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Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

by Lily Braun · German · Gutenberg #16301 · 1,024,596 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
    
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Title: Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Author: Lily Braun


        
Release date: July 15, 2005 [eBook #16301]
                Most recently updated: December 12, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/16301

Credits: Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
        Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN: LEHRJAHRE ***




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Memoiren einer Sozialistin


Lehrjahre


Roman

von

Lily Braun

Albert Langen, München

1909




An meinen Sohn


Die Rosen blühen und die Linden duften. Über dunkle Wälder und saftgrüne
Matten ragen die Berge meiner Heimat zum Himmel empor, an dem die Sterne
funkeln und strahlen, ungetrübt von den Dünsten der Städte und den
Nebeln der Niederung. Die grauen Felsriesen schimmern silbern im
Mondlicht, und in ihren tausend Furchen und Spalten glänzt noch der
Schnee.

Das ist die schönste Nacht des Jahres, die Nacht, in der's in Wald und
Feld von alten Märchen raunt und flüstert, die Nacht, mein Sohn, die
dich mir geschenkt: ein Sonnwendskind, ein Sonntagskind. Elf Jahre sind
es heute. Ist es mir doch, als wäre es erst gestern gewesen, daß du an
meiner Brust gelegen, daß du die ersten Worte lautest, zum erstenmal die
Füßchen setztest. Und nun bist du ein großer Junge! Die Kindheit
bereitet sich aufs Abschiednehmen vor.

Fast am gleichen Tage war es, und mehr als drei Jahrzehnte sind es her,
daß auch ich zu Füßen dieser Berge meinen elften Geburtstag feierte. Die
Tafel bog sich damals unter der Fülle der Geschenke -- auf deinem Tisch,
mein Sohn, lagen heute neben dem duftenden Kuchen unsrer alten Marie nur
ein paar Bücher! --, und Eltern, Verwandte und Freunde umgaben mich,
mit schäumendem Sekt und schmeichelnden Reden das Geburtstagskind
feiernd, -- wir dagegen waren heute allein und hatten nur tiroler
Landwein in den Gläsern. Das Geburtstagskind von damals war ein blasses,
langaufgeschossenes Mädchen mit einem alten, hochmütig-sarkastischen Zug
um den Mund, dessen Lächeln der Dankbarkeit nur die Frucht guter
Erziehung war; du aber bist ein blühender Knabe, der im Überschwang
seiner Freude seine Mutter und die alte Marie abwechselnd in tollem Tanz
auf der Wiese umherwirbelte. Nur zweierlei ist sich gleich geblieben --
damals und heute --: auf deinem Tisch wie auf dem meinen lag das erste,
langersehnte Tagebuch, dessen weiße Blätter so verlockend sind für ein
elfjähriges Herz, wie der Eingang ins Zauberreich des Lebens selbst, und
vor dir wie vor mir ragten dieselben Bergesriesen, und derselbe Wald
umrauschte unsre Kinderträume.

Mich hat mein Tagebuch durch's ganze Leben begleitet, und der
Gewohnheit, mir allabendlich vor ihm Rechenschaft abzulegen über des
Tages Soll und Haben, bin ich immer treu geblieben. Am Schlusse jeden
Jahres habe ich an seiner Hand den verflossenen Lebensabschnitt überlegt
und sein Fazit gezogen. Seine lakonischen Bemerkungen -- ein bloßes
trockenes Tatsachenmaterial -- bildeten den festen Rahmen, den die
Erinnerung mit den bunten Bildern des Lebens füllte, und unverzerrt
durch jene schlechtesten Porträtisten der Welt -- Haß oder Bewunderung
--, blickte mein Ich mir daraus entgegen.

Als ich diesmal aus der Tretmühle und der Fabrikatmosphäre meines
Berliner Arbeitslebens in unsre stille Bergeinsamkeit floh, nahm ich die
zweiunddreißig Jahreshefte meines Tagebuches mit mir. Generalabrechnung
muß ich halten.

Auf steilem Felsenpfad bin ich bis hierher gestiegen, meinem wegkundigen
Blick, meiner Kraft vertrauend, weit entfernt von den Lebenssphären, die
Tradition und Sitte mit Wegweisern versah, damit auch der Gedankenlose
nicht irre gehe. Jetzt aber muß ich stille stehen, muß Atem schöpfen,
denn die große Einsamkeit um mich her läßt mich schaudern. Wohin nun?
Hinab zu Tal, zu den Wegweisern? Oder weiter auf selbstgewähltem Steige?

Die Menschen zürnen mir, und alle nennen mich fahnenflüchtig, die
irgendwann auf der Lebensreise ein Stück Weges mit mir gingen; mir aber
erscheinen sie als die Ungetreuen. Wer hat recht von uns: sie oder ich?
Um die Antwort zu finden, will ich den letzten Wurzeln meines Daseins
nachspüren, wie seinen äußersten Verästelungen; und an dich, mein Sohn,
will ich denken dabei, auf daß du, zum Manne gereift, deine Mutter
verstehen mögest.

In der Sonnwendnacht, die dich mir geschenkt, in der Sonnwendnacht, in
der ringsum auf den Höhen die Feuer glühen, in der Sonnwendnacht, wo
aufersteht, was ewigen Lebens würdig war, seien die Geister der
Vergangenheit zuerst heraufbeschworen.

Obergrainau, den 24. Juni 1908




Erstes Kapitel


Wo die kurische Nehrung beginnt, ihre Dünen in die Ostsee
hinauszustrecken, und das Meer auf der einen, das Haff auf der andern
Seite das Land bespült, steht das Haus meiner Großeltern, in dem ich
geboren bin. Vor Jahrhunderten haben deutsche Ordensritter es als festes
Bollwerk gegen das heidnische Volk des Samlands erbaut; der breite,
viereckige Turm, die dicken Mauern und der Graben ringsum erinnern noch
an seinen Ursprung. Ein Ordensbruder soll es gewesen sein, der als einer
der ersten im Samland zur Lehre Luthers übertrat, -- nicht aus
Gewissenszwang, denn das hätte dem blonden derben Junker aus dem
thüringischen Geschlecht der Golzows wenig ähnlich gesehen, sondern aus
Liebe zu einem schönen Fräulein, die ihn das Keuschheitsgelübde brechen
hieß. Er wurde auf dem Schloß von Pirgallen der Stammvater des
preußischen Zweigs der Familie und der Vorfahr meines Großvaters. Mit
dem Besitz schien sich aber auch die lebenbestimmende Liebesleidenschaft
des Ahnherrn von Generation zu Generation zu vererben. Nur selten fügte
sich ein Golzow dem Rate der Familiensippe, wenn es galt, sich die
Eheliebste zu wählen, und so wurden viele fremde Blumen in den
nordischen Garten verpflanzt. Manch eine mag dabei im Frost erstarrt,
vom Meersturm zerzaust worden sein, andere aber blühten, trugen Frucht
und streuten den Samen ihrer Heimaterde in das Land, wo er üppig
aufging, so daß es zwischen den gelben Dünen, den weißen Birkenstämmen
und knorrigen Eichen gar seltsam anzuschauen war.

Auch meine Großmutter war solch eine fremde Blume gewesen: ein Kind der
Liebe, dem heimlichen Bund eines Königs mit einem kleinen elsässischen
Komteßchen entsprossen. Und sie war wohl nie recht heimisch geworden da
oben. Sie fror immer, saß auch im Sommer gern am Kaminfeuer der Halle,
und schwere schleppende Samtkleider, mit Pelz verbrämt, trug sie am
liebsten. Sie blieb auch einsam trotz der großen Kinderschar, die sie
umgab. Das Blut der Golzows war lebenskräftiger als das ihre, denn all
die Buben und Mädeln, die sie gebar, waren nicht eigentlich ihre Kinder:
mit hellen blauen Augen aus rosigweißen Gesichtern blickten sie in die
Welt, und Jagd und Tanz, Spiel und Liebe blieb ihnen Lebensinhalt.

An meine Mutter, ihr jüngstes Kind, die goldblonde Ilse, hatte sie sich
mit aller Kraft ihrer Sehnsucht geklammert. Lange hoffte sie, sich
selbst in ihr wiederzufinden, und verdeckte mit den bunten Gewändern
ihrer Phantasie in zärtlicher Selbsttäuschung alles, was ihr fremd war
an ihrer Tochter. Sie half ihr auch den Starrsinn des Vaters brechen,
der sich ihrer Verbindung mit einem armen Infanterieleutnant
widersetzte. Die Ehe mit dem ernsten, strebsamen Mann würde, so meinte
sie, ihr eigentliches Wesen erst zur Entfaltung bringen, -- das Wesen,
das sich schon deutlich genug dadurch auszudrücken schien, daß ihre Wahl
unter allen ihren glänzenden Bewerbern grade auf diesen gefallen war.
Sie wußte nicht, daß nur der Rausch Golzowscher Liebesleidenschaft --
heiß und kurz, wie die Sommer Pirgallens -- Ilse beherrschte. Ihr Gatte
kannte die Tochter besser als sie, darum gab er die Hoffnung nicht auf,
statt des »heimatlosen Landsknechts«, wie er ihren Erwählten, den
Leutnant Hans von Kleve, spöttisch nannte, einen der Standesherrn des
Landes als Schwiegersohn zu begrüßen.

Kleve besaß nichts als seinen guten Namen und seinen Ehrgeiz. Nachdem
sein Vater, ein leichtsinniger Gardeleutnant, mit dem spärlichen Rest
seines rasch verjubelten Vermögens und einer lustigen kleinen Frau,
deren bürgerliche Herkunft ihn den schönen bunten Rock auszuziehen
zwang, ein Gütchen in der Nähe Berlins erworben hatte, um dort nichts zu
tun, als zu sterben, war seiner Mutter kaum das notwendigste übrig
geblieben, um ihn und seine vier Geschwister zu erziehen. Wie gut, daß
sie an Arbeit gewöhnt gewesen war ihr Leben lang! Zu stolz, die reichen
Verwandten ihres Mannes, die sie ihrer Herkunft wegen nie hatten
anerkennen wollen, in Anspruch zu nehmen, zog sie sich in eine kleine
märkische Stadt zurück, wo sie ihre Kinder mit eiserner Strenge und in
spartanischer Einfachheit erzog. Hans war zwölf Jahre alt, als er in
diese harte Schule genommen wurde. Er empfand die Beschränktheit des
Lebens am tiefsten und litt ständig unter den Anforderungen, die seine
Mutter an seine geistige und moralische Leistungskraft stellte. Sein
Liebesbedürfnis fand wenig Verständnis bei ihr, die unter dem dauernden
Druck quälender Sorgen die Zärtlichkeit glücklicher Mütter eingebüßt
hatte. Eine Schwester, die ihm im Alter am nächsten stand, und der er
sein ganzes Herz zuwandte, wurde ihm früh durch väterliche Verwandte,
die sich plötzlich der armen Witwe und ihrer Kinder erinnert hatten,
entrissen; so blieb er ganz auf sich allein angewiesen und konzentrierte
all seine Energie auf das eine Ziel: sich selbst das Leben zu erobern.

Mit sechzehn Jahren machte er das Abiturientenexamen und trat in ein
Königsberger Infanterieregiment ein. Kavallerist zu werden, was er sich
gewünscht hatte -- denn die Reiterleidenschaft saß ihm tief im Blute --,
erlaubten seine Mittel ihm nicht, und die Schwester, die von ihrem
reichen Onkel wie ein eignes Kind gehalten wurde, hatte dem Bruder, --
um ihre persönliche Stellung besorgt, -- rundweg abgeschlagen, eine
Zulage für ihn zu erbitten. Von selbst reichte des Onkels Generosität
über das Geburtstags- und Weihnachtsgoldstück und gelegentliche
Urlaubsreisen nach dem Familiengut in Oberfranken nicht hinaus, und so
bestand des jungen Mannes Dasein in unaufhörlichen Verzichtleistungen.
Er lebte nur seinem Beruf; sein Empfindungsleben schien durch die Arbeit
völlig erstickt zu sein.

Um diese Zeit lernte er Ilse Golzow kennen, und alles, was an
Liebessehnsucht in seiner Seele gelebt hatte von klein auf, brach
ungestüm hervor. Das Weib war ihm unbekannt geblieben bis dahin; die
Arbeit hatte ihn taub und blind gemacht, und eine angeborene Reinheit
der Gesinnung hatte ihn das Gemeine stets als gemein empfinden lassen.
So vereinte sich in der ersten Liebe des Achtundzwanzigjährigen die
volle phantastische Schwärmerei des Jünglings mit der tiefen Neigung des
reifen Mannes. Die Erfüllung alles dessen, was er in seinen stillsten
Stunden für sich an Glück erträumt hatte, erwartete er von dem Besitz
dieses holden blonden Mädchens. Daß ihm dies Glück nicht kampflos in den
Schoß fiel, erhöhte nur seinen Wert für ihn.

Um ihretwillen vertauschte er seine Studierstube mit dem Ballsaal; er
entwickelte gesellige Talente, die bisher niemand in ihm vermutet hatte,
er wurde das belebende Element aller großen und kleinen Feste. Auf dem
Wege zwischen Königsberg und Pirgallen ritt er sein Pferd fast zu
Schanden, das er sich endlich als Regimentsadjutant halten konnte, und
auf den Schnitzeljagden stellte er durch seine Reiterkunst sämtliche
Kürassierleutnants in den Schatten. Ein instinktives Verständnis für die
weibliche Natur lehrte ihn, daß Mädchen, wie die schöne Ilse, durch die
Bewunderung, die man ihnen abnötigt, am sichersten zu gewinnen sind. Von
dem Vater der Geliebten aber mußte er sich eine zweimalige Ablehnung
gefallen lassen; erst als er zum drittenmal wieder kam und die Tränen
Ilsens sich mit seinen Bitten vereinigten, während ihre Mutter alle
Gründe der Liebe und der Vernunft zu seinen Gunsten zur Geltung brachte,
hieß er ihn -- mit aller Reserviertheit des Bezwungenen, nicht des
Überzeugten -- als Schwiegersohn willkommen.

An einem Maiensonntag des Jahres 1863 fand die Trauung des jungen
Paares in der alten Pirgallener Dorfkirche statt. Als »Burg des
Christengottes«, so erzählt die Sage, galt sie einst dem heidnischen
Volk, und an eine Burg mehr als an eine Kirche erinnern noch heut die
aus ungefügen Steinblöcken zusammengesetzten Mauern und der viereckige
Turm mit den kleinen Fenstern, den dichter Efeu fast ganz überwucherte.
Die dämmerige Halle verstärkte diesen Eindruck: vor dem Zeichen des
Speeres, dem Wappenbilde der Golzows, verschwand fast das des Kreuzes,
und statt der Bilder des Heilands und der Apostel reihte sich ein
Grabstein neben dem andern an den Wänden, mit Ritterhelmen und
Schwertern geschmückt, oder mit steinernen Bildnissen, die alle
denselben Typus ostdeutschen Adels aufwiesen, ob ihr Antlitz mit den
regelmäßigen, etwas leblosen Zügen und den hochmütig geschürzten Lippen
nun unter dem Stechhelm oder der Allongeperücke hervorsah. Auf den
Grabsteinen der Frauen erzählten die Doppelwappen, wie selten nur die
ritterbürtige Ahnenreihe unterbrochen worden war. Und daß sie alle zu
einem Geschlechte gehörten: diese stummen Zeugen der Hochzeit Ilsens und
die vielen derer von Golzow, die sich in der alten Kirche
zusammenfanden, -- das bewiesen diese schlanken Menschen mit den
schmalen Handgelenken und den langen spitzen Fingern, die an harte
Arbeit nie gewöhnt gewesen waren. Nur daß die Kraft der Ahnen sich in
lässige Grazie verwandelt und ihre rassige Vornehmheit einen leisen
Schein müder Dekadenz angenommen hatte.

Auch des Bräutigams Verwandte waren vollzählig erschienen. Sie hatten
sich die Teilnahme an dem Familienfest um so weniger entgehen lassen,
als Hans Kleves Heirat die Mesallianz seines Vaters verschmerzen ließ.
Von anderem Schlag waren sie als die Golzows: Das Blut fahrender
Landsknechte und alt-nürnberger Patrizier mischte sich in ihren Adern,
und breit, groß und stämmig waren ihre Gestalten. Die Kniehosen und
Wadenstrümpfe ihres bayerischen Berglands ließen ihnen besser, als Frack
und Zylinder, und seltsam stach vor allem des Bräutigams üppige
rotblonde Schwester Klotilde ab gegen die zarte Elfengestalt seiner
Braut.

Als Menschen eigner Art jedoch, nicht als bloße Glieder einer Familie,
traten zwei Erscheinungen aus dem großen Kreise hervor: die Mütter des
jungen Paares waren es. Das Leben hatte sie beide auf seine Höhen
geführt und in seine Abgründe hineingerissen, sie waren von ihm
gezeichnet; die eine -- das Königskind, das Kind der Liebe --, um deren
hohe Gestalt das Samtgewand wie ein Krönungsmantel niederfloß, deren
schwermütig-dunkle Augen Geist und Güte strahlten, -- die andere --, ein
Kind des Volkes und der Arbeit, die sich nicht zu Hause fühlte in dem
schwarzen Seidenkleid, deren harte Hände von zähem Fleiße, deren
durchfurchte Züge von eiserner Willenskraft sprachen, und in deren
braunen Augen doch der kecke Humor noch lachte, der über alles Ungemach
hinweghilft.

Königsberg, die Garnison meines Vaters, als er heiratete, war mit dem
raschen Golzowschen Gespann von Pirgallen aus in drei Stunden zu
erreichen. Es war daher für die Tochter kein Abschied von zu Hause, der
den Schmerz langer Trennung in sich birgt. Ja, sie blieb im Grunde
daheim, denn im alten Stadthaus ihrer Eltern wurde dem jungen Paare die
Wohnung eingerichtet.

Während es auf der Hochzeitsreise war, schmückte die Großmutter das
künftige Nest ihrer Kinder. All ihren Geschmack, all ihre Träume und
Gedanken über die Schönheit, Harmonie und Behaglichkeit einer
Familienwohnung verwirklichte sie hier. Da war der grüne Salon mit den
tiefen englischen Lehnstühlen, dem geräumigen Sofa am breiten
Fensterpfeiler, mit dem runden, von einer Tuchdecke bedeckten großen
Tisch davor, dem mächtigen roten Marmorkamin an der Längswand ihm
gegenüber; daneben, nur durch Portieren getrennt, das helle Boudoir mit
seinen kretonneüberzogenen Wänden und Möbeln, dem Schreibtisch voller
Familienbilder, überragt von Thorwaldsens segnendem Christus; und auf
der andern Seite des Vaters Zimmer mit seinen schweren geschnitzten
Eichenmöbeln, in deren Arabesken das Wappentier der Kleves, die gekrönte
Eule, sich vielfach wiederholte. Für das Speisezimmer hatte die
Großmutter die alten Empiremöbel ihrer Mutter hergegeben: Mahagoni mit
Bronzebeschlägen und gelbseidnen Sesselbezügen. Hier prangte auch eine
Reihe alter Familienbilder an den Wänden: Frauen im Reifrock mit
märchenhaft dünner Taille und gepuderten Haaren, Männer in
goldstrotzender Uniform und mächtiger Lockenperücke, und mitten unter
ihnen ein rosiges, lächelndes, goldlockiges Frauenköpfchen, das die
Mutter in spätern Jahren immer in den dunkelsten Winkel zu hängen
pflegte: Alix, die Urgroßmutter, das Königsliebchen.

Ein großes, helles Schlafzimmer, eine Fremdenstube und ein sorgfältig
abgeschlossner, von der Großmutter streng behüteter Raum -- als hätte
Blaubart seine Frauen darin -- vollendeten die Wohnung. In Ost und West,
in Süd und Nord -- wohin immer das Soldatenschicksal uns getrieben hat,
-- dieser Rahmen des Lebens ist sich stets gleich geblieben. Ein
Gesellschaftszimmer, ein Tanzsaal kamen später wohl hinzu, sie haben
mich aber immer wie etwas Fremdes angemutet. »Ihr habt keine Heimat,«
pflegte die Großmutter zu sagen, »da müßt ihr sie als Ersatz, wie die
Schnecke ihr Haus, mit euch tragen.«

Als die Eltern nach der Hochzeitsreise diese Räume, die geschaffen
schienen, Liebe und Freude in sich zu schließen, betraten, war auf ihr
Eheglück schon ein Reif gefallen. Ahnungslos, wie alle wohlgehüteten
Mädchen ihrer Zeit und ihrer Lebenskreise, war Ilse in die Ehe getreten.
Keusch wie sie war der Mann, dem sie sich vermählt hatte, aber um so
gewaltiger war die Glut seiner Liebe und seines Begehrens, während ihre
Sinne noch schliefen und das große, tiefe Geheimnis des Geschlechts sich
ihr wie eine gräßliche Untat offenbarte. Sie hat mir oft erzählt, daß
sie in den ersten acht Tagen ihres Zusammenlebens mit ihrem Mann am
liebsten davongelaufen wäre, wenn sie sich nicht vor ihren Eltern
geschämt hätte. Erst ganz allmählich kam ihr die Erkenntnis, daß ihr
Gatte kein Verbrecher, ihr Schicksal kein abnormes war. Zu den
seelischen Leiden, mit denen sie ihn, der so liebevoll, so zartfühlend
und weichherzig war, wohl noch mehr quälte als sich selbst, kamen
körperliche Beschwerden hinzu, deren Ursachen sie ebenso verständnislos
gegenüberstand. Sie suchte sie mit der ihr eignen Energie zu
beherrschen, um so mehr, als sie sich unter den ihr fremden Kleveschen
Verwandten befand; sie teilte auch ihrer Mutter nichts davon mit, um die
Überängstliche nicht unnötig, wie sie meinte, aufzuregen. Tapfer
beteiligte sie sich an allen Ausflügen, allen ländlichen Festen; tanzte
und ritt, obwohl es ihr oft vor den Augen dunkelte und der Schwindel sie
zu übermannen drohte. So kehrte die junge Frau bleich und müde zurück,
die, ein Bild blühender Gesundheit, das Elternhaus verlassen hatte. Der
Schatten dieser ersten Schmerzen und Enttäuschungen fiel über ihr ganzes
Leben.

Der Großmutter blutete das Herz, als sie ihr Kind wiedersah. Bald aber
war sie beruhigt und zärtlicher Freude voll in dem Gedanken an das junge
Leben, das sich im Schoße der Tochter entwickelte. Nur allzu früh sollte
die Hoffnung, die von Ilse selbst nur qualvoll empfunden wurde, zerstört
werden; und statt einer Wöchnerin pflegte die Großmutter eine schwer
kranke junge Frau. Erst die würzige Herbstluft von Pirgallen heilte sie,
und der Königsberger Karneval sah sie als eine der schönsten der Schönen
im fröhlichen Kreise der Jugend wieder. Sie tanzte gern, sie sah sich
gern von Bewunderern umgeben, und ihr Mann war überglücklich, wenn er
sie heiter wußte.

Im zweiten Jahre ihrer Ehe stellten sich wieder Hoffnungen ein; mit
hellem Jubel begrüßte sie Hans Kleve, mit tiefer Rührung die Großmutter;
nur die, unter deren Herzen das neue Leben erwachte, spürte nichts von
alledem. Die Fassung, mit der sie sich in ihr Schicksal ergab, das
Vorgefühl ernster kommender Pflichten war das einzige, was sie ihm
gegenüber aufbringen konnte.

Indessen richtete die Großmutter des Enkelkindes erstes Stübchen ein:
Alles darin war weiß und rot, einfach und freundlich, nur das Sofa war
mit braunem Rips bezogen und der Tisch davor mit braunem Wachstuch. Du
gutes altes Sofa! Auf dir hab ich die Glieder im ersten Lebensgefühl
gestreckt, auf dir bin ich umhergeklettert, als ich die Beinchen regen
konnte; in deinen Winkeln hab ich mein Lieblingsspielzeug geheimnisvoll
verwahrt, habe, tief in deine Polster geschmiegt, meine Märchenbücher
verschlungen und meine ersten Träume auf dir geträumt!

Mitten in den Vorbereitungen zum Empfange des kleinen Erdenbürgers warf
eine Lungenentzündung den alten Golzow aufs Krankenlager. Bei einer der
häufig wiederkehrenden Überschwemmungen, die durch die wilden, alle
Dämme durchreißenden Wogen des kurischen Haffs entstanden und die Wiesen
stets auf Jahre hinaus wertlos machten, hatte er stundenlang, bis an die
Kniee im Wasser, mit den Knechten um die Wette die Löcher der Dämme zu
verstopfen gesucht und sich dabei eine Erkältung zugezogen. Auf die
Nachricht seiner Erkrankung siedelte Ilse, die ihrem Vater besonders
nahe stand, nach Pirgallen über. Noch wochenlang sah sie dem wilden
Kampf des starken Mannes gegen den Allüberwinder zu, der ihn
schließlich sanft in seine Arme nahm.

Ein Maiensonntag war es abermals, als der Gutsherr mit all dem Pomp, der
die Sprossen eines der ältesten Geschlechter des Landes von jeher zu
Grabe leitete, in die Gruft seiner Vorfahren gesenkt wurde. Vollzählig
war wieder die Familie versammelt, vollzählig war auch das Offizierkorps
des Königsberger Kürassierregiments zugegen, dem Walter, der älteste
Sohn des Verstorbenen, angehörte, und seine Trompeter bliesen die
Trauerchoräle. In langem Zuge folgten die Knechte und die Instleute dem
Sarge, den der greise Förster, des Toten Lebensgefährte, mit seinen
Jägern trug. Ehrliche Trauer blickte aus den Zügen aller der
wettergebräunten Männer der Arbeit. Werner Golzow war ihnen ein guter
Herr gewesen. Sie hatten nie seine Faust und nie seine Peitsche gespürt,
wie ihre Kollegen ringsum auf den Nachbargütern, und sie fürchteten sich
vor dem Junker, seinem Erben. Sein junges hübsches Gesicht war hart und
hochmütig, auf die unbeholfenen, teilnehmenden Worte der Diener seines
Vaters antwortete er nur mit einem leichten Neigen des Kopfes, die Hand,
die sie, der alten preußischen Sitte gemäß, küssen wollten, zog er
ungeduldig zurück. Als die Gutsleute nach der Beisetzung in der großen
Halle des Herrenhauses von der Großmutter empfangen wurden, spürten sie
doppelt ihre Güte, die nichts Herablassendes hatte, die den Untergebenen
niemals den Abstand zwischen Herrn und Diener fühlen ließ. Und einer
nach dem andern richtete die angstvolle Frage an sie: Unsre Frau Baronin
wird uns doch nicht verlassen? Sie schüttelte nur wehmütig lächelnd den
Kopf dazu, und halb und halb beruhigt ging alles auseinander.

Sechs Wochen später wurde ich geboren. Es war ein glühheißer
Junisonntag; in voller Pracht blühten die Rosen, und in der alten
dunkeln Gespensterallee, wo die »böse Frau von Pirgallen«
nächtlicherweile mit dem Kopf unter dem Arme umging, dufteten
berauschend die Linden. Das Geläut der Glocken begleitete gerade die
heimkehrenden Kirchgänger, als ich zur Welt kam. Ich konnte das Leben
nicht erwarten, denn den Weg hinein fand ich ohne Hilfe, -- die weise
Frau kam erst, als die Großmutter mich schon in den Armen hielt und dem
Vater beim Anblick seines Kindes große Tränen der Rührung über die
Wangen liefen.

In der alten Kirche, über der Gruft der Golzows und unter ihren Speeren,
wurde ich getauft. Die Gutskinder hatten den düstern Raum in eine Laube
von Jasmin verwandelt, -- darum hab ich wohl mein Lebtag keinen
Blumenduft so geliebt wie den dieser weißen Sterne. Selbst im geweihten
Wasser des Taufsteins schwammen ihre Blätter, und als der greise Pfarrer
es mir auf die Stirn träufelte, blieb eins davon auf meinem dunkeln
Köpfchen haften. »Und wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete und
hätte der Liebe nicht, ich wäre ein tönend Erz und eine klingende
Schelle« -- lautete der Text der Taufpredigt und Alix der Name, der mir
gegeben wurde. Beides hatte die Großmutter gewählt; den Namen hatte sie
gegen den Widerstand der Tochter für ihr erstes Enkelkind durchgesetzt,
-- den Namen ihrer Mutter, die sie um so inniger geliebt, je mehr die
Welt sie verdammt hatte.

Ich blieb in Pirgallen. Vergebens hatte man versucht, mich an die Brust
meiner Mutter zu legen. War es ihre innere Abneigung, die sie nur im
Gefühl, eine Pflicht erfüllen zu müssen, überwinden wollte, war es mein
früh erwachter Eigensinn, -- kurz, Mutter und Kind schienen nichts von
einander wissen zu wollen, und eine derbe Fischerfrau, die mich mit
ihrem Söhnchen zusammen nährte, wurde meine Amme. Behütet von ihr und
der Großmutter, der das schwarzhaarige, dunkeläugige Baby so ähnlich
sah, verbrachte ich auch den Winter bei ihr; seufzend hatte es mein
Vater zugegeben, da er sah, daß ich hier besser aufgehoben war als in
Königsberg, wo die Freuden der Gefälligkeit meiner Mutter ganze Zeit in
Anspruch nahmen. Oft aber packte ihn die Sehnsucht so sehr, daß er Sturm
und Wetter nicht scheute und, wie einst zu der Geliebten, zu der Braut,
nun zu dem Töchterlein hinausritt, um es zu küssen, und in den Armen zu
schaukeln. Die Großmutter hat immer dabei weinen müssen, erzählte mir
die Amme später. Lange wußte ich nicht, warum.

Dann kam der Krieg, der böse deutsche Bruderkrieg. Mein Vater wurde
Kompagnieführer in einem jener Regimenter, die durch die mörderischen
Kämpfe in Böhmen fast völlig aufgerieben wurden. In den Wäldern um
Königgrätz warf ihn eine Kugel zu Boden. Wären nicht ein paar seiner
treuen Grenadiere, die ihn wie einen Vater liebten, der eignen
Erschöpfung nicht achtend, noch spät des Nachts ausgezogen, um, wie sie
meinten, die Leiche ihres Hauptmanns zu suchen, er wäre elend verblutet.
Puckchens, unseres Affenpinschers, klägliches Winseln führte sie auf
die Spur des Verwundeten. Sobald er transportfähig war, brachte man ihn
nach Königsberg. Die Mutter, sonst eine so starke Frau, brach zusammen
beim Anblick des entkräfteten, vollkommen entstellten Mannes. Er war es,
der sie lächelnd trösten mußte.

Viele, viele Wochen lag er auf dem Krankenlager, das ihm in seinem
Wohnzimmer errichtet worden war. Je mehr seine Genesung vorschritt,
desto eifriger beschäftigte er sich mit mir. Ich habe nie einen Mann
gesehen, der wie er mit kleinen Kindern spielen konnte.

Meine erste traumhafte Erinnerung, -- ich bin immer ausgelacht worden,
wenn ich von ihr erzählte, da ich doch damals noch nicht zwei Jahre alt
war --, führt mich in einen dunkel verhängten Raum vor ein großes
braunes Bett, aus dem mir ein blasser Mann die Arme entgegenstreckte.
Ich weiß, daß ich laut aufschrie, daß der Mann den Kopf müde zurücklegte
und ich mich ausatmend in meinem hellen Stübchen wiederfand. Und später
sah ich ihn im Rollstuhl wieder und mich auf seinem Schoß mit seiner
großen, dicken Uhr spielend, die, weil sie mit so zärtlichem, feinen
Stimmchen alle Viertelstunden schlug, für mich immer etwas Lebendiges
gewesen ist. Wende ich ein andres Blatt der Erinnerung um, so seh ich
große rote Blumenkerzen in mein Fenster hereinleuchten. Das war in
Potsdam, wohin mein Vater nach dem Feldzug versetzt wurde, und wo wir in
einem gartenumsäumten Haus, vor dem ein alter Kastanienbaum Wache hielt,
das erste Stockwerk bezogen. Neben uns, nur durch den Gartenzaun
getrennt, wohnte meiner Mutter zweiter Bruder Max, der bei den
Gardehusaren Leutnant war und eine elsässische Cousine geheiratet
hatte. Werner, ihr Sohn, war nur um wenige Monate jünger als ich. Unter
uns aber, in die Parterrewohnung mit der großen Terrasse, auf deren
Balustrade kleine Steinengelchen saßen, die in meinen Träumen immer
lebendig wurden, zog, kaum ein Jahr nach unsrer Übersiedlung, die
Großmutter ein.

Walter Golzow hatte nach dem Kriege den bunten Rock mit dem schönen
himmelblauen Kragen ausgezogen und das Gut übernommen, dessen Geschäfte
die Großmutter bis dahin mit Hilfe des erprobten Verwalters gewissenhaft
und in der alten Weise geleitet hatte. Sie versuchte dann noch eine
Zeitlang, neben dem Sohn zu wirken und zu arbeiten, wie sie es früher
gewohnt gewesen war. Aber zu hart stießen die Gegensätze aneinander: in
ihrer Milde sah Walter Schwäche, in ihrer Wohltätigkeit Verschwendung.
Es kam auch tatsächlich zuweilen vor, daß ihre Güte mißbraucht wurde,
daß man die allzeit Hilfsbereite, die an jedem Menschen etwas Gutes sah
oder herauszulocken verstand, hinterging und betrog. Das nahm ihr Sohn
zum Vorwand, ihrem barmherzigen Wirken mehr und mehr Hindernisse in den
Weg zu legen. Doch dies alles hätte sie nicht so schwer getroffen, da
sie als Herrin ihres Vermögens damit machen konnte, was ihr gut schien;
unerträglich wurde ihr die Existenz vielmehr erst durch die fast
fieberhafte Neuerungssucht Walters: nichts in der Wirtschaft und im
Hause schien ihm mehr gut genug, und Umwandlungen und Neuanschaffungen,
die ein vorsichtiger, auf alle Möglichkeiten schlechter Jahre
vorbereiteter Gutsherr auf einen langen Zeitraum verteilt, sollten jetzt
in wenigen Monden vor sich gehen. Die Großmutter sorgte, warnte, bat,
-- sie predigte tauben Ohren. Die Ställe füllten sich mit Luxuspferden,
die Wirtschaftsräume mit neuen Maschinen aller Art, deren Handhabung
selten einer verstand, das Herrenhaus mit modernen Möbeln, vor deren
geschmacklosem Prunk der alte, solide Hausrat aus Urväter Tagen weichen
mußte. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn,
die ihren Höhepunkt erreichten, als sie sah, wie er auf die Wange eines
ungeschickten Reitknechts die Peitsche niedersausen ließ, so daß der
junge Mensch blutend zu Boden sank. Wenige Tage darauf entführte der
alte breite Kutschwagen mit den wohlgenährten Braunen davor die
Großmutter von der Stätte ihrer jahrzehntelangen Wirksamkeit, von dem
erinnerungsreichen Boden ihrer zweiten Heimat. Sie sah sich nicht um,
und sie weinte nicht; zu tief empfand sie das schwerste Geschick, das
ein Weib treffen kann: fremde Kinder zu haben.

Ich war vier Jahre, als die Großmutter nach Potsdam kam. Ein Ölbild von
Tochter und Enkelin, das damals für sie gemalt worden war, zeigt, daß
auch ich meiner Mutter solch ein fremdes Kind gewesen bin: von ihrer
lichten Erscheinung mit dem hellblonden Haar, der durchsichtigen Haut,
den meerblauen Augen sticht das kleine Mädchen seltsam ab, um dessen
schmales gelbliches Antlitz dunkle schwere Locken sich ringeln, dessen
schwarze Augen fragend und verträumt ins Weite sehen. Von klein an
bewunderte ich neidvoll meiner Mutter nordische Schönheit, und wenn
meine Freunde mir Tränen des Zorns entlocken wollten, brauchten sie mich
nur »schwarze Alix« zu rufen; sie waren selbst alle blond, und schon
bei den Unmündigen wirkt die Majorität überzeugend. Die Anführer bei
solchen Späßen, die mir den Umgang mit meinesgleichen früh verleideten,
waren meist mein Vetter Werner und Adda, das Töchterchen eines der
Regimentskameraden meines Vaters. Mit jener Grausamkeit, die nur den
kleinen Menschentieren eigen ist, rächten sie sich durch ihre Neckereien
an meiner Besonderheit. Einig waren wir drei eigentlich nur, wenn es
galt, unseren französischen Bonnen einen Schabernack zu spielen. Wir
konnten sie alle nicht leiden und empfanden sie nur als notwendiges
Übel, unter dem wir gemeinsam zu leiden hatten.

An jedem schönen Morgen führten sie uns in den Park von Sanssouci; kein
Wort Deutsch durften wir sprechen, und artig mußten wir nebeneinander
gehen. Wenn die drei Fräuleins aber erst häkelnd auf einer der Bänke
saßen und die Lebhaftigkeit ihres Gesprächs einen gewissen Höhepunkt
erreicht hatte, benutzten wir schleunigst die Gelegenheit, aus ihrem
Gesichtskreis zu verschwinden, und dann war ich die Anführerin. Wo die
Büsche am dichtesten waren, versteckten wir uns und spielten im grünen
Dämmerlicht phantastische Märchen. Meine blühende Phantasie steckte die
beiden andern an: unter halbverwitterten steinernen Göttern gruben sie
eifrig nach den Schätzen, von denen ich ganz genau zu erzählen wußte,
oder sie umschlichen geduldig immer wieder des alten Fritzen Schloß oben
auf den Blumenterrassen, die Ritter und die Feen mit Herzklopfen
erwartend, die ich schon »soo« oft gesehen hatte. Wenn freilich durchaus
nichts von dem Erwarteten sich zeigen wollte, mußte ichs bitter büßen,
und wenn wir unsrer schmutzigen Hände und zerdrückten Kleider wegen von
unsern drei Gestrengen gescholten wurden, war allemal ich die
Hauptschuldige. Allmählich gewöhnte sich mein sehr robuster und
prosaischer kleiner Vetter daran, den lebhaften Ausbrüchen meiner
Einbildungskraft mit einem verächtlichen »zu dumm« zu begegnen, was mich
bis zu Tränen kränkte und mehr und mehr verstummen ließ. Spielte ich
dann artig mit Ball und Reifen, ohne in die Büsche zu kriechen, dann
lobte mich Mademoiselle: »Comme elle devient raisonable!« sagte sie.

Noch stand ich nicht fest auf dieser Staffel der guten Erziehung, als
mir ein schwerer Kummer widerfuhr. In unserm Garten, in dem wir
nachmittags zu spielen pflegten, lagen auf den Wegen viele bunte
Kieselsteine. In einem Winkel, unter einem Jasminstrauch -- zu den
weißen Blüten trug ich immer meine tiefsten Geheimnisse -- sammelte ich
die schönsten, die ich finden konnte. Ich war fest überzeugt, daß sie in
ihrem Innern goldne Wagen mit weißen Pferdchen davor, blitzende
Königskronen und schimmernde Schlösser bargen, und versuchte, sie mit
einem Hammer aufzuschlagen. Schließlich kamen Werner und Adda hinter
mein Geheimnis; mein Vetter, den meine glühende Begeisterung für die zu
erwartenden Herrlichkeiten anstecken mochte, bemühte sich auch
seinerseits, die Kiesel zu öffnen, und es gelang. »Bist du dumm,« rief
er ärgerlich, als er die grauen Splitter in der Hand hielt, »es sind ja
nur ganz gewöhnliche Steine!«

Noch oft hab ich später hinter dem Leblosen wundervolle Offenbarungen
vermutet und im Schweiße meines Angesichts versucht, zu ihnen
vorzudringen, aber die Enttäuschung hat mich kaum je so heftig
geschmerzt und bis zu so wilder Verzweiflung getrieben, wie damals, wo
ich, ein fünfjähriges Kind, weinend vor den zerschlagenen Kieseln saß.

Wenn die andern mich verhöhnten, wenn der Schmerz mich übermannte und
sie nicht verstanden, warum, dann blieb mir ein Zufluchtsort und ein
Mensch, der immer die rechten Worte des Trostes fand: Großmama. Wie oft
flüchtete ich in ihr stilles Reich, wo sie zwischen blühenden Blumen und
dunkeln Palmen lesend, schreibend oder still vor sich hinträumend in
ihrem tiefen, grünen Lehnstuhl saß. Sie hatte immer Zeit für mich, sie
lachte mich niemals aus und antwortete nie auf meine tausend Fragen mit
jenem ein weiches Kindergemüt so verletzenden: »Das verstehst du nicht.«
Und wenn sich mir Park und Garten, Wasser und Wald mit tausend Gestalten
bevölkerten, wenn die allabendlich in buntem Reigen um mein Bettchen
tanzten, so wußte ich: Großmama sah sie, wie ich; nur die andern hatten
keine Augen dafür. War ich allein bei ihr, so erschienen mir ihre Zimmer
wie ein einzig Märchenreich: Zwischen den Palmen lächelte der schöne
weiße Jünglingskopf ihres Vaters mir entgegen -- halb ein Cäsar, halb
ein Antinous --; von den Wänden sahen Männer und Frauen mich an, mir
vertraut seit meinem ersten Augenaufschlag, wenn auch fremd nach Art und
Gewandung, und unter einem von ihnen, auf kleinem Postament, stand
Winter und Sommer ein frischer Blumenstrauß. Das war der Dichter, zu
dessen Füßen die Großmutter gesessen hatte, als sie ein Kind, ein junges
Mädchen gewesen war, der die Geschichte vom Heideröslein gedichtet
hatte, die erste, die ich wiedererzählen konnte, und bei deren Schluß
mir immer die Stimme brach: ... »Doch es half kein Weh und Ach, mußt es
eben leiden!«

Auf dem Fußbänkchen neben Großmama, den Kopf vergraben in den weichen
Falten ihres Sammetkleids, die Augen auf die tanzenden und zuckenden
Flammen des Kaminfeuers gerichtet, während ihre leise Stimme über mir
klang, von Schneewittchen und Dornröschen erzählend oder von der kleinen
Seejungfrau, die dem Prinzen zuliebe unter tausend Schmerzen zum
Menschen wurde und dann doch wieder hinabsteigen mußte in die Fluten, --
das waren die schönsten Stunden meiner frühen Kinderjahre. Und das alles
waren Erlebnisse für mich, viel bedeutungsvollere, als die Ereignisse
des öffentlichen Lebens, deren Kunde an mein Ohr schlug. So weiß ich vom
deutsch-französischen Kriege, obwohl ich ihn als fast Sechsjährige
erlebte, nicht allzuviel. Ich sehe mich zwar Charpie zupfend am Fenster
sitzen oder mein Frühstücksbrötchen mitleidig für die armen Soldaten in
die Kiste legen, die die Mutter allwöchentlich zu packen pflegte; ich
erinnere mich, daß ich mit Hurra schrie bei jeder Siegesnachricht und
die Illuminationskerzen nach dem Fall von Sedan mit in die sandgefüllten
Gläser steckte. Ich weiß auch, daß mir das bunte Schauspiel des Einzugs
der Sieger in Berlin, dem ich in einem neuen blauseidnen Kleidchen mit
meiner Mutter von irgend einem Lindenhotel aus beiwohnte, sehr gefiel,
und daß mein Lorbeerkranz statt auf die Lanze eines Kriegers auf den
aufgespannten Schirm irgend einer biedern Berliner Bürgerfrau
niederfiel; aber von hochgeschwellter patriotischer Begeisterung weiß
ich nichts. Vielleicht, daß die gedrückte Stimmung zu Haus mich
beeinflußt hatte, denn hier kam eine reine Siegesfreude nicht auf. Nicht
nur, weil Söhne und Gatten allen Wechselfällen des Krieges ausgesetzt
waren, sondern auch, weil nahe, liebe Verwandte der Großmutter im
französischen Heere dienten. Neffen von ihr kamen als Gefangene nach
Potsdam; der alte Bruder ihrer Mutter, der sich als Jüngling unter
Napoleon I. die Sporen verdient hatte, kämpfte jetzt mit derselben
glühenden Vaterlandsliebe unter seinem Nachfolger. Von dem Franzosenhaß,
der den deutschen Kindern späterer Zeit eingeprägt wurde, wußten wir
infolgedessen nichts. Ich glaube, jener Hurrapatriotismus, der sich
heute breit macht, gedeiht nur in Friedenszeiten. Wer dem Kriege Aug in
Auge sieht, dessen Vaterlandsliebe wird vielleicht nicht weniger tief,
wohl aber ernster und stiller sein. Erst wenn die großen Kämpfe der
Völker lange vorüber sind, werden sie zu Mitteln, die Begeisterung auch
der Kinder anzufachen. So kam es wohl, daß meine Phantasie von dem, was
vor sich ging, ebenso unberührt blieb wie mein Gemüt. Nur der Heimkehr
meines Vaters sah ich voll jubelnder Freude entgegen.

Er brachte uns allen Geschenke aus Frankreich mit, die er mit Sorgfalt
und in der freudigen Aussicht auf die glücklichen Gesichter der
Empfänger ausgewählt und wofür er wohl auch viel Geld ausgegeben hatte.
Über all das schöne Spielzeug, das ich erhielt, war mein Jubel ohne
Grenzen, und ein zierliches goldnes Kettlein, das mich noch mehr
entzückte, schlang ich mir grade vor dem Spiegel um den Kopf, so daß die
Perle, die wie ein Tautropfen daran hing, just unter dem Scheitel auf
die Stirne fiel -- meine schwarzen Locken erschienen mir plötzlich gar
nicht mehr so häßlich --, als das Antlitz meiner Mutter hinter mir
auftauchte. Angstvoll erstaunt wandte ich mich um; Seiden- und
Samtstoffe lagen vor ihr ausgebreitet, mit zärtlich-fragenden Augen sah
der Vater sie an, und sie -- sie freute sich nicht! Worte des Vorwurfs
über die »unnützen Ausgaben« war das erste, was ich sie sagen hörte, und
mit ungewohnt heftiger Geberde nahm sie mir die Kette aus den Haaren,
die nun -- ich wußte das nur zu gut -- in der unergründlichen Tiefe des
Silberschranks verschwinden würde, wie so manche der schönsten Dinge,
bis »Alix groß sein wird«. Dann dankte sie dem Vater mit einer kühlen
Phrase, aus der ich das Erzwungene mit dem feinen Gefühl des
Kinderherzens herausempfand. Über unsre Festtagsfreude hatte sich ein
dunkler Schatten gelegt. Papa ging verstimmt hinaus, ich spielte
verschüchtert in einem möglichst versteckten Winkel. Freude ist eine der
sensitivsten Pflanzen, die es gibt, das hab ich damals unbewußt zum
erstenmal empfunden: wenn sie in vollster Blüte steht, genügt ein kalter
Lufthauch, sie zu töten. Sie will gehütet sein und gepflegt, und nur ihr
natürliches Welken ist schmerzlos. Verschleiert blieb von da an die
Stimmung; um Liebe werbend, dankbar für jeden wärmeren Blick, bemühte
sich mein Vater um seine schöne kühle Frau. Wie oft nahm er mich auf den
Schoß, legte mein Bäckchen an seine Wange und herzte und streichelte
mich, während seine Augen ihr folgten, die im Zimmer umherging, jedem
Staubfäserchen nach, das etwa von einem Möbelstück nicht entfernt worden
war.

Bald hieß es, die Mutter sei krank und brauche längere Zeit der
Erholung. Große Koffer wurden gepackt, und wir reisten -- Großmama, Mama
und ich, meine Mademoiselle und die Jungfer -- nach der Schweiz. Wie
schnell war da der arme, einsame Papa vergessen! Wundervolle Bilder von
weißleuchtenden Gletschern, blauen Seen, brausenden Wasserstürzen und
Schauerlichen Abgründen zogen an mir vorüber. Nirgends war mir meine
Bonne mit ihrem ewigen: Tiens-toi droite -- ne court pas si vite -- sois
raisonable so widerwärtig vorgekommen wie hier. Ins Moos sich werfen mit
ausgebreiteten Armen, laufen und springen, wie von Flügeln getragen, und
über Stock und Stein aufwärts klettern, höher, immer höher, bis zu den
silbernen Häuptern der Berge mitten in den Himmel hinein -- ach, wer das
könnte! Eines Tages hielt es mich nicht länger. Irgendwo am
Vierwaldstädter See wars, wo ich davon lief, gedankenlos, ziellos, nur
erfüllt von dem Wonnegefühl der ungebundenen Kraft. Erst als es anfing
zu dunkeln, kam ich zum Bewußtsein meiner Verwegenheit. Da plötzlich
geschah etwas so Wundersames, daß ich alles vergaß: die weißen Berge
bekamen rotglühendes Leben. -- Männergeschrei und ängstliches Rufen
schreckten mich auf aus der Verzauberung; vom Hotel aus suchte man die
Ausreißerin. Stumm kehrte ich heim, unempfindlich blieb ich für alle
Vorwürfe, die mich sonst so bitter trafen; das Erlebte hatte jede andre
Empfindung in mir ausgelöscht. Nur der Großmutter vertraute ich
flüsternd das große Geheimnis an: wie die Bergriesen vor mir lebendig
geworden waren.

Im Herbst desselben Jahres kehrte Großmama nach Potsdam zurück, Mama
und ich aber reisten nach Augsburg zu meines Vaters Schwester Klotilde.
Sie hatte sich mit Baron Artern, dem jüngeren Bruder ihrer Tante Kleve,
bei der sie erzogen worden war, vermählt gehabt und war nach kurzem
strahlendem Glück Witwe geworden. Monatelang schien es, als ob ihr
sehnsüchtiger Wunsch, dem Toten zu folgen, erfüllt werden würde, und es
war mein Vater, der ihr in dieser Zeit mit der ganzen hingebungsvollen
Liebe und zarten Rücksicht, deren er fähig war, zur Seite gestanden und
sie dem Leben zurückgewonnen hatte. Er war es wohl auch gewesen, der ihr
den Gedanken nahe legte, uns zu sich einzuladen. Es gibt kaum eine
heilendere Kraft für alle Lebenswunden als die weichen Hände, die klaren
Augen und das helle Lachen eines Kindes, -- ihr war sie versagt
geblieben; in mir, so hoffte mein Vater, sollte sie sie finden.

An einem trüben Oktoberabend kamen wir in Augsburg an. In Trauerlivree
empfing uns der Diener am Bahnhof, dunkel war die Equipage, dunkel waren
die engen winkligen Straßen, und grau, wie leblos, starrten die alten
Häuser mir entgegen. In einen hallenden Torweg, den nur eine unruhig
flackernde Lampe spärlich erhellte, bog der Wagen, und vor einer
breiten, teppichbelegten Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernem
Geländer stiegen wir aus. Eine alte Dienerin mit großem Schlüsselbund
über der schwarzseidenen Schürze begrüßte uns zuerst; oben, wie eine
Fürstin, wartete des Hauses Herrin auf uns. Der Kreppschleier verhüllte
sie fast ganz, nur das weiße Gesicht und die roten Haare leuchteten
daraus hervor. Weinend umarmte sie ihre Gäste, und erschüttert von dem
Eindruck der neuen Umgebung weinte ich mit ihr. »Du gutes Kind,« sagte
sie und küßte mich zärtlich; ich hatte ihr Herz gewonnen.

Ein seltsames Leben begann für mich in dem grauen Hause mit seinen
langen, düstern Gängen, an deren Wänden ein dunkles Bild neben dem
andern hing, mit seinen mächtigen schwarzbraunen Schränken und den
tiefen, tiefen Teppichen, über die der Fuß unhörbar hinglitt. Die Türen
waren mit Fries eingefaßt, um jedes Geräusch zu vermeiden, und die
Klingeln hatten einen dunkeln Ton. Meine Tante vertrug nicht den
geringsten Lärm. Man hatte mir das streng eingeschärft, aber ich wäre
hier auch ohnedies ganz still gewesen. Nur im Stübchen bei der alten
Kathrin, der Wirtschafterin, die mich schnell in ihr Herz schloß, durfte
ich lachen und toben, und draußen bei allen den vielen Verwandten und
Freunden fühlte ich mich aus dem Traumreich in die Welt zurückversetzt.
Die erste Mädcheneitelkeit ist damals von ihnen in mir großgezogen
worden. Sie umgaben mich förmlich mit der wohligen weichen Treibhausluft
der Bewunderung; und wenn meine Mutter auch, sobald wir allein waren,
Worte wie Hagelschauer und Gewitterregen abkühlend hernieder brausen
ließ, so sah ich darin doch nichts weiter, als daß sie mir die Freude
eben wieder einmal nicht gönnen wolle. Hatte ich mich früher, weil ich
anders war, zurückgesetzt gefühlt, war ich mir im Vergleich zu meinen
helläugigen Gespielen häßlich vorgekommen, so wurde ich allmählich
meiner Besonderheit als eines Vorzugs bewußt.

In meinem Zimmer, das ich allein bewohnte -- Mademoiselle war auf
Urlaub bei ihren Eltern in der Schweiz geblieben --, stand ein
verschlossener Schrank. Ich studierte durch die Glastüren die Titel auf
den Rücken der Bücher, soweit das meine ziemlich unzureichende Kenntnis
der deutschen Buchstaben zuließ; französisch war mir bisher allein
geläufig geworden. Auf einer Reihe großer Quartbände wiederholten sich
immer dieselben Worte: »Die Geschichten aus tausend und einer Nacht.«
»Tausend und eine Nacht«, -- hieß nicht so das Buch mit den bunten
Bildern, aus dem mir Großmama Aladins seltsame Abenteuer vorgelesen
hatte? Niemand erzählte mir Märchen in Augsburg, die alte Kathrin wußte
nur immer dieselben Gespenstergeschichten, ach, wenn ich doch selber
lesen könnte! Heimlich versuchte ich, mit allen Schlüsseln, die mir
erreichbar waren, den Schrank zu öffnen, um zu den Schätzen zu gelangen,
die er barg. Endlich, endlich sprang er auf. Wie gut, daß ich Halsweh
hatte und Tante und Mama allein spazieren gefahren waren! Mit klopfendem
Herzen nahm ich einen Band nach dem andern heraus -- ich sehe noch ihr
gebräuntes Leder vor mir und ihr gelbes, stockfleckiges Papier! -- und
betrachtete die vielen Bilder darin: Geister und Ungeheuer, Männer auf
sich bäumenden Rossen mit krummen Säbeln und hohem Turban und wunder-,
wunderschöne Frauen. Von nun an hatte ich häufig »Halsschmerzen« und
ließ mir mit rührender Geduld Einreibungen und Umschläge gefallen, trug
auch klaglos das rote Flanellläppchen, das ich sonst nicht rasch genug
hatte abreißen können. Sobald ich allein war, vertiefte ich mich in die
Bücher. Es waren unverkürzte Übersetzungen des herrlichen
Märchenschatzes; ich lernte lesen darin; der ganze Farbenreichtum, die
ganze Glut des Orients umgaben mich wie mit einem Zaubermantel. Wie oft,
wenn ich mit glühenden Wangen und heißen Augen den Heimkehrenden
entgegentrat, wurde mir der Fieberthermometer besorgt unter den Arm
gesteckt. Aber ich hatte kein Fieber, -- ich hatte ja auch nur mit den
Ausschneidepuppen gespielt, die in buntem Durcheinander auf meinem
Tische lagen!

Warum ich mein Geheimnis verschwieg? Nicht nur, weil die Mutter ganz
gewiß die Bücher verschlossen hätte, sondern weit mehr noch, weil alles,
was mich am tiefsten ergriff, auch am tiefsten verhüllt bleiben mußte.
Es erschien mir entweiht, seines Wertes beraubt, wenn andre es sahen,
besprachen, betasteten. Großmama allein hätte ich davon erzählen können.
Niemand merkte das Geheimnis, in dem ich lebte, niemand ahnte, daß ich
in den dunkeln Gängen und tiefen Nischen alle Spukgestalten meiner
Bücher leibhaftig vor mir sah, daß sie mir aus den Bildern an den Wänden
entgegentraten, daß ich eine seltsam schwüle, schwere Luft durstig
einatmete.

Seit meiner ersten Kinderzeit hatte ich die Gewohnheit, mir abends im
Bett Geschichten zu erzählen; das waren meine köstlichsten Stunden! Da
störte mich nie die rauhe Hand der Wirklichkeit, da lachte mich keiner
aus. Von nun an wurden meine Phantasten wilder, so daß ich mich oft vor
ihnen fürchtete und zitternd unter die Bettdecke kroch. Häufig genug
wartete ich mit fieberhafter Erregung auf den Schritt der Mutter im
Nebenzimmer, aber zu rufen wagte ich nicht, nachdem sie mich einmal
meiner »dummen Aufregung« wegen arg gescholten hatte.

Inzwischen war mein Vater nach Karlsruhe versetzt worden. Er und die
Großmutter besorgten den Umzug, suchten die Wohnung und richteten sie
ein. Beide erwarteten uns, als wir nach einer beinahe halbjährigen
Abwesenheit endlich heimwärts reisten. Mir war der Abschied von Augsburg
sehr schwer geworden, denn mochte ich mir noch so sehr den Kopf
zerbrechen, -- meine lieben Bücher heimlich mitzunehmen, gelang mir
nicht. Papa und Großmama erschraken, als sie mich wiedersahen. »So blaß
ist mein Alixchen,« sagte sie. »So dunkle Ränder hat sie um die Augen,«
fügte er hinzu. Als ich zuerst sein Zimmer betrat, einen langen Raum mit
einem einzigen breiten Fenster, sah ich eine durchsichtige, weiße
Gestalt mit gesenktem Haupt an mir vorüberschweben. Ich schrie auf und
erzählte nach vielem Zureden, was mir begegnet war; schon wollte die
Mutter auffahren, und der Vater murmelte etwas von »dem Unsinn, den man
dem armen Kinde beigebracht hat«, als die Großmutter mich still beiseite
nahm und lange und liebreich auf mich einsprach. Was sie sagte, weiß ich
nicht mehr, aber es löste mir Herz und Zunge. »Ach, bleib doch bei mir,
Großmama!« rief ich, während die Angst sich in Tränen löste. Andre
jedoch bedurften ihrer noch mehr als ich; ihr jüngster Sohn, Max, zog
sie an sein Krankenlager, und ich war wieder allein.

Es war tiefer Winter damals. Trübselig und neidvoll sah ich oft durch
die geschlossenen Fenster auf den Platz, wo die Kinder tobten,
Schneeball warfen und Schneemänner bauten. Ich durfte nur selten
hinaus. Von klein an war ich Halsentzündungen ausgesetzt gewesen, und
meine Mutter ließ mich, ebenso pflichttreu wie gedankenlos, bei kaltem
Wetter nur ins Freie, wenn es völlig windstill war. Aber auch dann wurde
ich dick verpackt und durfte nicht laufen wie die andern. Das ließ mich
noch mehr vereinsamen. Mir ist, als hätte ich die Winter stets
verschlafen, so wenig weiß ich von ihnen. Vom Frühling aber und vom
Sommer weiß ich um so mehr. Wir hatten einen großen Garten hinter dem
Hause mit alten Bäumen, blühenden Büschen und bunten Blumen. Hier war
mein Reich. Hier durfte ich ungestört umherspringen, mir Höhlen bauen,
die zu unterirdischen Schätzen führten, auf der Schaukel bis zu den
Wolken fliegen, die im Grunde gar keine Wolken, sondern Drachen und
Zaubervögel waren. Hier konnte ich mit meinen Bällen, die alle
Märchennamen trugen, geheimnisvolle Zwiesprach halten, so daß die
Nachbarn oft meinten, ich hätte Scharen von Gespielen im Garten. Puck,
unser alter Pinscher, dem zwei Feldzüge schon die Haare gebleicht
hatten, mußte sich hier zu jugendlichen Sprüngen bequemen, war er doch
das Flügelpferd, das mich ins Zauberland tragen sollte.

Ich war den größten Teil des Tages mir selbst überlassen. Mademoiselle
war froh, wenn sie den Mund nicht aufzutun brauchte und mit ihrer
unendlichen Häkelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa war den
ganzen Vormittag auf dem Bureau des Generalkommandos tätig, nachmittags
ritt er mit Mama spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend.
Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen und zu empfangen;
und was beiden an freier Zeit etwa noch übrig blieb, das verschlang die
große, zu jeder Jahreszeit äußerst lebendige Geselligkeit. Nur
vormittags zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter mich bei
schönem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen. Mit dem Reifen, meinem
unzertrennlichen Gefährten, lief ich voraus durch eine jener
menschenleeren, langen, graden Straßen, die in Fächerform sämtlich am
Schloßplatz münden, und trieb mein Spiel durch die stillen Laubengänge
des Parks, bis es Zeit war, Papa vom Bureau abzuholen. Pünktlich, wenn
wir vor dem Hause standen, schloß der Kommandierende, General von
Werder, der Sieger von Wörth, die Vormittagsarbeit und kam mit Papa
hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte alle schönen Frauen
gern, meine Mutter insbesondere. Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann,
mit den Händen auf dem Rücken und den blitzenden Augen in dem scharf
geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging, immer zu einem derben
Scherz bereit und stets einen Leckerbissen für mich in der Tasche.

Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann hatte der Vater mich an der
Hand, und des Fragens und Erzählens war kein Ende. Wenn er für meine
Phantasien auch nur wenig Verständnis hatte und ich mich hütete, sie ihm
anzuvertrauen, so wußte er doch wie kein anderer meine Wißbegierde zu
stillen. Er hatte eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst
schwierige Probleme meinem kindlichen Verständnis nahezubringen, mir
Naturerscheinungen, chemische oder physikalische Vorgänge zu erklären
und mich das Leben der Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die
kurzen Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller für mich machten,
als wenn ich den ganzen Vormittag in der Schule gesessen hätte. Kamen
wir nach Haus, so gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den
Pferden meinen Frühstückszucker, den ich mir täglich vom Munde absparte,
seitdem Mama mich wegen meiner Zuckerverschwendung gescholten hatte.
August, unser Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verdächtig
roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen genommen,
mußte den kleinen Braunen herausführen, und ich durfte auf Mamas Sattel
im Hof umherreiten, während Puckchen steifbeinig nebenher trabte, die
Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als müßte er Sitz und Haltung ebenso
beobachten und kritisieren wie Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister,
und ich fürchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als daß ich mich
daran freute. Ja, reiten, -- das mußte herrlich sein! Frei, mit
verhängtem Zügel über Felder und Wiesen, -- vor Wonne klopfte mein Herz,
wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls
im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewärtig, vom Vater heftig
angefahren zu werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, die
Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, -- gräßlich wars! Laute,
harte Worte zu hören, verwundete mich aufs tiefste, und die
Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner
Heftigkeit in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck
nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht hervorzurufen -- man
nannte das lobend »artig sein« --, aber mein Herz krampfte sich dabei
zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines
verborgenen Lebens zurück, was meine Mutter als ein erfreuliches
Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip
kannte: Selbstbeherrschung. »Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine
Gefühle nicht,« pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die
Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief in den Garten
hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.

Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich nicht, wohl aber
geselligen Verkehr, der mich Sonntags fast immer, schön geputzt, aus dem
Hause führte. Im Schloß bei Großherzogs war ich ein häufiger Gast:
Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei blühende Kinder damals, waren
lustige Gefährten, und beim Baumplündern zu Weihnachten, beim Eiersuchen
zu Ostern hallte das Schloß wieder von unserm Lachen und Lärmen, an dem
das freundliche Elternpaar stets die meiste Freude hatte. Nur das Kochen
in Vickis großer Küche, die das Ideal aller andern kleinen Mädchen war,
langweilte mich entsetzlich, -- die Fee, die dem Wickelkind die
Hausfrauentugenden in die Wiege legt, war offenbar zu meinem Tauffest
nicht geladen worden! Da wars bei Max und Marie doch schöner, den
Kindern des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Großvater ihnen aus
Rußland das kostbarste Spielzeug zu schicken pflegte: Eisenbahnen mit
richtigen Schienen, Puppen, die laufen und reden konnten, -- lauter
Dinge, die zu jener Zeit für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar waren.
Am allerbesten aber gefiel es mir in einem Hause, dessen Herrin, eine
Tochter Bettinens auch dem Geiste nach, es verstand, Märchen zu
Wirklichkeiten zu machen. Mit ihren beiden reizenden Töchtern, die um
ein paar Jahre älter waren als ich, fertigte sie aus buntem Seidenpapier
die köstlichsten Gewänder an, mit denen geschmückt wir lebende Bilder
stellten, Scharaden aufführten und uns als Helden Grimmscher Märchen in
unsre Rollen so einlebten, daß die Rückkehr in die prosaische Erdenwelt
uns hart ankam. Unsre Feste wurden bald die große Attraktion der
Gesellschaft; oft genug sah auch der Großherzog uns zu, und ich erinnere
mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor im rosa Hemdchen,
mit goldenen Sandalen und blitzenden Flügeln aus einem Strauß lebendiger
Blumen meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen lachenden
Zuruf: »Nun, schieß los!« das strenge Schweigegebot vergebend,
antwortete: »Aber das tut weh!« Bald lernte ich besser, bei solchen
Gelegenheiten die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und
Kostümfeste waren auch bei den »Großen« an der Tagesordnung, und fast
überall wirkte ich mit. In Scheffels Dichtung vom Rockertweibchen, die
unter seiner persönlichen Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines
Schwarzwaldmädchen, das sich der besonderen Gunst des Dichters erfreute.
Er hatte immer eine Düte für mich in der Tasche, und das erste Glas
Sekt, das mir warm und wohlig bis in die Fußspitzen niederrieselte,
verdanke ich ihm. Auch ein Rokokodämchen war ich, mit hoch aufgetürmtem,
gepudertem Haar, und ein Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, --
was Wunder, daß ich immer unlustiger morgens vor meinem alten,
pedantischen Lehrer saß, der mich Buchstaben malen, Gesangbuchverse und
Bibelsprüche hersagen ließ. Im Strudel rauschender Freude untertauchen
oder lesen und träumen für mich ganz allein, -- was dazwischen lag: das
Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden, war wie eine staubige
Straße, die ich am liebsten zu gehen vermied. »Pflichten« besonders
waren mir verhaßt; ich definierte sie schon als sechsjähriges Kind auf
eine Frage hin als das, »was immer unangenehm ist«. Alles, was Mama z. B.
tat, wenn sie ein recht unzufriedenes Gesicht dazu machte, erklärte sie
für Pflichterfüllung: die schmutzige Wäsche selber zählen, obwohl drei
Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum Kochen herausgeben, obwohl
wir eine vortreffliche französische Köchin hatten, nachmittags mit mir
spazieren fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, --
ja selbst die Dämmerstunden bei Papa, wo er zu Frau und Kind gern
zärtlich war, schienen mir, nach ihrem Ausdruck zu schließen, in dieses
Gebiet zu gehören. Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen,
schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die
Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen,
deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand
entgegensetzte. Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte daher
für meine Bedürfnisse nicht weit genug sein; darum war der Sommer so
schön, wo ich den Garten fast für mich allein hatte, wo ich auf dem
Lande bei Verwandten und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich
erfreute.

Eingebettet zwischen weiß- und rotblühenden Obstbäumen, überragt von
grünen Hügeln, zu denen schmale, nußbaumbeschattete Wege emporführten,
noch nicht erobert von dem Feinde aller verträumten Poesie, der
fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals zu Füßen der
Bergstraße. Dem Grafen Währing, dem Bruder meiner Urgroßmutter, hatte
das Schloß gehört, das mit seinen Gärten und Weinbergen das Städtchen
beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine achtzigjährige Greisin dort
oben, der niemand ihr Alter ansah, und bei der wir oft wochenlang zu
Gaste waren. Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert war sie
anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist und Leben, mit
winzigen weißen, von Juwelen bedeckten Händen, allerhand seltenes
Tierzeug -- weiße Angorakatzen, schlanke Windspiele, lockige
Zwergpinscher -- um sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu
umgeben, -- es sei genug, daß der Spiegel sie an ihr Alter erinnerte,
meinte sie. Je toller es um sie her zuging, je mehr Liebesgeschichten
sie sich entspinnen sah, desto fröhlicher war sie. Immer hatte sie
Schränke voll Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen Gäste -- die
schönsten am häufigsten -- damit zu beschenken, und Juwelen, Ringe und
Armbänder aller Art, mit denen sie sie schmückte. Wer harmlos irgend
etwas, was nicht niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde
es als Geschenk aufgenötigt. Und was für merkwürdige Dinge gab es in
ihren Salons mit den Louis XV. Möbeln, den hohen Spiegeln und vielen,
vielen Bildern und Bilderchen: da waren Sessel, Fußbänke, Bücher, aus
denen in tollem Durcheinander Mozartsche und Offenbachsche Melodien
ertönten, sobald sie benutzt wurden; Gemälde, die plötzlich in der Wand
verschwanden, um einem Schränkchen voll süßem Naschwerk Platz zu machen;
Tischchen, die in den Boden sanken, wenn man sie anstieß, um mit Wein
und Kuchen besetzt wieder zu erscheinen, kurz -- ein Paradies für ein
wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten mit seiner Fülle von
Beeren und Blumen, mit seinen dichten Laubengängen und lustigen
Wasserspielen -- und die Freiheit vor allem, die ungebundene!

Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante mich zuvor
sorgfältig, rückte da eine Falte zurecht, steckte mir dort eine Schleife
an, wickelte meine Locken über ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid
noch tiefer von meinen magern Schultern und holte die Puderquaste aus
ihrer kleinen goldnen Taschenbüchse, um den Rest Vormittagsübermut von
meinen Wangen zu entfernen. »Est-elle gentille, la petite?!« sagte sie
dann, mich vor dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit Kettchen
und Armbändern, mit Worten und Ratschlägen, die für die Seele einer
Siebenjährigen nichts andres waren als süßes Gift, warb sie um mich und
modelte an mir. Was sie sagte, weiß ich heute nicht mehr, aber ich weiß,
daß ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe sei, zu gefallen und zu
herrschen, und all die Spiegel und Büchschen und Fläschchen des
Toilettentischs, all die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als
Etappen auf dem Wege zu ihrer Erfüllung. Das Bewußtsein, hübsch zu sein,
machte mich stolz, und mit der Koketterie des kleinen Mädchens suchte
ich zum erstenmal ein männliches Wesen mir gefügig zu machen. Die alte
Tante hatte einen Heidenspaß daran, nur war leider der arme Rudi, ihr
Enkel und mein Spielgefährte, ein gar zu ungeeignetes Objekt für meine
Künste! Er stotterte und war infolgedessen scheu und ängstlich; und ich,
die ich mit jener unbewußten Grausamkeit der Kinder, mein Licht vor ihm
leuchten ließ, verschüchterte ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das
Stottern hat man ihm später abgewöhnt, aber in seinem Gemüt ist doch
irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurückgeblieben: auf der Höhe des
Lebens hat er sich eine Kugel in die Schläfe gejagt, und keiner wußte,
warum.

Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaßen nur eine
theoretische; am Anschauungsunterricht sollte es auch nicht fehlen. Wir
verbrachten die Herbstwochen häufig bei französischen Verwandten auf
ihrem Schlosse im Elsaß, einer sagenumwobenen alten Ritterburg.
Gefallene Größen des napoleonischen Hofes -- männliche und weibliche --
gaben sich dort zur Jagd und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stück Pariser
Leben spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war der Herr des
Hauses, ein schwer reicher Emporkömmling, dessen kurze, dicke Hände, mit
denen er meine Wangen streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, --
neben ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehüllt, an denen
ihre durchsichtigen Hände nervös hin und her zerrten. Eine ihrer Töchter
war Onkel Maxens Frau, die Mutter meines alten Spielgefährten Werner,
den ich zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die schönere von
den beiden Schwestern, dabei still und phlegmatisch, eine
Haremsfrauennatur, während die andere von Geist und Leben sprudelte und
der Mittelpunkt eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich
beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an vor mir; »la
petite« hatte ihrer Meinung nach ebensowenig Augen und Ohren wie die
Zofen und Lakaien, ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote.
Aber ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit zitternder
Neugier beobachtete ich ihre Tändeleien, ihre Stelldicheins, ihr
Flüstern, ihre Küsse, und Wellen heißen Lebens, die mir über den Rücken
fluteten, ließen mich dabei erbeben.

Als wir das letztemal vom Elsaß nach Karlsruhe zurückkehrten -- acht
Jahre war ich damals --, kamen mir mein Garten und mein Spielzeug
merkwürdig fremd vor. Ein Stück harmloser Kindheit war mir inzwischen
verloren gegangen. Gierig stürzte ich mich über alle Bücher, deren ich
habhaft werden konnte, und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte
ich sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf dem alten
braunen Sofa neben mir lag. Wenn ich mir jetzt des Abends im Bett
Geschichten erzählte, so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den
Geistern, die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in heißer
Erregung über das abenteuerliche Schicksal, als dessen Heldin ich mich
selber träumte. Liebe, wie ich sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren
Wonnen und Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzählungen
standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner Phantasien, und je kühler
ich die Luft empfand, die mich daheim umwehte, um so durstiger wurde
mein kleines Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im Innern
heimlich genährt und gehütet, weil ich niemanden besaß, vor dem ich ihn
als Opferflamme hätte aufsteigen lassen können, -- nun mußte ich mir
selber den Gegenstand meiner Leidenschaft schaffen. Eines der
erschütternsten Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: das Theater.
Wagners Lohengrin war das erste, was ich sah. Konnte es für mich etwas
Herrlicheres geben als den Schwanenritter? Er erschien mir als die
Verkörperung idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte ich nicht in
Worte zu fassen -- undankbar und empfindungslos wurde ich deshalb
gescholten --, aber meinem Herzen hatte er sich unauslöschlich
eingeprägt. In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, und
nun stand es fest für mich: nicht eine Elsa, die dem Geliebten die Treue
brach, wollte ich sein, sondern eine Johanna, die seiner würdige Heldin
welterlösender Taten.

Bald aber genügte mir der Lohengrin als Gegenstand meiner Liebe nicht
mehr, -- er lebte nicht, und der seine Silberrüstung trug, hatte die
Rolle nur gespielt, mich aber verlangte nach einem lebendigen Menschen.
Wenn das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die Führung
übernimmt, dann wird gar rasch gefunden! -- Bei meinen Eltern gingen
viele Gäste aus und ein. Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit
einem schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft mit mir
unterhielt, -- nicht wie die andern nur mit mir scherzte und spielte.
Und durch nichts konnte man mich leichter gewinnen, als indem man mich
ernst nahm; -- daß man es immer nur drollig und kindisch findet,
erbittert jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnsüchtiges
Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete ihn mit aller Romantik des
Lohengrinhelden meiner Träume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie
Elsas Ritter: gewiß würde er sich einmal als eines Königs verschollener
Sohn entpuppen, und mir fiele die Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu
erobern! Die schönsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich auf
seine Mütze im Flur, ehe er ging, und der ganze Tag war mir verklärt,
wenn er morgens vorüberritt und mich grüßte.

Rohe Menschen mögen lachen über solche Kinderliebe und moralische sich
darüber entrüsten. Mir ist, als wäre sie die reinste meines Lebens
gewesen.

Im Frühling 1874 wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Zum letztenmal
versammelten sich des Hauses Freunde um unsern Teetisch. Noch weiß ich,
wie mirs vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die Hand zum
Abschied reichte. Heiß lag sie in der seinen. Dann strich er mir noch
einmal über den Kopf. »Wenn wir uns wiedersehn, bist du ein großes
Mädchen,« sagte er, »wer weiß, wir tanzen vielleicht noch einmal
miteinander!« Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer und biß verzweifelt
in mein Kopfkissen, um mein Schluchzen zu ersticken.

Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der der Erwachsenen, -- nur
daß wir ihn so leicht vergessen.

Am nächsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse in ein altes
Schreibheft:

    Maiglöckchen zart und rein,
    Läut'st schon den Frühling ein?
    Nein, nein, er kommt noch nicht,
    Du gehst zu früh ans Licht.

    Werd ich dich welken sehn,
    Dann werd auch ich vergehn,
    Und in das kühle Grab
    Senkt man uns beide hinab.

Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, wie man eine
getrocknete Blume -- eine Zeugin holder Stunden -- vor der Berührung
bewahrt, die sie zerstören würde.

Mein Garten stand in vollem Frühlingsflor, als wir Abschied nahmen. Ich
lief durch das Haus, wo die Packer hantierten, in den Stall, wo August
die Wagen in Decken hüllte. »Puckchen, mein Puckchen,« rief ich. Noch
nie war ich fortgefahren, und wäre es auch nur auf ein paar Tage
gewesen, ohne ihm ein Stückchen Zucker zu geben. Aber diesmal kam
Puckchen nicht. Ich frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite
und murmelte etwas Unverständliches. Da fiel mir ein, daß Mama vor
kurzem von seinem Alter, der Möglichkeit seines Todes gesprochen hatte.
Das Herz stand mir still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen
von Mademoiselle und Mama absichtlich überhörend, die mich zur Eile
mahnten. »Geh nur, geh, Alixchen,« sagte August, der mir nachgekommen
war, beruhigend, »Puckchen findest du nicht -- --.«

»Er ist tot!« schrie ich außer mir und warf mich weinend in Augusts
Arme. Alles lief zusammen, mich zu trösten, aber fassungslos blieb mein
Schmerz. »Sieh, mein Kind,« sagte schließlich Mama, die mich auf den
Schoß genommen hatte, »Puckchen war alt und krank, er hätte sich mit
seinen blinden Augen in der fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden.
Eine Wohltat wars für ihn, daß ich ihn vergiften ließ ...« -- Ich
zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. Meine Tränen waren
versiegt. Von der Mutter Schoß glitt ich herunter und sah sie groß an:
»Du -- du -- hast mein Puckchen vergiftet?!«

Dann ließ ich mich still zum Wagen führen. Irgend etwas war entzwei
gegangen in mir. Ganz ruhig und empfindungslos sah ich vom Coupéfenster
aus, wie die Stadt allmählich vor mir verschwand.




Zweites Kapitel


Wer sich von Partenkirchen westwärts wendet, wo lockend in geheimnisvoll
düsterer Pracht die Zugspitze in die Wolken steigt, und, die staubige
Chaussee verschmähend, auf schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem
zeigt sich plötzlich ein Bild voll stillen Friedens: in leisen
Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hügel an Hügel von alten Baumriesen
gekrönt und blühenden Büschen; gradaus aber, wohin der Weg sich glänzend
wie ein Silberstreifen durch die Gründe schlängelt, schmiegt sich
vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Schoß der Ahne, ein weißes
Kirchlein an die grauen Wände des Waxensteins. So oft ich es sah, -- mir
war immer, als lächele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude lag
auch auf den kleinen Häusern ringsum: ein heller Goldton überzog die
Wände des einen, in einem satten Himmelblau strahlte das andere, und
selbst die Heiligen und die Märtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin
oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte Kleider an, daß
wohl keiner, der vorüberging, sich bei dem Anblick ihres gottseligen
Leidenslebens erinnerte. Von der Zeit gebräunt waren First und Dach und
Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von Fensterkasten
und Geländern niederschaukelte, daß das Dunkel auch hier nur da zu sein
schien, um den Glanz noch stärker hervorzuheben. Dazu plätscherte der
kleine Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in den Furchen
und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nährt und vom Eis,
um erst unten im Tal, berauscht von den Blumen, die über ihm nicken, die
helle Stimme zu verlieren.

Vor den letzten Häusern beginnt der Wald. Als müßte er ein Kleinod
schützen, so schlingt er sich dicht um den leuchtenden Smaragd des
Badersees, der seine grüne Farbe auch unter der schönsten Himmelsbläue
nicht verliert und trotz des bösesten Unwetters durchsichtig bleibt bis
zum Grunde. Aber während eine breite Straße ihm den Strom der Menschen
zuführt und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt sein
kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer still und versteckt
zwischen den Bäumen. Selten nur verirrt sich einer auf die engen Steige,
die in seine Nähe führen, und das Riesenpaar über ihm -- der Waxenstein
und die Zugspitze -- scheint sich darum besonders wohlgefällig in seinen
stillen Wassern zu spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von
Rosen in allen Farben und Formen umkränzt ist, steht nur ein einziges
kleines Haus; von wildem Wein und Efeu ist es so dicht umsponnen, daß es
an dunkeln Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.

Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den Rosensee und baute seinem
jungen Eheglück das grüne Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maiglöckchen
blühten und ihr Duft süß und schwer über Wasser und Wald sich legte,
zog seine Witwe auch nach seinem Tode hierher und blieb, bis der Schnee
über die Bergspitzen hinunter ins Tal sich streckte.

Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren, hatte sie uns jedes Jahr
zu sich eingeladen. Aber nur mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter
war die Schwägerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie lange
gezögert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die Sehnsucht in die Berge,
seitdem sie mir in der Schweiz Augen und Seele entzückt hatten; und wenn
der Vater von Grainau erzählte und vom Rosensee, so wünschte ich nichts
mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein Wunsch erfüllt!

Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn damals, wo das Tor des
Loisachtals sich vor mir öffnete und tief im Hintergrunde die Umrisse
der weißen Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir die Augen
übergegangen -- wie stets, wenn ein Eindruck mich überwältigte. Still
und stumm ließ ich ihn auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken,
und als ich dann abends oben im Giebelstübchen des Rosenhauses stand,
den Blick auf die vom dunkelblauen Nachthimmel grausilbern sich
abhebenden Berge gerichtet, während die reine, kühle Luft mir um die
Stirne wehte, da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer,
drückender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.

Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem, traumlosem Schlaf,
mit jedem Abend, an dem ich mich niederlegte, müde von dem Reichtum des
Tages, steigerte sich diese Empfindung. Ein Vollgefühl des Lebens
durchströmte mich, und wenn niemand mich sah, dann warf ich mich wohl
vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten Armen in die blühende Wiese und
lag so still und atmete so leise, daß die Schmetterlinge sich ruhig auf
den blauen Glockenblumen, die über mir blühten, niederließen, oder ich
legte den Kopf ins Waldmoos, wo die Maiglöckchen am dichtesten standen,
und sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle legte meiner
Freiheit Zügel an; meine Tante fand mich zwar »schlecht erzogen«, weil
ich nicht ruhig mit meiner Handarbeit neben ihr saß, und ließ es meiner
Mutter gegenüber an Anspielungen darauf nicht fehlen, aber da sie mit
Kindern gar nichts anzufangen verstand, ließ sie mich laufen und
beschränkte ihre Erziehungskünste auf strenge Toilettenvorschriften,
wenn ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr. Dann saß ich
nach guter karlsruher Gewohnheit steif und grade auf dem Rücksitz der
Equipage, wie Johann auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem »gnädigen
Fräulein« nur vertraut war, wenn es morgens in den Stall kam und -- ohne
väterliche Aufsicht! -- auf dem großen Fuchs, von allen Bauernkindern
bewundert, durch das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den
Buben und Mädeln. Alle Waldwege und Bergsteige lernte ich durch sie
kennen; die schönsten Erdbeerplätze zeigten sie mir und lehrten mich
klettern, wenn es galt, zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend
die grauen Felsen belebten.

Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands tragen das Zeichen der
Dienstbarkeit noch immer auf der Stirn: wie selbstverständlich ordnen
sie sich im Spiel mit dem »Herrschaftskind« diesem unter und sehen es
fast als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu übernehmen. Wo
die frische Luft der Berge weht, hat selbst die Sklavenmoral der
katholischen Kirche Freiheitsgefühl und Selbstbewußtsein nicht zu
unterdrücken vermocht. Der Sepp vom Bärenbauern, der am verwegensten
kletterte und am schönsten jodeln konnte, -- mein Hauptspielgefährte, --
behandelte mich ganz auf gleich und gleich, ja er sah zuweilen mit
unverhohlenem Stolz auf mich herab, und seiner urwüchstgen Kraft
gegenüber kam selbst meine sonst so ausgeprägte Empfindlichkeit nicht
auf: ich biß nur in stillem Ingrimm die Zähne zusammen, wenn er mich
verspottete, weil ich ohne seine Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab
viel zerrissene Kleider dabei; und wäre die alte Kathrin nicht gewesen,
die sie heimlich flickte und immer dafür sorgte, daß ich in möglichst
tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, -- ich hätte mich nicht
lange meiner Freiheit erfreuen dürfen.

An einem heißen Julinachmittag kam ich einmal, einen großen Buschen
Alpenrosen im Arm, eilig vom Ochsenhügel heruntergelaufen, in heller
Angst, zur Teestunde zu spät zu kommen. Ich suchte darum möglichst
schnell an dem Wagen vorbeizuschlüpfen, der vor unserem Gartentor hielt,
als eine Hand mir in die wehenden Locken griff und eine lachende Stimme
rief: »Das ist doch die Alix, das Nichtchen!« Eine große blonde Frau,
von einem kleinen Mädchen und einem halberwachsenen Knaben begleitet,
stand vor mir, und nun mußte ich Rede und Antwort stehen, während meine
Augen ängstlich an meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen
Stiefeln hingen. Kurz vor dem Haus riß ich mich unter dem Vorwand, die
Blumen ins Wasser stellen zu wollen, los, und erschien, noch glühend vor
Erregung, nach zehn Minuten im weißen Musselinkleid wieder, das mir die
alte Kathrin mit einem »Kind, Kind, was wird die Tante sagen -- das war
ja die Prinzessin Friedrich!« hastig übergeworfen hatte. Aber es kam
nicht einmal zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich in
die Arme und erzählte lachend, wie sie eben schon meine Bekanntschaft
gemacht habe. Ihre Worte überstürzten sich wie ein Wasserfall und wurden
von ebenso hastigen und burschikosen Gebärden begleitet. Eine komische
»Prinzessin«, dachte ich mir im stillen und sah mit gesteigertem
Erstaunen zu ihren Kindern herüber, die sich grade nach allen Regeln der
Kunst zu prügeln begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten,
auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren durfte.

»Der Helmut sagt, die Alix wär eine Zigeunerin,« schrie das kleine
Mädchen plötzlich.

»Zigeunerinnen sind viel hübscher als semmelblonde Frauenzimmer, wie du
eins bist,« entgegnete der Knabe, und es bedurfte des Dazwischentretens
der Mutter, um mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit ein
Ende zu machen.

Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der Kuchen, in den
das Prinzeßchen mit Behagen hineinbiß, hinderte sie nicht, mir
feindselige Blicke zuzuwerfen, während ihr Bruder mir die
Aufmerksamkeiten eines vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben
Jahre älter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen, mit
lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten Lippen. Die kleine
Friederike glich ihm wenig; sie war ein dürftiges Persönchen mit jenen
neidisch heruntergezogenen Mundwinkeln, die die Gesichter solcher Kinder
zu entstellen pflegen, die sich früh ihrer Reizlosigkeit bewußt werden.
Als Helmut nach dem Tee zum Badersee hinüber wollte, um dort Kahn zu
fahren, weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung, daß er
dann allein gehen müsse und der Spaß ihm verdorben wäre. Ihre Mutter
aber meinte: »Um so besser werden sich Helmut und Alix amüsieren,« und
so brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern sollte.

Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See vor uns. Vor dem
kleinen Wirtshaus, das damals noch bescheiden an seinem Ufer lag, saßen
nur wenige Touristen.

»Jetzt wollen wir uns erst gütlich tun und den schlabbrigen Tee
herunterspülen,« sagte Helmut und bestellte Tiroler Wein, mit dem wir
lustig unsre neue Freundschaft leben ließen. Als der Diener im
Hintergrund, vertieft in die »Fliegenden«, ruhig vor seinem Seidel saß,
schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche Beaufsichtigung,
die Helmut dadurch bekundete, steigerte meine Sympathie für ihn. Er
löste den Kahn selbst von der Kette, und wir ruderten, glückselig über
unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald kamen wir in
lebhafte Unterhaltung; Helmut erzählte mir von Berlin, wo er wohnte, und
wo ich nun bald hinkommen sollte, soviel des Schönen und Interessanten,
daß meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungsvolle Neugierde
verwandelte. Die uns zugestandene Stunde war längst verstrichen, als
heftige Rufe vom Ufer her uns zur Rückkehr mahnten. Die ganze Familie
war dort versammelt: unsere Mütter, die Tante, das schadenfroh lächelnde
Prinzeßchen, -- und wir wurden mit Vorwürfen überschüttet, kaum daß wir
das Boot verlassen hatten.

»Mach dir nichts draus,« flüsterte Helmut und wandte sich mit eleganter
Verbeugung meiner Tante zu. »Alix ist unschuldig, Frau Baronin,« sagte
er lächelnd, »sie wollte nicht ohne den Diener fahren und mahnte dann
unausgesetzt zur Rückkehr.« Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich
Helmuts Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen »Aufwiedersehn«
schieden wir.

Auf dem Wege heimwärts konnte die Tante es nicht unterlassen, ihrer
Befriedigung über den »passenden Verkehr«, den ich nun endlich gefunden
hätte, und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er mich hindern würde,
weiter »mit den Dorfbuben herumzuschlampen«. Das empörte mich, und ich
nahm mir vor, ihre Hoffnung auf das gründlichste zu täuschen. Schon am
nächsten Tag lief ich in aller Frühe mit dem Sepp in die Wälder und ließ
mich nur grade zu den Mahlzeiten sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde
es trotzdem nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, wo die
Prinzessin eine Villa besaß, und sie kam häufig ins Rosenhaus. Vergebens
hatte ich versucht, meine alten Freundschaften mit meiner neuen in
Einklang zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen Kameraden
gegenüber zu sehr den Herren heraus, so daß sie sich fern hielten, wenn
er da war. Auch sonst war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung;
wie mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, wenn ein Gewitter
im Anzuge ist, so empfand ich auch seelischen Atmosphärendruck mit
peinvoller Sicherheit.

Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. Sie waren beide
gewöhnt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer
Schönheit und Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und der
unangefochtenen Selbständigkeit ihrer Stellung wegen. Schmeichelei und
Unterwürfigkeit begegneten der Baronin Artern auf Schritt und Tritt;
jeder, der von ihr etwas erreichen wollte -- und wer hätte das nicht
gewollt! --, beugte sich ihrem Willen und ihren Ansichten. So kam es,
daß sie allmählich Widerspruch überhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit
ihr auszukommen, mußte man Ja und Amen zu allem sagen, was sie
behauptete, -- oder schweigen. Meine Mutter schwieg, aber sie schwieg
mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: einem sarkastischen Lächeln,
einem hochmütigen Achselzucken. Das reizte die Tante; was sie jedoch
weit mehr reizte, war der Schwägerin unzweifelhafte Vornehmheit, die
kein Reichtum und keine Toilettenpracht ersetzen konnte. Daß ihre Mutter
einer einfachen Bürgerfamilie entstammte, das war für sie ein dunkler
Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von jenem Pöbelhaß, der stets
das eine Ziel verfolgt: Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es in
grober und feiner Weise: sie ließ in Gegenwart meiner Mutter das Licht
ihres überlegenen Geistes am hellsten strahlen; sie zeigte ihre
vollendete Meisterschaft am Klavier und ließ in ihrer dunkeln Altstimme
alle Skalen der Leidenschaft vor dem entzückten Zuhörer tönen. Genügte
ihr das nicht, um meine Mutter, die nichts Gleichwertiges zu bieten
hatte, in den Schatten zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwächsten
Stelle an: ihrem preußischen Patriotismus. Wie oft ging meine Mutter mit
hochrotem Kopf und zusammengepreßten Lippen hinaus, wenn die Schwägerin
wieder einmal preußische Sitten, preußische Ansichten, preußische
Politik geringschätzig kritisiert hatte. Daß sie es trotzdem bei ihr
aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefühls: von der reichen,
kinderlosen Frau hing die Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es
Opfer zu bringen.

Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter machte irgend eine
wegwerfende Bemerkung über die zweifelhafte Herkunft einer Dame, die
eben, eine Wolke von Parfüm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte;
die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn hinein, daß sie
schließlich Mama vorwarf, ihren eignen Mann beleidigt zu haben, denn
nach der von ihr ausgesprochenen Ansicht, wäre auch seine Mutter »von
zweifelhafter Herkunft«. Mama verteidigte sich; ein Wort gab das andere,
Tante Klotilde spielte ihren letzten Trumpf aus, indem sie mit
haßfunkelnden Augen hervorstieß: »Du am wenigsten hast ein Recht von
zweifelhafter Herkunft zu sprechen. Weiß man doch, wer deine Großmutter
war!«

Zwei Tage später verließen wir das Rosenhaus, nicht ohne daß vorher eine
konventionelle Versöhnung stattgefunden hätte. Unsre Zeit war sowieso
beinahe abgelaufen, und das kalte, trübe Wetter, das meinem
empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklärung genug für unsre
beschleunigte Abreise. Die Rosen am See waren längst entblättert; bis
tief ins Tal hingen die Wolken, als das weiße Kirchlein mehr und mehr
meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des Wegs kam der Sepp
gelaufen, einen Strauß von blauem Enzian in der Hand, aus dessen Mitte
zwei große weiße Sterne leuchteten. »Von der Zugspitz,« stotterte er,
auf die Edelweiß zeigend, dann brach ich in Tränen aus und weinte --
weinte noch, als schon Garmisch weit hinter uns lag. Das Wetter hellte
sich indessen allmählich auf, und wie ich von Weilheim aus rückwärts
sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief im Tal, während die
Berge, mit der glänzenden Silberkrone des Neuschnees auf ihren Häuptern,
stolz und siegesbewußt gen Himmel ragten. Dies Bild nahm ich mit, und
ich wußte: nie wird es mir entschwinden.

Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war grenzenlos. In unserm
neuen Heim in der Hohenzollernstraße hatte er mir einen Aufbau von
Geschenken vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunächst gar
nicht, mich zu freuen in Erwartung von Mamas bekannten, vorwurfsvollen:
»Aber Hans!« Doch diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel
daneben: die Großmutter. Wie einst in Potsdam, so war sie jetzt mit uns
in ein Haus gezogen; wir glaubten eines langen Aufenthalts in Berlin
sicher zu sein.

»Ist mein Herzenskind aber groß geworden!« rief sie, mich gerührt in die
Arme schließend. -- Großmama, wie alt wurdest du, -- hätte ich beinahe
erwidert, wenn die Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug
daran gehindert hätten. Ihr glänzendes dunkles Haar war ganz grau, und
tiefe Falten zogen sich von Nase und Mund herab. Sie schien mich auch
ohne Worte zu verstehen, denn mit einem wehmütigen Lächeln sagte sie:
»Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, -- das Leben ist nur
selten ein Jungbrunnen!«

War meine Stimmung jetzt schon gedämpft, so wurde sie noch mehr
herabgedrückt, als ich mich umsah bei uns: alles kam mir beschränkter
vor als sonst, fremde Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt
des großen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgärtchen an der
Straße, dessen Rasen man nicht zertrampeln, dessen Blumen man nicht
abpflücken durfte. Ich frug nach August und nach den Pferden. Der Stall
lag jenseits der Straße, Papa führte mich hinüber; meine Enttäuschung
über diese Entfernung war groß, sie steigerte sich, als ich eintrat:
unsre Goldfüchse waren fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder
Reitknecht trat mir entgegen. »Weißt du, in Berlin gibt es so schöne
Droschken, da braucht man Kutscher und Wagen nicht,« sagte Papa
lächelnd, aber ich sah recht gut, daß seine Schnurrbartenden
verräterisch zuckten und seine Harmlosigkeit Lügen straften. Ich biß mir
auf die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr als einmal
zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa -- ein Zeichen seiner tiefen
inneren Erregung -- ohne besondere Ursache heftig wurde.

Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut in der Königin
Augustastraße, das erst seit kurzem bestand und nur wenig Zöglinge
hatte. Meine Großmutter stellte mich der Vorsteherin vor, einer
kleinen, dicken Dame mit fettglänzendem Gesicht und feuchten Händen, mit
denen sie mir zu meinem Entsetzen die Backen tätschelte. Der erste
Eindruck, den ich von den Stunden empfing, war der einer grenzenlosen
Langenweile. Erst als man mich in eine höhere Klasse nahm, wo die
Mädchen alle älter waren als ich, gewann die Sache mit dem Erwachen
meines Ehrgeizes an Interesse. Der trockne Memorierstoff, auf den der
ganze Unterricht hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu
fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der Klasse sein, --
das spornte mich an. Und ich brauchte mich nicht einmal anzustrengen, um
mein Ziel zu erreichen, denn ich lernte leicht und bekam immer die
besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb alle nicht leiden,
und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes Schuldbewußten, da ich überdies
ihre Interessen nicht teilte, -- spielte ich doch trotz meines großen
Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten mit dergleichen, und den
Austausch bunter Oblaten, ein Hauptsport damals, fand ich albern, -- so
blieb ich ganz isoliert. Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, das
mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, durch die ich
mich nicht überflügeln lassen durfte, und eine gefährliche dazu. Bald
merkte ich, daß sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie mit
Neckereien und Bosheiten verfolgte. »Judenmädel« stand einmal mit roter
Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weißer Kreide auf ihrem Mantel.
Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu
verteidigen.

Einmal, nach der Religionsstunde -- wir hatten grade die
Leidensgeschichte Christi durchgenommen -- sah ich sie plötzlich
inmitten der andern, die sie dicht umdrängten und auf ein gegebenes
Zeichen gemeinsam losbrüllten: »Judenbalg hat Christus gekreuzigt --
Judenbalg hat Christus gekreuzigt!« Dann tanzten sie im Kreise um sie
herum, und auf ein »Eins, Zwei, Drei« der Anführerin spieen sie alle vor
ihr aus. Ich kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen sie.
»Gemeine Bande,« schrie ich, während sie überrascht auseinanderprallten,
»schämt ihr euch nicht: zehn gegen eine?« -- »Sie ist aber doch eine
Jüdin,« knurrte die mir Zunächststehende. »Und wenn sie es ist -- wißt
ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?« gab ich zur Antwort.
Dann wandte ich mich der noch immer Weinenden zu: »So heule doch nicht,
Edith,« flüsterte ich, »sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.«

Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. Wir waren beides einzige
Kinder, die durch ihr stetes Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein
pflegen als andre; Bücher waren unsre Leidenschaft, und ein eifriger
Austausch zwischen uns begann, gab auch stets neuen Stoff zur
Unterhaltung. Wir wohnten überdies Haus an Haus, so daß wir unsern
Schulweg zusammen machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige
Wirkung meines Eintretens für die Angegriffene sein. Eines Tages ließ
mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. »Du hast gesagt, Christus sei
ein Jude,« fuhr sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an, »wie kommst du
dazu?« »Maria und Joseph,« stotterte ich in höchster Verlegenheit,
»waren doch auch Juden, und -- und David doch auch, von dessen Stamm er
ist.« -- »Christus ist Gottes Sohn, merke dir das,« schrie sie, wobei
ihre Stimme sich überschlug, »und streue nicht Unfrieden in die
gläubigen Seelen deiner Kolleginnen.« Ich schluckte krampfhaft an den
aufsteigenden Tränen. »Ich sehe, du bereust deine Sünde,« sagte sie
würdevoll, »so sei dir für diesmal vergeben,« und ihre feuchten Hände
fuhren mir übers Gesicht. Am liebsten wär ich davongelaufen, aber meine
Empörung über die gemeine Art, wie die Mädchen sich an mir gerächt
hatten, hielt mich fest, und ich erzählte den ganzen Zusammenhang der
Geschichte. Die Wirkung war für mich verblüffend. »Das ist ja natürlich
sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,« erklärte sie mit hochgezognen
Augenbrauen, »entschuldigt aber in keiner Weise deine weit größere
Sünde.«

Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause an. Religiöse Zweifel
hatten mich noch nie gequält. Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von
dem Großmama mir immer erzählte, der die Unglücklichen tröstet, den
Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die Kinder lieb hat. Daß
Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer Bedeutung sein sollte, -- das
war mir noch nie in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Großmama ging ich
und erzählte ihr alles.

»Das hat Fräulein Patze gewiß nicht so schlimm gemeint, wie du das
auffaßt,« sagte sie, »wir sind alle Gottes Kinder; wer aber, wie
Christus, den Willen des Vaters in höchster Vollkommenheit erfüllt, der
ist sein liebster Sohn.« Ich war zunächst beruhigt, merkte aber in den
Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte als vorher und fühlte bald
den Widerspruch zwischen dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was
Großmama sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden für sie,
und für die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschätzung übrig. Ich
lernte zwar nach wie vor vortrefflich, aber für mein inneres Leben, für
meine geistige Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie
jede Art von Unterricht bisher.

Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen
bleiben. Edith und ich waren natürlich noch mehr als früher aufeinander
angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne
daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem
sich Großmama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte,
durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre
Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule
schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen.
Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das
ihnen für ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, -- denn er
sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es
unbehaglich in der Nähe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder
Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen
Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette über dem Spitzbauch. Nach
einem reichlichen Imbiß spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor,
wie immer, -- meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht
leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen
--, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen
ein kleiner Muschelwagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das
schönste war.

Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern aus, aber sie teilten
meine Freude nicht; Papa räusperte sich heftig, und Mama kniff die
Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie
warfen einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen
Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem Kinde solche
Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie
wieder hinüber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine
Gegeneinladung wartete und von den gekränkten Eltern nun wohl auch ihre
bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im
sonntäglichen Familienkreis bei Großmama kam noch einmal die Rede auf
die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete
Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander mit ihr
und erklärte schließlich kategorisch: »Juden sind kein Umgang für
Mädchen, die eine Position in der Gesellschaft haben.« Manch einer
lächelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie um so
empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden
konnte, daß Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein
Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser hatte
ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den Kerl zum Baron, ein
Edelmann wird doch nie draus.« Selbst in der vierten Generation hatte
das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu
verwischen vermocht.

Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz für Edith Onkel
Wolkensteins ältester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er
war etwas älter als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich
sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade
mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen uns aber schließlich doch
ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und
Gutshöfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten.
Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche
Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir
alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber
Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu
beschränken zu wollen, wobei er stets in den höchsten Eifer geriet, und
ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen ließ,
um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen Herrlichkeiten zu
bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die
»wirklichen« Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«.
Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock in meinem
Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume für mich zu behalten. Es
war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder
war immer nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher,
die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten Gefährten sich
finden würden.

Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter
die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden
pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten
ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und
spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns
besonders interessant war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs
zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten
stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich
tanzten wir Quadrille und Polka, -- der Walzer war als »unschicklich« zu
jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten --, und so tadellos war unser
Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« war uns gesichert, ja wir
besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie
etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen
kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten
den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die
Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die
Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen pflegte, immer
komisch erschienen. Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im
kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können:
die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer
Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen
derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht
aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder,
der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was
Kindergaumen reizt, -- es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes --
das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu
treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte,
die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria,
mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir
nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen
der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm
und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war
jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen
des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren nur die großen
Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit
offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden
Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere
entgegennahm, -- dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des
Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen
Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum
Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht
siehst du aus,« flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine
Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden
Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als
hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein --
herrschen -- genießen!

Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum
herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres
Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene
Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist
auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...

Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle waren der
Anlaß gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann
bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder
aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine
Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und
war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit
Großmama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal
gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir immer so schwer war,
hinten übergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine
besondre Art von Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit
bedeutender Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen und
Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslöschlichen
Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer
Junge gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von Not und
Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln
seiner Stärke wurden, und wie der Genius des großen Dichters sich schon
an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden
offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, -- wundervoll war es! »Das
muß das Schönste sein im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der
allen leuchtet« -- sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tönt
mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle
wärmt!«

Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen Jugendzeit,
die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig in seiner Nähe, verleben
durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor!
Ich konnte überhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend
etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstörter,
das Lachen immer seltner werden ließ. Selbst meines Vaters Humor
versiegte mehr und mehr, und häufiger als je flüchtete ich vor seiner
tobenden Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war zerstreut
und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden
Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rätselhafte
Bemerkung: »Die Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche
Frühstücksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem
geringfügigen Anlaß heftig angefahren, was mich immer ganz besonders
entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt
im tiefen Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da hörte ich
nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus
Ostpreußen angekommen und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie
es schien, den Salon.

Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, das mir so oft zum
Schmollwinkel diente, und nun hörte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung:
Großmamas weiche, von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel
Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.

»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans hat sein kleines
Vermögen völlig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte
ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend
verringert, und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse und
Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht
Frau, nicht Kind, hast ein schönes Gut, -- du solltest ohne weiteres
auskommen.«

»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete er.

»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heißt
Alixchens ganze Zukunft gefährden.«

Onkel Walter stöhnte schwer.

»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? -- Sprich dich doch aus,
mein Junge!« schmeichelte Großmamas Stimme.

Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die
schließlich Großmamas leises Weinen so wehevoll begleitete, daß sich mir
das Herz schmerzhaft zusammenzog.

Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte sich mir ein:
irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen
Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel
Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge
schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch Überschwemmungen zerstört
worden war -- »ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht
hilfst,« schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama erhob
sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die
Kissen und hielt den Atem an.

»Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!« sagte sie; ihr hatte
seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen Eindruck gemacht. »Schämst du
dich nicht? Wie viele fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen
Groschen am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, noch dazu
Tausende, die dir gar nicht gehören! Oder ist es etwas andres als
Diebstahl, wenn du deine Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem
schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen wirfst?! Wenn
du noch eine Spur von Ehrgefühl hast, so wirst du dir selber helfen und
nicht verlangen, daß deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern.
Setz dich auf dein Gut und arbeite!«

Niemals hatte ich Großmama so reden hören, auch Onkel Walter mochte
erstaunt sein, denn er schwieg lange Zeit. Dann brachs von neuem los,
nicht heftig, wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun
tröstete ihn Großmama, wie ein krankes Kind, ohne in der Sache
nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm ein neues Leben aufbauen
helfen, in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau
gefunden haben würde ...

»Ich habe eine Geliebte,« stieß er hervor.

»Auch das noch!« murmelte sie. »Kannst du sie heiraten?« fügte sie rasch
hinzu.

»Damit wir beide am Hungertuch nagen?« höhnte er.

Auf Großmamas Bitten berichtete er von seinem Verhältnis zu dem Mädchen.
Ich glaube, sie war anständiger armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie
fürs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner Bühne untergebracht:
»Talent hat sie keins, aber sie ist hübsch, damit wird sie sich schon
weiter helfen! Für das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaßen
sicher ist, muß gesorgt werden!«

»Und du -- du bist mein Sohn!« hörte ich Großmama mit halberstickter
Stimme sagen. Hätte ich ihr nur zu Füßen fallen und ihre Hände küssen
können!

Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu sprechen an: mit
ruhiger Geschäftsmäßigkeit, wie zu einem völlig Fremden, setzte sie
Onkel Walter auseinander, welche Schritte zur Regelung seiner
Angelegenheiten zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre
Übersiedlung nach Pirgallen vornehmen würde. »Für das unschuldige
Würmchen und die arme Mutter sorge ich,« schloß sie, »und nun gute
Nacht!«

Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Onkel Walter das Zimmer.

Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich mir verborgen hatte,
waren in dieser kurzen Stunde zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da
trat Großmama über die Schwelle. »Alixchen!« rief sie entsetzt. Ich
sprang auf, und den heißen Kopf in die kühlen Sammetfalten ihres Kleides
pressend, erzählte ich ihr, daß ich alles, alles gehört hätte.

»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne eine Antwort von
ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten Pläne sich in meinem Hirne
kreuzten. »Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine
Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend sah ich auf zu ihr; mit
wehmütigem Lächeln streichelte sie mir die glühenden Wangen, und durch
ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt du, wenn
ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld
für mich auszugeben« -- -- Großmama war noch immer still -- --
»vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal
gesagt, daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich tanze doch
so gut -- Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet -- der nimmt mich
gewiß zum Theater.«

»Du kleiner Hitzkopf du -- was für törichte Gedanken du dir machst,«
unterbrach mich Großmama. »Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit
ließ sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren
meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Füßen, wie in jenen
glücklichen Stunden, wo ich ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich
sprach sie auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen
solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, daß ich
viel helfen könne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn
ich überflüssige Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich
einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen zu stehen
vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig
herabgestimmt. Gar kläglich kam mir vor, was Großmama mir als eine
Aufgabe ans Herz legte. »Und -- das kleine Kind?« wagte ich noch einmal
schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Großmamas Schläfen
schwollen. »Versprich mir, daß du niemandem sagst, was du von ihm gehört
hast,« sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich verspreche
es,« hauchte ich.

Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun komm! Ich bring dich in dein
Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still
und in mich gekehrt folgte ich ihr.

Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, -- ich
pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen --, und, die Hände
gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich
noch einmal auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit Anstrengung über
meine Lippen, »sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?«
Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr
erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«

Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.

Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der
Stille unaufhörlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange
nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an
genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen
wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner etwas mitbrachte als früher, wo
er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der
Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas
Empörung über die »Verschwendung« so groß, daß mir von vornherein jede
Freude verging. Ich sah, wie im stillen überall gespart und geknausert
wurde, ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte französische
Köchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten
backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmädchen, unter deren
Händen Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie
früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmäßig
unbeweglichen Züge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der
Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit
derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.

Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte rasch ein halbes
Wort, ein vielsagendes Lächeln verstehen: da mußte der eine den Abschied
nehmen, weil er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre
ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde einer im Duell
erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden
worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil
sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer
Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine
Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm
im Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.

Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das
sich in Ohnmachtsanfällen allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der
Stärkung durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel sollte
eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei
Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal
zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem
Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften Formen wegen immer
besonders liebte, vor mir stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu
spielen. »Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte Tante
Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie hatte keine Spur von
Verständnis für mich; sie wußte nicht, daß ich die Kosthäppchen des
Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben
kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was
er entbehrt.

Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante
uns zum Spazierenfahren ab und unterließ es dabei nie, ihrem Ärger über
die Nichte, die eine »gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen.
Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu werden, daß mich ihre
Bemerkung einigermaßen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach für ihre
Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich
hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; Mama hielt mich
abwechselnd für unartig oder für launisch; sie befand sich überdies bald
in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden,
daß ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten allein
mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume darin standen in Reih und
Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz
der fernen Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der Natur
vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, kleiner Springbrunnen in
der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen
Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern
war.

Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit fuchsig rotem Haar
und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, der mit seiner Mutter,
einer Schriftstellerin, an der Table d'hote neben uns saß, gesellte sich
immer häufiger zu mir und rümpfte immer deutlicher die Nase über meine
Lektüre. Freilich: das ganze Elend der damaligen Jugendliteratur konnte
nicht deutlicher zum Ausdruck kommen als hier. Gegen den gräßlichen
Nieritz mit seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert,
dafür herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, die der
gesitteten höhern Tochter in hundert Variationen stets dasselbe
predigten: der Mann ist deines Lebens Ziel und Zweck. Hans Guntersberg,
froh, eine so dankbare Zuhörerin für seine Primanerweisheit gefunden zu
haben, erzählte mir von seinen Lieblingsbüchern, und von niemandem
schwärmte er mehr als von Paul Heyse. Ein Buch nach dem andern brachte
er mir, um mir daraus die seiner Meinung nach schönsten Stellen mit dem
Pathos eines Vorstadttragöden vorzulesen. Sein ganzer Koffer steckte
voller Bücher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, wobei es kein
Wunder war, daß es in dem einen an Platz für frische Kragen, in dem
andern an Interesse für klassische Sprachen fehlte. Er war nämlich schon
zwanzig Jahre alt. Seine körperliche Nähe war mir widerwärtig, und meine
Sehnsucht nach seinen Büchern stand immer in hartem Kampf mit meiner
Antipathie gegen seine Persönlichkeit. Er mochte fühlen, was ihn allein
für mich anziehend machte und gab daher seine Schätze nicht aus der
Hand. Plötzlich kam er nicht mehr und antwortete mir ausweichend, als
ich ihn abends nach der Ursache frug. Am nächsten Tag schlich ich ihm
nach und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem Mädchen, das
nicht nur erheblich älter, sondern auch viel hübscher war als ich. In
seiner bekannten Schauspielerpose stand er vor ihr und deklamierte,
während der Schweiß ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand.
Halb belustigt, halb verärgert wandte ich mich ab. Ich gönnte der
Rivalin den Kurmacher, aber seine Bücher gönnte ich ihr nicht.
Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine Person anderweitig
untergebracht war. Er lachte mich aus, als ich ihn darum bat: »Für
dumme Göhren wie dich ist das noch nichts.« Mir fiel ein Laden in
Partenkirchen ein, der alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse der
Sommergäste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen hatte er gewiß. Das
Schlimme war nur, daß ich kein Geld besaß. An meinem Geburtstag hatte
ich in Erinnerung an Großmamas Ratschläge das Goldstück von Tante
Klotilde unberührt gelassen. Mama sollte mir zum Winter ein Kleid davon
kaufen, dieser Wunsch -- ein erstes Zeichen praktischen Verständnisses
-- war durch einen der seltnen mütterlichen Küsse belohnt worden. Sie
für diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wäre töricht gewesen;
bestenfalls hätte sie meinen Lesehunger durch einen neuen Band Wildermut
gestillt. Und doch hatte ich ein Recht darauf -- es war mein Eigentum
--, ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es sogar selbst in
mein Portemonnaie gesteckt, das in der Kommode unter den Taschentüchern
lag. Tagelang kämpfte ich mit mir, -- aber das Verlangen wurde um so
stärker, als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen wußte;
endlich konnt ich nicht länger widerstehen: unter dem Vorwand, ein
Taschentuch haben zu müssen, verschaffte ich mir den Schlüssel und nahm
mein Portemonnaie an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden
unter mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Straße nach
Partenkirchen. Für meine Mutter, sagte ich verwirrt und stotternd im
Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. Verwundert sah man mich an,
als ich ein ganzes Goldstück vorwies. Mit mehreren Bänden beladen lief
ich zurück; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende Gewissen
ließen mein Herz immer stürmischer schlagen. Glühende Funken tanzten
vor meinen Augen; zuweilen wars dann wieder, als hüllten schwarze
Schleier sie ein. Ungesehen kam ich ins Hotel zurück und hatte noch
gerade so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu stecken,
als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. Auf meinem Bett,
umringt von der Mutter, dem Arzt, dem Stubenmädchen, das mich zuerst
gefunden hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelküche sei nichts für mich
-- es fehle mir an Bewegung -- Garmisch sei zu heiß -- die Baronin
Artern müsse mich ins Rosenhaus nehmen, da würde das dumme Herzchen
schon zur Räson kommen -- hörte ich des alten Doktors freundliche Stimme
sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um mit der Tante zu reden. Schon am
nächsten Tag sollte ich hinüber. Der Gedanke an die versteckten Bücher
ließ zunächst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte den Augenblick,
wo Mama zum Essen hinunter ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das
verhängnisvolle Paket und trug es mit wankenden Knien in den Garten.
Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich ein Buch nach dem andern in
der Erde; nur eins -- das letzte, ein dünnes Bändchen, versenkte ich in
meine Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralität des
Ereignisses zum Bewußtsein: statt der Strafe für meine Sünden erwartete
mich das Rosenhaus, meiner ständigen stillen Sehnsucht Ziel!

Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich weder Kraft noch
Lust hatte, soviel umherzuklettern wie im vorigen Jahr und die alte
Kathrin mich überdies mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante
nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp erwies sich als der
treuste, rücksichtsvollste Kamerad. Er strahlte über das ganze braune
Gesicht vor Freude über meine Ankunft; er ließ sich willig mit Plaid und
Mantel bepacken, wenn ich dafür nur wieder mit ihm gehen durfte; er hob
mich, das lange Mädel, das ihn an Größe beträchtlich überragte, über
jeden Bach, jede sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage führte er
mich mit geheimnisvoll verlegenem Lächeln durch den Wald bis zu dem
Hügel, unter dem der Badersee grün aufleuchtete und Waxenstein und
Zugspitze herübergrüßten, als wäre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen.
Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank gezimmert und in
ungefügen Buchstaben ein »Alix« in die Lehne geschnitten. Dort nahm ich
zum erstenmal mein gerettetes Buch aus der Tasche: »L'Arrabiata« war es.
Ich weiß heute nichts mehr von seinem Inhalt; ich weiß nur, daß das
kleine Werk mich in einen Traum von Schönheit verstrickte, daß ein
Gluthauch von Leidenschaft mir daraus entgegenströmte, die mich mir
selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange noch alles still im
Hause war, zog ich immer häufiger mein Notizbuch unter dem Kopfkissen
hervor und schrieb in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich
niemandem hätte sagen können.

Im Spätherbst kehrten wir heim. Es war mir eine Erleichterung, Großmama
nicht mehr vorzufinden, -- ich hätte ihr nicht in die Augen zu sehen
vermocht. Wie wenig hatte ich mich ihres Vertrauens würdig gezeigt, wie
schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte nun anders, ganz
anders werden. Durch tägliche Opfer wollte ich gut machen, was ich
verbrochen hatte. Mit wahrer Leidenschaft stürzte ich mich in die
selbstgewählte Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was es
für mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, mit dem eine büßende
Nonne sich geißelt, konnte nicht hingebungsvoller sein als der, mit dem
ich Strümpfe stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters
Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses Verschlagenwerden
nach einer Stadt, von der niemand etwas Gutes zu sagen wußte, als eine
gerechte Strafe für meine Sünden an. Keine Lockungen der Eitelkeit und
des Vergnügens würden mich dort dem Ernst des Lebens entreißen.

An einem der letzten Abende vor der Abreise saßen wir zwischen
hochaufgetürmten Kisten um den Eßzimmertisch. Schwarz starrten die
vorhanglosen Fenster zu mir herüber, vor denen ich stets ein Grauen
empfand, wie vor offenen Gräbern. Mama trug ihren unscheinbarsten
Morgenrock, ich -- im Vollgefühl größter Selbstentsagung -- eine
Schürze. Nur der Wilhelm wahrte auch inmitten der Unordnung des Umzugs
die Form: tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie immer,
der silberne Teller, auf dem er Mama einen Brief präsentierte. »Aus dem
Kabinett Ihrer Majestät der Kaiserin,« sagte er mit der Miene
ehrfurchtsvoller Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, während sie las.
»Das ist wirklich ein Glücksfall«, -- damit reichte sie den Brief meinem
Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf bei der Lektüre; die Adern schwollen
ihm auf der Stirn; er räusperte sich immer heftiger. »Das hast du ja mal
wieder fein eingefädelt,« rief er schließlich mit dröhnender Stimme,
warf den Brief auf den Tisch und sprang vom Stuhl auf. Ich erhob mich
gleichfalls, um möglichst rasch zu verschwinden. »Du bleibst!« schrie
Papa wütend, mein Handgelenk umklammernd. »Alix ist schließlich die
Hauptperson, -- mag sie entscheiden,« fügte er hinzu und reichte mir
trotz Mamas entrüstetem »Aber Hans, wie unpädagogisch!« den gewichtigen,
großen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß »Ihre Majestät
gnädigst geruht habe, Fräulein Alix von Kleve eine Freistelle im
Augustastift zu bewilligen,« und die Bemerkung von der Kaiserin eigener
Hand »sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin Jenny in
die ihrem Herzen so nahe stehende Anstalt aufnehmen zu können.« Im Fluge
erschienen all die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen
Besuchen mit Großmama oft genug gesehen und meinem Vater oft genug
geschildert hatte: Alles war Uniform dort, von der Kleidung bis zur
Gesinnung, und von den weiten Schlafsälen bis zum Garten atmete alles
denselben Geist: den der Hygiene, der Pünktlichkeit, der Ordnung. Da gab
es kein stilles Plätzchen und keine Zeit zum Träumen. Das, was mir von
klein auf das tiefste Bedürfnis gewesen war: allein sein zu können mit
meinen Gedanken, wäre hier Tag und Nacht unbefriedigt geblieben. Aber
war es nicht vielleicht die Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der
Buße wies? Würde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern von drückenden
Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne Rücksicht auf meine Wünsche, tapfer
betrat? Erwartungsvoll fragend sah Papa mich an. Und leise, mit
gesenkten Augen sagte ich: »Es wird wohl das beste für mich sein!«

»Ihr habt ja das Mädel gut klein gekriegt,« höhnte Papa, »aber ich geb
das nie und nimmer zu! So stehts noch nicht mit mir, daß ich meine
Tochter das Gnadenbrot essen ließe! -- Sie bleibt zu Hause, wo sie
hingehört, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen -- und damit basta!«

Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, hörte aber noch lange
des Vaters heftige Stimme: mein Schicksal, das fühlte ich, wurde dort
drüben entschieden.

Am Tage darauf mußte ich mich auf des Vaters Kniee setzen, und mit einer
weichen Zärtlichkeit, die er selten zu zeigen pflegte, sprach er auf
mich ein:

»Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine ganze Lebensfreude.
Wenn ich dich von mir gebe, so heißt das, dich verlieren, denn fremde
Einflüsse werden auf dich wirken, die meinem Denken und Fühlen
entgegengesetzt sind. Glaube mir: niemand meint es so gut mit dir wie
ich, wenn ich auch oft grob und heftig bin, -- und niemand kann dich
lieber haben.« Mit feuchten Augen sah er mich an: »Willst du deinen
armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?«

Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: »Ich bleibe bei dir,
Papa.«




Drittes Kapitel


Wir saßen um den runden Mahagonitisch beim Nachmittagskaffee; von der
Hängelampe mit dem grünen Schirm fiel ein warmes Licht auf den zierlich
gedeckten Tisch mit seinen Kristalltellern und Sahnennäpfchen und seinen
alten, weißen, wappengeschmückten Porzellantassen; die dickbauchige
silberne Kaffeekanne blitzte, und der große Napfkuchen duftete
sonntäglich. Mit lustigem Prasseln übertönten die brennenden Holzscheite
im Kamin die grämliche Herbststimme des Novemberregens draußen.

»Doktor Hugo Meyer,« meldete der Diener und öffnete die Tür vor dem
Erwarteten. Mein Vater stand auf. »Dein Erziehungsapparat,« flüsterte er
mir lächelnd zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander alle
ähnlich gewesen: grauhaarige Männer mit krummen Rücken und schmutzigen
Fingernägeln, ältliche, bebrillte Fräuleins mit blutleeren Lippen --
wirklich: nur gleichmäßig funktionierende »Erziehungsapparate«, aber
keine Erzieher.

Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem neuen Lehrer
vorstellte, den er nach vielem Suchen für mich gefunden hatte. »Hier ist
unsere Alix, Herr Doktor! Ein großes Mädel, nicht wahr? Sie werden sich
tüchtig anstrengen müssen, damit der Geist sich streckt, wie der
Körper.« Ich reichte ihm die Hand; sein warmer, kräftiger Händedruck
ließ mich erstaunt zu ihm aufsehen, -- meine früheren Lehrer hatten mir
immer nur die Fingerspitzen berührt, was mich von vornherein hatte
frösteln lassen.

Ein großer, breitschultriger Mann stand vor mir; ein paar gute Augen von
einem so reinen Blau, wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet war,
sahen mich forschend an. Und doch konnte ich nur schwer ein Lächeln
verbergen: wie schlecht paßte der Mann, dachte ich, in den langen
korrekten schwarzen Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer hätte ihm
besser gestanden, und unter einem Büffelhelm würde der breite
Germanenkopf mit dem gelockten rötlichen Haar und dem dichten Bart nie
den Gedanken an einen preußischen Gymnasiallehrer haben aufkommen
lassen. Er errötete unter meinem Blick und setzte sich mit einer
ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer noch in der Hand,
auf den Rand des ihm angebotenen Stuhles. Es bedurfte der ganzen
gesellschaftlichen Geschicklichkeit meiner Mutter und der jovialen
Liebenswürdigkeit meines Vaters, um eine Unterhaltung in Fluß zu
bringen. Erst als das Gespräch sich ausschließlich auf des Besuchers
eigentliches Gebiet konzentrierte, wurde er lebendig, und je mehr er den
schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation vergaß, desto
stärker trat seine Natur hervor: die eines Menschen voll Jugendkraft und
Enthusiasmus. Ich empfand sie, wie ich den schäumenden Gießbach und die
dunkeln, schattenden Bäume in dem kühlen, grünen Grund der Maxklamm
empfand, wenn ich von den sommerschwülen Wiesen Grainaus dorthin
flüchtete. Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich öffnete den
Mund nicht während des ganzen Besuchs, und er richtete nie das Wort an
mich. Daß ich seinen Händedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war
das einzige Zeichen meines Willkommens.

Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde, in der mein Vater für
Wünsche am zugänglichsten, für Widerspruch am wenigsten empfindlich war.
Dann pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke seines
Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend, die er, als bestes
Nervenberuhigungsmittel, wie er meinte, allabendlich zu legen pflegte.
Ich las währenddessen oder träumte vor mich hin.

»Wir hätten Alix doch in die Schule schicken sollen,« begann Mama.

»Damit sie mit fünfzig Cohns und Goldsteins in einer Klasse sitzt! Na,
Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt,« antwortete er.

»Und daß er ihr keine Religionsstunde geben will, ist doch auch
bedenklich,« fuhr sie fort.

»Das ists grade, was mir paßt,« sagte er mit etwas erhobener Stimme,
»den Katechismus kann sie am Schnürchen, die Kirchenlieder auch, alles
übrige läßt sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erfährt.
Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren Eltern da.«

»Ich freue mich auf die Stunden,« unterbrach ich das Gespräch, in der
Angst, es könne sich zu einer Szene steigern.

»Jedenfalls muß ich immer dabei sein,« seufzte darauf Mama.

Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig aus mir herauszugehen
wie vor ihr. Lähmend wirkte ihre Kühle auf mich. Wie eine stumme Geige
war ich in ihrer Nähe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel der Finger
nach, aber mit keinem Ton antworten sie ihnen.

»Warum denn, Mama?« frug ich mit zuckenden Lippen, die Augen bittend auf
sie gerichtet, »ich werde sicher gut aufpassen und immer fleißig sein.«

»Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergnügen?!« Ihre Stimme wurde
schärfer: »Es schickt sich einfach nicht, euch allein zu lassen!«

Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas Unreinliches berührt, trieb
mir die Schamröte in die Wangen.

Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf auf mein Buch, aber ich
sah die Worte nicht; ich hörte auf den Regen, der eintönig gegen die
Fensterscheiben schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.

Am nächsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama saß richtig mit einer
Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart schien auch der Lehrer peinlich zu
empfinden, er kam nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel
Hoffnung erfüllt hatte, und wir waren schließlich sichtlich enttäuscht
voneinander. Wochenlang blieb alles beim alten, und ich sagte mir mit
altkluger Bitterkeit, daß ich mich eben wieder einmal umsonst gefreut
hätte. Aber mit dem nahenden Winter nahm die Gefälligkeit zu, und
schließlich war sie dermaßen ausgedehnt, daß ich meine Eltern fast nur
zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, Bälle, Wohltätigkeitsvorstellungen
folgten einander auf dem Fuß. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die
pflichtgemäße Mittagspromenade mit mir zu machen und meinen Lehrer zu
begrüßen, wenn er kam. Täglich wiederholte sich dabei dieselbe Szene:
mit linkischer Verbeugung und verlegenem Hüsteln, das sein gewaltiger
Brustkasten Lügen strafte, trat er ein. »Sind Sie zufrieden mit Alix?«
frug Mama. »O sehr,« antwortete er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch
die Stirne küssend, verabschiedete sie sich, und mit einem Gefühl der
Erleichterung nahmen wir einander gegenüber Platz. Der Diener brachte
den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine Unterhaltung und damit ein
näheres Bekanntwerden von Lehrer und Schülerin herbeiführen sollte. Aber
es kam nie dazu. Dr. Meyer schluckte hastig den gebotnen braunen Trank
herunter und zerbröckelte schweigsam den Kuchen zwischen den Fingern,
während er meine Hefte durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er
vortrug, taute er auf, und je mehr die Zeit vorrückte, desto heller
leuchteten seine Augen, desto reicher strömten ihm alle Mittel
eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger Unterricht nichts
als eine Anhäufung von Regeln, Versen Namen, Zahlen und Daten gewesen,
so leblos und reizlos für mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels und
Tanten meine Schubläden füllten, so strömte jetzt mit ihm das Leben
selbst mir zu, dessen Fülle ich in atemloser Aufmerksamkeit, in
herzklopfender Erregung zu fassen und zu halten versuchte. Die toten
Helden der Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der Freiheit
und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, -- von Leonidas und
Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, den Griechen, den Polen der
Neuzeit --, zeigten mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung
entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die Dichter sprachen zu mir,
und die Lehrer und die Propheten der Menschheit brachten dem kleinen
Mädchen die unvergänglichsten ihrer Schätze. Wenn sie auch ihren Wert
noch nicht zu würdigen verstand, so erkannte sie doch mit inbrünstigem
Schauern ihren Reichtum, und die Welt, bisher für sie nur erfüllt mit
den Nebelgestalten ihrer eignen Schöpfung, sah sie nun aus tausend
lebendigen Augen an.

Mündlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehörtes nicht nur
automatisch wiederzugeben, sondern meine eignen Eindrücke und Gedanken
daran zu knüpfen. Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden,
und um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste Schwarz nicht
schwarz genug. Suchte der Lehrer meine Engel in Menschen zu verwandeln,
so bäumte sich meine Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah
es, daß mein Verstand ihm recht geben mußte, so trauerte ich verzweifelt
vor dem gestürzten Heros, als wäre mir ein Freund gestorben.

Ein hoher hölzerner Fußschemel war meine Rednertribüne. Ich konnte nicht
zusammenhängend sprechen, wenn ich am Tische saß oder stand; ich
bedurfte eines merkbaren räumlichen Abstands zwischen mir und dem
Zuhörer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg verfallen. Nur in
Mamas Gegenwart half auch der Fußschemel nichts, seitdem sie einmal
zugehört und über mein Pathos Tränen gelacht hatte. Mein Lehrer
verstand mich; kam sie zufällig herein, während ich sprach, so
wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. Aber nicht
nur der Stoff und die Form, auch der Tenor des Inhalts wurde ein andrer,
wenn wir nicht allein blieben.

Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde beigewohnt,
als Dr. Meyer Friedrichs des Großen Polenpolitik einer abfälligen Kritik
unterzog. Er war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller
Begeisterung für das Deutsche Reich den Hohenzollern gegenüber einen
scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine Auseinandersetzung unterbrach
meine Mutter plötzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst
so vornehm kühlen Frau wie etwas völlig neues erschien: »Herr Doktor,«
rief sie, »vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben. Wir sind
Preußen!« -- »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete er, während
das Blut ihm in Wangen und Schläfen schoß, »die objektive
Geschichtsforschung ...« -- »Was geht mich die objektive
Geschichtsforschung an,« warf sie heftig dazwischen, »wir haben unser
angestammtes Fürstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor ihm
zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, keine zersetzende
Kritik. Sie ist sowieso schon superklug genug.« Ich erwartete eine
energische Antwort. Doch der große, starke Mann schien in sich zusammen
zu fallen, er senkte die Augen, und sein Gesicht färbte sich noch
dunkler. Als wollte er einen bösen Gedanken vertreiben, fuhr er sich mit
der Hand, deren Weiße zu ihrer breiten Derbheit einen seltsamen Kontrast
bildete, ein paarmal über die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete
tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch gestattete, und
verabschiedete sich noch unbeholfener als gewöhnlich. Mir gab es einen
Stich ins Herz: es war zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich
verletzte, es war nur ein erster schüchterner Trieb beginnenden
Vertrauens, der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, der sich so
herunterputzen ließ! Der seine Überzeugung nicht zu vertreten vermochte!
Daß Mutter und Schwester daheim mit jedem Groschen rechnen mußten, den
er verdiente, -- das freilich wußte ich damals nicht.

Für mich, für die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, so oft zum
erschütternden Ereignis wurde, blieb diese Stunde bedeutungsvoll. Noch
immer sah ich Tag für Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber er
war doch nur der Türhüter am Museum der Menschheitsgeschichte, nicht der
Führer, dessen Leitung sich der Laie anvertraut: er öffnete mir einen
Saal nach dem andern, aber ich ging schließlich doch allein. Wenn es
auch sein höchstes Verdienst war, daß ich allein gehen lernte, -- nicht
auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar werden, sobald es
gilt, über Felsen zu klettern --, so ist doch die Seele des Kindes zu
weich, zu schutz- und anlehnungsbedürftig, als daß sie auf einsamer
Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden über Wunden davontragen
müßte und ihr beim Sammeln von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige
in die Hände fielen.

Ich war ein frommes Kind gewesen -- mit jener Frömmigkeit, die an den
lieben Gott und an die Engel und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt,
wie an die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine
Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben ist, weil noch
kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.

Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was die Kindheit der
Völker kennzeichnet: ihre Phantasie ist das Mittel, durch das sie sich
mit dem ungeheuern Geheimnis des Lebens und des Schicksals
auseinandersetzen. Sie überwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen
durch den Glauben an die waltenden Wesen über ihnen. Schon als kleines
Kind flüchtete ich, wenn irgend ein Ereignis mich aus dem Gleichgewicht
brachte, in die Stille, um inbrünstig den Vater im Himmel um Hilfe zu
bitten. Auf meine religiösen Empfindungen blieben die Gebete, Sprüche
und Gesangbuchverse, die ich in der Schule gelernt hatte, und der
Luthersche Katechismus vor allem, der, wäre er chinesisch geschrieben,
den Kindern nicht weniger verständlich sein würde, so einflußlos wie die
nüchterne Ode der protestantischen Kirche. Die Heiligenbilder, das
geweihte Wasser, die durch rotes Glas mystisch schimmernde ewige Lampe
unter dem geheimnisvollen Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau,
die die Wände in der Kammer unsrer polnischen Köchin schmückten, zogen
mich weit mehr an.

Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unberührte traumdunkle
Märchenwelt meiner Religion.

In der Geschichtsstunde, zu der in spätern Jahren ein besondrer
religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam, lernte ich, wie nicht nur
innerhalb des Christentums eine Kirche, eine Sekte die andre auf das
heftigste bekämpfte, wie jede im Besitz des alleinseligmachenden
Glaubens zu sein behauptete, und für jede Märtyrer geblutet hatten, ich
sah auch, daß Juden, Muhamedaner und Buddhisten nicht weniger fromm
waren als die Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie für
ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von den drei Ringen kannte
ich noch nicht, aber ich empfand schon die Schwere ihrer Fragestellung.
Mein Lehrer, der dem Mißtrauen meiner Mutter, als er sich weigerte, mir
Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet war, daß er versprochen
hatte, keinerlei Glaubenszweifel in mir zu erwecken, beschränkte sich im
wesentlichen auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich meinen
bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es aufgab, sie zu stellen. In
meinem Innern aber wurden sie zu Quadersteinen eines babylonischen
Turms, von dem auch ich über die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch zu
schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und sicher aufeinander
zu schichten, brach mein Bau frühzeitig zusammen. Nicht zu neuen Wundern
hatte er mich emporgeführt, doch meinen Kinderglauben begrub er unter
seinen Trümmern.

Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet die Phantasie
ungestört, die große Bannerträgerin allen Glaubens, und flößt den
Marmorsteinen der Götter und den Bildern der Heiligen rotes, warmes
Leben ein. Dringt aber Licht und Lärm durch zerrissene Vorhänge und
zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu toten Gebilden von
Menschenhand. Die Phantasie aber baut in stillen Winkeln neue Tempel für
die glaubensdurstigen Kinderseelen, die Denker und Dichter noch nicht
sind, oder niemals werden können.

Einmal, nach der Rückkehr von einer längeren Sommerreise, führte mich
mein Vater mit besondrer Feierlichkeit in unsre Wohnung. Hatte ich
bisher ein Zimmer neben der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich
tags über meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so öffnete er mir
jetzt die Tür zu einem bis dahin unbenutzten Raum. »Das ist dein Reich,
mein Kind,« sagte er. Ich konnte das Glück kaum fassen: ein eignes
Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbständigem Leben reifenden
Menschenkindes sollte mir so wundersam in Erfüllung gehen! Keine
rasselnde Nähmaschine durfte mich hier mehr stören, niemand konnte mir
den Platz am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte braune
Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-weißen Kleides noch an die
Kinderstube. Die erste Nacht unter dem schneeigen Betthimmel und der
roten Ampel fand ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch -- das
allereigenste fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand sehen
durfte als ich allein. Ich richtete mich auf, zündete die Ampel an und
schlüpfte aus dem Bett. Bunte Seidenreste und einen großen gelben Schal
holte ich aus meinem Wäscheschränkchen und kauerte damit am Fenster
nieder, wo zwischen dem Sofa und der Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln
und Reißnägeln spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach zwischen
der hohen Seitenlehne des Sofas und der Fensterwand, fütterte die Wände
innen mit rotem Atlas und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf
dem Boden aus. Einen weißen, mit Blumen bemalten Kasten stellte ich wie
einen Altar in die Mitte, bunte Kerzen von meinem Geburtstagskuchen
befestigte ich ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit
Rosenblättern gefüllt, legte ich als Opferstein davor. Nur der Gott
fehlte noch, dem der Weihrauch duften sollte. Leise, mit angehaltnem
Atem, schlich ich zum Eßzimmer hinüber, holte vom Ofensims die kleine
Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum Heiligen meines
farbenglühenden Tempels. Tief mußt ich mich neigen, um hineinzusehen;
aber daß ich fast die Erde mit den Lippen berührte, entsprach nur meiner
feierlichen Andacht. »Baldur« nannte ich den Apollo, denn die Götterwelt
der Germanen war mir vor allem vertraut geworden, und mit einer ersten
instinktiven Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten
betete ich den blühenden Gott des steigenden Lichtes an.

Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von den Tiefen der
Kindesseele, ich aber weiß, daß keines gläubigen Christen Frömmigkeit
inniger sein konnte als die, die mich erfüllte, wenn ich vor dem
selbstgeschaffnen Heiligtum in die Knie sank.

Meiner Mutter erzählte ich herzklopfend, daß ich den Apollo »zerbrochen«
hätte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, die mit einem dunkeln Tuch
sorgfältig verhüllte Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der
»Weihnachtsüberraschungen« wegen, die ich dort verwahrt hätte. Als aber
Weihnachten vorüber war, machte ich keinerlei Anstalten, meinen
geheimnisvollen Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich
kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmücken, und eine kleine
ewige Lampe, an deren Brennen und Erlöschen sich allmählich allerlei
abergläubische Vorstellungen knüpften, und Räucherkerzchen, die
allabendlich den Gott auf dem Altar in bläuliche Wolken hüllten. Schon
oft hatte Mama mich gemahnt, das »unnütze Zeug« fort zu räumen;
schließlich, als ich eines Morgens von der Klavierstunde kam, trat sie
mir mit hochrotem Gesicht entgegen. »Wirst du dir denn nie das Lügen
abgewöhnen?!« rief sie und zog mich in mein Zimmer. Mein Tempel war
verschwunden, in wirrem Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter
und Räucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lämpchen neben
Baldur-Apoll. »Weißt du, wie man das nennt, wenn man sich fremdes
Eigentum aneignet?!« Vor diesen Worten wich die Erstarrung des ersten
Entsetzens von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett in die
Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz klopfte, als wollte es mir
die Brust zersprengen. Meine Mutter hielt diesen Ausbruch der
Verzweiflung offenbar für Reue. »Na, beruhige dich, Alixchen,« sagte
sie, mir die Hand auf den Kopf legend, eine Berührung, die mich zwang,
ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, »ich will die ganze
Geschichte noch einmal als bloße Kinderei betrachten. Belügst du mich
aber noch ein einziges Mal, so muß ich andre Saiten aufziehen.«

Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein äußeres Leben war das einer
korrekten Schülerin und wohlerzogenen Tochter. In der schwülen
Treibhausluft meines Innern aber wucherten die Wunderblumen meiner
Träume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, wenn ich allein war und
zu mir selber kam. Oft hielt ich mich krampfhaft wach, bis alle
schliefen, um dann bei der trübe flackernden Kerze noch lange am
Schreibtisch zu sitzen, wo ich mit glühendem Kopf und frostbebendem
Körper Verse zu Papier brachte, die nach Freiheit schrieen und nach
Liebe.

Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Stürme
meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die
Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand
nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und
fertigen Urteilen über sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung
zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner
geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst. In
kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die
Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die
ältere deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker
lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre wuchs mein Verlangen
nach immer neuen Büchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen für
meinen Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. Nachdem ich
erst den Katalog in Händen hatte, ließ es mir keine Ruhe mehr: ich mußte
lesen, lesen -- alles lesen. Was mir der Lehrer empfahl, genügte meinen
von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wünschen längst nicht
mehr, noch weniger, was mir die Eltern gaben und erlaubten. In acht
Tagen pflegte ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbücher auszulesen,
und wenn ich mich auch immer aufs neue in Grubes »Charakterbilder« --
meine Fundgrube, wie Papa sagte -- und in Gustav Freytags »Bilder aus
der deutschen Vergangenheit« vertiefte, so füllte das alles die freie
Zeit doch nicht aus.

Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen und mein Kochherd
wurden nur dann der Vergessenheit entrissen, wenn ich Besuch hatte, was
ich darum zumeist nur als unangenehme Störung empfand. Was hatte ich
gemeinsames mit den »dummen Schulgöhren«? Ihren Schulklatsch verstand
ich nicht, und ließ ich mich hinreißen, ihnen meine Interessen zu
verraten, so lachten sie mich aus. Mama hielt es für ihre Pflicht, mir
Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand ihn nur als
eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung stets das Gegenteil des
Vergnügens war. Mit in die Höhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern,
vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt um mich versank,
-- diesem Genuß glich kein andrer! Nur die ständige Angst, entdeckt zu
werden, beeinträchtigte ihn. Denn, was ich las, -- dessen war ich sicher
--, gehörte nicht zu der erlaubten »Mädchenlektüre«, und doch fühlte ich
instinktiv, daß es tausendmal wertvoller war als die zuckersüßen
Backfischgeschichten von Clementine Helm, für die sich meine Freundinnen
damals begeisterten.

In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich eine Naht aufgetrennt;
hörte ich Schritte draußen, so verschwand mein gelbes Heft in dies
sichere Versteck, und ich beugte mich rasch andachtsvoll über Webers
Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach und nach wurde das
gute verschwiegene Möbel meine Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich
beisammen, deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen Tänzen
durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, die Hauff und Zschokke,
die Scott und Bulwer, die Gogol und Turgenjeff. Sie ließen mich nachts
oft nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten sie mich bis
in meine Träume.

Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. Meine Eltern
waren nicht zu Haus; ich konnte unbemerkt zum nächsten Buchhändler
laufen, um zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. Hoffmann
hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen -- »das ist noch nichts für
dich« war mir geantwortet worden, als ich, in der Meinung, es handle
sich um Kindermärchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und dies »das ist
nichts für dich« war mir längst zum Empfehlungsbrief der Bücher
geworden. Mit »Klein-Zaches« und dem »Goldnen Topf« in der Tasche kam
ich zurück. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, das man mir
brachte, blieb unberührt, die Mahnung der Jungfer, schlafen zu gehen,
unbeachtet. -- Saß ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah die
grüne Schlange, und hörte die klingenden Glöcklein? Grinste mir nicht
von der Tür her das Bronzegesicht der zauberhaften Äpfelfrau entgegen?
-- Da öffnete sich die Tür. »Wie, du bist noch nicht im Bett?!« tönte
mir die Stimme meines Vaters entgegen. »Ich muß wohl eingeschlafen
sein,« stotterte ich und versteckte hastig mein Buch. »So zieh dich
rasch aus -- ich werde Mama nichts sagen -- gute Nacht.« Damit schloß er
die Türe wieder. Ich löschte die Lampe und kroch mit den Kleidern ins
Bett; als Mama leise eintrat, glaubte sie mich schlafend. Und dann las
ich weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, von der
Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume und dem Goldkäfer. Es
ließ mich nicht los, bis ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der
Welt Hoffmanns, so daß mir jede Berührung der Wirklichkeit weh tat, wie
ein Nadelstich. Schwerer als je wurde mir jetzt der Unterricht, der mir
schon immer qualvoll gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik;
durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; -- schon als
kleines Kind konnte ich stundenlang still zuhören, wenn jemand sang oder
spielte, -- meine eigne Klimperei, bei der ich nie über den Kampf mit
der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen von der Musik
nichts hörte, wurde mir immer unerträglicher. Vergebens bat ich Mama,
mich meiner offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien --
Klavierspielen gehörte zur guten Erziehung, also bliebs dabei. Ich
suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur Lehrerin, ging ich spazieren,
oder ich entschuldigte mich mit »Kopfweh«. Um niemanden von den Meinen
zu begegnen, mußt ich dann freilich abgelegene Wege suchen.

In einem regenreichen Frühjahr des Jahres 1877 war der polnische
Stadtteil Posens, wo die Ärmsten wohnten -- die Walischei -- durch die
aus den Ufern tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt
worden. Krankheit und Not nahmen überhand, so daß auch in den
Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem üblichen Wege der
Wohltätigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen werden sollte. Ich wirkte
nicht mit, wie früher in Karlsruhe, -- mit dem langen, dünnen, blassen
Mädchen war wohl kein Staat zu machen --, aber den Proben und
Aufführungen wohnte ich bei, weil meine Mutter zu den Hauptdarstellern
gehörte. Da erfuhr ich denn mancherlei von den Unglücklichen, denen der
Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. Armut -- was wußte
ich von ihr? Sie hatte mich bis zu Tränen erschüttert, als sie mir in
den hungernden Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot schreienden
Weibern von Paris zu Beginn der großen Revolution, in den
Jammergestalten der schlesischen Weber in den Elendsjahren Preußens
entgegengetreten war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen
Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers -- jetzt gab es doch
keine Armut mehr! Daß uns gegenüber in der polnischen Kneipe Tag für Tag
Betrunkene vor der Türe saßen, daß selbst Weiber im Rausch in den
Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht mein Mitleid. Ihr
Laster wars ja und nicht ihr Elend, dem sie verfallen waren. Ich
beschloß, die Armut, die ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die
mich angesichts des Abenteuers zittern ließ, erhöhte noch die Romantik
meines Unternehmens. All die phantastischen Irrwege der Helden
Hoffmannscher Erzählungen standen mir lockend vor Augen.

Es war ein naßkalter Märzmorgen, als ich, mit der Musikmappe am Arm,
über den Wilhelmsplatz zum Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht
trieb mich in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von
verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch entgegenschlug.
Die Tapsen vieler schmutziger Füße hatten den Boden mit einer schwarzen
klebrigen Schicht überzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen flackerte
das Licht bläulich in den Raum, und die Züge des Priesters, der mit
heiserem Krächzen in der Stimme die Messe zelebrierte, erschienen fahl,
wie die eines Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich der
nächsten Türe zu; kurz vorher aber glitt ich aus und fiel auf die
Fliesen. Der zähe Schmutz blieb an Händen und Knien kleben, mühsam nur,
unter aufsteigender Übelkeit, rieb ich ihn ab. Ein böser Anfang! dachte
ich, als ich durch immer engere und dunklere Straßen meinem Ziele
zustrebte. Schon sah ich hie und da, wie das Wasser aus den Kellern
gepumpt und mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die Häuser
immer kleiner, so daß die Dächer fast mit den Händen zu fassen waren,
und über immer breitere Wasserrinnen vermittelten primitive Brücken den
Übergang. In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser so hoch, daß
Flöße aus Brettern die Passanten hin und her führten. Auf den
schwarzgelben Fluten schwammen Küchenabfälle, zerbrochene Töpfe,
übelriechende Kehrichthaufen, in denen dürftig gekleidete Kinder, oft
bis zu den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern nach
Spielzeug suchten. Mir wars, als stiege eine Kälte an mir empor, mich
umwindend wie eine graue, feuchte Schlange. Der gellende Ton eines
Glöckchens ließ mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, dem der
Geistliche folgte. Vor der Tür des grellgelben Häuschens, hinter der sie
verschwanden, drängten sich Weiber und Kinder, barfüßig, schmutzig,
zerlumpt; nur ein paar faltige rote Röcke und bunte Kopftücher zeugten
von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen wurde allmählich zum
Gekreisch, ihre Gebärden machten, je lebhafter sie wurden, den Eindruck
konvulsivischer Zuckungen; aus allen Häusern der Straße strömten sie
zusammen, -- wie war es nur möglich, daß ihrer so viele darinnen wohnen
konnten?! Angstvoll hatte ich mich in einen Torweg verkrochen, als sich
neben mir eine Tür knarrend öffnete: rückwärts torkelnd, fluchend und
schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als Waffe gegen seine
Verfolger schwingend. Da klang der gellende Ton des Glöckchens wieder,
und jeder andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, die
betrunkenen Männer und die johlenden Kinder sanken in die Kniee, wo
irgend ein Stein oder eine Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen
vorüber schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und schwer
breitete sich sein Talar hinter ihm auf den Fluten aus.

Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und gebückt alle beide; in
wirren Strähnen hingen strohgelbe Haare ihr in das von Weinen
aufgedunsene Gesicht; ihre grauen knochigen Finger umklammerten den
Griff des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam trugen; ein
Myrtenkränzlein aus Papier, mit dem Bilde der schwarzen Madonna war sein
einziger Schmuck. Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, -- ein
langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere Flasche zwischen
den gefalteten Händen, schwankend beschloß. Kein Laut war mehr hörbar,
als das Plätschern des Wassers zwischen den vielen, vielen Füßen der
langsam Schreitenden.

Wie aus bösem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. An der weit offnen Tür
des Hauses, aus dem der Sarg getragen worden war, mußt ich vorüber. Es
war ganz dunkel darin, und doch sah ich, daß etwas am Boden hockte und
mich anstarrte mit großen, leeren Augen, -- die Armut. -- So rasch meine
zitternden Beine mich tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschüttelt warf
ich mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen erkannte ich
niemanden mehr.

Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach
konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fieberträume erinnern,
die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am
Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich tiefen schwarzen Schlamm
des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhände; -- durch gelbe
Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und
Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen
Augen glühte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und
bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den
großen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.

»Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?« hörte ich dazwischen meine
Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfüllung nicht von meinem
Lager wich.

»Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen konnte?« sagte wohl
auch der Arzt, der dem mörderischen Sumpffieber nur unten bei den
Überschwemmten begegnet war.

Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer
großen Schwäche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen
baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter
gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend auf einen Kranken
wirken konnte, wollte ich mich nicht täuschen lassen. Die Angst, die
sich in meines Vaters Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir
mehr der Wahrheit zu entsprechen.

Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam kam mit der
wachsenden Kraft die Freude am Leben wieder. Als ob er mir Dank schuldig
wäre, weil ich lebte, so überschüttete mich mein Vater nun mit
Geschenken: erwartungsvoll sah ich schon nach der Tür, wenn ich mittags
den Schritt des Heimkehrenden hörte; Bücher, Blumen, Obst, Bonbons, --
irgend etwas brachte er mir täglich. Wie gut waren überhaupt die
Menschen, sie kümmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte mein Lehrer
den Arzt vor dem Hause erwartet, um direkte Nachricht zu haben, und
jetzt schickte er mir seine schönsten Bücher; kein Regiment in der Stadt
gab es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Ständchen gebracht
hätte, und der gute alte General Kirchbach kam selbst in mein
Krankenzimmer, um mir eine -- Puppe auf die Kissen zu legen.

»Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Töchterchen spielen!« sagte ich
lächelnd, als er weg war, -- denn mit dem Spielen war es für mich
endgültig vorbei.

Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich grade erheben
wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, nach dem Bettpfosten griff,
sah ich Blut auf dem Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein.
Aber schon hatte der Arzt mich umfaßt und sanft in die Kissen
zurückgedrückt. Er lachte: »Also so stehts mit dem kleinen Fräulein! Die
Kinderschuhe hat es richtig ausgetreten.« Verständnislos sah ich die
Mutter an, der das Blut in die Schläfen gestiegen war. »Alles Nötige
werden Sie Ihrer Tochter erklären,« damit wandte er sich zum Gehen. »Sie
ist erst zwölf Jahre, Herr Doktor --« entgegnete sie zögernd. »Tut
nichts -- tut nichts -- so schwere Krankheiten bedeuten immer eine
große Umwälzung«; er drückte mir nochmals die Hand: »Nun stehen wir
hübsch ein paar Tage später auf.«

»Du brauchst dich nicht zu ängstigen, Alixchen,« damit wandte Mama sich
mir wieder zu, als er fort war, und erklärte mir mit wenig Worten meinen
Zustand. Ein Gefühl des Stolzes erfüllte mich: nun war ich also wirklich
kein Kind mehr, -- und meine Träume suchten die Zukunft: so kam denn
endlich das Leben, das lockende, zauberreiche!

Während meiner Krankheit hatte ich mich so sehr gestreckt, daß kein
Kleid mir mehr paßte. In den Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa
verlebte, trug ich meiner Mutter schleppende Schlafröcke, was mir sehr
gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so lange gleichgültig gewesen war,
suchte ich wieder; und so blaß und so schlank ich auch war, es gefiel
mir nicht übel: die großen dunkeln Augen, die schwarzen Locken über der
weißen Stirn, die schmalen Hände mit den rosigen Fingerspitzen, -- wer
weiß, ob nicht doch noch etwas aus mir werden konnte!

Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, von wo der Zug uns wieder
gen Süden tragen sollte, hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit
durchzuschmuggeln versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, denn
leben -- leben und genießen -- wollte ich!




Viertes Kapitel


Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind,
der um den weißen Schaum der Gießbäche und über das blauschimmernde
Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle zu Tal, daß krankhafte
Fieberhitze ihm nimmer stand hält; und der friedliche Klang der
Herdenglocken und das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den
ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein
überraschtes »Aber, Alixchen!« von einem strahlenden Lächeln begleitet,
war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder
in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin
versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines
unansehnliches Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir
empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« Bald darauf kam mein Lehrer.
Wortlos blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. »Wie -- wie geht
es -- Ihnen?« kam es dann zögernd über seine Lippen. Noch nie hatte er
mich bis dahin »Sie« genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich
in diesem Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten
»Du« zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch
gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen
Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände ihres
Verfassers nicht vergessen konnte.

Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein
Spielzeug in einen großen Korb und ließ ihn auf den Boden schaffen.

Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Räderwerk
der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich
mich über meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, an dem
ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwürfe
gearbeitet hätte, zugleich aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die
Tanzstunde, und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der
Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...

Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblaßter Schrift,
die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte
oder selbstgewählte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frühreife
Weisheit in buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers oft
widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem
findet sich meist ein »Gut« oder »Recht gut« darunter, -- als ein
Zeugnis für seine Objektivität mehr als für die Richtigkeit meiner
Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich
hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich
fast in jeder dieser Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über
alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem Aufsatz über die
Balladen der beiden Dichter: »Goethe ist ein Naturdichter, das heißt
ein Dichter von Gottes Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein
Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von
andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen,« --
hier steh ein »Oh!!« des Lehrers daneben -- »das sieht man an allen
seinen Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang
nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die Unschuld beschützt; der Kampf
mit dem Drachen, daß der Sieg über sich selbst größer ist als der über
das Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der
Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir
damit Goethes Erlkönig, der nicht einen reflektierenden Gedanken
enthält, aber den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben,
oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der
vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenüber dem Christentum deutlich
entgegentritt,« hier steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß
Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« -- An einer
andren Stelle sage ich über den Meistersang, den mein Lehrer sehr
schätzte: »Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den
Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber der
ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über Luther, für den mein
Lehrer mich trotz aller Mühe nicht erwärmen konnte, heißt es: »Er hat
das große Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber
seine Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche den
Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen aufgeprägt«, --
daneben steht: »Der Kölner Dom?« »Dürer?« »Bach?« -- In den zahlreichen
historischen Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In einer
Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen
Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen
Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin
ungerechte Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles Göttlichen führt
... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen bedachte Fürsten, eine verdorbene
Aristokratie, ein armes, durch übertriebene Aufklärungsschriften
irregeleitetes Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit
vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den Fürsten der Neuzeit
beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den
»die Taten seiner Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch
bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« Stein feierte ich
als den »Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was
der Zweck der französischen Revolution gewesen war.«

Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik zu unterwerfen,
die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach
rückwärts radikal zu sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene
Völkerfreiheitskämpfe zu begeistern, sich über die Schandtaten der
Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, widersprach im
allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir
lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem
scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern
Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als verächtlich, die Ehrbarkeit
eines einfachen Familienlebens als größtes Gut. Das persönliche
Verhältnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten
stand, war die Brücke des Verständnisses für viele Wünsche und
Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hörte ich oft darüber
reden, daß es »oben« an der nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß
das »Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische Tradition der
Pflichterfüllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von
irgendeiner Meldung aus Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber
Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf
mich seine Empörung zu besänftigen, die sich in drastischen Erzählungen
über das, was er gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende
Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre
Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und ihre Verschwägerung mit
»Börsenjobbern«, der unpreußische Prunk der Hoffeste, die
Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, -- das alles
wurde immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was Gutes dabei
herauskommen« blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abfälligen
Kritik derer »oben«, ging eine schroffe Verurteilung jeder
Auflehnungsversuche derer, die »unten« sind. Das patriarchalische
Verhältnis war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. So war
mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen Unternehmertums, --
Worte wie »Ausbeuter« und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm --, mit
derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und
Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen
nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen
Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, ihn bis zum letzten
Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz
kämpften. Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; -- so schien
es auch mir nach allem, was ich hörte und las, darum habe ich bei all
meiner Begeisterung für die Freiheitshelden der Geschichte, die
Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine
Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der für uns
alle das geweihte Symbol der Einheit und Größe Deutschlands war, von
Hödel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.

Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger Kasinogarten die
Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die
verwöhnte Tochter des allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen
Krocket und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den Kaffeetisch,
als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestürzt kam. »Herr
Oberst, Herr Oberst --« mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen
liefen ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts denn?«
herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät unser allergnädigster
Kaiser --« er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien
zitterten ihm -- »ist -- ist erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen
brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. »Das ist nicht wahr,« schrie er.
Stumm reichte ihm der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, -- das
Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen
zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Männer und Frauen, jung und
alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen,
nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah.
Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts
erschütternder Ereignisse stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse --
irgend etwas, das die gräßliche Spannung löst --, eilten wir alle dem
Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, -- aus den Fenstern der
ersten Häuser wehten vereinzelt schon schwarze Tücher, vom Turm der
Garnisonkirche läuteten die Glocken --, und wir die weite Sandfläche des
in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit
einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich
in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, der Kaiser
lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue,
Überraschende noch kaum gefaßt, als er seinen schäbigen Hut zwischen die
harten Fäuste preßte: »Lieber Vater im Himmel«, -- alle Mützen flogen
von den Köpfen, alle Hände falteten sich --, »schütze unsern guten
Kaiser!«

Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im
Gespräch oder bei der Lektüre konnte er auffahren und zähneknirschend
murmeln: »Aufhängen soll man die Kerle -- einen neben den andern!« Ich
aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die große Erschütterung
dadurch zu bemeistern, daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in
Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte
ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine
Freude war so groß, daß er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden
zeigte; auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. Wenn auf
einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die
Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen
Ausdruck verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in
aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, daß meine
Verse mich über den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten.
Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil
ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters Tochter war, so umgab
man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie
Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte,
nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner
frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die,
wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der
Klasse bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und auf dem Fort
Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des
»interessanten« Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde -- jenes
blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, -- war eine
Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, die ernüchternd
wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als
»dummes Zeug« bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste
Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen
Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie
bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde
es möglich, daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die
schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu vernichten
drohten.

Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr
zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten
und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in
Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder
war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees
untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen
Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur
bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir
natürlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das -- wie Mama sagte --
die Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es
nie fehlte, steigerte nur das Quälende meines Zustands. Etwas Heißes,
Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen
wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. Meine tobenden
Freiheitsgesänge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und
Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war
zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner
frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut.
Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde wählte ich sie, sondern
aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei allein
den Ausschlag, mit allem übrigen -- dem Glanz der Geburt, dem
überragenden Geist und der Güte des Herzens -- schmückte sie meine
Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen;
alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen,
Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheißen Händen
füllte ich Bücher um Bücher mit meinem erträumten Glück und Leid.

Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten
geschmacklosen Einbänden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt.
Der Schmerz bildet überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit
kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert
sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:

    Einstmals blühtest du wunderbar,
    Rose, du prächtige, süße,
    Sandtest zum Himmel blau und klar
    Duftend-berauschende Grüße.

    Einstmals füllte der Liebe Macht
    Mich mit Wonnen und Schmerzen,
    Und es strahlte des Lenzes Pracht
    Wider in meinem Herzen.

    Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,
    Herbstlich umbraust mich das Wetter;
    Eines nur blieb, das den Sturm besteht:
    Dornen und dürre Blätter.

       *       *       *       *       *

    Im dunklen Buchengang
    Zur schönen Frühlingszeit
    Hast du mich heiß geküßt
    Voll Liebesseligkeit.

    Im dunklen Buchengang
    Fielen die Blätter ab,
    Als ich zum Abschied dir
    Weinend die Hände gab.

    Im dunklen Buchengang
    Liegt unter Eis und Schnee,
    Begraben all mein Glück --
    Wach blieb mein Weh.

       *       *       *       *       *

    Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen,
    Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,
    Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,
    Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!

    Ich möchte entfliehen und dich vergessen,
    Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
    Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,
    Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.

       *       *       *       *       *

In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher
Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und
nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur
eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches:
Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu
der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie
kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und
körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn
sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen
brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er
sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß
sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich
zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote
Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann
erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum
erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir
alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto
mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr
verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.

Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer
engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen
und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem
unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe,
die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in
strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz
besonders empfohlen worden war. Anna -- so hieß unsre neue Hausgenossin
-- fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie
hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner
Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte
Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie
eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe
irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin,
und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde
wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß
ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die
Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und
die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die
Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches,
kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte
nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte.
Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das,
was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum
versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und
nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz
meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind
hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet,
hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, --
das erzählte sie voll Stolz --, war niemals den Verführungskünsten der
Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer
nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie
servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe
und Alkohol berauschten. Freilich -- nachher mußten sie ihre Dummheit
büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. -- Das
Kind! -- Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die
Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund
feuerrot entgegensprang. -- Das Kind! -- An den Storch glaubte ich
längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von
überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das
Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer
Heiligenschein.

Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich
zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven
blauen Frageaugen mich aufklärte! -- -- Sie war so vertieft in alle
Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen
mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das
fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude
an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd
vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« -- so
mochte sie denken -- »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens,
dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit
erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen
Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr
gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.

Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut
orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur
intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine
Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer
bezahlen ließen. »Bezahlen?!« -- ich kämpfte schon wieder mit den
Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! --« und sie verfiel
wieder in Detailschilderungen. »Pfui! -- Pfui!« schrie ich auf und
preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern
über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und
stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle
fiel.

Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr
geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg.
Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht.
Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen
ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während
der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das -- das war Liebe -- Liebe, von
der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die
alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! -- Ich wollte nicht
mehr daran denken, -- ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen
auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten
Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die
Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz
gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind -- so?« Welch eine Erlösung
wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein«
doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, -- sie
waren selten genug --, triumphierte mein Idealismus, und die alte
Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.

Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe ließen, so
verfolgten mich unablässig die gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte
ich dagegen an, -- wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter
Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, dunkle Ringe umschatteten meine
Augen, und die Überzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte
mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter
abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme
sagte: »Hüte dich vor der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar
nicht, senkte aber doch schuldbewußt die Augen.

Mehr als je war ich damals mir selbst überlassen, aber nur ein Zufall
ließ mich erfahren, warum. Das Flüstern um mich her, das vielsagende
Lächeln, all die weißen Linnenhaufen, die genäht und sorgfältig vor mir
versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. Daß Mama vielfach
leidend war, jeder Frage danach aber auswich und tief errötete, wenn sie
dennoch antworten mußte, erschien mir auch seltsam genug. Ein Satz in
einem Brief der Großmutter, den man mir achtlos zu lesen gegeben hatte,
klärte mich auf: Mama war guter Hoffnung. »Guter Hoffnung«, -- beinahe
komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: ihre
zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreßten Lippen, die sich
kaum mehr zu einem Lächeln öffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die
Hoffnung war für sie keine gute. Es schien fast, als schäme sie sich
ihrer, da sie sie sorgfältig verbarg. Und in Gedanken an Annas
Erzählungen errötete auch ich, wenn ich in Gegenwart der Eltern daran
dachte. Sie sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und erst
als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde mir das Ereignis vom
Vater angekündigt. Seine rührende Freude wirkte ansteckend auf mich, und
es gab Stunden, wo der Gedanke an das hülflose kleine Wesen in der Wiege
wie eine Erlösung über mich kam: hier war eine Aufgabe für mich, die
mich mir selbst entreißen konnte. Und hielt ich es in den Armen, das
süße weiße Körperchen, so gingen mir die Augen über vor zärtlicher
Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich will ich behüten vor all der
Qual, die ich erlitt. Aber die polnische Amme, ein leidenschaftliches
Geschöpf, das mit der angstvollen eifersüchtigen Liebe wilder Tiere an
dem Säugling hing, als wäre er ihr eignes Kind, tat, was sie konnte, um
mich fernzuhalten; auch meine Mutter schien mich in der Kinderstube
ungern zu sehen, und so ging ich bald wieder meine einsamen äußeren und
inneren Wege.

Eines Tages, als ich verspätet wie immer an den Frühstückstisch trat, --
ich pflegte erst gegen Morgen tief und ruhig zu schlafen --, belehrte
mich ein Blick auf die Eltern, daß sie eine heftige Auseinandersetzung
gehabt hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn Mama sah neuerdings
häufig verweint aus, und Papa wurde beim kleinsten Anlaß heftiger denn
je, -- an der kurzen Begrüßung merkte ich aber, daß ich die Ursache
ihres Streits gewesen sein mußte.

»Da lies!« sagte mein Vater und reichte mir ein längeres Schreiben mit
der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. Es lautete:

                                              Posen, den 6. Januar 1879
Hochverehrter Herr Oberst!

Sie werden es mir nicht verübeln können, wenn ich als Seelsorger unsrer
Gemeinde, dem das ewige Heil aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im
Interesse Ihrer Tochter diese Zeilen an Sie richte.

Schon seit längerer Zeit habe ich beobachtet, und aus vielen mir
zugegangenen Berichten wohlwollender Männer und Frauen schließen
können, welch ernster Gefahr Alix entgegen geht. Das vielleicht durch
eine größere geistige Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener
echten jungfräulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck jeder
christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge Seele dem Teufel des
Hochmuts zu überliefern schon begonnen. Ich hätte mich aber trotzdem in
Ihre Entschlüsse und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin noch nicht
einzumischen gewagt, wenn mir nicht kürzlich eine Mitteilung gemacht
worden wäre, deren Richtigkeit ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat
Ihre Tochter einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenüber
erklärt, daß der Opfertod unsers Herrn und Heilandes ihr nicht
anbetungswürdig erscheine; jeder Mensch würde freudig zu sterben bereit
sein, wenn er wüßte, daß er dadurch die Menschheit erlösen könne. Für
einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewiß sei, wäre dies also
keine bewundernswürdige Tat. Sie fügte noch hinzu, daß Unzählige aus
weit geringeren Ursachen ruhig in den Tod gegangen wären.

Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn gnädiger Hilfe
gelungen, den jungen in seiner christlichen Überzeugung durch Ihre
Tochter erschütterten Mann auf den Weg des Glaubens zurückzuführen;
nunmehr aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr Oberst,
inständig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem Einfluß eines
Seelsorgers anzuvertrauen, der diese Menschenblume in das Licht des
Gotteswortes rückt, und sie von all dem bösen Ungeziefer befreit, das an
ihr nagt.

Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in persönlicher Unterredung
meinen Rat zu einer Tat werden lassen könnte.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den Ausdruck meiner
ausgezeichneten Hochachtung,

                                     mit der ich verbleibe
                                             Ihr ganz ergebener
                                                           Eberhard
                                                            Pfarrer

»Nun, was sagst du dazu?« fragte mein Vater, der immer ungeduldiger mit
den Fingern auf dem Tisch trommelte, so daß Gläser und Tassen klirrten.

»Gemein!« war das einzige, was ich zunächst hervorbringen konnte.

»Genau dasselbe habe ich gesagt!« polterte Papa. »Ein netter
unverdorbener Jüngling, der mit frommen Augenverdrehen hingeht und meine
Tochter beim Herrn Oberbonzen verpetzt. Ich hätte Lust, dem Kerl die
Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen Flecke als einzige
Antwort zu zeigen!«

»Du solltest aber doch erst hören, lieber Hans, wie weit Alix schuldig
ist,« warf Mama erregt ein.

»Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es ihm ins Gesicht zu
sagen!« rief ich und warf trotzig den Kopf zurück.

Mama preßte die Lippen zusammen, was ihrem schönen Gesicht etwas
Grausames gab. »Da hörst du es,« sagte sie; »das sind die Früchte der
religionslosen Erziehung. Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe
um des lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich genug,
übergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich antworten.«

Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wütend auf. Mich packte die
Angst: nur keine neue Szene! Und all die Sünden fielen mir ein, deren
ich mich tatsächlich schuldig fühlte. Ich trat Papa in den Weg. »Sei
nicht böse, bitte, bitte nicht,« bat ich schmeichelnd, »es ist
vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden bekomme. Ich
bin ja doch bald vierzehn Jahre alt. Und schaden werden sie mir gewiß
nichts!« Mein Vater, der mit ein wenig Zärtlichkeit gelenkt werden
konnte wie ein Kind, zog mich gerührt in die Arme, als ich, um meiner
Bitte Nachdruck zu geben, meine Wange auf seine Hand preßte. »Und der
Bengel, das schwatzhafte alte Weib?« brummte er noch. »Den strafe ich
mit Verachtung,« lachte ich.

Meine Mutter trat wieder ein. »Hier ist meine Antwort,« sagte sie: »Sehr
geehrter Herr Pfarrer! Sie sind unsern Wünschen zuvorgekommen. Die
rasche Entwicklung unsrer Tochter macht eine frühere Einsegnung nötig,
als es sonst üblich ist. Wir haben sie daher auf das nächste
Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns mitzuteilen, wann der
Vorbereitungsunterricht beginnt, zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen
wollen. Auf die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht
unsern elterlichen Empfindungen ...

»Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren guten Ruf in Schutz
genommen,« fügte sie rasch, zu mir gewendet hinzu.

Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, von einer neuen
frohen Hoffnung erfüllt, kam ich aus der ersten Stunde nach Hause.
»Meine Türe und mein Herz stehen Euch jederzeit offen,« hatte der
Pfarrer gesagt, »Ihr könnt mit allem, was Euch bedrückt, mit Euren
Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde mich immer bemühen, Euch zu
verstehen und Euch zu helfen.« Die harmlosen Kindergesichter meiner
Mitschülerinnen -- Offizierstöchter wie ich, die natürlich von den
übrigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet wurden -- legten mir
unwillkürlich während unseres Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so
häufiger wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich das erste
Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, die gewiß nur ein guter und
gütiger Physiologe hätte verstehen können, sprach ich ihm von den bösen
Gedanken und häßlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben
versuchte. Ein »hm, hm,« und »so, so« und ein erstauntes Kopfschütteln
war zunächst die einzige Antwort. In sichtlicher Verlegenheit, die
Handflächen nervös aneinanderreibend ging er im Zimmer auf und ab, blieb
abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem Stahlstich des
Gekreuzigten über seinem Schreibpult und der Sammlung von
Familienphotographien auf dem Bücherbrett stehen, die er eingehend zu
betrachten schien, um sich endlich, wie unter dem Einfluß eines raschen
erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. Über den Tisch hinweg
streckte er mir beide Hände entgegen, fleischige, weiche Hände, die sich
anfühlten, als hätten sie weder Knochen noch Muskeln. Eine physische
Abneigung ließ mich zögern, die meinen hineinzulegen. »Nun, mein Kind,«
sagte er und hob sie auffordernd, »habe Vertrauen zu Deinem Seelsorger!
Wie ich jetzt Deine Hände fasse,« -- seine runden Finger legten sich um
die meinen, als wären es lauter nackte, klebrige Schnecken, -- »so wird
Gott die flehend zu ihm erhobenen Hände deiner Seele ergreifen und dich
aufrichten vom Staube! Das sind Versuchungen des Bösen, denen du
ausgesetzt bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je inniger du
zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn überwinden.« -- Ich zog
leise meine Hände aus den seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich
an meinem Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie
oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und Heiland in
kindlich-vertrauendem Verhältnis stünde, ob ich fleißig die Bibel läse.
Nach kurzem Kampfe gegen ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich
ihm, wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm gekommen,
beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlöst zu werden von meinen Qualen,
getrieben von der Sehnsucht, mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu
können, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermöchte! Er runzelte
die Stirn, »das ist ja sehr, sehr traurig und unerhört für eine
christliche Familie!« rief er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu
verteidigen: »O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen eine
Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden Sonntag!« -- »Um so
unbegreiflicher, daß ein so junges Kind, wie du, der Verführung des
Bösen erliegen konnte.« Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu
gehen, scharf sah er zu mir hinüber; »Was liest du denn?« frug er. Ich
erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis meiner schönsten Stunden
verraten?! Ein tiefes, schmerzliches Aufatmen -- es mußte sein -- mußte
sein, um meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, mir
aus Papas Bücherschrank Goethes Werke zu holen, -- einen Band nach dem
anderen. Wenn ich mich darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir
selbst: wie hatte ich mich für Iphigenie begeistert, um Gretchen
geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, um sie immer in der
Tasche tragen zu können. Ich pflegte sie heraus zu ziehen, wie der
katholische Priester sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen
schützen will.

»Das ist ja unerhört, unerhört!« unterbrach der Pfarrer meine Beichte,
und seine Stimme überschlug sich, wie in der Kirche, sobald er von der
Fleischeslust sprach. »Da es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu
bessern,« sagte er dann so laut, als hätte er die Rekruten der ganzen
Garnison vor sich, »so wirst du tun, was ich von dir verlangen muß:
du rührst diese verwerflichen Bücher während der Zeit des
Konfirmandenunterrichts nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe.
Du kommst jedesmal eine Viertelstunde früher zur Stunde zu mir als die
andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld nicht gefährdet werden.
Versprichst du mir das?« Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten
sich seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. Wie zerschlagen
schlich ich nach Hause. Aber ich war fest entschlossen, zu tun, was er
verlangt hatte.

Am nächsten Morgen gab es zu Haus eine böse Szene: Pfarrer Eberhard
hatte meinen Eltern über meinen Besuch Bericht erstattet und sie
aufgefordert, sein »schweres Rettungswerk« zu unterstützen. Ich sah
wohl, daß meines Vaters Zorn sich mehr gegen den Pfarrer, als gegen mich
richtete, aber wie immer, wenn Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat,
überließ er ihr das Feld, mir nur unter heftigem Händedruck ein
»verdammte Pfaffen« zuflüsternd. Alle meine Schubfächer wurden
untersucht, alle Bücher konfisziert, die in die Rubrik: Lehrbücher und
Backfischliteratur nicht hineinpaßten; der Schlüssel vom Bücherschrank
wurde

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