Der Schwimmer
by John Henry Mackay · German · Gutenberg #15068 · 438,311 chars · public domain (US)
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Title: Der Schwimmer
Author: John Henry Mackay
Release date: February 15, 2005 [eBook #15068]
Most recently updated: December 14, 2020
Language: German
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Credits: E-text prepared by Hubert Kennedy
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWIMMER ***
E-text prepared by Hubert Kennedy
DER SCHWIMMER
Die Geschichte einer Leidenschaft
Roman von
JOHN HENRY MACKAY
Meiner geliebten Kunst--des Schwimmens--gewidmet...
Erster Teil
1
Wann er schwimmen gelernt hatte?--Man hätte ihn ebensogut fragen
können, wie und wann er gehen gelernt habe.
Er wußte nicht mehr, wann er das erstemal ins Wasser gegangen war;
aber seine ersten Kindheitserinnerungen waren mit dem Wasser
verknüpft, das sein Element war und in dem er lag, wie er auf der
Erde ging.
Er war ein geborener Schwimmer.
2
Er hieß Franz Felder und war der Sohn sehr braver und sehr armer
Eltern in Berlin O, der fünfte unter achten. Alle waren es stämmige
Kerle mit dunklen Haaren und klaren Augen, und beide Eltern hatten
vollauf zu tun, die hungrigen Mäuler vom Morgen bis zum Abend zu
stopfen, von denen mindestens eines immer nach einer Stulle
aufgesperrt war. Sie taten es redlich und gern, und zu hungern
brauchte keines. Aber damit war auch der Kreis ihrer elterlichen
Pflichten geschlossen, und sobald wie nur möglich blieben die Kinder
einander und sich selbst überlassen und mußten sich mit durchs Leben
helfen, so gut oder so schlecht, wie es eben ging.
Der Älteste lernte eben aus, als der kleine Franz geboren wurde, und
nach diesem kamen dann noch drei, die--wie er vordem den
vorhergegangenen älteren--so nun seiner Obhut mit anvertraut wurden,
sobald er selbst auf den Füßen stehen konnte. Ohne viel Worte und
ohne jede Zärtlichkeit herrschte immer ein gutes Zusammenhalten
zwischen den Brüdern. Es äußerte sich hauptsächlich ebensowohl in
derben Prügeleien, wie in solidarischem Durchhelfen bei allen kleinen
und großen Fährlichkeiten ihrer im ganzen und großen recht
mühseligen, aber nicht unglücklichen Jugend.
3
Er hatte das Schwimmen nie "gelernt"; wenigstens konnte er schwimmen,
solange er zurückzudenken vermochte, und das war etwa bis in sein
viertes Jahr. Damals fiel er auf einer Landpartie, deren Höhepunkt
eine Kahnfahrt bildete, ins Wasser--die Frauen kreischten und die
Männer fluchten, während er herausgeholt wurde; aber ihm machte die
Sache Spaß, und er lachte seelenvergnügt, so daß jemand sagte: "Der
fällt uns gleich zu seinem eigenen Vergnügen nochmal hinein..."--was
die entsetzte Mutter veranlaßte, ihren Franz für diesen Tag
wenigstens nicht mehr von der Seite zu lassen.
Aber das war eine jener Erinnerungen, die nur deshalb so stark in uns
zu liegen scheinen, weil wiederholte Erzählungen anderer sie stürzen
und halten.
In Wirklichkeit sah sich Franz Felder in seinen Gedanken
zuerst als kleinen Jungen von fünf Jahren lange, lange, warme
Sommernachmittagsstunden am Ufer der Spree bei Treptow. Seine Eltern
wohnten damals in zwei kleinen, heißen Zimmern in einem Hinterhause
der Fruchtstraße, aber der Vater hatte es zum großen Jubel der ganzen
Familie fertig gebracht, für den Sommer auf einem der Felder am
Treptower Bahnhof eine der vielen "Lauben" zu mieten, und man hatte
nun ein winziges Stückchen Erde, auf dem man einige Kohlköpfe ziehen
und zu dem man hinauspilgern konnte in dem stolzen Gefühl eigenen
Besitztums.
Der Vater und der eine oder andere der älteren Brüder, die schon
arbeiteten, kamen erst des Abends; aber die Mutter, welche kränkelte,
verbrachte oft mit den Jüngsten ganze Tage auf dem reizlosen Fleck,
wo sie wenigstens in freier Luft war.
Sooft er nur konnte, rückte Franz aus. Erst klagte und schalt die
Mutter, dann ließ sie ihn laufen, da es doch nichts half, ihn
zurückhalten zu wollen.
Eine besondere Anziehungskraft hatte für ihn ein großer Holzplatz an
der Spree. Seit er einmal, dort umherschlendernd, für den
Zimmermeister eine Weiße geholt hatte, stand ihm der Zutritt gegen
Leistung gelegentlicher gleicher und ähnlicher kleiner Dienste offen,
und nichts hinderte ihn, zwischen den Balken und Stämmen
herumzuklettern, soviel er wollte.
So wurde der Holzplatz seine Heimat für diesen Sommer. Aus Spänen
kleine Kähne zu bauen, sie mit einem Knopf oder irgend etwas anderem
zu "befrachten", sie dem großen Wasser anzuvertrauen und zu sehen,
wie es sie hintrieb und verschlang, wurde er nie müde; oder Gräben
und Buchten zu bilden und das Wasser hineinzuleiten und
herumzupantschen und zu mantschen, bis der Feierabend allen seinen
Spielen für diesen Tag ein Ende machte.
Ein besonderes Fest war es jedesmal, wenn er in einem wirklichen
großen Boote, das von der anderen Seite herübergekommen war und
anlegte, ein Stück mitgenommen wurde oder etwa gar selbst eine
Pätschel führen durfte.
Aber am meisten von allem lockte ihn das Wasser selbst; und sechsmal
an heißen Sommertagen mindestens warf er Hemde und Hose in den Sand
und tauchte sich in die braune, träge, lauwarme Flut. Er schwamm
schon wie ein Fisch. Er ging auf den Grund und holte Steine aus dem
Schlamm herauf. Er glitt unter den Flößen durch und verschwand hier,
um dort in die Höhe zu kommen.--Und er lernte seinen ersten Sprung,
den einfachen Kopfsprung. Erst von dem Rand des Floßes, dann von dem
des Nachens, endlich von dem des großen Spreekahnes plumpste er--den
Kopf voran und mit ausgespreizten Beinen--wie ein Frosch ins Wasser.
Ach, und wie war es schön, den nassen Körper in das heiße Sägemehl zu
werfen, sich auf Bauch und Rücken darin herumzuwälzen und dann den
weißen Pelz mit einem Sprunge wieder abzuwaschen!... Und stundenlang
in der Sonne zu liegen und die Kähne und Dampfer mit festlich
geputzten und fröhlichen Menschen auf der Spree vorüberziehen zu
sehen, während die roten Wände der Fabriken und die weißen der Villen
im Glanz des Sommertages aus dem Grün der Ufer hervorleuchteten und
der blaue Himmel sich über alles spannte, die Ringbahnzüge über die
nahe Eisenbahnbrücke donnerten und unter ihr die Dampfer pfiffen und
läuteten...
Es war ein großer Sommer für den kleinen Kerl, der von den Arbeitern
auf dem Platz, die sich nur selten und nur bei übergroßer Hitze ins
Wasser wagten, wie ein kleines Wundertier angestaunt und ihre "Otter"
genannt wurde, wenn er plötzlich zu aller Ergötzen im Wasser lag und
seine ersten, kleinen Kunststücke zeigte.
Im Herbst dieses Sommers war er braun wie ein Neger, gesund und immer
hungrig wie ein Haifisch, und er begann bereits, sich etwas
einzubilden auf seine frühe Kunstfertigkeit...
4
Mit sechs Jahren kam er, wie jeder andere Berliner Junge, in die
Volksschule um bis zu seinem vierzehnten Jahre, dem der Einsegnung,
in ihr zu bleiben. In diesen Jahren lernte er schreiben, rechnen und
lesen und einige allgemeine, elementare Kenntnisse, das heißt, Franz
Felder lernte auch hiervon nur das allernotwendigste. Seine Schrift
behielt immer die klobigen Formen der Ungewandtheit, und man sah ihr
an, wie mühsam es ihm wurde, die Feder zu führen; sein Rechnen ging
gerade so weit, um zur Zusammenzählung seiner kleinen Ausgaben und
Einnahmen zu dienen; und sein Lesen--ach, der arme Franz Felder hat
in seinem kurzen Leben wenig mehr gelesen, als hier und da den
"Lokalanzeiger" und eine Annonce an der Litfaßsäule, denn es ist ihm
ewig unverständlich geblieben, wozu Bücher überhaupt anders
existierten als um den Überfluß an Zeit zu beseitigen.
Er brachte sich mühsam durch die acht Klassen bis zur ersten hinauf.
Zweimal blieb er sitzen, und dreimal half ihm sein "gutes Betragen"
durch. Auch die guten Schüler konnten es nicht weiter bringen, denn
bis zum vierzehnten Jahre mußten sie alle miteinander in der Schule
bleiben. Dann begann für sie alle das Leben--die Arbeit.
Franz war durchaus kein guter, aber auch grade kein schlechter
Schüler. Es gab noch viel Dümmere als ihn. Er begriff das wenige, was
er zu begreifen hatte, schwer und manches gar nicht; aber was er
einmal in sich aufgenommen hatte, war auch sein geworden.
Im allgemeinen war ihm die Schule höchst gleichgültig; er ging hin,
weil es nun einmal sein mußte.
5
Aber nicht allein durch die Schule, sondern auch durch die
Notwendigkeit frühen Verdienens wurde seine Zeit in Anspruch
genommen, und desto mehr, je älter er wurde.
Zwar folgten auf jenen ersten Sommer frohen Umhertummelns und
sorglosen Genießens noch einige andere gleich und ähnlich schöne,
aber immer öfter hieß es: "Du mußt dies und das tun und holen"--und
ein jeder solcher Befehle vernichtete einen Wunsch. Es kam auf jeden
Groschen an, der verdient werden mußte, und zudem verlangten die
jüngeren Brüder Beaufsichtigung und Fürsorge von den älteren, wie er
sie selbst von den Voraufgegangenen genossen.
Dennoch gab es immer noch viele Stunden ungetrübter Seligkeit für den
Knaben, wenn er hinaus konnte ins Freie zum Baden.
Es waren die Stunden, für die er lebte, an die er stets und ständig
am Tage dachte und von denen er des Nachts träumte--seine größte
Freude und sein durch kein anderes übertroffenes Vergnügen.
Im Sommer mußte einmal am Tage wenigstens gebadet werden; das war
Selbstverständlich, und der Tag verloren, an dem es nicht sein
konnte. Aber nicht etwa baden, was die anderen so nannten: aus den
Kleidern ins Wasser und wieder hinein--sondern hinein und hinaus und
in die Sonne, und wieder und wieder ins Wasser, und am liebsten so
den ganzen Nachmittag. Und schwimmen und springen und tauchen und im
Wasser wühlen wie ein Seehund--das nannte _er_ baden. Als er noch ein
kleiner Kerl war, gab es überall an der Spree Gelegenheit,
splitternackt ins Wasser zu springen, wenn man nur aufpaßte, daß kein
Schutzmann in der Nahe war. Aber als er älter wurde, ging es doch
nicht mehr so gut außerhalb der Badeanstalt und ohne Badehose.
Vor dem Schlesischen Tor war ein großes Stück Spree am Ufer durch
einen hohen Zaun abgetrennt. Auf seiner Innenseite zog sich ein Gang
an allen Seiten hin, und es liefen Bänke an ihm entlang, über denen
Nägel zum Aufhängen der Kleider eingeschlagen waren. Außerdem gab es
noch ein wackeliges Sprungbett auf einer Art Turm, von dem man "bei
Strafe" hinunterspringen mußte, wenn man ihn betreten hatte, und im
Wasser lag ein Kreuz aus Balken zur Belustigung der Badenden.
Das war die große Schwimm- und Badeanstalt "Osten", die größte
Berlins. Die Balken und Bretter waren schwarz und morsch vor Alter
und die Nägel verrostet, und nie wurde ein neuer eingeschlagen, denn
das hätte ja Kosten und Mühe verursacht. Alles war verwahrlost, aber
Raum gab es hier in Fülle, und an allen heißen Sommertagen waren die
Gänge vom Morgen bis zum Abend dicht besetzt mit vielen Hunderten von
nackten, schwitzenden Körpern, und der Lärm in und außer dem Wasser
nahm kein Ende, ob am Nachmittag die barfüßige Jugend des Ostens oder
am Abend die schwarze Arbeiterschaft nach ihrem Tagewerk anrückte.
Das Bad kostete einen Groschen, und den ganzen Sommer konnte man hier
für einen Taler baden. Was aber Franz Felder vor allem reizte, das
war, daß man hier nie oder doch nur ganz selten hinausgeschmissen
wurde, auch wenn man die formell vorgeschriebene Badezeit von einer
Stunde längst überschritten hatte. Bei der ungeheuren Menge von
Badenden war es den Bademeistern ganz unmöglich, irgendeine Kontrolle
auszuüben, und es war ihnen auch ganz gleichgültig, mochten sich die
Körper in und außer dem Wasser stoßen und drängen und die Kleider
über- und die Stiefel durcheinander geworfen werden--solange man sich
nur nicht prügelte oder einer am Ertrinken war und herausgeholt
werden mußte, rührte sich keiner vom Flecke.
Franz beschloß, hierher die Stätte seiner sommerlichen Tätigkeit zu
verlegen und daher mußte er den Taler haben. Das war sehr viel Geld
auf einmal, aber unmöglich schien es ihm nicht, ihn für sich
zusammenzubringen, ohne daß die Mutter es merkte; denn die hätte
natürlich gesagt, einmal in der Woche zu baden sei genug--(soviel
verstand die davon!)--und hätte ihm das Geld abgenommen. Im März fing
er an zu sparen: Sechser für Sechser und Groschen für Groschen, und
er hatte ein wundervolles Versteck auf dem Dachboden des Hauses in
einem alten Strumpf und in einer Ecke, wo nie jemand hinkam, da kein
anderer im ganzen Hause so geschmeidig war, sich bis dahin durch
Bretter, Balken und Gerumpel durchzuwinden. Aber im Mai wurde der
Vater krank, und eines Abends kroch Franz voll Edelmut, aber nicht
ohne Bitterkeit hin zu seinem Schatz und trug ihn in die Apotheke.
Jetzt mußte er von neuem anfangen, und er tat es: er trug des Morgens
Frühstück aus, bevor er zur Schule ging, und lauerte am Nachmittag
auf die Reisenden am Schlesischen Bahnhof, denen er hier und da ein
Stück Gepäck trug, und als im Juni nach einem kalten Frühling der
herrliche, geliebte Sommer und seine Sonne kam, lag er im Wasser und
schwamm, daß es eine Art hatte. Diese Sommernachmittage waren noch
sein--in diesen und in den nächsten Jahren--solange er auf der Schule
war. Er ließ sie sich nicht verkürzen. Nach dem Essen rückte er aus
und kam am Abend wieder, mochten sie daheim sagen, was sie wollten.
Zwischen diesen vier schwarzen, häßlichen Bretterwänden, die alles,
nur nicht den Himmel versperrten, verbrachte er die langen Stunden
ungezählter Nachmittage. Hier war die Welt, in der er lebte. Hier
lernte er seine ersten, kunstgerechten Sprünge, und hier bildete er
seinen kleinen Körper in unausgesetzter Übung zu der Kraft aus, die
ihn später zu den Leistungen seiner Siege befähigen sollte.
Solange er noch nicht eingesegnet war, brachte er es fertig, sich für
jeden Sommer seinen Taler zusammenzusparen, und diese Sommer
vergingen ihm fast wie ein einziger, langer, warmer Sonnentag, den
er--durchschwamm.--
Aber auch die Winter dieser Jahre seiner frühen Kindheit waren nicht
ohne alle Freuden. Die Stadt Berlin hatte nach langem Zögern im Osten
ein großes, rotes Gebäude errichtet: eine Volksbadeanstalt mit
musterhafter Einrichtung, die neben den mancherlei Arten von Wannen-
und Brausebädern als Mittelpunkt auch eine große Schwimmhalle
umfaßte, die Sommer wie Winter geöffnet war und das Schwimmen zu
jeder Jahreszeit ermöglichte.
Es war die zweite städtische Anstalt dieser Art. Bisher hatten sich
in Berlin nur zwei oder drei andere Privat-Anstalten mit
Schwimmbassins mühsam zu halten vermocht, da die wenigsten Menschen
überhaupt von der Möglichkeit, "im Winter zu schwimmen", eine
Vorstellung hatten und die Existenz solcher Schwimmhallen ihnen daher
einfach unbekannt und unverständlich war.
Für Franz Felder waren diese privaten Anstalten deshalb nicht in
Betracht gekommen, einmal weil sie viel zu entfernt lagen, und dann,
weil das Baden in ihnen viel zu teuer war. So war die neue Anstalt
der Stadt wie für ihn gebaut, und wenn er auch im Sommer an dem
schmucken Gebäude mit Verachtung vorbei und in den großen Kasten an
der Spree lief, so wandte sich ihm doch seine ganze Aufmerksamkeit
zu, als der "Osten" sich hinter ihm als dem letzten Badenden bis zum
nächsten Sommer schloß und der alte Bademeister, als er ihn endlich
endgültig hinausschmiß, halb brummend, halb lachend gemeint hatte:
"Na, weeßte, du hast ooch mehr an uns als wir an dir verdient!"...
Franz brachte es fertig, Eintritt auch in das neue Ziel seiner
Wünsche zu erlangen. Es war allerdings nicht an ein Abonnement für
den ganzen Winter zu denken--eine unerschwingliche Summe, die er
weder zusammengebracht hätte, noch gewagt haben würde, selbst für
diesen Zweck zu verwenden, auch wenn er im Winter die Zeit gehabt
hätte zu täglichem Baden; schon die einzelnen Bäder waren für ihn
teuer. Aber sie waren doch zuweilen erschwingbar, und außerdem wurden
von der Gemeindeschule aus die jüngeren Schüler ein- oder zweimal
wöchentlich vom Lehrer hierher geführt, und bei dieser Gelegenheit
überkam Franz eine Ahnung von dem Zweck und Nutzen der Schule. Diese
Freibäder versöhnten ihn mit mancher anderen langweiligen und
lästigen Stunde.
Das einzige, was ihm diese Freibäder im Winter zu verkümmern
vermochte, war die Kürze der vorgeschriebenen Zeit, in der die Kinder
im Wasser verweilen durften, und ob auch der Lehrer, selbst ein
großer Schwimmer und gütiger Freund seiner Kleinen, bei Franz ein
Auge zudrückte, wenn dieser selbst durch die Schnelligkeit, mit der
er sich in seine Kleider warf, ein paar Augenblicke längeren
Verweilens in dem geliebten Naß zu ergattern vermochte, so war es
Franz doch immer, als sei er kaum einmal untergetaucht, und er hatte
im Grunde seines Herzens für diese Art von Schwimmerei immer nur das
eine Wort tiefer Verachtung: "Det is ja jarnischt!"--Und trotzdem
hätte er selbst diese in seinen Augen so flüchtigen Augenblicke nicht
missen können und wollen, denn immer seltener wurden die Male, in
denen er allein diese wunderbare, warme Halle, die ihm der Inbegriff
aller Weite und Schönheit war, besuchen und mit dem Aufgebot aller
Schliche so lange als irgend möglich in ihr verweilen konnte; und
immer seltener und begehrter zu Hause wurden die Groschen, die er
sich durch kleine Beschäftigungen, wie das Brotaustragen am frühen,
kalten Morgen vor der Schule und den Verkauf von kleinen Straßenwaren
in den Weihnachtstagen, durch stetes Aufpassen auf jede andere
mögliche Gelegenheit zuverdienen wußte.
Früh wurde sein junges Leben mühsam und ernst. Aber unglücklich war
er nicht, denn er konnte ja schwimmen, Sommer wie Winter schwimmen.
Unglücklich wäre er nur geworden, wenn man ihm dies sein einziges
Vergnügen ganz genommen hätte. Aber daran dachte keiner, denn keiner
verstand, wie es ein so großes Vergnügen sein konnte.
So erreichte Franz Felder sein vierzehntes Lebensjahr.
6
Bisher hatte er von seinem Schwimmen nichts gehabt als sein
Vergnügen. "Brotlose Künste!" sagte sein Vater eines Tages, als Franz
wieder einmal sein Fortbleiben an einem ganzen Nachmittag und einem
halben Abend mit nichts anderem zu entschuldigen wußte, und dieser
konnte sich nur mit dem Gedanken über diesen Ausspruch trösten, daß
sein Vater eben auch nichts vom Schwimmen verstehe. Er bedauerte ihn
deshalb tief, denn für ihn gab es nur zwei Arten von Menschen:
solche, die schwimmen, und solche, die nicht schwimmen konnten. Die
letzteren waren für ihn eine untergeordnete Klasse von Menschen,
jedes Mitleids würdig.
Nun aber--er stand in seinem dreizehnten Lebensjahre--brachte ihm
seine Fähigkeit den ersten Erfolg in den Augen der Menschen, und
einen schönen.--
Es war an einem Sonntagnachmittag, und Franz lag im Grase an der
Spree nahe der Kirche in Stralau, die ihren grauen Turm aus alten
Linden und Ulmen heraus neugierig in den wolkenlosen Himmel streckte.
Franz war ganz allein. Seinen Freunden, die ihn zu einer Wasserpartie
nach Sadowa überreden wollten, hatte er einen Korb gegeben--einmal,
weil ein paar mitmachten, die ihm nicht paßten, da sie ihm zu rüdig
waren; und sodann, weil er nur drei Sechser in der Tasche hatte, über
die bereits anderweitig für morgen verfügt war. Zudem war er ganz
gern allein, und die Pätschelei machte ihm nur dann Vergnügen, wenn
sie mit einem regelrechten Bade verbunden war.
Franz also lag in dichtem Grase, sog an ausgerupften Halmen und ließ
in augenblicklicher Ermangelung eines Besseren einen um den anderen
seiner nackten Füße ins Wasser hängen. Erst harte es ihm Spaß
gemacht, nach den Sommergärten von Treptow, die alle schwarz von
Menschen waren, und auf die Spree, wo sich Unmengen von kleinen
Boten, Kähnen und Seglern herumtrieben, hinauszuschauen, und er hatte
sich vorgenommen, einmal aufzupassen, wie lange es wohl dauern würde,
bis eine dieser meist von den ungeübtesten Händen gelenkten Schalen
in den Kurs eines der schwerfälligen Dampfer kam, die einer nach dem
andern menschenüberladen und unter ohrbetäubenden Geklingel spreeauf-
und abwärts an ihm vorbeiführen. Denn alle Sonntage kamen hier einer
oder mehrere Unfälle vor, und das Gottvertrauen, mit dem der
Handlungsgehilfe aus NO und der Friseur aus SW, denen doch sonst vor
jeder Berührung mit dem Wasser inner- und äußerlich graute, die Boote
mit ihren Schönen beluden und direkt auf die Dampfer losfuhren, hatte
etwas Rührendes. Aber, wie es immer ist: wenn wir auf ein Ereignis
warten, kommt es nicht, und so wurde auch Franz bald müde, auf die
Wasserfläche hinauszublinzeln, und er sah zur Abwechselung hinauf in
den Himmel, indem er sich auf den Rücken warf.
Ob es wohl ein Wasser gab, das so tief und so blau war, wie dieser
Himmel dort oben? Was mußte das für eine Lust sein, darin zu baden!--
Er dachte an einen seiner Lehrer, der einmal von einem Märchen
erzählt hatte. In dem kam ein Bergsee vor, der sollte "so tief wie
das Meer und so blau wie der Himmel" sein. Aber Franz konnte sich
keine rechte Vorstellung von einem Bergsee machen, und außerdem war
es ja ein Märchen, das der Lehrer erzählte. Die Spree war immer
dunkelbraun und schmutzig, und auch in dem Volksbad konnte man nicht
auf den Grund sehen, auch dann nicht, wenn das Bassin gereinigt und
mit frischem Wasser gefüllt war. Aber es mußte doch wunderschön sein,
einmal in einem so ganz klaren, durchsichtigen Wasser zu baden...
Und da empfand Franz auch schon mit heftigem Unbehagen, daß er heute
noch gar nicht im Wasser gewesen war. Wenn er es wagte? Aber das wäre
doch wohl eine zu große Frechheit gewesen, am Sonntag, hier vor allen
Leuten--wenn ihn da ein Schutzmann erwischte, würde es schöne Senge
absetzen, und nicht die allein. Nein, er mußte schon warten, bis es
dunkel geworden war, und dann auf dem Heimweg noch schnell einmal
irgendwo hineinspringen. Weshalb waren doch nur alle Badeanstalten am
Sonntagnachmittag geschlossen--das war doch zu dumm!--Wo alle anderen
Vergnugungslokale geöffnet waren, blieben die, wo es das allergrößte
gab, zu!--
Und wenn er nun doch jetzt sein Bad nähme!--Er getraute es sich,
seine Kleider abzuwerfen, so lautlos ins Wasser zu schlupfen, unter
ihm hin eine Strecke zu schwimmen, einmal aufzutauchen, um Atem zu
schöpfen, und dann ebenso lautlos wieder zurückzuschwimmen, daß kein
Mensch ihn bemerken sollte. Aber eine bodenlose Frechheit wäre es
doch gewesen und wenn wirklich ein Schutzmann in der Nähe war--und
immer war ein solcher Kerl irgendwo in der Nähe!--und die Kinder ein
Geschrei erheben würden...
War da schon einer?--Schrieen die Kinder oder wer schrie so?--Franz
sprang in die Höhe. Hatte er es nicht gleich gesagt?--Na ja, gleich
der ganze Kahn um und alles ins Wasser!--Und ein Geschrei und Gerufe
und ein Laufen--jetzt aber raus aus dem Hemde und ins Wasser!--Er
fuhr durch das Wasser wie nie in kurzen, kräftigen Stößen. Er wollte
schon auf den Kahn zu, als er--noch ein Stück von ihm entfernt--etwas
auf dem Wasser kämpfen und untersinken sah: einen Jungen, ein paar
Jahre jünger nur, als er selbst. Er erreichte ihn noch gerade und
packte ihn beim Arm. Aber der klammerte sich auch gleich an ihm fest,
und Franz hatte Mühe wieder loszukommen. Denn so ging das ja nicht.
Er schrie ihm zu, ganz ruhig zu sein, er bringe ihn schon ans Land.
Aber der andere war schon wieder mit dem Kopfe unter Wasser und hörte
nichts mehr.
Da ließ ihn Franz einen Augenblick ganz los, griff ihn dann fest
unter dem Arm und brachte nun den sich nicht mehr Sträubenden.--denn
der hatte einstweilen genug Wasser geschluckt--langsam, aber in
sicheren und kräftigen Stößen ans Land.
Dort streckten sich schon hundert Hände aus--nicht nach dem Retter,
um den kümmerte sich keiner--sondern nach dem andern, und Franz war
froh, daß man ihn in Ruhe ließ. Er suchte nach seinen Kleidern. Alles
lag noch da, aber seine Jacke fehlte. Er suchte und suchte, ohne sie
finden zu können. Erst wollte er Skandal machen. Doch dann hätten
sich alle die Menschen, die sich dort um den Geretteten bemühten oder
ihn neugierig umstanden, nach ihm gewandt und ihn ausgefragt. Fragen
aber war ihm ein Greuel. Und es nützte ja doch nischt!--der seine
Jacke mitgenommen hatte, der Halunke, war jetzt doch schon über alle
Berge!
Er machte besser, daß er fort kam, denn er glaubte, einen Lehrer am
Ufer erkannt zu haben. Nur keine Quatscherei! Er sah noch gerade, daß
der Junge wieder aufrecht stand, den er herausgeholt; dann rannte er,
was er konnte. Und als wirklich der Lehrer sich nach ihm umsah, war
Franz längst verschwunden.
Er trottete in Hemdsärmeln nach Hause. Sein Bad hatte er ja nun
gehabt. Aber als er mit gesenktem Kopf an den Scharen der
sonntäglichen Spaziergänger die lange Straße längs der Spree nach
Hause trabte, mußte er einmal doch die aufsteigenden Tränen
hinunterschlucken, als er daran dachte, daß er nun ohne Jacke nach
Hause kam, und an den Skandal, den es absetzen würde. Denn sagen, wie
es wirklich gewesen war, das konnte er doch nicht.
7
Er hatte die ganze Sache längst vergessen, und auch der Lärm um die
Jacke zu Hause war verhallt, als ihm eines Tages in der Schule die
Eröffnung wurde, daß ihm "für seine mutige Tat" die Rettungsmedaille
verliehen werden und daß er sie am Tage der Entlassung aus der Schule
in öffentlicher Feierlichkeit erhalten sollte.
Er wußte zuerst nicht, was er dazu sagen sollte, und hoffte die Sache
damit zu erledigen, daß er nicht daran glaubte. Das war auch nur
wieder so eine Quatscherei--wegen so was! Aber er irrte sich. Die
Medaille war ihm wirklich zuerkannt, und zwar auf Betreiben desselben
Lehrers an seiner Schule, der zufällig an jenem Sonntag in der Nähe
gewesen war und vergebens nach seinem Schüler gesucht hatte, nachdem
er durch seine praktischen Anordnungen den Geretteten wieder soweit
gebracht, daß er Luft schnappen konnte.
Franz machte diese Feier kein Vergnügen. Es war ihm unangenehm, so
vorgerufen und von allen Augen angestaunt zu werden, als habe er Gott
weiß was getan, und er hätte sich am liebsten in die Erde, oder noch
weit lieber: ins Wasser verkrochen. Aber das ging nun einmal nicht.
Der Rektor hielt eine Rede, von der er wenig verstand, da er nicht
zuhörte. Dann mußte Franz vortreten vor die andern Schüler und die
Herren in schwarzen Röcken hin, und er fühlte, daß er rot wurde, als
ihm die kleine, braune Bronze-Medaille an die Brust gesteckt wurde.
Aber trotz aller Unbehaglichkeit durchdrang ihn doch in diesem
Augenblicke ein Gefühl großer Gehobenheit, etwa ähnlich dem, das er
empfand, wenn er ganz allein draußen in seinem Elemente schwamm und
fühlte, wie er es beherrschte. Und dies Gefühl mußte sich in seinen
Augen widerspiegeln, mit denen er jetzt aufschaute zu dem sonst so
gefürchteten Rektor. Denn als dieser den Ausdruck stummer
Begeisterung in den blauen, ehrlichen Augen des Knaben sah, ihm so
ungewohnt bei seinen kühlen, früh lebensklugen Berliner Kindern,
legte er noch einmal seine Hand auf den kurzgeschorenen Kopf vor ihm,
und sich etwas niederbeugend, fügte er seinen Worten noch hinzu:--Du
wirst gewiß einmal ein sehr tüchtiger Schwimmer werden...
Da aber antwortete Franz mit einer seiner sonstigen Schwerfälligkeit
ganz fremden Plötzlichkeit und Schlagfertigkeit--und wieder stand das
seltsame Leuchten in seinen Augen--:
--Der bin ich schon!
Der Rektor lächelte.
--Aber ja. Sonst hättest du dir das da nicht verdient. Ich meinte
auch nur, daß du dich noch weiter ausbilden kannst; das willst du
doch gewiß?
Franz war wieder der alte, und er antwortete mit seiner eben zu der
Einsegnung eingelernten Verbeugung, die das einzige war, was ihm von
der ganzen Geschichte "dieser heiligen Handlung" geblieben war:
--Jawohl, Herr Rektor!
Die Feierlichkeit war zu Ende und keiner froher darüber, als Franz,
der sofort nach der Volksbadeanstalt stürzte und sie gerade noch
lange genug offen fand, um im Wasser für eine halbe Stunde zu
vergessen, was auf der Erde um ihn vorging.
Acht Tage vorher war er eingesegnet worden, und so waren die beiden
größten äußeren Ereignisse seiner bisherigen kindlichen Jugend
zusammengefallen.
Die Einsegnung selbst hafte ihn ganz kalt gelassen und er hatte mit
dem besten Willen nicht die üblichen Tränen hervorquetschen können,
die bei dieser Gelegenheit erwartet wurden. Aber die Verleihung der
Medaille hatte ihn doch etwas innerlich erregt, da die andern so viel
Wesens davon machten und ihn anstaunten, wo er ging und stand. Den
tiefsten Eindruck machte es ihm, daß sein Name in den Zeitungen
stand, und als an einem Abend dieser Woche der Onkel Sattlermeister
aus der kleinen Markusstraße in dem elterlichen Keller erschien
und mit dröhnender Stimme bei verschiedenen Weißen die Notiz im
"Lokal-Anzeiger" über seinen Neffen vorlas, da war dieser fast so
glücklich, wie einige Tage später, als derselbe Onkel ihn "zur
Einsegnung" mit einer silbernen Taschenuhr beschenkte.
Jetzt war er von der Schule endgültig frei, die er im letzten Jahre
geradezu gehaßt hatte. Er war nun darauf angewiesen, auf eigenen
Füßen zu stehen, Geld zu verdienen, um seinen Eltern ein Kostgeld zu
zahlen, mit einem Wort: sich durchs Leben zu schlagen, so gut es
ging.
Für einen bestimmten Beruf, konnte er sich noch nicht entscheiden.
Die besseren Berufsarten, die der Mechaniker, Ingenieure usw., bei
denen ein Lehrgeld in der Höhe von mehreren hundert Mark zu bezahlen
war, waren überhaupt ausgeschlossen, da sein Vater nie in der Lage
gewesen wäre, auch nur hundert Mark auf einmal für einen seiner Söhne
aufzutreiben. Aber auch die Lehrstellen, bei denen ein Lehrgeld nicht
gefordert wurde, die nur die drei- oder vierjährige Verpflichtung
unentgeltlicher Kraft verlangten oder nach einiger Zeit und sogar von
Anfang an ein kleines, von Jahr zu Jahr um etwas höher werdendes
Gehalt bewilligten, waren ihm versagt, denn jetzt wo er vierzehn
Jahre alt geworden war, erklärten die Eltern, ihn nur bei sich
behalten zu können, wenn er wöchentlich seinen Beitrag für Wohnung
und Essen beisteuerte.
Alle seine Brüder hatten das getan, bevor sie sich selbständig
gemacht, das heißt geheiratet hatten oder in die Fremde gegangen
waren, und Franz wäre der letzte unter ihnen gewesen, der nicht
eingesehen hätte, wie berechtigt die Forderung war. Die Familie
Felder hatte immer zusammengehalten und gesucht, sich das Leben
gegenseitig zu erleichtern; daß es so schwer war, nahmen alle als
eine unabänderliche Notwendigkeit, und Franz machte keine Ausnahme,
wenn er nicht darüber nachdachte, warum es eigentlich für sie alle so
schwer war...
Er ging ohne Zaudern daran, sich Arbeit zu suchen. Er schreckte vor
keiner zurück. Im Winter war er Laufbursche und Austräger in
verschiedenen Geschäften, hatte dann eine Stelle als Bote in einem
großen Zigaretten-Importgeschäft, zu dem er in einer auffallenden
Uniform und in einer Mütze mit Aufschrift gehen mußte; und im
darauffolgenden Sommer zog er für eine Papeteriewarenhandlung mit
einem Karren und einem Hunde, meist allein, zuweilen aber auch mit
einem zweiten Jungen, vom Morgen bis zum Abend in der ganzen Umgegend
von Berlin herum um Waren abzuliefern. So brachte er es fertig,
während dieses ganzen Jahres nie weniger als zehn Mark die Woche zu
verdienen, und meistens noch etwas mehr, bis zu dreizehn und selbst
vierzehn, die Trinkgelder eingerechnet.
8
Alles, was er an Geld und Zeit erübrigen konnte, gehörte bis auf die
letzte Minute und den letzten Pfennig seiner ersten Liebe: dem
Wasser!--
Immer brachte er es fertig, auf seinen Geschäftsgängen--und mußte er
sich noch so sehr vorher und nachher beeilen--so viel an Zeit zu
erübrigen, daß er in das zunächst gelegene Schwimmbad eilen konnte
auf ein kurzes, oder, wenn es irgend anging, auf ein langes Bad. Im
Sommer fast täglich: da befand er sich meist in den Vororten von
Berlin, und statt der wenigen Winter-Schwimmbäder der Stadt fand er
überall ein Sommerbad. Und mochte er in Reinickendorf oder Steglitz,
am Plötzensee oder in Rixdorf sein--im Sommer wenigstens durfte kein
Tag vergehen, an dem er nicht in die Fluten tauchen konnte, die sein
Element waren. Er verzichtete auf die Mittagsruhe unter einem Baum
auf dem Felde; er überredete seinen Kameraden, mit dem Wagen eine
halbe Stunde auf ihn zu warten, und versuchte es auf alle Weise--
selbst durch Bestechung mit einem Sechser oder mit einem Glas Bier;
er stellte den Wagen bei Bekannten, die er überall machte, für eine
Stunde unter, nur um auf sein Vergnügen nicht verzichten zu müssen.
Sonst so schwerfällig, wurde er schlau in der Anwendung der Mittel,
die ihn zu seinem Ziele führen konnten: seinem täglichen Bade.
Übrigens fand er im Sommer meist Zeit. Bei diesen weiten, tagelangen
Fahrten konnte sein Fortbleiben vom Geschäft aus nur selten so genau
kontrolliert werden, wie im Winter; wenn er abends, und mochte es
auch schon spät sein, mit dem leeren Wagen nach Hause kam und nur
alle Bestellungen abgeliefert waren, war der Chef zufrieden, um so
mehr, als Franz sehr zuverlässig und ehrlich war, so daß ihm oft
große Summen zur Einkassierung anvertraut wurden.
Auch die paar Groschen für das Bad fand er immer. Sie waren seine
einzige Ausgabe. Er hatte sonst kein Bedürfnis und verzichtete lieber
auf sein Glas Bier, als auf sein Bad. Er konnte hungern und dursten--
und oft genug tat er beides--: aber sein Vergnügen ließ er sich nicht
nehmen. Auch war es ja ein so billiges Vergnügen. Da er sich immer
noch in vielen Fällen auf ein Kinderbillet durchschmuggelte, so
kostete ihm sein Hallenbad nicht mehr als zwanzig, sein Sommerbad
meist aber nur zehn Pfennig. Das konnte er sich schon leisten. Nur
sprach er nicht mehr so viel von seinem Vergnügen. Die Mutter hätte
selbst über die kleine Ausgabe geklagt, und seine Freunde verstanden
seine Leidenschaft doch nicht so, wie er sie fühlte. So umgab er sie
mit der ganzen Heimlichkeit einer wirklich ersten Liebe und stahl
sich zu seinem einzigen und größten Vergnügen wie zu einem
Stelldichein.
Seine kleine Badehose, die zusammengerollt nicht großer war als seine
Faust, trug er mit sich, wo er ging und stand. Und mehr als sie, den
Groschen und eine Stunde Zeit, brauchte er ja nicht!...
Es war eine harte und freudlose Kindheit, die dem Knaben beschieden
war. Aber eine große Freude, die schon jetzt etwas von der alles in
ihm beherrschenden, verzehrenden Leidenschaft späterer Jahre an sich
hatte, übergoldete ihre graue Nüchternheit, ließ ihn Müdigkeit und
Entbehrungen vergessen, und diese Freude war es, in der er seine
ganze Jugend auslebte und auskostete in ihrer ersten Kraft und in
ihrem ersten unendlichen Genießen.
9
Ihm war das Schwimmen noch keine Kunst. Er ahnte noch nicht einmal,
daß es als eine solche betrachtet werden konnte. Wohl wußte er von
der sportlichen Ausbildung der Schwimmer, aber diese reizte ihn
nicht. Sie war ihm fremd.
Wie als kleiner Kerl von fünf Jahren, so tummelte er sich auch jetzt
noch im Wasser, nur daß er mit seiner zunehmenden Kraft gelernt
hatte, es jetzt völlig zu beherrschen.
Als nochmals ein Sommer zu Ende ging, da gab es für den jungen
Burschen kein Wasser in der ganzen näheren Umgebung von Berlin, wenn
es nur eben so groß war, daß man in ihm baden konnte, in dem er nicht
geschwommen hätte. Berlin war eine große Stadt mit vielen Straßen und
unzähligen Häusern, aber ihre Bedeutung bestand doch nur darin, daß
um sie herum die Teiche und Seen lagen und daß sie der dunkle Fluß
durchzog...
Er schwamm nur zu seinem Vergnügen und nur zu eigener Lust. Sein
einziger Wunsch war, den ganzen Tag im Wasser zu liegen, und er war
glücklich über die langen Sonntagnachmittage, an denen er es konnte.
Mit seinen kurzen, stämmigen Beinen seinen festen Armen, an denen
sich die Muskeln auszubilden begannen, beherrschte er das Wasser mit
vollkommener Sicherheit. Es war sein Freund, zu dem er unbedingtes
Vertrauen hatte--sein bester, sein einziger Freund. An seiner Brust
vergaß er alle Mühseligkeiten seines jungen Lebens, und wenn er bei
ihm sein durfte, war er glücklich.
Und das Wasser vergalt ihm seine Liebe. Es war wie ein Aufschrei der
Freude seiner Wellen, wenn es ihn umfing, und es trug ihn sicher und
freundlich, wie er nur wollte. Sie spielten, sie rangen miteinander,
wie Knaben es tun, um ihre Kraft zu messen, aber sie vertrugen sich
immer.
Ach, und wie der Knabe es liebte!
Wie andere Kinder den weißen Sand, mit dem sie spielen, durch die
Hände gleiten lassen, so nahm er oft, auf dem Rücken liegend, das
flüssige, rätselhafte Element, um es zu fassen, in die Hände und es
zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen in flüchtigen Blasen.
Wie andere Kinder zu ihrer Mutter gehen mit ihren Klagen und
Wünschen, so kam er zu ihm, um sich trösten zu lassen.
Sein ganzer, kleiner Körper zitterte vor Aufregung, wenn er das
Wasser sah, und er suchte den köstlichen Augenblick zu verlängern, in
dem er hinein durfte.
Lag er dann im Wasser, so rollte er sich zunächst förmlich über die
Fläche hin, überschlug sich vor Wonne und kugelte sich zusammen, ging
unter und kam wieder hervor, streckte die Glieder in unendlichem
Wohlbehagen und glitt auf der Oberfläche hin, wie eine Schlange, bis
er zu schwimmen begann.
Dann schwamm er, ruhig, langsam und lautlos, fast andächtig; oder in
voller Kraft auf ein Ziel los, daß das Wasser rauschte.
Er schwamm, und er wurde nie müde.
Er tauchte, und seine kleine Brust weitete sich mühelos.
Er schwamm und schwamm, wo und wann er konnte.--Es war ein heißer
Sommer, ein langer Sommer, ein arbeitsvoller Sommer.
Aber es war doch ein Sommer voll Freude.
Viel noch sollte Franz Felder in seinem Leben schwimmen. So sorglos,
so unbekümmert vielleicht nie mehr.
Zweiter Teil
1
Auch dieser Sommer war vorbei, und wieder war es zu kalt geworden, um
im Freien zu baden. Die offenen Sommeranstalten schlössen sich. Franz
Felder hatte seine Stelle aufgeben müssen, da im Geschäft nicht mehr
genug zu tun war, und suchte nun, nach einem gerührten Abschied von
Cäsar, dem treuen Gefährten so vieler schöner, heller Sommertage,
eine neue Stelle für den Winter. Einstweilen nahm er mit, was er
kriegen konnte.
So oft er konnte, ging er nun wieder in das große Volksbad, dessen
hohe, warme Halle sich das ganze Jahr über nur an den zweiten
Feiertagen schloß und immerweniger besucht wurde, je kälter es
draußen wurde.
Es war ja nicht dasselbe, sagte Franz zu sich, wie das Baden im
Freien. Aber es war doch wenigstens ein Wasser, in dem man schwimmen
konnte.
Als er sich eines Abends so mit seinen Kameraden im Bassin tummelte
und sie gerade in einer kleinen Race auf 50 Meter spielend geschlagen
hatte, kam ein Herr auf ihn zu, den er schon oft gesehen, und fragte
ihn, ob er denn nicht Lust habe, in einen Schwimmverein einzutreten.
Es war nicht das erstemal in letzter Zeit, daß an den Jungen diese
Frage gestellt wurde, und schon wollte er sagen, daß er einstweilen
noch etwas warten wolle, als er hörte, was der Herr weiter sagte:
--Sie müssen wissen, wir nehmen nicht jeden in unsere
Jugendabteilung, sondern nur Kräfte, von denen wir uns etwas für
unseren Verein versprechen.
Und plötzlich schoß es Franz durch den Kopf: der Herr gehörte ja zum
"Schwimmklub Berlin von 1879"--dem ältesten und angesehensten
Schwimmverein Berlins, dem so viele Meisterschaftsschwimmer
entstammten, der die großen Feste gab, und in den einzutreten
überhaupt eine Unmöglichkeit schien ... und noch etwas außer Atem und
ganz hochrot fragte er fast ungläubig:
--Schwimmklub Berlin von 1879?--
Der Herr lächelte.
--Jawohl. Sie wissen vielleicht, unsere Beiträge sind um etwas höher,
als in den anderen Vereinen, aber wir sind nicht rigoros in dieser
Beziehung, und der gute Wille zählt hier mit, wenn es einmal nicht so
geht. Übrigens haben Sie so viele andere Vorteile bei uns, besonders
wenn Sie viel baden, daß sich das schon machen lassen wird...
Als er sah, daß Franz noch immer nicht antwortete, lächelte er wieder
und machte eine Bewegung:
--Ich will Sie übrigens nicht überreden... Sie können sich die Sache
ja überlegen--
Aber da sagte Franz hastig, als könne ihm das unerwartete Glück
wieder entgehen:
--Nein, nein, ich will schon gern--
Der Herr zog sein Notizbuch hervor:
--Also, der Name...
--Franz Felder--
--Adresse?
--Berlin O, Münchebergerstraße 102, und etwas zögernder: --Hof--im
Keller--
Der andere schrieb alles auf. Dann reichte er ihm die Hand:
--Unsere Übungsstunden für die Jugendabteilung kennen Sie wohl?--
Jeden Dienstag und Freitag abends acht Uhr.
Franz nahm die dargebotene Hand, machte eine tiefe und respektvolle
Verbeugung, wie er sie vor seinem Pfarrer und seinem Rektor gemacht
hatte, sah, wie der Herr wegging, und fühlte zugleich einen
freundschaftlichen Rippenstoß in der Seite:
--Du, wat hat denn der von dir jewollt?
Er sah seine Freunde um sich und sagte nur von oben herab:
--Ich bin aufgefordert worden, dem "Schwimmklub Berlin 1879"
beizutreten, und ließ sie stehen.
Nun, da er es ausgesprochen hatte, glaubte er es selbst, und eine
unbändige Freude ergriff ihn.
O, er wollte Ehre einlegen!--Und die siebzig Pfennige Monatsbeitrag
wollte er schon aufbringen und so pünktlich zahlen, daß man ihm
deshalb nie einen Vorwurf machen sollte, wenn er auch einstweilen
noch nicht wußte, wie sie aufzutreiben waren.
Im Geiste sah er sich schon in dem blaugesäumten Trikot und der
Badehose, die in Blau die gestickten Anfangsbuchstaben und die Zahl
1879 trug, und er machte vom Sprungbrett einen Freudensprung, aber so
ungeschickt in seiner Aufregung, daß nur eine gewandte Wendung im
letzten Moment ihn davor bewahrte, flach aufzuschlagen.
Daran, daß es ihm nie als ein besonderes Vergnügen erschienen war,
einem Verein anzugehören, daß er den Zwang der Stunde, das Schwimmen-
Müssen um bestimmte Längen, dabei unter schärfster Aufsicht und
steter Kritik, daran, daß ihn das ganze Klubleben, soweit er es
kannte, mit einem Wort: das "offizielle Schwimmen" nie angezogen
hatte, an all dies dachte er nun nicht mehr. Sein Ehrgeiz war
angestachelt. Man hatte ihn bemerkt und so ausgezeichnet, ihn zur
Mitgliedschaft an dem ersten und ältesten Schwimmverein Berlins
aufzufordern.
Er gehörte von heute ab dem "Schwimmklub Berlin 1879" an, und allen,
die es hören wollten, und sehr vielen, die es nicht hören wollten,
erzählte er die ihm selbstunglaublich erscheinende Tatsache, tief
entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit der sie allgemein
aufgenommen wurde.
2
Es gab kein jugendliches Mitglied des Vereins, das pünktlicher zu den
Übungsabenden gekommen wäre, keines, daß sich williger und begeisterter
jeder Anordnung an diesen Abenden gefügt hätte, als Franz Felder.
Man merkte es bald, und er erwarb sich manche Bekanntschaft im Klub
dadurch auch von solchen, die der Einführung von Mitgliedern,
und noch so verheißungsvollen, aus, wie sie es nannten, "anderen
Verkehrskreisen", fremd, ja feindlich gegenüberstanden. Bei fast
allen von ihnen erwarb sich der neue Ankömmling Achtung und Sympathie,
einmal wegen des leidenschaftlichen, fast komisch-weihevollen Ernstes,
mit der er die Sache betrieb, und dann wegen der Bescheidenheit und
Ehrlichkeit seines Wesens, das sich nie vordrängte. Man setzte bald
große Hoffnungen auf ihn und ließ ihn nicht aus den Augen.
Das nächste große Ereignis, das sein Eintritt in den Klub zur Folge
hafte, war eine Lehrstelle in einer großen mechanischen Werkstätte,
die ihm durch einen seiner neuen Sportfreunde dort verschafft wurde.
Er sollte gleich von Anfang an einen Wochenlohn erhalten und erhielt
die Zusicherung sorgfältiger und vollständiger Ausbildung. Da
unterdessen auch seine Brüder in besseren Stellungen waren und die
Einsegnung eines jüngeren bevorstand, trat er die Stelle an. Er blieb
bei seinen Eltern wohnen und der größte Teil seines wöchentlichen
Verdienstes wanderte nach wie vor in ihre Hände. Was er für sich
behielt, brauchte er dazu, um am Sonntag auf den Ausflügen mit seinen
Klubgenossen ein Glas Bier zu trinken, und für die ersten paar Mark,
die er erübrigte, schaffte er sich ein tadelloses Trikot an, eine
Sportmütze und das Klubabzeichen, ein kleines Schild, das auf dem
Rockaufschlag getragen wurde.
Er ging nun völlig auf im dem Leben des Vereins. Die Vergnügungen des
Klubs waren seine Erholungen, seine Arbeit die seine. Die
Sportkameraden waren seine Freunde, mit denen er alles teilte. Die
Arbeit des Tages in der Fabrik tat er, weil sie getan werden mußte,
und er tat sie gut und fleißig. Seine Familie sah er nur, wenn es
unbedingt nötig war, bei den unerläßlichen Geburtstags- und anderen
Feiern; mit den paar Freunden seiner Kinderzeit verkehrte er fast gar
nicht mehr.
Seine Dankbarkeit gegen seinen Klub wuchs allmählich ins Ungemessene.
Er konnte sie einstweilen nur durch völlige Hingabe beweisen. Aber
immer wieder schwur er sich selbst zu: seinem Klub Ehre zu machen in
jeder Beziehung, Ehre um jeden Preis. Er sollte keinen Unwürdigen in
ihm aufgenommen haben.
Er wußte, daß er über eine Kraft verfügte, die ihn vielleicht einmal
zu Siegen führen konnte, wenn er sie stählte und übte. Nicht für sich
wollte er diese Siege erringen, daran dachte er nicht. Doch er
träumte bereits im stillen davon, um den alten Namen des Vereins neue
Lorbeeren zu schlingen, die er selbst in heißem Kampfe erfechten
würde.
Er schwamm nicht mehr nur ausschließlich zu seinem Vergnügen, er
schwamm um ein Ziel, und begeisterter schwenkte keiner die
Sportmütze, lauter schrie keiner mit, wenn das "Gut Naß!--Hurra!
Hurra! Hurra!" erscholl, als Franz.
3
Seine Fortschritte waren rapide und setzten selbst seine neuen Lehrer
in Erstaunen. Bei all seinen Fähigkeiten und all seiner
unvergleichlichen Liebe zur Sache war es doch ein rohes Material, das
hier in Ausbildung genommen wurde.
Dieses jüngste Mitglied der Jugend-Abteilung--zu der die jungen Leute
meist aus der Knabenabteilung mit ihrem vierzehnten Jahr kamen und in
der sie etwa bis zu ihrem siebzehnten blieben--war bei seinem
Eintritt ein guter Schwimmer gewesen, aber sonst auch nichts. Stil
und Form bekam sein Schwimmen erst jetzt unter der steten und
strengen Bewachung an den Übungsabenden. Aber wie bald wurde die Form
schön und sein Stil sicher!--Nach ein paar Wochen schon war Felder
der anerkannt beste Schwimmer seiner Abteilung.
Auf dem internen Wettschwimmen des Klubs, das alljährlich im Winter
in der Schwimmhalle des Volksbades stattfand und auf dem mit Ausnahme
eines Gastschwimmens befreundeter Klubs nur Klubmitglieder schwammen,
holte sich Franz seinen ersten Preis: den im Junioren-Schwimmen über
50 Meter. Es war ein kleiner, einfacher Lorbeerkranz mit bedruckter
Schleife, den er nach Hause trug.
Es war nicht das erstemal, daß er ein Schwimmfest sah, denn er war in
letzter Zeit oft zu solchen mitgenommen und hatte mit tiefer, innerer
Erregung den Wettkämpfen zugesehen, an denen er sich noch nicht
beteiligen durfte. Nun schwamm er zum ersten Male mit. Er wußte, daß
er siegen würde, denn er kannte ja alle seine Gegner und hatte jeden
einzelnen bei den Übungen wieder und wieder geschlagen. Dennoch war
er aufgeregt und freute sich, als es vorbei war.
Befangen, wie damals, als ihm der Rektor das Rettungszeichen an die
Brust heftete, nahm er seinen ersten, kleinen Siegerpreis in Empfang.
Aber im Grunde war er doch mächtig stolz, als er den Kranz zu Hause
in dem gemeinschaftlichen Schlafzimmer über dem schmalen Bett
aufhing, in dem er mit einem jüngeren Bruder den festen, traumlosen
Schlaf der gesunden Jugend schlief, und bei Strafe unermeßlicher
Schläge verbot er der ganzen Gesellschaft, auch nur ein Blatt zu
berühren.
Der Kranz wurde erst angestaunt, blieb hängen und wurde dann über
höheren und reicheren Ehrungen vergessen, verdorrte und verstaubte,
und war doch der erste Lorbeer der diese junge Stirn berührt hatte.
4
Wieder folgte für Franz Felder auf seinen ersten kleinen Sieg ein
Jahr ernsten Strebens. Es galt jetzt nicht mehr, sich mit seinen
Klubgenossen zumessen, sondern seine Kräfte an weitere, außenliegende
Ziele zu wagen.
Er war sehr in die Höhe geschossen, und die Schlankheit seines
Körpers verriet nicht, wie groß die Kraft war, die in ihm lag. Aus
dem stämmigen, dicken jungen mit den behaglichen, etwas
schwerfälligen Gliedern wurde schnell ein sehniger, junger Mann. Nur
das Gesicht blieb noch ganz dasselbe: die blauen, treuherzigen Augen,
die vollen, roten Lippen und Wangen und die eigenwillige Stirn, über
die das schwarze Haar jetzt immer in einem Büschen niederfiel, so daß
es alle Augenblicke zurückgestrichen werden mußte, waren dieselben--
das unschuldige, vertrauensvolle Gesicht eines Kindes, das noch vom
Leben nichts erlebt hatte. Und derselbe blieb auch der Blick dieser
Augen. Es war der gedankenlose, etwas träumerische Blick eines
Menschen, in dessen Gehirn mit hartnäckiger Zähigkeit immer und immer
wieder nur eine Idee wiederkehrt--eine Idee, die in der Zukunft lebt,
einer Zukunft voll großer Erfüllung verschwiegener, noch
unausgesprochener, nicht einmal erkannter Wünsche.--
Fehlers Zeit war jetzt völlig eingeteilt. Kam er von der Arbeit des
Tages, so war am Abend immer etwas los: entweder es fanden
Übungsstunden statt, oder Sitzungen, oder es galt Vorbereitungen für
irgendein Fest zu treffen--immer nahm ihn sein Klub in Beschlag. Auch
die Sonntage gehörten nach wie vor ausschließlich dem Verkehr mit den
Sportgenossen--der Besuch fremder Schwimmfeste, anderer sportlicher
Veranstaltungen, geselliger Vereinigungen zu: Musik und Tanz, im
Sommer Ausflüge in die Umgegend, Kahnpartien und vor allem die langen
Bäder (überall da, wo Wasser war) füllten sie aus und waren seine
Freude und seine Erholung. Franz Felder blieb still, wie er es schon
als Kind gewesen war, und beteiligte sich höchstens an den Gesprächen
über schwimmsportliche Fragen. Sie waren auch die einzigen, die ihn
interessierten. Für keinen anderen Sport hatte er das geringste
Interesse; in keinem anderen dachte er auch nur daran, sich zu
versuchen. Er kannte nur einen einzigen, neben dem alle anderen
verblaßten und gleichgültig erschienen.
Es dauerte ziemlich lange, bis er sich heimisch in dem neuen Kreise
fühlte. Wenn er auch nie Gefallen an den rüden und lauten
Belustigungen seiner früheren Schulkameraden und Altersgenossen
gehabt hatte, so waren ihm doch die Verkehrsart und der Ton seiner
neuen Bekannten zu fremd, als daß er sich hätte so leicht in sie
finden können. Aber diese neuen Freunde hatten ihn wirklich gern und
taten ihr Bestes, indem sie ihn überallhin mitnahmen und jetzt ganz
als den Ihrigen betrachteten. Langsam trat so eine Wandlung nach der
anderen in ihm ein. Auch in seinem Äußeren. Er war nicht mehr der
arme Junge in geflickten Kleidern und dem offenen Hemde, sondern ein
sauber, oft mit ziemlich geschmackloser Eleganz gekleideter junger
Mann, dessen regelmäßige, wenn auch einstweilen nur geringe Einnahmen
ihm erlaubten, etwas auf sich zu halten.
Vermochte er auch nie eine gewisse Schwerfälligkeit und Langsamkeit
zu überwinden, so beeinflußte ihn doch in allem der gute Ton seines
Klubs zum Guten. Er lernte sich in Lebensformen fugen, die ihm bisher
unbekannt geblieben waren und die ihn zwanglos das eine tun und das
andere lassen ließen--Dinge, an die er bisher überhaupt nicht gedacht
hatte. Jene unausbleiblichen Streitigkeiten des Sportlebens mit Ernst
und Freundlichkeit zu schlichten, auch laute Fröhlichkeit nie in
Rohheit und Zank ausarten zu lassen, und vor allem das Prinzip der
Schwimmkunst als eines edlen, den Menschen durch und durch
erfrischenden und veredelnden Sports, hoch zu halten--das war von
jeher die Aufgabe dieses Vereins mit dem einfachen Namen und der
stolzen Vergangenheit gewesen, der mehr als irgendein anderer dazu
beigetragen hatte, das Interesse für eine Sache zu wecken, die
überhaupt bis vor kurzem noch als keine Kunst, sondern fast allgemein
nur als Mittel zu der zeitweiligen, notwendigen Reinigung des Körpers
betrachtet wurde.
War--vielleicht nicht zum wenigsten infolge der strengen Befolgung
dieses Prinzips, das mehr im allgemeinen für die Sache des Schwimmens
zu wirken versuchte, als auf Züchtung großer Erfolge und mit ihnen
verbundener Namen ausging--der "Schwimmklub Berlin 1879" in den
letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten und an
Mitgliederzahl und äußerer Bedeutung von dem einen oder anderen
neueren Verein übertroffen, so war er doch durchaus nicht gewillt,
auf seinen alten Ruf, erstklassige Schwimmer und Springer
hinauszusenden, zu verzichten und stets bereit, neue Lorbeeren zu den
alten zu fügen. Die nächsten Jahre sollten auch nach außen hin wieder
zeigen, daß der Klub in keiner Weise zurückgeblieben war--dahin
gingen die Wünsche der Mitglieder einstimmig. Sie sollten beweisen,
daß man nicht schlief, wenn man auch nicht immer mitschrie.
Man setzte, wie gesagt, große, noch unausgesprochene Hoffnungen auf
Franz Felder. Wenn irgendeiner, so war er es, der den Klub zu
außergewöhnlichen Erfolgen zu führen versprach. Derselbe Herr, der
zuerst stillschweigend auf den kräftigen Jungen aufmerksam gemacht
hatte, der sich mit so erstaunlicher Sicherheit und so unbändiger
Wonne im Wasser herumwälzte, war und blieb sein treuer Berater. Er
wachte mit fast ängstlicher Sorgfalt über seinem Zögling. Bernhard
Nagel, von Beruf Chemiker, war seit zwei Jahren wieder Schwimmwart
des "S.-C. B. 1879". Selbst in früheren Jahren ein berühmter
Schwimmer, lange Zeit der unangefochtene Inhaber so mancher
Meisterschaft, ein ausgezeichneter Turner auch heute noch und von
jeher ein allbeliebtes Klubmitglied, hatte sich--gerade zur rechten
Zeit, auf seiner Höhe--von jeder aktiven Tätigkeit zurückgezogen und
sein Name erschien schon lange nicht mehr öffentlich in den
Programmen der Schwimmfeste.
Damit aber war sein Interesse an seinem Klub um nichts vermindert.
Seine Kraft gehörte jetzt mehr als je den Fortschritten der Sache,
und seine Tätigkeit erstreckte sich vor allem auf die Ausbildung der
Jugendabteilung. Wie sein scharfes Auge gleich in dem unbekümmerten,
wasserfrohen Knaben den geborenen Schwimmer erkannt hatte, so nahm er
sich nun seiner von der ersten Stunde hilfreich an. Er war ein
strenger Lehrmeister, der scharf aufpaßte und so leicht nichts
durchgehen ließ. Bei Felder hatte er indessen eigentlich mehr zu
zügeln, als anzuspornen, denn dessen hauptsächlichster Fehler bestand
darin, daß er immer gleich zu heftig ins Zeug ging, Um dann am Schluß
eines Rennens den Anstrengungen, denen sein Körper noch nicht
gewachsen war, und somit erfahreneren und geübteren Schwimmern
gegenüber zu unterliegen. Aber das gab sich von Woche zu Woche, und
Franz lernte allmählich mit seiner Kraft haushalten. Er vergalt das
Interesse seines Schwimmwarts mit unbegrenzter Dankbarkeit. Nicht
nur, daß er diesem Manne den Eintritt in den Klub und damit in ein
für ihn ganz neues Leben, sowie die Stellung verdankte, die ihn der
Not um sein tägliches Brot enthob--er fühlte ganz gut, daß jener
Hoffnungen auf ihn setzte; und immer wieder schwur er sich im stillen
zu, ihm seine Dankbarkeit eines Tages auch durch Taten zu zeigen.
Daher hörte er auf jedes Wort des Tadels und der Ermutigung, wie auf
ein Gebot, und das eine konnte ihn ebenso beseligen, wie ihn das
andere niederzudrücken vermochte.
Bei der Unzugänglichkeit seines Wesens und seiner Schweigsamkeit, die
selten das erste Wort fand, um sich auszudrücken, schloß er sich nur
schwer und langsam an seine anderen Kameraden an und ließ sie lieber
zu sich kommen, als daß er sich ihnen von selbst genähert hätte. So
kam es, daß er zwar mit den meisten in gutem und freundlichem
Einvernehmen stand, aber doch keine näheren Freundschaften schloß.
Unter den Jugendmitgliedern, seinen Altersgenossen, hatte er manchen
Gegner--schon jetzt, wo es noch keine besonderen Erfolge zu beneiden
gab. Davon merkte Franz nun zwar noch nichts. Seine glückliche
Unbekümmertheit, seine reine Freude an der Sache überhörte oder
verstand die unausbleiblichen Bemerkungen nicht, die schon gemacht
wurden, als er noch gar nicht öffentlich geschwommen hatte. Er konnte
sich nicht denken, daß sie ihm galten. Was war überhaupt die Person!
--Wenn nur der Klub siegte!--
Dagegen fielen ihm zwei Freundschaften zu, um die er sich in keiner
Weise bemühte. Als er in den Klub trat, fand er unter den vielen
fremden Gesichtern ein bekanntes--das eines Altersgenossen, der eine
Zeitlang in demselben Hause wie Franz gewohnt und mit ihm in dieser
Zeit auch oft gesprochen hatte. Koepke war seitdem Kaufmann geworden,
fast schon mit seiner Lehrzeit in einem großen Manufakturwarenmagazin
zu Ende und sah bereits seiner Anstellung als wohlbestallter Kommis
mit Selbstgefühl entgegen. Wie er in den Schwimmklub Berlin 1897
gekommen war, das war vielen der Jüngeren ein Rätsel, denn er schwamm
wie ein Klotz und befand sich allem Anschein nach auf dem Lande weit
wohler als im Wasser. Aber die älteren Mitglieder des Klubs wußten,
daß sie ihn eines Verwandten wegen aufnehmen mußten, der vor Jahren
dem Verein große Dienste geleistet und seinen Eintritt dringend
gewünscht hatte. Man hatte ihn sogar nicht einmal ungern aufgenommen.
Es gab in jedem Schwimmverein Mitglieder, die--wenn sie es auch
ausübend zu nichts brachten--sich doch ganz gut gebrauchen ließen, um
in der "Verwaltung" tätig zu sein, wo es immer genug zu rechnen und
zu schreiben gab, und die sich sehr wohl fühlten, wenn sie von ihrem
Schreibzeug aus die Interessen des Klubs mit Leidenschaft wahrnehmen
durften und nicht ins Wasser brauchten. Koepke war dazu die rechte
Person. Voll Diensteifer stürzte er sich auf jede ihm zugeschanzte
Arbeit. Seine Leidenschaft für das Wasser aus der Ferne war zudem
über jeden Zweifel erhaben, und atemloser verfolgte kein Zuschauer
die Wettkämpfer, feierlicher notierte keiner die Zahlen in das
Programm, als er.
Als er Franz zum ersten Male im Klub sah, kam er ihm gleich entgegen
und begrüßte ihn als alten Bekannten aus der Jugendzeit. Er war ein
gutmütiger und in keiner Weise überheblicher Mensch. Daß sein
Spielkamerad in seinen einfachen Arbeitskleidern vor ihm, dem
geschniegelten Kommis, stand, merkte er ebensowenig, wie er es ihn
früher irgendwie hatte fühlen lassen, daß seine Eltern im ersten
Stock des Vorderhauses und die Franz Felders im Hof wohnten. Der
letztere--immer in dieser Beziehung zum Mißtrauen geneigt--merkte es
gleich wieder. Man schüttelte sich die Hand. Als Franz aber seinen
ersten kleinen Sieg erfochten, besaß er einen ergebenen und ihn schon
sehr bewundernden Freund an dem "zweiten Schriftführer" des Vereins.
Bei einem anderen Klubgenossen bedurfte es für ihn nicht erst dieses
Sieges, um in ihm einen ausgesprochenen Gönner zu haben.
Der dicke Brüning war der letzte Inhaber der
Hauptschwimmeisterschaften im Klub gewesen und sein fabelhafter Stoß
hatte die Gewässer der halben Welt durchfurcht. Nach seinem Rücktritt
war in dem Siegeslauf des Klubs die große Pause eingetreten, die
heute noch währte. Übrigens waren in diesen Jahren auch sonst keine
Siege im Schwimmsport zu verzeichnen, denen die Brünings aus früherer
Zeit nicht mindestens ebenbürtig gewesen wären. Darüber freute er
sich noch heute.
Einer reichen Charlottenburger Familie entstammend und im Besitz
eigenen Vermögens konnte er es sich leisten, seine Jugend dem
Vergnügen eines Sports zu widmen, und nachdem er erst in Deutschland
überall gesiegt, war er auch außerhalb jahrelang zu allen großen
Festen auf seine eigenen Kosten gereist, um überall sich und den
Farben seines Klubs Ehre auf Ehre zu erobern und dem Namen des "S.-C.
B. 1879" eine internationale Berühmtheit zu verschaffen. Das konnte
und wollte ihm sein Klub nie vergessen, und allein sein Name
bedeutete heute in ihm noch eine Tat--einen Sieg, so frisch, als wäre
er erst gestern erfochten.
Jetzt war der Meister dick geworden und schwamm nur noch "zu seinem
eigenen Vergnügen", wie er sagte. Wenn er ins Wasser ging, sah ihm
noch jeder nach. Aber nur bei der älteren Generation lebte noch die
Erinnerung an jenen furchtbaren Schwimmer, der mit der phänomenalen
Kraft und Wucht seiner Leistungen einfach alles andere totgeschlagen
hatte. Brüning selbst hatte ohne großes Bedauern seinen Erfolgen
Lebewohl gesagt, sich dem Sportleben im allgemeinen zugewandt und
ließ jetzt rennen. Übrigens verstand er nichts von Pferden.
Zuweilen noch, aber doch nur selten, erschien er an einem Übungsabend
oder auf einer Veranstaltung seines alten Klubs. Wenn er kam, erhob
sich ein allgemeines Hurra, denn er war allgemein beliebt, weil er
ein nobler Kerl war: immerlustig und aufgelegt, immer bereit zu
helfen mit Geld und Rat und riesig freigebig, wenn es galt, die Zeche
zu bezahlen. Bei den Jüngeren hieß er nur der "Sektonkel", aber die
Älteren hielten große Stücke auf sein erprobtes und unbeeinflußbares
Urteil.
Als er eines Abends in der Schwimmhalle neben dem Schwimmwart Nagel
stand, machte ihn dieser auf das neue Mitglied aufmerksam, das gerade
stillvergnügt für sich hundert Meter schwamm. Brüning kniff die Augen
etwas zusammen, wie es ihm eigen war, wenn er das tat, was er
nachdenken nannte, sagte aber noch nichts. Als Franz aus dem Wasser
kam, musterte er ihn, wie er seine Pferde prüfte. Das Resultat war
sehr zufriedenstellend. Er gratulierte Nagel zu seiner Akquisition,
schüttelte Franz kameradschaftlich die Hand, und dieser hatte sich
von dem Tage an seiner ausgesprochenen Protektion zu erfreuen. Mit
der Zeit erklärte ihn Brüning unter vier Augen als den einzigen im
ganzen Klub, der vielleicht eines Tages sein ebenbürtiger Nachfolger
werden könne, "wenn er hielt, was er versprach".
Das Interesse Nagels vergalt Franz mit unauslöschlicher Dankbarkeit;
die Freundschaft Koepkes ließ er sich gefallen; an das Wohlwollen
Brünings aber glaubte er lange Zeit nicht. Als er dann sah, wie
stetig und warm es war, freute er sich sehr; und er blieb immer einer
der wenigen, die die Freigebigkeit des Sektonkels nie mißbrauchten.
5
Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als
solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich
erst in seiner letzten Hälfte.
Das Schwimmen als körperliche Übung ist von jeher geübt, wenn es auch
nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen
Tagen des Altertums war, von deren Schönheitsfreude noch heute die
gigantischen Thermentrümmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen.
In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree
durch die Initiative eines preußischen Generals die große Anstalt
entstand, die noch heute seinen Namen trägt. Bedeutet der Name von
Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter Übung, so kann von einer
Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den
sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbäder in Deutschland öffnen,
sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer
zusammentun, um ihre Kräfte unter- und gegeneinander zu messen.
Erst spärlich und fast unbeachtet--einer der ersten unter ihnen der
"S.-C. B. 1879"--wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur
langsam, kämpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre
Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hälfte dieses
Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie
sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den
Winterschwimmbädern in vielen Städten entstehen überall auch
Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem großen
Verbande zusammenschließen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und
Unterverbände zu einer gemeinsamen Bestrebung für die neue Sache zu
vereinigen.
Ein Jahrzehnt später, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre
Wertungsform gefunden.
Man hat gesiegt. Das jüngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung
und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport
an bestimmte Bedingungen, hat er sich kühnlich neben jeden anderen
gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste
Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser,
dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wölbungen von
Eisen und Glas.
Natürlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die größten und
wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, daß die
wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs
in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswärtigen
Interessen in Anspruch genommen wird.
Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen
Städten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde--ihre Namen mit
Vorliebe den alten Wassergöttern und allem möglichen Wassergetier
entlehnend--, vereinigen und--bekämpfen sich untereinander, erbittert
und leidenschaftlich; jetzt drängen sich die kleinen und großen Feste
Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem
solchen Feste in einer Stadt wie Berlin.
Es ist die Zeit des reichsten Wachstums und damit der stürmischsten
Gärung, der der alte "S.-C. B. 1879" fast allein ruhig zusehen kann,
da beides bereits hinter ihm liegt; und es ist die Zeit, als Franz
Felder in ihm in unablässigem Training um seine ersten Siege ringt.--
Der Verlauf der Schwimmfeste ist im allgemeinen ein ziemlich
gleicher, und sie unterscheiden sich wesentlich nur durch ihre
Ausdehnung. Von den kleinen, internen Veranstaltungen der Klubs unter
sich an den Sonntagnachmittagsstunden angefangen erstrecken sie sich
bei den großen nationalen und internationalen Meetings oft über zwei
Tage. Auf dreierlei Art wird auf allen gekämpft: im Schwimmen, im
Springen und im Tauchen.
Geschwommen wird um kürzere oder längere Strecken, und zwar ist
entweder der Stil freigestellt oder als Brust-, Seiten- und
Rückenschwimmen vorgeschrieben. Geschwommen werden kann in
stromfreiem Wasser, Seen und künstlichen Bassins, oder auch in
Flüssen mit zu überwindendem Strömungswiderstand.
Die Zahl der Sprünge ist naturgemäß eine begrenzte. Die Sprungtabelle
des Deutschen Schwimmverbandes von 1891 weist deren fünfunddreißig
auf, die nach den Punkten 0-5 und dem Schwierigkeitsgrade 1-6
gewertet werden. Von dem einfachen Abfallen und dem Abrenner, den
einfachen und schwierigeren Kopfsprüngen steigen sie langsam auf zu
den Hecht- und Schlußsprüngen in ihren verschiedenen Drehungen des
Körpers. Aber es herrscht eine große Mannigfaltigkeit unter ihnen.
Die Höhe des Sprungbrettes wechselt von einem zu drei und sechs
Metern. Viele Sprünge können ebensowohl aus dem Stand, wie mit Anlauf
gemacht werden; und bei vielen tritt hinzu, daß sie sowohl vor-, als
auch seit- oder auch rückwärts ausgeführt werden können. Daher ist
das Amt eines Preisrichters für das Springen kein leichtes und
erfordert langgeübte und intime Kenntnis der einzelnen Sprünge und
ihrer Werte. Auf den Festen gibt es ebensowohl Konkurrenzen für
Pflicht-, wie für Kürsprünge.
Das Tauchen ist einfach. Man taucht entweder in die Tiefe nach
Tellern (Sieger ist, wer in der kürzesten Zeit die größte Anzahl
hervorholt), oder in die Länge: das Hechttauchen--man schwimmt unter
dem Wasser, und die dort in gerader Richtung erreichte Meterzahl gibt
den Ausschlag.
Auf jedem Feste findet auch ein Mehrkampf statt, der meist sehr
interessant verläuft: gekämpft wird in allen drei Arten, und Sieger
bleibt, wer durchschnittlich in allen die höchste Punktzahl erreicht.
Die Preise werden entweder Eigentum des Siegers oder gehen in den
Besitz seines Klubs über. Sie bestehen bei den großen Meisterschaften
oft in wertvollen Gegenständen, die die Veranstalter oder auch die
Stadt stiften; oder in Medaillen, Ehren-Urkunden und dem einfachen
Lorbeer mit den farbigen Schleifen, die in goldenen Lettern von dem
heißerrungenen Ruhme erzählen--unvergeßliche Andenken!--Es gibt
Preise, die dem Sieger sofort zufallen; aber es gibt auch
Wanderpreise, die erst nach mehrmaligem schwererstrittenen Sieg
erringbar sind und mehrere Jahre hintereinander ausgefochten werden
müssen, ehe sie in den Besitz des Siegers übergehen oder Klubeigentum
werden.
Was sonst die Feste noch zeigen, dient mehr zu ihrer äußerlichen
Bereicherung und Ausschmückung. Das Schwimmen "älterer Herren", die
die Zeit der höchsten Ausbildung ihrer Stärke bereits hinter sich,
wie die einleitenden Schwimmen der Knaben und Junioren, die sie noch
nicht erreicht haben, diese Trost- und Ermunterungs-Schwimmen können
bei weitem nicht das Interesse erwecken, das die jungen Leute vor
oder nach ihrem zwanzigsten Jahre in der höchsten Leistungsfähigkeit
ihrer Kraft bieten, und deren Namen daher mit Recht in der Mitte
aller Programme stehen. Groteske und lustige Wasserpantomimen sollen
so manchen geduldigen Zuschauer, der wenig oder nichts von den für
Nichtkenner oft eintönigen Kämpfen versteht, entschädigen, und
einlautes, lebhaftes Wasser-Polo, in dem Klub gegen Klub sich mißt,
fehlt heute auf keinem als Abschluß.
Die Preisverteilung findet am Abend des Festes statt. Musik und Tanz
"halten die Teilnehmer noch lange zusammen", wie es stets am Ende
aller Berichte heißt.
--Gut Naß!--Hurra! Hurra! Hurra!
6
Auf der Meldeliste des "Schwimmklub Berlin 1879" für das diesjährige
große Wettschwimmen des Berliner Schwimmerbundes stand zum ersten
Male der Name Franz Felder. Der Inhaber dieses Namens war gemeldet
für das Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin. Es war
Brünings gewichtiges Wort gewesen, das, für das Junge Mitglied in die
Wagschale gelegt, sie in der langen Beratung endlich zu Felders
Gunsten sinken ließ.
Franz vergaß es ihm nie. Er war erst fast bestürzt, als er von der
Entscheidung hörte, trotzdem sie kaum anders hätte ausfallen können,
wollte der Klub sich überhaupt beteiligen. Dann ergriff ihn einfach
ein Freudentaumel. Sein Klub sandte _ihn_ hinaus auf das große
Schwimmfest des Winters, auf ihm um eine Meisterschaft, um die
Meisterschaft der Stadt Berlin über die kurze Strecke von 100 Metern
zu ringen!--Er sollte sich auf dem jährlichen Wettschwimmen des
großen Berliner Schwimmerbundes mit ersten Schwimmern--unter ihnen
alten Siegern--im Kampf um die silberne Medaille messen!!
Es war nur die Meisterschaft um eine Stadt, nicht die um ein Land
oder gar um einen Erdteil, aber es war immerhin die Meisterschaft um
die Hauptstadt, in der wie in keiner anderen der ganzen Welt der
Sport des Schwimmens grünte und blühte, die überallhin die besten und
gefürchtetsten Kräfte stellte, wo es galt, erste Erfolge zu erzielen.
Eine Meisterschaft im Berliner Schwimmerbunde, der den größten Teil
der Berliner Schwimmvereine umfaßte, der im Allgemeinen Deutschen
Schwimmverbande die erste Stelle einnahm, war ein großer Sieg--ein
Sieg ersten Ranges, vielumstritten und heißbegehrt...
Und _sein_ Klub sandte ihn, den jungen, unbekannten Franz Felder,
hinaus, diese Meisterschaft zu erkämpfen!--Sein Klub, der vor vielen
Jahren zuerst die Initiative zur Gründung eben dieses Schwimmerbundes
gegeben hatte, sein Klub, der älteste und angesehenste Berlins, mit
dessen schlichtem und doch so berühmtem Namen die so vieler erster
Schwimmer der Welt unauslöschlich verbunden waren, der nicht nur für
sich und seine Mitglieder, sondern für die ganze Sache des Schwimmens
von jeher ein unnachahmliches Beispiel gewesen war--der "S.-C. B.
1879" entsandte _ihn_ zum diesjährigen Wettbewerb!
Wenn er sein junges Mitglied in dieser Weise allen anderen vorzog, so
wußte er, was er tat. Dann war es ohne Zweifel sein bester Schwimmer.
Aber was mehr war, als diese äußere Anerkennung seiner Kraft, war die
innere: der Klub hätte nie ein Mitglied hinausgesandt, von dessen
innerlicher Zusammengehörigkeit mit den Bestrebungen und Zielen des
Klubs--und das waren in der Sache unbedingt die höchsten--er nicht
überzeugt gewesen wäre. Er hatte sich jahrelang von den Festen
zurückhalten können, stolz auf alte Erfolge und unbekümmert um neue,
als die alten Kräfte, die sich zurückziehen mußten, nicht sogleich
durch neue von gleicher Stärke ersetzt werden konnten; und er würde
sich Zeit genommen haben, im nötigen Falle nochmals jahrelang
zuwarten, denn nicht um künstliche Züchtung einzelner Größen und die
Erlangung lauter Triumphe, sondern um die allgemeine Hebung der Sache
war es ihm stets in erster Linie zu tun gewesen. Entschloß man sich
daher heute zu neuer aktiver Beteiligung, so mußte man des Sieges
ziemlich gewiß sein--und nicht nur dieses einen Sieges, sondern eines
neuen Ruhmesblattes in dem alten Kranze...
Felder war sich über all dies durchaus nicht klar. Er fühlte nur, wie
sehr man ihn auszeichnete, nicht nur als Schwimmer, sondern auch als
Menschen, indem man seinen Namen als Vertreter seines Klubs zum
ersten Male öffentlich nannte; er wußte, man vertraute ihm die Ehre
des Klubs an, nicht nur einen neuen Erfolg. Weiter sah er noch nicht.
So ging sein ganzer Ehrgeiz einstweilen dahin, diesen Sieg, auf den
es ankam, für seinen Klub zu erfechten. Er fühlte, er _mußte_ ihn
erringen!
Er war sehr stolz und sehr glücklich. Aber er hatte Angst, richtige
Angst--zum erstenmal in seinem Leben. Er wußte bisher nicht, was
Angst war. Nie hatte er sie empfunden. Aber nun ergriff sie ihn. Es
war das Kanonenfieber des Soldaten, der zum ersten Male in die
Schlacht geht.
Denn wenn er unterlag?--Wenn er nur einen zweiten, dritten oder
überhaupt keinen Preis erhielt?--Er kannte seine Gegner wohl. Fast
alle hatte er wiederholt auf den Schwimmfesten gesehen und bewundert.
Aber mit keinem hatte er sich bisher je gemessen.--Außer dem seinen
stand nur noch ein neuer Name unter den Meldungen. Und er war der
Jüngste von allen!--
Wohl schlug er schon die Ältesten seines Klubs über die kurze
Strecke. Aber sein Klub hatte, so lange er in ihm war, keine
Meisterschaften mehr aufzuweisen. Was wollte es also sagen, daß er,
Franz Felder, sein bester Schwimmer war?--Nicht allzu viel.
Nagel, der seine innere Aufregung sah, redete ihm wiederholt
ernstlich zu. Er war besorgt um seinen Zögling--nicht, weil er
fürchtete, daß er unterliegen könne, sondern weil er sah, in welcher
verzehrenden Unruhe er umherging und übte. Er warnte ihn, allzu viel
Wert auf dies Rennen zu legen. Was war es denn, wenn er auch
unterlag?--Was heute Niederlage war, konnte morgen zum Siege werden,
und umgekehrt. Er hatte das mitangesehen, viele Male, und es an sich
selbst erlebt; und auch Franz würde das erleben. Das war nicht das
erste und letzte Schwimmen, gewiß nicht--und immer wiederholte der
gute und erfahrene Freund:
--Schwimm so gut, wie du kannst. Kümmere dich um nichts, als um dein
Ziel. Mehr kannst du nicht tun, als was deine Kraft dir erlaubt, zu
tun. Damit sei zufrieden...
Felder hörte zum ersten Male seinem Freund nur halb zu.
Sein Klub hatte _ihn_ hinausgesandt. In seinen Händen lag seine Ehre.
Er durfte ihm keine Schande machen; er mußte siegen--er _mußte!_--
7
So kam der Sonntag des Festes heran. Franz hatte in der letzten Woche
nach der Arbeit des Tages noch allabendlich trainiert. Gestern war er
früh zu Bett gegangen, aber er hatte wenig schlafen können.
Am liebsten hätte er am Morgen noch einmal die Strecke geschwommen--
nur einmal ... aber das wurde ihm natürlich nicht erlaubt. So verging
der Vormittag in untätiger Ungeduld. Er aß mäßig und trank fast
nichts.
Man hatte in dem Restaurant des Klublokals in der Lindenstraße
gegessen und spielte nun gemütlich im Sitzungszimmer einen Kaffeeskat
an verschiedenen Tischen. Franz, der keine Karte anrührte, sah wie
gewöhnlich zu, aber es wurde ihm diesmal nicht leicht, ruhig zu
bleiben. Er ging von Tisch zu Tisch, bis ihn eine plötzliche
Müdigkeit überfiel und er vor sich hindruselte.
--Leg' dich doch hin, wir wollen dich schon wecken, wenn es Zeit ist!
rief Brüning ihm zu und Franz rollte sich hinter dem großen Tisch auf
dem alten, knarrenden Sofa zusammen, auf dem sonst bei den
feierlichen Beratungen der Vorsitzende saß. Nach zwei Minuten schlief
er wie ein Toter.
Allmählich leerten sich die Tische; man ging zum Fest. Der, an dem
Nagel und Brüning saßen, spielte ruhig weiter.
Um halb vier warf Brüning die Karten zusammen und zog seine goldene
Uhr:
Massenhaft Zeit noch!--Aber wollen doch lieber gehen...
Er und Nagel standen vor dem Sofa, auf dem Franz noch immer schlief.
Er lag da wie ein Kind, und sein Atem ging still und friedlich durch
die etwas geöffneten Lippen. Sicherlich träumte er jetzt von keiner
Niederlage.
Brüning betrachtete ihn mit fast zärtlichem Lächeln.
--Wie ein junger Gott, was?--Und noch das reine Kind!--Aber wecken
wir unseren jungen Sieger!
--Er ist es noch nicht, sagte Nagel und rührte den Schlafenden bei
der Schulter.
Franz führ in die Höhe, und sein erster Griff war nach der Uhr.
--Aber wir versäumen das Schwimmen, rief er außer sich, als er sah,
daß sie bereits über halb vier zeigte.
Die anderen lachten ihn aus, packten ihn in eine Droschke und fuhren
mit ihm zum Fest.--
Die enorme Halle des großen Schwimmbassins der Wasserfreunde war
festlich geschmückt. Der weite Raum mit den hohen, gotischen
Wölbungen war bis in den letzten Winkel durch die großen,
elektrischen Bogenlampen erleuchtet, denn durch die bunten
Fensterdrang nur noch das trübe Licht eines frühdunklen Wintertages.
Die sonst so kahle Halle war nicht wiederzuerkennen. An der Rückwand
hingen von der Decke bis zur Galerie die langen Fahnen der
veranstaltenden Vereine herab und verhüllten die weiße Fläche der
Mauern mit ihren bunten Farben. An den Langseiten zogen sich von
Pfeiler zu Pfeiler in langen Reihen hunderte von winzigen, auf Seile
gezogenen Fähnchen in buntem Farbengemisch, und hoch von der Wölbung
der Decke hernieder schwebte regungslos über der Mitte des Bassins
die mächtige weiße Fahne des "S.-C. B. 1879" mit dem blauen Rande und
dem blauen Namenszuge in der linken Ecke. An der Eingangsseite bei
dem großen, sechs Meter hohen Sprungbrett spielte--hinter grünem
Blattwerk verborgen--die Musik.
Die Seiten des Bassins und die breiten Galerien waren dicht mit
Zuschauern besetzt, die sich gespannt vornüber beugten, um besser die
Wasserfläche unter sich überschauen zu können, in der die Wettkämpfe
stattfanden. Die engen Reihen boten ein buntes Bild: jung und alt--
alles saß hier durcheinander, und unter die dunklen Röcke der Herren
mischten sich die festlichen Toiletten der Damen und gruppenweise die
weißen, buntgeränderten Mützen der zahllosen Sportgenossen. Alle
Schwimmvereine Berlins waren vertreten und scharten sich ihrer
Zusammengehörigkeit nach hier und dort zusammen.
In den Pausen und zu Beginn jedes neuen Rennens waren alle Augen auf
die Eingangswand gerichtet. Dort saß unter der Galerie an einem mit
Papieren bedeckten Tische der Ausschuß des Festes: die Preis- und
Zielrichter, die beiden Schiedsrichter und in ihrer Nähe einige
hervorragende Gäste, Vertreter der Stadt Berlin und einiger Behörden.
Hier befanden sich auch die reservierten Plätze für die Vorstände der
Vereine, denn hier nahmen die Rennen ihren Anfang.
Als Felder und seine Begleiter ankamen, mußten sie sich an der
Aufgangstreppe, wo an der Kasse die üblichen fünfzig Pfennig als
Entree erhoben und von Sportkameraden die Programme verkauft und die
Besucher empfangen wurden, bereits durch dichte Menschenmassen
arbeiten und hatten Mühe, sich durchzudrängen, um zu den
Auskleideräumen zu gelangen.
Es war gerade eine Pause, und die Wölbung hallte wider von dem
erregten Sprechen und Lachen der vielen Menschen. Es war bereits
erstickend heiß. Über der noch vom letzten Rennen her leise bewegten
Wasserfläche zogen sich leichte, weiße Streifen, und die ganze Halle
dampfte von dem Dunst des Wassers und der Menschen.
Die Uhr wies über die vierte Stunde hinaus. Man näherte sich den
großen Wettkämpfen. Längst war die stereotype Eröffnungsrede des
Vorsitzenden des Berliner Schwimmerbundes, eines redegewandten und
liebenswürdigen Herrn, in seiner bekannten eleganten Weise gehalten
und der Eröffnungsreigen geschwommen. Bereits war das Schwimmen der
Knaben und Junioren, der Kleinen bis zum vierzehnten und der Knaben
bis zum siebzehnten Lebensjahre vorbei, und künftige Meister hatten
den ersten Anhauch ihrer Erfolge auf der heißen Stirn gespürt.--Auch
die älteren Herren, die über dreißig, hatten geschwommen und
vielleicht zum letzten Male die Hand nach dem Siegeskranze gestreckt.
Endlich war bereits ein interessanter Mehrkampf ausgefochten worden,
über dessen unerwartetes Resultat noch hin und her geredet wurde.
Nun kam ein Brustschwimmen und ein großes Tellertauchen mit
unzähligen Konkurrenzen an die Reihe. Es konnte also noch lange
dauern, bevor die Meisterschaft Berlins ausgefochten werden sollte--
für alle Kenner der Clou des Tages.
Felder wollte sich ausziehen, aber Nagel riet ihm ab. Wozu?--Man
hatte noch lange Zeit. Man gesellte sich also noch zu den
Klubgenossen, die eine ausgezeichnete Ecke am Anfang der Galerie
erobert hatten und besetzt hielten. Hier war man unter sich, unter
lauter Bekannten und Freunden, denn auch die Damen, die heute
mitgekommen waren, waren von so vielen geselligen Veranstaltungen des
Vereins her alte Bekannte. Es war wie eine große Familie, diese Ecke.
Koepke empfing Franz mit der gewohnten Lebhaftigkeit. Er war so
erregt, als solle er selbst um den Preis schwimmen. Er war natürlich
wieder voll von Neuigkeiten, von denen kein Mensch etwas wußte.
Georgy vom S.-C. "Spree" sollte nicht mitschwimmen infolge eines
Zerwürfnisses mit seinem Klub. Aber Wenzel war da; und Hoffmann, der
gefürchtete vom "Triton", auch. Hatte Franz ihn schon gesehen?--Dort
unten stand er, der lange mit der Hakennase und den mächtig vielen
Bändern über der Brust.--Und Riesecker war da, der heute zum ersten
Male seit zwei Jahren wieder mitschwamm. Aber es würde ihm wohl
nichts helfen...
Felder hörte kaum auf das Geschwätz. Er hatte seinem Freunde das
Programm aus der Hand genommen, und instinktiv suchte er seinen
eigenen Namen. Er brauchte in dem kleinen Heft nicht lange zu
blättern. Da stand es:
_IX. Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin_
Offen für alle Mitglieder. Bahnlänge 100 Meter gleich 4 Längen.
1. B. Riesecker ...... (1. Berliner Amateur-S.-C.) schwarze Kappe
2. K. Wenzel ...... (S.-C. "Poseidon") gelbe Kappe
3. W. Georgy ...... (S.-C. "Spree") rot-weiße Kappe
4. F. Felder ...... (S.-C. Berlin 1879) blaue Kappe
5. P. Hoffmann ...... (S.-C. "Triton") weiße Kappe
6. W. Hofstetter ...... (Berl. S.-Sport-C.von 1888) rote Kappe
Darunter war der Raum freigelassen zum Einzeichnen der Sieger:
Erster: ........... Zeit: .... Min. .... Sek.
Zweiter: .......... Zeit: .... Min. .... Sek.
Da stand sein Name. Noch keine Stunde würde vergangen sein, und die
Entscheidung war erfolgt. Welcher unter diesen sechs Namen würde
eingetragen werden in die kleine leere Stelle?--Der seine?--
Er hielt es nicht mehr aus. Der Gleichmut seiner Freunde erregte ihn.
Ahnten sie, wußten sie denn nicht, was auf dem Spiele stand?--Warum
lachten sie noch?... Außer dem dummen Koepke schien keiner von der
Größe des Augenblicks erfüllt zu sein.
Das Tauchen hatte begonnen. Es würde bei der großen Beteiligung
mindestens eine halbe Stunde dauern. Aber Franz ertrug es nicht
länger, ihm untätig zuzusehen. Die Zeit, in der die ersten beiden
unter Wasser blieben, erschien ihm endlos.
Er stahl sich weg und suchte einen der hinten gelegenen
Auskleideräume auf. In dem ersten, den er betrat, hatten sich bereits
sechs oder sieben Teilnehmer ausgezogen. Ein wüstes Durcheinander
herrschte in dem engen Gelaß. Der Boden triefte von Nässe und
Schmutz, unter den Lattenbelägen standen Wasserlachen, Stiefel lagen
herum, die nicht zueinander paßten, und Kleidungsstücke
verschiedenster Art waren wahllos übereinander geworfen--friedlich
vereinigten sich hier die toten Dinge, während sich draußen ihre
Besitzer so bitter bekämpften. Felder bemerkte das alles kaum. Er war
es nicht anders gewohnt.
Er war zufrieden, noch einen freien Haken zu finden, und kleidete
sich langsam aus. Er war ganz allein in dem abgelegenen Räume, in dem
ein trübes Dunkel herrschte, da man vergessen hatte, hier Licht
anzuzünden. Durch die engen Fenster sah mit ihrem letzten Schein die
früh erlöschende Wintersonne, und nur von ferne drangen verlorene
Rufe aus der Halle bis hierher.
Als er das Trikot angelegt hatte und darüber die weiße Badehose mit
dem blauen Rande streifte, überkam ihn wieder die zeitweilige
Mutlosigkeit der letzten Tage. Er hüllte sich in sein Badetuch und
setzte sich in eine Ecke. Er wußte, daß man ihn rufen würde, wenn es
Zeit war, und es war ihm ganz lieb, daß man ihn bis dahin allein
ließ.
Er glaubte nicht mehr daran, daß er siegen konnte. Es war eine
Vermessenheit von ihm, zu schwimmen; und es war mehr als eine solche
von seinem Klub, ihn zu diesem Wagnis verleitet zu haben. Auf ihn
fiel die Schmach, wenn er unterlag. Und er mußte ja unterliegen--wenn
nicht gegen die anderen, so doch gegen Wenzel. War überhaupt jemals
ein Mensch gegen den aufgekommen? Und gerade heute nach einjähriger
Pause schwamm der wieder mit!
Er sah trübe vor sich hin.
Plötzlich wurde er aus seinem Sinnengerissen. Zwei nasse Gestalten
stürzten herein und suchten lärmend nach ihren Kleidern, während sie
laut miteinander über das eben beendete Tauchen sprachen.
Hinter ihnen her Koepke.
--Wo bleibst du denn, Mensch?--Jetzt wird es aber wirklich Zeit. So
komm doch--alle warten schon auf dich! Felder ließ sein großes
Badetuch von den Schultern gleiten und folgte dem wieder Forteilenden
langsam. Als er sich mühsam durch die immer enger zusammengepreßte
Menschenmenge zu seinen Leuten durchgerungen hatte, kam eben der
letzte Taucher, mit seinen zwanzig Tellern beladen, blaß und
schweratmend an die Oberfläche.
Es herrschte an der Eingangsseite ein unglaubliches Gedränge. Alles
stieß sich durcheinander: Herren vom Wettschwimm-Ausschuß in
schwarzen Fräcken; Kellner mit gefüllten Biergläsern; Bademeister in
hellen, frischgewaschenen Leinwandanzügen; Klubmitglieder in Mützen
und Abzeichen, viele die Brust mit Medaillen und Schleifen übersät,
freundlich oder feindlich gesinnt, und sich entweder herzlich
begrüßend oder höflich ausweichend; und Gäste des Festes, jeden
Alters und Standes und Geschlechtes--alles mußte hier durch, um
hinaus oder zu seinem Platz zurückzugelangen, und kaum wurde den
Schwimmern ausgewichen, die triefend von Wasser durch sie alle
hindurch und zu ihren Kleidern zu gelangen suchten. Die Halle dröhnte
wider von dem Durcheinanderlärmen zahlloser Stimmen.
Man machte vor dem Hauptrennen des Festes die kurze Pause um einige
Minuten länger, während welcher die Starter versuchten, einen kleinen
Raum um die Sprungbretter herum zu schaffen.
Felder stand eingekeilt in einer Ecke. Nagel hatte ihm selbst die
blaue Kappe übergezogen, die ihm das Los bestimmt hatte, und
erinnerte ihn noch einmal an seine Platznummer: "Du hast also Nr. 3
und schwimmst in der Mitte zwischen zwei Gegnern!" Er hörte Brünings
spöttische Stimme, der über den "Blödsinn des übertriebenen Tauchens"
sprach und fühlte dabei, wie sein Blick aufmerksam auf ihm ruhte. Als
er ihm begegnete, versuchte er, sorglos zu lächeln, aber er konnte es
nicht. Er hatte nur den einen Wunsch, daß alles vorbei sein möchte.
Dann sah er, wie der Starter auf das eine der unteren Sprungbretter
trat und seine Fahne schwang. Der Lärm in der Halle verminderte sich,
Rufe um Rufe wurden laut, und eine klare Stimme tönte bis in den
fernsten Winkel des Raumes:
--Neunte Konkurrenz: Schwimmen über hundert Meter um die diesjährige
Meisterschaft Berlins. Herr Wenzel vom Schwimmklub "Poseidon"
schwimmt wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins nicht mit.
Ein Murmeln der Überraschung erhob sich auf verschiedenen Seiten.
Dann lösten sich aus den dunklen Massen schnell einige helle, nackte
Gestalten und sprangen mit kurzem Ruck in das Wasser. Felder hatte
kein Wort verstanden. Er fühlte sich plötzlich vorwärts gestoßen und
sah, wie der Raum vor ihm frei wurde. Er trat vor.
Einen Augenblick--eine kurze Sekunde--stand seine jugendlich-schlanke,
ebenmäßige Gestalt allein über dem Bassinrand in der Mitte unzähliger
Blicke und überstrahlt von dem grellen Lichte der Bogenlampen, als
könne sie sich nicht entschließen, den Sprung zu tun--dann streckte
Felder die Arme aus, neigte sich vor und ging mit glattem Sprunge
in das Wasser unter sich. Und in demselben Augenblick, als sein
heißes Gesicht in die kühle Flut tauchte und seine Hand nach der
Stelle des Brettes griff, wo seine Nummer stand, war es ihm, als
müsse er aufschreien vor Lust, und er fühlte nichts anderes in
dieser Minute mehr, als die maßlose Seligkeit, schwimmen, jetzt
losschwimmen zu dürfen!--Endlich im Wasser, war er jetzt wieder
Herr seiner selbst und seiner ganzen Kraft, und den Blick geradeaus
auf die glatte Fläche vor sich geheftet, hörte er die Stimme des
Starters auf dem Sprungbrett über sich:
--Sind die Herren bereit?--
Der Platz neben Felder lag leer. Aber dieser hatte keine Zeit,
darüber nachzudenken, denn schon erklang über ihm wieder die feste
Stimme:
--Achtung!--...--Fertig!
Und sofort danach mit dem gleichzeitigen Schwung der Fahne durch die
Luft:
--Los!--
Fünf Hände ließen das Brett los, und fünf Gestalten durchschnitten
mit rasender Geschwindigkeit das Wasser.
Die Musik setzte ein, und es wurde so still unter der ungeheuren
Wölbung, daß man außer ihr nur das Rauschen des Wassers unter den
peitschenden Schlägen der Arme und Hände vernahm. Eine atemlose
Spannung ergriff selbst die Fernsitzenden unter den Zuschauern, und
allen teilte sich etwas von der inneren Erregung mit, die von diesem
Kampfe ausging.
Die erste Länge von fünfundzwanzig Metern wurde fast gleich genommen.
Beim Wenden legte der Tritone in weißer Kappe sich vor und blieb so
liegen bis rast an das Ende der zweiten Länge, wo er seinen Vorsprung
gegen drei Gegner, unter ihnen Felder wieder verlor.
Wieder stießen fast gleichzeitig vier der Schwimmer zur dritten Länge
ab; der fünfte war zurückgeblieben und blieb es.
Die vier Körper lagen nun fast nebeneinander. Bei jedem Stoß
verschwanden die Köpfe mit den bunten Mützen unter der Wasserwoge,
die über sie wegging; dann sah man, wie sich die Arme wieder hoben,
um zu neuem Schlage auszuholen und die Körper, von neuem, mächtigen
Stoße der Beine getrieben, vorwärts flogen, als würden sie gezogen...
Gegen Ende der dritten Länge schien es, als schwämmen die vier auf
einen bestimmten Punkt zu, so sehr näherten sie sich einander. Aber
dann gingen sie wieder auseinander und jeder auf seine Nummer los.
Wieder erfolgte der Anschlag fast gleichzeitig; doch hatten sowohl
die rot-weiße wie die rote Kappe eingebüßt, da ihnen die Richtung ein
wenig verloren gegangen war. So kam es, daß Felder zuerst, oder doch
fast gleichzeitig mit dem Träger der schwarzen, wenden konnte.
Die Musik schwieg plötzlich und die ersten vereinzelten Rufe der
Teilnahme und der Ermutigung wurden laut. Auf der Galerie waren die
Zuschauer aufgestanden und überall drängten sich die Köpfe so weit
wie nur möglich vor. Die Spannung erreichte den höchsten Grad.
Die ersten Längen hatte Franz geschwommen wie er immer schwamm: ohne
Aufbietung seiner letzten Kraft. Er war so glücklich, schwimmen zu
können, daß er fast vergessen hatte, um was es sich handelte. Nun
erwachte er plötzlich wie aus einem Traum: er hörte die Rufe und sah
dicht neben sich den langen Riesecker, der sich eben wandte und ihm
mit dem nächsten Stoß schon voraus war. Da packte ihn eine
fürchterliche Wut. Er wußte wieder, wo er war--und tief Atem holend,
stieß er sich ab. Ganz einerlei jetzt--ob er siegte oder nicht; aber
leicht wollte er jenem den Sieg nicht machen! Er griff in das Wasser
und schoß in ihm hin; er kämpfte mit ihm wie mit einem persönlichen
Feinde, außer sich vor Wut und Raserei.
Die Zuschauer sahen wie sich die zu Anfang der Endlänge nicht mehr
gerade Linie der vier Köpfe wieder schloß--wie der zweite dem ersten
wieder näher und näher kam und wie sich ihm die beiden anderen
zugesellten. In der Mitte des Bassins lagen die Schwimmer fast so
wieder zusammen, wie zu Anfang des Rennens.
Die Aufregung der Zuschauer stieg ins maßlose. Man rief nicht mehr,
man schrie den Schwimmern von allen Seiten zu, und jeder ihrer vier
Namen erklang aufmunternd, anfeuernd--drohend von überallher...
Franz nahm seine letzte Kraft zusammen. Er hörte und sah nichts mehr.
Er wußte nicht mehr, wohin er schwamm, ob er überhaupt noch in einer
Richtung ging. Neben ihm peitschte irgend etwas mit beiden Armen wie
ein Ertrinkender das Wasser--er sah und hörte nichts mehr. Er fühlte
kaum, wie seine Finger das Holz des Brettes berührten... Er wußte
nicht einmal mehr, war es nun zu Ende oder nicht...
Dann vernahm er das frenetische Jubelgeschrei, das die Halle
durchbrauste und das den Tusch der Musik völlig übertönte. Über sich
sah er erregte Gesichter und neben sich für einen Augenblick seine
Gegner--erschöpft wie er. Wie sie holte er noch einmal tief Atem.
Dann tauchte er unter und schwamm mit einem Stoß auf die Leiter zu.
Er hatte sich vollkommen ausgegeben,
Er hörte nicht, was die Umstehenden sagten. Er hatte nur das eine
Bedürfnis sich jetzt hinsetzen zu dürfen. Er drängte sich aufs
Geratewohl durch die Menschen, die ihm keinen Platz machten. Man
hatte ihm ein Tuch übergeworfen, wie einem Pferde nach dem Rennen die
Decke. Er hüllte sich fest hinein, um das Zittern seiner Glieder zu
verbergen, und machte sich rücksichtslos Platz. So gelangte er zu dem
Raum, wo seine Kleider hingen, und setzte sich, noch immer keuchend,
in eine Ecke.
Sie drängten sich ihm alle nach, seine Freunde, lachend über seine
eilige Flucht und sein böses Gesicht, und versuchten, ihm die Hand zu
drücken.
Als er sie alle vor sich sah, die bekannten Gesichter, wurde er noch
böser:
--Aber warum denn?--Ich war doch nicht erster!--
Er sah, wie sie wieder lachten.
--Wer denn sonst, fragte Brüning.
Franz sah von einem zum andern. Ohne Zweifel, sie lachten ihn aus.
Dann erblickte er seinen Schwimmwart und sah ihn an. Und eine Ahnung
stieg in ihm auf, daß es wahr sein könne. Wenn Nagel es sagte, dann
glaubte er es.
Und als auch dieser nickte und sagte:
--Mit 2/5 Sekunden etwa... da war ihm, als löse sich von seiner Brust
der ungeheure Druck und eilig sprang er auf, um nach seinen Kleidern
zu greifen.
Hastig riß er Badehose und Trikot herunter und warf sich in seinen
Anzug. Um ihn herum ließen die Mitglieder des "S.-C. B. 1879" jetzt
ihren Gefühlen freien Lauf. Lebhaft wurde das eben beendete Rennen
besprochen. Allgemein stimmte man darin überein, daß es ein ganz
außergewöhnliches Rennen gewesen war, "wieder einmal eines von jenen,
bei denen alles anders gekommen war..." Am äußergewöhnlichsten
sicherlich das Endresultat.
Nur einer war ganz zurückgeblieben; einer hatte nicht mitgeschwommen.
Die übrigen vier waren fast gleichzeitig durchs Ziel gegangen. Es
konnte sich bei ihnen nur um ein paar Sekundenfünftel handeln. Aber
Felder hatte unbedingt zuerst angeschlagen. Sie alle hatten es
gesehen. Gleich nach ihm hatte Riesecker die Hand angelegt, und es
hatte sich vielleicht nur um dies Anlegen der Hand gehandelt; dann
Georgy vom "Spree "-Verein, und wieder fast gleichzeitig mit diesem
der junge Erstlingsschwimmer Hofstetter, dem das kein Mensch
zugetraut hätte. Hoffmann, der berühmte Hoffmann vom "Triton", der
Meister des Vorjahres, war überhaupt ganz zurückgeblieben und hatte
zu Ende der dritten Länge schon gänzlich ausgesetzt.
Das an den Richtertisch gesandte Mitglied, wo unterdessen die Zeit
festgestellt und bekannt geworden war, kam zurück und bestätigte fast
jede Einzelheit. Die hundert Meter waren geschwommen in der Zeit von
1:23 4/5 bis 1:25 Minuten. Riesecker hatte den zweiten Preis mit 24
1/5; der dritte hatte mit 1:24 3/5 abgeschnitten und mit 1/5 Sekunde
später der junge Hofstetter.
Der Rekord für Deutschland betrug 1:18 Minuten. Er war also
keineswegs erreicht, wie überhaupt in den letzten Jahren nicht mehr.
Was aber die Leistung Felders zu einer so außergewöhnlichen machte,
war die Jugend des Siegers. Wenn man sie in Betracht zog, war es ein
Erfolg, fast einzig in seiner Art.
Neueintretende erzählen von der allgemeinen Verblüffung. Der ganze
Amateur-Schwimmklub sei in Aufruhr und wolle das Resultat anfechten,
da zwischen seinem Mitglied und Felder ein totes Rennen stattgefunden
habe: man habe ganz genau gesehen, daß Riesecker und Felder zu
gleicher Zeit angeschlagen hätten, und man habe es von ihrem Platze
aus besser sehen können, als von dem Tische der Richter.
Die Freude der Mitglieder wurde durch die Nachricht von dem Arger der
anderen natürlich nur erhöht, und man freute sich im voraus auf die
nicht ausbleibenden Reibereien der nächsten Zeit.
Nur Franz war merkwürdig still geworden. Jetzt, wo er wirklich diesen
so heißersehnten und noch immer unbegreiflichen Sieg sein eigen
nannte, erschien ihm so wenig, was er errungen. Die Unruhe und Angst
der letzten Zeit waren vorbei. Aber geschwunden war auch zugleich mit
ihnen und wie mit einem Schlage das Gefühl des Angespanntseins, das
einer inneren Gehobenheit trotz aller Verzagtheit... Was hatte er
getan?--Wofür wurde er gelobt?--Er hatte geschwommen, wie schon
hundert Male, von Rand zu Rand der Wasserfläche--etwas besser, nicht
viel schlechter heute, als sonst. Nur hatte er diesmal etwas getan,
was andere nicht gekonnt: um den Bruchteil einer Sekunde, um einen
Augenblick früher hatte er die Hand zum Anschlagen erhoben, und diese
eine, diese einzige Bewegung der Arme und der Hand erhob ihn
plötzlich so, daß ihn alle anstarrten wie ein Wundertier. Wäre er
unterlegen, ja, wäre er nur zweiter geworden, kein Mensch würde sich
um ihn kümmern, niemand seinen Namen nennen... Außerdem: Wenzel hatte
nicht mit geschwommen. Wäre er nicht erkrankt, so hätten sie alle
miteinander einpacken und zusehen können!
Er wollte wissen, wie er geschwommen hatte. Nagel würde es ihm sagen.
Er drängte sich zu ihm, als er fertig war, und ging mit ihm hinaus.
Dann hörte er es: "Ein schöner Sieg, weil er so schwer errungen
wurde. Wie du geschwommen hast?--Die ersten drei Längen ganz gut. Bei
der letzten hast du natürlich den Stil verloren und bist über deine
Kräfte hinausgegangen. Sonst hättest du auch nicht gesiegt.--Freu'
dich nur ruhig. Wir freuen uns auch."
Ja, Franz freute sich, als er dies hörte, und zog sich seine
Sportmütze über die noch nassen Haare. Jetzt erst freute er sich
_wirklich!_--
Mit den anderen ging er hinaus, und eine Weile noch standen alle in
ihrer Ecke der Galerie, wo der Sieger mit neuen Glückwünschen
empfangen wurde.
Die schwüle Hitze in der Halle hatte noch zugenommen. Der Dunst des
warmen Wassers und der vielen Menschen war erdrückend. Überall sah
man rote Gesichter, auf denen der Schweiß stand, und alles versuchte
die innere Glut mit großen Gläsern Bier zu löschen. Aber noch immer
erschienen die Reihen der Zuschauer ungelichtet. Man blieb, weil man
einmal da war, oder auch, weil man noch das Wasserpolo und die
lustige Pantomime am Schluß nicht aufgeben wollte. Die letzten Rennen
gingen unter allgemeiner Interesselosigkeit vorüber. Selbst ein
langes, aber vortreffliches Kürspringen vermochte es kaum mehr
aufrecht zu erhalten. Wie immer, rächte sich an diesen letzten
Nummern die offenbar unvermeidliche Überladung des Programms.
In der Ecke der 79er drängte Brüning seine näheren Freunde zum
Aufbruch, endlich "dies verfluchte Schwitzbad" zu verlassen. Er könne
es nicht mehr aushalten, und wenn sie noch zehn Minuten länger
hierblieben, könnten sie es erleben, daß er sich auszog und ins
Wasser ging. Er hatte aus Anlaß des Sieges sogleich ein kleines
Festessen geplant und den immer bereiten Koepke (der als Belohnung
dafür mit eingeladen wurde) in ein benachbartes Weinrestaurant
geschickt, wo die Nennung seines Namens und kurze Angaben genügten,
um eine gemütliche Nische und ein ausgesuchtes kleines Souper für
sechs Personen nach einer Stunde bereit zu finden.
Die Geladenen verabschiedeten sich für ein paar Stunden von ihren
Leuten und verließen, von vielen Blicken gefolgt, die heiße Halle.--
Bei Tisch herrschte die lebhafteste Fröhlichkeit. Franz saß zunächst
dem Gastgeber, neben ihm ein älterer Schwimmer mit großem Namen, und
ihm gegenüber sein verehrter Schwimmwart. Er war äußerlich still, wie
immer, aber innerlich war jetzt alle Sorge von ihm genommen, und er
ließ sich alle die guten und ungewohnten Dinge, die auf den Tisch
kamen, mit dem ganzen unverdorbenen Appetit seiner jungen Jahre
schmecken.
Aber als Brüning zum Schluß, als der Sekt kam, das Glas in die Hand
nahm und--halb ernsthaft, halb launig, wie es so seine Art war--eine
Rede auf ihn hielt und alle aufstanden, um auf den heurigen und alle
künftigen Erfolge mit ihm anzustoßen, da übermannte ihn fast die
Rührung über so viel unverdiente Freundschaft. Ein großer Entschluß
keimte in ihm auf, und während die anderen schon weiteraßen und
weiterlachten, stand er plötzlich auf und sagte geradeausschauend und
ganz schnell:
--Es lebe der Schwimmklub Berlin 1879. Ich danke ihm, daß er mich
aufgenommen hat, und ich werde mich anstrengen, ihm immer so Ehre zu
machen, wie heute...
Das war ein kurzer Toast, aber ein guter, und alle wunderten sich,
daß er ihn so zustande gebracht hatte; Brüning nannte ihn sogar einen
Beweis für "die unvermutet glänzende Rednergabe unseres lieben
Mitgliedes Franz Felder".
Aber das störte diesen nicht weiter, und äußerlich still, aber
innerlich glücklich blieb er den ganzen Abend: während der
Droschkenfahrt nach dem Lokal, wo die Preisverteilung stattfand;
während dieser selbst, als er--noch einmal der Zielpunkt aller
Blicke--die silberne Medaille und die Urkunde, die ihn den Meister
von Berlin für das kommende Jahr nannte, erhielt; und während der
langen Stunden, die sich noch durch die halbe Nacht zogen, als man an
den Tischen zu seiten des großen Saales saß, in dem unermüdlich
getanzt wurde, und als immer wieder und wieder von allen Seiten alte
und neue Bekannte kamen, um mit ihm anzustoßen, zutrinken und ein
Wort zu wechseln...
Und glücklich war er, als er endlich durch die helle und kalte
Winternacht heimwärts ging. Denn wie der Himmel dort oben, so war
auch seine Zukunft voll lichter Sterne, und ein jeder von ihnen war
ein neuer, ein großer und ein immer größerer Erfolg!
8
Er durfte seinen Sternen vertrauen. Einer nach dem anderen neigte
sich gegen ihn und fiel nieder in seine jungen, hoch emporgestreckten
Hände--Sieg um Sieg!--
Die Meisterschaff der kurzen Strecke für Berlin hatte Franz Felders
Namen mit einem Schlage bekanntgemacht. Jetzt konnte im Klub kaum mehr
darüber gestritten werden, wer zu den nächsten Schwimmkonkurrenzen
entsandt werden sollte; es handelte sich nur noch darum, an welchen
Schwimmen er sich beteiligen konnte, und bei welchen es besser war,
von einer Beteiligung noch abzusehen. Das galt natürlich in erster
Linie bei den langen Strecken, für die es im Klub kein Mitglied gab,
das sich mit den Meistern dieser Jahre über sie hätte messen können.
Aber man konnte sich nach dem unverhofften Triumphe seines jungen
Mitgliedes jetzt nicht mehr zurückziehen, um so weniger, als
man neben Felder einen ausgezeichneten Springer, Grafenberger,
herangebildet hatte, der sich auf dem Bundesschwimmen einen zweiten
Preis geholt, und auf den man als Springer ebensolche Hoffnungen
zu setzen begann, wie auf Felder als Schwimmer.
So war der alte Schwimmklub Berlin von 1879 mit einem Schlage wieder
in den Vordergrund des Interesses getreten, und seine alten
Mitglieder sahen wohl ein, daß sie dem Drängen der jüngeren nicht
länger widerstreben durften und konnten, sondern verpflichtet waren,
das Eisen zu schmieden, das wieder zu glühen begann.
Mit der Hoffnung auf neue, rege Beteiligung an der Öffentlichkeit und
mit der begründeten Aussicht auf neue Siege begann sich ein neues,
frisches Leben in den Sitzungen, wie auf den Übungsabenden zu
entfalten, und nie war der Ton bei den Zusammenkünften so frei und
fröhlich gewesen, wie zu Beginn dieses Sommers...
Felder übte unablässig. Als der laute Tag vorbeigerauscht war, der
ihm seinen so heißersehnten Sieg gebracht, erschien es ihm wieder so
wenig, was er getan, daß ein tiefes Gefühl der Unbefriedigtheit ihn
fast nicht mehr verließ. Ja, er hatte gesiegt--aber war das ein Sieg
gewesen, wie er zu wünschen war?--Weder war seine Zeit eine besondere
gewesen, noch sein Stil bis zu Ende rein geblieben; dabei hatte er
seine Kraft völlig verausgabt; und endlich hatte Wenzel, der
Meistgefürchtete, nicht teilgenommen. Alles das beeinträchtigte den
Wert seines Sieges in seinen Augen bedeutend und er war ungeduldig
nach neuen Kämpfen.
Er übte unermüdlich. Er erreichte es zunächst, die hundert Meter in
derselben Zeit, wie auf dem Bundesschwimmen, aber in glatt
durchgeführtem Stil zu schwimmen; dann verbesserte er seine Zeit von
Woche zu Woche um ein weniges.
Als der Frühling kam und die ersten Ausschreibungen für die
Sommerfeste erlassen wurden, begann er, das frühere Training für
Strecken über drei- und fünfhundert Meter wieder aufzunehmen. Seine
Fortschritte setzten selbst seine Klubgenossen in Erstaunen. Sogar
Nagel, der ihn unausgesetzt beobachtete, sagte nichts mehr. Nach
außenhin bewahrte der Klub absolutes Stillschweigen.
Dann kamen die Siege dieses Sommers, einer nach dem andern: er siegte
zweimal auf den internen Veranstaltungen seines Klubs gegen seine
eigene Mannschaft, war dessen erklärter bester Schwimmer über alle
Strecken und in jeder Stilart und verzichtete damit fürs erste auf
die Beteiligung an Kämpfen mit seinen eigenen Leuten. Er schlug auf
dem schönen Fest des "Delphin" dessen besten Schulschwimmer im
Brustschwimmen über 150 Meter; er holte sich ein Diplom in
Reinickendorf und einen Ehrenpreis in Halensee. Und er erlebte einen
anderen, in seiner Art merkwürdigen Triumph. Er erreichte auf dem
diesjährigen großen Verbandsschwimmen im Kochsee, auf dem er zu dem
großen 500-Meter-Schwimmen um den Hauptpreis nicht gemeldet war, da
diesmal die abmahnenden Stimmen seines Klubs, die vor allzu hastigem
Vorgehen warnten, im Übergewicht gewesen waren, er erreichte auf
diesem Fest im Juniorenschwimmen über dieselbe Strecke, bei dem er
natürlich startete, eine Zeit, die so nahe an die des Siegers im
Hauptschwimmen heranreichte, daß alle Gegner schweigen und denen
recht geben mußten, die schon für dieses Jahr ungestüm eine
Beteiligung Franz Felders an ersten Konkurrenzen gefordert hatten.--
Das war auch ein Sieg, und nicht der schlechteste!
Dazu kamen noch in diesem Sommer seine ersten Reisen. Sie wurden über
den Sonntag gemacht, da er zur festgesetzten Zeit wieder bei seiner
Arbeit sein mußte. Im Fluge hin, im Fluge zurück; oft im Morgengrauen
zur Bahn, eine lange Fahrt, ein hastiger Sieg, ein Telegramm an den
Klub, und schon wieder zum Bahnhof zurück... Nur einmal konnte er ein
paar Tage Urlaub benutzen, um nach Stuttgart zu gehen, wo er zwei
Tage blieb. Auf diesen seinen ersten Reisen, die mehr Ausflüge waren,
unternommen auf Kosten seines Klubs und stets in Begleitung
irgendeines Kameraden, kam er nacheinander nach Magdeburg, Hamburg
und Stuttgart und im Spätherbst nochmals nach Hamburg, wo er den
schönsten aller seiner bisherigen Siege errang: in dem deutschen
Schulschwimmen einen Ehrenkranz mit Gravierung für ein tadellos
durchgeführtes Brustschwimmen von hundert Metern gegen und hundert
Metern mit dem Strom, bei dem die Art des Schwimmens, nicht nur die
Schnelligkeit gewertet wurde. In Stuttgart holte er sich den zweiten
Preis im Wettschwimmen über einhundert Meter, in Magdeburg den ersten
im Hindernisschwimmen: ein in seiner künstlerischen Ausführung
wirklich wertvolles Diplom.
Und dann hatte sich Felder im folgenden Winter in seiner
Meisterschaft von Berlin im Schwimmerbund über die kurze Strecke zu
behaupten: diesmal gegen Wenzel vom "Poseidon" und die besten
Berliner Schwimmer, und er tat es in einer Weise, die deutlich
zeigte, welche Sicherheit ihm bereits die sommerlichen Siege
verliehen hatten--er schwamm die kurze Strecke nicht nur in reinstem
spanischem Stil und verbesserte seine eigene Zeit gegen das Vorjahr
nicht nur um fast drei Sekunden, sondern er schlug den gefürchtetsten
Gegner, der alles daran setzte, die verlorene Meisterschaft wieder zu
gewinnen, um eine ganze Sekunde.
Zum zweiten Male war er Meister von Berlin geworden. Kaum war ein
kurzes Jahr vergangen, und doch: welcher Unterschied zwischen heute
und damals!
Als er--umstanden von seinen jungen und alten Klubfreunden--sein
Trikot überzog und der immer behäbiger werdende Brüning den anderen
in seiner spöttisch-gutmütigen Art erzählte, wie sie ihn damals vom
Sofa aufgeweckt und den Mutlosen in einer Droschke hierher gebracht,
dachte Felder selbst einen Augenblick an die trübe, einsame
Viertelstunde, in der er hier allein niedergedrückt bei dem grauen
Zwielicht eines trüben Wintertages gesessen, fast verzweifelnd an
sich und seiner Zukunft.
Heute zweifelte er nicht mehr. Er dachte überhaupt wenig mehr an
Siegen und Unterliegen. Die heitere Zuversicht der Ruhe, erworben in
so manchen ernsten Kämpfen des letzten Jahres, war über ihn gekommen,
und kaum ließ die Erwartung jetzt sein Herz höher schlagen, wenn ein
neuer Sieg ihn reizte. Er wußte, er tat, was er konnte, und er tat es
in erster Linie für seinen geliebten Klub. Er hatte ihm bereits Ehre
gemacht. Er wußte es, und er war stolz darauf. Als das Diplom des
Bundesschwimmens, das seinen Namen trug, in dem alten, gemütlichen
Klubzimmer der Lindenstraße, wo der Klub nun schon seit fast einem
Jahrzehnt tagte, dieser Stätte so zahlreicher, erregter Debatten, so
zahlloser freudiger und gehobener Stunden, zwischen der Unmenge
Ehrengeschenke und Urkunden vergangener Tage seinen Platz fand, wich
zum ersten Male recht eigentlich das Gefühl einer gewissen Fremdheit,
das ihn nie ganz verlassen hatte, von ihm: denn jetzt hatte der
Arbeitersohn aus dem Osten angefangen, seine Schuldzurückzuzahlen,
und man brauchte es nicht mehr zu bereuen, den armen Jungen unter
sich aufgenommen zu haben. Und er schwur sich damals und viele Male
später, immer und immer wieder zu: ganz und bis aufs letzte die in
seinen Augen so unermeßliche Schuld zurückzuzahlen, und vielleicht
nicht nur das, sondern dem "S.-C. B. 1879" mit Zinsen und
Zinseszinsen zu vergelten, was er an ihm getan.
Daher freute er sich an jedem seiner Erfolge, nicht nur für sich,
sondern auch für seinen Klub mit. Und so glücklich er auch war, einen
Preis nach Hause tragen zu dürfen und die Ehrenzeichen und Medaillen
auf seiner Brust sich vermehren zu sehen--lieber war es ihm doch noch
und größer seine Siegerfreude, wenn er seine Preise in den Besitz des
Klubs übergehen und dort die Wand zieren sah, während ihm selbst nur
eine einfache Urkunde--gewissermaßen als Bestätigung--zuteil wurde.
So rein und ehrlich war seine Freude, daß er fast noch keine Neider
hatte, wenigstens nicht unter seinen Leuten. Er war noch ganz der,
als den sie ihn damals aufgenommen hatten, wenn er auch äußerlich ein
junger, eleganter Mann geworden war, der es lernte, Wert auf sein
Äußeres zu legen. Auf seinen Lippen zeigte sich der erste Flaum, aber
sein Körper--obwohl Felder auch im letzten Jahre tüchtig in die Höhe
geschossen war--zeigte noch immer die unentwickelte Formen des
Knaben, und wenn er an den Start ging, verschwand seine Gestalt fast
neben denen der anderen. Wer ihn nicht kannte, prophezeite ihm vor
seinen meist voll entwickelten, muskulösen Gegner sicher nicht den
Sieg, bis er ihn mit kurzen und sicheren Schlägen das Wasser teilen
und den schmächtigen Schwimmer schnell allen vorauseilen sah.
Diese Liebe zu seinem Klub, diese fast kindliche Freude an seinen
ersten Triumphen, diese so bescheidene und doch selbstbewußte
Zurückhaltung und Ruhe, die Felder eigen war, erhöhte seine
Beliebtheit im Klub von Tag zu Tag; und wann immer er kam, woran er
auch teilnahm, stets war er gern gesehen und fühlte sich mehr und
mehr heimisch in diesem Leben, das mehr als je fast jede seiner nicht
der Tagesarbeit gewidmeten Stunden in Anspruch nahm. Noch immer waren
und blieben die besten seiner Freunde die alten: Nagel, der treue und
ernste Berater; Brüning, dessen ausgesprochener Schützling er blieb
und der, so oft er nur konnte, den Unerfahrenen auf seinen Reisen
begleitete und natürlich stets alles zahlte; und Koepke, der
Unzertrennliche, sein Schatten, der bei jedem neuen Siege von neuem
aus dem Häuschen geriet und ihm Erfolge voraussagte, über die Felder
selbst einstweilen nur lächelte. Aber auch an manchen anderen
Klubgenossen hatte er wahre und aufrichtige Freunde, die verlernt
hatten, sich an seiner Schwerfälligkeit und Wortkargheit zu stoßen
und ihm näher standen, als Felder es selbst wußte.
Und noch eines trug dazu bei, seine Beliebtheit zu erhöhen: trotz
seiner erstaunlichen Fortschritte und der in Anbetracht seiner Jugend
außergewöhnlichen Siege drängte er sich doch nie zu den Konkurrenzen,
und immer war es der freie Entschluß seines Klubs, der ihn--vor der
von Brüning und einigen anderen gelenkten Majorität sich beugend--
hinaussandte. So ließ er sich ruhig mitnehmen in die fremden Städte,
überwand schnell das anfängliche Unbehagen der hastigen und
überstürzten Fahrten, und tat sein Bestes, sich für die Kämpfe
möglichst frisch zu erhalten, indem er geduldig die Ratschläge seiner
Begleiter über sich ergehen ließ und aß und schlief, wenn diese es
für nötig erachteten, und nicht, wenn er hungrig und müde war. Die
Reisen selbst interessierten ihn wenig: er sah wohl hier und da eine
Sehenswürdigkeit der fremden Stadt, wenn es zufällig eine freie
Zwischenstunde erlaubte, auch machte das neue und bunte Hafenleben
Hamburgs einigen Eindruck auf den Binnenländer, aber im allgemeinen
drehten sich seine Erinnerungen an diese Reisen doch nur um
deren Zweck und Ziel: um die Wettläufe am Nachmittag und die
Preisverteilung am Abend, und die glichen sich alle mehr oder minder,
mochte es nun in Hamburg sein oder in Stuttgart oder Berlin.
Aus diesem Jahre, vielleicht dem glücklichsten seines kurzen Lebens,
stammte eine Photographie, auf der er sich zum ersten Male bildlich
im Schmucke seiner Siegeszeichen zeigte. Die kleine, braune
Rettungsmedaille war fast nicht mehr sichtbar unter den sechs bis
sieben großen Silbermünzen, die bereits eine ganze Reihe auf der
linken Brustseite bildeten; und um den Hals trug der junge Meister
bereits das breite Band mit der kleinen, vergoldeten Medaille, das in
leuchtenden Buchstaben den frühen Ruhm seines Trägers verkündete.
Als der "Welt-Sport", das berühmte und angesehenste Sportblatt der
ganzen Welt, Felder um sein Bild bat und es zu Ende dieses Winters
seinen Lesern zeigte, schrieb es dazu:
"Wenn wir heute--entgegen unserer sonstigen Gewohnheit--unseren
Lesern das Bild eines jungen Schwimmers zeigen, dessen Name, obwohl
bereits rühmlich bekannt in seinen Kreisen, doch noch keine
eigentlich nationale Geltung erlangt hat, so tun wir es in der
sicheren Überzeugung, daß der Name Franz Felder eines, vielleicht
nicht einmal fernen Tages über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus
genannt werden wird. Was uns zu diesem Ausspruch treibt, sind nicht
so sehr die in Anbetracht seiner Jugend allerdings außergewöhnlichen
Leistungen und staunenswert schnellen Fortschritte dieses Schwimmers,
sondern vor allem die Beobachtung der ganz nur auf ein Ziel
gerichteten Energie dieses jungen Mannes, mit der er von früh auf
sich selbst gesteckte Ziele rastlos und unbekümmert zu verfolgen
scheint... Wir wüßten unter allen deutschen Schwimmern der jüngeren
Generation keinen, der uns so zu den höchsten Hoffnungen berechtigt
erscheint, wie Franz Felder, der Meister von Berlin über die kurze
Strecke der letzten beiden Jahre..."
Als an einem Sitzungsabend des Klubs die Nummer herumgereicht und von
allen Seiten mit launigen und spöttischen Bemerkungen über den
Schreiber begleitet wurde, war es wieder nur Nagel, der ernst blieb.
Indem er verstohlen das Bild mit dem ihm seit Jahren bekannten
Gesicht verglich und Zug für Zug hier wiederfand, was er dort
so gut kannte: die niedrige, trotzige Stirn, den Mund mit den
ausdrucksvollen, gewölbten Lippen, das energische Kinn und die oft so
unnatürlich ernsthaft blickenden blauen Augen mit den scharf
gezogenen Brauen darüber--da mußte er innerlich dem gewiegten und in
allen Lebenssätteln gerechten Menschenkenner des großen Sportsblattes
recht geben und seiner Beobachtungsgabe Bewunderung zollen. Aber was
jenen, den gleichgültigen Kritiker, so zu überschwänglichen
Prophezeiungen begeisterte, erfüllte ihn mit heimlich-banger Sorge um
seinen Schützling.
Er sprach nicht aus, was er dachte. Man würde ihn mitverlacht haben.
Denn für die meisten anderen lag alles dies, was er in diesem
Augenblick in voller Schärfe sah, noch verborgen unter der Weichheit
der Jugend, die in diesen Zügen noch nichts Hartes hervortreten ließ,
und gerade in dieser Stunde, in diesem lustigen Kreise, unter diesen
ihm so vertrauten und lieben Menschen, kam alles, was in Felders
Natur an unbekümmerter Fröhlichkeit, an sich und anderen vertrauender
Güte und natürlicher Liebenswürdigkeit lag, hervor. Mit den anderen
lachte er über die Überschwänglichkeiten des Reporters, denn wenn je
in ihm die Stimme des Ehrgeizes geschwiegen hatte, so rat sie es
jetzt. Seine ersten Siege hatten ihn beruhigt. Wenn es so leicht war,
zu siegen--nun, dann wollte er noch oft siegen. Aber wozu darüber
nachdenken?--Das würde alles schon kommen, wie es kommen sollte. Für
ihn war die Hauptsache, daß er seinem Klub Ehre und Freude machte.
Hier hatte er die Heimat seiner knabenhaften Wünsche gefunden, und
hier wollte er bleiben. Sein Klub würde ihn leiten und ihm sagen, wie
weit er zu gehen, wo er stehen zu bleiben hatte. Er vertraute sich
ihm ganz.
Er war ganz ruhig, ganz sicher, ganz glücklich.
Er hatte ein großes Vertrauen in seine Kraft gewonnen. Denn er fühlte
sie wachsen von Tag zu Tag, von Tag zu Tag!
9
Sie waren eine glückliche Zeit für den jungen Schwimmer--die Jahre
dieses rapiden, sicheren und doch nicht überhasteten Aufstiegs.
Aber nie schien ein Sommer in Franz Felders Leben so voll Sonne zu
werden wie dieser nächste, der seines achtzehnten Lebensjahres, in
dem er seine Lehrzeit beendete und in dem er in einer Fülle anderer
erstklassiger Siege, die sich Schlag auf Schlag in fast
beängstigender Schnelle folgten, auch seine erste, ganz große
Meisterschaft und mit ihr die große goldene Medaille erfocht: die
Jahresmeisterschaft von Deutschland über die große Strecke von
tausend Metern--den schönsten und reinsten aller seiner bisherigen
Siege.
Der Wunsch, sich an diesem höchsten Wettkampf zu beteiligen, um den
alle ersten Schwimmer Deutschlands Jahr für Jahr mit ihrem besten
Können rangen, hatte lange in ihm gelegen, bevor er sich
hervortraute. Die kurze Strecke, über die er sich Meister fühlte,
reizte ihn schon nicht mehr. So kam es, daß er sich mehr und mehr auf
die langen Strecken legte und im Frühjahr dieses Jahres wochenlang
überhaupt nur noch über tausend Meter trainierte, bis er auch hier
Zeiten erreichte, die sich kühnlich neben anderen sehen lassen
konnten. Aus dem unübertrefflichen Flieger war ein ausgezeichneter
Steher geworden. Als daher die Beratungen über die jährliche
Beteiligung begannen, konnten die schwachen und vereinzelten Einwände
meist älterer Mitglieder gegen ihn nur seiner Jugend gelten, und sie
wurden von dem allgemeinen lebhaften Verlangen des Klubs nach neuen
und größeren Siegen auf neuem Gebiet glatt überstimmt.
Das große Schwimmen des "Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes"
sollte in diesem Jahre besonders großartig ausgestaltet werden, jede
Art von Konkurrenz im Schwimmen, Springen und Tauchen umfassen und
sich über zwei ganze Tage erstrecken, einen Sonnabend und einen
Sonntag im Juli. Als Ort war diesmal Grünau gewählt, der allbekannte
Sportplatz an der Dahme, der "wendischen Spree", dem Heim der großen
Regatten. Seit Jahren waren keine zahlreicheren und bedeutsameren
Meldungen aus allen Orten Deutschlands eingetroffen, und die gesamte
Schwimmwelt blickte den entscheidenden Tagen mit außergewöhnlicher
Spannung entgegen. Der "Schwimmklub Berlin 1879" hatte neben Felder,
der am ersten Tage in einem 200-Meter-Schwimmen, am zweiten sich an
dem großen Schwimmen beteiligen sollte, seinen ausgezeichneten
Springer, Grafenberger, und zu den kleineren Wettkämpfen mehrere
verheißungsvolle Kräfte gemeldet, so daß er schon nach der Zahl
seiner Meldungen im Vordergrund des Interesses stand!--
Der Eröffnungstag, der Sonnabend, war nicht vom Wetter begünstigt und
verlief auch sonst unbefriedigend. Grafenberger hatte seinen
schlechten Tag, und sogar Felder holte sich nur einen zweiten Preis,
indem er gegen den Meisterschwimmer Westdeutschlands aus Frankfurt
über die 200-Meter-Strecke unterlag. Man trennte sich unter
strömendem Regen früh, um sich zu dem Haupttage durch ausgiebigen
Schlaf zu rüsten.
Um so zahlreicher und auserlesener war am Sonntag die Zuschauermenge,
die in dichten Reihen die Holzbänke an dem sanft aufsteigenden Ufer
zu vielen Hunderten schon vor der angesetzten dritten Stunde des
Beginnes besetzt hielt, während von einem wolkenlosen, blauen Himmel
die Sonne in vollster Pracht auf Wasser, Wälder und sie, die
Menschen, herniederstrahlte.
Fast alles, was in der Welt des Schwimmsports einen Namen hatte, war
vertreten. Man sah mehr bunte Mützen und Farben als je zuvor, und aus
der Zahl der Zuschauer und der Vertreter und Deputierten öffentlicher
Behörden konnte man ersehen, welchen Aufschwung das Schwimmwesen in
den letzten Jahren genommen und wie sehr es an Interesse in weiteren
Kreisen gewonnen haben mußte.
Von Anfang an wurden alle Rennen mit allgemeinster Aufmerksamkeit
verfolgt, und selbst solche, die sonst nur Ermüdung und Langeweile
bei den Zuschauern hervorzurufen pflegten, wurden mit Beifall
begleitet.
Als dann aber das Hauptschwimmen kam, als die schlanke, ebenmäßige
Gestalt Felders die Flut mit der Regelmäßigkeit und Kraft eines
Dampfers durchschnitt, als er erst den bestaunten Koloß der
Hamburger, dann den Meister der langen Strecke von Süddeutschland,
endlich in der letzten Länge auch den bisher als unbesieglich
geltenden Karl Becker, den Sieger des Vorjahres, hinter sich ließ und
vor allem ebenso ruhig aus dem Wasser stieg, wie er hineingegangen
war, da löste sich die aufs höchste gestiegene Spannung in einem
nicht endenwollenden Jubel. Es war ein Sieg, so rein und schön
erfochten, daß jedes Mäkeln und Deuteln vor ihm verstummte; und so
einfach und ungezwungen war die Haltung des Siegers (als habe er das
Selbstverständlichste der Welt getan), daß man nicht anders konnte,
als ihn bewundern und lieben zu gleicher Zeit.
Felder konnte sich vor den Beglückwünschungen kaum retten. Da es ihm
bei seiner Schwerfälligkeit noch immer lästig war, vor so vielen
fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, suchte er sich ihnen
möglichst bald zu entziehen. Heute hatte er einen guten Grund.
Seine ganze Familie hatte heute ausnahmsweise "nach Grünau
hinausgemacht", um "einmal zu sehen, auf welche Weise er denn zu all
diesen schönen Geschenken und den Medaillen käme". Franz hatte zuerst
protestiert. Was fiel ihnen plötzlich ein?--Er wollte sie nicht da
haben. Sie sollten ihre eigenen Wege gehen, wie er die seinen ging.
Aber er konnte ihnen schließlich nicht verbieten, unter den
Zuschauern zu sein und zuzusehen. So hatte er ihnen denn möglichst
gute Plätze verschaffe und im benachbarten Restaurant einen großen
Tisch am Wasser belegt. "Einen recht großen, denn es würden noch
mehrere dabei sein", meinte sein Vater.
Jetzt kam ihm diese ganze Familiengeschichte gerade recht, um sich
auf eine Stunde den anderen zu entziehen. Auch war er ganz zufrieden,
daß die Seinen nun endlich einmal gesehen hatten, was aus ihm
geworden war, wenn sie auch nicht viel davon verstanden. Denn mehr
als je zerfielen für ihn die Menschen in die zwei Klassen: in die,
die schwimmen konnten, und in die, die es nicht konnten...
Als er--die Brust bedeckt mit seinen Siegeszeichen--an den Tisch
trat, fand er auch bereits seine Familie fast vollzählig vor: die
Geschwister, verheiratete und unverheiratete, waren da, die Kinder
der ersteren und andere Verwandte. Außerdem befreundete Familien, von
denen er nur einzelne Mitglieder kannte--alle bunt durcheinander.
Man hatte ihm einen Ehrenplatz oben am Tische aufgehoben. Er sah sich
flüchtig um. Zu seiner Linken saß ein junges Mädchen, das ihm fremd
war, zur Rechten seine alte Mutter. Ein paar Plätze von ihm entfernt
machte sich ein beleibter Herr mit einer mächtigen Bowle zu schaffen.
Überall bekannte Gesichter.
Franz nickte seiner Mutter zu.
Mit einem schwachen und seltenen Versuch, zu scherzen (sein neuer
Sieg hatte ihm Mut gemacht) meinte er:
--Na, Mutter, heute ging es ja noch mal gut; aber das nächste Mal
ertrinke ich dann sicher.--Die alte Frau glaubte nämlich noch immer,
ihr Franz müsse eines schönen Tages seinen Tod im Wasser finden. Ins
Wasser gehen bedeutete für sie, sich ganz unnötigerweise einer Gefahr
aussetzen; und wenn sie in letzter Zeit auch begriff, weshalb ihr
Sohn das tat--denn er brachte doch die schönen Preise nach Hause--so
war sie doch immer noch nicht aller Sorge ledig. So antwortete sie
denn nur:
--Wenn du auch schwimmen kannst, ertrinken kannst du doch!...
Man lachte sehr über ihre Antwort, und Franz lachte mit, obwohl er
sich ein wenig über das Unverständnis der alten Frau ärgerte.
Da hörte er sich plötzlich von links her angesprochen:
--Kennen Sie mich denn wirklich nicht mehr, Herr Felder?--
Er sah seine Nachbarin überrascht an. Schon als er sich setzte, war
sie ihm aufgefallen, und er hatte gedacht, wer sie wohl sei. Sie war
noch ganz jung, etwa in seinem Alter, und sehr elegant gekleidet: ein
weißes Sommerkleid mit rotem Besatz, ein großer Strohhut, blonde
Haare und ein Stumpfnäschen, sehr hübsch und schon recht
selbstbewußt--so kam sie ihm vor. Er sah ihr nun gerade ins Gesicht;
dann sagte er aufs Geratewohl:
--Aber gewiß, Fräulein, voriges Jahr auf dem Bundesfest...
Er hatte sie nie gesehen. Es kam überhaupt selten vor, daß er mit
Damen sprach. Höchstens auf den Vereinsvergnügungen oder auf den
Schwimmfesten, wo er von den Damen, die den Sieger in der Nähe sehen
wollten, zum Tanze geholt wurde, machte er eine flüchtige
Bekanntschaft.
Sie lachte laut.
--Nein, sagte sie, es ist viel länger her...
--Viel länger her?--
Er wußte nicht, was sie meinte. Er wußte es wirklich nicht, soviel er
sie auch ansah.
Sie lachte noch immer; dann kam sie ihm zu Hilfe.
--Na, wir haben doch immer zusammen gespielt, als wir noch Kinder
waren. Wissen Sie denn nicht mehr, in der Fruchtstraße, im Hof, da
wohnten wir doch. Vatern gehörte doch dazumalen das Haus...
Ja, jetzt erinnerte er sich dunkel, aber auch nur ganz dunkel. So
oft, wie sie sagte, "immer", konnten sie übrigens nicht zusammen
gespielt haben, denn er war doch meist fort gewesen, am Wasser. Aber
daß sie sich als Kinder gekannt hatten, war schon richtig, denn er
erinnerte sich jetzt sogar ihres Namens: Elise Heinecke.
--Na, Sie hätte ich aber nicht wiedererkannt, Fräulein Heinecke!
--Ja, glauben Sie, ich Sie?--Aber als wir neulich Ihren Namen im
"Morgenblatt" lasen, meinte Vater, ob das wohl dieselben Felders
sind, die dazumal in der Fruchtstraße bei uns gewohnt haben; und da
er doch alles kennt, ist er denn gleich zu dem Herrn Faßbender, was
doch der Vorsitzende von Ihrem Verein ist, gegangen, und der hat ihm
gesagt, wenn wir uns überzeugen wollten, brauchten wir nur heute nach
Grünau zu machen, da würden wir Sie schon in Ihrem Glänze sehen.
"Machen wir!" sagte Vater, und auf dem Bahnhof haben wir denn auch
gleich Ihre Eltern getroffen. Nein, können Sie aber schwimmen!
Die letzte Bemerkung machte Franz warm. Überhaupt, er wußte nicht,
was es war, aber sie gefiel ihm ausnehmend. Es war so leicht, sich
mit ihr zu unterhalten. Sie fragte und verstand immer Dinge zu
fragen, auf welche er Antwort zu geben wußte. Und wenn er keine gab,
so sprach sie gleich weiter und nahm es nicht weiter übel.
Das Schwimmen war vorüber, und der große Garten füllte sich bis auf
den letzten Platz mit Sportsfreunden und Zuschauern. Überall an den
Tischen gruppierten sich die durstigen Mitglieder der vielen Vereine
und ihre zahlreichen Angehörigen. Ganz dicht am Wasser an der anderen
Seite hatte sich der S.-C. B. 1879--heute der Mittelpunkt aller
anderen--einen langen Tisch reserviert.
Als Felder, bereits von allen Seiten vermißt, von seinen Leuten
gefunden und fortgeholt wurde, war er erstaunt, zu hören, wie
schnell die Zeit vergangen war. Er mußte versprechen, nach der
Preisverteilung wiederzukommen, um teil an der Bowle zu nehmen, und
der alte Heinecke, stolz auf sein gelungenes Werk, sagte ihm
mindestens dreimal, sie sei nur ihm zu Ehren angesetzt. Wichtiger
aber war für Franz, was auch die Tochter sagte, als er ging: "Ja,
Herr Felder, kommen Sie bald wieder. Sie müssen mir noch viel über
Ihre Siege erzählen."
Er dachte an sie, als er unter seinen Freunden saß, und zum ersten
Male, solange er denken konnte, hätte er eine andere Gesellschaft als
die seines Klubs vorgezogen, und immer wieder blickte er nach dem
Tische hinüber, von wo ein weißes Kleid wie grüßend zu ihm
herüberschimmerte.
Als jedoch die Preisverteilung in dem großen Saale des Restaurants
stattfand, als er aus den Händen des ersten Verbandsvorsitzenden die
schöne große Medaille von Gold erhielt und ihm das breite,
dreifarbige Band, an dem sie hing, um den Hals gelegt wurde, als an
sein Ohr die Worte schlugen, die ihm galten--: "Wohl noch nie ist ein
Sieg, wie der heutige, von einer so jungen Kraft errungen worden. Was
aber seinen Wert noch erhöht, ist die tadellose Art, in der er
gewonnen wurde. Indem ich Ihnen, Herr Franz Felder, daher hiermit den
großen Preis Ihres Sieges, den von allen deutschen Schwimmern am
heißesten begehrten, überreiche, kann ich keinem anderen Wunsche
Ausdruck geben als dem: Möchten alle Ihre künftigen Siege, mein
junger Meister von Deutschland, so rein und schön sein wie dieser
heutige..."--als diese Worte an Felders Ohr klangen und ihn dann
wieder der ungezügelte Jubel des ganzen Saales umtoste, da hatte er
alles, alles in der Welt vergessen, bis auf seinen geliebten Sport,
und nur ein Wunsch, eine Sehnsucht hielt ihn wieder gefangen: sich
immer würdig zu zeigen der hohen und großen Ehre dieses Tages.
So sehr hatten ihn die einfachen, warmen Worte des alten Herrn
ergriffen, daß er lange Zeit brauchte, um sich zu sammeln. Jeder
wollte mit ihm sprechen, jeder ihn und sein Ehrenzeichen sehen. Man
zog ihn an diesen Tisch und an jenen, überall wurden ihm offene Hände
und gefüllte Gläser entgegengestreckt; er mußte antworten, anstoßen
und mittrinken, und als er sich endlich seines Versprechens erinnerte
und an den Tisch zurückkehrte, wo ihn die Bowle, seine Familie und
ein junges Mädchen erwarteten, da begannen bereits die ersten
Schatten des Abends zu fallen. Wie er sie wiedersah, war er gleich
wieder in dem Bann dieser braunen, lustigen Augen. Er nahm die
Glückwünsche seiner Familie und eine lange, schwülstige Rede des
dicken Hausbesitzers hin, weil es so sein mußte, aber er sprach fast
nur mit ihr.
Sie schmollte erst ein wenig mit ihm, daß er nicht eher gekommen war,
aber sie begriff doch, daß er an einem solchen Tage viele
Verpflichtungen habe; denn wenn sie auch, wie sie lachend meinte,
wohl seine älteste Bekannte hier im Garten sei, so kannten ihn doch
alle anderen besser als sie. Sie erzählte ihm, wie sie im Saale
gewesen sei und ganz dicht bei der Tribüne gestanden habe, so daß sie
jedes Wort gehört habe. Sie bewunderte nach Gebühr seine neue
Medaille und las Wort für Wort die Inschrift auf dem Bande, wobei sie
es, wie liebkosend, durch die Hand gleiten ließ. Dann kam sie auf die
vorhin unterbrochenen Erklärungen seiner anderen Preise zurück, und
von neuem mußte Franz ihr Herkunft und Bedeutung eines jeden
erklären. So erfuhr sie von allem, was seinem Leben bisher Inhalt und
Wert gegeben, und es schien sie aufrichtig zu interessieren, so daß
sich Felder sagte: das ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein
kluges Mädchen.
Später gingen sie miteinander durch den Garten, und wieder stellte
sie Fragen, die zu beantworten ihm Freude machte. Sie wollte wissen,
wer die an diesem und die an jenem Tische waren, ob es befreundete
oder fernstehende Vereine waren. Sie fragte nach den Namen von
solchen, deren Brust sie, wie die seine, mit Preisen bedeckt sah.--
Waren es Springer oder Schwimmer, wie er?--Hatte er schon mit ihnen
gekämpft und hatte er sie geschlagen?
Es machte ihr offenbar Freude, so an seiner Seite durch die Reihen
der Tische zu gehen, zu sehen, wie Felder überall von Grüßen und
Zurufen begleitet wurde, und dabei mit angesehen zu werden.
In demselben Saale, in dem die Preisverteilung stattgefunden, wurde
jetzt getanzt. Als sie hörte, daß er zwar etwas tanze, sich aber
nichts daraus mache, meinte sie auch, es könne kein besonderes
Vergnügen sein, in dem heißen und überfüllten Räume sich
herumzudrehen, wo es doch draußen jetzt so schön kühl geworden sei.
Die Bowle war fast geleert, und überall im Garten brannten die
Lichter, als sie von ihrem Rundgang an ihren Tisch zurückkehrten. Man
war natürlich wieder dagewesen und hatte nach Franz gefragt. Die
alten Leute waren müde geworden und wollten nach Hause. Die Kinder
schliefen schon zum Teil, und man brach auf, da man dem kolossalen
Gedränge der letzten Züge und der Gefahr, überhaupt nicht mehr
mitzukommen, entgehen wollte. So brach die ganze Gesellschaft
zusammen auf. Franz wollte sie noch bis zum Bahnhof begleiten, bevor
er sich endlich wieder zu seinen Kameraden gesellte.
Man ging in einer langen Reihe durch den Kiefernforst zu der etwa
zehn Minuten entfernten Station.
Es kam wie von selbst, daß der junge Mann und das junge Mädchen die
letzten wurden.
Als die Lichter der Häuser in Grünau hinter ihnen lagen, umgab sie
die Dunkelheit des Waldes, und sie konnten nur noch die Zurufe der
vor ihnen Gehenden hören, ohne die Gestalten mehr recht zu
unterscheiden.
Die beiden gingen dicht nebeneinander, so schmal war der Weg.
Unsicher über seine Richtung in dem tiefen Dunkel unter dem dichten
Nadelholz, kam es, daß sie sich berührten, wenn sie ihn mit ihren
Schritten suchten. Sie war Stumm geworden, und er, nicht mehr von ihr
gefragt, wußte nicht, was er sagen sollte. Sie mußten ziemlich weit
zurückgeblieben sein, denn das Sprechen und das Gelächter der Ihren
tönte zu ihnen zurück wie aus weiter Ferne.
Wieder stießen sie in der Dunkelheit aneinander, und er hörte, wie
sie lachte. Ihr Lachen machte ihm Mut, und er fragte:
--Soll ich Ihnen nicht meinen Arm geben, Fräulein? Sie werden sonst
noch fallen.
--Nehmen Sie mich bei der Hand, gab sie zur Antwort, und er fühlte
ihre weichen, warmen Finger in den seinen. Und dann--wie es kam,
wußte er nicht--blieben sie beide stehen. Er legte seinen Arm um ihre
Taille und beugte sich nieder, um sie zu küssen. Er stieß erst gegen
ihren breiten Sommerhut, berührte ihre Wange und küßte sie dann
mitten auf den Mund. Sie hielt ganz still.
Dann sagte sie nur:
--Aber nicht doch, Herr Felder...--
Aber sie ließ seine Hand nicht los, und nach einigen Schritten
blieben sie wieder stehen. Diesmal brauchte er nicht zu suchen, denn
sie hob das Gesicht zu ihm empor, und er küßte sie wieder und wieder
und wieder, und er täuschte sich nicht, wenn er fühlte, wie ihr Mund
seinen Mund immer von neuem suchte.
Endlich aber wich sie von ihm zurück.
--Wir müssen uns eilen, sagte sie hastig und eindringlich, die
anderen müssen schon am Bahnhof sein.
Sie gingen Hand in Hand so schnell wie möglich, aber keines von ihnen
sprach ein Wort. Sie war es, die vorwärts trieb. Bevor sie in die vor
ihnen heller und heller aufleuchtenden Lichter hinaustraten, suchte
er sie noch einmal an der Hand zurückzuhalten. Aber sie sagte:
--Nein, nein. Wir müssen uns eilen.--Und sie gingen weiter.
Sie wurden von der ganzen Gesellschaft gesehen, wie sie aus dem Walde
traten. Sie warteten alle vor dem Bahnhof auf den Abgang des Zuges.
Der alte Heinecke machte ein böses Gesicht und ging auf seine Tochter
zu. Man suchte den Wartesaal auf. Der Zug hatte natürlich Verspätung.
Dort, in der gräßlichen Enge und Hitze des vollgedrängten Raumes,
suchte sich Felder dem Mädchen vergebens noch einmal zu nähern. Nur,
als endlich alle auf den Bahnsteig strömten, gelang es ihm, ihr noch
einige Worte zu sagen:
--Sie werde doch ganz sicher in acht Tagen auf das Kochseefest
kommen?--Vater sei sehr böse, flüsterte sie zurück,--aber sie wolle
sehen... Der Ausdruck ihres Gesichtes erschien ihm ganz verändert,
wie sie an ihm vorbeiging. Alle Freundlichkeit schien aus ihm
geschwunden; es war eine ganz andere als die, welche er noch eben in
seinen Armen gehalten.
Als sie alle in dem bereits überfüllten Zuge untergebracht waren--die
einen hier, die anderen dort, aber alle auseinander gerissen--und er
Eltern und Verwandten Adieu gesagt, suchte er sie noch einmal mit den
Augen. Aber er fand die Abteilung nicht mehr, wo sie eingestiegen
war.
Eilig ging er den Weg zum Garten zurück. Er fühlte sich so leicht und
glücklich wie nie zuvor in seinem Leben.
Als er unter seine Freunde trat, wurde er mit Jubel, aber auch mit
unmutigen Bemerkungen über sein Fernbleiben empfangen.
Ob er wohl lange genug Familie gesimpelt habe?--Und ein anderer rief
über den Tisch hin:
--Laßt ihn, Franz hat eine Braut...--
Felder kümmerte sich um nichts, sondern griff nach einem Glase. Er
war durstig, durstig und glücklich, und er wurde selbst nicht böse,
als ihm ein Dritter in täppischer Vertraulichkeit zuflüsterte:
--Du, die kleine Heinecke mußt du dir festhalten. Der Alte hat
Moneten wie Heu. Zwei Holzplätze im Norden...
Ob er sich wohl _darum_ gekümmert hatte!--Er wußte nicht einmal, was
der Alte war. Aber das hatte er sich schon gedacht, daß die
Bemerkungen nun nicht ausbleiben konnten.
Ein Übermut ergriff ihn, der ihm sonst ganz fremd war. Er hörte
nicht, was die anderen sagten. Er lachte und trank und ließ sie
reden. Ein schönes Mädchen, ein kluges Mädchen, und wie sie küssen
konnte!...
Es war ein wunderbarer Sommerabend, weich und warm. Die breite
Wasserfläche lag still und schwarz und nur vom anderen Ufer her
blinkten noch einige Lichter.
Die Bänke und Tische wurden leerer und leerer. Aber noch gegen
Mitternacht, als sich der Schwarm verlaufen hatte, kamen an dem
Tische der 79er einige der angesehensten Sportkameraden zusammen, um
unter sich bei einem letzten Glase nochmals den Sieg des heutigen
Tages zu feiern, und unter allen Ehrungen dieses und aller
vorhergehenden Feste war keine schöner und wertvoller für den jungen
Sieger als die einfache und neidlose Bewunderung, die ihm die Besten
ihrer Kunst in dieser späten Stunde darbrachten, indem sie sich zu
ihm gesellten. Wieder wurde er ganz der Schwimmer, der er mit Leib
und Seele war, und wieder fühlte er sich hier, nur hier unter den
Seinen, zu Hause wie sonst nirgends auf der Welt.
Erst als sie lange nach Mitternacht Brünings Motorboot bestiegen und
das sicher gelenkte, elegante Fahrzeug lautlos an den flachen Ufern
vorüberglitt, während sich die Müdigkeit über die in den Ecken
Hockenden und Liegenden breitete, kehrten seine Gedanken noch einmal
zu dem jungen Mädchen zurück, das er heute in seinen Armen gehalten
und das seine Küsse so willfährig und so innig erwidert hatte, und er
konnte in dieser stillen Stunde dem sehnsüchtigen Wunsche nicht
wehren, nur noch einmal wieder diese Lippen mit den seinen zu
berühren, diese weichen Lippen, die so verständnisvoll zu fragen, so
freundlich zu lächeln und so heiß zu küssen verstanden.
10
Acht Tage später schwamm er auf dem Feste des "Deutschen
Wettschwimmkartells".
Zum ersten Male, solange Felder sich an den Kämpfen beteiligte,
waren seine Gedanken nicht ganz und ungeteilt bei seiner Aufgabe,
obwohl es durchaus kein sicheres Schwimmen für ihn war. Es galt einen
vielbegehrten Wanderpreis, der erst nach dreijährigem, Jahr auf Jahr
errungenem Siege in den Besitz des Klubs überging, den Preis der
Stadt Charlottenburg, zum zweiten Male zu gewinnen, und Felder wußte
ganz gut, daß sein großer Sieg des letzten Sonntags die Gegner nur
noch hitziger gemacht hatte. War doch der Sieger des vorletzten
Jahres, Biedermann vom "Ersten Charlottenburger Schwimmklub", unter
seinen Gegnern und brannte darauf, ihm heute den bereits einmal
erstrittenen, dann wieder verlorenen Preis seiner eigenen Stadt
streitig zu machen. Er wußte also gut, daß er sich zusammenzunehmen
hatte.
Aber er konnte nicht so ruhig sein wie sonst. Immer wieder überflog
sein Auge die Menschenmengen, die an dem abgegrenzten Ufer des
Wassers langsam die Zuschauerreihen der Bänke zu füllen begannen,
ohne unter ihnen das weiße Kleid mit dem roten Besatz und den großen
Hut erkennen zu können. Selbst als sein Schwimmen begann, und er an
den Start ging, suchte noch sein Blick in dem dichten Gewühl eine
Gestalt zu unterscheiden, ohne daß es ihm gelang. War sie gekommen,
wie sie versprochen? Oder nicht?
Er dachte immer wieder daran, als er im Wasser lag und die ersten
Längen schwamm. Und so kam es, daß er in der Mitte der vierten
plötzlich dicht vor sich den Charlottenburger und neben sich einen
zweiten Gegner sah, von dem er nicht einmal wußte, wer es war, so
wenig hatte er die Konkurrenzen im Gedächtnis. Ein gewaltiger
Schrecken durchfuhr ihn. Mit mächtigem Schlage ausholend, ließ er den
neben ihm Liegenden hinter sich, erreichte Biedermann, schlug kurz
vor ihm an und glaubte gesiegt zu haben. Aber während er sich ruhig
an dem Balken hielt und den Abstieg suchte, sah er zu seinem
grenzenlosen Erstaunen alle beide, erst den einen, dann auch den
anderen, die neue Länge beginnen--und als es ihm plötzlich klar
wurde, daß er sich um eine ganze Länge geirrt hatte, waren sie ihm
bereits um ein paar Meter voraus und die übrigen teils schon neben
ihm, teils ebenfalls am Ende dieser Länge. Da aber hatte Felder auch
alles andere vergessen, und sich fest auf die Seite legend und tief
Atem holend, sah und dachte er jetzt nur noch eines: sein Ziel!--Wäre
die Länge 75 statt 100 Meter gewesen, es wäre ihm nie möglich
geworden, die so leichtsinnig und nutzlos verlorene Zeit wieder
einzubringen. So aber--und infolge seines ausgezeichneten, nie
versagenden Trainings--dachte er keinen Augenblick daran, den Sieg
schon verloren zu geben; und während die Richter bereits glaubten,
daß er freiwillig ausgesetzt habe, sahen sie ihn jetzt wieder näher
und näher kommen, dann an der Seite des zweiten, gleich darauf an der
des ersten Gegners liegen und endlich in einer fast unglaublichen
Anstrengung dicht vor diesem anschlagen...
Von tosendem Beifall umhallt, von erregten Fragen über das Geschehene
bestürmt, wurde Felder erst jetzt sein unbegreiflicher Irrtum recht
klar. Der Schrecken lag ihm noch in den Gliedern und er hatte sich
vollständig ausgegeben. Er winkte den Freunden ab, die sich um ihn
bemühten, und mußte sich im Ankleideraum sofort setzen, so erschöpft
war er. Als er wieder ruhiger atmete, schämte er sich. Das konnte
ihm, ihm passieren, sich in den Längen zu irren!--Und das alles,
dieses leichtsinnige Aufsspielsetzen eines wenn heute verlorenen,
erst in Jahren wieder einbringbaren Sieges, dies alles nur darum,
weil er nicht aufgepaßt hatte!--weil er an ein kleines Mädchen
dachte, statt an seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Er hätte
sich selbst ohrfeigen mögen, so wütend war er.
Er wurde nicht ruhiger, als er Nagel vor sich sah, der ihn heftig
anfuhr:
--Du fängst ja schon an, es dir bequem zu machen. Du paßt wohl
schon nicht mehr auf?--Na, weißt du, so leicht ist die Sache
denn doch nicht, und solche Scherze solltest du einstweilen noch
unterlassen!... Sonst könnten sie doch böse Folgen für uns haben!
Geschwommen hast du natürlich zuletzt wie ein Schwein!--
Felder sagte kein Wort. Er saß da wie ein Schüler, der von seinem
Lehrer bestraft wird.
Er wurde erst ruhiger, als er sich nach dem Ankleiden--er trug heute
einzig und allein die große goldene Medaille seiner Deutschland-
Meisterschaft auf der Brust--unter seine Freunde mischte und die
Erregung wahrnahm, die nach seinem unglaublichen Endspurt unter ihnen
immer noch nachzitterte. Keiner habe auch nur einen Pfennig mehr um
seinen Sieg gegeben, versicherte man ihm, als man ihn in der letzten
Länge so weit hinter Biedermann liegen sah. Ob er mit Absicht
zurückgeblieben sei, um zu zeigen, was er könne?--Ob ein Krampf ihn
befallen habe!--Ob er sich in den Längen verzählt habe?--so
bestürmten ihn die Frager von allen Seiten, bis Felder von neuem
ärgerlich wurde und sie stehen ließ.
Er nahm Koepke auf die Seite. Er möge doch einmal nachsehen, ob der
alte Heinecke mit seiner Tochter nicht da sei, ja?--Und er möge ihm
Bescheid in den Garten bringen. Koepke rannte fort wie ein getreuer
Hund, aber die Antwort, die er nach einer halben Stunde brachte, war
nicht geeignet, Felders Laune aufzubessern. Er habe alle Reihen
durchgesehen, meldete Koepke, aber er habe von den Gesuchten nichts
finden können.
Jetzt war es klar, daß sie nicht gekommen war. Natürlich war der Alte
schuld daran, der sie nicht gelassen hatte. Wie sollte er es jetzt
anfangen, sie so bald wiederzusehen?--
Mißmutig saß er vor seinem Biere in einer Ecke des Gartens und ließ
seine Freunde schwatzen, soviel sie wollten, ohne ihnen zuzuhören.
Mißmutig und noch schweigsamer als sonst blieb er auch den Rest des
Nachmittags. Er wartete nur noch die offizielle Bekanntgabe der
Resultate ab, dann schloß er sich einem Klubfreund an, der früh nach
Hause wollte, da er morgen früh an die Arbeit mußte.
Das einzige, was ihn einigermaßen über seine eigene Dummheit
tröstete, waren ein paar Worte, die Brüning ihm zugerufen, als er im
Garten an ihm vorbeigegangen war: "Menschenskind, du kannst ja viel
mehr, als wir alle wissen und du selber ahnst. Wer das fertig bringt,
was du eben getan hast, der kann sich schon einen Scherz erlauben."
Und er hatte ihm zugenickt und war mit seiner Mätresse fortgefahren.
--Ja, Brüning hatte recht: er konnte weit mehr, als alle und er
selbst es wußten.
Zu Hause warf sich Felder aufs Bett und verschlief die Erinnerung
dieses Unglückstages, wie er ihn nannte, in zehnstündigem Schlaf.
Die ganze nächste Woche nagte es an ihm, daß sie nicht gekommen war.
Im Grunde war es weniger die Sehnsucht, sie wiederzusehen, als eine
gewisse Unruhe, diesem ihm so unbekannten Gefühl ein Ende zu machen,
das ihn für einen Abend, statt zum Schwimmen, in der Nähe ihrer
Wohnung auf und ab gehen ließ, in der Hoffnung, sie ausgehen oder
heimkehren zu sehen und zu sprechen. Nachdem er fast eine Stunde
vergeblich herumgelaufen war, sah er nicht sie, sondern eine ihrer
Freundinnen, die er ebenfalls vom vorigen Sonntag her kannte, aus dem
Hause treten, glücklicherweise allein. Er ließ sie bis zur nächsten
Straßenecke vorausgehen und redete sie dann an. Die kleine Dicke
stieß erst einen erstaunten Schrei aus, als sie Felder erblickte, war
es dann aber gleich selbst, die seinen Fragen zuvorkam.
O, Lieschen hatte sie ja in alles eingeweiht--wie gut es war, daß sie
ihn sah, denn sie habe ja Nachrichten für ihn!--Er habe sie wohl
zufällig gesehen?--Habe er auf Elise hier gewartet?--Nein?--Also: ob
er denn noch gar nicht wisse, daß sie fort sei?--Nein?--Ach, es war
ja eine ganze Geschichte. Der alte Heinecke sei wütend gewesen am
Sonntag vor acht Tagen, darüber, daß sie den ganzen Nachmittag
zusammengesessen hätten, und dann, daß sie im Dunklen im Wald
zurückgeblieben seien. Schon auf der Rückfahrt habe er angefangen--
wenn sie schon daran dachte, würde ihr noch ganz schlecht, so
geschimpft habe der Alte. An einem der nächsten Tage sei sie denn
auch gleich hingegangen, um von Elise zu erfahren, was denn
eigentlich vorgegangen sei. Aber die Freundin habe nur geweint--o so
geweint!--und immer nur gesagt, sie möchte doch so gern am Sonntag
kommen, um ihn noch einmal zu sehen. Als sie aber endlich Mut gefaßt
und ihrem Vater das gesagt habe, da sei die Geschichte von neuem
losgegangen, und um ihr ein Ende zu machen, sei sie noch in derselben
Woche nach Posen geschickt, zu einer Tante, um dort ein Jahr zu
bleiben und die Haushaltung zu erlernen. Sie habe Elise noch vor
ihrer Abreise gesehen, und diese habe ihr ausdrücklich aufgetragen,
doch Herrn Felder noch recht schön zu grüßen und ihm zu sagen, daß er
doch nicht böse sein solle, wenn sie am Sonntag nicht kommen könne,
denn es sei doch nicht möglich, daß daraus etwas würde, und so sei es
denn schon das beste, wenn sie sich fügten und einander vergäßen...
So schwatzte die Dicke darauf los, selig, ihre Wissenschaft
loszuwerden und einen so guten Zuhörer zu haben. Denn Felder ging
neben ihr her, durch die Menschenströme, und erwiderte keine Silbe.
Heute abend sei sie nun oben gewesen--so ging es weiter--um zu sehen,
ob noch kein Brief von Elise da sei. Ja, sie habe schon geschrieben:
es gefalle ihr ganz gut in der Stadt, in der sie jetzt sei, und in
vierzehn Tagen sei ein Ball im Kasino, wo auch Offiziere hinkämen,
und sie habe die Tante gebeten, hingehen zu dürfen, und die Tante
habe es ihr erlaubt... Der Alte sei auch schon ganz beruhigt, und er
habe heute abend sogar gelacht, als er davon sprach daß seine kluge
Elise schon nicht so töricht sei, zu denken, daß "daraus" etwas
Ernsthaftes werden könne denn wenn er--Felder--auch ein vorzüglicher
Schwimmer sei, so seien das doch nur brotlose Künste, und er könne
doch sein einziges Kind nicht einem jungen Menschen versprechen, der
eben erst aus der Lehre sei und keinerlei sichere Zukunft vor sich
habe...
Weiter kam sie nicht. Denn Felder blieb plötzlich stehen und fragte:
--Hat sie Ihnen keinen Brief für mich gegeben?
Nein, keinen Brief. Aber sie habe ihm doch gesagt, daß Elise ihn
recht schön grüßen lasse und es so bedauere...
Dann stand sie wieder allein auf der Straße unter den vorbeieilenden
Menschen. Ihr Begleiter hatte ganz unverhofft seinen Hut gezogen,
ganz kurz guten Abend gewünscht und war verschwunden. Nicht einmal
bis nach Hause brachte er sie!
Felder dachte nicht einmal daran. Was ging ihn die dumme Gans an!--Er
dachte an das Mädchen, das mit ihm erst gespielt und ihn dann so
leichten Herzens--mit einem flüchtigen Grüß--aufgegeben. Aber es war
viel mehr das Gefühl einer erlittenen Beleidigung als das des
Schmerzes, unter dem er in dieser Stunde litt. Daß man ihn, den
Meisterschwimmer von Deutschland, so behandeln konnte, das war es,
was ihn wurmte und einen bitteren Groll in ihm entfachte. Und mehr
als alles hatte ihn das Wort des reichgewordenen Holzhändlers von der
brotlosen Kunst getroffen. Er biß die Lippen aufeinander vor Wut,
wenn er daran dachte, während er die Straße hinunterlief und sich
rücksichtslos durch die Reihen der Fußgänger stieß. Als ob er je
daran gedacht hätte, dieses Mädchen zu heiraten!--Er hatte überhaupt
an nichts gedacht, dieser alte Geldprotz konnte ganz ruhig sein. Das
Mädchen hatte ihm gefallen, am meisten die unverhohlene Bewunderung,
die er in ihren Augen gelesen, und bei deren Blick ihm so warm
geworden war.
Aber ihm geschah ja ganz recht. Warum hatte er seine Leute verlassen
und war an den Tisch gegangen. Was gingen ihn die Frauenzimmer an? Er
hatte sich bis jetzt nicht um sie gekümmert und sie nicht entbehrt,
so würde er wohl auch noch dieses dumme Ding vergessen, um
dessentwillen er heute abend sein Schwimmen versäumte und fast einen
Sieg verloren hätte...
Er sah nach der Uhr. Aber es war schon zu spät. Und mit einer
Bewegung des Ärgers schüttelte er diese ganze dumme Geschichte, die
ihm schon viel zuviel Kopfzerbrechen gemacht hatte, von sich ab und
schlug den Weg nach seinem Klublokal ein, wo er noch den einen oder
anderen seiner Kameraden beim Biere zu finden hoffte...
Von diesem Abend an dachte er nur noch zuweilen an das Mädchen, aber
immer wallte von neuem das Gefühl verletzten Stolzes in ihm auf und
blieb in ihm zurück--wie ein Rest von Bitterkeit allen Frauen
gegenüber.
Mit verstärkter Genugtuung genoß er die zahlreichen Triumphe dieses
Herbstes, von denen fast jeder Sonntag ihm einen neuen einbrachte:
dieser die Odermeisterschaft und mit ihr die große silberne Medaille;
der nächste zum zweiten Male den großen Staatspreis in Hamburg; und
bereits der übernächste den vielumstrittenen Preis im Brustschwimmen,
den die vereinigten westdeutschen Schwimmklubs gaben--einen silbernen
Pokal für seinen Klub, so groß und wertvoll, wie dieser wenige besaß.
Bevor der Winter begann, nahm er sich dann in der Fabrik, in der er
noch ein Jahr nach seiner Lehrzeit bleiben wollte, seinen ersten
achttägigen Urlaub und machte das große Wettschwimmen des "I.
österreichischen Amateur-Schwimmklub Wien" mit, auf dem er am ersten
Tage Anton Riegler, den Meister Österreichs über die kurze Strecke,
zum ersten Male schlagen durfte; und am zweiten den großen Derbypreis
über die lange gegen die Teilnehmer dreier Staaten: Italien,
Osterreich und Deutschland, unter ungeheurer Erwartung aller
beteiligten Kreise, ersiegte.
So griff der junge Meister von Deutschland mit diesen Siegen rasch
und beherzt nach den Lorbeeren des Auslandes, nachdem er die seines
eigenen, weiten Vaterlandes bereits sein eigen nannte.
Die Fahrt nach Wien, seine erste Auslandreise, war zugleich
eigentlich die erste, an der er wirklich Vergnügen empfand. Er machte
sie mit Brüning und zwei anderen Mitgliedern seines Klubs, alten
Freunden und lustigen Brüdern, war Gast in der herrlichen Villa eines
reichen österreichischen Sportfreundes, der sich die Ehre nicht
nehmen lassen wollte, den deutschen Meisterschaftsschwimmer bei sich
zu beherbergen, ließ sich den ganzen Tag und die halbe Nacht durch
alle Vergnügungen der schönen "Kaiserstadt an der Donau" schleppen
und es sich wohl sein unter den leichtlebigen Menschen mit dem
sorgenlosen Wesen und der gemütlichen Sprache. Noch nirgends hatte er
sich so wohl gefühlt wie hier, und als endlich die acht Tage mit
ihren Ausflügen, ihren fröhlichen Mahlzeiten, bei denen es an feschen
Mädchen nie fehlte, ihren Fiakerfahrten, den Ronacherabenden und den
durchjubelten Nächten zu Ende waren, da war er wie betäubt. Neben dem
großen Preise für seinen Klub, dem Ehrenschilde, und den eigenen
Ehren brachte er unvergeßliche Erinnerungen nach Hause, und unter
ihnen war nicht die letzte die an die Liebe, die er ebenfalls in Wien
erst kennen lernen sollte: die reue- und schmerzlose Liebe flüchtiger
Stunden, lachend geboten und ohne Besinnen genossen, erfrischend wie
ein Trank und süß wie eine vollsaftige Frucht.
Berlin kam ihm nüchtern vor, und er brauchte einige Zeit, um sich
wieder an seine eintönige Tagesarbeit zu gewöhnen, nach diesen Tagen,
in denen er geehrt worden war wie ein König und gelebt hatte wie ein
Millionär!...
Der Winter verging stiller. Beim Hauptschwimmen Berlins mußte er
aussetzen. Er war völlig übertrainiert.--Was schadete es? wenn er
sich auch ärgerte. In seiner Brust regten sich neue Wünsche des
Ehrgeizes, und heimliche Träume erzählten ihm von Siegen, die noch
_nicht_ die seinen geworden waren.
11
Wieder ging ein Winter und wieder kam ein Sommer.
Und wie alles in diesen letzten Jahren im Leben Franz Felders nur ein
rastloses Eilen von Erfolg zu Erfolg gewesen war, so kamen mit dem
nächsten Sommer jene Triumphe, die ihn auf eine Höhe führten, über
die hinaus kein Weg mehr ging: neben einer Reihe anderer erster Siege
fiel ihm die der Europameisterschaft zu und mehr als das--er
behauptete diese Meisterschaft auf jener glorreichen Reise nach
England, wo er sie in einem in der Geschichte des Schwimmens einzig
dastehenden Rennen gegen die englischen und australischen Meister
verfocht, die größten und berühmtesten Schwimmer der Welt.
Die Europameisterschaft über die lange Strecke von
eintausendfünfhundert Metern erschwamm er in Grünau auf einem Feste,
das der große deutsche Verband, zu dem jetzt fast alle Schwimmvereine
des Deutschen Reiches gehörten, in Verbindung mit den größten
außerdeutschen Vereinen und Verbänden abhielt, zu dem Schwimmer fast
aller Länder des Kontinents erschienen, und das sich zu einem
Wettschwimmen gestaltete, wie es in diesem Umfang und dieser
Bedeutung in Deutschland überhaupt noch nicht stattgefunden hatte. Es
war nicht nur für Berlin, sondern auch für die gesamte Schwimmerwelt
Deutschlands das große Ereignis des Sommers, hinter dem alle anderen
Veranstaltungen weit zurücktraten. Noch nie hatte man einem Meeting
mit solcher Erwartung entgegengesehen, noch nie hatte die Spannung
eine solch fieberhafte Höhe erreicht...
Einmütigkeit herrschte unter allen Berliner Vereinen, selbst unter
denen, die sonst nie müde werden konnten, sich zu bekämpfen: galt es
doch, Berlin würdig nach außenhin zu vertreten, dem alten Ruhme, seit
Jahren die eigentliche Heimat der Schwimmerei zu sein, keine Schande
zu machen. Daher wurden weder Mühe noch Kosten gescheut, und viele
Wochen vorher begannen die Delegiertenversammlungen, um das lange
Programm der Tage zu durchdenken, und bis in seine letzten
Einzelheiten festzusetzen.
Nie war aber auch die Beteiligung an den Meldungen eine so rege und
so aufregende gewesen. Mit Ausnahme Englands waren solche aus fast
allen Ländern des Kontinents, von Italien bis Schweden, von Holland
bis Osterreich eingelaufen, und fast kein in den letzten Jahren
genannter Name blieb unvertreten: neben den berühmtesten Schwimmern
die ersten Springer, die gekröntesten Mehrkampfmeister Europas.
Natürlich waren im Schwimmen alle größten Hoffnungen auf den Meister
von Deutschland gesetzt. In seinen Händen lag vor allem der Ruhm
Berlins, die Ehre Deutschlands. Wenn er unterlag, so unterlag Berlin;
wenn er nicht siegte, so blieb die Meisterschaft von Deutschland in
den Händen des Auslandes.
Und Felder wußte es wohl!--Es gab keinen, der so überzeugt wie er
selbst von der Wichtigkeit dieses Sieges gewesen wäre. Er fühlte, daß
diesmal andere Dinge auf dem Spiele standen als sein eigener Ruhm und
der seines Klubs, um die er bis jetzt gekämpft. Die Stadt, in der er
geboren war, und sein ganzes Vaterland, das weite deutsche Reich,
sahen auf ihn an diesem Tage. Er konnte ihnen keine Schande machen--
es _durfte_ nicht sein!--
Er trainierte mit beispielloser Ausdauer und Sorgfalt. Da nun auch
das Jahr, das er nach seiner Lehrzeit noch in der Fabrik blieb, zu
Ende war, wollte er mit dem Eintritt in eine neue Stelle warten, bis
das große Ereignis vorüber war. Bei seiner Sparsamkeit hatte er
vermocht, etwas zurückzulegen. Auch standen ihm genug Börsen
wohlhabender Klubfreunde und Verehrer offen, aber Felder war viel zu
stolz, um auch nur das geringste anzunehmen. Er hätte am liebsten
seine Sportreisen selbst bezahlt, aber das konnte er natürlich nicht.
Außerdem war sein Klub reich genug, um Opfer solcher Art nicht von
seinen Mitgliedern erwarten zu brauchen.
Da Felder somit völlig Herr seiner Zeit geworden war, hinderte ihn
nichts in seinem Training. Die Erfahrung des letzten Winters hatte
ihn klug gemacht, und er hütete sich wohl, des Guten zuviel zu tun.
Er hielt sich selbst in strengster Selbstkontrolle und gönnte sich
kein Vergnügen, das über die zehnte Abendstunde währte, wo er
todsicher bereits im Bett lag. Einige fanden seinen Ernst oft
lächerlich; er ließ sie lachen.
Eine Art finsterer Entschlossenheit bemächtigte sich seiner in dieser
letzten Zeit. Er wurde noch wortkarger und verschlossener, als er
sonst schon war. Zugleich schien auch die schöne und sonnige Ruhe,
die nach den Siegen der letzten Jahre über ihn gekommen war und mit
jedem neuen Siege mehr und mehr das Schroffe und abweisend
Insichgekehrte seines Wesens gemildert hatte, von ihm zu weichen. Er
glich jetzt wieder mehr dem armen und unbekannten Knaben von damals,
mit der unjugendlichen Stirn und dem trotzigen Munde, der nichts war
und doch so viel werden wollte, als dem von aller Welt gefeierten
Sieger, der seine kühnsten Träume zur Wirklichkeit geworden sah und
sich in ihrer Erfüllung sonnte.
Und es war ihm in der Tat so, als habe er noch nichts erreicht, als
sei erst dieser Sieg über Europa allein alles Strebens wert, erst die
eigentliche Krönung eines Gebäudes, zu dem alle anderen Erfolge nur
als Stufen führten. Wenn er hier unterlag, er, auf dem die ungeheure
Verantwortlichkeit der Repräsentation eines ganzen, großen Volkes
lag, so war alles andere umsonst gewesen, so--in seinen bereits
überhitzten Gedanken redete er es sich ein--so war nicht nur Berlin,
sondern das ganze deutsche Reich dem Spott des mit dem Preise
davonziehenden Auslandes preisgegeben.
Denn daß es auch einem anderen deutschen Schwimmer glücken könne, den
Preis über "die Fremden" davonzutragen, daran dachte er nicht einmal
--so sehr betrachtete er schon sich selbst als den unbesiegbaren
Meister seines Vaterlandes. Aber er hatte Furcht vor diesen
Ausländern, vor diesen Gegnern, die er nicht kannte, von denen er
sich mit den wenigsten gemessen, über deren Kräfte er nichts
Bestimmtes wußte. Und ein Gefühl der Unruhe und der Angst, hier, auf
seinem eigenen Boden, den er sich gewissermaßen Meter für Meter in
diesen Jahren erkämpft hatte, geschlagen zu werden, ließ nicht von
ihm und verscheuchte jede unbefangene Freude... Es war kein Genuß
mehr, mit ihm zu verkehren und ihn üben zu sehen, und sein
feierlicher Ernst, mit dem er kam und ging, steckte die andern an. Es
war wie in den Tagen vor einer Schlacht...
Er siegte.
In den letzten Tagen wich alle Unruhe wieder von ihm. Eine große
Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen, als müsse er siegen um
jeden Preis. Er wies alles von sich ab, er wollte nichts mehr hören
und sehen von dem, was alle um ihn herum beschäftigte. Was gingen ihn
alle diese fremden Namen und Menschen an--ob er sie kannte oder
nicht, er schwamm darum nicht besser. Er wußte nur eines: daß er
siegen mußte!
Und gleich als wenn die Kraft seiner Muskeln seinem Willen gehorchen
müsse, so geschah, was er wollte.
Er siegte.
Er schlug den berühmten Holländer, den gefürchteten Österreicher, er
schlug den riesigen Norweger, einen Hünen an Gestalt und Kraft, er
schlug die Besten seines eigenen Vaterlandes zum zweiten und dritten
Male, und er siegte über seine eigene Zeit vom Vorjahre mit mehr als
drei Minuten.
Ein unbeschreiblicher Tumult entstand, als er anschlug. Die Zuschauer
rasten.
Seine Freunde erdrückten ihn fast. Völlig Fremde umarmten ihn. Man
trug ihn mehr, als er ging, durch die Reihen von Menschen, die ihre
Plätze verlassen hatten.
Deutschland hatte gesiegt. Und in Deutschland Berlin!--Und diese
kühlen Berliner, so gern stets zu verkleinernder Kritik geneigt und
so abhold jeder Gefühlsüberschwänglichkeit, waren kaum wieder zu
erkennen in dem Jubel und der Freude über den Sieg ihrer Stadt.
Unglaublich, dieser Felder!--hörte man allenthalben, was der will,
das kann er auch.
Und die Begeisterung wollte sich nicht legen...
Am ruhigsten waren noch Felder selbst und--Nagel. Der sagte schon
lange nichts mehr, und nur ein Händedruck zeigte, daß er mitfühlte in
diesem Moment. Bei sich dachte er: Jetzt, jetzt wird es sich zeigen--
daran, wie er diesen Sieg erträgt.--Brüning rannte umher wie besessen
und schrie nach Sekt, und Koepke war völlig unzurechnungsfähig. Er
sprach nur noch in Hyperbeln.
An Felders Ruhe, die zudem viel mehr eine äußerliche als eine
innerliche war, hatte übrigens eine gewisse seelische wie körperliche
Abspannung ihren Hauptgrund. Jetzt, als alles vorüber war, merkte er
erst, wie er sich in den letzten Wochen innerlich verzehrt hatte--in
dem einen Wunsche.
In demselben Garten, in dem im vorigen Jahre seine
Meisterschaftserklärung für Deutschland erfolgt war, wurde ihm nun
die höchste aller Ehrungen zuteil, und unter dem achtungsvollen
Schweigen vieler Hunderte nahm er den Weltmeisterpreis entgegen...!
Die ganze warme Sommernacht hindurch dauerte wieder das Feiern um ihn
herum. Er lebte ganz in diesen Stunden. Er dachte nicht zurück. Er
dachte auch nicht in die Zukunft. Die Stimmen in ihm schwiegen. Zum
erstenmal vielleicht in seinem Leben schwiegen sie ganz. Er hatte
erreicht, nicht was er gewollt: nein, viel mehr als das. Sie mußten
heute schweigen, diese Stimmen, denn sie wurden übertönt von dem
einmütigen Jubel um ihn her. Die stillen Sterne leuchteten hernieder;
der Atem der weichen Nacht spielte um die erhitzten Köpfe, und vom
Wasser her kam die frische Kühle, die alle diese Menschen nicht müde
werden ließ, zu sprechen, zu trinken, sich zu berauschen am Leben, an
Freude und an der eigenen Kraft.
Und Felder trank--trank--trank--alles, was man ihm bot: Sekt, Bier
und Wein, aber am süßesten schmeckte ihm der berauschende Trank des
Erfolges.
Alles andere hatte er vergessen.
Selbst als er inmitten seiner wildesten Bewunderer wie berauscht
endlich zum Bahnhof ging, zog auch nicht ein Erinnern in seine müden
und wirren Gedanken, das ihm ein weißes Kleid, einen jungen Leib oder
einen warmen Mund wachgerufen hätte.
Müde saß er in einer Coupéecke und während die anderen um ihn herum
sich noch immer über den heutigen Tag ereiferten, schlief er ein; und
den Sieger über seinen Siegen vergessend, dachten sie erst wieder an
ihn und weckten ihn erst, als der Zug in die von der Morgendämmerung
erhellte Halle des Görlizer Bahnhofs einfuhr...
Die ersten Tageszeitungen waren bereits erschienen. Man griff nach
den noch feuchten Blättern und las die kurzen Zeilen, die den Namen
Franz Felders, den Triumph Berlins, den Sieg Deutschlands--in dieser
Stunde der Welt verkündeten. Er selbst, der Sieger, war unfähig, sie
zu lesen. Die Buchstaben flimmerten und ranzten vor seinen Augen.
12
Der Glanz dieses Tages konnte selbst durch die Reise, die Felder
wenige Wochen später nach England unternahm, um dort in dem gelobten
Lande des Sports seine Meisterschaft Europas gegen ihre ersten
bisherigen Meister zu behaupten, kaum erhöht werden.
Die Reise war nie geplant. Es war an sie nie gedacht. Sie war einfach
eine natürliche Folge dieses letzten Sieges.
Während die Sportzeitungen des Kontinents einig waren in der
Anerkennung dieses Sieges, verhielten sich die englischen, an Zahl
und Bedeutung gleich und im Ton immer überlegen, dem Siege gegenüber
skeptisch und erhoben den Einwand, daß England sich nicht beteiligt
habe, daß aber England in Sportsachen (wie auch in anderen Dingen)
Europa sei, und daß Felder sich erst einmal mit englischen Schwimmern
gemessen haben müßte, ehe ihm wirklich der nur künstlich gemachte
Titel des Europameisters gebühre. Natürlich verwahrte man sich gegen
diese Beschuldigung und erklärte sie für lächerlich. Man hatte die
ersten Schwimmer Europas eingeladen, auch die Engländer. Sie waren
nicht gekommen, weil sie eben nie kamen. Und weil sie hochmütige
Narren waren, die sich einbildeten, man müsse zu ihnen kommen.
Daher waren auch erst wieder manche Stimmen gegen die Reise Felders
nach England. Ein Entgegenkommen dieser Art war ein Zugeständnis,
eine Erniedrigung.
Aber andere sagten: Man muß es ihnen zeigen!--Jetzt ist die
Gelegenheit da, ihre angemaßte und nur eingebildete Überlegenheit zu
brechen. Wenn wir ihnen jede Entschuldigung nehmen, so werden sie
sich bequemen müssen, von ihrem Piedestal herabzusteigen, auf dem sie
schon viel zu lange gestanden, dann ist Beteiligung an kontinentalen
Festen oder aber endgültiger Verzicht die unausbleibliche Folge.
Als dann auch der letzte Einwand: der der zu hohen Kosten dadurch
kurz abgeschnitten wurde, daß sich Brüning, der sich jetzt sogar um
seine Pferde nicht mehr kümmerte, erbot, sie sämtlich zu tragen und
Felder nach England zu begleiten, wurde dessen Beteiligung
beschlossen.
Wenn Felder später an diese Reise nach England zurückdachte, so kam
sie ihm vor wie ein Traum. Ein wirres Durcheinander von Bildern aller
Art zog an seinem Auge vorüber.
Zunächst weite Landschaften, die im Fluge an dem dahinrasenden Zuge
vorbeizogen. Die dunkle Regennacht auf dem Schiffe: das Meer, das er
zum ersten Male sah--ein Wasser, wie er es nie geahnt, Wogen von
einer Kraft, gegen die das mächtige Schiff rang, wie sein Körper rang
gegen die stille Flut seines heimatlichen Flusses, und an der
menschliche Einzelkraft zerbrechen mußte wie ein Streichholz unter
dem Schlage eines Hammers. Wasser, nur Wasser, dasselbe Wasser, das
er kannte und liebte wie kein anderer--und doch ein ganz anderes
Element. Nicht das, welches ihm vertraut war von Jugend auf, sondern
eine fremde, unheimliche Kraft, mit der zu messen er sich nie getraut
hätte, vor der ihm graute, da er der Schwächere, ein Nichts war vor
ihr ... das war das Meer!... Elend, ganz zermalmt von der
lächerlichen und doch so mächtigen Krankheit der See, atmete er erst
auf, als er wieder Land unter den Füßen fühlte--er, der es sonst nur
widerstrebend betrat, da er sein geliebtes Wasser verlassen mußte--
und nur mit Schaudern dachte er an das Gebrüll, die Feindseligkeit,
die ganze Furchtbarkeit des fremden Wesens zurück, das ihn behandelt
hatte wie den ersten besten, eine Katze, die ein Tiger geworden war,
ein Freund, plötzlich verwandelt in einen Feind, der die Maske fallen
gelassen und ihn niedergeworfen, um ihn zu ermorden!...
Dann, noch die Angst um das--gerettete--Leben in den Gliedern, die
Ode und Unermeßlichkeit der in ewigen Dunst gehüllten Stadt, vor
deren Grenzenlosigkeit ihm sein Berlin wie ein Dorf erschien.
Endlich, in schärfstem Kontrast dazu, die Tage der Races an dem
stillen, umbuschten Ufer der Themse, wo der Himmel wieder lachte und
der Frieden wieder in den versteckten weißen Häusern zuwohnen schien,
wo er seinen Mut wiederfand, den Mut, sich daran zu erinnern, weshalb
er hierher gekommen war, und die Kraft, zu siegen, sich wirklich den
ersten Preis zu holen, weil er sich hier endlich wieder daheim
fühlte, daheim im Wasser...
Und die Bilder nach dem Siege.
Der Jubel dieser ihm erst so ernst, so steif erschienenen Menschen,
gegen den der Beifall von Grünau wie ein Murmeln war. In seinem
ganzen Leben zusammen hatte er nicht so vielen Menschen die Hand
geschüttelt wie an diesem Tage. Man renkte ihm fast den Arm aus. Und
dann schleppte man ihn zwei Tage lang von einer Festlichkeit zur
andern, durchzog in Reihen von zwanzig Cabs--in denen nur je einer
sitzen durfte--wie in einer Prozession die endlosen Straßen Londons,
behandelte ihn wie einen Fürsten und überschüttete ihn in
beispielloser Generosität und Gastfreundschaft mit Gaben jeder Art.
Am letzten Tage überreichte ihm irgend jemand, dessen Namen er nicht
einmal wußte, ein Ehrengeschenk von 150 Pfund, da man gehört hatte,
daß er völlig auf die Arbeit seiner Hände angewiesen war. Es wurde
mit so viel Achtung und Selbstverständlichkeit angeboten, daß Felder
es unmöglich ausschlagen konnte. Er war ganz gerührt. Er hatte
gedacht, diese Engländer würden es gewaltig übelnehmen, wenn ein
Ausländer daherkam und sie auf ihrem Grund und Boden schlug, und nun
sah und fühlte er überall nichts, als die neidloseste Bewunderung und
eine Verehrung, wie sie ihm in solchen Formen noch ganz unbekannt
war.
Und doch--war es die fremde Sprache oder was war es?--so gemütlich
wie in Deutschland oder gar in Wien waren diese Tage nicht. Alles
ging in ewiger Hast, von einem zum andern. Nie setzte man sich zu
einem Glas Bier zusammen, um in Ruhe alles zu besprechen. Getrunken
wurde zwar genug--und was nicht alles durcheinander!--aber alles im
Fluge, im Stehen, und von einer Hand ging er in die andere, fast wie
eine Sache, an der jeder ein Anrecht hatte. Jeder wollte ihm die Hand
geschüttelt und mit ihm getrunken haben... Und immer wieder mußte er
trinken und Hände schütteln, bis er am Abend so müde war, daß er die
rechte nicht mehr von der linken zu unterscheiden wußte.
Nein, so gemütlich wie zu Hause war es nicht, und Felder war fast
froh, als es an die Heimreise ging. Eigentlich hätte er sich nicht
fremd zu fühlen brauchen, denn Brüning und ein anderer Klubgenosse
waren stets mit ihm, und der erstere war der beste Reisemarschall,
den man sich denken konnte: überall zu Hause, in allen sprachen
gerecht, praktisch und erfahren, dabei in unerschöpflich guter Laune
und den schwerfälligen Felder über jede Verlegenheit spielend
hinübertragend. Man kam aus dem Lachen mit ihm gar nicht heraus.
Aber Felder wurde nie ganz froh. Denn ohne es sich selbst
einzugestehen, fürchtete er sich vor dieser Heimreise. Wieder sollte
er--und diesmal einen ganzen Tag--sich dem furchtbaren Element
anvertrauen, wieder ihm machtlos und jämmerlich gegenüberstehen und
sich in elender Ohnmacht vor diesem Wasser krümmen, das er sonst
siegreich packte, wo immer er es traf...
Er hätte sich nicht zu fürchten brauchen. Als sie nach einer letzten,
halb durchjubelten und durchtrunkenen Nacht am Morgen von
Queensborough abfuhren, war er so müde, daß die Freunde ihn fast aufs
Schiff trugen, und kaum auf ihm angelangt, schlief er wie ein Toter
bis zu dem Augenblicke, wo sie ihn in Vlissingen wieder aufweckten.
Das war seine Reise nach England.
Alles war herrlich, glorreich, einzig gewesen. Aber er war froh, als
er wieder in Berlin war, wieder die heimatlichen Laute um sich herum
vernahm und das Schreckgespenst vergaß, das ihn angegrinst hatte wie
der leibhaftige Tod.
Denn er hatte es sich jetzt klargemacht: das Meer war das Meer, und
das Wasser war das Wasser. Aber dasselbe waren beide nicht!--Nie
wollte er das Meer wiedersehen.
Hätte er es gesehen, wie es in stahlblauer Pracht dalag, ruhig,
verschwiegen, lockend, wie ein tiefer See, und nur leise erzitternd
unter den Strahlen der Sonne, wie es liebreich und versöhnt den
Sieger heimtrug auf seinem breiten Rücken, er hätte es wiedererkannt
als sein Element und nicht geruht, bis er sich seiner salzigen Flut
anvertraut und die Wonnen seiner Umarmung genossen.
13
Das war Franz Felders Reise nach England, von deren Triumph nun die
Zeitungen berichteten: ein wirres Durcheinander von Bildern aller
Art, und leuchtend nur die Erinnerung an seinen Sieg, der ihm erst
durch diese Berichte recht deutlich zum Bewußtsein gebracht wurde--
den Sieg über die ersten Gegner der Welt, die von keiner Seite fürs
erste mehr bestrittene Meisterschaft von Europa, die höchsten
erreichbaren Auszeichnungen, und ein Ruhm, der seinen Namen von jenem
Tage an für alle Zeiten unvergeßbar in die Annalen des Schwimmsportes
eingrub.
Er hatte erreicht, was er gewollt.
Was er ersehnt, war Erfüllung geworden.
Er konnte etwas, was kein anderer Mensch außer ihm konnte.
Er war der Meister des Wassers.
Er hatte seinem Klub zu seinem alten Ansehen verhelfen. Mehr: er
hatte seinen Namen mit dem eigenen berühmt gemacht weit über die
bisherigen Grenzen. Seine Schuld war beglichen.
Aus dem armen Knaben war ein junger Mensch geworden, auf den alle mit
Stolz und Bewunderung sahen, der keine Not mehr zu leiden brauchte,
so viele waren der hilfreichen Hände, die sich ihm entgegenstreckten.
Nein, es war nicht richtig, daß er erreicht, was er gewollt. Nie
hatte er so hoch gewollt. Er war dahin getragen, wohin er sich nie zu
sehnen gewagt.
Und so hoch war er getragen, daß er sich fragen mußte: wohin nun?--So
viel hatte er erreicht, daß ihm nichts mehr zu wünschen übrig blieb.
Welcher Weg führte noch über die Höhe hinaus, auf der er stand?--Denn
sich dort zu behaupten erschien ihm selbstverständlich.
Die Welt nannte seinen Namen.
Er vergaß nur zweierlei: daß die Welt, die er so nannte, nur ein
unendlich kleiner Teil der wirklichen weiten Welt war--wenn es auch
die Welt war, in der er lebte; und daß selbst dieser kleine Teil von
Menschen, die ihn heute anstaunten und bejubelten, sich seiner
vielleicht morgen noch erinnern, ihn aber ganz sicher übermorgen
vergessen haben würden.
Aber wie ihm seine Sache von jeher allein nur als die einzig wichtige
erschienen war, so konnte er die Welt nie richtig messen, weil ihm
von jeher jeder andere Maßstab gefehlt hatte. So war er allmählich
dahin gekommen, sie nur unter einem einzigen Gesichtspunkt zu sehen,
und jetzt folgerichtig dahin, sich als ihren Mittelpunkt zu
betrachten.
Das einzige, was er sich noch wirklich klar machte, war, daß er jetzt
die Höhe seiner Kraft erreicht hatte. Über sie hinaus konnte er nun
nicht mehr.
Übertraf ihn, ja erreichte ihn nur irgendein anderer, so war es aus.
Es galt daher, sich auf dieser Höhe zu erhalten. Das mußte nun sein
nächstes Ziel sein. Aber es war kein Ziel mehr, das ihn reizte.
Daher war er jetzt, auf der Höhe, nicht mehr so glücklich, wie er
gewesen war, als er sie erklommen und jede seiner Bewegungen von
tausend Augen verfolgt sah. Aber glücklich war er doch noch.
Daß einmal ein Tag kommen mußte, mochte er sich auch noch so lange
behaupten, an dem er herabsteigen mußte, um einem anderen Platz zu
machen, das wußte er. Darüber gab es keine Täuschung. Das war so
sicher wie der Tod.
Aber er dachte nie an diesen Tag. Er wollte es nicht!--
Er stand oben und sah hinab auf den Weg, den er gemacht. Und aus der
Tiefe zu ihm heraufklang berauschend Jubel und Neid gleich stark in
seine Ohren.--
In dieser Zeit brachte jenes größte und angesehenste Sportblatt der
Welt, das seinen Namen "Welt-Sport" daher nicht mit Unrecht führte,
abermals sein Bild und erzählte seinen Lesern die einfache Geschichte
seines Lebens und die beispiellose Geschichte seiner Erfolge.
Die Biographie konnte nicht mehr sein als die einfache Wiedergabe
schlichter Tatsachen. Das Bild war die Reproduktion nach einer
vorzüglichen Photographie. Sie zeigte den Meister von Europa im
Brustbild, bekleidet, und neben den allerhöchsten Ehrungen nur die
eine kleine, schlichte--und doch vielleicht die höchste von allen--,
kaum erkennbar neben den schweren Medaillen von Gold und Silber, die
kleine Münze, die er sich als erste Ehre einst, vor langen Jahren,
geholt, indem er das Leben eines Menschen gerettet.
Das Bild selbst zeigte ein ernstes, schönes und stolzes Gesicht. Es
war nicht mehr das Gesicht des Knaben. Derselbe war nur noch der
seltsame Zug von Entschlossenheit um den Mund, und unverändert war
noch die etwas niedrige, trotzige Stirn. Aber die Weichheit, die
Rundung der Wangen und des Kinns, und vor allem der gutmütige,
vertrauende Blick der blauen Augen waren verschwunden und einem
frühernsten Ausdruck gewichen, so daß das Gesicht an Bedeutung
gewann, was es an Liebenswürdigkeit verloren hatte. Es war das
Gesicht eines Menschen geworden, der ruhig, selbstbewußt und
entschlossen in steter Wachsamkeit um sich und in die Ferne blickt,
damit ihm niemand zu nahe komme; der Ausdruck einer stets bereiten
Abwehr, der in seiner furchtlosen Kühnheit ersetzte, was dem Gesicht
an tieferer geistiger Intelligenz mangelte. In dem Augenblick der
Aufnahme war er so lebendig geworden, daß er es eigentümlich belebte
und interessant machte.
Es war noch immer ein sympathisches Gesicht, aber das liebenswürdige,
gute Gesicht des Knaben war es nicht mehr.
Ein anderes Bild aber--aus derselben Zeit--, das den Meisterschwimmer
in voller Figur und im Trikot zeigte und auf dem das Gesicht gegen
den Körper zurücktrat, störte in keiner Linie. Es war das Bild einer
wundervoll sicher und gleichmäßig entwickelten, vom Leben noch völlig
unangetasteten, ganz einzigen Kraft in der Siegessicherheit ihrer
Jugend.
14
Mit schweren Füßen gehen wir über die schwere Erde. Ewig ist in uns
die Sehnsucht, uns über sie erheben zu können, und noch im Tode
bitten wir, sie möge uns leicht sein. Denn schwer ist sie uns, wie
das Leben.
Aber wir können nicht fliegen. Neidvoll sehen wir den Vögeln nach,
die sich in die Luft erheben, die für uns zu leicht ist.
Zu schwer die Erde, zu leicht die Luft.
Aber wir können schwimmen.
Zwischen Himmel und Erde wiegt uns das Wasser. Halb zieht es uns
hinab, halb trägt es uns hinauf.
Wir sind noch nicht oben, aber wir sind nicht mehr unten. Es gibt uns
das Vergessen: das Vergessen der Erde und die Ahnung, im Himmel zu
sein, wenn es uns trägt.
Wir haben keine Flügel, aber wir fühlen die Schwere der Erde nicht
mehr.
Wunderbares Element!--Warum haben wir uns aus dir, das unser aller
Heimat und Wiege war, auf die Erde geflüchtet?--Warum sind wir nicht
in deinen stillen, traumlosen, seligen Tiefen geblieben, statt in das
Getöse, den Staub und den Kampf der Erde zu treten?--Warum keuchen
wir aus schweren Lungen, statt mühelos aus leichten Kiemen zu atmen?--
Weil wir Wärme, Licht und Leben brauchten?--Ach, die Wärme der Erde
ist sengende Glut, ihr Licht blendet unsere Augen, und unerträglich
ist uns meisten das Leben.
Dort unten war Kühle, Dämmerung und Traum.
Aber wir wollten hinauf: aus den Tiefen hinauf auf die Erde. Und dann
wollten wir höher und höher, von der Erde in den Himmel. Wir können
es nicht. Und verzehren uns nun in der ewigen Sehnsucht, die nicht
hinauf kann und nicht mehr hinab.
Wunderbares Element!--Die meisten haben dich vergessen. So fremd bist
du ihnen geworden, daß sie Furcht vor dir haben. Und statt sich dir
anzuvertrauen, blicken sie mit angstvollen Augen auf dich und zittern
vor der Berührung mit dir. Mit dir!--Mit dir, das du sie trägst und
wiegst und ihnen neues Leben geben möchtest, das du ihnen den Staub
aus den Augen und die Qualen vom Herzen wäschest und sie nur sinken
läßt, wenn sie, dumm und ungebärdig, dich mißhandeln mit plumpen
Gebärden und ungeschickten Fäusten, und, das Unmögliche heischend, in
dir den Himmel suchen. Sie alle, die vergessen, daß du nicht wie ein
Sklave behandelt sein willst, und es dir verdenken, wenn der Freie
sich im Zorn empört und die ungebetene Last von sich abschüttelt und
begräbt.
Aber nicht alle haben dich vergessen.
In einigen lebe noch die Sehnsucht nach dir fort, wie das Verlangen
nach der Reinheit aus dem Schmutze, und wenn sie zu dir kommen, so
nimmst du sie in die Arme, wiegst sie, küssest sie und vergiltst
tausendfach jede ihrer noch so ungeschickten Liebkosungen. Und wer
sich dir einmal so zu eigen gab, der begehrt den Himmel nicht mehr
und kehrt nur auf die Erde zurück, weil ihr Staub ihn gebar und ihn
nährt, der kehrt zu dir zurück, wann immer er kann, der ist dein
eigen geworden für Lebenszeit...
Einer von diesen wenigen war Franz Felder. Als sich kaum die kleinen,
dicken Kinderfäuste von der Mutterbrustgelöst, hatte ihn das erste,
selbständige Lebensverlangen nicht auf das weite Feld der Erde,
sondern in die stummen Tiefen des Wassers gezogen. Und das Wasser
hatte ihn empfangen wie sein eigenstes Kind, hatte ihn unterwiesen in
der Kunst des Lebens, ihn verhätschelt, ihn auf alle Weise der
gehaßten Erde zu entreißen versucht, die Sehnsucht nach sich auf alle
Art genährt, bis er sein eigen geworden war mit Leib und Seele.
So war es sein erster Spielkamerad gewesen und sein einziger
geblieben. So war es sein erster Freund geworden, und in der Stunde,
als er, noch fast ein Kind, bei einem allzu hastigen Sprunge sich
eine tiefe Fleischwunde an einem Nagel, den er streifte, in den Arm
riß, und sein Blut sich mit dem Wasser mischte, das es trank, war
zwischen ihnen die Blutsbrüderschaft entstanden, die sich erst lösen
konnte mit seinem Leben. Die Wunde war geheilt, das Wasser heilte sie
wie von selbst, aber die Freundschaft zwischen ihnen hatte
gewissermaßen ihre Weihe erhalten, und alle seine kleinen Schmerzen
und Wunden trug Franz fortab zu seinem Freunde und ließ sie von ihm
heilen, die offenen und die verschwiegenen.
Nun war das Wasser sein Gegner geworden.
Sie rangen miteinander, doch es war nicht das kindliche Spiel mehr
des Augenblicks, vergessen im nächsten. Aus der knabenhaften Balgerei
war ein ernsthaftes Messen der Kräfte geworden. Aber es war noch
immer der achtungsvolle Kampf zweier Gegner, die sich vor und nach
ihm die Hand schütteln und voneinander gehen ohne jeden Groll.
Noch immer herrschte die volle Eintracht der Einigkeit zwischen
ihnen.
Dritter Teil
1
Franz Felder wohnte noch immer bei seinen Eltern. Zwar nicht mehr in
dem dumpfen Keller, in dem er einen Teil seiner Jugend verbracht,
aber doch immer noch in einer Hofwohnung, ohne viel Licht und Wärme.
Er hatte sein eigenes Zimmer. Hier hingen alle seine Trophäen. Die
Ehrenpreise, die in Gegenständen bestanden und nicht in den
Klubbesitz übergegangen waren und dort das Vereinszimmer schmückten,
hatte er zum Teil seiner Mutter überlassen, die mit ihnen die
dürftige Armut der vorderen Wohnstube zu verdecken suchte. Dort stand
das große Bierservice, die Fruchtschale aus Cuivre, der Rauchtisch
und manches mehr--Dinge, die oft mehr dem guten Willen als dem
Geschmack ihrer Stifter Ehre machten. Aber alles, was er sich sonst
errungen in seinen vielen Kämpfen, hing hier in seinem eigenen
kleinen Zimmer in Gestalt dorrender Lorbeerkränze und mehr oder
minder künstlerisch ausgeführter Diplome an den Wänden, und von den
bunten Schleifen leuchteten goldene Inschriften. Bis an die niedrige
Decke hinauf hingen sie, und über dem Bette war fast schon kein Platz
mehr für neue Ankömmlinge. Auch hatte Felder es längst aufgeben
müssen, sich alle seine Urkunden einrahmen zu lassen.
Auf der Kommode in einem großen Glaskasten--dem Geschenk eines
Klubfreundes, eines Schreiners, zu Weihnachten--lagen auf roter
Sammetunterlage alle seine Medaillen, goldene und silberne, große und
kleine, alle an ihren Schleifen, eine ganze Sammlung von nicht
geringem Wert. Sie war sein höchster Stolz!--Mit welcher Liebe nahm
er nicht zu den Festen Stück für Stück heraus, um es, eins nach dem
andern, auf seiner Brust zu befestigen; mit welcher Sorgfalt legte er
nicht jedes einzelne an seinen rechten Platz zurück!--Bei jedem neuen
Siege verrückte der neue Erwerb den Platz und die Stellung der
anderen, und in immer neuer Gruppierung lagerte sich um die schweren,
goldenen Rundstücke erster Siege die Schar der kleinen Trabanten,
alle gleich gekannt, alle gleich geliebt. Denn an jeden knüpfte sich
eine unvergeßliche Erinnerung.
So viele waren ihrer geworden, daß sie längst nicht mehr auf der
breiten Brust des Meisterschwimmers Platz fanden. Auf seiner letzten
Photographie trug er daher nur die wichtigsten selbst--die breiten
Bänder um den Hals und die großen goldenen und silbernen Münzen auf
den Rockschlägen; die anderen waren auf einem Schilde reihenweise
geordnet, das auf einer Art Staffelei neben ihm stand, auf die er die
Hand legte. Das ganze Bild des beutebeladenen Siegers erschien
ebenfalls alsbald in einer Sportzeitung und übte stellenweise auf
unwissende Laien eine erheiternde Wirkung aus, die keineswegs
beabsichtigt war.
Auch dieses Bild prangte in der kleinen Stube, und was außer ihm an
Bildern dort noch zu sehen war, es stellte immer nur ihn dar: Franz
Felder. Da war er als kleiner Junge mit seiner Rettungsmedaille auf
der Brust, dick und ernst; als junges Mitglied des S.-C. B. 1879 mit
der hellen Mütze und dem Zeichen seines ersten Sieges auf der Brust;
ein Jahr später als neugebackener Berliner Meister--noch ohne Band um
den Hals, aber doch schon gekrönt mit einem ersten Preise und mit
jenem seltsamen Zug um den Mund, der auf keinem der späteren Bilder
mehr fehlte. Endlich all diese Bilder der späteren Jahre, aufgenommen
in all den verschiedenen Städten, wo man ihn mit zum Photographen
genommen oder ihn beim Fest selbst noch schnell vor den Kasten
gestellt, ehe er ins Wasser ging, immer um ein paar Zoll größer,
immer etwas selbstbewußter in der Haltung, je mehr die Zahl der
Zeichen auf seiner Brust wuchs--da waren sie alle bis auf dies
letzte, wo die Zahl der Ehren so groß geworden war, daß er ihre Last
nicht mehr selbst tragen konnte... Und da waren die anderen Bilder,
die Gruppenaufnahmen, auf deren keinem er fehlte: erst mehr an der
Seite, fastversteckt unter den anderen, dann immer mehr in die Miete
gerückt, bis seine Person die Mitte selbst bildete--diese Aufnahmen,
ausgeführt zum größten Teile von irgendeinem Amateurphotographen,
mehr oder minder gut gelungen, aber jede einzelne eine liebe
Erinnerung an die fröhlichen Stunden eines Ausfluges, einer
Veranstaltung des Klubs, erfüllt von Gelächter und immer überstrahlt
von der unversiegbaren Fröhlichkeit der Jugend.
Und endlich die Bilder, die ihn darstellten unter seinen
Mitschwimmern bei den Konkurrenzen, Aufnahmen, wie sie in letzter
Zeit bei den wichtigsten Hauptschwimmen gewöhnlich gemacht wurden,
bevor man an den Start ging. Alle Namen, die überhaupt in der
Schwimmerwelt in den letzten Jahren genannt wurden, waren da
vertreten, alle die mehr oder minder gefährlichen Gegner, alle, mit
denen er, Franz Felder, gerungen, alle, die er besiegt hatte... Er
kannte sie alle und lächelte, wenn sein Blick auf ihren Gesichtern
ruhte. Im Momente der Aufnahme noch ruhig, fast gleichgültig--wie
verändert waren sie alle wenige Minuten später, wo es drauf und dran
ging!--Wie verschieden waren diese nackten, nur mit dem Trikot
bekleideten Gestalten: der eine lang und hoch aufgeschossen wie ein
Turm und sehnig wie ein Pferd; der andere kurz und untersetzt mit
mächtigen Schenkeln und einer phänomenalen Brustweite; der dritte
ebenmäßig und schlank, in nichts fast seine Kraft verratend; und
immer war es Felder, der diesem Dritten glich. Auf allen Bildern
stand seine schöne, schlanke Gestalt hoch aufgerichtet und ruhig
unter den anderen, und seine ernsten und mutigen Augen verliehen
seinem Gesicht einen Zug von Leidenschaftlichkeit und Intelligenz,
den man vergebens auf denen der anderen suchte...
Schließlich füllte eine Ecke des Zimmers ein großer Stoß von
Programmen und Zeitungen: die Programme der Wettschwimmen, an denen
er teilgenommen, und die Zeitungen, die über sie berichtet hatten. Es
war schon ein ganzer Haufen, und Felder hatte ihn sorgfältig
gesammelt. Koepke hatte ihm dabei geholfen und sorgte dafür, daß
nichts fehlte.
So hatte er alles um sich herum in dem kleinen Raum, was seines
Lebens ganzen Inhalt ausmachte, und darum fühlte er sich wohl in ihm.
Seine Familie bedeutete ihm schon seit langem nur so viel, als sie
ihm diese Heimat erhielt. Ihre Interessen waren nur noch in wenigen
äußerlichen Dingen die seinen. Jeder ging seine eigenen Wege, und man
war es beiderseits zufrieden. Wenn er seiner Mutter zur Ausschmückung
des Vorderzimmers die Wertpreise überließ, so tat er es nicht nur,
weil sie ihn in seinem kleinen Zimmer beengten, sondern
hauptsächlich, weil er auf sie weit weniger Wert legte als auf seine
Diplome und Medaillen. Er wußte nichts mit ihnen anzufangen.
Ganz Herr seiner selbst, mit eigenem Schlüssel zu eigenem Eingang,
kam und ging er, wie er wollte, und längst war jeder Anspruch seiner
Familie an seine Zeit verstummt. Von den heranwachsenden Geschwistern
zeigte keiner besondere Lust zu seinem Sport; daher interessierten
sie ihn nicht. Sie gehörten für ihn zu dem "anderen Teile" der
Menschheit.
So war die einzige Veränderung in seinem äußeren Leben eigentlich nur
die, daß er seine Stellung aufgegeben. Als seine Beteiligung an den
ausländischen Konkurrenzen immer wieder die Bitte um Urlaub nötig
machte, wurde der sonst ziemlich geduldige Chef unwirsch, und vor
Felders englischer Reise sagte er ihm, er möge zwar ein großer
Schwimmer sein, aber das könne ihm doch für seinen eigentlichen Beruf
nichts nützen, und er möge lieber seinem Sport etwas weniger Zeit
opfern... Wie der kleine Junge vor Jahren unter den Worten des
Rektors, so bäumte sich jetzt der gefeierte Meisterschwimmer auf;
aber er war zu stolz geworden, um überhaupt ein Wort der Entgegnung
zu verlieren. Er ging. Wenn man nicht wußte, wer er war, so sollte
man es bleiben lassen oder es lernen.--Daß er zeitweilig ohne
Stellung war, kümmerte ihn wenig. Als er dann von England kam, war er
durch die ihm gebotene Ehrensumme jeder augenblicklichen Not
enthoben, und er arbeitete von da an nur, wenn es ihm gefiel...
Größer war die innerliche Veränderung, die mit ihm vorgegangen war in
diesem Jahre. Als er von England als der unangefochtene Meister
Europas zurückkehrte, fiel sie zum ersten Male seinen Klubbrüdern
auf. Ernst und schweigsam war er eigentlich immer gewesen, aber nie
hatte sich seine große Gutmütigkeit und Freundlichkeit verleugnet.
Jetzt war etwas Strenges und Hartes in sein Wesen gekommen, das ihm
nicht eigen gewesen war. Wie er gegen sich war, so wurde er nun auch
gegen andere.
Auch seine Unbefangenheit war nicht mehr dieselbe. Er wußte, was er
seiner Würde schuldig war, und war eifersüchtig auf sie. Er
verlangte, daß sie respektiert werden sollte, und hatte angefangen,
darauf zu achten. Leichtigkeit im Umgang hatte er nie besessen, aber
die Schwerfälligkeit seines Wesens war nie so hervorgetreten wie
jetzt, wo er nicht mehr im Hintergrunde stand. Bei den Sitzungen
glaubte er an den Beratungen teilnehmen, in die Verhandlungen
eingreifen zu müssen. Da ihm die Gabe der Rede jedoch völlig abging,
so vermochte er sich nur unbeholfen auszudrücken, und man fand
allgemein mit Recht, daß er besser täte, zu schweigen wie
bisher. Dennoch hatte man so viel Achtung vor ihm und seinem
leidenschaftlichen Ernst, seiner hingebenden Liebe zur Sache, daß
man ihn geduldig anhörte.
Eine bisher fremde Ungeduld hatte ihn ergriffen; er wollte immer
weiter und weiter, ohne doch recht Zuwissen, wohin noch. Bei den
meisten Mitgliedern des Klubs aber, besonders bei den älteren, machte
sich eine gewisse Ermüdung nach so vielen großen und lauten äußeren
Erfolgen geltend, und sie verlangten mit größerer Entschiedenheit
nach einer einheitlichen Ausbildung des Ganzen, nach einer ruhigeren
Entwickelung als bisher.
Noch hatte Felder nichts an Freundschaft und Achtung verloren. Im
Gegenteil: seine Siege hatten ihm begeisterte Bewunderer erworben,
die mit ihm durch dick und dünn gingen und bei denen er alles galt.
Aber man fand den Verkehr mit ihm nicht mehr so bequem wie früher.
Man fühlte, hier mit Bedauern, dort mit Unmut, daß er nicht zufrieden
war.
Und so war es auch: in dieser Zeit, die nach beispiellosen Erfolgen
die glücklichste und schönste seines Lebens hätte sein müssen, war er
nicht glücklich.
2
Ein Winter der Ruhe sollte diesem aufgeregten Sommer voll höchster
Triumphe folgen. Der Verein hatte nach langen Debatten beschlossen,
Felder nur auf ein einziges Winterfest zu senden, auf dem er den
Wanderpreis der Stadt Charlottenburg zum dritten Male erkämpfen
mußte. Sonst sollte er ruhen, nicht trainieren und, wie Brüning
lächelnd sagte, sich "in seinem eigenen Glänze sonnen". "Im nächsten
Sommer würde es schon genug Arbeit geben, um das Gewonnene mit Ehren
zu behaupten", fügte Nagel in seiner bedächtigen Weise hinzu. Er
hatte sich übrigens verlobt und sein Amt als Schwimmwart nieder
gelegt.
Auch Brüning war in diesem Winter meist von Berlin fort, und so war
Felder mehr als vorher auf die Gesellschaft seiner anderen Klubbrüder
angewiesen. Obwohl er mit allen mehr öder minder vertraut war,
verband ihn doch mit keinem eigentlich die enge Freundschaft wie mit
jenen beiden, und sein Vertrauen genoß nur noch Koepke. Aber der war
immer da und zählte nur mit, wenn Felder ihn gerade brauchte.
Eine der stürmischen Klubsitzungen war vorüber. Es hatte irgendeine
Streitigkeit mit einem anderen Vereine gegeben, bei der die
Mitglieder verschieden Partei ergriffen. Obwohl Felder von der ganzen
im Grunde gleichgültigen Geschichte wenig begriff und sie ihn
obendrein nicht besonders interessierte, glaubte er es doch seiner
Würde schuldig zu sein, ein paar Worte mitzureden, und die waren
wieder schlecht genug ausgefallen. Daß man seine unklaren und
unbeholfenen Auseinandersetzungen so ruhig und ohne zu lächeln
hingenommen hatte, verdankte er nur seinem Ruhm...
Nun ging es noch in ein Café mit zwei anderen, denn man war noch viel
zu erhitzt und aufgeregt, um schlafen zu können. Es war das übrigens
für Felder in letzter Zeit eine Gewohnheit geworden, an die er vor
einem Jahre noch gar nicht gedacht hatte. Jetzt aber: Geld hatte er
ja, und ausschlafen konnte er morgen auch...
Man saß in einem Cafe in der Leipziger Straße. In Felder nagte noch
der Ärger über sich selbst, und er sprach kein Wort mehr. Um so
lauter waren die beiden anderen; in leidenschaftlicher Debatte
suchten sie sich gegenseitig zu überzeugen.
Felder hatte sich eine Zeitung geben lassen, las aber nicht, sondern
sah sich bewundernd um. Er war zum ersten Male hier. Er war nicht
mehr der unerfahrene Junge aus dem Osten Berlins, der nichts außer
seinem Stadtteil kannte, sondern ein gereister Mann, der Vergleiche
anstellen konnte. Aber dies schien ihm doch eines der schönsten Cafés
zu sein, das er je gesehen hatte. Überall Gold und Marmor und Spiegel
bis an die Decke hinauf; und dazu stimmte die Eleganz des Publikums,
der ruhig-vornehme Ton, der hier herrschte und der selbst seine
Kameraden zwang, ihre lauten Stimmen zu dämpfen; und die leise Art
der Kellner, die in ihren blendendweißen Schürzen kamen und gingen,
ohne daß man es merkte.
Es waren nicht sehr viele Gäste außer ihnen in diesem Teil des
Saales. An einem Tisch unweit von ihnen saß ein Herr mit einer Dame,
dessen Gesicht er nicht sehen konnte, da er ihm den Rücken zudrehte.
Die Dame war sehr elegant gekleidet, saß zurückgelehnt in ihrem
Stuhl, und während Felders Blick von der Betrachtung des Saales zu
ihr zurückkehrte, bemerkte er, wie sie ihn ansah. Er blickte fort.
Als er dann zufällig nach einer Weile wieder zu dem Tisch hinübersah,
sah er noch immer ihre Augen auf sich gerichtet, so fest und
unverwandt, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war, und er konnte sich
des Gedankens nicht erwehren, daß sie ihn während dieser ganzen Weile
so angesehen haben mußte. Diesmal wandte er sich noch schneller ab
und betrachtete noch aufmerksamer die Decke, die Wände und die
übrigen Gäste. Es war ihm unbehaglich, so angestiert zuwerden.
Dann--als er nach einigen Minuten wieder hinschaute, überzeugt, dem
eigentümlich festen und ruhigen Blicke nicht mehr zu begegnen, sah er
die Dame unverändert wie vorher zurückgelehnt in ihrem Stuhle sitzen
und ihre Augen unverwandt auf seinem Gesichte ruhen. Diesmal
begegneten sich ihre Blicke: der Felders unruhig, herausfordernd-
fragend, der der Fremden unverändert ruhig, überlegen, fast
gleichgültig, als sei es selbstverständlich, daß sie ihn in dieser
Weise mustere; und ohne die geringste Veränderung, wie ihr Blick,
blieb auch der Ausdruck ihrer Züge.
Er wurde unruhig. Jetzt wußte er, daß er sich nicht täuschen konnte.
Er ergriff eine Zeitung, starrte verständnislos auf eine politische
Karikatur der "Lustigen Blätter" und war entschlössen, nicht mehr
aufzusehen.
Was sollte denn das eigentlich heißen?--
Warum starrte die ihn denn so an?--
So viel hatte er gesehen, daß sie außergewöhnlich schön war und
kostbar gekleidet. Sie trug ein über und über besticktes graues
Seidenkleid und einen Hut mit großen Federn von gleicher Farbe. Auch
glitzerte es überall von Steinen an ihr--an ihren Händen, in ihren
Ohren, auf ihrer Brust.
Er wollte nicht aufsehen, um nicht nochmals ihrem Blick zu begegnen.
Als er aber dann, wie neugierig, sich nach den anderen Tischen umsah
und seine Augen ebenfalls scheinbar gleichgültig über den ihren
schweifen ließ, sah er, wie sie sich zur Seite gewandt hatte, da ihr
Begleiter mit ihr sprach und sie sich ihm zuwenden mußte, um zu
antworten. Nun konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sie zu
betrachten, und er sah, daß sie noch weit schöner war, als er dachte.
Er hatte noch nie ein so schmales, feines Gesicht gesehen, solche
zarte Haut, die weiß aussah wie gepudert, und solch eigentümlich
rote, schön geschwungene Lippen, dabei so viel Selbstbewußtsein und
zugleich Gleichgültigkeit in der aufrechten Haltung des Körpers... Er
konnte nicht fortsehen, so seltsam schön erschien sie ihm, und er
ließ sie nicht mehr aus den Augen, wie sie sich jetzt etwas
vornüberbeugte, um irgendeine Stelle in der Zeitung besser zu sehen,
auf die ihr Begleiter sie hinwies.
Als wenn sie fühle, daß er sie anblickte, sah sie plötzlich wieder
auf, und wieder begegnete dem seinen der Blick dieser großen,
dunklen, von langen, schwarzen Wimpern beschatteten Augen, die wieder
ruhig und prüfend, ohne Frage, aber mit durchaus unverhohlenem
Interesse auf ihm ruhten. Diesmal stieg eine jähe Röte in sein
Gesicht, und mit einer hastigen Bewegung, die nur zu deutlich zeigte,
wie sehr er sich erraten sah, wandte er sich ab.
Er war verlegen und ärgerte sich. Er wäre am liebsten fortgegangen,
wenn es möglich gewesen wäre ohne die anderen, die unbekümmert weiter
schwatzten.
Von jetzt an schaute er nur von Zeit zu Zeit auf, und jedesmal
begegnete er dem Blicke dieser Augen, der immer größer und immer
willensfester zu werden schien, als wollte er sagen: ich erkenne
dich...
Eine schwüle Beklemmung stieg in dem jungen Manne empor, wie er sie
noch nie empfu
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