Stöße wurden noch mehrere Jahre nachher gespürt. Letztere Erscheinung ist
um so auffallender, je seltener sie nach einem Ausbruch ist, wenn einmal
nach dem Ausfluß der geschmolzenen Stoffe die elastischen Dämpfe durch den
Krater haben entweichen können. Der Gipfel des großen Vulkanes ist ein
runder, nicht genau kegelförmiger Hügel. Nach den Höhenwinkeln, die ich in
verschiedenen Abständen genommen, scheint seine absolute Höhe nicht viel
über 300 Toisen [580 m] zu betragen. Die benachbarten kleinen Berge und
die der Inseln Alegranza und Clara sind kaum 100 bis 120 Toisen [95 bis
134 m] hoch. Man wundert sich, daß Gipfel, die sich auf hoher See so
imposant darstellen, nicht höher seyn sollten. Aber nichts ist so unsicher
als unser Urtheil über die Größe der Winkel, unter denen uns Gegenstände
ganz nahe am Horizont erscheinen. Einer Täuschung derart ist es
zuzuschreiben, wenn vor den Messungen de Churrucas und Galeanos am Cap
Pilar die Berge an der Magellanschen Meerenge und des Feuerlandes bei den
Seefahrern für ungemein hoch galten.
Die Insel Lanzerota hieß früher *Titeroigotra*. Bei der Ankunft der
Spanier zeichneten sich die Bewohner vor den anderen Canariern durch
Merkmale höherer Kultur aus. Sie hatten Häuser aus behauenen Steinen,
während die Guanchen auf Teneriffa, als wahre Troglodyten, in Höhlen
wohnten. Auf Lanzerota herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der
nur bei den Tibetanern vorkommt. [In Tibet ist übrigens die Vielmännerei
nicht so häufig, als man glaubt, und von der Priesterschaft mißbilligt.]
Eine Frau hatte mehrere Männer, welche in der Ausübung der Rechte des
Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur während
eines Mondumlaufs anerkannt, sofort übernahm ein anderer das Amt und jener
trat in das Hausgesinde zurück. Es ist zu bedauern, daß wir von den
Geistlichen im Gefolge Johanns von Béthencourt, welche die Geschichte der
Eroberung der Canarien geschrieben haben, nicht mehr von den Sitten eines
Volkes erfahren, bei dem so sonderbare Bräuche herrschten. Im fünfzehnten
Jahrhundert bestanden auf der Insel Lanzerota zwei kleine voneinander
unabhängige Staaten, die durch eine Mauer geschieden waren, dergleichen
man auch in Schottland, in Peru und in China findet, Denkmäler, die den
Nationalhaß überleben.
Wegen des Windes mußten wir zwischen den Inseln Alegranza und Montaña
Clara durchfahren. Da Niemand am Bord der Corvette je in diesem Canal
gewesen war, so mußte das Senkblei ausgeworfen werden. Wir fanden Grund
bei 25 und 32 Faden [45 bis 60 m]. Mit dem Senkbleu wurde eine organische
Substanz von so sonderbarem Bau aufgezogen, daß wir lange nicht wußten, ob
wir sie für einen Zoophyten oder für eine Tangart halten sollten. Auf
einem bräunlichen, drei Zoll langen Stiel sitzen runde lappige Blätter mit
gezahntem Rand. Sie sind hellgrün, lederartig und gestreift wie die
Blätter der Adianten und des _Ginkgo biloba_. Ihre Fläche ist mit steifen,
weißlichen Haaren bedeckt; vor der Entwicklung sind die concav und in
einander geschachtelt. Wir konnten keine Spur von willkührlicher Bewegung,
von Irritabilität daran bemerken, auch nicht als wir es mit dem
Galvanismus versuchten. Der Stiel ist nicht holzig, sondern besteht aus
einem hornartigen Stoff, gleich der Achse der Gorgonen. Da Stickstoff und
Phosphor in Menge in verschiedenen cryptogamischen Gewächsen nachgewiesen
sind, so wäre nichts dabei herausgekommen, wenn wur auf chemischem Wege
hätte ermitteln wollen, ob dieser organische Körper dem Pflanzen- oder dem
Thierreich angehöre. Da er einigen Seepflanzen mit Adiantenblättern sehr
nahe kommt, so stellten wir ihn vorläufig zu den Tangen und nannten ihn
_Fucus vitifolius_. Die Haare, mit denen das Gewächs bedeckt ist, kommen
bei vielen andern Tangen vor. Allerdings zeigte das Blatt, als es frisch
aus der See unter dem Mikroscop untersucht wurde, nicht die drüsigen
Körper in Häufchen oder die dunkeln Punkte, welche bei den Gattungen
_Ulva_ und _Fucus_ die Fructificationen enthalten; aber wie oft findet man
Tange, die vermöge ihrer Entwicklungsstufe in ihrem durchsichtigen
Paranchym noch keine Spur von Körnern zeigen.
Ich hätte diese Einzelheiten, die in die beschreibende Naturgeschichte
gehören, hier übergangen, wenn sich nicht am Fucus mit weinblattähnlichen
Blättern ein physiologische Erscheinung von allgemeinerem Interesse
beobachten ließe. Unser Seetang hatte, an Madreporen befestigt, 192 Fuß
tief am Meeresboden vegetirt, und doch waren seine Blätter so grün wie
unsere Gräser. Nach de Bouguers Versuchen(5) wird das Licht, das durch 180
Fuß Wasser hindurchgeht, im Verhältniß von 1 zu 1477,8 geschwächt. Der
Tang von Alegranza ist also ein neuer Beweis für den Satz, daß Gewächse im
Dunkeln vegetiren können, ohne farblos zu werden. Die noch in den Zwiebeln
eingeschlossenen Keime mancher Liliengewächse, der Embryo der Malven, der
Rhamnoiden, der Pistazie, der Mistel und des Citronenbaums, die Zweige
mancher unterirdischen Pflanzen, endlich die Gewächse, die man in
Erzgruben findet, wo die umgebende Luft Wasserstoff oder viel Stickstoff
enthält, sind grün ohne Lichtgenuß. Diese Thatsachen berechtigen zu der
Annahme, daß der Kohlenwasserstoff, der das Parenchym dunkler oder heller
grün färbt, je nachdem der Kohlenstoff in der Verbindung vorherrscht, sich
nicht bloß unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen im Gewebe der Gewächse
bildet.
Turner, der so viel für die Familie der Tange geleistet hat, und viele
andere bedeutende Botaniker sind der Ansicht, die Tange, die man an der
Meeresfläche findet, und die unter dem 23. und 35. Grad der Breite und dem
32. der Länge sich dem Seefahrer als eine weite überschwemmte Wiese
darstellen, wachsen ursprünglich auf dem Meeresgrund und schwimmen an der
Oberfläche nur im ausgebildeten Zustand, nachdem sie von den Wellen
losgerissen worden. Ist dem wirklich so, so ist nicht zu läugnen, daß die
Familie der Seealgen große Schwierigkeiten macht, wenn man am Glauben
festhält, daß Farblosigkeit die nothwendige Folge des Mangels an Licht
ist; denn wie sollte man voraussetzen können, daß so viele Arten von
Ulvaceen und Dictyoteen mit grünen Stengeln und Blättern auf Gestein
unmittelbar unter der Meeresfläche gewachsen sind?
Nach den Angaben eines alten portugiesischen Wegweisers meinte der Capitän
des Pizarro sich einem kleinen Fort nördlich von Teguise, dem Hauptort von
Lancerota, gegenüber zu befinden. Man hielt einen Basaltfelsen für ein
Kastell, man salutirte es durch Aufhissen der spanischen Flagge und warf
das Boot aus, um sich durch einen Officier beim Commandanten des
vermeintlichen Forts erkundigen zu lassen, ob die Engländer in der
Umgegend kreuzten. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir vernahmen, daß
das Land, das wir für einen Theil der Küste von Lanzerota gehalten, die
kleine Insel Graciosa sey und daß es auf mehrere Kilometer in der Runde
keinen bewohnten Ort gebe.
Wir benutzten das Boot, um ans Land zu gehen, das den Schlußpunkt einer
weiten Bai bildete. Ganz unbeschreiblich ist das Gefühl des
Naturforschers, der zum erstenmal einen außereuropäischen Boden betritt.
Die Aufmerksamkeit wird von so vielen Gegenständen in Anspruch genommen,
daß man sich von seinen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben vermag.
Bei jedem Schritt glaubt man einen neuen Naturkörper vor sich zu haben,
und in der Aufregung erkennt man häufig Dinge nicht wieder, die in unseren
botanischen Gärten und naturgeschichtlichen Sammlungen zu den gemeinsten
gehören. 100 Toisen [ca. 200 m] vom Ufer sahen wir einen Mann mit der
Angelruthe fischen. Man fuhr im Boot auf ihn zu, aber er ergriff die
Flucht und versteckte sich hinter Felsen. Die Matrosen hatten Mühe, seiner
habhaft zu werden. Der Anblick der Corvette, der Kanonendonner am
einsamen, jedoch zuweilen von Kapern besuchten Orte, das Landen des
Bootes, Alles hatte dem armen Fischer Angst eingejagt. Wir erfuhren von
ihm, die kleine Insel Graciosa, an der wir gelandet, sey von Lanzerota
durch einen engen Canal, el Rio genannt, getrennt. Er erbot sich, uns in
den Hafen los Colorados zu führen, wo wir uns hinsichtlich der Blokade von
Tenerifa erkundigen könnten; da er aber zugleich versicherte, seit
mehreren Wochen kein Fahrzeug auf offener See gesehen zu haben, so
beschloß der Kapitän, geradezu nach Santa Cruz zu steuern.
Das kleine Stück der Insel Graciosa, das wir kennengelernt, gleicht den
aus Laven aufgebauten Vorgebirgen bei Neapel zwischen Portici und Torre
del Greco. Die Felsen sind nackt, ohne Bäume und Gebüsche, meist ohne Spur
von Dammerde. Einige Flechten, Variolarien, Leprarien, Urceolarien, kamen
hin und wieder auf dem Basalt vor. Laven, die nicht mit vulkanischer Asche
bedeckt sind, bleiben Jahrhunderte ohne eine Spur von Vegetation. Auf dem
afrikanischen Boden hemmt die große Hitze und die lange Trockenheit die
Entwicklung der cryptogamischen Gewächse.
Mit Sonnenuntergang schifften wir uns wieder ein und gingen unter Segel,
aber er Wind war zu schwach, als daß wir unseren Weg nach Teneriffa hätten
fortsetzen können. Die See war ruhig; ein röthlicher Dunst umzog den
Horizont und ließ alle Gegenstände größer erscheinen. In solcher
Einsamkeit, ringsum so viele unbewohnte Eilande, schwelgten wir lange im
Anblick einer wilden, großartigen Natur. Die schwarzen Berge von Graciosa
zeigten fünf, sechshundert Fuß [160 bis 200 m] hohe senkrechte Wände. Ihre
Schatten, die auf die Meeresfläche fielen, gaben der Landschaft einen
schwermüthigen Charakter. Gleich den Trümmern eines gewaltigen Gebäudes
stiegen Basaltfelsen aus dem Wasser auf. Ihr Dasein mahnte uns an die weit
entlegene Zeit, wo unterseeische Vulkane neue Inseln emporhoben oder die
Festländer zertrümmerten. Alles umher verkündete Verwüstung und
Unfruchtbarkeit; aber einen freundlicheren Anblick bot im Hintergrunde des
Bildes die Küste von Lanzerota. In einer engen Schlucht, zwischen zwei mit
verstreuten Baumgruppen gekrönten Hügeln, zog sich ein kleiner bebauter
Landstrich hin. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten das zur Ernte
reife Korn. Selbst die Wüste belebt sich, sobald man den Spuren der
arbeitsamen Menschenhand begegnet.
Wir versuchten aus der Bucht herauszukommen, und zwar durch den Canal
zwischen Alegranza und Montaña Clara, durch den wir ohne Schwierigkeit
hereingelangt waren, um an der Nordspitze von Graciosa ans Land zu gehen.
Da der Wind sehr flau wurde, so trieb uns die Strömung nahe zu einem Riff,
an dem sich die See ungestüm brach, und das die alten Karten als
»Infierno« bezeichneten. Als wir das Riff auf zwei Kabellängen vom
Vordertheil der Corvette vor uns hatten, sahen wir, daß es eine drei, vier
Klafter [5,8 bis 7,8 m] hohe Lavakuppe ist, voll Höhlungen und bedeckt mit
Schlacken, die den Coaks [Koks] oder der schwammigen Masse der
entschwefelten Steinkohle ähnlich ist. Wahrscheinlich ist die Klippe
Infierno(6) welche die neueren Karten _Roca del Oeste_ (westlicher Fels)
nennen, durch das vulkanische Feuer emporgehoben. Sie kann sogar früher
weit höher gewesen seyn; denn die »neue Insel« der Azoren, die zu
wiederholten malen aus dem Meere gestiegen, in den Jahren 1638 und 1719,
war 354 Fuß [115 m] hoch [Im Jahre 1720 war die Insel auf 7 – 8 Meilen
(31 bis 36 km) sichtbar. In denselben Strichen ist im Jahre 1811 wieder
eine Insel erschienen.] geworden, als sie im Jahre 1728 so gänzlich
verschwand, daß man da, wo sie gestanden das Meer 80 Faden [146 m] tief
fand. Meine Ansicht vom Ursprung der Basaltkuppe Infierno wird durch ein
Ereigniß bestätigt, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in derselben
Gegend beobachtet wurde. Beim Ausbruch des Vulkanes Temanfaya erhoben sich
vom Meeresboden zwei pyramidale Hügel von steiniger Lava und verschmolzen
nach und nach mit der Insel Lanzerota.
Da der schwache Wind und die Strömung uns aus dem Canal von Alegranza
nicht herauskommen ließen, beschloß man, während der Nacht zwischen der
Insel Clara und der _Roca del Oeste_ zu kreuzen. Dieß hätte beinahe sehr
schlimme Folgen für uns gehabt. Es ist gefährlich, sich bei Windstille in
der Nähe dieses Riffes aufzuhalten, gegen das die Strömung ausnehmend
stark hinzieht. Um Mitternacht fingen wir an, die Wirkung der Strömung
gewahr zu werden. Die nahe vor uns senkrecht aus dem Wasser aufsteigenden
Felsmassen benahmen uns den wenigen Wind, der wehte; die Corvette
gehorchte dem Steuer fast nicht mehr und jeden Augenblick fürchtete man zu
stranden. Es ist schwer begreiflich, wie eine einzelne Basaltkuppe mitten
im weiten Weltmeer das Wasser in solche Aufregung versetzen kann. Diese
Erscheinungen, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker verdienen,
sind übrigens den Seefahrern wohl bekannt; sie treten in der Südsee,
namentlich im kleinen Archipel der Galapagos-inseln, in furchtbarem
Maßstab auf. Der Temperaturunterschied zwischen der Flüssigkeit und der
Felsmasse vermag den Zug der Strömung zu ihnen hin nicht zu erklären, und
wie sollte man es glaublich finden, daß sich das Wasser am Fuße der
Klippen in die Tiefe stürzt, und daß bei diesem fortwährenden Zug nach
unten die Wassertheilchen den entstehenden leeren Raum auszufüllen suchen
(7)?
Am 18. Morgens wurde der Wind etwas frischer, und so gelang es uns, aus
dem Canal zu kommen. Wir kamen dem Infierno noch einmal sehr nahe, und
jetzt bemerkten wir im Gestein große Spalten, durch welche wahrscheinlich
die Gase entwichen, als die Basaltkuppe emporgehoben wurde. Wir verloren
die kleinen Inseln Alegranza, Montaña Clara und Graciosa aus dem Gesicht.
Sie scheinen nie von Guanchen bewohnt gewesen zu seyn und man besucht sie
jetzt nur, um Orseille dort zu sammeln; diese Pflanze ist übrigens weniger
gesucht, seit so viele andere Flechtenarten aus dem nördlichen Europa
kostbare Farbstoffe liefern. Montaña Clara ist berühmt weger der schönen
Canarienvögel, die dort vorkommen. Der Gesang dieser Vögel wechselt nach
Schwärmen, wie ja auch bei uns der Gesang der Finken in zwei benachbarten
Landstrichen häufig ein anderer ist. Auf Montaña Clara gibt es auch
Ziegen, zum Beweis, daß das Eiland im Inneren nicht so öde ist als die
Küste, die wir gesehen. Der Name Alegranza kommt her von »La Joyeuse«, wie
die ersten Eroberer der Canarien, zwei normännische Barone, Jean de
Béthencourt und Gadifer de Salle, die Insel benannten. Es war der erste
Punkt, wo sie gelandet. Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen auf der
Insel Graciosa, von der wir ein kleines Stück gesehen, beschlossen sie,
sich der benachbarten Insel Lanzerota zu bemächtigen, und wurden von
Guadarfia, dem Häuptling der Guanchen, so gastfreundlich empfangen, wie
Cortez im Palast Montezumas. Der Hirtenkönig, der keine anderen Schätze
hatte als seine Ziegen, wurde so schmählich verraten, wie der mexikanische
Sultan.
Wir fuhren an den Küsten von Lanzerota, Lobos und Fortaventura hin. Die
zweite scheint früher mit den andern zusammengehangen zuhaben. Diese
geologische Hypothese wurde schon im siebzehnten Jahrhundert von einem
Franziskaner, Juan Galindo, aufgestellt. Er war sogar der Ansicht, König
Juba habe nur sechs canarische Inseln genannt, weil zu seiner Zeit drei
derselben nur Eine gebildet. Ohne auf diese unwahrscheinliche Hypothese
einzugehen, haben gelehrte Geographen den Archipel der Canarien für die
beiden Inseln Innonia, die Inseln Rivaria, Ombrios, Canaria und Capraria
der Alten erklärt.
Da der Horizont dunstig war, konnten wir auf der ganzen Ueberfahrt von
Lanzerota nach Teneriffa des Gipfels des Pik de Teyde nicht ansichtig
werden. Ist der Vulkan wirklich 1905 Toisen [3712 m] hoch, wie Bordas
letzte trigonometrische Messung angibt, so muß sein Gipfel auf 43
Seemeilen [80 km] zu sehen sey, das Auge am Meeresspiegel angenommen und
die Refraction gleich 0,079 der Entfernung. Man hat in Zweifel gezogen, ob
der Pic zwischen Lanzerota und Fortaventura, der nach Varelas Karte 2° 29’
oder gegen 50 Meilen (Lieues) davon entfernt ist, je gesehen worden sey.
Der Punkt scheint indessen durch einige Offiziere der königlich spanischen
Marine entschieden worden zu seyn; ich habe an Bord der Corvette Pizarro
ein Schifftagebuch in Händen gehabt, in dem stand, der Pic von Tenerifa
sey in 135 Seemeilen [250 km] Entfernung beim südlichen Vorgebirg von
Lanzerota, genannt Pichiguera, gesehen worden, und zwar erschien der
Gipfel unter einem so großen Winkel, daß der Beobachter, Don Manuel
Bazuti, glaubt, der Vulkan hätte noch 9 Meilen weiter weg gesehen werden
können. Das war im September, gegen Abend, bei sehr feuchtem Wetter.
Rechnet man 15 Fuß als Erhöhung des Auges über der See, so finde ich, daß
man, um die Erscheinung zu erklären, eine Refraction gleich 0,158 des
Bogens anzunehmen hat, was für die gemäßigte Zone nicht außerordentlich
viel ist. Nach den Beobachtungen des Generals Roy schwanken in England die
Refractionen zwischen 1/20 und 1/3, und wenn es wahr ist, daß sie an der
Küste von Afrika diese äußersten Grenzen erreichen, woran ich sehr
zweifle, so könnte unter gewissen Umständen der Pic vom Verdeck eines
Schiffes auf 61 Seemeilen gesehen werden.
Seeleute, die häufig diese Striche befahren und über die Ursachen der
Naturerscheinungen nachdenken, wundern sich, daß der Pic de Teyde und der
der Azoren(8) zuweilen in sehr großer Entfernung zum Vorschein kommen, ein
andermal in weit größerer Nähe nicht sichtbar sind, obgleich der Himmel
klar erscheint und der Horizont nicht dunstig ist. Diese Umstände
verdienen die Aufmerksamkeit des Physikers um so mehr, als viele Fahrzeuge
auf der Rückreise nach Europa mit Ungeduld des Erscheinens dieser Berge
harren, um ihre Länge danach zu berichtigen, und sie sich wieder davon
entfernt glauben, als sie in Wahrheit sind, wenn sie sie bei hellem Wetter
in Entfernungen, wo die Sehwinkel schon sehr bedeutend seyn mußten, nicht
sehen können. Der Zustand der Atmosphäre hat den bedeutendsten Einfluß auf
die Sichtbarkeit ferner Gegenstände. Im Allgemeinen läßt sich annehmen,
daß der Pic von Tenerifa im Juli und August, bei sehr warmem, trockenem
Wetter, ziemlich selten sehr weit gesehen wird, daß er dagegen im Januar
und Februar, bei leicht bedecktem Himmel und unmittelbar nach oder einige
Stunden vor einem starken Regen in außerordentlich großer Entfernung zu
Gesicht kommt. Die Durchsichtigkeit der Luft scheint, wie schon oben
bemerkt, in erstaunlichem Maaße erhöht zu werden, wenn eine gewisse Menge
Wasser gleichförmig in derselben verbreitet ist. Zudem darf man sich nicht
wundern, wenn man den Pic de Teyde seltener sehr weit sieht, als die
Gipfel der Anden, die ich so lange Zeit habe beobachten können. Der Pic
ist nicht so hoch als der Theil des Atlas, an dessen Abhang die Stadt
Marocco liegt, und nicht wie dieser mit ewigem Schnee bedeckt. Der *Piton*
oder *Zuckerhut*, der die oberste Spitze des Pics bildet, wirft allerdings
vieles Licht zurück, weil der aus dem Krater ausgeworfene Bimsstein von
weißlicher Farbe ist; aber dieser kleine abgestutzte Kegel mißt nur ein
Zwanzigtheil der ganzen Höhe. Die Wände des Vulkans sind entweder mit
schwarzen, verschlackten Lavablöcken oder mit einem kräftigen
Pflanzenwuchse bedeckt, dessen Masse um so weniger Licht zurückwirft, als
die Baumblätter voneinander durch Schatten getrennt sind, die einen
größeren Umfang haben als die beleuchteten Theile.
Daraus geht hervor, daß der Pic von Tenerifa, abgesehen vom *Piton*, zu
den Bergen gehört, die man, wie Bouguer sich ausdrückt, auf weite
Entfernung nur *negativ* sieht, weil sie das Licht auffangen, das von der
äußersten Grenze des Luftkreises zu uns gelangt, und wir ihr Daseyn nur
gewahr werden, weil das Licht in der sie umgebenden Luft und das , welches
die Lufttheilchen zwischen dem Berge und dem Auge des Beobachters
fortpflanzen, von verschiedener Intensität sind. [Aus den Versuchen
desselben Beobachters geht hervor, daß, wenn dieser Unterschi8ed für
unsere Organe merkbar werden und der Berg sich deutlich vom Himmel abheben
soll, das eine Licht wenigstens um ein Sechzigtheil stärker seyn muß als
das andere.] Entfernt man sich von der Insel Teneriffa, so bleibt der
Piton oder Zuckerhut ziemlich lange *positiv* sichtbar, weil er weißes
Licht reflektirt und sich vom Himmel hell abhebt; da aber dieser Kegel nur
80 Toisen [156 m] hoch und an der Spizte 40 Toisen [78 m] breit ist, so
hat man neuerdings die Frage aufgeworfen, ob er bei so unbedeutender Masse
auf weiter als 40 Meilen sichtbar seyn kann, und ob es nicht
wahrscheinlicher ist, daß man in See den Pic erst dann als ein Wölkchen
über dem Horizont gewahr wird, wenn bereits die Basis des Piton
heraufzurücken beginnt. Nimmt man die mittlere Breite des Zuckerhutes zu
100 Toisen [200 m] an, so findet man, daß der kleine Kegel in 40 Meilen
Entfernung in horizontaler Richtung noch unter einem Winkel von mehr als 3
Minuten erscheint. Dieser Winkel ist groß genug, um einen Gegenstand
sichtbar zu machen, und wenn der Piton beträchtlich höher wäre, als in der
Basis breit, so dürfte der Winkel in horizontaler Richtung noch kleiner
seyn, und der Gegenstand machte doch noch einen Eindruck auf unsere
Organe; aus mikrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß eine Minute nur
dann die Grenze der Sichtbarkeit ist, wenn die Gegenstände nach allen
Richtungen von gleichem Durchmesser sind, Man erkennt in einer weiten
Ebene einzelne Baumstämme mit bloßem Auge, obgleich der Sehwinkel nur 25
Secunden beträgt.
Da die Sichtbarkeit eines Gegenstandes, der sich dunkelfarbig abhebt, von
der Lichtmenge abhängt, die auf zwei Linien zum Auge gelangen, deren eine
am Berg endet, während die andere bis zur Grenze des Luftmeers fortläuft,
so folgt daraus, daß, je weiter man vom Gegenstand wegrückt, desto kleiner
der Unterschiede wird zwischen Licht der umgebenden Luft und dem Licht der
vor dem Berg befindlichen Luftschichten. Daher kommt, daß nicht sehr hohe
Berggipfel, wenn sie sich über dem Horizont zu zeigen anfangen, anfangs
dunkler erscheinen als Gipfel, die man auf sehr große Entfernung sieht.
Ebenso hängt die Sichtbarkeit von Bergen, die man nur negativ gewahr wird,
nicht allein vom Zustand der untern Luftschichten ab, auf die unsere
meteorologischen Beobachtungen beschränkt sind, sondern auch von der
Durchsichtigkeit und der physischen Beschaffenheit der höheren Regionen;
denn das Bild hebt sich desto besser ab, je stärker das Licht in der Luft,
das von den Grenzen der Atmosphäre herkommt, ursprünglich ist, oder je
weniger Verlust es auf seinem Durchgang erlitten hat. Dieser Umstand macht
es bis zu einem gewissen Grade erklärlich, warum bei gleich heiterem
Himmel, bei ganz gleichem Thermometer- und Hygrometerstand nahe an der
Erdoberfläche, der Pic auf Schiffen, die gleich weit davon entfernt sind,
des einemal sichtbar ist, das anderemal nicht. Wahrscheinlich würde man
sogar den Vulkan nicht häufiger sehen können, wenn die Höhe des
Aschenkegels, an dessen Spitze sich die Krateröffnung befindet, ein
Viertheil der ganzen Berghöhe wäre, wies es beim Vesuv der Fall ist. Die
Asche, zu Pulver zerriebener Bimsstein, wirft das Licht nicht so stark
zurück als der Schnee der Anden. Sie macht, daß der Berg bei sehr großem
Abstand sich nicht hell, sondern weit schwächer dunkelfarbig abhebt. Sie
trägt so zu sagen dazu bei, die Antheile des in der Luft verbreiteten
Lichtes, deren veränderliche Unterschiede einen Gegenstand mehr oder
weniger deutlich sichtbar machen, auszugleichen. Kahle Kalkgebirge, mit
Granitsand bedeckte Berggipfel, die hohen Savannen der Kordilleren, [_Los
Pajonales_, von _paja_, Gras. So heißt die Zone der grasartigen Gewächse,
welche unter der Region des ewigen Schnees liegt.] die goldgelb sind,
treten allerdings in geringer Entfernung deutlicher hervor als
Gegenstände, die man negativ sieht; aber nach der Theorie besteht eine
gewisse Grenze, jenseits welcher diese letzteren sich bestimmter vom Blau
des Himmels abheben.
Bei den colossalen Berggipfeln von Quito und Peru, die über die Grenze des
ewigen Schnees hinausragen, wirken alle günstigen Umstände zusammen, um
sie unter sehr kleinen Winkeln sichtbar zu machen. Wir haben oben gesehen,
daß der abgestumpfte Gipfel des Pic von Tenerifa nur gegen 300 Toisen
[580 m] Durchmesser hat. Nach den Messungen, die ich im Jahre 1803 zu
Riobamba angestellt, ist die Kuppe des Chimborazo 153 Toisen [298 m] unter
der Spitze, also an einer Stelle, die 1300 Toisen [2533 m] höher liegt als
der Pik, noch 673 Toisen (1312 Meter) breit. Ferner nimmt die Zone des
ewigen Schnees ein Viertheil der ganzen Berghöhe ein, und die Basis dieser
Zone ist, von der Südsee gesehen, 3437 Toisen (6700 Meter) breit. Obgleich
aber der Chimborazo um zwei Drittel höher ist als der Pic, sieht man ihn
doch wegen der Krümmung der Erde nur 38 1/3 Meilen weiter. Wenn er im
Hafen von Guayaquil am Ende der Regenzeit am Horizont auftaucht, glänzt
sein Schnee so stark, daß man glauben sollte, er müßte sehr weit in der
Südsee sichtbar seyn. Glaubwürdige Schiffer haben mich versichtert, sie
haben ihn bei der Klippe Muerto, südwestlich von der Insel Puna, auf 47
Meilen [211,5 km] gesehen. So oft er noch weiter gesehen worden, sind die
Angaben unzuverlässig, weil die Beobachter ihrer Länge nicht gewiß waren.
Das in der Luft verbreitete Licht erhöht, indem es auf die Berge fällt,
die Sichtbarkeit derer, die positiv sichtbar sind; die Stärke desselben
vermindert im Gegentheil die Sichtbarkeit von Gegenständen, die, wie der
Pic von Teneriffa und der der Azoren, sich dunkelfarbig abheben. Bouguer
hat auf theoretischem Wege gefunden, daß nach der Beschaffenheit unserer
Atmosphäre Berge negativ nicht weiter als auf 35 Meilen gesehen werden
können. Die Erfahrung — und diese Bemerkung ist wichtig — widerspricht
dieser Rechnung. Der Pik von Tenerifa ist häufig auf 36, 38, sogar auf 40
Meilen gesehen worden. Noch mehr, auf der Fahrt nach den Sandwichsinseln
hat man den Gipfel des Mowna-Roa(9) und zwar zu einer Zeit, wo kein Schnee
darauf lag, dicht am Horizont auf 53 Meilen gesehen. Dies ist bis jetzt
das auffallendste bekannte Beispiel von der Sichtbarkeit eines Berges, und
was noch merkwürdiger ist, es handelt sich dabei von einem Gegenstand, der
nur negativ sichtbar ist.
Ich glaubte diese Bemerkungen am Ende dieses Capitels zusammenstellen zu
sollen, weil sie sich auf eines der wichtigsten Probleme der Optik
beziehen, auf die Schwächung der Lichtstrahlen bei ihrem Durchgang durch
die Schichten der Luft, und zugleich nicht ohne praktischen Nutzen sind.
Die Vulkane Teneriffas und der Azoren, die Sierra Nevada von St. Martha,
der Pic von Orizaba, die Silla bei Caracas, Mowna-Roa und der
St. Eliasberg liegen vereinzelt in weiten Meeresstrecken oder auf den
Küsten der Continente, und dienen so dem Seefahrer, der die Mittel nicht
hat, um den Ort des Schiffes durch Sternbeobachtungen zu bestimmen,
gleichsam als Bojen im Fahrwasser. Alles, was mit der Erkennbarkeit dieser
natürlichen Bojen zusammenhängt, ist für die Sicherheit der Schifffahrt
von Belang.
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1 Ich muß hier bemerken, daß ich von einem Werke in sechs Bänden, das
unter dem seltsamen Titel: »Reise um die Welt und in Südamerika, von
A. v. Humboldt, erschienen bei Vollmer in Hamburg«, niemals Kenntniß
genommen habe. Diese in meinem Namen verfaßte Reisebeschreibung
scheint nach in den Tageblättern gegebenen Nachrichten und nach
einzelnen Abhandlungen, die ich in der ersten Classe des
französischen Institutes gelesen, zusammengeschrieben zu seyn. Um
das Publikum aufmerksam zu machen, hielt es der Kompilator für
angemessen, einer Reise in einige Länder des neuen Kontinentes den
anziehenderen Titel einer »Reise um die Welt« zu geben.
2 Ich habe die Beobachtungen, die ich in beiden Hemisphären
anzustellen Gelegenheit gehabt, mit denen zusammengestellt, die in
den Werken von Cook, Lapérouse, d´Entrecasteur, Vancouver,
Macartney, Krusenstern und Marchand gegeben sind, und darnach
schwankt die Geschwindigkeit der allgemeinen Strömung unter den
Tropen zwischen 5 und 18 Meilen in 24 Stunden, somit zwischen
0,3 und 1,2 Fuß in der Secunde.
3 Wenn es sich von der Meerestemperatur handelt, hat man sorgfältig
vier ganz gesonderte Erscheinungen zu unterscheiden: 1) die
Temperatur des Wassers an der Oberfläche unter verschiedenen
Breiten, das Meer als ruhig angenommen; 2) die Abnahme der Wärme in
den über eineander gelagerten Wasserschichten; 3) den Einfluß der
Untiefen auf die Temperatur des Meeres; 4) die Temperatur der
Strömungen, die mit constanter Geschwindigkeit die Gewässer der
einen Zone durch ruhenden Gewässer der andern hindurchführen.
4 Diese Kameele, die zum Feldbau dienen und deren Fleisch man im Lange
zuweilen eingesalzen ißt, lebten hier nicht vor der Eroberung der
Inseln durch die Béthencourts. Im sechzehnten Jahrhundert hatten
sich die Esel auf Fortaventura dergestalt vermehrt, daß sie
verwildert waren und man Jagd auf sie machen mußte. Man schoß ihrer
mehrere tausend, damit die Ernten nicht zu Grunde gingen. Die Pferde
auf Fortaventura sind von berberischer Rasse und ausgezeichnet
schön.
5 In 32 Faden Tiefe kann der Fucus nur von einem Lichte beleuchtet
gewesen seyn, das 203mal stärker ist als das Mondlicht, also gleich
der Hälfte des Lichts, das eine Talgkerze auf 1 Fuß Entfernung
verbreitet. Nach meinen direkten Versuchen wird aber das _Lepidium
saticum_ beim glänzenden Lichte zweier Argandschen Lampen kaum
merkbar grün.
6 Ich bemerke hier, daß diese Klippe schon auf der berühmten
venetianischen Karte des Andrea Bianco angegeben ist, daß aber mit
dem Namen Infierno, wie auch auf der ältesten Karte des Picigano,
Teneriffa bezeichnet ist, wahrscheinlich, weil die Guanchen den Pic
als den Eingang der Hölle ansahen.
7 Mit Verwunderung liest man in einem sonst ganz nützlichen, unter den
Seeleuten sehr verbreiteten Buche, in der neunten Ausgabe des
_Practical Navigator_ von Hamilton Moore, p. 200, in Folge der
Massenattractien oder der allgemeinen Schwere komme ein Fahrzeug
schwer von der Küste weg und werde die Schaluppe einer Fregatte von
dieser selbst angezogen.
8 Die Höhe dieses Pics beträgt nach de Fleurien 1100 Toisen [2144 m],
nach Ferrer 1238 [2413], nach Tofino 1260 [2457], aber diese Maaße
sind nur annähernde Schätzungen. Der Capitän des Pizarro, Don Manuel
Cagigal, hat mir aus seinem Tagebuch bewiesen, daß er den Pic der
Azoren auf 37 Meilen Entfernung gesehen hat, zu einer Zeit, wo er
seiner Länge wenigstens bis auf 2 Minuten gewiß war. Der Vulkan
wurde in Süd 4° Ost gesehen, so daß der Irrthum in der Länge auf die
Schätzung der Entfernung nur ganz unbedeutenden Einfluß haben
konnte. Indessen war der Winkel, unter dem der Pic der Azoren
erschien, so groß, daß Cagigal der Meinung ist, der Vulkan müsse auf
mehr als 40 oder 42 Lieues zu sehen seyn. Der Abstand von 37 Lieues
setzt eine Höhe von 1431 Toisen [2789 m] voraus.
9 Der Mowna-Roa auf den Sandwichsinseln ist nach Marchand über 2598
Toisen hoch, nach King 2577, aber diese Messungen sind, trotz ihrer
zufälligen Uebereinstimmung, keineswegs auf zuverlässigem Wege
erzielt. Es ist eine ziemlich auffallende Erscheinung, daß ein
Berggipfel unter 19° Breite, der wahrscheinlich über 2500 Toisen
hoch ist, von Schnee ganz entblößt wird. Die starke Abplattung des
Mowna-Roa, der *Mesa* der alten spanischen Karten, seine vereinzelte
Lage im Weltmeer und die Häufigkeit gewisser Winde, die durch den
aufsteigenden Strom abgelenkt, in schiefer Richtung wehen, mögen die
vornehmsten Ursachen seyn. Es läßt sich nicht wohl annehmen, daß
sich Capitän Marchand in der Schätzung des Abstandes, in dem er am
10. Oktober 1791 den Gipfel des Mowna-Roa sah, bedeutend geirrt
habe. Er hatte die Insel O-Whyhee erst am 7. Abends verlassen, und
nach der Bewegung der Gewässer und den Mondsbeobachtungen am
10. betrug die Entfernung wahrscheinlich sogar noch mehr als 53
Meilen. Ueberdieß berichtet ein erfahrner Seemann, de Fleurien, daß
der Pic von Teneriffa selbst bei nicht ganz klarem Wetter auf 35 bis
36 Meilen zu sehen sey.
ZWEITES KAPITEL
Aufenthalt auf Teneriffa — Reise von Santa Cruz nach Orotava —
Besteigung des Pics
Von unserer Abreise von Graciosa an war der Horizont fortwährend so
dunstig, daß trotz der ansehnlichen Höhe der Berge Canarias _(Isla de la
gran Canaria)_ die Insel erst am 19. Abends in Sicht kam. Sie ist die
Kornkammer des Archipels der »glückseligen Inseln«, und man behauptet, was
für ein Land außerhalb der Tropen sehr auffallend ist, in einigen Strichen
erhalte man zwei Getreideernten im Jahre, eine im Februar, die andere im
Juni. Canaria ist noch nie von einem unterrichteten Mineralogen besucht
worden; sie verdiente es aber um so mehr, als mir ihre in parallen Ketten
streichenden Berge von ganz andrem Charakter schienen, als die Gipfel von
Lancerota und Teneriffa. Nichts ist für den Geologen anziehender als die
Beobachtung, wie sich an einem bestimmten Punkte die vulkanischen
Bildungen zu den Urgebirgen und den securdären Gebirgen verhalten. Sind
einmal die canarischen Inseln in allen ihren Gebirgsgliedern erforscht, so
wird sich zeigen, daß man zu voreilig die Bildung der ganzen Gruppe einer
Hebung durch unterseeische Feuerausbrüche zugeschrieben hat.
Am 19. Morgens sahen wir den Berggipfel Naga (_Punta de Naga_, _Anaga_
oder _Nago_), aber der Pik von Teneriffa blieb fortwährend unsichtbar. Das
Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse.
Als wir uns der Rhede von Santa Cruz näherten, bemerkten wir, daß der
Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie
fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das
Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, daß man kaum auf ein
paar Kabellängen sah. Aber eben da man anfing den Platz zu salutiren,
zerstreute sich der Nebel völlig, und da erschien der Pic de Teyde in
einem freien Stück Himmel über den Wolken, und die ersten Strahlen der
Sonne, die für uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des
Vulkanes. Wir eilten eben aufs Vordertheil der Corvette, um dieses
herrlichen Schauspiels zu genießen, da signalisirte man vier englische
Schiffe, die ganze nahe an unseren Hintertheile auf der Seite lagen. Wir
waren in ihnen vorbeigesegelt, ohne daß sie uns bemerkt hatten, und
derselbe Nebel, der uns den Anblick des Pic entzogen, hatte uns der Gefahr
entrückt, nach Europa zurückgebracht zu werden. Wohl wäre es für
Naturforscher ein großer Schmerz gewesen, die Küste von Teneriffa von
weitem gesehen zu haben, und einen von Vulkanen zerrütteten Boden nicht
betreten zu dürfen.
Alsbald hoben wir den Anker und der Pizarro näherte sich so viel möglich
dem Fort, um unter den Schutz desselben zu kommen. Hier auf dieser Rhede,
als zwei Jahre vor unserer Ankunft die Engländer zu landen versuchten, riß
eine Kanonenkugel Admiral Nelson den Arm ab (im Juli 1797). Der
Generalstatthalter der canarischen Inseln [Don Andrès de Perlasca.]
schickte an den Capitän der Corvette den Befehl, alsbald die
Staatsdepechen für die Statthalter der Colonien, das Geld an Bord und die
Post ans Land schaffen zu lassen. Die englischen Schiffe entfernten sich
von der Rhede; sie hatten tags zuvor auf das Paketboot Alcadia Jagd
gemacht, das wenige Tage vor uns von Corunna abgegangen war. Es hatte in
den Hafen von Palmas auf Canaria einlaufen müssen, und mehrere Passagiere,
die in einer Schaluppe nach Santa Cruz auf Teneriffa fuhren, waren
gefangen worden.
Die Lage dieser Stadt hat große Aehnlichkeit mit der von Guayra, dem
besuchtesten Hafen der Provinz Caracas. An beiden Orten ist die Hitze aus
denselben Ursachen sehr groß; aber von außen erscheint Santa Cruz
trübseliger. Auf einem öden, sandigen Strande stehen blendend weiße Häuser
mit platten Dächern und Fenstern ohne Glas vor einer schwarzen senkrechten
Felsmauer ohne allen Pflanzenwuchs. Ein hübscher Hafendamm aus gehauenen
Steinen und der öffentliche, mit Pappeln besetzte Spaziergang bringen die
einzige Abwechselung in das eintönige Bild. Von Santa Cruz aus nimmt sich
der Pic weit weniger malerisch aus als im Hafen von Orotava. Dort ergreift
der Gegensatz zwischen einer lachenden, reich bebauten Ebene und der
wilden Physiognomie des Vulkanes. Von den Palmen- und Bananengruppen am
Strande bis zu der Region der Arbutus, der Lorbeeren und Pinien ist das
vulkanische Gestein mit kräftigem Pflanzenwuchs bedeckt. Man begreift, wie
sogar Völker, welche unter dem schönen Himmel von Griechenland und Italien
wohnen, im östlichen Teil von Teneriffa eine der glückseligen Inseln
gefunden zu haben meinten. Die Ostküste dagegen, an der Santa Cruz liegt,
trägt überall den Stempel der Unfruchtbarkeit. Der Gipfel des Pics ist
nicht öder als das Vorgebirge aus basaltischer Lava, das der Punta de Naga
zuläuft und wo Fettpflanzen in den Ritzen des Gesteines eben erst den
Grund zu einstiger Dammerde legen. ImHaven von Orotava erscheint die
Spitze des Zuckerhutes unter einem Winkel von 16 ½°, während auf dem
Hafendamm von Santa Cruz der Winkel kaum 4° 36’ beträgt. [Der Spitze des
Vulkans ist von Orotava etwa 8600, von Santa Cruz 22,500 Toisen entfernt.]
Trotz diesem Unterschied, und obgleich am letzteren Orte der Vulkan kaum
so weit über den Horizont aufsteigt, als der Vesuv, vom Molo von Neapel
aus gesehen, so ist dennoch der Anblick des Pics, wenn man ihn vor Anker
auf der Rhede zum erstenmal sieht, äußerst großartig. Wir sahen nur den
Zuckerhut; sein Kegel hob sich vom reinsten Himmelsblau ab, während
schwarze dicke Wolken den übrigen Berg bis auf 1800 Toisen [3500 m] Höhe
einhüllten. Der Bimsstein, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, warf
ein röthliches Licht zurück, dem ähnlich, das häufig die Gipfel der
Hochalpen färbt. Allmählich ging dieser Schimmer in das blendendste Weiß
über, und es ging uns wie den meisten Reisenden, wir meinten, der Pic sey
noch mit Schnee bedeckt und wir werden nur mit großer Mühe an den Rand des
Kraters gelangen können.
Wir haben in der Cordillere der Anden die Beobachtung gemacht, daß
Kegelberge, wie der Cotopaxi und der Tungurahua, sich öfter unbewölkt
zeigen als Berge, deren Krone mit vielen kleinen Unebenheiten besetzt ist,
wie der Antisana und der Pichincha; aber der Pic von Teneriffa ist, trotz
seiner Kegelgestalt, einen großen Theil des Jahres in Dunst gehüllt, und
zuweilen sieht man ihn auf der Rhede von Santa Cruz mehrere Wochen lang
nicht ein einzigesmal. Die Erscheinung erklärt sich ohne Zweifel daraus,
daß er westwärts von einem großen Festland und ganz isoliert im Meere
liegt. Die Schiffer wissen recht gut, daß selbst die kleinsten,
niedrigsten Eilande die Wolken anziehen und festhalten. Ueberdieß erfolgt
die Wärmeabgabe über den Ebenen Afrika’s und über der Meeresfläche in
verschiedenem Verhältniß, und die Luftschichten, welche die Passatwinde
herführen, kühlen sich immer mehr ab, je weiter sie gegen Wesst gelangen.
Die Luft, die über dem hießen Wüstensand ausnehmend trochen war,
schwängert sich rasch, sobald sie mit der Meeresfläche oder mit der Luft,
die auf dieser Fläche ruht, in Berührung kommt. Man sieht also leicht,
warum die Dünste in Luftschichten sichtbar werden, die, vom Festland
weggeführt, nicht mehr die Temperatur haben, bei der sie sich mit Wasser
gesättigt hatten. Zudem hält die bedeutende Masse eines frei aus dem
atlantischen Meere aufsteigenden Berges die Wolken auf, welche der Wind
der hohen See zutreibt.
Lange und mit Ungeduld warteten wir auf die Erlaubnis von seiten des
Statthalters, ans Land gehen zu dürfen. Ich nützte die Zeit, um die Länge
des Hafendammes von Santa Cruz zu bestimmen und die Inclination der
Magnetnadel zu beobachten. Der Chronometer von Louis Berthoud gab jene zu
18° 33’ 10" an. Diese Bestimmung weicht um 3–4 Bogenminuten von derjenigen
ab, die sich aus den alten Beobachtungen von Fleurieu, Pingré, Borda,
Vancouver und la Peyrouse ergibt. Guenot hatte übrigens gleichfalls
18° 33’ 36" gefunden und der unglückliche Capitän Blight 18° 34’ 30". Die
Genauigkeit meines Ergebnisses wurde drei Jahre darauf bei der Expedition
des Ritters Krusenstern bestätigt: man fand für Santa Cruz 16° 12’ 45"
westlich von Greenwich, folglich 18° 33’ 0" westlich von Paris. Diese
Angaben zeigen, daß die Längen, welche Capitän Cook für Teneriffa und das
Cap der guten Hoffnung annahm, viel zu weit westlich sind. Derselbe
Seefahrer hatte im Jahr 1799 die magnetische Inclination gleich 61° 52’
gefunden. Bonpland und ich fanden 62° 24’, was mit dem Resultat
übereinstimmt, das de Rossel bei d’Entrecasteaux’s Expedition im Jahr 1791
erhielt. Die Declination der Nadel schwankt um mehrere Grade, je nachdem
man sie auf dem Hafendamm oder an verschiedenen Punkten nordwärts längs
des Gestades beobachtet. Diese Schwankungen können ein einem von
vulkanischem Gestein umgebenen Orte nicht befremden. Ich habe mit
Gay-Lussac die Beobachtung gemacht, daß am Abhang des Vesuvs und im Innern
des Kraters die Intensität der magnetischen Kraft durch die Nähe der Laven
modicirt wird.
Nachdem die Leute, die zu uns an Bord gekommen waren, um sich nach
politischen Neuigkeiten zu erkundigen, uns mit ihren vielerlei Fragen
geplagt hatten, stiegen wir endlich ans Land. Das Boot wurde sogleich zur
Corvette zurückgeschickt, weil die auf der Rhede sehr gefährliche Brandung
es leicht hätte am Hafendamm zertrümmern können. Das erste, was uns zu
Gesicht kam, war ein hochgewachsenes, sehr gebräuntes, schlecht
gekleidetes Frauenzimmer, das die *Capitana* hieß. Hinter ihr kamen einige
andere in nicht anständigerem Aufzug; sie bestürmten uns mit der Bitte, an
Bord des Pizarro gehend zu dürfen, was ihnen natürlich nicht bewilligt
wurde. In diesem von Europäern so stark besuchten Hafen ist die
Ausschweifung diszipliniert. Die Capitana ist von ihresgleichen als
Anführerin gewählt, und sie hat große Gewalt über sie. Sie läßt nichts
geschehen, was sich mit dem Dienst auf den Schiffen nicht verträgt, sie
fordert die Matrosen auf, zur rechten Zeit an Bord zurückzukehren, und die
Officiere wenden sich an sie, wenn man fürchtet, daß sich einer von der
Mannschaft versteckt habe, um auszureißen.
Als wir die Straßen von Santa Cruz betraten, kam es uns zum Ersticken heiß
vor, und doch stand der Thermometer nur auf 25 Grad. Wenn man lange
Seeluft geathmet hat, fühlt man sich unbehaglich, so oft man ans Land
geht, nicht weil jene Luft mehr Sauerstoff enthält als die Luft am Land,
wie man irrthümlich behauptet hat, sondern weil sie weniger mit den
Gasgemischen geschwängert ist, welche die thierischen und Pflanzenstoffe
und die Dammerde, die sich aus ihrer Zersetzung bildet, fortwährend in den
Luftkreis entbinden. Miasmen, welche sich der chemischen Analyse
entziehen, wirken gewaltig auf die Organe, zumal wenn sie nicht schon seit
längerer Zeit denselben Reizen ausgesetzt gewesen sind.
Santa Cruz de Tenerifa, das Añaza der Guanchen, ist eine ziemlich hübsche
Stadt mit 8000 Einwohnern. Mir ist die Menge von Mönchen und
Weltgeistlichen, welche die Reisenden in allen Ländern unter spanischem
Zepter sehen zu müssen glauben, gar nicht aufgefallen. Ich halte mich auch
nicht damit auf, die Kirchen zu beschreiben, die Bibliothek der
Dominicaner, die kaum ein paar hundert Bände zählt, den Hafendamm, wo die
Einwohnerschaft Abends zusammenkommt, um der Kühle zu genießen, und das
berühmte dreißig Fuß [10 m] hohe Denkmal aus carrarischen Marmor, geweiht
unserer lieben Frau von Candelaria, zum Gedächtniß ihrer wunderbaren
Erscheinung zu Chimisay bei Guimar im Jahre 1362. Der Hafen von Santa Cruz
ist eigentlich ein großes Caravanserai auf dem Wege nach Amerika und
Indien. Fast alle Reisebeschreibungen beginnen mit einer Beschreibung von
Madeira und Teneriffa, und wenn die Naturgeschichte dieser Inseln der
Forschung noch ein ungeheures Feld bietet, so läßt dagegen die Topographie
der kleinen Städte Funchal, Santa Cruz, Laguna und Orotava fast nichts zu
wünschen übrig.
Die Empfehlungen des Madrider Hofes verschafften uns auf den Canarien, wie
in allen anderen spanischen Besitzungen, die befriedigendste Aufnahme. Vor
allem ertheilte uns der Generalcapitän die Erlaubniß, die Insel zu
bereisen. Der Oberst Armiaga, Befehlshaber eines Infanterieregimentes,
nahm uns in seinem Hause auf und überhäufte uns mit Höflichkeit. Wir
wurden nicht müde, in seinem Garten im Freien gezogene Gewächse zu
bewundern, die wir bis jetzt nur in Treibhäusern gesehen hatten, den
Bananenbaum, den Melonenbaum, die _Poinciana pulcherrima_ und andere. Das
Klima der Canarien ist indessen nicht warm genug, um den ächten _Platano
arton_ mit dreieckiger, sieben bis acht Zoll langer Frucht, der eine
mittlere Temperatur von etwa 24 Graden verlangt und selbst nicht im Thale
von Caracas fortkommt, reif werden zu lassen. Die Bananen auf Teneriffa
sind die, welche die spanischen Colonisten *Camburis* oder *Guineos* und
*Dominicos* nennen. Der Camburi, der am wenigsten vom Frost leidet, wird
sogar in Malaga mit Erfolg gebaut [Die mittlere Temperatur dieser Stadt
beträgt nur 18°.]; aber die Früchte, die man zuweilen zu Cadix sieht,
kommen von den Canarien auf Schiffen, welche die Ueberfahrt in drei, vier
Tagen machen. Die Musa, die allen Völkern der heißen Zone bekannt ist, und
die man bis jetzt nirgends wild gefunden hat, variiert meist in ihren
Früchten, wie unsere Apfel- und Birnenbäume. Diese Varietäten, welche die
meisten Botaniker verwechseln, obgleich sie sehr verschiedene Klimate
verlangen, sind durch lange Cultur constant geworden.
Am Abend machten wir eine botanische Excursion nach dem Fort Passo Alto
längs der Basaltfelsen, welche das Vorgebirge Naga bilden. Wir waren mit
unserer Ausbeute sehr schlecht zufrieben, denn die Trockenheit und der
Staub hatten die Vegetation so ziemlich vernichtet. _Cacalia Kleinia_,
_Euphorbia canariensis_ und sehr verschiedene andere Fettpflanzen, welche
ihre Nahrung vielmehr aus der Luft als aus dem Boden ziehen, auf dem sie
wachsen, mahnten uns durch ihren Habitus daran, daß diese Inseln Afrika
angehören, und zwar dem dürrsten Striche dieses Festlandes.
Der Capitän der Corvette hatte zwar den Befehl, so lange zu verweilen, daß
wir die Spitze des Pics besteigen könnten, wenn anders der Schnee es
gestattete; man gab uns aber zu erkennen, wegen der Blockade der
englischen Schiffe dürften wir nur auf einen Aufenthalt von vier, fünf
Tagen rechnen. Wir eilten demnach, in den Hafen von Orotava zu kommen, der
am Westabhang des Vulkans liegt, und wo wir Führer zu finden sollten. In
Santa Cruz konnte ich Niemanden auffinden, der den Pic bestiegen gehabt
hätte, und ich wunderte mich nicht darüber. Die merkwürdigsten Dinge haben
desto weniger Reiz für uns, je näher sie uns sind, und ich kannte
Schaffhauser, welche den Rheinfall niemals in der Nähe gesehen hatten.
Am 20. Juni vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Villa de la
Laguna, die 350 Toisen [682 m] über dem Hafen von Santa Cruz liegt. Wir
konnten diese Höhenangabe nicht verificiren, denn wegen der Brandung
hatten in der Nacht nicht an Bord gehen können, um Barometer und
Inclinationscompaß zu holen. Da wir voraussahen, daß wir bei unserer
Besteigung des Pic sehr würden eilen müssen, so war es uns ganz lieb, daß
die Instrumente, die uns in unbekannteren Ländern dienen sollten, hier
keiner Gefahr aussetzen konnten. Der Weg nach Laguna hinauf läuft an der
rechten Seite eines Baches oder *Barranco* hin, der in der Regenzeit
schöne Fälle bildet; er ist schmal und vielfach gewunden. Nach meiner
Rückkehr habe ich gehört, Herr von Perlasca habe hier eine neue Straße
anlegen lassen, auf der Wagen fahren können. Bei der Stadt begegneten uns
weiße Kameele, die sehr leicht beladen schienen. Diese Thiere werden
vorzugsweise dazu gebraucht, die Waaren von der Douane in die Magazine der
Kaufleute zu schaffen. Man ladet ihnen gewöhnlich zwei Kisten Havanazucker
auf, die zusammen 900 Pfund wiegen, man kann aber die Ladung bis auf 13
Zentner oder 52 castilische Arrobas steigern. Auf Teneriffa sind die
Kameele nicht sehr häufig, während ihrer auf Lanzerota und Fortaventura
viele Tausende sind. Diese Inseln liegen Afrika näher und kommen daher
auch in Klima und Vegetation mehr mit diesem Continent überein. Es ist
sehr auffallend, daß dieses nützliche Thier, das sich in Südamerika
fortpflanzt, dies auf Teneriffa fast nie thut. Nur im fruchtbaren Distrikt
von Adexe, wo die bedeutendsten Zuckerrohrpflanzungen sind, hat man die
Kameele zuweilen Junge werfen sehen. Diese Lastthiere, wie die Pferde,
sind im fünfzehnten Jahrhundert durch die normännischen Eroberer auf den
Canarien eingeführt worden. Die Guanchen kannten sie nicht, und dies
erklärt sich wohl leicht daraus, daß ein so gewaltiges Thier schwer auf
schwachen Fahrzeugen zu transportiren ist, ohne daß man die Guanchen als
die Ueberreste der Bevölkerung der Atlantis zu betrachten und zu glauben
braucht, sie gehören einer anderen Rasse an als die Westafrikaner.
Der Hügel, auf dem die Stadt San Christobal de la Laguna liegt, gehört dem
System von Basaltgebirgen an, die, unabhängig vom System neuerer
vulkanischer Gebirgsarten, einen weiten Gürtel um den Pic von Teneriffa
bilden. Der Basalt von Laguna ist nicht säulenförmig, sondern zeigt nicht
sehr dicke Schichten, die nach Ost unter einem Winkel von 30 – 40 Grad
fallen. Nirgends hat er das Ansehen eines Lavastroms, der an den Abhängen
der Pics ausgebrochen wäre. Hat der gegenwärtige Vulkan diese Basalte
hervorgebracht, so muß man annehmen, wie bei den Gesteinen, aus denen die
Somma neben dem Vesuv besteht, daß sie in Folge eines unterseeischen
Ausbruchs gebildet sind, wobei die weiche Masse wirklich geschichtet
wurde. Außer einigen baumartigen Euphorbien, _Cacalia Kleinia_ und
Fackeldisteln (Cactus), welche auf den Canarien, wie im südlichen Europa
und auf dem afrikanischen Festland verwildert sind, wächst nichts auf
diesem dürren Gestein. Unsere Maulthiere glitten jeden Augenblick auf
stark geneigten Steinlagern aus. Indessen sahen wir die Ueberreste eines
alten Pflasters. Bei jedem Schritt stößt man in den Colonien auf Spuren
der Thatkraft, welche die spanische Nation im sechzehnten Jahrhundert
entwickelt hat.
Je näher wir Laguna kamen, desto kühler wurde die Luft, und dies thut um
so wohler, da es in Santa Cruz zum Ersticken heiß ist. Da widrige
Eindrücke unsere Organe stärker angreifen, so ist der Temperaturwechsel
auf dem Rückweg von Laguna zum Hafen noch auffallender; man meint, man
nähere sich der Mündung eines Schmelzofens. Man hat dieselbe Empfindung,
wenn man an der Küste von Caracas vom Berg Avila zum Hafen von Guayra
niedersteigt. Nach dem Gesetz der Wärmeabnahme machen in dieser Breite 350
Toisen Höhe nur drei bis vier Grad Temperaturunterschied. Die Hitze,
welche dem Reisenden so lästig wird, wenn er Santa Cruz de Teneriffa oder
Guayra betritt, ist daher wohl dem Rückprallen der Wärme von den Felsen
zuzuschreiben, an welche beide Städte sich lehnen.
Die fortwährende Kühle, die in Laguna herrscht, macht die Stadt für die
Canarier zu einem köstlichen Aufenthaltsort. Auf einer kleinen Ebene,
umgeben von Gärten, am Fuße eines Hügels, den Lorbeeren, Myrten und
Erdbeerbäume krönen, ist die Hauptstadt von Teneriffa wirklich ungemein
freundlich gelegen. Sie liegt keineswegs, wie man nach meheren
Reiseberichten glauben sollte, an einem See. Das Regenwasser bildet hier
periodisch einen weiten Sumpf, und der Geolog, der überall in der Natur
vielmehr einen früheren Zustand der Dinge als den gegenwärtigen im Auge
hat, zweifelt nicht daran, daß die ganze Ebene ein großes ausgetrockenetes
Becken ist. Laguna ist in seinem Wohlstand herabgekommen, seit die
Seitenausbrüche des Vulkans den Hafen von Garachico zerstört haben und
Santa Cruz der Haupthandelsplatz der Inseln geworden ist; es zählt nur
noch 9000 Einwohner, worunter gegen 400 Mönche in sechs Klöstern. Manche
Reisende behaupten, die Hälfte der Bevölkerung bestehe aus Kuttenträgern.
Die Stadt ist mit zahlreichen Windmühlen umgeben, ein Wahrzeichen des
Getreidebaus in diesem hochgelegenen Striche. Ich bemerke bei dieser
Gelegenheit, daß die nährenden Grasarten den Guanchen bekannt waren. Das
Korn hieß auf Teneriffa _tano_, auf Lanzerota _triffa_; die Gerste hieß
auf Canaria _aramotanoque_, auf Lanzerota _tamosen_. Geröstetes
Gerstenmehl _(gofio)_ und Ziegenmilch waren die vornehmsten Nahrungsmittel
dieses Volkes, über dessen Ursprung so viele systematische Träumereien
ausgeheckt worden sind. Diese Nahrung weist bestimmt darauf hin, daß die
Guanchen zu den Völkern der alten Welt gehörten, wohl selbst zur
caucasischen Race, und nicht, wie die andern Atlanten [Ich lasse mich hier
auf keine Verhandlung über die Existenz der Atlantis ein und erwähne nur,
daß nach Diodor von Sicilien die Atlanten die Cerealien nicht kannten,
weil sie von der übrigen Menschheit getrennt worden, bevor überhaupt
Getreide gebaut wurde.], zu den Volksstämmen der neuen Welt; die letzteren
kannten vor der Ankunft der Europäer weder Getreide, noch Milch, noch
Käse.
Eine Menge Capellen, von den Spaniern _ermitas_ genannt, liegen um die
Stadt Laguna. Umgeben von immergrünen Bäumen auf kleinen Anhöhen, erhöhen
diese Capellen, wie überall den malerischen Reiz der Landschaft. Das
Innere der Stadt entspricht dem Aeußern durchaus nicht. Die Häuser sind
solid gebaut, aber sehr alt und die Straßen öde. Der Botaniker hat
übrigens nicht zudauern, daß die Häuser so alt sind. Dächer und Mauern
sind bedeckt mit _Sempervivum canariense_ und dem zierlichen
_Trichomanes_, dessen alle Reisende gedenken; die häufigen Nebel geben
diesen Gewächsen Unterhalt.
Anderson, der Naturforscher bei Capitän Cooks dritter Reise, gibt den
europäischen Aerzten den Rath, ihre Kranken nach Teneriffa zu schicken,
keineswegs auf der Rücksicht, welche manche Heilkünstler die entlegendsten
Bäder wählen läßt, sondern wegen der ungemeinen Milde und Gleichmäßigkeit
des Klimas der Canarien. Der Boden der Inseln steigt amphitheatralisch auf
und zeigt, gleich Peru und Mexico, wenn auch in kleinerem Maaßstab, alle
Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. Santa Cruz,
der Hafen von Orotava, die Stadt desselben Namens und Laguna sind vier
Orte, deren mittlere Temperaturen eine abnehmende Reihe darstellen. Das
südliche Europa bietet nicht dieselben Vortheile, weil der Wechsel der
Jahreszeiten sich noch zu stark fühlbar macht. Teneriffa dagegen,
gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von
Spanien, hat schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die
Natur die Länder zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich
treten bereits mehrere der schönsten und großartigsten Gestalten auf, die
Bananen und die Palmen. Wer Sinn für Naturschönheit hat, findet auf dieser
köstlichen Insel noch kräftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der
Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einen
schmerzlich ergriffenen Gemüthe den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa
und Madeia. Und solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die
reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren
Anblick einen in beiden Indien so tief empört, wie überall, wohin
europäische Colonisten ihre sogenannte Aufklärung und ihre Industrie
getragen haben.
Im Winter ist das Klima von Laguna sehr nebligt und die Einwohner beklagen
sich häufig über Frost. Man hin indessen nie schneien sehen, woraus man
schließen sollte, daß die mittlere Temperatur der Stadt über 18°,7
(15° R.) beträgt, das heißt mehr als in Neapel. Für streng kann dieser
Schluß nicht gelten; denn im Winter hängt die Erkältung der Wolken weniger
von der mittleren Temperatur des ganzen Jahres ab als vielmehr von der
augenblicklichen Erniedrigung der Wärme, der ein Ort vermöge seiner
besondern Lage ausgesetzt ist. Die mittlere Temperatur der Hauptstadt von
Mexico ist z. B. nur 16°,8 (13°,5 R.), und doch hat man in hundert Jahren
nur ein einziges mal schneien sehen, während es im südlichen Europa und in
Afrika noch an Orten schneit, die über 19 Grad mittlere Temperatur haben.
Wegen der Nähe des Meeres ist das Klima von Laguna im Winter milder, als
es nach der Meereshöhe seyn sollte. Herr Broussonet hat sogar, wie ich mit
Verwunderung hörte, mitten in der Stadt, im Garten des Marquis von Nava,
Brotfruchtbäume _(Artocarpus incisa)_ und Zimmtbäume _(Laurus cinnamomum)_
angepflanzt. Diese köstlichen Gewächse der Südsee und Ostindiens wurden
hier einheimisch, wie auch in Orotava. Sollte dieser Versuch nicht
beweisen, daß der Brotfruchtbaum in Calabrien, auf Sicilien und in Grenada
fortkäme? Der Anbau des Kaffeebaumes ist in Laguna nicht in gleichem Maaße
gelungen, wenn auch die Früchte bei Tegueste und zwischen dem Hafen von
Orotava und dem Dorfe San Juan de la Rambla reif werden. Wahrscheinlich
sind örtliche Verhältnisse, vielleicht die Beschaffenheit des Bodens und
die Winde, die in der Blüthezeit wehen, daran Schuld. In andern Ländern,
z. B. bei Neapel, trägt der Kaffeebaum ziemlich reichlich Früchte,
obgleich die mittlere Temperatur kaum über 18 Grad der hunderttheiligen
Scale beträgt.
Auf Teneriffa ist die mittlere Höhe, in der jährlich Schnee fällt, noch
niemals bestimmt worden. Solches ist mittelst barometrischer Messung
leicht auszuführen, es ist aber bis jetzt fast in allen Erdstrichen
versäumt worden; und doch ist diese Bestimmung von großem Belang für den
Ackerbau in den Colonien und für die Meteorologie, und ganz so wichtig als
das Höhenmaaß der untern Grenze des ewigen Schnees. Ich stelle die
Ergebnisse meiner betreffenden Beobachtungen in folgender Uebersicht
zusammen.
Diese Tafel gibt nur das Durchschnittsverhältniß, das heißt die
Erscheinungen, wie sie sich im ganzen Jahre zeigen. Besondere Lokalitäten
können Ausnahmen herbeiführen. So schneit es zuweilen, wenn auch sehr
selten, in Neapel, Lissabon, sogar in Malaga, also noch unter dem 37. Grad
der Breite, und wie schon bemerkt, hat man Schnee in der Stadt Mexiko
fallen sehen, die 1173 Toisen [2286 m] über dem Meere liegt. Dies war seit
mehreren Jahrhunderten nicht vorgekommen, und das Ereigniß trat gerade am
Tage ein, da die Jesuiten vertrieben wurden, und wurde vom Volke natürlich
dieser Gewaltmaaßregel zugeschrieben. Noch ein auffallenderes Beispiel
bietet das Klima von Valladolid, der Hauptstadt der Provinz Mechoacan.
Nach meinen Messungen liegt diese Stadt unter 19° 41’ der Breite nur
tausend Toisen hoch; dennoch waren daselbst wenige Jahre vor meiner
Ankunft in Neuspanien die Straßen mehrere Stunden lang mit Schnee bedeckt.
Auch auf Teneriffa hat man an einem Orte über Esperanza de la Laguna,
dicht bei der Stadt dieses Namens, in deren Gärten Brotbäume wachsen,
schneien sehen. Dieser außerordentliche Fall wurde Broussonet von sehr
alten Leuten erzählt. Die _Erica arborea_, die _Mirica Faya_ und _Arbutus
callycarpa_ litten nicht durch den Schnee; aber alle Schweine, die im
Freien waren, kamen dadurch um. Diese Beobachtung ist für die
Pflanzenphysiologie von Wichtigkeit. In heißen Ländern sind die Gewächse
so kräftig, daß ihnen der Frost weniger schadet, wenn er nur nicht lange
anhält. Ich habe auf der Insel Cuba den Bananenbaum an Orten angebaut
gesehen, wo der hunderttheilige Thermometer auf 7 Grad, ja zuweilen fast
auf den Gefrierpunkt fällt. In Italien und Spanien gehen Orangen- und
Dattelbäume nicht zu Grunde, wenn es auch bei Nacht zwei Grad Kälte hat.
Im Allgemeinen macht man beim Garten- und Landbau die Bemerkung, daß
Pflanzen in fruchtbarem Boden weniger zärtlich und somit auch für
ungewöhnlich niedrige Temperaturgrade weniger empfindlich sind, als
solche, die in einem Erdreich wachsen, daß ihnen nur wenig Nahrungssäfte
bietet(10)
Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westküste von
Teneriffa kommt man zuerst durch ein hügligtes Land mit schwarzer
thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle
findet. Wahrscheinlich reißt das Wasser diese Krystalle vom anstehenden
Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige
Flötzschichten den Boden der geologischen Untersuchung. Nur in einigen
Schluchten kommen säulenförmige, etwas gebogene Basalte zu Tag, und
darüber sehr neue, den vulkanischen Tuffen ähnliche Mengsteine. In
denselben sind Bruchstücke des unterliegenden Basalts eingeschlossen, und
wie versichert wird, finden sich Versteinerungen von Seethieren darin;
ganz dasselbe kommt im Vicentinischen bei Montechio maggiore vor.
Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land,
von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe
im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist,
reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer
des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schönen Thäler von Mexiko
durchwandert, muß ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so
anziehendes, durch die Vertheilung von Grün und Felsmassen so harmonisches
Gemälde vor mir gehabt zu haben.
Das Meeresufer schmücken Dattelpalmen und Cocosnußbäume; weiter oben
stechen Bananengebüsche von Drachenbäumen ab, deren Stamm man ganz richtig
mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhänge sind mit Reben bepflanzt,
die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Blüthen bedeckte Orangenbäume,
Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf
freistehenden Hügeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstücke durch
Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzählige kryptogamische
Gewächse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren
Wasserquellen feucht erhalten werden. Im Winter, während der Vulkan mit
Eis und Schnee bedeckt ist, genießt man in diesem Landstrich eines ewigen
Frühlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme
Kühlung. Die Bevölkerung der Küste ist hier sehr stark; sie erscheint noch
größer, weil Häuser und Gärten zerstreut liegen, was den Reiz der
Landschaft noch erhöht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit
ihrem Fleiße, noch mit der Fülle der Natur im Verhältniß. Die das Land
bauen, sind meist nicht Eigenthümer desselben; die Frucht ihrer Arbeit
gehört dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa unglücklich
gemacht hat, läßt noch heute das Volk der Canarien zu keiner Blüthe
gelangen.
Von Tegueste und Tacoronte bis zum Dorfe San Juan de la Rambla, berühmt
durch seinen trefflichen Malvasier, ist die Küste wie ein Garten angebaut.
Ich möchte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur
ist die Westseite von Teneriffa unendlich schöner wegen der Nähe des Pics,
der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick
dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er
beschäftigt lebhaft des Geist und läßt uns den geheimnisvollen Quellen der
vulkanischen Kräfte nachdenken. Seit Tausenden von Jahren ist kein
Lichtschimmer auf der Spitze des Piton gesehen worden, aber ungeheure
Seitenausbrüche, deren letzter im Jahre 1798 erfolgte, beweisen die
fortwährende Thätigkeit eines nicht erlöschenden Feuers. Der Anblick eines
Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat
indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns,
daß die Vulkane wieder zerstören, was sie in einer langen Reihe von
Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer über die
Fluthen emporgehoben, schmücken sich allmählich mit reichem, lachenden
Grün; aber gar oft werden diese neuen Länder durch dieselben Kräfte
zerstört, durch die sie vom Boden des Ozeans über seine Fläche gelangt
sind. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und
Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelände von Tacoronte und Sauzal.
Wohl den Ländern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht
mißtrauen darf!
Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die hübschen Dörfer
Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen
Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem
Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. *Matanza* bedeutet Schlachtbank,
Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft
worden. In der neuen Welt weist er gewöhnlich auf eine Niederlage der
Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier
von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen
Märkten als Sklaven verkaufte.
Ehe wir nach Orotava kamen, besuchten wir den botanischen Garten nicht
weit vom Hafen. Wir trafen da den französischen Viceconsul Legros, der oft
auf der Spitze des Pic gewesen war und an dem wir einen vortrefflichen
Führer fanden. Er hatte mit Capitän Baudin eine Fahrt nach Antillen
gemacht, durch die der Pariser Pflanzengarten ansehnlich bereichert worden
ist. Ein furchtbarer Sturm, den Ledru in seiner Reise nach Portorico
beschreibt, zwang das Fahrzeug bei Teneriffa anzulegen, und das herrliche
Klima der Insel brachte Legros zu dem Enschluß, sich hier niederzulassen.
Ihm verdankt die gelehrte Welt Europa’s die ersten genauen Nachrichten
über den großen Seitenausbruch des Pics, den man sehr uneigentlich den
Ausbruch des Vulkans von Chahorra nennt. [Am 8. Juni 1798.]
Die Anlage eines botanischen Gartens auf Teneriffa ist ein sehr
glücklicher Gedanke, da derselbe sowohl für die wissenschaftliche Botanik
als für die Einführung nützlicher Gewächse in Europa sehr förderlich
werden kann. Die erste Idee eines solchen verdankt man dem Marquis von
Nava (Marquis von Villanueva del Prado), einem Mann, der Poivre an die
Seite gestellt zu werden verdient und im Triebe, das Gute zu fördern, von
seinem Vermögen den edelsten Gebrauch gemacht hat. Mit ungeheuren Kosten
ließ er den Hügel von Durasno, der amphitheatralisch aufsteigt, abheben,
und im Jahr 1795 machte man mit den Anpflanzungen den Anfang. Nava war der
Ansicht, daß die Canarien, vermöge des midlen Klimas und der
geographischen Lage, der geeignetste Punkt seyen, um die Naturprodukte
beider Indien zu acclimatisiren, um die Gewächse aufzunehmen, die sich
allmählich an die niedrigere Temperatur des südlichen Europa gewöhnen
sollen. Asiatisch, afrikanische, südamerikanische Pflanzen gelangen leicht
in den Garten bei Orotava, um den Chinabaum [Ich meine die Chinaarten, die
in Peru und im Königreich Neu-Grenada auf dem Rücken der Cordilleren,
zwischen 1000 und 1500 Toisen Meereshöhe an Orten wachsen, wo der
Thermometer bei Tag zwischen 9 und 10 Grad, bei Nacht zwischen 3 und 4
Grad steht. Die orangegelbe Quinquina _(Cinchona lancifolia)_ ist weit
weniger empfindlich als die rothe _(C. oblongifolia)_] in Sicilien,
Portugal oder Grenada einzuführen, müßte man ihn zuerst in Durasno oder
Laguna anbauen und dann erst die Schößlinge der canarischen China nach
Europa verpflanzen. In besseren Zeiten, wo kein Seekrieg mehr den Verkehr
in Fesseln schlägt, kann der Garten in Teneriffa auch für die starken
Pflanzensendungen aus Indien nach Europa von Bedeutung werden. Diese
Gewächse gehen häufig, ehe sie unsere Küsten erreichen, zu Grunde, weil
sie auf der langen Ueberfahrt eine mit Salzwasser geschwängerte Luft
athmen müssen. Im Garten von Orotava fänden sie eine Pflege und ein Klima,
wobei sie sich erholen könnten. Da die Unterhaltung des botanischen
Gartens von Jahr zu Jahr kostspieliger wurde, trat der Marquis denselben
der Regierung ab. Wir fanden daselbst einen geschickten Gärtner, einen
Schüler Aitons, des Vorstehers des königlichen Gartens zu Kew. Der Boden
steigt in Terrassen auf und wird von einer natürlichen Quelle bewässert.
Man hat die Aussicht auf die Insel Palma, die wie ein Castell aus dem
Meere emporsteigt. Wir fanden aber nicht viele Pflanzen hier: man hatte,
wo Gattungen fehlten, Etiketten aufgesteckt, mit auf Gerathewohl aus
Linnés _systema vegetabilium_ genommen schienen. Diese Anordnung der
Gewächse nach den Classen des Sexualsystems, die man leider auch in
manchen europäischen Gärten findet, ist dem Anbau sehr hinderlich. In
Durasno wachsen Proteen, der Gojavabaum, der Jambusenbaum, die Chirimoya
aus Peru, [_Annona Cherimolia_ Lamarck.] Mimosen und Heliconien im Freien.
Wir pflückten reife Samen von mehreren schönen Glycinearten aus
Neuholland, welche der Gouverneur von Cumana, Emparan, mit Erfolg
angepflanzt hat und die seitdem auf den südamerikanischen Küsten wild
geworden sind.
Wir kamen sehr spät in den Hafen von Orotava, [_Puerto de la Cruz_. Der
einzige schöne Hafen der Canarien ist der von San Sebastiano auf der Insel
Gomera.] wenn man anders diesen Namen einer Rhede geben kann, auf der die
Fahrzeuge unter Segel gehen müssen, wenn der Wind stark aus Nordwest
bläst. Man kann nicht von Orotova sprechen, ohne die Freunde der
Wissenschaft an Cologan zu erinnern, dessen Haus von jeher den Reisenden
aller Nationen offen stand. Mehrere Glieder dieser achtungswerthen Familie
sind in London und Paris erzogen worden. Don Bernardo Cologan ist bei
gründlichen, mannigfaltigen Kenntnissen der feurigste Patriot. Man ist
freudig überrascht, auf einer Inselgruppe an der Küste von Afrika der
liebenswürdigen Geselligkeit, der edlen Wißbegierde, dem Kunstsinn zu
begegnen, die man ausschließlich in einem kleinen Theile von Europa zu
Hause glaubt.
Gerne hätten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm in der
Umgegend von Orotava die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und
Rialexo de Abaxo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich
angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu genießen. Die quälende
Besorgniß, nicht ausführen zu können, was man den andern Tag vorhat,
erhält einen in beständiger Unruhe. Leidenschaftliche Natur- und
Kunstfreunde sind auf der Reise durch die Schweiz oder Italien in ganz
ähnlicher Gemüthsverfassung; da sie die Gegenstände, die Interesse für sie
haben, immer nur zum kleinsten Theil sehen können, so wird ihnen der Genuß
durch die Opfer verbitternt, die sie auf jedem Schritt zu bringen haben.
Bereits am 21. Morgens waren wir auf dem Weg nach dem Gipfel des Vulkans.
Legros, dessen zuvorkommende Gefälligkeit wir nicht genug loben können,
der Secretär des französischen Consulats zu Santa Cruz und der englische
Gärtner von Durasno teilten mit uns die Beschwerden der Reise. Der Tag war
nicht sehr schön, und der Gipfel des Pic, den man in Orotava fast immer
sieht, von Sonnenaufgang bis zehn Uhr in dicke Wolken gehüllt. Ein
einziger Weg führt auf den Vulkan durch Villa de Orotava, die Ginsterebene
und das Malpays, derselbe, den Pater Feullée, Borda, Labillardière, Barrow
eingeschlagen, und überhaupt alle Reisenden, die sich nur kurze Zeit in
Teneriffa aufhalten konnten. Wenn man den Pic besteigt, ist es gerade, wie
wenn man das Chamounithal oder den Aetna besucht: man muß seinen Führern
nachgehen und man bekommt nur zu sehen, was schon andere Reisende gesehen
und beschrieben haben.
Der Contrast zwischen der Vegetation in diesem Striche von Teneriffa und
der in der Umgegend von Santa Cruz überraschte uns angenehm. Beim kühlen,
feuchten Klima war der Boden mit schönem Grün bedeckt, während auf dem Weg
von Santa Cruz nach Laguna die Pflanzen nichts als Hülsen hatten, aus
denen bereits der Samen ausgefallen war. Beim Hafen von Orotava wird der
kräftige Pflanzenwuchs den geologischen Beobachtungen hinderlich. Wir
kamen an zwei kleinen glockenförmigen Hügeln vorüber. Beobachtungen am
Vesuv und in der Auvergne weisen darauf hin, daß dergleichen runde
Erhöhungen von Seitenausbrüchen des großen Vulkans herrühren. Der Hügel
Montannitta de la Villa scheint wirklich einmal Lava ausgeworfen zu haben;
nach den Ueberlieferungen der Guanchen fand dieser Ausbruch im Jahr 1430
statt. Der Obest Franqui versicherte Borda, man sehe noch deutlich, wo die
geschmolzenen Stoffe hervorquollen, und die Asche, die den Boden ringsum
bedecke, sey noch nicht fruchtbar. [Ich entnehme diese Notiz einer
interessanten Handschrift, die jetzt in Paris im _Dépôt des cartes de la
Marine_ aufgewahrt wird. Sie führt den Titel. _Résumé des opérations
géographiques des côtes d´Espagne et de Portugal sur l´Océan, d´une partie
des côtes occidentales de l´Afrique et des îles Canaries, par le chevalier
de Borda._ Es ist dies die Handschrift, von der de Fleurien in seinen
Noten zu Marchands Reise spricht und die mir Borda zum Theil schon vor
meiner Abreise mitgetheilt hatte. Ich habe wichtige, noch nicht
veröffentlichte Beobachtungen daraus ausgezogen.] Ueberall, wo das Gestein
zu Tag ausgeht, fanden wir basaltartigen Mandelstein (Werner) und
Bimssteinconglomerat, in dem Rapilli oder Bruchstücke von Bimsstein
eingeschlosen sind. Letztere Formation hat Aehnlichkeit mit dem Tuff von
Pausilipp und mit den Puzzolanschichten, die ich im Thal von Quito, am
Fuße des Vulkans Pichincha, gefunden habe. Der Mandelstein hat
langgezogene Poren, wie die obern Lavaschichten des Vesuv. Es scheint dieß
darauf hinzudeuten, daß eine elastische Flüssigkeit durch die geschmolzene
Materie durchgegangen ist. Trotz diesen Uebereinstimmungen muß ich noch
einmal bemerken, daß ich in der ganzen unteren Region des Pics von
Tenerifa auf der Seite gegen Orotava keinen Lavastrom, überhaupt keinen
vulkanischen Ausbruch gesehen habe, der scharf begrenzt wäre. Regengüsse
und Ueberschwemmungen wandeln die Erdoberfläche um, und wenn zahlreiche
Lavaströme sich vereinigen und über eine Ebene ergießen, wie ich es am
Vesuv im _Atrio dei Cavalli_ gesehen, so verschmelzen sie in einander und
nehmen das Ansehen wirklich geschichteter Bildungen an.
Villa de Orotava macht schon von weitem einen guten Eindruck durch die
Fülle der Gewässer, die auf den Ort zueilen und durch die Hauptstraßen
fließen. Die Quelle _Aqua mansa_, in zwei große Becken gefaßt, treibt
mehrere Mühlen und wird dann in die Weingärten des anliegenden Geländes
geleitet. Das Klima in der *Villa* ist noch kühler als am Hafen, da dort
von morgens zehn Uhr ein starker Wind weht. Das Wasser, das sich bei
höherer Temperatur in der Luft aufgelöst hat, schlägt sich häufig nieder,
und dadurch wird das Klima sehr nebligt. Die Villa liegt etwa 160 Toisen
(312 Meter) über dem Meer, also zweihundert Toisen niedriger als Laguna;
man bemerkt auch, daß dieselben Pflanzen an letzterem Orte einen Monat
später blühen.
Orotava, das alte Taoro der Guanchen, liegt am steilen Abhang eines
Hügels; die Straßen schienen uns öde, die Häuser, solid gebaut, aber
trübselig anzusehen, gehören fast durch einem Adel, der für sehr stolz
gilt und sich selbst anspruchsvoll als _dozo casas_ bezeichnet. Wir kamen
an einer sehr hohen, mit einer Menge schöner Farn bewachsenen
Wasserleitung vorüber. Wir besuchten mehrere Gärten, in denen die
Obstbäume des nördlichen Europas neben Orangen, Granatbäumen und
Dattelpalmen stehen. Man versicherte uns, letztere tragen hier so wenig
Früchte als in Terra Firma an der Küste von Cumana. Obgleich wir den
Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte
uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm
dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwähnt wird, weil er
als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fünfzehnten Jahrhundert
so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Höhe schätzten wir auf 50 bis
60 Fuß [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe über den Wurzeln beträgt 45 Fuß
[14,6 m]. Weiter oben konnten wir nicht messen, aber Sir Georg Staunton
hat gefunden, daß zehn Fuß [3,25 m] über dem Boden der Stamm noch zwölf
englische Fuß [3,90 m] im Durchmesser hat, was gut mit Bordas Angabe
übereinstimmt, der den mittleren Umfang zu 33 Fuß 8 Zoll [10,93 m] angibt.
Der Stamm theilt sich in viele Aeste, die kronleuchterartig aufwärts ragen
und an den Spitzen Blätterbüschel tragen, ähnlich der Yucca im Tale von
Mexiko. Durch diese Theilung in Aeste unterscheidet sich sein Habitus
wesentlich von der der Palmen.
Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder
Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der ältesten Bewohner unseres
Erdballs. Die Baobabs werden indessen noch dickder als der Drachenbaum von
Villa d´Orotava. Man kennt welche, die an der Wurzel 34 Fuß Durchmesser
haben, wobei sie nicht höher sind als 50 bis 60 Fuß(11). Man muß aber
bedenken, daß die Adansonia, wie die Ochroma und alle Gewächse aus der
Familie der Bombaceen, viel schneller wächst(12) als der Drachenbaum, der
sehr langsam zunimmt. Der in Herrn Franqui’s Garten trägt noch jedes Jahr
Blüten und Früchte. Sein Anblick mahnt lebhaft an »die ewige Jugend der
Natur« [_Aristoteles de longit. vitae. cap. 6._], die eine unerschöpfliche
Quelle von Bewegung und Leben ist.
Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf
Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwürdige Erscheinung in
Beziehung auf die Wanderung der Gewächse. Auf dem Kontinent und Afrika(13)
ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches
Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden,
wo er gar nicht häufig vorkommt? Ist sein Daseyn ein Beweis dafür, daß in
sehr entlegener Zeit die Guanchen mit andern, mit asiatischen Völkern in
Verkehr gestanden haben?
Von Villa da Orotava gelangten wir auf einem schmalen steinigen Pfad durch
einen schönen Kastanienwald _(el Monte de Castaños)_ in eine Gegend, die
mit einigen Lorbeerarten und der baumartigen Heide bewachsen ist. Der
Stamm der letzteren wird hier ausnehmend dick, und die Blüthen, mit denen
der Strauch einen großen Teil des Jahres bedeckt ist, stechen angenehm ab
von den Blüthen des _Hypericum canariense_, das in dieser Höhe sehr häufig
vorkommt. Wir machten unter einer schönen Tanne halt, um uns mit Wasser zu
versehen. Dieser Platz ist im Lande unter dem Namen _Pino del Dornajito_
bekannt; seine Meereshöhe beträgt nach Borda´s barometrischer Messung 522
Toisen [1017 m]. Man hat da eine prachtvolle Aussicht auf das Meer und die
ganze Westseite der Insel. Beim _Pino del Dornajito_, etwas rechts vom Weg
sprudelt eine ziemlich reiche Quelle; wir tauchten ein Thermometer hinein,
es fiel auf 15°,4. Hundert Toisen davon ist eine andere eben so klare
Quelle. Nimmt man an, daß diese Gewässer ungefähr die mittlere Wärme des
Orts, wo sie zu Tage kommen, anzeigen, so findet man als absolute Höhe des
Platzes 520 Toisen, die mittlere Temperatur der Küste zu 21° und unter
dieser Zone eine Abnahme der Wärme um einen Grad auf 93 Toisen angenommen.
Man dürfte sich nicht wundern, wenn diese Quelle etwas unter der mittleren
Lufttemperatur bliebe, weil sich sich wahrscheinlich weiter oben am Pic
bildet, und vielleicht sogar mit den kleinen unterirdischen Gletschern
zusammenhängt, von denen weiterhin die Rede seyn wird. Die eben erwähnte
Uebereinstimmung der barometrischen und der thermometrischen Messung ist
desto auffallender, als im Allgemeinen, wie ich anderwärts ausgeführt, [So
hat Hunter in den blauen Bergen auf Jamaica die Quellen immer kälter
gefunden, als sie nach der Höhe, in der sie zu Tage kommen, seyn sollten.]
in Gebirgsländern mit steilen Hängen die Quellen eine zu rasche
Wärmeabnahme anzeigen, weil sie kleine Wasseradern aufnehmen, die in
verschiedenen Höhen in den Boden gelangen, und somit ihre Temperatur das
Mittel aus dem Temperaturen dieser Adern ist. Die Quellen des Dornajito
sind im Lande berühmt; als ich dort war, kannte man auf dem Weg zum Gipfel
des Vulkans keine andere. Quellenbildung setzt eine gewisse Regelmäßigkeit
im Streichen und Fallen der Schichten voraus. Auf vulkanischem Boden
verschluckt das löcherige, zerklüftete Gestein das Regenwasser und läßt es
in große Tiefen versinken. Deshalb sind die Canarien größtentheils so
dürr, trotzdem daß ihre Berge so ansehnlich sind und der Schiffer
fortwährend gewaltige Wolkenmassen über dem Archipel gelagert sieht.
Vom Pino del Dornajito bis zum Krater zieht sich der Weg bergan, aber
durch kein einziges Thal mehr; denn die kleinen Schluchten _(Barancos)_
verdienen diesen Namen nicht. Geologisch betrachtet, ist die ganze Insel
Teneriffa nichts als ein Berg, dessen fast eiförmige Grundfläche sich
gegen Nordost verlängert, und der mehrere Systeme vulkanischer, zu
verschiedenen Zeiten gebildeter Gebirgsarten aufzuweisen hat. Was man im
Lande für besondere Vulkane ansieht, wie der *Chahorra* oder *Montaña
Colorada* und die *Urca*, das sind nur Hügel, die sich an den Pic anlehnen
und seine Pyramide maskiren. Der große Vulkan, dessen Seitenausbrüche
mächtige Vorgebirge gebildet haben, liegt indessen nicht genau in der
Mitte der Insel, und diese Eigenthümlichkeit im Bau erscheint weniger
auffallend, wenn man sich erinnert, daß nach der Ansicht eines
ausgezeichneten Mineralogen (Cordier) vielleicht nicht der kleine Krater
im Piton die Hauptrolle bei den Umwälzungen der Insel Teneriffa gespielt
hat. Auf die Region der baumartigen Heiden, *Monte Verde* genannt, folgt
die der Farn. Nirgends in der gemäßigten Zone habe ich _Pteris_,
_Blechnum_ und _Asplenium_ in solcher Menge gesehen; indessen hat keines
dieser Gewächse den Wuchs der Baumfarn, die in Südamerika, in fünf,
sechshundert Toisen Höhe, ein Hauptschmuck der Wälder sind. Die Wurzel der
_Pteris aquilina_ dient den Bewohnern von Palma und Gomera zur Nahrung;
sie zerreiben sie zu Pulver und mischen ein wenig Gerstenmehl darunter.
Dieses Gemisch wird geröstet und heißt *Gofio*; ein so rohes
Nahrungsmittel ist ein Beweis dafür, wie elend das niedere Volk auf den
Canarien lebt.
Der Monte Verde wird von mehreren kleinen, sehr dürren Schluchten
(_cañadas_) durchzogen. Ueber der Region der Farn kommt man durch ein
Gehölz von Wachholderbäumen (_cedro_) und Tannen, das durch die Stürme
sehr gelitten hat. An diesen Ort, den einige Reisende _la Caravela_ nenne,
will Edens [Die Reise wurde im August 1715 gemacht. Carabela heißt ein
Fahrzeug mit lateinischen Segeln. Die Tannen vom Pic dienten früher als
Mastholz und die königliche Marine ließ im Monte Verde schlagen.] kleine
Flammen gesehen haben, die er nach den physikalischen Begriffen seiner
Zeit schwefligten Ausdünstungen zuschreibt, die sich von selbst entzünden.
Es ging immer aufwärts bis zum Felsen *Gayta* oder *Portillo*; hinter
diesem Engpaß, zwischen zwei Basalthügeln, betritt man die große Ebene des
Ginsters (_los Llanos del Retama_). Bei Laperouses Expedition hatte
Manneron den Pic bis zu dieser etwa 1400 Toisen über dem Meere gelegenen
Ebene gemessen, er hatte aber wegen Wassermangels und des üblen Willens
der Führer die Messung nicht bis zum Gipfel des Vulkans fortsetzen können.
Das Ergebniß dieser zu zwei Drittheilen vollendeten Operation ist leider
nicht nach Europa gelangt, und so ist das Geschäft von der Küste an noch
einmal vorzunehmen.
Wir brauchten gegen zwei und eine halbe Stunde, um über die Ebene des
Ginsters zu kommen, die nichts ist als ein ungeheures Sandmeer. Trotz der
hohen Lage zeigte hier der hunderttheilige Thermometer gegen
Sonnenuntergang 13°,8, das heißt 3°,7 mehr als mitten am Tage auf dem
Monte Verde. Dieser höhere Wärmegrad kann nur von der Strahlung des Bodnes
und von der weiten Ausdehnung der Hochebene herrühren. Wir litten sehr
vom erstickenden Bimsstaub, in den wir fortwährend gehüllt waren. Mitten
in der Ebene stehen Büsche von *Retama*, dem _Spartium nubigenum_
d´Aitons. Dieser schöne Strauch, den de Martinière [Einer der Botaniker,
die auf Laperouses Seereise umkamen.] in Languedoc, wo Feuermaterial
selten ist, einzuführen räth, wird neun Fuß hoch, er ist mit
wohlriechenden Blüthen bedeckt, und die Ziegenjäger, denen wir unterwegs
begegneten, hatten ihre Strohhüte damit geschmückt. Die dunkelbraunen
Ziegen des Pics gelten für Leckerbissen; sie nähren sich von den Blättern
des Spartium und sind in diesen Einöden seit unvordenklicher Zeit
verwildert. Man hat sie sogar nach Madera verpflanzt, wo sie geschätzter
sind, als die Ziegen aus Europa.
Bis zum Felsen Gayta, das heißt bis zum Anfang der großen Ebene des
Ginsters ist der Pic von Teneriffa mit schönem Pflanzenwuchs überzogen,
und nichts weist auf Verwüstungen in neuerer Zeit hin. Man meint einen
Vulkan zu besteigen, dessen Feuer so lange erloschen ist, wie das des
Monte Cavo bei Rom. Kaum hat man die mit Bimsstein bedeckte Ebene
betreten, so nimmt die Landschaft einen ganz anderen Charakter an; bei
jedem Schritt stößt man auf ungeheure Obsidianblöcke, die der Vulkan
ausgeworfen. Alles ringsum ist öd und still; ein paar Ziegen und Kaninchen
sind die einzigen Bewohner dieser Hochebene. Das unfruchtbare Stück des
Pics mißt über zehn Quadratmeilen, und da die unteren Regionen, von ferne
gesehen, in Verkürzung erscheinen, so stellt sich die ganze Insel als ein
ungeheurer Haufen verbrannten Gesteins dar, um den sich die Vegetation nur
wie ein schmaler Gürtel zieht.
Ueber der Region des _Spartium nubigenum_ kamen wir durch enge Schründe
und kleine, sehr alte, vom Regenwasser ausgespülte Schluchten zuerst auf
ein höheres Plateau und dann an den Ort, wo wir die Nacht zubringen
sollten. Dieser Platz, der mehr als 1530 Toisen [2982 m] über der Küste
liegt, heißt _Estancia de los Ingleses_(14), ohne Zweifel, weil früher die
Engländer den Pik am häufigsten besuchten. Zwei überhängende Felsen bilden
eine Art Höhle, die Schutz gegen den Wind bietet. Bis zu diesem Ort, der
bereits höher liegt als der Gipfel des Canigu, kann man auf Maulthieren
gelangen; viele Neugierige, die beim Abgang von Orotava den Kraterrand
erreichen zu können glaubten, bleiben daher hier liegen. Obgleich es
Sommer war und der schöne afrikanische Himmel über uns, hatten wir doch in
der Nacht von der Kälte zu leiden. Der Thermometer fiel auf 5 Grad.
Unsere Führer machten ein großes Feuer von dürren Zweigen der Retama an.
Ohne Zelt und Mäntel lagerten wir uns auf Haufen verbrannten Gesteins, und
die Flammen und der Rauch, die der Wind beständig gegen uns her trieb,
wurden uns sehr lästig. Wir hatten noch nie eine Nacht in so bedeutender
Höhe zugebracht, und ich ahnte damals nicht, daß wir einst in Städten
wohnen würden, die höher liegen als die Spitze des Vulkans, den wir morgen
vollends besteigen sollten. Je tiefer die Temperatur sank, desto mehr
bedeckte sich der Pic mit dicken Wolken. Bei Nacht stockt der Zug des
Stroms, der den Tag über den Ebenen in die hohen Luftregionen aufsteigt,
und im Maaße als sich die Luft abkühlt, nimmt auch ihre das Wasser
auflösende Kraft ab. Ein sehr starker Nordwird jagte die Wolken; von Zeit
zu Zeit brach der Mond durch das Gewölk und seine Scheibe glänzte auf tief
dunkelblauen Grunde; im Angesicht des Vulkans hatte diese nächtliche Scene
etwas wahrhaft Großartiges. Der Pic verschwand bald gänzlich im Nebel,
bald erschien er unheimlich nahe gerückt und warf wie eine ungeheure
Pyramode seinen Schatten auf die Wolken unter uns.
Gegen drei Uhr morgens brachen wir beim trüben Schein einiger Kienfackeln
nach der Spitze des Piton auf. Man beginnt die Besteigung an der
Nordostseite, wo der Abhang ungemein steil ist, und wir gelangten nach
zwei Stunden auf ein kleines Plateau, das seiner isolirten Lage wegen
_Alta Vista_ heißt. Hier halten sich auch die _Neveros_ auf, das heißt die
Eingeborenen, die gewerbsmäßig Eis und Schnee suchen und in den
benachbarten Städten verkaufen. Ihre Maulthiere, die das Klettern mehr
gewöhnt sind, als die, welche man den Reisenden gibt, gehen bis zur Alta
Vista und die Neveros müssen den Schnee dahin auf dem Rücken tragen. Ueber
diesem Punkte beginnt das *Malpays*, wie man in Mexiko, in Peru und
überall, wo es Vulkane gibt, einen von Dammerde entblößten und mit
Lavabruchstücken bedeckten Landstrich nennt.
Wir bogen rechts von Wege am, um die *Eishöhle* zu besehen, die in 1728
Toisen [3367 m] Höhe liegt, also unter der Grenze des ewigen Schnees in
dieser Breite. Wahrscheinlich rührt die Kälte, die in dieser Höhle
herrscht, von denselben Ursachen her, aus denen sich das Eis in den
Gebirgsspalten des Jura und der Pyrenäen erhält, und über welche die
Ansichten der Physiker noch ziemlich auseinander gehen(15). Die natürliche
Eisgrube des Pics hat übrigens nicht jene senkrechten Oeffnungen, durch
welche die warme Luft entweichen kann, während die kalte Luft am Boden
ruhig liegen bleibt. Das Eis scheint sich hier durch starke Anhäufung zu
erhalten, und weil der Proceß des Schmelzens durch die bei rascher
Verdunstung erzeugte Kälte verlangsamt wird. Dieser kleine unterirdische
Gletscher liegt an einem Ort, dessen mittlere Temperatur schwerlich unter
3° beträgt, und er wird nicht, wie die eigentlichen Gletscher der Alpen,
vom Schneewasser gespeist, das von den Berggipfeln herabkommt. Während des
Winters füllt sich die Höhle mit Schnee und Eis, und da die Sonnenstrahlen
nicht über den Eingang hinaus eindringen, so ist die Sommerwärme nicht im
Stande, den Behälter zu leeren. Die Bildung einer natürlichen Eisgrube
hängt also nicht sowohl von der absoluten Höhe der Felsspalte und der
mittleren Temperatur der Luftschicht, in der sie sich befindet, als von
der Masse des Schnees, der hineinkommt, und von der geringen Wirkung der
warmen Winde im Sommer. Die im Innern eines Berges eingeschlossene Luft
ist schwer von der Stelle zu bringen, wie man am Monte Testaccio in Rom
sieht, dessen Temperatur von der der umgebenden Luft so bedeutend
abweicht. Wir werden in der Folge sehen, daß am Chimborazo ungeheure
Eismassen unter dem Sand liegen, und zwar, wie auf dem Pic von Teneriffa,
weit unter der Grenze des ewigen Schnees.
Bei der Eishöhe _(Cueva del Hielo)_ stellten bei Laperouses Seereise
Lamanon und Mongès ihren Versuch über die Temperatur des siedenden Wassers
an. Sie fanden dieselbe 88°,7, während der Barometer auf 19 Zoll 1 Linie
stand. Im Königreich Neugranada, bei der Capelle Guadeloupe in der Nähe
von Santa Fe de Bogota, sah ich das Wasser bei 89°,9 unter einem Luftdruck
von 19 Zoll 1,9 Linien sieden. Zu Tambores, in der Provinz Popayan, fand
Caldas 89°,5 für die Temperatur des siedenden Wassers bei einen
Barometerstand von 18 Zoll 11,6 Linien. Nach diesen Ergebnissen könnte man
vermuthen, daß bei Lamanons Versuch das Wasser das Maximum seiner
Temperatur nicht ganz erreicht hatte.
Der Tag brach an, als wir die Eishöhle verließen. Da beobachteten wir in
der Dämmerung eine Erscheinung, die auf hohen Bergen häufig ist, die aber
bei der Lage des Vulkanes, auf dem wir uns befanden, besonders auffallend
hervortrat. Eine weiße flockige Wolkenschicht entzog das Meer und die
niedrigeren Regionen der Insel unseren Blicken. Die Schicht schien nicht
über 800 Toisen [1560 m] hoch; die Wolken waren so gleichmäßig verbreitet
und lagen so genau in Einer Fläche, daß sie sich ganz wie eine ungeheure
mit Schnee bedeckte Ebene darstellten. Die colossale Pyramide des Piks,
die vulkanischen Gipfel von Lanzerota, Forteventura und Palma ragten wie
Klippen aus dem weiten Dunstmeer empor. Ihre dunkle Färbung stach grell
vom Weiß der Wolken ab.
Während wir auf den zertrümmerten Laven des Malpays emporklommen, wobei
wir oft die Hände zu Hülfe nehmen mußten, beobachteten wir eine
merkwürdige optische Erscheinung. Wir glaubten gegen Ost kleine Raketen in
die Luft steigen zu sehen. Leuchtende Punkte, 7 – 8 Grad über dem
Horizont, schienen sich zuerst senkrecht aufwärts zu bewegen, aber
allmählich ging die Bewegung in eine waagrechte Oszillation über, die acht
Minuten anhielt. Unsere Reisegefährten, sogar die Führer äußerten ihre
Verwunderung über die Erscheinung, ohne daß wir sie darauf aufmerksam zu
machen brauchten. Auf den ersten Blick glaubten wir, diese sich hin und
her bewegenden Lichtpunkte seyen die Vorläufer eines neuen Ausbruchs des
großen Vulkanes von Lanzerota. Wir erinnerten uns, daß Bouquer und La
Condamine bei der Besteigung des Vulkans Pichincha den Ausbruch des
Cotopaxi mit angesehen hatten; aber die Täuschung dauerte nicht lange, und
wir sahen, daß die Lichtpunkte die durch die Dünste vergrößerten Bilder
verschiedener Sterne waren. Die Bilder standen periodisch still, dann
schienen sie senkrecht aufzusteigen, sich zur Seite abwärts zu bewegen und
wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Diese Bewegung dauerte eine bis zwei
Secunden. Wir hatten keine Mittel zur Hand, um die Größe der seitlichen
Verrückung genau zu messen, aber den Lauf eines Lichtpunktes konnten wir
ganz gut beobachten. Er erschien doppelt durch Luftspiegelung und ließ
keine leuchtende Spur hinter sich. Als ich im Fernrohr eines kleinen
Troughtonschen Sextanten die Sterne mit einen hohen Berggipfel auf
Lanzerota in Contact brachte, konnte ich sehen, daß die Oscillation
beständig gegen denselben Punkt hinging, nämlich gegen das Stück des
Horizontes, wo die Sonnenscheibe erscheinen sollte, und daß, abgesehen von
der Declinationsbewegung des Sterns, das Bild immer an denselben Fleck
zurückkehrte. Diese scheinbaren seitlichen Refractionen hörten auf, lange
bevor die Sterne vor dem Tageslicht gänzlich verschwanden. Ich habe hier
genau wiedergegeben, was wir in der Dämmerung beobachteten, versuche aber
keine Erklärung der auffallenden Erscheinung, die ich schon vor zwölf
Jahren in Zachs astronomischem Tagebuch bekannt gemacht habe. Die Bewegung
der Dunstbläschen in Folge des Sonnenaufgangs, die Mischung verschiedener,
in Temperatur und Dichtigkeit sehr von einander abweichenden Luftschichten
haben ohne Zweifel zu der Verrückung der Gestirne in horizontaler Richtung
das ihrige beigetragen. Etwas Aehnliches sind wohl die starken
Schwankungen der Sonnenscheibe, wenn eben den Horizont berührt; aber diese
Schwankungen betragen selten mehr als zwanzig Secunden, während die
seitliche Bewegung der Sterne, wie wir sie auf dem Pic in mehr als 1800
Toisen Höhe beobachteten, ganz gut mit bloßem Auge zu bemerken, und
auffallender war als alle Erscheinungen, die man bis jetzt als Wirkungen
der Brechung des Sternlichts angesehen hat. Ich war bei Sonnenaufgang und
die ganze Nacht in 2100 Toisen Höhe auf dem Rücken der Anden, in Antisana,
konnte aber nichts gewahr werden, was mit jenem Phänomen übereingekommen
wäre.
Ich wünschte in so bedeutender Höhe wie die, welche wir am Pic von
Teneriffa erreicht hatten, den Moment des Sonnenaufganges genau zu
beobachten. Kein mit Instrumenten versehener Reisender hatte noch eine
solche Beobachtung angestellt. Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer,
dessen Gang mir sehr genau bekannt war. Der Himmelsstrich, wo die
Sonnenscheibe erscheinen sollte, war dunstfrei. Wir sahen den obersten
Rand um 4 Uhr 48’ 55" wahrer Zeit, und, was ziemlich auffallend ist, der
erste Lichtpunkt der Scheibe berührte unmittelbar die Grenze des
Horizonts; wir sahen demnach den wahren Horizont, das heißt einen Strich
Meers auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Die Rechnung ergibt, daß unter
dieser Breite in der Ebene die Sonne um 5 Uhr 1 Minute 50 Secunden, oder
11 Minuten 51,3 Secunden später als auf dem Pic hätte anfangen sonnen
aufzugehen. Der beobachete Unterschied betrug 12 Minuten 55 Secunden, und
dieß kommt ohne Zweifel von der Ungewißheit hinsichtlich der
Refractionsverhältnisse für einen Abstand vom Zenith, wofür keine
Beobachtungen vorliegen(16).
Wir wunderten uns, wie ungemein langsam der untere Rand der Sonne sich vom
Horizont zu lösen schien. Dieser Rand wurde erst um 4 Uhr 56 Min. 56 Sec.
sichtbar. Die stark abgeplattete Sonnenscheibe war scharf begrenzt; es
zeigte sich während des Aufgangs weder ein doppeltes Bild noch eine
Verlängerung des untern Randes. Der Sonnenaufgang dauerte dreimal länger,
als wir in dieser Breite hätten erwarten sollen, und so ist anzunehmen,
daß eine sehr gleichförmig verbreitete Dunstschicht den wahren Horizont
verdeckte und der aufsteigenden Sonne nachrückte. Trotz des Schwankens der
Sterne, das wir vorhin im Osten beobachtet, kann man die Langsamkeit des
Sonnenaufgangs nicht wohl einer ungewöhnlich starken Brechung der vom
Meereshorizont zu uns gelangenden Strahlen zuschrieben; denn, wie le
Gentil es täglich in Pondichery und ich öffers in Cumana beobachet haben,
erniedrigt sich der Horizont gerade bei Sonnenaufgang, weil die Temperatur
der Luftschicht unmittelbar auf der Meeresfläche sich erhöht.
Der Weg, den wir uns durch das Malpays bahnen mußten, ist äußerst
ermüdend. Der Abhang ist steil und die Lavablöcke wichen unter unseren
Füßen. Ich kann dieses Stück des Weges nur mit den *Moränen* der Alpen
vergleichen, jenen Haufen von Rollsteinen, welche am untern Ende der
Gletscher liegen; die Lavatrümmer auf dem Pic haben aber scharfe Kanten
und lassen oft Lücken, in die man Gefahr läuft bis zum halben Körper zu
fallen Leider trug die Faulheit und der üble Wille unserer Führer viel
dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; sie glichen weder den
Führern im Chamounithal noch jenen gewandten Guanchen, von denen die Sage
geht, daß sie ein Kaninchen oder eine wilde Ziege im Laufe fingen. Unsere
canarischen Führer waren träg zum Verzweifeln: sie hatten tags zuvor uns
bereden wollen, nicht über die Station bei den Felsen hinaufzugehen; sie
setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter
uns die Handstücke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfältig gesammelt
hatten, weg, und es kam heraus, daß noch keiner auf dem Gipfel des
Vulkanes gewesen war.
Nach dreistündigem Marsch erreichten wir das Ende des Malpays bei einer
kleinen Ebene, _la Rambleta_ genannt; aus ihrem Mittelpunkte steigt der
Piton oder Zuckerhut empor. Gegen Orotava zu gleicht der Berg jenen
Treppenpyramiden in Fejoum und in Mexiko, denn die Plateaus der Retama und
die Rambleta bilden zwei Stockwerke, deren ersteres viermal höher ist als
letzteres. Nimmt man die ganze Höhe des Piks zu 1904 Toisen [3710 m] an,
so liegt die Rambleta 1820 Toisen [3546 m] über dem Meere. Hier befinden
sich die Luftlöcher, welche bei den Eingeborenen *Nasenlöcher des Piks*
(_Narices des Pico_) heißen. Aus mehreren Spalten im Gestein dringen hier
in Absätzen warme Wasserdünste; wir sahen den Thermometer darin auf 43°,2
steigen; Labillardière hatte acht Jahre vor uns diese Dämpfe 53°,7 heiß
gefunden, ein Unterschied, der vielleicht nicht sowohl auf eine Abnahme
der vulkanischen Thätigkeit als auf einen lokalen Wechsel in der Erhitzung
der Bergwände hindeutet. Die Dämpfe sind geruchlos und scheinen reines
Wasser. Kurz vor dem großen Ausbruch des Vesuv im Jahr 1806 beobachteten
Gay-Lussac und ich, daß das Wasser, das in Dampfform aus dem Innern des
Kraters kommt, Lackmuspapier nicht röthete. Ich kann übrigens der kühnen
Hypothese mehrerer Physiker nicht beistimmen, wornach die *Naslöcher des
Pic* als die Mündungen eines ungeheuren Destillierapparates, dessen Boden
unter der Meeresfläche liegt, zu betrachten seyn sollen. Seit man die
Vulkane sorgfältiger beobachetet und der Hang zum Wunderbaren sich in
geologischen Büchern weniger bemerkbar macht, fängt man an den
unmittelbaren beständigen Zusammenhang zwischen dem Meer und den Herden
des vulkanischen Feuers mit Recht stark in Zweifel zu ziehen(17). Diese
durchaus nicht auffallende Erscheinung erklärt sich wohl sehr einfach. Der
Pic ist einen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt; wir selbst fanden noch
welchen auf der kleinen Ebene Rambleta; ja Odonell und Armstrong haben im
Jahre 1806 im Malpays eine sehr starke Quelle entdeckt, und zwar hundert
Toisen über der Eishöhle, die vielleicht zum Theil von dieser Quelle
gespeist wird. Alles weist also darauf hin, daß der Pic von Teneriffa,
gleich den Vulkanen der Anden und der Inzel Lucon, im Inneren große
Höhlungen hat, die mit atmosphärischem Wasser gefüllt sind, das einfach
durchgesickert ist. Die Wasserdämpfe, welche die Naslöcher und die Spalten
im Krater ausstoßen, sind nichts als dieses selbe Wasser, das durch die
Wände, über die es fließt, erhitzt wird.
Wir hatten jetzt noch den steilsten Theil des Berges, der die Spitze
bildet, den Piton, zu ersteigen. Der Abhang dieses kleinen, mit
vulkanischer Asche und Bimssteinstücken bedeckten Kegels ist so schroff,
daß es fast unmöglich wäre, auf den Gipfel zu gelangen, wenn man nicht
einem alten Lavastrom nachginge, der aus dem Krater geflossen scheint und
dessen Trümmer dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Diese Trümmer bilden eine
verschlackte Felswand, die sich mitten durch die lose Asche hinzieht. Wir
erstiegen den Piton, indem wir uns an diesen Schlacken anklammerten, die
scharfe Kanten haben und, halb verwittert, wie sie sind, uns nicht selten
in der Hand blieben. Wir brauchten gegen eine halbe Stunde, um einen Hügel
zu ersteigen, dessen senkrechte Höhe kaum 90 Toisen [175 m] beträgt. Der
Vesuv, der dreimal niedriger ist als der Vulkan auf Teneriffa, läuft in
einen fast dreimal höheren Aschenkegel aus, der aber nicht so steil und
zugänglicher ist. Unter allen Vulkanen, die ich besucht, ist nur der
Jorullo in Mexiko noch schwerer zu besteigen, weil der ganze Berg mit
loser Asche bedeckt ist.
Wenn der Zuckerhut mit Schnee bedeckt ist, wie bei Eintritt des Winters,
so kann die Steilheit des Anhanges den Reisenden in die größte Gefahr
bringen. Le Gros zeigte uns die Stelle, wo Kapitän Baudin auf seiner Reise
nach Teneriffa beinahe ums Leben gekommen wäre. Muthig hatte er gegen Ende
Dezembers 1797 mit den Naturforschern Advenier, Mauger und Riedlé die
Besteigung des Gipfels des Vulkans unternommen. In der halben Höhe des
Kegels fiel er und rollte bis zur kleinen Ebene Rambleta hinunter; zum
Glück machte ein mit Schnee bedeckter Lavahaufen, daß er nicht noch weiter
mit beschleunigter Geschwindigkeit hinabflog. Wie man mir versichert, ist
ein Reisender, der den mit festem Rasen bedeckten Abhang des Col de Balme
hinabgerollt war, erstickt gefunden worden.
Auf der Spitze des Piton angelangt, wunderten wir uns nicht wenig, daß wir
kaum Platz fanden, bequem niederzusitzen. Wir standen vor einer kleinen
kreisförmigen Mauer aus porphyrartiger Lava mit Pechsteinbasis; diese
Mauer hinterte uns, in den Krater hinabzusehen. [La Caldera oder der
Kessel des Pics. Der Name erinnert an die *Oules* der Pyrenäen.] Der Wind
blies so heftig aus West, daß wir uns kaum auf den Beinen halten konnten.
Es war acht Uhr morgens und wir waren starr vor Kälte, obgleich der
Thermometer etwas über dem Gefrierpunkt stand. Seit lange waren wir an
eine sehr hohe Temperatur gewöhnt, und der trockene Wind steigerte das
Frostgefühl, weil er die kleine Schicht warmer und feuchter Luft, welche
sich durch die Hautausdünstung um uns her bildete, fortwährend wegführte.
Der Krater des Pic hat, was den Rand betrifft, mit den Kratern der meisten
anderen Vulkane, die ich besucht, z. B. mit dem des Vesuvs, des Jorullo
und Pipincha, keine Aehnlichkeit. Bei diesen behält der Piton seine
Kegelgestalt bis zum Gipfel; der ganze Abhang ist im selben Winkel geneigt
und gleichförmig mit einer Schicht sehr fein zertheilten Bimssteins
bedeckt; hat man die Spitze dieser drei Vulkane erreicht, so blickt man
frei bis auf den Boden des Schlunds. Der Pic von Teneriffa und der
Cotopaxi dagegen sind ganz anders gebaut; auf ihrer Spitze läuft
kreisförmig ein Kamm oder eine Mauer um den Krater; von ferne stellt sich
diese Mauer wie ein kleiner Cylinder auf einem abgestutzten Kegel dar.
Beim Cotopaxi erkennt man dieses eigenthümliche Bauwerk über 2000 Toisen
weit mit bloßem Auge, weßhalb auch noch kein Mensch bis zum Krater dieses
Vulkans gekommen ist. Beim Pik von Tenerifa ist der Kamm, der wie eine
Brustwehr um den Krater läuft, so hoch, daß er gar nicht zur *Caldera*
gelangen ließe, wenn sich nicht gegen Ost eine Lücke darin befände, die
von einem sehr alten Lavaerguß herzurühren scheint.
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