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Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

by Jakob Wassermann · German · Gutenberg #19611 · 538,198 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen
    
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Title: Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Author: Jakob Wassermann


        
Release date: October 24, 2006 [eBook #19611]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/19611

Credits: Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL: ERZÄHLUNGEN IN EINEM RAHMEN ***




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                                  Der
                            goldene Spiegel


                      Erzählungen in einem Rahmen
                                  von
                           Jakob Wassermann


                             Achte Auflage

                     S. Fischer * Verlag * Berlin
                                 1912



      Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
              Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.



Kapitelfolge

Franziska und die Freunde                         1
Was über den Spiegel beschlossen wurde           13
Die Pest im Vintschgau                           25
Der Stationschef                                 47
Geronimo de Aguilar                              63
Von Helden und ihrem Widerspiel                  89
Der Tempel von Apamea                           107
Die Gefangenen auf der Plassenburg              135
Paterner                                        176
Nimführ und Willenius                           196
Herr de Landa und Peter Hannibal Meier          212
Begegnung                                       231
Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz      242
Franziskas Erzählung                            275
Aurora                                          291
Der Affe und der Spiegel                        323



    _Ich widme dieses Buch meiner Frau._

    O thou whose face hath felt the Winter's wind
    Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist,
    And the black elm-tops 'mong the freezing stars,
    To thee the Spring will be a harvest time.
    O thou, whose only book has been the light
    Of supreme darkness which thou feddest on
    Night after night when Phoebus was away,
    To thee the Spring shall be a triple morn,
    O fret not after knowledge, I have none,
    And yet my song comes native with the warmth.
    O fret not after knowledge, I have none
    And yet the evening listens.
                                 He who saddens
    At thought of idleness cannot be idle,
    And he's awake who thinks himself asleep.
                                                _Keats._




Franziska und die Freunde


Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im
Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend
war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte.
Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung,
in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen
Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers.

Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und
geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen
dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen
ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft
mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur,
ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und
Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen
Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die
Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein
treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die
Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem
eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter,
passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas
Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und
entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter
ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen
Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis
voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der
Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl,
deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war
angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht
saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden
Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war
ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen
Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame
Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls
bemerkenswert war.

Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska
Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres
Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie
einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre
Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier
persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter,
als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans
wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und
nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati
bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug,
und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis
und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens
weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als
ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer
fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen
Träume zu folgen.

An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg
Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und
vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages
brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen
Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der
sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten
Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati,
daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur
desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen
Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der
neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes
Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen
eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und
vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer
beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte
einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission
freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien
geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach
großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein
Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte
nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne
Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte
und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen.

Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu
werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen
beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im
Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine
schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein
rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er
Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er
naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden
Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe
lachte.

Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende
Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu
den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie
durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte,
blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei
der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst
gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich
der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein
schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern
Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm,
führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein
Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an,
doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und
Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als
schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife
und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im
Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine
jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie
hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der
rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie
geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen.
Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie
umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter
verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als
ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne
Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern;
was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den
Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das
Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen
aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als
Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm,
daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es
der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor
Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die
Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch
sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele
und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein
dicht an den Fenstern lohte.

So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr,
weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei
Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen,
schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes
Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit.

Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern.
Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene
herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte
das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von
Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er
Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine
Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer
Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in
sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska.
Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und
philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg,
Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf
Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe.
Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran,
ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke
und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß
er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag
unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue
ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die
Spitze bieten zu können.

Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte
Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen
und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann
sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um
so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,«
sagte Franziska; »vielleicht wollt' ich mich nur überzeugen, ob ein
wirkliches Menschenherz in dir steckt.« -- »Kann man davon Gewißheit
erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art.
Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie
spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so
stark wie du dich stellst.«

Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann
auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von
andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch
eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte
seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften
Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke
nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter
Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches
Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde
versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen
übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu
seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen,
denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend
verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser,
Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die
sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre
verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der
von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die
Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften
konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen.

Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers
vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land.
Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der
lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle
ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte
bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden
kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa
entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im
Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt,
daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg,
eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen
habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich
aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie
eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz,
begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die
innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns
also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska
erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« -- »Wir haben es
immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick
in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir
haben.«

Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu
fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr
heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann
verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert
an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, -- also
übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr
mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir's wie die
Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.«

»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan.

»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie.

Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging.
Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast
fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten
Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten
alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin,
mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon
deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten
Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer
solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der
Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer
polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im
mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich
aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und
lebte einsam.

Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen
Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung
mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich
gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und
zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und
nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon
erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das
wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem,
keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert
seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild
meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl,
vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure
Schwester, eure ewig getreue Franziska.«

Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um
das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden
worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig
Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach
dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der
Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort
hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben.

Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die
Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie
nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe
leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die
Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines
Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der
Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder
entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem
unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung
erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht
lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel
bedeutenden Pein.

Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten
hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater
genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe
über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die
zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es
allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf
und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als
Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er
Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte
nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden.
Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der
Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.

So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg
seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen
verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem
holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war
ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben
hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier
erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich
selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.

In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan
ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan
nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen
ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim.




Was über den Spiegel beschlossen wurde


Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet die einen, im
Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, konnte das Auge des
Betrachters von jedem beherrschenden Gipfel aus erblicken. Wege zogen
hügelauf- und abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten
die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren sich in
Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege und klommen windungsreich an
den kraftvoll gestalteten Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine
Wildnis, da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden kahle
Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; so wurde das Bild
geschlossen, das harmonisch im einzelnen wie groß im ganzen war.

Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines Tals, eines
ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung hinter dem Plateau von
ihm entfernt, lag die Villa Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und
durch die offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in die
Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden Linien der Nacht
geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen war vorüber, Borsati,
Cajetan und Lamberg saßen noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher
Aufregung hin und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so
gleichmütig waren, -- denn heute war der Tag, für den Franziska sie alle
zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht gekommen, und es bestand
wenig Grund zu der Hoffnung, daß sie noch kommen würde, jetzt, in den
Stunden der Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte
er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es anfangen könnte,
um das Gespräch auf die Erwägungen zu lenken, die ihn so schmerzhaft
beschäftigten. Hatte er doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag
entgegengelebt, nichts weiter, und das Wort Franziskas war ihm für beide
Teile als so unwiderruflich erschienen, daß kein Zweifel sich in sein
Zutrauen mischte. Nun war es Abend, und es war ein Tag vergangen wie
viele andere Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte er;
ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung nennen oder jene
Herzensglätte, die sie mir oft so fremd macht?

Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner Runde seit
einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt war, und betrachtete in dumpfer
Verlorenheit das Wunder aus alter Zeit.

Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; sie wurde mit
hocherhobenen Armen von der Figur einer Göttin getragen, die auf einer
köstlich gearbeiteten Schildkröte stand. Die Rückseite der Scheibe
zeigte die Figur eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in
lässig schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im rechten
Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen Strichen graviertem Wasser
die Umrisse seines Bildes beschaute. Tief am Rand war in griechischen
Lettern das Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein
mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. Das ganze
Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch.

Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den Arm mit jovialer
Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche Figur steht unvergleichlich
da«, sagte er. »Sie trägt wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers
trägt. Finden Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der
Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte erhöht.«

»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um zu ermessen, wie
die Alten solche Dinge gearbeitet haben, muß man nur die Schildkröte
ansehn. Welche Feinheit! Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie
vor allem die Idee eines Postaments.«

»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar nicht wiegt«,
versetzte Cajetan.

»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich das Gesicht der
Aphrodite durch einen fahleren Glanz von der Färbung des übrigen Gusses
abhebt.«

Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. »Nur weiß ich eben
nicht, was daran die Zeit verschuldet hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist
jedenfalls, daß der Bildhauer Silanion Silber in das Erz mischte, aus
dem das Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung
den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des Athanas auszudrücken, tat
Aristonidas Eisen in die Masse, wodurch er eine charakteristische
Rostfarbe erzeugte. Sieht es nicht aus, als ob die Züge der Venus von
einem imaginären Mond bestrahlt seien?«

Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse bewies, sah nach
der Uhr. Lamberg fing den Blick auf und lächelte. »Warum lächeln Sie?«
fragte ihn Hadwiger stirnrunzelnd. -- »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich
stets lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. -- »Und Sie
empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte den Kopf. --
»Und ihr erwartet auch nichts?« wandte sich Hadwiger schüchtern und
erstaunt an die andern beiden. »Ich habe Franziskas Wunsch schon damals
für eine Laune gehalten«, bekannte Cajetan. -- »Warum sind Sie dann
gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. -- »Erstens, weil ich mit
Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein gegebenes Wort
genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, war die Erwiderung. -- »Und Sie
auch, Rudolf?« -- »Ich glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen
Verabredungen, weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, sagte
Borsati.

Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er war dem
berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft begegnet und rühmte
ihn als einen Mann von großer Welt, der einer souveränen Macht über die
Menschen in jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er nun
geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen Besonderheit
so deutlich an sich trage, daß man sich seinem Einfluß nicht entziehen
könne. Borsati tadelte das Wort von der dämonischen Besonderheit als
einen jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die
sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, sonst nichts.
Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und sagte, er habe das Wesen nicht
begriffen, das um Franziskas letzte Liaison gemacht worden, zumal die
Ehe mit dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte führen
können.

»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger aus.

»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete Cajetan ernst
und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt untrüglichen Instinkten, und
selbst wenn sie den Weg ins Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin
als wir ahnen. Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich
hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine Treue gegen
das Gefühl, die von höherem Rang ist als die Treue gegen die Person.«

Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner verabschiedeten sich
von Lamberg. Dieser stand auf dem Balkon und lauschte noch lange ihren
in der Nacht verhallenden Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße
rasselte ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte das Gras und,
da er es trocken fand, prophezeite er im stillen für den morgigen Tag
schlechtes Wetter. Er ging dann in das obere Stockwerk des Hauses,
öffnete die Tür zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war der
Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das Tier ließ einen
freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg riegelte den Käfig auf, und der
Affe folgte ihm aus dem Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete
Speisezimmer. Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte
lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf dem Tische
stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, ergriff eine Pflaume und
biß hinein. Indessen hatte sich das Rollen jenes fernen Wagens genähert,
Georg Vinzenz lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die
Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem Schlag. Georg
Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, und, nachdem er den
Diener gerufen, damit er das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus.
»Du bist pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd und
forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften Gesprächsbeginn
aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem Gespensterhaften trüge nur die
Eisenbahn schuld, und da sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es
unvermeidlich gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei.
»Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte er, und als sie
verwundert schien, fügte er rasch hinzu: »Ich hätte dich sonst am
Bahnhof erwartet.«

Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser geworden, die Hand,
die sie beim ersten Gruß in die seine gelegt, schmaler, kälter und
schwerer. Der Mund sah wie von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus,
und unter den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle
Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie wich unter
seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige Tage in seinem Hause
bleiben könne, und nachdem er eifrig bejaht hatte, ergriff sie mit
beiden Händen seine Rechte und stammelte bittend: »Aber frag' mich
nicht! Nur nicht fragen!«

Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. Das war nicht
mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, sprühende Franziska, die
lebenshungrige. Es war eine Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine
mit letzten Kräften sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast
notwendig. Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme wühlte
und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska niemals geweint;
nicht durch Tränen, höchstens durch Lachen hätte sie Quäcola, den
Schimpansen, zu einer bestürzten Flucht in den Winkel des Zimmers
veranlaßt.

Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer liegen dunkle
Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem Blick seines Auges. Es wird
die Stunde kommen, wo es ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte
er sich. Seinem sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen.

Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der Heuduft von den
Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, das weitheraufklingende Rauschen
der Traun, all das trug dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen
konnte, denn sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht
ist.

Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier seien, daß sie den
Abend bei ihm zugebracht. Franziska hatte den goldenen Spiegel von
seinem Gestell gehoben und blickte zerstreut auf das matte Metall der
Scheibe. Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, und
sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« Lamberg, der zum
offenen Fenster gegangen war, entgegnete, ohne sich umzukehren: »Nein,
Franzi, sie werden nicht fragen.«

Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben sie eine Weile,
die Frau mit dem goldenen Spiegel, der junge Mann, in den Mond schauend,
und der Affe in taktvoll beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen
beiden.

Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden ins Hotel, um sie von
der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen und was er an Aufklärung für
geboten hielt, mit der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und
Diskretion zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde erst am Abend
kommen sollten, damit Franziska den Tag über ruhen könne. Daß man sie zu
begrüßen hatte, als wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier
mit ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und Weise dem
Takt jedes Einzelnen überlassen.

Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch der Dunkelheit
die drei zu Lamberg kamen, regnete es schon seit einigen Stunden.
Franziska spielte mit Quäcola Ball, der dabei eine erquickende Gravität
entfaltete; so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die Zähne
und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen an. »Wir lieben
uns, wir zwei«, sagte Franziska zu den Freunden, indes der Affe von
Lamberg aus dem Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter
Anbeter.«

Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte Haltung
vermissen. Stumm saß er da und betrachtete das hingewelkte Geschöpf, ein
Opfer unbekannter Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt,
ihm einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm sie an dem
lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von Paris, von Marseille,
von Rom, als ob sie allein dort gewesen und eine mißlungene
Vergnügungsreise gemacht hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich
Franziska auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den
Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal.

Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her Platz genommen, und
Borsati, der Franziskas Augen auf dem goldenen Spiegel ruhen sah,
bemerkte gegen sie scherzhaft übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt,
so wäre um das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das Thema
mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges
Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, die so oft ihre Hülle von
abgeklärter Mäßigung zerriß und Heinrich Hadwigers finstern Neid mit
vieler Laune, denn er war witzig wie Figaro.

»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, »indem sie
fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. Wer war und ist am meisten in
den Spiegel verliebt, mein Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch
immer die, daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung zu
Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede Hausfrau wird
zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen Umzug beschädigt werden, und mich
dünkt, daß auch das schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht
nur geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe einem
Diamantring, der immer wieder an der Hand eines andern glänzt.«

»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort,
das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden
andern anheimfiel.

»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu
können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn.

»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger
bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie
für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.«

»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich
Borsati lächelnd.

»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte
Cajetan.

»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt,
soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati.

»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt
die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt,
meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk
eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die
sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander
zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt
doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch
immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und
Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch
Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so
lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte
erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir
alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel
bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste
Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß,
vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt --«
Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.

Alle schwiegen. »Ich denk' es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger
Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht
eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die
weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert
mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander,
überbietet einander, -- laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!«

Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes
Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen,
von dem Unmögliches gefordert wird.

»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein;
»wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?«

»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen haben«,
antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung hinzu: »Bei solchem Anlaß
darf man niemals an den Spiegel denken.«

»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen schon Feuer. In
Ihren Augen malen sich schon die Bilder aus wundersamen Geschichten.
Nicht an den Spiegel denken, das ist es! Als Richter gleichen wir dann
nicht den Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen über
einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern wir krönen den
Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. Ich sehe keine
Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. Es wird vieles sein, was
uns aneifert; das Wort ist ja ein großer Verführer.«




Die Pest im Vintschgau


Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder seine Tasse
ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich im Geist zurückschaue,
fällt mir ja dies und jenes auf, was des Berichtens wert wäre, aber wo
ich selbst beteiligt bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall
ist, bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.«

»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus unserm eigenen Leben
erzählen, um wie viel weniger, wenn es sich um fremde Erlebnisse
handelt«, erwiderte Lamberg. »Ja, man lügt mehr, wenn man über sich
selbst die Wahrheit sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke
stellt.«

»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte Cajetan
mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie seine Augen oder sein
Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht größer als mein Wuchs. Wer sich
größer macht, wird ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand
erfüllt mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste wird wahr,
wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.«

»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, sagte Franziska
und nahm eine Miene des Bereitseins an.

»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern Schicksals, zu dem
sein Träger bestimmt ist«, entgegnete Lamberg.

»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska wieder; »ich
finde, daß der Sinn für die Schönheit immer geringer wird; man sucht
stets noch etwas Anderes daneben, Seele oder Geist oder Genie, etwas,
das mit der Schönheit gar nichts zu schaffen hat und einem nur den
Geschmack verdirbt.«

»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten die Schönheit mehr um
ihrer selbst willen geachtet hat«, antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr
eine höhere Wichtigkeit zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise
berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter von
siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, daß sie die letzten
Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett zubrachte und beständig einen
Spiegel in der Hand hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die
Krankheit in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster
dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und sie duldete kein
anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.«

»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für die Schönheit
hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im Jahre 1750 verdiente sich ein
Londoner Schuster eine Menge Geld dadurch, daß er für einen Penny den
Schuh sehen ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte.
Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben vor einem
Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere hundert Menschen die
ganze Nacht über auf der Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre
Karosse steigen zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.«

»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der Männer«, nahm
Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein Jüngling in einer burgundischen
Stadt war von der Schönheit seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach
dem ersten Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst
erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die Pilger von
Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal des Propheten gesehen haben,
um ihre Blicke von nun ab vor Entweihung zu schützen.«

»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete Borsati; »ich glaube
ihm nicht eine Silbe.«

»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum eine Vorstellung von
der Energie und Glut machen, mit denen man sich damals einer
Leidenschaft hingab.«

Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er's getan hätte«, sagte er,
»was wir erdenken können, kann auch geschehn. Ich wehre mich nur
dagegen, daß man aus unserer Zeit die großen Empfindungen hinausredet,
um eine nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen zu
schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren Zeugen wir selbst
werden, anders aus als die mit dem Galeriestaub der Überlieferung, und
ihre Verfeinerung oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein
finsteres und brutales Gegenspiel.«

Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte.


»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut zu Gast. Man kannte
mich in der nahgelegenen Stadt, und weil der ansässige Arzt über Land
gefahren war, wurde ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus
gerufen, wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß in
die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war hoffnungslos, Linderung
der Schmerzen war alles, was zu tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß
ich lange an seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte
mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, fünfundzwanzig Jahre
alt, Sohn vermögender Eltern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte
er, ich gebrauche seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier;
leichtsinnig, verschwenderisch und in gewissenloser Verprassung von Zeit
und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen durchaus fähig,
war verhärtet und abgerieben durch den beständigen Umgang mit Dirnen.
Die Atmosphäre gemeiner Kneipen war ihm Bedürfnis und die
Zudringlichkeit käuflicher Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum,
wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung sah er in
diesem Treiben die Krone der Freiheit. Da geschah es, daß er auf einer
Ferienreise in ein vielbesuchtes Hotel kam und auf dem Schreibtisch
seines Zimmers einen Brief fand, der unter Löschblättern lag,
unvollendet und sicher dort vergessen worden war. Er gab mir den Brief
zu lesen, den er wie einen Talisman von der Stunde ab immer bei sich
getragen, der sein Leben verändert und zuletzt noch seinen Tod
verschuldet hatte. Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das
Schreiben von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. Man
kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht vor Armut und
Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung vergeblicher
Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, Härte und Niedertracht,
entdeckt von einem Wesen, das gläubig war und das noch immer, obwohl
mit schwindendem Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, das war
der Text in dürren Worten, die nichts von der tiefen und natürlichen
Beredsamkeit eines verzweifelnden Herzens ahnen lassen. Die Frage nach
der Unbekannten war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die
Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft geben und wiesen
auf den großen Verkehr nächtigender Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen
und Wohnort enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, als
hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren Stern vernommen. Es
ergriff ihn eine brennende Unruhe, und durch Sehnsucht wurde er geradezu
entnervt. Daß der Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und
Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, die so
beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, war ihm neu und
erschütterte die Fundamente seines Lebens. Er studierte den Brief wie
ein Egyptolog einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten
Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede Silbe, jeder
Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, daß sich ein Charakterbild
der Schreiberin immer fester gestaltete, daß er ein Antlitz sah, die
Geberde, das Auge, daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die
ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die andere,
wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter von Frauen und Mädchen zu
finden, die dem erträumten Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten,
ging zu Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate
in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, seinen Eltern,
seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem Wahn sagte er sich: unter
den Millionen, die diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist
meine Bestimmung, sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich alle
meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den Tausenden, an denen ich
täglich vorübergehe, weiß vielleicht einer von ihr; mein Wille muß so
stark, mein Gefühl so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß
ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen Weg zu ihr bahne;
mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding und nicht wert, geboren zu sein.
Im Verlauf der Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das
Ungestüm seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich die Natur
einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte widersetzt. Nur sein
Wandertrieb wurde nicht geringer, und so kam er denn auf einer Fahrt vom
Norden her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil ihm
plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen Stadt, vielem Licht,
vielem Lärm und vielen Menschen graute. Während er traurig und müde
durch die dunklen Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich
abgelegenen Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert hielt und ihn
einzutreten bat. Er folgte willenlos und ohne Bedacht, als sei er an dem
Punkt seines Lebenskreises angelangt, von dem er einst ausgegangen. In
der Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er ohne Anteil
beim Wein Gesellschaft leistete, und unter denen eine durch stumme
Lockung ihn seiner Apathie zu entreißen vermochte, so daß er mit ihr
ging. Es war alles so still in mir, sagte er, und als ich die elende
Treppe hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung sei
und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, immer tiefer bis ans
letzte Ende der Welt. Als er das Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner
Ledertasche der Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte,
das den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein
geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt den Brief in die
Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, stutzt, wiederholt den
Blick, schaut den jungen Mann an, eine Frage drängt sich auf ihre
Lippen, ein Schatten auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da
erweckt ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam wach,
erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die Schrift kenne, sie
entfaltet das Papier, liest, Erinnerung überzittert ihre Stirn, durch
Schminke, Elend und den Aufputz des Lasters hindurch zuckt eine Flamme
von Bewußtsein, sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme,
und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins schreit aus
einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter empor. Nur noch vier
Worte: Du bist's? Ich bin's! Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz
darauf fiel der tötende Schuß.«


Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile sagte Cajetan:
»Schade, daß ich den Brief auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Könnt'
ich ihn lesen oder hören, so würde mir der junge Mensch verständlicher
werden. Es hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen
Dokumenten auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich bleibt ja
die Verkettung der Umstände noch immer erstaunlich genug --«

»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn Franziska, »daß eine
Person, die einen derartigen Brief zu schreiben imstande ist, in drei
oder vier Jahren so tief sinken kann.«

»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, Franzi, das
verwandelt! Ich habe in London eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre
Söhne und ihren Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte
sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, im Herbst
desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen Morphiumhöhle, einer
schauerlichen Katakombe des Lasters, erstochen.«

»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« fragte Franziska
kopfschüttelnd.

»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff.

»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch doch nicht
gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd ein. »Es gibt --«

»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn man hungert? In den großen
Städten nicht. In den Romanen vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es.
Aber sie bricht auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.«

»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte Borsati ruhig. »Und
es muß sie geben, sonst würde ja die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.«

Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes
Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden Stühlen und das dumpfe
Brummen einer Männerstimme folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg
lächelnd und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen.
Cajetan begleitete ihn aufregungslustig.

Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und da er die Tür seines
Käfigs unversperrt fand, hatte er sich ins erleuchtete Badezimmer
begeben, war in die Wanne gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu
seinem Entsetzen eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit
dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend und zitternd
vor ihm geflohen, und nun standen Tier und Mensch einander gegenüber,
jenes zähnefletschend und schuldbewußt, die Backen in possierlicher
Schnellbewegung, dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes,
rachsüchtig und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte sich
der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener anklagenden
Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem Unwillen durch Worte Ausdruck.
»Gnädiger Herr, mit der Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. --
»Sie müssen ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. -- »Da
ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der gnädige Herr so
verwöhnen«, war die Entgegnung. »'s ist ein falscher, treuloser Geselle,
das ist er, ich verstehe mich auf --« Schon wollte er sagen: auf
Menschen, verschluckte aber die unpassende Bezeichnung und starrte
melancholisch auf seinen Besen.

Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, dem Diener die
Hand zu reichen, der aber wich zurück wie ein Offizier, dem man das
Ansinnen stellt, mit seinem Degen eine Maus aufzuspießen. Heftig
gestikulierend ließ sich der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde
mit Leintüchern trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war
Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, und Georg gab,
als sie zu den andern zurückgekehrt waren, eine so vortrefflich
nachahmende Schilderung von dem Benehmen des Tieres, daß alle in lautes
Gelächter ausbrachen.

»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte Lamberg
schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche Dämonen zu
betrachten. Ich lebte einmal einige Sommerwochen auf der Malser Heide,
und ein junger Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte
mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, bei der ein Affe
zur Verkörperung des Fatums wurde.«

»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann:


Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der Vintschgau ein nicht viel
einsameres und karger bevölkertes Tal als heute. Die begrenzenden
Bergwände sind steil und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler
blicken hochgetürmte Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- und
Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische Laaser Stock.
Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben emporgezackt, auf den
Hangwiesen leuchten die Blumensterne alpiner Flora, schwarze Ziegen
grasen bis hoch hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über
die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße Wasserfälle
donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel langer Engpässe und
gewundener Schluchten läßt im Innern der Gebirge tiefere
Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem zerklüfteten Gestein sieht man von
Meile zu Meile uralte Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und
die Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das
Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um die schwärzlichen
Moränen. Aber der Winter ist selbst im untern Tal hart; es heißt, daß
die krankhafte Langeweile vom Oktober bis zum April fast alle
Regierungsbeamten zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz
übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; nur nach Meran
führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt leichtes Volk, das viel lacht
und wenig denkt. Im Vintschgau denkt man viel; seine Menschen sind
hager, schweigsam, wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen
kaum verwandelt.

Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht von Belang sind in
einer Welt, wo die herrische Natur während der längsten Dauer des Jahres
ihre Geschöpfe in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute
die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten,
vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, die damit verknüpft
waren. Die Geschichte spielt zwischen den feindlichen Familien Ladurner
und Tappeiner, die bei Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der
Etsch wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz und
Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der Mündung des reißenden
Plimabachs. Die Zwietracht bestand schon seit mehreren Geschlechtern und
niemand kannte die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte
Brücke sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten über
Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, jedenfalls war es
der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, wo Blut gegen Blut steht.

Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, daß gerade die
überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden Familien
plötzlich und in natürlichem Widerpart gegen eingefleischte schlechte
Instinkte einen Bund zweier Herzen hervorbringt und das Element der
Liebe sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung der
Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen wurde, geschah es nicht,
weil die Liebe stärker war, sondern weil eine allgemeine Vernichtung den
Untergang der Liebenden begleitete.

Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders
eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die
einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen
Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin
erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer
Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche
Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst
vor kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch
keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten.

Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen und
der junge Franz Tappeiner, der sich in Gesellschaft einiger Kameraden
aus Morter befand, aneinandergeraten, und es sah aus, als ob es nicht
bei drohenden Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, als
die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf den Arm legte und
zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner das Mädchen gewahrte, das feste
Schultern und Zähne wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf
sie zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung rief
auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen hervor. Sie hielt
seinem Betrachten stand, und ihre Augen blickten starr wie die des
Adlers, bis sie der Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und
hinwegzog. Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, indem er sich
wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, und als er hinter Romild
wieder an dem Strick angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden
Volk trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand eines
vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf und ab und wehte mit einem
florentinischen Fächer ihrem haarigen Gesicht Kühlung zu.

Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. Auf einmal hielt die
Äffin inne, ließ die glühend unruhigen Augen über die versammelten Köpfe
schweifen, und in ihren Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit
eines Wesens, das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, sich
in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre Blicke auf dem
Antlitz der jungen Romild haften; das zarte Menschengebild schien es ihr
anzutun, sie fletschte in grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ
mit einem Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem Nagel
hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den überlangen Arm aus, um
das Mädchen zu betasten. Mit einem einzigen Schreckensschrei wich die
ganze Menschenmasse zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf
der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem Handgelenk
des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz seiner knabenhaften Jugend
als ein Mensch von großer Stärke galt und den knöchern-schmächtigen Arm
des furchtbaren Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber
sogleich spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, daß er
stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer Raum um ihn und Romild
entstanden, den die Äffin durch heiser bellende Schreie vergrößerte, und
Männer und Weiber begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die
bestürzten Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht sahen, liefen
beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer hatte Geistesgegenwart
genug, den dicken Strick, der unter den Röcken der Äffin am Knöchel
eines Fußes befestigt war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen.
Aus einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das bleiche
Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die heillose Verwirrung.
Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes Zeichen, denn kaum hatte
sie den Mund zum Ruf geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um,
trottete wie ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit
gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer bewegend, in
boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der Häuser empor. Indessen
ging der Wunderdoktor auf Franz zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch
das Blut von der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und
schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild war
verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner Begleiter, die sich
wieder zu ihm gefunden hatten, hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf
eine Gelegenheit, um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich
gedulden, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er wie fliehend
an Gärten und Schänken vorüber, wo überall an rasch gezimmerten Tischen
und Bänken die Vintschgauer beim Wein saßen und das aufregende Ereignis
beredeten. Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, und
wie er dort am Tor stand und in die fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel
ein Schatten über ihn, und aufschauend sah er Romild neben sich. Das
glitzernde Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe verfolgte
die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend den Torweg verließen
und im Abend, rätselhaft gesellt, verschwanden.

Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, Romilds Dorf
entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung von Gefahr, und als sich zur
Linken eine Schlucht öffnete, folgten sie ohne gegenseitige
Verständigung einwillig dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe
hellte sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes
Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte Fahne über ihren
Köpfen. Anrückende Felsen machten den Uferpfad ungangbar, und sie
schlugen die Richtung nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von
St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich nieder und
beteten, darnach küßten sie einander und nannten sich zum erstenmal bei
Namen. Statt ins Dorf zurück, marschierten sie tiefer ins Gebirge
hinein, um sich ein Hochzeitslager zu suchen, und Romilds stolzer Gang
und die gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend vom
Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten sich in frauenhafte
Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. Als die bläulichen Ferner des
Angelusgletschers über dem Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward
ihnen fast heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer Welt,
die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie selbst einander
waren.

Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken trieben sie zur
Flucht vom Lager, und sie kamen zu einer Sennhütte, wo sie Milch und
Brot empfingen. Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends
stillten sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner gegeben,
und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. Wenn die Nacht kam,
glaubten sie Himmel und Sonne nur einen Augenblick gesehen zu haben,
weil ihnen die Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie,
ich weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander
geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne Erwägung der Zukunft,
leidenschaftlich in Trotz und Furcht, denn die Angst vor dem, was sie
bei den Menschen erwartete, hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines
Tages nun kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit
Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu vor ihnen
und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, was sich drunten im Gau
ereignet habe, und er erzählte, daß die Goldreiner schon am
Pfingstmontag über den Fluß gegangen seien, um die in Morter wegen der
entführten Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die
Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern verklagt, daß
sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen hätten. Die Redeschlacht habe
so lange gedauert, bis die von Morter zu Hirschfängern und Flinten
gegriffen, um die Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das
Gerücht gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders die Pest
ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen Gaukler mit sich geführt,
habe die Krankheit eingeschleppt. Ein großes Sterben habe begonnen; von
feindlichen Unternehmungen zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die
Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen Leute auf
geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem Rat«, so schloß der Alte,
»und geht hinunter zu den Euern, damit der Zauber geendet wird.«

Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie sich auf, um
heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in Traurigkeit verkehrt, und das
längst; seit der ersten Umarmung hatten sie keine Freude genossen, aus
der nicht grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der
Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, ein Druck der
heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, dann ging jedes
seinen Weg.

Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte Licht, und alle
Tore waren verschlossen. Als Franz das Dorf betrat, grüßte ihn kein
vertrautes Gesicht, überall war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er
klopfte ans Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff
erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster wurde
geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte ihn an. Ihr Schrei
rief Vater und Bruder herzu, man ließ ihn ein, aber da er auf alle
Fragen nur halbe Antwort gab und schließlich verstummte, betrachteten
sie ihn ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß die Äffin
den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal herumtreibe; wer ihr nah
komme, der werde von der Pest ergriffen, die von Naturns und Kastelbell
bis Eyrs hinauf Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe.
Schweigend lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende
Teilnahmslosigkeit brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm alle Schuld
zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, so wäre das Land verschont
geblieben«, rief er, »und weil du mit einer Ladurnerin davon gegangen
bist, darum ist ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich
stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, sie habe
die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, das noch offen war. Die
Mutter warf sich Franz zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu
lassen. Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, wollte
hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der Faust, da rief ihn die
Schwester fieberhaft bettelnd zurück, und er nahm wahr, daß die
Krankheit sie gepackt hatte, denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das
jenes Frauenzimmers, das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er setzte
sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie die Beulen unter den
Armen, das Fleisch zerging unter der Haut, und als sie starb, hatten
ihre Züge den Ausdruck der Gorilla-Äffin.

In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll war der einzige
Laut des Lebens. Nachbarn hüteten sich, einander vor die Augen zu
kommen. Der Himmel schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war
der Tag, Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. Von
Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster in Neuratheis,
segneten die Leichen vor den Haustoren und trösteten die rasenden
Kranken. Es ging kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein
Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein Glockenecho brach
sich an den Bergen. Aus Furcht vor dem Affen wurden die Fenster verhängt
und die Türen verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche
doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz den Bruder
erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte der Vater den ersten
Frost. Als die Sonne untergegangen war, pochte es ans Fenster, die
Mutter schlug vor Grausen die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier!
Das Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden und erblickte
eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum am Brunnen stand. Er
erkannte Romild, die aus dem zinnernen Becher mit der Gier einer
Gehetzten Wasser trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund
winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß er noch lebte,
zog ihn das Mädchen bis zum Rand des ausgetrockneten Bachs. Sie hatte
noch immer die herrisch-gerade Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war
entfärbt von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten sie
beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, aber nun
kam sie von einem Haus der Toten und Todgeweihten; der Liebeswille hatte
sie getrieben, den schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand
sie, flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns ein
Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, steckst du eine
brennende Fackel übers Dach, ein gleiches will auch ich tun, so wissen
wir doch täglich voneinander, daß wir leben«. Franz war damit
einverstanden; die Häuser beider Familien waren so gelegen, daß ein
Feuersignal von einem zum andern wahrgenommen werden konnte.

So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde flammte von Goldrein und
von Morter aus ein brennendes Scheit übers Tal: wie zwei irdische
Sterne, die einander grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz
sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, zwang er der
Mutter, deren Herz schon erstorben und hoffnungslos war, das Versprechen
ab, an seiner Statt das Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese
Pflicht treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr Gewissen zu
betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit und Entehrung. Aber
als der Einzige und Letzte des Stammes langsam zu genesen anfing, fand
sie sich belohnt, und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott diesen
Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, von der Pest einmal
erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. Am neunten Tag war er
imstande, das Bett zu verlassen; zwei Tage später versuchte er, nach
Goldrein zu wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende
Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben abstehen.
Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen Fackelbrandes vom
Ladurnerhof gewahrt, indes die Mutter willig über seinem Haupt die Lohe
hinausreckte, fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage
später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er wählte den Abend
hiezu, weil er sich bei hellem Licht der Beachtung der feindseligen
Sippe nicht aussetzen wollte. Er wußte nicht, daß es keine Feinde mehr
dort drüben gab und daß der Gau entvölkert war.

Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die Brücke ging, und
er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels die Stunde. Noch sah er die
Fackel nicht, so daß er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie
seinem Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, der Platz,
und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst leise, dann laut. Da ihm
keine Stimme antwortete, auch kein Schritt hörbar wurde, öffnete er
ungeduldig die Türe und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn
zu einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite befand sich
ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster wurde die Fackel
hinausgehalten, und ihr Schein erhellte düster und mit beweglichen
Schatten rückstrahlend den Raum. Aber es war nicht Romild, in deren
Händen das Holz brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier
kauerte am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in gräßlicher
Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser Nachahmung, die sich
im Hinausstrecken des Armes mit dem brennenden Scheit kundgab, war noch
schrecklicher als der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp
vor den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet lag, die
Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige Haut blutbesudelt, der
Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, die toten Augen weit geöffnet und
von der Kohlenglut unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz
Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten wird. Der
Affe schleuderte die Fackel weg, packte den Wehrlosen und zerbrach ihm
mit einer spielenden Gleichgiltigkeit das Genick. Dann begann er
abermals, stumpfsinnig wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild
nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, im Fieber
vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete Zeichen gab. Es war
aber in seinen großen Urwaldaugen die instinktvolle Melancholie der
Kreatur, die von weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz
bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose Werkzeug eines
unerforschlichen Schicksals bleibt.

Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben.

Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse eintraten,
während welcher sie, von Bauern und Hirten verfolgt, durchs Martelltal
irrte, bei einem Ausbruch des Stausees am Zufallferner von den eisigen
Fluten erfaßt wurde und elend ersoff.




Der Stationschef


»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen
Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb,
»der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser
Philister wie gewisse Quäcolas.«

»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen
gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe
ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild,
daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze
blickte.«

»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich
Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche
Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das
mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die
erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht;
oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart
ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich
für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes
wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich
auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein
wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem
Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen.
So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er
hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht,
freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum
erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und
brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und
beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse;
seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu
verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn
ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie
führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um
Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur
wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von
seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für
Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die
ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht
mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt
hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich
überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und
in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den
Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den
Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig
vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.«

»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich
würde sie 'der junge Hirt' nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich
hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes
Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering
wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung
werden.«

Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«,
erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des
Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht,
können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.«

»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan.
»Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol
für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine
fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen
armseligen Sinn sie nicht spüren.«

»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu
grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger.

»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen
werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie
enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie
eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten
unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte
und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der
Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um
uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen
Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den
Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln,
wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch.
Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es
passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines
bürgerlichen Nero zurückgeführt.«

Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen.


Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der
Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein
gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende
Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal
innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan;
nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer
Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu
betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll
Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um
vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er
erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit
Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus
eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame
erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen
Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu
betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs
um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines
vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete
Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste
Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen
Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso
oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der
Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von
Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll
eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen
wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die
Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus
dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den
verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und
Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise
verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen
von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten
Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe,
die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und
durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er
bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit.

Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren
versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu
befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so
tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit
verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die
menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die
Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins
Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung,
breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die
nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen
Schätzen und Wertpapieren sitzt.

Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung
zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend
nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter
diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein
Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im
Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden
mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu
bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde.
Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden,
der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß
der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet
sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden,
wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten
geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und
seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es
zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und
Brotstelle gejagt wurde.

Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines
pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er
glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens
war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von
Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht
bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in
der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd
fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der
Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen
Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen
Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich
erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und
schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an
Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder
in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an
ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und
die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an
ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt,
daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt
von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen,
so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr
vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet
eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein
totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam
der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und
da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio
Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation
gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken;
er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen
Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust
erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als
das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen
erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und
wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen
neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten
die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr
mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während
er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten
Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie
gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten
nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von
außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des
Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den
Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so
eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde
drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste
trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das
Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich,
gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut,
die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode
selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga
schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee
bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff
ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern
Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war,
entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging
in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich
pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der
Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie
sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch
klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil
sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich
ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu
verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein.


»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte
Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme
Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines
häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein
Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit
zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres
Frauentum darin liegt.«

»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den
Engel erlöst.«

»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich
die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache
bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem
Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und
Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher
geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder
ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen
derer, die eingreifen und zermalmt werden.«

»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und
gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit
zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete
Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor,
daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da
im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße
Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich
die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste
ungehemmt sich betätigen dürften, -- das Land würde rauchen von den
Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein
Fanatismus fordern würden.«

»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen
Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d'Herbois war ein mittelmäßiger
Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater
spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten,
die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen
müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot
d'Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was
ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen
Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging
d'Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es
anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein
Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs
Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die
die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen
Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder
Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem
Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten,
der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und
nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung
der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine
Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er
gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.«

»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre
geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend.

»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska
traurig.

»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist
jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine
Begabung, lasterhaft werden muß.«

»Dieser Collot d'Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus
dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung
seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour
rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus
Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb
und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er
wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische
Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit
einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor
dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in
die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines
Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter,
der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder
anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt
verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden,
denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das
Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit
jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die
Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem
Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden
Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten
ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die
vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele
Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen,
als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich
glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der
Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.«

Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den
Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln
abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da
Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema,
noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers
Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer
bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch
auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen
Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die
Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska
ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen
heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen,
ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den
Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben,
allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd.

Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes
gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was
dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er
auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise
in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine
Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle
Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die
Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie
vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger
Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, -- Verzeihung, auch
an die Frau.«

Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe
die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht
selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es
verdient.«

In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und
Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie
unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als
die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen,
welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte
Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und
es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des
Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne.
Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung
bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten,
der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da
vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für
Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine
ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse
man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch
zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man
wagen und wie weit man gehen dürfe.

Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa
Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen
Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und
schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie
gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der
Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer
Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände
in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen,
woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern
fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein
mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das
mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum
wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab
dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er
sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte
den Ausdruck ungeheuchelten Kummers.

Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit,
daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten
erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu
unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von
einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie
gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren
hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich
einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen
mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen
den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder
Wille könne da nur zerstörend eingreifen.

Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen
an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der
Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden,
die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so
naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für
immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den
unfreundlichen Elementen zu überliefern.




Geronimo de Aguilar


Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als alle bei der
abendlichen Lampe wieder versammelt waren, begann Cajetan seine
versprochene Erzählung wie folgt.


Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die Geister des alten
Europa bewegte, lebte in Spanien ein verarmter Edelmann namens Geronimo
de Aguilar, ein ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph
Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur den einzigen
Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. Aber da war guter Rat teuer.
Als Matrose oder Soldat oder selbst als untergeordneter Offizier auf
einem Schiff zu dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die
Leitung auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte man
entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb nichts übrig, als
sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo sich mit Recht sagte, daß
jede Stunde kostbar sei und jeder verstrichene Tag ihn einer
unwiederbringlichen Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen
Nächte über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend vor
ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens bis abends
beschwatzte er Freunde und Bekannte, saß in den Vorzimmern hoher und
höchster Herren, reichte Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen
ein, und mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit
jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen.

»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz Columbus erreicht
hat, ist noch nichts, und wenn man mich gewähren läßt, will ich zeigen,
daß es nichts ist; ich will euch die Atlantis der Alten wiederfinden,
will Länder erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns
Pflastersteine, und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück,
daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben könnt, wie sie jetzt im
königlichen Tresor bewacht werden. Aber säumt nicht länger, denn die
Zeit ist trächtig.«

Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine schwarzen Augen
brannten, als ob der ganze Mensch mit Feuer angefüllt sei. Viele hielten
ihn natürlich für einen Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext,
aber es gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß es den
Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu schicken, und daß ein
Mann, der die Kraft zu großen Geschäften in sich spüre, nicht mit der
Bescheidenheit eines Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines
Tages ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der vom Hof
verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, zu sich kommen, und indem
er auf einen mit Goldstücken bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier
sind zehntausend Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen
und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu opfern. Rüsten
Sie damit die Brigantine Elena aus, die mein Eigentum ist und im Hafen
von Cadix vor Anker liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren.
Höre ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld und
Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter Dinge zurück, so
sind Sie durch den Verlauf des Unternehmens nicht nur als lächerlicher
Rodomont entlarvt, sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren
Übermut und Dünkel zu bestrafen.«

Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos Blut in
Wallung versetzt; in diesem Augenblick empfand er nur überschwängliche
Freude; er nahm stumm die Hand des Grafen, beugte sich nieder und
drückte sie an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild
man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, gesammelt und
maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung und Befrachtung des
Schiffes wußte er zu nutzen, was seine Vorgänger durch Erfolge wie
Mißlingen ihn gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und
Tüchtigkeit, daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende war. Zu
Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen beendet, und an einem
klaren Oktobermorgen lichtete die Brigantine die Anker und stach in See,
begleitet von den Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo
stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine Flamme, als ihm
das Vaterland den letzten Gruß schickte. Er ließ kein Herz zurück, kein
Gut, keinen Freund, nicht einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es,
und er bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden Visionen,
hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen zärtlicher Art.

Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung
lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen
Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne
niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer
Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen
Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken
lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo
dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas
des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen
und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann,
das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es
befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt
über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im
Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und
mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen
Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen
Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden
verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat,
Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als
verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?

Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder
einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine
Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese
Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der
Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die
leibhafte Erscheinung gebunden war.

Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele
Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten
trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war
zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener
Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf
ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll
Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden
und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine
Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie
das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine
Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten
Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und
fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar
zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft
vom Meer verschlungen.

Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den
selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus
Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde
von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen
geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen
Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen
umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer
half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf.
Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete
nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die
Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte,
die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie
ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen
Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen
Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren
prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme
sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder
Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten
Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit
Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger
Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm,
gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der
Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen
Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn
in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte.

Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der
Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er
Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines
Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum,
unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl,
auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd,
die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten,
jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder
Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der
er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so
schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch
unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das
märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das
Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der
selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein
war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug
ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine
Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht
geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem,
was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine
Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher
Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen,
versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in
ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte,
die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten.

Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine
Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er
sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde
sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden
durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen;
ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren,
erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche
Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte.

Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung,
derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von
Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der
Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser
Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen
Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken
gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte.
Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit
Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in
jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser
hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des
Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester
beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines
unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen
Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen
Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert
und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt
werde.

Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl
verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der
Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in
seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und
folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit
Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch
imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber,
denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich
denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt,
was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung
der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die
Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns
wohnen.«

Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle
einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs
Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren
konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil
und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu
richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf
sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren
er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast
unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom
Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen
aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande
brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo
doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot
eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.

»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und
vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den
düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft
flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten.
-- »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. -- »Ein solches
Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge
Herrscher. -- »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie
lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor
Erregung, zu verstehen. -- »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«,
entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften
Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich
erneut.«

Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die ihm verstattet war,
denn der Mond stand jetzt in seinem Anfang. Er bereitete sich zu
unablässiger Wachsamkeit vor, aber wer weiß, wie es ihm trotzdem
ergangen wäre, wenn er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn
bewachenden Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben aus
den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war ausgebrochen und
hatte den Knaben, der schon aus vielen Wunden blutete, überfallen. Mutig
stürzte Geronimo hinzu, ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu
gebrauchen und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern Tag kam
der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar gekleideter Mann, in
sein Haus, dankte ihm bewegt, sah ihn tief und lange an, neigte sich
plötzlich zu seinem Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst,
Fremdling, bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten
Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den Tod, weil er das
Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen Fürsten verraten zu haben.
Einige Tage später kam ein Abgesandter des Kaziken und fragte den
Geronimo im Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den
Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte eine tiefe
Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur ernst und verneinend den
Kopf. Wenige Stunden hernach stellte sich ein zweiter Sendbote ein und
verkündete, das schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von
reinen Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; der Fürst
werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre ausschlage. Durch die
offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit doppelt zur Vorsicht
gemahnt, wiederholte Geronimo seine Weigerung in gleicher Form.

Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war er nicht wenig
erstaunt, sich in einem andern Raum zu finden als der war, worin er sich
zur Ruhe begeben. Es war ein von oben matt erhellter Saal, voll von
einer bläulichen Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren von einem
Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, den diese Blumen
ausströmten, hatte die eigentümliche Folge für Geronimo, daß er seine
Gedanken lähmte und zugleich eine fieberische Begehrlichkeit in ihm
aufregte. Die Mexikaner besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der
Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit Wirkungen hervor,
die sonst nur von Giften und narkotischen Getränken erzeugt werden. Auch
liebten sie die Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere
Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit Blumen geschmückt, in
Prozessionen durch die Landschaft zogen.

Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete Portal
schritten und sich ihm näherten. Sie trugen schöne Gegenstände in den
Händen: goldgewirkte Stoffe, goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich
verziert waren, ein Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit
Perlen gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und aus
Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen Blättern
umgeben, und die beiden letzten stellten einen Springbrunnen vor ihn
hin, der einen funkelnden Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine
Vögel, ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem Staunen
betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm der älteste der
Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, sagte er sich, daß man
mit solchen Herrlichkeiten eine ganze spanische Provinz reich machen
könne. Dennoch verzog er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf
der Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach einer Weile
erhob er die Augen und sah an der Längswand des Raumes zwölf junge
Mädchen mit ebenholzschwarzen Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie
auf dem Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; dabei
lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung ziele. Es waren
drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, drei Stoffwirkerinnen und
drei Perlenputzerinnen. Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos
umher, entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten mit
falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im Chor beinahe
flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie im Wechsel den Namen Tochrua
gellend und sehnsüchtig hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die
ganze Schar kauerte sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger
Körper zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme
aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen Weise, und
die Leiber schienen sich den Gewändern wie einer neblig trüben
Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch leuchtete in sattem Karmin und
strömte einen rosenartigen Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben
und drängten sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an,
als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn wie weiche
kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte sich ab und wühlte das
Gesicht in die Kissen. So wollte er bleiben, was auch kommen mochte, und
da es nun ruhig ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er
wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und zerschlagen und
suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß er seine Gedanken
hartnäckig über den Ozean in die Heimat schickte.

In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem Blumensaal. Er
begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, daß sie ihm betäubende
Mittel in die Speisen oder ins Wasser mischten. Während die Blumenwände
gestern hauptsächlich aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten,
waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte gelbe Dolden
blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich fernem Trommelwirbel, dann
erschallten die hellen Klänge eines Beckens, dann aufregende
Lustschreie, dann ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in
der Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. Geronimo
grübelte, wie er es anstellen könnte, sich zu schützen, da wurde es
hell, und fünf zierliche Mädchen traten an sein Lager. Jedes trug einen
Smaragd von märchenhafter Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste
Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die eines Horns, der
dritte stellte einen Fisch mit goldenen Augen dar, der vierte war höchst
kunstvoll zu einem Reif verarbeitet, der fünfte und schönste bildete
eine Schale mit goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm
knieend dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, und
das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt durch ihren Kreis eine in
purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. »Tochrua!« riefen ihr die
Mädchen zu, und sie grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme
voll Metall und an den Endungen der Worte austönend wie in einem
Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste hatte sie Perlenketten
geschlungen, die durch den Flor schimmerten, und sie kam nahe heran und
sagte zu Geronimo: »Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand es
wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. Sie breitete
die Arme aus und die Mädchen zogen ihr liebkosend den Schleier vom
Haupt, da gewahrte Geronimo, daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie
Zedernholz die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie ein
aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« sagte sie, und
immer wieder, in immer neuer Musik der Stimme.

Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang dumpfer
Gesang von allen Seiten, von unten, von oben an sein Ohr. Er suchte sich
abzulenken mit Bildern, die ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den
Bildern seiner Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich
kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das wieder abnehmende
Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua als einen Schatten, jede ihrer
langsamen Geberden erweckte eine quälende Neugier in ihm, und fast
verlor er unter den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen,
Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf seinem gewöhnlichen
Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. Faul schlich der Tag dahin,
niemand besuchte ihn, schweigend eilten die Diener durch das Haus,
Markt- und Straßenlärm erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er
Tochruas Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst
begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es Abend wurde,
kam ein weißhaariger, magerer und finsterer Priester in sein Gemach,
starrte ihm eine Weile forschend ins Gesicht und sagte: »Merk auf,
Fremdling! Tochrua muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit
entfernte er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung.

In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah nichts.
Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte die tiefe List darin, und
seine Ohnmacht verurteilte ihn zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte
er unter einer hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein
Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen hielt.
Die Kuppel stand auf Säulen in einem von blauen Flämmchen geisterhaft
erleuchteten Garten, von dem man nur schwarze Laubmauern sah, und im
Laub drinnen kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen
kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. Geronimo
gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und hinabtauchendes Gesicht,
das gleichsam mitten aus einer Verzückung geflohen war, dann nackte
flüchtige Körper, die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als
dies, und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern glühten,
eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, daß Tochrua käme,
rings um sein Lager häuften unsichtbare Hände Reichtümer über
Reichtümer, die Luft war voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich
zahllose Arme nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem
Zwitschern vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden,
und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des ganzen Treibens versetzte
Geronimo in feurigen Schrecken. Es fruchtete nicht, daß er die Lider
zudrückte, er spürte die Gestalten durch die Haut, er atmete den
verführenden Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten,
auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam der
Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, und so schaute er
denn.

Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, Lende an Lende,
ungenügendes Licht machte sie wesenloser, und auf einmal erschien vor
den hold Zurückweichenden Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo
richtete sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern könne,
die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, ihr Antlitz
war ernst und betrübt; ein aufrichtiges Gefühl und edle Teilnahme war in
ihren Mienen und verkündeten dem erlahmenden Geronimo das nicht
abwendbare Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, wenn
er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen der Gefahr inne,
schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs Lager zurück und verblieb
regungslos. Als die Nacht zu Ende ging und er noch einmal mit
erleichtertem Sinn zu schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von
Mädchen und Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren,
durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite war, auch
sangen sie eine Weise, die einem Totenlied ähnelte, und klagende Stimmen
riefen: »O Malinche! O Malinche!«

Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen preisgegeben, und
der aufgereizte Zustand seines Innern verwandelte sich in eisige
Erstarrung, als sie in der nächsten Nacht, diesmal hatten sie ihn in
seinem Haus gelassen, den Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein
Sklave hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, das noch
zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut auf dem glänzenden
Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen über Geronimos Wangen, und es war
ihm, als ob alle Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich
gebrochen wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die Wollust
des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihm
bisher erstrebenswert geschienen. Es kam ihm vor, als sei er nur ein
Ding, fern vom Leben und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die
vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele gerast war, und
daß er nichts auf der Welt besessen, weil er nichts auf der Welt
geliebt. Und welche Künste sie von nun ab ersannen, ob ihre biegsamen
Körper durch den duftenden Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische
in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft lockenden
Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine Begierde, weil der Tod
sich in das beziehungsvolle Spiel gemengt, und auch deshalb, weil sie
alle so lieblich waren, Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen
den Brand der Sinne auslöschte.

In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn ins Freie. Alsbald
stand er am Fuß eines Treppenturmes, dessen breit ansteigende Stufen
sich erst im dunklen Äther zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan,
und wie er so die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein
befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, von einer
schweren Krankheit genesen zu sein, und das berückende Schauspiel, das
sich ihm bot, verwandelte vollends sein Herz.

Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: einen Himmel von
überwältigender Sternenpracht, den Horizont beglüht vom Feuer der
Vulkane, in geahnter Nähe das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend,
den blaugrünen Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und Feuerkäfer
durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, aus den Wäldern die
Stimmen kreischender Vögel, das heisere Kläffen des Tukans, den Schrei
des Baumpanthers und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst
den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform des
Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten und sich vor ihm,
zum Zeichen, daß er die Probe bestanden, zur Erde beugten, da war es
unumstößlicher Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den
Europäern Kunde von diesem Land geben konnte.

Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat mußte man
glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, und Jahrzehnte,
Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte er, bis ein anderer Seefahrer
an diese Küste verschlagen wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein
neues Land und faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob
es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank verschließen
kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau
gezwungen, plötzlich Vorzüge des Geistes und des Körpers an ihr findet,
die ihn veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr
aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. Nun
liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen Himmel mit einer nie
gekannten Inbrunst; er liebte die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut
schienen, die undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den
Heuschreckenbaum, den Armadill, das Jaguarrohr, das über vierzig Fuß
hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken von Wipfel zu Wipfel
schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen rührte ihn umso tiefer, wenn er
sie mit der Lasterhaftigkeit seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges
Schreiten, ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen Tier
und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und zweckbeladenen
Schwere, die er in der Heimat gewohnt war zu sehen. Er erinnerte sich
der Unbill, die er von Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß
verschlungenen Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; und daß er
dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine wunderlose Zeit und Natur
ihre Geschöpfe aus Krampf und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben
verdammte, dünkte ihn kaum noch begreiflich.

Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art des Fremdlings
nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn mit Geschenken, und Geronimo
hinwiederum zeigte sich durch sinnreiche Ratschläge und allerlei
Unterweisungen des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche
Erscheinung unter ihnen genoß. So vergingen Monate und Jahre, in denen
Geronimo fast jedes Andenken an sein früheres Leben austilgte, als eines
Tages das Gerücht eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste
viele große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden Waffen, auf
grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt des Kaisers zu.
Geronimo erschrak, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner.
Er beschwor den Kaziken, ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu
bekämpfen. »Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte der Fürst,
»aber nun künde uns doch, ob diese Fremden deine Brüder, ob sie
gleichfalls Söhne der Sonne sind, und was es für Tiere sein mögen, mit
denen sie verwachsen scheinen.«

Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, und besonders die
Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. Geronimo beruhigte sie nach
Kräften, aber es war ihm klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren,
diese lieblichen, ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt
in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat des
Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt er mit dem Heer
des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie noch von dem Tal trennte, in dem
die Spanier lagerten. Inzwischen hatte der Anführer der kleinen
spanischen Schar, Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine
Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer seiner
Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener oder als Gast
konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. Er sandte Botschaft und ließ
dem Fürsten ein Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden,
sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre Gewalt
geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er vor das Zelt des Fernando
Cortez gebracht, und dieser selbst trat auf ihn zu, ein mächtig
anzuschauender Mann, blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen
jeder begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich wieder
bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen und trotzigen
Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm den Mut. Er wußte nicht, wie ihm
geschah, plötzlich beugte er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder
und begrüßte seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen
Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden und darnach die
Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab und weinte. Cortez umarmte ihn
huldvoll, viele von den Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber
was sein eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht
wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab es keine Heilung
mehr.

Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte er seine
merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu berichten. Um nicht das
Ziel des Neides zu werden, schenkte er den neuen Gefährten vieles von
seinen mitgebrachten Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur
ihre Habsucht an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt
werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh er den Einflüsterungen
Geronimos ein williges Ohr und zog mit seiner Mannschaft über das
Gebirge. Nun war er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes
und der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er das Heer des
Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt verlegte, unschädlich
machen könnte, wußte er unter der Maske des Wohlwollens für den jungen
Fürsten Geronimo dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte,
den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen Empfangs in
das spanische Lager zu führen. Geronimo ließ sich täuschen. Er
schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Cortez, wenn er die Feinde in
ihrer Übermacht erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde und
daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und mörderischen
Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er also zu den Mexikanern, und
seinem beteuernden Zuspruch, wobei er die eigene Person als Geisel
anbot, gelang es, den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und
Nützlichkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch war der
Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. Sein Zelt wurde
mit Wachen umgeben, und niemand durfte ihm nahen außer Cortez und
Geronimo, der bei den Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs
äußerste bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel
Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer wieder, daß es
nur eine einschüchternde Maßregel sei, um die Barbaren im Zaum zu
halten. In der Tat wagten die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange
ihr Herr in der Gewalt des Spaniers war.

Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich in das Zelt des
Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. Der junge Fürst kauerte auf dem
Boden; seit zwei Tagen aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo
ermuntern wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein Reh, wenn der
Winter kommt. »Rede doch, Malinche, deinem Gebieter zu, daß er mir die
Freiheit gibt,« sagte er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines
Palastes dafür ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte
Geronimo noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem Erstaunen
völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er teilte ihm die Worte
des Gefangenen mit und flehte dringlich, Cortez möge den Fürsten
entlassen. »Eine solche Bitte ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don
Aguilar,« erwiderte Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter
hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn verloren und verdammt.
Zum zweiten Mal ging er in das Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm
nieder. Der unglückliche Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte
er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine nackte Haut
sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was könntet ihr billig
verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die wir bloß Menschen sind?«

In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; Geronimo
eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt gegen das aztekische
Lager. Auf eine nächtliche Überrumpelung nicht gefaßt und durch das
Schnauben, Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten
Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos und wurden von den
Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. Als Geronimo zur Walstatt kam,
war alles schon entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an
Gold und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, die
Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt und Geronimo,
von einem leidenschaftlichen Gram überwältigt, verwünschte sich und sein
ganzes Leben. Als er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt
des gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem Teppich
hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz durchbohrt.

Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo
durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen
Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem
Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun
erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden,
die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten,
um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde
geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe
durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und
bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise
verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine
Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen
Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend
Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies
Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen
Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser
Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster
Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine
solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter
ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.«

Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den
Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos
lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern
unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge.
Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer
zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten
begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer
rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so
wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort
von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm
Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die
zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach
vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da
faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht
ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er
heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war,
löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem
Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig
mit den Rudern und fuhr hinaus.

Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie
sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine
Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten
Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie
konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er
hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten
einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er
steuern?«

Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach
einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins
Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem
einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß
niemand.




Von Helden und ihrem Widerspiel


Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der
Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den
Erzähler.

»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg
Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von
Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die
Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch
traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die
Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche
Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents
erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder
wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine
der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß
diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß
sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«

Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«,
antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen,
sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich
poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es
keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer
und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie
bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«

»Trotzdem denk' ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht
Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie
dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt,
satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der
Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen
westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen.
In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt
unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er
ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine
Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet
sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der
Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der
Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von
Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse
Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht
habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker
und in Ketten schmachtete.«

»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati.
»Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es
Auffassung, scheint mir.«

»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«,
versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß' es mir nicht ausreden, daß die
meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen
Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum
der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu
erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«

»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf
Hadwiger hin.

»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«,
sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit!
Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge
gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus
gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er
wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit
Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem
Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den
Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den
Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie
auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich
die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde
hingerichtet.«

»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer
gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt,
während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.

»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das
Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts
anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich
vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry
Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze
von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika
samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an
Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«


»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte
Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische
Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und
zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine
Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als
England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich
verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der
Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte,
griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser
Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem
Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei
Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um
in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund
gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der
grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in
aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord
wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts
ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die
Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich
wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes
Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten
Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu
retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu
bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch
erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den
andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert
oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid
und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte
sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar
bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in
Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in
unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen
Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die
Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen
sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken
entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen
unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche
Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und
endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der
Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne
Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört,
lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen
Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren
Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die
toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig
am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit
begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er
sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem
Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in
denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten,
und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner
ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das
seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und
küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur
Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser
Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat
kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und
versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es
dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines
Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und
haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein
gebrochenes Versprechen des Glücks.«


»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die
Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht
einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der
niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für
eine große Sache erfüllen.«

»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch
verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften
gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte
Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«

»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung
erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die
ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ.
Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt
keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer
ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und
worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus,
Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht
als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und
Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt,
die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten
Georg nach England gebracht wurde.«

»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele
und wir verzichten auf alle Argumente.«


»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der
Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor
den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig
erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr
ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer
liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in
ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den
Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den
seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin,
willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände
und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und
Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle,
der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der
italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach.
Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in
ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie
werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke,
Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen
Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor
sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht
kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend;
eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie
schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig
fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher
Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr
tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie
anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie
sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum
Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie
am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte:
dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen
die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus,
lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit
aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu
jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot
verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem
Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse
getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und
falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er
sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit
den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach
mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als
sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich
nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie
endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein
Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll,
und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die
Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen
herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr
besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so
schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der
sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts,
wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für
immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte
sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«


»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene
Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war
der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine
Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«

»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«,
antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen
betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie
vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und
Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und
die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar
Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«

»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte
Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als
ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und
wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die
Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«

»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem
Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja
alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das
heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da
er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die
Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte
ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher
Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige
Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur
Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung
seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine
Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem
Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr
unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem
Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man
treffen kann.«

»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte
Lamberg.

»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich
Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit
der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich
erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.


Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach
zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn
auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten
Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war
sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine
reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als
Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel,
und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann
gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn
übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit
ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie
beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde,
sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und
betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein.
Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er
brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges
Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume
hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts
fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche
Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es
war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von
schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und
Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter
Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war,
zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von
M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate.
Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in
der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper
und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der
Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen
einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen
verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des
Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren
Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte,
Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu
sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen
oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen
jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen
Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit
gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit
rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr
einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert
immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er
sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer
Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein
wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war.
Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für
allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens
stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner
künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das
ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß,
der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den
Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an
Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende
Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er
Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz
sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und
jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist
an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte
Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und
Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines
Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er
nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die
Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug
zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine
Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre
alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden
Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert
hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß
angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender
Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte
ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten
einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse
heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus
entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu
kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein.
Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling,
und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen
Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer,
in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie
lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war
ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch
immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit
schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war
wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So
erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der
Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie
über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer
erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er
nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch
knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter!
oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe
vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden.
So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb
wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an
der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«


»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati
sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der
Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens
ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in
Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir
atmen eine unheroische Luft, Freunde.«

Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden
Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz
der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster,
Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die
Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte
sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen
Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.

»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei
abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr
wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am
Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen
Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der
Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann,
ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu
geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos,
und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen
ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau
verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige
Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und
Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es
spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein
Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein
Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch
vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie
folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der
schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern
vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den
tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde
angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen
Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig
geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter
Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu
überzeugen.«

»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und
Schwarz gewinnt.«

»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn
nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der
Bankhalter diktiert die Einsätze.«

Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf
einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für
vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war.
Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre
weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die
Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die
Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen
körperlichen Schmerz.

Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig
pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.




Der Tempel von Apamea


»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag
zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich
so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm
bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.«

»Ich wußt' es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er.

»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska.

»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge
weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust,
und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu
beichten.«

»Zu beichten? Wie meinst du das?«

»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren
sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht
denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.«

Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.

»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg
das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so
rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen
die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man
sich und andern unbequem.«

»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab,
und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.«

»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt' ich nichts dagegen,
und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.«

»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.

»Vielleicht. Oder wenn _du_ reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor,
unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann
wollte ich --« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf
ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie
wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie
verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um
sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge
über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt
aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf;
ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte
Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.

Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit
Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier
guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es
ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er
spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg
wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche
Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es
kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine
Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar
alte Münzen.« -- »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar
anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« --
»Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der
vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher
auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike
zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät
sich selber.«

In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit
ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich
Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen,
schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul
kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur
wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, --
vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen
Inselstrand, -- dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle
Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen
Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen
sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne.
Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen
ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen
Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die
lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem
höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.

»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte
heran.

»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.

Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht
gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.

»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.

»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach
Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem
Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal
greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig
gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir's.«

Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht
Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung
geben, daß er Sie nicht versteht.«

»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.«
Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn
Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir
ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska,
»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.«

Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt
noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war
gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die
verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer.
Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze
Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie,
als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie
mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir
kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht
kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.«

Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von
ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen
Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die
Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«

»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben
habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und
doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von
Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«

»Angenehm«, murmelte Borsati.

»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr
das junge Weib fort.

»Nun, -- süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf
schüttelte.

Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler,
erdig-keuscher Geruch.«

»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.

Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte
plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich
fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal
traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er
so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen
Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen
über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns,
starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das
werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und
erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die
andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor
Erstaunen aufgewacht.«

»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt
eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine
Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im
Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine
Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen
dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben
Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend
auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.

»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in
einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die
Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen
gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit
zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht
gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot
ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der
Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher
Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird.
Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander
die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich
eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin
ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren
Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der
mich mit verderbten Blicken anstarrt.«

»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war
voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen
Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem
dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr
neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig
warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von
oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein?
Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst
um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«

»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«,
sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld;
Ungeduld ist Wollust.«

»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden
Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da
stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig
wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in
einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich
sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften,
sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in
ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann,
ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und
widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden
zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter
Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie
stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich
plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt,
stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich
weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich
überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und
ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende
ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie
opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.«

»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist
sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind
deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder
schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie
mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich
plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen
sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da
ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre
ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde
mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern
Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir
ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit
unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte,
war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel
herabnahm, um mich zu betrachten.«

»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz,
»eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in
der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich
zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht
glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese
Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich
suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte
nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes
erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und
mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn
grenzt.«

»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte
Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis.
Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann,
dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe
geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht
hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder,
jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf
einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern
ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet,
auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in
den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen
ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich
nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und
kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber
immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln
übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem
Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist
aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die
vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er
hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn,
daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.«

»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich
Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch
ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art
wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am
Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber
ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus
einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen
vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die
Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte
stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich
den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich
von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen
den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten
schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche
Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad
nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich
kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie
bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und
alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich
hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt
hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«

»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber
vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt
geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter
und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner
Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich
kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie
wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum
sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man
ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur
das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je
dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und
Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der
tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze,
schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«

»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«,
versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der
Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der
Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und
ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das
Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber
traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so
geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild
hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und
wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum.
Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die
Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein
tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die
Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein
jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben
sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu
werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte
Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom
Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug' in
Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor
geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an
Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie
sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam
schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille
entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die
Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das
einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum
Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so
plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die
Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der
körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen
aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm,
bis sie beide sterben.«

»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte
Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der
Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«

»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief
Franziska.

»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar,
und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon
Geschichte oder Gedicht.«

Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne
fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von
Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen
sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und
keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat
war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle
Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die
man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war
gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie
stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie
an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt
verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und
schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und
postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend
nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl
geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise
gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn
vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«

»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht
merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser
Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein
Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete
ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch
nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen.
Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche
Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er
eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige
aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß
er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen
Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die
ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn
sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes
Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem
eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen
dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter
Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle
Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu
teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer
Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück
selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus,
um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ
er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig,
sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte
und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen
luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau
am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei
Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im
Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte,
tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste
in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten,
von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er
während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug
viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg,
und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit
und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich
eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein
großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit
sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die
Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine
Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen,
damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber
niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann,
dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder
aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war,
erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen
vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion
erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß
sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen
Juden versprach.«

»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich
kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus
herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte.
Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre
hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und
Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien,
als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«

Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine
Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von
Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle
weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine
Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie
diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten,
so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte
sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in
ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren,
sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine
Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins
Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die
imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen
der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich
gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf
die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen
blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines
Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war
fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren
durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken
zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn;
plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was
die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich,
ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines
Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube
folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen
hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es
dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die
Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß
sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin
Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und
meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren
Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals
treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war
die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen
Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität
glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten
Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von
Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich
ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang
geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der
Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben
müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu
fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die
klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand,
und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend
vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das
Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge
mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren
alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt,
wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr
körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun
Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf
oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau,
bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich
zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«

»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«,
sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe
zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist
das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge
macht es stutzig.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«,
antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht
zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas
ärgerlich hinzu.

»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender
Heiterkeit.

»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von
Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«

»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte
Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten
aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister
zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst.
Stimmt die Gleichung?«

»Also ein Wunder, Georg, erzähl' uns von einem Wunder!« rief Franziska.

Lamberg lachte. »Das nenn' ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«,
entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden
wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie
ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein
Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«


Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im
römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum
nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein
Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater,
seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von
den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich
dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und
mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein
Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die
Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im
Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der
Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion
des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig
im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er
war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts
von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie
ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im
innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das
Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte
ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der
Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten
erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den
Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der
Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern
des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das
Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung,
an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd,
entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst
verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des
götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer
Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank
jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in
einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von
mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut
versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der
sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten
Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und
Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war,
den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren
Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben,
und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die
Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert.
Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren
Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav
und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten
olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen
sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene
Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen
verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten
nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was
den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am
Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen
geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender
Wucht. Die Mönche zerhieben u

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