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Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise

by Agnes Sapper · German · Gutenberg #19733 · 548,325 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise
    
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Title: Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise

Author: Agnes Sapper


        
Release date: November 7, 2006 [eBook #19733]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/19733

Credits: Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE UND ANDERE ERZÄHLUNGEN ZUM VORLESEN IM FAMILIENKREISE ***




Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net






                          Das kleine Dummerle

                        und andere Erzählungen


                    Zum Vorlesen im Familienkreise
                                  von
                             Agnes Sapper



                            Vierte Auflage
                            13.-16. Tausend


                            Stuttgart 1915
                         Verlag von D. Gundert



              Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.




Vorwort zur dritten Auflage.


Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre
weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist groß geworden. Wer über seine
Kindheit und Jugend noch mehr hören möchte, findet in den beiden
Büchern: »Die Familie Pfäffling« und »Werden und Wachsen« die weiteren
Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie.

Würzburg, Dezember 1912.
                                                        Die Verfasserin.




                   Inhalt.

                                        Seite
 1. Das kleine Dummerle                     5
 2. Hoch droben                            32
 3. Im Thüringer Wald                      36
 4. Der Akazienbaum                       104
 5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde      107
 6. Ein geplagter Mann                    118
 7. Helf, wer helfen kann                 144
 8. Ein Wunderkind                        150
 9. Mutter und Tochter                    161
10. Die Feuerschau                        187
11. In der Adlerapotheke                  193
12. Bei der Patin                         228
13. Regine Lenz                           294




Das kleine Dummerle.


Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfäffling in bester
Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und
außerdem noch eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte
sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, das
ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, Klavier- und
Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis spät abends. Nun winkte die
Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit
vielen Jahren hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine
Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich
solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben
Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen,
seitdem galt es für ausgemacht, daß nun er an der Reihe sei. So wollte
er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu
hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und
Bergluft zu genießen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr
Pfäffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich
dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg
nach Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand die ganze
Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue
Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; auf der einen Seite des
Tisches saßen die ältesten, drei große Lateinschüler, und ihnen
gegenüber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjährige Mädchen. Neben der
Mutter hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen.
Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder,
ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen Gesichtchen, stand am Fenster
und spielte auf einer Ziehharmonika.

In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft
kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein
Glück, wenn für sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle
Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau
Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei
Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das
jüngste, das Elschen, gar ein zartes Geschöpf. Nur der Frieder war
rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber,
übrig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden.
Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor,
breitete sie aus, und so viel Köpfe darüber Platz hatten, so viele
steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den
geplanten Reiseweg bezeichnete.

Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so
leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch können auch die Reisen im
Geist jäh unterbrochen werden -- es klopfte jemand an der Türe, alle
Köpfe hoben sich, der Hausherr trat ein.

Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter und die bald
beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, daß der
Hausherr leider die Wohnung kündigen, und daß die Familie Pfäffling
ausziehen müsse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast
doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung
halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da
kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen
Pfäfflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoßen
hätten, die das Waschseil hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche
auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen
müssen.

»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling und wandte sich
nach den Angeschuldigten um; aber merkwürdigerweise standen bloß noch
die Mädchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim
Erscheinen des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, der
kleine Dicke, stand noch beim Vater.

»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft lasse,« sagte Herr
Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen ja nur klagen, dann werden die
Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater
und faßte den Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die
andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir's gar
nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole deine Brüder.« Der Frieder
ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brüder; von denen war aber
nichts zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und sagte:
»Sie sind alle fort.«

Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht so dumm wie du, spring
doch nur auch davon, du brauchst nicht für die andern die Schläge zu
kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der
Hausherr sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der Kinder,«
sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich kann's meinen Verwandten
nicht abschlagen, daß sie zu mir ins Haus ziehen.«

Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. So billig wie sie
hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, würden sie jetzt nirgends
unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit
langen Schritten hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über
den Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er endlich,
»hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird
nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch?« fragte er, hielt mit
seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch
stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah.

»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte Herr
Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn's nur zum _Leben_ reicht,«
sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete wir künftig zahlen müssen!« Da ging
er wieder auf und ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer
und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am
Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte vom Fichtelgebirge,
reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: »Tragt sie nur wieder in
die Buchhandlung zurück und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.«

       *       *       *       *       *

»An Wohnungen fehlt's wenigstens nicht,« sagte Herr Pfäffling, als er am
nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen
zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche
anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße waren zwei
ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer.
Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. »Wenn ich so viel Miete zahlen
müßte, dann bliebe uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte
er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Straße
entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da
war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf
Unterhandlung einlassen. Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein
wenig klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen
und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein Bett und das von meiner
Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder --«

»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der Hausherr, »wieviel
haben Sie eigentlich Kinder?«

»Wir haben sieben.«

»Sieben. Bei sieben tut's mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, sieben
nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem
Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir
schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir's doch zu leid um meine
neuen Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,«
entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger auf Ihren
kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich verließ er das Haus.

Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache Häuser. Ein
großer, weißer Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von
weitem, daß hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der
Besitzer. Er stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die
Wohnung. Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, wie sich
die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern ließ er nichts
verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt
nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte
einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder
bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters.

»Pfäffling.«

»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?«

»Musiklehrer.«

»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.«

»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel
Unterricht außer Haus.«

»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt
eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber
wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist's schon gut.«

»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.«

»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?«

»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere,
und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden;
die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag,
ich habe nicht viel Zeit.«

Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel
Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel Kinder,
bitte? Sind's Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling
mußte bekennen: »Vier Buben sind's, und dann noch so ein paar kleine
Mädels, die merkt man nicht viel.«

Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er,
»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein
halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!«

»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch wohnen,
was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!«

In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie
wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich -- für
unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.

Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im
Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte
sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm
hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich:
»Eigentlich ist's ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme
sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das
ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum
ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt
war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war
schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die Zimmer
aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein wenig
ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will
Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn
Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.«

Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur
weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die
Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum
Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir
sieben Kinder haben.«

»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes Stockwerk
so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen
Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost!
Ich tu' aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau machte Kehrt,
hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfäffling gab, und
brummte noch vor sich hin: »Gott bewahre mich vor so einer
Gesellschaft!«

Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim -- für
heute hatte er's satt!

Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die
Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends
aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof
herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und
besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß wir so
viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon immer da.«

»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der
Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind schuld,
daß wir so viele sind.«

»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das
bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner
ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.«
Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und
fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister
längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und lustig im Hofe spielten,
war er noch still und nachdenklich.

Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei
großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war
eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und
sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche
Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten
ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig und mit dem konnte er noch
nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es
nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es
sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle
zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er.

Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte
mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und wenn
Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor,
so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand
noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrückt,
und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er
wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg führte ihn durch die
Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab es
ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, wenn er so eine
finden könnte!

Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau und weiß
gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Häuser,
die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten
Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war eben am
Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, schnell eine weiße
antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen -- so, nun war sie
allerdings schön genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein
Mützchen ab und sagte: »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch
zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch
verstanden. Dann lachte sie und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst
eine Wohnung suchen? Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,«
und damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig
Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe
höher. Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als
dieser erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und
rief einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein
komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.«

Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch entgegen,
sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling hatte aber
einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch
allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er's verstand. Man konnte ihm
wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte
ihm aber doch nicht helfen. »Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber
heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder
schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns will niemand
nehmen, weil wir sieben Kinder sind.«

»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie
keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße bleiben.«

»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben Kinder
sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht Kindern und
es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm eine
gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte er gleich daheim
erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und
ging heim.

Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem
Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder ganz
ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »_Du_
hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander und
während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig ausgelacht und
von den Eltern gezankt, daß er allein in fremde Häuser gegangen war.
Frieder ließ das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen
Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn
herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand
auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder
wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle!

Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich
war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als
Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele
Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau Pfäffling
berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch gar nicht
gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor allem
wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie
liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.«

»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen
nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo
kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der
Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen,
bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie führte von der Vorderen
Katzengasse nach der alten Trödlergasse. »Eine feine Lage ist's nicht,«
sagte Pfäffling.

»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner
gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.«

»Wem gehört denn das Haus?«

»Einem Seifensieder.«

»Riecht's da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?«

»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.«

»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist
nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,«
sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der Sonnenseite
wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten vorlieb
nehmen!«

»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts
Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.«

Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde
der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten.

Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstraße
angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des
Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem
Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die
Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum
sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein älteres Fräulein
aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz für die Not anderer Leute
hatte, erklärte, da müsse geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen
wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der
müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu
Frau C., und als die Sache noch ein Stück weiter durchs Alphabet
gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte
nach dem Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine
Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde,
während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und
zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf
los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten.

Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung vernommen
und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik zum Schweigen
gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil
auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so konnte man kaum
das eigene Wort verstehen. Die Mutter führte Herrn Hartwig ins Zimmer
und im Vorbeigehen faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu:
»Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man euch nicht
so hört.«

Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein
Hausherr,« so ging's von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm
verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos
wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus.
Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig.
»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte dieser, »so möchte
ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen in der Frühlingsstraße.
Platz genug gäbe es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder
haben.«

»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem
Mund.

»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so
herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder vermehrt.
Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die Kinder tummeln.
Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns
ist's nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm gestört, und meine Frau,
die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine
Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine
Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.«

Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach fünf
Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in
die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen
Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne
Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu
billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging unser Musiklehrer
von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er
schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem
Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe.
Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom
Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der
künftigen Wohnung in der Frühlingsstraße.

Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig
nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand
dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte
sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug
sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als jetzt; denn
er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. »Mir
gefällt's besser da,« sagte er, »weil wir doch einen Hof haben.« »Der
elende Hof voll Wäschepfosten,« sagte einer der Brüder, »da will ich
doch lieber einen Holzplatz.«

»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug,
der will eben in die Kaiserstraße,« sagte der Vater neckend zu ihm, und
auch die andern lachten. Es wußte niemand, daß man _ihm_ eigentlich die
neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er
fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden sein sollte mit dem
Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Großen sagten,
und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn
aufzuklären.

So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern
Katzengasse eingemietet.

»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie möglich,« sagte
Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit großem Eifer wurden alle
Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele
luden die Kinder für den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz
schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. Die
Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, wo und wie
jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. So fanden die großen Jungen
glücklich heraus, daß Brauns auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr
geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich
königlich auf das doppelte Mittagessen.

Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die
Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, während die Kinder gleich von
ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen
waren und sich's da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht
recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen
sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewöhnlich
von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit
offen. Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen Wohnung
stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier
und Stroh lagen auf dem Fußboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter
dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob er
auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren
Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde
ganz unheimlich zumute, Tränen kamen ihm in die Augen, als er sich so
verlassen fühlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie
vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war's
und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.

»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute sind schon in der
neuen Wohnung, mache nur, daß du auch hinkommst, sonst wirst du
hinausgekehrt.« Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was
er zu tun hatte, er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere
Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; hinter dem Markt
hatte er sagen hören, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er
machte sich auf den Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit
dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, daß er zum
Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewußt hätte, wo?
Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links,
überall gingen Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige?
Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar
Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen wies ihm den Weg.
»Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.«

Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als er sah, daß der
kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf dem Rücken unschlüssig vor dem
Hause stehen blieb, fragte er: »Wen suchst denn du, Kleiner?«

»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. »Wie heißt du denn?«
»Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer?
Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen.
Bist du sein Bub und weißt das nicht?«

»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht jämmerlich darein.

»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der Mann, »und frage dort,
wo du hin sollst, dort sagt man dir's schon. So etwas ist mir aber noch
nicht vorgekommen, daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal
wohin!«

Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die Hintere Katzengasse
wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere
Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn
nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs Kinder
aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles
ganz natürlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig.
Für heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht
bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er
freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis
zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon
wieder in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, daß
Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der
kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, Meinert,« rief ihm der erste
Kamerad zu, »der Pfäffling will erst zum Essen gehen.«

»O, der kommt viel zu spät!«

»Gelt, ich sag's auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert wagte sich
»der Pfäffling« auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das
Schulzimmer, setzte sich todmüde auf seinen Platz in der Bank, ließ das
heiße Köpflein hängen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte
er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten und
der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und
die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.

Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu
wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief plötzlich eine Stimme:
»Frieder!« Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte
freundlich zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will
dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, daß du
sie nicht findest.«

Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater aufsah, wie er
sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal
die Tränen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander
herauskam: Kein Mittagessen -- die alte leere Wohnung -- die Hintere
Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder haben wolle!
Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte,
und sagte: »Frieder, wo wir sind, da gehörst du auch hin und in der
Frühlingsstraße Nr. 20 da wird auch für unser Dummerle der Tisch
gedeckt.«

In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder hätte
wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue
Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte
eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald
die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschüler
schickten Vorräte für die Speisekammer, so daß alles in Hülle und Fülle
da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll
Vergnügen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel
geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber er ließ sich's
gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und als das Elschen am
Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Händen und klagte: »Die rote
Kugel ist nicht mit eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch
einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel
gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die
großen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und
spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.

Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling rüstete sich
zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nächsten
Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus,
er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur
manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du an der
Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß seid, dürft ihr auch
reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm.

Aber -- in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr
fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wälzte sich in ihrem Bett
herum. Am frühen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte
und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling
sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da zuckte er die
Achseln und meinte: »Ich würde doch noch einen Tag zusehen.« Den ganzen
Tag konnte die Kleine nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am
nächsten Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. Traurig
schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die
Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pfäfflings eine
gute Mietpartei für die Hausleute.

Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe
verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lächelte sie
manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern
Geschwistern wollte sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal
allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mußte, die
zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling ging unruhig im Haus herum,
an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um
das Kind.

Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich nur erst herausfände, was
dem Kinde fehlte,« sagte er, »aber so kann ich ihm gar nicht helfen.«
Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine
Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. »Elschen,«
sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen Glaskugeln?« und er
schüttelte ein wenig das Büchschen, in dem dieses ihr gemeinsames
Lieblingsspiel verwahrt war.

»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und
streckte ihre Hände wie abwehrend gegen das Büchschen, und als Frieder
es schnell beiseite legte, flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote
Kugel schmeckt so hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß
die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm
komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer weiß denn,
wie Kugeln schmecken! Frieder war kein großer Denker, aber nach einer
Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich
sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht hat das
Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu
suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade
als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen
Lärm machte.

»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der
Sorge auch ein wenig Ärger empfand wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr
ihn ungeduldig an: »Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn
da?« »Ich muß die rote Kugel suchen, denn -- --.« »Geh hinaus mit deinen
Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du
auch nicht mehr zu ihr,« und unsanft wurde der Kleine zur Türe
hinausgeschoben.

Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und
dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die
rote Kugel war am Sonntag noch in der Büchse gewesen, dann war das
Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das
Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es doch nicht, daß sie
hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es
die Eltern nicht hörten, denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade,
da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht
verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu niemand ein Wort.

Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht.
Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten
den Arzt. »Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,«
sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen andern Arzt dazu
holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, »laß ihn holen, ehe es zu spät
ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir« -- und die
Mutter weinte. Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder
noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, daß er
nicht verschweigen dürfe, was er wußte, lieber Elschen verraten als sie
sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an,
»du weißt doch, daß wir so eine rote Kugel haben --.« Aber die Mutter
fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen
so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?«

Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen näherte sich
Frieder dem Vater. »Vater,« begann er leise, »Vater, wir haben doch eine
rote Kugel gehabt und -- --« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« rief
Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind erschreckt und
der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: »Es wird immerhin besser
sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling
machte die Türe auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der
aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte an der Türe
vorbei zum Arzt, der über das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie
behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flüsterte
ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und
darum ist sie krank.«

Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und
so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor sich von der kleinen Kranken
weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig -- sie hörten es ganz
deutlich -- fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr
Pfäffling eben verwünscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein
wenig ängstlich nach dem Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr
freundlich mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. »Wie
war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir's nur noch einmal ganz
genau; weißt du, das muß ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester
gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel
geschluckt hat? Nein? Aber erzählt hat sie dir's? Was hat sie denn
erzählt?«

»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das weiß man doch nicht, wie
die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel
ist auch nicht mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen.
»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen fing ängstlich
an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder und schien selbst den
Tränen nahe, »ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.«

»So etwas _muß_ man verraten,« sagte der Arzt, und nun wandte er sich an
die Eltern, die in große Aufregung versetzt waren durch Frieders
Mitteilung. »Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind
geholfen werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, denn
nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. Am besten ist es,
ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit,
vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« Frau Pfäffling erschrak
darüber. »Unser Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine
Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!«

»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte im Fortgehen der
Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken.« Die
Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel
zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus
allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in
jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden
liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte
nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: »Ich habe
schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.«

Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, daß es aussah, als
ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, und so eilte Herr Pfäffling
fort und holte die beiden Ärzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine
Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab
-- niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun
eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen,
lauschte auf die Geräusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer über
den Vorplatz herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf
Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete
Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er saß ganz
ruhig mit seinem Büchschen in der Hand da, während Herr Pfäffling
aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen
konnte.

Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers
aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in den Vorplatz, die
Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden Ärzte auf sie zu und der
Hausarzt rief ihnen entgegen: »Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel
wieder,« und er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die
rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen. »Darf ich
hinein?« fragte sie und war schon durch die Türe und bei dem kleinen
Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem
Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte
zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut
gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.«

Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, während
draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die großen Brüder, die
Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der
kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er
wollte hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. Der Arzt
bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er zu dem Chirurgen, »ein
kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester
gewissermaßen das Leben.« »Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher,
daß er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste,
da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben.« Die
Geschwister alle hörten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn
staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes
Anliegen, und da er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte
er es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem die vier
Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die rote Kugel!«

Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach einigen Tagen
wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfäffling rüstete sich
abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Töchterchen verlassen, das
noch im Bett lag, aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte
dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern
begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder sollten ihn dafür bei der
Heimkehr abholen. Als Frau Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und
ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des Vaters
Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie fing an, den Tisch
abzuräumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen
hatte.

Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein,
nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der
Melodie unterbrach er sich und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?«
Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du's nicht gemerkt, daß
der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch
verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater
hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heißen.«

Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo
er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf
das Klavier und sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom
Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« Was gab es
für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die
Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag
die Karte; wie war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann
ein Blick auf die große Wanduhr -- reicht es noch, kann man noch vor
Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? »Es
geht nicht mehr,« meint die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der
Jungen und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel und hinaus
zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und ich länger,« ruft der Zweite
und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit
einem Gepolter, daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte:
»So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn
man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« Der Hausherr meinte das auch
und ging an die Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen
davon und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde
und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: »Rennt nur, was ihr könnt, es
kann noch reichen!« Aber die drei hörten schon nichts mehr und waren im
Nu um die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die Hausfrau
zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.«

Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte
sich in Ruhe einen guten Platz im Zug wählen, stieg ein und plauderte
durchs offene Fenster mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen
noch die Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch einmal und
das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich
abfahren, daß nicht noch ein Unglück geschieht --« »Und du wieder nicht
reisen kannst,« sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat's schwer
gelingen wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« rief der
Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um
das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus
ein Bub, atemlos, schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und
riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte war nicht
nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugführer
empfand ein menschliches Rühren, er war doch auch Vater; wenn zwei
Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern.
Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die
heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte sie, und wie der Blitz
durchfuhr ihn der Gedanke: »Es ist etwas geschehen -- du kannst nicht
reisen -- das Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den Wagen
erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« Der Pfiff ertönte,
der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der
Vater sie grüßte und ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom
Fichtelgebirge!




Hoch droben.


In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein Dachdecker auf dem
Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. Am Rand des Daches saß er
und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden
waren. Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße herauf nach
dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. Der Dachdecker aber blickte
nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plättchen, die
glühend heiß wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit
von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, die Sonne stach durch
die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe
Plättchen hatte er eingesetzt, nun kam die nächste Reihe. Er legte sein
Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ruhte
einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Straße, wo die Wagen fuhren
und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst,
wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen und ruhte.
Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel
aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein.

Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine Ruhe ist's
noch mehr!

Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann
plötzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die
sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache
wahrgenommen. Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich seinem Blick
und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war
dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der
Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter über das Dach.
Das Gesicht war halb verdeckt von der Mütze. Schlief er oder war er vom
Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer
mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe blickte zu dem in
Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. »Der Mann muß
gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei,
von unten wird's besser gehen, mit der Leiter, mit der großen
Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell,
schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so stürzt er herunter in die
Tiefe!«

Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen füllt sich die
ganze Straße, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie können
nicht durch das Gedränge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von
Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der Mann nicht unruhig
wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend ist die Stille und die
Spannung.

Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht Platz, eine Frau
ist ohnmächtig geworden. Es ist seine Mutter,« sagen die Leute, »macht
Platz für die Mutter.« Sie ist's ja nicht, sie ist ein ehrsames altes
Jüngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und
teilnahmsvoll Platz.

Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell
zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit
man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und
jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer
glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das
große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher und immer höher aufrichtet
und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen,
wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken
folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte Steiger in
die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem Ziele nähert und nun, am
Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den
Daliegenden stemmt.

Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die Augen auf und sah mit
Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in
demselben Augenblick: »Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er
die Hände gegen den Arbeiter.

»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich nur aufstehen.«

»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt's denn, warum liegen Sie da? Ich
glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.«

Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß schon so sein, es
war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!«

»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.«

Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der
Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung
geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann überkam eine
mächtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein
solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den äußersten Rand, zog
seine Mütze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter:
»Hurra!«

Und fröhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: »Hurra, Hurra!«

»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der Feuerwehrmann,
»daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück geschieht,« aber der Dachdecker
deutete auf die Schieferplättchen: »Ich kann noch nicht Feierabend
machen,« sagte er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt durch
die Dachluke.«

»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie nicht noch einmal ein
auf dem Dache.«

»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich mach' meinen Dank für
die Lebensrettung.«

»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief
sich, die große Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Straße wieder
ihr gewöhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge
Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht
mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen gemacht; auch kamen ihm
allerlei Gedanken über die Gefahr, in der er geschwebt hatte, über die
hilfreichen Menschen und über Gott den Herrn!




Im Thüringer Wald.


Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Dörflein
Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein ohne Scheunen und Ställe, ohne
Gärten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im
Schatten der nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen
Kartoffeläcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die
Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es
gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen
Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man
nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht
durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen da und dort oder ein Schweinlein
läßt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber
doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, die von
früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl treiben?

Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. Aus der Türe eines der
Häuschen trat eine kleine Frau; sie war nicht kräftig und rotbackig wie
eine Bäuerin, schmächtig und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter
ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein
Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte
durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser
standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft
und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder;
eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar
herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt
hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter.

Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen
anmachte, verließ der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen
Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu
seiner Frau: »Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht
gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« sagte die Frau,
»aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.«

»Ja, ja, im Sommer tut sich's noch, aber die Kinder werden alle Tag'
größer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll's im
Winter werden?« »Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten
herum,« sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll
Kartoffeln aufs Feuer.

Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen
Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig um den Tisch. Mit dem
Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie
wurden mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von
selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß.

»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,«
sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die Mutter lachte bloß: »Er denkt
halt, so geben sie mehr aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem
Johann,« mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange
hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine
immerhin noch mit zu essen.

Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab,
daß die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und
rieb mit ihrer Schürze darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen
gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte.
Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausströmte: Aus
alten Papierabfällen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rührte da
Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und
erfüllte mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché war es, das er
da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich
eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn
sie mit Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten Sand und
pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, so stehen kleine
Törtchen oder dergleichen da. So füllte Greiner in seine Formen das
Papiermasché, drückte es fest an, und was herauskam, das waren
Puppenköpfe, lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie
waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig mußten sie
zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um
den Ofen gestellt waren. So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner
stundenlang zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden
Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank
geworden von der schlechten Luft.

Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald
lag auf demselben ein Ballen weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu
Puppenkörpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer
Stoß geschnitten. Dann ging's ans Nähen; ringsum mußte der Balg
zugenäht werden, nur oben, wo später der Kopf darauf kommt, blieb er
offen. War er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das tat Frau
Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar
Bälge fertig genäht da. »Philipp, da komm her,« rief die Mutter dem
Fünfjährigen zu, »umwenden! Philippchen, umwenden!«

Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijährigen
Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sägspäne,
die man beim Ausstopfen der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle
und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles
zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau Greiner nicht die
Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abfälle aller Art auf dem
Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen.

»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, »wenn die Marie
aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt
mußt du halt dran, da hilft nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf
die Bank am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. Er stülpte
ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mühsame Arbeit: die Ärmchen
und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das
besser als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter gearbeitet
hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hände ruhen ließ:

»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg
komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!«

»Was sagt er dann, Mutter?«

»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb
voll.«

»Was sagst du dann, Mutter?«

»Dann sag' ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so
faul.«

»Was sagt dann der Herr, Mutter?«

»Dann sagt er: 'Euch geb' ich keine Arbeit mehr, da geb' ich's lieber
dem Haldengreiner, der ist fleißiger.'

»Und dann, Mutter?«

»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.«

Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein und sah eine ganze
Weile nicht von seiner Arbeit auf.

»Es ist ein Elend, daß man's mit allem Fleiß nicht weiter bringt,« fing
der Hausvater nach einer Weile an.

»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, »am letzten Samstag
ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, daß aus Amerika große
Bestellungen gekommen sind, da gibt's Arbeit genug!«

»Was hilft's, wenn's nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht
mehr fertig.«

»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier
kann man ihn schon anweisen und mit fünf hilft er so viel wie der
Philipp!«

»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in
der Arbeit.«

»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte die Frau, »die
bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjähriger, der
hat schon manche Nacht durchgeschafft.«

»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul', soll gar nicht gut sein
für die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer
gesagt, und der neue Lehrer sagt's auch und er hat recht.«

»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, er möcht' halt,
daß die Kinder lernen. Der alte hat's immer gewollt, und der neue ist
auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.«

»Aber ist's nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz
sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.«

»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreißig Jahren
Frieden im Land!«

»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.«

Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, daß wir dumm sind.
Aber wieviel Nächte hab' ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst
denn machen? Wir können's doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die
Pfeife, daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring' ich
dir wieder ein Päckchen Tabak mit.«

_Der_ Trost verfing am besten; über den Qualm der Pfeife kam der
sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung.

Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in dem Stübchen; der Johann
wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die
Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt,
als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in
Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt komm du her.« »Halt,« sagte
der Vater, »zuerst müssen die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst
du noch sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich
mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der
Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wußte
schon, wie sie's zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben
dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum
Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden war. An
sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und Häuser im Dorf so eigenartig
geschmückt.

Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine Philipp sah
begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen würde. Die aber nahm ihre
Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle
Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine
Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, »gerad'
nur von der Schul' heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht
bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit hätten! Elias, siehst nicht den
Übermut?« rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas
dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache;
sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp fing so laut an zu
heulen, daß Marie ihren »Übermut« aufgab, die Bücher beiseite schob und
des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.

»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du in die Wirtschaft
und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann
mit, daß er auch sein Vergnügen hat.«

»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?«

»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.«

»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, den kann man
nimmer zumachen.«

»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine
Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, bis ihr wieder
heimkommt.«

»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der Vater.

»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am Sonntag will
ich's schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen schön halten, daß
es auf der Gasse nicht herunterfällt!«

»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?«

»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß am Freitag das Geld
aus ist; sag nur, die Mutter zahlt's morgen, wenn sie von Sonneberg mit
dem Geld heimkommt.« Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden
Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp
gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer
herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war.

»Wenn man's doch richten könnt',« sagte Greiner zu seiner Frau, »daß man
immer gleich bezahlen täte, was man holt!«

»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin.

»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat
borgen müssen, und der Krämer macht's auch so.«

»So ist's halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, es war immer schon
so.«

»Aber anders wär's halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein
klein Sümmchen ins Haus bekäm', daß man das alte zahlen könnt' und das
neue auch; von da an dürft' mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein
Lot Kaffee. Aber wir bringen's nie zu einem Sümmchen und wenn wir uns
die Finger wund arbeiten.«

»So red' doch nicht so viel, mußt sonst doch nur husten, wer kann's denn
wissen, ob's nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch
eine reiche Frau geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts
arbeiten.«

»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht
halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen,
die weiß gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät!
Schon lang hat sie nichts geschickt.«

»Weil sie auch gar so weit weg ist!«

»Von Köln aus könnt' man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt
man doch sogar bis nach Amerika.«

»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herüber
und hinüber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn
aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, das
muß viel weiter weg sein.«

»Viel näher ist's, Frau, das könntest auch wissen, nach Amerika mußt
übers Meer.«

»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der soll auch so ein großes
Wasser sein.«

»Der ist doch nur ein Fluß!«

»Meinetwegen, ich hab' auch keinen Fluß und kein Meer gesehen.«

Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung.
Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze
Familie für ein Stündchen die eintönige Arbeit beiseite und die müden
Hände durften ein wenig ruhen.

»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?«
fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. Marie wollte nicht heraus mit
der Sprache. »Warum, sag's, bist abgestraft worden? Hast doch gestern
abend geschrieben!«

»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat's nicht lesen können; ich
soll's bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der
Nacht schreiben, könne er gar nicht lesen, so schlecht sei's.«

»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn die stille Zeit kommt
und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den
ganzen Tag. Aber jetzt geht's halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit
für uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.«

Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden
die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen.
Bis spät in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um
alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. Da
wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen
Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen Schachteln noch oben auf den
Korb geschnürt und ein langes Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb
aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann
möchte die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so
schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die Last zu
tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. Ihr Mann zog noch
sorglich die Schnur fest, daß nichts ins Wanken geraten konnte von den
oben aufgepackten Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau
hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß
der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit
ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu für die ganze Woche. Ein
gut Stück Weg liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber
diesmal nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer Samstag vor
andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte für sie einen
eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie künftig helfen könnte tragen,
wenn es gar zu viel für die Mutter würde.

Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Dörfchen. Aber sie
blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen
Häusern Frauen und Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit
kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg.
Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt unter der
Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, und als sie in die Nähe der
Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten
der Stadt zupilgern.

»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen nicht so schwer wie
du,« fragte Marie. »Das sind die von Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die
machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch
nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort mit dem
schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.«
Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren
Korb.

Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt,
erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten Häusern mitten unter
grünen Hügeln. Hier strömten von allen Seiten die Bewohner der
umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte auf,
die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern die Puppen fertig
machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter
her, sah nach den schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften:
»Spielwarenfabrik« hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter Puppen« an
dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu
sein. Darüber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast
alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.

Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, für die Greiner
arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das große
Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in
dem schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten.

Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie gebracht hatte, und
ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prüfend an, warf
ihn dann neben sich in einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau
sah ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite und am
Schluß noch einen.

»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen noch einmal
aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren
Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert
hatte, und ging mit diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt
wurde und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam eine der
Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab.
Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergnügt strich sie ihr Geld
ein. Für die nächste Woche gab's Arbeit genug, fast mehr als Frau
Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.

»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte Marie, als sie
aus dem Zimmer waren. -- »Ich weiß wohl, aber das darf man nicht sagen,
sonst heißt's später, wenn's weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns
auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.«

»Aber wenn wir's in dieser Woche nicht fertig bringen? O da möcht' ich
nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst,
da würd' ich mich fürchten!«

»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt's doch noch
die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Großmutter und schauen, wie's
der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.«

Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des Städtchens, wo kleine
Häuschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren
einmal dagewesen und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie
wohnte, besuchen dürfen, sie konnte sich's kaum mehr erinnern.

Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang.
Marie hielt sich an der Mutter. »Gelt, dir kommt's dunkel vor?« sagte
die Mutter, »aber ich find' gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen,
und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie
wenn's heller Tag wär'.« Sie kamen an einer Tür vorbei, man hörte
sprechen. »Das ist noch nicht die rechte Stub', da wohnt ein Stimmacher;
weißt so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und
Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, der macht
Puppenschuh', hörst nicht seine Maschine?«

»Aber da wohnen viel Leut', Mutter!«

»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt
sind wir an der rechten Tür, da wohnen wir.« Ohne anzuklopfen machte
Frau Greiner die Türe auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid
ihr wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, gib ihr die
Hand und deiner Tante Regine auch.«

Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich den Ankommenden zu
und erwiderte den Gruß. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn
sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz
fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Köpfchen
noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schön
gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus
der Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech,
etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, umwickelt mit
blonder und brauner Mohärwolle, die wie Haar aussah, lagen da
nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit
geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom
Glasröhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, fertig
zum Aufkleben auf den Puppenkopf.

Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie
doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und
wunderten sich, daß Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine
Kanne mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« sagte die
Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist
euch vergönnt.«

Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so
blitzschnell die Löckchen abstreifte und von der schönen Mohärwolle, die
neben ihr stand, neue feuchte Strängchen um die Glasröhrchen wickelte,
daß in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre
wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, Mutter,« sagte
Marie, »das möcht' ich lieber tun.«

»Gefällt dir's?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der Schule bist, dann
kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Großmutter wird alt, der
zittern jetzt schon die Hände.« Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst
nicht dumm,« sagte sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein
sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul' sind, sollen sie
dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben müssen. Wir
haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen
Korb will ich der Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir
müssen gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.«

Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rücken von Sonneberg
heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene
Haus kamen. Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei der
Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und
überall wurde noch ein wenig eingekauft, so daß die kleine Barschaft
schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der
kleine Philipp sprang ihnen entgegen.

»Ihr kommt so spät heut',« sagte er, »es steht schon lang einer da und
wartet auf dich.«

»Wer ist's denn?«

»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht
leiden,« sagte die Mutter, »hätt' ihn der Vater doch fortgeschickt.«
»Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.«

Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar
nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins
Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort
kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden.
Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das
sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte,
sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse
des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie
brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte.
Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und
sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte.

»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen
Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden
Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.«

Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch
mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn
leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den
Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade
heut', wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb.
Sehen Sie? Gleich bar hab' ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch
hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis
Ende der Woche reicht's nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich
schon jetzt sehen.«

»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,«
beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr.
Leben Sie wohl, und guten Verdienst!«

Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den
Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht
mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die
Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch.
Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen,
wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in
der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das
hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun
machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die
Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und
plauderten.

Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett,
Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die
Kleinen besaßen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von
Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon
zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute
kam's ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der
Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus
zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu
errufen -- sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest.
Frau Greiner lachte und ließ sich's gefallen.

Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von
ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so
verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben
dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton.
Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den
Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie
Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal
auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die
Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse.
Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt:
diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich
habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote,
»aber _die_ Anzeige habe ich lesen müssen, weil's mich doch gewundert
hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil's so eine ganz besondere
Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift
lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt
war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln
waren an _einem_ Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben.
Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen
ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten
sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für
ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das
Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin.

»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester
gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in
der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals
so traurig zumute.«

Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Köln
gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte Papier an, das solche
Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner
und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester
wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten
Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt werden; er mußte doch wieder
an seine Formen zurück und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts
geschehen wäre.

Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß auf ihr Leben
haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der
Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an
Herrn Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war.

»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt sind wohl auch
noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch auch so viel an sie denken
müssen. Ich will's nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hände voll
Brei!« Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten
Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß das
Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er sein Vermögen
eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden für die drei mittellos
hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen von sieben Jahren, ein Knabe von
vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er
nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder seien etwas
verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten
Charakters. Nur der vierjährige sei ein wilder Junge und brauche gute
Zucht. Baldiger Bescheid wäre erwünscht.

Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte ohnedies die Sorge
für seine Familie; es war kein Brot übrig und war kein Platz frei für
ein weiteres Familienglied. Er war kränklich und schwach und wollte sich
keine neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug.
Aber seine Frau sah's anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« sagte sie,
»die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat
sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das muß sie
mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat.
Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald
acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und
dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!«

Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die Kinder stellten sich
auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an
eine große Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag
ihm doch schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den
nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln abging, in dem
sich Greiner bereit erklärte, Edith, das siebenjährige Töchterchen,
aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Köln. Er war von der
Hand eines jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in der
Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit,
daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche
Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im
Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein,
den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges Kind,« schrieb das
Fräulein. »Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken,
daß ich mich nun von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie und
Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, und er wird herrlich
gedeihen in der köstlichen Luft des Thüringer Waldes. Ich bin im
Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und
wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu
übergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon
übermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb
auch mit. [Fußnote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum
Kochen der Milch für kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mühe
haben, wird es doch für die ersten Wochen, bis der Kleine eingewöhnt
ist, gut sein.« Der Brief war unterschrieben: »Elisabeth Moll,
Kindergärtnerin.«

Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort »Soxhlet« stockte
sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte
Greiner. »Den Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein,
der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.«

»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« sagte Greiner. »Die
vornehmen Leut' haben immer so tolle Namen«, meinte die Frau. »Alex
steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand.
Es kann auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie schreibt
ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So
schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schöne Bescherung!«

Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und große
Bestürzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. »Mir
kommt's auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein
Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man hätt's nicht tun
sollen, und wenn's auch meiner Schwester Kinder sind!«

»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte Frau Greiner. »Kinder,
da dürft ihr euch schmal machen.«

»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie.

»Soxhlet heißt er.«

»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht' ich mich, gelt, den legst nicht zu
mir?«

»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die Mutter.

»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn ihn aber niemand
abholt, dann bleibt er halt an uns hängen, auf die Straße kannst ihn
doch nicht setzen.«

»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« rief Frau
Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der
schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man
nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh' hat. Aber auch noch so einen
Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder deine Köpfe umstößt, so
einen können wir nicht brauchen. Weißt noch, wie der Lehrer einmal so
Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat
das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!«

»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht
telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?«

»Wenn's halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Köln.«

»Man könnt' ja fragen, was es kostet.«

»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: an Fräulein
Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere Ringstraße Nr. 5, hast schon --
zähl' einmal -- hast schon zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet
darin. Dann, so barsch möcht' ich auch nicht sein, daß ich nur
schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt' doch auch
erklären, warum. Wieviel gäb' das Wörter! Das geht nicht in ein
Telegramm.«

»Und zum Brief ist's zu spät?«

»Ja, zu spät.«

Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bückte sich wieder
über seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch
sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren
gewohnten fröhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die
Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon
vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, während sie die
Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, und es lag eine rechte Mißstimmung
über der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon
wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie
nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: »So hat dich wohl niemand genannt,
'mein Herr Gemahl!'« und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl das
Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl
sieht in seinem großen Schurz voll Papiermaschétropfen und in seinem
verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei
uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben.
Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns alles so
armselig ist.«

Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein Elisabeth Moll,
die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete,
hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner
gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur
einmal gesprochen. »Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche
Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit
abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer einer großen Fabrik war, so
hatte sich das Fräulein unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer
einer eben so großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie
Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich
auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf
diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam
gemacht hatte. Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine
anscheinend so günstige Aussicht für einen seiner kleinen
Pflegebefohlenen eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es
nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten zu erkundigen,
noch auch mit ihnen persönlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen
auf das bewährte Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie
Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden
die Reisevorbereitungen getroffen.

In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche Aussteuer
des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen
und die feine Bettwäsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer
Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den
Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, daß er bei
Ankunft in Thüringen sein gewohntes Bett gleich fände. So trat das junge
Mädchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen
Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für ihr
geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.

Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. Er wußte nicht,
was dieser Tag für sein Leben bedeutete. Ahnungslos ließ er sich aus dem
Haus des Reichtums und Wohllebens in die Stätte der Armut und Not
versetzen.

Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise.
Sonneberg war die letzte Station; hier mußte Elisabeth die Bahn
verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine
liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte
sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine
gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein
leichtes sein, sie und ihr zukünftiges Pflegekind aufzufinden.

Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saßen an der Arbeit
wie immer; keinem wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag
zu versäumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden
gewußt hätten. Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als
Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die
trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes
Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in
Hemden und Häubchen, offenbar frisch aus der Fabrik -- gewiß aus der
Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden
Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in
Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, wußten auch nichts von dem
Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute
kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mädchen
nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen
sofort nach Oberhain fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß
genug, daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth
stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. »Wo soll ich halten
in Oberhain?« fragte der Kutscher.

»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, »die Wohnung
kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in
Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie
aber schon erfragen. Nun ging's vorwärts, zuerst flott und rasch durchs
Städtchen, dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, rechts
Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die Städterin. Die
köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth war in glücklichster
Stimmung.

»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden Kind, »gelt, ich
habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote
Bäckchen bekommen, mein Liebling -- aber Papa und Mama können sich nicht
mehr darüber freuen, armer Schneck!«

Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der
Kutscher langsamer, wandte sich zurück und rief in den Wagen: »Wie soll
die Fabrik heißen?«

»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. »He,« rief der
Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias Greiner?« Die sahen sich
an und kicherten und ein Junge sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine
Fabrik.« Fräulein Elisabeth wurde ängstlich. »Das kann ich nicht
begreifen,« sagte sie. »Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist,
wir haben erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.«

»Wir wollen's schon herausbringen,« sagte der Kutscher, »es heißt sich
mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er trieb die Pferde an, daß
sie rasch durch die Dorfstraße fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem
Geräusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die
Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig
sammelten sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher vom
Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau,
was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie
hörte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar
kein anderer gemeint sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt
Elias.«

Und nun ging's noch ein Stück langsam weiter, die Dorfstraße wurde
enge, ein Häuschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen
Bretterzaun, über und über mit blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt
-- vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und
sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster zuwendend,
wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der Elias Greiner?« Der
hatte schon den Wagen halten hören, und nun kamen sie alle heraus: Voran
die Frau, dann die Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen,
zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums Herz -- das sollte
die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere Gestalten hatte sie kaum je
gesehen! Noch hoffte sie, es möchte ein Irrtum sein, aber nun kam
Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete
bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner
Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich blieb sie
dicht am Wagen stehen -- keinen Schritt machte sie auf das Haus zu.

Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht hatte -- das
junge Mädchen war enttäuscht über das, was sie vor sich sah, bitter
enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich
drückend. Frau Greiner war nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen
dauerte sie. »Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind ist
ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du,
Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?«
Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lächelte wieder, und ehe
sich's Elisabeth versah, hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön
geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau
Greiner den kleinen Alex ins Häuschen.

Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankömmling sahen,
während Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den
Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz,
hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. Sie
folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, daß
sie nicht glaubte, bleiben zu können. »Sie haben Feuer an diesem heißen
Tag?« fragte sie.

»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner und deutete auf
seine Arbeit.

Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen längst auf den
Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?«

»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, er ist
draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen
abnehmen.« Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie
wußten nun, daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die
Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des Fräuleins mit dem
Kind, der schöne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, daß es
ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht
anders, als daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig
schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer
abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung
stehen, Philipp aber trat näher.

»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß es der Soxhlet
nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still
verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte
sogar mit dem Fuß einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch
vorsichtig zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« sagte
Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der muß doch arg bös sein,
daß er so eingesperrt wird!«

Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel heraus, kniete
nieder und schloß auf. Die Kinder blieben ängstlich und fluchtbereit in
der Ferne stehen, wunderten sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat,
und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der
Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke und
Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« sagte das Fräulein und vor
den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer
Anzahl leerer Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie
nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. »Das ist der
Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben
geistreiches Gesicht.

»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« sagte das
Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklären. In der
Berliner Anstalt, wo ich als Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man
uns so gelehrt: 'Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die
Fläschchen gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den
Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fünf
Minuten kochen läßt. Danach werden die Fläschchen durch Glaspfropfen
geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.'« Frau Greiner
hatte geduldig und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein mit
der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die Sommermonate
sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.«

»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht machen. Milch
haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß es grad zum Kaffee
reicht. Aber den wird er schon auch mögen und auch Kartoffeln, und an
Speck und Hering soll's ihm gewiß nicht fehlen. Das ist bei uns zulande
die Hauptnahrung.«

»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth entsetzt.

»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau Greiner. »Seien Sie
nur ruhig, ich will's ihm schon in die Soxhletfläschchen tun, so oft
eben Milch da ist.« Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da
sind seine Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer,
ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte sie zweifelnd
hinzu, »ob Sie den Thermometer ver -- -- -- ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir
haben das Bad auf 24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man
die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch
auch?«

»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber
hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht's auch nicht!«

»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die Hautpflege so
wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Körperchen,
wäre es nicht möglich, daß Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden?
Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen
von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen
eine aus Sonneberg.«

»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut's schon auch, und so
oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.«

»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem
Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; Sie werden das gar
nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt sind; könnte Alex nicht in einem
andern Zimmer sein?«

»Ein anderes Zimmer haben wir gerad' nicht, aber wegen der Luft dürfen
Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, die ist berühmt im Thüringer
Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur
meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen
drei waren ganz gesund.«

»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth.

»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den heißen Brei über
sich geschüttet, den mein Mann braucht zu den Köpfen; und eines hat's
auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so über Nacht
weggestorben, niemand hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns
weh getan, aber so ist's halt; wir haben ja auch an dreien genug und
jetzt sind's eben auf einmal vier geworden!«

Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex
ausgepackt worden mit vielen Anweisungen über die Verwendung; was jetzt
noch im Koffer verblieb, war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder
zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit
saß.

Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen
bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her.
Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: »Willst du ihm eine treue
Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt.
Gelt, du fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für ihn?«
Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen das Fräulein an, das
gegen die Tränen ankämpfte, als sie sich über den Kleinen beugte, ihn
herzte und küßte und leise sagte: »Behüt' dich Gott, mein Liebling, ich
habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich
deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?«

»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich
zusammen, um ihren Tränen zu wehren. »Ich habe Sie noch etwas fragen
wollen,« sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; »was war
denn das für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?«

»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschäfts
bekannt wurde. Näheres kann ich nicht sagen.« Greiner fragte auch nicht
weiter.

Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer Heimat zu, und während
sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem
Schoß der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so
oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen Kartoffel
hineingeschoben, ein sorgsam geschältes!

Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und warm war, gingen
sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schönen Kleinen
auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege
standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den
Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, Alex, schau, jetzt
bist du im Thüringer Wald!«

Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt worden durch all die
Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit
zusammenhing! Als am Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde,
fand sich, daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz
überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig
geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen
mit dem schönen neuen Brüderchen vor dem Haus herumzufahren und allen
staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als mit
der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die
Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie übel an! Der Sonneberger
Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu
liefern; die Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht
fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das
Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.

Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei
gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen müssen. Die
Entschuldigung wurde ganz ungnädig aufgenommen. Ob sie meine, daß das
Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht
_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten
noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und
so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.

»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere ich meine
Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt
werden?« Ganz schuldbewußt und zerknirscht stand Frau Greiner da und
wagte kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger Abzug
am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust
zu haben, ihr neue Aufträge zu geben, und ließ sie lange stehen, wie
wenn sie nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen,
so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, und diesmal verließ
sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein,
um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so
elendes Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor
und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches Gesicht, wenn sie so
wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen
für den Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich konnte
sie auch nichts dafür, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld.

In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt
holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und
gemütlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner
kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres
Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag
abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern
Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: »Georg,
wart ein wenig!«

Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft plaudernd
gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fußweg
nach Oberhain von der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach
verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der
an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als
unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte,
wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war's immerhin noch auf
dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schloß sich
der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann
siegte bei Frau Greiner die Neugier über die Schüchternheit und sie
fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein
Kaufmann, der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen war. Die
deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm
verständigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe
und was ihr Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner.

»Was ist das, Drücker?«

»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, daß es Puppenköpfe
gibt.«

»Helfen Sie auch drücken?«

»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die Puppen gibt. Und die
Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sägespänen.«

»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?«

»Dann haben sie noch keine Augen und --«

»Wer macht die Augen?«

»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in
allen Größen, die muß der Augeneinsetzer hineinmachen.«

»Ist das das Letzte?«

»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und
die Friseurin muß die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den
Balg geleimt.«

»Das kann Ihr Mann nicht?«

»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule
geschickt worden, hat schon Köpfe und all die Formen machen lernen, aber
dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben
müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist halt auch wieder
Drücker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul',
aber er hat halt heim müssen, die Not ist gar groß bei uns.«

»Wieviel verdienen Sie in der Woche?«

»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist's mehr, bald weniger. Es gibt
Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.«

»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der
Woche, Sie mit Mann und Kindern?«

»Die vorige Woche hab' ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch
schon auf dreißig gestiegen, aber da muß man schon die Nacht
durcharbeiten. Und davon müssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu
den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht
dafür wieder hinaus und man bringt's fast nicht dazu, daß man sich für
den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder
darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken,
sonst wird man 's ganze Jahr nicht froh.«

»Ist Ihr Mann gesund?«

»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasché und von den
Sägspänen, aber krank ist er nicht, gottlob.«

Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige Nahrung fehlt halt
da außen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.«

»Ja, Fleisch gibt's nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln
sind die Hauptsache, bei uns heißt's: Kartoffeln in der Früh, zu Mittag
in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!«

Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine
Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Höhe
erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstraße einmündeten und von
der Ferne einzelne schiefergraue Dächer sichtbar wurden.

»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der Herr noch weiter
heut'?«

»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren
Mann aufsuchen.« Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er
Frau Greiner ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, daß
ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht
gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich möchte so eine Familie,
die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika.
Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar
nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen
alle so weit her holen sollen, das könnten wir drüben auch machen, wenn
wir nur die Leute dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der
besten Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr hindurch
versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin schon mit dieser
Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn
Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.«

Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge
Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar nimmer reden, es versetzt
Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das
wäre nicht schlecht!«

»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner hinzu.

»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein
Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.«

»Das bleibt hier. Dazu gibt's Waisenhäuser. Aber Ihre eigenen drei gehen
mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einführen, dazu brauchen wir
deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon
absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen
Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich
genug andere, die gerne gehen. Wie heißen Sie?«

Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen
Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort für ihn einlege, und schlug die
kleine Straße ein, die hier von der Oberhainer Straße abzweigte.

Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab' ich nun das alles
geträumt oder ist's wahr?« sagte sie zu Georg. Es mußte wohl wahr sein,
denn Georg behauptete, sie habe ein unerhörtes Glück und sie hätte nur
gleich »ja« sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum
sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?

»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz wie aus den Wolken
gefallen, denk nur, alle miteinander übers Meer, die weite Reise! Aber
schön müßt's sein, was könnt' man da alles sehen, und ganz freie
Überfahrt und drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch
nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab', er wird doch
auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?«

Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr
erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus,
trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. »Sag's noch niemand, Georg,
weißt, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie
ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben
im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige
Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt.

Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, mit der die junge
Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grüßte mit
besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in
dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie würde
sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die schlechte Einnahme war
ganz überwunden durch die Hoffnung auf zukünftige Reichtümer, und dann
hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis,
wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte.

Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die
Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht
begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme
Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und
kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit,
die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte,
sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten
Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den
Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein
Hering hat er heut' mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete
Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts
davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut's weh; gelt, ja, das
sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein
Schatz, ich kauf' dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen
und hol' noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen
weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen
dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm's gut
bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut
haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus.
Still, mein Waislein, still!«

Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen
und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm
befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer
nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn
herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern
Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle
seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder
an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex
mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind
unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das
war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er,
»Kranke bleiben am besten daheim.«

Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch
nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb'
ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich,
die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End', nur zwölf Mark hast
heut' heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt'
man's schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und
alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich's
überlegt.«

So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es
war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand
offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen
Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er
dies alles zum erstenmal. Schön war's doch im Thüringer Wald und leicht
wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum
Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie
lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah
still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht
mehr das Lied: 'In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der
alles kann und weiß'; wie geht's da weiter?« Sie brachten den Vers
zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt
gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.

Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter
den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten
sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der
Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer
Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres
Gesicht hatte er, vielleicht kam's daher, daß er selbst so oft mit
finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der
Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte
Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah
sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein
Käßchen öffneten. »Vater, reicht's?« fragte sie ganz leise und blickte
besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man
merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an.

Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun
freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der
Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu,
»er bekommt später den Rest, andere haben's auch nicht beisammen.«

»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen
besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war
ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex' Kinderwagen. »Da haben
Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte.

»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit.
Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber
heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler
herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn
so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er
mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann
verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er
wittert das Geld,« sagte sie, »er hat's nicht wissen können, daß wir
noch etwas haben, aber er hat's gespürt, daß Geld im Haus ist.«

»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus
dem Land.«

»So mein' ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig,
wir gehen auch fort.«

»Ja, und das gern.«

»Bist entschlossen? Im Ernst?«

»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.«

»Kinder, Kinder, denkt's euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die
Mutter.

Jetzt gab's Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen
Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam
allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg
wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre
Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das
arme Waislein nur nehmen.

Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur
auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete:
»Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag
nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.

Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze
Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg
gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf,
die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache
verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als
gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine
Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in
Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine
Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur
immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die
Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden,
die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein
Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein
vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert,
daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle.

Dienstag abend war's. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine
Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und
rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort
noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann,
als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und
bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die
Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze
kommt zu dir.«

Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen
weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher
von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt,
daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo
Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus
dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den
Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins
Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und
erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den
Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst
hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln
wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem
Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte.

»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert.

»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und
wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir
entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort.

Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als
ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand,
nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch
natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht
wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20,
so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte,
ist's nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat
man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird's auch einmal nicht besser
gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?«

Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte
besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und
bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika
unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir
jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn
die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste
Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_
einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und
gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der
Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen
und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir's vorkommt,
wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus
für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir's vor, als wolltet Ihr
hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr
hat.«

Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen
der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem
Graben ist's ohnehin nicht viel bei ihm.«

»Magdalene, was red'st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so
sinnbildlich gesagt!«

»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum
Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt's den Amerikanern,
wie sie's machen sollen, so ist's eine Gefahr für unsere Einnahmequelle.
Für _Euch_ könnt's ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann's zum
Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre
Puppen, das wollt' ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich
heraufgekommen.«

Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese
Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt
entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob's dem Herrn Amerikaner gelingt da
drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so
einführt, wie's bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon
ist.«

»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt's ihm nicht, so werdet
auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein.
Gelingt's aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist's der helle
Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war
einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie
mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem
Schulz konnte er's aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu
reden.

»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da
drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin,
und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von
dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann's
noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.«

Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte
sie zustimmend.

»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir
kommt's nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß
man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben
frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die
Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_
Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür
gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir
so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den
Amerikanern bringen. Warum? -- weil unsere Enkelkinder auch noch essen
wollen!«

Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder
auch noch essen wollten, das war berechtigt.

»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom
Dorf möchte ich nicht schuld sein.«

»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein
Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der
Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner.

»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut
kenn' ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will
ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern
und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der
Amerikaner auch nichts erreichen.«

Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des
kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann
vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?«
fragte Ruppert.

»Ja, mein Schwesterkind ist's.«

»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?«

»So ein Kostkind ist's nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben's
bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen
verloren.«

»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer
Schwester war doch reich?«

»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind
geschickt. Gewollt haben wir's nicht; das große Mädchen hätten wir gern
genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.«

»Der Vormund hat sich's leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch
ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der
Amerikaner kommen sollte, so sagt's ihm nur, er könne sich die Mühe
sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die
halten alle fest zusammen gegen Amerika.«

»Ja, ja, das tun wir auch.«

Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends,
und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er
sich geträumt hatte.

Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht
erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder
wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da
stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen
sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es
ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte
schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd
sein wie ich.«

Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander
anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war's doch traurig,
ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt
sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher.
Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber
gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art
und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt's noch
Menschenfresser.«

»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!«

»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich
zufrieden.

Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen
als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch
nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der's mit Oberhain gut
meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend
von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf
kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum
Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des
Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte.

Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem
Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal
wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle.
Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder
vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße
heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er
hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen
Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und
dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken,
als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer
als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre
Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren
Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge.

Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie:
»Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag
Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?«

Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete
an ihrer Stelle: »Sie hat's schon getan, daran hat sie's nicht fehlen
lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist's bei uns, wie Sie
sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.«

»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir
wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen
wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug
sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an,
Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst
einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.«

»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen
nicht hinüber.«

Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch
wohl schon reiflich überlegt war.

»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht,
ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?«

Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht
nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch
dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er
dächten auch die andern Familien im Ort.

Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft --
die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder
rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie
wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und
der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er
gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter
Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren
in solch ärmlicher Umgebung.

Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog
sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den
Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm
dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt
haben.«

»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte
Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der
hat's und tut's gern.«

»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich
den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.«

Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort
hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. --

In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein
Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der
ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden
hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu
entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg
mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen
Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis
das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte
er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam,
lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort.
Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht
bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.

»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika
mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich
wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch
bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute
in Amerika anweisen.«

Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte
er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?«

»Ja wohl weiß ich's, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst
bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich
selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da
drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.«

»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das
Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will
ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen
haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind
kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein
Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen
ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«

Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der
Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig,
halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich
dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der
konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe.

Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem
Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick
gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue
aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in
den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der
Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte
Elend!

Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und
wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld
und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut
gepflegt, wie's eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im
Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit
Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch.
»Er verträgt's nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das
Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war.

»Nein, er verträgt's nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die
Mutter. »Aber gut ist's, daß er's nicht weiß und nicht bös auf uns ist,
gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast's ja so gut bei uns, kein
Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird's lustig, da fahren wir
dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust
dich, kleiner Schelm?«

So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und
lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der
Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb
hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht
so im Drange der Arbeit.

Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu
Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere
kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren
Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben
keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer
wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und
doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker
mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen
Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte,
wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes
Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost
wurde immer schmäler.

Um die Weihnachtszeit war's am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,«
sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit,
was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit
leeren Händen. »Er gibt's nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel,
sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle
er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch
gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau
Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur
Hälfte voll.

»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den
Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt' meinen, man hätte einen
Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach
merkt man's doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar
nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm'
kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die
harte Arbeitszeit wieder ersehnt.

Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den
Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den
winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern.
Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen
sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten
von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der
Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und
diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder,
das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach
der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den
Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote,
dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah,
rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist
wohl ein Christstollen darin. Daß ihr's nicht aufmacht! Ich leg's lieber
da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank
und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie,
der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen
Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote
gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das
Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack
auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum
fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh
war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie
auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen
hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen.

Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam
hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht
vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und
ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat
einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam
von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn's ihm nur gut bekommt, gib's ihm lieber
nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau:
»Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen
essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da,
heute ist Weihnacht!«

Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das
Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund
verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und
Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und
unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten
sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen
begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht
geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch
etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.

Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das
Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen
gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief
voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch
alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm
das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut,
als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das
schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht
gewachsen und gediehen, wie sich's wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt
hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das
Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte
die Mutter und verwahrte es sorgsam.

Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte
Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte
diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche
Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den
Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen
der ganzen Familie aussprach! --

Januar war's, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal
bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine
Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen
auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der
stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind
seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald
seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein
handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies
Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie
er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte
er sich's wohl zugetraut.

Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in
die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus
Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte
nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte
einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu
seinem Vorhaben.

Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude
gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab;
denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte
sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die
ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig
Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran
und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit
hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen
heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl
waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die
dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit
einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen
Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos
beiseite.

In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen
innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner
wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war
das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte
sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam's ihm in die
Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich
sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete
er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf
den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde.

In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die
Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand,
und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte
er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn
verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich
dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche
Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich
zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte
auf ihre Schritte -- richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor
dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht
denn da oben?«

»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«

»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«

Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die
Kammer. »Ein Puppenkopf ist's,« rief er, »aber kein solcher,« und er
deutete auf die, welche sein Vater auspreßte.

»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas
hinaufgestellt, Elias?«

»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging
die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob
Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die
Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein
Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.«

»Gerade hab' ich's auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz
wie er leibt und lebt.«

Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie's gar nicht
gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu
ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.

»Mich freut's halt, daß ihr's erkannt habt. Bei Nacht hab' ich's
gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben
sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise
hinzu.

»So steht's nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat
an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut
erraten hast's, wirklich gut!«

»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere
Puppenköpfe geben, als die alten da?«

»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt' man das anstellen?«

»Einen andern Weg wüßt' ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren
zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen
ließe.«

»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon
viel Geld bekommen.«

»Ich hab' ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt
in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu
laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.«

Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_
Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl
von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen
sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk
wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden
Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen.

Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie
mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände.
Leichtfüßig ging sie aus dem Haus -- Arbeit war nicht abzuliefern, der
große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in
dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust
geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr
Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn
sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie
etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute
aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren
Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine
große Summe erhalten würde?

Einmal war's ja vorgekommen im Dorf -- das mochte aber schon dreißig
Jahre her sein -- daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen
besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner
zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen
setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen -- wird's eine Niete sein,
ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen
Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen!
Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein.
Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen
und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in
Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten
Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine
Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner
Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte
kaum, was sie trieben.

Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und
Schwester auf. -- Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die
Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte,
friedlich und still war's im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde
Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm
erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon
erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch
im Korb.

»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm
ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes
Gesicht. »Da spar' dir nur die Müh', Magdalene,« sagte sie jetzt, »das
ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den
nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr
Köpf' und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest's ihm wohl
sagen können, hast's denn du nicht gesehen?«

»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die
Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.«

»Wie, laß mich's doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte
den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen
ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie
dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade
nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär's doch nicht
unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging' ich hin, der ist fürs
Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.«

»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner.

»Bis ans Haus begleit' ich dich und wart' unten; hinauf möcht' ich grad
nicht, sie sind oft so barsch.«

Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war
geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht,
man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt' ich's nicht
bleiben lassen? Der Mutter hat's ja gar nicht gepaßt.«

»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm', wär's freilich besser, als
wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen
sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim
denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem
Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich
könnt' mich ja vor meinem Elias heut' abend nicht blicken lassen.« Sie
läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt
zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift
»Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei
Herren schrieben.

»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf
erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher
brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr
Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt'
er's gemacht, wie's leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester
Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.

»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn
eigentlich?« fragte der Schreiber.

»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?«

»Kaufen? Ja, zu was denn?«

»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist
Drücker in Oberhain.«

»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber
die neuen Köpfe, das könnt' er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von
den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert,
von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So
etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen
Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der
jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war
nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern
lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den
Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr
Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt'?«

»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr
Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es
ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine
zeigen.«

Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie
ganz treuherzig: »Es wär' mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn
Weber hätt' einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs
Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er
noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt
noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist's
schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm'. Man könnt's Geld so
nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm
heimbring'! Der macht böse Falten hin!«

Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben
hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick
herunterkomme.«

Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf
einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus.

So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau
Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal
sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es
fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?«

»Elias Greiner.«

»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er's gelernt?«

»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul'.«

»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«

Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner
leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht,
was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit
seinem Buchhalter leise verhandelt.

»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der
Fabrikant.

Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk' halt so,« sagte sie; »Fabriken
gibt's hier in jedem dritten Haus, ich könnt' überall fragen und es dem
Herrn geben, der's am besten bezahlt.«

Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an
sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann
ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben,
aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist
kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal
hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als
die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so,
und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein
Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es
nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber
ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen
eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben,
wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer
anbringen. Aber versuchen Sie es nur.«

Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann
an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich
weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen
wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben,
was recht ist.«

Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann
sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den
nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für
mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen
die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das
Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel
gleich schriftlich gemacht.«

»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz
einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr
Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe
wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant:
»Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit
ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den
Kopf auch in andern Größen liefert.«

Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last
abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte --
die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte.
Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt's Gott, und mein Mann
wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren
sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt's auch um weniger
hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht,
wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler
hätt' das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir
sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex
wurde in kostbarem Schrank verwahrt.

Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und
ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!«

»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat's ja gekauft! Rat nur,
um wieviel? Aber du hättest's ja doch nie erraten -- um 800 Mark, Regine!
Komm zur Mutter, komm nur schnell!« --

Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen
Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen
und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie
heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu
wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den
Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn
er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem
Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich's ausgedacht.
Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten;
einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie
die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie
warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein
Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da
hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit
beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief
sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir!
Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!«

Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach
einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges:
»Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen
umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte
sich dem Kindlein zu. Des Alex' Gesichtchen war's ja, das solches Glück
ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen
Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all
die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und
wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie
sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle
Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!«

Aber wie war es nur möglich -- sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird
die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte
Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das
Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen
Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen
Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme
ich den Arzt mit heraus; wir sind's ihm schuldig, dem Kind, wir wollen
alles dafür tun.«

Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt,
Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt
hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler
Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine
Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still.
Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau.
»Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.«

Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und
Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen
Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und
Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das
liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen
für diese Welt.

Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig
machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen,
ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe?
Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt,
daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den
Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.

Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort
mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner
in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen
sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten.

»Vom Soxhlet steht nichts darin?«

»Nein, von dem nicht.«

»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem
Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.«

Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab.
Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die
dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein
schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei
Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie
Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt
und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!

Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern
ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist
nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht
zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie
freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist
sie nachgebildet.




Der Akazienbaum.


Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das
Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.

Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es
in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der
Schwester gepflegt, lange Zeit.

»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank,
wann werde ich wohl wieder gesund?«

Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl
dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie
sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du
wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage
durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und
sehnte sich danach.

Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere
Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und
Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie
stand noch kahl, wie im Winter.

»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die
Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum;
sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die
andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird
wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte
bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch
abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte
sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester
wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem
Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.«

»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt,
»damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett,
und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.

Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital
gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht
besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal
Schwester Marie das stille Kind.

»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ
sie liegen.

Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit
diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine
vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte
nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen,
aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt
hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt.
»Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster
Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll
grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel
glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer
herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist
grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«

Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie
verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß
Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte
sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage
vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter
dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.




Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.


Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn
schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch
ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und
gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger
Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß
für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das
seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er
besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn
manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er
seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah,
oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte
er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch
ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine
sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen
wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären,
wie der!«

Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester
Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater
hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit
der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst
stellte sich da und dort vor -- aber es wollte nicht gelingen und die
gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft
wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere
Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen
sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern
an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine,
zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht
strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele
kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand
wollte Johannes.

So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen,
immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.

Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig
auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin,
denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu
tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens
vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches,
und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die
arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte
Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft
aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.

Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen
plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte.

Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen
Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen,
aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn
wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was
uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?

Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er
plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese
Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und
die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das
Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein
junges Füllen.

Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste
mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als
die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine
Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er
selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas
verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er
wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln;
die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde
ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und
ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und
Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann
Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke,
und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er
dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und
Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander
hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken
und -- -- hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum
Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch
immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was
sie sagen würden.

Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein
genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er
nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen
wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man
mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich's nicht schön,
betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit
diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn
ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete
er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein
anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,«
sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat
machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten,
daran scheitert die Sache.«

An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht
glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er,
Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte
ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer
und Abgaben drückten so sehr auf Johannes' Luftschloß, daß es
einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam,
das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung
des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest
eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.«

Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet
worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die
Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu
seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.

Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine
Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die
Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten,
ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle
durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der
zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es
war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine
Unternehmungslust weckte.

Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln,
Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der
Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien;
gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem,
bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in
Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich
schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten
sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren
kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag
erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen
Räumen.

Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der
zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor
Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater,
Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der
alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den
beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur
leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf
sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten.
Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen
Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte
ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein
großer Tag!

Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und
Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall;
und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal
innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem
Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und
zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie
Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den
Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann
auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er
schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen.
Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging
er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des
»Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie
auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es
schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen
Geschäftsmann seinem Schicksale.

Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe,
ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte
keiner. Aber doch -- das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung --
hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten
Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine
Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und
kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift:

    _Packwaren._

Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte
ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich
nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht
abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte
sich den Packwaren zu. Sie war Johannes' erste Kundin, wie eifrig wurde
sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel
gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet!
Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen
können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und
bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen
Kaffees zu holen.

Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und
in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen
durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf
den andern trippelten, das war kein Spaß.

Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der
Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die
Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der
Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten
Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten
sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf
zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das
Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es
jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte,
so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter
seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch
wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware
gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch
wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin
Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und
fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er
sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze
bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte
recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich
herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie
ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz
angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre
Johannes' Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue
war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch
die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch
Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt
konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch
dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft
zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel
davongehen.

So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen
Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber.

Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand
ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter
den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr
hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die
Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig
das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte,
war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief
in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war
Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und
beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie
betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie
unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken;
er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es
wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten
sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich
Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit
der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und,
obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch
weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten.
Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte
nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast
unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst
dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein
Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und
blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser;
lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem
fortstrebenden Enkelkinde.

Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände
wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh,
Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte
Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf
Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen.
Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr
Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber
dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe.
Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig
packte er seinen Kram zusammen.

Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig
ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der
Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser
dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich
Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt
wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber
er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.

Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu
gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich
aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling
hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere
Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das
reinste Kind.

Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in
seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht
vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als
er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er
diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm
statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht
entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen.

Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem
Jungen die Hand und fragte: »Wie geht's, kleiner Geschäftsmann?« »Wie
geht's« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will;
aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der
Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und
sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und
seinem Blick das Zutrauen: »Zeig' du mir, wo der Weg weitergeht.« Und
Ulrich Wagner machte den Wegweiser.

Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das
Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich
weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen
getäuscht.

Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste
Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes
und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das
Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der
Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.




Ein geplagter Mann.


Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen
gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in
dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt
malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen
durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser
Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu
eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es
noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem
Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der
manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem
Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits
fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner.

Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen,
hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des
Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie
auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann
aufsuchte.

»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die
Fahnen hinaus, das ist recht.«

»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.«

»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig
hinaus.«

»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie
gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.«

»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht
aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims,
der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß
man sieht, wie sich's macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.«

»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da
brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so
gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse,
weiter braucht's nichts.«

»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich
habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch
gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die
Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus
vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das
einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen
Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben
doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.«

»Nun ja, dann muß ich's eben machen,« sagte der Mann zögernd.

»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei
Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der
Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre
Leiter ist nicht lang genug.«

»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur
eine entlehnen.«

»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe
heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken,
das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und
hole Brot.«

Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und
die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete
den Frühstückstisch.

Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im
Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen,
das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses,
Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte
vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen
schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er
ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein
Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen
hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige
Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen
Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei
einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die
Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten
werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten
wird.«

Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine
Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte.
Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit
dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein
und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war,
wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze
und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig
im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.

Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere
Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die
landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und
seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag
angebrochen.

»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau.

»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der
Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun
Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe
nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den
Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn
ich wiederkomme?«

»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und
dann Hänschens Bauernanzug.«

»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!«

Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag.
Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz,
eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen
Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des
Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als
Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer
gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß,
»wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.«

»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.«

»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange
es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede
zurechtlegen.«

»Zur Begrüßung am Bahnhof?«

»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf
dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.«

»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie
sah aber stolz zu ihm auf.

»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl,
wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.

Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg
über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon
allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen,
während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke
zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche
Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser
Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit
verschiedenen Anliegen auf ihn warteten.

Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes
festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die
Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig
der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel
genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem
Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie
noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte.

Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf
der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht
angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen
kam.

»Warum

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