Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
by Gerhard Rohlfs · German · Gutenberg #14142 · 353,186 chars · public domain (US)
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Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
Author: Gerhard Rohlfs
Release date: November 24, 2004 [eBook #14142]
Most recently updated: October 28, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA, BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870 ***
LAND UND VOLK IN AFRIKA
BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.
VON
GERHARD ROHLFS
BREMEN, 1870.
VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG.
U.L. FR. KIRCHHOF 4.
INHALT.
Bemerkungen über die Zukunft Algeriens
Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch
Von Lagos nach Liverpool
Die Stadt Kuka in Bornu
Am Bénuē
Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern
Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen
Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868
Der Aschangi-See in Abessinien
Nach Axum über Hausen und Adua
Damiette
Malta
Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika
Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.
Mursuk in Fessan im Januar 1866.
Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt
hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte
Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr,
viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben
Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès
an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.
Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das
gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem
vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler
und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über
den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie
eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so
anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern
frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk
kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen
desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.
Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand
meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in
Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine
Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt
haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im
Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.
Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält
folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
Si Lalla's bewährt hat:
"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt
haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind
_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach
mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur
im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran
ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie
innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie
vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält
einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so
geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen
verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien
heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes
Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom
Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
Platz machen müssen etc."
Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute
meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und
notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das
Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der
Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere
gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.
Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich
will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern
Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich
französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens,
namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber
zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker,
wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit
undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in
Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_
einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die
sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern,
bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt;
überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker
unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und
Türken Eine Religion.
Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und
sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne
zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen
Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der
Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es
bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die
Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu
verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie
sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den
anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so
ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im
Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
und in der Priesterschaft.
In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von
aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B.
Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen,
haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
Standpunkt war zur Zeit Abrahams.
Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für
die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist;
diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu
vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche
Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist.
Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der
Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die
Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
christlich civilisirtes Land umzuwandeln.--
Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.
#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.#
Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_,
näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an
Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und
diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
Persien vorzugsweise.
Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:
"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern
giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener
machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat.
Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch
_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem
eigenthümlich unangenehmen Geschmack."
Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden
vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man
z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des
Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von
manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle
Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
Süden exportirt.
Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und
rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man
pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit
Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art
Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden.
Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt
dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche
Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem
sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen
kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.
Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.
#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.#
Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste
etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).
Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.
Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
schwarzen Kaffee ohne Zucker.
7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und
befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.
7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
ich, womit ich angefangen.
7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls
zählen unmöglich.
Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer
zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit
den Händen fühle, dass ich liege.
Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
Zeilen Stunden zubringe.
8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem
Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe
vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
ich will ausgehen.
8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt
verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch;
ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und
setzte mich vor mein Haus.
_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön
tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich
und sehe, dass Alles erlogen ist.
Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_?
Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir
grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
nicht gelähmt.
Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin
ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft
schweben.
#26. Januar Morgens.#
Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu
schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich
denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe,
überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
Tekrurizustande mich befände.
Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass
1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.
2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche
Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.
3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.
4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.
5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden
vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.
6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.
7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
dieser Zustand immer dauern möge.
8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als
das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.
Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch
nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.
Von Lagos nach Liverpool
Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der
Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen,
welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe
noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
untergegangen.
Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója
aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von
Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der
während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger
herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu
Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen
Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre
Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten
wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man
öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt
Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.
Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen
die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde
vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur
vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere
Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere
transportirt werden können.
Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten
schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen
Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und
hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum
eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder
herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt.
Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich
hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer
und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben
Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte
Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der
Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird.
Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und
Treiben am Ufer hervorrief.
Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am
Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die
Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger
Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10
Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem
grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser
ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um
unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen
Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln
zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe
Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere
Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und
Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese
Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also
schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die
Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die
Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel
des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde.
Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so
dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern
bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden
Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde
unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o
Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so
wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern
zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt,
um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl
gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder
abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen
für viere; endlich indess waren Alle satt.
Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils
benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus
einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten
ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos
gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit
diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es
erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
regina) gestickt war.
Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf
jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
Sprache wird.
Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich
auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug.
Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so
lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und
Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
folgenden Morgen der Fall sein.
Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen.
Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten
sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in
der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei
eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte
war.
Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich
schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
Zeuge ist.
Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von
allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine
Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.
Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen
oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich
neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an
salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven
gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu
ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme
aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser
füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.
Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen
Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die
Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand.
Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen,
aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis
Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden
seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer
Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich
zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des
Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
Sonne.
Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer
grossen Menge von Canoes.
Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den
Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer
seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur
mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung
begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus,
als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen
Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien.
Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in
sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.
Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer
verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes
Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
Aufenthalt angenehm zu machen.
Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann
der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und
jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der
Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon
betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich
waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn
Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich
andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.
Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.
Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine
Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt
gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und
Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor
der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie
durch's hohe Hofthor einzogen.
Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet
wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.
_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon
erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten
Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die
zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen
aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
Stadt fast ganz unbekannt.
Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme
genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas
die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation
durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben.
Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien
verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte
Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind
sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt
eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.
Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon
mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider
auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg
zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf
europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen
wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die
schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
spielte, begleitet, sangen.
Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu
werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine
Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere
Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
Bénuē-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche
Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während
meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.
Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements
der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos,
die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein
Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch
bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.
Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das
theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum
Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh
nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was
Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist
indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für
Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede,
aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren
können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden,
ihren Tribut zahlen zu lassen.
Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom
indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika
gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth
derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3]
von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von
Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.
Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie
O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie
haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht
einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst
einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.
Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die
wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe
einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr
schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas
bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten
Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso
unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie,
weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde
zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein
bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James,
ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der
den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die
schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren
hundert bringen.
Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und
allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen
Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That,
wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von
Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und
jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch
gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
Missionären, auf den anderen Factoreien etc.
Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See
begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.
Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und
Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet:
es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa
Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue
Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.
Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir
dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die
Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter
begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas
getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche
Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur
eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun,
längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.
Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis
jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte
deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die
Betten nichts zu wünschen übrig.
Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand
ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter
den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.
Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus
kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr
Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch
der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
konnte.
Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern
waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun,
nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren
wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind
offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter
vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.
Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10
Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und
nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern
gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war,
von vielen kleinen Negerhütten umgeben.
Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den
Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos,
Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien,
Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen,
Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in
Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster
Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld
das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z.
B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten
Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun,
der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge
auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die
kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier
indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein
Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und
Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier
vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge,
fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth,
ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich
vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit
der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung
verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der
Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was
leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
vernachlässigen.
Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach
Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs
Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da
er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde
eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch
und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz
fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war,
unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.
Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.
Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg
dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die
vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen
gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf
hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um
so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen
hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor
Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.
Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker
aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme
umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit
über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere
Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der
Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld
eröffnet hat.
Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von
der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss
getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der
rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross
sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst
bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch,
dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl
die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern
gewöhnliche Volkslieder.
Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist
jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg
wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen.
Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu
erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind
der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle
Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.
Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.
Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch
nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt
haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die
Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen
mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.
Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen
sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die
grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem
grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten
Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne
brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu
uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir
in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich
bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit
meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit,
weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien
recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti
König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann
auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort
Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir
hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe,
er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach
Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so
ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern
ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.
Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste
haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war.
Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch
Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft
anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können,
lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
Führung des Dampfers.
Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den
ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess;
zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck,
denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren
Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der
christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.
Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur
Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und
hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste
vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein
mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel,
die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt
die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie
ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in
Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels
ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im
Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese
interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in
Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere
Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in
unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie
aufzunehmen.
Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen
ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre
im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch
mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.
Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne
Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu
einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen
Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich
unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.
Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir
eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.
Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation
emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in
administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung
selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet
sein könnte, wird immer noch vom government of the United States
ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia
vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu
verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der
Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche
Religion angenommen.
Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt
selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt
Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse
Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit,
und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern
gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000
Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.
Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir
selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel
zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose
Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord
vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer
unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.
Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von
tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die
unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste
von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel
wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch
Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre
Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der
bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft
Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste
von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche
geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.
Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner
Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem
Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.
Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr
Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen,
grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des
Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige
Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen
dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies
imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im
Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses
gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.
Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine
Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns
war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
weniger vom Gesammtbilde verloren.
Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer
Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen
zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem
ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.
Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven
herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und
Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man
sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt
hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und
wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am
meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die
Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen
fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt.
Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich
auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig
machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die
Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer
gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
der ersteren sein dürfte.
Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben
thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen
bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da
Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind
meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder
doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die
Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb
die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das
schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen
mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird.
In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon
weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie
Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich
vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend,
ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
selbst Verse improvisirend.
Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der
verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir,
dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa
200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie
schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.
Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich
fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen
sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60
Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die
Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über
mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen,
die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch
eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut
umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht
beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte
keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.
Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu
erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des
Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und
französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist
Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der
Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder
Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt
und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.
Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe
selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei
Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den
Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig
ausgekehrt hatte.
Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes
Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu
besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf
Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle
hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend
hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg
bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine
und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu
nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet
ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu
verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt,
ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und
schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht
ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.
Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir
hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der
hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war.
Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so
geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für
die herrliche Insel.
Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig
grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen
wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem
eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war
und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer
kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind,
obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu
heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.
Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach
einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage
abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit
Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es
traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in
Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten
Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der
Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur
noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich
anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath
von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die
eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
später in den Docks in Liverpool bei.
Die Stadt Kuka in Bornu
_Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk
der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter
Sclavenhandel._
_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und
gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl.
Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz
machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum)
Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der
Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei
anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern
"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte,
"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
Tiefe.
Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre
1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede
be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem
durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die
Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die
beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
bilden, beinahe von Osten nach Westen.
An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren
Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan,
Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt,
residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen
hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge
kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven.
Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete,
nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln.
Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser
Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können,
und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher
hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf
einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato
ṅssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und
Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.
In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar
in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der
Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen
haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei
oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere
zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
_Fato_, Wohnung, haben.
_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von
Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten
vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann
die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt,
endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig
sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber
ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des
_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am
Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen
_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_
repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten
haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die
Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine
Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes,
sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das
Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.
Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren
europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess
kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren
ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft,
nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben,
welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen
in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben,
Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen
die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe
oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.
Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer
Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu
ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.
Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe,
welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der
Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge,
von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein
Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare
Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser
Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes.
Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss
erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu,
Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes
Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so
grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.
Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten
versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und
mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben,
von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen,
nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen
überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess
eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine
Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_
haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins
Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der
Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche
Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den
Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes
geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des
Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert
meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum
Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel,
Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung
Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für
die Sklaven.
Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles
zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück,
oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
Nichtsthun hinzugeben.
Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_
fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr
Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich
der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und
der Platz am Westthore der Oststadt.
Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt
hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten
hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse
lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig
ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide,
dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen
kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_
(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des
_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden
ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder
_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse
Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und
über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist
das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige
Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen
fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder
_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der
Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so
theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen
Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.
Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten:
Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_
findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so
viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen
Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch
nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden,
denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches
Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
Borg abgenommen hatte.
_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am
grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der
Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es
z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse
Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind
die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges
Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.
Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind
alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man
kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel
hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt
werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
Austausch ein Ende macht.
Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous;
namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat
ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans
wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um
Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.
Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der
Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere
Weg nach der Küste vermittelst des Bénuē und Niger ist augenblicklich
für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen
Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.
Am Bénuē
Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst
von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage
noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche
diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein
Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
ich nicht erfahren.
Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
eigene kleine Hütten. In den Gegenden am Bénuē sind es hauptsächlich
_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder
hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_,
_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.
Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die
uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
sah, dass die Nähe des Bénuē hier schon einen mächtigen Einfluss auf
die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die
Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch
überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der
Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder
Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus
Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann
drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir
selbst.
Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches
ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten,
weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu
Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen
gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so
dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse
Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig
helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
unseren Füssen sich ausdehnte.
Aber nein, es war kein See, _es war der Bénuē_. Nach rechts und links
dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah
man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen
Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das
ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier
werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden
sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden,
um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir
uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und
sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem
Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser
stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénuē sehr breit war, und
bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
waren diese den Bénuē _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine
Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer
_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit
zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten
Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder
im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den
Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100
Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren.
Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_
begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor
der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
hinüber geschaufelt.
Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss,
wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich
vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht
schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte,
Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten,
und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu
verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett
aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte,
fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge
Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich
glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine
dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji,
Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese
Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--).
Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
ke l'áfia-lē ṅda tégē etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie
befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief.
Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu
antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom
Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen
Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station
an der Mündung des Bénuē in den Niger--). Er selbst war gerade nicht
von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens
_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in
Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde,
den ich später zu erwidern hätte.
Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der
_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die
ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag,
überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer
zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen
jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die
Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénuē-Ufer, wurden
aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass
nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet
werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und
scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von
Fischen, die der Bénuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei
hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell
um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_,
indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass
einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie
jene zu haben.
Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten
aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er
besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde
nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und
Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
unterhalb am Bénuē liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war
keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse
stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr
hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu
verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.
Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er
mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich
in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er
wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in
Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine
Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.
Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es
war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die
Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig,
dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht
wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt,
dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers
von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen
tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénuē, dessen früher staubige,
dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen
umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in
Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt,
treiben sich nun überall umher.
* * * * *
Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem
Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende
Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich
erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers
vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.
Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B.
in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall
Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur
zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des Bénuē wird das Rauchen
allgemein.
An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche
Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am
linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
aus und standen überall an seichten Stellen im Bénuē. Die Zeit wurde
mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht
zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
_Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmegē_, einem Freunde des
verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.
Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.
Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen
Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche
eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator
und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und
Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
Wohnsitze haben.
Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im
Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von
den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.
Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst
"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den
Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling
sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen
männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die
Königin hat den Titel "derde-ádebi".
Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer
einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch
für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den
mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber
genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen
eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa".
Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind
viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
zweite Person wissen zu lassen.
So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker,
der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der
Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen,
welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker
nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung
vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während
z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht
einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in
gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass
die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden,
zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört
es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.
Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen
Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu
bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls
nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.
Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat
man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der
mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).
Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst
der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses
ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande,
wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese
der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel
"ardžino-ma" führt.
Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen
Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma".
Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine
Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und
hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen
und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie
so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen
Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur,
dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und
Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der
Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer
Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein
Titel ist "mar-ma-kullo-be".
Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man
andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die
homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath
und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der
königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen,
dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des
Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu
besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen
und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
Mai seine Hände abspült.
Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen
ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit
sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
Titel "katšélla-blel", der Infanterieoberst heisst
"katš élla-ṅbursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die
übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die
Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".
Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte
hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben
diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von
Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle
Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
"billa-ma", und nach Barth auch "tš i-ma", während Koello letzteres
Wort mit Abgabensammler übersetzt.
Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber
des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl.
von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den
grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person
präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles
Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine
Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und
auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht,
Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen,
und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.
Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche,
welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
1867 die Einrichtungen der Staaten Bautš i, Keffi-abd-es-Zenga und
Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit
der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.
Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr
oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm
jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als
weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als
solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der
Gläubigen.
Im Lande Bautš i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann
nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bautš i) genannt,
steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich
unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen
eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage
offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und
aburtheilt.
Bei den Tebu, also den nördlichsten Negern von Afrika, finden wir die
eigenthümliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine
ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines
Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu.
Einen Schmied beleidigen gilt schon für Feigheit, weil er eben von den
übrigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfähig gehalten wird. Es liegt
hier unwillkürlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu
vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte
Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden
sie sich auch nur im allermindesten von den übrigen Teda, und diese
selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das
Handwerk mache sie verächtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in
Bautš i; hier hat der Erste der Zünfte der Schmiede den höchsten Rang
nach dem Lámedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kéra", was man durch
Gross-Eisenmeister übersetzen kann. Und wie sehr überhaupt die Handwerke
in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grössten Theile
Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genüge
hervor, dass alle Handwerke in Zünfte getheilt sind, an deren Spitze ein
Meister steht, der den Namen Fürst hat, denn "serki" heisst Fürst oder
Prinz. So finden wir unter anderen einen Fürsten der Schneider,
"serki-n-dúmki", einen Fürsten der Schlächter, "serki-n-faua".
Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem
Ministerium entspricht, versieht in Bautš i der "galadima", aber fast
ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lámedo, der den Titel
"be-ráya" hat; nur dieser darf in die fürstliche Wohnung dringen, falls
der Lámedo sich zurückgezogen hat. Das Harem darf selbstverständlich nur
vom Obersten der Eunuchen Yinkóna betreten werden. Obgleich alle
Pullofürsten für gewöhnlich äusserst einfach gekleidet sind, und sich in
Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch
ein eigenes Amt für den Mann geschaffen, der sie bei festlichen
Gelegenheiten mit den dann prächtigen Gewändern bekleidet, er heisst
Zoráki. Wichtige mit der Person des Lámedo verknüpfte Aemter sind ferner
das des Obersten der Vorreiter, ma-dáki genannt, des Palastgouverneurs
"uombé" und des Schatzmeisters "adzia". Natürlich ist in diesen Staaten,
wie das ja früher auch bei uns war, der Privatschatz, des Königs
zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Königs
betrachtet wird. Anders verhält es sich mit den Waffen, von denen Bogen,
Pfeile und Säbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden
nur als öffentliches Eigenthum betrachtet und der Hüter davon ist immer
ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendóma". Nicht unwichtig
ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter
ist und "serki-n-ara" heisst.
Wie geordnet auch sonst die Zustände sind, geht ferner daraus hervor,
dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch
auf den Märkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel
ist "serki-n-kurmi".
Als Truppengattung finden wir in Bautš i nur Reiter und Infanterie,
letztere mit Bogen und Säbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger
namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter
haben schlechte Gewehre, die meisten nur Säbel und Bogen. Die Pfeile der
Bogenschützen sind natürlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus
Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yáki", der
der Reiterei "serki-n-dauáki".
Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uossé, nämlich
"serki-n-dútsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der südlichen
heidnischen Stämme zu verhindern. Ferner der Hauptmann sämmtlicher
_nicht_ Pullovölker, und da diesen in Bautš i eine grosse Zahl von
Stämmen angehören, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst
"sénnoa".
Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militärische
Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des
mächtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende
Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt
sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Könige, der "etsu"
heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa",
wörtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Königin, obgleich dieselbe in
Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der König. Mit der
Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven
verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus
Sklaven bestehen.
Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-ráki", der erste Rathgeber
des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm
natürlich der Eunuchenoberst, "indatoráki", dann der
Oberpolizeidirector, der zugleich, wie überall dort, die Auszeichnung
hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist
"serki[8]-n-dogáli". Da aber auch in den Nigerländern wie in Yóruba die
Sitte des Pfählens, selbst als gewöhnliche Strafe allgemein ist, und es
nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Länge
nach durch den Körper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund
herauskommt, so hat er natürlich einen ganzen Schwarm von
Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunächst der Fremden Vorführer
"serki-n-fada", eine Charge, die an den übrigen Pullohöfen sich nicht zu
finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der
Oberkoch "serónia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen
Namen "liman" hat.
Da der König von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen
Stellvertreter in der Hauptstadt creiren müssen; oft ist dies sein
vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den
König besteht aus den Grossen, "seráki" (pl. von serki) genannt, und das
Heer wird von einem Obergeneral angeführt, der "maiaki" genannt wird.
Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoáki" und
"serki-n-kárma". Ganz in der Nähe des englischen Einflusses könnte der
Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von
der englischen Colonie Lokódža aus, sollten Missionäre dem jetzt
eindringenden Islam Halt zurufen. Für diese Gegenden würden katholische
Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.
Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen.
Vom Grüssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise
im Allgemeinen schliessen zu wollen, würde wohl zu weit gehen, denn wenn
man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwärts schreitende
Nation ("wie geht es?"), die Französische die Moden machende ("comment
vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do
you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei,
so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mündliche Gruss
und die damit gebräuchlich verbundenen Ceremonien und Körperbewegungen
so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner
dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit
auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss über
die verschiedenartigen Grüsse und die Gebräuche, welche damit verbunden
sind, so weit es die Stämme der schwarzen Raçe anlangt, die ich selbst
zu besuchen Gelegenheit hatte.
Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nördlichen Neger-Stämme der
Islam, namentlich was die Begrüssungsart anbetrifft, einen bedeutenden
Einfluss ausgeübt hat, denn das essalámu aléikum und aléikum essalam ist
eine religiöse Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen
Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente
hin verbreitet.
Aber auch nur diese Formel ist von den nördlichen Neger-Stämmen
angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbstständig und
unabhängig vom Arabischen Einfluss da.
Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die
Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanúri und
Búdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wüste nördlich
vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und östlich
vom genannten Wasserbecken.
Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerüstet,
vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich
begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt
machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand
haltend: _Lahin kénnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna
dǚnnia_ hinüber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzählige
_Lahá, Lahá, Lahá_, welche, je höflicher man sein will, man um so mehr
repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts
Verdächtiges gefunden haben, nähern sie sich; man giebt sich mit den
Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern
und Berbern hernach zum Munde zu führen, und der zuerst Angeredete
wiederholt dann _getta inna dǚnnia_, worauf der Andere _Lahin
kénnaho_ antwortet.
Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig
nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen
Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele
killahá, _killahénni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob
Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob
die Brunnen nicht verschüttet seien etc., immer eben angeführte Worte
untermischend.
Die Weiber grüssen sich ganz auf ähnliche Weise, was die Worte
anbelangt, nur unterlassen sie natürlich die Vorsichtsmassregel, sich
auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess
nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann
niederkniet, während die Männer blos hocken; Frauen unter sich pflegen
indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Männern jedoch nehmen sie
immer eine knieende Stellung ein.
Tritt man in ein Haus, so ist der gewöhnliche Gruss _labáraka_ (aus dem
Arabischen) und die Antwort _lábara Lahá_ (aus dem Arabischen). Kinder,
Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, küssen sich
zärtlich, jedoch küssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen
sie selbst von einer Reise zurück, nur die Hand.
Beim Abschiednehmen sagt man _temésches_ (aus dem Arabischen), während
der Bleibende _killaháde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch
_killahá, killahénni, killa Allaha_ sagen.
Der Gruss der Tebu gegen einen König oder Maina (Prinz) ist ganz auf
gleiche Weise.
Bedeutend ceremoniöser in ihren Grüssen sind die Kanúri-, die Mándara-
und Búdduma-Völker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als
Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die
Höfe und Grossen dieser Stämme mit Ausnahme der Búdduma Mohammedaner
sind, so wird auch eben nur von den Höflingen das _essalámu aléikum_
gebraucht, während das Volk sich bei seinen nationalen Grüssen hält.
Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stämme gewöhnlich der Worte
_Lalē, Lalē, Lalē_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand
der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt
aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, während afi echt
Kanúri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die
Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr
bezeichnend für die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem
Zustande der Haut: _ṅda tégē_, wie ist die Haut?, und schalten hin
und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd alláhi_
ein. Sehr gebräuchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebürgerte
Gruss _l'áfia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so
viel wie Friede bedeutet.
Das eben Angeführte gilt beim Grüssen zwischen Gleichen, sobald indess
ein Niederer einen Höheren antrifft oder besucht, gestalten sich die
Verhältnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Höheren auf die
Erde, berührt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewöhnlichen
_Lalē, Lalē_ mit häufigen _Alla-ká-bondjo_, Gott sei dir gnädig,
oder _ṅgúbbero degá_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies
Letzte entspricht also wörtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will
man sehr höflich und unterthänig sein--und namentlich geschieht das vor
dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht
wenigstens die Miene, als ob man es thäte. Es gehört überdies zum guten
Brauch, einer höheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim
Reden den Kopf seitwärts zu drehen. In Mándara, wo am Hofe die alten
Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass sämmtliche
Höflinge und Anwesende dem König den Rücken zudrehten, selbst wenn sie
mit Seiner schwarzen Majestät sich unterhielten, als ob sie die Macht
und Herrlichkeit des Königlichen Antlitzes nicht ertragen könnten; auch
selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognáua
(Plural von kógna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches
"Hofrath" übersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.
Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle
unverschleiert gehen, überhaupt eine den Männern vollkommen gleich
berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grüssen sich unter
einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Männern zusammenkommen,
erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie
zuerst grüsst.
Andere Redensarten der Kanúri, welche sie jedoch mit anderen um sie
herum wohnenden Neger-Stämmen gemein haben, sind: _ṅdáni, adak ke
l'áfia--adak ke l'áfia, ke l'áfia lē_. Letztere Redensart ist sehr
gebräuchlich und bedeutet ungefähr unser "wie geht es?" Endlich haben
sie für "Willkommen" die aus dem Haussa herüber bekommene Redensart
_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch für "danke" benutzt
werden, obgleich die Kanúri für "ich danke" das echte, aber fast nie
angewandte Wort _gode-ṅgin_ haben.
Geht man von Bornu westwärts, so stösst man zunächst auf die grosse
Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht.
Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend,
sind ihre Begrüssungen auch natürlich sehr ceremoniös. Eine Frau
begrüsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange
nieder, bis der Mann vorüber ist; tragen sie dabei eine Bürde auf dem
Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der männliche Theil der Bevölkerung
macht weniger Umstände, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine
einfache Berührung der Finger, die man hernach zum Munde führt, mit dem
auch in Bornu eingeführten Ausruf _Ssünno, ssünno_ oder _l'áfia_ reicht
gewöhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen
Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_.
Sind sich zwei Individuen näher bekannt, so erkundigen sie sich
specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekéke_", "wie bist Du?",
"_kol l'áfia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'áfia_",
"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidéde tol amrek_" ("ich
danke, Gott verlängere deine Existenz", wovon die letzte Hälfte Arabisch
ist) erwiedert. "_Allah schibáka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf
das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.
Vor einer höheren Person oder einem Könige werfen sich die Haussaer wie
die Kanúri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder
machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein
Niederer, falls er vor einem höher Gestellten sich zeigt, die Tobe von
den Schultern zurückzieht, und fast alle Negerstämme einschliesslich die
Kanúri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck für dies
Zurückschlagen.
Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich
selbst Pullo nennen und in Sókoto und Gando zwei der mächtigsten und
grössten Reiche in Centralafrika gegründet haben. Dies räthselhafte
Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von
dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder
der weissen Raçe rechnen soll, und das hauptsächlich zwei Hauptstämme
bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Melē-Fulan, ist zum
Theil, und namentlich die Melē-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam
übergetreten, während auch noch Viele und namentlich die, welche dem
Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange
Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.
"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es
entspricht dies unserem "grüss' Dich Gott", das l'áfia haben sie
ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad'
Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit
bedeutet und für "danke" gebraucht wird, lässt sich auf das Arabische
zurückführen. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar
keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba)
hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den öffentlichen Audienzen, die
der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lámedo gab, Jeder ohne
Umstände sich nähern konnte.
Um "guten Morgen" auszudrücken, bedienen sich die Fulan des Wortes
_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_;
ausserdem schalten sie überall _uódi, dumbódi_ ein, Worte, die sich
nicht genau übersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von
Zufriedenheit und Freude ausdrücken sollen.
Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grüsse der am
Bénuē ansässigen Stämme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den
Haussaern das _Ssünno-ssünno_ und _l'áfia-l'áfia_ herübergenommen haben,
wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen
bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mábah-mábah_
(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch
Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte
Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religiösen Grüssen der
Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den
eigenthümlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen,
der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei äussern
sie dann ihre nationalen Grüsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die
sie je nach den Umständen längere oder kürzere Zeit wiederholen. Da sie
nur kleine, von einander unabhängige Staaten bilden, so ist bei ihnen
von Hoch und Niedrig keine Rede.
Die, welche hauptsächlich den Schiffsverkehr auf dem unteren Bénuē
besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn
sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Führer des entgegenkommenden
Baumstammes einige Züge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich
haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Eïa, o, a, o, o, a,
eïa, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie
ihre Stimme hören können.
Die am Niger ansässigen Nyfe-Völker, welche Theil eines mächtigen
Königreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den
Gruss auszudrücken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.
Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete
Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss
vorüber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europäer ab, sowohl
wenn sie sich als Gleiche grüssen als wenn ein Untergebener sich vor
einem Höheren befindet. "Guten Tag" drücken sie durch _beléni_ aus,
worauf der Angeredete mit _madjiobú_, ich danke, oder _aku-beni_, wie
geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhält
dann ein _ssassamidji_, grüsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet
man _aku-be-gédi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suáni_ zurück. Beim
Aufstehen fragt man _uanáni_, hast du gut geschlafen?, oder
_aku-bolósun_, hast du die Nacht gut zugebracht?
Vor ihrem Fürsten--in diesem Augenblick ist es König Massaban--sind die
Nyfenser sehr demüthig. Ich bemerkte, dass, so oft der König einem der
Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nüsse,
welche überall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee
vertreten, gab, der so beglückte Neger an die Thüre eilte, sich
prosternirte, indem er dem König den Rücken zuwandte, und Sand auf sein
Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.
Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikoródu nach Lagos, wo einer der
fürchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch
Schiffbruch dahin gerafft hätte, meine Papiere, welche die interessanten
Aufzeichnungen über die Grussformen der Yóruba-Neger enthielten,
verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bücher,
welche über die Yóruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther
(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tüchtiger Verbreiter des
Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen
sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.
Die Yóruba sind das höflichste und demüthigste Volk der Welt. Niemand
begegnete uns in den dichten Urwäldern, der nicht sein _aku-aku_ oder
_aku-abo_ gerufen hätte; unter sich beknixten sich die Männer und
blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrüsst hatten. Vor
ihren Häuptlingen und Königen werfen sie sich platt auf den Bauch und
legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst
auf einen Wink oder ein Wort vom König erheben sie sich, um in hockender
Stellung zu reden.
Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein
Zweig der Yóruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen
gebräuchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde
geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand
begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwärts vor sich her
schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn König Tapper
in Lagos, der jetzt von den Engländern pensionirt ist, in die
O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frühstücken, wie sämmtliche
Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf
Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein
Schnippchen schlugen bei fortwährendem Rufen von _aku-aku_.
Nachstehende Negergrüsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der
Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westküste von Afrika als
Missionäre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber
nach Europa herübergekommen sind.
Die Akkra-Neger (an der Goldküste) begrüssen sich des Morgens mit
_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_,
ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst
Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_,
Glück auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man
Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die
Akkra-Völker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit
einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurückgeschlagen werden,
namentlich vor Höheren streift man sie von den Schultern.
Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und
erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des
Abends sagen sie _miya wúo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert
_ya wúo djogba_, geh', schlafe wohl.
Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach
Abwesenden zu erkundigen: _Djeïbi_, wie geht's den Leuten dort?
_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern,
den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in
dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies
bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt überall das
Englische _good morning_ eingebürgert sei, wie das überhaupt wohl an der
Küste von Guinea der Fall ist.
Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern
(Otji-tribes, Grundemann) das Grüssen. Für "guten Morgen" haben sie
_magye_, für "guten Tag" _mahao_, für "guten Abend" _madyo_. Im
Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber
richtet sich, was merkwürdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem
Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein
Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren
ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss.
Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_
zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus
und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_,
wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der
Stadt steht's gut.
Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du
her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise
glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern
das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund,
mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die
Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht.
Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9]
Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von
Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug
mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten
Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu
bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die
Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die
Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen
Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns
oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen
konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen
Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein
letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier
einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war,
ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden
Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche
zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der
bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in
alle Winde zerstreuen.
Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine
Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil
oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei
verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder
Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am
weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist
reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer
Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in
Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)
bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus
vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo
zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist
nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer-
und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit
dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst
Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,
da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert
abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa
Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es
augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die
Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir
vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus
Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich
wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was
es früher war, Besitz der Galla.
Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die
wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen
Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach
Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege
zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich
gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den
Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die
Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,
die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,
wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route
der Geographie nützlich zu sein.
Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist
nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind
so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir
vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch
nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt,
glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben
und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen
beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine
jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er
danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.
Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine
Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von
Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu
wollen.
Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch
Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt
hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre
gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur
Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden
diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber
weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in
Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die
Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man
ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die
Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig
halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht
als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die
Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten
oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung
äusserer Gebräuche basirt.
Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant
macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es
hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen.
Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa
ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr
durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.
Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im
Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere
tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner
Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe
Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss
nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der
entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier
sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine
in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt
und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach
dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu
einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen
Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der
Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,
dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier
Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet,
dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr.
Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere
reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen
Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des
Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die
lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler
nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem
Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische
Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode
gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion
kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend
eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für
immer Adieu gesagt zu haben.
Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte
seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien
alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine
Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres
correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die
eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese
Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich
glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden
aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können,
sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich
vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,
nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei
dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die
Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.
Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten
Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die
beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von
Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher
zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse
Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf
Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur
blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die
ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das
Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder
Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden
hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser
auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge
blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch
trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt
oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden
zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen
in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin.
Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange
vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von
abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg
zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem
Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den
Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die
Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts
weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse
verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie
hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches
Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise
nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier
zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine
kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten
Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so
freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen
Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich
die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise
anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch
Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.
Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von
Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute
jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder
Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter
unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich
war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein
ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die
zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem
Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,
ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren
Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts
weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches
gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine
breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus
Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte
ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel
weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen
sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen
sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas
weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser
Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht
hinüber sandten, trafen oder reichten nicht.
So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes
Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir
stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster
Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal
durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der
Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche
Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere
hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und
als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem
Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser
bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten,
nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf
die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher
trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel.
Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von
halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und
Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war
von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom
früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen
Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein
grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch
Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,
was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's
lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser
dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der
Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der
Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der
englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die
heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn
sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist
aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die
Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass
Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer
der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben
Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit
dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,
dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach
einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi
aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese
Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah,
musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen.
Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe
und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut
ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können,
dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie
behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort
von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend
weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte
bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die
Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in
Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und
mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist,
welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich
das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der
Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch
hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun
abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei
längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich
starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen,
welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,
wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer,
Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester
bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen
sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach
Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt
einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich
ausgestattet sind.
Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger
begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu
klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche
Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat,
die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu
werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer,
die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu
bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben
Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege
und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.
Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara
zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung
von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit
Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's
an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die
Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,
so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,
durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen
Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich
eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier
Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und
basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in
NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die
entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die
Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen
vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,
aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem
Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein
zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und
Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von
einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer
als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so
will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.
Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die
Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten
verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden
gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht
hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch
fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den
Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden
war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,
machten wir uns früh Morgens auf.
Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede
Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und
entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das
Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,
denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem
Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass
bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock
flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.
Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika
vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte
anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50
Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie
man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,
obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis
Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des
Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen
Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der
Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,
was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren
fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus
Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,
warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil
wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als
Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich
sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie
sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen
würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden.
Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in
der Türkei und Aegypten.
Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach
dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte
anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr
leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in
den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten,
aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und
luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss
über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der
trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester
Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends
einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen
Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber
davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche
Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im
Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die
chokoladenartige Farbe.
Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der
Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba
Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen
Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in
dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist
Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von
derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer.
Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege
überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der
östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort
gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn
überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten
Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir
den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort
Laktalab liegt.
Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner.
Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.
Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon
in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm
abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die
Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem
gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in
Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi
gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und
anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste
Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und
prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von
Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor
einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh,
ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch
innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten
bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im
Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt.
Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,
dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst
nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer
mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich
wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass
dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten
Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand
einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust
hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und
sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,
ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala
käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen.
Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes
ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für
gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte
schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die
Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker
Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch
jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe
in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie
namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken,
sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie
manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien
übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die
Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,
welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten
werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung,
so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper
annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt.
Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu
besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in
Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,
die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen
alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein
Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer
roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch
offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses
Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von
ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten
Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen
Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich
gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man
mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,
dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen
Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt
sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden,
wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten
Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen
in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,
wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt
sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während
man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie
christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie
dafür erkennen.
Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St.
Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde
man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers
hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben
und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche
wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste
und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder
Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und
man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres
finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24
Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist
sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba
Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen
ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine
Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,
wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt.
Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein
anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat.
Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze
Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen
monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht
widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur
Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem
Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die
Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von
aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus
demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr
zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen,
alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass
Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst
geschähe.
Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles
gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine
Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz
dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener
Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte.
Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg
selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah
entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden
aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden
zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh
stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der
Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die
Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die
jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden.
Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen,
und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der
Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures
Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk,
das
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