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Briefe an eine Freundin

by Wilhelm von Humboldt · German · Gutenberg #21801 · 717,033 chars · public domain (US)

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Title: Briefe an eine Freundin

Author: Wilhelm von Humboldt


        
Release date: June 11, 2007 [eBook #21801]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/21801

Credits: Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, Juliet
        Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team
        at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AN EINE FREUNDIN ***




Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, Juliet
Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team
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WILHELM VON HUMBOLDT

BRIEFE AN
EINE FREUNDIN

HERAUSGEGEBEN VON
DR. HUHNHÄUSER


BERLIN 1921
VOLKSVERBAND DER
BÜCHERFREUNDE

WEGWEISER-VERLAG G. M. B. H.




Vorbericht von Charlotte Diede.


Die Briefe, welche hier erscheinen, werden gewiß als eine willkommene
Zugabe zu den gesammelten Werken Wilhelm von Humboldts empfangen werden.
Oft ist der Wunsch ausgesprochen, daß, außer den gelehrten Schriften,
die man allein und getrennt von denen wünschte, die nicht in dieses Fach
gehören, noch mehr Ungedrucktes, besonders Briefe, erscheinen möchten.
Die hier vorliegenden fallen in die Jahre von 1788 bis 1835. Jahre waren
nötig, bis die Herausgeberin den Entschluss fassen und festhalten
konnte, von dem, was ihr verborgenes Heiligtum war, etwas durch den
Druck mitzuteilen. Endlich überzeugte sie sich, daß das nicht untergehen
darf, was wesentlich zur Charakteristik eines wahrhaft großen Mannes
gehört.

Was Wilhelm von Humboldt in bewegter, geschichtlich-wichtiger Zeit dem
Staat war; was er voll hoher Humanität und edler Freisinnigkeit den
Völkern, der Menschheit leistete; was er für Wissenschaft und
Gelehrsamkeit erforschte, bewahrt die Geschichte und verzeichnet ihr
Griffel auf unvergängliche Tafeln. Aber in dem unerschöpflichen Reichtum
der Gedanken, der Tiefe der Empfindung, der Mannigfaltigkeit, Höhe und
Reinheit der Ideen, worin der Verewigte lebte, waltete vor allem -- wie
der edle Bruder sich ausdrückt -- »das herrliche Gemüt, die Seele voll
Hochsinn und Adel«, die ihn belebte. Und wer kleidete seine Gesinnungen
in eine so kraftvolle und würdige Sprache! Doch ist diese, wie schön sie
auch war, nur die äußere Schale und Hülle des hohen Geistes. Die ihm
inwohnende Seele war: ein ganz uneigennütziger, sich immer selbst
verleugnender, starker, ganz selbstloser Wille; mit diesem verband sich
der tiefe Sinn, der heilige Ernst, der der Wahrheit entstammt, die Macht
der Überzeugung, die liebevollste Schonung, die Milde im Urteilen, und
der unendliche Zauber der zartesten Empfindung, der alles umfaßte.

Alles das spricht sich hinreißend in diesen Briefen an eine Freundin
aus, die nach dem Ableben derselben für den Druck hinterlassen worden.
Außerdem, daß sie den Verfasser verklären, könnte in der Herausgabe noch
ein anderer, höher belohnender Zweck erkannt werden: die Briefe wirkten
sehr wohltätig einst bei jedem Empfange. Sie waren an eine vom Glück
vergessene Freundin geschrieben, für sie gedacht und empfunden, dieser
sollten sie segensvoll werden, und sie erreichten ihren Zweck. Sie
können nur so auf die Leser wirken, für welche sie ausgewählt sind.
Bleibt ja von großen Menschen ihr Geist, oder was aus ihm hervorging,
fortwirkend der Nachwelt, wenn er gleich selbst die Welt verlassen hat.

Die Briefe sind nicht für jedermann, wie das kein Buch ist. Aber es
sind, für die rechten Leser und Leserinnen, reiche mannigfache Gaben,
die allerdings immer auf einen Gegenstand sich bezogen, wo sie voll
Verehrung und Dankbarkeit empfangen wurden. Sie berührten das Außenleben
nur, um einen Anknüpfungspunkt für Ideen daraus zu nehmen. Sie gingen
hervor aus einem unerschöpflichen Quell inneren, geistigen Reichtums.
Der eigene Stoff, der nie von außen genommen, nie ausgehen konnte,
belebte alles.

Die Briefe sind nicht gelehrten oder wissenschaftlichen, noch weniger
historisch-politischen, ja nicht einmal ästhetischen oder romantischen
Inhalts. Auch wenn sie einmal bei äußeren Erscheinungen verweilen,
kehren sie gleich wieder auf das innere _Sein_ zurück, das allen Schein
verschmäht. Sie kompromittieren niemand, sie enthalten kein Wort, das
irgend jemand unangenehm sein könnte oder die Zensur fürchten dürfte.
Sie zeigen, wie ein großer Mann Teilnahme und Freundschaft auszusprechen
und zu beweisen, wie er verschiedene Empfindungen zu sondern und in
reine Harmonie zu bringen, und wie er zu überzeugen weiß, oft selbst mit
rührender Bescheidenheit. So verstand es höchst trostreich der Edle, wie
das viele Briefe beweisen, über Leben und Schicksale zu erheben, um auf
den Standpunkt zu geleiten, von dem aus er selbst das irdische Dasein
betrachtete.


So weit die Einleitung zum Vorbericht von befreundeter Hand. Das Weitere
kann allein die Herausgeberin wahr und getreu hinzufügen, ja, sie allein
_darf_ es.

Und _wahr_ und _treu_ will ich hinzusetzen, was als Erklärung nötig ist,
doch erst an das Vorhergehende anreihen, was noch dahin gehört. Dieser
Briefwechsel war seit einer langen Reihe von Jahren mein einziges, mein
höchstes, ungekanntes Glück. Was ich an Teilnahme und Trost bei allem,
was mich traf, an Rat und Ermutigung, an Erhebung und Erheiterung,
endlich an Erkenntnis und Erleuchtung über höhere Wahrheiten bedurfte,
ich nahm es aus diesem unerschöpflichen Schatz, der mir immer zugänglich
und zur Seite war.

Ein solcher Briefwechsel, der durch nichts gestört und unterbrochen
wurde, ist Umgang, der gegenseitig zu näherer Kenntnis des Charakters
führt. Ein Geheimnis kann er nicht sein, die ganze Welt könnte den
Inhalt wissen. Aber sie waren an mich geschrieben, so war es das
_Heiligtum_ meines Lebens; so bewahrte ich schweigend und verborgen, was
nur für mich geschrieben war, mich entschädigte für große Entbehrungen,
mich lohnte für viele Leiden, mir erschien wie mein zugewogenes
Erdenglück, das mich ganz aussöhnte mit Schicksal und Verhängnis.

Wie viel aus einem solchen, das innere Leben vertrauungsvoll berührenden
Briefe ausgeschaltet werden muß, wie nicht die Hälfte bleiben kann,
auch vieles durch Mitteilung entweiht werden würde, darf kaum angedeutet
werden. Zugleich ist anderes wieder in dem Schönen und selbst Lobenden
so charakteristisch, spricht den inneren Gemütsreichtum und die Fülle
des gütigsten, gerechtesten Herzens so hinreißend aus, daß es denen
nicht entzogen werden darf, die jede Erinnerung der Art gewiß heilig
verehren. Daß alle diese die hier erscheinenden Briefe wie eine
zwiefache Stimme aus einer unsichtbaren Welt, wie ein doppeltes
Vermächtnis ansehen, ist mein Wunsch. Zuerst die teuern Hinterbliebenen
des Verfassers, dann die große Zahl seiner Verehrer und Freunde, in
deren Herzen gewiß nie sein Bild erlöschen wird, da ihm die Stelle darin
durch Liebe und Ehrfurcht geweiht ist. Demnächst sind sie ein
Vermächtnis für den engen Kreis der Freunde der Herausgeberin, welche
alle Papiere sorgfältig gesammelt, bewahrt, geordnet und
treu-gewissenhaft ausgewählt hat. Jeder, der das Glück hatte, dem
Vollendeten näher zu stehen und den er würdigte, ihm das Innere seiner
hohen Seele aufzuschließen, wird ihn in den Briefen, in dem Gange seiner
Ideen und den öfteren Selbstzeichnungen wiederfinden.

Manches bedarf, nur um nicht ganz unverständlich zu sein, einer
Erklärung, wozu ich mich ungern entschließe. Welche Frau, geehrt und
beglückt durch Wilhelm von Humboldts Teilnahme und Freundschaft,
gewürdigt vieljähriger, vertrauungsvoller Briefe und im Besitz so
vieler geistreicher Blätter, könnte den Mut haben, ihre Ansichten und
ihr Geschreibe neben das zu stellen, was aus seiner Feder floß! Ihn
allein reden zu lassen ist geziemend und natürlich. Die Briefe selbst
sind es und sie allein, worauf es ankommt, und welche Tendenz der
Briefwechsel haben sollte, geht klar daraus hervor.

Über den Beginn desselben möchte einige Nachricht dem einen und andern
interessant sein. Kurz und einfach will ich sie geben.

Wir lernten uns in früher Jugend, im Jahre 1788 in _Pyrmont_ kennen, wohin
Herr von Humboldt, der in Göttingen studierte, von dort kam, und wohin
ich, nur wenige Jahre jünger, meinen Vater begleitete, der alljährlich
ein Bad besuchte. Wir wohnten in einem Hause, waren Tischnachbarn an der
Wirtstafel und lebten in Gesellschaft meines Vaters drei glückliche
Jugendtage von früh bis spät als unzertrennliche Spaziergänger in
Pyrmonts Alleen und reizenden Tälern. Wir hatten uns so viel zu sagen!
so viele Ansichten und Meinungen mitzuteilen! so viele Ideen
auszutauschen! wir wurden nicht fertig. Wie leise diese oder jene Saite
angeschlagen wurde, sie fand den tiefsten Anklang.

Es war die letzte Epoche einer schönen, blüten- und hoffnungsreichen,
poetischen Zeit, worin ein Teil der Jugend ideal und begeistert lebte,
während der andere, wie heute, im Realismus prosaisch fortschritt. Wir
gehörten beide zu dem ersten. Und es herrschte damals noch die schöne
Ruhe vor dem nahen Sturm, der bald furchtbar ausbrach.

Wenn die Jugend auch den klaren Begriff der Größe noch nicht hat, so
ahnt und empfindet sie doch solche. Wilhelm von Humboldts Charakter war
schon im Jüngling derselbe, wie er sich später und bis an das Ende
seines Lebens aussprach. Schon 1788 lebte er in hohen und klaren Ideen,
schon damals war die einzig heitere Ruhe über sein ganzes Wesen
ausgegossen, die im Umgang höchst wohltätig ergriff und sich jeder
Unterhaltung ebenso mitteilte. Jedes Wort war überzeugend und
beleuchtete hell den Gegenstand, worüber er sprach.

Herr von Humboldt reiste nach drei Tagen ab. Wir blieben länger. Mir
blieb die Erinnerung von drei glücklichen Jugendtagen, die ein
gewöhnliches, alltägliches langes Leben an Gehalt aufwiegen. Das
Andenken derselben hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Mein
neuer junger Freund hatte auf mich einen tiefen, nie vorher gekannten,
nie in mir erloschenen Eindruck gemacht, der gesondert von andern
Empfindungen, in sich geheiligt, wie ein geheimnisvoller Faden durch
alle folgenden Verhängnisse meines Lebens ungesehen lies, und fest in
mir verborgen blieb, den ich immer gesegnet und als eine gütige Fügung
der Vorsehung angesehen habe. Es knüpften sich an diese Erinnerungen, so
wenig als an die drei Tage selbst, weder Wünsche, noch Hoffnungen, noch
Unruhe. Ich fühlte mich unendlich bereichert im Innern und meine Seele
war mehr noch als vorher aufs Ernste gerichtet. Manches, was wir
besprochen hatten, beschäftigte mich noch lange, und »das Gefühl fürs
Wahre, Gute und Schöne« wurde klarer und stärker in mir.

Wir sahen uns nicht wieder, auch hegte ich nicht die leiseste Hoffnung
des Wiedersehens. Ich schloß die vorübergegangene schöne Erscheinung in
das Allerheiligste und gab es nie heraus, sprach nie darüber und
sicherte es so vor Entweihung durch fremde Berührung.

Ein Stammbuchblättchen, ein in jener Zeit mehr als jetzt gebräuchliches
Erinnerungszeichen, blieb mir ein sehr teures Andenken durch mein ganzes
Leben. Ich ahnte nicht, wie bedeutend es noch werden würde, als ein
Dokument, das hierher gehört, da es beides charakterisiert, den
jugendlichen Humboldt und unser jugendliches Verhältnis.

Bald nach dieser für mich in den späteren Folgen so wichtigen
Bekanntschaft, im Frühjahr 1789, wurde ich verheiratet. Ich lebte in
dieser kinderlosen Ehe nur fünf Jahre und trat in keine zweite.

Mich trafen ungewöhnliche und schmerzlich-verwickelte Schicksale, und
durch rätselhafte, geheime, erst spät enthüllte Intriguen und
Feindschaften blieb mein ganzes Leben ein Gewebe von Widerwärtigkeiten,
die ich später gesegnet habe, da nichts anders sein durfte, als es war,
sollte ich der segensvollen Teilnahme des edelsten Freundes teilhaftig
werden.

In dieser Zeit begannen die großen Weltbegebenheiten und griffen mehr
oder weniger in die Schicksale von Tausenden ein, die nichts damit zu
tun hatten. Auch auf mich übten sie ihre Gewalt, indem sie mich eines
Vermögens beraubten, das eben ausreichte, mir bei mäßigen Wünschen
Unabhängigkeit zu sichern, wodurch mir viele Lebensbitterkeiten fern
blieben, die ich später kennen lernte.

In der ereignisschweren Zeit 1806 wohnte ich als Fremde in Braunschweig.
Eine Reihe von Jahren hatte ich dort unter der milden Regierung des
alten, allgeliebten, verehrten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand gelebt. Es
war nach der Schlacht bei Jena, wovon man so große Erwartungen hegte,
als die Besitznahme deutscher Länder und die französische Herrschaft
begann. Braunschweig traf der Schlag zuerst. Wie gewaltsam die Schritte
auch waren, die geschahen, man sah sie als kriegerische Maßregeln an,
aber nicht als Vorspiel dessen, was folgte. Man besorgte und befürchtete
keine Fremdherrschaft.

Jetzt erging eine Aufforderung, die allgemeine Last freiwillig oder
gezwungen mitzutragen. An mich erging aber keine Anforderung, gern und
freiwillig gab ich einen großen Teil meines Vermögens. Es war mir gerade
ein Kapital ausgezahlt, das vorerst auf Wechsel stand, worüber ich
gleich disponieren konnte; gefährlich schien es durchaus nicht, die
Obligationen wurden von den Landständen ausgestellt und garantiert, die
Gelder von ihnen empfangen. Man hielt das für sehr sicher. Mich hatten
schwere Privatleiden in der Zeit getroffen, so, im Schmerz befangen,
handelte ich wohl nicht vorsichtig genug. Wie es bald mit diesen
Papieren ging, ist bekannt genug und gehört nicht weiter hierher.

Bald kamen die wichtigen weltgeschichtlichen Jahre 1812, 13 und 14
heran. Wer, der sie erlebte, denkt nicht gern und mit Freuden der
Begeisterung jener Zeit, in der man des eigenen Geschicks vergaß, wenn
es nicht zu schwer war! Ich lebte in dieser Zeit im Braunschweigischen.
Wer hatte mehr gelitten als der Herzog selbst, wie hing ihm sein Volk an
mit deutscher Treue und Liebe! Auf eine den gütigen Fürsten hochehrende
Art war er mit meinen Verlusten und meiner daraus hervorgegangenen Lage
bekannt geworden. Er rechnete mir, als einer Fremden, mein früheres
Darlehn höher an, als es solches verdiente. Freunde von mir standen ihm
nahe und machten ihn genauer mit allem bekannt. Der höchst gütige Fürst
bezeigte mir in zwei Briefen seine Teilnahme an meinen Verlusten und den
Wunsch, meine Lage gründlich zu ändern. Man riet mir, das Wohlwollen
gleich in Anspruch zu nehmen und um eine Pension zu bitten. Das
vermochte ich nicht. Ich vertraute dem fürstlichen Wort: nach glücklich
beendeter Sache die Sorge für mich selbst zu übernehmen. Dies Vertrauen
hätte mich gewiß nicht getäuscht, wäre er nicht bei Waterloo gefallen. --

Mehrere einflußreiche Männer in hoher Stellung interessierten sich für
meine Sache, um mir einigen Ersatz zu verschaffen, aber vergeblich.
Meine großen Verluste blieben, wie hart und drückend sie waren,
unersetzt.

Um diese Zeit sprachen die Zeitungen viel in großen, ehrenvollen
Erwartungen von dem Minister von Humboldt, der im Hauptquartier des Königs
von Preußen und dann als dessen Bevollmächtigter auf dem Kongreß in Wien
war. Plötzlich kam mir der Gedanke, mich in die Erinnerung des nie
Vergessenen zurückzurufen, mich offen und ohne Rückhalt gegen ihn über
meine dermalige Lage auszusprechen und es ihm und seiner Einsicht anheim zu
stellen, _ob_ und _was_ für mich zu tun sei. So schnell wie der
Gedanke in mir aufstieg, wurde er ausgeführt. Alles Jugendvertrauen kehrte
während des Schreibens zurück. Ich gab dem teuern Freund einen möglichst
kurzen Überblick über viele verhängnisvolle Jahre, verweilte aber länger
bei der Gegenwart, die mir den Mut gegeben hatte zu diesem Schritt. Das
heilig bewahrte Stammbuchblättchen war eine sprechende Beglaubigung. Von
diesem Brief habe ich damals für mich eine Abschrift bewahrt und diese
jetzt wiedergefunden, und da er die folgenden veranlaßte und den
Briefwechsel eröffnete, so gehört er, stückweise, hierher und ich teile das
Nötige daraus mit.

Ich bekam auf der Stelle Antwort.

Jeder, der den Vollendeten kannte, wird seinen Brief, den treuen
Ausdruck des edelsten Gemüts, nicht ohne gerührtes Interesse lesen.


Ehe jedoch zu den wertvollen Briefen übergegangen wird, möchte es nötig
sein zu sagen, wie die Veröffentlichung oder vielmehr der Entschluß dazu
entstanden ist. Es möchte dies Pflicht sein in einer Zeit, worin so
viele Briefe von vertrautem Inhalt erscheinen, die neben dem Interesse,
das sie gewähren, notwendig verletzen müssen und gerechten Tadel
verdienen, ohne die Wahrhaftigkeit zu beweisen.

Die Herausgabe _dieser_ Briefe ist wie von einem unsichtbaren Willen
geleitet entstanden. Ich bewahrte viele Jahre meine köstlichen,
neidenswerten Briefschätze, schweigend, wie ein Heiligtum, und sah sie an
wie eine unerschöpfliche Quelle höheren Lebens, woraus ich lange Jahre Mut
und Kraft schöpfte und die Reife empfing, deren ich fähig war, und nur auf
diese Art teilhaftig werden konnte. Eigentlich bedurfte ich für meinen
Geist keine weitere Nahrung, für mein Nachdenken keinen reicheren Stoff,
für meine Belehrung kein anderes Buch, für meine Seele kein helleres Licht.
Dabei fand ich in allen Lagen den Trost und die Ermutigung, die mir gerade
nötig waren. Höchst gütig ließ der edle Freund sich zu meiner Fassungskraft
herab, so war er mir, worüber er auch reden mochte, immer verständlich,
klar und überzeugend. Wenn wir auch in manchen Meinungen verschieden waren,
so ging diese Verschiedenheit aus ganz verschiedenen Äußerlichkeiten des
Lebens hervor. Immer aber blieb der Freund meiner Seele das leitende
Prinzip meines geistigen Lebens; ich lebte von einem Brief bis zum andern
mit ihm fort, und es bildete sich für mich, in einer mühe- und sorgenvollen
Lage und bei untergrabener Gesundheit, ein reiches inneres Leben. Wenn ich
mich immer mehr zurückzog, den Kreis meiner Freunde enger schloß, folgte
ich nur meiner tiefsten Neigung; Vergnügen und Freude, und meine stille
Verborgenheit war, ungekannt und ungeahnt von jedermann, höchst belebt und
beseelt, ja _beseligt_, und war es allein durch diesen seelenvollen
Briefwechsel, der nie wieder unterbrochen wurde, weder durch Reisen, noch
durch Krankheiten, und bis in den Tod bestand. Dem mit mir
übereinstimmenden Freunde war es eine besondere Befriedigung, daß ich so
_schweigend_ mein Heiligtum während eines halben Menschenalters
bewahrte.

Die letzten Jahre meines Lebens gewährten mir wieder mehr Muße, so
konnte ich mehr und tiefer in den Geist der Briefe, der in allen und
jedem einzelnen weht, mich versenken und vertiefen, in diesen reichen,
hocherleuchteten Geist, voll lauterer himmlischer Gesinnungen! Jahre
habe ich mit diesen Briefen, und nur mit ihnen gelebt.

Oft vertieft in die Ideen des vollendeten Freundes und zugleich versenkt
in Nachdenken über dies einzige Verhältnis und das, was dadurch für Zeit
und Ewigkeit in mir gereift war, schien es mir nicht recht, daß so viel
Wahres, Großes und Gutes mit mir untergehen sollte. Es war allerdings
nur für mich geschrieben, für mich und meine Art zu empfinden berechnet,
aber die überzeugenden Wahrheiten, so klar ausgesprochen, die sicheren
Wege zu innerem Glück und Ruhe so unverkennbar, so klar und milde
gezeigt, daß die Erkenntnis heilsam für jedes gutgeartete Gemüt sein
muß.

Und das alles sollte mit mir untergehen? mit mir zernichtet werden? --

Das war vielleicht die erste innere Aufforderung, das Segensreiche so
oder anders zu erhalten!

Ich fing an Auszüge zu machen, um solche im Manuskript Freunden zu
hinterlassen, und erkannte bald, wie vergänglich solche Vermächtnisse
sind und wie schnell verlesen. So stiegen nach und nach Gründe auf, so
wertvolle Papiere durch den Druck zu erhalten. Ein großes Hindernis trat
mir entgegen: der Widerwille an aller Öffentlichkeit. Was Freunden für
mich hochehrend erschien, dünkte mir Entweihung. Ein zweites Hindernis
war die Forderung einer strengen Durchsicht, selbst teilweise einer
gänzlichen Umschreibung der gemachten Auszüge. Schwierigkeiten aller Art
entstanden. So waren, wie schon gesagt, Jahre nötig, den Entschluß der
Veröffentlichung zu reifen. Auch kann diese erst nach meinem Ableben
stattfinden. Die Zeit, die das Unbedeutende bald erbleichen läßt,
verklärt das Große und wird auch den hohen Wert der Gaben steigern, die
ich denen hinterlasse, die sie verstehen, würdigen und gewiß mit Freuden
empfangen.

Als heilige Pflicht erschien es mir nach dem gefaßten Entschluß, alle
Auszüge selbst zu machen und eigenhändig zu schreiben. So sicherte ich
Wahrheit und Treue auf einer Seite, indem ich auf der andern niemand
verantwortlich machte. So kann ich aber nicht dafür einstehen, daß nicht
Wiederholungen vorfallen. Ich bemerke dies im Vorbericht, um nicht
später bei jedem einzelnen Fall daran zu erinnern. Ich bedarf gewiß
Nachsicht und Verzeihung für solche Fehler, die ich begehen, ja nicht
werde vermeiden können, da ich den Entschluß der Herausgabe zu spät
gefaßt habe, und keine fremde Hilfe erbitten noch zulassen will. Man ist
wohl so gütig, wenn bei aller Sorgfalt Wiederholungen der Art vorfallen,
solche Stellen zu überschlagen. Der Verfasser ist es ja allein, der
Interesse erregt und gewährt, und was er schreibt, entschädigt
reichlich, wo mich Tadel trifft.

Von meinen Briefen ist, wie ich das gewünscht und erbeten hatte, nichts
erhalten; nur von einzelnen habe ich Abschrift oder Fragmente bewahrt,
um Ereignisse im Gedächtnis festzuhalten, die mir selbst nicht
entschwinden sollten. Dies werde ich als Zusätze nachtragen, wo es nötig
ist.


           *       *       *       *       *


_An den Freiherrn von Humboldt_,
K. Pr. Staats-Minister, auf dem Kongreß in Wien.

Nicht an Ew. Exzellenz, nicht an den Preußischen Staatsminister, -- an
den unvergessenen, unvergeßlichen Jugendfreund schreibe ich, dessen Bild
ich eine lange Reihe von Jahren verehrend im Gemüt bewahrt, und gern und
viel dabei verweilt habe, der nie wieder von dem jungen Mädchen hörte,
das ihm einst begegnete, mit dem er drei fröhliche Jugendtage verlebte
in jenen schönen Gefühlen, die uns spät in Erinnerung beseligen und
erheben. Der Name, auf den die Welt jetzt mit großen Erwartungen blickt,
der Platz, auf den Sie früh durch Geist und Namen gestellt waren, machte
es mir nicht sehr schwer, von Ihnen zu hören und Sie mit meinen Gedanken
zu begleiten. Ich erfreute mich an allem Großen und Schönen, was ich las
oder hörte, nahm meinen Anteil von dem Wahren und Guten, suchte den Sinn
wie früher zu verstehen, dem Geist zu folgen, wenn ich ihn nicht gleich
faßte. Das alles läßt sich nur durch Worte andeuten, aber nicht sagen.
Nur einmal Sie wiederzusehen, wäre es auch nur in der Ferne, war und
blieb mir ein vergeblicher Wunsch. Durch Freunde, welche kürzlich einige
Zeit in Berlin lebten, erfuhr ich ausführlicher, was ich schon wußte,
daß Ew. Exzellenz mit einer höchst geistreichen und ebenso edlen Dame
sehr glücklich vermählt und Vater sehr liebenswürdiger Kinder sind,
welche reiche Hoffnungen geben.

Ich lege hier ein Blättchen ein, das Ihnen drei in Pyrmont verlebte
Jugendtage zurückrufen wird. Ich habe das liebe Blättchen unter den
kleinen Heiligtümern der Jugend sorgfältig vor allen andern bewahrt, als
das einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen
wahren Lebensfreude, die mir das Schicksal zugewogen. Dies Blättchen
(das ich mir zurück erbitten darf) wird Ew. Exzellenz eine Bekanntschaft
zurückrufen, welche die großen Bilder und Erscheinungen des Lebens
längst verwischt und ausgelöscht haben werden. Im weiblichen Gemüte
bleiben solche Eindrücke tiefer und sind unwandelbar, um so mehr, wenn
es (welche Bedenklichkeit sollte ich finden, Ihnen nach 26 Jahren diesen
Beweis von Verehrung zu geben?) wie bei mir, die ersten, ungekannten
Regungen erster, erwachender Liebe waren, so geistiger Art, wie sie wohl
bei der edleren Jugend immer sind. Für die weibliche Jugend und die
Entwickelung des Charakters aber ist es gewiß von der höchsten
Wichtigkeit, für welchen Gegenstand die ersten Gefühle erwachen. Auch
knüpften sich, was selten ist, durchaus keine trüben oder schmerzlichen
Gefühle daran, sondern sie wurden von großem Einfluß auf die Ausbildung
meines Charakters und Gemüts.

Die Gefühle wandelte die Zeit. Das tief ins Gemüt gesenkte, teure Bild
erbleichte nie mehr. An dies geliebte Bild, das höher und immer höher
erschien, lehnte sich fort und fort mein Ideal von Männerwert und
Hoheit. Hier ruhte ich aus, wenn ich unter dem schweren Leben am
Erliegen war, hier ermutigte ich mich, wenn aller Mut sank, hier
richtete ich mich auf im Glauben, wenn der Glaube an Menschen schwankte.
Glauben Sie mir, ewig geliebter Freund! (Sie verzeihen dem Herzen diese
Benennung) ich bin gereift unter großem, mannigfaltigem Schmerz, nicht
entadelt, noch je durch unwürdige Empfindungen entweiht. Ew. Exzellenz
sind, das erkenne ich im eigenen Busen, noch derselbe, der Sie waren,
wie wir uns einst begegneten. Die Höhe des Lebens, der Glanz der äußeren
Stellung mögen für viele Klippen sein -- hohe Naturen erlangen Reife und
Vollendung, gleich viel, ob im Sonnenstrahl des Glücks oder im Schatten
schwerer Verhängnisse. Der Gehalt in unserer Brust, wie die Form unseres
Geistes, beides ist gewiß ohne Wandel, beides ewig.

Wie es mir erging? was ich erlebte? das werden Sie jetzt fragen. Es ist
eine lange Reihe von Jahren, von der die Rede sein muß, dennoch läßt
sich viel auf ein Blatt bringen, aber das gibt kein Bild, wird Ihnen
nicht genug sein. So will ich suchen, Ihnen im _äußeren_ Leben das _innere_
in seiner Tiefe und ernsten Entwickelung zu zeigen. Ob und wie ich mich
bemühen werde um Kürze, wird es doch einige Blätter füllen, die Auswahl
und Zusammenstellung kann nur schmerzlich sein, wenn man sich in
Gegenden umsieht, die gleichsam mit unsern Tränen benetzt sind. Wenn ich
daher mich nicht so kurz fassen kann, wie es Respekt für die Person und
die Zeit des mit den wichtigsten Arbeiten beschäftigten Ministers
gebietet, so vertrete mich bei diesem der Jugendfreund. Legen Ew.
Exzellenz die Blätter zurück für eine Stunde, die den Erinnerungen
gehört.

Die Zeit, bis wo wir uns kennen lernten, gehörte der ersten Jugend, und
diese war harmlos im stillen, friedlichen Schatten eines gebildeten,
sorgenlosen Familienlebens auf dem Lande hingeflossen. An teuern Eltern
hatte ich nur Rechtschaffenheit und Güte und Beispiele vieler Tugenden
gesehen. Ein mehr als ausreichendes Vermögen erlaubte ihnen in jener
einfachen Zeit viele Annehmlichkeiten des Lebens, besonders auch des
häuslichen Lebens; demgemäß war auch die Erziehung ihrer Kinder; sie war
vor allem, wofür ich sehr dankbar bin, in sittlicher Hinsicht sehr
sorgfältig. Mein Vater, in ziemlich freier, unabhängiger Lage, indem
meine Mutter dem Hause mit seltener Einsicht und Würde vorstand, ließ
sich in seinen Neigungen gehen, die ihn vor allem in die Vorzeit und die
Studien der Vorzeit zogen. Er lebte nur im Klassischen, war nur umgeben
mit klassischen Werken. Die neue Lektüre zog ihn nicht an, ja ließ ihn
unbefriedigt. Damit in Übereinstimmung war auch sein Umgang. Aus den
nicht immer gelehrten, aber immer ernsten Unterhaltungen, die ich still
anhörte, nahm ich vielleicht früh, und früher als andere, den Grund
meiner intellektuellen Bildung, und genoß auch früher, als es gewöhnlich
ist, das Glück, bedeutenden Personen näher zu stehen, mit großer Güte
behandelt und ihres Anteils gewürdigt zu werden. Auf diese Art wurde
ich, meinen natürlichen Anlagen gemäß, früh zum Nachdenken geführt, und
mehr durch Zuhören als durch Unterricht, mehr durch Nachdenken als durch
Kenntnisse und Talente auf den Weg der Bildung geleitet. Die ernste
Richtung, die so, schon als Kind möchte ich sagen, meine Seele nahm,
schützte vor vielen jugendlichen Torheiten und Frivolitäten, nährte aber
zugleich mehr, als es wenigstens zum Glück des Lebens gut ist, den Hang
zum Idealen. Dabei bildete sich mehr und mehr, denn es war schon sehr
früh, ja schon in der Kindheit entstanden, ein hohes, beseligendes Bild
von Freundschaft in mir aus, das mir das größte, einzige Erdenglück
erschien. Die erste Erzählung, die mir durch öfteres Lesen genau
bekannt wurde und mich begeisterte, war die allerdings wunderschöne
Gesinnung und Handlungsart Jonathans gegen den zurückstehenden David.
Alle Beispiele aus alter und neuer Zeit sammelte ich -- Richardsons
Clarisse gab den vollen Ausschlag. Jeder Aufopferung fähig, glaubte ich,
nur für dies Glück geboren zu sein, und verlangte nichts Höheres. In
Pyrmont war nun diese Überzeugung bis zur Begeisterung gesteigert und
wurde bald die tiefe und unendliche Quelle vielfacher, leidenvoller
Verhängnisse und schmerzlicher Verwickelungen. Verzeihen Sie diese
Einleitung, die ich nötig glaube, um das Folgende richtig zu beurteilen.

Nun gehe ich über zu der schmerz- und ereignisschweren Vergangenheit,
und von da zu der drückenden und zerdrückenden Gegenwart, die mir
eigentlich zu diesem Schritt den Mut gegeben hat. Es wird schon leichter
werden, da während des Schreibens bis hierher nach und nach das
seelenvolle Vertrauen zurückgekehrt ist, womit wir uns einst in den
Pyrmonter Alleen besprachen und verstanden.«

       *       *       *       *       *

Darauf folgte eine möglichst kurz zusammengefaßte Übersicht der
hauptsächlichsten Ereignisse meines Lebens, worunter die am meisten
herausgehoben und beglaubigt wurden, die mich zum Schreiben ermutigt
hatten: meine großen Verluste an den Staat. Daran knüpften sich Pläne
für mein Fortkommen, denen aber überall meine zerstörte Gesundheit, ein
Mangel und Erschöpftsein aller Lebenskräfte entgegentraten. Das alles
gehört nicht hierher und ist nicht erforderlich als Kommentar oder
Einleitung zu den nun folgenden wertvollen Briefen, welche dadurch
entstanden. Der Schluß war dann ungefähr so: »Jetzt haben Sie die
Umrisse meines Lebens in dem langen Zeitraum übersehen, geben Sie der
treuen, immer schweigenden Teilnahme etwas zurück! Sie kennen das Herz
der Frauen und wissen besser, als ich das sagen kann, wie teuer uns
alles ist, was dem einst geliebten Manne angehört und ihn beglückt.
Sagen Sie mir etwas von den teuern Ihrigen, geben Sie mir etwas ab von
Ihrem Glück!

Jetzt schließe ich die vielen Blätter ohne Furcht. Ich lege meine
Angelegenheiten an Ihr Herz, da sind sie gut aufgehoben, und es
geschieht, was geschehen kann. Wie sehe ich einer Antwort entgegen, die
ich gewiß empfange!«

H., den 18. Oktober 1814.





WILHELM VON HUMBOLDT

_BRIEFE_





_Wien_, 3. November 1814.

Ich habe heute früh Ihren Brief vom 18. Oktober erhalten, und ich kann
Ihnen nicht sagen, wie mich Ihr Andenken gerührt und gefreut hat. Ich
hatte in unserm Zusammentreffen in Pyrmont immer eine wunderbare Fügung
des Schicksals erkannt, denn Sie irren sehr, wenn Sie glauben, daß Sie
in einer flüchtigen Jugenderscheinung an mir vorüber gegangen sind. Ich
dachte sehr oft an Sie, erkundigte mich auch, aber immer fruchtlos, nach
Ihnen, glaubte Sie verheiratet, dachte Sie mir mit Kindern und in einem
Kreise, wo Sie mich längst vergessen hätten, und bewahrte nur in mir,
was mir jene Jugendtage gelassen hatten. Jetzt erfuhr ich, daß Ihr Leben
viel weniger einfach gewesen ist, als ich es mir dachte. Hätten Sie mir
damals geschrieben, wie Sie am meisten litten, vielleicht hätten Ihnen
meine Worte wohltun können. Glauben Sie mir, liebe Charlotte, Sie werden
mir diese vertrauliche Benennung nicht übel deuten, _da ja nur Sie und
ich unsere Briefe lesen_, der Mensch traut nie dem Menschen genug. So
erfahre ich erst jetzt durch Sie, daß ich damals einen tieferen Eindruck
auf Sie machte, als ich mir je eingebildet hätte. Die Zeilen, die man
nach so langer Zeit von sich selbst wiedersieht, sprechen einen wie aus
einer anderen Welt an. Ich habe das Glück, denn es ist wirklich nur ein
Glück, daß ich mich keiner Empfindung schämen darf, die ich in jener
Jugend hegte, und glauben Sie es mir, ich bin noch jetzt gleich einfach
wie damals. Jedes Wort Ihres Briefes hat mich auf das Tiefste ergriffen,
ich versetze mich ganz in Ihre Lage, und ich danke Ihnen recht aus
innigem Herzen, daß Sie den Glauben an mich nicht verloren, und daß Sie
mich wert hielten, sich mir, wie Sie es tun, zu erschließen. Schreiben
Sie mir denn, wenn Sie es der Mühe wert halten es ferner zu tun, ohne
Umschweife und mit dem Vertrauen, auf das ich vielleicht ein Recht
erlangt hätte, wenn ich Sie wiedergesehen hätte. Sehr Unrecht haben Sie,
wenn Sie sagen, daß gewisse Eindrücke im weiblichen Gemüt tiefer und
länger haften. Ich könnte Ihnen das Gegenteil aus Ihrem eigenen Briefe
beweisen. Gestehen Sie immer, es soll kein Vorwurf sein -- 26 Jahre
liegen hinter unserer kurzen Bekanntschaft, und wir sehen uns leider
vermutlich nie wieder --, daß ich ziemlich aus Ihrem Gedächtnis
verschwunden bin, wie ich Sie verließ. Sie haben sich wenigstens nicht
an mein Versprechen erinnert, Sie wieder zu besuchen, das nicht gehalten
zu haben mich oft sehr ernstlich geschmerzt hat. Ich könnte die Bank in
der Allee noch bezeichnen, wo ich es machte; ich war im Begriff, zu
Ihnen zu kommen, aber eine jugendliche Pedanterie, in der ich es für
unmöglich hielt, eine Woche später nach Göttingen zurückzukehren, hielt
mich davon ab. Es ist mir ein sicherer Beweis, daß wir einander im
Leben nicht nahe kommen sollten, und das Einzige, was mir innig leid
tut, ist, daß ich nicht bestimmt war, irgend dauernde Freude in Ihr
Leben zu bringen. Trübe oder schmerzliche Empfindungen konnten sich,
davon seien Sie sicher überzeugt, an den Umgang mit mir nicht knüpfen.
Es trifft mich kein Vorwurf dieser Art. Ihr Schicksal hat mich so
ergriffen, wie Sie es nach diesen Geständnissen sich denken können. Ich
habe es auch auf mannigfaltige Weise heut überlegt. Ich bitte Sie aber,
überlassen Sie sich für den Augenblick mir, folgen Sie blindlings meinem
Rat und glauben Sie dem, der mehr Welterfahrenheit hat als Sie, und
ebenso wie Sie weiß, was ein Gemüt in Ihrer Lage bedarf. Setzen Sie aber
dabei alle kleinlichen Rücksichten beiseite, seien Sie wirklich
vertrauend, seien Sie gut gegen mich, und erzeigen Sie mir den größten
Gefallen, den Sie mir erzeigen können. Was Sie in Ihrer jetzigen Lage
brauchen, Ihre Gesundheit und Ihr Herz, ist Ruhe. Die ängstliche Sorge,
die große Anstrengung für Ihre Erhaltung, untergräbt beides. Sie waren,
ich erinnere mich dessen noch sehr gut, gesund und stark, Sie waren es,
so scheint es, später wieder geworden. Bleiben Sie ein Jahr nur ruhig
und pflegen Ihre Gesundheit, so wird sie wiederkehren, trotz der Stürme,
die Sie bestanden haben. Dies ist zugleich der beste Rat für Ihre
übrigen Pläne. Glauben Sie mir, wer in dem Augenblick suchen muß, wo er
braucht, findet schwer. Wenn man hingegen nur eine Zeit lang sorglos
leben kann, finden sich die Lagen von selbst. Welcher Ihrer Pläne
ausführbar sein kann, muß die Zeit erst lehren, ebenfalls was ich
befördern kann. Ich halte es für Pflicht, Ihnen darüber ganz offen zu
reden. O! Sie hätten sehr unrecht, es mir übel zu deuten. Die Briefe des
Herzogs sind sehr gut und machen ihm Ehre, aber er kann, wie Sie aus den
Briefen Ihrer Freunde sehen, _vorerst_ nicht helfen. Diese Dinge müssen
Sie also wenigstens der Zeit und dem Schicksal überlassen. Erlauben Sie
mir das Verdienst, Ihnen diese Zeit zu verschaffen, gönnen Sie mir die
Beruhigung zu wissen, daß Ihnen jetzt ein Jahr ungetrübt von kleinen
äußeren Sorgen verstrichen ist. Ja, liebe Charlotte, ich bitte Sie
inständig darum; verschmähen Sie mein Anerbieten nicht. Es wäre
innerlich die falscheste Delikatesse von der Welt, und Sie können sicher
sein, daß niemand je _als ich und Sie_ darum wissen wird. Ich bin nicht
reich, aber ich weiß sehr gut, was ich tue, und ich sehe aus Ihrem
ganzen Brief und allen seinen Beilagen, daß Sie, was meinen Gefallen an
Ihrem Leben und meine wahre Achtung für Sie vermehrt, sich an eine große
Einfachheit von Bedürfnissen gewöhnt haben. Ich lege Ihnen hier eine
Anweisung ein. Ich begreife, daß dies nur für Monate sein kann. Aber
folgen Sie mir, schreiben Sie mir recht vertraulich, recht ordentlich,
was Sie, eine Badekur eingerechnet, brauchen. Glauben Sie mir, daß ich
nie mehr tue, als ich kann, geben Sie es mir zurück, wenn Ihre Lage und
Ihr Schicksal sich ändert, aber begreifen Sie nur recht meinen Plan, der
ganz einfach der ist, daß Sie ein Jahr vor sich haben, für das Sie nicht
zu sorgen brauchen, und in dem Sie mit _Freiheit_ und ohne _Ängstlichkeit_
künftige Pläne bilden können. Ich fühle recht gut dasjenige, dem ich
mich nach der Schilderung, die Sie mir von sich selbst machen, aussetze.
Sie können alles ausschlagen, Sie können Anmaßung in mir finden, mir
Vorwürfe machen. Ich muß aber doch auf meinem Vorschlag beharren, er ist
der einzige Ihrer Lage angemessene. Glauben Sie ja nicht, liebe
Charlotte, daß ich irgend etwas Ungeziemendes darin finde, selbst mit
seiner Arbeit Verdienst zu suchen, Sie sollen ja auch nachher ganz frei
sein. Nur bis Ihre Gesundheit wiederhergestellt ist, folgen Sie. Jetzt
ist jede Arbeit Ihnen verderblich. Wenden Sie sich aber an andere, so
glauben Sie mir, niemand antwortet Ihnen so anspruchslos, so
uneigennützig; andere glauben Ihnen einen Gefallen zu tun; mir erzeigen
Sie einen. -- Jetzt breche ich davon ab und rede Ihnen von mir, weil Sie
es wollen. Ich bin, wie man Ihnen gesagt hat, verheiratet, ich heiratete
drei Jahre, nachdem ich Sie sah, und habe jetzt fünf Kinder; drei habe
ich verloren. Ich heiratete bloß und nur aus innerer Neigung, und es ist
vielleicht nie ein Mann in seiner Verbindung so glücklich gewesen. Nur
seit den letzten zwei Jahren habe ich das Unglück, daß meine Frau
kränkelt, und mich meine Geschäfte oft von ihr fern gehalten haben, wie
es noch jetzt der Fall ist. Da Sie, wie Sie mir sagen, manchmal von mir
hörten, so werden Sie wissen, daß ich einige Jahre hindurch Gesandter in
Rom war. Ich nahm die Stelle nur des Landes wegen an, und hätte es, ohne
die unglücklichen Ereignisse, nie verlassen. In diesen wurde es aber
gewissermaßen zur Pflicht, zu dienen, und so bin ich nach und nach in
verwickelte Verhältnisse gestoßen worden. Sie sind aber meiner Neigung
wenig angemessen, und mir würde ein stilleres und einfacheres Leben mehr
zusagen. Den Krieg hindurch war ich im Hauptquartier, dann in England,
von da ging ich nach der Schweiz, meine Frau zu besuchen, die dort
hingereist war. Jetzt bin ich hier auf dem Kongreß, und sie ist auf
ihren Gütern, von denen sie nach Berlin gehen wird. Nach dem Kongreß
besuche ich sie dort und gehe als Gesandter nach Paris, wohin sie mir
später folgen wird. Mein ältester Sohn ist schon Offizier, ging mit 16
Jahren ins Feld, wurde verwundet, ist aber glücklich geheilt und nun
wohlbehalten zurückgekommen. Außer ihm habe ich drei Mädchen und einen
kleinen Jungen. Die beiden jüngsten der Mädchen sind eigentlich in
Italien groß geworden und konnten keine Silbe deutsch, wie sie, die
älteste im zehnten Jahre, nach Wien kamen. Ich wünschte, Sie sähen sie.
Es sind zwei unendlich liebe Geschöpfe. Der kleine Junge ist erst fünf
Jahre. Zwei Söhne hatte ich das Unglück in Rom zu verlieren, eine
Tochter, mit der meine Frau, als sie eine Reise nach Paris machte,
niederkam, ohne daß ich sie sah. So wissen Sie meine äußeren Schicksale.
Von den inneren läßt sich nur reden, nicht schreiben.

Nun nehmen Sie noch einmal meinen herzlichen Dank. Ich weiß nicht, ob
ich Sie je wiedersehen werde, und ich darf es kaum hoffen. Ich kann mir
auch jetzt kein deutliches Bild von Ihnen machen. Allein wenn daher auch
das, was ich von Ihnen in der Seele trage, eine Erscheinung der
Vergangenheit ist, sogar eine, an die meine Einbildungskraft vieles,
über die augenblickliche Dauer unseres Zusammenseins hinaus, legte, so
glauben Sie gewiß, daß es nie eine flüchtige war und nie eine solche
sein wird.

Ganz der Ihrige.                H.

Die Originalbriefe und das Erinnerungsblatt schicke ich zurück.



_Wien_, den 18. Dezember 1814.

Ihr Brief, liebe Charlotte, hat mir große Freude gemacht, und ich danke
Ihnen recht herzlich dafür. Sie legen zu viel Wert auf das, was so
natürlich war und nicht anders sein konnte. Ihr Andenken hat sich nie
bei mir verloren, noch verlieren können, allein es fiel mir nicht ein,
zu glauben, daß ich je wieder von Ihnen hören würde, noch weniger, daß
Sie meiner auch nur irgend gedachten. Auf einmal rufen Sie mir mit Güte
und mit dem ungezwungenen Geständnis, daß Sie, ohne die Umstände, die
uns trennten, vielleicht mehr empfunden hätten, die Bilder der
Vergangenheit und Jugend zurück. In der Rührung und in der Freude, die
das in mir weckte, habe ich Ihnen geantwortet und werde ich Ihnen immer
antworten. Erheben Sie mich also nicht deshalb, aber bleiben Sie mir
gut, erhalten Sie mir Ihr Vertrauen; schreiben Sie mir so herzlich, so
vertrauend als jetzt, lassen Sie sich ganz mit mir gehen, wie ich mit
Ihnen, und glauben Sie nicht, daß mir Ihre Briefe je zu häufig kommen,
je zu weitläufig sein könnten. Es gibt nichts Beglückenderes für einen
Mann, als die unbedingte Ergebenheit eines weiblichen Gemüts. Ich bin
weit entfernt, den mindesten Anspruch an Sie zu machen. Ich kann kein
Recht dazu besitzen. Sie können nur ein schwankendes Bild von mir in der
Seele tragen. Ich muß jetzt, von Geschäften, Sorgen, Zerstreuungen
zerrissen, Verzicht darauf tun, Ihnen irgend etwas sein zu können. Aber
Sie können mir, wenn Sie fortfahren mir zu schreiben, wie Sie tun, mir
von Ihrem äußern und innern Leben zu erzählen, mit mir ohne Rückhalt so
vertraulich umzugehen, wie es Ihren ersten Empfindungen für mich
entsprochen hätte, eine Freude geben, die ich mit inniger und wahrer
Dankbarkeit empfangen werde. Schreiben Sie mir also ja von Zeit zu Zeit.
Sie schreiben natürlich und ausgezeichnet gut außerdem, und lassen Sie
mich die Kinderei gestehen, schon Ihre Hand macht mir Freude, sie ist
hübsch an sich, und ich erinnere mich ihrer von ehemals. Reden Sie mir
aber vor allem von sich selbst. Ihr letzter Brief enthält kaum ein Wort
über Ihre Gesundheit. Lassen Sie mich wissen, ob Ihre Kräfte, Ihr
gesundes Aussehen, Ihre Heiterkeit zunehmen. Dann muß ich Sie um Eines
bitten: Warten Sie nie eine Antwort ab, mir zu schreiben; seien Sie
großmütig, rechnen Sie nicht um Briefe mit mir. Ich habe sehr wenig
Zeit. Ich kann nur selten, nur abgerissen schreiben, geben Sie mir, und
fordern Sie nicht von mir. Sie finden vielleicht in dieser Bitte mehr
Freimütigkeit, als ich haben sollte. Aber ich leugne es nicht, daß ich
eigennützig mit Ihnen bin, und Sie haben eine zu gute Meinung von mir,
die ich gern zur Wahrheit herunterstimme.

Sie fragen mich, liebe Charlotte, ob Sie vorerst in Göttingen oder
Braunschweig leben sollen, und wollen nichts ohne meinen Willen tun.
Damit berühren Sie eine sonderbare Seite in mir. Ich habe es sehr gern,
wenn man meiner Bestimmung folgt. Ich will also, daß Sie nach Göttingen
gehen sollen, und nicht bloß aus Gefälligkeit für Sie, weil Sie es
vorziehen, sondern weil es mir lieber ist. Sie werden dies sehr
sonderbar finden und nicht erraten, was mich bestimmen mag. Auch kann
ich es Ihnen kaum recht erklären; allein es ist doch nun so, wäre es
auch nur, weil ich Sie von Göttingen aus sah, wie ich in Braunschweig
war, Sie nicht kannte, und in Göttingen sehr oft an Sie dachte.
Überhaupt liebe ich Göttingen, weil ich da in einer Zeit einsam lebte,
in der die Einsamkeit bildend ist. Grüßen Sie in meiner Seele den Wall,
und schreiben Sie mir, wenn Sie da sind, auch von den Menschen dort.

Nun leben Sie wohl, teure Frau, und werden mir nicht wieder fremd. Es
ist ein wunderbares Verhältnis unter uns. Zwei Menschen, die sich vor
langen Jahren drei Tage sahen und schwerlich wieder sehen werden! Aber
es gibt in dieser Art der reinen und tiefen Freuden so wenige, daß ich
mich schämen würde, geizig mit dem Geständnis zu sein, daß Ihr Bild von
damals her, mit allen Gefühlen meiner Jugend, jener Zeit, und selbst
eines schöneren und einfacheren Zustandes Deutschlands und der Welt, als
der jetzige ist, innig in mir zusammenhängt. Ich habe überdies eine
große Liebe für die Vergangenheit. Nur was sie gewährt, ist ewig und
unveränderlich wie der Tod, und zugleich, wie das Leben, warm und
beglückend. Mit diesen unwandelbaren Gesinnungen Ihr  H.



_Burgörner_, April 1822.

Es ist sehr lange, daß ich ohne Nachricht von Ihnen bin, es tut mir
leid, ja es schmerzt mich, so ganz von Ihnen vergessen zu sein, während
ich Ihrer oft gedachte. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, sobald Sie
diese Zeilen empfangen haben, wie es Ihnen ergangen hat und ergeht? Es
mahnte mich schon lange, Ihnen zu schreiben und um Nachricht zu bitten.
Vielleicht bin ich selbst schuld an Ihrem Schweigen. Meine kurzen Briefe
können Sie eingeschüchtert haben, Sie mochten besorgen, mir lästig zu
werden. Adressieren Sie Ihren Brief nach Burgörner bei Eisleben; ich bin
hier auf einem der Güter meiner Frau. Leben Sie wohl und antworten mir
gleich.     H.



_Burgörner_, April 1822.

Ich lasse meinem kurzen Briefe, den ich Ihnen, liebe Charlotte, vor ein
paar Tagen schrieb, einen zweiten folgen. Einmal, weil ich sehr mich
nach Zeilen von Ihrer Hand sehne und es mir leid tut, daß ich so lange
schwieg; dann auch, um noch einen andern Weg einzuschlagen, damit mein
Brief sicher in Ihre Hände komme. Ich weiß Ihre Adresse nicht genau, ja
ich weiß nicht einmal, ob Sie noch in Kassel sind. Das aber darf ich mit
Zuversicht hoffen, daß Sie mich nicht vergessen haben. Ich vergesse Sie
nie.   Ihr H.



_Burgörner_, den 3. Mai 1822.

Ich habe Ihre beiden lieben Briefe vom 24. und 26. April empfangen, und
sage Ihnen, liebste Charlotte, auf der Stelle meinen herzlichsten Dank.
Sie haben mich recht sehr dadurch erfreut und ganz meinen Erwartungen
entsprochen. Nie könnte ich irre an Ihnen werden oder den Glauben an die
Ausdauer und die Treue Ihrer Gesinnungen und Empfindungen verlieren. Das
sagte ich Ihnen schon neulich, und es ist nur natürlich. Wenn uns jemand
eine so lange Reihe von Jahren, ohne irgend ein Zeichen des Andenkens
empfangen zu haben, die tiefen Empfindungen eines edlen und zarten
Gemüts bewahrte, so wäre es wahrer und hoher Undank, daran ferner zu
zweifeln. Es ist gewiß ein seltenes Glück für einen Mann, daß ihm ein
weibliches Gemüt die ersten Empfindungen der jugendlichen Brust heilig
und vertrauungsvoll bewahrt, und ich bin mir bewußt, daß ich dies Glück,
so wie es ist, würdige und schätze. Aber ich sage ohne Stolz, der mir
wahrlich nicht eigen ist, allein auch ohne eine kindische
Bescheidenheit, es kann auch Ihnen durch mich vieles kommen, was Ihr
Leben bereichert, erheitert und verschönert. Wenn das Schicksal so etwas
für zwei Menschen aufbewahrt hat, muß man es nicht hinwelken lassen,
sondern erhalten und in Vereinigung bringen mit allen äußeren und
inneren Verhältnissen, da auf diese Harmonie allein alle Zartheit der
Gefühle und alle Ruhe der Seele gegründet sein kann. Weil nun kein
persönlicher Umgang unter uns stattfinden kann, so wollen wir einen
brieflichen beginnen und feststellen. Ich schreibe zwar nicht gern und
klage mich zum voraus an, Sie werden sehr oft Nachsicht, Geduld und
Großmut zu üben haben, aber ich lese sehr gern Briefe, besonders die
Ihrigen, nicht nur, weil ich gern lese, was Sie schreiben, sondern noch
mehr, weil mich Ihr äußeres und noch mehr Ihr inneres Leben in der
innersten Teilnahme interessiert. Sollte ich also einmal seltener
schreiben, so lassen Sie sich das nicht hindern. Schreiben Sie mir immer
den 15., so habe ich immer einen Tag, auf den ich mich freue. Wenn Sie
mir in der Zwischenzeit schreiben, so ist das eine liebe Zugabe, die ich
stets mit Dank empfangen werde.

Ihr Gartenleben und schon die Wahl desselben hat etwas, das mir ungemein
gefällt. Es spricht Ihre Neigungen charakteristisch aus und vereint
Einsamkeit und Annehmlichkeit. Die erste paßt zu Ihrem Charakter, Ihren
Empfindungen und Ihrer Lage; die letzte erheitert und verschönert Ihr
Leben. Es ist mir daher am liebsten, Sie so zu denken, zu denken, daß
Sie nur selten in die Stadt kommen. Besuche, das fühle ich, können Sie
nicht vermeiden, und es ist auch gut, in einigen Verbindungen zu
bleiben, besonders da Sie mir sagen, daß diese Verbindungen meist
bewährte alte Freunde sind.

Daß Sie am liebsten in Kassel leben, wo Ihre Jugend, wenn auch nicht
immer schmerzlose, doch auch frohe und heitere Erinnerungen zurückließ,
begreife ich ganz. Auch ist die Gegend schön, und eine größere Stadt
bietet, wie Sie sehr richtig bemerken, vor allen anderen, Freiheit zu
leben, wie es die Neigungen fordern, und daneben, ohne großen Aufwand,
manche Genüsse, welche in kleinen Städten versagt sind. Ich billige also
ganz Ihren Entschluß, dort ferner zu wohnen. Sorgen Sie aber vor allem
in Ihrer ländlichen Wohnung für Ihre Gesundheit. Zu wenig sagen Sie mir
darüber, und doch sind Ihre Ruhe, Ihre Gesundheit, Ihr Glück das, worauf
es mir ankommt. In selbstsüchtigen Wünschen und Absichten habe ich mich
Ihnen nicht wieder genähert, wenn ich auch einen Wunsch hege, den ich
Ihnen nächstens aussprechen werde.

Ich schließe jetzt, ich bin seit vierzehn Tagen garnicht wohl, leide
zwar nur an einem katarrhalischen Fieber, da ich aber in Jahren nicht
krank war, ist es mir lästig. Mit den herzlichsten, unwandelbarsten
Gesinnungen der Ihrige.   H.



_Burgörner_, Ende Mai 1822.

Ich sage Ihnen heute zuerst, liebe Charlotte, daß ich wieder vollkommen
wohl bin, damit Sie sich nicht beunruhigen. Es geht sehr eigen mit
unserm Briefwechsel. Er fing so an, daß Sie selten Briefe von mir zu
bekommen glaubten, und jetzt muß ich mich über Ihr Stillschweigen
beklagen. Sie hatten mir in Ihrem letzten Briefe versprochen, mir
unmittelbar nach dem 15. jedes Monats zu schreiben, das müssen Sie aber
nicht getan haben, da sonst Ihr Brief längst in meinen Händen sein
müßte, und ich habe weder am vorigen Posttage noch heute das Geringste
bekommen. Es beunruhigt mich, da Sie krank sein können, ich suche alles
auf, was Sie verhindert haben könnte. Wie dem sei, so drängt es mich,
Ihnen zu sagen, daß ich sehr nach einem Briefe verlange, und die, welche
ich habe, oft wieder durchgelesen habe, und immer in dankbarer
Erinnerung an Ihre mir so wunderbar erhaltenen Gesinnungen. Man könnte
das wohl Eitelkeit nennen, könnte es wohl nur dem Gefühl, sich
geschmeichelt und gehuldigt zu sehen, zuschreiben, wenn man sich durch
die Bewahrung dieser Empfindungen beglückt fühlt. Allein es wäre das
doch ein zu harter Ausspruch, und gegen mich wirklich ein ungerechter,
da Eitelkeit mir nie eigen war. Schwerlich hat jemand je sich selbst so
unparteiisch beurteilt und so wenig schonend behandelt, schwerlich je
einer so kalt und richtig erkannt, was an den Lobsprüchen anderer
abzuschneiden und an dem, worüber sie schweigen, zu tadeln war. Und
einem gewissen Mißtrauen in meine Kräfte und die mir hier und da
beigelegten Vorzüge verdanke ich sogar die vorzüglichsten der Erfolge,
die ich in Privat- und öffentlichen Verhältnissen gehabt habe. Allein
ich gestehe gern, daß ich immer einen vorzüglichen Wert darauf gelegt
habe, die innere Stimmung zu besitzen und zu bewahren, die auf ein
weibliches Gemüt Eindruck zu machen fähig ist. Ich würde nicht so
töricht sein mir einzubilden, daß sie mir jetzt noch eigen sein könnte.
Wenn man nun aber auf eine so wahre, natürliche, so ergreifende Weise,
als sich in Ihren Briefen ausspricht, überzeugt wird, daß man jenen
Eindruck tief und dauernd erregt hat, so liegt darin ein doppeltes, die
Empfindung süß erhebendes Gefühl, das des Selbstbewußtseins, und das des
edlen, tiefen Gemüts, welches diese Empfindungen zart zu sondern und
fest aufzubewahren verstand. Darum freut mich die Erneuerung unsers
Briefwechsels unendlich, und ich schmeichle mir, daß sie auch Ihnen
wohltätig sein wird; mir könnte sie nie anders sein. Ihr Bild ist mir
ein ganzes Leben hindurch geblieben, in allen, auch den wechselvollsten
Verhältnissen, stand es mir freundlich und licht, wie ich Ihnen neulich
schrieb, vor. Ich glaubte nie wieder etwas von Ihnen zu erfahren. Die
Zeit, wie Sie sich mir wieder nahten, trat gerade in die bewegteste
meines Lebens. Diese ist vorüber, und so mahnte es mich schon lange,
Ihnen zu schreiben. Da wir uns nach so langer Zeit nur durch einzelne
Briefe nahe gewesen sind, so kann es nicht fehlen, daß wir in manchen
Ideen abweichend denken müssen, über die wir uns bei ruhigem und stillem
Ideen-Umtausch leicht verständigen werden.

Sie erinnern mich daran, liebe Charlotte, welchen Schatz ein weibliches
Herz bewahrt, und fordern mich auf, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Glauben
Sie gewiß, daß ich ein unbegrenztes Vertrauen in Sie, in Ihre Wahrheit,
Ihre Treue und die Zartheit Ihrer Empfindungen setze, wie würde ich
Ihnen sonst selbst so offen und wahr schreiben. Vertrauen Sie aber auch
mir fest. Seien Sie sicher, daß das, was Sie mir vertrauensvoll sagen,
bei mir wie im Grabe ruht und verschlossen ist. Glauben Sie auch fest,
daß ich es herzlich gut mit Ihnen meine, immer meinte und immer meinen
werde; vertrauen Sie mir auch dann, wenn Sie mich nicht gleich
verstehen. Überlassen Sie mir die Sorgfalt für die Erhaltung unsers
gegenseitigen Verhältnisses, für die Entfernung jedes störenden
Einflusses. Ich will niemandem, aber am wenigsten Ihnen, auch nur eine
meiner Meinungen aufdringen. Ich habe die unzerstörbare Überzeugung, daß
Sie nie weder mich noch irgend eine Idee von mir zu verkennen imstande
sind, ja, ich weiß, und sie haben es mir recht schmeichelnd wiederholt,
daß sie immer gern und mit Freuden sich von mir, wie Sie gütig sich
ausdrücken, »berichtigen« lassen.

Es ist mir lieb, daß Sie niemanden sagen, daß Sie Briefe von mir
empfangen. Es geht niemanden was an, daß wir einander schreiben; was
heilig in sich ist, muß man nicht gemein machen.

Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie fest auf die Unwandelbarkeit
meiner Gesinnungen.

Ihr                 H.



_Burgörner_, 1822.

Ich will Ihnen, beste Charlotte, heute einen Wunsch, eine Bitte
aussprechen, durch deren Erfüllung Sie mir große Freude machen werden,
die ich gewiß recht dankbar empfange. Ihre Lebensgeschichte, besonders
auch die Entwicklung und seltene Ausbildung Ihres inneren Lebens, möchte
ich gern im Zusammenhange übersehen und genau kennen. Dieser Wunsch ist
schon durch Ihre früheren Briefe in mir erregt und entstanden und durch
die jetzigen vermehrt. Schwer kann es ihnen nicht werden, Sie haben sich
eine große Fertigkeit im Schreiben erworben. Sie schreiben leicht,
gewandt, geläufig, natürlich und ausgezeichnet gut. Die Sprache steht
Ihnen ganz ungewöhnlich zu Gebote. Ich sage Ihnen da keine Schmeichelei,
es ist die Wahrheit, die ich mit Überzeugung ausspreche und die sich in
jedem Ihrer Briefe darlegt.

Wollen Sie in meine Wünsche eingehen, so tun Sie es auf folgende Weise:
Fangen Sie mit Ihrem Geburtstag und Jahr an, in chronologischer Folge
und in der größten Ausführlichkeit. Schreiben Sie aus dem Gedächtnis,
auf was Sie sich besinnen, nicht aus der Phantasie. Gehen Sie zurück in
Ihre Kindheit und Jugend, zurück auf Ihre Eltern und Großeltern, auf
Ihre Vorfahren, wenn Sie davon Nachricht haben. Lieb wäre es mir, wenn
Sie in dritter Person redeten. Geben Sie den Orten und Menschen, wenn
sie dahin kommen, auch mir, andere Namen, nur den Namen Charlotte
behalten Sie. Ich habe das mit Goethe gemein, daß ich eine besondere
Vorliebe für Ihren Namen habe. Aber reden Sie über sich vor allem wie
über eine Dritte, loben und tadeln Sie sich, wo Sie ein anderer loben
und tadeln würde.

Was ich besorge, ist, daß Sie von schmerzlichen Erinnerungen ergriffen
werden, da ich ja schon weiß, daß Sie viel gelitten haben. Allein
vorerst sind Sie davon noch fern. Kindheit und Jugend sind meist heiter
und froh, und waren es gewiß auch bei Ihnen, und die Schilderung beider
werde ich von Ihnen mit Freude empfangen. Sie schreiben _nur für mich_,
und kein anderes Auge als das meinige ruht auf dem, was Sie für mich
schreiben. Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen
entgegen. Leben Sie herzlich wohl! Ihr      H.



_Burgörner_, 1822.

Meine beiden Briefe werden Sie, liebe Charlotte, empfangen haben, ob sie
gleich noch unbeantwortet sind. Beide hatten die Absicht, Sie über Ihre
Bedenklichkeiten zu beruhigen. Ich hoffe, das ist mir gelungen, und ich
wiederhole Ihnen heute zuerst, was Ihnen mein letzter Brief sagte, daß
alles, was Sie mir aus Ihrem Leben und Ihrer Vergangenheit mitteilen,
ganz durch Ihre Empfindungen bestimmt werden muß. Es soll ein
Zurückgehen in die Vergangenheit sein, mit dem, der den innigsten Teil
an Ihnen nimmt, aber kein Aufreißen schmerzlich vernarbter Wunden, das
mußte ich Ihnen zuerst sagen.

Recht herzlich danke ich Ihnen für die mir als Probe übersandten wenigen
Bogen. Die Erzählung beginnt so ganz zu meiner Zufriedenheit, nur
wünschte ich doch hier und da noch mehr Ausführlichkeit. Lassen Sie sich
gar keine Furcht angehen, daß Sie zu weitläufig werden könnten, und
denken Sie nicht, wie langsam Sie verweilen. Wir leben beide noch sehr
lange, wenngleich Sie länger. Gerade die Schilderungen Ihres väterlichen
Hauses, bestes Kind! haben ein großes Interesse für mich, und Sie haben
wieder völlig wahr gemacht, was ich Ihnen immer sagte, daß Sie sehr gut
schreiben, sehr wahr, hübsch und natürlich erzählen. Fahren Sie nur eben
so fort, und wenn es Ihnen manchmal beschwerlich wird oder Ihnen Zeit
raubt, so denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen. Es verlängert und
erweitert gewissermaßen das Leben, wenn man so individuelle
Schilderungen einer Zeit vor sich hat, die man an ganz andern Orten und
in ganz andern Verhältnissen erlebte, und es gibt doch in der Welt
nichts Interessanteres für den Menschen, als wieder der Mensch. Man kann
eigentlich nie genug sehen und nie genug hören. Es entstehen selbst
durch jedes neue Gesicht, möchte ich sagen, neue Ideen. Erhält man nun
aber gar bestimmte, ins Detail gehende Schilderungen, so sind es neue
Figuren, die sich vor der Seele bewegen, und mit denen man ebenso lebt,
wie in der Wirklichkeit. Dieser Hang, sich eigentlich an
Menschengestalten zu ergötzen, in ihnen wie unter Anwesenden zu leben,
verträgt sich doch sehr gut mit dem entschiedensten Hange zur
Einsamkeit. Sobald man mit Menschen umgehen muß, oder noch mehr, sobald
man recht gern mit ihnen umgeht, befindet man sich selbst zu sehr in
Tätigkeit, will sich auch wohl selbst geltend machen, und wird von bloß
reiner Beschauung abgezogen. Lebt man aber mit dem Hange zur Einsamkeit
unter Menschen, was man von Zeit zu Zeit nicht vermeiden kann, so gehen
sie mehr wie Figuren der Beschauung vor einem vorüber, man richtet seine
Aufmerksamkeit ganz auf sie und nicht auf sich selbst. Wie man auf sie
wirkt, wie man ihnen gefällt, bleibt einem sehr gleichgültig, wenn man
sie nur in ihrer eigentlichen Natur sieht. Kehrt man dann in die
wirkliche Einsamkeit zurück, so hat man viele Bilder um sich, und wenn
man zu innerer Geistesbeschäftigung geneigt ist und aufgelegt, so
entstehen aus den wirklichen Menschen idealische in der Phantasie, denen
die wirklichen nur in den äußeren Umrissen zum Grunde liegen. Alle
moralischen Fragen, alle tieferen Betrachtungen über Leben und Zweck des
Lebens, über Glück und Vollkommenheit, über Dasein und Zukunft gewinnen
ein reicheres Interesse, erlauben mannigfaltigere Anwendungen, wenn man
sie gleichsam an so vielen Menschengestalten einzeln prüfen kann. Denn
in jedem, auch selbst unbedeutenden Menschen liegt im Grunde ein
tieferer und edlerer, wenn der wirklich erscheinende nicht viel taugt,
oder noch edlerer, wenn er in sich gut ist, verborgen. Man darf sich
nur gewöhnen, die Menschen so zu studieren, und man kommt unvermerkt aus
einem anscheinend alltäglichen Leben in eine ungleich höhere und tiefere
Ansicht der Menschheit überhaupt. Es ist ja eigentlich das, worin das
Gepräge jedes größeren Dichters liegt, diese Ansicht überall, und da er
nur frei schaffen kann, ganz rein zu geben, oder vielmehr sie mitten aus
aneinander gereihten, oft zufällig scheinenden Begebenheiten
hervortreten zu lassen. Die Geschichte hat etwas Ähnliches. Das
menschliche Wesen tritt auch schon reiner und größer in ihr hervor, als
in den tausendfältigen kleinen Umgebungen der Gegenwart. Einen
interessanten Charakter mehr im Bilde zu besitzen, ist ein eigentlicher
Lebensgewinn, und mit dem Einzelnen verbinden sich nun bisweilen die von
Ständen, Zeiten, Gegenden. So habe ich immer eine entschiedene Neigung
zu den Landpredigern gehabt, und eine Art romantische für ihre Töchter.
Das war schon in mir, ehe ich Sie gesehen hatte, und nachher hat es eben
durch Sie unendlich in mir zugenommen, obgleich Sie die Einzige
geblieben sind, die diesen Eindruck auf mich gemacht hat. Einen großen
Teil alles Guten im deutschen Charakter habe ich aus den
Landprediger-Töchtern abgeleitet: die tiefe, nicht tändelnde Empfindung;
die Einfachheit bei hoher Bildung; die Entfernung alles vornehmen
unangenehmen Tons, bei allen Eigenschaften, die man in vornehmen
Zirkeln gern hat. Ich habe davon oft gesprochen und dann bei mir lachen
müssen, daß ich das alles im Grunde von Ihnen herleitete, da ich nie
eine andere Prediger-Tochter auch nur irgend näher gekannt hatte. Aber
ich hatte, wie ich Ihnen sage, ein Vorgefühl davon, denn schon zu Ihnen
hat mich diese Neigung, wie wir uns sahen, schnell hingezogen. Nun waren
Sie mir, ein halbgesehenes Bild, entschwunden, und gehörten also ganz
der Phantasie an. Daher hat nun auch alles, was Sie mir von Ihrer
Kindheit, Ihrer Jugend, Ihrem elterlichen Hause sagen, ein besonderes
Interesse für mich. Ich prüfe daran, ob ich richtig oder falsch ahnte,
und befinde mich in der Welt, in die mich meine jugendliche Phantasie
versetzt hatte. Es ist mir jetzt doppelt leid, daß ich Ihren Vater und
Sie nicht in demselben Herbste, wo ich Sie zuerst sah, besuchte. Ich war
in Düsseldorf bei Jacobi und wollte von dort zu Ihnen, aber Jacobi hielt
mich länger auf, und nun eilte ich nach Göttingen zurück. Man hat in der
Jugend oft eine einfältige Pflichtmäßigkeit. Um ein paar
Kollegienstunden nicht zu versäumen, versäumte ich etwas, was sich nie
nachholen läßt, mir ein lebendiges Bild von Ihnen in jener Zeit, Ihrem
Elternhause, Ihrem ganzen Leben zu verschaffen.

Ich sagte im Anfange, daß Sie nicht ausführlich genug gewesen wären,
darüber werden Sie lachen, da Sie schon alles menschenmögliche Maß
überschritten zu haben glauben. Aber es ist doch so. Ich meine nämlich,
daß Ihre Schilderungen noch umständlicher sein, noch mehr Züge dessen,
wie es um Sie her war, enthalten sollten. Die Frage, die ich hersetzen
will, müssen Sie mir noch in einem Ihrer nächsten Briefe auf einem
besondern Blatte pünktlich und genau beantworten: Wie Ihre Mutter
aussah? Das läßt sich doch beschreiben. Sie haben es aber garnicht
getan. Von allen Personen, die oft und viel in Ihrer Erzählung
vorkommen, müssen Sie das immer tun. Was Sie sich also von den
Gesichtszügen und dem Körperbau Ihrer Mutter erinnern, schreiben Sie ja
ganz genau. Dann haben Sie mir zwar das Innere Ihres elterlichen Hauses
beschrieben, aber nicht bestimmt genug. Ob die Lage des Hauses, des
Orts, die Umgebungen gegen Gärten, gegen Nachbarhäuser, ob die Gegend
anmutig war, ob Sie aus den Fenstern ins Grüne, ob weit ins Ferne sahen,
von dem allen steht kein Wort in Ihrer Erzählung, und das sind so ganz
wesentliche Umstände, das holen Sie ja nach und machen Sie die
Schilderung so, daß ich mir ein bestimmtes Bild davon entwerfen kann.
Diesen Wunsch müssen Sie mir befriedigen, sonst schwankt alles in der
Phantasie, und selbst die Gedanken und Empfindungen verlieren dadurch in
ihrem Gehalte.

Sie werden mich recht lästig mit meinen Bitten finden, aber Sie haben
sich einmal darauf eingelassen, sie zu erfüllen.

Ich bin allein hier und nicht auf lange Zeit. Richten Sie aber doch
Ihren nächsten Brief hierher; vermutlich findet er mich noch hier, und
ist das nicht, so geht er von hier von selbst nach Berlin, wohin ich
zurückkehre. Sie erinnern sich wohl -- Burgörner bei Hettstädt. Leben
Sie herzlich wohl, liebste Charlotte, mit immer unveränderlichen
Gesinnungen Ihr               H.



_Tegel_, den 10. Juli 1822.

Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich Sie bitte, Ihre Briefe,
wenn die meinigen diese Überschrift tragen, immer nach Berlin zu
adressieren, sie kommen mir sicherer zu. -- Hier brachte ich meine
Kindheit und einen großen Teil meiner Jugend zu. Ich liebe Tegel sehr.
Die Gegend ist wenigstens die hübscheste um Berlin; auf der einen Seite
ein großer Wald, auf der anderen von Hügeln, die schön bepflanzt sind,
eine Aussicht auf einen ausgedehnten, von mehreren Inseln
durchschnittenen See. Um das Haus und fast überall sind hohe Bäume, die
ich in meiner Kindheit erst in mäßiger Stärke sah, und die nun mit mir
emporgewachsen sind. Ich baue jetzt ein neues Haus hier, das schon halb
fertig ist, und bringe auch hierher die Gemälde und Marmorsachen, die
wir haben, so wird es ein anmutiger Wohnplatz, von dem ich selten in die
Stadt kommen werde.

Hier bekam ich auch Ihre beiden lieben Briefe, den vom 25. v. M. und den
vom 3. d. M., für die ich Ihnen herzlich danke. Ich beantwortete den
ersten, in dem Sie mich so sehr bitten, Ihnen augenblicklich zu
schreiben, nicht gleich, weil ich wußte, daß einer von mir in der Zeit
in Ihren Händen sein müßte.

Daß ich ihren Hang zur Einsamkeit tadeln oder einschränken möchte,
dürfen Sie nie fürchten. Ihr alter väterlicher Freund Ewald ist aber
doch wohl hier viel gütig-sorglicher gewesen und hat an Ihr Glück
gedacht und geglaubt, Sie hätten mehr Vergnügen in einer geselligeren
Art zu leben. Ich meine nun das garnicht, allein, wenn ich es auch
meinte, so würde ich doch mehr zur Einsamkeit raten. Es ist nun einmal
(das lobe ich aber nicht) meine Art so, bei mir (das möchte hingehen),
aber auch bei anderen, viel weniger auf ihr Glück, ihren Genuß, als auf
das, was sie in sich sind, auf den vorzüglicheren Grad und die
eigentümliche Art ihrer Gemütsstimmung zu sehen. Diese nun ist aber
schon schöner, wenn man die Einsamkeit liebt, und wird schöner, wenn man
dieser Liebe nachhängt; sie würde es aber allmählich auch, wenn man von
Natur die Einsamkeit nicht liebte, und sich nur Gewalt antäte, in ihr zu
beharren. Das ist so in vielem meine Theorie.

Daß Sie mir gelegentlich erzählen, daß an Ihrem Haus und Garten ein Bach
mit einem Steg ist, hat mir Vergnügen gemacht. Solche kleinen Züge
bezeichnen die ganze Lage und versetzen einen in die Gegenwart. Denken
Sie nun auch hübsch an mich, teure Charlotte, hinter Ihrem Bach.

Der Aufsatz, den Sie mir vorerst als Beantwortung meiner Frage senden,
der ursprünglich nicht für mich bestimmt war, in dem aber eine Stelle
über mich vorkommt, für die ich Ihnen sehr dankbar bin, hat mich sehr
interessiert. Ich liebe die Ansichten, die jemand, der bei vielen andern
genauen Übereinstimmungen doch sehr verschieden sein muß, über
Gegenstände wie über Schriften hat, mit denen man durch das Leben
gegangen ist. Es muß in solchen Beurteilungen vieles einseitig, selbst
unrichtig sein, aber es ist die wahre, die natürliche und die eigene
Ansicht, diese zieht immer an, weil man von ihr aus wieder Blicke in das
Individuum tut, sie ist auch in hohem Grade belehrend, weil man sie sich
gar nicht so von selbst vorstellen kann, und den Wert, den Eindruck, die
Wirksamkeit der Dinge meist nur nach allgemeinen Maßstäben mißt und nur
gewohnt ist, sich alles im Zusammenhange mit Denkart, Charakter,
Erziehung und äußeren Umständen zu denken. Man wird die individuelle
Ansicht immer ehren, auch wenn man nicht darin übereinstimmen könnte.
Das, was Sie über mich sagen, ist sehr liebevoll und gütig, aber ich
kann auch gewiß hinzusetzen, daß das gewiß wahr ist, daß ich unfähig
wäre, je einen Menschen, der mir irgend nahe stand, zu vergessen oder
aufzugeben, ich verfolge vielmehr jede Spur, die aus der Vergangenheit
übrig ist. Jede solche Verbindung, ja jedes solches bloßes Begegnen,
hängt ja mit so vielen in einem zusammen, und das Leben ist schon ein
solches Stück- und Flickwerk, daß man nicht genug trachten kann, die
zusammenhängenden Teile fester aneinander zu knüpfen. Freilich kommt es
auch darauf an, daß die, an die man sich auf solche Weise erinnert, noch
etwas behalten haben, was dem Bilde entspricht, das in der Seele lebt.
Aber selbst, wenn das nicht ist, wie ich auch deren Beispiele in meinem
Leben habe, so ergötze ich mich doch, wenn mir solche Personen wieder
vorkommen, sie und ihr Treiben zu betrachten, ohne ihnen weiter ein
fortdauerndes Interesse zu beweisen. Bei Ihnen ist das nun aber sehr
anders; Sie haben so lange Jahre mein Andenken treu bewahrt, ohne
irgendein Zeichen des Andenkens von mir zu empfangen; Sie leben gern und
viel in Gedanken mit mir; Sie machen keine Ansprüche noch Forderungen an
mich, als die ich gern und mit Freuden erfülle.

Sie bitten mich abermals, meine Briefe bewahren zu dürfen. Liebe
Charlotte, ich bin ein großer Feind von alten Briefen, und wenn auch gar
nichts darinnen steht, was irgend jemandem im mindesten nachteilig sein
könnte, habe ich das Aufheben nicht gern. Ein Brief ist ein Gespräch
unter Anwesenden und Entfernten. Es ist seine Bestimmung, daß er nicht
bleiben, sondern vergehen soll, wie die Stimme verhallt. Bleiben soll
der Eindruck, den er in der Seele hervorbringt, und den dann der zweite
und die folgenden verstärken oder verändern.

Aber Sie legen einen so hohen Wert darauf, Sie bitten mich so inständig
und dringend darum, daß ich es Ihnen gewiß nicht abschlagen will.
Behalten Sie also immerhin die Blätter. Es ist ja dazu sehr lieb und gut
von Ihnen, daß Sie sagen, Sie holen sich immer daraus, was Sie bedürfen.
Ich schreibe nie eine Zeile, die ich nicht mit Fug und Recht verteidigen
könnte, so ist es mir auch nicht gegeben, über das Schicksal meiner
Briefe unruhig zu sein. Auch war es das nicht, was mich bewog, Sie um
Verbrennung der meinigen zu bitten, sondern, wie ich oben sagte, weil
ich das Aufheben der Briefe überhaupt nicht liebe. Selbst das Lesen
alter Briefe will mir nicht recht einkommen. Ich dächte, man
beschäftigte sich lieber mit dem Gegenstande in Gedanken, an dem das
Herz hängt, da der Brief doch sein Leben verloren hat, wenn er nicht
eben von geliebter Hand kommt. Bei Ihnen ist das anders. So behalten Sie
immerhin die Briefe. Es macht mir Freude, Ihnen einen Wunsch zu
gewähren, da Sie so selten einen Wunsch aussprechen. Nun leben Sie
herzlich wohl, liebste Charlotte, und bleiben Sie um mich mit Ihren
Gedanken, die meinigen teilen oft Ihre Einsamkeit. Ihr           H.

       *       *       *       *       *

Sie wundern sich, daß eine Liebe zur Beschäftigung mit Empfindungen,
eine Milde und Zartheit in denselben, ein Eingehen in fremde
Gemütsstimmungen, mir unter vielen und abziehenden Geschäften geblieben
ist. Das kommt doch nur daher, daß jenes eigentlich die natürliche
Beschaffenheit meines Gemüts ist, und daß es mir immer eigen gewesen
ist, gegen das innere und eigentliche Sein, die Geschäfte nur wie eine
Art Nebensache zu behandeln, immer ihrer mächtig zu bleiben, statt mich
von ihnen beherrschen zu lassen. Man macht sich darum und auf diese
Weise nur desto besser. Und das, was den Menschen als Mensch berührt,
die Gefühle, die ihn erfüllen, die sich in ihm drängen und stoßen, haben
immer einen hauptsächlichen Reiz für mich gehabt. Ich habe zuerst damit
angefangen, mich selbst zu kennen und mich selbst zu beherrschen, und
kein Mensch kann sich klarer durchschauen, keiner sich mehr in seiner
Gewalt haben als ich. Ich habe dabei immer nach zwei Dingen gestrebt:
mich empfänglich zu halten für jede Freude des Lebens, und dennoch
durchaus in allem, was ich mir selbst nicht geben kann, unabhängig zu
bleiben, niemandes zu bedürfen, auch nicht der Begünstigungen des
Schicksals, sondern auf mir allein zu stehen, und mein Glück in mir und
durch mich zu bauen. Beides habe ich in hohem Grade erreicht, über keine
Freude und keinen Genuß des Lebens bin ich hinweg, wie es die Leute
nennen. Die einfachste Sache, wenn sie nur etwas Anmutiges oder Höheres
an sich trägt, oder wenn sie mir durch irgend etwas besonders zusagt,
gewährt mir reine Freude. Daher niemand so dankbar ist als ich, weil
wirklich auch wenig Menschen so viel Grund zur Dankbarkeit haben. Teils
begegnet ihnen vielleicht weniger Erfreuliches, teils aber finden sie
auch in dem, was ihnen begegnet, das Erfreuliche nicht so heraus, und
genießen es nicht, wie sie könnten. Aber kein Mensch ist auch so wenig
bedürftig als ich, und darauf beruht ein großer Teil meines Glücks, denn
jedes Bedürfnis ist, wie es befriedigt wird, nur eigentlich Stillung
eines Schmerzes, und alles, was darauf verwendet wird, geht dem reinen,
ruhigen, stillen Genuß ab.

Der Fähigkeit, sich einem fremden Willen, bloß weil es ein solcher Wille
ist, auch geradezu gegen die Neigung zu unterwerfen, als _Muß_ sich zu
unterwerfen, dieser Fähigkeit bedarf jeder, auch der Mann, und ich würde
mich sehr tadeln, wenn ich nicht wüßte, daß ich sie hätte. Sie macht
überdies das Gemüt milder, weicher und, so sonderbar es scheint,
zugleich stärker, selbständiger und der Freiheit würdiger.

Ohne Kampf und Entbehrung ist kein Menschenleben, auch das glücklichste
nicht, denn gerade das wahre Glück baut sich jeder nur dadurch, daß er
sich durch seine Gefühle unabhängig vom Schicksale macht.



_Burgörner_, im Juli 1822.

Ich habe zwei recht liebe Briefe von Ihnen bald nacheinander empfangen,
liebe Charlotte, die mir herzliche, wahre Freude gemacht haben, und
wofür ich Ihnen ebenso herzlich danke. Die Güte und Liebe, die Sie mir
so treu, wahr und natürlich bezeigen, tut meinem Herzen unendlich wohl,
und wenn ich auch fühle, daß, wenn Sie von mir reden, das nur nach der
Art ist, wie Sie mich ansehen, nicht gerade wie ich wirklich bin, so
freut es mich, selbst da ich viel abbrechen muß, da ja dies liebevolle
Zusetzen eine Folge und ein Beweis Ihrer Empfindung ist. Die
Erinnerungen an Pyrmont haben mich sehr gefreut, auch mir steht noch
vieles, sehr vieles in der Erinnerung von jener Zeit her. Mancher
Gespräche unter uns erinnere ich mich auch noch. Es war in jener Zeit
und selbst in der Gegend eine Scheide im Urteil über viele Dinge, auch
über Dichtungen und Charakterformen, die in jeder Zeit sehr in
Verbindung miteinander stehen. Die einen lebten mehr in Klopstock, den
Stolbergen, und den Dichtern und Theaterstücken, die ruhiger und weniger
excentrisch hinliefen; die andern mehr in Goethe, Schiller, von dem man
damals eigentlich nur die ersten Stücke hatte (Die Räuber, Fiesko), und
allem Regellosen, Excentrischen. Ich stand noch sehr unentschieden. Sie
schienen mir mehr auf die erste Weise gebildet. Ich erinnere mich, daß
Sie die Schillerschen Stücke nicht liebten. Alles das ist mir sehr im
Gedächtnis geblieben, und ist mir noch heute, selbst außer der
Persönlichkeit, merkwürdig, weil sich seit jener Zeit, auch in den
inneren Ansichten, viel mehr verändert hat, als die doch nicht so
unendlich lange Reihe der Jahre voraussehen ließe. Darum ist es mir auch
sehr angenehm, wenn Sie, liebe Charlotte, gerade in Ihrer Jugend recht
lange verweilen, in der Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung. Ich werde
Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie sich dieser Arbeit recht sorgfältig
unterziehen. Auch wünschte ich genauer zu erfahren, durch welche Bücher
Sie schon früh eine so ungewöhnlich ernste Bildung und Stimmung bekommen
haben, und wie und wodurch diese in späteren Jahren sich so sehr
befestigt hat. Ich wiederhole auch hier, Sie können in dem allen nicht
weitläufig genug sein. Über das: jemand nach seinem Charakter behandeln,
kann ich nicht ganz Ihrer Meinung sein. Ich tue es immer, einesteils
weil es leicht zum Zwecke führt, dann, weil ich nicht berufen bin, auf
den Charakter der Menschen gegen ihren Willen einzuwirken, endlich, weil
die Menschen dabei glücklich und heiter bleiben und man gern Glück und
Heiterkeit um sich verbreitet. Allein, was mich selbst betrifft, so
wünsche ich immer und tue alles dazu, daß mich die Menschen nicht nach
meinem Charakter nehmen mögen. Denn was heißt das anders, als den
Charakter, wie er nun einmal ist, für abgeschlossen und unveränderlich
annehmen, und ihn in allem, was er in sich enthält, zu bestärken? Nun
aber ist keines Menschen Charakter fehlerfrei, es heißt also auch, den
Menschen in seinen Fehlern bestärken. Ich weiß wohl, daß es mich
manchmal tief schmerzt, wenn ich gegen meinen Charakter behandelt werde,
allein ein solcher innerer Schmerz ist allemal heilsam, und das wahre
Glück beruht gar nicht auf Schmerzlosigkeit. In dem Grade nun, daß die
Menschen meines vertrauten Umgangs mir zu erkennen geben, daß Sie auch
gern mit Kraft und Selbstverleugnung an sich arbeiten, daß sie heilsame
Schmerzen nicht scheuen, behandle ich auch sie weniger mit Rücksicht auf
ihren Charakter, und so könnte ich wohl bisweilen gegen die, welche mir
innerlich am nächsten stehen, gerade am wenigsten schonend erscheinen.
-- Es tut mir sehr leid, aus einzelnen Äußerungen zu erkennen, daß Sie
leidend waren, vielleicht noch sind. Schonen Sie sich, liebe, gute
Charlotte, schonen Sie sich auch für mich, denken Sie, daß es mich
unendlich bekümmert, Sie leidend zu wissen. Ihre Ruhe, Ihre Heiterkeit,
vor allem Ihre Gesundheit ist es, worauf es mir ankam. Frauen sind darin
glücklicher und unglücklicher als Männer, daß ihre meisten Arbeiten von
der Art sind, daß sie während derselben meist an ganz etwas anderes
denken können. Ich würde es ein Glück nennen. Denn man kann ein ganz
inneres Leben fast den ganzen Tag fortführen, ohne in seinen Arbeiten
oder in seinem Berufe dabei zu verlieren oder gestört zu werden. Es ist
das auch wohl ein Hauptgrund, warum wenigstens viele Frauen die Männer
in allem übertreffen, was zur tieferen und feineren Kenntnis seiner
selbst und anderer führt. Allein, wenn jene inneren Gedanken nicht
beglückend, oder wenn sie wenigstens das nicht rein und unvermischt
sind, sondern niederschlagend und beunruhigend dabei, so ist allerdings
die Gefahr größer, welche die innere Ruhe bedroht; da Männer in ihren
Geschäften selbst, auch wider ihren Willen, Zerstreuung und Abziehung
von einem das Innere einnehmenden Gedanken finden.

Fürchten Sie nie, daß mir Ihre entschiedene Vorliebe für die einsame
Stille, die Sie sich selbst geschaffen haben, mißfallen könne. Gerade
das Gegenteil. Die Zeichnung Ihres kleinen Landhauses und Gartens, die
Ihrem letzten Brief beigelegt war, hat mir Vergnügen gemacht; es ist
angenehm, sich mit jemand, den man liebt, alle Umgebungen denken zu
können. Die Einseitigkeit, welche, wie Sie sagen, Ewald für Sie
gefürchtet und darum die große Zurückgezogenheit, worin Sie leben, nicht
ganz gebilligt habe, ist allerdings etwas, das nicht taugt. Einmal aber
ist sie bei Ihnen nicht zu besorgen, andernteils auch kann man doch für
sehr vieles verstummen, ohne zu verarmen im Innern, oder dem Wahren,
Guten und Schönen abzusterben.

Die Abgeschiedenheit spannt alle Vermögen eines weiblichen, in sich
zarten und tiefen Gemüts höher, läutert die Seele und zieht sie ab von
den kleinlichen, zerstreuenden Rücksichten, worein Frauen leichter
verfallen als Männer. Auch gibt eine Frau, die die Einsamkeit liebt und
in ihr lebt, gleich den Begriff, daß sie keine Freude sucht, als die sie
aus der Tiefe ihres eigenen Innern schöpft, und das ist das
Haupterfordernis, um einem selbst tiefer und besser fühlenden Mann zu
gefallen und ein bleibendes, unwandelbares Interesse einzuflößen.

Die wenigsten Menschen verstehen, wie unendlich viel in der Einsamkeit
liegt, und gerade für eine Frau liegt. Wenn sie verheiratet ist und
Kinder hat, ist ihr Familienkreis ihre Einsamkeit, im entgegen gesetzten
Fall aber ist es eine absolute, in der man wirklich allein lebt und
wenig Menschen sieht.

Das Glück vergeht und läßt in der Seele kaum eine flache Spur zurück und
ist oft gar kein Glück zu nennen, da man dauernd dadurch nicht gewinnt.
Das Unglück vergeht auch (und das ist ein großer Trost), läßt aber tiefe
Spuren zurück, und wenn man es wohl zu benutzen weiß, heilsame, und ist
oft ein sehr hohes Glück, da es läutert und stärkt. Dann ist es eine
eigene Sache im Leben, daß, wenn man garnicht an Glück oder Unglück
denkt, sondern nur an strenge, sich nicht schonende Pflichterfüllung,
das Glück sich von selbst, auch bei entbehrender, mühevoller Lebensweise
einstellt. Dies habe ich oft bei Frauen in sehr unglücklichen ehelichen
Verhältnissen erlebt, die aber lieber untergingen, als ihre Stelle
verlassen wollten. Leben Sie herzlich wohl. Ihr     H.



_Berlin_, den 2. Dezember 1822.

Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, empfangen, und danke Ihnen von
ganzem Herzen dafür. Es gehört immer zu meinen angenehmsten
Empfindungen, etwas von Ihnen zu erhalten, und jemehr ich darin Ihre
treue und liebevolle Anhänglichkeit erkenne, desto tiefer ist der
Eindruck, den Ihre Zeilen auf mich machen. Die Erinnerung der
Vergangenheit gesellt sich alsdann zu dem Genuß der Gegenwart, und ich
rechne es immer zu den günstigsten Schicksalen meines Lebens, daß Sie
mein Andenken haben bewahren wollen, und daß, wie mich Ihnen
Beschäftigungen, Schicksale genähert haben, Sie fortdauernd Wert auf
meine Teilnahme legen, in meine Ideen eingehen, und es sich selbst für
ein Glück, ja wohl gar mir zum Verdienst anrechnen, daß mir Empfindungen
blieben, die nur mit meinem eigenen Leben aufhören können. Es könnte
mich dieser Beifall eigentlich stolz machen, allein dazu habe ich keine
Anlage. Ich kenne mehr, wie irgendeiner, meine Fehler und Schwächen und
weiß, daß es kein Verdienst genannt werden kann, daß, wenn man einmal
vom Schicksal gewürdigt worden ist, das natürlich Treffliche und
Gediegene zu sehen, wenn es sich, auch durch eine Gabe des Glücks, einem
wirklich erschlossen hat, man es nun auch im Tiefsten der Seele festhält
und sich nicht wieder entreißen läßt. Für ein solches Glück halte ich
es, daß ich Sie einmal sah und Sie mir blieben, und fortfuhren, mir mit
Treue anzuhängen, sich noch jetzt gern und willig mir unterordnen und
mir erlauben, Ihnen so vertraulich zu schreiben. Ich habe die Stimmung
von der Natur empfangen, die ich für eine ihrer wohltätigsten Gaben
halte, daß ich das Unglück nie fürchte, ja, wo es mich betraf, und das
ist doch einigemal auf sehr harte Weise geschehen, es nur als einen
ernsten, aber nicht übelwollenden Begleiter betrachte; dagegen das Glück
unendlich schätze, erkenne und genieße. Ich meine aber so das recht
reine Glück, das, von allem Verdienst entblößt, uns die Götter schicken,
ohne daß der Mensch dazu das mindeste tut. Ein solches Glück war es, daß
Sie mir je begegneten, daß mir ein irdisches Bild vor Augen trat, das
mir immer blieb und immer bleiben wird, mit dem nichts meinen Frieden
stören kann und stören wird. Denn selbst, wenn es möglich wäre, daß Sie
etwas anwandelte, das ich mißbilligen müßte, so bliebe jenes Bild ewig
rein und unentweiht in mir. Es wäre dann etwas, das Ihnen so begegnete,
wie es jedem Menschen wohl begegnen kann, es wäre aber nicht in die Züge
verwebt, die den Umriß jenes Bildes ausmachen. Denn jeder Mensch trägt
eigentlich, wie gut er sei, einen noch besseren Menschen in sich, der
sein viel eigentlicheres Selbst ausmacht, dem er aber wohl einmal untreu
wird, und an diesem inneren und nicht so veränderlichen Sein, nicht an
dem veränderlichen und alltäglichen muß man hängen, auf jenes dieses
zurückführen, und manches verzeihen, woran jenes tiefere Sein unschuldig
ist. So hatte ich ja auch nie geahnt, welchen Schatz von Liebe und Treue
Sie mir ein langes Leben bewahrten. Wie sollte es mich nicht beglücken!
Diese Empfindungen, die Sie für mich hegen, die Gefühle, die aus jedem
Ihrer Briefe sprechen, sind ja der Grund, auf dem alles, was wir
miteinander wechseln, rein und schön hinfließt, von dem es die Farbe
annimmt und in dessen Licht es erscheint. Darin liegt auch der große
Reiz, den Ihre Lebensbeschreibung für mich hat. Jemehr ich die
Umgebungen kennen lerne, in denen Sie, meine gute Charlotte, aufwuchsen,
jemehr ich Sie mir darin denke, desto mannigfaltiger bewegt schweben mir
die Züge vor, an die meine Einbildungskraft immer gern und lieblich
geheftet ist. Solchen Genuß der Phantasie rechne ich zu den höchsten,
die den Menschen gegeben sind, und in vieler Rücksicht ziehe ich ihn der
Wirklichkeit vor. In diese kann immer leicht etwas störend eintreten,
aber jene nähert sich den Ideen, und das Größte und Schönste, das
Menschen zu erkennen imstande sind, bleiben doch die reinen, nur mit dem
inneren Blick erkennbaren Ideen. In ihnen zu leben ist eigentlich der
wahre Genuß, das Glück, was man ohne Beimischung irgendeiner Trübheit in
sich aufnimmt. Nur haben wenig Menschen eigentlich Sinn dafür. Denn es
gehört dazu eine Neigung der Beschauung, die in Menschen unmöglich ist,
bei denen Sinnlichkeit und innere moralische Empfindung in Verlangen zur
Wirklichkeit und zum Genuß übergehen. Ich bin von diesem Verlangen mein
ganzes Leben hindurch sehr frei gewesen und habe daher mehr durch den
Anblick vom Inneren und Äußeren genossen, und in beiden Rücksichten mehr
die Wahrheit der Dinge erkannt, ohne mich Täuschungen hinzugeben.

Sie haben mich, liebe Charlotte, schon vor längerer Zeit gebeten, Ihnen
Nachricht von den Meinigen zugeben; Sie haben den Wunsch leise erneuert
und sprechen ihn jetzt wieder auf eine so zart empfundene Art aus, daß
ich mir fast einen Vorwurf darüber mache. Sie sagen: die nahen
Angehörigen geliebter Männer seien für Frauen unendlich teure,
geheiligte Gegenstände; die Kinder, Teile seines Wesens, die
Lebensgefährtin, als die Mutter dieser, würden in dem Grade, wie sie den
Geliebten beglücken, von der innigsten Zärtlichkeit umfaßt. Indem ich es
zu würdigen weiß, aus wie edler Quelle dergleichen Äußerungen kommen,
danke ich Ihnen recht herzlich dafür. Ich habe es nur von Brief zu Brief
verschoben, weil ich gewöhnlich das letzte Wort eines Blattes und die
letzte Viertelstunde der Zeit erreichte, ehe ich dazu kam. Ich fange bei
meiner Frau an, da ich mich nicht erinnere, ob Sie wissen, wer sie
eigentlich ist. Wenn ich Ihnen also etwas sage, was Ihnen bekannt ist,
so seien Sie mir darum nicht böse. Sie war ein Fräulein von Dacheröden,
in ihrer Jugend sehr schön, und, ob sie gleich acht Kinder gehabt hat,
noch viel mehr erhalten, als es Frauen, die nicht in dem Falle sind,
gelungen ist. Sie ist seit einiger Zeit kränklich, aber auf keine Weise,
die Besorgnis erregte, oder ihre natürliche Heiterkeit störte. Burgörner
gehört ihr und ist eins ihrer Güter, dahingegen Tegel und die
schlesischen mir gehören. Unsere Ehe wurde bloß durch gegenseitige
Neigung, ohne alles Zutun von Eltern und Verwandten, geschlossen, sie
hat in den einunddreißig Jahren, die sie nun währt, nie einen nur
weniger zufriedenen Moment gehabt, unser Glück ist gegenseitig heute,
wie im Anfang, und hat nur die Farbe der verlaufenden Zeit nach und nach
angenommen. Da wir beide von Natur heiter sind, so ist unser Verhältnis
selbst jugendlicher geblieben, als es sonst der Fall sein würde. Meine
Geschäfte haben uns manchmal lange voneinander getrennt, aber seitdem
ich freie Muße genieße, sind wir fast ununterbrochen zusammen, und dies
fortsetzen zu können, wird mich vorzüglich bewegen, wenn es nicht
durchaus sein muß, nicht wieder in Dienst zu treten. Gleich nach meiner
Verheiratung lebte ich auch außer Dienstverhältnissen über zehn Jahre
lang, und reiste damals mit meiner Frau nach Frankreich und Spanien.
Jetzt in der Stadt berühre ich fast die Straße mit keinem Fuß, und fahre
auch selten aus. Auf dem Lande gehen wir immer zusammen spazieren, oder
sind beide zu Hause. Von unsern acht Kindern haben wir leider drei, eins
in Paris, zwei in Rom, verloren, als ich dort Gesandter war. Jetzt haben
wir noch drei Töchter und zwei Söhne. Die älteste Tochter wird sich
schwerlich verheiraten, sie bleibt gern mit uns, und wir würden sie, da
sie so lange mit uns gewesen ist, noch ungerner missen. Meine beiden
andern Töchter sind verheiratet; die zweite heiratete, ehe sie noch
fünfzehn Jahre alt war, und ihr Mann in den Krieg ging. Sie hat den
Obrist-Lieutenant von Hedemann zum Manne und lebt überaus glücklich. Die
jüngste ist an den Geheimrat von Bülow verheiratet, der
Legations-Sekretär bei mir in London war, und jetzt hier bei dem
auswärtigen Departement steht. Sie hat eine Tochter, die bald ein Jahr
alt sein wird, und lebt gleichfalls sehr heiter und in ihrer
Häuslichkeit zufrieden. Mein jüngster Sohn ist noch im Hause und wird
bei mir erzogen. Mein ältester ist Kavallerieoffizier in Breslau und hat
eine schöne und liebenswürdige Frau. Sie hat leider noch keine Kinder.
So wissen Sie wenigstens im ganzen so viel, daß Sie sich meine Familie
und mein Leben in derselben vorstellen können. Außer meiner Familie sehe
ich wenig Leute. In Privathäuser gehe ich selten, nur zu einigen alten
Bekannten.

Ich muß nun schließen, das Papier ist zu Ende. Leben Sie herzlich wohl,
liebe Charlotte. Mit der unwandelbarsten und wärmsten Anhänglichkeit der
Ihrige.                        H.



_Berlin_, den 27. Dezember 1822.

Ich setze mich mit inniger Freude an den Tisch, Ihre beiden Briefe zu
beantworten, die mir, wie alles, was mir von ihnen kommt, sehr teuer
gewesen sind. Es tut mir sehr leid, daß mein längeres Schweigen Sie
einen Augenblick beunruhigt hat, ob ich gleich diesem Umstande einen
Brief mehr von Ihnen verdanke. Sie müssen aber nie unruhig sein, wenn
ich einmal länger nicht schreibe, als Sie gerade gedacht haben, daß ich
es tun würde. Ich bin so selten krank, daß dies garnicht in Berechnung
kommen kann, und eine Änderung in meinen Gesinnungen, wie leise sie auch
sein möchte, ist in der Tat unmöglich. Es widerspricht meinem Charakter
überhaupt, und widerspricht noch viel mehr meinen einmal für Sie
gefaßten Empfindungen, und kann mit einem Worte nicht eintreten. Daß ich
aber einmal weniger oft schreibe, hat ganz zufällige Ursachen, die ich
aber auch nicht gut ändern kann. Ob ich gleich jetzt gar keine
eigentlichen Geschäfte habe, so bin ich beschäftigter als die meisten,
die selbst viel mit solchen beladen sind, und ich lebe keineswegs so,
wie manche andre, daß ich nur auf irgend eine Weise dem Vergnügen oder
meinen Einfällen nachhänge. Meine Stunden vom Morgen bis zum Abend, und
vor 1 Uhr gehe ich nie zu Bette, sind regelmäßig besetzt; mit meiner
Familie bringe ich nur etwa zwei Stunden am Abend, außer dem
Mittagessen, zu. In Gesellschaft gehe ich so gut als garnicht, und in
meiner Stube, in der ich also die meiste Zeit meines Lebens zubringe,
bin ich mit Papieren und Büchern umringt. Ich führe, seit ich den Dienst
verlassen habe, ein eigentliches Gelehrten-Leben, habe weitläufige,
wissenschaftliche Untersuchungen unternommen, und so kommt es denn
freilich, daß der Briefwechsel manchmal stockt, der mit Ihnen aber doch
am wenigsten. Denn ich wundere mich selbst manchmal, wie ich Ihnen so
oft und so lange Briefe schreibe, und dann finde ich es doch wieder so
natürlich, weil ich mich so gern in meinen Gedanken vor Ihnen gehen
lasse, und meine Briefe wieder Veranlassung der Ihrigen sind, die ich so
innig gern lese, wie lang sie sein möchten. Denn zum Lesen habe ich
immer Zeit, da dazu der Entschluß nicht wie zum Schreiben zu nehmen ist,
sondern mit dem erscheinenden Briefe natürlich da ist, so schiebt sich
alles andre so lange zur Seite. Auch das Denken gehört jeder Stunde an,
nur zum Schreiben kommt man nicht immer, und ich könnte mir darin einen
Zwang antun. Ich klagte mich zum voraus bei Ihnen an, liebe Charlotte,
daß ich eigentlich nicht ordentlich und regelmäßig im Schreiben bin, und
Sie sehen jetzt, daß ich nicht unwahr redete.

Daß Sie erfreut und zufrieden sind mit den kurzen Nachrichten, die ich
Ihnen über meine Familie gab, ist mir lieb, ob sie hinzusetzen, »wenn
ich sie auch ausführlicher gewünscht hätte, bin ich doch erfreut und
etwas bekannt mit den Ihrigen und bescheide mich«. -- Das ist ganz in
Ihrer Art, und wenn ich Sie darum lobe, so muß ich darüber schmälen, daß
Sie besorgen, ob Sie sich nicht zu sehr haben gehen lassen in dem
Ausdruck Ihrer Empfindungen? Sie haben in Ihrer Selbstbiographie nur für
mich geschrieben. Sie haben mir die ersten Empfindungen Ihrer
jugendlichen Brust aufrichtig, edel und offen gestanden, Sie haben mir
diese Gefühle durch ein ganzes Leben gesondert, bewahrt, und mein
Andenken heilig erhalten, ohne irgendein Zeichen des meinigen empfangen
zu haben. Ihr ganzer Besitz waren ein paar Zeilen auf einem Zettel
Papier. Das würde jeden Mann gerührt haben. Wer aber so etwas zu
würdigen versteht, wie ich das von mir sagen darf, der wird es wie ein
seltenes Glück dankbar empfangen und wie eine Zugabe des Himmels
ansehen. Nicht der leiseste, nur scheinbar gerechte Vorwurf könnte Sie
treffen, und die kälteste, ruhigste Beurteilung könnte hier nichts zu
tadeln finden. Sie sehen, ich will mir nicht wieder entreißen lassen,
was Sie mir einst freiwillig gegeben haben. Ich will es behalten, und
keine kleinlichen Skrupel von Ihrer Seite sollen mir meinen lieben
Besitz rauben. Irre ich, so irrt wenigstens mein Herz nicht. Ich habe
nicht die engherzigen Begriffe über solche Empfindungspflichten, die
wohl sonst im Schwange sind. Wenn man in sich rein ist, kein Gefühl mit
dem andern vermengt, keine Pflicht verletzt, so habe ich für mich (ich
will nie für das Gewissen eines andern reden) kein Arges, mich jedem
Gefühl, das wahr und unentstellt in mir aussteigt, ohne alle
Ängstlichkeit hinzugeben. So ist es in mir. Sie sehen, was ich Ihnen
oben sagte, ich will behalten, was ich habe.

Von meinem Familienleben hätte ich Ihnen, wenn Sie es nicht ausdrücklich
gefordert hätten, und es mir nicht natürlich geschienen, doch auch das
Innere und gerade dasjenige Verhältnis zu berühren, von dem in einem
Familienkreise alle anderen Empfindungen ausgehen, immer geschwiegen.

Also noch einmal, ich will, liebe Charlotte, daß Sie nicht eine einzige
Zeile, nicht ein Wort zurückwünschen. Alles, was Sie mir geschrieben
haben, woraus Ihre Gefühle so rein und wahr hervorstrahlen, beglückt
mich in der Erinnerung. Ich wünsche vor allem, daß der Briefwechsel mit
mir Ihnen reine, durch nichts getrübte Freude mache. Ich habe ja dabei
keinen andern Zweck, als für mich Erinnerungen festzuhalten, die mir
ewig teuer sein werden, und für Sie, Ihnen eben dadurch Freude zu geben.

Daß ich Ihnen jene Nachrichten so spät gab, darf Sie nicht wundern, ich
gab sie nur, weil Sie es wollten. An sich ist es meine Art nicht, von
dem, was ich für einen Menschen fühle, einem andern als ihm selbst zu
sprechen, ja, es ist mir ganz entgegen. Ich weiß wohl, daß man es so
gemeinhin für ein Zeichen und ein Bedürfnis der Freundschaft hält, sich
gegenseitig Freude und Kummer und alles mitzuteilen, den andern, wie man
es nennt, mit sich leben zu lassen. Ich könnte tiefen Kummer und große
Freude im Herzen haben, und es würde mich nie drängen, es denen
mitzuteilen, die ich am liebsten habe. Ich tue es auch wirklich nicht,
wenn die Mitteilung nicht andere Veranlassung hat. Ich halte sehr wenig
von den Ereignissen des Lebens und für mich (Gott weiß, nicht für
andere) wenig von Glück und Unglück, beide, auf mich bezogen, sind die
letzten Rücksichten bei meinem Tun und Handlungen; ich weiß, Gottlob!
mit denen, die ich so gern habe, als Sie, immer noch etwas Besseres zu
reden, als was eben um mich herum vorgeht. Ich mache es gerade so mit
meiner Frau und Kindern. Sie wissen von sehr vielem, was mich
beschäftigt, garnicht, und meine Frau denkt so gleichgestimmt mit mir
darüber, daß, wenn sie zufällig etwas erfährt, was sie nicht wußte,
oder ich ihr selbst bei einer Veranlassung davon sagte, es ihr nicht
einfällt, das sonderbar zu finden. Freundschaft und Liebe bedürfen des
Vertrauens, des tiefsten und eigentlichsten, aber bei großartigen Seelen
nie der Vertraulichkeiten.

Leben Sie herzlich wohl! Mit unveränderlichen
Gesinnungen der Ihrige.                    H.



_Berlin_, den 14. Februar 1823.

Sie verstummen ja ganz, liebe Charlotte. Es ist ungewöhnlich lange, daß
ich keine Zeile von Ihnen erhielt. Schon seit acht Tagen wollte ich Sie
bitten, das Stillschweigen zu brechen. Aber ich hoffte mit jedem Posttag
einen Brief zu erhalten. Wenn Sie nur nicht krank sind! Allein gerade
dann, dächte ich, hätten Sie geschrieben, mir wenigstens das zu sagen.
Sie waren aber sehr angegriffen, hatten sich sehr angestrengt, dazu
jetzt die kalte Witterung, das alles könnte Ihnen doch wohl geschadet
haben. Ich bitte Sie inständigst, schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht.
Ich würde in der Tat sehr unruhig sein, wenn ich auch jetzt keinen Brief
erhielte. Ich bin wohl, aber sehr beschäftigt. Mein Bruder war vier
Wochen hier bei mir. Er ist nun nach Paris zurückgegangen; während
seiner Anwesenheit hatte ich alles liegen lassen, und so ist schon das,
was sich in meinen Geschäften angehäuft hat, so ansehnlich, daß ich ein
paar Wochen daran aufzuräumen haben werde. Darum verzeihen Sie auch die
Kürze meiner Zeilen. Da Siegern lange Briefe von mir haben, so wird
Ihnen mein letzter gefallen haben, er füllte den ganzen Bogen, und mit
meiner kleinen Handschrift ist das sehr viel. Leben Sie wohl, und ich
bitte, schreiben Sie mir gleich. Von Herzen und mit unveränderlichen
Gesinnungen der Ihrige.     H.



_Berlin_, den 14. März 1823.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe mit deren Beilagen erhalten und
sage Ihnen meinen herzlichen Dank dafür. Man kann nicht ordentlicher
sein, als Sie diese zweite Lieferung zu Ihrer Lebensbeschreibung
eingerichtet haben. Sie nennen sie: Einleitungshefte. Die Folge wird das
erst ganz deutlich machen, da alle Ihre Gedanken Klarheit haben. Alles
liest sich leicht und mühelos, wie ein Buch, und was bei Handschriften
immer sehr angenehm ist. Daß Sie das Ganze in Lieferungen teilen und
jede in einen angemessenen Abschnitt zusammenfassen, ist äußerst
zweckmäßig. Ich finde es daher auch besser, daß Sie künftig sich nicht
gerade an die Zeitpunkte halten, die ich anfangs bestimmt hatte, sondern
jeder Lieferung einen angemessenen, sich nach dem Inhalt richtenden
Abschnitt geben, daß er weder allzukurz noch allzulang wird, und
abzusenden, wenn Sie solche Lieferung fertig haben, ohne sich an einen
bestimmten Zeitabschnitt zu kehren. Ich weiß, auf der einen Seite, daß
Sie Interesse genug an der Sache nehmen, und liebevoll gegen mich
gesinnt, selbst gern meine Wünsche erfüllen, und also die Muße, die Sie
auf diese Arbeit verwenden können, gewiß nicht ohne Not andern Dingen
schenken. Auf der andern Seite aber möchte ich selbst nie, daß Sie den
notwendigen Geschäften, die Ihnen obliegen, Zeit entzögen, die dann
wieder zu große Anstrengungen forderten, um das Verschobene wieder
einzubringen. Alles, wozu ich Sie veranlasse, soll nur zu Ihrem
Vergnügen und Ihrer Genugtuung dienen, nicht aber Ihnen zur Last noch
Unruhe werden. Was mich bei dieser Lieferung erschreckt, ist, daß Sie
schon so weit vorgerückt sind. Sie sehen daraus, wie ich Ihnen immer
sagte, daß Ihre Furcht vergeblich sei, daß Sie bei einer so großen
Ausführlichkeit nie zu einem Ende kommen würden. Indessen kann ich Ihnen
durchaus über Mangel an Ausführlichkeit keinen Vorwurf machen. Ich
glaube gern und sehe es aus der Schrift selbst, daß Sie nichts weiter zu
erzählen hatten, weil der Gegenstand Ihnen in Ihrem Gedächtnis nicht
mehr darbot. Sie haben nichts übergangen, alle Personen, die Sie
erwähnen, erscheinen in einer vollständigen Zeichnung mit sehr
bestimmten Umrissen, man sieht zugleich ihre Umgebungen, und es geht dem
Bilde kein Zug ab, dessen Vermissen eine Lücke verursachte. Zwei
interessante Figuren sind Ihre beiden Großmütter, man ist sehr geneigt,
sie in Ihnen wieder zu erkennen. Zwei vorzügliche Frauen waren es gewiß.
Es ist in sich natürlich, daß die Schilderung des Lebens einer in den
einfachsten Verhältnissen sich befindenden Familie nicht mehr und nichts
Vielfacheres darzubieten imstande ist; auch ist es Ihnen wohl bis dahin
nicht eingefallen, dies Leben in so weiter Vergangenheit zurückzuholen
und zu beschreiben. Das alles, gute Charlotte, erkenne ich mit wahrer
Dankbarkeit, erkenne, wie gern Sie mir Freude machen. Auch hat Ihre
Erzählung, gerade in dieser Einfachheit eines solchen Lebens, für mich
und meine individuelle Art zu empfinden einen großen Reiz, den ich auch
wieder bei Lesung Ihrer Blätter empfunden habe. Ich muß diese Lieferung
auch darin noch mehr loben als früher, weil die Erzählung darin ruhiger,
ununterbrochener, und in einem einzig nur das Geschilderte
heraushebenden Tone fortgeht. So gern ich auch Betrachtungen lese,
welche Sie früher dem Erzählten einzustreuen pflegten, so besteht der
größte Reiz einer Erzählung doch gerade darin, daß man nur das Erzählte
erblickt, und daß es als etwas ehemals Vorgegangenes und sich selbst vor
dem Auge Bewegendes dasteht, nicht durch den unterbrochen wird, der es
jetzt absichtlich darstellt. Im gegenwärtigen Falle sind nun zwar Sie,
als darstellend und dargestellt, dieselbe Person, allein die
Verschiedenheiten der Zeit bleiben auch so doch gleich beachtungswert,
und Sie, jetzt und selbst erzählend, werden gegen sich, in jener Zeit
dargestellt, auch wieder gewissermaßen eine Fremde. Sie müssen aber
darum nicht glauben, daß ich mich durchaus gegen die Einstreuung jeder
Betrachtung erklärte, und Sie sich jede neue verbieten müßten. Dies ist
gar nicht meine Absicht. Ich lobe mehr die Art, die ich hier beobachtet
gefunden habe, als ich es tadeln würde, wenn Sie eine andere angewendet
hätten. Denn auch diese könnte auf ihre Weise Reiz gehabt haben, und Sie
würden es gewiß verstanden haben, ihn derselben zu geben. Allein in sich
ist es richtig, daß die Erzählung reiner und anziehender in dem Grade
ist, in welchem sich der Erzähler mehr zurück und in Schatten stellt,
und dieser verliert dabei nicht, denn man sieht ihn und seine
Individualität in der Art und Natur der Erzählung gleich klar und
bestimmt, und fühlt sich durch die verstecktere Art, mit der es
geschieht, überrascht. Die Zeichnungen, die Sie beigelegt hatten, haben
mich sehr gefreut. Sie versetzen den, der sie sieht, auf den Schauplatz
der Personen, von denen erzählt wird, und tragen daher zur Lebendigkeit
der Schilderung und zur Bestimmtheit des Bildes bei. Die äußere Ansicht
Ihres elterlichen Hauses hat aber auch etwas in sich Freundliches und
Gefälliges. Bei Gelegenheit des Todes Ihrer Mutter erwähnen Sie,
obgleich dunkel und so, daß man nicht deutlich und bestimmt sehen kann,
wie es gewesen ist, etwas Geisterartiges. Dies bitte ich Sie nicht zu
übergehen. Ist es, wie es fast scheint, Ihre Absicht, darauf bei einer
andern Gelegenheit in der Folge zurückzukommen, so mag es so bleiben,
und so lese auch ich die genaue Darstellung dieses Ereignisses lieber an
dem Orte, den Sie für den paßlichsten halten. Wollen Sie aber nicht
darauf zurückkommen, sondern es bei demjenigen bewenden lassen, was Sie
darüber gesagt haben, so muß ich Sie bitten, dieser Sache eine besondere
Zugabe zur zweiten Lieferung zu widmen, sie zuerst und zunächst
auszuarbeiten und mir einzeln zuzusenden. Es hat gerade dies ein ganz
besonderes Interesse für mich. -- Das Mißgeschick mit Ihrer Wohnung hat
mich sehr geschmerzt; Sie befanden sich dort einsam und wohl, und hatten
überdies sie sich nach Ihren Neigungen eingerichtet. Das verlassen zu
müssen, ist wirklich höchst unangenehm, und ich nehme nicht nur den
innigsten Anteil daran, sondern begreife auch ihre Niedergeschlagenheit
darüber vollkommen.

Daß Ihnen meine Teilnahme tröstlich, mein Andenken wohltätig ist, und
Sie gern dabei verweilen und ausruhen, wenn Ihnen, wie auch jetzt, weh
ist, dafür, liebe Charlotte, kann ich Ihnen nur sehr dankbar sein. Es
war mein Wunsch und meine Absicht, ich wollte nur glücklich, heilsam und
wohltätig auf Sie einwirken, und es freut mich unendlich, wenn ich
erkenne, daß ich das erreiche. Gestatten Sie mir denn auch jetzt diesen
Einfluß auf Ihr Gemüt, da Sie leiden und gebeugt sind. Richten Sie sich
an mir auf. Ich möchte niemand lieber als Ihnen zur Stütze sein. Leben
Sie für heute herzlich wohl, und erlauben Sie mir die Wiederholung
meiner Bitte, sich zu beruhigen. Halten Sie den Glauben an die Treue
meiner innigsten, liebevollsten Teilnahme fest, womit ich Ihnen stets
angehöre. Ihr              H.



_Berlin_, den 30. März 1823.

Ihr Brief vom 19. dieses, liebe Charlotte, hat mich bekümmert, da er in
großer und sichtbarer Niedergeschlagenheit geschrieben war; es hat mich
aber gefreut zu sehen, daß er gegen das Ende hin heiterer wird, weil das
ein sicheres Zeichen ist, daß das ruhige Schreiben, das stille Gespräch
mit dem, von dem Sie wissen, daß er immer gleichen Anteil an Ihnen
nimmt, eben jene wohltätige Wirkung auf Sie ausgeübt hat. Darum hoffe
ich auch, werden Sie nicht bei dem Vorsatz des Verstummens bleiben,
sondern fortfahren, wie bisher, zu schreiben. Jener Vorsatz, den ich
überhaupt nur für augenblicklich halten will, kann Ihnen nur von einer
düsteren Stimmung eingegeben sein. Es ist sehr liebevoll von Ihnen, daß
Sie, wie Sie sagen, mein Leben nicht durch Ihre Niedergeschlagenheit
stören wollen. Allein, weiß ich sie darum weniger, wenn ich sie in Ihrem
Verstummen erkenne, und muß sie mich denn nicht gerade darum mehr
beunruhigen, weil ich den Grad, die Farbe, die Art derselben weniger
kenne? Sie können versichert sein, daß ich immer den herzlichsten und
mitfühlendsten Anteil an Ihnen und allem, was Ihnen begegnet, nehme, und
daß ich auch auf dieselbe Weise den Unfall ansehe, daß Sie gerade jetzt,
und überhaupt, eine Ihnen zu bequemer und lieber Gewohnheit gewordene
Wohnung aufgeben müssen. Allein ich möchte Ihnen doch, liebe Charlotte,
bei einem solchen Falle mehr Stärke, mehr innere, äußeren Unfällen
entgegenstrebende Heiterkeit wünschen, da Ihnen so vieles zum inneren
Genuß bleibt. Es soll dies gewiß auch nicht der fernste und leiseste
Vorwurf sein, ich möchte lieber alles, als Ihnen im mindesten weh tun.
Aber es ist einmal meine Art, zu denen, mit denen ich vertraulich
umgehe, durchaus und ganz wahr zu reden, unverhohlen zu sagen, was mir
nicht zu billigen scheint, und ihnen die Vorstellungen zu machen, durch
die sie meiner Überzeugung nach in sich stärker, fester und dadurch
selbständiger und minder abhängig von äußeren Zufälligkeiten werden.
Also seien Sie mir um dasjenige, was ich Ihnen hier sage und sagen
werde, nicht böse. Sehen Sie es auch nicht als etwas an, das der leicht
sagen kann, der selbst nur in glücklicher und genügender Lage vor
ähnlichen Unfällen sicher ist. Es kommt nicht auf die äußere Ursache an,
von welcher der Schmerz oder die Widerwärtigkeit entsteht, und der
Himmel hat Schmerz und Widerwärtigkeit so weise verteilt, daß der
äußerlich noch so vorzüglich Begünstigte darum keinen Augenblick
hindurch freier ist von Anlässen und Ursachen inneren Schmerzes. In
einem schon ziemlich langen und gar nicht in einfachen Verhältnissen
hingegangenen Leben sind mir mannigfaltige Dinge vorgekommen, die mich
augenblicklich oder auf lange aus meinem ganzen gewohnten Lebenswege in
einen andern, in vielen, gerade das Innerste berührenden Punkten
verschiedenen gestoßen haben. Ich bin also den Empfindungen, die Sie
jetzt haben, auf keine Weise fremd, und kann mir jeden Tag, da wir in
der Hand des Schicksals sind, eine ähnliche bevorstehen. Ich verkenne
auch darum die Art Ihrer Empfindungen nicht, weil ich, wie Sie
allerdings Recht haben zu sagen, nicht gerade mit der äußeren Ursache
sympathisieren kann. Das Wechseln einer Wohnung, das mir so oft von den
angenehmsten zu den unlieblichsten begegnet ist, würde auf mich
allerdings wenig Einfluß haben. Ich lebe zwar auch beständig in meiner
Stube, bin jetzt zum Beispiel, trotz des Sonnenscheins, seit acht Tagen
mit keinem Fuße anders, als zu den durch Gewohnheit bestimmten
Tageszeiten, in das Nebenzimmer zu meiner Familie gekommen. Ich habe
keine Bedürfnisse der Art, jede Stube ist mir gleich, ich brauche keine
Bequemlichkeiten, den Rohrstuhl, auf dem ich sitze, und den Tisch, an
dem ich schreibe, ausgenommen. Sie würden keinen Spiegel, kein Sofa,
nichts von dem allen bei mir finden. Allein auf die Ursache der Trauer
kommt gar nichts an, es gilt nur diese, und ich sage Ihnen das nur, um
jedem, auch stummem Einwand zu begegnen, daß ich bei einem Unfall, wie
er Sie jetzt betrifft, mich nicht in Ihre Lage versetzen könnte. Ich
kann es gewiß, da jeden reizbaren und nicht empfindungslosen Menschen
niederschlagende Empfindungen ähnlicher Art betreffen. Aber gerade
darum, meine eigenen Erfahrungen benutzend, muß ich Sie doch bitten,
liebe Charlotte, sich durch dies Ereignis nicht auf solche Weise beugen
zu lassen. Ich kann es nach Ihrer eigenen Schilderung nicht sowohl für
ein empfindliches Übel halten, daß Sie gerade diese Wohnung verlassen,
sondern mehr, daß Sie nicht wieder eine ungenierte Gartenwohnung mit
Stille und Einsamkeit und ohne Mitbewohner gefunden haben. Was Sie mir
einmal von der Kälte und Feuchtigkeit der Wände, auch wo Sie schlafen,
sagten, hat mich sehr geschreckt, und kann Ihnen unmöglich zuträglich
gewesen sein. Trotz alledem, was sich da sagen läßt, bleibt der Verlust,
bis Sie eine andere ländliche und stille Wohnung finden, sehr groß, und
läßt sich nicht wegräsonieren, auf keine Weise. Aber da, liebe
Charlotte, bleibt, außer der Resignation, das zu tragen, was
unabänderlich ist, doch auch der Genuß dessen, was Ihnen in Ihrem
inneren Leben unentreißbar bleibt, das Andenken an alles, was Ihnen
teuer ist, der Umgang mit einigen Personen, denen Sie geneigt sind, das
Bewußtsein eines immer reinen Gemüts ein bewegtes Leben hindurch, die
Genugtuung an einem sich selbst geschaffenen Dasein, endlich, darf ich
auch mit Freuden hinzusetzen, nach dem, was Sie mir so oft sagen, die
Beschäftigung mit mir, die Sicherheit, wie innig ich alles Weh und alle
Freude teile, die sich in Ihnen bewegen. Einer gewissen Stärke bedarf
der Mensch in allen, auch den glücklichsten Verhältnissen des Lebens,
vielleicht kommen sogar Unfälle, wie Sie jetzt einen erfahren, um
dieselbe zu prüfen und zu üben, und wenn man nur den Vorsatz faßt, sie
anzuwenden, so kehrt bald, auch selbst dadurch Heiterkeit in die Seele
zurück, die sich allemal freut, pflichtmäßige Stärke geübt zu haben. -- --


Überhaupt, liebe Charlotte, und ich denke das oft, mag es wohl sein, daß
ich anders bin, als Sie sich mich manchmal gedacht hatten. Das kann
eigentlich nicht fehlen, wenn man sich fast nie gesehen und nie
miteinander gelebt hat. Ich schrieb Ihnen, im Beginn unsers
Briefwechsels, Sie müssen mich nehmen, wie ich bin, ich kann aus meinem
Wesen, wie es ist, nicht herausgehen. Meine wahren und eigentlichen
Gesinnungen überhaupt und gegen Sie, liebe Charlotte, bleiben immer
dieselben und ändern nie. Ob Ihnen der Ausdruck immer gleich erfreulich
und ansprechend ist, dafür kann ich nicht einstehen. Ich kann meiner
Freiheit, weder in der Häufigkeit, noch in der Art, wie ich schreibe,
etwas nehmen, und muß Sie da, wo ich zufällig nicht mit Ihnen oder Ihren
Bemerkungen übereinstimme, um Nachsicht bitten. Daß ich in Wahrheit teil
an Ihnen nehme, daß ich Ihnen auch gern schreibe, sehen Sie genug auch
daraus, daß ich Ihnen vom Anfange an frei und offen, wie ich immer bin,
sagte, daß ich ungern schreibe, daß Sie selten und kurze Briefe von mir
bekommen würden, und daß ich doch häufig, und wie selbst dieser zeigt,
sehr lange Briefe wirklich schreibe. Um zu Ihrer Lebenserzählung
zurückzukehren, so kann ich Ihnen nur wiederholen, daß Sie mir durch die
Fortsetzung wahre Freude machen werden, muß aber auch hinzusetzen, daß
meine Bitte immer von der Voraussetzung ausgeht, nicht bloß, daß Sie es
gern tun, das weiß ich gewiß, sondern auch, daß Sie Stimmung und Zeit in
Anschlag bringen, und sich nur dann damit beschäftigen, wenn beide es
erlauben; ich weiß ja, wie gewissenhaft Sie Ihre Zeit anwenden und
darüber denken, und Sie wissen, wie dies meine wahre Achtung für Sie
erhöht. Was Sie mir von den Geistererscheinungen sagen, hat mich noch
neugieriger darauf gemacht. Ich bin ganz der Meinung Ihres verewigten
Vaters. Niemand kennt den geheimen, Zusammenhang der Dinge, und ich
werde keinen Unglauben haben. Leben Sie nun herzlich wohl, liebste
Charlotte! Suchen Sie sich zu erheitern, tun Sie es auch aus Liebe zu
mir, und glauben Sie, daß niemand so gern und so oft an Sie denkt, als
ich.                      Ihr H.



_Berlin_, den 12. April 1823.

Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre wenigen Zeilen, welche Ihnen
Ihre liebevollen Gesinnungen eingaben. Ihre Worte: »Nehmen Sie dem
gepreßten Herzen die Worte nicht genau, so wenig als den Kleinmut, der
Folge schwerer Verhängnisse ist« -- diese Worte haben mich tief gerührt.
Niemals werden Sie in meinen Gesinnungen den leisesten Wandel erkennen.
-- Ihrem nächsten Briefe sehe ich nun mit großem Verlangen entgegen; aus
einigen Äußerungen möchte ich schließen, daß ich Ihnen eine angenehmere
Aussicht eröffnet habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- H.



_Berlin_, den 25. April 1823.

Ich wollte mich eben hinsetzen, liebe Charlotte, Ihren lieben Brief vom
9. dieses zu beantworten, als ich zu meiner großen Freude den vom 20.
bekam. Ich glaubte schon, Sie wollten, ehe Sie mir schrieben, erst eine
Antwort von mir abwarten. Ich freue mich sehr, Sie nicht in dem Hause zu
wissen, vor dessen unlieblichen Bewohnern Sie mit Recht einen so großen
Abscheu hatten. Sie haben bei Ihrem neuen Etablissement wenigstens an
Ruhe und Einsamkeit gewonnen. Ich begreife indes vollkommen Ihren
Widerwillen vor der Stadt. Wäre ich nicht meiner Kinder wegen hier, die
einmal ihrer Verhältnisse wegen die Stadt, zumal im Winter, nicht
verlassen können, so würde ich immerfort auf dem Lande bleiben. Selbst,
wo die Gegend nicht reizend wäre, bleibt der Anblick des freien Himmels
schon viel. Der Anblick des Himmels hat überhaupt unter allen Umständen
einen unendlichen Reiz für mich, bei sternenhellen, wie bei dunklen
Nächten, bei heiterm Blau, wie bei ziehenden Wolken, oder dem traurigen
Grau, worin sich das Auge verliert, ohne etwas darin zu unterscheiden.
Jeder dieser Zustände entspricht einer eigenen Stimmung im Menschen, und
wenn man das Glück hat, diese Stimmung nicht gerade von den Elementen
empfangen zu müssen, nicht düster zu werden mit dem düsteren Himmel,
sondern in der aus dem reinen Innern entsprungenen Stimmung, durch den
Anblick des Himmels nur in andere und andere Betrachtungen versenkt zu
werden, so hat man wenigstens kein Mißfallen am farblosen Himmel, wenn
man auch dem ruhig und mild strahlenden natürlich den Vorzug gibt. Mir
ist überhaupt das Klagen über Wetter fremd, und ich kann es an andern
nicht sonderlich leiden. Ich sehe die Natur gern als eine Macht an, an
der man die reinste Freude hat, wenn man ruhig mit allen ihren
Entwicklungen fortlebt, und die Summe aller als ein Ganzes betrachtet,
indem es nicht gerade darauf ankommt, ob jedes Einzelne erfreulich sei,
wenn nur der Kreislauf vollendet wird. Das Leben mit der Natur auf dem
Lande hat vorzüglich darin seinen Reiz für mich, daß man die Teile des
Jahres vor seinen Augen abrollen sieht. Mit dem Leben ist es nicht
anders, und es scheint mir daher immer aufs mindeste eine müßige Frage,
welches Alter, ob Jugend oder Reife, oder sonst einen Abschnitt man
vorziehen möchte. Es ist immer nur eine Selbsttäuschung, wenn man sich
einbildet, daß man wahrhaft wünschen könnte, in Einem zu bleiben. Der
Reiz der Jugend besteht gerade im heiteren und unbefangenen
Hineinstreben in das Leben, und er wäre dahin, wenn es einem je deutlich
würde, daß dies Streben nie um eine Stufe weiter führt, etwa wie das
Treten der Leute, die in einem Rade eine Last in die Höhe heben. Mit dem
Alter ist es nicht anders, es ist im Grunde, wo es schön und kräftig
empfunden wird, nicht anderes, als ein Hinaussehen aus dem Leben, ein
Steigen des Gefühls, daß man die Dinge verlassen wird, ohne sie zu
entbehren, indem man doch zugleich sie liebt und mit Heiterkeit auf sie
hinblickt, und mit Anteil in Gedanken bei ihnen verweilt. Selbst ohne
auch religiöse Gedanken an den Anblick des Himmels zu knüpfen, hat es
etwas unbeschreiblich Bewegendes, sich in der Unendlichkeit des
Luftraums zu verlieren, und benimmt so auf einmal alle kleinlichen
Sorgen und Begehrungen des Lebens, und der Wirklichkeit ihre sonst
leicht einengende Wichtigkeit. So sehr auch der Mensch für den Menschen
das Erste und Wichtigste ist, so gibt es gerade nichts gegenseitig mehr
Beschränkendes, als die Menschen, wenn sie, enge zusammengedrängt, nur
sich vor Augen haben. Man muß erst oft wieder in der Natur ein höheres
und über der Menschheit waltendes Wesen erkennen und fühlen, ehe man zu
den beschränkten Menschen zurückkehrt. Nur dadurch auch gelangt man
dahin, die Dinge der Wirklichkeit nicht so wichtig zu halten, nicht so
viel auf Glück oder Unglück zu geben, Entbehrung und Schmerz minder zu
achten, und nur auf die innere Stimmung, die Verwandlungen des Geistes
und Gemüts seine Aufmerksamkeit zu richten, und das äußere Leben bis auf
einen gewissen Grad in sich untergehen zu lassen. Der Gedanke des Todes
hat dann nichts, was abschrecken oder ungewöhnlich bekümmern könnte, man
beschäftigt sich vielmehr gern mit ihm, und sieht das Ausscheiden aus
dem Leben, was ihm auch immer folgen möge, als eine natürliche
Entwicklungsstufe in der Folge des Daseins an. Ich komme zum Teil mit
deshalb auf diese Betrachtungen, weil ich eben die Zugabe zu Ihrem
zweiten Heft gelesen habe, für die ich Ihnen herzlich danke und deren
Inhalt damit enge zusammenhängt. Es ist schwer zu bestimmen, was man
über die Tatsachen, denn als solche muß man Selbsterfahrenes ansehen,
sagen soll.

Daß eine geliebte Person im Augenblick ihres Abscheidens, oder auch
nachher, den Elementen und der Sinnenwelt die Kraft abgewinnt, zu
erscheinen, läßt sich zwar auch nicht weiter begreiflich machen, allein
die menschliche Seele empfindet doch selbst Dinge in sich, welche die
Möglichkeit, wenn auch nur in einem Schleier, durchblicken lassen. Wer
je Sehnsucht in sich getragen hat, begreift, daß sie eine Stärke
gewinnen kann, die von selbst die gewöhnlichen Schranken der Natur
durchbricht. Es mag aber auch bei dem, der etwas sehen soll, eine
Empfänglichkeit notwendig sein, die Geistergegenwart zu vernehmen, und
wir mögen manchmal von Geistern umgeben sein, ohne es zu wissen oder zu
ahnen. Warum man weniger Geister sieht, weniger von Erscheinungen hört,
läßt sich eher erklären. Unter den Geschichten von ehemals waren wohl
viele falsch, nicht gerade erfundene, aber ununtersucht gebliebene, oder
nicht verstandene, natürliche Ereignisse. Man hatte mehr Glauben
überhaupt und auch an diese Dinge, man war mehr zur Furcht vordem
Übernatürlichen geneigt; die Meinung von einem bösen Geist, der quäle
und verführe, wurde sinnlicher und materieller genommen. Indes mag auch
außerdem richtig sein, daß doch auch wahre Erzählungen, wirklich
übernatürliche Wirkungen, wie die von Ihnen beobachtete, häufiger
waren, und wenn das ist, ist die Erklärung freilich schwierig, zumal wo
so eine Wirkung von mehreren sehr verschiedenartigen Menschen beobachtet
wurde, wie es in Ihrem Hause der Fall war. Denn Erscheinungen und
Gesichter einzelner würden sich eher erklären lassen. Ich sagte schon
erst, daß eine gewisse Empfänglichkeit auch zur Wahrnehmung des
Übersinnlichen gehöre. Diese mochten die Menschen in jener Zeit mehr
haben, wo sie weniger weltlich zerstreut lebten, ihr Gemüt innerlicher
gesammelt, frommer und ernster auf eine Wesenreihe außerhalb der
irdischen Welt gerichtet war. Gerade bei einem Manne von so würdigem,
tief religiös gestimmtem Charakter, wie Ihr Vater war, konnte das
füglich der Fall sein. Wie es sei, so hat er die Sache trefflich
aufgenommen, zugleich ohne Furcht und Unglauben. Die Erzählung hat mich
ausnehmend interessiert, ich danke Ihnen herzlich dafür, und sehe es als
einen lieben Beweis Ihrer Bereitwilligkeit an, mir Freude zumachen, daß
Sie so bald meinen Wunsch in dieser Sache erfüllt haben, und zu einer
Zeit, wo Sie durch Ihr Umziehen auch sehr gestört waren. -- Da das
Wetter so rauh ist, bin ich noch mit meiner Familie in der Stadt, und
gehe auch vorerst nur auf mein nahegelegenes kleines Landgut Tegel.
Nachher vermutlich nach Ottmachau in Schlesien, auf sechs bis acht
Wochen. Leben Sie herzlich wohl und verwahren Sie sich ja in Ihrer
Wohnung gegen die Einflüsse der äußeren Lust, die noch garnicht
frühjahrmäßig ist. Ihr                   H.



_Tegel_, den 15. Mai 1823.

Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, von meinem kleinen Landsitze aus,
der Ihnen schon bekannt ist. Ich bin mit den Meinigen seit einigen Tagen
hier, das Wetter aber begünstigt uns sehr wenig. Es ist ein ewiges
Stürmen, Regnen, oder wenigstens ein mit Wolken bedeckter Himmel. Den
letztern liebe ich zwar wohl im Sommer. Wenn die Wolken leicht sind und
nur wie ein zarter Schleier das helle Blau verhüllen, und es dabei
windstill und warm ist, so hat es etwas Wehmütiges, was einer
gleichgestimmten Seele sehr wohl tut. Das Grün ist noch sehr zurück, die
Eichen im Walde fangen erst an, Laub anzusetzen, und nur die frühesten
Bäume, Kastanien, Flieder und solche prangen schon in vollem Laube.
Dagegen sind die Blüten der Obstbäume reich und schön. Ich denke mir
täglich, daß Sie das alles nun auch in Ihrem Garten genießen und bin nur
bange, daß der Wind und das schlimme Wetter, da Ihre Wohnung, wie Sie
schreiben, gar nicht dicht genug verwahrt ist, Ihnen darin lästig sein
werden. Die Anwesenheit meines Bruders in Berlin und eine Reihe anderer
kleiner Umstände hatten gemacht, daß ich den ganzen Winter über in der
Stadt geblieben war und gar keinen Aufenthalt hier gemacht hatte; so ist
mir das Land wie neu und ich genieße es doppelt. Es ist eigentlich
wunderbar, daß gerade die freie Natur und die Einsamkeit einen so großen
Reiz für mich haben, da mein Leben nicht dazu beitragen konnte. Wenn man
immer daran gewöhnt gewesen ist, oder wenn man es in sehr langer Zeit
nicht genossen hat, in beiden Fällen kann man eine solche Neigung leicht
erklären. Die Neuheit tritt im letzten Fall an die Stelle der
Gewohnheit. Bei mir war keins von beiden der Fall. Ich bin weder ganz
von Land und Einsamkeit, auch nur auf mehrere Jahre entfernt gewesen,
noch habe ich beide so viel genossen, daß sie mir gleichsam zur andern
Natur geworden wären. Als ich viele Jahre lang noch nicht in Geschäften
war, reiste ich, oder war sonst unter Menschen, hatte nicht einmal ein
Gut, und wohnte aus eigener, freilich durch andere Dinge bestimmter Wahl
in kleinen Städten. Die Geschäfte zogen mich in große und vielfache von
aller ländlichen Einsamkeit entfernte Zirkel. Doch auch dann fand ich
Mittel, mich zu isolieren, und war oft mitten in der Gesellschaft
einsam. Man lernt das sehr gut, wenn man nur ein innerliches Interesse
hat, das genug die Seele einnimmt. Ich habe es aber immer als eine wahre
Wohltat des Himmels angesehen, für die ich dem Geschick nicht genug
danken kann, und empfinde es noch jeden Tag ebenso, daß es mich gerade
in meinem Alter in die Lage versetzte, in der ich, wie es auch sonst
immer sein möge, dieser Lieblingsneigung frei nachhängen kann. Die
meisten legen es mir noch als eine Anspruchlosigkeit und Philosophie
aus, daß ich nicht bloß im Augenblicke, wo es geschah, die
Geschäftswirksamkeit mit Gleichmut aufgegeben habe, sondern auch seitdem
ruhig, beschäftigt und glücklich lebe, ohne Plan wieder in dieselbe zu
treten und mit sichtbarer Abwesenheit aller Zeichen, daß ich auch
versteckt irgend eine Sehnsucht danach habe. Ich mache mir nicht das
mindeste Verdienst daraus, weil ich weiß, daß ich keins dabei habe. Was
geschehen ist, entsprach meiner Neigung, die sich auf Grundlagen meines
innern Charakters stützt, so ist es kein Wunder, daß sie dauernd ist.
Sie wird nie geschwächt werden. Es ist mir überhaupt immer eine widrige
Idee gewesen, so bis zum Ende des Lebens an Verhältnissen teilzunehmen,
die mit dem Moment des Todes alle gleichsam zu nichts werden, von denen
man nichts jenseits mit hinüber nimmt. Und doch ist in Geschäften alles
in dieser Art. Ganz anders ist es mit der Beschäftigung mit Ideen und
Kenntnissen. Auch wenn die letztern ganz ins Einzelne eingehen, hängen
sie doch zuletzt immer mit Ideen zusammen, die, wenn man sie recht
verfolgt, ihren Mittelpunkt nicht mehr in dieser Welt haben.

Was man in dieser Art erwirbt und ausbildet, behält man wahrhaft und
trägt es mit sich, so lange noch überhaupt Dasein währt. Es hat mir
immer unmöglich geschienen, daß, was einmal in mir denkt und empfindet,
je aufhören könnte zu denken und zu empfinden. Wenn auch Zwischenräume
mangelnden Bewußtseins eintreten, wenn die verschiedenen Zustände des
Seins nicht verknüpft sein sollten durch zusammenhängende Erinnerung, so
wirkt die einmal gefaßte Idee darum nicht minder auf das Wesen und den
inneren Gehalt der Seele. Ganz anders ist es, wenn man die, an äußern
Verhältnissen, wirklichen Geschäften teilnehmende Arbeit, nicht aus ganz
freier Wahl, nicht aus unmittelbarer Liebe zu ihr, sondern aus andern
Rücksichten und als einen Erwerb treibt. Auf diese Art würde ich sie
ohne Mühe so lange fortsetzen können und fortgesetzt haben, als nur die
Kräfte es zulassen. Darin sind Frauen besonders gut daran, daß die
Arbeiten, die sie auf diese Weise machen, wenn auch nicht immer ganz,
doch größtenteils mechanischer Art sind, den Kopf wenig, die Empfindung
gar nicht in Anspruch nehmen, und also den bessern, zartern und höhern
Teil des Menschen viel mehr sich selbst überlassen, als das bei Männern
der Fall ist. Daher werden Männer so leicht einseitig, trocken, hölzern
durch ihre Arbeit, Frauen nie, wenn sie auch durch Umstände und
Widerwärtigkeiten bestimmt werden, einen Erwerb darin zu suchen, wenn in
ihrem frühern Leben sie noch so fern von einer solchen Notwendigkeit
waren.

Was mir aber weniger angenehm ist in meiner Lage, ist, daß ich nicht gut
vermeiden kann, auch in demselben Jahre mehrmals den Aufenthalt zu
wechseln. Ich gewöhne mich zwar leicht an einen neuen Ort, aber ich
bleibe lieber an einem alten, und es hat vorzüglich einen großen Reiz
für mich, so in demselben die Reihe der Jahreszeiten vorübergehen zu
sehen. Die bloßen regelmäßigen Veränderungen der Zeit haben einen Reiz
für mich, den ich mir oft selbst vergebens zu erklären versucht habe.
Sie werden sagen, daß bei der völligen Freiheit, die ich genieße, ich
leicht auch hier mein Leben nach meinen Wünschen einrichten könnte.
Allein es gibt doch immer auch für den Freiesten Umstände, die ihn mit
einer gewissen Nötigung bestimmen, und so geht es auch mir. Leben Sie
nun herzlich wohl und verzeihen Sie, wenn ich in diesen Zeilen viel von
mir sprach. Ich rede zu Ihnen, wie zu mir selbst, und habe es auch gern,
wenn Sie mir von sich erzählen. Mit der herzlichsten Anhänglichkeit der
Ihrige.                       H.



_Tegel_, den 26. Mai 1823.

Unsere Briefe haben sich gekreuzt, liebe Charlotte, ich hatte Ihnen
geschrieben, ohne einen Brief von Ihnen abzuwarten, und Sie haben den
Ihrigen früher als gewöhnlich abgehen lassen.

Die Stelle in Ihrem Briefe über das Pfingstfest hat mich sehr gefreut
und spricht ganz Ihr tiefstes Gemütsbedürfen aus. Auch mir ist es
eigentlich das liebste unter den großen Festen. Seine heilige Bedeutung,
das Herabsteigen göttlicher Kraft auf menschliche Wesen, hat etwas
zugleich Tröstendes und Erhebendes, und das doch nicht über der
Fassungskraft unsers Geistes liegt, da man wohl zu begreifen vermag, wie
sich geistig Göttliches und Menschliches mischt. Irdisch genommen aber
ist es ein gar liebliches Fest, weil es den Winter recht eigentlich
beschließt und man nun dem heiteren Sommer entgegengeht. -- Was Sie über
Schmerz sagen, begreife ich sehr wohl, nämlich, daß Sie nicht dahin
gekommen wären, Glück und Unglück, und besonders den Schmerz, nicht sehr
zu achten. Es hat mir schon öfter geschienen, als wäre Ihnen nicht
gerade viel Stärke darin verliehen, und dies ist wohl das Zeichen einer
schönen Weichheit einer weiblichen Seele, wo es unnütz und unrecht
zugleich wäre, sich abhärten zu wollen. Ich will es daher auch nicht
unternehmen, Sie das zu lehren, sondern vielmehr von innigem Herzen
wünschen, daß Schmerz und Unglück, so wie jeder Kummer von Ihnen fern
bleiben mögen. Ich will gern und mit Freuden, wo ich kann, dazu
beitragen. Aber bei einem Manne muß das anders sein. Wenn ein Mann dem
Schmerze Herrschaft über sich einräumt, wenn er ihn ängstlich meidet,
über den unvermeidlichen klagt, flößt er eher Nichtachtung als Mitleid
ein. So vieles muß in einer Frau anders sein als im Manne. Einer Frau
geziemt es sehr wohl, und scheint natürlich in ihr, sich an ein anderes
Wesen anzuschließen. Der Mann muß gewiß auch das Vermögen dazu besitzen,
aber wenn es ihm zum Bedürfnis würde, so wäre es sicher ein Mangel oder
eine Schwäche zu nennen. Ein Mann muß immer streben, unabhängig in sich
dazustehen.....

Ihre Frage, ob ich je wirklich Schmerz gefühlt hätte, war sehr
natürlich. Sie können aber überzeugt sein, daß ich immer von dem zu
reden vermeide, was ich nicht aus eigener, wohlerprüfter Erfahrung
kenne...

Indem ich von Herzen wünsche, daß es bald besser und recht gut mit Ihrer
Gesundheit gehen möge, wiederhole ich Ihnen die Versicherung meiner
herzlichsten Teilnahme und Anhänglichkeit. Ihr              H.


Glück und Unglück verliert von seinem Wert, wenn es den Kreis der innern
Empfindung verläßt. So wie die Wirklichkeit in der Tat immer armselig
und beschränkt ist, so vermindert sich auch der Reiz jedes angenehmen
Gefühls, wenn man es in Worte kleidet. Im Herzen, wo es entstanden ist,
muß es bleiben und wachsen, und wenn es vergänglich ist, wieder vergehen
und sterben. Mit dem Unglück ist es nicht anders. Der im eigenen Busen
erhaltene Schmerz enthält etwas Süßes, von dem man sich nicht gern mehr
trennen mag, wenn ihn die eigene Brust bewahrt...

Trost wüßte ich bei einem andern, als mir selbst, nie zu finden. Es
würde mir ein zweites, noch unangenehmeres Gefühl, als das widrige
Schicksal durch sich einflößt, geben, wenn ich nicht selbst Stärke genug
besäße, mich selbst zu trösten. Dies mag indes bei Frauen billig anders
sein. Wenn es bei einem Manne anders ist, ist es nicht lobenswürdig. Ein
Mann muß sich selbst genug sein...

Mitleid ist gar eine widrige Empfindung, und Teilnahme zwar eine sehr
schöne, aber nur in einer gewissen Art...

Es ist mir unendlich viel wert, zu wissen, daß Sie an allem, was mir
begegnet, einen so innigen Anteil nehmen, allein diese Teilnahme
wirklich zu erfahren, ihrer gewissermaßen zu bedürfen, könnte ich nicht
zu den erwünschtesten Gefühlen rechnen. Überhaupt ist mir das _Bedürfen_
ungemein, nämlich für mich, nur für mich und mein Gefühl, zuwider. Von
jeher habe ich gestrebt, nichts außer mir selbst zu bedürfen. Es ist
vielleicht nicht möglich, je ganz dahin zu gelangen, aber, wenn man es
erreichte, so wäre man erst dann, auf vollkommen reine und
uneigennützige Weise, der höchsten Freundschaft und der höchsten Liebe
fähig, sowohl sie zu gewähren, als zu genießen. Denn das _Bedürfen_ ist
immer etwas Körperlichem im Geistigen ähnlich, und was dem Bedürfnis
angehört, geht dem wahren Vergnügen ab. Befriedigung des Bedürfnisses
ist nur Abhilfe eines Übels, also immer etwas Negatives, das wahre
Vergnügen aber, körperlich und geistig, muß etwas Positives sein. Wer
also z. B. am wenigsten der Freundschaft bedürfte, der empfindet die,
die ihm gewährt wird, am vollsten und süßesten, sie ist ihm ein reiner
und ungetrübter Genuß, ein Zuwachs, den er zu seinem, schon in sich
geschlossenen und beglückenden Sein erhält; er gewährt sie dann auch am
beglückendsten für den andern, denn es ist in ihm keine Rücksicht auf
sich, nur einzig auf den andern dabei. Je stärker und sicherer zwei
Wesen, jedes in sich gewurzelt, je einiger mit sich und ihrem Geschick
sie sind, desto sicherer ist ihre Vereinigung, desto dauernder, desto
genügender für jeden.

Fehlt es dem einen an dieser Sicherheit, so bleibt dem andern für beide
hinreichend übrig. Nur was so die Alltagsbegriffe der Freundschaft und
Liebe von gegenseitigem Stützen aufeinander sagen, ist schwach und nur
für sehr mittelmäßige Menschen und Empfindungen gemacht, denn leicht
stürzen dabei beide, indem keinem die Schwachheit des andern Gewähr der
Sicherheit leistet. Nur auf diese Weise müssen Sie mich verstehen, wenn
ich von männlicher Selbständigkeit rede, die ich wirklich für die erste
Bedingung männlichen Werts halte. Ein Mann, der sich durch Schwächen
verführen, hinreißen läßt, kann gut, in andern Punkten recht
liebenswürdig sein, er ist aber kein Mann, sondern eine Art Mittelding
zwischen beiden Geschlechtern. Er sollte daher eigentlich, obgleich
dies manchmal sehr umgekehrt ist, nicht ausgezeichneten Beifall bei
Frauen finden. Denn die schöne und reine Weiblichkeit sollte nur durch
die schönste und reinste Männlichkeit angezogen werden.



_Ottmachau_, den 12. Juli 1823.

Die Güter, welche ich in diesem Augenblicke bewohne, besitze ich erst
seit 1820. Sie sind sehr reizend belegen. Das alte Schloß liegt auf
einem Hügel, von dem man einen Kreis der schlesischen, böhmischen und
mährischen Gebirge übersieht, und zwischen diesen Hügeln, an deren Fuß
die Neisse hinläuft, und dem Gebirge sind die anmutigsten Äcker, Wiesen
und Gebüsche, zu denen auch meine Besitzungen gehören. Ich bewohne zwar
dieses Schloß nicht, da es nicht ausgebaut ist und nur einige bewohnbare
Zimmer für meine Kinder hat, aber ein recht bequemes und gutes Haus, ein
wenig tiefer, dient mir zur Wohnung und hat auch größtenteils dieselbe
Aussicht.

Daß ich in einer glücklichen Lage bin, ist sehr wahr, und Sie bemerken
mit Recht, daß das mehr die Sache des Glücks als meiner Anstrengungen
ist. Das ist vollkommen wahr, und macht mir mein Glück, wenn ich so
sagen soll, noch glücklicher. Eine Gabe, die mir nur durch das Glück
zufällt, ist mir unendlich lieber, als etwas durch mein Verdienst
Erstrebtes. Wer mit der ersten beschenkt wird, scheint für das Schicksal
Wert und Wichtigkeit genug zu haben, um Gaben auf ihn zu häufen. Ich bin
auch in vielen andern Dingen glücklich gewesen, die ein anderer nicht
so, als diese Äußerlichkeiten, beurteilen kann, ja, ich kann wohl sagen,
daß sich bis jetzt mein Glück ziemlich in allem bewährt hat, was ich
unternahm. Manches in öffentlichen und Privat-Angelegenheiten, was nicht
gerade sehr weise angelegt war, hat nicht die üblen Folgen gehabt, die
daraus hätten entstehen können, anderes, das gar nicht sonderliche Mühe
kostete, wurde mit ausgezeichnetem Erfolge belohnt. So bin ich gewohnt,
mich als einen Glücklichen anzusehen, und habe Mut, aber nur immer wie
einer, den das Glück auch in jedem Augenblicke verlassen kann. Daher
macht auch dies Glück mich doppelt vorsichtig. Träfen mich große
Unglücksfälle im Äußerlichen, oder moralisch, oder in meiner Gesundheit,
so würde ich dadurch natürlich leiden wie ein anderer, aber sie würden
mich sehr vorbereitet und gefaßt finden, ich würde doch mit Heiterkeit
auf das lang Genossene zurückblicken, und meine innere Ruhe würde solche
Zustände nicht zerstören oder nur bedeutend ergreifen. Eben jene
Selbständigkeit, von der ich erst sprach, gibt Mittel, jedem Unglück so
zu begegnen, daß für mich Glück und Unglück wenigstens ganz andere
Bedeutung, als für andere Menschen haben. Und das ist mir immer eigen
gewesen. Sie reden in Ihrem Briefe, liebe Charlotte, den ich hier die
Freude hatte vorzufinden und wofür ich Ihnen noch nicht dankte, von der
Sehnsucht und fragen mich, ob ich sie wohl je gefühlt habe? Ich glaube
allerdings. Indes ist es freilich wahr, und ich sage das nicht eben als
ein Lob, da es vielleicht eher eine Selbstanklage ist, daß ich früh eine
große Ruhe gewonnen habe, die nicht leicht durch etwas gestört wird. Ich
lernte früh mir in meinen eigenen Gedanken und meinen von keiner fremden
Einwirkung abhängigen Gefühlen genügen, und jetzt paßt diese Ruhe und
Zurückgezogenheit in sich selbst zu meinen Jahren und ist mir dadurch
doppelt natürlich. Indes bin ich sicher, daß diese Ruhe und
Bedürfnislosigkeit nie der Wärme meiner Empfindungen geschadet hat.
Wenige Menschen aber können fassen, wie man auf der einen Seite nicht
mit Unruhe wünschen und nicht schmerzlich entbehren und auf der andern
Seite doch voll Dank empfangen und genießen könne. Dennoch kommt es mir
äußerst natürlich vor. Sie müssen nun aber darum nicht denken, daß ich
Sehnsucht und selbst unruhiges Begehren in andern tadle. Jeder hat und
muß seine eigene Weise haben, und wenn ich auch in der meinigen bleibe
und gewiß in keine andere hinüberzuziehen bin, so mißbillige ich die
fremde nicht und bin Ihnen für jeden Ausdruck, jede erneute Versicherung
Ihrer immer gleichen Gefühle für mich sehr dankbar, sie bleiben mir
immer gleich wohltätig. Ich hoffe, Sie haben an Ihrer Lebenserzählung
wieder gearbeitet und freue mich darauf. In zehn bis zwölf Tagen gehe
ich von hier und hoffe, in Berlin Briefe von Ihnen vorzufinden. Mit
herzlicher Anhänglichkeit der Ihrige.     H.



_Tegel_, den 11. August 1823.

Ich bin vorgestern nach Berlin und gestern hierher zurückgekommen und
habe mich ungemein gefreut, ein Paket und Briefe von Ihnen, liebe
Charlotte, hier zu finden. Nächstdem danke ich Ihnen recht herzlich für
das neue Heft Ihrer Lebensbeschreibung, das Sie mir geschickt haben. Ich
habe es, wie Sie selbst ermessen werden, in diesen ersten Tagen noch
nicht lesen können, indes habe ich schon hier und da darin geblättert,
und bin mit dem, was ich angetroffen, ausnehmend zufrieden, ich bin also
im voraus überzeugt, daß ich es mit dem Ganzen sein werde. Was Sie in
der Vorrede sagen, daß man bei einem solchen Aufzeichnen des Vergangenen
sein Leben noch einmal lebt, ist sehr wahr, allein der Eindruck, den die
Wirklichkeit, und derjenige, den die bloße Erinnerung macht, sind
notwendig sehr voneinander verschieden.

Wo die Begebenheiten schmerzlich sind, ist die Wirklichkeit in ihrem
schroffen und starren Wesen, und von der Ungewißheit dessen, was weiter
erfolgen wird, begleitet, niederschlagend und zerreißend. Die
Erinnerung dämpft diese Gefühle bis zur sanften Wehmut. Das Schmerzvolle
ist nicht mehr ein einzelner, abgeschnitten dastehender Moment, sondern
verschmelzt sich mit dem ganzen Leben, und erhält dadurch einen ungleich
milderen Charakter. Und sehr wohltätig und heilsam ist dann gewiß ein
solches rückwärts gehendes Vertiefen in die Vergangenheit, das zugleich
ein Vertiefen in die mannigfachen Falten des eigenen Gemüts und Herzens
ist. Wie gut man sich auch schon erkennen möge, so gewinnt das Bild, je
öfter man es wieder zu zeichnen versucht, immer mehr Klarheit und
Bestimmtheit, und wird auch wohl in einzelnen Zügen noch berichtigt und
der Wahrheit nähergebracht. Die Furcht, daß Sie durch eine
Selbstschilderung bei mir verlieren könnten, dürfen und können Sie
eigentlich nicht haben. Sie brauchen auch darin nicht, liebe, gute
Charlotte, sich an meine Nachsicht und milde Beurteilung zu wenden.
Gerade ein so ausführliches, so das ganze Leben wie aus seiner ersten
Knospe entfaltendes Verwahren bewahrt vor jedem Mißverständnis, jedem
Irrtum, jeder falschen Beurteilung. Es kommt im Menschen, wie Sie auch
gewiß denken, immer unendlich mehr auf das Wesen, als auf die einzelnen
Handlungen an. Die gewöhnlichen Menschen richten allerdings nur die
letzten, wie es auch die Gesetze tun. Aber die Macht, die die Herzen
durchspäht, geht auf die Gesinnung, die Absicht, die ganze
Beschaffenheit und Stimmung des Gemüts, und dasselbe tut auch die
Geschichte. Jede zusammenhängende Erzählung aber, welche die Erfolge aus
ihren Ursachen zu entwickeln strebt, ist Geschichte und bringt denselben
Eindruck hervor, sie mögen Weltbegebenheiten oder die Schicksale eines
einfachen Privatlebens zum Gegenstande haben. Überhaupt wünscht man ja
nicht darum die Begebenheiten eines Menschenlebens zu übersehen, um sich
gleichsam zum Richter darüber aufzuwerfen, am wenigsten ist ein solches
Beurteilen je mir eigen. Die Anschauung eines interessanten
Gemütszustandes, die Betrachtung seiner Ursachen und Folgen, zieht --
ohne daß man nur daran denkt zu urteilen oder zu richten -- das Gemüt
des Beschauers an, wenn der Gegenstand ihm wert ist und seinen Anteil
erweckt, ja, wenn das abgesondert werden könnte, so erblickt man in der
einzelnen Gestalt die allgemeine, in dem einzelnen Menschen die
Menschheit selbst. Dagegen bin ich überzeugt und habe es schon an den
bisherigen Heften erfahren, daß Ihre Erzählung mir sehr oft, ohne daß
Sie es wollen, ja, ohne daß Sie es nur ahnen werden, Veranlassung geben
wird, die Meinung, die Sie mir vor einer langen Reihe von Jahren durch
Ihren Anblick und Ihre Gespräche und nachher durch Briefe und
Schilderungen einflößten, und aus der mein warmer, lebhafter und sich
immer gleicher Anteil an Ihnen entsprang, zu bestätigen, mit neuen
Beispielen zu belegen und selbst zu erweitern. Fahren Sie also ja, teure
Charlotte, nur mutig und ohne einige Besorgnis, je mißverstanden zu
werden, fort.                   H.



Den 10. September 1823.

Ich habe nun das empfangene Heft Ihrer Lebensbeschreibung mit großer
Sammlung und sehr großem Vergnügen gelesen und wiederhole Ihnen meinen
wirklich recht herzlichen und aufrichtigen Dank dafür. Ich habe die
Zeiten gewählt, wo ich am freiesten war, mich in die geschilderten Lagen
zu versetzen, und habe also langsam und mit großem Bedacht jedes
Einzelne erwogen. Einige der Schilderungen sind mir ungemein anziehend
und reizend vorgekommen. Es muß Sie das nicht wundern. Wenn man den
Inhalt dieser Bogen in seinen Resultaten erzählt, so kann das Leben
eines Kindes nur höchst unbedeutend scheinende geben. Aber wenn man eine
sehr ausführliche Schilderung vor sich hat, ist es durchaus anders. Es
ist dann nicht mehr die Sache, das Resultat, es ist die Veränderung, die
dabei in der Seele vorgeht, die innere Entwickelung der Ideen und
Empfindungen, und die ist bei einem Kinde nicht bloß ebenso anziehend
als bei Erwachsenen, sondern im Grunde mehr, da das Kind zu mehr
Vergleichen Stoff darbietet. Wie Sie zum Beispiel sich als Kind zeigten,
vergleicht man gern mit der Natur Ihrer beiden Eltern, und mit Ihrem
eigenen späteren Wesen. Diese drei Punkte haben mir beim Lesen immer
gleich deutlich vor Augen gestanden. Es ist vollkommen offenbar, daß,
was Sie als Kind charakterisiert hat und was sich überall in Ihrem
künftigen Leben wieder finden wird, wenn Sie in Ihren Schilderungen
fortrücken werden, eine gewisse Innerlichkeit Ihres Wesens ist. Sie
scheinen zwar auch in jenen Jahren der früheren Kindheit sehr aufmerksam
auf dasjenige gewesen zu sein, was um Sie herum vorging, allein doch
nicht sowohl, um darin nun wirklich zu leben, als um sich daraus eine
eigene, innere Welt zu bilden. Es ist ebenso unverkennbar, daß Sie
diese, mehr innerliche Natur Ihrem Vater verdanken, in dem sie nur auf
eine andere Weise vorhanden und aus anderen Quellen entsprungen war.
Über Ihre Eltern und ihre gegenseitigen Vorzüge zu urteilen, ist nicht
leicht. Wie beide da in der Welt standen, ist man sehr geneigt, sich
doch mehr für Ihre Mutter zu erklären. Sie ist praktisch tätig, mutig,
besonnen, verständig und doch nicht von tändelnder, aber doch von sehr
wahrer Liebe und Wohltätigkeit. Der größere Charakter unter beiden ist
sie gewiß. Bei dem Vater vermißt man das recht ins Leben Eingreifende,
das einem Manne noch mehr als einem Weibe geziemt. Allein man hütet sich
mit Recht abzuurteilen. Es ist sichtbar, daß man in sein eigentliches,
inneres Wesen nicht gehörig eindringt. Es ist auch höchst
wahrscheinlich, daß er nie Gelegenheit fand, dies ganz und ohne Rückhalt
aufzuschließen. Mit seiner Frau konnte er in einem solchen Verhältnis
nicht stehen. Er hätte es späterhin mit Ihnen gekonnt, und vielleicht
ist es auch in der Folge bis auf einen gewissen Punkt geschehen? Das
werden in der Folge Ihre Blätter zeigen. Allein es ist selten und
schwer, daß ein Vater sich über sich selbst erwachsenen Töchtern
vollkommen öffnen kann. Dann war auch die innerliche Natur Ihres Vaters
(ich meine darunter nämlich die Neigung, vorzugsweise vor allem andern,
sich mit sich selbst zu beschäftigen) mit etwas, das, wenn man es auch
nicht körperlich allein nennen mag, doch vom Willen und selbst vom
Bewußtsein unabhängig und getrennt ist, vermischt. Diese Träume, dieser
gewissermaßen natürliche Magnetismus, haben in sich etwas
Geheimnisvolles, von dem sich weder Ursachen noch Folgen berechnen
lassen, und das immer wie eine unbekannte Größe dasteht, und etwas, das
das Urteil über den ganzen Menschen, in dem es sich befindet, ungewiß
macht.

Ich gestehe, daß ich keine Vorliebe für diese innere Gemütsstimmung
habe. Ich bedarf Klarheit der Gedanken und des Bewußtseins, daß nichts
in mir ohne meinen bestimmten und wohlgeordneten Willen vorgeht. Ich
besitze, teils von Natur, teils durch die sehr früh begonnene Übung
eines langen Lebens, eine große Gewalt und Stärke über mich selbst, und
mir würde daher schon in der Idee ein Zustand peinlich sein, wie der
war, wo in dem Traum, den Sie von Ihrem Vater erzählen, er von einem
fremden Geiste in seiner unmittelbaren Existenz scheint beherrscht zu
werden. Ich bin daher noch viel behutsamer, über Ihren Vater mir das
mindeste Urteil zu erlauben, als ich es immer bei jemanden sein würde,
der Ihnen so nahe steht. Sie fragen mich, ob ich die Umgegend von
Preußisch-Minden und die Porta Westphalica kenne. Nein, ich bin in jener
Provinz immer im schnellen Durchreisen gewesen, und in diese Gegenden
auch nicht einmal gekommen. Ich halte sie aber für sehr anziehend,
außerdem, daß sie geschichtliche Wichtigkeit haben. Nun werde ich indes
schwerlich mehr reisen und mich anders als in dem Kreise bewegen, in dem
ich mich herumdrehe, und werde ich sie also auch wohl nie sehen. Auch
sehe ich eben, daß Sie meinen Rat über etwas wünschen. Schreiben Sie mir
nur ohne Rückhalt, wenn ich Ihnen raten kann, tue ich es gewiß mit
Freuden. Es ist aber wahr, daß ich nichts davon halte, Rat zu fragen,
noch zu erteilen. Gewöhnlich wissen die Fragenden schon, was sie tun
wollen, und bleiben auch dabei. Man kann sich von einem andern über
mancherlei, auch über Konvenienz, Pflicht aufklären lassen, aber
entschließen muß man doch sich selbst. Leben Sie herzlich wohl!
Unwandelbar der Ihrige.                          H.



_Berlin_, den 18. Oktober 1823.

Den für den Augenblick nötigsten Teil Ihres letzten Briefes, liebe
Charlotte, habe ich schon neulich beantwortet, und bin begierig, aus
Ihrem nächsten zu sehen, ob Sie meinen Rat befolgt haben werden. Der
Ausgang bleibt allerdings immer zweifelhaft, indes kann der Schritt
nicht schaden, und man weiß doch nicht, was geschieht. Ich halte immer
sehr viel davon im Leben, die Anlässe, die sich zu etwas darbieten, was
dem gewohnten Gange eine veränderte Richtung geben kann, nicht zu
versäumen, sie vielmehr zu benutzen, und was sich daraus irgend
entspinnt, in das übrige Leben zu verweben. Vorzüglich ist aber dies der
Fall bei Dingen, die schon zu einer gewissen Reife gediehen sind, und
das war doch Ihre Bekanntschaft mit dem verstorbenen Herzog. Er hatte
Ihnen einmal so günstige Äußerungen gemacht, daß es schade wäre, auf
diesem Wege nicht weiter fortzugehen. Es ist immer auch zugleich eine
Prüfung der Menschen, und neben dem, was man etwa handelnd und redend
ausrichten kann, ist doch im Leben das Anschauen, Versuchen und Sammeln
von Erfahrungen das Nützlichste und wenigstens bei weitem das
Unterhaltendste. Es kann zwar sein, daß das nicht so in jeder Natur ist,
aber der meinigen ist es, sogar mehr als billig ist, eigen, das Leben
wie ein Schauspiel anzusehen, und selbst wenn ich in Lagen war, wo ich
ernsthaft selbst mithandeln mußte, hat mich diese Freude am bloßen
Zusehen der Entwickelungen der Menschen und Ereignisse nie verlassen.
Ich habe darin zugleich eine große Zugabe zu meinem innern Glück und
eine nicht geringe Hilfe bei jeder Arbeit selbst gefunden. Das Erste ist
leicht begreiflich und entsteht auf doppelte Weise. Zuerst hat man die
positive Freude am Anblick der wirkenden Kräfte, am Weiterrücken der
sich in uns unbekannten Ursachen verflochtenen Dinge und Ereignisse, und
dann wird man gleichgültiger gegen den Ausgang, insofern dieser nämlich
uns selbst betrifft. Denn der Anteil an andern kann dadurch auf keine
Weise geschwächt werden. Im Handeln selbst aber gewinnt man dadurch
Ruhe, Kälte und Besonnenheit. Besonders bei großen Angelegenheiten gibt
diese Ansicht gerade die Überzeugung, daß sie, wenn sie auch gegen
unsere Neigungen ausschlagen, einen Gang gehen, der tief in den einmal
feststehenden Plänen des Schicksals liegt, und auch nur das Mindeste
dieses Plans zu ahnen, ist schon an sich ein über jedes andere gehendes
geistiges Vergnügen. Bei eigenen Lebensbegebenheiten ist es, wenigstens
bei mir, anders. Es würde mir immer nur Eitelkeit und Selbstsucht
scheinen, die ich mir nie erlauben würde, wenn ich, was sich mit mir und
meiner Persönlichkeit ereignet, gewissermaßen tiefen Plänen im Weltlaufe
zuschieben wollte. Es gehört freilich auch zum Ganzen, aber wie ein
Atom, es interessiert mich geistig dabei nur, wie ich mich selbst
betrage, wie ich die Ereignisse aufnehme, ob mit Fertigkeit im Widrigen,
mit Bescheidenheit im Günstigen, ob ich tue, was ein Mann seiner Pflicht
und seinen Gefühlen schuldig ist, das Übrige mag auf- und abstürmen, ich
suche mich darein zu finden, so gut es nun einmal gehen will. Aber auch
bei den, von höherem Gesichtspunkte aus betrachtet, unbedeutenden
Ereignissen meiner selbst und meiner Familie bleibt doch jenes Vergnügen
der Beschauung der ins Spiel kommenden Personen, der Umstände u. s. f.,
was oft für so vieles auch wirklich Widrige entschädigt. Es versteht
sich jedoch von selbst, daß diese Beschauungslust des Lebens nie aus
bloßer Neugierde entstehen muß, daß sie nicht sein darf, wie
vergnügungssüchtige Leute in die Komödie gehen. Sie muß entstehen aus
dem lebhaften Interesse, was man an der Menschheit, nicht bloß an ihrem
Glück, denn das Glück ist bei weitem nicht das Höchste, sondern an ihrem
innern Wert, ihrem Wesen und ihrer Natur nimmt, aus dem immer
unermüdlichen Streben, eben diese menschliche Natur tiefer in ihrem
Innern zu erkennen, und so viel es möglich ist, die Räder zu erahnen,
welche die Schicksale der Menschen, oft unauflöslich scheinend,
ineinander treiben, und sie dann doch wieder so schonend auseinander
rollen, daß wahre, nur nicht gleich eingesehene Harmonie daraus
hervorgeht. So wie alles im Menschen nur auf die Höhe des Gesichtspunkts
ankommt, auf den man sich stellt, so ist es auch hier. Ist der
Gesichtspunkt der rechte, edel und gut, so kann nichts als wieder Gutes
und Edles daraus hervorgehen. -- Ich bitte Sie, mir die Fortsetzung
Ihrer Lebenserzählung sobald zuschicken, als Sie den Abschnitt erreicht
haben, zu dem Sie kommen wollten. Leben Sie herzlich wohl; mit dem
innigsten Anteil der Ihrige. H.



_Burgörner_, den 29. November 1823.

Ich befinde mich hier sehr wohl. Es ist nicht bloß für diese Jahreszeit
und den sonst oft so schlimmen Monat, sondern wirklich an sich immer
leidliches und oft sehr gutes Wetter. Heute war es wirklich schön, und
die Sonne kam sehr freundlich heran. Zwar erhob sie sich nur wenig über
eine dichte und finstere Wolke, die den Abendhimmel bedeckte, aber der
übrige Teil des Himmels war vollkommen blau. Da ich teils viele
Geschäfte hier habe, teils die Zeit zu eigenen Arbeiten benutzen will,
so ist es mir sehr lieb, ganz allein hier zu sein, ich bin so gar keiner
Störung ausgesetzt und liebe an sich die Einsamkeit. Die Freude, mit den
Meinigen zu sein, ist mir nur immer eine unendlich glückliche Zugabe zu
meinem schon glücklichen Leben. Ich habe mir aber nie denken können, wie
dasjenige eigentlich ein Glück zu heißen verdient, was eine Lücke
ausfüllt, die einem Unglück nahe kommt, und es hat mir immer
geschienen, als ginge der wahrhaft edle und hohe Glücksgenuß erst an,
wenn man, sich selbst genügend im Gleichgewicht, seine Neigungen und
Empfindungen mit sich verknüpft, die diesen, schon in sich
befriedigenden Zustand dergestalt erhöhen, daß er, damit verglichen,
wirklich mangelhaft erscheint. Heftige Begierden und leidenschaftliche
Äußerungen sind mir daher immer fremd geblieben. Indes will ich das
nicht eben loben noch in Schutz nehmen. Es könnte leicht auch in einem
Mangel an Feuer liegen, dessen der Mann zu vielen der wichtigsten und
ernsthaftesten Dinge bedarf, es ist auch nicht jene Fremdheit immer in
gleichem Grade in mir gewesen. Jetzt ist sie meinen Jahren freilich
natürlich. Die Jugend muß im Manne immer zuerst in der wirklich nur
jugendlichen Lebendigkeit des Empfindens und dem, was leidenschaftlich
ist, erlöschen; zum Entschluß und zur Anstrengung kann dann ihre Kraft
noch lange ausdauern. -- Nun komme ich zu dem letzten Heft Ihrer
Lebenserzählung zurück. Es hat mir wieder ungemein viel Freude gemacht,
und ich habe es gestern abend ohne Unterbrechung hintereinander gelesen.
Es schadet garnicht, wenn auch einiges, was Sie darin erzählen, in eine
andere Periode gehört, wie Sie besorgen. Es ist unmöglich, in der
Erinnerung so genau in der Zeitfolge zu bleiben, ich würde sehr verlegen
sein, sollte ich von einem meiner Kinderjahre so ausführlich erzählen.
Es ist merkwürdig, daß Ihnen so viel in der Erinnerung geblieben ist.
Da in diesem Hefte gerade so viel vom Schreiben die Rede ist, so kann
ich Ihnen mit Wahrheit sagen, daß diese Erzählung wieder ganz diesen
Vorzug hat. Alles darin ist trefflich gedacht und empfunden, das ist das
erste darin, und wie Sie selbst richtig bemerken, das unerläßliche
Erfordernis jedes guten Schreibens; allein auch das letzte ist bei Ihnen
damit verbunden. Die Art Ihrer Entwickelung hat mich ungemein
interessiert. Sie bemerken sehr richtig, daß das, was Ihnen mehr durch
Sie selbst, und zufällig durch Umgang mit Erwachsenen, an Unterricht
zukam, gerade darum so stark und so dauernd wirkte, weil es wenig war,
und in ein auf besseren und reichhaltigeren Unterricht begieriges Gemüt
fiel, so möchte ich auch im übrigen weiter schließen. Es sollte mich
aber nicht wundern, wenn doch gerade diese Erziehung mehr oder kräftiger
beigetragen hätte, Sie so, wie Sie geworden sind, zu bilden, als wenn
alles fein systematisch dabei ausgedacht worden wäre. Man muß sich die
Erziehung ja nicht bloß und immer als eine direkte Leitung zu
verständiger Haltung, gutem Charakter und hinlänglichem Reichtum von
Kenntnissen denken. Sie wirkt oft weit mehr als ein Zusammenfluß von
Umständen, deren beabsichtigte Wirkung ganz vereitelt wird, die aber
durch den Streit gegen die Individualität des zu Erziehenden in ihm
bewirkt, was die direkte Einwirkung nie vermocht hätte. Denn das
Resultat der Erziehung hängt ganz und gar von der Kraft ab, mit der der
Mensch sich auf Veranlassung oder durch den Einfluß derselben selbst
bearbeitet. Mit großem Vergnügen habe ich auch bestätigt gefunden, daß
dasjenige, was Ihr Gemüt und Ihren Verstand noch jetzt auszeichnet,
Ihnen auch in der Kindheit schon beiwohnte. Es ist immer meine Meinung
gewesen, daß sich der Mensch, wenn man das Wesentliche seines Charakters
nimmt, nicht eigentlich ändert. Er legt Fehler ab, vertauscht auch wohl
Tugenden und gute Gewohnheiten gegen schlechte, allein seine Art zu
sein, ob mehr nach der Außenwelt, oder mehr nach innen gekehrt, ob
heftig oder sanft, ob in die Tiefe der Ideen eingehend, oder auf der
Oberfläche verweilend, ob mit kühnerem und fettem Entschluß ins Leben
eingreifend, oder Schwäche verratend, bleibt gewiß von der Kindheit bis
in den Tod die nämliche. Das war für heute vorerst das Wichtigste, was
ich Ihnen über dies Heft sagen wollte. Auf ein und anderes komme ich ein
anderes Mal zurück. Immer aber wiederhole ich Ihnen aufs neue meinen
herzlichen Dank für die Mühe, die Sie mir so liebevoll widmen.



_Berlin_, den 12. Januar 1824.

Ihr Brief, liebe Charlotte, vom 21. v. M. hat mir große Freude gemacht,
und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles Liebevolle, das er
enthält. Nehmen Sie besonders meinen Dank für Ihre Wünsche zum neuen
Jahr an, und seien Sie versichert, daß ich sie aus recht inniger Seele
erwidere. Niemand kann innigeren Anteil an Ihnen nehmen als ich, niemand
es besser mit Ihnen meinen; so kann auch niemanden die Erfüllung der
Wünsche für Ihr Glück so sehr am Herzen liegen als mir, davon seien Sie
mit unumstößlicher Gewißheit überzeugt. Sorgen Sie aber auch selbst,
beste Charlotte, angelegentlich für Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe. Mir
kommt es immer vor, daß die Art, wie man die Ereignisse des Lebens
nimmt, eben so wichtigen Anteil an unserm Glück und Unglück hätte, als
diese Ereignisse selbst. Den eigentlich frohen heiteren Genuß kann man
sich allerdings nicht geben, er ist eine Gabe des Himmels. Aber man kann
viel dazu tun, das Unangenehme, dessen für jeden das Leben immer viel
herbeiführt, ruhiger aufzunehmen, mutiger zu tragen, besonnener
abzuwehren oder zu vermindern. Man kann wenigstens vermeiden, sich
unnötige und ungegründete Besorgnis und Unruhe zu erregen. Wenn man das
eine und das andere tut, sucht man sich damit gleichsam recht frei von
der Abhängigkeit der höheren Mächte zu machen; man genießt ja dadurch
noch lange kein Glück, man bewahrt sich nur vor zu unangenehmen
Empfindungen. Man handelt aber gewiß im Sinne und nach dem Willen des
Himmels, wenn man mit so viel Selbständigkeit, als die individuellen
Kräfte zulassen, dem Geschick begegnet und sich seinen Einflüssen von
innen heraus weniger zugänglich macht. Ich sage das, liebe Charlotte, um
Ihnen vorzustellen, daß Sie sich nicht so um nichts beunruhigen müssen,
wie neulich, wo Sie, geschreckt durch Träume, sich bangen Ahnungen
überließen. Ihre Worte: »Nehmen Sie mir den ängstlichen Kleinmut nicht
strenge auf, ach! nehmen Sie mir die Worte nicht so genau -- das Unglück
macht abergläubig, man fürchtet überall, man sieht nur traurige
Vorbedeutungen -- der Glückliche weiß nichts von Aberglauben« -- diese
Worte haben mich sehr gerührt und in innigster Teilnahme bewegt, und nur
aus diesen Empfindungen geht das hervor, was ich Ihnen sage. Sie haben
einen viel zu klaren und bestimmten Verstand, haben über diese Dinge in
dem, was Sie bei Gelegenheit der Stimmung Ihres Vaters in dieser Art mir
geschrieben, so richtig geurteilt, daß Sie nicht durch so unbedeutende
Zeichen, wenn man es nur überhaupt Zeichen nennen kann, sich sollten
irgend bewegen lassen. Nehmen Sie, was ich da sage, ja nicht als einen
Vorwurf auf. Ich würde mir gewiß nicht herausnehmen, Ihnen je einen zu
machen. Ich wünsche aber dringend, daß Sie sich nicht vergeblich
beunruhigen, nicht Ihrer Gesundheit schaden, sich in Ihren
Beschäftigungen stören und sich Ahnungen hingeben, die entweder Kummer
über Unglücksfälle rege machen, die nicht eintreten, oder die Träume
über wirklich sich ereignende schon im voraus fühlen lassen. Ich halte
es auch nicht für unangemessen, Ihnen so ausführlich darüber zu
schreiben, da ich besorge, daß die Unruhe, die Sie darüber äußern, Sie
nicht sobald verlassen möchte, und Sie mir sehr oft die wohltuende
Versicherung geben, daß Ihnen meine Worte beruhigend und tröstlich sind.
Nun leben Sie herzlich wohl und verscheuchen Sie jede bange Sorge.
Vertrauen Sie den gütigen Mächten des Schicksals, und glauben Sie nicht,
daß es solche gibt, die absichtlich das Herz mit Ahnungen plagen, sich
nicht an dem Schmerz über wirkliches Unglück begnügend. Mit den Ihnen
bekannten unveränderlichen Gesinnungen der Ihrige.       H.

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Ergebung in das, was geschehen kann, Hoffnung und Vertrauen, daß nur
dasjenige geschehen wird, was heilsam und gut ist, und Standhaftigkeit,
wenn etwas Widerwärtiges eintrifft, sind alles, was man dem Schicksale
entgegenstellen kann.

Sie erinnern mich an eine Stelle der Bibel und fragen mich, ob ich sie
gelesen habe? Ich habe die Bibel von einem Ende zum andern mehrmals
durchgelesen, das letzte Mal noch in London, und ich kannte daher sehr
gut das Kapitel des Briefes an die Korinther, das Sie anführen. Es ist
allerdings eines der schönsten im Neuen Testament, wenn es recht
verstanden wird, allein auch eines von denen, in welche zu leicht ein
jeder etwas von seinem eigenen Gefühl und seiner Individualität
hineinträgt, und wenn diese auch recht gut und fromm sind, so können sie
doch der ursprünglichen Bedeutung fremd sein. Im griechischen Urtext ist
das weniger möglich. Wir haben im Deutschen nur das eine Wort _Liebe_,
welches zwar sehr rein, edel und schön ist, aber doch für sehr
verschiedenartige Empfindungen gebraucht wird. Im Griechischen gibt es
ein eigenes für die ruhige, sanfte, leidenschaftlose, immer nur auf das
Höhere und Bessere gerichtete Liebe, das niemals für die Liebe Zwischen
den Geschlechtern, wie rein sie sein möchte, gebraucht wird, und dies
Wort, welches mehr den christlichen griechischen Schriftstellern als den
früheren eigen ist, steht gerade in diesem Kapitel. Ich möchte damit
aber keineswegs die Lutherische Übersetzung tadeln, vielmehr leugne ich
nicht, ist mir unser deutsches Wort lieber als jedes andere, gerade weil
es so vielumfassend ist, und die Empfindungen in der Seele gerade bei
ihrer Wurzel aufnimmt. Was sowohl den Inhalt dieses Kapitels vorzüglich
würdig und groß macht, und auch den Begriff deutlich zeigt, der mit dem
Worte der Liebe nach dem Sinne des Apostels verbunden werden soll, sind,
wie es mir scheint, zwei Dinge: Erstens, daß nicht bloß auf die Ewigkeit
hingedeutet, sondern die Liebe selbst, als etwas Ewiges, mehreren
andern, auch großen und schätzungswürdigen, aber dennoch vergänglichen
Dingen entgegengesetzt wird, und daß die Liebe nicht als ein einzelnes
Gefühl, sondern sichtbar als ein ganzer, sich über den ganzen Menschen
verbreitender Seelenzustand geschildert wird. Die Liebe, heißt es, hört
nimmer auf. Dies beweist zur Genüge, daß sie auf Dinge gerichtet sein
muß, die selbst ewig und unvergänglich sind, und daß sie dem Herzen auf
eine solche Weise eigen sein muß, daß sie in keinem Zustande des Daseins
demselben entrissen werden kann. Es ist nicht sowohl von einer
bestimmten Liebe, nicht einmal der des höchsten Wesens, die Rede,
sondern von der inneren Seelenstimmung, die sich über alles ergießt, was
der Liebe würdig ist und worauf sich Liebe anwenden läßt. Es ist auf den
ersten Anblick nicht gleich zu begreifen, warum, da alles hienieden
Stückwerk genannt wird, die Liebe allein zu dem, was ganz und vollkommen
ist, gerechnet wird. Denn das übrige, welches der Apostel anführt, ist
doch offenbar deshalb Stückwerk genannt, weil es in endlichen Wesen
nicht vollkommen sein kann, und die Liebe, wie rein und erhaben sie sein
möge, ist: doch auch nur in endlichen Geschöpfen nach der Art, wie sie
in diesem Kapitel genommen ist. Es ist aber wohl deshalb, weil alles
übrige, wovon als von Stückwerk die Rede ist, eine Kraft des Wissens und
des Tuns voraussetzt, die sich in menschlichen und endlichen Wesen nicht
befinden kann. Die Liebe hingegen geht selbst von einem bedürfenden
Zustande aus, sie gehört rein der Gesinnung und dem Gefühle an und ist
überall aufopfernd, gehorchend und hingebend. Sie wird daher durch die
Schranken der Endlichkeit nicht so gehemmt. Allerdings könnte sie im
Menschen nicht wohnen, wenn ihm nicht selbst eine Verwandtschaft mit dem
Unendlichen im Innersten seines Wesens zugrunde läge, denn wenn ihr Odem
ihn einmal beseelt, so kann er sich in ihm mehr, als irgend sonst, dem
Höheren verwandt fühlen. Da aber, wie ich im Anfange sagte, wohl jeder,
ohne auch irgend in Mißverständnisse zu verfallen, gerade diese Stelle
der Bibel nach seiner individuellen Empfindung nimmt, so gestehe ich,
daß ich den Ausdruck Liebe hier von aller und jeder einzelnen Empfindung
für ein Wesen durchaus geschieden und getrennt halte, und darin nur eine
Schilderung des an sich weit höheren Seelenzustandes finde, der, frei
von aller Selbstsucht, fern von jeder Leidenschaftlichkeit, mit
Wohlwollen auf allem verweilt, das günstige, wie das widrige Schicksal
mit Ergebung und Gelassenheit trägt, und aus dessen Ruhe selbst die
belebende Wärme in alles, was ihn umgibt, übergeht. Darum heißt es, daß
die Liebe nicht eifert, sich nicht ungebärdig anstellt u. s. f. Darum
werden ihr Glaube und Hoffnung zur Seite gestellt, sie aber über beide
erhoben; darum besonders wird sie über die Werke gesetzt. Dies letzte
kann augenblicklich sonderbar scheinen. Allein es ist sehr richtig, da,
wenn die Gesinnung wahrer Liebe da ist, die Werke von selbst aus ihr
entspringen. Diesem Seelenzustande ist das Fordernde, das Unruhige,
Sorgende, auf Ausübung von Recht mehr als auf strenge Übung der Pflicht
Bedachte, das sich selbst Lobende und mit sich Zufriedene
entgegengesetzt. So nehme ich diese biblische Stelle, obgleich ich fern
bin zu behaupten, daß nicht auch eine andere Ansicht statthaft wäre.



_Berlin_, den 12. März 1824.

Ich habe Ihre Blätter vom 21. v. M. erhalten und danke Ihnen auf das
herzlichste dafür. Es hat mir aber leid getan, zu sehen, daß Sie sich
wieder vergebliche Besorgnis und Unruhe gemacht hatten. Sie müssen das
möglichst vermeiden, liebe Charlotte, und darin eine größere Herrschaft
über sich gewinnen. Ich sage Ihnen das gewiß nur zu Ihrem Besten und zur
Beförderung Ihrer inneren Ruhe. Es ist so vielen Zufälligkeiten
unterworfen, ob ein Brief einige Tage früher oder später geschrieben
wird, ob er länger oder kürzer geht, daß, wenn eine solche Erwartung
gerade einmal nicht zutrifft, Sie darum sich nicht beunruhigen müssen.
Ich erkenne gewiß den ganzen Wert der Gesinnungen, die Sie gerade für
mich besorgt machen, allein ich bin vollkommen wohl, und Sie brauchen
auf keine Weise für mich zu fürchten. Ich lebe den ganzen Tag mit
ernsthaften und mir wichtigen Dingen beschäftigt, ich verlasse kaum
mein Zimmer als in den späten Abendstunden und bin ruhig, tätig und
heiter. Bei solcher Stimmung würde sich selbst eine schwächliche
Gesundheit erhalten. Die meinige aber ist bisher sehr gut gewesen. Ich
weiß freilich, daß sich das sehr leicht und von einem Jahre, ja Tage zum
andern ändern kann, indes für jetzt ist kein Anschein dazu. Wenn es
kommen wird, bin ich auch darauf vorbereitet. Auf meine Stimmung wird
selbst Kränklichkeit keinen Einfluß haben, ich habe mich von früher
Jugend an gewöhnt und geübt, gegen mich selbst hart zu sein und meinen
Körper als etwas meinem eigentlichen Selbst Fremdes anzusehen. Meinen
Beschäftigungen werde ich schon eine Wendung geben können, daß ich sie
nicht aufzugeben brauche, wenn sie auch gestört werden, und so dürften
Sie sich wirklich mich auch dann nicht unglücklich denken, wenn einmal
der Fall käme, daß ich wirklich leidend würde. Es freut mich sehr, aus
Ihrem Briefe zu sehen, daß auch Sie im ganzen leidlich wohl sind, und
der sonderbare Winter Ihnen nicht geschadet hat, wie ich zuweilen
fürchtete. Ich liebe im Grunde die Abwesenheit von strenger Kälte so,
daß ich die andern Unannehmlichkeiten, die ein so gelinder und
wechselnder Winter allerdings mit sich führt, leicht übersehe. Die recht
eigentliche Kälte hat etwas mehr als bloß physisch Erstarrendes, es
kommt einem ordentlich vor, daß Menschen ihr nie ausgesetzt sein
sollten, sie gibt der Natur selbst ein so einförmiges Ansehen und hat
etwas wahrhaft Unbarmherziges für die Armen. Das niedrige Volk, das nur
wenig Mittel herbeischaffen kann, ist schon darum viel glücklicher in
südlichen Ländern, weil es wenigstens von dieser Plage befreit ist. --
Sie haben mir, liebe Charlotte, sehr lange nichts von Ihrer
Lebensschilderung geschickt, vermutlich ist der Winter mit seinen
Geschäften und kürzeren Tagen daran schuld. Wenn Sie aber Muße und
Stimmung haben, so ist es, wie ich Ihnen oft und immer sagte, mein
Wunsch, daß Sie fortfahren, wenigstens bis zu Ihrer Verheiratung.
Hernach will ich Sie dann weder bitten noch bereden.

Ich war heute einige Stunden in Tegel, und so wenig günstig das Wetter
war, so hat es mir doch Vergnügen gemacht. Die Annäherung des Frühjahrs
spürt sich immer und bringt auch in den Menschen eine Art von
Erneuerung. Man ist lebendiger, man glaubt einem neuen Lebensabschnitt
entgegen zu gehen und vergißt gewissermaßen, daß die schöne Gestalt, die
die Natur nun wieder annimmt, nur wenige Monate dauern und dann dasselbe
wiederkehren wird, dem man sich jetzt entgangen zu sein freut. Wenn das
aber auch eine Art von Selbsttäuschung ist, so bleibt es das ganze Leben
hindurch eine immer und immer gleich freudig wiederkehrende. Seit meinen
Kinderjahren erinnere ich mich des gleichen oder wenigstens ganz
ähnlichen Gefühls. Da Sie in einem Garten wohnen, werden Sie diese
Gefühle auch gewiß teilen. Denn in der Stadt gehen freilich die
Jahreszeiten in traurigem Einerlei an einem vorüber.

Mit den Ihnen bekannten unveränderlichen
Gesinnungen der Ihrige.               H.



_Berlin_, im April 1824.

Allerdings gehört das vollkommene Gelingen unserer Unternehmungen der
ursprünglichen Kraft wohl größtenteils an, die der Mensch nicht in
seiner Gewalt hat. Ich teile ganz Ihre Meinung, daß es noch mehr von
einem nicht zu erklärenden höheren Segen abhängt, der einzelne
begleitet, und wohl, wie Sie sagen, auf der Lauterkeit Ihrer Gesinnungen
beruht. Ihr Ausdrucke, daß es scheine, als ob die Gottheit ihren Segen
nur in reine Gefäße ergieße, hat mir ungemein gefallen. Der Mensch
vermag diesen Segen, wenn er ihm entsteht, nicht herbeizuzaubern. Daß
dieser Segen wirklich mit den Menschen zusammenhängt auf unsichtbare und
geheimnisvolle Weise, das glaube ich mit Ihnen. Aber die Begriffe von
Glück und Unglück sind selbst bei denen, die richtige Ideen zu haben
pflegen, so unbestimmt und so irrig, daß ich von früh an immer gestrebt
habe, mir darüber ganz klar zu werden, und wie ich dahin gelangt bin,
habe ich gefühlt, daß man des Glückes, bis auf einen gewissen Grad
wenigstens, immer sicher ist, so wie man sich von den äußeren Umständen
unabhängig macht, so wie man lernt, Freude aus allem Erfreulichen in
Menschen und Dingen zu ziehen, aber in Menschen und Dingen nichts
eigentlich zu bedürfen.

Gewiß hat man seinen Lohn dahin, indem alles Verdienst aufhört, wenn man
der Folgen wegen etwas tut.

Was ich beitragen kann, Ihr Leben zu erheitern, werde ich immer mit
Freuden nach meinen Kräften tun. Erlauben Sie mir den Rat, sich einmal
einige Erholung zu gönnen in der schönen Jahreszeit; sollte Ihnen nicht
eine Badekur zuträglich sein? Antworten Sie mir vertrauend, liebe
Charlotte, niemand als Sie und ich weiß von dem, was Sie mir und ich
Ihnen sage.                       H.



_Tegel_, im Mai 1824.

Sie haben mir durch das mir übersandte neue Heft Ihrer Biographie eine
viel größere Freude gemacht, als Sie es wohl geglaubt haben mögen. Ich
habe es mit dem größten Anteil gelesen. Zuerst und hauptsächlich aus
Anteil an Ihnen. In dieser Hinsicht ist es ein sehr erfreuliches Heft,
weil es eine Zeit schildert, die Sie glücklich und froh verlebten und
unter interessanten Menschen zubrachten. Es hat mich lebhaft in die
Vergangenheit und in jene Zeit zurückversetzt. Wenn auch die
verschiedene Lebensart, in von einander entfernten Provinzen
Deutschlands, Sitten und Lebensweise sehr verschieden gestaltet, so
spricht sich doch auch wieder der eine Geist der Zeit gleichmäßig in
allem aus.

Was Sie als Kind von sich erwähnen, daß Sie Bilder in der Phantasie
getragen, für die Sie Wesenheit wünschten, ersehnten, erwarteten, ist
mir genau ebenso und von der frühesten Kindheit an gewesen, ich glaube
gewiß vom sechsten Jahre an, was doppelt früh bei mir ist, da ich erst
im dritten sprechen gelernt habe. Bei Ihnen war es die Sehnsucht nach
einer Freundin, und zum Teil entstanden durch das Lesen der Clarisse.
Bei mir hatte es keine äußere Ursache oder Veranlagung, wenigstens ist
mir durchaus keine erinnerlich. Die Gegenstände, ich meine nicht
eingebildete Personen, sondern die Sachen überhaupt, die sie betraf,
waren allerdings verschieden, aber eine blieb von dieser Zeit der ersten
Kindheit bis jetzt und wird vermutlich bis an meinen Tod bleiben; denn
noch jetzt, wenn ich einmal eine schlaflose Nacht habe, oder allein im
Wagen sitze, oder spazieren gehe, oder sonst eine Zeit habe, die man in
bloßer Beschäftigung der Einbildungskraft zubringen kann, beschäftigt
mich dieselbe Vorstellung noch immer, wie die in meiner Kindheit, aber
natürlich in anderer, oft wechselnder Gestaltung. Da es ein Gegenstand
ist, der garnicht in das Leben übergehen, sondern nur auf die innere
Denkweise einwirken kann, so berührt es mich auch im Leben nicht,
sondern geht wie eine Dichtung neben der Wahrheit fort; allein im Innern
verdanke ich, im besten Sinne des Worts, dieser Selbstbeschäftigung sehr
viel. Es ist ja überhaupt die natürliche Folge aller inneren Tätigkeit
und jeder recht lebendigen Regsamkeit der Einbildungskraft und des
Gefühls, daß dadurch die wirklichen Ereignisse des Lebens mehr in
Schatten treten, und das zu große Gewicht dieser, ihr zu helles Licht zu
vermindern, ist immer heilsam, das Unglück schadet und drückt dann
weniger, und das Glück fesselt nicht an seinen Genuß, und macht den
Gedanken erträglich, daß es immer leicht beweglich, vielleicht nicht
immer bleiben wird. Sie werden mir große Freude machen, wenn Sie
fortfahren, an Ihrer Lebensbeschreibung zu arbeiten. Ganz der Ihrige.  H.



_Herrnstadt_, den 9. Juli 1824.

Nehmen Sie nicht übel, liebe Charlotte, daß ich Ihnen mit lateinischen
Lettern schreibe. Aber meine Augen sind schon seit geraumer Zeit so, daß
ich sie sehr schonen muß, und da habe ich jetzt die Entdeckung gemacht,
daß die kleinen deutschen Buchstaben sie mehr angreifen als die größeren
lateinischen. An Deutlichkeit gewinnen auch Sie im Lesen bei dem Tausch.
Es gibt aber Personen, welchen die lateinische Schrift mißfällig ist,
und die wenigstens, weil sie ihnen fremd vorkommt, sie nicht gern im
Briefwechsel mit Personen gebraucht sehen, die ihnen wert sind. Ich
halte Sie, nach Ihrer übrigen Art zu sein, von solcher gewissermaßen
eigensinnigen Ansicht frei. Wären Ihnen indes doch diese Buchstaben
weniger angenehm, so sagen Sie es mir ja, ich kehre dann zu den andern
zurück. -- Wenn ich Ihnen nicht einmal geschrieben habe, daß meine
zweite Tochter hier verheiratet ist, so dürfte Ihnen der Ort der
Überschrift dieses Brief es wohl kaum auf irgendeine Art bekannt sein.
Ich denke aber, daß ich es Ihnen einmal aus Berlin, als ich Ihnen über
die Meinigen schrieb, gesagt habe, so wenig es mir sonst eigen ist, über
das, was mich umgibt, oder mir begegnet, in Briefen zu reden. Dieser
Ort, eine kleine, sehr unbedeutende Stadt, liegt kaum eine Tagereise von
Breslau entfernt, ich bin seit einigen Tagen hier, gehe aber in wenigen
andern von hier nach Ottmachau auf mein Gut, wohin ich Sie bat, mir zu
schreiben. Es hat, dünkt mich, immer etwas die Phantasie und das Gemüt
angenehm Ansprechendes, wenn man weiß, daß an einem Ort und in einer
Gegend, die einem sonst ganz und gar fremd ist und die man gar nicht
oder kaum dem Namen nach gekannt hat, mit freundschaftlicher Teilnahme
an einen gedacht wird. Diese Empfindung wünsche ich, daß die Überschrift
dieser Zeilen auf Sie machen möge. Von Ottmachau habe ich Ihnen schon
öfter geschrieben. -- Wir haben hier eine warmnasse oder wenigstens
feuchte Witterung, die leicht etwas Melancholisches haben kann, die ich
aber sehr liebe. Die Natur hat dann eine doppelt wohltätige Stille und
ist wie mit einem nebeligen Schleier überzogen, der indes doch die
Gegenstände nicht verdunkelt, sondern nur ihre Formen und Farben sanfter
hervortreten läßt. Ich bin immer und doppelt auf Reisen auf die
mannigfaltigsten Modifikationen aufmerksam, welche die Verschiedenheit
der Luft- und Wolkenbeschaffenheit dem Charakter der nämlichen Gegend
gibt. Man kann eine Gegend immer ihrem Charakter nach, nach Art eines
Menschen betrachten, und jene Modifikationen entsprechen dann den
verschiedenen Stimmungen des Gemüts und sind, wie sie, ruhig und bewegt,
sanft und hart, fröhlich oder traurig, ja auch wohl launen- und
grillenhaft. Danach machen Sie denn auch ihren Eindruck auf den, der auf
sie zu achten versteht, und ich kann wohl sagen, daß ich das Glück habe,
diesen Eindruck nur immer so zu erfahren, wie er für die Seele Reiz hat,
sie angenehm und lebendig spannt. Unangenehme Wirkungen macht das Wetter
nie auf mich, und wenn es schwermütig oder schauerlich ist, empfinde ich
es ungefähr nur ebenso, wie man auf dem Theater schwermütige oder
schauerliche Szenen aufnimmt. -- Beim Theater fällt mir ein, daß Sie es
vermutlich auch garnicht, oder doch höchst selten besuchen. Mein Fall
ist das ganz und gar, vorzüglich seitdem meinen Augen der Glanz der
vielen Lichter zu widrig und mein Gehör auch nicht mehr gut genug ist,
um die wenigstens nicht sehr gut und deutlich redenden Schauspieler zu
verstehen. Hier ist jetzt gerade eine herumziehende Truppe, und ob man
gleich hier vor allem Glanz und blendendem Lichte sicher und auch bei
der Nähe der Sitze eher in Gefahr wäre, überschrieen zu werden, so bin
ich doch noch nicht dazu gekommen, sie spielen zu sehen. An einem guten
Schauspiel entbehrt man wirklich viel, wenn man darauf, freiwillig oder
durch Umstände genötigt, Verzicht leistet. Selbst wenn die Schauspieler
nur mittelmäßig sind, hat das Vortragen eines guten Stücks (denn darauf
kommt freilich alles an) durch Personen, die als selbsthandelnd
auftreten, immer etwas mehr Ergreifendes und Belebendes als selbst ein
viel besseres, einzelnes Vorlesen. Auf der andern Seite aber liegt ein
besonderer Reiz darin, sich von allen Gelegenheiten größerer
Versammlungen zurückzuziehen. Schon jung, dann in männlichen Jahren
hatte ich mir das lebhaft gedacht und gleichsam den Reiz vorher
genossen, in den Jahren eine hinreichende Rechtfertigung zu finden, der
Gesellschaft immer mehr und mehr zu entsagen, und jetzt, wo ich diesen
Zustand wirklich erreicht habe, finde ich, was ich damals empfand,
vollkommen bestätigt. Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel
reizender als die früheren Lebensepochen gedacht, und nun, da ich dahin
gelangt bin, finde ich meine Erwartungen fast übertroffen. Daher mag es
auch kommen, daß ich eigentlich in der Seele gewissermaßen älter bin
als körperlich und an Jahren. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, und wer ohne
große körperliche Ermüdungen und meist gesund und immer höchst
regelmäßig und ohne Leidenschaften gelebt hat, welche die Gesundheit
untergraben, kann da noch keine merkliche körperliche Abnahme fühlen.
Allein die Ruhe des Geistes, die Freiheit von allem, was die Seele
unangenehm spannt und aufreizt, die Unabhängigkeit fast von allem, was
man sich nicht selbst durch innerliche Stimmung und Beschäftigung geben
kann: diese Dinge sind alle in früheren Jahren schwerer zu erreichen,
sind alsdann oft nur dann vorhanden, wenn, was noch viel schlimmer ist,
sie aus Kälte und Unempfindlichkeit entstehen. Dennoch sind sie es
vorzüglich, welche ein innerlich glückliches Leben geben und sichern. Es
ist daher nicht ganz richtig, wenn man glaubt oder sagt, daß das Alter
abhängiger von anderen Umständen und Zufällen mache. Körperlich und
äußerlich ist es freilich wohl der Fall, allein auch nicht so viel, als
man glaubt, da wenigstens bei gutgearteten und an Selbstbeherrschung
gewöhnten Menschen die Begierden und selbstgeschaffenen Bedürfnisse noch
viel mehr im Alter abnehmen als die Kraft, ihnen Befriedigung zu
verschaffen. Auf der andern Seite aber gewinnt eben dadurch die viel
wesentlichere und das Glück weit mehr befördernde Unabhängigkeit
ungleich mehr. Mangel an Ergebung und Ungeduld sind eigentlich die
Dinge, welche alle Übel, welcher Art sie sein mögen, erst recht
empfindlich machen und sie wirklich vergrößern. Gerade von diesen beiden
Übeln heilt das Alter vorzüglich, immer eine Gemütsart vorausgesetzt,
die keine einmal eingewurzelten unartigen Gewohnheiten hat, die freilich
ihr Gift sonst in jedes Alter hinübertragen. Der größte Gewinn aber, der
aus dieser größeren geistigen Freiheit, aus der Begierden- und
Leidenschaftslosigkeit, dem gleichsam wolkenlosen Himmel, den zunehmende
Jahre über das Gemüt hinführen, entsteht, ist, daß das Nachdenken
reiner, stärker, anhaltender, mehr die ganze Seele in Anspruch nehmend
wird, daß sich der intellektuelle Horizont erweitert und das
Beschäftigen mit jeder Art von Wissenschaft und jedem Gebiet der
Wahrheit immer mehr und mehr, ausschließend das ganze Gemüt ergreift und
jedes andere Bedürfnis, jede andere Sehnsucht schweigen macht. Das
nachdenkende, betrachtende, forschende Leben ist eigentlich das höchste;
allein in gewisser Art läßt es sich doch nur im höheren Alter vollkommen
genießen. Früher ist es im Streit mit der Aufforderung und sogar mit der
Pflicht zu handeln, und erfährt nicht selten Störungen durch sie. Es
wäre aber sehr unrichtig, wenn man in dem Wahne stände, daß ein solches
Vergnügen an einem garnicht mit dem Leben und dessen Weltlichkeit
zusammenhängenden Nachdenken eine große Bildung oder viele Kenntnisse
voraussetze. Wo diese gerade bei jemand zufällig vorhanden sind, da
kann das Nachdenken vielfältige Gegenstände treffen, es ist da
allerdings mehr Mannigfaltigkeit und ein wenigstens scheinbar weiterer
Kreis. Allein gerade die dem Menschen notwendigsten, heiligsten und
wahrhaft erfreulichsten Wahrheiten liegen auch dem einfachsten,
schlichtesten Sinne offen, ja werden von ihm nicht selten richtiger und
selbst tiefer aufgefaßt, als von dem, den großer Umfang von Kenntnissen
mehr zerstreut. Diese Wahrheiten haben noch außerdem das Eigene, daß, ob
sie gleich keines Grübelns bedürfen, um erkannt zu werden, vielmehr sich
von selbst Eingang in das Gemüt verschaffen, daß immer in ihnen Neues
gefunden wird, weil sie in sich wirklich unerschöpflich und unendlich
sind. Sie knüpfen sich an jedes Alter an, allein doch am natürlichsten
an dasjenige, was den endlichen Aufschlüssen über alle unendlichen
Rätsel, die eben diese Wahrheiten enthalten, am nächsten steht. So
stirbt zwar in höheren Jahren eine gewisse Lebendigkeit mehr ab; aber es
ist dies nur eine äußere, oft sogar fälschlich geschätzte. Die viel
wohltätigere, schönere, edlere, die sich immer in fruchtbarer Klarheit
entfaltet, gehört vielmehr erst recht eigentlich dem wahren Alter an.
Ich weiß, liebe Charlotte, daß Sie über alle diese Gegenstände auch sehr
übereinstimmend mit mir denken, und schmeichle mir also, daß es Ihnen
nicht unangenehm sein wird, daß ich mich gewissermaßen gehen ließ,
darüber zu sprechen. Diese Dinge, über die sich nur mit wenigen reden
läßt, sind ja wohl die natürlichsten Gegenstände für einen Briefwechsel,
der, frei von Geschäften und äußeren einschränkenden Bedingungen, dann
am meisten erfreut, wenn er ein recht ungezwungener vertraulicher
Austausch persönlicher Stimmungen und Gesinnungen ist. -- In Ottmachau
hoffe ich, unter der Ihnen neulich gegebenen Adresse, einen Brief von
Ihnen zu empfangen. Mit der aufrichtigsten Herzlichkeit der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 12. September 1824.

Ich bin seit einigen Tagen aus Schlesien wieder hierher zurückgekommen,
liebe Charlotte, und eine meiner ersten Beschäftigungen ist, Ihnen zu
schreiben. Meinen letzten Brief aus Ottmachau werden Sie bereits
empfangen haben. Der Herbst verspricht sehr schön zu werden, und ich
habe mich darum doppelt gefreut, wieder hier zu sein, die letzten Monate
der scheidenden besseren Jahreszeit zu genießen. Ich liebe bei weitem
mehr das Ausgehen als das Beginnen des Jahres. Man blickt dann auf so
manches, das man getan oder erlebt hat, zurück, man meint sich sicherer,
weil der Raum kleiner ist, in dem noch Unfälle begegnen können. Alles
das ist freilich eine Täuschung, ein Augenblick reicht hin zu dem
größten. Aber so vieles im Leben, im Glück und im Unglück sogar, ist ja
nichts als Täuschung, und so kann man auch dieser stillere Momente
verdanken. Ich bin zwar von Besorgnissen für mich sehr frei, nicht
gerade, weil ich mich weniger Unfällen ausgesetzt glaubte, oder weil ich
mich vor nichts Menschlichem fürchte, sondern schon früh das Gefühl in
mir genährt habe, daß man immer vorbereitet sein muß, jedes, wie das
Schicksal es gibt, durchzumachen. Man kann sich aber doch nicht
entschlagen, das Leben wie ein Gewässer zu betrachten, durch das man
sein Schiff mehr oder minder glücklich durchbringt, und da ist es ein
natürliches Gefühl, lieber den kürzeren als den längeren Raum vor sich
zu haben. Diese Ansicht des Lebens, als eines Ganzen, als einer zu
durchmessenden Arbeit, hat mir immer ein mächtiges Mittel geschienen,
dem Tode mit Gleichmut entgegen zu gehen. Betrachtet man dagegen das
Leben nur stückweise, strebt man nur, einen fröhlichen Tag dem andern
beizugesellen, als könne das nun so in alle Ewigkeit fortgehen, so gibt
es allerdings nichts Trostloseres, als an der Grenze zu stehen, wo der
Faden auf einmal abgebrochen wird.

Das Laub der Bäume fängt schon an, die Buntfarbigkeit anzunehmen, die
den Herbst so sehr ziert und gewissermaßen eine Entschädigung für die
Frischheit des ersten Grüns ist. Der kleine Ort, den ich hier bewohne,
ist vorzüglich gemacht, alle Reize zu zeigen, welche große, schöne und
mannigfaltige Bäume durch alle wechselnden Jahreszeiten hindurch
gewähren. Um das Haus herum stehen alte und breitschattige, und umziehen
es mit einem grünen Fächer. Über das Feld gehen in mehreren Richtungen
Alleen, in den Gärten und dem Weinberg stehen einzelne Fruchtbäume, im
Park ist ein dichtes und dunkles Gebüsch, und der See ist vom Walde
umkränzt, sowie auch alle Inseln darauf mit Bäumen und Büschen
eingefaßt. Ich habe eine besondere Liebe zu den Bäumen und lasse nicht
gern einen wegnehmen, nicht einmal gern verpflanzen. Es hat so etwas
Trauriges, einen armen Baum von der Umgebung, in der er viele Jahre
heimisch geworden war, in eine neue und in neuen Boden zu bringen, aus
dem er nun, wie unwohl es ihm werden mag, nicht mehr herauskann, sondern
langsam schmachtend sein Ausgehen erwarten muß. Überhaupt liegt in den
Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und
beschränkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie können,
über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der
Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht
es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders.
Er ist, wie weit er herumschweifen möge, doch auch an eine Spanne des
Raums gefesselt. Bisweilen kann er sie garnicht verlassen, und das ist
oft der Fall der Frauen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und
sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung und
Bedürfnis immer von Zeit zu Zeit wieder zurück, oder er bleibt auch
fortwährend entfernt, und seine Gedanken und Wünsche sind doch dem
ursprünglichen Wohnsitz zugewendet.

Es freut mich, daß Sie, liebe Charlotte, in Ihrem Garten auch in einiger
Art wenigstens einen ländlichen Aufenthalt genießen. Ich weiß, wie sehr
Sie daran hängen und jede damit verbundene Freude zu schätzen wissen.
Für meine Beschäftigungen ist mir das Herannahen des Spätherbstes und
Winters sehr unangenehm. Meine Augen sind zwar durch den anhaltenden
Gebrauch wirksamer Mittel um vieles besser, sie erfordern indes doch
noch viel Schonung, und bei Licht greife ich sie nicht an. Damit zieht
sich aber der Tag enge zusammen, und wenn man noch abrechnen muß, was
das häusliche Leben, Besuche, Zerstreuungen mancher Art, endlich
wirkliche Geschäfte wegnehmen, so bleibt wenig übrig. Und je länger ich
fortfahre, ausschließlich meine Zeit den Studien und dem Nachdenken zu
widmen, jemehr kann ich sagen, vertiefe ich mich darin und verliere
Neigung und Geschmack an allem andern. Die Ereignisse der Welt haben
auch nicht das mindeste Interesse für mich. Sie gehen an mir vorüber wie
augenblickliche Erscheinungen, die weder dem Geist noch dem Gemüt etwas
zu geben vermögen. Den Kreis meiner Bekanntschaften ziehe ich immer
enger zusammen; die Männer, mit denen ich früher den anziehendsten
Umgang hatte, sind gestorben, und ich habe es immer für Glücksfälle
gehalten, die man benutzen, nicht aber Bedürfnisse, die man suchen muß,
wenn sich ein solcher Umgang von selbst anknüpfte. Dagegen ist das Feld
des Wissens und Forschens unermeßlich und bietet beständig neue Reize
dar. Es füllt alle Stunden aus, und man sehnt sich, nur die Zahl dieser
vervielfältigen zu können. Ich kann wohl sagen, daß ich in meinem Innern
einzig darin lebe, oft Tage lang, ohne diesen Gegenständen mehr als
flüchtige Gedanken zu entwenden. Naturwissenschaften haben mich nie
angezogen. Es fehlte mir auch der auf die äußeren Gegenstände aufmerksam
gerichtete Sinn. Von früh an hat mich das Altertum aber angezogen, und
es ist auch eigentlich das, was mein wahres Studium ausmacht. Wo der
Mensch noch seinem Entstehen näher war, zeigte sich mehr Größe, mehr
Einfachheit, mehr Tiefe und Natur in seinen Gedanken und Gefühlen, wie
in dem Ausdrucke, den er beiden lieh. Zu der vollen und reinen Ansicht
davon kommt man freilich nur durch mühevolle und oft in mechanischer
Beschäftigung zeitraubende Gelehrsamkeit; aber auch das hat seinen Reiz,
oder wird wenigstens leicht überwunden, wenn man sich einmal an
geduldiges Arbeiten gewöhnt hat. Zu den kraftvollsten, reinsten und
schönsten Stimmen, die aus grauem Altertum zu uns herübergekommen sind,
gehören die Bücher des Alten Testaments, und man kann es nie genug
unserer Sprache verdanken, daß sie, auch in der Übersetzung, so wenig an
Wahrheit und Stärke eingebüßt haben. Ich habe oft darüber mit Vergnügen
nachgedacht, daß es nicht möglich wäre, etwas so Großes, Reiches und
Mannigfaltiges zusammen zu bringen, als die Bibel, die Bücher des Alten
und Neuen Testaments, enthalten. Wenn sie auch, wie bei uns, dem Volke
gewöhnlich das einzige Buch ist, so hat dieses in ihr ein Ganzes
menschlicher Geisteswerke, Geschichte, Dichtung und Philosophie, und
alles dies so, daß es schwerlich eine Geistes- oder Gefühlsstimmung
geben könnte, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fände. Auch
ist nur weniges so unverständlich, daß es nicht gemeinem, schlichtem
Sinne zugänglich wäre. Der Kenntnisreichere dringt nur tiefer ein, aber
keiner geht eigentlich unbefriedigt hinweg.

Ich bleibe diesen und den größten Teil des künftigen Monats hier, ehe
ich nach Berlin ziehe, und auch dann bringe ich wohl nur einige Wochen
dort zu. Sie können darauf für Ihre Briefe mit Sicherheit rechnen. Im
November und Dezember werde ich zwar vermutlich wieder, wie im vorigen
Herbst, eine Reise machen, die sich mit einem Aufenthalt von einigen
Wochen in Burgörner schließen wird; allein es ist an sich noch nicht
gewiß, noch weniger der Zeitpunkt, und ich schreibe es Ihnen vorher.
Ich habe immer Neigung zum Bleiben am nämlichen Ort, und zum Aufsuchen
eines andern, wie Gewicht und Gegengewicht, in mir. Doch ist das Reisen
und der Wechsel des Aufenthalts meist Notwendigkeit, selten
ursprüngliche Lust. Leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den
herzlichsten Gefühlen der Ihrige.                    H.



_Burgörner_, den 13. November 1824.

In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmut, zur
Zufriedenheit mit sich und zur Reue, da hat man mit sich, mit andern,
mit dem Geschicke gekämpft, gesiegt und unterlegen; was da gefunden
wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war,
untilgbar wie eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar wie ein
der Seele eingewachsener Gedanke; es ist ferner rein von der
Ängstlichkeit, der Besorgnis der Zukunft....

Ergebung und Genügsamkeit sind es vor allem, die sicher durch das Leben
führen. Wer nicht Festigkeit genug hat, zu entbehren und selbst zu
leiden, kann sich nie vor schmerzlichen Empfindungen sicherstellen, ja
er muß sich sogar selbst, wenigstens die zu rege Empfindung dessen, was
ihn ungünstig trifft, zuschreiben....

Es gibt in der moralischen Welt nichts, was nicht gelänge, wenn man den
rechten Willen dazu mitbringt. Der Mensch vermag eigentlich über sich
alles, und muß über andere nicht zu viel vermögen wollen.

Gegen Menschen und gegen Schicksale ist es nicht bloß die edelste und
sich selbst am meisten ehrende, sondern auch die am meisten auf dauernde
Ruhe und Heiterkeit berechnete Gemütsstimmung, nicht gegen sie zu
streiten, sondern sich, wo und wie es nur immer das Verhältnis erlaubt,
zu fügen, was sie geben, als Geschenk anzusehen, aber nicht mehr zu
verlangen, und am wenigsten mißmutig über das zu werden, was sie
verweigern....

Mit den sogenannten Ahnungen und Vorgefühlen ist es eine sonderbare
Sache. Bisweilen trifft so etwas ein, bisweilen schlägt es fehl. Man
möchte aber doch keineswegs weder das eine noch das andere als etwas
bloß Zufälliges ansehen, und darum, weil diese Vorgefühle oft ohne
Erfolg bleiben, sie nicht auch, wenn sie eintreffen, dem Zufall
beimessen, und ihnen das Verdienst wahrer Voranzeige der Zukunft nehmen.
Es geht mit diesen Dingen wie mit allem, was auf innerem Selbstgefühl
beruht. Dies Selbstgefühl kann sich täuschen, man kann für Vorbedeutung
halten, was es nicht ist, und kann auch wieder die wahre verkennen.
Objektive Sicherheit läßt sich darüber nicht haben. Es kann keine
sicheren äußeren Zeichen der Erkennung der Wahrheit geben. Es sind immer
oft schwache Andeutungen, sie können in die Seele gelegt, sie können
aber auch aus einem unbestimmten, durch Hoffnung oder Furcht
irregeleiteten Seelenzustand erzeugt sein. Im ersteren Falle läßt sich
auf ihre Zuverlässigkeit bauen, im letzteren Falle nicht. Das Weiseste
ist immer, sie auf keine Weise herbeizulocken, bei ihrem Erscheinen sich
die Möglichkeit ihrer Falschheit zu denken, und wenn sie ungünstig, auf
ihre Wahrheit gefaßt zu sein.               H.



_Berlin_, den 31. Januar 1825.

Sie werden sich wundern, liebe Charlotte, schon vor der Zeit, wo Sie
gewohnt sind, meine Briefe zu erwarten, einen von mir zu empfangen. Aber
ich bin krank, habe ziemlich starkes Schnupfenfieber und Zahnweh, und
beides hindert mich am Arbeiten. Da suche ich gern im Briefwechsei, und
am liebsten in dem mit Ihnen, eine ruhig-erheiternde und die Seele
stimmende Beschäftigung. Ich gehöre zu den geduldigsten Kranken, ja ich
kann mich oft nicht entschließen, das Kranksein ein Übel zu nennen. Sie
werden sagen, daß das nur beweist, daß ich nie oder selten ernsthaft
krank war, und darin haben Sie ganz recht. Aber es gibt genug Leute, die
auch schon bei kleinen Übeln und bloß belästigenden Unpäßlichkeiten
klagen. Mir bringt das Kranksein immer eine gewisse Ruhe und Sanftheit
in die Seele. Es ist nicht, daß ich gesund sehr das Gegenteil wäre. Aber
das gesunde Streben hat, vorzüglich im Manne, doch einen Eifer und eine
Lebendigkeit, die immer mehr oder weniger anspannen. Das fällt in
Krankheit weg, man fühlt seine Tätigkeit; gelähmt und erwartet, bis es
besser geht, keine Erfolge. Übrigens beunruhigen Sie sich ja nicht über
mein Unwohlsein. Es ist durchaus unbedeutend und geht gewiß in wenig
Tagen vorüber. Es ist bloß die Folge einer Erkältung, der ich nicht
vermeiden konnte mich auszusetzen; ich fühlte gleich auf der Stelle das
Entstehen des Übels. Meine Augen -- Sie denken oft liebevoll daran --
haben sich sehr gebessert. Ich leide garnicht in diesem Winter daran.
Ich schreibe es doch der großen Schonung und selbst den lateinischen
Buchstaben zu. Für Ihren letzten Brief habe ich Ihnen schon meinen
herzlichsten Dank gesagt; ich habe ihn seitdem oft wieder gelesen, jedes
Wort darin macht mir große und herzliche Freude, für die ich Ihnen schon
im Stillen viel gedankt habe! Es ist Ihnen eine seltene und natürliche
Gabe eigen, Ihre Empfindungen einfach und wahr auszudrücken, darin liegt
die große Wirkung, die Ihre Worte haben. Ich wünschte immer, ja ich
wußte, daß, wenn Sie mich erst näher kennen lernten, sich die
Überzeugung mehr und mehr in Ihnen befestigen werde, wie herzlich mein
Anteil an Ihnen und wie unwandelbar meine Gesinnungen gegen Sie sind.
Dies hoffe ich jetzt erreicht zu haben. Es ist mir auch eine
Angelegenheit, es Ihnen bestimmt zu sagen. Beim Schluß des Jahres
drängen sich ganz natürlich die Empfindungen zusammen für diejenigen,
die uns besonders wert sind, und wir fassen Sie enger zusammen. Ich
halte überhaupt sehr viel auf die Zeitabschnitte auch im gewöhnlichen
Leben, und der Anfang einer neuen Epoche ist mir kein gewöhnlicher Tag.
Ich passe alles, was ich tue, genau in die Zeit ein, und lasse sie über
mich herrschen.

Daß die Zeit hingehe und geistig erfüllt werde, ist das Große und
Wichtige im Menschenleben. Durchdringt man sich recht von dieser Idee,
so wird man gegen Glück und Unglück, gegen Freude und Schmerz sehr
gleichgültig. Was sind Glück und Unglück, Freude und Schmerz anders, als
ein Hinfliegen der Zeit, von der nichts übrig bleibt, als was sich davon
geistig gesammelt hat? Die Zeit ist das Wichtige im menschlichen Leben;
denn was ist die Freude nach dem Verfliegen der Zeit? und das
Tröstliche, denn der Schmerz ist ebenso nichts nach ihrem Verfließen,
sie ist das Gleis, in dem wir der letzten Zeit entgegenwallen, die dann
zum Unbegreiflichen führt. Mit diesem Fortschreiten verbindet sich eine
reifende Kraft, und sie reift mehr und wohltätiger, wenn man auf sie
achtet, ihr gehorcht, sie nicht verschwendet, sie als das größte
Endliche ansieht, in der alles Endliche sich wieder auflöst.

Ihre Tätigkeit achte ich sehr hoch, sie macht Ihnen viel Ehre und
belohnt sich in der selbständigen Unabhängigkeit, die Sie sich nach
großen und ehrenvollen Verlusten wieder geschaffen haben. Darum
interessiert mich auch alles aufs höchste, was Sie mir über Ihre schon
an sich interessante Beschäftigung sagen.

Ich liebe überall die Arbeitsamkeit, sie ist mir besonders an Frauen
sehr schätzenswert. Diejenigen Arbeiten, welche Frauen vorzunehmen
pflegen, haben noch das Einladende und Reizende, daß sie erlauben, dabei
viel mehr in Empfindungen und Ideen zu leben. Ich leite daher die
wirklich feinere und schönere, oft selbst tiefere Bildung her, welche
auch solche Frauen, die keine vorzügliche Erziehung genossen haben,
meistenteils vor den Männern voraushaben, welchen sie sonst in
Kenntnissen nachstehen. Zum Teil freilich rührt aber eben daher auch die
bei Frauen häufigere Schwermut und Verletzbarkeit. Wie die Seele mehr,
öfter, tiefer und abgeschiedener in sich gekehrt ist, so berührt alles
Äußere sie rauher. Indes ist das ein leicht zu verschmerzender Nachteil.
Es hat immer einen unendlichen Nutzen, sich so zu gewöhnen, daß man sich
selbst zu einem beständigen Gegenstand seines Nachdenkens macht. Man
kann zwar auch, und mit gleicher Wahrheit, sagen, daß der Mensch wieder
gerade sich garnicht kennt, oder doch wenigstens nie recht. Beides ist
wahr. Er weiß nämlich von niemanden so viel, er kennt bei niemanden so
den geheimen Zusammenhang des Denkens und Wollens, die Entstehungsart
jeder Neigung und jedes Entschlusses, und in dieser Art kennt er nur
sich. Aber auf der andern Seite kann er, wie er es auch wollen möge,
nie unparteiisch gegen sich sein; denn der, den er beurteilt, mit dem
beurteilt er auch. Er ist also in Einseitigkeit befangen, und ich habe
daher nichts lieber, als wenn die, mit denen ich lebe, mich auf das
Allerfreieste und ohne allen Rückhalt beurteilen; man wird dadurch
belehrt, man hört etwas, das man sich selbst so nun einmal nicht sagt,
und auf irgend eine Weise, wenn es nicht mit Absicht verdreht wird, hat
es doch Grund. -- Leben Sie jetzt recht herzlich wohl, und lassen Sie
sich, ich wiederhole es, durch meine Unpäßlichkeit nicht beunruhigen.
Ganz mit den alten und sich nie ändernden Gesinnungen Ihr

Humboldt.



_Berlin_, den 12. Februar 1825.

Meine Gesundheit ist ganz wieder hergestellt, und ich bin wieder im
gewöhnlichen Zuge meiner Arbeiten. Es ist mir dies vorzüglich lieb, da
ich mit Recht sagen kann, daß das mein Leben ist. Es sind lauter
selbstgewählte Beschäftigungen und immer mit Ideen allgemeinerer Art. Da
ich diese Beschäftigungen einen großen Teil meines Lebens hindurch
geführt habe, so haben sie meinem Wesen auch die Richtung zum Ernst und
zum Halten an Ideen und Gedanken gegeben, die es offenbar hat. Ich habe
alles, was mich umgibt und womit ich in Berührung komme, in ein gewisses
System gebracht. Ich behaupte darum garnicht, daß dies System immer
richtig ist. Vielmehr ist nichts darin, was ich nicht von Zeit zu Zeit
von neuem überdenke und

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