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Von der Seele

by Carl Ludwig Schleich · German · Gutenberg #15070 · 459,749 chars · public domain (US)

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Title: Von der Seele

Author: Carl Ludwig Schleich


        
Release date: February 15, 2005 [eBook #15070]
                Most recently updated: December 14, 2020

Language: German

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Credits: E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE ***


E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed
Proofreading Team



VON DER SEELE

Essays

CARL LUDWIG SCHLEICH

1922







INHALT

   Der Rhythmus

   Humor

   Schlaf und Traum

   Unterbewußtsein

   Seelische Hemmungen und Schmerzen

   Der Sitz der Seele

   Instinkt und Spiel

   Temperament

   Tierseele und Menschenseele

   Glaube und Wissenschaft

   Rausch

   Die Musik als Erzieherin

   Mutter Erde

   Über Grübchen und Falten

   Das Wunder der Wundheilung

   Das Mysterium der Ernährung

   Die Haut als ein Organ der Seele




DER RHYTHMUS


Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller
Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es
gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht
die Furcht vor dem gewohnheitsmäßigen Überschäumen, eines
wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich
zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse für das
Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu überwindende
Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche,
mich seinem letzten Sinn zu nähern, zurückgeworfen hat. Ist doch das
Feld des Rhythmischen für jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller
Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, daß seinen dunklen
Hainen die Quellen entrauschen müssen, die allen Erscheinens, allen
Bewegens, allen Lebens unermessene Ströme speisen! Statt trocken
aufzuzählen, was alles für unser letztes Streben und für unsere letzten
aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzmäßigkeiten dem Rhythmus
unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein,
von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufbäumen und Verlöschen
tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen
Beziehungen trocken aufzuzählen, kann man kühn fragen: was ist denn
eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine
Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt,
da ist es schon in Gefahr, vom Räderwerk des Weltallgetriebes
zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht
schleunigst wieder sich einfügt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je
weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen
sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage
offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so
mehr erkennen wir, daß wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten
Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von göttlichen Gesetzen
trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und
grundumfassendste Gedanke, den wir der schöpferischen Natur nachzudenken
vermögen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der
gigantischen Weltkörper nicht weniger am Werke sehen, als in den
wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneeflöckchen,
dürfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern
Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verständlichen Sein
des Weltganzen erschreckend nahe fühlen. Wir atmen gerade hier im
Rhythmischen gleichsam mit den Atemzügen des Weltganzen; das Rhythmische
ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles
Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige
gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein
letztes unbekanntes Ewiges bindet. Können wir uns doch das Chaos nur
vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, nämlich
durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans
v. Bülows Paraphrase auf Faust «im Anfang war der Rhythmus» ein
verblüffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine Möglichkeit,
wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewißheit zu
nähern. Würde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen
aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenstürzen lassen. Der Rhythmus
ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles
mit Bewegung weckendem Odem durchströmt. Und, wie unser persönliches
Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufhören, so müßte auch die
Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillstände! Wie sollte nicht eine
ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen
Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das
Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche
unserer technischen Klassizität greifbar vor Augen gerücktes, daß es an
der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu
dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden,
rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich großen
oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die
Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den
schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu
unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht
so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer
solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im
wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen,
unser Fühlen und Denken, unsere Ethik und Ästhetik, unser Handeln und
Schaffen, unsere Liebe und unser Haß, Sympathie und Reaktion vom
Grundgesetz des Rhythmischen beeinflußt und beherrscht werden, um daran
die psychophysischen Möglichkeiten zu erwägen, welcher Mechanismen wohl
die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden
Ringen des Ganzen einzufügen. Daß bei der unendlichen Reihe der
Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht
erschöpfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine
Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begründung.

Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen
Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die
treibende Kraft des Weltganzen ist für den Menschengeist ewig
unerkennbar, undefinierbar, unverständlich, kann niemals der Gegenstand
wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben,
ist nur ihr Verhältnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren
Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst künstlich
einschalten, um dann ihre von den Widerständen erzwungenen Äußerungen zu
studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, überall
und unvergänglich, allgegenwärtig und allmächtig, wird zu einem sich nur
scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus,
nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der
Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art
der Widerstände bestimmt die Art der Äußerung der an sich
unveränderlichen Urkraft_.

Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerständen. Die
Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilität der
Körpereigenschaften unter der Variabilität der Bedingungen, unter denen
sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der
Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den
fallenden Kräften die verschiedenartig abgeänderte Luft entgegensetzt.
Wir wüßten nichts von der Elektrizität, wenn wir nicht gelernt hätten,
der Gesamtkraft spezifische Widerstände einzuschalten, welche sie
zwingen in einer Form sich zu äußern, welche wir elektrisch nennen. Die
Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie
herumzukommen sucht, ist entscheidend für die neuen Eigenschaften,
welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen befähigt ist. Die Faust
der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und
Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der
variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerstände des Milieus ihre
universelle Macht täglich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig
umsonst bemühen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt
keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein fühlbares
Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben,
die Kraft und ihr religiöser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand
wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der
menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar
unserer experimentellen, künstlichen Abänderung der Weltbedingungen
unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerständen: das ist
eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der
Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die
Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn
sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den
Müttern des Wissens vordringen will.

_Der Rhythmus ist nämlich eine Art Kompromiß zwischen Kraft und
Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen,
Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung
und Hemmungsbetätigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie
ganz vereinbarer Gegensätze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe
zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein ständiges
wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der
Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem
Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und
herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und
abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und
seine eigentliche Ursache? _Die Aktivität der Kraft auf der einen Seite
und die Elastizität der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen
Seiten gleichmäßig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus
dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese
Verdichtung komprimiert sein innerstes Gefüge, wodurch wiederum der
Widerstand erhöht wird, den er der Kraft bietet, so daß diese nicht wie
eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom
starren Felsen schäumend zurückgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser
Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres rückstoßgebenden
Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und
Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in
alle Adern, die ihm die Widerstände lassen, und alle Ströme rinnen,
abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zurück in ihre
anfängliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist
der Puls der Welt, der Rhythmus!

War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom
Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe
und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und Störungen des
Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und
Wetter, von Haß und Liebe--kurz von jeder Form der Polarität her
bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man
zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen
der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens,
dieses Pendelns der Erscheinungen sinnfällig beobachtet, so ist doch
erst den neuesten Forschungen über Elektrizität, nämlich der Lehre von
den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, daß auch die
festesten Körper der Erde nur scheinbar fest sind, daß wir annehmen
müssen, im inneren Gefüge des starren Steins eines Felsens kreisen
Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und
einer so vollkommen harmonischen Gleichmäßigkeit, daß unseren Sinnen so
ein innerlich von rasender Bewegung durchströmter Körper eben fest nur
_erscheint_, ähnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt,
die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und
der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen
Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in
die mikroskopischen Skelettgefüge hinein, mehr oder weniger in
schwingender Bewegung, so daß der Unterschied der Aggregatzustände der
Körper, fest, flüssig, luftförmig, sich als ein ganz ärmlicher
Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen
statt des Brotes der Wahrheit den Stein gröbster Sinnentäuschung
hinzureichen. Es müßte für einen phantasiebegabten Mathematiker eine
seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen
Gedankens sein, für jeden sogenannten festen Körper die Idealformel
finden zu wollen, gewissermaßen die unendlich schnell rotierende lineare
Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht
minder wie der tastenden Hand den Eindruck des Körperlichen hervorruft.
Nach _Graßmann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall,
aber auch jede amorphe Gestalt eines Körpers gewissermaßen ihr ideelles
Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden
kann durch einen Komplex unzähliger konzentrischer Kreise, welche alle
in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. Hätte
Graßmann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt,
die uns zwingend gelehrt hat, daß tatsächlich alle Eigenschaften der
Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer
Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der
aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, daß
durch diese gleichmäßige, bis in das feinste Körpernetz ausgedehnte,
symmetrische Atombewegung Farbe, Gefüge, Aussehen und das ganze Heer der
physischen und chemischen Eigenschaften der Körper bedingt ist. Wir
Modernen wissen also auch, daß der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren
oder auch nur Erschließbaren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht
entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der Düne
verrinnen läßt, nur um im mikroskopischen Gefüge des Sandes, der Luft,
der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie
durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als
Elektrizität und Wärme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies
Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "Äther", von dem
Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten Körperchen
zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar
zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tatsächlich
nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend,
rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es
sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautröpfchen des Alls, die nach
ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und
zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der schöpfende Eimer ist der
Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizitätslehre
ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden Äther, aus dessen
unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des Körperlichen
alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es könnte dem Denker
schwindeln bei der Vorstellung, daß das Sandkorn mit seinen Milliarden
schwingender Ätherklümpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein
Weltall für sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich
umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich
Befreiendes hätte. Es gibt eben kein Groß und Klein in der Welt, die
Sorgfalt des Gesetzmäßigen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv
beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des
Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Größten noch im
Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue
Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins
Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen,
denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen
Leid und Glück dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind
auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch
das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine
grandiose Pietät nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das
Mitunbelebte?

Da es nun also feststeht, daß aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren
(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich
komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren
läßt, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches
geben kann, so muß auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in
gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der
Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abhängigkeit auch
alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir
Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der
Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des äußeren zusammentrifft.

Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden
Bedingungen angepaßt, so kann man das bis in die gleichsam
mikroskopische Denkweise auch so ausdrücken, daß der Rhythmus der
organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensfähig zu sein, stets dem
Rhythmus der Gesamtheit einfügen mußte. Leben konnte also nur bestehen
in gleichsam konzentrischer Einfügung des Einzelrhythmus in den
kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte,
so mußte also auch der Sonderrhythmus folgen, und so löst sich für uns
die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als
eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche
stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht
unweigerlich folgen mußten und noch müssen. Solche Hemmungsfortfälle und
rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken
und Erlöschen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich
in diesem Sinne ohne Zögern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das
Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen
verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer
Arten vielmehr buchstäblich im Himmel beschlossen wird als auf unserem
winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns
einzig und allein verständlich mit dem Bilde der rhythmischen
Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den
Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer
Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenrühren einer Mayonaise.
Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und Äquator zu und
gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingefügt, das
stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht gehört, was
meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun
gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen
läßt als in direkter Abhängigkeit von der Rhythmik der Atome.

Die gesamte Morphologie wird sich einst auflösen lassen in eine ideelle
Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns überhaupt die Rhythmik des
Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der
Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens
loslösen?

Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz,
die Chemie der Eiweißvorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen
prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon
lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem
Kristalleben sprechen, wie von Haß und Lieben der Elemente. Die
Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist längst ein chemischer
Begriff, und schon lange hat man das Lächeln verlernt über den alten
_Fechner_, welcher kühn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien
lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben
deutlich ein Sonderrhythmus übrig, der mit der vielleicht nur
scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine
Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen
sichert. Möglich, daß keine anderen Gesetze im Organischen walten als im
Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des
Kräftekreises muß doch stattgefunden haben, damit die Materie zum
Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schließlich zum
Denken gelangte.

Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues Märchen der
Schöpfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der
Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen
des Entwicklungsgedankens, anmaßlich anzureihen--um ein Märchen mit dem
Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Schöpfungsphantasien nie
herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen können: "wir waren
selbst dabei"--: ich will nur auf die Möglichkeit hinweisen, daß ein
Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann für eine bis
dahin neue, aber doch im Wesen der allmächtigen Kräfte liegende Variante
kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen.

Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gefüge des
Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter
Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepreßt, gleichsam zu
einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert
worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte
Hemmung der aufgespeicherten latenten Kräfte fortfiel: gleichsam wie
lebendiges Gewürm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor
dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schlüssel, ein Funke,
ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten
Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen
Veranlassung gibt. Schließt nicht die befruchtende Samenzelle, das
Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schlüssel die Hemmungen auf, so daß sich
die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporblühen zu
königlichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schläft nicht alles
Leben im Mutterschoß wie Dornröschen in den Hecken, bis ein einziger
Ritterkuß den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich
geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen
die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen
Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung
aufschließt und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und
Ernährung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster
rhythmischer Spannkräfte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen
zusammengepreßt, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher
Rhythmenträger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders,
als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter
Spannkräfte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine
Außenkraft dem inneren Gefüge anders nützen, als indem sie Schwungkraft
den ermattenden Rhythmen hinzufügt? Das Leben wird nur vom Leben
gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der
Flüssigkeiten, in die ein Tröpfchen Säure fällt. Auch in chemischen
Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kräfte zu
neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild,
wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen,
nicht weiter ausspinnen, es genügt mir, die Möglichkeit betont zu haben,
daß das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall
ermöglichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kräfte. In
diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des
Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt
von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen
Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die
Hemmung fiel, und die junge Majestät des Organischen stieg auf den Thron
der Erde.

Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden fühlen, so muß
natürlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des
menschlichen Betriebes, körperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist
längst bekannt, welche Rolle die Periodizität im Körperlichen und
Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen
Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhängigkeit
vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als
daß er in Harmonie mit dem Welttakte sein muß, um nicht einfach
hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein
Sonnenstäubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der
Aufzählung aller physiologischen und pathologischen Periodizitäten, den
Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen
Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertät und Adynamie, Ein- und
Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanfälle,
der Krämpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur
verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im
menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergründen suchen, auf dem
sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel
zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik,
aufbauen läßt. Ich muß hier bemerken, daß ich alles seelische Geschehen
in Abhängigkeit setze von einer Aktion der Nervenströme und einem
Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die
Neuroglia, bzw. von dem sie durchströmenden Blutsafte, welcher ja nach
_Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende,
Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich
vorzustellen, daß das mit dem Herzpulse einströmende Blut periodisch die
Ganglien außer Kontakt setzt und daß die Pause der Herzbewegung
diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlußfreiheit
besitzen. Die Ärzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien für die
Art der Anschlüsse im Gehirn spielen, wie ein verdünntes, hemmungsarmes
Blut naturgemäß zu Erregungen und Unruhen, Ängsten und Wahnvorstellungen
und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, veränderte
innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstörungen hervorrufen
kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrüse unter
Überladung des Blutes mit Hemmungssäften, wie bekannt, auch den
geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, daß
die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren
Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den
Irrenärzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus
für den Bestand der Seele ist.

Es kann keine Frage sein, daß, wenn der Blutsaft die ihm von mir
vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche
Wesen der Persönlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen
größeren oder geringeren Reaktionsfähigkeit der Nervenzentren sein muß,
daß die Zahl der aufgenommenen Eindrücke and ihre Verarbeitung zu
Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhängigkeit von
rhythmischen Individualitäten sein muß, die wiederum in Abhängigkeit von
der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfüllung des Gehirns steht.
Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier
also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begründung; das
Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe für
Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch für das
Nerven- und Gemütsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig
gewürdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die
Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des
Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v.
Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen
sich anders gestalten würden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer
Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fähig wären, in
einem Zeitraum, der durchschnittlich genau übereinstimmt mit dem Ablauf
eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, daß schon die Fähigkeit,
innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu können, uns
zwingen würde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir würden die
Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskörper als leuchtende Kreise
wahrnehmen können, und würden von jedem Sinne her der Welt als total
anders erkennende Wesen gegenüberstehen. Wir können jetzt hinzufügen,
daß wir schon mit bloßem Auge die festen Gegenstände nicht mehr als fest
bezeichnen könnten, sondern daß wir etwas von ihrer innerlichen,
rasenden Bewegung wahrzunehmen vermöchten. Wir sind also mit unserm
rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und
Sinneseindrücken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt,
daß unser Harmoniegefühl direkt abhängig ist von diesem rhythmischen Maß
unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natürlich erklärt sich auf diese Weise
am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist
eben die mit dem Maß unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene
und empfundene Bewegung des Alls._ Das führt uns direkt zu einem
Verständnis des _Ästhetischen_.

Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Außenwelt den Eindruck des
Lebenfördernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus
unserer inneren Aktionen harmonisch einfügen, richtiger, sofern wir sie
in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im
ästhetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm
persönlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne
Widerstand und Disharmonie zu erhöhen imstande sind.

Das schließt nicht aus, daß auch der Konflikt der Rhythmen außer uns mit
denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich
lusterhöhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu
einer ästhetischen Freude die Einfügung der lusterweckenden Rhythmen in
den Rhythmus unserer Nervenströme unerläßlich. Insofern hat alles
deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden,
freudewirkenden Einfluß, überall besteht ein geheimes Verhältnis seiner
Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun
an einer schöngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer
Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefühl sich
betätigen. Die Rhythmen der schönen Dinge müssen einfügbar sein in die
Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um ästhetisch zu wirken, das ist
das Grundgesetz der Kunst, so variabel für den einzelnen, weil eben
diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persönliche Gleichung
ist. Ist in diesem Verhältnis doch auch der eminente Einfluß alles
Rhythmischen, seine suggestive Übertragbarkeit begründet. Der Redner,
der Dichter, der Schauspieler reißt mich darum in seinen Bann, weil dem
Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenräder sich im geheimen
Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen
seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die
ganze Macht der Imitation, ja der Ähnlichkeiten, beruht auf diesem
Einstellungsverhältnis zwischen Außenwirkung und Innenbewegung. Und
fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt,
so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen
Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus
Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einfluß auf
Herzbewegungen und Gefäßspannungen die Ärzte lange kennen. Hat aber die
Herzbewegung Einfluß auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen
Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische
Außenweltrhythmus erhält seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die
Vorgänge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen
geneigt ist. Ein zündendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende
Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen,
weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele
mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schön gefügten
Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus
zugrunde, und es wäre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus
den möglichen Atmungsvarianten sich die Versmaße herleiten lassen. Ist
doch nicht, wie _Bücher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und
der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem
typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim
Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des
Atmungsrhythmus, so daß dieser selbst für Melodie und Rhythmus des
Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur
Funktionäre unserer Atmungsmechanik, die Cäsuren einer Melodie sind
ursprünglich die naturgemäßen Pausen zum Atemholen.

Wir wissen, daß es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer
solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, daß wir sie mit dem Ohre allein
nicht wahrnehmen können. Wir hören nicht mehr das Geigenspiel gewisser
Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar
ist, ähnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein,
so daß schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten läßt, der
Rhythmus unserer Nervenschwingungen übermittelt uns nur einen Teil der
Weltallsrhythmen, und dieses Verhältnis läßt uns die Möglichkeit nicht
von der Hand weisen, daß es Menschen mit einer Feinheit der
Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der
Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen
betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen,
die die Außenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem,
vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch übrig, dem
rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd
geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War
schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen
als ein System rhythmischer Durchflutungen für sich, abgetrennt vom
Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele
eine für sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene
Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise
befähigt, mit den Eindrücken der Außenwelt innen frei zu schalten und zu
walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen
Tätigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht
eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den
Rhythmus des Andern außer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein
Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wäre der
Künstler, der einen Gegenstand voll und überzeugend darzustellen
vermöchte, wenn er nicht zuvor völlig eins geworden wäre mit dem
Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte,
wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des
persönlichen Ichs verschmelzen fühlt mit dem erschauten Objekt? Das ist
aber nur möglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fühlt, in dem
der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik
verschmilzt. Sich "hineinversetzen" heißt doch nichts anderes, als sich
das Gefühl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit
Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen
Lebens betrachtend zu erfüllen. Wehe dem Künstler, der nicht rhythmisch
verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er muß ein Stein
sein können, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches
Schönheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie
Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern
lassen will. Der echte Künstler steckt in Woge und Wald, die er malt,
ist König und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren
Hunger, trägt ihren Szepter und ihren Bettelstab.

Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel
über unsere Seele legt, so daß schlechterdings nichts unerreichbar wird!
Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird
niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensität
seines Einfühlens in die Materie ihn befähigt, den Rhythmus des zu
Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen
und das Geschaute auch anderen, weniger Einfühlungsfähigen zu
übermitteln. Wo wäre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken
könnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die
Fähigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen
Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstückchen in den
gurgelnden Schlund! Wie wäre eine Ethik denkbar, die sich nicht den
Rhythmus des höherstehenden, anbetungswürdigen Ideals zu eigen machte,
das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines königlichen Gefühls der
inneren Harmonie vorhält?

Wie könnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden
Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom
entfesselter Leidenschaften hineinrisse?

Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wollte ich alle Beziehungen des
Rhythmischen zur Seele auch nur aufzählen, so würde wohl kaum ein Gebiet
seelischer Aktionen unerwähnt bleiben. Ich muß mich mit diesen kurzen
Andeutungen begnügen.

Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen
Geschehens. Der Puls des Universums schlägt in allem, was ist und lebt.
Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem
Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und
Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen
Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem
Strahlenbüschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All
zurücksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so
ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter,
organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der
Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der
Menschengeist,--sondern die eigentümliche Hemmung, die die Weltkraft
zwingt, sich in uns so rätselhaft zu spalten, ist der Gegenstand
wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzündet an der
atomistischen Reibefläche des Organischen, da blitzt das Leben auf und
erlischt wie der Meteorstein, der aufglüht, wenn sein Sturz ins Chaos
hineingerät in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphäre.




HUMOR


Die Menschheit hat stets um so mehr Worte über eine Angelegenheit
gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese
bedächtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein säuberlich zu
Millionen Aktenbündeln geordnet, in den Schubfächern der öffentlichen
Bureaus einer königlichen Logik aufbewahren läßt, um nur hier und da die
Aktenstöße anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln,
bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange weiß: je dunkler ein
Prozeß ist, desto höher türmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So
kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf
über die drolligste Sache der Welt, über das Lachen, zerbrochen haben,
um ein Exemplar vermehren, natürlich ohne jeden Anspruch, damit den
Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige
Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur
versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor
und die humoristischen Zustände von einer Seite beleuchten kann, die
vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die
schon über diese Dinge nachgedacht haben, vorübergehend festzuhalten.
Dabei muß ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange
Reihe der geistigen Väter von vor und nach Christi Geburt, die einmal
über dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzählen, um endlich zu einem
eigenen Körnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen
Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.

Die meisten bisherigen Arbeiten über den Humor, diese "lachende Träne",
über das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), über die "realästhetische
Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), über die "Kontrastempfindung"
(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das
Psychische bei dieser Form der Gemütsverfassung vor dem rein physischen
Akt der Humorsäußerung, in Summa dem Lachen in allen Formen,
unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben
zu haben. Was uns zunächst nottut, ist eine genügende, rein
physiologisch-funktionelle Definition der Vorgänge im Gehirn und im
Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und
begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen
Vorgänge im Seelenorgan gibt erst eine einigermaßen sichere Basis, von
der aus auch das rein Seelische im Humor überschaut werden kann. Ich
will daher mit einer Analyse der allgemein üblichen Ausdrucksform
humoristischer Zustände beginnen, dem Gelächter. Erst nach einer
Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und
versteckten Arten kann es möglich sein, auf das in der Seele einen
Rückschluß zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden
Atmungs- und Zwerchfellstätigkeit veranlaßt.

Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist
das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende,
rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungstätigkeit, begleitet von
gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen
Gemütszuständen. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gelächter
ist durchaus unwillkürlich und nur schwer durch Willenstätigkeit zu
hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu
lachen ist am schönsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz
explosiven, gewaltsamen Ausbrüchen des Vulkanes über unserm Zwerchfell,
deren Unwillkürlichkeit etwas Verblüffendes, Elementares, Unhemmbares an
sich trägt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabhängige, von
dem jeweiligen Gemütszustande erzwungene, rhythmisch-muskuläre Handlung,
wie sie ähnliche unter weniger erfreulichen Umständen die Ohrfeige, der
Dolchstoß, der Faustschlag, oder aber das Gähnen, das Niesen, das Husten
sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in
einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in
unhemmbare Muskeltätigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise
in der Nasenschleimhaut zu einer allmählich zentral ausgelösten
Reizhöhe führt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkanstoß der
Ausatmung unwillkürlich sich erhebt, mit dem Zweck, die lästigen
Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist
gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest
werden muß. Gute Erziehung und große Energie vermögen zwar hier und da
diesen psychischen Nieseffekt zu unterdrücken, aber die Seele ist
verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich
auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gewöhnlichste Form
des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen
kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden,
provozierenden Charakter, wie im höhnischen Angriff, gewinnt. Betrachten
wir zunächst eine Person, die _unwillkürlich_ lachen muß. Was tut sie?

Unter Nackenstellung des Kopfes, bei geöffneten Nüstern, breiter
Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme sämtlicher
Atmungsmuskeln, auch der auxillären, der sogenannten Reservemuskeln für
besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell
hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillkürliche
sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf
der Höhe dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll hält der
Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt für eine Sekunde aus (wobei
weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der Sänger, der vor dem
Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom
durch den Kehlkopf passieren läßt. Hat dieser Zustand der
Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gewährt, so
schließen sich die Stimmbänder krampfhaft zu, und nun folgen unter
rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der
Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmbänder durch
die Blasebalgstöße, die das Zwerchfell auf die gefüllten Lungen
ausübt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der
Stimmbandverschluß, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft
schließend, bringen wiederholte Zwerchfellerschütterungen sie zu immer
neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes,
also der Rachen, die Mundhöhle, der Zungengrund, in sogenannter größter
Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu
sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens ==
a vorhanden, und der Hauch der ausgepreßten Luftstöße macht daraus ha,
ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch persönliche
Rachen- und Gaumenbildung, ist abhängig von der Resonanz eines
kleinen oder großen Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So
nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das
Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen,
zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe
Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen
ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das
Silberlachen der Soprane, das süß wie Zauberglöckchen klingen kann, und
die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der
individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich
Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung,
Verharren auf der Atmungshöhe, stoßweise Ausatmen unter Glottissprengung
und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion:
Mundöffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Grübchenbildung der
Wangen, Nüsternspiel, Augenschluß und Tätigkeit aller auch bei der
Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge
mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der
malträtierten Leibespresse Einhalt gebietet: "Hören Sie auf, ich kann
nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, daß Tränenstrom nicht
allzu selten diesen die höchste Lebenslust betätigenden Akt begleitet.
Wie merkwürdig: höchste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in
einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Brüderschaft von Freud und
Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verständnis des ganzen Vorganges
werden kann. Es ist nicht Zufall, daß man weint, während man lacht. Hier
steckt einer der Schlüssel zum Verständnis des Humors.

Halten wir zunächst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine
affektive Handlung rhythmisch-muskulärer Atmungstätigkeit. Welche
Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit?

Um diese Frage zu beantworten, muß ich erstens Analogien herbeiziehen
und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse
begeben. Daß auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder
weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, daß auch
bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die
explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenzündung, den
Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung
überhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf
das Muskelgebiet?

Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der
Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der
Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie
oder Willensaktion aufzulösen; eine ungemütliche Spannung entsteht, bei
gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll
ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verblüfftheit, Abwehr und
Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele
aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft muß auch jeder
psychische Reiz seinen logischen oder muskulären Ausgleich finden, denn
es _gibt gewiß ebenso ein psychisches Äquivalent, wie es ein physisches
gibt_. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den
Lippen, dreht den Schnurrbart, durchwühlt die Haare, trommelt an den
Fensterscheiben, stampft mit den Füßen, läuft unruhig auf und ab, hin
und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gemüt durch Umsetzung
in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft
auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein jähes Wort,
eine rasche Tat löst plötzlich ohne Kontrolle der mahnenden und
hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungemütliche, meist gefährliche
Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast
du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gefühl, der
Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen,
vermögen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und
das köstliche Öl friedlichen Verzichtes über die hohen Wogen der
psychischen Ekstase zu breiten.

Was geschieht beim Gähnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen
Hirnhemmung und Hirnaktion, der Überschuß geistiger Spannung, der unter
der aufgestülpten Tarnkappe der Müdigkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich
mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkrämpfe (Gähnkrampf) nach
außen abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die
Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entlädt. Beim
Gähnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im
Gehirn gewohnheitsmäßig auf eine bestimmte Bahn der automatischen
Muskeltätigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor
Müdigkeit abends und morgens gehört. Wir haben hier also eine Analogie
mit dem Lachen, die so weit geht, daß auch beim Gähnen die
Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen,
ihre Entladung findet. Da auch das Gähnen, wie jede Affekthandlung,
unwillkürlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen
gehemmt werden kann, und da beide, Gähnen und Affekthandlungen, auf
einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden müssen,
so können wir einen zwingenden Rückschluß auf das Lachen wagen, d.h. wir
sind genötigt, anzunehmen, daß auch das Lachen einen muskulären
Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind
diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition
des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans,
gelangen. Dazu bedürfen wir aber noch eines Ausblickes auf die
Entwickelungsgeschichte.

Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit
all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem
Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in _Darwins_--übrigens
gottgläubigem--Sinne an, daß der Schöpfer eine allmähliche Entwicklung
zugelassen und gewollt hat, so wäre es denkbar, daß das Lachen eine
Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener
Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter
Festhaltung der ursprünglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung
zustande kommt. Mir will es scheinen, daß, wie es rudimentäre Organe
gibt, Organe, die in früheren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert
im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese
Tätigkeit überflüssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es
so auch _rudimentäre Funktionen_ geben könnte. Es ist denkbar und sogar
beweisbar, daß gewisse Funktionen, die früher einen sehr zweckgemäßen
Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch
vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben.
Dafür einige Beispiele. Die Bewegung unserer Nüstern im Liebes- oder
Lebenskampf hatte augenscheinlich ursprünglich den ganz ausgesprochenen
Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl,
wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr
seiner Nase die Entscheidung überläßt, ob sich ein Herz zum Herzen
findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gefährlich
werden können, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die
Paukanten mit zuckenden Nüstern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem
Ausstoßen einer tödlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer
die Nasenflügel zittern,--und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen
im Feuer seiner Überredungskunst die bebenden Nüstern. Das ist
rudimentär! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst
einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und für
die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von
_Gildemeister_, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze über
die Höflichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der militärische
Gruß zurückgeführt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier
Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag
war nach _Gildemeister_ gewiß früher, wie noch jetzt etwa bei den
Logenbrüdern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit
feindlicher Bestrebungen. Auch hier ursprünglicher Sinn im Daseinskampf
und jetzt eine rudimentäre Höflichkeitsform. Wer ist sich heute noch
beim Adieusagen völlig bewußt, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen
sich doch auch Atheisten à dieu. Die höchsten Liebeszeichen selbst, der
Kuß, die Umarmung, mögen im Bedürfnis einer vorsichtig tastenden
Diagnose entstanden sein: drum prüfe, wer sich ewig bindet! Liebkosen
sich doch manche asiatischen Völker noch heute, indem sie direkt
Riechorgan an Riechorgan reiben.

Es gibt also rudimentäre Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil
in einer solchen rudimentären Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es
vielleicht ursprünglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei
oberflächlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind?

Stellen wir uns einmal vor, es sei ein Höhlenmensch, ein Urwaldbewohner,
in stetem Kampf mit Ungetümen, Schiebegeröll und erratischen Blöcken
plötzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine große Gefahr gestellt:
ein Ungetüm, wie er solches noch nie gesehen, streckt plötzlich, einen
fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Gebüsch.
Was wird unser Urmensch tun? In jähem Schreck reißt auch er den Mund
auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr
erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem
sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder fährt. Das ist auch
ganz verständlich. Denn wenn sich ein Mensch überhaupt wehren will,
braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder
Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse nötig. Er lädt also mit
dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht
näher erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen
blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das
launische Ungetüm hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein
Löwe, ein Riesenbär trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr
vorbei. Ein jäher Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und
plötzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast
gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen
entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender
Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgefühl. Unter freudigster
Gemütsverfassung entlädt er, gleichsam spottend der Gefahr, stoßweise
seinen nun überflüssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter
Jubelempfindungen entweicht stoßweise die überschüssige Lebenskraft.
Noch heute wird jeder bemerken, daß nach plötzlich überstandener
Lebensgefahr oder Gemütsbedrückung eine Neigung zu fast hysterischen
Heiterkeitsausbrüchen eintritt. Das Gefühl, einem Unglück entronnen zu
sein, sein Leben bejaht zu fühlen, wo es eben noch auf das Dringlichste
verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr
verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte
man die Tatsache, daß Tränen leicht fließen können, wo eben noch im
Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die
Tränendrüse unabweislich strotzend füllen mußte, und daß ihr Gebrauch
sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe
kam, falls man Zeit genug gehabt hätte, noch über den jähen
Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was
der Kummer vorbereitet hat. Auch die Träne, dieser tauende Reif aus
Edens Blütenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und
physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die
Schleusenwächter am Strom der Tränen, und in der Begleiterscheinung des
Tränenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis für
den Ursprung des Lachens in einem plötzlichen Kontrast von
Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher
Weise diese beiden Salpetermischungen für die Explosionswirkungen des
Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zunächst
soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die außer dem
plötzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorgänge zur
Erregung von Heiterkeitausbrüchen haben. Bei der plötzlichen Bedrohung
und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgemäß
auf der Hand, daß dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen,
muskulär-rhythmischen Lebensbetätigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein
spielendes Reh, hüpft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens
streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, trällernd,
tänzelnd finden. Wenn beim Übergießen mit kaltem Wasser, bei kalten
Duschen, eine plötzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich
bei mir stets unmittelbar danach eine fast unüberwindliche Neigung zum
Lachen bemerken können und habe dem Triebe nie gewehrt,--gewiß ein
trefflicher Beweis für die Verwandtschaft von physischem Schreck,
seelischem Wohlgefühl und Lachen, für die Verwandtschaft tiefer,
lebenfördernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das
Zwerchfell.

Wer die ängstlichen Börsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade
beobachtet hat, sah auch gewiß, wie ich, ihre Ausbrüche zappelnder,
hüpfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein
unwillkürlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration
und exspiratorischen Atemstößen zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man
nicht kitzeln, dazu gehört schon eine gewisse Ausbildung des
Bewußtseins, das erkennen läßt, daß die lebensfreundliche, mehr
zärtliche, neckende Berührung im Kontrast zu der starken, das
Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, daß man das
Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam
unterdrückt. Daraus geht hervor, daß das Atmungszentrum, also das
eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren
kann, daß es also _sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen
und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt
werden kann_. Für unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus
einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es
interessant, zu erfahren, daß der scharf umschriebene Punkt am
Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt,
von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und
daß wir hier auch die Fäden finden, die zur Erregung des muskulären
Ausgleiches für die Zwerchfellerschütterung die elektrischen Ströme
senden. Hier finden wir eine anatomische Bestätigung der Beziehung des
Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung.

Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgefühl ganz und
gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachstöße, die im Bellen und
Brüllen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine
_willkürliche_ Tätigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das
höhnische, kränkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das
Lächeln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den
besonderen Formen des Humors definieren: _denn Satire, Witz, Ironie,
Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors_. Bei
vielen dieser Lacharten ist ein Überlegenheitsgefühl maßgebend, d.h. die
Lebensverneinung oder -minderung gilt für andere, für den Lacher nur das
Gefühl eines höheren, überlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen
ist eine Kombination von Ohnmachtsgefühl und Feindseligkeit und das
schadenfrohe Lachen die Wirkung der Überzeugung eigener Unversehrtheit
bei fremdem Unglück, von dem wir aber die unbestimmte sympathische
Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir
identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den
Kontrast von unserem realen Unberührtheitsgefühl her.

Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der
Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung
unterziehen.

Daß das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck
verwandtschaftliche, koordinierte Berührungen hat, ist eine allbekannte
Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des
Gesichtes ein so typischer, daß man diesen Krankheitszustand erkennen
kann, ohne die Atmungstätigkeit direkt zu beobachten. Wichtig für die
Theorie des Lachens ist auch, _daß bei der Atemnot, also wieder einer
Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion
sind wie beim Lachen._ Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim
Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erklärlich. Alle
rhythmisch muskulären, d.h. gleichmäßig und oft wiederholten
Muskeltätigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das
Gähnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die
Kampfbewegungen,--sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur
Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus
eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist
brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen
nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der Rückenmärker, die
Epilepsie können Formen annehmen, die manche unwillkürlich zu
schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt
ansteckend wirken können. Die rhythmische Muskelaktion ist am
zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der
Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige
Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an,
daß der springende Fisch, die hüpfende Bachstelze, der tänzelnde
Araberhengst in heiterer Gemütsverfassung sich befinden, obwohl wir es
nicht beweisen können; es stimmt uns aber gleichmäßige Rhythmik auf
starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst
ist Rhythmus: Rhythmus die schönen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl
der Töne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede
bleibende Disharmonie, weil ohne Maß und Regelmäßigkeit. Darum ist auch
in der Musik vor allem etwas der Lebensbetätigung, der Lust, dem Humor
Verwandtes, und zwar ist nur bei schärfster Ausprägung schnellerer
Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo,
Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer
denkbar. Darum ist bei den größten musikalischen Rhythmikern, Haydn,
Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude
zu Hause, während bei den großen Reflektierern, den Grüblern in der
Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strauß, das affektive
Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus
bezweckt den Nachweis, daß auch die rhythmischen Zwerchfellstöße innig
anderen rhythmischen Heiterkeitsbetätigungen verwandt sind und daß die
Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen
bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche
_Quelle der Musik_, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen.

Nun sind wir so weit gelangt, etwas näher zu betrachten, was in einem
Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine
komische Bewegung zur Wirkung kommt, für materielle Alterationen
vorgehen mögen, dergestalt, daß ohne Zutun des Willens jener rudimentäre
Atmungsrhythmus ausgelöst wird, den wir "Gelächter" nennen.

Wir haben gesehen, daß die ursprüngliche Bedeutung der rhythmischen
Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen
Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom
Leben zurückzuführen sein dürfte: auf einen Strom der Lebensangst und
auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des
Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt
entgegengesetzter Art, daß sie, für den Augenblick unvereinbar, eine
Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen
geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele
keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie
wird überrumpelt, verblüfft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und
gewohnheitsmäßig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes
Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewiß nicht mehr der Fall,
wenn wir heutzutage einen Kitzel verspüren, zu lachen. Unser Leben
erscheint weder bedroht noch besonders unterstützt, wenn ein
Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt,
die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen ließ, oder wenn
einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majestäten
durchaus sich in die erste Reihe drängen mußte, gerade im entscheidenden
Moment der Zylinder über Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder
wenn der kleine, ganz preußische Hauptmannssohn die heikle Frage
aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie"
stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch
fühlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit,
wenn wir bei Fritz Reuter lesen, daß ein unruhiger Schläfer die große
Zehe seines Mitschläfers für eine feine Havannazigarre hält,--und doch
liegt allen diesen unaufzählbaren Formen komischer Wirkungen eine
Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen
solchen Konflikt mit verblüffender Unlogik enthält, wie er in
deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung
auftritt. Schon Kant hatte gefunden, daß der Humor im Kontrast wurzelt.
Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, daß schwarz und weiß, klein
und groß, trocken und naß an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und
doch: unter Umständen kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken.
_Aber zum Kontrast muß noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in
der Revue des deux mondes _Mélinand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?"
hier für das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden,
der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen
umfaßt. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite
betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von
der anderen Seite lange gewohnt, ganz natürlich, "familiär", alltäglich
sich präsentiere. Man kann diesen glücklichen Gedanken dahin
vervollständigen und ins Psychophysikalische übersetzen, daß erst dann
Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realität so in
plötzlichen Widerspruch gerät, daß sich beide an Reizstärke ihrer
psychischen Spannung ungefähr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der
Beschauer einer komischen Situation und der Hörer einer komischen
Schilderung muß beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was
er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein
zweites Wesen repräsentiert oder zu repräsentieren sich bemüht, zweitens
muß er diese Idee plötzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen fühlen.
Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal
in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene
Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder
überhebende Gedankengang, außer uns oder in uns erzeugt, schlägt in
verblüffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso
plötzlich überzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen
ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft
erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber
unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasietätigkeit des Gehirns,
die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen
unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgemäßer Reflexion.
Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der
Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar
unlogisch, daß die plötzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und
vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa
logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu
lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gefühl hilfloser Erregung, die
gewohnheitsmäßig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich
eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellstöße entladen wird. Diese
Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten,
und zwar deshalb, weil ursprünglich das Zusammenprallen von Nein und Ja
des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen
Herbeischaffen und Auslassen wehrkräftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das
tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgemäß und das stoßweise
Entladen der Lungen eine natürliche Konsequenz, wenn die Gefahr
plötzlich entwich. Bei der überrumpelnden Logiklosigkeit und bei der
plötzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die
Gehirnfunktion in dynamisch ähnliche, wenn auch für die Erhaltung des
Individuums gleichgültige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr.
Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der
Hirnmechanismus für seine Stellungnahme gegenüber einer Bedrohung fand,
auch für die funktionell verwandten Zustände, Schütteln beim Frost und
Duschen und Kitzeln, beim Gähnen und Lachen beibehalten ist. Der
Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt
realen Vorstellung, die das Gehirn unmöglich zugleich verarbeiten kann,
diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-möglichen Seiten des Lebens
gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich
von der harten Nuß, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht
verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lastträger Zwerchfell
ablädt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. Während dieser geduldige
Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein
unbeschreiblich wohliges Gefühl der erleichterten Klarheit und
Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische
Dickhäutergefühl. So kann schwarz und weiß als Kontrast komisch wirken,
wenn zwischen eine Schar die Idee der Würde aufnötigender schwarzer
Priester plötzlich ein feister, weißer Kuchenbäcker in gleichem Tritt
sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und groß
humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, daß wir im
Trocknen sind!" jemand in einen Waschkübel stolpert oder wenn mit einer
Riesenbulldogge ein winziges Schoßhündchen trippelnd Schritt zu halten
sich vergeblich bemüht.

So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere
Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer
Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die Fähigkeit,
überraschend schnell und überraschend suggestiv die zwei Seiten jedes
Dinges aufzuspüren und die Janusköpfigkeit alles Irdischen vor aller
Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand
elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der
Zuschauer oder Zuhörer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden
Gelächters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine
Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos,
durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne
Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung,
die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realität
zugedeckt werden könnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den
nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden
und in reinlichen Asbest hüllen könnte. Darum ist vom Erhabenen zum
Lächerlichen der Schritt so klein, weil, je höher der Kothurn steigt, um
so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im
Lächerlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden.

Darum gehört zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese
Himmelsgöttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt
wie auf der Heerstraße der Trivialitäten. An einer absolut realen Sache,
an einer allgemein gültigen Wahrheit schnell ihre Unzulänglichkeit in
kühner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu gehört ebenso Phantasie wie
dazu, eine gespreizte Idealität im Handumdrehen vor den verzerrenden
Spiegel der Realität zu stellen. Der Humor wirft der Idealität einen
Knüppel von realem Holz zwischen die Beine, sie muß stolpern und damit
die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das
Ideal steht auf einem Faß mit dünnem Deckel: ein leiser Fußtritt der
Realität, und der Götze liegt im Waschfaß. Die Idee ist eine
Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit läßt sie platzen. Warum tat sie auch
so schön und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das
noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen Füßen gegenüber
der Kühnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die
unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere
Diesseitsgültigkeit in Jenseitsnebel aufzulösen vermögen. Der echte
Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann
Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht
gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen
mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch
Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur
vernünftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist
langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein
muß, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugehört. Die phantasievolle
Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getränkt.
Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und
Leben pulst der Humor erst in ihre starren Züge. Der geistvolle Narr und
der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt
gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch
nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das
Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie
lassen sie das Leben wägen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche
Quelle rein physischen Gesundheitsgefühles liegt in der Freude aus
Herzensgrund! Ich halte die Komödie direkt für hygienischer als die
Tragödie. Jene entlädt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese
fügt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes.
Gerade in diesem herrlichen Gefühl erhöhter Lebenslust beim Lachen liegt
übrigens ein Hinweis auf die atavistische, früher um Lebensbejahung und
-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen,
auf denen sich das Gelächter auslöst, assoziiert mit dem positiven
Gefühl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude.

Für das Verständnis der einzelnen Formen des Humors ist zu
bemerken, daß der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne
humoristischer Lebensbeleuchtung ergießt, in gar verschiedenen
Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr
auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei
Phantasie- und Wirklichkeitsströmen, dieser _Assoziationsknick im
Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die Säge der Logik
aufkreischt, sich überall nachweisen lassen muß, wenn anders
unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender
Doppelvorstellungen Überzeugungskraft haben soll. Allerdings muß
dabei festgehalten werden, daß jede humoristische Spannung der Seele
entwicklungsgeschichtlich im Gefühl der eigenen Lebensbejahung
wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer
Stimmung nichts als die Äußerungen des Gefühles einer Überlegenheit
über andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil
mein eigenes Unversehrtheitsgefühl im stärksten Kontrast zu der
unbestimmt sympathischen Ahnung steht, daß auch ich unter gleichen
Bedingungen hätte meinen Rock mir zerreißen, meinen Hut aufbeulen
lassen, meinen Heller verlieren müssen. Allerdings wirkt auch
hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit
erregend, wenn die besondere vom Geschädigten prätendierte Form seiner
künstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche
Gegenstimmung von vornherein aufkommen läßt. Dann gönnt man dem
Prätendenten eines angemaßten Thrones so recht von Herzen den
Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein
Gefühl für humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist
eben Schadenfreude direkt durch prätentiöse, egoistische Aufgeblasenheit
und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier führt der Humorist zur
Zertrümmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die
Idee: der Stahl der Realität trifft die helle Glasglocke, daß die
Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den
ursprünglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur
noch das _überraschend Unlogische_ übrig geblieben: so sehr hat sich die
Funktion des Lachens von ihrem ursprünglichen Vollwert entfernt. So
losgelöst, gibt es natürlich tausend Varianten desselben Themas. Ich
will versuchen, diese Variationen des überraschend Unlogischen zu
formulieren.

Zunächst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_
erregt werden. Die roheste Form dieses vorzüglich auf überraschende
Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist
die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das
Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske
eingeführt und plötzlich die Maske rückwärtsgedreht, dann ist die
Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind natürlich Synonyma und
erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Träger
besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verhüller
scheußlicher Trivialitäten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen
Kalauern beweist, daß bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung,
eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern
Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht näher auseinanderzusetzen
nötig hat. Übrigens ist es geradezu verhängnisvoll, wenn jemand sein
Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen
Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann förmlich zu einer
Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit,
ausarten.

Wird der _Kontrast durch ganze Sätze_ ausgedrückt, so erhalten wir die
Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aperçu. Auch hier werden
logisch unvereinbare Dinge mit verblüffender Sicherheit in gegenseitigen
Kontrast gestellt. Die Fliegenden Blätter enthalten eine Fundgrube
solcher Weisheitssprüche in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie
sammelte, könnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste
entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als
er in unser aller Bewußtsein ursprünglich lautete: "Lerne zu! Leyden!"
(Lerne zu leiden!) Hierher gehören auch die fürchterlichen Imperative:
"Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber
doch ein Beweis für die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, daß
man solches Zeug nicht hören kann, ohne wenigstens zu lächeln. Der
Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade
so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die
Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch
_raffiniertere und behutsamere Irreführung der Logik_, so wird, wie in
der Anekdote, der humoristischen Erzählung, künstlich die Phantasie in
eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und
plötzlich gelangt der Zuhörer an den Assoziationsknick, an die
Gedankengabelung, weil der Erzähler mit plötzlichem Ruck der
elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote
sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch
einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung
bedingt sein.

Es ist nur natürlich, daß die obszönen Witze hier eine hervorragende
Stellung haben. Ich gebe gern zu, daß diese Witze manchmal von
besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, daß die prüde
Verhüllung aller, auch der natürlichen und an sich nicht obszönen
Realitäten es dem Spötter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_
und das _Bedürfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch
überrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist natürlich
die Zote, bei der es nur auf obszöne Kontrastierung von
Einzelvorstellungen ankommt, während ein fein sexualistischer Kontrast
auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung
Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da
gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge
müssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu können, doch einen dezenten
und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. Übrigens gibt es
durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von
Prüderie und Naturbestimmung, wie der französische Sexualismus (Zola,
Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter
Zorn gegen die kulturelle Verkümmerung und Verschnürung menschlicher
Natürlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des
Naturrechtes aufflammt.

Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem
Humoristen festgehalten und dauernd dem Hörer oder Leser aufsuggeriert,
so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman,
zum Lustspiel. Unbedingt gehört auch hier zur Humorwirkung immer das
Überraschende, Plötzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu
erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik
oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der
Behandlung ergibt die Variante: die Tragik erörtert langsam und
unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden
Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und läßt die eine oder die
andere Weltanschauung scheitern; das Problemstück kommt überhaupt zu
keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die
Humoreske läßt plötzlich in überraschender Weise das Ideale am Felsen
alltäglicher Vernünftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im
Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der
Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen muß wie die Butter
an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche
Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des
Teufels zerzaust wird. Für den künstlerischen Humor, d.h. für die aktive
Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses
unerläßlich. Jeder große Humorist ist auch ein großer Dichter. Die
dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer großen, frei
schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut
zu Hause ist wie auf den Gletscherhöhen des Idealen. "Wurzelnd mit
festen, markigen Knochen auf der wohlgegründeten, dauernden Erde", darf
nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in
die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, daß auch
jenseits von Gut und Böse nur mit Wasser gekocht wird. Der die
humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem
Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden
Suggestionsfähigkeit: er muß sein können, was er scheint. Versagt dem
Dichter oder dem Mimen die Fähigkeit, ihre innere Anschaung zu
suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten
hat. Ihm verfällt auch jedes ernste Wollen, wenn dem prätentiösen Anlauf
die Unzulänglichkeit des Menschlichen unvermutet und plötzlich ein Bein
stellt ... Ich muß leider darauf verzichten, an dieser Stelle näher
auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem
Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die
_Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der
Bühne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewiß leicht, in jedem
Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische
Stimmungen erzeugt, warum ein Lächeln mit prasselnden Lachsalven von oft
lawinenähnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je schärfer und
plötzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen
herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene
Phantasietätigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die
Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigeführt und um so
energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendrähte
zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung,
Täuschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon
farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu
leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor,
dem graziösen Schäferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die
gewagtesten Situationen erlauben dürfen, bis hinauf zum echten
_Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen
Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu
stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen
wie im Ganzen Bewußtsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu
fortwährenden gegenseitigen Bocksprüngen zu zwingen vermögen. Eine
richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der
wechselndsten, plötzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu,
so daß uns die kontrastierenden Ideen im Schädel herumfliegen wie die
Erbsen in einem geschüttelten Topf. Übrigens will ich nicht vergessen,
zu erwähnen, daß im gewöhnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten
Gemütsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen
der Humor, dieser Dieb aller Würde, einen wahren Einbruch in das
Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich
komisch, als meine Großtante am Sarge einer Verwandten bei einem
Rührungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der
Eile eingesteckte Nachtmütze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich
damit die Tränen zu trocknen. Es war von rührender Komik, als ein
treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett
der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose
Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen
so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das
ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_
streift. Sicher ist, daß Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht
umspringende, humoristische, spöttische, komische Gegenströme
freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter
Kontrastierung erhalten können. Es ist nicht schön, aber wahr, daß die
Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer
großen Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen
Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbetätigungstrieb selbst
angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt.

Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch
Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die
der Humor erfährt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen
Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma
des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, daß vom Wesen des
Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realität
wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik,
Possierlichkeit, Hohn, Geißelung, Ironie, Satire, Spott, Witz,
Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische
Exzentrizität, direkt abhängig sind. Je nachdem ein Individuum von
sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem,
resigniertem, pedantischem, nervösem, phantastischem Grundtemperament
ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament
vorherrscht: in zwingend paralleler Weise äußert sich auch sein Humor in
besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei natürlich, wie bei den
Temperamenten, die Übergänge und verwandte Dispositionen eine
Kombinationen-und Variationenreihe völlig unbegrenzter Buntscheckigkeit
zuläßt. Auch muß bemerkt werden, daß auch bei derselben Person die
Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges
Prisma, nicht immer eine gleichmäßige Grunddisposition in unserem Gemüt;
wir können eben noch phlegmatisch sein: im nächsten Augenblick macht uns
ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und
unsern Aufstehpessimismus stimmt ein Täßchen Kaffe, ein Gläschen Kognak
zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die
Komplementärfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz,
Phlegma und Resignation.

Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des
Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen
Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive
_Gemütsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives
_Mittel_, diese Gemütsspannung herbeizuführen. Mir will scheinen, daß
zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus
der Aktionen gehört, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung ausübt.
Der gewissermaßen verhaltene, scheinbar unbekümmerte, unengagierte,
trockene Humor ist um so komischer, je gleichmäßiger und verhaltener
seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist.
Er verzieht keine Miene, der Träger des trockenen Humors; eine beinahe
apathische Typizität seines Gesichtsausdruckes trägt dazu bei, den
Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem,
Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verstärken. Man
betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery,
Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter
typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte
Gleichförmigkeit und schalkhafte, absichtliche Lässigkeit ihres
Gesichtsausdruckes: hängende Mundwinkel, pedantische, schläfrige oder
närrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schlürfender, ziehender Gang,
schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im
Indifferenzton, dazu womöglich refrainartige, immer wiederkehrende
Gesten und sprichwortähnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist
der besonders kontrastierende, gleichmäßige, scheinbar träge,
_pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des Bären,
bei den Bewegungen der Dickhäuter, bei denen wir eben wie beim passiv
oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere
närrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel
des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die
Mäuse, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer
Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen
Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast
sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und färben. Entscheidender
aber ist für die Äußerungsweise der empfundenen oder dargestellten
Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus
geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der
Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen,
wie auch der geistreiche Witz, das Aperçu, fast das ausschließliche
Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem
Choleriker ist der Hohn, die Geißelung, die Ironie, die Satire das
Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den
wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem
unverwüstlich ehernen Monument humoristisch-wehmütiger Weltanschauung.
Die sanfte Melancholie der Germanen äußert sich in dem einzigen,
herzenstiefen, gemütvoll sentimentalen Humor, dem wir die
überquellenden Labetränke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter,
Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt
cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen
Blütensträuße, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind,
darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner,
dessen Seele nach großen Dimensionen hastet, erzeugte auch einen
phantastischen, großdimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar
Poë, Mark Twain, Bret Harte die schöpferischen Organe erhalten hat.
Endlich führt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form
der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer
bewußt ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_,
dessen Typus jener Verbrecher verkörpert, der, auf dem Karren zum
Schaffot geführt, der herbeiströmenden Menge zurief: "Kinder, lauft
nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der
Kontrast geradezu umgekehrt. Während sonst der Humorist tief innerlich
sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet,
fühlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur
in der Idee. Das ist typisch für jede Form von Galgenhumor.

In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen
Betrachtungsfähigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der
Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber
Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit
über alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten
Schachte des Gemütes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit
ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter,
er ist eine Majestät, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte
freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betrügern den
Lügenflitter und die Maske vom Antlitz reißt, ein Evangelist, der es
versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem
Himmelslächeln zu lösen, und ein Tröster, der über alle Not Goldkörner
des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Persönlichkeit
streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge
kreuzt; und für manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort
zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel
heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des
Volkes, ein Dokument seines Gemütslebens, eine Schatzkammer des
Reichtumes seiner Seele.




SCHLAF UND TRAUM


I.


Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zurückzublicken das Glück
hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel
von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht
es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, daß es mindestens
fünfundzwanzig Jahre waren, die er buchstäblich verschlafen hat,--selbst
wenn er die kummervollen Nächte, in denen die Sorge oder der Schmerz
neben ihm am Bettrand saß, oder auch die Nächte abrechnet, die er
weniger kummervoll als deutscher Student verlebte.

Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie
weiland Friedrich dem Großen, daß sie auf die freilich unhygienische
Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugewöhnen; scheinen doch auch
unsere Ministerien der Meinung zu sein, daß für festangestellte Beamte
der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von
Sicherheitsbeamten, Nachtwächtern, Telegraphisten, Lokomotivführern usw.
sogar, daß sie gefälligst ihren eigenen Kalender umstellen, die Nächte
zählen und die Tage aus ihrem Bewußtsein streichen, sich also gleichsam
zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden
versuchen. Das wäre eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der
Gesellschaft und ein sträflicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu
leben, durch Abzüge am Schlaf zu verlängern sinnt, wenn es nicht
tatsächlich sogar recht wohlgenährte Individuen in der Natur gäbe, die,
wie Raubvögel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit
heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: für die
erdrückende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der
Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz für
den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im
allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er
währt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit
ihrem ersten östlichen Gruß, der schon vor unserem Erwachen die Hähne
veranlaßt, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die
Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine Mörderin der Elfen und Waldgötter
schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch
Tranfunzel, Docht, Steinöl und Gas und jetzt durch das starre,
geisterhafte Licht der Glühbirnen und leuchtenden Strümpfe, deren Strahl
auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augenärzte
späterer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin
gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verlängern,--wie man
eine kräftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Natürlichen,
die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen,
würden von dem Lärm der auf künstliches Licht eingestellten Mitwelt
unsanft aufgerüttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erhöben,
in ihrem Hause wie des Begräbnisses unwürdige Bewohner von Vineta oder
Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und
Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. Möglich,
daß dieser Rhythmus sich ändern läßt, daß wir uns allmählich anzupassen
vermögen an die künstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich
nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von
Hypersensibilität und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosität ist
vielleicht nur die Übergangsform--im Sinne Darwins--zu einer
künftigen Norm von bleichsüchtig-ätherischer, hypersensitiver
Weiße-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch
erleuchtete Höhlen verlegt hat; vielleicht sogar läßt sie sich vor
lauter Produktion überfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal
am eigenen Lichte genügen, wie die entzückenden Glühwürmchen im Moose
oder die großen Laternenträger der Tropen. Man sollte meinen, daß die
Menschheit keinen Grund hätte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren
schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst
abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gräben und
Sümpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog,
wie Nachtinsekten, Käfer und Schmetterlinge; man sollte sich auch
scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen,
den Eulen und Raubvögeln, die auf den Gedanken kamen, daß die Finsternis
ein trefflicher Mantel für lichtscheue Taten sei. Vorläufig aber bleibt
es hoffentlich dabei: für unser Planetensystem ist es die Sonne, die als
die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte
Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die
Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen
von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder
der Rückprall der Sonnenmacht. Tatsächlich ist der Schlaf an ihr
Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen,
und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint
und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte
organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und
her. Denn daß auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht
gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches
Leben erst nachts beginnen. Die Ärmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr
sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen können,
sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft
wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt,
hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der
Ermüdung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives
Zurückfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch
zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole
und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven
Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der
Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein natürlicher,
rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der
Nervenspannungen. Ja, noch kühner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen;
man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein
physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der Küche des
Muskelhaushaltes gerade infolge der Ermüdung jeder sich selbst bereite,
das sich allmählich ins Blut mische und schließlich uns einschläfre.
Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische
Narkose! Dann hätte also das Sonnenlicht nur ganz zufällig mit Schlaf
und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen
und damit das Fleischmilchsäuregift während des Sonnenlichtes
produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einfluß auf den Rhythmus
von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses
Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen
Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem
Schlaf ganz unähnlichen Zustände fast mit dem Extrakte jedes anderen
Organes, ja, sogar aus dem ganz untätigen Muskel des neugeborenen Tieres
herauspressen; sie beweisen eben nur, daß auch Muskelsäfte fremde
Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur
dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengründe gegen die
Möglichkeit einer solchen periodischen Ermüdungsvergiftung. Wie sollte
ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von
ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne daß für
diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu
finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkwürdige Narkose des
Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem
Wissen vom künstlichen Schlaf wäre und nur in der periodischen
Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiestützpunkt
gewinnen könnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu
verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der
eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder
während der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der
ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchsäure in keinem
Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die
doch noch herzlich wenig mit Muskelkünsten zu paradieren pflegen, das
Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich für unbefangene
Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern süßen Himmelsfriedens, aus
dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und zäher Kater,
der auf einen Sturm durchwachter Prügelnächte folgte, worauf allerdings
das Antlitz des eben einpassierten Mitbürgers mitunter hinzudeuten
scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hindämmern des werdenden Menschleins
das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her
hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes?
Läßt sich ernstlich behaupten, daß man, je mehr Muskelaktion man ausübt,
desto besser schlafe? Ist nicht gerade Überanstrengung das beste Mittel,
um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde
geistige Arbeiter eines ungestörten, tiefen Schlummers? Will man
behaupten, daß auch sie alle Gift produzieren? Die ganze
Ermüdungstheorie, die das Leben auffaßt wie ein Kautschukband, das man
hier und da abspannen muß, um es funktionstüchtig zu erhalten (wobei
noch nicht bewiesen ist, daß es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist
meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und
festgegründetesten und wahrlich "beschäftigten" Organe, das Herz, die
Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres körperlichen und
seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes gänzlich. Sie hämmern,
blasen und wühlen unbekümmert um Nacht und Tag und ermüden erst, wenn
das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich
vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines
Traumes, die Möglichkeit eines Bewußtseins im Traum spricht gegen die
absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Ermüdungsgefühl nennen,
kann sehr wohl das Gefühl gestörten Gleichgewichtes der wechselnden
Lebensbetätigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel
nach langen Märschen die so lange untätigen, den Muskelzentren nahe
benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbeschäftigung verlangen. Sie
wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und
in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein
System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es könnte also
ebensogut das Gefühl der Ermüdung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der
uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie
ja so oft Schmerz und Unlustgefühle die Rolle der Signalwächter für
Störung und Gefahr übernehmen. Wo diese Wächter schweigen, wie bei
eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten
(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Ermüdung als etwas
Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten körperlich oft
physiologisch Unfaßbares an Muskelaktion, und vor der Ära der vier Tage
lang radelnden Dauerfahrer hätte man die Sache nach den Gesetzen der
Ermüdung für Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts
von besonders produktiven Köpfen, die auf solchen Athletenschultern
säßen, gehört.

Ganz und gar keine Anwendung läßt aber die Hypothese von der Ermüdung
oder der Selbstvergiftung auf die Formen künstlichen Schlafes zu, die
uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es müßte schon eine
sonderbare Ermüdung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln
oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die
Hirnganglien überfielen und ertränkten. Einer Mutter, der sorgsamsten
Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, daß ihr
summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein ermüdendes Gift
hinter die geschlossenen Lider schüttet. Wie nun, wenn man diese ganze
Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die
Wissenschaft noch heute definiert, über Bord würfe? Sehen wir zunächst
zu, was die Physiologie über den Schlaf aussagt. Landois, wohl der
geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich über den Schlaf
in den folgenden Sätzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizität
des tätigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf
eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden."
"Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln."
Auffallend ist, daß man bei diesen Grundsätzen über die Physiologie des
Schlafes so völlig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des
Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die
psychologische Tatsache des Traumes und seiner gewöhnlichsten
Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen sämtlich auf. Der Schlaf kann
nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt
werden, denn es gibt Träume; Träume sind aber "Tätigkeiten" des
Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erhöhte Erregbarkeit
des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus
unter unruhigen Träumen beweist. Außerdem ist die vorhandene
Erregbarkeit sämtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar.
Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase,
bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die
Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und
braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so
wäre damit bewiesen, daß sein Nervensystem erregbar war, auch während er
schlief,--und es wäre doch schwer festzustellen, ob stärker oder
schwächer als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch
keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir
leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf
Erfolg diese Frage vorlegen könnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus
der Funktion des Traumes, die Ichbewußtsein, Seh-, Hörwahrnehmungen usw.
nicht ausschließt, daß die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die
Ganglien der Hirnkugeln, in voller Tätigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln,
einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewußte und durch die
Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckmäßigkeitshandlungen,
die nur durch die Tätigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen"
Hirnkugeln vermittelt sein können. Im Widerspruch mit diesen
Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas
durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit
der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen
elastischer Spannung könnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach
der Schlaf einträte, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe über
die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der
Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich über die
Äolsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen
hinüberzieht wie ein vielgestaltiger Dämpfer, der die Töne erstickt, die
Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen heißt und die Welt
und ihre Umgebung zeitweise versinken läßt. _In Wirklichkeit ist der
Schlaf eine Form der aktiven Bewußtseinshemmung_. Wir wissen aber--und
das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, daß Hemmungen,
Isolation, Ausschaltungen im Bewußtsein durchaus aktive Vorgänge, den
Nerventätigkeiten völlig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir
können sogar mit einigem Recht behaupten, daß ganz allgemein, biologisch
gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven
Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende für die
Formierung des überall vorhandenen und zur Betätigung drängenden Lebens
sein dürfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben
hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verstärkung der ihm
gegenübergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem
gegebenen Strom rätselhafter, jeder Anschmiegung fähiger Materie, es
quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser Lücke, und die
Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie
erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die
Widerstände lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte
System der seelischen Nerventätigkeit läßt es erkennen. Jeder
hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die
Abhängigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen
Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom
Meere ruft, und das Glöcklein, das vom Kirchturm tönt und "Bleib
daheim!" läutet. Gott und Teufel, Weiß und Schwarz, Ich und Du, der
andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so näher beieinander, je höher
die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzureißen. Wie
ein Pendel seine Schwingungsweite innehält und um so höheren Ausschlag
gibt, je höher der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der
Erregung ins Tal zu reißen. Kein Wunder, daß es so ist! Denn, rein
mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des
Gehirnes muß in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit können nur
wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur
eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die übrigen aber
abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung müßten
ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander
schwingen. Wir finden also, daß wir in zeitlich nacheinander geordneten
Systemen nur deshalb denken können, weil uns im Augenblick immer nur
eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die
Aufmerksamkeit konzentrieren" heißt, ist nichts als das Gefühl und
Bewußtsein davon, daß von der ewig schwankenden, Anschlüsse bald hier
erzwingenden, bald dort abdämpfenden Hemmung nur eine--die
Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also
der eigentliche Spiritus rector, _die Seele über der Seele_, nicht in
den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in
dem Mechanismus dieser Hemmung wäre das Prinzip zu erforschen, das
gleich immer wechselnden Registerzügen in der großen Hirnorgel bald
diesem, bald jenem System die Ventile öffnet, so daß der einströmende
Hauch des Lebens die fünfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in
unfaßbar reicher Kombinationsmöglichkeit zu seelischen Akkorden
erklingen läßt. An einem Hause seien Millionen kleiner Glühlämpchen
angebracht, deren Drähte alle in eine stille Klause unter dem Dache
auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den
Händen hält. Er läßt Millionen Flämmchen erlöschen, und ein kleiner Rest
leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme
werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gruß, ein Willkommen, ein
ganzer Satz erstrahlt,--und so könnte der Ingenieur der Hemmungen unter
dem Dach gewiß jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls
er den Strom seiner Batterien, der in alle Lämpchen zu fließen strebt,
zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die
anderen verschließt. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich
kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtkörper ausgespannt, viel
zahlreicher als die Sterne am Himmel, die für uns auch nur aufflammen,
wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren
spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre
Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun
keineswegs gleiche, scheinbar willkürliche Macht über alle Formen
zentraler Hirn- und Seelentätigkeit; ihr wechselnder Einfluß nimmt mit
dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven,
dem Bewußtsein ganz entzogenen Seelentätigkeiten, namentlich in
denen der Regulation von Herz- und Atmungstätigkeit, schwankt
die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenwärtig, sie hat sich
selbsterhaltungsgemäß[1] herausgeprüft, welche koordinierten Bahnen das
Beste, Unabänderlichste für den Haushalt des Ganzen darstellen. So
werden auch unsere, heute nicht mehr bewußten Seelenhandlungen in
festen, definitiv und stets gleichmäßig gehemmten Bahnen reguliert, und
nur in den jüngsten Phasen des Bewußtseins tastet die Hemmung, gleichsam
nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgemäße Lösung sei.
Die jüngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam
stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h.
instinktiver Lösung ringt.

  Fußnote 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingeführter
  Begriff.

In uns geht sehr vieles unbewußt seinen nicht mehr abzuändernden
psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das
unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien
z.B. können wir nicht mehr ohne Rest im Bewußtsein begründen; wir tun
vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem
Wort: es gibt in uns Verständigeres als den Verstand, Bewußteres als das
Bewußtsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewußten,
schon definitiv vom schwankenden Bewußtsein des Ichs und der Situation
abgelösten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht
mit der tastenden Orientierung der höchsten Ganglienschichten assoziiert
werden können. Die jüngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre
Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausstülpungen nach außen, sie horchen,
fühlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im
Weltganzen. Das Gefühl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize,
die die Widerstände auf meine Sinne ausüben, wirkt das, was mein
Empfinden von mir selbst und mein Bewußtsein von meiner Stellung in der
Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch
ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem
Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament
der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen
Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen.
Manchmal fühlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit
uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner
Macht inne und fühlt doch nur einen Widerschein von seinem
Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die
der Schlaf dem Bewußtsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes
bezieht sich nur auf jene krönenden Funktionen geistigen Geschehens, die
im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenwärtigen Phase der
Hirnentwicklung zugehören.

  Fußnote 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, daß
  wir von einer Erkrankung träumen können, deren Herannahen im Wachen
  noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschwür kann im
  Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen
  zu veranlassen. (Moll.)

Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes
erzwingt, vermittelt?

  Fußnote 1: Über das mutmaßliche Wesen dieser selbst siehe
  Ausführlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der
  schlafähnlichen Zustände". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen
  Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin.

Wir stellen uns vor, daß um die Ganglienzellen des Gehirnes ein
Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet,
und daß dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die
Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die
bisher als eine einfache Stützsubstanz aufgefaßt wurde. Wir denken uns
diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch
erfüllbar und entleerbar, so daß je ihre Füllung oder Entleerung
imstande ist, Anschlüsse (Assoziationen) unter den Zellen zu
unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den
Ganglienkörpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den
überspringenden Funken oder induzierten Strömen größeren und geringeren
Widerstand entgegensetzt. So geschähe auch das Denken in der Richtung
des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere
Bewegungsform. _Die Tätigkeit der Ganglien ist die der spezifischen
Transformation (Umbildung) der Außenweltreize, ihre prismatische
Strahlenzersplitterung, und die Tätigkeit der Hemmung ist die der
Widerstandserzeugung für die Assoziation dieser transformierten Reize._
Sicherlich gibt es auch ein psychisches Äquivalent, d.h. jeder Reiz, der
das Zentralorgan trifft, verlangt seinen völligen Umsatz in Spannkräfte
der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind
gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenbündel zu weißem Licht,
die Rückgabe der unveräußerten Pfunde an die Außenwelt. Die Hemmung gibt
die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht.

Diese, wie ich gern gestehe, für eine Plauderei schwerfälligen
Deduktionen waren nötig, um den Mechanismus des Schlafes völlig
verständlich zu machen. Sie ermöglichen eine hypothetische Einheit des
Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu
betrachten. Daß die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung,
die über den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zurückzuziehen,
vermöge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso
begreiflich, wie daß ihr Loslassen von der Gefäßspannung dieser am Abend
gestattet, die Tarnkappe über das Bewußtsein zu ziehen. Man beobachte
nur einen Müden. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes
gegen seine Bewußtseinszentren anbranden, fühlt er eine Neigung, nicht
mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend
festzuhalten, er vergißt sich und sie, seine Muskelaktionen werden
schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes Gähnen gibt
kund, daß der Reizüberschuß, den das Leben in seiner Hirnrinde
zurückgelassen hat, eine gewohnheitsmäßige Ablenkung auf ein gewisses
Gebiet der Atmungstätigkeit erfährt. Gähnen heißt, das Gehirn von
Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu
gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der Überführung
geistiger Spannkräfte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung
spült immer weiter über den lichten Strand des Bewußtseins, in dessen
Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfläche wird
immer trüber, und schließlich versinkt wie mit einem Schlage die
Außenwelt vor seinen inneren und äußeren Blicken: er ist in ihr und hat
doch kein Gefühl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der
Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen
eines eben noch strahlenden Glühkörpers, daß der Begriff des
"Erlöschens" des Bewußtseins zu dem Treffendsten gehört, was unsere
Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchstäblich nehmen. _Die
Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus)
vermittelter Reflex_, den die Periodizität des täglichen Lichtwechsels
durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich für
die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einflüsse
nervöser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete
Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja
eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, daß Schlaf
durch Reizung der Hemmungsvorgänge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man
hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese
Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus
des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, auslösbar durch die Maßnahmen der
Hypnose: Streicheln über die Stirn und Augenlider, starres Fixieren,
Kämmen, Wiegen, das gleichmäßige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen,
die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften,
suggestiven Abblendung des Bewußtseins auf einen einzigen Punkt, wodurch
es natürlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird,
rings um diese letzte Stelle des Bewußtseins ihr Zeltdach des Schlummers
zusammenzuziehen. Eindämmung des Bewußtseins auf einen Punkt und
Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, daß zum
Einschlafen auch der feste Wille dazu gehört und daß Gewohnheit und
Erziehung einen so erheblichen Einfluß haben. Man zwinge sich bei
erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle
den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der Überlegung, der
Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er
will rechts und links über die Zäune setzen--: dann wird es der Hemmung
schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das
süße Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschließlich
der Mittel der Narkose--betäuben in gleicher Weise, sie lähmen die
Gefäßnerven aktiv; und die Folge ist die Füllung der hemmenden Gespinste
um die Ganglien und die Erzwingung der Unmöglichkeit ihrer gegenseitigen
Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenuß. Der
anfangs die Gefäße treffende Giftreiz verengt zunächst das Stromgebiet
der hemmenden Zwischenschicht; der Anschluß der geistigen Verknüpfung
der Ideen erfolgt zunächst mit deutlicher, gern gefühlter, die
Lebenslust erhebender Leichtigkeit; über alle Höhen und Tiefen der
Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der
Gedanken; der Dümmste dünkt sich ungeheuer geistreich und traut sich
Fähigkeiten zu, von denen er nie geglaubt, daß er sie sein eigen nennt,
wobei er oft sogar Kundige zu täuschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber
um so mehr Gewalt, je höher die Dosis steigt, sie engt wie beim
Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewußtsein immer mehr ein,
der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erzählt
dieselbe Geschichte fünfmal, zehnmal, murmelt schließlich immerfort
dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen
Schwärmers blutgefülltes Haupt schwer auf den Tisch, und die volltönende
Harfe läßt dem Sägegeräusch des Schnarchens das Feld. Während aber bei
diesen künstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht
nur die obersten Schichten des Bewußtseins umfaßt, sondern auch ihre
eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie
um die anderer Formen von Bewußtsein schlägt, scheint uns für den
physiologischen Schlaf charakteristisch, _daß eigentlich nur das
Bewußtsein für Zeit und Ort, für Orientierung in der Umgebung
und der betreffenden zeitlichen und örtlichen Situation fehlt_.
Da der Schlafende im Traum sein Bewußtsein von sich selbst, den
Begriff der Persönlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur
orientierungsunfähig für das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so
kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des
Situationsbewußtseins; er ist die periodische Ausschaltung der
Orientierung für die Umgebung, die Zurück- und Einziehung aller
Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung
wurzelt_. Alles übrige, sein Ich-Bewußtsein, seine Bewegungsfähigkeit,
seine Phantasietätigkeit, seine Vorstellungssphäre, unterbewußtes
Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert,
als diese Funktionen ihren verstärkten Anstoß eben aus jenem
Situationsbewußtsein zu ziehen gewöhnt sind. Wir verlassen für
gewöhnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar
nichts wissen, wir greifen nach nichts über und um uns, weil wir nichts
von dem "über und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle
Muskeltätigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung
beziehen, irgend etwas auf diese Bezügliches zu unternehmen. So weit
aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden
Bewußtsein des Traumes erregt werden können, bleibt ihre
Beeinflußbarkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der
Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben,
in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den
verschiedenen Formen des gestörten, pathologischen Schlafes erkennen
lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade
die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkstätten besitzen,
in mehr oder weniger großer Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die
feinere Art der Bewußtseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum
etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der
natürlich sehr erheblich durch Außenwelteinflüsse zu verändern ist. Der
Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums,
und seine größte Intensität fällt zusammen mit der Vollreife, was
wiederum stark für meine Auffassung von der Aktivität des
Schlafmechanismus sprechen dürfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist
deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so
ungeheuer die Ansätze von Ganglienzellen überwiegt; denken lernen, heißt
eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgemäße Hemmung hineinwachsen und
ihre Anschlüsse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund,
warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie
in die Köpfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas
Selbstverständliches erfaßt werden; deshalb ist es auch für originelle
Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen,
wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zunächst dreißig Jahre
ins Grab zu legen. Es ist überall das Verhältnis von Ganglienaktion zur
Aktivität der Hemmung, das Originalität, Intelligenz, Charakter, Genie,
Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des
Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige
Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie Überanstrengung, Sorge,
Überlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht,
Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen Fällen die
Gangliensysteme der zur Nachtzeit anrückenden Hemmung widerstehen.

Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone
der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht müde zu sein, die
glücklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine
Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlgeübten Kabel der
Bewußtseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelmäßigkeit des
Ein-und Ausschaltens von Bewußtsein und Schlaf selbst ohne jedes
Ermüdungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen,
die Sinn für Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen
freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausflügler nicht einmal
andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen
die Ermüdungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine
alte Weisheit, daß der Vormitternachtsschlaf der stärkendste ist. Weil
wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist
der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je näher der
Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht
liegt dem Scheiden der Sonne am nächsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und
jede Stunde nach Mitternacht führt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz
des Bewußtseins näher. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder
Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem
Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Glättung der
erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er
vermag Rätsel der Lösung nahe zu führen in wenigen Stunden, und oft
steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette,
wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrauß. Weinend legt der Knabe sich
nieder, weil er die Lektion nicht bewältigen konnte, und morgens sagt er
sie her, erstaunt und verblüfft ob der Heinzelmännchenarbeit, die über
Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist,
der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner
inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Schönheit dem
heißen Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden
Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein
weißes, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben
die jüngsten Entwicklungsphasen des Bewußtseins sind, in denen das
Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der
Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme
an alte Bahnen anschließt, so sind hier auch gleichsam die leicht
verletzlichen, zartesten Blüten des Seelenlebens ausgebreitet. Das
stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere
Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel.
Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und
Kabelstation fertigbauen, den Schlußstein setzen, einen sammelnden
Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes mühsam
vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so
nötige Bewußtseinsverhüllung versagt! Was gibt es Fürchterlicheres als
die Schlaflosigkeit, in der das geistige und körperliche Auge in die
Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines Dämons annimmt? Dabei
die Gedankenflucht hinter dem Schädel, diese springenden, jagenden und
nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichgültig sind und uns so gar
nichts angehen, die sich aber unaufhörlich durcheinanderschieben,--diese
grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat:
Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die
gereizten und zur Überfunktion gepeitschten Ganglienzellen schließlich
alle Widerstände durchbrechen, die blinden Affekte und die Bocksprünge
im Geist, die geistigen Veitstänze beginnen.

In der schonenden Hülle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der
sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die
der überwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime
entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei
Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und
Haschischvertilger verschaffen sich künstlich diese Verschleierung des
Bewußtseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gewährt, nicht nur, weil
es angenehm ist, die quälende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen,
sondern auch, weil sie instinktiv fühlen, daß eine erhaltungsgemäße
Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt.

Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und
Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die
atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der
Ermüdungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf
gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und Vögel, die
pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen
mögliche Verschiebung des natürlichen Schlaftypus (alle Sorten
Nachtwächter einbegriffen), sie alle werden verständlich, wenn wir sie
betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die
Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nervöser Bahn
nur zeitlich verstellt, soweit überhaupt noch ein Rhythmus erkennbar
ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein
herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz
natürlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen
wäre, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt
sein können.

So ist der Schlaf also die Tätigkeit eines besonderen Organsystemes, der
Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und
Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der
Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der
Narkotika, gehorcht diese rätselhafte Funktion so lange, bis schließlich
die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich
einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint
der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen läßt, wie unsere
definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage
wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier
wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana für immer. Heute
versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines Stückchen unter die
Oberfläche; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die
kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt
auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen
und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir
Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine
Sphäre gleichsam früherer Daseinsepochen zurückgezogen, sowohl unseres
persönlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben
minus Situationsbewußtsein und ohne die Fähigkeit, die Umgebung logisch
mit unserem Geiste zu verknüpfen. Das gibt unserer Phantasie die
Möglichkeit, uns einen Teil des nur halb bewußten Tierlebens
vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der
Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in späteren Geschlechtern
vielleicht zu noch höheren, wundervollen Bewußtseinsformen weiter
sprengen werden.


II.

Wenn es richtig ist, daß im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres
Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Außenwelt
greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos,
schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewußtsein der Stellung des Ichs
in der umgebenden Welt der Realitäten ist, das aus der Reihe psychischer
Bewegungen im Schlafe entfällt, so ist es begreiflich, daß alle noch in
der übrigen Sphäre der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der
Phantasie ihren Reigen führen müssen. Schon wenn im Wachen jemand die
Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach
innen kehrt und sich nicht entschließen kann, Rinnsteine, Laternenpfähle
und Mitmenschen für Realitäten zu halten, wenn Dichter und Denker uns
begegnen, das Auge für den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze
Energie gleichsam zum Wachedienst für das ewige Feuer der Vestalin nach
innen gepreßt, so sagen wir ja wie Josephs Brüder: "Seht, da kommt der
Träumer!" Die Seele hat eben zwei große Orgelregisterzüge: "Real" und
"Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander
Harmonien geben, so schön sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des
Daseins färben. Wenn die mehr oder minder ausgeprägte Schnelligkeit der
Leitungsanschlüsse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die
unwillkürliche Zähigkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von
Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register
"Gemüt und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener
andern Fähigkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen
Orientierungs-und Anpassungskraft für die Umgebung. Hat doch unstreitig
die halb unbewußte Tätigkeit des Künstlers, das Versinken der Welt um
ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf
den echten Künstler die Realitäten des Lebens erst recht intensiv
wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang
sieht, gleichsam durchglüht von dem Lichte seiner inneren
Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, dünkt ihn ein
Beweisstück für die Idee einer Schönheit, die durch ihn Gestalt gewann.
Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert
lebhaften Kinderaugen betrachtete Bestätigungen seines inneren Traumes.
Wenn aber auch die von Musen nie geküßte Stirn eines Bankiers im Wachen
keine anderen Bestätigungen seiner Idee sucht, als daß gerade seine
Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht
ihn dennoch zum Dichter, er löst ihn sanft von seinen begehrlichen
Sinnen, und wenn er nun dennoch träumt von Dividenden, Giro und Diskont,
so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines
Bangens auf eine Bühne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist.
Wie aber ist es überhaupt möglich, daß vor unserem Traumesblick ein
Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch
die Sinne, die diese Realitäten übermitteln, in Hemmung sind? Nun, die
Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum wären nicht
denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen sämtlich auch in umgekehrter
Richtung schwingen könnten, wie das die Physiologie unwiderleglich
festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer
Schwingungsfigur übermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem
Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" auslöst, so kann
umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis
rückwärts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir
"Pferd" zu nennen übereingekommen sind, unserer Phantasie in voller
Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst
bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realität der Umgebung ungestört
zum Gehirne geleitet werden, so daß wir schwören können, wir sind im
Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gestörte und verwirkte
Traummechanik von rückwärts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor
meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen
halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur trüben und
erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren
Wahrnehmungen für wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber
natürlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder
immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere
Stütze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der
kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die Fähigkeit habe, die
rückwärts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der
Wirklichkeit am Maßstab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine
Logik in den Lüften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln
gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die
Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der
uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der Tür und vom Bellen
des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen
Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu öffnen, die
Hemmung zu überwinden, wodurch wir wach würden, so springt er nach dem
Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten
Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewußtseins ab, wie eine
Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen
Ganglienschicht in andere Empfindungskräfte umgesetzt (transformiert)
werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelmännchen
über die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der
Phantasie. So wird ein Geräusch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug,
ja ein überfüllter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in
irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von
allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten
Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergrößerung der wahrgenommenen
Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schuß, das Rücken eines Stuhles
zum Donner. Da das Gefühl meiner Persönlichkeit, mein "Ich"-Bewußtsein
gar nicht mehr direkt abhängt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito,
ergo sum), sondern bis tief in die unterbewußten Schichten hinabreicht,
bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch für
mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so
ist verständlich, daß der Persönlichkeitsbegriff mit allen möglichen
halluzinatorischen Traumbildern verknüpft werden kann: man fühlt sich
und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt,
als Leiche aufgebahrt, als König oder Bettler, als Engel oder Teufel.
Das doppelte Bewußtsein erklärt sich leicht aus dieser wechselnden
Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegemäßer Seelenerregungen. Man hat
im Traum durch phantasiegemäße Assoziationen vom Ich mit Muskelgefühlen
und dunklen Sehnsuchtsrichtungen Fähigkeiten, die uns fliegen lassen,
schwebend durch den Äther und die Luft, die uns Probleme spielend lösen
lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein
Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, löst sich die neue Kunst, die
Problemlösung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne
die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene
Barriere der Schlafhemmung in die Höhe steigt.

Man kann aber doch die Möglichkeit nicht ganz bestreiten, daß manche
Menschen Verse, Lösungen von Rätseln, Pläne usw. unmittelbar so
niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben
glaubten; denn es ist ja keine Frage, daß der Traum Erinnerungen
hinterläßt, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir träumte
einst, ich sei ein großer König", gelegentlich wohl ein wenig flunkern.
Übrigens ist es wegen der Abschließung der Gegenwart, die uns zeitlich
und räumlich umflutet, charakteristisch, daß wir den Schauplatz unserer
Träume so oft in die Vergangenheit verlegen müssen, wenn wir überhaupt
Spuren eines Gefühles für Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten;
wir sehen uns daher fast stets jünger, als wir sind, oft direkt als
Kinder, Angehörige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als
Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten
und Räumlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch,
ob jemand sagen könnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher
geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen
Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der
Gegenwartsempfindung untrennbar gehört. Sich zeitlich oder örtlich
orientieren, heißt eben, rückwärts tasten aus der kontrollierbaren
Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit
oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht nötig, mit Zeit und Raum sich
abzuquälen; darum hat sie auch etwas Göttliches an sich. Unstreitig
haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand
genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen
anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schlägt
uns meistens die ergänzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen,
denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende
Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und
namentlich bei Traumerzählungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine
Künstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Träume werden
oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch,
seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfräulein
von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. Übrigens hat man
beim Traumerzählen auch ein Gefühl der heiligen Scheu; man sieht
Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit
der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit
etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne
außer dem inneren Sehvermögen betrifft, im Traume ziemlich geräuschlos
zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls über
Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume
deutlicher, als wir hören, riechen, schmecken, fühlen. Ja "die Stimme,
die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen häufiger als im
wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen
phantastischer Gebilde sind häufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen
vieler Träume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Gehörs- oder
Gefühlswahrnehmung stattfinden müßte. Sehr viele Träume schließen wie
das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit
einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft
sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt
gerade müßte der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und
transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, daß im Schlafe tatsächlich
eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der
Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufzüngelt,
zerreißt er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das
Gefühl davon, daß auch der Phantasie eine Fesselung nach rückwärts
geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft
etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision
von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal
betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten,
womöglich vor der Französischen Akademie, einer feierlichen Versammlung,
und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir können ja
nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten
Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die
man von der Sache behält, erblicke ich den stärksten psychologischen
Beweis für die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sphäre des
Situationsbewußtseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, daß im
erneuten Traume das Bewußtsein früherer Traumphantasien, ja
schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne
logische Assoziation hat eben ihr Bewußtsein für sich. So erklärt es
sich, daß Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Gedächtnis gerufen
werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber
emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewußtsein des Gegenwärtigen, des
sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewußtseins
sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere Fähigkeit, morgens zu
einer bestimmten Zeit zu erwachen, gehört zu den verbreitetsten Formen
eines doppelten Bewußtseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den
Sphären unseres Zeitbewußtseins langt pünktlich zur Sekunde an die
Einschaltung des Bewußtseins: so weit geht die Automatie, der
Selbstwille unserer Ganglien, daß sie ohne Zutun des Gesamtbewußtseins
Zeitbegriffe übermitteln.

Beim Suchen der näheren Ursache des Träumens finden wir, daß durchaus
nicht gerade die Dinge, die den Tag über den stärksten Eindruck auf uns
gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so
verbreitet auch diese Ansicht sein dürfte. Denn das, was uns tiefsten
Schmerz oder höchstes Glück für die Seele gebracht hat, wird nicht
direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden
ebensowenig wie Worte oder Lieder Träume. Es kann im Gegenteil ein
jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen,
daß dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage flüchtig gestreift
hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder gehört im
Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit
fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Dafür gibt es eine
sehr plausible Erklärung. Die tiefgreifenden, erschütternden
Sensationen, die uns das Schicksal sendet, während wir wachen, verlangen
mit starkem psychischem Äquivalent fast augenblicklich einen seelischen
Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange
nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust
im Sturm und rüttelt an den Säulen und Gewölben unseres ganzen Wesens.
Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Grübeln vorbereitet, oft
ungestüm, wie mit explosiver Gewalt ausgelöst, gibt den psychischem
Insult an die Außenwelt zurück, oder, wo mit lähmender Gewalt das
schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die
Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgewühlter Wellen
gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze,
abgerissene Träume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid
sah. Es ist keine Möglichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der
Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken
und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft
übernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu
sehr mitten in der Welt der Realität, als daß die Seele unter Hemmung
der Realität im Schlafe sich mit ihm befassen könnte. Mich fragte einst
ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint
mir Mutter nie im Traum?" Und Väter, die ihre ganze Hoffnung begruben,
sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt
des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer wühlende Schmerz
verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie
mild von der Natur, daß nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den
kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns gönnt, bis der Tag zum
Kampfe mit den Leiden ruft! Der Mörder träumt nicht von seiner Tat; und
das liegt nicht nur an seiner Gemütsroheit, sondern hat allgemein
psychomechanische Gründe. Was im Brausen des Tages aber an flüchtigen
Eindrücken vorüberschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das
verfängt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des
Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und läßt uns erkennen, wie
bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur
weder Klein noch Groß, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch für
unsere Seele, und was das Bewußtsein nicht registriert, das ist deshalb
doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum
einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des
Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der
Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst
empor und beginnt mit dem Wind nächtlichen Reigen. Das Traummotiv ist
wie eine vergessene Goldmünze im Portemonnaie des Studenten; so lange es
gefüllt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte,
nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude über ihren
ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekräftigen,
dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, daß sie
"immer", die "ganze" Nacht, davon träumen müßten, so ist das meist eine
sentimentale Lüge: man träumt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon,
was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der
Straße der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas
Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich.
Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Gedächtnis, plötzlich,
unvermutet, verblüffend ein. So taucht plötzlich beim Kartenspiel unsere
liebe Großmutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten
Dendron" begießt, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie
stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die
gleichen willkürlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien
zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und
in beiden Fällen sind es Nebenströme, induzierte elektrische Ströme, wie
die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen
gruppierenden Funken springen da über, wo sie den geringsten Widerstand
finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewußt
gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schläft, abhängig ist.
Ich war einst in einer Versammlung von Ärzten, und wir sprachen vom
Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten
Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, daß alle schon
davon geträumt haben würden, nur die nicht, die einmal durchgefallen
seien, und zur großen Verblüffung aller waren zwei, die nie jenen Traum
gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erklärung ist
einfach. Das vielgequälte Primanergehirn erhält eine Examensfurche von
Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der
Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange
Spannung. Ist man aber regulär durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr
da; die Lösung war betrübend zwar, aber logisch, den psychischen
Ausgleich hat das Leben selbst übernommen. Daraus können wir entnehmen,
daß erstens psychische Erwartungsspannungen länger haften als gehabte
Freude oder Schmerz und daß zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung
hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur
Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche
Gemütserregungen, wenn überhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem
Eintritt als Traummotive wieder: sie müssen erst abklingen, erst
untersinken auf den Grund des Bewußtseins und gleichen dann eben den
übertönten Motiven, über die das tägliche Leben rücksichtslos
dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obertönen
in der Musik, man hört sie über dem Pianoton deutlicher als im Forte.
Auch der erwähnte Examenstraum taucht erst lange nach überstandenem
Examen auf. Sonderbar ist, daß manche Menschen periodische
Wiederholungen bestimmter Arten von Träumen erleben; sie träumen eine
Zeitlang immer dasselbe. Das hängt wohl mit periodischen Störungen der
Körperorgane, die nächtlich gleiche oder ähnliche Stromschwankungen in
der Seele auslösen, zusammen.

Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in
der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen
Geschehens hält. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gestörtem
Schlafe leicht auch die unterbewußte Spannung im Bestreben, restlose
Äquivalente zu schaffen, auf das muskuläre Gebiet überzuzucken,
eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewußten
Muskeltätigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewissermaßen
Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung
der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sphäre der Phantasie
Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser
ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und
Erregbarkeit des Außenweltsinnes eingestellt ist, desto leichter
vermögen auch Funken auf Muskeldrähte überzuspringen. So sehen wir
Träumende lächeln, ja, wir hören sie lachen; sie weinen, sie stöhnen,
sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst
Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur
die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf über eine ideelle Wand,
die senkrecht zur Erdoberfläche zu stehen scheint. Ganz allgemein aber
erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich fühlbaren Ruck aller,
namentlich der Rückenmuskeln,--dem Schluß irgendeines geträumten
Absturzes aus großer Höhe. Ist es nicht sonderbar, daß dieses
Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und
logisch konsequent der natürliche Schluß eines bestimmten Traumes ist?
Die schlagartige Muskelzuckung paßt ganz genau in das Traumesereignis.
Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner
Meinung nach eine interessante psychische Täuschung vor, die für viele
Träume charakteristisch sein dürfte. In Wirklichkeit liegen nämlich die
Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit
zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewußtseinswahrnehmung liegt
die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich
vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden
Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der
Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische
Vorgang, der beide auslöst. In dem Augenblick, in dem die Überladung der
psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einreißt,
wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der
Seele zurückgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von
jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenbüschel kann über
den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das
Wetterleuchten über den Abendhimmel. Wie viel Bilder können da entstehen
in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abstürzende
in den wenigen Sekunden des Falles, während dessen in einer Art
hypnotischer Lähmung des Hemmungsapparates alle Drähte unbesetzt sind,
ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu
denen die Bergkraxelei, diese bewußten Selbstexperimente über Absturz
und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger
bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in
Gletscherspalten bemühen. Man kann als sicher annehmen, daß auf diesem
Mechanismus des "Traumblitzes" während der Sekunde des halbbewußten
Erwachens gut die Hälfte aller Träume beruhe. Ich erinnere mich eines
langen Schülertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, weißgekleidete
Jungfrauen und weiße Thronhimmel eine große Rolle spielten; und als ich,
von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abstürzte und
aufwachte, sah ich am Fenster eine Krähe den dichten Schnee verstäuben.
Damals hielt ich das für ein merkwürdiges Problem--den Raben, das Weiß
im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, daß die
Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen
Schnee und die Krähe, und beide wurden das Motiv eines Traummärchens.

Wird der Außenweltreiz, der die zentral verbarrikadierten
Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die
Willensimpulse und ihre Muskelanschlüsse unter Überspringen der
Bewußtsein vermittelnden Zonen übergeleitet, so entsteht jene
eigentümliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der
Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und
lockt und trügt die besonders empfängliche Seele des Schläfers. Der Mond
suggeriert ihm gewissermaßen den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die
Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der
Umgebung, ist völlig übersprungen von den betrügerischen Mondstrahlen
und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsfähigkeit das
Bewußtsein für Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen während des
Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln
fühlt, das heißt: die Orientierung allein dem Muskelgefühl überläßt. In
gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer über gefährdete
Stellen; aber sie können nicht mehr als andere, weder an Wänden
hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei
ihnen mit der Orientierung für den Moment auch das Bewußtsein der Gefahr
ausgeschaltet, und es mag schon sein, daß ein Somnambuler, der im
Fenster sitzt, angerufen und plötzlich die Situation wahrnehmend, im
ersten lähmenden Schreck herabstürzt; meist aber kriechen sie mit einem
charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als schämten sie sich, so
monddumm gewesen zu sein, zurück in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach
kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die größere Sicherheit der
unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der
Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosität der
Künstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung
verwirrt werden. Der produzierende Künstler gleicht in etwas den
Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die
Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander.

Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in
seiner Selbstbiographie über sein Erwachen aus somnambulischen
Promenaden, zu denen ihn zeitweilige Überarbeitung disponierte, in dem
Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den
Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife
neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein hübsches Beispiel dafür, daß
im unruhigen Schlaf Sinneseindrücke geleitet werden können, ohne dem
Bewußtsein assoziiert zu werden. Daß geistige Arbeit aber den Schlaf
unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie überreizt die
Ganglienaktion gegenüber der Hemmung, daher ist bei Nervösen oft kurz
vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der
Entladung des Gehirnes von überschüssiger Spannkraft, die die sich
zusammenziehende Hemmung auspreßt: ein Analogon zum Gähnen und Strecken
vor dem Einschlafen. Halten wir die Fähigkeit, uns an Träume zu
erinnern, zusammen mit der Tatsache, daß im Traum so leicht etwas vor
dem ungestörten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen
wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung für die Zukunft
kam. Wir haben ein Gefühl dafür, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen
der Phantasietätigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften
Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des
Erlebten übermitteln das Gefühl des schon Vergangenen. Wie ja
perspektivisch unser Auge sich auch gewöhnt hat, das Kleine fern, das
Große nah zu deuten, so verknüpfen wir mit dem Gefühl leichten,
ungehinderten Anschlußrhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene;
mit der Empfindung des Anschlußwiderstandes aber das Problematische,
Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund,
warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen"
erscheinen: der durchlebte Moment schließt frühere Traumesbilder in
leichtem, flüssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an,
und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel
vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen
um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugehören.

Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gefühlte Traumbild legt
uns aber das Gefühl einer Lösung in der Zukunft nahe. So sind wir alle
mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei für
möglich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen
Charakter an sich, und wenn die Ähnlichkeit, die der Vergleich eines
Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur äußerlich
ist, so ist das Unterbewußtsein, d.h. die Form des Bewußtseins unterhalb
der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst
entdecktes Gebiet, als daß sich hier gewisse wunderbare psychische
Tatsachen so ganz von der Hand weisen ließen. Der Spiritismus und
Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug,
Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, daß aus dem Chaos der
Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie
herauskristallisiert hat; möglich doch, daß aus dem Nebel des
Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen.
Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung für wunderbare
Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens für unwert
halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der
Kathederdogmatismus wäre doch in arge Verwirrung geraten, wenn die
X-Strahlenwahrheit _Röntgens_ zuerst in spiritistischen Händen gewesen
wäre. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder
Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam
gewesen sein könnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht
der Beobachtung zu rücken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder
Zeit die Unbegreiflichkeiten größer sein werden als die Summe dessen,
was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem
Bannfluch der Verachtung und Lächerlichkeit. Man braucht nicht an das
Traumbüchlein für zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und
kann doch meinen, daß in der Seele Mechanismen tätig sind, von denen
wir vorläufig gar nichts aussagen können, weil hier vielleicht ganz
unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht
der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. Könnte
man die Zahl der nicht erfüllten Träume mit in Anschlag bringen,
so würde vielleicht die Zahl der "Erfüllungen" in ein mit den
Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verhältnis
zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen
Vorbedeutungen, von der leisesten Ähnlichkeit ein großes Geschrei
gemacht, während von den Millionen Träumen ohne jede Erfüllung in der
Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein
scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung
haben für das Problematische und Wunderbare selbst des Alltäglichen; für
die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollständig die Erklärung.

So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die
Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare
Gesetzmäßigkeiten, wenn sie auch vorläufig nur der logischen Hypothese
und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewußt, daß die von mir
versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der
Probleme aufzulösen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden
und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. Möglich sogar,
daß dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zurückführung
auf einfachere, erfahrungsgemäße Mechanismen durch Analogieschlüsse, es
ist sogar denkbar, daß der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie über
rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als
Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch:
er weiß, daß mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht
erklärt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten
hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt
umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese
Feststellung einfachster Gesetzmäßigkeiten keinen Abbruch tun. Die
Schönheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch
Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzmäßigkeiten. Wir bestreiten niemand
das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen
Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede
Behandlungsweise zu vertragen.

Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die
Anerkennung der menschlichen Unzulänglichkeit gegenüber den letzten,
entscheidenden Rätseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach
dem Maß der Ehrfurcht, deren er fähig ist, im Angesicht der Erhabenheit
und der rings vorhandenen Wunder der Welt.




UNTERBEWUSSTSEIN


Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine dämmernde Ahnung von Dingen
in uns, für die wir noch keinen Namen haben, ein Gefühl für
geheimnisvoll schwebende Schatten, für etwas dämonisch in uns
Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen können! Ein Sammelwort für
alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht
Zugängliche, für etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares!

Denn wie sollte mit bewußten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen
und deuten können, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewußtseins
liegt? Woher nähme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes
hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen
Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen
Vorgänge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz
unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: daß unser
seelischer Apparat, während seine Millionen kleinster Spulen, Räder und
Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein
Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und
über sich aussagen kann! Könnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt
werden, während den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen
vor uns ausgespannten Schmetterling, so wäre jeder Versuch zur
Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorgänge, auch der
einfachsten, ein vergebliches Bemühen, denn ich kann meinem Nachbarn
nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines
seelischen Geschehens, und könnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen
Nervensträngen zu empfinden, so vermöchte ich nicht das wirre Bild der
Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele,
das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender
Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in
mich selbst hineinblickend, vermag ich dem flüchtigen Spiel der Sinne
etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzmäßiges, Rhythmisches
abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewußtsein:
diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufbäumende
Macht, die uns schwanken läßt auf dem geraden Pfad unseres gewollten
Wegs, die plötzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer
Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet
in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdrückt, wieder und
wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den
aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend,
lauernd, bedrängend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos
rätselhafter Ziele, unerhörter Torheiten, nie gefühlter Versuchungen!
Das ist der sinnlose Drang, hinabzustürzen von den hohen Zinnen eines
Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopfüber zu versinken in den
grünen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren Füßen, dieser
Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung
und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner schönsten Balladen, "Der
Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen
Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen
gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die
Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe
dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der
Zeit, nicht zu übersehen, daß es auch einen Selbstvernichtungstrieb
gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten
instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die Mücke ins Licht, was
den Mörder gegen die Stelle seiner Tat, was die Vögel an die
Leuchttürme, an deren Kuppel die zarten Schädel zerschellen? Was sind
die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgelüste
anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung
mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer
hätte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen
und Nicht-Dürfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gespürt und
sich deshalb schon nicht selbst gehaßt und sich gefürchtet vor dem
Anderen, dem feindlich tückischen, zum Untergang lockenden Gesellen in
uns?

Woher stammt dieses Zweiheitsgefühl in unserem einheitlichen Organismus?
_Ich meine, es ist der psychische Gefühlsausdruck für eine ganz
offenbare anatomische und physiologische Tatsache._

Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren
im Prinzip gegensätzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann
ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorgängen der Ein- und
Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Bestände
nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die
Assoziationen (Ideenverknüpfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so
müßte in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden
kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewußtseins hin- und
herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als
Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium
ohnmächtiger Bewußtlosigkeit den Ärzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch
das räumlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald
dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_
freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden
Saftdruck der Blutflüssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und
Rückenmarks, können wir zu einem Gefühl der intensiven Einstellung der
Objekte kommen, einem Gefühl, welches wir Konzentration unserer Gedanken
auf einen Punkt, bewußte Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich
schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen
und handeln, in Wirklichkeit schaffen Außenwelt und Innenreize die
Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgelöst
werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gefühl, er ist
nichts als eine Gefühlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit,
objektiv ist das "Außer uns" stets bestimmend für das "In uns", denn
selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die konträre Reaktion auf
eine Einwirkung ist doch immer von außen erzwungen. Der Gedanke gehorcht
also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem
durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente
solche Hemmungslücken, welche den elektroiden Anschluß erst ermöglichen,
entstehen. Je schwächer nämlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto
leichter findet ein Schluß im Sinne der Elektrizität statt. Diese
Hemmung besorgt die den Nervenstrom eindämmende (isolierende)
Blutflüssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders für diese
Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem
entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nerventätigkeit, dem
sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde,
d.h. befähigt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom
Automaten) zu antworten vermöge innerer Molekularbewegung, da empfing
sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig
rätselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren Höhen
organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nervöser Differenzierung in
der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt
hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd,
war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher später mit seinen
Ranken alle Blutgefäße, alle Organzellen, alle Kanäle umspinnt und
durchdringt, des Herzens Pulsschlag auslösend, die Welle des Blutes
durch ringförmige Zusammenziehung der Äderchen fortschiebend in
rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienhüllen mit
Hemmungssäften umspült, das Durchlassen von elektroiden Funken
gestattend oder den Kontaktstrom durch Verstärkung des Hemmungssaftes
vom Blutadersystem aus absperrend.

Alle Außenweltsreize wirken zunächst auf diesen Herrn des Lebens, von
dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag
uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nerventätigkeit
sind es allein Ernährungs-, bzw. Stoffwechselvorgänge, welche dem
Problem der Seelentätigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration
zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der
Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen Stückchens Papier,
das ihn überführt, ohnmächtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel,
wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen,
den er vielleicht liebte, im Affekt erwürgt oder erschlägt? Wo ist der
Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das
blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren muß (ein rührender Versuch des
Lebens, das zarteste Wunderorgan zu schützen)? Das alles sind
Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorgänge Analogien finden,
und deren Übermittler, ursprünglich der Ahne allen Gefühls, von den
Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe
aber nicht direkt Nervenströme ein- und ausschalten kann, weil er
anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so
ist im Blutgefäßsystem des Gehirns und Rückenmarks ein äußerst labiler,
saftförmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im
Anschluß an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend,
wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenstätigkeiten frei
macht oder hemmt.


Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-weißliche Gebilde mit
der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser
zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine,
in welchem noch vor kurzem das zarteste Flügelwesen, Psyche, ihren
Wohnsitz gehabt haben soll, so überkommt uns ein ehrfurchtsvoller
Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen
letztes Geheimnis, die Persönlichkeit. Und doch kündet seine träge,
kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da drängt sich der unabweisbare
Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchfloß, war es Seele, tot ist es
Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem
Spiel gespenstiger, huschender Flüstergeister in seinen Gewölben, Höhlen
und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele
war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Faßbares, Zuständliches,
Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend
und unwiederbringlich aufsteigend in die Lüfte, ein Spiel der Kräfte,
ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich
hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerstücken oder
zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns
in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem
wir keine Antwort entreißen. Das geistige Band für ihre tausend Teile
ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gefühlten
Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu
Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das
Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder Rückenmark. Wir
bezweifeln auch, daß es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der
Herdfunktionen einzelner Seelentätigkeiten an ganz bestimmten Stellen
des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile
bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so
beweist das noch nicht, daß an den getroffenen Stellen allein die
spezifische Fähigkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist überall
in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn seßhaft. Beispielsweise
kann die Entfernung der Schilddrüse mit konstanter Sicherheit den
Getroffenen seelenlos machen. Andererseits können beträchtliche Mengen
von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne daß der Persönlichkeit, dem
Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen
Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun
gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ für den Sitz der gesamten
seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele,
und die Pflanzen beweisen, daß es nervöse Funktionen gibt, bei denen es
seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzuspüren. Eins aber ist das
Gehirn ganz gewiß: es ist der Träger alles dessen, was wir Bewußtsein
nennen, in seiner Wölbung hat die ganze Außen- und Innenwelt ihre
symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und außer
uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei
besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit Wärme wird, so bildet
es den großen Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen
Reize in psychische. Hier entspricht jedem körperlichen Dinge sein
psychisches Korrelat, jedes physische Äquivalent hat auch ein
psychisches! So ist von der Welt außer uns gleichsam in uns ein hin- und
herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine
Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht
ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt
an, daß sich diese Fähigkeit, die Welt in uns in einem Symbole
aufleuchten zu lassen, erst allmählich entwickelt hat und immer noch in
Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen
Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandkörnchen
zusammenzuziehen, lernen müssen, sich zu bewegen, in besonders dazu
entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen
neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu hören, sich zu
orientieren in der Umgebung usw. Was früher den alleinigen Inhalt des
Bewußtseins ausmachte, wird dann später immer automatisch, unbewußt, und
die höchsten Staffeln des Bewußtseins sind danach jedesmal auf dem Wege
zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die ursprünglich tastenden,
gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal jüngsten
Keime des Gehirns sind allmählich als fixierte, unverrückbare, nur von
den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile Fähigkeiten dem Bestand
des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer gerückt,
unbewußt, instinktiv, erhaltungsgemäß, unabänderlich eingestellt,
und der Kreis des Bewußtseins ist jedesmal diejenige Sphäre
unseres Orientierungsvermögens gewesen, welche zugleich auch die
entwicklungsgeschichtlich jüngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war.

So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gefühls
des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerklüfteten, Zusammengesetzten in
unserer Seele.

Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorgänge,
hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsfähige,
ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung
wechselnde Tätigkeit, die eng verknüpft ist mit der sogenannten bewußten
Willenssphäre, und zweitens eine festgefügte, nicht mehr wechselnd in
willkürlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete,
definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also
überkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes
peripheres Nervensystem, der nach außen gestülpte Teil des Gehirns,
fähig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur
Ortsveränderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, daß wir
vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nervösen Ausbreitungen im
Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden
Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil
bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn.

_Bewußtsein nenne ich somit den Gefühlskomplex, welchen die Summe aller
Außen- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nervösen Registrier- und
Orientierungsapparate ausübt._ Wie es kommt, daß ein Außen- oder
Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gefühl auslöst, bzw. sich
in Gefühl transformiert--diese Frage enthält freilich das letzte,
vielleicht unlösbare Mysterium der Seele. Wir müssen uns damit begnügen,
es als Tatsache hinzunehmen, daß bei der Berührung das Eis kalt und das
Feuer heiß ist. Gefühl ist eben die Fähigkeit, zu differenzieren,
Unterschiede von der allergrößten Feinheit zu registrieren. Unsere
gegenseitige Verständigung wird nur durch die Konvention der Sprache,
durch immer gleiche Symbolverwendung für gleiche Empfindungen
gewohnheits- und nachahmungsgemäß ermöglicht. Wir setzen also das
Lautsymbol für ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch
mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten.
So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgemäß mit einem
Symbol registrieren können: _bewußt_. Das Bewußtsein ist darum in
demjenigen Teile unserer Nerventätigkeit enthalten, der sich in
dauerndem Kontrollzustand gegenüber allen das Nervensystem treffenden
Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, mögen sie
von außen oder innen stammen, löst in uns ein Allgemeingefühl der
Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nervösen
Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmefähigkeit
gegenüber allen Strahlungen, in welche unser Ich gerät, nennen wir
gewohnheitsgemäß _Bewußtsein_, nicht anders als wie wir den blauen
Lichtreflex über uns Himmelsgewölbe, den Rand unseres Sehkreises
Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und
ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden
Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kräfte den Strom
der Seele um die Widerstände dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um
seine Felsenwiderstände windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern
aufsprühend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben
sich: Reize, die von außerhalb, und Reize, die von innerhalb des
Organismus stammen.

Es stehen sich also in unserer Seele zwei große Gebiete verschiedener
Nervenaktionen gegenüber: die eine, welche in völliger Automatie ohne
unsern bewußten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen
atmen, die Därme sich bewegen, die Drüsen arbeiten, die Saftströme
fließen und den intimen Stoffwechsel an ungezählten Arbeitsstellen sich
vollziehen heißt, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend,
orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die
eine in definitiv gehemmten, ein für allemal regulierten Bahnen ohne
Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich
vergreifend, irrend, tastend, das Gefühl des Gewollten und Bewußten
auslösend. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung
entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres
dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewußt._


Was wohl für Träume kommen mögen--aus diesen dunklen Wäldern, Schluchten
und Höhlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die
Bildung ihrer typischen Formation unzähligen Geschlechtern, einer
endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammvätern und Keimgebilden
verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die
Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie
auch zugeben sollte, daß durch dieses Jahrmillionen alte Weben und
Werden des Lebens ihm nichts von seiner Übersinnlichkeit und
Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen,
die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und
sterben mußten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine
instinktiven Fähigkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf
mich und mein Keimplasma ausmündender Vorübungen und Vorbildungen waren,
so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles
dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns
geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal jüngsten Sprossen an
einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus
der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am
Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus
fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner,
fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es
grade unser Säkulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit
rätselhaftem Gefühl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verhängnisses!
Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Schädels,
meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in
meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein
so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht
bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht
sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die
Ähnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso großen Gehalt an
funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung
in sich verbergen. Werden doch Menschen ähnlich im Gesichtsausdruck, die
lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur
funktionell entstanden sein!

So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den
festen Knollen, Strängen und Hügeln auf der Tiefe des Gehirns, in der
Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende
Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden
hüllenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester,
wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und während
der Griffel des Anatomen sich vergeblich müht, die Rinde mit ihrem,
einem System aneinandergepreßter Schläuche mit Furchen und Windungen
vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die
Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgefügte Architektur zu
finden. Das entspricht dem Gewordenen, unabänderlichen Überkommenen der
hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regulären
Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen Fähigkeiten. Und nun
ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die
geheimnisvolle Zeichnung der Hemisphären des Gehirns gegenüber den
geformten Wülsten der Basis! Dort ein weichlicher, weißlich-grauer Brei
ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und
Gebilde, die bestimmte, bisweilen obszöne Vergleichungen mit allen
möglichen, präzisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der
Wölbung der Kuppe waltet Willkür, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach
Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gefügt das
Unabänderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den
anatomischen Ausdruck für das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele!
Ein Teil, der des bewußten Seins, strebt vorwärts, kühn bis zur
Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerhörten, der genialen Assoziation
entgegen, und ein anderer konservativer Teil reißt uns stets zurück in
die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns
steckt ein Neuerer und ein Reaktionär, beide miteinander oft in wütendem
Kampf. Hier reißt das Genie sich los von seiner Neugeburt nie
dagewesener Assoziationen, denen ganz gewiß neue Hirnsprossen in der
typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden
Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und stürmt
dahin ohne Rücksicht auf den Bestand des Überlieferten; ihn kümmert
nicht das Fundament, mit Füßen tritt er seine vitalsten Eigeninteressen
danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte
Kraft seines wohlgegründeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft
gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Betäubung.
Der Bauer in ihnen lockt mit der Möglichkeit, auch einmal künstlich ein
Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenfülle zu
entrinnen, wenn auch nur für kurze Zeit. Das Behagen, mit süßem Gift die
vorwärts drängenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu
oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender
Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in
seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene
Faust, losgelöst aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph
des aufwärts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine
krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen
die Herrschaft über den Bestand des geistigen Erbes von Generationen
erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist
wirklich die Persönlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und
Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie wünschen
muß--das ist der kräftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder,
meinethalb direkt bäuerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine
lebenerhaltende Faust dämpfend und mäßigend auf die zarten, jungen
Triebe neuer, nie geahnter Gedankenübermittler legt, damit sie ruhig
gedeihen und blühen und eine ganze Menschheit beglücken! Wie konnte man
je daran denken, Genie und Wahnsinn Brüder zu nennen! wie jemals das
erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch
die alle Nachkommenden hindurch müssen, wie durch ein neues Kanaan, das
ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung,
welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der
Lebensunfähigkeit in sich trägt! Nur, weil das unterbewußte System auch
im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim
Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen.

Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig für den
Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis für alle
Scheinneuerungen und genialen Irrtümer. Nicht umsonst war der Philister
einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten
das einfache Verhältnis bewußter und unterbewußter Seelenfunktionen. Am
dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide
Systeme einander zu beeinflussen vermögen. In ihren Funktionen
gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine Möglichkeit
einer unvorhergesehenen, plötzlichen Entladung von einem Gebiet in das
andere, können beide Systeme getrennt ungestört ihren Dienst tun, bis
die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, daß
gerade Störungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des
unterbewußten Gangliensystems Beziehungen haben zu plötzlichen,
reflexähnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, daß erbliche
Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schwäche der
eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen
Ganglienapparate haben kann, dergestalt, daß Kurzschlüsse elektroider
Spannungen hier plötzliches Überfüllen von fern liegenden
Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an
Reizen dem Gehirn übermittelt wird, direkt das System der bewüßten
Denksphäre. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen
nicht immer von bewußten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob
manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten
Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewußtseinsschwelle
abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen
Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst später bewußten
Handlung werden. Dafür einige Beispiele.

Ich stand an der Ausgangstür einer elektrischen Bahn, die nächste
Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf
dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschbäume,
Wälder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn
vor mir sah. Da drehe ich mich von ungefähr in das Wageninnere, das ich
soeben passiert habe, zurück. Wahrhaftig, welche Ähnlichkeit--der gute,
alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist
gewiß, daß seine Züge, im Unterbewußtsein, als ich durch den Wagen ging,
abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden.

Ich gehe eine ziemlich lange Straße hinauf. Mir kommt ein befreundeter
Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht
er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewiß vorher schon unterbewußt gesehen.
(Ich glaube, bei ähnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke
kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.)

Solche Vorkommnisse beweisen direkt, daß es ein Filtriersystem für
Wahrnehmungen, vielleicht in den großen Hirnknollen, gibt, welches
verhindert, daß alle Beobachtungen bewußt werden. Wenn man sich genau
kontrolliert, können Farben, Formen, Gerüche usw. ganze Gedankenketten
auslösen, ohne daß man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst
macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag
ferner tatsächlich plötzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen
unterbewußten Assoziationen beruhen, wie oft mögen schnelle Entschlüsse
solchen unterbewußten Einflüssen ihren Anstoß verdanken! Auffallend ist,
wie selten unsere entscheidenden Entschlüsse direkt logischer Analyse
entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab
den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von
der Erhaltung der Kraft muß es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das
meiste unserer Willensaktion unterbewußt ausgelöst werden. Wie viel mehr
nun aber bei pathologischen, gewissermaßen schadhaften Einbettungen und
Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme.
Der triebhafte Verbrecher mag bei allen möglichen Innenreizen stets dem
Zwange eines plötzlich ihn überrumpelnden Affektes erliegen
(Kleptomanie). Ströme, welche normalerweise sonst im Sinne der
koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die
Aktionszentren und lösen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial
sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende
Bewußtsein nicht zurückgedämmt werden. Da auch bei den Epileptikern die
Hemmungsfortfälle die Ursachen der Krämpfe sind, kann es nicht wunder
nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Berührungspunkte haben.

Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden
Anfall durch Abblendung seines Bewußtseins geradezu in eine
entwicklungsgeschichtlich frühere Daseinsperiode zurückgeworfen wird, in
welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim
Raubtier, herrschten, so daß die schauerliche Bestialität mancher
Verbrechen allein durch diesen Rückschlag in seelische Gebiete, die
einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erklärbar wird. Der Somnambule
und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung
des Bewußtseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie
herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein Dämpfer über dem Bewußtsein,
so daß Raum und Zeit und ihre kausale Verknüpfung

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