Deutsche Charaktere und Begebenheiten
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Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten
Author: Jakob Wassermann
Release date: April 26, 2006 [eBook #18258]
Language: German
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Deutsche Charaktere
und
Begebenheiten
Gesammelt und herausgegeben
von
Jakob Wassermann
S. Fischer, Verlag, Berlin
1915
Mit elf Abbildungen.
Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung.
_Erste bis vierte Auflage._
[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im
Kunstgewerbemuseum zu Berlin.]
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen . . . . . 23
nach Vehse
Böttiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
nach Vehse
und Schmieder, Geschichte der Alchimi
Moritz von Sachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
nach Vehse
Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
nach Vehse
Leonhard Thurneyßer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
nach Vehse
und Dr. Möhsen
Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
nach Vehse
Kaiser Rudolf II. und sein Hof . . . . . . . . . . . . . 131
nach Vehse
Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel,
mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145
nach Hohenecks
»Stände Östreichs ob der Ems«
Friedrich Wilhelm I. von Preußen . . . . . . . . . . . . 148
nach Vehse
Joachim Nettelbeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
nach seiner Autobiographie
Christian Holzwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
nach dem Neuen Pitaval
Karl August von Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
nach Vehse, Briefen
Eckermanns Gesprächen mit Goethe
Vorwort
Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist
zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich
hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein
solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden
müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder
einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das
festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste
Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes
verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten
entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als
Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als
Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich
die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich
angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit
keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den
ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen,
dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft
von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren
können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von
der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig
und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe
Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den
Grund sinken läßt.
Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch
Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das
Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der
Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die
Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche
Beschaffenheit.
Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher
Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches
Ereignis?
* * * * *
Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt,
die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche
schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem
Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten
Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert
mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir
eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch
über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir
zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu
erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal
fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet
haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens
flüchtig und ahnend zu erleuchten.
In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein
Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal
notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete
und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das
größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von
Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft,
Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so
reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist,
eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen
feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine
andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig
verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder
Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre
besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der
Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
Grund legt.
Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht
verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon
von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu
unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte.
Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die
Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der
Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm
gelohnt.
Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker
ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche
Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend,
zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des
Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen
Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas
mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was
er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein
Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die
Beute von schweifenden Eroberern wurde.
Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder
Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von
morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des
Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu
selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten
Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als
ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das
jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu
schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des
Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch
als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede
Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da
entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein
beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen
Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und
ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften
zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander.
Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die
Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der
Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur
Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung
an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist
sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum
formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch
immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.
Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser
drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht
zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die
spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe
gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit,
und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit
massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher
Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu
eigen wurden.
Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur
Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den
Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall.
Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche
selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.
Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob
ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine
bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer
religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die
Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder
zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das
Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte
nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe
Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht
dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der
Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie
eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in
ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische
Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin
der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen:
das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des
Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der
Jahrhunderte.
Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen
sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte
gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen
werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken
einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und
Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die
Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus
selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät,
und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen
Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde,
erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes
Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie
kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des
geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern
Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem
Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist.
Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue
und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues
Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam
gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel
hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn,
großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer
Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte
Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem
Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden,
nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.
[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.]
In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur
Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich
die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen
unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum
Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht,
gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der
Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein
Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den
kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt
überwölbenden Moral- und Sittenlehre.
Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der
Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und
organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit
beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen
Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er
König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben
dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des
Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich
wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit
erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.
Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines
Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters
Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an
Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks
Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der
wechselnden Geschlechter.
Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu
fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen
Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr
ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist
eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer
höheren Welt.
Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick,
der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne
Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die
Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der
Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den
letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt
ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine
Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus
Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt
es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne
hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen.
Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge
hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und
Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen,
er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb
auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel,
einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«.
In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der
Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus
Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche
in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die
Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges
nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam
nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich
zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene
Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener
Einfachheit des Gemütes einsetzte.
Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit
beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer,
wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn
hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand
unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein
Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort
Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß
aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder
Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die
Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes
anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches;
sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des
Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.
Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine
Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet
oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der
begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer;
Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der
still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der
des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der
Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen
und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der
Politik und des gemeinen Lebens.
So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist
konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein
Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt
aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe
der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, --
insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine
Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung,
sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es
aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine
Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein
gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.
Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung,
die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen
Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und
zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife
übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte
Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die
Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß,
damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und
erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber
stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen
und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und
Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche
Glied eines glücklichen Volkes zu werden.
Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und
langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten
und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist
gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation
wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der
Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und
Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man
rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav
Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts
als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen
sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.«
Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie
die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung,
der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der
veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den
natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf
willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
welthistorischen Idee.
Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem
Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht
worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First.
Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen
Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah Friedrich unter
seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten General Ziethen. Wenn
gerade keine fürstlichen Personen zugegen waren, mußte Ziethen immer an
der Seite des Königs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen
am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er könne
nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen
Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andächtigen Stimmung bleibe; er
dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen. Als er das
nächstemal zur königlichen Tafel in Sanssouci erschien und die
Unterredung wie stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang
genommen hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an seinen
Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm das Abendmahl am
Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi
auch ordentlich verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte
durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte
sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem König tief
gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: »Eure Majestät wissen, daß ich
im Kriege keine Gefahren fürchte und überall, wo es darauf ankam, für
Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt
mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es befehlen, lege ich
meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der
ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland
und Erlöser der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut
teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und
verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses
Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren
Eure Majestät diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt.
Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.«
Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König war sichtbar
ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die
linke auf seine Schulter und sagte: »Glücklicher Ziethen! Möchte ich es
auch glauben können! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre
Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.«
Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der König fand
zu einem andern Gespräch keinen schicklichen Übergang, er hob die Tafel
auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er:
»Komme Er mit in mein Kabinett.«
Böttiger
Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das achtzehnte Jahrhundert
in Deutschland hervorbrachte, gehört auch Johann Friedrich von Böttiger,
der zufällige Erfinder des Porzellans. Böttiger war ein geborener
Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der
Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem
magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er
frühzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst,
zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf Jahren
kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich
sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berühmten
Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem
jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine Talente und
Kenntnisse rühmte.
Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, der unter
mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes
Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete
darauf ungeheure Summen, wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die
Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen
erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel
unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, wo er schon
gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. Dieser Unbekannte,
welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pässen und
dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich
Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene
sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des
Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet
sprach und sich auch sonst keine Blöße gab, wurde seinen Angaben
geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn für einen Abkömmling der
kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur
Loskaufung von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren,
allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die Armen
verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit
seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten über ihn beruhen auf
dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem
Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher
auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen
Klosterbruder schließen läßt.
Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte
er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An
dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und
nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in
die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der
Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein
junger Mensch, der Lehrling Böttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er
dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte
er gutmütig lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen
Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn
gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft trug
er ihm auf, ein Antimoniumpräparat herzustellen und ihm dieses ins
Gasthaus zu bringen.
Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der Fremde mit
ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, daß er den Basilius
Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte
seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser
endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger
noch einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis
besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der
Anweisung, daß er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die
Wirkung der Tinktur zeigen möge, wenn er wolle, damit man in Berlin die
Alchimisten nicht mehr Narren schelte.
Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, sich von dem Wert
des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis
dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte,
er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und
Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem
Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten,
vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er
von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den
Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die
beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen Menschen
vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb zurückkehren und nicht
einer eingebildeten Kunst nachhängen solle; das Unmögliche, sagten sie,
könne er doch nicht möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche
sogleich möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die
ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das Laboratorium.
Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als
aber die Gegner sein Blei verdächtig finden wollten, wählte er statt
dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preußischen
Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, und von diesen nahm er
dreizehn Stück. Während sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne
Büchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten
Glases enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf das
fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte er den
Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend überzeugten sich
diese, daß es zum reinsten Gold geworden war.
Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere Transmutation in
andern Metallen. Siebert mußte acht Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß
machen; auf die Masse warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von
einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch
wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver
wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war
alles Metall zu Gold geworden.
Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen Bekannten zeigte,
machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht
für gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder
des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus
ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald
erfüllte. Die Stadtgespräche drangen in die königlichen Vorzimmer und
bis zu König Friedrich I. selbst. Der König ließ nachfragen und fand es
geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl
erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht
verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu erreichen. Während er
über die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preußisches Kommando,
das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter
Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer
Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre Böttiger
geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte ihn in Dresden
als preußischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten
Aufsehen kein Geheimnis; der sächsische Hof ward aufmerksam. Man
verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren
sei. König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute sich, daß
ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus
Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, daß Böttiger wirklich ein Adept
sei.
Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur und ihre
Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Gläschen
voll Merkur, und damit reiste Fürstenberg zum König nach Warschau.
Fürstenberg mußte einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher
eine Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen
habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch künftig jemandem
das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Böttiger es ihm eingeschärft,
nicht ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf
unendlich viel ankomme.
Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im Zimmer des Königs ein
Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so
daß dieses zerbrach. Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz
besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen.
Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer
Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten
Türen der König und Fürstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die
Böttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren
Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und
Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse anderthalb
Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war
nicht Gold, sondern ein so fester Körper, daß man die Tiegel zerschlagen
mußte, um ihn zu gewinnen. Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der
König selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen
Frömmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei Tage
vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, seine Gedanken
ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment,
dessen Gelingen Böttiger dem König so sicher vorgespiegelt habe,
gänzlich mißlungen.
Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen zurück. Er traf
Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, höchst
unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden,
wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf
die Festung Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel
wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er wie ein Pferd,
brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, rannte mit dem Kopf
gegen die Mauer, arbeitete mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden
entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten
seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten für den Engel
Gabriel, verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner
ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier täglich, ohne
betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf
Verstellung beruhte.
Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen,
und Fürstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem
berühmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von
Tschirnhausen gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er
von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er
beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten in dessen Laboratorium. Er
war einer der ausgezeichnetsten Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn
sind in Sachsen die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre
lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der
Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in
Dresden Böttigers an, und dies verlieh Böttiger auf einmal wieder große
Wichtigkeit, so daß man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte,
er werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es.
[Illustration: Joh. Friedr. Böttiger, nach einem Medaillon im Museum zu
Gotha.]
Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen Schloß. Er
bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten
Probiersaal und einige Gewölbe zum Laborieren, die große Opernstube als
Billardzimmer und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. Alle
Räume waren neu möbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung
stoßenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte,
stand ihm eine königliche Equipage zur Verfügung. Zu seiner
Beaufsichtigung wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein
besonderes Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen konnte,
aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger verantwortlich war. Außer
Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein
Baron Schenk war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden
Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es
verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele
andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berühmte
Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Königs, der
seine Schatulle besorgte, und der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der
Böttiger so lieb gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in
Kieslingswalde aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal den
Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends
fünf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er
konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie
einem vornehmen Kavalier.
Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel
Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten
Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wußte. Der Statthalter
lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf
die Jagd, die Böttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die
zärtlichsten Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger
überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen
mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm
wiederholt, daß der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Böttigers
Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen dürfe, der von
»widrigem Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird er
Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder »der Bewußte« oder
»l'homme de Wittenberg«; Böttiger selbst unterzeichnete sich nur mit
seinen beiden Vornamen oder mit Notus.
Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen des Königs durch
den Hund geschützt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas
umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein
Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Während
dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein
Aufenthalt kostete dem König vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den
Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn
er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von eigener Arbeit
unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm
einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor.
Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, daß er kaum der
Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft werden. Allenfalls
erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gespräch hatte fallen
lassen, daß sie ihn auf den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei,
ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich
Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle
mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht.
Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er
sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei.
Die berechnende Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel.
Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und belauerten ihn
Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwöhnte,
daß er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um
seine Kunst für sich zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen
treffe, um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde seine
Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.
Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen
Freund nicht aus den Augen verloren, und der üble Ausgang, welchen
Böttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm
Sorge, da er sich vorwerfen mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu
haben. Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer nicht zu
scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal
nach Berlin. Er ließ einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich
kommen, der mit Böttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend
genug zu sein schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm
auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit zu erklären
und ihm für dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend
Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu
bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von
der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen
Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch
Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur
verwandelt werden könne, die dann noch drei- bis viertausend Teile
Metall in Gold zu veredeln vermöge. Er gab ihm eine Probe für den König
mit und versprach, ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er
sich seines Auftrages gut entledigte.
Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt,
die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte
er leichter zum König zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen
bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher
bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den
Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte Hand soviel für
seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie auch, daß dem König an ein
paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie
kamen überein, Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit
Doktor Pasch zu teilen.
Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause,
worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken,
wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken,
erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden
Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.
Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut
bezahlen, berichteten aber höheren Orts über den Briefwechsel und
lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es
Böttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort
aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor
Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Königstein. Nach
vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu
verhelfen. Beide ließen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis
zum Boden reichte; der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf
einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn bis zur
böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin
zurück. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie
er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig
in Berlin. Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine Erzählung
an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb
er.
Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704
kam der König August nach Sachsen und lernte Böttiger persönlich kennen.
Er bestand darauf, daß der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans
bei Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der
Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig Kontraktpunkte, die
auch der König durch seinen schriftlichen Eid unverbrüchlich zu halten
versprach. Böttiger machte zur Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde
»nichts zur Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung,
unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; auch dürfe, wer
das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der öffentlichen und
schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergieße«.
Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten einen Prozeß
zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher
gelang, aber der Kämmerer Starke sagte, es wären verschiedene Umstände
passiert, die »zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson
gegeben«. Wiederholt bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den
König vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König ließ ihn
aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei
Meißen geschafft, dann kam er wieder auf den Königstein und im Herbst
1707 nach Dresden zurück.
Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach
der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, er kochte alles
durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand er eines Tages, es war das
sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und später, als er
schon etwas methodischer zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach
Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er
seiner enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere
Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König gestand er
endlich, daß er kein Adept sei.
Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der
damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie
eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im großen durch
herbeigezogene holländische Steinbagger betrieben. Das auf der
Albrechtsburg zu Meißen hergestellte Porzellan verdrängte bald das
chinesische und japanische, für das der König August noch Millionen
ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der
eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder
Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Särge;
die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben,
der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich
hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die
Hauptkunstwerke, die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, aufs
feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene
Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« beweisen, brachte man es
darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über
zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte;
gegen achtzig Kommissionslager und Handelshäuser führten das
Verkaufsgeschäft.
Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine Zeitlang
Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr gnädig gegen ihn,
besuchte ihn häufig auf der Bastei und schoß mit ihm nach der Scheibe.
Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wünschte, und
wiederholt befahl der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte
ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein Paar Affen
und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der
Erfindung wurde ihm die Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition
ohne alle Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem
Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde.
Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein Leben; er
starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt.
Moritz von Sachsen
Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21.
März 1521 geboren. Er war ein kräftiger Mann, geschmeidigen Körperbaus;
sein braunes Gesicht verkündete den Helden. Seine Augen waren so
glänzend, daß sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er
unversehens jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. Seltsam
waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die
Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit liebten, war bei aller Frömmigkeit
ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am
Bunten und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige
Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mußte ihm dazu die
Zeichnungen machen. Er kaufte alle schönen Gemälde für seine Kanonen,
die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte,
konnte man ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm
sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines
Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von Mainz und sah hier das üppig
schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfürsten. Und dann
weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die
traurige Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit
kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, der kluge Moritz
durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte
ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.
Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich mit Agnes, der
Tochter Friedrichs des Großmütigen von Hessen. Sein Vater war über die
verfrühte Ehe so unglücklich, daß der Kummer sein Leben verkürzte; er
starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der
Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine Frau später
über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft
vorziehe.
Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er
trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter,
der Kurfürst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er
vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er
weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, im
Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen
von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen
sein, er fand seinen nächsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser.
Deshalb ließ er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit
Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum Kaiser
nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl
ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von
Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange
getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag
von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn
nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste
Unglück geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der
Tafel den Kurfürsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen
aufzuziehen.
Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog
Moritz' gegen Mühlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er saß
auf einem andalusischen Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten
Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer
vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmückt; in der
Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und müde gemacht,
sein Gesicht war leichenblaß, die Glieder wie gelähmt, die Stimme so
schwach, daß man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten
ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er
die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn plötzlich der Mut. So
war es auch am Tag von Mühlberg.
Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog
Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann Friedrich in der Stadtkirche
zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, daß er sein Fußvolk schon
nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den
Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten sofort den
Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten
und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. So bemächtigten sie sich der
Brücke, die die Kurfürstlichen vergebens anzuzünden versucht hatten, und
die sie zerstörten. Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel
geklagt, der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich
der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber
sie war rot wie glühendes Eisen und schien den ganzen Tag über still zu
stehen. Als später der König von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob
sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert
habe, erwiderte dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um
bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen alles Erwarten wurde
dem Kaiser durch einen Müller namens Strauch, dem die Kurfürstlichen
zwei Pferde weggeführt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein
Landesherr, versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde und
einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten
nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sättel.
Einige Kavaliere des Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst
nicht vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen
Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz
einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfürsten und ließ
ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es
ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben,
daß ein ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz und gar
nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig
zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als
die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestümer wurden. Jetzt
empfand er mit einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen
den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste Reichsoberhaupt
vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie,
hob die Augen und Hände empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich
mit meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe mich, aber
nicht mein Volk.«
Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen
schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weißen
Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen.
Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rückte zur
Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die
Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich«
brachen sie los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite
her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres
Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen Armee wenig Zuversicht und
heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. Da nun die Gefahr sich deutlich
offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei
ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die Leute.
Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus
Nürnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzählt: »Es ist seltsam zu
vernehmen, wie des Kurfürsten Räte und große Hansen, so er bei sich
gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der
Kurfürst seinem Volke zugeschrien: 'er wolle auf diesen Tag Leib und
Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.' Als nun
das Treffen angegangen, haben seine Räte und großen Hansen, auf die er
sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk
gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe
ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe ich an der
Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.«
Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fußvolk die
Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil
gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des
Fußvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um
Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes
Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien König,
hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles über die Klinge springen zu
lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus
Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen.
Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich plötzlich
ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und
hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mußte sich zur Wehr setzen, er
tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das
Blut rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch
herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den
neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. Endlich
sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von
Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann
Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem
Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, Schwert
und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.
Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter einer Bedeckung
von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem
Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal
weigerte sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen
Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze den
Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf
seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd.
Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers
ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als »Karl von Gent, der
sich römischer Kaiser heißt« betitelt hatte, seufzte er tief und rief
aus: #»Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!«# Der Kaiser
erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann
Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte.
Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom Pferd, wollte nach
spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder
nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem
Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions-
als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er
wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst das Stillschweigen
mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten schrieben. Er sprach:
»Großmächtigster, allergnädigster Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun
bin ich Euer gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.«
Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und
bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche Majestät wolle sich gegen
mich als einen geborenen Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser
zornig: »Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten,
wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir wissen uns
wohl zu halten.«
[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der
Werkstatt Cranachs.]
Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter
und Reiter zurück, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr
als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr
als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in
Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest.
Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Bürger wollten
sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte
sich, sie zur Übergabe aufzufordern. Da ließ der Kaiser durch ein
spanisches Kriegsgericht das Todesurteil über ihn aussprechen, welches
lautete, »daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung
und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natürlichen
Gericht fürgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten
Walstatt vollzogen werden solle.«
Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen Energie gemangelt
hatte, bewies im Unglück den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein
einfaches Gemüt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit
seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett saß. Er
erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß der Kaiser also mit mir
handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestät gänzlich
beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit
ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.«
Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben.
Dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber,
das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich
blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen würde;
selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum Unterhalt für ihn
und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen mit einem Jahreseinkommen von
fünfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation,
demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu
Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion
beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfürst
beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus.
Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser dem Herzog Moritz
das Kurfürstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in
die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz
ritt zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu
den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: »Ihr seid
eurem Fürsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig
im guten gedenken.«
Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der
war schon längst kleinmütig geworden, und als er das Schicksal Johann
Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser
forderte, daß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend
Goldgulden Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen
ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, daß er Land
und Leben behalten, auch mit »einigem« Gefängnis verschont werden würde.
Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen,
verbürgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den
Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten nahm der Landgraf die
Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor
dem Kaiser einen Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner
andern Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade oder
Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit
den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren
ihr Frühstück bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das
verhängnisvolle Schriftstück, in welchem, ohne daß sie es merkten, der
Ausdruck »einiges« Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am
Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß auf dem
Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen,
italienischen, niederländischen und deutschen Großen. Der Landgraf
Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmütig und
traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer
Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las mit kläglichen
Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte
sich ein Lächeln; es war vielleicht die unbewußte Hilfe seiner leichten
Natur gegen das Gefühl der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob
langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: »Wart,
ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des
Kaisers verlesen, Günterode sich dann höflich bedankt hatte, erwartete
der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte
nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die
Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und hielt ihre
Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und
die andern Fürsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament
im Schloß. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit
einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte ihm
Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert
spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfürsten, die sich für
die Freiheit des Landgrafen verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim
von Brandenburg rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um
Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen
und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er
versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis vorliegen müsse, und er werde
mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm
der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch
Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft
verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft habe man ihn
verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die
die Kurfürsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie näher zu
besehen.
Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in dem Herzen
Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der Kaiser Karl darauf
ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und
fremdem Kriegsvolk erdrückten Reich alles Wasser auf eine Mühle zu
leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn
verborgenen und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie
Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn heute nicht
ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, so ist es
vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wörtchen »einig« und
»ewig« zu danken.
Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete er, der
Kaiser könne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien
schicken. Anderseits mußte er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste,
großmächtigste und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt
mit einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann Friedrich
wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg
ausbrechen mußte. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mußte
aufgeschoben werden.
Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich
zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen pflegte, konnte
niemand auf die Vermutung kommen, daß hinter dieser Derbheit eine
Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein
protestantischer Fürst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er:
»Hier ist kein Platz für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser
Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch
ein Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das
Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte
zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes Hemd, das mir zunächst am
Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich würde es austun und verbrennen.«
Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten
erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte den Kaiser,
der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, daß das Stück,
das er vor dem spanischen Senjor aufführte, ohne Zweifel das größte
Meisterstück war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.
Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, daß nur das
Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn hätten. In seinem Hoflager
beschäftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte
Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte
er an fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte
Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn Sastrow während des
Augsburger Reichstages: »Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der
Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine
schöne Metze, hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte
täglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte
fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen und hielten also
Haus, daß der Teufel sich drüber freuen mochte und viel Sagens in der
ganzen Stadt davon war.« Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm
nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert
hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwörth,
wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache
lärmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß
sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder
durch ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: »Wenn
Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen als im Bankettieren,
Gastladen und Spielen, wäre meine Sach lang besser.«
Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am meisten bei Moritz,
der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub leiste. Aber der bedächtige und
weitschauende Karl durchschaute den bedächtigeren und viel weiter
schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten
Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten der
damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von
ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und
dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.«
Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem
großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie ein Sturmwind über Karl
her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag
ausgeführt wurde, hatte er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt.
Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels
einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige Stücke: das silberne
Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmückt, in der einen Hand
den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark
schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; Briccii
Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen
im Wert von hundertfünfzigtausend Gulden. Wo diese Schätze hingekommen,
wußte später niemand zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie
heimlich einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach bedeutende
Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast
von über zwei Millionen Gulden zu tilgen.
Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annäherung
an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demütigen dachte.
Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die
Belagerung von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte er
Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und seinem
Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige
Monate später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne,
und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine
merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß ein Blitzstrahl durch das Zimmer
fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552
beschwor der König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den
Kurfürsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von
Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin nach Chambord gegangen war. Der
französische König erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und
unterdessen die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun.
Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte
sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere
in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient
hatten. Er war so schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch
zu verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern
oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager.
Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretäre
am sächsischen Hof; Moritz wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen
Beratungen, rühmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten
die bestochenen Leute lauter falsche Dinge.
Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn verstärkte sich. Karl
erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet
ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: »Es wäre
seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn
getan, wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen
in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« Die drei geistlichen
Kurfürsten wollten, erschreckt durch die Gerüchte, das Konzil zu Trident
plötzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat
mir solche Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm
verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« Seine
ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und vollen Deutschen
besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.«
Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach Thüringen. Bei Erfurt
und Mühlhausen stand seine Armee. Er zog mit großer Eile nach Augsburg,
wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck,
»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« Er hatte sich
unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt.
Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib des Landgrafen
in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten,
einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls
verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm
geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen
Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe
aus. Die Wechselhäuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die
Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen
Kredit verloren, denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen
Handels- und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. So
erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die Treue der
Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, die er ihnen
schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie würden
sich hüten, mit einem Fürsten zu brechen, der ihnen so viel Geld
schuldig war.
Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der
zweimal unternommene Versuch mißglückte. In einer Aprilnacht begab er
sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von
Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich
nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der Fé.
Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frühe das Dorf
Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis
Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward
aufs Schloß geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen.
Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe
Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher durch des Herzogs
Reiter. Da entschloß sich Karl, wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In
demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von
der Reise.
Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in
einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen.
Der alte Kammerdiener Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der
Küche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. Zwei kurze
Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte Fernpaß überstiegen, und
im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen,
das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht
die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und kehrte
abermals um.
Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, Moritz zu einem
Waffenstillstand zu überreden, damit man zu Passau eine Versammlung
einberufen könne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen
Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang
ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti,
unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die
Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen.
Die verbündeten Fürsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke
zu suchen -- da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz
mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil des
Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den Sturm auf das
Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. Die Sache stand so schlimm, daß
Moritz in Lebensgefahr war; er mußte fliehen und sich verbergen. So
erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten
mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem Regen und von
heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte fliehen; fliehen beim Schein
brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpässe der
Tiroleralpen erhellten. Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem
Kaiser folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem
Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren sah der Kurfürst
sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf
seinem Wagen ein Lob- und Danklied an.
Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb dort bis in
die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in
Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem
Kardinalbischof von Augsburg gehörte, überließ er seinen Landsknechten
als gute Beute; sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf
ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer nannte den
andern »Don«. Moritz' Verbündeter, der König Heinrich von Frankreich,
zog ins Elsaß und erließ Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit
zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei
Dolchen und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm der
Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.
Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem König
Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischöfen von Passau, Salzburg
und Eichstädt den welthistorischen Vertrag abschloß, der den
Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede
abgeschlossen war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe
gegen die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach
Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre
Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der
Achtung, sogar der Rührung. Alle protestantischen Städte, durch die er
auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In
Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren ihre
Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn
wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mänteln gingen ihm
entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen und Feiertagsgewändern bildeten
Spalier, auf den Märkten standen die Geistlichen und die jungen Männer
auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem
Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen
das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem Haupt hindurch, seine
Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas
Cranach.
Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel
zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht
glauben wollen und geäußert: »Wie will ein Sperling den Geier
angreifen?« Das Wunderliche geschah jetzt, daß man Moritz von allen
Seiten zu mißtrauen anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum
guten Zweck getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm
von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. Als er nach
den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern ließ, sich zu
ergeben, wurde ihm geantwortet, er möge erst fromm werden und die
Judasfarbe ablegen.
Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in
Dresden großes Rennen und Stechen, und dann mußte er in den Krieg gegen
seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen
Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm,
das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war ein
gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der
Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen müßten gedemütigt werden.
Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke zu rupfen, wie er die
Kaufherren der Städte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend
Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die
fränkischen und sächsischen Lande.
Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz seine plündernden
Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Roß, die rote Feldbinde mit
dem weißen Streifen um die Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine
silberne Kugel traf ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch
seinen ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische Ritter, soll
sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun
aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere
des Markgrafen, die er eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament,
und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes
Wort war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht.
Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm zu Brüssel die
Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: »O, Absalom, mein Sohn,
mein Sohn!«
Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen
des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu
schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen
seine zwei ältesten Söhne verloren hatte, an Philipp von Hessen, »der
Kaiser will die Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht
als seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, wenn ihm
ein Rad übers Bein ginge.«
Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach Deutschland
zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig Jahre alt.
So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes
begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten.
Wallenstein
Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte
einem alten böhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwölften
Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam
zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und
beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwölf
Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der
böhmischen Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann
von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige
Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche
zuführte.
Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden und trotzigen Sinn
Wallensteins beschäftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hieß es, es
habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und
Schüler, ja selbst die Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten,
und als er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden.
Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen
Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur nach Holland, England,
Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und
Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in
Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in
die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf
gegen die Türken und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die
Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf
eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begüterten
alten Witwe zu Vermögen gekommen. Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um
seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben,
der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur wenige Monate an
seiner Seite.
Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den
Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kämmerer.
Beim Ausbruch der böhmischen Unruhen waren seine Fähigkeiten schon
anerkannt; die Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber
dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der Kriegskasse nach
Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwürde, und
nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien
und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten
und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem hieß man
ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er Fürst des Reiches. Sein
Vermögen entsprach der fürstlichen Würde; er war allmählich durch den
Ankauf konfiszierter Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der
reichste Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher im
allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden
adeliger Besitztümer verständlich zu machen ist es notwendig, auf die
Ursache hinzuweisen.
* * * * *
Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits
einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder
Leibesbeschaffenheit und gemäßigter Lebensführung. Der beherrschende Zug
seines Wesens war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie er
einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments begegnete,
umkehrte und barhäuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was
Philipp II. für Spanien gewesen, wollte er für Deutschland sein. »Besser
eine Wüste, als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester
waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als
überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich
in den Weg,« so soll er sich einst geäußert haben, »so werde ich dem
Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen.« Dies galt freilich nur für
die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der
unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen
in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe in der
Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die
Vesper; während der Adventszeit versäumte er keine Frühmette, und an
allen Prozessionen nahm er zu Fuße teil. Seine Gewissensräte, die
Jesuiten Lamormain und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand
und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen
Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er
gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an
Treu und Glauben herbeigeführte Unglück erschien ihm als eine
vorübergehende Prüfung Gottes. Er war der unversöhnliche Feind der
Protestanten in Deutschland und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben
wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle.
Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer gegen
Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und
ohne Geld. Er schien verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu
fliehen, selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand
weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die
kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer verlassen. Er
betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis nutzend, erschienen sechzehn
protestantische Herren der österreichischen Stände vor ihm und
forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Böhmen
geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte
Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief ihm zu:
»Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In diesem Augenblick
schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen
Kürassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie
retteten den Kaiser. Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von
der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der böhmische General hatte
die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich rasch und kühn,
nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krönen zu lassen. Aber
gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Böhmen in Prag die königliche
Würde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit,
als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten an seiner
Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, ein
unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien
auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers
Wort waren die Kalvinisten siebenmal ärger als die Päpstlichen.
Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch von
dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, daß er
König geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschluß fassen.
Erst auf das dritte Schreiben der Böhmen reiste er nach Prag und war nun
guten Mutes. Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den
König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen Städte,
der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, die ihm versprachen,
den spanischen Armeen die Pässe zu sperren, und am meisten verließ er
sich auf seine Jugend.
Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der
Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger aber war die
Vereinigung der katholischen Fürsten, welchen aus Haß gegen die
Kalvinisten auch der protestantische Kurfürst Johann von Sachsen sich
gesellte, und als nun gar der König von Frankreich Gesandte an die
Fürsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten
diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen,
sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstürmen. Er
hatte es nicht verstanden, die böhmischen Herren zu gewinnen; er hatte
es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen,
die einen König nur zum Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre
krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte,
Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden
Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten von Sachsen
den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben
Uhr früh zu einer Ratsversammlung bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu
solcher Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach der
Arbeit seine Ruhe haben.
In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein
paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die
Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe für französische
Sprache, französische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn,
wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben Federn abends im
Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache
dadurch, daß er die Bilderstürmerei zuließ. Allenthalben wurden die
Altäre zerstört, die Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone
aufgerissen und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe
verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große steinerne
Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und
man mußte der Wache befehlen, jeden in den Fluß zu werfen, der die
Statue anzutasten wage.
So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glühenden
Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische Hauptstadt den Klauen
des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit war vorgerückt, es fing an rauh
und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln,
aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld
stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, Prag.« Im
Frühnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag.
Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte
Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer
Karmelitermönch auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes Marienbild aus
der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief überlaut: »Heilige
Maria!« und »heilige Maria« wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war
Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht
geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf beiden
Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die
ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die
sich im Rücken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen
in der Faust auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine
Kürassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das
Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. Er stürzte und
wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die
Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze böhmische Schlachtordnung, und
die Neapolitaner erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die
Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das
Schicksal Böhmens, ja das Schicksal Deutschlands für Jahrhunderte
entschieden.
Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar
von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden
bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne
Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat
über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug,
sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des
wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den
Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat
erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot,
versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann,
ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat
willfahrte.
Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in
den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und
geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland.
Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate
lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel
sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten
Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung
zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung,
daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten
Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken.
Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes
verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand
seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren
solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er
erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der
Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen
Befehle zu überbringen.
Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die
Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren
begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der
Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche,
wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war
mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der
Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein
regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein
schöner Regenbogen über den Lorenzberg.
Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen,
drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den
des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den
Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung,
sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz
alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über
siebenhundert Jahre.
Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie
hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach
Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien
und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der
alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten.
Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon
verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um
die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn.
Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten
sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils
halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die
konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen
Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den
Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der
ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und
viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins
Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit
Gewalt wieder katholisch gemacht.
* * * * *
Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel.
Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit.
Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark
sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland,
England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus
Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur
Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein,
der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter
eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum
Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser
befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er
aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen,
denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen.
Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den
unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate
vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß
unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern
es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier
des Heeres war in Eger.
* * * * *
Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf
und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das
jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der
Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu
machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot
unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten
Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein
Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen
riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur
Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und
jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen
auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung
zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke
ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den
Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt
die Bestie hängen.
Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen
Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag
machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge,
antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder
krepieren.«
Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange,
hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die
Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und
aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick
finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und
Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von
Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von
Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen,
Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und
eine lange, rote Feder auf dem Hut.
Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles
still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren.
Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man
sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl
geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit
lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst
versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und
Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig,
aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff
abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn
er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers
hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn
nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere
Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas
Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese
Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif
und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm
die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn
krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor
allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die
seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.
Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war
er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an
seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab,
solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich
es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht
gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach
recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich
selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner
Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der
Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in
wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er
viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den
Oberbefehl übernahm.
* * * * *
Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er
überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des
folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke.
Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen
Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür,
und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das
Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen
niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und
ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht
werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder,
die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die
Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein
diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie
mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge
wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden
Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine
Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den
beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über
die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten
Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem
fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und
ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des
allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher
den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten,
um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen
Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder,
die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war
der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und
demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern
Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm
gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem
Geld.
Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand
wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen
Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die
Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann
hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare
Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die
Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten
standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den
übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem
Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins
forderte.
[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.]
Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von
Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die
abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man
müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart
müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem
Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde
er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen.
Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der
üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid
reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland
schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen
von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.
Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde
langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und
der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens
des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das
berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte,
was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort
erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten
erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und
Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das
Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu
gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der
Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet
wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen,
und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler
seien als Rebellen.
Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der
Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten
und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel
abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese
Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren.
Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder
mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die
Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen.
Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen.
Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen,
der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem
Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer
verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß
angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den
Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser,
so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu
verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in
Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere
Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der
Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen.
Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich
vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen
hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland
gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern
auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine
Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung
zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht
die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie
die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es,
Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten
jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein
Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur
Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der
Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb
sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo
alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie
einen größeren Triumph gefeiert.
Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der
Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu
überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen,
anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig
beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten.
Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit
wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich
nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom
Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des
Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich
Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten
den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine
Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der
Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh,
daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber
Gehorsam will ich leisten.«
Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums
Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig
Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly.
* * * * *
Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter
in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn
die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für
Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er
wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus
Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung.
Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und
großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen
vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit
freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt
fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und
Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte
große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine
Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften,
sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius,
das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für
ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und
gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen
Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch
bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die
europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine
undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die
französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die
eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern
und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen
kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer
Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei
doch den Verstand bewahrte.
Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die
kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel
Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die
Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von
den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die
Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten
Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich
vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und
Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war,
einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich
von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer
Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims
Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm.
Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen
Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen
Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.«
Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann
vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er
erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb
die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer
Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr
Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand
stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen.
Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog,
schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam.
Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der
Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge
dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly:
»Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und
Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs
Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den
Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen
Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller
oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über
zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung
Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An
den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen
Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß
wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als
Zuschauer gehabt.«
Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es
nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde
Messe gelesen und das Tedeum gesungen.
Das Kriegsvolk aber sang:
»Magdeburg, du stolze Magd,
Hast dem Kaiser den Tanz versagt,
Jetzt tanze mit dem alten Knecht,
Geschieht dir eben recht.«
Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer
Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich
rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst
Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines
Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der
Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und
Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav
Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu
unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er
südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern
Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke
ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen.
Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig,
er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte
seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden
von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff
ihn, selbst Pappenheim erbleichte.
Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit
zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige
Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly
seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf
Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in
einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem
Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen
Schimmel.
Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die
Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden
Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die
Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen
Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh,
und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater
Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly
starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei
Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit
höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen,
teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen
erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager,
alles Geschütz und über hundert Fahnen.
Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und
Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue
Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee
hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es
sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender
Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen
jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch
geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die
»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt
nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte
und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach.
Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner
Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest
feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen
Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei,
sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem
Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu
tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die
Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen
sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche
Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav
Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin
küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte
sich und riß dem König die Halskrause ab.
In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein
gegen den König von Schweden heranziehe.
* * * * *
In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon
von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an
seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine
und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen,
wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den
Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig
werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich
mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten
verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt
geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem
Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß
eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus
derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und
die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin
zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig
und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und
möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce
picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe
verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.«
In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine
Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast,
den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser
niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die
Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu
dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste
gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen.
Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf
Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister.
Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht,
trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig
Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen
Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere
bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus
hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus
marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in
fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er
sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen
Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren
mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem
Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem
Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von
da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen.
Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine
Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils
aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam
liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem
Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für
seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu
erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte
nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni
bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und
seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen
Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war.
Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte
mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf
einen indischen Rohrstock gestützt gehen.
* * * * *
Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach
der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann
wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war,
und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen
Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf
ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog
mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor
Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein
Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag,
zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach
Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an
Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der
gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein
wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu
unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber
vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so
entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu
übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein
Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des
Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer
Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden
oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der
Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen
Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß
Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als
#»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein
österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die
Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern.
Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am
Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art,
daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so
phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das
Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll
Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede
Erwartung heuchlerisch erfüllt.
Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer
von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien
Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen
von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der
ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen
mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt
hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte
sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte
Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie
es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher
begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder
weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang
aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt
ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber
noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein
vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf
des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein
setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das
anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder
Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume
umgehauen und die Dörfer verbrannt.
Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein
hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der
Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem
Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser
Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem
Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel.
Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen
Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein
Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden
werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter
Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete
einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall
der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes
andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein
klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«.
Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der
wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt.
Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in
blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem
finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht,
daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte
er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch
Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich
mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals
geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm.
Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war
so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte
sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er
einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott,
mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das
Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen,
nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen,
daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König
wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich:
»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn
fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die
Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können,
durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen
Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den
Leichnam dahin.
Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs
verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene
Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt,
griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit
vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der
heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde
gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag
vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche
Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine
Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie,
wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott
erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen;
ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden.
Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des
Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt
ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden
bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein
heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu
folgen bis ans Ende der Welt.
Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ
in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg
erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den
Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen
hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs
zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der
es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger
aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig
rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb,
sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit
denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft
ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe
und von blutgierigem Haß.
* * * * *
Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des
Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg
unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich
am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland
zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein
ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai
brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß
aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der
in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde
einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der
beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im
Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den
Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter
zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den
Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß
Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die
Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein
gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone
Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten
festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre
jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber
der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der
Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die
Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit
dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener
Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern
gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus
Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein
Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ,
daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.
Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein
abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er
gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in
seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit
Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in
Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu
tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann
Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl,
sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach
dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn
zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam.
Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden,
den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch
sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht
hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien
stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab
ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich
so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster
zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet,
stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener
Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese
unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle
hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu
werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen
zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer
Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde
der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der
flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und
Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf
keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach
Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen.
Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige
Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter
Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese
Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen.
Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn
er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn
verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach
Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem
teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die
Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte
Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich
dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der
spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der
Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite
Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die
Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde
preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit
aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch
tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis
zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der
Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser
Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten
an.
Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein
verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der
Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns
vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden
wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme
zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des
kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß
korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über
amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim
und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner
Huld und Gnade.
Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im
Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald
willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem
Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten
Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat,
das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die
Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es
sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der
Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand
Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald
bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert
habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel
längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus
angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und
eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane
Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten
erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich
vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche
meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen,
dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei.
Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas,
Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen
untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka
anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um
sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in
Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers
nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er
befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei
Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich
erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine
#ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten.
Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte
Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen,
auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen
konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er
sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn
auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er
rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht
glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines
Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg
aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich
durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück,
endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein
hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den
Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er
aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in
Verbindung zu setzen, war Eger.
Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am
24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner
Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren,
fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs
abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor
er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht
Kompanien Dragoner zu ihm.
Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus
nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit
seinem Regiment auf Prag zu rücken, -- bei Todesstrafe. Schon diese
Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz
führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung,
Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der
Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini
über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein
ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem
Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf
dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und
entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er
versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend
Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben,
während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war.
Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt,
Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.
Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment,
Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den
Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich
Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese
drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus
dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die
Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem
Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte
Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in
Eger einrücken würden.
Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein
Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem
Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg.
Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen
veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und
hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche
Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die
Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das
Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben,
das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand
darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen,
nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser
auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den
Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die
andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können,
wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes
Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den
Schlachtopfern allein.
Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden
Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister
Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit
sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa
d'Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und
Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!«
Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten
auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn
über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach
kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte,
stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von
Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für
einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im
Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen.
Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und
wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern
preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.
Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der
Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte
Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der
Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt
es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige
Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches
bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament
über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.«
Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus
ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im
Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn,
welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den
Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm
bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein
eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein
hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt
veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky
im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer
Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die
Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu
Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die
Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen
Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt.
»Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans
Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane.
Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben
empfing der große Mann den Todesstoß.
Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys
Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen
der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle
nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht;
wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in
der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde
er unter dem Galgen eingescharrt.
Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten
ihm die Beine zerbrochen werden.
Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die
Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust
eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein
undurchsichtiger Schleier.
Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen
Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel
das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt,
die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle
Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und
Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.
Leonhard Thurneyßer
Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus
Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren.
Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei
Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und
aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem
siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die
ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in
Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines
Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach
Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des
Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in
der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von
Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und
verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und
Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und
Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete
er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr
nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und
Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der
Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser,
in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den
orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach
Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg
Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der
heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach
Tirol zurück.
Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und
besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er
fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen
Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und
Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und
Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie«
enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim
Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu
Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation
einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen,
mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«,
und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt
es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse,
unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch
Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.«
Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde
Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische
Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und
Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren,
der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.
[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen
Holzschnitt.]
Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann
von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von
Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes
Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer
Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug
zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank,
Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von
Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war.
Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten
Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen
hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.
Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche
die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß
es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter.
Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält
23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört,
blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo
man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie
nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die
glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann
festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von
ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete
seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein
und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um
Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst
Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen,
es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.
Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung
zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer
zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende
seines Lebens zu erhalten, -- wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende
Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur
unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine
Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet
hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er
hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem
Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen
orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in
ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei
dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst
des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und
sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte
eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch
nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und
Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und
breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der
Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580
bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.
Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes
Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben
hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und
bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen
von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine
Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein
Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof
zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen
ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die
Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in
Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst
residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte
Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine
Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina
brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie
Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei,
drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn
Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute
zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von
Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten
sollte.
Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige
Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster,
gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er
richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die
ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser,
Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch
Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht,
dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini#
kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler,
ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal
einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten,
und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen
gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.
Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine
Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern,
Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der
weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen,
hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen,
arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine
Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern
Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift:
gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren
fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer.
Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen
Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und
seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch
täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin
kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold
von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte
und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen:
»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des
Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen
und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit
daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und
Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580
verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel
von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in
Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz;
1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder
zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum
nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden
könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes
bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu
erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten
Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von
Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten
Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen,
den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um
Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte
von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft
Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden
schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine
Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher,
Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten
auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit
diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt
zu machen.
Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen
Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika
beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn
die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht
beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580
lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren
Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember
gestorben.
Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er
habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und
Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in
einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind
geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten,
forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die
Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den
Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen
Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren
gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem
Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute
ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten
wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe
Geistliche gaben sich damit ab.
Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die
Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und
die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der
berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals,
1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen,
benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große
Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den
Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger
Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er
doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn
Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale
addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist
vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten
der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus
der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in
seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis#
waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die
des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern
Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem
festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie
geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine
besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren,
glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer
Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und
wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf
geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer
verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis
gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte
auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.
Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz
bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten
Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und
Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen
silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern
ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll
ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er
hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von
seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für
entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war
voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst
Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um
sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler
hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm
einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.
Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und
brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer,
Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und
Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die
chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den
verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen
Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen
Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den
Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen
gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während
außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls
ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden
Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.
Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade
des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen
ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch
vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau
gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn
nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und
heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus
Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie
brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser
Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und
seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte,
wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in
der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und
Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich
gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für
würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab
sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici,
bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange
Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz
zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug
zustande gekommen war.
Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder
nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem
Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den
er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.
Danckelmann
Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von
Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung
Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war
1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch
nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte
Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die
Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue
Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke,
Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition
Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich.
Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in
Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine
Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England,
Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der
Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum
Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei
Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676
kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten
Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete
er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch
durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo
er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder
zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn
Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli
1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe
Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum
Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die
Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein
vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der
Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines
großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben
Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold
in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem
bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring
zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben
Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als
sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten
umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte
auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand
abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der
Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft
zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter.
Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den
Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte
aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen
sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese
Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer
im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des
Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis.
Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der
dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte
Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und
außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler
zu Minden.
Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr
selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von
tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen.
Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten
Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen
Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann
befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem
Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die
dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der
Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder
und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald
vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn
meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe
meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die
Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen.
Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns
Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die
Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe
verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen
hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in
Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der
auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen
wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof
versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen.
Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall
Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den
Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg
erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es
ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.«
[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.]
Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann
auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn
natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und
brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz
erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals
hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre
lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in
Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der
Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf
erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten
Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine
Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später
nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern
Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte,
begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und
zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß
konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und
Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und
Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die
Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit
seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten
hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt
der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm
ging öffentlich mit ihm zur Kirche.
Kaiser Rudolf II. und sein Hof
Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und
wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter
Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und
sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen
Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele.
Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als
er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die
römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu
heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er
Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.
Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die
rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die
Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in
ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes
sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und
dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich
ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid
und eine verzehrende Eifersucht.
Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem
Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals
nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber-
und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre
Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern
Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns
und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich
auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne
Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten.
Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus.
Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es
kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt
wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte.
Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das
vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld
vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt,
überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner
Sammelwut.
Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere.
Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit
ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf
Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen
Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her
peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und
griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen,
Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der
Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der
Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte.
Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast
zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen
Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld
veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den
Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht
verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter
dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen.
Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die
Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind
so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die
Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst
in seinen Dienst gezogen.
Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte
sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik
und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte
schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und
manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es
ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine
Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten;
er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane,
Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit
Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie
mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre
Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben
und in der Retorte Menschen zu erzeugen.
Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß
dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen
Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze
sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann
zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der
Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen
gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen
Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt
voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino.
Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten
Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in
den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte
in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold.
In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit
sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große
Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach
Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen
als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es,
der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem
Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der
geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der
einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die
unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im
Gefängnis.
Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich
Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante
Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes
trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem
Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man
fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in
Ziegelsteinform gegossen waren.
Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe,
Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein
fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt
sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit
dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus
Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus
angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm
zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.
Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem
Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem
Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon
liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf
Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu
mildern versuche:
[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.]
»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so
hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der
Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens
hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt,
deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser
Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als
nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist
Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf
hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen
Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den
Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt,
freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole
geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso
mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei
losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint,
die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr
zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den
Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen,
aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel
zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns
Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die
Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der
ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen
worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt,
hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes
unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi
gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den
Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich
sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück
beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung
hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten
und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«
Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien;
die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen
Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren
es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen
Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht
übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in
immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf
nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt
hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom
eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen
Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang
wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu
bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte
endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen
seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren
Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der
Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige
Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen
schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so
mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich
war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob
sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich
diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr.
Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz
mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an
hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark
vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ
er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich
Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte,
erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall;
er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern
seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.
Daniel L'Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen
Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden.
Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind
feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine
Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese
gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch
immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und
setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt
einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten
weißen Hose ein spanisches Wams.«
In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk
fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an
sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte
sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den
andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen
Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute
den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er
dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er
gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit
Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig
stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.
Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein
schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen,
Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe
auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit
Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen,
oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus
fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich
befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich
als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier
war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu
nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für
ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher
Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß
sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor
Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh.
Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit
mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die
Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte
sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den
Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der
Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen
Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren
gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen
Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief
auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte
Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte
ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später
die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am
Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert
zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu
können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht,
daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu
schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte,
schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine
Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du
undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du
deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der
Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.«
Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser,
indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des
kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens
höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem
Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«
In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische
Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt
hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet
hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie
dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche
Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder
ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den
Ordensketten.
Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische
Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen
Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur
Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die
Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf
einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel
niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem
vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet
und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben
mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie
mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark
auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«
Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte
Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier
Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das
Herz.
Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre
gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er
ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene
Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im
Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen.
Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen
Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals
auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper
wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau
geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der
Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im
Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das
er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.
Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich
viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein
wildes Blut erbten. Don Carlos d'Austria diente dem Kaiser Ferdinand im
Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt
hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein,
der vierte jedoch, Don Cesare d'Austria, hatte an einem Edelfräulein
Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater,
ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen.
Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard
Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581
Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine
nächsten Befreundete
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