Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz
by Jakob Wassermann · German · Gutenberg #18552 · 510,240 chars · public domain (US)
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Title: Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz
Author: Jakob Wassermann
Release date: June 11, 2006 [eBook #18552]
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE : OBERLINS DREI STUFEN, STURREGANZ ***
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Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Jakob Wassermann
Der Wendekreis
Zweite Folge
Oberlins
drei Stufen
und
Sturreganz
1922
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis fünfzehnte Auflage
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin
Inhalt
Oberlins drei Stufen ...... 7
Die erste Stufe ......... 9
Die zweite Stufe ........ 51
Die dritte Stufe ........ 121
Sturreganz ................ 225
Oberlins drei Stufen
Marta der Gefährtin gewidmet
Die erste Stufe
Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen
Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie
gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und
ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister
gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der
Nation.
Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter
gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit
dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine
festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und
endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde
Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei
Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so
unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr
mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das
und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von
Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug,
die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung,
die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die
Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich
entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln,
Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.
In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um
das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen,
japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem
königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die
eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen
Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit
eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und
bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles
wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu
denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd
krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er
zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals.
War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd
und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge
Frau.
Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man
behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war.
Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von
wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse
des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das
Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen
Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu
vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten.
Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit
der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren
wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte;
geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den
ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte
dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da.
Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend
gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen.
Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits
Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die
Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie
unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich
waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein
beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten
Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst
verschloß.
Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der
älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten.
Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er
hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete
Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das
erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne
Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war
bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte.
Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war,
erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft
verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und
Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben
an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute
einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall
beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere
Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen
begann.
Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der
Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn
er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte
sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die
sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen
Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem
modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem
Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen
als gefährlicher Fortschrittler galt.
Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war
seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte
Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie
ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen,
lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg
selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und
anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß
er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die
Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte
aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß,
hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern.
* * * * *
Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes
Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit
der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte
jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt
war.
Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die
schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige
haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn
aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein,
der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und
Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er
war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur
Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt.
Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in
bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der
Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer,
sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden
sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke
niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein
unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war
zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr,
wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die
Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen
der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden
sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der
Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er
glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von
diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte.
Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der
anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß
seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem
Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten.
Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag
zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und
erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region
versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser.
Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war
nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im
Ungewissen.
Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz.
* * * * *
An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden
gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der
Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung
entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen
weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend,
seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules
Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem
Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn
gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten
Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost
der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt
werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller
andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem,
der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für
alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende
Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern
Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem
Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist,
Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.«
Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und
ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter
im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat
umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt
belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug,
einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich
vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu
verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder
Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche
Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr
warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel
Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die
Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren,
als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen?
Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn
bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es
behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot
selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich
wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart.
Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die
zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis
mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und
mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn
in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte,
sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen,
der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange.
Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen
hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden
Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu
spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen
Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher
Gier empfängt wie edlen.
* * * * *
Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von
ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und
wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig.
Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer.
Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher
trug er den Kopf.
Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen
Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht
noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten
von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn
er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine
berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes
herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich.
Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich
der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von
Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne
beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten
drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die
Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den
ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter
Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung
erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust
des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem
vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er
löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener
Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element
entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und
Funken Ur-Finsternis.
Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten
Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung
verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der
Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder
vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die
Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt.
Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte
ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich
wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut
Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige
Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch
kühnen Versuch.
Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen
aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten,
Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich
verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und
Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten.
* * * * *
An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im
Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm.
Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich
Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der
allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste
sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit
über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen
Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er
auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab,
erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete,
Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte,
wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im
prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und
Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein;
dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren
ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille.
Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner
Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch
den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht
daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die
Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen.
Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden
Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig,
händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel,
das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin
stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink
erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein
kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei
Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.«
Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der
Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten
sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß
er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen
aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin
verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die
Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die
Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen
wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn
fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und
glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und
sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu
lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich
Grinsen.
»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die
schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt
Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann
einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen
begleitete.
»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?«
fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich.
»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht.
Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von
der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um
seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und
das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener,
voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort
ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen
Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je
gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen
läutete, erhoben sie sich.
* * * * *
Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und
Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im
Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf
Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war
Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus
Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen
und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen
Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung.
Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden
gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner
leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das
ergraute Haar, das faltige Gesicht.
Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt
war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das
schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln,
das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie
verdeckten ihn nicht.
Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er
selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern
geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf
sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.
Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender
Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die
Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von
fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer
weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm
um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl.
Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder
einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so
war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn
gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in
denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert
und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern
zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu
dem man bewundernd emporsehen konnte.
Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit
nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu
gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich
selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er
gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt
prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein
begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte
bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner
Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst,
nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete.
Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er
Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto
bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu
einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor
dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte,
seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit.
Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm
gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht
enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus
unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder
ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht
wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein
Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte
beten mögen darum.
Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein
Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer
verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht
leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand
ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen,
Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem
Einverständnis, Seiner Billigung.
War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er
wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu
Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und
alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe
seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins
Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer
zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab
harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie
sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten
Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf.
Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit
ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller
miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien;
stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur
Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen
vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein
Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die
Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund
entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das;
Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen
heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht
sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem
Blut.
Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein,
bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der
wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der
Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter
den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die
Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.«
Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten.
Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut;
einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm
dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die
Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten
Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im
Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine
Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz
tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod,
Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines
gefundenen Herzens: ein Freund.
Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um
sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als
einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in
dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er
erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er
spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm
ein Ziel, er sah eine Aufgabe.
Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das
war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und
Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen
Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten
der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges
Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter
dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der
Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar
die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung
staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen
alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens
Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte
verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben
Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben.
So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes
als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen
unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer
fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt
war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in
den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer
umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung
zwangen.
Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne
sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten
ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden
vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende
verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden,
Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man
erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet
und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer
nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war
er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in
seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste
Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich
preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt.
Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein
Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit
unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des
Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte
ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner
Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft
das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der
Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den
Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks
und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,«
sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube
nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen
geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder
Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen
vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.«
Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst.
* * * * *
Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen
hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer
zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme
hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn
sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit
schenkte.
Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte
froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem!
So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem
gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus
der Tiefe, glockenklar.
Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung,
Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter,
elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die
hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der
Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser
Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich.
Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft,
ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen
Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets
Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die
Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder
Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink
hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem
Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden
Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine
ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit
hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf
einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht.
Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen
Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose
vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte,
es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins.
Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei
der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine
Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte
auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber
dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht
entschließen konnte, ihn brotlos zu machen.
»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends
Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde
ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert
wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir
gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?«
Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so
geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns.
Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht
klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.«
Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er.
»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die
Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm
erwidert?«
»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was
er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?«
Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich
geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften,
aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich
allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er
sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden
Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz
verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder;
draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen
schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit,
durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im
Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine
zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme.
Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs
Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete.
Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle
angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-,
neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten,
hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und
waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem
Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben
zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn
packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der
Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die
Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine
Ausgelassenheit war ansteckend.
Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten
Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein
langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der
dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und
machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das
Gelächter darüber die Luft erschütterte.
Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte
sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren
Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten
war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße
raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen.
Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys,
der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der
Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann,
behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt,
innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen.
Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er
hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten
Sekunden.
Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken,
lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun!
Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus,
stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in
seinen Armen aufgefangen hätte.
Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin
keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der
Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er
Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche
Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht
leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas
Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er
den Jüngling auf den Mund.
Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses
Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen
Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte
sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit
neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht.
* * * * *
Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der
Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen
Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es
sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen
Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim
Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu:
»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem
ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn
ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden
Blicken himmelan.
Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die
Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als
sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den
Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden
sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich
den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von
den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von
Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an
den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen
dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte
auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte
sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte
liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr
sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens
hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus
der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht
unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief
Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er
dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein,
Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut
geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten
habe.
Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen,
sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er
morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin
gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und
lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor
von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick
Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und
bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin
rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat
unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang
sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das
halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der
Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn;
solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei
viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise
hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß
wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an.
Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf
zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen,
das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit
Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es
schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm
das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm
nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit
welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es
habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er
nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor
einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und
entfernte sich.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die
Achseln und sah verlegen aus.
Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich
nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm.
Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen.
Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert
worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur
auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in
Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja
mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich
mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer
geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich
beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern
nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem
habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder
weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für
ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten.
Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu
entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er
mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe
man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der
verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er
öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde
verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen.
Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein
Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der
Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie,
zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen,
Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den
andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren
Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief
ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen
blaß.
Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es
wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen,
als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere
Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein
auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste
Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm
Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke
auf.
Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er
maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu
sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte
Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben,
was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium
entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein
geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen.
Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer
ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein
galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm
nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung
wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers
wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag,
nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war
wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde
mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn
Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen
Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine
Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das
über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen,
alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte
hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über
Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war
ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt;
er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich
und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur
Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas
Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte,
ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis
und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen
und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die
Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit
verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher
Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben
Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das
ewig Lebendige vom Verwesten scheide.
Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in
sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz
und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn
überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer
darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er
fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte
Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich,
mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben
lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden
Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß:
Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht.
»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung.
Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die
Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den
Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir
deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk
sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis
abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.«
»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus
Überzeugung.«
»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme.
Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte
Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien
mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges
auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse
er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die
heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der
wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem
sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und
Ich darf, ich der Jäger, du das Wild.
Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen
vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines
Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte
ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht.
Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er
anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die
Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen.
Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine
Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so
müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles
außer Rand und Band.
Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf
dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich
eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper
stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen
wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht
vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom
Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm.
Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit
Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie
allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich
Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle
verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch
in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur
darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte.
Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn
schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch
hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges
Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach
unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor,
hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg.
Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich
bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald
in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser,
Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von
Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm
zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der
Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.
Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu
einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im
Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die
Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß
Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa
eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber
korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad
gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn
ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin
sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein
sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert,
wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß
er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie
seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er
feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine
umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken,
der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann
stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink
lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen,
er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah
Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie
einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der
Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider
Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen,
da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte
sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort.
Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied
singen.
Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine
schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren
schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über
den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen.
Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums
Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es
hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren,
in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die
Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde
wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so
viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße
auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt.
Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie
erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und
dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten
sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe
zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus
Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte,
begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und
Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte,
für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch
Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde
bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu
Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie
begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden.
Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung.
Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in
der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort
eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so
erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den
Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die
sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der
Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen
Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung
heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug
damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde,
mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne
selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf
skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite
zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres
Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb
schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten
Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der
Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne
Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem
Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an
den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war.
Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen;
jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter
und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal
solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl.
Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte
sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse
Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine
bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als
Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr
abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf,
Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden
fesselten.
Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht
zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden
Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute
zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und
Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären.
Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen
das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und
Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität,
hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu
handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei
Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und
der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky
stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des
Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der
Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle
sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu
fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag
brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge
bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig
aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen
Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern
gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die
sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei
es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein
unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und
Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen
zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den
schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung
alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer
Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze;
nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein
unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die
Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt;
erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann
wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten.
Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste
zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in
Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in
ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun
hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die
wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen
Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den
Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da
wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf
der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten
Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem
umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es
war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn
fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel.
Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend
umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm
man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas
Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner
gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz
erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des
ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf
dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen
Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet,
geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt;
der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er
in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der
Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf;
die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch
seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse
für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian
zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich:
»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«
Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise
eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die
bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian
nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu
sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.
»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben
habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat
verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben.
Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit
genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch
keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten
Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen
Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem
die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich
ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger
alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die
aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt
über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem
glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten,
gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also
der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie
hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus
zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel,
Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.«
Und er fuhr fort:
»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt.
Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand.
Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema
getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja,
wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen,
eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes
Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig
dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen
läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so
unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre
Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in
uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so
viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu
einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise
versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde
der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das
nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich
erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine
Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich
erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer
Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir
steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine
persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für
vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten
muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum
deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und
Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns
alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir
ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen
angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator
halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor
zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert
mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr
könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das
andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben
wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon
was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern?
Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock
schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und
Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen,
das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich,
sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen
habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf
die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt
habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber
gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am
Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes
werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie
wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt,
es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da
ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das
beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem
Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch
zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den
Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich
jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen.
Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr
diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,«
rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende,
»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich.
Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär
es ein Einziger.«
Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam,
indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du
sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder
nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich.
Dann mußt du mich zu finden wissen.«
Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm
das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt,
die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.
Die zweite Stufe
Rottmanns Brief
Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde
Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen
verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen
Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der
Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor
die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender
Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch
bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt
Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen
Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle
auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider
allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern
nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat,
von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart
und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze
achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute
Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege
abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in
meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich
erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der
Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den
unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von
Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes
Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es
einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte
Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine
Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter
dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um
eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen,
der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem
versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In
besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg,
Domgasse 8.
Dorine
Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von
Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter
nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines
natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum
Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im
Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von
außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der
der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das
Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen.
Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann
geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche
Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat
war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine
Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren
Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die
gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen
Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede
sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und
Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab
wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel
ein Wort zu verlieren brauchen.
Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes.
Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem
Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine
ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner
Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man
mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war
Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten
und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften.
Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft
ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach
vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah
und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner
Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in
der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das
schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war.
In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische
Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach
Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den
Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen
sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine,
in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen
Dietrichs Erziehung zu vollenden sei.
Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen,
nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß
sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das
einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener
Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles
das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß
einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem
tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als
Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ
sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente
Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln
eines dauerhaften Gewebes geglichen.
Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und
Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn
zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm
nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden
sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und
Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben.
Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine
gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht
hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war
anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war
ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten
leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas
bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete
auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau;
sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast
fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei
Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die
vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können.
Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre
Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte
sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande
weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten
Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war
Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa
waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre
Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein
kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte
botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und
gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine
Flora.
Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie
Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr
ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern,
ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den
schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon
machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es
beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln,
hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.
Banger Traum
Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl
Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es
ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß
zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem
Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer
persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden
Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei
Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein.
Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von
Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber
seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen.
Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von
Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem
Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar
vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit
einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien
durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur
zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die
Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien
tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der
verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen
seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem
Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar
gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen
und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das
von den eigenen Leidenschaften diktierte.
Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes,
Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren
Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte
die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende,
verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen
Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch
über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die
jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen,
Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht
werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum
sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen
bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages
entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt,
in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur
Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so
geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei.
Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn
die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings
auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und
unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe,
daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen
Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten
solle?
Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich
selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und
Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff
ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie
sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn.
»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine
Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes
Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen
war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt
keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit
ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist.
Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu
retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen
vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils
geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im
ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.
Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer
von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte
bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu
begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der
Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame
widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur
Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war,
der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? - Und wie ihm
Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie
genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem
er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher,
Beschöniger?
Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der
ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch,
eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging;
schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch
von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden
sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas
herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber
geschwebt hatte, schlummernd.
Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr
zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau!
Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und
nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte,
von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie
schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh.
In einem Tropfen Blut
Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen.
Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde
ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das
Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln,
was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von
seiner Ankunft benachrichtigt.
Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider
ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die
eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren
als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm
Sicherheit.
Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren
gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim
königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde
meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar,
unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus,
teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir,
hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich.
Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die
Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch
kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm
er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch
eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von
Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von
besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er
hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl
jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der
nämlichen Würde und Ferne.
Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu
überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In
allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu
beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt,
jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn
verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener.
Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das
Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da
berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf
der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein
Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht
gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende
Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn?
Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie
hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen
bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine
neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch
zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich
war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren,
sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend,
und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der
Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines
Gesprächs.
Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die
Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei
Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig
unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie
ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen
und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen
ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte
sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der
Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen,
bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in
unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge
kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte,
durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe.
Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das
Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter
verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war
kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit
gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab
ein anderes Bild als die Vermutung.
Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn
aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen
Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden
Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!«
Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme
über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es?
Erzähle.«
Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom
hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die
Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man
über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott
sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der
unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen
und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der
Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige
Würde und vertraulichsten Umgang.
Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder
Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr
galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges
Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte
achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom
Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen
das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so
daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald
gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich
geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen.
Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer
Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln,
Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer,
williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere
Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen
wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man
ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht
wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm
verfahren.
Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die
Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht
zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht
vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden
verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem
Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans
Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse
sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in
dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich
da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich
selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts
mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit
großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder
haben, ehrlich vor allem.«
Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich,
um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe
nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort
sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe
trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel
Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es
nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem
musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es
zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham.
Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich.
Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines
Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und
schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es
ist spät, ich bin müde.«
Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie
schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die
Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem
Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und
größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und
durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den
Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide.
Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das
Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt;
es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud,
und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.
Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu
Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück,
drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte.
Sie hörte ihn tief und ruhig atmen.
Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu
sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten
nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie
schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie
ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder
zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung
nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der
Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne
vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl.
Nymphe und Faun
Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum
Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das
aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache
fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül
waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem
Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder.
Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er
kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen
schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über
die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut
er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach
Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen
und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke,
heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden
Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo
Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den
Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen,
das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut
eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit
demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen
könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin
bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an.
Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er
wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und
standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah
weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus
Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am
Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden
mußte.
Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das
Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom
Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot
nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu.
Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume;
schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab,
ins Grenzenlose.
Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys
und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus
Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden,
noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu
bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und
erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe
er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben
Sinn.
So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal
der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor
der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die
gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie
erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf
gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen
nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen
die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß
sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie
zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein
richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich
zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie
verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es
hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte
völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und
Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu
viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß
gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.
Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges
Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und
die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen
Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen
Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich
über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden
und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und
was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu
sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde
nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich,
in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur
widerstrebend ab.
Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem
Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und
mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne
Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken
und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und
erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem
hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war
sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr
offenbar nicht zugetraut.
Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt
sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur
nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht.
Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale
um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag
unzugänglicher wurde.
Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich
wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck
jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie
zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die
Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er
zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen
Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab,
alles war Zurückweichen und Flucht.
Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf
sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines
der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte
Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf,
Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem
Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das
Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke.
Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und
Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins
Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für
sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne,
besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender,
nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom
Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen;
er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit
sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den
die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier.
Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich
mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem
Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie
und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr
Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe
schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen.
Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah
ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem
Boden.
Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben,
ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem
Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze,
bittere Genugtuung hätte sehen können.
»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche
Ding.«
Sommertag und -abend
Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch
Dickicht schlug.
Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf
ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben,
Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie
saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die
Zeichen des Alterns.
Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie
wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es
sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen,
seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie
machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten,
Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen
nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen,
Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter
irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle
arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und
kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen
aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt
sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines
Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von
feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens,
vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick
und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe
ihn sich errungen.
In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn
gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen,
Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert,
schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß,
der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge
leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend.
Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen,
der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel
empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und
Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit
binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke
Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines
lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe
ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe
das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und
nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung,
sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was
sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis
sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur
so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele
zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter
Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die
Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die
Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen,
oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem
Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße
und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es
vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den
anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu
often Malen irre.
Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein
unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage,
Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging
auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal
wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und
erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen,
daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen
Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der
Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten
Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben,
ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die
Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die
Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee
bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen
Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht
schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht
besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich,
so doch dafür sehr egoistisch.
Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein
Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und
erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln,
Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war
ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie
gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit
scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über
den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel
glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da
sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß.
Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten,
durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem
Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am
Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer
Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder
folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger
Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich
und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein
leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim
Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge
Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein
hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den
Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz.
Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit
schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen
Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden
war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung
genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war
ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer
erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren
Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den
Kopf getötet.
Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete,
dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte
Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende
Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes
hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages.
Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das
ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet
hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er
auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch
überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der
breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote
Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist
es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus
Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich
durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen.
Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die
Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende
Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich
so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar
wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug,
zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in
einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten
Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich
der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der
Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu
machen.
Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß
ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte
sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen
kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und
als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch
verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich
zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie
sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und
wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.
Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer,
Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem
Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie
war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte,
über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß
sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und
ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische
Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder
spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete
sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen.
Sie las: Lieber einziger Freund.
Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann
langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der
äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl,
stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten,
wurde bleich und bleicher, las und las:
An Lucian
Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich
und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer
recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und
erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich
diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde.
Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder
nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit
dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern
Menschen als Empfänger und Leser denken.
Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei
verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine
soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine
Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und
bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je
höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er
es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen.
Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig.
Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich
erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich
gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte
gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen,
was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu
halten.
Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber
macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein
Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist
das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber
nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung
etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst
oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres
wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber
schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein
noch aus weiß.
Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis
zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß
du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat
mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem
Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge
der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von
Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die
Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte
für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates
doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem
Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des
Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine
Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird.
Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir
gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den
beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem
bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen,
denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine
Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das
dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich
Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So
weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.
Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen,
flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort
nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie
mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das
Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie
glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt
das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten
Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und
Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die
Träume.
Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die
natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie
gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht
geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig
wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft
werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine
besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die
Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der
Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten
liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu
nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen?
frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch
den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar
Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche
Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann
dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt.
Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst,
Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und
Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie
erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je
unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die
Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen.
Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in
der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf
dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese
Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich
haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift,
das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und
in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist,
da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine
heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein
fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir
eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt
und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich
packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei
Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem
glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare
einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin
selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu
brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das
dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt.
Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd,
Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich
mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom
Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände
hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian,
die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung,
leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so
in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich
dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das
Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es
einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der
Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick
dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches
in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das
ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele
und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als
ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen,
der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich
sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer
Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte?
Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau
kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene
Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das
macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut
vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte,
keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der
Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des
Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch
das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in
meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht
verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt
erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig,
als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von
mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt
schwer, wie du begreifen wirst ...
An dieser Stelle brach das Schreiben ab.
Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand
wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu
beschwichtigen waren.
Der Haß
Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem
Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm
zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag
besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.«
Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von
seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit
einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie
leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er
mit seinen Eltern da?«
»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine
Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.«
»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.«
»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er
erwartet nämlich seine Braut.«
»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit
dir?«
»Nein; zwanzig denk ich.«
»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge
Dame, und wer ist sie?«
»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal
gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.«
»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß
Dorine das Gespräch.
Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie
abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen
Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem
Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd
erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse
Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet.
Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er
verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken
zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas
lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter
Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst
mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das
blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu
glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die
sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet
Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt
schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit.
»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren,
»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie
sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.«
»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich
trocken.
Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da
kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im
Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette
im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz.
Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du
gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen
wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.«
»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten.
»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das
werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein
reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.«
Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein
bei dir?«
»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz
unsere private Angelegenheit.«
»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es
dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen
Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.«
»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will
ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen
werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht
vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen
Tatbestand auseinandersetzen?«
»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr
zugetragen. Wir sind Provinzleute.«
»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson.
#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite.
Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement
gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen
Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die
Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du,
Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern
Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern,
und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir
müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir
aus der Faulheit helfen.«
Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen
Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem
Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die
Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem
Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu
seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und
abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel
Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den
andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte.
Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie
Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten
miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider
Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte
Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte,
sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig
aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine
verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag
verdächtiges Zwielicht.
Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich
selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit
dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte
Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen
mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine
entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn
er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen
vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft
Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von
unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein
Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte
sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich
über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit
nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht,
um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun
wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete
Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich
warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink
kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.«
Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser
wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf
und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde
mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten
vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre
bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst,
beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei.
»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand,
»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er
sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief
er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«,
murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.
Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte
ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte
mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf
setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als
sonst auf seinen Anzug verwendet hatte.
Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen
kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit
fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an
ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches
Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber
wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring
mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch
sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar
wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug.
Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott
beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in
keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben
Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon
nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch
das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten.
Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so
sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht
nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein
schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die
Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und
dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und
zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des
Unbehagens erweckte.
Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt
hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal
zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie
ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham
war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so
entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne
Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne
Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde
schweigsamer und schweigsamer.
Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu
weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe,
ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen
Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten
Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener
wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen
trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich
Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich,
daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser
antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief
wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die
Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte
errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht
verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das
junge Mädchen.
Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen
Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr
Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den
Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte
ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem
Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine
Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von
Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der
Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die
ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge
Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb
um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt,
die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und
unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren
ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt
schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein
heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert
hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der
Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten.
Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu
beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden,
überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink
oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für
ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich
nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem
Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er
war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig
uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären?
Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der
Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der
Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie
seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem
menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und
Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war
nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte
verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer
Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so
war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man
sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich
des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein
Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund.
Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm
täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit
beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war
unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein
und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die
Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die
Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel
verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät
in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder;
sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den
Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller
Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der
beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz.
Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm
selbst.
Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle
erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als
es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa,
verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink,
wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten.
Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt
dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte
ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit
einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein
unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder
albern nennen, aber er könne sich nicht helfen.
Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und
mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die
Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian
damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als
ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte
und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas
ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen.
Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich
und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er
mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem
Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts
dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu
umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen,
wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs
Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu
bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses
Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines
unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein
Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen
mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten.
So war es mit Fink bestellt.
Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals
und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde.
Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam
gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen
waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte
er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie
taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie
war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten
Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die
Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das
Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum
Gartentor.
»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem
Achselzucken und folgte ihr.
In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch
die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene
mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert:
wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich
gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese
seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste
getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden
schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und
Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag.
Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende
Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm
graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das
Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand
rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die
Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor
der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das
fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften.
Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum
schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist.
Die Lüge
Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen
Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich
Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes
Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder
hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der
Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der
Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und
Verlust nie schwieg.
»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und
folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.«
Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine
Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt.
Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der
Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den
Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und
gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre
Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine
Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel
aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der
Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man
achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze
des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu
wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch
unbekannt, so doch vorbereitet, wartete.
Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer
Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme
entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu
untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung
zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück:
die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern
und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins
Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man
gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach
Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für
allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit
einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor
und verlangte Führung und Trost.
Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis
hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf
mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns,
und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen,
in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem
Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und
meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein.
Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz.
Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und
Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch
dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische
Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied
es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den
kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er
Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er
schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig
Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas
Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag.
Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit
Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb
es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum
Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem
unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich
rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken
Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er
sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den
aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem,
den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann.
Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn
nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute,
sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf.
Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.«
Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche
nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn,
Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie
ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem
Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine
beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher
Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das
Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium
und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen.
Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den
großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen
Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem
Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die
Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn
eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und
die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend
mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja
bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es
denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es
aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der
verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er
könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet,
Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm,
vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie
solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so
ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig
hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten.
»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein
Gewitter hängt am Himmel.«
Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an
der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit.
Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie.
Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem
Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete
sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind
zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die
Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die
Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten
sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte
die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre
Schulter.
Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben
hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende
Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es
war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul.
Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte,
ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner
der Dinge, einen liebenden Rater.
Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil
ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest
gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes
Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher
Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so
dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige
Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber
Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte.
In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster
schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden
befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu
bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und
im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor,
wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben
ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie
ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in
denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen.
Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche,
schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte,
eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen.
Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer
Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem
zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt
Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den
Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur
für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in
munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während
sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte,
erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte.
Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den
Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze
Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und
Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste
Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die
allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette
hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot,
der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der
Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche
Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die
fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen,
das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine.
Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war
seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um,
sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.
Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte,
fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen
Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz.
In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein
Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich
langsam krochen die Stunden.
Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte
Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust
verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit.
Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von
anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt,
der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund
vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig
hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir
Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre
das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der
Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem
Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit
einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist
Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich
mit einem Sohn, der lügt!
Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach
einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah
den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein
Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit
schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte,
schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort.
Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten
auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er
trat ein. Er verharrte neben der Tür.
»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen.
Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und
blickte vor sich hin.
»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß
keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.«
Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig,
als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.«
»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?«
Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann
hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn
der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der
jetzt vor mir steht, das bist du nicht.«
Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.«
Sie zuckte geringschätzig die Achseln.
Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus
der Person etwas mache?«
»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit.
Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie
zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus
der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch
nicht glauben?«
Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher
Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von
der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines
Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja
noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie
maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber
bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft
finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.«
Damit verließ sie das Zimmer.
Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich
in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang.
Pygmalion
Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser
geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon
auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks
willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber
alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die
peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich
friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt.
Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da
und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht
die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt
beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten,
das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es
dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle
nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie
wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der
Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen.
»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin
und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer
warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin.
Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja
nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu
anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie
sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer
annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide
Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum
verhehlter Pfiffigkeit an.
»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich
ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm
etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit
abgesehen.
Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf
einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über
deine Idee mit dem Pfauenhof.«
Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und
wie geistlos du bist?«
Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine
häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich
eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du
dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer
Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir:
was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei
Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß
wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein
Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur
damit man sich danach richten kann.«
»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei
beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß
jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein
Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil
ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue
und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und
zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und
darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir
selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären,
aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß
ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der
Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich
tun soll.«
Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in
Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt
und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig.
Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte
dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen
freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab.
Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind
allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem
wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer
Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem
lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie
die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.«
»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da
bist du auf dem Holzweg.«
»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich
verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut
geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die
Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den
Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus,
Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng
dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.«
Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig
Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch
den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas
sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern
bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das
Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte
unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?«
»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink
verdrossen.
Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und
Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin,
keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten
schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst
du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?«
Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht
ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen
Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes
bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider
legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich
zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in
Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in
dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie
den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper
nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor.
Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer
zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse.
»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür.
»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach.
Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die
Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der
greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten
vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder
umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich
stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel
eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen
umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die
Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt.
Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil.
»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie
viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter
anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins
Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse
Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene
Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und
gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder
besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich
dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der
Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden
soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die
Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig
ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber
die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen
kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in
deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da
hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht
ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und
es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an
Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...«
Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es
später zu verstehen suchen.
Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er
feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn
man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man
dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in
Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche
Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies
ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit?
Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht,
sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir?
So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete
nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim
Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund
kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier
Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine
Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war
ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie
in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war
banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein
rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins
Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag.
Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am
Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu
sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat,
lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf
hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig
gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,«
flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in
drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner
Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.«
Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut
hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die
»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und
bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären
unbequeme Fesseln von ihr genommen.
Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte
sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder
gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend.
»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt.
Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln.
»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu
einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein
niedriges Bänkchen am Fenster.
»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor
Schwüle.«
Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.«
Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze
Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein
Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen
schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich,
und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden
Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie
umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des
Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen
Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?«
Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und
lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie.
Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf
sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender
Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge
ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein
war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen,
fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt
erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden,
gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit.
Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen
zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das
leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle.
Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf
an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen?
Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten
Stimme: »Ich werde kommen.«
»Sicher?« jubelte sie leise.
»Sicher.«
Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor,
Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug
stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die
beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene
etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von
den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig
ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der
Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn
ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten
die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend
unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht
recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit
einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich
ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.
Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie
legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her.
Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen
Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof
gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien
ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte
Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat
sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das
sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein
Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des
Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte
Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die
Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und
es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten
wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan
handelte.
Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans
Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und
begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen;
nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem
Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.«
Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom
Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die
Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr;
es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend
hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun
war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt.
Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem
sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach
auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.«
Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das
nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall
nicht gehorchen kann.«
Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob
sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas
Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«,
wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer,
bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.«
»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein
Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave
nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür.
Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur
Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen
Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave
oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht.
Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!«
Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,«
röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es
geschieht etwas ...«
»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das
Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah.
Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne
Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten
sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme,
umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit
entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach
zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur
draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege
hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang
hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.
Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger
Kirche.
Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen
verebben.
Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang
widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den
schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner
Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie
jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen
Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz
in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das
nicht, daß sie jetzt nicht kommt!
Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die
Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein
Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge
durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam
nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich
in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben
Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl
von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war
schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld.
Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr.
Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter
vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen
und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik,
der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln.
Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es.
Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug
und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine
Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen
schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die
Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung
vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen.
Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch
Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück
Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man
mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war,
sich mit ihm abzufinden.
Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer
lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine
Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner
Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich
er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig,
ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte,
ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer,
das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß
leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und
begann unaufhaltsam still zu weinen.
Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und
dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen
Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle
die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als
er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine
Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt.
Sonst war nichts zu unterscheiden.
Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die
Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit
seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte;
er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren.
Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen.
Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den
Kopf in ihren Schoß.
Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem
Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine
beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der
dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich,
über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich
wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein,
so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht
über ihn strömte.
Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es
herausmeißeln aus dem Traum?
Die dritte Stufe
Begegnung am Ufer
Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September,
Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit
seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag.
Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu
lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden;
plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel
stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger
Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen
hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr,
die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern
im nüchtern-alltäglichen Ablauf.
Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans
Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter
bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich
alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen,
daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie,
rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er,
uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene
Verantwortung führen.
Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte
ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem
Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig
gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren,
wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für
förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit
gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie
erzogen und errungen war.
Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu
vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle
und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am
Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum
unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde
nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel
war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug
ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins
Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild
von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt,
erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein
Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern
oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit
Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung:
Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und
nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend,
sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung.
Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche
Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit.
War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von
ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein
scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr
galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß
sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung
und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer
etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die
empfindsamste und wachsamste, die es gibt.
So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten
Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen
konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs
Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten
herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt
richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und
Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien,
Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian
verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein
Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt
Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im
einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge
witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und
Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende
Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.
Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung,
wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das
Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin
nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der
Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem
Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte
dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im
Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster,
denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll
unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus
Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden
Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in
einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in
ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat
den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig,
»beim ersten Hahnenschrei schon.«
Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit
Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte,
erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die
mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des
Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war
eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes
Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes
hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden
auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die
Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last.
An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog,
gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen
schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der
Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum
erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges
Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys
erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der
Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender
Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen
schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede
ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor,
der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung
predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte,
daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das
Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander
abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen
Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich
zerfalle und erstarre.
Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und
Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht
regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von
hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide
zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es
ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin,
der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In
all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es
einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es
andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.
Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt
vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.«
»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt,
was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er
mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur
und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für
mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.«
»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer
ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich
frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr
nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank
schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was
wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an
den Tag kommen. Denkt an mich.«
»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor
nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?«
»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich
damit sage.«
Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun
schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen
entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren
es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung,
ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn
oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus
einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem
Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von
dem ein violettes Band auf die Schulter hing.
Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von
so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und
Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt
stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins
Gesicht starrten.
Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft
ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn
das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein
einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte
stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn
dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im
nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die
Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern.
In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten
sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber
Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In
den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor
und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke,
Wunsch und Finsternis des Herzens.
Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer
Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen
wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige
Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend
der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine
hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune
Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend
und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für
das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm
alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich
trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die
Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein
für allemal Geprägte des Menschenwesens.
Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter
gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie
ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter
sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er
ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich
entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die
Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und
Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander.
Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz,
grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum
Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand
und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom
Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig
überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer
Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort;
»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon
erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern,
Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die
alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so
schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,#
genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe
sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu
können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und
Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber
keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch
geworden ist.«
Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die
Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten.
Tragischer Abend
Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß,
von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel
hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte
Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten
Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der
Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs
Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf
mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte
sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine
wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend.
Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub,
eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer
Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab,
schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu
verstehen, daß sie ihm schmeckten.
»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig
zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß.
Aber es ist überflüssig, davon zu reden.«
Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene
des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche
für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich
heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir
ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so
erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem
Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich
nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen
könne.«
Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte
betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie
ausdrückten, was er empfand.
»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter.
»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu.
»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man
sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt
oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird,
dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist
euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es
die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen,
etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein
anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?«
Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder
sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen
Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns
selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die
Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen
untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff
betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer
als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und
durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß
Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus
einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten
umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie
nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend,
undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen.
Da raus
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