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Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman

by Karl Gjellerup · German · Gutenberg #14962 · 487,936 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman
    
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Title: Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman

Author: Karl Gjellerup


        
Release date: February 7, 2005 [eBook #14962]
                Most recently updated: December 19, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/14962

Credits: E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PILGER KAMANITA: EIN LEGENDENROMAN ***


E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed
Proofreading Team



DER PILGER KAMANITA

Ein Legendenroman

von

KARL GJELLERUP







[Illustration]


I. DER ERHABENE BEGRÜSST DIE STADT DER FÜNF HÜGEL


Einst wanderte der Buddha im Lande Magadha von Ort zu Ort und kam nach
Rajagaha. Der Tag ging schon zur Neige, als der Erhabene sich der Stadt
der fünf Hügel näherte. Gleich dem Abglanz einer segnenden Götterhand
breiteten sich die milden Strahlen der Sonne über die weite, mit grünen
Reisfeldern und Wiesen bedeckte Ebene. Hier und dort zeigten kleine an
der Erde hinkriechende Wölkchen, wie aus reinstem Goldstaube, daß
Menschen und Ochsen von der Feldarbeit heimkehrten; und die
langgestreckten Schatten der Baumgruppen waren wie von einer
regenbogenfarbigen Glorie umgeben. Aus dem Kranze der blühenden Gärten
glänzten die Torzinnen, Terrassen, Kuppeln und Türme der Hauptstadt
hervor, und in unvergleichlichem Farbenschmelz, als wären sie aus
Topasen, Amethysten und Opalen gebildet, lag die Reihe der Felsenhügel
da.

Von diesem Anblick ergriffen, blieb der Erhabene stehen. Mit Freuden
begrüsste er jene vertrauten Formen, die so manche Erinnerungen für ihn
bargen: das graue Horn, das breite Joch, den Seherfelsen und den
Geierkulm, "dessen schöner Gipfel die andern wie ein Dach
überragt";--vor allen aber Vibhara, den Berg der heissen Quellen, der
mit seiner Höhle des Sattapannibaumes dem Heimatlosen eine erste Heimat
bereitet hatte--die erste Rast auf dem letzten Wege vom Sansara ins
Nirvana.

Denn als er damals "noch in frischer Blüte, mit glänzendem, dunklem
Haar, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter, gegen den
Wunsch seiner weinenden und klagenden Eltern" das fürstliche Vaterhaus
im nördlichen Lande der Sakyer verlassen und seine Schritte nach dem
Gangatal gerichtet hatte, da gönnte er sich erst dort einen längeren
Aufenthalt, indem er jeden Morgen um Almosenspeise nach Rajagaha ging.
In jener Höhle hatte ihn auch damals der König von Magadha, Bimbisara,
besucht und ihn vergebens beschworen, ins Elternhaus und ins Weltleben
zurückzukehren, bis der Fürst, durch die Worte des jungen Asketen
umgestimmt, das erste Vertrauen fasste, das ihn später zum Anhänger des
Buddha machte.

Lange Zeit war seitdem verflossen--ein halbes Jahrhundert, in dem er
nicht nur seinen eigenen Lebenslauf, sondern den Lauf der Welt gewendet
hatte. Welcher Unterschied zwischen damals, als er drüben in der Höhle
des Sattapannibaumes weilte, und jetzt! Damals war er noch ein
Suchender, ein nach der Erlösung Ringender: schreckliche Seelenkämpfe
standen ihm noch bevor, jahrelange, ebenso furchtbare wie fruchtlose
Kasteiungen, bei deren Schilderungen selbst dem Beherztesten seiner
Zuhörer sich die Haare vor Entsetzen sträubten;--bis er dann endlich,
nach völliger Überwindung solcher Schmerzensaskese, durch inbrünstige
Selbstvertiefung die Erleuchtung errang und zum Heil der Wesen als ein
allerhöchster, vollendeter Buddha aus dem Kampfe hervorging.

Damals ähnelte sein Leben einem unstäten Vormittag in der Regenzeit, wo
blendender Sonnenschein und tiefe Schatten wechseln, während der Monsun
die Wolken immer höher aufeinander türmt, und das tödlich drohende
Gewitter immer näher grollt. Jetzt aber war es von demselben
abendlichen, heiteren Frieden erfüllt, der über dieser Landschaft ruhte,
und der immer tiefer und verklärter zu werden schien, je mehr der
Sonnenball sich dem Horizonte näherte. Auch die Sonne seines Lebenstages
neigte sich ja dem Untergange zu. Sein Werk war vollbracht. Das Reich
der Wahrheit war fest begründet, die Heilslehre der Menschheit
verkündet; viele wandel- und wissensbewährte Mönche und Nonnen und
Laien-Anhänger beiderlei Geschlechts waren fähig, dieses Reich zu
schützen, diese Lehre aufrechtzuerhalten und weiterzuverbreiten. Und
schon stand nach den Erwägungen dieses Tages, den er mit einsamer
Wanderung zugebracht hatte, die Erkenntnis in seinem Herzen fest: gar
bald wird es für mich Zeit sein, auf immer diese Welt zu verlassen, aus
der ich mich selber und alle, die mir folgen, erlöst habe, und in die
Ruhe Nirvanas einzugehen.--

Und die Gegend mit wehmütigem Gefallen überblickend, sprach der Erhabene
bei sich selber:

"Lieblich fürwahr ist Rajagaha, die Stadt der fünf Hügel, reizend sind
ihre Umgebungen! Reich gesegnet sind die Felder, herzerfreuend die
baumbeschatteten, wasserblinkenden Auen, überaus anmutig die buschigen
Felsenhügel.--Zum letzten Male sehe ich ja jetzt von diesem schönsten
Punkte aus diese liebliche Gegend. Nur einmal noch, wenn ich weiterziehe
und mich auf jenem Joche umwende, werde ich von drüben das liebliche Tal
Rajagahas erblicken und dann nimmermehr."

In der Stadt ragten nur noch zwei Bauwerke goldig in das Sonnenlicht
empor: der höchste Turm des Königspalastes, von wo aus Bimbisara ihn
zuerst erspäht hatte, als er, ein junger unbekannter Asket, seine Straße
zog und durch seinen hohen Anstand die Aufmerksamkeit des Magadhakönigs
auf sich lenkte;--und der Kuppelaufsatz des Indratempels, in welchem
damals, bevor sein Wort die Menschen von blutigem Aberglauben erlöst
hatte, Tausende und Abertausende von unschuldigen Tieren jährlich dem
Gott zu Ehren hingeschlachtet wurden. Nun tauchten auch die Turmzinnen
erlöschend in das steigende Schattenmeer unter, und nur jener Kegel von
goldenen, übereinandergespannten Sonnenschirmen,[1] der den Tempeldom
krönte, glühte noch, gleichsam frei in der Luft schwebend, als ein
Wahrzeichen der "Königsstadt"[2];--immer röter sprühte und funkelte er
auf dem dunkelblauen Hintergrund von hochragenden Baumwipfeln. Und hier
erblickte der Erhabene das immer noch ziemlich entfernte Ziel seiner
Wanderung. Denn jene Baumwipfel waren die des Mangohaines jenseits der
Stadt, der ihm von seinem Anhänger Jivaka, dem Leibarzt des Königs,
geschenkt worden war, und in welchem ein schönes Klostergebäude den
Mönchen gesunde und bequeme Unterkunft gewährte.

 [1] Der goldene Sonnenschirm ist das Emblem der Königswürde.

 [2] Rajagaha (Sanskrit: Rajagriha) = Königsstadt, jetzt Rajgir, 10
 Meilen südöstlich von Patna.

Nach diesem Besitztum des Ordens hatte nun der Erhabene die ihn
begleitenden Mönche--zweihundert an der Zahl--unter der Leitung seines
Vetters und treuen Begleiters Ananda vorausgehen lassen, weil es ihn
lockte, die Wonne einer einsamen Tageswanderung zu kosten. Und es war
ihm bekannt, daß um die Zeit des Sonnenunterganges von Westen her ein
Zug junger Mönche, geführt vom weisen Sariputta, dem großen Schüler, in
dem Mangohain eintreffen würde. In seinem lebhaften, auf das
Anschauliche gerichteten Geiste spielte sich nun das Schauspiel ab, wie
die ankommenden Mönche mit den schon anwesenden sich freundlich
begrüßten, wie ihnen von jenen Sitz und Lagerstatt angewiesen, Mantel
und Almosenschale abgenommen wurden, und wie dabei großer Lärm und
lautes Geschrei entstand, als ob Fischer um die Beute rauften. Und ihm,
der stille Betrachtung liebte und dem Lärm abhold war, wie der einsam
wandernde Löwe: ihm war gerade jetzt, nach der köstlichen Ruhe der
einsamen Wanderung und dem friedlichen Segen dieser Abendlandschaft, der
Gedanke doppelt peinlich, in ein solches Treiben hineinzugeraten.

Und so entschloß er sich im Weiterschreiten, nicht durch die Stadt nach
seinem Mangohain zu gehen, sondern in dem ersten besten Hause des
Vorortes, in dem er Unterkunft finden konnte, sein Nachtlager
aufzuschlagen.

Unterdessen waren die goldigen Flammen des westlichen Himmels in
brennende Orangetöne verweht und diese wiederum in die feurigste
Scharlachglut zerschmolzen. Ringsum leuchteten die Felder immer grüner
und grüner, als ob die Erde ein Smaragd wäre, der von innen durchstrahlt
würde. Aber schon umspann ein traumhaft violetter Dunst die Ferne,
während eine fast übersinnliche Purpurflut--man wußte nicht, ob Licht,
ob Schatten--wie von überallher niedersinkend, emporsteigend und
hereinströmend, den ganzen Raum durchwallte, Festes auflösend und Loses
sammelnd, Nahes fortschwemmend und Fernes heranflutend, Alles aber in
Schwanken und flimmerndes Zittern versetzend....

Durch die Schritte des einsamen Wanderers emporgeschreckt, hakte ein
fliegender Hund seine ledernen Flügel von dem Zweig eines schwarzen
Salabaumes los und strich mit piepsendem Schrei durch die Dämmerung, um
den Obstgärten des dorfähnlichen Vorortes einen Besuch abzustatten.

So war es Abend geworden, als der Erhabene diesen Vorort Rajagahas
erreichte.




II. DIE BEGEGNUNG


Beim ersten Hause, dessen Wand bläulich zwischen den Gartenbäumen
hervorschimmerte, gedachte der Erhabene vorzusprechen. Wie er sich nun
aber der Tür nähern wollte, wurde er ein Netz gewahr, das auf einen Ast
gehängt war. Und der Erhabene schritt fürbass, das Haus des
Vogelstellers verschmähend.

An diesem äußeren Rande des Ortes waren die Häuser spärlich verstreut,
auch hatte dort unlängst eine Feuersbrunst gewütet, und so dauerte es
denn eine Weile, bis er wieder an eine menschliche Wohnung kam. Es war
dies das Gehöft eines wohlhabenden Brahmanen. Der Erhabene war schon zum
Tor hereingetreten, da hörte er, wie drinnen die beiden Frauen des
Brahmanen keiften, mit lauten schreienden Stimmen sich zankten und sich
gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen. Und der Erhabene wendete
sich um, trat wieder zum Torwege hinaus und schritt fürbaß.

Der Lustgarten jenes reichen Brahmanen erstreckte sich weithin den Weg
entlang. Der Erhabene begann schon Müdigkeit zu spüren, und sein rechter
Fuß, von einem scharfen Stein verletzt, schmerzte ihn im
Weiterschreiten. So näherte er sich endlich dem nächsten Wohnhause, das
schon von weitem sichtbar war; denn heller Lichtschimmer strömte quer
über den Weg durch das Gitter der Fensterläden und die offenstehende
Tür. Wäre aber auch ein Blinder gekommen, so hätte er doch das Haus
bemerkt, denn übermütiges Lachen, Becherklang, Stampfen tanzender Füße
und lieblich heitere Töne der siebensaitigen Vina drangen ins Freie
heraus; an den Türpfosten gelehnt aber stand ein schönes Mädchen in
reichem Seidengewand und mit Jasmingewinden behangen. Lachend ihre vom
Betelkauen roten Zähne zeigend, lud sie den Wanderer ein: "Tritt herein,
Fremder! Hier wohnt die Freude."

Und der Erhabene schritt fürbaß, seines Wortes gedenkend: "Als Weinen
gilt im Orden der Heiligen das Singen; als Tollsein gilt im Orden der
Heiligen der Tanz; als kindisch gilt im Orden der Heiligen das
Zähnezeigen zur Unzeit, das Lachen: Genüg' euch in Wahrheit Entzückten
das Lächeln des lächelnden Blickes."

Das Nachbarhaus war nicht weit entfernt, aber der Lärm der Zecher und
der Vinaspieler drang bis dahin, und so ging der Buddha weiter bis zum
nächsten Hause. Neben diesem waren aber zwei Metzgergesellen beim
letzten Schimmer des Tageslichtes eifrig am Werk, eine soeben
geschlachtete Kuh mit scharfen Messern zu zerlegen.

Und der Erhabene schritt an der Wohnung des Schlächters vorüber.

Vor dem nächsten Hause standen viele Schüsseln und Näpfe aus frischem
Ton, die Ausbeute einer rechtschaffenen Tagesarbeit; unter einer
Tamarinde befand sich das Töpferrad, und der Hafner löste gerade eine
Schüssel davon ab und trug sie zu den anderen.

Der Erhabene trat zum Hafner hin, begrüßte ihn höflich und sagte:

"Wenn es dir, Abkömmling Bhagas, nicht ungelegen ist, bleibe ich über
Nacht in deinem Vorsaale."

"Es ist mir, o Herr, nicht ungelegen. Doch ist soeben ein Pilger
angekommen, müde von einer langen Wanderung. Und er hat schon sein Lager
hier aufgeschlagen. Wenn es ihm recht ist, mögest du bleiben, o Herr,
nach Belieben."

Und der Erhabene überlegte sich: "Einsamkeit freilich ist der beste
Gefährte. Aber dieser liebe Pilger ist hier spät angekommen, wie ich
selber, müde von einer langen Wanderung. Und er ist an den Häusern
unreiner, blutiger Gewerbe vorbeigegangen, ist an dem Hause des Zankes
und des gehässigen Streits und an dem Hause des Lärms und der unwürdigen
Freuden vorübergeschritten, um erst hier beim Hafner einzukehren. Mit
einem solchen Manne zusammen kann man die Nacht verbringen."

So trat denn der Erhabene in die Vorhalle ein, wo er einen jungen Mann
von edlen Gesichtszügen gewahr wurde, der in der einen Ecke auf einer
Matte saß.

"Wenn es dir, Pilger, nicht ungelegen ist," sprach der Erhabene zu ihm,
"bleibe ich über Nacht hier im Vorsaale."

"Geräumig, Bruder, ist der Vorsaal des Hafners; bleibe der Ehrwürdige
nach Belieben."

Da breitete nun der Erhabene an der einen Wand die Strohmatte hin und
setzte sich nieder, die Beine gekreuzt, den Körper gerade aufgerichtet,
in heiliges Sinnen versunken. Und der Erhabene brachte die ersten
Stunden der Nacht sitzend zu. Und auch der junge Pilger brachte die
ersten Stunden der Nacht sitzend zu.

Da gedachte denn der Erhabene bei sich: "Ob wohl dieser edle Sohn
fröhlich beflissen ist?--Wie, wenn ich ihn nun darum fragte?"

Und der Erhabene wandte sich also an den jungen Pilger:

"Weshalb, o Pilger, bist du in die Heimatlosigkeit gegangen?"

Der junge Pilger antwortete:

"Nur ein paar Nachtstunden sind vergangen. Wohlan, wenn mir der
Ehrwürdige seine Aufmerksamkeit schenken will, werde ich erzählen,
weshalb ich in die Heimatlosigkeit gegangen bin."

Der Erhabene gab durch freundliches Kopfnicken sein Einverständnis zu
erkennen, und der junge Pilger hub zu erzählen an.




III. NACH DEM UFER DER GANGA


Ich heisse Kamanita mit Namen und bin in Ujjeni geboren, einer weit im
Süden gelegenen Stadt, im Lande Avanti, im Gebirge. Dort kam ich in
einer begüterten, wenn auch nicht sehr vornehmen Kaufmannsfamilie zur
Welt. Mein Vater ließ mir eine gute Erziehung zuteil werden, und als ich
die Opferschnur anlegte, war ich schon ziemlich im Besitze der meisten
Fertigkeiten, die sich für einen jungen Mann von Stand passen, so daß
man allgemein glaubte, ich müßte in Takkasila[1] erzogen worden sein. Im
Ringkampf und im Degenfechten war ich einer der ersten; ich hatte eine
schöne, wohlgeübte Singstimme und verstand die Vina kunstreich zu
schlagen; ich konnte alle Gedichte Bharatas und noch viele andere
auswendig hersagen; mit den Geheimnissen der Metrik war ich aufs
innigste vertraut, und verstand auch selber gefühlvolle und sinnreiche
Verse zu schreiben. Im Zeichnen und Malen übertrafen mich nur Wenige,
und meine Art Blumen zu streuen wurde allgemein bewundert. Groß war mein
Geschick im Färben der Kristalle und meine Kenntnis von der Herkunft der
Juwelen; keine Papageien oder Predigerkrähen sprachen so gut wie
diejenigen, die ich abgerichtet hatte. Auch verstand ich von Grund aus
das vierundsechzigfeldige Brettspiel, das Stäbchenspiel, das Bogenspiel
und das Ballspiel in allen seinen Abarten, sowie allerlei Rätsel- und
Blumenspiele. Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in
Ujjeni: "Vielbefähigt wie der junge Kamanita."

 [1] Das Oxford des alten Indien (in Pendschab gelegen).

Als ich zwanzig Jahre alt war, ließ mein Vater mich eines Tages rufen
und sprach also zu mir:

"Mein Sohn, deine Erziehung ist jetzt vollendet, und es ist Zeit, daß du
dich in der Welt umsiehst und dein Kaufmannsleben beginnst, auch habe
ich dafür jetzt eine gute Gelegenheit gefunden. In diesen Tagen schickt
unser König eine Gesandtschaft an den König Udena in Kosambi, weit von
hier, im Norden. Dort habe ich aber einen Gastfreund Panada. Der hat mir
längst gesagt, in Kosambi wäre mit Produkten unseres Landes, besonders
mit Bergkristallen und Sandelpulver, sowie mit unseren kunstvollen
Rohrgeflechten und Weberwaren ein gutes Geschäft zu machen. Ich habe
aber immer eine solche Geschäftsreise als ein großes Wagnis gescheut
wegen der vielen Gefahren des Weges. Wer nun aber die Hin- und Herreise
im Gefolge dieser Gesandtschaft macht, für den ist gar keine Gefahr
vorhanden. Wohlan, mein Sohn, wir wollen auf den Lagerplatz gehen und
uns die zwölf Ochsenwagen und die Waren ansehen, die ich für deine Fahrt
bestimmt habe; du wirst für unsere Produkte Musselin aus Benares und
ausgesuchten Reis mit zurückbringen, und das wird, hoffe ich, ein
glorreicher Anfang deiner kaufmännischen Laufbahn sein; auch wirst du
Gelegenheit haben, fremde Länder mit anderer Natur und anderen Sitten
kennen zu lernen und unterwegs mit Hofleuten, Männern vom höchsten
Anstande und feinsten Betragen tagtäglich zu verkehren, was ich für
einen hohen Gewinn erachte; denn ein Kaufherr muß ein Weltmann sein."

Ich dankte meinem Vater unter Freudentränen, und schon wenige Tage
danach nahm ich vom Elternhause Abschied.

Wie schlug mein Herz vor freudiger Erwartung, als ich inmitten dieses
prächtigen Zuges, an der Spitze meiner Karren, zum Stadttor hinauszog
und die weite Welt offen vor mir lag. Jeder Tag dieser Reise war mir wie
ein Fest, und wenn abends die Lagerfeuer flammten, um Tiger und Panther
zu verscheuchen, und ich im Kreise älterer und vornehmer Männer an der
Seite des Gesandten saß, dünkte ich mich vollends im Märchenland.

Durch den herrlichen Waldbereich Vedisas und über die sanften Höhenzüge
des Vindhyagebirges erreichten wir die ungeheure nördliche Ebene, wo
eine ganz neue Welt sich mir eröffnete; denn ich hätte nie gedacht, daß
die Erde so flach und so groß sei. Und etwa einen Monat nach unserer
Abreise sahen wir an einem herrlichen Abend, von einer palmengekrönten
Anhöhe aus, zwei goldene Bänder, die sich dem Dunstkreise des Horizontes
entwanden, das unendliche Grün durchzogen und sich allmählich einander
näherten, bis sie sich zu einem breiten Band vereinigten.

Eine Hand berührte meine Schulter.

Es war der Gesandte, der an mich herangetreten war.

"Da siehst du, Kamanita, die heilige Jamuna und die hochheilige Ganga,
die dort vor unseren Augen ihre Fluten vereinigen."

Unwillkürlich erhob ich anbetend meine Hände.

"Du tust recht, sie also zu grüßen," fuhr mein Beschützer fort. "Denn
wenn die Ganga von dem Göttersitz im nördlichen Schneegebirge kommt und
gleichsam aus der Ewigkeit flutet, so kommt die Jamuna aus fernen
Heldenzeiten, und ihre Fluten haben die Trümmer der Ilfenstadt[1]
gespiegelt und jene Ebene bespült, wo die Panduinge und die Kuruinge um
die Herrschaft rangen, wo Karna in seinem Zelte grollte, wo Krishna
selber die Rosse Arjunas lenkte--doch ich brauche dich ja nicht daran zu
erinnern, da du in den alten Heldenliedern wohl bewandert bist. Oft habe
ich drüben auf jener spitzen Landzunge gestanden und gesehen, wie die
blauen Wogen der Jamuna neben den gelben der Ganga dahinflossen, ohne
sich mit ihnen zu vermischen, so wie die Kriegerkaste neben der
Brahmanenkaste unvermischt besteht. Dann kam es mir vor, als ob ich mit
dem Rauschen dieser blauen Fluten auch kriegerische Klänge vernähme,
Waffengetöse und Hörnerrufe, Wiehern von Rossen und Trompeten der
Kampfilfen, und mein Herz schlug höher, denn auch meine Ahnen waren ja
dabei gewesen und der Sand Kurukschetras hatte ihr Heldenblut
getrunken."

 [1] Hastinapura = Elefantenstadt. Das Wort "Ilf" hat _Adolph Holtzmann_
 geprägt ("Indische Sagen" XXIX).

Voll Bewunderung blickte ich zu diesem Manne aus der Kriegerkaste empor,
in dessen Familie solche Erinnerungen lebten.

Er aber faßte mich an der Hand.

"Komm, mein Sohn, und begrüße das Ziel deiner ersten Reise."

Und er führte mich nur wenige Schritte um ein dichtes Gebüsch herum, das
bis jetzt die Aussicht nach Osten verdeckt hatte.

Als diese sich nun plötzlich öffnete, stieß ich unwillkürlich einen
Schrei der Bewunderung aus.

Dort--an einer Biegung der breiten Ganga--lag eine große Stadt: Kosambi.

Mit ihren Mauern und Türmen, ihrer aufsteigenden Häusermasse, ihren
Terrassen, ihren Quais und Ghâts[1] sah sie, von der untergehenden Sonne
beleuchtet, wahrlich aus, als wäre sie ganz und gar aus rotem Gold
gebaut--so wie es ja Benares war, bis die Sünden der Einwohner es in
Stein und Mörtel verwandelten;--die wirklich goldenen Kuppeln aber
glänzten wie ebensoviele Sonnen. Oben von den Tempelhöfen stiegen
dunkle, rotbraune Rauchsäulen, von den Leichenverbrennungsstätten am
Ufer solche von hellblauer Farbe, kerzengerade in die Höhe, und,
gleichsam von ihnen getragen, schwebte baldachinartig über dem Ganzen
ein Schleier wie aus den zartesten Perlmuttertönen gewoben, während
dahinter alle Farben, die da brennen und leuchten können, über den
Himmel ausgegossen durcheinander glühten. Auf dem heiligen Strom, der
diesen Glanz widerspiegelte, schaukelten unzählige Boote mit bunten
Segeln und Wimpeln, und trotz der Entfernung sah man, wie die breiten
Treppen der Ghâts von Leuten wimmelten, während viele schon unten in den
glitzernden Wellen plätscherten. Ein fröhliches Geräusch, wie das Summen
eines Bienenkorbes, drang von Zeit zu Zeit zu uns herauf.

 [1] Landungsplatz mit prachtvollen Freitreppen für Badende--gewöhnlich
 von Vorsprüngen und Kiosken unterbrochen und durch einen monumentalen
 Torbau abgeschlossen.

Du kannst dir denken, daß ich eher eine Stadt der dreiunddreißig Götter
als eine der Menschen zu sehen vermeinte, wie denn überhaupt das
Gangatal mit seinem üppigen Reichtum uns Bergbewohnern wie das Paradies
vorkam. Und für mich sollte ja auch hier das Paradies auf Erden sich
zeigen.

Noch in derselben Nacht schlief ich unter dem wirtlichen Dache Panadas,
des Gastfreundes meines Vaters. Früh am folgenden Tage eilte ich aber
zum nächsten Ghât und stieg mit unbeschreiblichen Gefühlen in die
heiligen Wogen, um nicht nur den Reisestaub, sondern auch meine Sünden
abzuspülen. Diese waren infolge meiner Jugend ja nur gering; ich füllte
aber eine große Flasche mit dem Gangawasser, um sie meinem Vater
mitzubringen. Sie ist jedoch, wie du erfahren wirst, leider nie in
seinen Besitz gekommen.

Der edle Panada, ein Greis von ehrwürdigstem Aussehen, führte mich nun
nach den Kaufhallen, und durch seine freundliche Hilfe gelang es mir, im
Verlaufe der folgenden Tage meine Waren vorteilhaft zu verkaufen und
eine überreiche Menge von den bei uns sehr geschätzten Produkten der
nördlichen Ebene einzukaufen.

Dies mein Geschäft war glücklich zu Ende gebracht, bevor die
Gesandtschaft noch daran dachte, sich zur Abreise zu rüsten, was mich
keineswegs verdroß; denn ich hatte nun volle Freiheit, mir die Stadt
anzusehen und ihre Vergnügungen zu genießen, was ich in der Gesellschaft
Somadattas, des Sohnes meines Wirtes, in ausgiebigstem Maße tat.




IV. DIE BALLSPIELERIN


An einem schönen Nachmittage begaben wir uns in einen öffentlichen
Garten vor der Stadt--eine gar prächtige Anlage unmittelbar am hohen
Ufer der Ganga mit schattigen Baumgruppen, großen Lotusteichen,
Marmorhäuschen und Jasminlauben, wo zu dieser Tageszeit immer ein reges
Treiben herrschte. Hier ließen wir uns in einer goldenen Schaukel von
der Dienerschaft schaukeln, während wir den herzerfreuenden Tönen der
liebestrunkenen Kokila und dem süßen Plaudern der grünen Papageien
lauschten. Da erhob sich plötzlich ein gar erheiterndes Klingen von
Fußspangen. Sofort sprang mein Freund aus der Schaukel und rief:

"Sieh da! Gerade kommen die schönsten Mädchen von Kosambi, auserlesene
Jungfrauen aus den reichsten und vornehmsten Häusern, um die
Vindhya-bewohnende Göttin durch Ballspiel zu verehren. Du kannst von
Glück sagen, Gastfreund! denn bei diesem Spiel kann man sie ungehindert
sehen! Komm, wir wollen diese Gelegenheit nicht versäumen."

Ich ließ mir dies natürlich nicht zweimal sagen, sondern folgte eiligst
meinem Freunde.

Auf einer großen, edelsteinbesetzten. Bühne erschienen sofort die
Mädchen, zum Spiele bereit. Wenn es nun schon eine seltene Augenweide
war, diese Schar von Schönheiten in ihrem Glanz von schimmernder Seide,
duftigen Musselinschleiern, Perlen, Edelsteinen und Goldspangen zu
sehen--was soll man dann erst von dem Spiele selbst sagen, das diesen
Schwellgliederigen die mannigfaltigste Gelegenheit gab, ihre ganze Anmut
in überaus reizenden Stellungen und Bewegungen zu entfalten? Und doch
war das nur gleichsam ein Vorspiel. Denn als diese Gazellenäugigen uns
eine geraume Zeit durch die verschiedenartigsten Spiele ergötzt hatten,
traten sie alle zurück, und nur eine blieb in der Mitte der
edelsteinbesetzten Bühne--und in der Mitte meines Herzens stehen.

Ach, mein Freund, was soll ich sagen! Von ihrer Schönheit zu reden wäre
Verwegenheit! Denn ich müßte ein Dichter sein wie Bharata selbst, um
auch nur einen schwachen Abglanz davon deiner Phantasie vorzuzaubern. Es
sei genug, hervorzuheben, daß diese Mondgesichtige von makelloser
Gestalt und an allen Gliedern von frischer Jugend umblüht war, daß sie
mir als die leibliche Glücks- und Schönheitsgöttin erschien, und daß
alle meine Körperhärchen sich bei diesem Anblick vor Entzücken
sträubten. Und nun begann sie zu Ehren der Göttin, deren Verkörperung
sie schien, ein kunstreiches Spiel. Lässig warf sie den Ball zu Boden,
und als er dann langsam emporstieg, gab sie ihm mit ihrer
schößlinggleichen Hand, deren Daumen sie etwas krümmte und deren zarte
Finger sie ausstreckte, einen kräftigen Schlag, trieb dann den
aufsteigenden Ball mit dem Handrücken empor und fing ihn beim
Herabfallen in der Luft wieder auf. Sie warf ihn in langsamem, in
mittlerem und in raschem Tempo, bald ihn anfeuernd, bald ihn
besänftigend, schlug ihn abwechselnd mit der linken und mit der rechten
Hand, trieb ihn in jede Himmelsrichtung und wieder zurück. Wenn
du--wie's mir aus deinem verständnisvollen Blick scheinen will--mit der
Spielballwissenschaft vertraut bist, so brauche ich dir nichts zu sagen,
als daß du wohl niemals das Curnapada und das Gitamarga so vollkommen
ausgeführt gesehen haben wirst.

Dann aber machte sie etwas, was ich nie gesehen und wovon ich auch nie
gehört habe. Sie nahm nämlich zwei goldene Bälle, und während ihre Füße
zum Klange ihrer Schmuckjuwelen sich tanzend bewegten, ließ sie diese
Bälle so schnell in blitzartigen Linien springen, daß man gleichsam nur
die Goldstäbchen eines Käfigs sah, in dem ein Wundervogel niedlich
umherhüpfte. Dabei geschah es, daß unsere Blicke sich plötzlich
begegneten; und noch heute, o Fremder, verstehe ich nicht, wie es
zuging, daß ich nicht augenblicklich tot niedersank, um in einem
Wonnehimmel wiedergeboren zu werden. Aber es mag wohl sein, daß meine
Werke eines vorhergehenden Lebens, deren Früchte ich in _diesem_
genießen muß, noch nicht erschöpft waren; denn dieser Rest meines
Wandels von einst hat mich ja in der Tat durch mehrere tödliche Gefahren
bis auf den heutigen Tag gebracht und wird wohl noch lange vorhalten.

Gerade jetzt aber entfloh ihr einer der Bälle, die ihr bisher so
gehorsam gewesen waren, und sprang in einem mächtigen Satze von der
Bühne herunter. Viele junge Leute eilten ihm nach; ich und ein junger,
reich gekleideter Mann erreichten ihn gleichzeitig und wir gerieten
aneinander, weil keiner ihn dem anderen gönnte. Durch mein genaues
Vertrautsein mit den Kniffen der Ringerkunst gelang es mir, ihm ein Bein
zu stellen; er aber ergriff, um mich zurückzuhalten, meine kristallene
Halskette, an der ich ein Amulett trug. Die Kette zerriß, er stürzte zu
Boden und ich erhaschte den Ball. Wütend sprang er auf und schleuderte
mir die Kette vor die Füße. Das Amulett war ein Tigerauge, kein gerade
sehr kostbarer Stein, aber dieser war ein unfehlbares Mittel gegen den
bösen Blick--und jetzt, als der seine mich traf, mußte ich ihn gerade
vermissen. Aber was kümmerte mich das? Hielt ich doch den Ball, den ihre
Lotushand soeben berührt hatte, in Händen, und als sehr geschicktem
Ballspieler gelang es mir, einen so genau berechneten Wurf zu tun, daß
der Ball gerade vor der einen Ecke der Bühne aufschlug, um dann mit
einem mäßigen Sprung gleichsam bezähmt in den Bereich der schönen
Spielerin zu gelangen, die keinen Augenblick aufgehört hatte, den
anderen Ball in Bewegung zu erhalten, und sich nun wieder in ihren
Goldkäfig einspann--unter großem Jubel der zahlreichen Zuschauer.

Damit war denn nun die Ballspielverehrung der Lakshmi zu Ende, die
Mädchen verschwanden von der Bühne, und wir begaben uns auf den Heimweg.

Unterwegs meinte mein Freund, es sei gut, daß ich nichts dort am Hofe
erreichen wollte, denn der junge Mann, dem ich den Ball abgejagt hätte,
sei kein geringerer als der Sohn des Ministers, und man habe es ihm
angesehen, daß er mir unversöhnlichen Haß geschworen habe. Das ließ mich
nun völlig kalt; wie viel lieber hätte ich erfahren, wer meine Göttin
war. Ich scheute mich aber, danach zu fragen, ja, als Somadatta mich mit
der Schönen necken wollte, tat ich sehr gleichgültig, lobte in
Kennerausdrücken ihre Fertigkeit im Spielen, fügte jedoch hinzu, daß wir
in meiner Heimatstadt wenigstens ebenso geschickte Spielerinnen
hätten--während ich in meinem Herzen der Unvergleichlichen diese Lüge
abbat.

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß diese Nacht kein Schlaf in meine
Augen kam, die ich nur schloß, um immer wieder von der reizenden
Erscheinung umschwebt zu werden. Den nächsten Tag brachte ich in einer
von allem Tageslärm entfernten Ecke des Hausgartens zu, wo der Sandboden
unter einem Mangobaum meinem von Liebesglut gepeinigten Körper Kühlung
bot, die siebensaitige Vina als einzige Gefährtin, der ich meine
Sehnsucht anvertraute. Sobald aber die abnehmende Tageshitze einen
Ausflug erlaubte, überredete ich Somadatta, mit mir nach dem Lustgarten
zu fahren, obschon er es vorgezogen hätte, einem Wachtelkampf
beizuwohnen. Aber umsonst durchirrte ich den ganzen Park--viele Mädchen
waren da, überall ihr Spiel treibend, als wollten sie mich mit falscher
Hoffnung von einem Ort zum anderen locken; aber jene einzige, Lakshmis
Ebenbild, war nicht darunter.

Nun tat ich, als ob ich eine unwiderstehliche Sehnsucht hätte, das
eigentümliche Leben an der Ganga wieder zu genießen. Wir besuchten alle
Ghâts und bestiegen schließlich eine Barke, um uns in die fröhliche
Flottille zu mischen, die jeden Abend auf den Wogen des heiligen Stromes
schaukelte, bis das Farbenspiel und der Goldglanz erloschen und Lichter
von Fackeln und Lampions auf dem Strome tanzten und wirbelten.

Dann mußte ich endlich meine ebenso stumme wie stürmische Hoffnung
aufgeben und den Bootsführer anweisen, nach dem nächsten Ghât zu
steuern.

Nach einer schlaflosen Nacht blieb ich in meinem Zimmer, und um meinen
Geist, der doch nur von ihrem Bild erfüllt war, zu beschäftigen und zu
zerstreuen, bis ich wieder in den Lustgarten eilen konnte, versuchte ich
mittelst Pinsel und Farben ihre holde Erscheinung, wie sie tanzenden
Schrittes den Ball schlug, auf die Tafel zu bannen. Keinen Bissen
vermochte ich zu mir zu nehmen; denn wie der lieblich singende Çakora
nur von Mondstrahlen lebt, also lebte ich nur von den Strahlen jener
Mondgesichtigen, obgleich sie mich nur durch den Nebel der Erinnerung
erreichten; doch hoffte ich zuversichtlich, daß sie an diesem Abend im
Lustgarten mit ihrem vollen Glanz mich letzen und beleben würden. Aber
auch diesmal wurde ich enttäuscht. Nun wollte Somadatta mich in ein
Spielhaus mitnehmen, denn er war so versessen auf das Würfelspiel wie
Nala, nachdem der Dämon Kali in ihn gefahren war. Ich schützte indessen
Müdigkeit vor. Aber anstatt nach Hause zu gehen, begab ich mich wieder
nach den Ghâts und auf den Fluß hinaus--leider nicht mit besserem Erfolg
als am vorhergehenden Abend.




V. DAS MAGISCHE BILDNIS


Da ich wußte, daß für mich doch nicht an Schlaf zu denken war, legte ich
mich an diesem Abend gar nicht zu Bett, sondern setzte mich auf das zur
Andacht bestimmte Graslager am Kopfende des Bettes, und brachte dort
unter inbrünstigen Liebesbetrachtungen und im Gebet an die lotustragende
Lakshmi, ihr himmlisches Urbild, in frommer und geziemender Weise die
Nacht zu; aber die frühe Morgensonne fand mich wieder mit Pinsel und
Farben an der Arbeit.

Mehrere Stunden waren mir dabei im Fluge vergangen, als Somadatta
hereintrat. Ich hatte gerade noch Zeit, die Tafel und die Malwerkzeuge
unters Bett zu schieben, als ich ihn kommen hörte. Dies tat ich ganz
unwillkürlich.

Somadatta nahm einen niedrigen Stuhl, setzte sich neben mich und
betrachtete mich lächelnd.

"Ich merke wohl," sagte er, "daß unserem Hause die Ehre widerfahren
soll, die Ausgangsstätte eines Heiligen zu sein. Du fastest ja, wie es
nur die strengsten Asketen tun, und enthältst dich der üppigen
Gewohnheit des Lagers. Denn weder auf den Kopf- und Fußkissen noch auf
der Matratze ist der geringste Eindruck deines Körpers zu sehen, und die
weiße Decke ist faltenlos. Obwohl du durch das Fasten schon recht
schmächtig geworden bist, ist dein Körper doch wohl noch nicht ganz ohne
Gewicht, was sich übrigens auch hier am Grassitze zeigt, wo du offenbar
die Nacht in Gebet und Selbstvertiefung zugebracht hast. Aber ich finde
doch, daß für einen so heiligen Bewohner dies Zimmer etwas zu weltlich
aussieht. Hier auf dem Nachttisch die freilich unberührte Salbenbüchse
und der Napf mit Sandelstaub, das Gefäß mit wohlriechendem Wasser und
die Dose mit Zitronenbaumrinde und Betel. Dort an der Wand die gelben
Amaranthkränze, die Laute--aber wo ist denn das Malbrett, das doch sonst
an jenem Haken hängt?"

Während ich in meiner Verlegenheit auf diese Frage keine Antwort zu
finden vermochte, entdeckte er nun das vermißte Brett und zog es unter
dem Bett hervor.

"Ei, was ist denn das für ein böser, abgefeimter Zauberer," rief er,
"der hier auf dem Brett, das ich doch selber ganz leer an jenen Haken
gehängt habe, das reizende Bild eines ballspielenden Mädchens durch
magische Kraft hat entstehen lassen--offenbar in der bösen Absicht, den
angehenden Asketen gleich im Anfange mit Versuchungen anzufallen und ihm
Sinne und Gedanken zu verwirren! Oder am Ende ist es ein Gott, denn wir
wissen ja, daß die Götter sich vor der Allmacht der großen Asketen
fürchten; und bei solch einem Beginnen wie dem deinigen könnte schon das
Vindhyagebirge vor der Inbrunst deiner Buße zu rauchen anfangen, ja
durch die Aufhäufung deines Verdienstes müßte das Reich der himmlischen
Götter ins Wanken kommen. Und jetzt weiß ich auch, welcher Gott es ist:
gewiß ist es der, den sie den unsichtbaren nennen, der Gott mit den
Blumenpfeilen, der einen Fisch im Banner trägt--Kama, der Liebesgott,
von dem du ja auch deinen Namen hast. Und--Himmel, was seh' ich! das ist
ja Vasitthi, die Tochter des reichen Goldschmiedes."

Als ich so zum ersten Male den Namen der Geliebten hörte, fing mein Herz
heftig zu pochen an, und mein Gesicht entfärbte sich vor Erregung.

"Ich sehe, lieber Freund," fuhr der schlimme Spaßmacher fort, "daß
dieser Gedanke von dem Zauber Kamas dich in großen Schrecken versetzt,
und in der Tat müssen wir etwas tun, um seinem Zorn zu entgehen. Da ist
aber ein Weiberrat nicht zu verachten. Ich will dies magische Bild
meiner geliebten Medini zeigen, die auch mit beim Tanze war und überdies
die Milchschwester der schönen Vasitthi ist."

Hiermit wollte er sich mit dem Bilde entfernen. Da ich nun wohl merkte,
was der Schelm vorhatte, hieß ich ihn warten, weil dem Bilde noch eine
Inschrift fehlte. Ich mischte mir die schönste feurig-rote Farbe und in
gar kurzer Zeit schrieb ich mit den zierlichsten Schriftzügen einen
vierzeiligen Vers, der sehr einfach den Vorgang mit dem goldenen Ball
erzählte. Wenn man aber die Zeilen rückwärts las, besagte der Vers, daß
jener Ball, mit dem sie gespielt hatte, mein Herz sei, das ich selber
ihr zurückschickte, wenn sie es auch davonjage; man konnte aber auch den
Vers quer durch die Zeilen von oben nach unten lesen, und dann enthielt
er eine Klage über die Verzweiflung, in die mich die Trennung von ihr
gestürzt hatte; las man aber in umgekehrter Richtung, dann wurde man
gewahr, daß ich doch zu hoffen wagte.

Von dem, was ich solchermaßen hineingeheimnißt hatte, ließ ich aber
nichts verlauten, und so war denn Somadatta von dieser Probe meiner
Dichtkunst, die ihm gar zu einfach schien, auch nicht sonderlich erbaut.
Er meinte, ich müsse durchaus davon sprechen, wie Gott Kama, durch meine
Askese in Schreck versetzt, das Zauberbild zu meiner Versuchung
hervorgezaubert und mich dadurch überwunden hätte--wie denn jeder immer
am meisten von seinem eigenen Witze entzückt ist.

Als nun Somadatta das Bild entführt hatte, fühlte ich mich in einer
gehobenen und tatkräftigen Stimmung, weil doch nun ein Schritt getan
war, der vielleicht in seinen Folgen zum ersehnten Glücksziel führen
mochte. Ich konnte wieder essen und trinken, und nachdem ich mich
gestärkt hatte, nahm ich die Vina von der Wand und ließ ihre Saiten bald
melodisch seufzen, bald jubeln, während ich den himmlischen Namen
Vasitthi in immer neuen Tönen wiederholte.

So fand mich denn auch Somadatta, als er mehrere Stunden später mit dem
Bild in der Hand wieder hereintrat.

"Die ballspielkundige Zerstörerin deiner Ruhe hat auch gedichtet," sagte
er, "aber vielen Sinn finde ich eben nicht in ihren Versen
aufgespeichert, wenn auch die Schrift für ungewöhnlich hübsch gelten
darf."

Wirklich gewahrte ich--mit welchem Entzücken, vermag ich nicht zu
sagen--einen zweiten Vierzeiler, der mit Schriftzügen wie zarte
Blütenzweige auf das Brett gleichsam hingehaucht war. Somadatta freilich
hatte keinen Sinn darin finden können, denn das Ganze bezog sich eben
auf das, was er nicht bemerkt hatte, und zeigte mir, daß die Holde meine
Strophe in allen Richtungen--rückwärts, nach unten und aufwärts--richtig
gelesen hatte, was mir einen hohen Begriff von ihrer Bildung und ihren
Kenntnissen gab, wie denn auch ihr feiner Geist sich in der anmutig
scherzenden Wendung zeigte, mit welcher sie meine feurige Erklärung als
eine höfliche Galanterie hinnahm, der man nicht allzu große Bedeutung
beimessen dürfe.

Nun versuchte ich freilich auch dieselben Lesemethoden auf ihre Strophe
anzuwenden, in der Hoffnung, vielleicht doch ein verblümtes Geständnis
oder irgend eine geheime Botschaft, wohl gar die Einladung zu einem
Stelldichein darin zu finden; jedoch vergeblich. Ich sagte mir denn auch
sogleich, daß dies gerade ein Beweis der höchsten und feinsten
weiblichen Gesittung sei: die Liebliche zeigte mir, daß sie wohl
imstande sei, die Subtilität und die verwegenen Pfade des männlichen
Geistes zu verstehen, daß sie sich aber nicht verleiten lasse, seinen
Spuren zu folgen.

Über meine enttäuschte Erwartung wurde ich nun auch sofort durch die
Worte Somadattas getröstet.

"Aber diese Schönbrauige, wenn sie auch keine große Dichterin ist, hat
doch wahrlich ein gutes Herz. Sie weiß, daß ich schon seit langer Zeit
meine geliebte Medini, ihre Milchschwester, nicht gesehen habe, außer in
großer Gesellschaft, wo nur die Augen sprechen können, und auch die nur
verstohlen. Und so gibt sie uns Gelegenheit, uns in der folgenden Nacht
auf der Terrasse des väterlichen Palastes zu treffen. Diese Nacht ist es
leider nicht möglich, weil ihr Vater ein Gastmahl gibt; so lange müssen
wir uns also gedulden. Vielleicht hast du Lust, mich bei diesem
Abenteuer zu begleiten?"

Dabei lachte er ganz verschmitzt, und ich lachte ebenso und sicherte ihm
meine Begleitung zu. In der vortrefflichsten Laune nahmen wir das
Brettspiel, das an die Wand gelehnt war, und wollten uns durch diese den
Geist anregende Beschäftigung die Zeit verkürzen, als ein Diener
hereintrat und sagte, ein Fremder wünsche mich zu sprechen.

Ich ging in die Vorhalle und traf da den Bedienten des Gesandten, der
mir sagte, ich müsse mich zur Abreise fertig machen und mich schon in
dieser Nacht mit meinen Wagen im Hofe des Palastes einfinden, damit man
beim ersten Morgengrauen aufbrechen könne.

Meine Verzweiflung kannte keine Grenzen. Ich wähnte, ich müsse
unversehens irgend eine Gottheit beleidigt haben. Sobald ich meine
Gedanken einigermaßen sammeln konnte, stürzte ich zum Gesandten und log
ihm eine Menge vor von einem Geschäft, das noch nicht ganz abgewickelt
wäre und unmöglich in so kurzer Frist zum gedeihlichen Abschluß gebracht
werden könnte. Mit heißen Tränen beschwor ich ihn, die Reise nur noch um
einen Tag zu verschieben.

"Du sagtest mir doch schon vor acht Tagen, daß du fertig wärest,"
entgegnete er.

Ich aber versicherte ihm, daß sich nachher unverhofft noch eine Aussicht
auf einen bedeutenden Gewinn eröffnet hätte. Und das war auch keine
Unwahrheit, denn welcher Gewinn hatte für mich mehr zu bedeuten, als die
Eroberung dieses unvergleichlichen Mädchens?--Und so gelang es mir denn
endlich, ihm diesen einen Tag abzulisten.

Die Stunden des folgenden Tages vergingen schnell mit den nötigen
Reisevorbereitungen, so daß mir die Zeit, trotz meiner Sehnsucht, nicht
allzu lang wurde. Als der Abend hereinbrach, standen die Karren beladen
im Hof. Alles war zum Vorspannen bereit, um, sobald ich--noch vor
Morgengrauen--erschien, aufbrechen zu können.




VI. AUF DER TERRASSE DER SORGENLOSEN


Als es nun völlig Nacht geworden war, begaben wir, Somadatta und ich,
uns in dunkelfarbiger Kleidung, hoch aufgeschürzt, fest gegürtet und das
Schwert in der Hand, nach der Westseite des palastartigen Hauses des
reichen Goldschmiedes, wo sich die Terrasse über der steilen Felswand
einer Schlucht befand. Mit Hilfe einer mitgebrachten Bambusstange
erkletterten wir nun, die wenigen Vorsprünge geschickt benutzend, die in
tiefen Schatten gehüllte Felsenwand, überstiegen dann mit Leichtigkeit
die Mauer und befanden uns nun auf einer großen, mit Palmen, Asokabäumen
und prächtigen Blumenpflanzen aller Art geschmückten Terrasse, die, in
Mondlicht gebadet, sich vor uns ausbreitete.

Nicht weit von mir entfernt sah ich die der Lakshmi ähnliche Großäugige,
die mit meinem Herzen Ball spielte, neben einem jungen Mädchen auf einer
Ruhebank sitzen, und bei diesem Anblick fing ich an so heftig an allen
Gliedern zu zittern, daß ich mich an die Brüstung lehnen mußte, deren
marmorne Kälte meine in Feuersglut schon entschwindenden Sinne
erfrischte und stärkte. Indessen war Somadatta auf seine Geliebte
zugeeilt, die mit einem leisen Ruf aufgesprungen war.

Nun faßte ich mich denn auch so weit, daß ich mich der Unvergleichlichen
nähern konnte, die, anscheinend überrascht durch die Ankunft eines
Fremden, sich erhoben hatte und unschlüssig schien, ob sie bleiben oder
gehen sollte, während sich ihr Auge, wie das der erschreckten jungen
Antilope, wiederholt mit Seitenblicken aus dem äußersten Augenwinkel auf
mich richtete, wobei sie wie eine vom leisen Winde geschaukelte Ranke
bebte. Ich aber stand da in beständig wachsender Verwirrung, mit
gesträubten Wangenhaaren und weit aufgeblühten Augen und konnte nur
mühsam einige Worte von dem unverhofften Glück, sie hier zu treffen,
hervorstammeln. Als sie aber meine große Zaghaftigkeit bemerkte, schien
sie selber ruhiger zu werden. Sie setzte sich wieder auf die Bank und
lud mich mit einer lässigen Bewegung ihrer Lotushand ein, neben ihr
Platz zu nehmen, während sie mit einer Stimme, die sehr leicht und gar
lieblich zitterte, mir versicherte, sie sei sehr glücklich über diese
Gelegenheit, mir zu danken, weil ich ihr den Ball mit solcher
Geschicklichkeit zurückgeworfen hätte, daß keine Störung im Spiel
entstanden sei; denn wäre das geschehen, so würde ihr ganzes Verdienst
dahin gewesen sein, und die von ihr ungeschickt verehrte Göttin hätte
ihr gezürnt oder ihr wenigstens kein Glück geschenkt. Darauf antwortete
ich, sie habe mir nicht zu danken, da ich höchstens das wieder gut
gemacht hätte, was ich selber verfehlt; und als sie nicht verstand, wie
ich das meinte, wagte ich sie daran zu erinnern, wie unsere Blicke sich
begegnet hatten und sie darob verwirrt den Ball schief traf, so daß er
ihr davonflog. Sie aber errötete heftig und wollte das durchaus nicht
zugeben--was hätte sie denn auch dabei verwirren können?

"Ich denke," antwortete ich, "daß meine weit aufgeblühten Augen
gleichsam einen solchen Duft von Bewunderung haben entströmen lassen,
daß du dadurch einen Augenblick betäubt wurdest und mit der Hand daneben
schlugst."

"Ei, was sprichst du mir da von Bewunderung," antwortete sie, "du bist
ja gewohnt, in deiner Heimat noch viel geschicktere Spielerinnen zu
sehen."

Aus dieser Äußerung entnahm ich mit Genugtuung, daß man sich über mich
unterhalten hatte, und daß meine an Somadatta gerichteten Worte ihr
getreulich mitgeteilt worden waren. Doch wurde mir auch heiß und kalt
bei dem Gedanken, daß ich ja fast geringschätzig über sie gesprochen
hatte, und ich beeilte mich, ihr zu versichern, daß daran kein wahres
Wort gewesen wäre, und daß ich nur so gesprochen hätte, um nicht mein
süßes Geheimnis dem Freunde preiszugeben. Das wollte sie aber nicht
glauben, oder tat wenigstens so; und darüber vergaß ich dann glücklich
meine ganze Schüchternheit, geriet in großen Eifer, um sie zu
überzeugen, und erzählte ihr, wie bei ihrem Anblick der Liebesgott seine
Blumenpfeile auf mich hatte regnen lassen. Ich sei überzeugt, daß sie in
einem früheren Leben meine Frau gewesen sei, denn woher käme wohl sonst
eine so plötzliche und unwiderstehliche Liebe? Wenn dem aber so sei,
dann müsse doch auch sie in mir ihren ehemaligen Gemahl erkannt haben,
und es müsse auch bei ihr eine solche Liebe entstanden sein.

Mit solchen dreisten Worten drang ich ungestüm auf sie ein, bis sie
endlich ihre glühende, tränenperlende Wange an meiner Brust verbarg und
mir in kaum hörbaren Worten gestand, daß es ihr ebenso gegangen sei wie
mir, und daß sie gewiß gestorben wäre, wenn ihre Milchschwester ihr
nicht noch rechtzeitig das Bild gebracht hätte.

Dann küßten und herzten wir uns unzählige Male und meinten vor Wonne
vergehen zu müssen, bis plötzlich der Gedanke an meine unmittelbar
bevorstehende Abreise wie ein schwarzer Schatten über meine Fröhlichkeit
fiel und mir einen tiefen Seufzer erpreßte.

Erschrocken fragte Vasitthi, warum ich also seufzte. Als ich ihr aber
dann den Grund nannte, sank sie wie ohnmächtig auf die Bank zurück, und
brach in einen unerschöpflichen Tränenstrom und in herzzerreißendes
Schluchzen aus. Vergeblich waren meine Versuche, die innig Geliebte zu
trösten. Umsonst versicherte ich ihr, daß ich, sobald die Regenzeit
vorüber sei, zurückkehren und sie dann nimmermehr verlassen wolle, wenn
ich mich auch als Tagelöhner in Kosambi verdingen müsse.--In den Wind
gesprochen waren alle Beteuerungen, daß meine Verzweiflung bei der
Trennung nicht geringer sei als die ihre, und daß nur die harte,
unerbittliche Notwendigkeit mich so bald von ihr wegrisse. Kaum daß sie
unter Schluchzen ein paar Worte hervorbringen konnte, um zu fragen,
warum es denn so notwendig sei, schon morgen, nachdem wir uns eben erst
gefunden hätten, abzureisen--und als ich ihr dies dann sehr genau und
umständlich erklärte, schien sie keine Silbe davon zu hören oder zu
verstehen. O, sie sähe schon, daß ich mich danach sehne, nach meiner
Vaterstadt zurückzukommen, wo es noch viel schönere Mädchen als sie
gäbe, die auch viel besser Ball spielen könnten, wie ich es ja selber
gesagt hätte!

Ich mochte sagen, beteuern und beschwören was ich wollte--sie blieb
dabei, und immer reichlicher flossen ihre Tränen. Kann man sich wundern,
daß ich bald darauf zu ihren Füßen lag, ihre schlaff herabhängende Hand
mit Küssen und Tränen bedeckte und ihr versprach, nicht abzureisen? Und
wer war dann seliger als ich, als Vasitthi mich nun mit ihren weichen
Armen umschlang und mich wieder und wieder küßte und vor Freude lachte
und weinte. Freilich sagte sie nun gleich: "Da siehst du, es ist gar
nicht so notwendig, daß du schon wegreisest, denn dann müßtest du es ja
unbedingt tun."--Als ich mich aber anschickte, ihr Alles noch einmal
auseinanderzusetzen, schloß sie mir den Mund mit einem Kusse und sagte,
sie wisse, daß ich sie liebe, und sie meine nicht wirklich, was sie von
den Mädchen meiner Vaterstadt gesagt hätte. Unter zärtlichen
Liebkosungen und traulichem Plaudern flogen die Stunden wie im Traume
dahin, und es wäre kein Ende all der Seligkeit gewesen, wenn nicht
plötzlich Somadatta mit Medini gekommen wäre, um uns zu sagen, daß es
die höchste Zeit sei, an die Heimkehr zu denken.

In unserem Hofe fanden wir Alles zum Aufbruch bereit. Ich rief den
Führer der Ochsenkarren und schickte ihn eiligst zum Gesandten mit dem
Bescheid, daß mein Geschäft leider noch nicht völlig erledigt sei, und
ich infolgedessen darauf verzichten müsse, die Heimreise unter dem
Schutze der Gesandtschaft zu machen. Ich bat ihn nur, meinen Eltern
einen Gruß zu bringen und empfahl mich seiner Gewogenheit.

Kaum hatte ich mich auf mein Lager gestreckt, um--wenn möglich--einiger
Stunden Schlafes zu genießen, als der Gesandte selber hereintrat.
Erschrocken sprang ich auf und verbeugte mich tief vor ihm, während er
mit ziemlich barscher Stimme fragte, was dies unglaubliche Betragen
bedeuten sollte--ich hätte ihm sofort zu folgen.

Nun wollte ich anfangen, von meinem noch immer unbeendigten Geschäft zu
reden, aber er unterbrach mich gebieterisch:

"Ach was, Geschäft! Laß es mit der Lüge jetzt genug sein. Ich sollte
wohl wissen, was für Geschäfte im Gange sind, wenn ein junger Fant
plötzlich eine Stadt nicht verlassen kann, selbst wenn ich nicht gesehen
hätte, daß deine Ochsenkarren vorgespannt und beladen im Hofe halten."

Da stand ich nun blutrot und zitternd als ein vollkommen Ertappter. Als
er mich aber ihm augenblicklich zu folgen hieß, da schon ohnehin zu viel
der kostbaren kühlen Tageszeit verloren gegangen sei, stieß er bei mir
auf einen Widerstand, mit dem er offenbar nicht gerechnet hatte. Vom
befehlenden Ton ging er zum drohenden, von diesem zuletzt zum bittenden
über. Er erinnerte mich daran, wie meine Eltern sich nur deshalb
entschlossen hätten, mich auf eine so weite Reise zu schicken, weil sie
gewußt, daß ich sie in seiner Begleitung und unter seinem Schutze hin
und zurück machen könnte.

Er hätte aber keinen für seinen Zweck weniger geeigneten Grund ins Feld
führen können. Denn ich sagte mir sofort: dann würde ich ja auch wohl
warten müssen, bis wieder einmal eine Gesandtschaft nach Kosambi ginge,
bevor ich zu meiner Vasitthi zurückkehren könnte! Nein, ich wollte
meinem Vater schon zeigen, daß ich wohl imstande sei, allein eine
Karawane durch alle Beschwerlichkeiten und Gefahren des Weges zu leiten.

Diese Gefahren schilderte mir der Gesandte nun zwar drohend genug, aber
das alles war in den Wind gesprochen. Endlich verließ er mich in großem
Zorn: ihn treffe keine Schuld, ich müsse jetzt selber meine Torheit
ausbaden.

Mir war es, als ob eine große Last von mir genommen wäre. Ich hatte mich
ja jetzt so ganz meiner Liebe hingegeben. In diesem süßen Bewußtsein
schlief ich fest ein und erwachte erst, als es Zeit war, sich nach der
Terrasse zu begeben, wo unsere Geliebten unser harrten.

Nacht um Nacht trafen wir uns nun dort, und bei jeder Begegnung
entdeckten wir neue Schätze in unserer gegenseitigen Neigung und trugen
eine noch größere Sehnsucht nach dem Wiedersehen von dannen. Das
Mondlicht wollte mir silberner erscheinen, der Marmor kühler, der Duft
der Doppeljasminen berauschender, der Ruf der Kokila liebestrunkener,
das Rauschen der Palmen träumerischer und das unruhige Flüstern der
Asokas noch verheißungsvoller, als diese Dinge sonstwo in der Welt sein
mochten.

O, wie deutlich besinne ich mich auf jene herrlichen Asokas, die längs
der ganzen Terrasse standen, und unter denen wir so oft gewandelt sind,
uns mit den Armen umschlungen haltend! "Die Terrasse der Sorgenlosen"
wurde sie nach diesen Bäumen genannt, denn "den sorgenlosen Baum" und
auch "Herzensfrieden" nennen ja die Dichter den Asoka, den ich nirgends
so schön gewachsen gesehen habe wie gerade dort. Die speerförmigen,
nimmer ruhigen Blätter glänzten in den Mondstrahlen und lispelten im
leisen Nachtwinde, und zwischen ihnen glühten die goldigen,
orangefarbenen und scharlachroten Blumen, obschon die Vasantazeit erst
im Anzuge war. Aber wie sollten denn auch, o Bruder, diese Bäume dort
nicht schon in voller Blütenpracht stehen, da der Asoka ja gleich seine
Knospen öffnet, sobald der Fuß eines schönen Mädchens seine Wurzeln
berührt!

In einer wunderbaren Vollmondnacht--mir ist's, als sei es gestern
gewesen--stand ich unter diesen Bäumen neben der holden Ursache ihrer
Frühblüte, meiner lieblichen Vasitthi. Über den tiefen Schatten der
Schlucht schauten wir weit hinaus ins Land, sahen die Silberbänder der
beiden Flüsse sich durch die ungeheure Ebene winden und sich an der
hochheiligen Stätte vereinigen, die sie die "Dreilocke" nennen, weil sie
glauben, daß die himmlische Ganga als dritte sich dort mit ihnen
verbinde. Diese zeigte mir aber Vasitthi über den Wipfeln der
Bäume--denn mit diesem schönen Namen nennen sie ja hier das
Himmelslicht, das wir im Süden als die Milchstraße kennen.

Dann sprachen wir von dem mächtigen Himavat im Norden, aus dem die Ganga
herflutete, dessen Schneegipfel die Wohnung der Götter, dessen
unermeßliche Wälder und tiefe Felsenklüfte der Aufenthalt der großen
Asketen waren. Noch lieber aber folgte ich der Jamuna aufwärts.

"O," rief ich, "daß ich doch einen Märchennachen hätte, aus
Perlmutterschale, von meinen Wünschen besegelt, von meinem Willen
gelenkt, damit er uns jenen silbernen Strom hinauftragen könnte. Dann
müßte sich die Ilfenstadt wieder aus ihren Trümmern erheben, und die
ragenden Paläste würden vom Gelage der Zecher und vom Streit der
Würfelspieler widerhallen. Der Sand Kurukschetras müßte seine Toten
wiedergeben. Da würde der greise Bhishma, in silberner Rüstung und
weißem Gelock auf hohem Wagen emporragend, seine glattröhrigen Pfeile
über die Feinde regnen lassen; der tapfere Phagadatta würde auf seinem
kampfwütigen, rüsselschwingenden Ilfenstier heranstürmen, der gewandte
Krishna das weiße Viergespann Arjunas in das wildeste Kampfgetümmel
hineinjagen. O, wie sehr habe ich den Gesandten um seine Zugehörigkeit
zur Kriegerkaste beneidet, als er mir sagte, seine Vorfahren hätten an
jener unvergeßlichen Schlacht teilgenommen! Aber das war töricht! Denn
nicht nur im Geschlechte gibt es ja Vorfahren, sondern wir selber sind
unsere eigenen Vorfahren. Wo war ich damals? Vielleicht eben dort, unter
den Kämpfenden. Denn obwohl ich ein Kaufmannssohn bin, habe ich immer
meine größte Freude an Waffenspielen gehabt, und ich darf wohl sagen,
daß ich mit dem Degen in der Hand meinen Mann stelle."

Vasitthi umarmte mich stürmisch und nannte mich ihren Helden: ich sei
ganz gewiß einer jener Heroen, die in den Liedern leben. Welcher,
könnten wir freilich nicht wissen, da durch diesen süßen Wohlgeruch der
sorgenlosen Bäume der Duft des Korallenbaumes kaum zu uns dringen würde.

Ich fragte sie, was denn das für ein Duft sei, denn davon hatte ich nie
etwas gehört--wie ich denn überhaupt fand, daß, wie alles andere, auch
das Märchen hier an der Ganga üppiger blühte als bei uns im Gebirge.

Und sie erzählte mir, wie Krishna einst auf seinem Fluge durch Indras
Welt im Kampfspiel den himmlischen Korallenbaum gewonnen und ihn in
seinen Garten gepflanzt habe, einen Baum, dessen tiefrote Blüten weit in
die Runde ihren Duft verbreiten. Und wer diesen Duft eingesogen habe,
der erinnere sich in seinem Herzen langer, langer Vergangenheit, längst
entschwundener Zeiten aus früheren Leben.

"Aber nur die Heiligen können schon hier auf Erden diesen Duft
einatmen," sagte sie und fügte fast schalkhaft hinzu: "und wir beide
werden wohl keine werden. Aber was tut's? Wenn wir auch nicht Nala und
Damayanti waren, so haben wir uns gewiß so lieb gehabt wie sie,--welche
nun auch unsere Namen gewesen sein mögen. Und vielleicht sind Liebe und
Treue das einzig Wirkliche, das Namen und Gestalten wechselt. Sie sind
die Melodien, und wir die Lauten, auf denen sie gespielt werden. Die
Laute zerbricht, und eine andere wird gestimmt; aber die Melodie bleibt
dieselbe. Sie klingt freilich voller und feiner auf dem einen Instrument
als auf dem anderen, wie ja auch meine neue Vina viel schöner tönt als
die alte. Wir aber sind zwei herrliche Lauten für die Götter darauf zu
spielen, die wonnigste aller Weisen darauf ertönen zu lassen."

Ich drückte sie stumm an mich, innig ergriffen und verwundert ob solcher
seltsamen Gedanken. Sie aber fügte mit leisem Lachen hinzu, indem sie
wohl meine Gedanken erriet:

"Freilich darf ich eigentlich nicht solche Gedanken haben, denn unser
alter Hausbrahmane wurde einmal recht böse, als ich etwas Ähnliches
verlauten ließ: ich solle nur zu Krishna beten und das Denken den
Brahmanen überlassen. Da ich nun also nicht denken, wohl aber glauben
darf, so will ich glauben, daß wir wirklich und wahrhaftig Nala und
Damayanti waren."

Und indem sie ihre Hände betend zum blütenschimmernden,
blätterflimmernden Wipfel vor uns emporhob, sprach sie den Baum an mit
den Worten, die Damayanti, im Walde umherirrend, an den Asoka richtet,
nur daß die schmiegsamen Clokaverse des Dichters sich wie von selber auf
ihren Lippen mehrten und reicher blühten, wie ein Schößling, der in
geweihten Boden umgepflanzt ist:

"Du Sorgenloser! der Wehklage lausche der sorgenvollen Maid!
Der du den Namen trägst 'Herzfrieden'! diesem Herzen den Frieden schenk'!
Mit Blumenaugen umherspähend, sprechend mit Blätterzungen fein,
Gieb Kunde mir, wo mein Herzwalter wandert, wo jetzt mein Nala weilt".

Dann blickte sie mich mit liebevollen Augen an, in deren Tränen das
Mondlicht sich spiegelte, und sagte mit bebenden Lippen:

"Wenn du fern von hier bist und an diesen Ort unserer Seligkeit
zurückdenkst, dann stelle dir vor, daß ich hier stehe und so mit diesem
schönen Baume spreche. Nur sage ich dann nicht 'Nala', sondern
'Kamanita'."

Ich schloß sie in meine Arme und preßte meine Lippen auf die ihren.

In diesem Augenblick rauschte der Wipfel über uns. Eine große, leuchtend
rote Blume schwebte herab und ließ sich auf unsere tränenfeuchten Wangen
nieder. Vasitthi nahm sie lächelnd in die Hand, weihte sie mit einem
Kusse und reichte sie mir. Ich verbarg sie an meiner Brust.

Mehrere Blumen waren in dem Baumgange zur Erde gefallen. Medini, die
neben Somadatta auf einer Bank nicht weit von uns entfernt saß, sprang
auf, und, einige gelbe Asokablüten emporhaltend, rief sie, indem sie auf
uns zukam:

"Sieh, Schwester! Die Blumen fangen schon an abzufallen. Bald werden
genug für dein Bad da sein."

"Aber diese gelben darf Vasitthi freilich nicht in ihr Badewasser tun,"
fügte mein immer schalkhafter Freund hinzu, "wenn ihr blumenhafter Leib
ihrer Liebe gemäß blühen soll, sondern nur solche scharlachrote, wie
jene, die Freund Kamanita soeben in seinem Gewande verbarg. Denn im
goldenen Buch der Liebe heißt es: 'Safrangelbe Neigung nennt man sie,
wenn sie zwar in die Augen fällt, aber wieder verloren geht;
scharlachrot aber nennt man sie, wenn sie nicht wieder verloren geht und
übermäßig in die Augen fällt'"

Dabei lachten er und seine Medini auf ihre lustige, vertrauliche Weise.

Vasitthi aber antwortete ernst, wenn auch mit ihrem süßen Lächeln, indem
sie meine Hand fest und sanft drückte:

"Du irrst dich, lieber Somadatta! Meine Liebe hat keine Blumenfarbe.
Denn ich habe sagen hören, die Farbe der echtesten Liebe sei nicht rot,
sondern schwarz--schwarz wie der Hals Qivas wurde, als der Gott das Gift
verschlang, das sonst die Wesen vernichtet hätte. Und so muß es auch
sein: auch das Gift des Lebens muß die wahre Liebe vertragen können, und
willig muß sie das Bitterste kosten, um es dem Geliebten zu ersparen.
Und gewiß wird sie lieber davon ihre Farbe wählen, als von allen
leuchtenden Freuden."

Also sprach meine geliebte Vasitthi in jener Nacht unter den sorgenlosen
Bäumen.




VII. IN DER SCHLUCHT


Tief bewegt durch diese lebhafte Erinnerung, schwieg der Pilger eine
kleine Weile. Dann seufzte er, strich sich mit der Hand über die Stirn
und fuhr in seiner Erzählung fort.

Kurz, Bruder, ich ging während dieser ganzen Zeit wie in einem Rausche
von Seligkeit umher, und meine Füße schienen kaum mehr die Erde zu
berühren. Einmal mußte ich laut lachen, weil ich hörte, daß es Leute
gebe, die diese Welt ein Jammertal nennen und ihre Gedanken und Wünsche
darauf richten, nicht mehr unter den Menschen wiedergeboren zu werden.
"Welch ausgemachte Toren, Somadatta!" rief ich, "als ob es einen
vollkommeneren Ort der Seligkeit geben könnte als die Terrasse der
Sorgenlosen."

Aber unter der Terrasse war die Schlucht.

In diese waren wir gerade hinuntergeklettert, als ich jene törichten
Worte ausrief, und als sollte mir gezeigt werden, daß auch die höchste
Erdenwonne ihre Bitterkeit hat, wurden wir in demselben Augenblick von
mehreren bewaffneten Männern angefallen. Wie viele es waren, vermochten
wir in der tiefen Dunkelheit nicht zu unterscheiden. Glücklicherweise
konnten wir uns den Rücken durch die Felsenwand decken, und mit dem
beruhigenden Bewußtsein, nur von vorn bedroht zu sein, fingen wir an,
für unser Leben und unsere Liebe zu fechten. Wir bissen die Zähne
zusammen und waren schweigsam wie die Nacht, während wir so ruhig wie
möglich parierten und stießen; unsere Gegner aber heulten wie die
Teufel, um sich gegenseitig anzufeuern, und wir vermeinten acht bis zehn
Stimmen unterscheiden zu können. Wenn sie nun auch ein paar bessere
Degen vorfanden, als sie erwartet haben mochten, so war unsere Stellung
doch ernst genug. Bald lagen aber zwei von ihnen auf der Erde, und ihre
Körper hinderten die anderen, die fürchteten, über sie zu stolpern und
so unseren Schwertspitzen überliefert zu werden, beträchtlich am
Kämpfen. Sie mochten sich einige Schritte zurückgezogen haben, denn wir
fühlten nicht mehr ihren heißen Atem im Gesicht.

Ich flüsterte Somadatta ein paar Worte zu, und wir rückten mehrere
Schritte zur Seite, in der Hoffnung, daß die Angreifer, uns an der alten
Stelle wähnend, einen plötzlichen Vorstoß machen und dabei anstatt an
uns an die Felsenwand geraten und an dieser ihre Schwertspitzen
zerbrechen würden, während die unserigen ihnen gehörig zwischen die
Rippen fahren sollten. Obwohl wir nun die äußerste Vorsicht
beobachteten, muß aber doch wohl ein leises Geräusch ihren Verdacht
erweckt haben. Denn der erhoffte blinde Angriff erfolgte nicht, wohl
aber sah ich plötzlich einen schmalen Lichtstreif die Wand treffen und
wurde auch gewahr, daß dieser Strahl von einem Lampendocht herkam, der
offenbar in einer vorsichtig geöffneten Dose steckte, neben der sich
auch eine warzige Nase und ein zusammengekniffenes Auge zeigten.

Da die Bambusstange, mit deren Hilfe wir die Terrasse erklommen hatten,
glücklicherweise sich noch in meiner linken Hand befand, stieß ich
beherzt zu--ein lauter Schrei, das Verschwinden des Strahls und das
Klirren des zu Boden gefallenen Lämpchens bezeugten, wie gut ich
getroffen hatte; und diesen Augenblick benutzten wir nun, in der
Richtung, in der wir gekommen waren, eilends davon zu laufen. Wir
wußten, daß hier die Kluft allmählich enger wurde und ziemlich steil
aufstieg, und daß man zuletzt ohne übermäßige Mühe die Höhe erklettern
konnte. Doch war es ein großes Glück, daß unsere Angreifer die
Verfolgung in der Finsternis sehr bald aufgaben, denn beim letzten
Aufstieg drohten meine Kräfte mich zu verlassen, und ich fühlte, daß ich
aus mehreren Wunden heftig blutete; auch mein Freund war verwundet,
obschon leichter.

Oben angekommen, zerschnitten wir mein Gewand und verbanden notdürftig
unsere Wunden, und so gelangte ich denn endlich, auf Somadattas Arm
gestützt, glücklich nach Hause, wo ich dann mehrere Wochen auf dem
Schmerzenslager zubringen mußte.

Da lag ich nun, von dreifachem Leid geplagt. Denn die Wunden und das
Fieber verbrannten mir den Leib, und sehrende Sehnsucht nach der
Geliebten verzehrte meine Seele--bald aber kam noch die Besorgnis um ihr
teures Leben hinzu. Denn das zarte, blumenhafte Wesen hatte die
Nachricht von der tödlichen Gefahr, in der ich geschwebt hatte und
vielleicht noch immer schwebte, nicht ertragen können und war von einer
schweren Krankheit befallen worden. Ihre getreue Milchschwester Medini
ging aber tagtäglich von einem Krankenlager zum anderen, und so fehlte
es uns wenigstens nicht an dauernder Verbindung und an sinnigem Verkehr.
Blumen wanderten zwischen uns hin und her, und da wir beide in die
Wissenschaft der Blumensprache eingeweiht waren, vertrauten wir uns
durch diese lieblichen Boten gar mancherlei an. Später, als unsere
Kräfte sich hoben, fand auch manch zierlicher Vers den Weg von Hand zu
Hand, und so hätte unser Zustand sich bald recht erträglich gestaltet,
wenn nicht mit der Genesung, der wir in gleichem Schritt uns
näherten--gleichsam zu treu verbunden, als daß der eine dem anderen
darin vorauseilen wollte--auch die Zukunft an uns herangetreten wäre und
uns mit schweren Sorgen erfüllt hätte.

Es war uns nämlich nicht verborgen geblieben, welcher Art jener
scheinbar so rätselhafte Überfall gewesen war. Kein anderer als der Sohn
des Ministers--Satagira war sein verhaßter Name--, mit dem ich an jenem
unvergeßlichen Nachmittage im Parke um Vasitthis Ball gerungen hatte:
kein anderer war es als er, der die gedungenen Mörder auf mich gehetzt
hatte. Ohne Zweifel hatte er bemerkt, daß ich nach der Abreise der
Gesandtschaft noch immer in der Stadt zurückblieb, und sein dadurch
geweckter Argwohn hatte gar bald meine nächtlichen Besuche auf der
Terrasse erspäht.

Ach, jene Terrasse der Sorgenlosen war unserer Liebe jetzt wie ein
versunkenes Eiland. Wohl hätte ich freudig immer wieder und wieder mein
Leben in die Schanze geschlagen, um die Holde dort zu umfangen. Aber
selbst wenn Vasitthi das Herz gehabt hätte, mich allnächtlich tödlicher
Gefahr auszusetzen, so blieb uns doch eine solche Versuchung erspart.
Der böse Satagira mußte die Eltern meiner Geliebten von unseren geheimen
Zusammenkünften unterrichtet haben, denn es zeigte sich bald, daß
Vasitthi sorgfältig und argwöhnisch überwacht wurde, und daß der
Aufenthalt auf der Terrasse ihr nach Sonnenuntergang verboten
war--angeblich wegen ihrer noch gefährdeten Gesundheit.

So war denn unsere Liebe obdachlos! Die sich so gern im Verborgenen
heimisch fühlt, durfte nur dort zu Hause sein, wo es alle Welt war!--In
jenem öffentlichen Garten, wo ich zuerst ihre göttliche Gestalt erblickt
und sie ein paarmal schon vergebens gesucht hatte, trafen wir uns wie
von ungefähr. Aber was für eine Begegnung war das! Wie flüchtig die
gestohlenen Minuten, wie zaghaft und sparsam die hastigen Worte, wie
gezwungen die Bewegungen, die sich neugierigen oder wohl gar spähenden
Blicken ausgesetzt fühlten! Vasitthi beschwor mich, die Stadt, wo mir in
ihrer Nähe tödliche Gefahr drohte, sofort zu verlassen. Sie klagte sich
bitter an, daß sie an jenem unvergeßlichen ersten Abend auf der Terrasse
durch ihren Eigensinn mich zum Bleiben überredet und mich dadurch
beinahe schon in den Rachen des Todes getrieben habe; vielleicht würden
in diesem Augenblick neue Meuchelmörder gegen mich gedungen. Wenn ich
mich nicht durch schleunigste Abreise dieser Gefahr entzöge, machte ich
sie zur Mörderin ihres Liebsten! Unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre
Stimme, und ich mußte daneben stehen, ohne sie in meine Arme schließen
und ihr die Tränen, die schwer wie Gewittertropfen ihre blassen Wangen
herabrollten, wegküssen zu können. Einen solchen Abschied ertrug ich
nicht, und ich erklärte ihr, ich könne nicht von dannen reisen, ohne
vorher eine Zusammenkunft mit ihr zu haben, wie diese nun auch zu
bewerkstelligen sei.

Vasitthis verzweifelt flehender Blick, als wir gerade in diesem Moment
durch das Nahen mehrerer Personen uns zu trennen genötigt wurden, konnte
meinen Entschluß nicht zum Wanken bringen. Ich vertraute auf die
Erfindungsgabe meiner Geliebten, die nunmehr, durch Sehnsucht nach mir
und durch Angst um mein Leben angespornt und von der schlauen und in
Liebessachen bewanderten Milchschwester Medini beraten, gewiß einen
Ausweg finden würde. Hierin täuschte ich mich nicht; denn noch in
derselben Nacht konnte Somadatta mir ihren recht verheißungsvollen Plan
mitteilen.




VIII. DIE PARADIESKNOSPE


Etwas außerhalb der östlichen Mauer Kosambis liegt ein schöner
Sinsapawald der eigentlich ein heiliger Hain ist. Auf einer Lichtung
steht noch das Heiligtum, freilich in sehr verfallenem Zustande. Schon
längst fand in diesem uralten Tempelchen kein Opferdienst mehr statt,
weil dem Krishna, dem es geweiht ist, ein neuer, weit größerer und
prachtvoller Tempel in der Stadt selber erstanden war. In der Ruine aber
hauste außer einem Eulenpaar eine Heilige, die des Rufes genoß, mit
Geistern in Verbindung zu stehen, durch deren Hilfe sie einen Einblick
in die Zukunft bekam--einen Einblick, den die gute Seele Opfergabe
darbietenden Mitmenschen nicht vorenthielt. Solche pilgerten denn auch
in großer Zahl zu ihr hin, und zwar vornehmlich nach Sonnenuntergang
junge verliebte Leute beiderlei Geschlechts, und es gab böswillige
Zungen, die behaupteten, die Alte sei eher eine Kupplerin, denn eine
Heilige zu nennen. Wie dem nun auch sein möge, _diese_ Heiligkeit war
gerade das, was wir brauchten, und ihr Tempelchen wurde als Stätte
unserer Zusammenkunft ausersehen.

Am nächsten Tage zog ich mit meinen Ochsenkarren ab, und zwar zu der
Stunde, da sich die Leute in den Bazar oder in die Gerichtshalle
begaben. Dabei wählte ich geflissentlich die belebtesten Straßen, so daß
meine Abreise meinem Feinde Satagira gewiß kein Geheimnis bleiben
konnte. Aber schon nach wenigen Stunden der Fahrt machte ich in einem
großen Dorfe Halt und ließ meine Karawane dort ihr Nachtquartier
beziehen, zu nicht geringer Freude meiner Leute. Ich selbst bestieg ein
frisches Pferd und ritt gegen Sonnenuntergang, in den groben Mantel
eines meiner Diener gehüllt, denselben Weg nach Kosambi zurück.

Es war völlig Nacht geworden, bis ich den Sinsapawald erreichte. Als ich
behutsam mein Reittier zwischen die Stämme hineinlenkte, wurde ich, wie
zum Willkommen, von dem herrlichen Dufte der Nachtlotusblüten auf dem
alten Krishnateiche empfangen. Bald zeichnete das zerbröckelnde, von
Götterbildern wimmelnde Tempeldach seine zackigen und wirren Formen
gegen den sternenfunkelnden Himmel. Ich war am Ziele. Kaum hatte ich
mich aus dem Sattel geschwungen, so waren auch meine Freunde schon an
meiner Seite. Mit einem Aufschrei des Entzückens stürzten Vasitthi und
ich einander in die Arme, halb besinnungslos vor Freude des
Wiedersehens, und ich weiß nur noch von Liebkosungen, stammelnden Worten
der Zärtlichkeit und Beteuerung unserer Liebe und Treue, bis ich jäh
emporschrak durch das unerwartete Gefühl eines weich fächelnden
Fittichs, der mir die Wange streifte, worauf sofort der Schrei einer
Eule und der häßliche Klang einer gesprungenen Bronzeglocke mich völlig
aus der Liebesverzückung erweckten.

Medini hatte am Strange der alten Gebetglocke gezogen und dadurch die
Eule aus der Nische, in der sie hauste, verscheucht. Dies tat das gute
Mädchen nicht so sehr, um die Heilige zu rufen, als vielmehr, weil sie
sah, daß diese schon zum Tempelchen herauskam, offenbar ungehalten, weil
sie Stimmen im heiligen Bezirk vernommen hatte, ohne daß geläutet oder
angepocht worden wäre.

Medini erklärte der Alten, der große Ruf ihrer Heiligkeit und ihrer
erstaunlichen Kenntnisse habe sie und diesen jungen Mann--wobei sie auf
Somadatta zeigte--bewogen, sie aufzusuchen, um Auskunft über das zu
erhalten, was von der Zeit noch verborgen sei. Die Heilige erhob prüfend
den Blick zum Himmel und meinte, da das Siebengestirn gerade eine
ungemein günstige Stellung zum Polarstern einnähme, dürfte sie
wohl hoffen, daß die Geister ihre Hilfe nicht versagen würden;
worauf sie Somadatta und Medini einlud, in das Haus Krishnas, des
sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams[1], einzutreten, der einem
liebenden Paar gern seine Herzenswünsche gewähre. Vasitthi und ich
blieben aber, als vermeintliche Dienerschaft, draußen zurück.

 [1] Die sich an diesen seltsamen Namen knüpfende Legende wird im
 Kapitel "Buddha und Krishna" erzählt--s.S. 242 ff.

Wie wir uns nun zuschwuren, daß nur der Alles hinraffende Tod uns sollte
trennen können, wie wir von meiner baldigen Rückkehr, sobald die
Regenzeit vorüber wäre, sprachen und Mittel und Wege erörterten, um ihre
sehr reichen Eltern dahin zu bringen, daß sie in unsere Verbindung
einwilligten, und wie dies von unzähligen Küssen, Tränen und Umarmungen
unterbrochen wurde: das wäre ich nicht einmal mehr imstande, dir genau
zu erzählen, denn es ist in meinem Gedächtnis nur wie die Erinnerung an
einen wirren Traum zurückgeblieben. Noch weniger aber kann ich, wenn du
selbst nicht Ähnliches erlebt hast, dir eine Vorstellung davon geben,
wie sich in jeder Umarmung wonniges Entzücken und herzzerreißende
Verzweiflung umschlangen; denn eine jede gemahnte daran, daß die letzte
für diesmal bald folgen würde; und wer stand dafür ein, daß diese dann
nicht die letzte überhaupt war?

Nur gar zu bald traten Somadatta und Medini wieder aus dem Tempel
heraus. Die Heilige wollte nun auch uns die Zukunft offenbaren, aber
Vasitthi entsetzte sich ob dieses Gedankens.

"Wie sollte ich es denn ertragen, wenn eine unheildrohende Zukunft sich
entschleierte?" rief sie aus.

"Warum denn auch gerade unheildrohend?" meinte die wohlwollende Alte,
die wohl wegen ihrer Heiligkeit freundliche Lebenserfahrungen gemacht
haben mochte. "Auch dem Diener blüht das Glück," fügte sie
verheißungsvoll hinzu.

Aber Vasitthi ließ sich durch ihre Worte nicht locken; schluchzend
umklammerte sie meinen Hals.

"Ach, mein einzig Geliebter," rief sie, "mir ist es, als ob die Zukunft
mit unerbittlichem Gesicht dreinschaute. O, ich fühle es,--ich werde
dich nie mehr wiedersehen!"

Obwohl mich diese Worte mit eisigem Schauer durchrieselten, versuchte
ich ihr doch diese grundlose Angst auszureden; aber eben, weil sie
grundlos war, vermochten meine beredtesten Worte wenig oder gar nichts.
Die Tränen rollten unaufhaltsam über Vasitthis Wangen; mit einem Blick
überirdischer Liebe ergriff sie meine Hand und drückte sie an ihre
Brust.

"Aber wenn wir uns hier nicht mehr sehen sollten, so wollen wir uns doch
treu bleiben, und wenn dies kurze und leidenvolle Erdenleben vorüber
ist, wollen wir uns im Paradiese wiederfinden und dort vereinigt auf
immer himmlische Wonne genießen.... O, Kamanita! Versprich mir das--wie
viel stärker wird das mich aufrichten als alle tröstenden Worte! Denn
diese sind ja doch gegen den unvermeidlichen, schon heranbrausenden
Schicksalsstrom so ohnmächtig wie das Schilf gegen die Wasserflut. Aber
allmächtig, neues Leben gebärend, ist der heilige, feste Entschluß."

"Wenn es nur darauf ankommt, geliebte Vasitthi--wie sollte ich dich dann
nicht überall finden?" sagte ich, "aber hoffen wir, daß es in dieser
Welt geschehen wird!"

"Hier ist Alles unsicher, und schon der Augenblick, in dem wir sprechen,
gehört uns nicht an--aber nicht so im Paradiese."

"Ach, Vasitthi," seufzte ich, "gibt es ein Paradies--und wo liegt es?"

"Wo die Sonne untergeht," sagte sie mit voller Überzeugung, "liegt das
Paradies des grenzenlosen Lichtes, und Allen, die den Mut haben, das
Irdische zu verachten und ihr Denken auf jenen Ort der Seligkeit zu
richten, steht dort eine reine Geburt bevor, aus dem Schoße einer
Lotusblume. Die erste Sehnsucht nach jenem Paradiese bringt dort im
heiligen, kristallklaren See eine Knospe hervor, jeder reine Gedanke,
jede gute Tat läßt sie anschwellen, während alles Böse, was in Gedanken,
Wort und Tat vollbracht wird, wie ein Wurm in ihr nagt und sie dem
Verwelken nahe bringt."

Ihre Augen leuchteten gleich Tempelkerzen, als sie so sprach mit einer
Stimme, die wie die lieblichste Musik klang.

Dann erhob sie ihre Hand und zeigte hinauf, wo über den schwarzen
Wipfeln der Sinsapabäume die Milchstraße sich in sanft strahlendem
Alabasterglanz durch die mit funkelnden Sternen übersäte, purpurdunkle
Himmelsebene streckte.--

"Sieh dort, Kamanita," rief sie--"die himmlische Ganga! Schwören wir bei
ihren silbernen Wellen, die die Lotusseen jener seligen Gefilde
speisen,--unsere ganze Seele darauf zu richten, dort unserer Liebe eine
ewige Heimat zu bereiten."

Seltsam bewegt, hingerissen und in meinem Innersten tief erschüttert,
erhob ich meine Hand zu der ihren, und unsere Herzen bebten gemeinsam
bei dem göttlichen Gedanken, daß in diesem Augenblick in unabsehbaren
Weltenfernen hoch über den Stürmen dieses irdischen Daseins eine
Doppelknospe ewigen Liebeslebens sich bildete.

Als ob hiermit ihre Kräfte erschöpft wären, sank Vasitthi in meine Arme,
wo sie wie leblos liegen blieb, nachdem sie noch einen hinsterbenden
Abschiedskuß auf meine Lippen gedrückt hatte.

Ich legte sie sanft in die Arme Medinis, bestieg mein Pferd und ritt
davon, ohne daß ich mich noch einmal umzusehen wagte.




IX. UNTER DEM RÄUBERGESTIRN


Als ich das Dorf, wo meine Leute Nachtquartier bezogen hatten, wieder
erreichte, zögerte ich nicht, diese zu wecken, und schon ein paar
Stunden vor Sonnenaufgang war die Karawane unterwegs.

Am zwölften Tage erreichten wir um die Mittagsstunde ein gar liebliches
Tal in der waldigen Gegend Vedisas. Ein kleiner kristallklarer Fluß wand
sich gemach durch die grünen Wiesen; die sanft ansteigenden Hügel waren
mit blühendem Gebüsch bestanden, das einen würzigen Duft verbreitete;
etwa in der Mitte der langgestreckten Talsohle und unfern dem Flüßchen
erhob sich ein Nyagrodhabaum, dessen undurchdringliche Laubkuppel einen
schwarzen Schatten auf die smaragdene Matte warf und, von ihren tausend
Nebenstämmen gestützt, einen Hain bildete, in dem wohl zehn Karawanen
wie die meinige hätten Obdach finden können.

Die Stelle war mir von der Hinreise wohl erinnerlich, und ich hatte sie
schon zur Lagerstätte ausersehen. Es wurde also Halt gemacht. Die
wegmüden Ochsen wateten in den Strom hinaus und tranken begehrlich das
kühle Naß, um sich dann am zarten Ufergras zu laben. Die Leute
erfrischten sich durch ein Bad und machten sich dann gleich daran, dürre
Zweige zu sammeln und ein Feuer zum Reiskochen anzuzünden, während ich
selbst--auch durch ein Bad erfrischt--mich im tiefsten Schatten, an eine
Wurzel des Hauptstammes angelehnt, hinstreckte, um an Vasitthi zu denken
und bald in der Tat von ihr zu träumen. An der Hand des geliebten
Mädchens schwebte ich durch paradiesische Gefilde.

Ein großes Geschrei brachte mich jäh zur rauhen Wirklichkeit zurück. Als
ob ein böser Zauberer sie aus der Erde hätte emporwachsen lassen,
wimmelten bewaffnete Männer um uns herum, und das nahe Gebüsch entsandte
immer neue. Sie waren schon bei den Wagen, die ich in einem Kreise um
den Baum hatte aufstellen lassen, und fochten mit meinen Leuten, die
alle im Gebrauch der Waffen geübt waren und sich tapfer verteidigten.
Bald war ich mitten im Kampfgetümmel. Mehrere Räuber fielen von meiner
Hand. Plötzlich sah ich einen großen, bärtigen Mann von schrecklichem
Aussehen vor mir; sein Oberkörper war unbekleidet, und um den Hals trug
er eine dreifache Reihe von Menschendaumen. Da wußte ich denn: "Das ist
der Räuber Angulimala, der grausame, der blutgierige, der die Dörfer
undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich macht, der die
Leute umbringt und ihre Daumen sich um den Hals hängt." Und ich glaubte
schon, meine letzte Stunde sei gekommen.

Wirklich schlug mir dies Ungetüm sofort das Schwert aus der Hand"-eine
Leistung, die ich keinem Wesen aus Fleisch und Blut zugetraut hätte.
Bald lag ich an Händen und Füßen gefesselt auf der Erde. Um mich her
waren alle meine Leute erschlagen bis auf einen, einen alten Diener
meines Vaters, der von der Menge überwältigt worden und, ebenso wie ich,
unverwundet in Gefangenschaft geraten war. Ringsum, unter dem schattigen
Dache des Riesenbaumes, in Gruppen gelagert, taten die Räuber sich
gütlich.

Jene kristallene Kette mit dem Tigerauge, von der ich dir schon erzählt
habe, wie sie beim Ringkampf mit Satagira um Vasitthis Ball zerriß"-jene
Kette, die mir meine gute Mutter beim Abschied als Amulett umgehängt
hatte, war mir durch Angulimalas blutige Mörderhand vom Halse gezerrt
worden. Noch viel schmerzlicher war mir aber der Verlust der Asokablume,
die ich seit jener Nacht auf der Terrasse immer an meinem Herzen
getragen hatte. Nicht weit von mir glaubte ich sie zu entdecken, ein
rotes Flämmchen im zerstampften Grase, gerade dort, wo die jüngsten
Räuber hin und her liefen, das dampfende Fleisch des schnell
geschlachteten und gebratenen Rindes und Kürbisflaschen mit Branntwein
den Schmausenden zu bringen. Mir war es, als ob sie mein Herz
zerstampften, so oft ich meine arme Asokablume unter ihren schmutzigen
Füßen verschwinden sah, um immer weniger leuchtend zum Vorschein zu
kommen, bis ich sie gar nicht mehr erspähen konnte. Und ich dachte, ob
wohl Vasitthi jetzt vor dem sorgenlosen Baume stände, um ihn zu
befragen? Wie gut dann, daß er ihr nicht sagen konnte, wo ich weilte,
denn gewiß hätte sie vor Schreck ihre zarte Seele ausgehaucht, wenn sie
mich in dieser Umgebung gesehen hätte.

Nur ein Dutzend Schritte von mir entfernt zechte der furchtbare
Angulimala selber mit einigen seiner Vertrauten. Fleißig machte die
Flasche die Runde, und die Gesichter"--mit Ausnahme eines einzigen, von
dem ich noch später sprechen werde"--wurden immer röter, während die
Räuber sich lebhaft, fast erregt unterhielten, ja bald in offenbaren
Streit gerieten.

Leider gehörte die Wissenschaft der Gaunersprache damals noch nicht zu
meinen vielen Fähigkeiten--woraus man ersieht, wie wenig der Mensch
beurteilen kann, welche Kenntnisse ihm am nützlichsten sein werden. Gar
zu gern hätte ich den Sinn ihrer lauten Rede verstanden, denn ich konnte
nicht in Zweifel sein, daß sie mich und mein Schicksal betraf. Die
Mienen und Gebärden zeigten mir das mit unheimlicher Deutlichkeit, und
wahre Flammenblicke, die unter den dichten, zusammengewachsenen Brauen
des Häuptlings von Zeit zu Zeit nach mir herüberblitzten, ließen mich
mein Amulett gegen den bösen Blick, das jetzt auf der zottigen Brust des
Ungeheuers selber erglänzte, sehr vermissen. In der Tat hatte ich, wie
ich später erfuhr, einen Liebling Angulimalas und dazu den besten Degen
der ganzen Bande vor seinen Augen niedergestreckt, und der Häuptling
hatte mich nur deshalb nicht getötet, weil er seine Rachsucht durch den
Anblick meiner langsamen Todesmarter zu stillen gedachte. Die anderen
aber wollten nicht zugeben, daß eine reiche Beute, die von Rechts wegen
der ganzen Bande gehörte, auf solche Weise nutzlos vergeudet würde. Ein
kahler, glatt rasierter Mann, der wie ein Priester aussah, fiel mir als
Angulimalas Hauptgegner auf, der allein es verstand, diesen Wilden zu
bändigen. Er war auch der einzige, dessen Gesichtsfarbe während des
Zechens seine Blässe bewahrte. Nach einem langen Streit, währenddessen
Angulimala ein paarmal in die Höhe fuhr und zum Schwerte griff, siegte
schließlich--zu meinem Heile--der professionelle Gesichtspunkt.

Die Bande Angulimalas gehörte nämlich zu den "Absendern"--so genannt,
weil es zu ihren Regeln gehört, von zwei Gefangenen den einen
abzusenden, damit er das geforderte Lösegeld auftreibe. Wenn sie einen
Vater und seinen Sohn gefangen nahmen, hießen sie den Vater gehen, das
Lösegeld für den Sohn zu beschaffen; von zwei Brüdern schickten sie den
älteren; war ein Lehrer mit seinem Jünger in ihre Hände gefallen, so
wurde der Jünger abgesandt, hatten sie einen Herrn und seinen Diener
gefangen, so mußte der Diener gehen--darum eben hießen sie "Absender".
Zu diesem Zwecke hatten sie, ihrer Sitte gemäß, jenen Diener meines
Vaters geschont, während sie alle meine anderen Leute niedermetzelten;
denn obschon etwas bejahrt, war dieser noch rüstig und sah klug und
erfahren aus--wie er denn auch schon mehrmals Karawanen geführt hatte.

Er wurde nun seiner Fesseln entledigt und noch an demselben Abend
abgeschickt, nachdem ich ihm eine vertrauliche Botschaft mitgegeben
hatte, an der meine Eltern die Richtigkeit der Sache erkennen konnten.
Bevor er sich auf den Weg begab, ritzte aber Angulimala einige Zeichen
in ein Palmblatt und übergab es ihm. Es war eine Art Geleitbrief für den
Fall, daß er auf dem Rückweg, wenn er die Summe bei sich trug, in die
Hände anderer Räuber fallen sollte. Denn Angulimalas Name war so
gefürchtet, daß selbst Räuber, die Königsgeschenke von der Straße
entführten, sich nimmer vermessen hätten, etwas, das sein Eigentum war,
auch nur anzurühren.

Auch mir wurden nun bald die Fesseln abgenommen, da man wohl wußte, daß
ich nicht töricht genug sein würde, einen Fluchtversuch zu machen. Das
erste, wozu ich meine Freiheit benutzte, war, daß ich nach der Stelle
hinstürzte, wo ich die Asokablume hatte verschwinden sehen. Aber ach,
nicht einmal mehr ein farbloses Restchen konnte ich von ihr entdecken!
Diese zarte Blumenflamme schien unter den rohen Räuberfüßen gänzlich zu
Asche zerstampft. War sie ein Wahrzeichen unseres Liebesglücks?

Ziemlich frei lebte und bewegte ich mich jetzt unter diesen gefährlichen
Gesellen, in der Erwartung des Lösegeldes, das binnen zwei Monaten
kommen mußte.

Da wir uns in der dunklen Hälfte des Monats befanden, gingen die
Diebstähle und Räubereien lebhaft vonstatten. Denn diese Zeit, die der
furchtbaren Göttin Kali gehört, wird fast ausschließlich zu den
regelmäßigen Geschäften benutzt, so daß keine Nacht ohne irgend einen
Überfall oder Einbruch verging. Mehrmals wurden auch ganze Dörfer
geplündert. In der fünfzehnten Nacht des abnehmenden Mondes aber wurde
Kalis Fest mit grauser Feierlichkeit begangen. Nicht nur Stiere und
zahllose schwarze Ziegen, sondern auch einige unglückliche Gefangene
wurden vor ihrem Bild geschlachtet; man stellte das Opfer vor den Altar
und öffnete ihm eine Schlagader, so daß das Blut gerade in den
aufgerissenen Mund der scheußlichen, mit Menschenschädeln behangenen
Gestalt spritzte. Danach folgte eine wilde Orgie, wobei die Räuber sich
im Rauschtrank bis zur Besinnungslosigkeit besoffen und sich mit den
Bajaderen ergötzten, die man zu diesem Zwecke mit beispielloser
Dreistigkeit aus einem großen Tempel entführt hatte. Angulimala, der in
seiner Weinlaune großmütig wurde, wollte auch mich mit einer schönen,
jungen Bajadere beglücken. Da ich aber in Erinnerung an Vasitthi das
Mädchen verschmähte, so daß es ob dieser Schmach in Tränen ausbrach,
geriet er darüber in eine solche Wut, daß er mich ergriff und auf der
Stelle erdrosselt hätte, wäre mir nicht jener kahle, glattrasierte
Räuber zu Hilfe gekommen. Wenige Worte von ihm genügten, um den eisernen
Griff des Häuptlings erschlaffen zu lassen und ihn dann, brummend wie
eine notdürftig bezähmte Bestie, fortzuschicken.

Dieser merkwürdige Mann, der jetzt zum zweitenmal mein Retter wurde--mit
Händen, die von dem von ihm geleiteten schrecklichen Kaliopfer noch
blutig waren--war der Sohn eines Brahmanen. Weil er aber unter einer
Räuberkonstellation geboren war, wandte er sich dem Räuberhandwerke zu.
Zuerst hatte er den "Würgern" angehört, trat aber auf Grund
wissenschaftlicher Erwägungen zu den "Absendern" über. Vom väterlichen
Hause her hatte er nämlich einen Hang zu religiösen Betrachtungen und
nicht weniger zu gelehrten Erörterungen ererbt. So leitete er einerseits
den Opferdienst als Priester--und man schrieb das seltene Glück dieser
Bande fast ebensosehr seiner Priesterwissenschaft wie der
Führertüchtigkeit Angulimalas zu--andererseits trug er auch die
Wissenschaft des Räuberwesens in systematischer Form vor, und zwar
sowohl die Technik wie die Moral; denn ich merkte zu meinem Erstaunen,
daß die Räuber eine solche hatten, und sich keineswegs für schlechtere
Menschen als andere hielten.

Diese Vorträge fanden besonders nachts in der lichten Hälfte des Monates
statt, in der--abgesehen von zufälligen Vorkommnissen--die Geschäfte
ruhten. Auf einer Waldwiese hockten die Zuhörer in mehreren
halbkreisförmigen Reihen um den ehrwürdigen Vajaçravas, der mit
untergeschlagenen Beinen dasaß. Sein mächtiger haarloser Schädel
erglänzte im Mondlicht, und seine ganze Erscheinung war der eines
vedischen Lehrers nicht unähnlich, der in der Stille der Mondnacht den
Insassen der Waldeinsiedelei die Geheimlehre mitteilt--aber manches
unheilig wilde Gesicht, ja manche Galgenphysiognomie war rings in der
Runde zu schauen. Mir ist es in der Tat, als ob ich sie in diesem
Augenblick sähe--als ob ich das tiefe auf und ab schwellende Brausen des
ungeheuren Waldes hörte, manchmal durch das ferne Gebrüll eines Tigers
oder das heisere Bellen des Panthers unterbrochen--und dazu, ruhig
fließend wie ein Strom, die Stimme Vajaçravas'--diesen tiefen,
volltönenden Baß, eine köstliche Erbschaft ungezählter Generationen von
Udgatars[1].

 [1] Vedischer Opfersänger.

Zu diesen Vorträgen hatte ich Zutritt, weil Vajaçravas eine Vorliebe für
mich gefaßt hatte. Er behauptete sogar, ich sei unter einem Räuberstern
geboren wie er, und ich würde mich einmal den Dienern Kalis zugesellen,
weshalb es mir nützlich sei, seiner Rede zu lauschen, die unzweifelhaft
den in mir noch schlummernden Trieb wachrufen würde. Ich habe da also
sehr merkwürdige Vorlesungen von ihm gehört über die verschiedenen
"Sekten Kalis"--gewöhnlich Diebe und Räuber genannt--und über ihre
unterschiedlichsten Gebräuche. Ebenso lehrreich wie unterhaltend waren
seine Exkurse über Themata wie: "Die Nützlichkeit der Dirnen zum
Hineinlegen der Polizei", oder "Kennzeichen der für Bestechung
zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges, nebst kurzer Anweisung
über die in Frage kommenden Geldbeträge". Von scharfsinnigster
Menschenbeobachtung und strengster Schlußfolgerung zeugte seine
Behandlung der Frage "Wie und warum die Spitzbuben sich auf den ersten
Blick gegenseitig erkennen, während die ehrlichen Leute es nicht tun,
und welche Vorteile aus diesem Umstande ersteren erwachsen", nicht zu
reden von den glänzenden Ausführungen: "Über die Stupidität der
Nachtwächter im allgemeinen, eine anregende Betrachtung für
Anfänger"--bei welchen der nächtliche Wald von einem Lachchor
widerhallte, so daß man von allen Seiten des Lagers zusammenströmte, um
zu hören, was los sei.

Aber auch trockene technische Fragen wußte der Meister interessant zu
behandeln, und ich erinnere mich wirklich fesselnder Schilderungen, wie
man geräuschlos eine Bresche in der Wand macht oder einen unterirdischen
Gang kunstgerecht anlegt. Die richtige Verfertigung der verschiedenen
Arten von Brecheisen, besonders des sogenannten "Schlangenmaules", sowie
des "krebsförmigen" Hakens wurde sehr anschaulich dargelegt; der
Gebrauch des leisen Saitenspieles, um zu erkunden, ob jemand wacht, und
des aus Holz gemachten Männerkopfes, den man zur Tür oder zum Fenster
hereinsteckt, um zu sehen, ob dieser vermeintliche Einbrecher bemerkt
wird--alles dies wurde gründlich besprochen. Seine Erörterungen, wie man
bei Ausführung eines Diebstahls unbedingt jeden umbringen müsse, der
später als Zeuge würde auftreten können, sowie die allgemeinen
Betrachtungen, wie ein Dieb nicht mit einem moralischen Wandel behaftet
sein dürfe, sondern rauh, hart und gewalttätig, gelegentlich dem
Rauschtrank und den Dirnen ergeben sein müsse, zählen zu den
gelehrtesten und geistreichsten Vorträgen, die ich je gehört habe.

Um dir aber eine richtige Vorstellung von diesem wahrhaft profunden
Geiste zu geben, muß ich dir die berühmteste Stelle aus seinem in fast
kanonischem Ansehen stehenden Kommentar zu den uralten Kali-Sutras, der
Geheimlehre der Diebe, hersagen.[1]

 [1] Über den indischen Sutrastil und das folgende Kapitel siehe die
 Note am Schlusse des Werkes.




X. Geheimlehre


Also: Das 476. Sutram lautet: _"Auch die göttliche, meint
ihr?--Nein!--Unverantwortlichkeit--wegen des Raumes der Schrift, der
Tradition."_

Der ehrwürdige Vajaçravas kommentiert dies folgendermaßen:

_"Auch die göttliche--"_ nämlich Strafe. Denn im vorhergehenden
Sutram war von solchen Strafen die Rede, welche der Fürst oder die
Obrigkeit über den Räuber verhängt, als da sind: Hand-, Fuß- und
Nasenverstümmelung, der Breikessel, der Pechkranz, das Drachenmaul, das
Spießrutenlaufen, der Marterbock, die siedende Ölbeträufelung, die
Enthauptung, das Zerreißen durch Hunde, die Pfählung bei lebendigem
Leibe--hinreichende Gründe, warum der Räuber sich womöglich nicht fangen
lassen darf, wenn er aber doch gefangen worden ist, auf jede Weise zu
entfliehen versuchen soll.

Nun meinen einige: auch göttliche Strafe drohe dem Räuber. "Nein," sagt
unser Sutram; und zwar deshalb nicht, weil _Verantwortungslosigkeit_
statthat. Welches auf drei Weisen ersichtlich ist: durch Vernunft, durch
den Veda und durch die überlieferten Heldenlieder.

_"Wegen des Raumes"_--hiermit ist folgende Vernunfterwägung gemeint.
Wenn ich einem Menschen oder einem Tier den Kopf abhaue, so fährt das
Schwert zwischen die unteilbaren Teilchen hindurch; denn diese selbst
kann es, eben wegen ihrer Unteilbarkeit, nicht durchschneiden. Was es
durchschneidet, ist der die Teilchen trennende leere Raum. Diesem aber
kann man, eben wegen seiner Leerheit, keinen Schaden zufügen. Denn einem
Nichts schaden ist gleich: nicht schaden. Folglich kann man durch dies
Durchschneiden des Raumes keine Verantwortlichkeit auf sich laden, und
eine göttliche Strafe kann nicht stattfinden. Wenn aber dies vom Töten
gilt, wieviel mehr dann von Handlungen, die von den Menschen geringer
bestraft werden!

Soweit die Vernunft, nunmehr die Schrift.

Der heilige Veda lehrt uns, daß das einzige wahrhaft Existierende, die
höchste Gottheit, das Brahman ist. Wenn dies aber wahr ist, dann ist
offenbar alle Tötung eine leere Täuschung. Dies sagt auch der Veda mit
deutlichen Worten an der Stelle, wo Yama, der Todesgott, den jungen
Naçiketas über dies Brahman belehrt und unter anderem sagt:

Wer, tötend, glaubt, daß er tötet,
Wer, getötet, zu sterben glaubt,
Irr geht dieser wie jener:--
Der stirbt nicht, und der tötet nicht.

Noch überzeugender aber wird diese abgründige Wahrheit im Heldenliede
von Krishna und Arjuna uns offenbart. Denn Krishna, der an sich das
ungewordene, unvergängliche, ewige, allgewaltige, unerdenkliche Wesen
war, der höchste Gott, der sich zum Heil der Wesen als Mensch hatte
gebären lassen--Krishna half in den letzten Tagen seines Erdenwandeins
dem Könige der Panduinge, dem hochherzigen Arjuna, im Kriege gegen die
Kuruinge, weil diese ihm und seinen Brüdern großes Unrecht getan hatten.
Als nun die beiden Heere in Schlachtordnung ihre waffenstrotzenden
Reihen einander gegenüberstellten, erblickte Arjuna auf der gegnerischen
Seite manchen einstigen Freund, manchen Vetter und Gevatter der
vergangenen Tage: denn die Panduinge und die Kuruinge waren Söhne von
zwei Brüdern. Und Arjuna ward im Herzen innig gerührt, und er zögerte,
das Zeichen zur blutigen Schlacht zu geben; denn er mochte nicht jene
töten, die einst die Seinen gewesen. So stand er gesenkten Hauptes, von
schmerzlichem Zaudern zernagt, unschlüssig auf seinem Streitwagen: und
neben ihm der goldene Gott, Krishna, der sein Wagenlenker war. Und
Krishna erriet die Gedanken des edlen Pandaverfürsten. Und er zeigte
lächelnd auf die beiden Heeresmassen und belehrte ihn, wie alle jene
Wesen nur scheinbar entstehen und vergehen, weil in ihnen allen nur das
eine unerstandene und unvergängliche, von der Geburt und vom Tode
unberührte Wesen besteht:

Wer einen für den Mörder hält,
Wer einen hier gemordet meint,
Der kennt und weiß von beiden nichts:--
Denn Keiner mordet, Keiner stirbt.
Wohlan, den Kampf beginne du!

Solchermaßen belehrt, gab der Pandaverfürst das Zeichen zum Beginn der
ungeheuren Schlacht und siegte. Also machte Krishna, der menschgewordene
höchste Gott, durch Offenbarung dieser großen Geheimlehre Arjuna von
einem flachsinnigen und weichherzigen Mann zu einem tiefsinnigen und
hartherzigen Weisen und Helden.

So gilt denn nun in Wahrheit folgendes:

Was Einer begeht und begehen läßt: wer zerstört und zerstören läßt, wer
schlägt und schlagen läßt, wer Lebendiges umbringt, Nichtgegebenes
nimmt, in Häuser einbricht, fremdes Gut raubt: Was Einer begeht, er
ladet keine Schuld auf sich.--Und wer da gleich mit einer scharf
geschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf dieser Erde zu einer
einzigen Masse Mus, zu einer einzigen Masse Brei machte, der hat darum
keine Schuld, begeht kein Unrecht. Und wer auch am südlichen Ufer der
Ganga verheerend und mordend dahinzöge, so hat der darum keine Schuld:
und wer da auch am nördlichen Ufer der Ganga spendend und schenkend
dahinzöge, so hat der darum kein Verdienst. Durch Milde, Sanftmut,
Selbstverzicht erwirbt man kein Verdienst, begeht man nichts Gutes.

Und es folgt nun das erstaunliche, ja schreckliche

               _477. Sutram_,

welches in seiner frappanten Kürze lautet:

_"Vielmehr--wegen des Essers."_

Den Sinn dieser wenigen, in tiefstes Geheimnis sich hüllenden Worte
erschließt uns der ehrwürdige Vajaçravas folgendermaßen:

Weit davon entfernt, daß göttliche Strafe dem Räuber und Totschläger
droht, findet "_vielmehr_" das Entgegengesetzte statt: nämlich
Gottähnlichkeit, was aus den Vedastellen hervorgeht, wo der höchste Gott
als der "_Esser_" gepriesen wird, wie:

Der Krieger und Brahmanen ißt wie Brot,
Das mit des Todes Brühe er begießt.

Wie nämlich die Welt in Brahman ihren Ursprung hat, so auch ihr
Vergehen, indem das Brahman sie immer wieder hervorgehen läßt und sie
immer wieder vernichtet. Gott ist somit nicht nur der Schöpfer, sondern
auch der Verschlinger aller Wesen, von denen hier nur "Krieger und
Brahmanen" genannt werden, als die Vornehmsten, die für alle stehen. Wie
es denn auch an einer anderen Stelle heißt:

Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.

Diese Worte sagte nämlich der höchste Gott, als er in der Gestalt eines
Widders den Knaben Medhatithi zur Himmelswelt trug. Denn ungehalten über
seine gewaltsame Entführung verlangte dieser zu wissen, wer sein
Entführer sei: "Sage mir, wer du bist, sonst werde ich, ein Brahmane,
dich mit meinem Zorn treffen." Da gab nun der Widdergestaltige sich zu
erkennen als jenes höchste Brahman, das Alles in Allem ist, mit den
Worten:

Wer ist's, der tötet und gefangen nimmt?
Wer ist der Widder, der dich führt von dannen?
Ich bin es, der in dieser Form erscheint,
Ich bin es, der erscheint in allen Formen.

Wenn Einer fürchtet sich vor was auch immer,
Ich bin's, der fürchtet und der fürchten macht;
Doch in der Größe ist ein Unterschied:
Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.

Wer könnte mich erkennen, wer erklären?
Ich schlug die Feinde alle, mich schlug niemand.

Hier muß es nun auch dem blödesten Auge klar werden, daß die
Brahmanähnlichkeit nicht darin liegen kann, geschlagen und gegessen zu
werden--wie es der Fall sein müßte, wenn Sanftmut und Selbstverzicht
etwas Gutes wäre--sondern im Gegenteil darin, alle Anderen zu schlagen
und zu essen--d.h. auszunutzen und zu vernichten--selbst aber von
niemand Schaden zu leiden.

Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, daß jene Lehre--von der
Höllenstrafe der Gewalttäter--von den Schwachen erfunden ist, um sich
vor der Gewalttätigkeit der Starken zu schützen, indem sie dadurch die
letzteren einschüchtern wollen.

Und wenn im Veda einige Stellen diese Lehre enthalten, so müssen
sie--weil mit den Hauptsätzen unvereinbar--von jenen fälschlich
eingeschoben worden sein.

Wenn also der Rigveda sagt, daß, obwohl die ganze Welt eigentlich
das Brahman ist, der Gott dennoch den Menschen als das
Brahmandurchdrungenste erkenne:--so muß nunmehr anerkannt werden,
daß unter den Menschen wiederum der echte und wahre Räuber das
Brahmandurchdrungenste Wesen ist und somit die Krone der Schöpfung
darstellt. Was aber den Dieb anbelangt, der sich zur Räuberschaft nicht
erhebt, so ist es, weil die Schrift des öfteren erklärt, daß die Meinung
"dies gehört mir" eine Wahnvorstellung ist, die dem höchsten Zwecke des
Menschen hinderlich ist, ohne weiteres klar, daß der Dieb, der eben die
beständige tatsächliche Widerlegung jenes Wahnes "dies gehört mir" zu
seiner Lebensaufgabe gemacht hat, die höchste Wahrheit vertritt. Doch
steht, wegen seiner Gewalttätigkeit, der Räuber höher.

So ist denn nun das "Krone-der-Schöpfung-Sein" des Räubers erwiesen,
sowohl durch Vernunfterwägung, wie mittelst der Schrift, und ist als
unwiderlegbar zu betrachten.




XI. DER ELEFANTENRÜSSEL


Nach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses außerordentlichen
Mannes--dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berühmten
Denkern, zur Last legen kann, daß er seine Theorie nicht in die Praxis
umsetzte--nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf.

Bei solchen mannigfachen Erlebnissen und neuen
Geistesbeschäftigungen--ich versäumte selbstverständlich nicht, die
Gaunersprache mir zu eigen zu machen--konnte die Wartezeit mir nicht
lang werden. Je mehr sie sich aber ihrem Ende näherte, um so mehr wurde
meine Seelenruhe durch drückende Besorgnisse erschüttert. Würde das
Lösegeld überhaupt ankommen? Wenn auch jener Geleitbrief den Diener
gegen Räuber schützte, so könnte ihn ja unterwegs ein Tiger zerreißen
oder ein angeschwollener Fluß fortschwemmen, oder irgend einer der
zahllosen, nicht vorauszusehenden Zufälle einer Reise ihn aufhalten, bis
es zu spät war. Die Flammenblicke Angulimalas schossen oft so böswillig
nach mir hin, als ob er diesen Fall erhoffte, und der Angstschweiß brach
mir dann aus allen Poren. Wie wundervoll systematisch eingeleitet und
scharf logisch begründet auch die Ausführung Vajaçravas' darüber war,
daß in jedem Fall, in dem das Lösegeld nicht zur rechten Stunde gebracht
würde, der Betreffende mit einer Baumsäge durchzusägen und beide Teile
mitten auf die Landstraße hinzuwerfen seien--und zwar der Kopfteil nach
der Seite des aufgehenden Mondes zu: so gestehe ich doch, daß meine
Bewunderung für diese wissenschaftlich gewiß staunenswerte Leistung
meines gelehrten Freundes durch eine eigentümliche Bewegung meines etwas
"betroffenen" Bauchfelles einigermaßen beeinträchtigt wurde, zumal als
wirklich die doppelzähnige Baumsäge, die bei solchen Gelegenheiten
benutzt wurde, hergebracht und zur Veranschaulichung von zwei grimmigen
Gesellen an einem einen Menschen vorstellenden Bündel in Wirksamkeit
gesetzt wurde.

Vajaçravas, der bemerkte, wie mir übel wurde, klopfte mir aufmunternd
auf die Schulter und meinte, das ginge mich ja nichts an. Dadurch
schöpfte ich natürlich die Hoffnung, daß er mich im Notfalle zum dritten
Male retten würde. Als ich aber in dankbarstem Tone etwas davon
verlauten ließ, machte er ein gar ernstes Gesicht und sprach:

"Wenn dir dein Karma wirklich so gram sein sollte, daß das Lösegeld
nicht zur rechten Zeit ankommt, und wäre es auch nur um einen halben Tag
verspätet, dann kann dir freilich kein Gott und kein Teufel helfen, denn
die Gesetze Kalis sind unverbrüchlich. Jedoch, sei getrost, mein Sohn!
Du bist noch zu ganz anderen Dingen bestimmt. Und für dich fürchte ich
eher, daß du einmal, nach einem ruhmreichen Räuberleben, auf einem
öffentlichen Platze enthauptet oder gepfählt wirst--doch das hat ja noch
gute Weile."

Ich könnte nicht sagen, daß dieser Trost mich sehr aufgerichtet hätte,
und so fühlte ich mich denn nicht wenig erleichtert, als eine volle
Woche vor Ablauf der Frist unser getreuer alter Diener mit der
geforderten Geldsumme eintraf. Ich nahm Abschied von meinem furchtbaren
Wirt, der in Erinnerung an seinen erschlagenen Freund finster
dreinblickte, als ob er mich lieber hätte durchsägen lassen, und drückte
zärtlich die Hand des Brahmanen, der eine Träne der Rührung durch die
Zuversicht bannte, wir würden uns sicher noch auf den nächtlichen Pfaden
Kalis begegnen. So zogen wir beide denn ab, von vier Räubern begleitet,
die mit ihrer Haut für unsere sichere Ankunft in Ujjeni hafteten. Denn
Angulimala, der um seine Räuberehre sehr besorgt war, versprach ihnen,
als er uns verabschiedete, wenn ich nicht heil in meiner Vaterstadt
abgeliefert würde, ihnen die Haut über die Ohren zu ziehen und ihre
Felle an den vier Ecken eines Kreuzweges aufzuhängen; und es war
bekannt, daß er immer sein Versprechen hielt. Glücklicherweise wurde das
hier nicht nötig, und die vier Gesellen, die sich unterwegs sehr wacker
betrugen, mögen noch in diesem Augenblick im Dienste der
schädelhalsbandschüttelnden Tänzerin sein.

Wir erreichten Ujjeni ohne weitere Abenteuer, und ich hatte in der Tat
auch an den erlebten genug. Die Freude meiner Eltern, mich
wiederzusehen, war unbeschreiblich. Um so unmöglicher war es, ihnen die
Erlaubnis abzuringen, bald wieder eine Reise nach Kosambi zu
unternehmen. Mein Vater hatte ja außer der nicht unbedeutenden Lösesumme
auch alle Waren meiner Karawane und alle Leute verloren und war so bald
nicht imstande, eine neue Karawane auszurüsten. Aber dies war nur ein
kleines Hindernis im Verhältnis zu dem Schrecken, der meine Eltern beim
Gedanken an die Gefahren des Weges befiel. Auch hörte man ab und zu
immer wieder von furchtbaren Taten Angulimalas, und ich kann nicht
leugnen, daß es mich wenig gelüstete, noch einmal in seine Hände zu
fallen. Eine Botschaft nach Kosambi gelangen zu lassen, gab es in dieser
Zeit durchaus keine Möglichkeit, und so mußte ich mich denn mit der
Erinnerung begnügen und in fester Zuversicht auf die Treue meiner
angebeteten Vasitthi mich auf bessere Zeiten vertrösten.

Diese kamen denn endlich auch. Eines Tages flog wie ein Lauffeuer die
Nachricht durch die Stadt, der schreckliche Angulimala sei von Satagira,
dem Sohne des Ministers in Kosambi, aufs Haupt geschlagen, die Bande
niedergemetzelt oder zersprengt, der Häuptling aber mit vielen der
hervorragendsten Räuber gefangen genommen und hingerichtet worden.

Nun konnten meine Eltern meinen stürmischen Bitten nicht mehr
widerstehen. Man hatte in der Tat guten Grund, anzunehmen, daß jetzt für
längere Zeit die Straßen frei sein würden, und mein Vater war nicht
abgeneigt, wieder mit einer Karawane sein Glück zu versuchen. Da befiel
mich plötzlich eine Krankheit, und als ich vom Lager wieder aufstand,
war die Regenzeit schon so nahe herangerückt, daß man diese erst
abwarten mußte. Dann stand aber auch meiner Abreise nichts mehr
entgegen. Mit vielen Ermahnungen zur Vorsicht nahmen meine Eltern
Abschied von mir, und ich befand mich wieder unterwegs an der Spitze
einer wohlversehenen Karawane von dreißig Ochsenkarren, freudigen und
mutigen Herzens und von brennender Sehnsucht getrieben.

Unsere Reise ging so glatt vonstatten, wie das erste Mal, und an einem
schönen Morgen zog ich, halb närrisch vor Freude, in Kosambi ein. Hier
gewahrte ich nun bald ein ungewöhnliches Menschengedränge in den
Straßen. Ich kam infolgedessen immer langsamer vorwärts, bis mein Zug an
einer Stelle, wo er eine Hauptverkehrsader der Stadt zu durchkreuzen
hatte, endlich völlig zum Stillstehen gebracht wurde. Es war
schlechterdings nicht möglich, durch die Menge hindurchzudringen, und
ich bemerkte nun auch, daß jene Hauptstraße durch Fahnenstangen, von den
Fenstern und Söllern herabhängende Teppiche und querüber gespannte
Blumengewinde aufs prächtigste geschmückt war--wie für irgend einen
Aufzug. Fluchend vor Ungeduld, fragte ich die vor mir Stehenden, was
hier los sei.

"Ei," riefen sie, "weißt du denn nicht, daß heute Satagira, der Sohn des
Ministers, seine Hochzeit feiert? Du kannst dich glücklich preisen,
gerade zu rechter Zeit eingetroffen zu sein, denn der Zug kommt jetzt
vom Krishnatempel hier vorüber, und eine solche Pracht hast du gewiß
noch nirgends gesehen."

Daß Satagira Hochzeit hielt, war mir eine ebenso wichtige wie
willkommene Nachricht, weil sein Werben um meine Vasitthi bei ihren
Eltern eins der größten Hindernisse für unsere Vereinigung gewesen wäre.
So ließ ich mir denn das Warten gefallen, um so mehr als es nicht lange
dauern konnte; denn schon waren die Lanzenspitzen einer Reiterabteilung
sichtbar, die unter ohrenbetäubendem Jubel vorüberzog. Diese Reiter
genossen, wie man mir mitteilte, in Kosambi die größte Volksgunst, weil
hauptsächlich sie es waren, die die Bande Angulimalas unschädlich
gemacht hatten.

Fast unmittelbar hinter ihnen kam der Elefant, der die Braut
trug--allerdings ein überwältigender Anblick. Die knorrige, hügelartige
Stirn des Riesentieres war, dem Götterberg Meru ähnlich, mit einem Flor
von mannigfarbigen Edelsteinen bedeckt. Wie bei einem brünstigen
Ilfenstier der Saft an den Schläfen und Wangen herabträufelt, und
Bienenschwärme, von seinem süßen Duft angelockt, darüber hängen, also
erglänzten hier Schläfen und Wangen von den wundervollsten Perlen und
darüber baumelten durchsichtige Gehänge von schwarzen Diamanten--eine
Wirkung, die zum Aufschreien schön war. Die mächtigen Hauer waren mit
dem feinsten Golde beschlagen; und aus demselben edlen Metalle war die
mit großen Rubinen besetzte Brustplatte, von der der duftigste blaue
Benaresmusselin herabhing und die kräftigen Beine des Tieres--wie
Morgennebel die Baumstämme--leicht umwallte.

Aber es war der Rüssel des Staatselefanten, der vor allem meinen Blick
fesselte. Auch zu Hause, in Ujjeni, hatte ich ja bei Prozessionen sehr
prachtvolle Dekorationen der Elefantenrüssel gesehen, aber niemals eine,
die so geschmackvoll gewesen wäre wie diese. Bei uns nämlich wurde der
Rüssel in Felder eingeteilt, die irgend ein feines Muster bildeten, und
war also ganz mit Farbe gedeckt. Hier aber war die Haut als Untergrund
frei gelassen, und über diesen astähnlichen Grund war ein loses
Laubgeranke von lanzettförmigen Asokablättern geschlungen, aus dem
gelbe, orangefarbene und scharlachrote Blumen hervorleuchteten--Alles in
köstlichster ornamentaler Stilisierung ausgeführt.

Während ich nun mit dem Blick eines Kenners dies Wunderwerk studierte,
kam ein gar wehmütiges Gefühl über mich, indem ich gleichsam den ganzen
Liebesduft jener seligen Nächte auf der Terrasse wieder einatmete. Mein
Herz begann heftig zu pochen, da ich unwillkürlich an meine eigene
Hochzeit denken mußte; denn welcher Schmuck konnte sinniger erfunden
werden für das Tier, welches dereinst Vasitthi tragen sollte, als gerade
dieser, da ja die "Terrasse der Sorgenlosen" wegen ihrer wunderbaren
Asokablüten in ganz Kosambi berühmt war?

In diesem fast traumhaften Zustande vernahm ich, wie eine Frau neben mir
zu einer anderen sagte:

"Aber die Braut--die sieht doch gar nicht fröhlich aus!"

Unwillkürlich blickte ich in die Höhe, und ein seltsam unheimliches
Gefühl beschlich mich, als ich die Gestalt gewahr wurde, die dort unter
dem purpurnen Baldachin saß. Gestalt, sage ich--das Gesicht konnte ich
nicht sehen, weil der Kopf vornüber auf die Brust gesunken war--aber
auch von einer Gestalt sah man wenig, und es schien, als ob in jener
Masse von regenbogenfarbigen Musselins, wenn auch ein Körper, so doch
kein mit lebendiger, widerstandsfähiger Kraft begabter steckte. Die Art
und Weise, wie sie hin und her schwankte bei den Bewegungen des Tieres,
dessen mächtige Schritte das Zelt auf seinem Rücken in starkes Schaukeln
versetzten, hatte etwas unsagbar Trauriges, ja fast etwas
Grauenerregendes an sich. Man konnte in der Tat befürchten, daß sie im
nächsten Augenblick herunterstürzen würde. Eine solche Furcht mochte
auch die hinter ihr stehende Dienerin bewegen, denn sie faßte die Braut
an den Schultern und neigte sich zu ihr vor, um ihr aufmunternde Worte
ins Ohr zu flüstern.

Ein eisiger Schreck lähmte mich, als ich in dieser vermeintlichen
Dienerin--Medini erkannte. Und ehe mir diese Ahnung noch deutlich
geworden war, hatte die Braut Satagiras den Kopf erhoben.

Es war meine Vasitthi.




XII. AM GRABE DES HEILIGEN VAJAÇRAVAS


Ja, sie war es. Keine Möglichkeit, sich in diesen Zügen zu
täuschen,--und doch ähnelten sie sich selber nicht, und ähnelten in der
Tat nichts, das ich je gesehen hatte; in einem so namenlosen,
übermenschlichen Jammer schienen sie versteinert zu sein.

Als ich wieder zur Besinnung kam, zogen gerade die Letzten des Zuges
vorüber. Man schrieb meine plötzliche Ohnmacht der Hitze und dem
Menschengedränge zu. Willenlos ließ ich mich in die nächste Karawanserei
bringen.

Hier warf ich mich in der dunkelsten Ecke nieder, das Gesicht nach der
Wand gekehrt, und blieb da, in Tränen gebadet und alle Speise
verschmähend, tagelang liegen, nachdem ich jenem alten Diener und
Karawanenführer, der mich schon auf der ersten Fahrt begleitet,
Anweisung gegeben hatte, so schnell wie möglich und selbst unter
schlechten Bedingungen unsere Waren loszuschlagen, da ich zu krank sei,
um mich mit Geschäften abzugeben. In der Tat konnte ich nur an meinen
unfaßbaren Verlust denken; auch wollte ich mich nicht in der Stadt
zeigen, um von niemand erkannt zu werden. Denn ich wollte vor allem
verhindern, daß Vasitthi von meiner Anwesenheit etwas erführe.

Ihr Bild, wie ich sie zuletzt gesehen, schwebte mir fortwährend vor der
Seele. Wohl war ich über ihren Wankelmut oder eher ihre Schwäche
entrüstet; denn ich sah wohl ein, daß nur die letzte in Frage kam, und
daß sie dem Drängen der Eltern nicht hatte widerstehen können. Daß sie
dem triumphierenden Ministersohn nicht ihr Herz zugewandt hatte, davon
zeugten ihre Haltung und Miene deutlich genug. Wenn ich mich aber ihrer
erinnerte, wie sie im Krishnahaine leuchtenden Blickes mir ewige Treue
zugeschworen hatte, verstand ich nicht, wie es möglich war, daß sie so
bald nachgegeben hatte, und ich sagte mir unter bitterem Seufzen, daß
auf Mädchenschwüre kein Verlaß sei. Aber immer wieder tauchte jenes
Gesicht voll tiefsten Jammers vor mir auf--und sofort war dann auch
jeder Groll verscheucht, nur das innigste Mitleid wallte ihm entgegen;
und so beschloß ich fest, ihren Kummer nicht dadurch noch zu vermehren,
daß von meiner jetzigen Anwesenheit in Kosambi ihr etwas zu Gehör käme.
Nie mehr sollte sie etwas von mir erfahren; sicher würde sie dann
glauben, daß ich gestorben sei, und sich in ihr Schicksal, dem es ja an
äußerem Glanz nicht fehlte, nach und nach ergeben.

Ein günstiger Umstand fügte es, daß mein alter Diener unerwartet schnell
die Waren sehr vorteilhaft eintauschte oder verkaufte, so daß ich schon
nach wenigen Tagen in früher Morgenstunde mit meiner Karawane Kosambi
verlassen konnte.

Als ich nun durch das westliche Stadttor hinausgekommen war, wandte ich
mich um und warf einen letzten Blick auf die Stadt, in deren Mauern ich
so Unvergeßliches an Freude und Leid erlebt hatte. Vor einigen Tagen,
als ich eingezogen, war ich dermaßen von ungeduldiger Erwartung erfaßt
gewesen, daß ich für nichts in der Nähe ein Auge gehabt hatte. So wurde
ich denn jetzt zum ersten Male gewahr, daß nicht nur die Zinnen des
Tores, sondern auch der Mauerrand zu beiden Seiten mit aufgespießten
Menschenköpfen schrecklich geschmückt war?

Kein Zweifel--es waren die Köpfe der hingerichteten Räuber aus der Bande
Angulimalas!

Zum ersten Male, seitdem ich Vasitthis Gesicht unter dem Baldachin
gesehen, erfüllte mich jetzt ein anderes Gefühl als das der Trauer,
indem ich mit unaussprechlichem Schauder diese Köpfe betrachtete, von
denen die Geier längst nur das Knochengerüst übrig gelassen hatten und
höchstens noch die Zöpfe oder hier und dort einen Bart, dessen
Urwüchsigkeit sein Gebiet geschützt hatte. So wären sie alle unerkennbar
gewesen, wenn nicht einer durch den wilden, roten Bart, ein anderer
durch die nach der Art der asketischen Flechtenträger am Scheitel
aufgewundenen Zöpfe sich verraten hätte. Diese beiden und zweifelsohne
auch viele der anderen hatten mir oft in der nächtlichen Runde
kameradschaftlich zugenickt, und ich erinnerte mich mit entsetzlicher
Anschaulichkeit, wie dieser rote Bart, im Mondesstrahle sprühend, bei
jenem Vortrage über die Stupidität der Nachtwächter vor Lustigkeit
gewackelt hatte, ja fast vermeinte ich aus dem lippenlosen Munde noch
das dröhnende Gelächter zu hören.

Aber auf der mittleren Torzinne erglänzte, etwas über die anderen
erhoben, ein mächtiger Schädel im Strahle der aufgehenden Sonne und zog
gebieterisch meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wie sollte ich diese
Formen nicht wiedererkennen? Der war's, der uns damals zum Lachen
gebracht hatte, ohne selbst eine Miene seines Brahmanengesichtes zu
verziehen. Vajaçravas' Kopf dominierte hier, während der Angulimalas
zweifelsohne über dem östlichen Stadttor aufgesteckt war. Und ein
sonderbares Gefühl beschlich mich bei dem Gedanken, wie gründlich er
einst die verschiedenen Arten von Todesstrafen expliziert hatte--das
Vierteilen, das Zerreißen durch Hunde, die Pfählung, die
Enthauptung--und wie sorgfältig er dadurch begründen wollte, daß der
Räuber sich nicht fangen lassen dürfe; wenn er aber schon einmal
gefangen sei, versuchen müsse, durch alle Mittel zu entfliehen. Ach! Was
hatte ihm seine Wissenschaft geholfen? So wenig vermag der Mensch seinem
Schicksal zu entgehen, das ja nur die Frucht unserer Taten ist--sei es
in diesem, sei es in einem vorhergehenden Leben!

Und mir war es, als ob er durch seine leeren Augenhöhlen mich gar ernst
betrachtete und sein halb geöffneter Mund mir zuriefe: "... Kamanita,
Kamanita! betrachte mich genau, achte wohl auf diesen Anblick! Auch du,
mein Sohn, bist unter einem Räubergestirn geboren, auch du wirst die
nächtigen Pfade Kalis betreten, und ebenso wie ich hier, wirst auch du
einmal irgendwo enden."

Aber seltsam genug: diese Phantasie, die so lebhaft wie eine sinnliche
Wahrnehmung war, erfüllte mich nicht mit Schrecken und Schaudern. Meine
vermeintlich vorgeschriebene Räuberlaufbahn, der ich noch nie einen
ernsten Gedanken geschenkt hatte, stand plötzlich nicht nur in ernstem,
sondern sogar in verlockendem Lichte vor mir.

Räuberhäuptling!--Was konnte mir Elenden erwünschter sein? Denn daran
zweifelte ich keinen Augenblick, daß ich mit meinen vielen Fähigkeiten
und Kenntnissen, und besonders mit denen, die ich dem Unterricht des
ehrwürdigen Vajaçravas verdankte, eine leitende Stellung einnehmen
würde. Und welche Stellung käme denn für mich der eines Räuberhäuptlings
gleich? War doch selbst die eines Königs dagegen gering zu schätzen.
Denn konnte die mir Rache an Satagira verschaffen? Konnte die Vasitthi
in meine Arme führen? Ich sah mich selbst mitten im Walde im Kampfe mit
Satagira, dem ich mit einem wuchtigen Schwerthieb den Schädel spaltete;
und wieder sah ich mich, wie ich die ohnmächtige Vasitthi in meinen
Armen aus dem brennenden, von Räuberstimmen widerhallenden Palast
entführte.

Zum ersten Maie seit jenem jammervollen Anblick schlug mein Herz wieder
mutig und hoffnungsvoll einer Zukunft entgegen; zum ersten Male wünschte
ich mir nicht den Tod, sondern das Leben.

Von solchen Bildern erfüllt war ich kaum tausend Schritte weiter
gezogen, als ich vor mir auf dem Wege eine von der entgegengesetzten
Seite kommende Karawane halten sah, während der Führer an einem kleinen
Hügel unmittelbar an der Landstraße offenbar ein Opfer darbrachte.

Ich ging auf ihn zu, grüßte ihn höflich und fragte ihn, welche Gottheit
er hier verehrte.

"In diesem Grabe," antwortete er, "ruht der heilige Vajaçravas, dessen
Schutze ich es verdanke, daß ich, durch eine gefährliche Gegend ziehend,
heil und unversehrt an Leib und Gut nach Hause komme. Und ich rate dir
sehr, es ja nicht zu versäumen, hier ein passendes Opfer darzubringen.
Denn wenn du auch beim Einziehen in das waldige Gebiet hundert Waldhüter
mietetest, so würden die dir keine so gute Hilfe gegen Räuber sein, wie
es der Schutz dieses Heiligen ist."

"Mein lieber Mann!" entgegnete ich, "dieser Grabhügel scheint nur wenige
Monate alt zu sein, und wenn in ihm ein Vajaçravas begraben liegt, so
wird das gewiß kein Heiliger sein, sondern der Räuber dieses Namens."

Der Kaufmann aber nickte ruhig zustimmend.

"Der nämliche--gewiß.... Ich sah, wie er an dieser Stelle gepfählt
wurde. Und sein Kopf steckt noch über dem Tor. Nachdem er aber so die
vom Fürsten verhängte Strafe erlitten hat, ist er, dadurch von seinen
Sünden geläutert, fleckenlos in den Himmel eingegangen, und sein Geist
schützt jetzt den Reisenden gegen Räuber. Auch sagt man übrigens, daß er
schon während seines Räuberlebens ein gar gelehrter und fast heiliger
Mann gewesen sei; denn er wußte selbst geheime Teile des Veda
auswendig--wenigstens heißt es so."

"Das verhält sich wirklich so," versetzte ich, "denn ich habe ihn sehr
gut gekannt und darf mich sogar seinen Freund nennen."

Als der Kaufmann mich bei diesen Worten etwas erschrocken ansah, fuhr
ich fort:

"Du mußt nämlich wissen, daß ich einst bei dieser Bande in
Gefangenschaft geraten war, und daß Vajaçravas mir bei dieser
Gelegenheit zweimal das Leben gerettet hat."

Der Blick des Kaufmanns ging vom Schrecken zu bewunderndem Neid über:

"Nun, dann kannst du dich wahrlich glücklich preisen. Stünde ich so bei
ihm in Gunst, dann würde ich in wenigen Jahren der reichste Mann in
Kosambi sein. Und nun, eine glückliche Reise, Beneidenswerter!"

Damit ließ er seine Karawane sich wieder in Bewegung setzen.

Ich versäumte selbstverständlich nicht, am Grabe meines berühmten und
verehrten Freundes eine Totenspende niederzulegen, mein Gebet ging aber,
allen anderen hier abgehaltenen entgegen, darauf hinaus, daß er mich
geradeswegs in die Arme der nächsten Räuberbande leiten sollte, der ich
mich dann mit seiner Hilfe anschließen wollte und deren Führung, woran
ich nicht zweifelte, bald von selber in meine Hände übergehen würde.

Es sollte sich aber deutlich zeigen, daß mein gelehrter und nunmehr
durch Volksmund heilig gesprochener Freund sich geirrt hatte, als er
annahm, eine Räuberkonstellation habe über meiner Geburt geleuchtet.
Denn auf dem ganzen Weg nach Ujjeni trafen wir keine Spur von Räubern,
und doch wurde, kaum eine Woche nachdem wir einen großen Wald hart an
der Grenze Avantis gekreuzt hatten, eine Karawane, der wir begegnet
waren, in eben diesem Walde von Räubern überfallen.

Es ist mir eine Quelle sonderbarer Betrachtungen gewesen, daß es
anscheinend auf einem reinen Zufall beruhte, wenn ich im bürgerlichen
Leben blieb, anstatt, wie mein Herz brennend begehrte, in das
Räuberleben einzutreten. Freilich mag wohl von den nächtigen Pfaden
Kalis auch einer auf den Weg der Pilgerschaft ausmünden, wie ja auch von
den vom Herzen ausgehenden, mit fünffarbigem Safte erfüllten
hundertundein Adern eine einzige nach dem Kopfe führt und diejenige ist,
durch welche beim Tode die Seele den Körper verläßt. So könnte ich ja
auch in dem Falle, daß ich Räuber geworden wäre, noch immer jetzt ein
Pilger sein und mich auf dem Wege nach dem Ziele der Erlösung befinden.
Wenn aber Einer die Erlösung erlangt, dann werden seine Werke, böse wie
gute, zu nichts, durch die Glut des Wissens gleichsam zur Asche
verbrannt.

Auch muß ich sagen, daß jene Zwischenzeit, im Räuberleben oder im
bürgerlichen verbracht, vielleicht hinsichtlich der moralischen Früchte
nicht so verschieden ausgefallen wäre, wie es dir, o Bruder, wohl
scheinen mag. Denn ich habe, während ich unter den Räubern lebte, wohl
bemerkt, daß es auch unter ihnen sehr verschiedenartige Leute gibt, und
zwar einige mit sehr vortrefflichen Eigenschaften, und daß, wenn man von
gewissen Äußerlichkeiten absieht, der Unterschied zwischen Räubern und
ehrlichen Leuten nicht ganz so ungeheuer ist, wie die letzteren es sich
gern vorstellen. Und andererseits habe ich in der reifen Periode meines
Lebens, in die ich nunmehr eintrat, nicht umhin können zu bemerken, daß
die ehrlichen Leute den Dieben und Räubern in das Handwerk pfuschen,
einige gelegentlich und gleichsam improvisierend, andere beständig und
mit großer und für sie sehr bekömmlicher Meisterschaft, so daß durch
gegenseitige Annäherung sogar nicht wenig Berührung zwischen beiden
Gruppen stattfindet.

Weshalb ich denn auch nicht weiß, ob ich durch das günstige Schicksal,
das mich von den nächtigen Pfaden der schädelhalsbandschüttelnden
Tänzerin fernhielt, eigentlich so sehr viel gewonnen habe."--

Nach dieser tiefsinnigen Betrachtung schwieg der Pilger Kamanita und
richtete in Sinnen versunken seinen Blick nach dem Vollmond, der groß
und glühend draußen über dem fernen Wald--dem Aufenthalt der
Räuber--aufstieg und sein Licht gerade in die offene Halle des Hafners
hereinströmen ließ, wo es den gelben Mantel des Erhabenen in lauteres
Gold zu verwandeln schien, wie die Bekleidung eines Götterbildes.

Der Erhabene, auf den der Pilger, vom Glanze angezogen und dennoch ohne
zu ahnen, wen er sah, unwillkürlich seinen Blick richtete, gab durch ein
langsames Kopfnicken seine Teilnahme zu erkennen und sagte:

"Noch seh' ich dich, Pilger, vielmehr der Häuslichkeit als der
Hauslosigkeit zuschreiten, obwohl der Weg in die letztere sich dir
wahrlich deutlich genug eröffnet hatte."

"So ist es, Ehrwürdiger! Blöden Auges sah ich diesen Ausweg nicht,
sondern schritt eben, wie du sagtest, der Häuslichkeit zu."

Und nach einem tiefen Seufzer fuhr der Pilger mit frischer und heiterer
Stimme in dem Bericht seiner Erlebnisse fort.




XIII. DER LEBEMANN


So lebte ich denn im Elternhause zu Ujjeni.--Diese meine Vaterstadt, o
Fremder, ist ja aber nicht weniger durch ihre Lustbarkeit und rauschende
Lebensfreude als wegen ihrer glänzenden Paläste, und prächtigen Tempel
in ganz Indien berühmt. Ihre breiten Straßen hallen bei Tage vom Wiehern
der Pferde und Trompeten der Elefanten wider, und bei Nacht vom
Lautenspiele der Verliebten und von den Liedern fröhlicher Zecher.

Besonders aber erfreuen sich die Hetären Ujjenis eines außerordentlichen
Rufes. Von den großen Kurtisanen, die in Palästen wohnen, Tempel den
Göttern und öffentliche Gärten dem Volke stiften und in deren
Empfangssälen man Dichter und Künstler, Schauspieler, vornehme Fremde,
ja manchmal sogar Prinzen trifft--bis zu den gewöhnlichen Dirnen herab
sind sie alle von schwellgliedriger Schönheit und unbeschreiblicher
Anmut. Bei den großen Festlichkeiten, bei Aufzügen und Schaustellungen
bilden sie den Hauptschmuck der blumenprangenden, wimpelumflatterten
Straßen. In cochenilleroten Kleidern, duftende Kränze in den Händen, von
Wohlgerüchen umwallt, von Diamanten funkelnd, siehst du sie dann, o
Bruder, auf ihren besonderen Prachttribünen sitzen oder die Straßen
dahinziehen, mit liebevollen Blicken, aufreizenden Gebärden und
lachenden Scherzworten allerwärts die Sinnenglut der Lustverlangenden zu
hellen Flammen schürend.

Vom König verehrt, vom Volke angebetet, von den Dichtern besungen,
heißen sie ja "die bunte Blumenkrone des felsenragenden Ujjeni" und
ziehen uns den Neid der weniger begünstigten Nachbarstädte zu. Öfters
gastieren auch dort die hervorragendsten unserer Schönheiten, ja es
kommt sogar vor, daß eine solche durch eine königliche Verordnung
zurückgerufen werden muß.

Mir, der ich nun meinen lebenverzehrenden Kummer ertränken wollte, wurde
von den Händen dieser fröhlichen Schwesterschaft der goldige Lustkelch
des berauschenden Vergessenheitstrankes willig und reichlich an die
Lippen geführt. Durch meine vielen Fähigkeiten und großen Kenntnisse der
schönen Künste aller Art und nicht weniger aller geselligen Spiele wurde
ich ein gern gesehener Gast der großen Kurtisanen, von denen eine sogar,
deren Gunst mit Geld kaum aufzuwiegen war, sich zuletzt so
leidenschaftlich in mich verliebte, daß sie sich meinetwegen mit einem
Prinzen überwarf. Andererseits wurde ich durch meine völlige
Beherrschung der Gaunersprache leicht vertraut mit den Dirnen der
Gäßchen, deren Gesellschaft ich auf dem Wege derben Lebensgenusses
keineswegs verschmähte, und von denen mehrere mir von Herzen ergeben
waren.

So tauchte ich denn tief in den rauschenden Strudel der Vergnügungen
meiner Vaterstadt, und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche
Redensart in Ujjeni: "Ein Lebemann wie der junge Kamanita."

Nun zeigte es sich aber, daß schlechte Gewohnheiten, ja selbst Laster
manchmal dem Menschen einen Glücksfall bringen, so daß der weltlich
Gesinnte nicht leicht entscheiden kann, ob er am meisten seinen guten
oder seinen schlechten Eigenschaften sein Gedeihen zu verdanken hat.

Jene Vertrautheit mit den niedrigeren Dirnen kam mir nämlich sehr
zustatten. Im Hause meines Vaters wurde ein Einbruch verübt, und
Juwelen, die ihm zum großen Teil zur Schätzung anvertraut waren,
gestohlen, und zwar in einem Betrage, der kaum mehr zu ersetzen war. Ich
war außer mir, denn völliger Ruin drohte uns. Vergebens bot ich alle die
Kenntnisse auf, die ich im Walde mir erworben hatte. Nach der Weise, wie
der unterirdische Gang angelegt war, konnte ich wohl sagen, was für
einer Art von Dieben die Täterschaft zuzuschreiben sei. Aber selbst
dieser so nützliche Wink war zwecklos für die Polizei--die allerdings in
Ujjeni nicht auf ähnlicher Höhe steht wie die Hetärenwirtschaft, was
vielleicht nicht ganz ohne inneren Zusammenhang sein mag. Habe ich doch
in einem sehr gelehrten Vortrag über das Liebesleben der verschiedenen
Stände folgenden Satz gehört: "Die Liebesabenteuer des Polizeimeisters
haben während der nächtlichen Inspizierung stattzufinden und zwar mit
den Stadtdirnen;"--was in Verbindung mit jener Vorlesung Vajaçravas'
"Über die Nützlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei" in jener
Zeit des ängstlichen Wartens mir manches zu denken gab.

Nun scheint es ja aber in dieser unserer sonderbaren Welt so
eingerichtet zu sein, daß die linke Seite für das aufkommen muß, was die
rechte versäumt. Und so geschah es denn auch hier, daß jene üppige Blüte
Ujjenis mir die Frucht trug, welche der, vielleicht wegen dieser
Üppigkeit etwas kümmerlich geratene Dornenhag des Polizeiwesens zu
zeitigen nicht vermochte. Denn die guten Mädchen, als sie mich wegen der
mir und den Meinigen drohenden Not untröstlich sahen, ermittelten die
Täter und zwangen sie, durch Androhung völliger Entziehung ihrer Gunst,
die Beute wieder herauszugeben, so daß wir glimpflich davon kamen, mit
Verlust des Wenigen, das schon verpraßt gewesen, und mit einem
Schrecken, der für mich nicht ohne gute Wirkung blieb.

Durch ihn wurde ich nämlich aus meinem Zeit und Jugendkraft unnütz
vergeudenden Wüstlingsleben aufgerüttelt. Dieses war ohnehin zu einem
Punkt gelangt, wo es mich entweder unter dem Joch der Gewohnheit völlig
knechten und versumpfen lassen, oder aber mich anzuwidern anfangen
mußte. Die letztere Wirkung wurde nun eben durch jenes Erlebnis
gefördert. Ich hatte die Armut mir ins Gesicht starren sehen--die Armut,
der mich jenes Leben wehrlos überliefert hätte, um mich dann treulos mit
allen seinen kostspieligen Freuden zu verlassen. Nun besann ich mich auf
jenes Wort des Kaufmannes am Grabe Vajaçravas: "Wenn ich so hoch in
Gunst bei Vajaçravas stände wie du, dann würde ich in wenigen Jahren der
reichste Mann in Kosambi sein." Und ich beschloß, der reichste Mann in
Ujjeni zu werden, und zu diesem Zwecke mich mit aller Kraft auf den
Karawanenhandel zu verlegen.

Ob nun mein im Jenseits weilender Freund und Meister, Vajaçravas, mir
bei meinen Unternehmungen in eigener Person beistand, wage ich nicht zu
entscheiden, wiewohl ich es manchmal glaubte; sicher aber ist, daß seine
Worte es jetzt nachträglich taten. Denn daß ich durch seine Belehrung
mit allen Gewohnheiten und Gebräuchen der verschiedenen Räuberarten
vertraut, ja selbst in ihre geheimen Regeln eingeweiht war, das setzte
mich jetzt in den Stand, ohne törichte Waghalsigkeit Unternehmungen
durchzuführen, die ein anderer nimmermehr hätte wagen dürfen. Gerade
solche aber suchte ich mir jetzt aus und gab mich mit gewöhnlichen
Reisen gar nicht mehr ab.

Wenn ich nun eine große Karawane nach einer Stadt führte, zu der
monatelang keine andere hatte vordringen können, weil gerade zu der Zeit
starke Räuberbanden die Gegend gleichsam abgesperrt hatten, so fand ich
die Einwohner dermaßen auf meine Waren erpicht, daß ich diese manchmal
mit dem zehnfachen Gewinn absetzen konnte. Aber damit nicht genug: einen
unschätzbaren Vorteil zog ich aus jener Belehrung "über die Kennzeichen
der für Bestechung zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges
nebst Anweisung über die dabei in Frage kommenden Geldbeträge"; und was
ich im Verlauf weniger Jahre durch geschickte Benutzung dieser Winke
gewonnen habe, kommt für sich allein einem mäßigen Vermögen gleich.--

So vergingen denn einige Jahre in gesundem Wechsel zwischen allerlei
Lebensgenüssen meiner freudigen Vaterstadt und gefahrreichen
Geschäftsreisen, die übrigens bei allem Ernst auch nicht die Lust
ausschlossen; denn ich stieg in den fremden Städten immer bei einer
Hetäre ab, an die ich gewöhnlich von einer gemeinsamen Ujjenier Freundin
empfohlen war, und die meine Kaufmannsgeschäfte oft gar schlau für mich
einfädelte.

Eines Tages trat nun mein Vater vormittags in mein Zimmer, als ich
gerade damit beschäftigt war, auf meine Lippen Lackfarbe aufzutragen,
während ich gleichzeitig meinem Diener Anweisungen gab, der im Hofe vor
meinem Fenster mein Lieblingspferd sattelte. Das mußte diesmal mit
besonderer Sorgfalt geschehen, und es sollten durch eine eigenartige
Vorrichtung Kissen angeschnallt werden, denn ich mußte unterwegs eine
Gazellenäugige vor mir im Sattel halten. Ich hatte nämlich mit mehreren
Freunden und Freundinnen einen Besuch in einem öffentlichen Garten
verabredet.

Ich wollte sofort meinem Vater Erfrischungen bringen lassen; er lehnte
es aber ab, und als ich ihm aus meiner goldenen Dose wohlriechende
Mundkügelchen anbot, schlug er auch diese aus und nahm nur etwas Betel.
Ich schloß daraus sofort, nicht ohne einige Beklemmung, daß er wohl
etwas Ernstes vorhaben mochte.

"Ich sehe, daß du dich zu einem Vergnügungsausflug bereit machst, mein
Sohn," sagte er, nachdem er auf dem ihm von mir gebotenen Sitze Platz
genommen hatte; "auch kann ich dies keineswegs tadeln, da du erst
kürzlich von einer anstrengenden Geschäftsreise zurückgekehrt bist. Wo
willst du heute hin, mein Sohn?"

"Ich will, Vater, mit einigen Freunden und Freundinnen nach dem Garten
der hundert Lotusteiche reiten, wo wir uns mit Spielen belustigen
wollen."

"Gut, sehr gut, mein Sohn! Reizend, entzückend ist ja der Aufenthalt im
Garten der hundert Lotusteiche--tiefer Schatten der Bäume und kühlender
Hauch des Wassers laden da zum Verweilen ein. Auch sind artige und
sinnige Spiele zu loben, denn sie beschäftigen Körper und Geist ohne sie
anzustrengen. Ob wohl jetzt noch dieselben Spiele gebräuchlich sind, die
wir in meiner Jugend spielten? Was meinst du, Kamanita, wird wohl heute
dort gespielt werden?"

"Es kommt darauf an, Vater, wer von uns mit seinem Vorschlage
durchdringt. Ich weiß, daß Nimi das Wasserspritzspiel vorschlagen will."

"Das kenne ich nicht," sagte mein Vater.

"Nein, Nimi hat es im Süden gelernt, wo es sehr Mode ist. Man füllt
dabei Bambusrohre mit Wasser und bespritzt sich gegenseitig, und wer am
nassesten wird, hat verloren. Das ist sehr drollig.--Kolliya aber will
den Kadambakampf in Vorschlag bringen."

Mein Vater schüttelte den Kopf:

"Das kenn' ich auch nicht."

"O, das ist jetzt sehr beliebt. Die Spielenden teilen sich in zwei
Parteien, die einander bekämpfen, und dabei dienen eben die Zweige des
Kadambastrauches mit ihren großen, goldigen Blüten als gar prächtige
Schlagwaffen. Durch den Blütenstaub sind die Wunden kenntlich, so daß
die Kampfrichter danach entscheiden können, welche Partei gewonnen hat.
Das Ganze ist recht spannend und hat etwas Zierliches. Ich aber
beabsichtige, das Hochzeitsspiel vorzuschlagen."

"Das ist ein gutes altes Spiel," sagte mein Vater mit einem auffallenden
Schmunzeln, "und es freut mich recht, daß du dafür eintreten willst,
denn das zeugt von deiner Gesinnung. Vom Spiel zum Ernst ist der Schritt
nicht gar zu groß."

Dabei schmunzelte er wieder selbstgefällig, und mir wurde recht gruselig
zumute.

"Ja, mein Sohn," fuhr er fort, "ich komme dabei gerade auf das, was mich
heute zu dir geführt hat. Du hast bei deinen vielen Kaufmannsreisen
durch Geschicklichkeit und Glück unser Vermögen vervielfacht, so daß das
Gedeihen unserer Geschäfte in Ujjeni sprichwörtlich geworden ist.
Andererseits hast du aber auch in vollen Zügen deine Jugendfreiheit
genossen. Aus dem ersteren folgt, daß du wohl imstande bist, deinen
eigenen Haushalt zu gründen. Aus dem zweiten, daß es jetzt auch für dich
an der Zeit ist, dies zu tun und daran zu denken, den Faden des
Geschlechts weiterzuspinnen. Um dir, meinem lieben Sohn, alles recht
leicht zu machen, habe ich schon im Voraus eine Braut für dich
ausgesucht. Es ist die älteste Tochter unseres Nachbars Sanjaya, des
großen Kaufmannes, die erst kürzlich das heiratsfähige Alter erreicht
hat. Sie stammt also, wie du siehst, aus einer ebenbürtigen, achtbaren
und sehr begüterten Familie und hat großen Verwandtenanhang, sowohl von
väterlicher wie von mütterlicher Seite. Ihr Körper ist makellos; sie hat
Haare von der Schwärze der Biene, ein Gesicht wie der Mond, die Augen
eines Gazellenlammes, eine der Sesamblüte ähnelnde Nase, Zähne wie
Perlen und Bimbalippen, von denen eine Stimme so süß wie die der Kokila
ertönt. Ihr Schenkelpaar ist herzerfreuend wie ein Pisangstamm, und
durch die Fülle der Hüften beschwert, hat ihr Gang die lässige Majestät
des Ilfen. Du wirst also unmöglich etwas gegen sie einwenden können."

Ich hatte in der Tat nichts gegen sie einzuwenden, außer etwa, daß ihre
vielen mir so poetisch angepriesenen Reize mich völlig kalt ließen. Und
ich gestehe, daß von allen Hochzeitszeremonien mir diejenige der drei
Nächte der Enthaltsamkeit, in denen ich der Satzung gemäß mit meiner
jungen Gattin, nichts Scharfgewürztes essend, auf dem Boden schlafend
und das Hausfeuer unterhaltend, die Keuschheit zu bewahren hatte, die am
wenigsten lästige war.

Eine ungeliebte Frau, o Bruder, macht das Heim nicht lieb und das Haus
nicht fesselnd, und so begab ich mich von jetzt ab fast noch williger
als zuvor auf Reisen und kümmerte mich in der Zwischenzeit nur um meine
Geschäfte. Und da ich--um der Wahrheit die Ehre zu geben--bei diesen
nicht gar zu skrupelhaft zu Werke ging, sondern ohne viel Bedenken
meinen Vorteil nahm, wo ich ihn sah, so wuchs mein Reichtum dermaßen,
daß ich mich nach wenigen Jahren dem Ziel meines Ehrgeizes nahe fand und
einer der reichsten Bürger meiner Vaterstadt war.

Nun wollte ich aber auch als Hausherr und Familienvater--denn meine
Gattin hatte mir zwei Töchter geboren--meines Reichtums recht genießen
und besonders auch vor meinen Mitbürgern damit prunken. Ich erwarb mir
deshalb ein großes Grundstück in der Vorstadt, wo ich einen gar
prächtigen Lustgarten anlegte und in seiner Mitte ein geräumiges, mit
marmornen Säulenhallen versehenes Haus errichten ließ. Dies Besitztum
wurde zu den Wundern Ujjenis gerechnet, und selbst der König kam, um es
zu besichtigen.

Hier veranstaltete ich nun märchenhafte Gartenfeste und gab die
üppigsten Gastmähler. Denn ich hatte mich mehr und mehr auf die Freuden
der Tafel geworfen. Die leckersten Speisen, die zur betreffenden
Jahreszeit überhaupt für Geld zu haben waren, mußten auf meinem Tische
sein, selbst zu den täglichen Mahlzeiten. Damals war ich nicht, wie du
mich jetzt siehst, durch lange Wanderungen, durch Waldaufenthalt und
Askese hager und abgezehrt, sondern von blühender Körperfülle; ja ein
Bäuchlein hatte schon angefangen sich zu runden.

Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni: "Man
ißt bei ihm, wie beim Kaufmann Kamanita."




XIV. DER EHEMANN


Eines Morgens ging ich in den Anlagen mit meinem Obergärtner, um zu
erwägen welche neue Verbesserungen anzubringen wären, als mein Vater auf
seinem alten Esel in den Hof ritt. Ich eilte hin, um ihm beim Absteigen
behilflich zu sein, und wollte ihn in den Garten führen, da ich glaubte,
er käme, um dessen Blumenpracht zu genießen. Er zog es aber vor, ins
erste beste Zimmer zu treten, und als ich dem Diener befahl,
Erfrischungen zu bringen, schlug er auch diese aus--er wolle ungestört
mit mir sprechen.

Etwas unheimlich berührt, eine drohende Gefahr witternd, nahm ich neben
ihm auf einem niedrigen Sitze Platz.

"Mein Sohn," fing er nun sehr ernst an, "deine Frau hat dir nur zwei
Töchter geboren, und es ist keine Aussicht, daß sie dir einen Sohn
schenken wird. Nun heißt es ja aber sehr richtig, daß der Mann
erbärmlich stirbt, für den kein Sohn das Totenopfer vollziehen kann. Ich
tadle dich nicht, mein Sohn," fügte er hinzu, als er bemerken mochte,
daß ich etwas unruhig wurde; und obwohl ich nicht wußte, wodurch ich mir
in diesem Handel hätte Tadel verdienen können, dankte ich ihm mit
geziemender Demut für seine Milde und küßte seine Hand.

"Nein, ich muß mich selber tadeln, weil ich bei der Wahl deiner Frau
mich durch weltliche Rücksichten auf Familie und Güter zu sehr habe
blenden lassen und nicht genügend auf die Zeichen achtete. Das Mädchen,
das ich jetzt für dich im Auge habe, ist zwar aus einer wenig
hervorragenden und keineswegs begüterten Familie; auch kann man ihr das,
was der oberflächliche Betrachter 'Schönheit' nennt, nicht nachrühmen.
Dafür aber hat sie einen tief sitzenden und nach rechts gedrehten Nabel;
sowohl Hände wie Füße weisen Lotus-, Krug- und Radmal auf; ihr Haar ist
ganz glatt, nur im Nacken hat sie zwei nach rechts gewundene Locken. Von
einem Mädchen, das solche Zeichen besitzt, sagen ja die Weisen, daß es
fünf Heldensöhne gebären wird."

Ich erklärte mich mit dieser Aussicht vollkommen befriedigt, dankte
meinem Vater für die Güte, mit der er für mich sorgte, und sagte, ich
sei bereit, das Mädchen sofort heimzuführen. Denn ich dachte: wenn es
doch sein muß!...

"Sofort?" rief mein Vater erschrocken aus. "Aber, mein Sohn! Dämpfe dein
Ungestüm! Wir sind ja jetzt im südlichen Laufe der Sonne. Wenn diese
Gottheit in ihren nördlichen Lauf eintritt, und wir dann die
Monatshälfte, in welcher der Mond zunimmt, erreichen, dann wollen wir
einen günstigen Tag zur Handergreifung erwählen--aber eher nicht--eher
nicht, mein Sohn! Was würden uns sonst alle guten Eigenschaften der
Braut nützen?"

Ich bat meinen Vater, unbesorgt zu sein. Ich würde mich so lange
gedulden und mich in allen Punkten von seiner Weisheit leiten lassen;
worauf er meinen Gehorsam lobte, mir seinen Segen erteilte und mir
gestattete, daß ich Erfrischungen kommen ließ.

Endlich nahte der von mir nicht sehr ersehnte Tag, auf den sich alle
glückverheißenden Zeichen vereinten. Die Zeremonien waren diesmal noch
viel umständlicher; ich hatte vorher volle vierzehn Tage gebraucht, um
alle notwendigen Sprüche genau einzustudieren. Welche Angst ich während
der Handergreifung im Hause meines Schwiegervaters ausgestanden habe,
läßt sich mit Worten kaum beschreiben, Ich zitterte fortwährend vor
Furcht, daß ich irgend einen Vers nicht ganz richtig oder genau bei der
Bewegung, zu der er gehörte, hersagen möchte; denn mein Vater hätte mir
das ja nie vergeben. Und darüber hätte ich beinahe die Hauptsache
vergessen, denn anstatt ihren Daumen zu ergreifen, faßte ich nach ihren
vier Fingern, als ob ich wünschte, daß sie mir Töchter gebären
sollte--aber glücklicherweise hatte die Braut Geistesgegenwart genug, um
mir den Daumen in die Hand zu schieben.

Ich war ganz in Schweiß gebadet, als ich endlich zur Abfahrt die Stiere
einspannen konnte, während meine Braut in die Kummetlöcher der Geschirre
je einen Zweig von einem fruchttragenden Baume steckte. Ich sprach aber
den betreffenden Halbvers mit dem Bewußtsein, daß jetzt das Schlimmste
vorüber sei. Die Gefahren waren jedoch keineswegs überstanden.

Zwar erreichten wir mein Haus, ohne daß irgend einer von den vielen
kleinen Unfällen, die bei einer solchen Gelegenheit wie auf der Lauer
liegen, unterwegs sich ereignet hätte. Vor der Tür angekommen, wurde die
Braut von drei Brahmanenfrauen unbescholtenen Wandels, die alle nur
Knaben geboren hatten, und deren Männer noch lebten, vom Wagen gehoben.
So weit ging Alles gut. Nun aber kannst du dir, Bruder, meinen Schrecken
denken, als beim Eintreten ins Haus der Fuß meiner Frau _beinahe_ die
Schwelle berührt hätte. Ich weiß noch heute nicht, woher ich die
Entschlossenheit nahm, sie in meinen Armen hoch empor zu heben und
dadurch zu verhüten, daß eine Berührung wirklich stattfände. Immerhin
war eine solche Unregelmäßigkeit beim Hineingehen schlimm genug, und
dazu kam, daß ich nun selber vergaß, mit dem rechten Fuß zuerst
einzutreten. Glücklicherweise waren Alle, und besonders mein Vater, über
die drohende Berührung der Schwelle dermaßen entsetzt, daß mein
Fehltritt fast gänzlich unbeachtet blieb.

In der Mitte des Hauses nahm ich zur Linken meiner Frau auf einem roten
Stierfell Platz, das mit der Nackenseite nach Osten und mit der
Haarseite nach oben lag. Nun hatte mein Vater nach langem Suchen und mit
unendlicher Mühe ein männliches Wunderkind ausfindig gemacht, das selber
nur Brüder und keine Schwester--auch keine gestorbene--hatte und von
einem Vater stammte, der sich in demselben Fall befand, nur Brüder zu
haben, was sogar auch noch von dessen Vater galt--alles gerichtlich
bescheinigt. Dies Knäblein sollte nun meiner Braut auf den Schoß gesetzt
werden. Schon stand an ihrer Seite die kupferne Schüssel bereit mit den
im Schlamme gewachsenen Lotusblumen, die sie dem Kinde in die
zusammengelegten Hände geben sollte;--da war das Unglücksmenschlein
nirgends zu finden. Erst nachher, als es schon zu spät war, entdeckte
ein Diener, daß der Kleine das Opferbett zwischen den Feuern gar zu
verlockend gefunden und sich in dem weichen Grase gewälzt hatte, bis er
fast gänzlich darin begraben war. Nun mußte natürlich das Opferbett neu
geschichtet und dazu frisches Kugagras geschnitten werden--was schon an
sich verkehrt war, weil ja das Gras bei Sonnenaufgang geschnitten sein
muß.

Diese Krone des ganzen Werkes fahren lassend, mußten wir uns mit einem
in aller Hast herbeigeschafften Knäblein begnügen, dessen Mutter nur
Söhne geboren hatte. Mein Vater war aber über das Mißlingen dieser
Maßregel, auf die er so große Hoffnung gesetzt hatte, dermaßen erregt,
daß ich fürchtete, der Schlag könne plötzlich seinem teuren Leben ein
Ende machen. Freilich wäre er unter keinen Umständen jetzt gestorben, um
nur nicht dadurch den Zeremonien den allerverderblichsten Abbruch zu
tun. Diese tröstliche Betrachtung stellte ich aber damals nicht an.
Während ich von entsetzlicher Furcht gequält wurde, mußte ich die
Wartezeit bis zur Ankunft des Ersatzknaben damit ausfüllen, daß ich
ununterbrochen geeignete Sprüche hersagte, damit ja nicht eine leere
Pause entstände.

In dieser Stunde aber gelobte ich mir fest, daß ich, was auch kommen
möchte, nie wieder heiraten würde.

Nachdem endlich Alles erledigt war, mußte ich mit meiner Gemahlin--die
gar nicht ein solcher Ausbund von Häßlichkeit war, wie ich nach der
Empfehlung meines Vaters erwartet hatte--zwölf Nächte in gänzlicher
Enthaltsamkeit und unter strengem Fasten, auf dem Fußboden schlafend,
zubringen. Diesmal waren es nämlich _zwölf_ Nächte, weil mein Vater
meinte, wir müßten lieber zuviel, denn zuwenig des Guten tun. Dabei
empfand ich nun freilich recht schmerzlich, daß ich während der ganzen
Zeit alle meine gewürzten Lieblingsgerichte entbehren mußte.

Indessen auch diese Probe wurde überstanden, und das Leben ging in dem
alten Geleise weiter--jedoch mit einem sehr wesentlichen Unterschied. Es
sollte sich mir nämlich nun bald zeigen, wie berechtigt meine Scheu vor
dem neuen Heiratsvorschlag meines Vaters gewesen war. Wohl hatte ich
mich sofort damit getröstet, daß man, wenn man _eine_ Frau hatte, auch
zwei haben konnte. Aber, ach! wie hatte ich mich darin getäuscht!

Meine erste Frau hatte immer einen sanftmütigen Charakter gezeigt, der
eher zum Stumpfsinn als zu auffahrender Heftigkeit neigte; und auch
meiner zweiten Frau rühmte man eine echt weibliche Milde nach. So sind
ja auch, o Bruder, das Wasser und das Hausfeuer alle beide gar
wohltätige Dinge; wenn sie aber auf dem Kochherd zusammentreffen, dann
zischt's. Und so hat es denn von jenem Unglückstage an in meinem Hause
gezischt. Aber wie wurde es erst, als meine zweite Frau mir nun wirklich
den ersten jener fünf verheißenen Heldensöhne gebar! Nun beschuldigte
mich meine erste Frau, ich hätte mit ihr keine Söhne haben wollen und
nicht die rechten Opfer gebracht, um so einen Vorwand zu haben, eine
andere zu heiraten; während meine zweite Frau, wenn sie von der ersten
gereizt wurde, es an bitterem Hohn ihr gegenüber nicht fehlen ließ. Auch
herrschte ein fortwährender Rangstreit; meine erste Frau forderte als
solche den Vorrang, während meine zweite als Mutter meines Sohnes
dieselbe Forderung erhob.

Aber bald sollte es noch schlimmer kommen. Eines Tages stürzte meine
zweite Frau ganz zitternd vor Erregung zu mir herein und verlangte, ich
sollte die erste fortschicken, da diese meinen Sohn vergiften wolle--der
Knabe hatte nämlich Leibschneiden bekommen, weil er genascht hatte. Ich
wies sie streng zurecht, kaum aber war ich sie los geworden, als die
erste hereinstürzte und rief, ihre beiden Lämmchen wären ihres Lebens
nicht mehr sicher, solange jenes niederträchtige Weib im Hause
bliebe--ihre Nebenbuhlerin wolle meine Töchterchen aus dem Wege räumen,
damit deren Mitgift nicht das Erbe ihres Sohnes vermindern sollte.

So war denn unter meinem Dach kein Frieden mehr zu finden. Wenn du, o
Bruder, vorhin vielleicht am Gehöfte des reichen Brahmanen unweit von
hier stehen geblieben bist und gehört hast, wie drinnen die beiden
Frauen des Brahmanen keiften, mit lauten, schreienden Stimmen sich
zankten und sich gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen--dann
bist du sozusagen auch an meinem Hause vorübergekommen.

Und es wurde nun leider auch eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni;
"Die beiden vertragen sich wie die Frauen Kamanitas."




XV. DER KAHLE PFAFF


So waren die Verhältnisse in meinem Hausstande, als ich mich eines
Vormittags in dem geräumigen, auf der Schattenseite gelegenen Zimmer
befand, das ich zum Besorgen aller geschäftlichen Angelegenheiten
benutzte, und das deswegen dem Hofe zugekehrt war; denn es war mir
bequem, von dort aus die wirtschaftlichen Vorgänge im Auge behalten zu
können. Vor mir stand ein bewährter Diener, der alle meine Fahrten
während einer Reihe von Jahren mitgemacht hatte, und ich gab ihm genaue
Anweisungen über die Führung einer Karawane nach einem ziemlich
entfernten Orte, sowie über die Art und Weise, wie er dort am besten die
Waren würde absetzen können, welche Produkte er von dort aus
zurückbringen müsse, welche Geschäftsverbindungen er dort anzuknüpfen
habe und was dergleichen mehr war--denn ich wollte ihm die ganze Sache
anvertrauen.

Allerdings war meine Häuslichkeit weniger anheimelnd als je, und man
könnte glauben, daß ich mit Freuden jede Gelegenheit ergriffen hätte, um
in der Fremde umherzuschweifen. Aber ich fing jetzt an, etwas bequem und
verwöhnt zu werden und scheute eine längere Reise, nicht nur wegen der
Strapazen der Fahrt, sondern vor allem wegen der kargen Kost, mit der
man, wenigstens unterwegs, vorlieb nehmen mußte. Ja, wenn man auch an
Ort und Stelle angekommen, das Verlorene nachholen und sich recht
gütlich tun wollte, so erlitt man doch oft Enttäuschungen, und
jedenfalls, so gut wie am eigenen Tische aß ich dort nirgends.

So hatte ich denn angefangen, meine Karawanen unter zuverlässigen
Führern auszusenden, während ich selber zu Hause sitzen blieb.

Als ich nun mitten in meinen sehr umständlichen und gar wohlüberlegten
Anweisungen war, erschallten vom Hofe her die zänkischen Stimmen meiner
beiden Frauen, und zwar ungewöhnlich laut und mit einem Redefluß, der
nicht aufhören zu wollen schien. Ärgerlich über diese lästige Störung
sprang ich schließlich auf, und nachdem ich vergebens durchs Fenster
geblickt hatte, trat ich in den Hof hinaus.

Ich sah meine beiden Frauen am Eingangstor stehen. Aber weit davon
entfernt, sie in gegenseitigem Zank zu finden--wie ich es erwartet
hatte--, traf ich sie zum ersten Male einig, indem sie sich einen
gemeinsamen Gegner ausgesucht hatten, über den sich ihr vereinigter Zorn
ergoß. Dieser Unglückliche war ein wandernder Asket, der an den
Torpfosten gelehnt dastand, und ruhig diesen Strom von Beschimpfungen
über sich ergehen ließ. Was der eigentliche Grund ihres Angriffes war,
habe ich nie erfahren, vermute aber, daß der bei beiden stark
entwickelte mütterliche Instinkt in diesem Entsager einen Verräter gegen
die heilige Sache der menschlichen Vermehrung und einen Feind ihres
Geschlechts gewittert hatte, und daß sie sich so unwillkürlich über ihn
geworfen hatten wie zwei Ichneumons über eine Cobra.

"Pfui über ihn, den kahlen Pfaffen, den schamlosen Bettler!--Sieh
nur, wie er dasteht, mit gebeugten Schultern und gesenktem
Blick--Frömmigkeit, Beschaulichkeit atmet er aus, der Heuchler, der
Gleißner! Nach dem Kochtopf späht er hin, schaut nach und schnüffelt und
schnuppert--wie der Esel, vom Karren losgeschnallt, im Hofe zum
Kehrichthaufen geht und hinspäht, und nachschaut, und schnüffelt und
schnuppert.... Pfui über ihn, den faulen Tagedieb, den schamlosen
Bettler, den kahlen Pfaffen!"

Der Gegenstand dieser und ähnlicher Schmähreden, jener wandernde Asket,
ein Mann von auffallend hohem Wuchse, stand unterdessen immer noch an
den Türpfosten gelehnt, in gelassener Haltung da. Sein Mantel, von der
gelben Farbe der Kanikarablume und dem deinigen nicht unähnlich, fiel in
malerischen Falten über seine linke Schulter bis zu den Füßen hinab und
ließ einen kräftigen Körperbau erraten. Der schlaff herabhängende rechte
Arm war unbedeckt, und ich konnte nicht umhin, das gewaltige Geflecht
der Muskeln zu bewundern, das eher der wohlerworbene Besitz eines
Kriegers als das müßige Erbteil eines Asketen zu sein schien; auch die
tönerne Almosenschale mutete mich in seiner nervigen Hand ebenso
sonderbar und unangemessen an, wie eine eiserne Keule mir dort an
rechter Stelle erschienen wäre. Sein Kopf war geneigt, der Blick zu
Boden gesenkt, keine Miene verzog sich um den Mundwinkel, und so stand
er regungslos da, als ob ein tüchtiger Künstler das Bild eines
wandernden Asketen in Stein gehauen und fein bemalt und bekleidet hätte,
und ich nun dieses Bildwerk an meinem Tor hätte aufstellen lassen--etwa
als Wahrzeichen meiner Freigebigkeit.

Diese seine Ungestörtheit, die ich für Sanftmut hielt, meine beiden
Frauen aber als Verachtung auffaßten, spornte natürlich diese zu immer
größeren Anstrengungen an, und so wäre es wohl schließlich zu
Tätlichkeiten gekommen, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre, meinen
bösen Frauen ihr schändliches Betragen verwiesen und sie ins Haus gejagt
hätte.

Dann trat ich zum Asketen hin, verneigte mich ehrerbietig und sprach:

"Wolle, Ehrwürdigster, dir nicht zu Herzen nehmen, was diese Frauen,
deren Verstand ja kaum zwei Finger breit ist, an Ungebührlichem,
Unziemlichem gesagt haben mögen! Wolle, Ehrwürdigster, nicht deshalb mit
deinem Asketenzorn dies mein Haus vernichtend treffen! Ich will ja,
Ehrwürdigster, selber deine Almosenschale mit dem Besten füllen, was das
Haus vermag--welch ein Glück, daß sie noch leer ist! Ich will sie
füllen, daß kein Bissen mehr hineingeht, und kein Nachbar sich heute
dadurch, daß er dich ernährt, Verdienst erwerben kann. Du bist auch
wahrlich nicht vor die unrechte Schmiede gekommen, Ehrwürdigster, und
ich denke, das Essen wird dir munden, denn es ist sogar eine
sprichwörtliche Redensart hier in Ujjeni: 'Man ißt bei ihm, wie beim
Kaufmann Kamanita'--und der bin ich. Wolle also, Ehrwürdiger, nicht über
das Vorgefallene zürnen und meinem Hause fluchen."

Der Asket aber antwortete darauf, mit nicht eben unfreundlicher Miene:

"Wie könnte ich wohl, o Hausvater, über solche Schimpfereien zürnen, da
es mir doch zusteht, wegen viel gröberer Behandlung sogar dankbar zu
sein. Denn einst, o Hausvater, begab ich mich, zeitig gerüstet, mit
Mantel und Schale versehen, in eine Stadt, um Almosenspeisen zu sammeln.
In dieser Stadt aber hatte Mara, der Teufel, gerade damals die Brahmanen
und Hausväter gegen den Orden der Heiligen aufgehetzt. 'Geht mir mit
euren tugendhaften, edelgearteten Asketen! Beschimpft sie, beleidigt
sie, verjagt sie, verfolgt sie.' Und so geschah es, Hausvater, als ich
nun die Straßen daherging, daß bald ein Stein mir an den Kopf flog, bald
ein Scherben mich im Gesicht traf, bald ein Stock meinen Arm halb
zerquetschte. Als ich nun mit zerschnittenem, von Blut überströmtem
Kopfe, mit zerbrochener Schale und zerrissenem Mantel zum Meister
zurückkam, sagte dieser: 'Dulde nur, Asket, dulde nur! Um welcher Tat
Vergeltung du viele Jahre Höllenqual erlitten hättest, dieser Tat
Vergeltung findest du noch bei Lebzeiten.'

Bei den ersten Lauten seiner Stimme zuckte mir ein jäher Schreck durch
den Leib vom Scheitel bis zur Sohle, und mit jedem Wort durchdrang ein
eisiges Erstarren tiefer mein ganzes Wesen. Denn das war ja, o Bruder,
die Stimme Angulimalas, des Räubers--wie konnte ich daran zweifeln? Und
als mein krampfhafter Blick sich an sein Gesicht heftete, erkannte ich
auch dieses wieder, obschon ihm früher der Bart fast bis an die Augen
gegangen und das Haar ihm tief in die Stirn gewachsen war, während er
jetzt kahl und rasiert vor mir stand. Nur zu gut erkannte ich die Augen
unter den buschigen, zusammengewachsenen Brauen wieder, obwohl sie mir
nicht wie damals Zornesblitze entgegensprühten, sondern mit tiefer
Verstellungskunst mich vielmehr freundlich anblickten; und die sehnigen
Finger, die die Almosenschale umspannten--gewiß waren es dieselben, die
einst wie Teufelskrallen meine Kehle umklammert hatten.

"Wie sollte ich wohl, o Hausvater"--fuhr mein unheimlicher Gast
fort,--"wie sollte ich wohl über Schimpfreden in Zorn geraten? Denn der
Meister hat ja gesagt: 'Wenn auch, ihr Jünger, Räuber und Mörder euch
mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da in
Wut geriete, nicht meine Weisung erfüllen.'"

Als ich aber, o Bruder, diese Worte mit ihrer so teuflisch versteckten
und mir so deutlichen Drohung vernahm, zitterten mir die Beine dermaßen,
daß ich mich an der Wand festhalten mußte, um nicht umzusinken. Nur mit
Mühe vermochte ich mich so weit zusammenzunehmen, daß ich, mehr noch
durch Gebärden als mit einigen hergestammelten Worten, dem als Asketen
verkleideten Räuber bedeuten konnte, er möchte sich gedulden, bis ich
die Speisen beschafft hätte.

Dann eilte ich, so schnell wie meine wackeligen Beine mich tragen
wollten, quer über den Hof in die große Küche, wo gerade das Mittagsmahl
für meine Familie und die ganze Haushaltung zubereitet wurde, und es in
allen Pfannen und Töpfen briet und brodelte. Hier wählte ich nun ebenso
schnell wie sorgfältig das Beste und Schmackhafteste aus. Mit einer
goldenen Kelle bewaffnet und von einer ganzen Schar schüsseltragender
Diener gefolgt, stürzte ich wieder in den Hof, um meinen furchtbaren
Gast zu bedienen und womöglich zu versöhnen.

Angulimala aber war verschwunden.




XVI. KAMPFBEREIT


Halb ohnmächtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine
Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen
war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar.
Wie viele Geschichten hatte ich nicht über seine Unversöhnlichkeit und
Rachsucht gehört! Nun hatte ich ja aber das Unglück gehabt, seinen
besten Freund zu erschlagen, und von meinem Aufenthalt unter den Räubern
wußte ich wohl, daß die Freundschaft bei ihnen nicht weniger gilt als
bei einer ehrsamen Bürgerschaft, wenn nicht sogar weit mehr. Als ich
aber sein Gefangener war, konnte Angulimala mich nicht töten, ohne sich
gegen die Regeln der "Absender" zu versündigen; und trotzdem hätte er es
zweimal beinahe getan und damit einen unauslöschlichen Fleck auf seine
Räuberehre gesetzt. Nun aber hatte er endlich dieses, von dem sonstigen
Gebiete seiner Tätigkeit weit abseits gelegene Land aufsuchen können und
wollte jetzt das Versäumte nachholen. In der Verkleidung eines Asketen
hatte er die Örtlichkeiten bequem in Augenschein nehmen können und ohne
Zweifel wollte er noch in derselben Nacht handeln. Wenn er auch bemerkt
haben mochte, daß ich ihn wieder erkannte, durfte er doch nicht zögern,
denn diese Nacht war die letzte der dunklen Hälfte des Monats, und ein
Unternehmen wie dieses in der lichten Hälfte auszuführen, wäre ein
Verstoß gegen die heiligen Räubergesetze gewesen, der ihm den strafenden
Zorn der schrecklichen Göttin Kali hätte zuziehen müssen.

Sofort ließ ich mein bestes Pferd satteln und ritt in die Stadt nach dem
Palast des Königs. Leicht hätte ich bei ihm Zutritt erhalten, aber zu
meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß er sich gerade in einem seiner
fernen Jagdschlösser aufhielt. Ich mußte mich also damit begnügen, den
Minister aufzusuchen. Dieser war gerade derselbe Mann, der einst jene
Gesandtschaft nach Kosambi geführt hatte und in dessen Obhut, wie du
dich erinnern wirst, ich wohl hin--aber nicht zurückgereist war. Seit
jenem Tage nun, an dem ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen, war er
mir nicht sehr gewogen, was ich bei verschiedenen Begegnungen gespürt
hatte, wie ich denn auch wußte, daß er sich des öfteren über meinen
Lebenswandel aufgehalten hatte. Bei ihm meine Sache vorbringen zu
müssen, war mir nicht gerade angenehm; indessen ihre Berechtigung, ja
sogar Verdienstlichkeit war so augenscheinlich, daß hier, wie mir
schien, für persönliche Ab- oder Zuneigung wenig Spielraum war.

Ich erzählte ihm also so kurz und klar wie möglich, was sich in meinem
Hofe zugetragen hatte, und fügte die fast selbstverständliche Bitte
hinzu, eine Truppenabteilung möge für die Nacht in meinem Haus und
Garten aufgestellt werden, um mein Besitztum gegen den sicher zu
erwartenden Angriff der Räuber zu verteidigen und so viele wie möglich
von diesen gefangenzunehmen.

Der Minister hörte mich schweigend und mit einem unergründlichen Lächeln
an. Dann sagte er:

"Mein guter Kamanita! Ich weiß nicht, ob du heute schon einen recht
kräftigen Frühtrunk zu dir genommen hast, oder noch unter dem Einfluß
einer deiner in Ujjeni sprichwörtlich berühmten nächtlichen Gelage
stehst, oder ob du dir gar überhaupt durch deine ebenfalls
sprichwörtlich berühmten scharf gewürzten Leckereien dermaßen den Magen
verdorben hast, daß du nicht nur bei Nacht, sondern auch am hellen Tag
böse Träume hast. Denn nur als einen solchen kann ich diese hübsche
Geschichte betrachten, zumal wir wissen, daß Angulimala längst nicht
mehr unter den Lebenden weilt."

"Das war aber ein falsches Gerücht, wie wir jetzt sehen," rief ich
ungeduldig.

"_Ich_ sehe das keineswegs," versetzte er in scharfem Ton. "Von falschem
Gerücht kann hier keine Rede sein, denn kurze Zeit nach der Begebenheit
hat Satagira selber mir in Kosambi erzählt, daß Angulimala in den
unterirdischen Gewölben des Ministerpalastes unter den Folterwerkzeugen
gestorben sei, und ich habe noch seinen Kopf über dem östlichen Stadttor
aufgespießt gesehen."

"Ich weiß nicht, wessen Kopf du dort gesehen hast," sagte ich--"das aber
weiß ich genau, daß ich noch vor einer Stunde den Kopf Angulimalas
wohlbehalten auf seinen Schultern gesehen habe, und daß ich so wenig
deinen Spott verdiene, daß du mir vielmehr danken solltest, weil du
durch mich Gelegenheit bekommst--

"Einen toten Mann totzuschlagen und aus mir selbst einen Narren zu
machen," unterbrach mich der Minister--"ich danke!"

"Dann bitte ich wenigstens zu bedenken, daß es sich hier nicht um den
ersten besten Besitz handelt, sondern um ein Haus und um Gartenanlagen,
die zu den Wundern Ujjenis gerechnet werden, und die unser gnädiger
König selber mit großer Bewunderung besichtigt hat. Er wird dir's nicht
danken, wenn Angulimala diese Herrlichkeiten seiner Hauptstadt
einäschert."

"O, das kümmert mich wenig," antwortete dieser Unmensch lachend. "Folge
meinem Rat, gehe nach Hause, beruhige dich durch ein Schläfchen und laß
die Sache dich nicht weiter kümmern. Das Ganze kommt übrigens daher, daß
du dich damals in Kosambi in ein galantes Abenteuer gestürzt hast und
töricht genug warst, meine Worte in den Wind zu schlagen und nicht mit
mir abzureisen. Hättest du das getan, dann wärest du nie in Angulimalas
Hände gefallen und würdest jetzt nicht von einer grundlosen und leeren
Angst geplagt. Auch ist dein monatelanges Zusammenleben mit dem
Räubergesindel für deine Sitten nicht günstig gewesen, wie wir ja alle
hier in Ujjeni gesehen haben."

Er erging sich noch in einigen moralisierenden Gemeinplätzen und entließ
mich dann.

Schon unterwegs überlegte ich mir, was nun, da ich auf mich selber
angewiesen war, zu tun sei. In meinem Hause angekommen, ließ ich sofort
alle beweglichen Schätze, die sich da fanden, vornehmlich solche Dinge
wie kostbare Teppiche, eingelegte Tische und ähnliches in den Hof
bringen und dort auf Karren verladen, um diesen Teil meiner Güter in der
inneren Stadt in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig ließ ich an alle
meine Leute Waffen verteilen--sowohl Karren wie Waffen waren ja
reichlich wegen der beabsichtigten Karawanenfahrt vorhanden. Aber dabei
ließ ich es nicht bewenden. Das Allererste, was ich zu tun hatte, war,
einige vertraute Diener in die Stadt zu schicken, um dort gegen
Versprechen eines ansehnlichen Lohnes mutige und waffentüchtige Kerle
für die Nacht zu werben. Für jeden anderen wäre dies nun freilich ein
gar gefährliches Wagestück gewesen; denn wie leicht konnten solche Leute
im entscheidenden Augenblick mit den Angreifern gemeinsame Sache machen!
Ich vertraute aber gewissen Freundinnen, die meinen Dienern nur
zuverlässige Spitzbuben empfahlen--nämlich solche, die zwar sonst zu
Allem fähig sind, denen aber doch ihr feierlich gegebenes Wort und das
genommene Handgeld heilig sind. Da ich dies Gesindel und seine
sonderbaren Gewohnheiten kannte, wußte ich wohl, was ich tat.

Während dieser Vorbereitungen schickte ich, da ich selber nicht Zeit
hatte, zu meinen Frauen zu gehen, einen Diener zu einer jeden von ihnen
und ließ ihnen sagen, sie müßten sich bereit halten--die erste mit ihren
beiden Töchterchen, die zweite mit ihrem Söhnlein--noch heute nach der
Stadt ins Vaterhaus zu ziehen. Daß es nur für die eine Nacht sein
sollte, ließ ich sie nicht wissen, weil ich wohlweislich bedacht hatte,
wenn sie erst einmal dort wären, könnten sie auch eine Woche oder länger
dort bleiben, und ich würde unterdessen zu Hause einen ungeahnten
Frieden genießen--vorausgesetzt natürlich, daß es mir gelänge, den
Angriff abzuschlagen. Ebensowenig ließ ich sie den Grund zu dieser
Maßregel erfahren, weil man ja überhaupt Weibern gegenüber sich nicht
auf Gründe berufen soll.

Ich war nun gerade im Begriff, meiner bewaffneten Dienerschaft eine
anfeuernde Rede zu halten, wie ich das bei gefahrdrohenden Gelegenheiten
während einer Karawanenreise immer und mit großem Erfolg getan hatte. Da
stürzten gleichzeitig, wie auf Verabredung, aus zwei verschiedenen Türen
meine beiden Frauen in den Hof, mit verstörten Mienen und lautem
Schreien, so daß Alle sich nach ihnen umsahen, und ich meine kaum
angefangene Rede unterbrechen mußte. Die erste schleppte die beiden
Töchterlein, die zweite mein Söhnchen mit sich.

Vor mir angelangt, zeigte die eine auf die andere und beide schrien:

"So ist es denn endlich diesem schlechten Weib gelungen, dein Herz gegen
mich zu wenden, daß du mich verstoßen willst, und mir, deiner getreuen
Ehefrau, die Schande antust, mich ins Vaterhaus zurückzuschicken mit
deinen unschuldigen Töchterlein--(mit deinem armen Söhnlein)--."

Die überschäumende Wut, unterstützt von ihrem angeborenen kurzen
Verstande, verursachte, daß keine von ihnen merkte, wie die andere _sie_
genau derselben Sache beschuldigte, die sie selbst dieser zur Last
legte, und sich genau über das gleiche Schicksal beklagte, das sie
selbst als das ihrige beweinte, und daß also jedenfalls ein Irrtum
vorliegen mußte. Aber weit entfernt davon, so etwas zu ahnen, schrien
und heulten sie immer weiter, wobei sie sich die Haare rauften und ihre
Brüste mit den Fäusten schlugen, bis sie dann, wie zur Erholung, sich
gegen die vermeintliche siegreiche Gegnerin in Schimpfreden ergingen,
die an Grobheit Alles, was ich je in der Gesellschaft übelberufener
Weiber gehört hatte, weit übertrafen.

Endlich gelang es mir doch, zu Wort zu kommen und ihnen, wenn auch mit
großer Mühe, klar zu machen, daß sie meine Diener gänzlich mißverstanden
hätten, daß keine von ihnen zu ihren eigenen Eltern zurückgeschickt
werden sollte, sondern daß sie beide in das Haus meiner Eltern gebracht
würden, und zwar nicht zur Strafe oder als Zeichen meiner Ungnade,
sondern lediglich um ihrer und der Kinder Sicherheit willen. Als ich nun
aber sah, daß sie dies vollkommen begriffen hatten, ließ ich mich
hinreißen und rief:

"Das habt ihr von eurer Unart, nun lernet endlich euch anständig zu
betragen! Da habt ihr euren "kahlen Pfaffen"! Wer, glaubt ihr wohl, daß
das war? _Angulimala_ war es, der Räuber, der Schreckliche, der die
Menschen tötet und sich ihre Daumen um den Hals hängt! _Den_ habt ihr
beschimpft, _den_ habt ihr gereizt! Ein Wunder, daß er euch nicht mit
der Almosenschale totgeschlagen hat. Wir anderen, wenn jemand von uns in
seine Hände fällt, wir werden es ausbaden müssen, und wer weiß, ob ihr
noch im Hause meines Vaters vor ihm sicher seid."

Als meinen Frauen der Sinn dieser Rede völlig aufging, fingen sie
alsbald an zu schreien, als ob sie schon die Messerschneide an der Kehle
spürten, und wollten mit den Kindern zum Tor hinausstürzen. Ich ließ sie
jedoch zurückhalten und setzte ihnen umständlich auseinander, daß
vorläufig noch gar keine Gefahr zu befürchten sei, da Angulimala, wie
ich wohl wußte, uns auf keinen Fall vor Mitternacht angreifen würde.
Dann hieß ich sie in die Wohnung zurückkehren und Alles zusammenpacken,
was sie und die Kinder während der Zeit, die sie, der Räubergefahr
wegen, in der Stadt bleiben mußten, nötig haben könnten. Das taten sie
denn auch sofort.

Dabei hatte ich nun allerdings die Wirkung nicht bedacht, die meine
Worte auf meine Leute haben könnten. Und diese erwies sich bald als
wenig günstig. Denn als sie erfuhren, daß es der schreckliche, für tot
gehaltene Angulimala war, der mein Haus ausgekundschaftet hatte und es
sicher in der Nacht angreifen wollte, schlich erst der eine und andere
still davon, dann aber warfen sie zu Dutzenden die Waffen von sich und
erklärten, mit einem solchen Teufel nicht anbinden zu wollen: das könne
man keineswegs von ihnen verlangen. Auch die in der Stadt Angeworbenen,
von denen gerade jetzt die ersten ankamen und hörten, wie die Dinge
standen, meinten, so hätten sie nicht gewettet und zogen wieder ab. Nur
etwa zwanzig meiner eigenen Leute, an ihrer Spitze mein braver
Hausmeier, erklärten, sie wollten mich nicht verlassen, sondern bis zum
letzten Blutstropfen das Haus verteidigen, denn sie sahen wohl, daß ich
entschlossen war, diesen herrlichen Besitz, an dem mein Herz hing, nicht
preiszugeben, sondern, wenn es sein müßte, mit ihm unterzugehen.

Mehrere entschlossene Kerle aus der Stadt, die die Aussicht auf einen
tüchtigen Kampf fast noch mehr als das Geld lockte und die sich nicht
einmal vor dem Namen Angulimala fürchteten, ja sich wohl gar einredeten,
daß sie, nachdem sie sich brav geschlagen und gefangengenommen worden,
der Bande einverleibt werden würden--mehrere solche verzweifelte
Gesellen schlossen sich an, und so gebot ich doch zuletzt über gegen
vierzig wohlbewaffnete und tapfere Männer.

Unterdessen war es fast Abend geworden, und der Wagen für meine Frauen
fuhr vor. Diese kamen mit den Kindern einigermaßen beruhigt heraus; aber
ein neues Geheul erhob sich sofort, als sie merkten, daß ich nicht
mitfahren wollte, ja überhaupt nicht beabsichtigte, das Haus zu
verlassen. Sie warfen sich auf die Knie, ergriffen mein Gewand und
beschworen mich unter strömenden Tränen, mich mit ihnen zu retten:
"Unser Gebieter, unser Beschützer, verlaß uns nicht, stürze dich nicht
in den Rachen des Todes!" Ich erklärte ihnen, daß, wenn ich meinen
Posten verließe, dies Haus sicher ein Raub der Flammen und plündernder
Hände werden, und mein Sohn den Hauptteil seines Erbes verlieren würde,
während es jetzt noch vielleicht durch tapferes Ausharren zu retten sei,
da man nicht wisse, ob Angulimala mit großer Stärke angreifen würde.

"Ach, weh uns!" riefen sie, "unser Herr und Beschützer verläßt uns! Und
der schreckliche Angulimala wird ihn umbringen und seine Daumen an der
Halskette tragen! Zu Tode martern wird er unseren Gemahl in seinem
furchtbaren Grimm, und unsere Schuld wird es sein! Um unserer
Schimpfreden willen muß unser Gatte leiden, und uns wird es deshalb in
der Hölle übel ergehen!"

Ich versuchte sie zu beruhigen so gut es ging, und als sie sahen, daß
ich unerschütterlich war, mußten sie sich dazu bequemen, den Wagen zu
besteigen. Kaum aber hatten sie ihre Plätze eingenommen, so fingen sie
an sich mit gegenseitigen Beschuldigungen anzufeinden.

"Du warst's, die anfing."--"Nein, du--du hast mich auf ihn aufmerksam
gemacht, wie er dort am Torpfosten stand. Jawohl--gerade dort, du
zeigtest mit Fingern auf ihn."

"Und du hast nach ihm ausgespuckt--roten Speichel--_ich_ hatte noch
keinen Betel gekaut, das tu ich morgens nie."--"Aber du nanntest ihn
einen Landstreicher, einen faulen Bettler."--"Und du einen kahlen
Pfaffen...."

Und so ging's weiter; aber das Knarren der Räder, als die Ochsen jetzt
anzogen, übertäubte ihre Stimmen,




XVII. IN DIE HEIMATLOSIGKEIT


Welch ungekannte Stille umfing mich jetzt, o Bruder, als ich, nachdem
ich den Leuten ihre Posten angewiesen hatte, wieder ins Haus trat! Daß
ich die Stimmen meiner Frauen nicht hörte--das war es nicht allein,
sondern daß ich diese Stimmen sich zum Torweg hinaus hatte entfernen
hören, daß keine Möglichkeit da war, aus irgend welchen Ecken plötzlich
die keifenden Stimmen zu vernehmen, bis sie, gegenseitig sich steigernd,
sich schließlich zu einem mißtönigen Zankduett vereinigten oder vielmehr
entzweiten:--das war es, was meinem Hause eine für mich fast
unbegreifliche und unsagbar wohltuende Ruhe verlieh.

So erschien mir nun mein von weiten Parkanlagen umfriedeter Palast
herrlicher denn je, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß diese
Herrlichkeit in wenigen Stunden durch verruchte Räuberhände vernichtet
werden sollte. Weit weniger kümmerte mich die Angst um mein eigenes
Leben, als die beständige, lebhafte Vorstellung, wie diese
wohlgepflegten Baumgänge verwüstet, diese kunstfertig ausgehauenen
Marmorsäulen gestürzt werden würden, und daß all dies, dessen
Herrichtung mir so viele Überlegung und so langwierige Mühe gekostet,
dessen Vollendung mir so große Freude gemacht hatte, ein Trümmerhaufen
sein würde, wenn die Sonne wieder aufging. Denn nur zu gut kannte ich ja
die Spuren Angulimalas.

Indessen war nun für mich nichts anderes mehr zu tun als zu warten; und
bis zur Mitternacht blieben noch mehrere Stunden.

Nun hatte ich aber stets in einer immerfort rollenden Kette von
Vergnügungen und Geschäften gelebt, so daß ich nie zur Besinnung kam;
und wie ich hier, ohne irgend etwas zu tun zu haben, allein in einem
nach der Säulenhalle und dem Garten sich öffnenden Zimmer, mitten im
totenstillen Palast, dasaß, erlebte ich gewissermaßen seit meiner
frühesten Jugend die ersten Stunden, die gänzlich mir selbst gehörten.
Da fingen nun auch meine freigelassenen Gedanken an, sich zum erstenmal
auf mich selber zu richten; und mein ganzes Leben zog an mir vorüber.
Und indem ich es so gleichsam als ein Fremder betrachtete, konnte ich
keinerlei Gefallen daran finden.

Diese Betrachtungen unterbrach ich ein paarmal, um einen Gang durch
Haus, Hof und Garten zu machen und mich so zu vergewissern, daß die
Leute wachten. Als ich zum dritten- oder viertenmal zwischen die Säulen
hinaustrat, bemerkte mein durch so viele Karawanenfahrten geübtes Auge
am Stande der Sternbilder, daß es nur noch eine halbe Stunde bis
Mitternacht war. Ich machte eilig die Runde und ermahnte meine Leute zur
äußersten Wachsamkeit. Ich selbst fühlte mein Blut in allen Adern
hämmern, und die Kehle wollte sich vor angstvoller Spannung
zusammenschnüren. Nach dem Zimmer zurückgekehrt, setzte ich mich nieder
wie zuvor. Aber kein Gedanke wollte sich regen; ich spürte einen starken
Druck vor der Brust, und bald war es mir, als ob ich ersticken müßte.

Ich sprang auf und trat, um Luft zu schöpfen, zwischen die Säulen
hinaus. Ein weichfächelnder Hauch strich mir plötzlich über die Wange
und gleich danach ertönte das Geschrei einer Eule; in demselben
Augenblick wehte mir von den Gartenteichen ein starker Duft von
Nachtlotusblüten entgegen. Ich hatte den Blick erhoben, um wiederum nach
den Sternen die Zeit zu bemessen: da sah ich quer über dem tiefblauen
Ausschnitt des Himmels zwischen den schwarzen Baumwipfeln den mild
leuchtenden Streifen der Milchstraße.

"Die himmlische Ganga," murmelte ich unwillkürlich. Da war es auf
einmal, als ob jener Druck vor der Brust sich auflöste und in einer
warmen Welle emporstiege, um sich schließlich in einem heißen
Tränenstrom durch die Augen zu ergießen.

Wohl hatte ich vorher, als mein Leben an meinem inneren Blicke
vorüberzog, auch an Vasitthi und an die Zeit meiner Liebe gedacht--aber
wie an etwas Fernes und Fremdes, das mir fast wie ein törichter Traum
erschien. Jetzt aber _dachte_ ich nicht mehr daran, sondern erlebte es
wieder; ich war auf einmal ich selber von damals und ich selber von
jetzt, und mit wahrem Entsetzen wurde ich den ganzen Unterschied inne.
Damals besaß ich nichts außer mir selbst und meiner Liebe; wie wären die
zu trennen gewesen? _Jetzt_--o, was besaß ich jetzt nicht alles! Frauen
und Kinder, Elefanten, Rosse und Rinder, Zugochsen, Diener und Sklaven,
reich gefüllte Warenhäuser, Gold und Juwelen, einen Lustpark und einen
Palast, um die mich meine Mitbürger beneideten--wo aber war ich selber
geblieben? Wie in einer mißratenen Frucht war der Kern eingetrocknet,
verschwunden, und Alles war zur Schale geworden!...

Wie erwachend sah ich mich um.

Der weitgedehnte Park, der seine schwarzen Baumkronen gegen den
sternenbesäten, von der Milchstraße durchzogenen Nachthimmel erhob, und
die stolze Halle, wo alabasterne Lampen zwischen den Säulen leuchteten:
sie erschienen mir jetzt in einem ganz neuen Licht; feindselig und
drohend umgaben sie mich, wie prächtig schimmernde Vampyre, die schon
fast mein ganzes Herzblut ausgesogen hatten und begierig gähnten, um
sich noch an den letzten Tropfen zu laben und nur den dürren Leichnam
eines verfehlten Menschenlebens übrig zu lassen.

Ein ferner undeutlicher Lärm--Murmeln oder Tritte, wie mir
schien--schreckte mich auf. Das entblößte Schwert in der Hand, sprang
ich ein paar Stufen hinunter, und blieb dann stehen, um zu lauschen. Die
Räuber!--Doch nein! Alles war still, Alles blieb still; weit und breit
rührte sich nichts. Es war nur einer jener unergründlichen Laute der
Nachtstille, die mich so oft am Wachtfeuer der Karawane hatten
aufspringen lassen.--Draußen war nichts! Aber was war das in _mir_? Das
war nicht mehr Angst, was mir jetzt das Blut in den Schläfen pochen
ließ; und auch der Mut der Verzweiflung war es nicht; nein, das war
frohlockender Jubel:

"Willkommen, ihr Räuber! Nur her, Angulimala! Verwüstet, äschert ein!
Das sind ja meine Todfeinde, die ihr vernichtet! Was mich erdrücken
würde, nehmt ihr von mir! Her zu mir! Die Schwerter in mein Blut
getaucht! Das ist ja mein ärgster Feind, den ihr durchbohrt, dieser
Leib, der der Wollust ergebene, der Völlerei verfallene! Das ist ja mein
schlimmster Besitz, dies Leben, das ihr mir nehmt.--Willkommen, Räuber,
gute Freunde, alte Kameraden!"

Es konnte ja nicht lange dauern; Mitternacht war vorüber. Und wie freute
ich mich jetzt auf den Kampf! Angulimala würde mich suchen: ich wollte
doch sehen, ob er mir auch diesmal das Schwert aus der Hand schlagen
könnte! O, wie süß würde das sein, zu sterben, nachdem ich ihn
durchbohrt--ihn, der allein die Schuld an meinem ganzen Unglück trug.

"Es kann nicht mehr lange dauern"--wie oft mag ich mir in jenen
Nachtstunden diesen Trost wiederholt haben!

Jetzt--endlich! Nein, es war ein Rauschen der Baumwipfel, das in der
Ferne dahinstarb, um sich wieder zu erheben. Es klang als ob ein großes
zottiges Tier sich schüttelte. Immer wieder geschah es, und einmal
ertönte der kurze Schrei irgend eines Vogels.

Waren das nicht Zeichen des herannahenden Tages?

Mir wurde kalt vor Schrecken. War es möglich, daß ich enttäuscht werden
sollte? Ja, ich zitterte jetzt bei dem Gedanken, daß die Räuber
schließlich _nicht_ kämen. Wie greifbar nahe war mir das Ende
erschienen--ein kurzer, aufregender Kampf und dann der Tod, kaum
gespürt. Nichts schien mir nun so trostlos, als die gemeine Aussicht, am
Morgen hier angetroffen zu werden, in der alten Umgebung, selbst wieder
der alte und dem alten Leben verschrieben. Sollte das wirklich
geschehen?--Kämen sie nicht, die Befreier! Es mußte sicher die höchste
Zeit sein--ich wagte nicht einmal nachzuforschen. Aber wie war das
möglich? War ich am Ende doch das Opfer einer Sinnestäuschung geworden,
als ich in jenem Asketen Angulimala erkannte? Wieder und wieder warf ich
diese Frage auf, jedoch ich konnte das nicht glauben. Dann aber mußte er
ja noch kommen--ohne Zweck hatte er sich doch gewiß nicht in dieser sehr
geschickten Verkleidung bei mir eingefunden, um sofort wieder zu
verschwinden, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Denn ich hatte
Nachforschungen angestellt und wußte, daß er nirgends sonst um
Almosenspeise vorgesprochen hatte.

Das schlaftrunkene Krähen eines jungen Hahnes im nahen Hofe weckte mich
aus meinem Grübeln. Das Sternbild, das ich suchte, konnte ich kaum mehr
finden; einige seiner Sterne waren schon hinter die Baumwipfel gesunken,
und die Gestirne hatten, mit Ausnahme der am höchsten stehenden, ihr
klares Funkeln eingebüßt. Es war kein Zweifel: das Tagesgrauen kündigte
sich schon an, und ein Angriff Angulimalas war völlig ausgeschlossen.

Von allem Wunderlichen, was ich in dieser Nacht erlebte, kam aber jetzt
das Wunderlichste.

Diese Erkenntnis war nämlich von keinem Gefühl der Enttäuschung
begleitet, noch weniger freilich von einer Erleichterung durch das
Verschwinden aller Gefahr. Sondern ein neuer Gedanke war da und erfüllte
mich ganz:

"Was habe ich denn auch diese Räuber nötig?

Ihre Fackeln und Pechkränze wollte ich, um von der Last dieses
prächtigen Besitztums befreit zu werden. Aber es gibt ja Männer, die
freiwillig sich ihres Besitzes entäußern und als Pilger umherziehen. Wie
ein Vogel, wohin er auch fliegt, nur mit seinen Fittichen versehen
fliegt, ebenso ist auch der Pilger mit dem Gewande zufrieden, das seinen
Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Und ich habe
sie ja preisend sagen hören: 'Ein Gefängnis, ein Schmutzwinkel ist die
Häuslichkeit, der freie Himmelsraum ist die Pilgerschaft.'

Und die Schwerter der Räuber rief ich an, um diesen Leib zu töten. Wenn
aber dieser Leib zerfällt, bildet sich ja ein neuer, und aus diesem
Leben geht ein neues als seine Frucht hervor.--Was für eins würde wohl
aber aus dem meinigen hervorgehen? Freilich haben wir ja, Vasitthi und
ich, uns bei jener himmlischen Ganga, deren Silberwellen die Lotusteiche
des westlichen Paradieses speisen, feierlich zugeschworen, uns in jenen
seligen Gefilden zu finden--und mit jenem Schwur hat sich; wie sie
sagte, dort im heiligen, kristallklaren See für jeden von uns eine
Lebensknospe gebildet; durch jeden reinen Gedanken, jede gute Tat müsse
sie wachsen, alles Böse und Nichtswürdige aber werde wie ein Wurm an ihr
nagen. Ach, längst muß ja die meinige zernagt sein! Ich habe ja auf mein
Leben zurück geblickt: nichtswürdig hat es sich gestaltet,
Nichtswürdiges würde aus ihm hervorgehen. Was hätte ich denn durch einen
solchen Tausch gewonnen?

Nun gibt es ja aber Männer, die schon in diesem Leben jede irdische
Wiedergeburt vernichten und die unerschütterliche Gewißheit ewiger
Seligkeit gewinnen. Und das sind eben dieselben Männer, die, Alles
hinter sich lassend, frei umherpilgern.

Was sollen mir also die Brandfackeln der Räuber, was ihre Schwerter?"

Und ich, der ich zuerst vor den Räubern angstvoll gezittert und nachher
mich ungeduldig nach ihnen gesehnt und meine Hoffnung auf sie gesetzt
hatte--ich fürchtete mich weder vor ihnen, noch erhoffte ich von ihnen
irgend etwas; von Furcht und Hoffnung frei, empfand ich eine große Ruhe.
In dieser Ruhe kostete ich aber einen Vorgeschmack der Wonne, die
denjenigen zu eigen ist, die das Ziel der Pilgerschaft erreicht haben;
denn wie ich den Räubern gegenüberstand, so mögen sie wohl allen Mächten
der Welt gegenüberstehen: weder fürchten sie solche, noch hoffen sie
etwas von ihnen, sondern verharren in Frieden.

Und ich, der ich noch vor vierundzwanzig Stunden mich scheute, eine
kurze Reise anzutreten wegen der Strapazen und der kargen Kost des
Karawanenlebens, ich beschloß jetzt, ohne Zagen und Wanken, bis an das
Ende meiner Tage obdachlos zu Fuß zu wandern, mein Leben fristend "so
wie es eben kommt".

Ohne auch nur noch einmal in das Haus zurückzukehren, ging ich
geradenwegs nach einer zwischen Garten und Hof gelegenen Scheune, wo
allerlei Geräte aufbewahrt wurden. Dort nahm ich den Stock eines
Ochsentreibers und schnitt die Spitze ab, um ihn als Wanderstab zu
benutzen, und eine Kürbisflasche, wie die Gärtner und Feldarbeiter sie
bei sich tragen, hängte ich um.

Am Brunnen im Hofe füllte ich die Flasche.

Da trat der Hausmeier an mich heran.

"Angulimala und seine Räuber kommen wohl jetzt nicht mehr, o Herr?"

"Nein, Kolita, sie kommen nicht mehr."

"Aber wie, o Herr? Gehst du schon aus?"

"So ist es, Kolita, ich gehe aus, und eben davon wollte ich mit dir
sprechen. Denn ich gehe jetzt den Weg, den sie den Weg der höchsten
Zugvögel nennen. Von diesem Weg, Kolita, gibt es aber für einen, der auf
ihm ausharrt, keine Rückkehr. Keine Rückkehr nach dem Tode in diese
Welt, wieviel weniger während des Lebens nach diesem Hause. Dies Haus
aber gebe ich in deine Obhut, denn du hast dich treu bewährt bis in den
Tod. Verwalte Haus und Vermögen, bis mein Sohn das Mannesalter erreicht.
Grüße meinen Vater und meine Frauen, und gehab dich wohl!"

Nachdem ich also gesprochen, und meine Hand, die der gute Kolita mit
Küssen und Tränen bedeckte, frei gemacht hatte, schritt ich dem Tore zu.
Und beim Anblick des Pfostens, an dem die Gestalt des Asketen gelehnt
hatte, dachte ich: wenn ihre Ähnlichkeit mit Angulimala nur eine
Erscheinung war, so habe ich nun diese Erscheinung richtig gedeutet.

Schnell, ohne mich umzusehen, durchschritt ich den Vorort mit seinen
Gärten; und vor mir erstreckte sich, wie in die Unendlichkeit
fortlaufend, im ersten Schimmer des Tagesgrauens, die öde Landstraße.

So bin ich, Ehrwürdiger, in die Heimatlosigkeit gegangen.




XVIII. IN DER HALLE DES HAFNERS


Als der Pilger Kamanita mit diesen Worten seine Erzählung zu Ende
geführt hatte, schwieg er und sah sinnend in die Landschaft hinaus.

Und auch der Erhabene schwieg und sah sinnend in die Landschaft hinaus.
Große Bäume waren da sichtbar, nähere und fernere, einige sich in
schattige Massen sammelnd, andere sich duftig in wolkenartige Gebilde
auflösend, um nebelhaft in der Ferne zu zerfließen.

Der Mond stand jetzt über dem Dachvorsprung, und sein Licht drang in den
vorderen Teil der Halle, wo es wie drei auf die Bleiche gebreitete weiße
Tücher auf dem Boden lag, während die linken Seiten der Pfeiler
glänzten, als ob sie mit Silber beschlagen wären.

In der tiefen Stille der Nacht hörte man, wie eine Büffelkuh irgendwo in
der Nähe mit regelmäßigen kurzen Rucken das Gras abrupfte.

Und der Erhabene überlegte bei sich:

"Sollte ich wohl jetzt diesem Pilger sagen, was ich alles von Vasitthi
weiß? Wie treu sie ihm war, wie sie ohne eigene Schuld, durch schnöden
Betrug, dahin gebracht wurde, Satagira zu heiraten? Wie es _ihr_ Werk
war, daß Angulimala in Ujjeni erschien, und daß dadurch auch er,
Kamanita, selber sich auf diesem Pilgerwege befindet, anstatt in
schmutzigem Wohlleben zu verkümmern. Sollte ich ihm offenbaren, auf
welchem Wege sich jetzt Vasitthi befindet?"

Und er entschied sich dahin, daß die Zeit dafür noch nicht gekommen sei,
und daß ein solches Wissen dem Streben des Pilgers nicht förderlich sein
könne.

Da sprach der Erhabene:

"Von Liebem getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist
Leiden. Wurde dies gesagt, so wurde es darum gesagt."

"O wie wahr!" rief Kamanita mit bewegter Stimme--"wie überaus tief und
wahr! Wer hat denn, o Fremder, diesen trefflichen Ausspruch getan?"

"Laß es gut sein, Pilger. Gleichviel, wer ihn getan hat, wenn du nur
seine Wahrheit fühlst und erkennst."

"Wie sollte ich nicht! Enthält er doch in wenigen Worten den ganzen
Jammer meines Lebens. Hätte ich mir nicht schon einen Meister erwählt,
ich würde keinen anderen als den Trefflichen, von dem diese Worte
stammen, aufsuchen."

"So hast du also, o Pilger, einen Meister, zu dessen Lehre du dich
bekennst, in dessen Namen du ausgezogen bist?"

"Zwar bin ich nicht, Ehrwürdiger, in irgend jemandes Namen ausgezogen,
vielmehr dachte ich damals allein das Ziel zu erringen. Und wenn ich
tagsüber in der Nähe eines Dorfes, am Fuße eines Baumes oder im tiefen
Walde rastete, dann lag ich inbrünstig dem tiefsten Denken ob. Und ich
hing, o Ehrwürdiger, Gedanken wie den folgenden nach: 'Was ist die
Seele? Was ist die Welt? Ist die Welt ewig? Ist die Seele ewig? Ist die
Welt zeitlich? Ist die Seele zeitlich? Ist die Welt ewig und die Seele
zeitlich? Ist die Seele ewig und die Welt zeitlich?' Oder: 'Warum hat
der höchste Brahma diese Welt aus sich hervorgehen lassen? Und wenn der
höchste Brahma vollkommen und reine Wonne ist, wie kommt es dann, daß
die von ihm erschaffene Welt unvollkommen und mit Leiden behaftet ist?'

Und indem ich, Ehrwürdiger, solchen Gedanken nachhing, kam ich zu keiner
befriedigenden Lösung. Es erhoben sich vielmehr immer neue Zweifel, und
dem Ziel, um dessen willen edle Söhne für immer das Haus verlassen und
in die Heimatlosigkeit gehen, schien ich mich um keinen Schritt genähert
zu haben."

"Ebenso, o Pilger, wie wenn Einer dem Horizonte nachliefe: 'O, daß ich
doch heute oder morgen den Horizont erreichen könnte!'--ebenso entflieht
das Ziel demjenigen, der solchen Fragen nachgeht"

Kamanita nickte nachdenklich und fuhr dann fort:

"Da geschah es eines Tages, als die Schatten der Bäume schon länger zu
werden begannen, daß ich in der Lichtung eines Waldes auf eine Klause
stieß. Und ich sah da junge, weiß gekleidete Männer, von denen einige
die Kühe molken, während andere Holz spalteten und wieder andere die
Eimer an der Quelle spülten. Auf einer Matte vor der Halle saß ein alter
Brahmane, bei dem diese jungen Leute offenbar die Lieder und Sprüche
lernten. Er begrüßte mich freundlich, und obwohl es, wie er sagte, nur
eine knappe Stunde bis zum nächsten Dorfe sei, bat er mich, ihr Mahl zu
teilen und bei ihnen zu übernachten. Das tat ich denn auch dankbar
genug, und bevor ich mich zum Schlafen hinlegte, hatte ich manche gute
und beherzigenswerte Rede gehört. Als ich nun am folgenden Tage
weitergehen wollte, fragte mich der Brahmane: 'Wer ist dein Meister, o
Pilger, und in wessen Namen bist du ausgezogen?' Und ich antwortete, wie
ich dir geantwortet habe.

Da sagte denn der Brahmane: 'Wie wirst du, o Pilger, jenes hohe Ziel
erreichen, wenn du allein wanderst wie das Nashorn, anstatt wie der
weise Elefant in einer Herde, von einem erfahrenen Führer geleitet?'

Dabei blickte er beim Worte 'Herde' wohlwollend auf die umherstehenden
jungen Leute, beim Worte 'Führer' schien er selbstgefällig in sich
hineinzulächeln.

'Denn,' fuhr er dann fort, 'gar zu hoch ist ja dies für eigenes, tiefes
Denken, und ohne einen Lehrer gibt es hier gar keinen Zugang.
Andererseits aber sagt auch der Veda in der Belehrung Çvetaketus:
"Gleichwie, o Teurer, ein Mann, den sie aus dem Lande der Gandharer mit
verbundenen Augen hergeführt und dann in die Einöde losgelassen haben,
nach Osten oder nach Norden, oder nach Süden verschlagen wird, weil er
mit verbundenen Augen hergeführt und mit verbundenen Augen losgelassen
worden war; aber nachdem ihm jemand die Binde abgenommen und zu ihm
gesprochen: 'Dort hinaus wohnen die Gandharer, dort hinaus gehe,' von
Dorf zu Dorf sich weiterfragend, belehrt und verständig zu den
Gandharern heimgelangt: also auch ist ein Mann, der hienieden einen
Lehrer gefunden hat, sich bewußt: diesem Welttreiben werde ich nur so
lange angehören, bis ich erlöst sein werde, und dann werde ich
heimgehen.'"

Nun merkte ich wohl, daß dieser Brahmane darauf ausging, mich zum
Schüler zu gewinnen. Aber eben diese Begehrlichkeit erweckte bei mir
kein Zutrauen. Gar wohl aber gefiel mir jenes Vedawort, das ich im
Weitergehen mir immer wiederholte, um es zu behalten. Dabei fiel mir ein
Spruch ein, den ich einmal über einen Meister gehört hatte: 'Den
Vollendeten verlangt es nicht nach Jüngern, aber die Jünger verlangt es
nach dem Vollendeten.' Wie muß der, dachte ich mir, ein ganz anderer
Mann sein als dieser Waldbrahmane! Und es verlangte mich, Ehrwürdiger,
nach jenem nicht verlangenden Meister."

"Wer war wohl aber der Meister, den du also hattest preisen hören, und
wie nennt er sich?"

"Es ist, o Bruder, der Asket Gautama, der Sakyersohn, der dem Erbe der
Sakyer entsagt hat. Diesen Meister Gautama aber begrüßt man allenthalben
mit dem frohen Ruhmesruf: 'Das ist der Erhabene, der Heilige, der
Wissens- und Wandelsbewährte, der Meister der Götter und Menschen, der
vollkommen Erwachte, der Buddha.' Um des Erhabenen willen pilgere ich
nun; zu seiner Lehre will ich mich bekennen."

"Wo aber, Pilger, weilt er jetzt, der Erhabene, vollkommen Erwachte?"

"Es liegt, o Bruder, oben im nördlichen Reiche Kosala, eine Stadt, die
Savatthi heißt. Und vor der Stadt ist der Waldpark Jetavana, mit
mächtigen, tiefen Schatten spendenden Bäumen, worunter Menschen
lärmentrückt sitzen und denken können, mit klaren, Kühlung aushauchenden
Teichen, mit smaragdenen Matten, mit zahllosen Blumen in mannigfaltigen
Farben. Diesen Hain aber hat der reiche Kaufmann Anathapindika schon vor
Jahren vom Prinzen Jeta um so viel Gold erstanden, daß damit der ganze
Boden bedeckt werden könnte, und hat ihn dann dem Buddha übergeben. Dort
also in Jetavana, dem lieblichen, Weisenscharen-durchwandelten, hat er,
der Erhabene, der vollkommen Erwachte, gegenwärtig seinen Aufenthalt.
Und im Verlaufe von etwa vier Wochen hoffe ich, wenn ich rüstig
ausschreite, den Abstand von hier nach Savatthi bewältigt zu haben und
zu seinen, des Erhabenen, Füßen zu sitzen."

"Hast du aber, Pilger, ihn, den Erhabenen, schon einmal gesehen, und
würdest du ihn, wenn du ihn sähest, erkennen?"

"Nein, Bruder, ich habe ihn, den Erhabenen, noch nicht gesehen, und sähe
ich ihn, so würde ich ihn nicht erkennen."

Da dachte denn der Erhabene bei sich: "Um meinetwillen pilgert dieser
Pilger, zu meinem Namen bekennt er sich; wie, wenn ich ihm nun die Lehre
darlegte?" Und der Erhabene wandte sich an Kamanita und sprach:

"Der Mond hat sich erst gerade über den Dachvorsprung erhoben, wir sind
noch nicht tief in der Nacht, und langer Schlaf ist dem Geiste nicht
gut. Wohlan, wenn es dir recht ist, will ich als Gegengeschenk für deine
Erzählung dir die Lehre des Buddha darlegen."

"Es ist mir recht, Bruder, und ich bitte dich, es zu tun."

"So höre, Pilger, und achte wohl auf meine Rede."




XIX. DER MEISTER


Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen
Erwachte hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der
Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und
kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt.
Sie ist die Enthüllung, die Offenbarung der vier heiligen Wahrheiten.
Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen Wahrheit
von der Leidensentstehung, der heiligen Wahrheit von der
Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung
führenden Pfad.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt ist
Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden;
Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden; von Liebem
getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; das,
was man begehrt, nicht erlangen, ist Leiden; kurz, die verschiedenen
Formen des Anhangens sind Leiden. Das heißt man, Bruder, die heilige
Wahrheit vom Leiden.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung? Es
ist dieser Durst, der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führende, von
Lust und Leidenschaft begleitete, bald da, bald dort sich ergötzende,
ist der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Das nennt
man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung?
Es ist eben dieses Durstes vollkommene, restlose Vernichtung, das
Verlassen, das Sichlosmachen, die Befreiung, die Erlösung von ihm. Das
nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur
Leidensvernichtung führenden Wege? Dieser heilige, achtfältige Pfad ist
es, der da besteht in rechtem Erkennen, rechtem Entschließen, rechter
Rede, rechtem Handeln, rechtem Wandeln, rechtem Streben, rechtem
Gedenken, rechtem Sichversenken. Das nennt man, Bruder, die heilige
Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege."

Nachdem nun der Meister auf solche Weise die vier Ecksteine errichtet
hatte, ging er daran, das ganze Lehrgebäude aufzuführen, zu einem
wohnlichen Heim für die Gedanken und Gesinnungen seines Schülers; er
erläuterte jeden einzelnen Satz, wie man jeden einzelnen Stein behaut
und glättet, und so wie man Stein auf Stein legt, fügte er Satz zu Satz,
überall sorgfältig grundlegend und Alles genau aneinander passend. Der
Säule des Leidensgedankens zur Seite stellte er die Säule des
Vergänglichkeitsgedankens; beide verbindend und von beiden getragen,
schloß sich aber als Gebälk der schwerwiegende Gedanke von der
Wesenlosigkeit aller Erscheinungen an. Durch solch mächtiges Portal
stieg er, seinen Schüler behutsam führend, Schritt für Schritt die
wohlgefügte Stufenleiter des Grundfolgegesetzes mehrmals auf und ab,
überall befestigend und vervollkommnend.

Und wie ein geschickter Baumeister beim Errichten eines Prachtgebäudes
an passenden Stellen Bildwerke einfügt, und zwar so, daß sie nicht nur
als Schmuck, sondern auch als tragende oder stützende Teile dienen, also
brachte der Erhabene auch manchmal ein gefälliges und sinniges Gleichnis
an, da ja durch ein Gleichnis oft der dunkle Sinn einer tiefgedachten
Rede klar wird.

Schließlich aber faßte er das Ganze zusammen, indem er ihm gleichsam die
deckende, weithin leuchtende Kuppel aufsetzte, und sprach:

"Durch Haften, o Pilger, kommst du zum Entstehen; durch Nichthaften
kommst du nicht zum Entstehen.

Ein Mönch aber, der nirgend anhänglich haftet, dem geht in der
ungetrübten Heiterkeit seines Gleichmutes dieses Schauen auf:
Unerschütterlich ist meine Erlösung, dies ist die letzte Geburt, nicht
gibt es ferner ein neues Sein.

So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten Weisheit
belehnt. Das ist ja, Pilger, die höchste, heilige Weisheit: alles Leiden
versiegt zu wissen. Wer ihrer teilhaftig geworden, der hat eine Freiheit
gefunden, die wahrhaft, unantastbar besteht. Denn das, Pilger, ist ja
falsch, was eitel und vergänglich ist: und das ist wahr, was echt und
unvergänglich' ist: die Wahnerlöschung.

Und er, der von Hause aus der Geburt, dem Altern und dem Tode
unterworfen war, er hat nun, das Unheil dieses Naturgesetzes merkend,
sich die geburtlose, alterslose, todlose Sicherheit errungen; er, der
der Krankheit, dem Schmutze, der Sünde unterworfen war, hat die
unvergängliche, reine, heilige Sicherheit erreicht:

Im Erlösten ist die Erlösung, versiegt ist das Leben, gewirkt das Werk,
nicht mehr ist für mich diese Welt da.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Endiger' genannt, denn er hat dem Leiden
ein Ende gemacht.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Auslöscher' genannt, denn den Wahn von
'Ich' und 'Mein' hat er ausgelöscht.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Ausroder' genannt, denn den Lebenstrieb hat
er mit der Wurzel ausgerodet, so daß kein Leben mehr keimen kann.

Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Götter;
nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und
Götter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles erspähende, sieht ihn
nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der
bösen.

Den Strom des Werdens durchkreuzend, hat er die Insel erreicht, die
einzige, das Jenseits von Alter und Tod--das Nirvana."




XX. DAS UNVERNÜNFTIGE KIND


Nachdem der Erhabene seine Belehrung also b

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