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Über das Aussterben der Naturvölker

by Georg Karl Cornelius Gerland · German · Gutenberg #14028 · 434,145 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Über das Aussterben der Naturvölker
    
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Title: Über das Aussterben der Naturvölker

Author: Georg Karl Cornelius Gerland


        
Release date: November 12, 2004 [eBook #14028]
                Most recently updated: October 28, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/14028

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER ***

ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER

VON

DR. GEORG GERLAND,

LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.


LEIPZIG,

VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.

1868.

SEINER EXCELLENZ

DEM HERRN GEHEIMEN RATH

H.C. VON DER GABELENTZ.




Vorwort.


Die Frage nach dem Aussterben der Naturvölker ist bis jetzt nur
gelegentlich und nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, welche die
Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvölker Bd. 1, 158-186;
aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz übergeht, was
von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht überflüssig,
die Gründe für dies »räthselhafte« Hinschwinden selbständig und
möglichst genau von neuem zu erörtern. Namentlich die psychologische
Seite des Gegenstandes hat man bisher über die Gebühr vernachlässigt;
sie wird deshalb in den folgenden Blättern besonders betont werden
müssen.

Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschäftigen soll,
findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
fördern--meine Sätze durch getreue Quellenangabe zu stützen, und
andererseits, dass die angeführten Citate nicht allzuschwer zugänglich
seien, um nachgeschlagen werden zu können, so habe ich mich, wo es
möglich war, auf Werke gestützt, die weiter verbreitet sind, und den
Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
sich gleichmässig findet. Dass ich das schon erwähnte ausgezeichnete
Werk meines nur allzufrüh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
der Naturvölker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
findet dort die oft sehr schwer zugänglichen Quellen in kritischer
Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?

Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
anzuführen, welche nicht öfters citirt sind. Einige, welche ich gern
gehabt hätte, sind mir unzugänglich geblieben.


Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.

Australia felix. Berlin 1849.

Azara, Reise nach Südamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).

Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
Band). Berlin 1793.

Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.

Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.

Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.

v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Röding.
Hamburg 1823.

Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.

Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Südsee. Berlin 1842.

Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
1833.

Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.

Carus, Ueber ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheits-Stämme.
Leipzig 1849.

v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
(1815-18). Weimar 1821.

Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
1852.

Cook, 3te Entdeckungsreise in die Südsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.

Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, übersetzt von Dieffenbach,
Braunschw. 1844.

Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.

Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.

Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
Pole Sud. Paris 1841.

Ellis, Polynesian Researches. London 1831.

Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
London 1853.

Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.

Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.

P. Mathias G***, Lettres sur les îles Marquises. Pasis 1843.

Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.

le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.

Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
1841.

Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.

Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
Philadelphia 1846.

Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.

v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.

Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
Australien. Berlin 1856.

A. v. Humboldt, a) Versuch über den politischen Zustand des Königreichs
                   Neuspanien. Tübingen 1809.

                b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
                   deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.

                c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.

Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.

v. Kittlitz, Denkwürdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.

v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Behringsstrasse
(1815-18). Weimar 1821.

Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.

v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
Frankfurt 1812.

La Pérouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
Berlin 1799 f.

v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
4. Berlin 1791.

Lichtenstein, Reise in Südafrika (1803-6). Berlin 1812.

Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,

Mariner, Tonga Islands. London 1818.

Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.

          b) Die Südseevölker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.

          c) Australien in Wappäus Handbuch der Geographie und
             Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.

Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
the present state of Australia. London 1851.

Moerenhont, Voyage aux îles du grand Ocean. Paris 1837.

Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
Ind. Commiss. Amst. 1862.

Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.

Novara, Reise der österr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.

Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.

Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.

Pöppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.

Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
1862.

Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
benedettina. Roma 1851.

Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.

Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
1784.

Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
1828.

Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.

Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.

Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
Berlin 1792.

v. Tschudi, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866.

Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
Berlin 1806.

Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.

Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.

Vankouver, Reisen nach d. nördl. Theile der Südsee (1790-95). Magaz. v.
Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.

Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), übers. v. Etzel.
Berlin 1856.

Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.

Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
London 1837.

Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.

Wilson, Missionsreise ins südl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.

Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge.




Inhalt.


      Vorwort. Quellen
§  1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
§  2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
      spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen
§  3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
§  4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern
§  5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl
§  6. Charakter der Naturvölker
§  7. Ausschweifungen der Naturvölker
§  8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord
§  9. Krieg und Kannibalismus
§ 10. Menschenopfer
§ 11. Verfassung und Recht
§ 12. Natureinflüsse
§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker
§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
      anzueignen
§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika
§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
      der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht
§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
      Lebenskraft
§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker
§ 21. Die afrikanischen Neger
§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kultur
      behandelt sind
§ 23. Zukunft der Naturvölker; Mittel sie zu heben
§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
      Schluss




§1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.


Die Erscheinung, dass eine Reihe von Völkern vor unseren Augen durch
langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
ist eine überaus wichtige. Dass sie für die Geschichtsforschung grosse
Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie für die
Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestätigt, dass, wie man behauptet
hat, diese Völker aus einer Lebensunfähigkeit, welche ihrer Natur
anhaftet, dem Aufhören entgegengehen; so ist, da die nothwendige
Folgerung jener Behauptung dahin führt, dass man verschiedene Arten,
höhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
Frage auch für die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
man eben die Theorie der geringeren Lebensfähigkeit nicht weisser Raçen
zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.

Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raçen dies
Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
in Berührung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
Berührung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
den alten Lebensbedingungen, verkommen, gänzlich davon verschont zu sein
scheinen.

Während wir nun dies Hinschwinden hauptsächlich bei den kulturlosen
Raçen, bei den Naturvölkern, d.h. bei den Völkern finden, welche dem
Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhältnissmässig nahe
stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
keine bedeutende Entwickelung der logischen Fähigkeiten stattgefunden
hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raçen sich zur
Kultur und sogar zu einer gewissen Höhe der Kultur emporgeschwungen
haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
sei, denn wäre sie wahr und ganz gewesen, so würde sie grössere Kraft
verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raçen, auch wenn sie sich
wirklich über das Niveau der gewöhnlichen »Wilden« erhoben hätten,
dennoch einem frühen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
Raçeneigenthümlichkeit, an Lebensfähigkeit fehle, welche keine Kultur
ersetzen könne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raçen und
Naturvölker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
andererseits sind auch Theile von Kulturvölkern, indogermanische,
semitische Stämme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
redet man nicht von einer geringeren Lebensfähigkeit, einmal wegen der
Verwandtschaft dieser Stämme mit den anerkannt lebensfähigsten Völkern
der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
Grund, warum sie aufgehört haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Völker, welche mit
dem alten Rom kämpften, theils sind sie mit anderen Kulturvölkern, die
sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
trat beides zugleich ein: die höhere Kulturstufe, welche sie besiegte,
nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
und so viele slavische Völkerschaften durch und in Deutschland, die
Iberer, die Kelten durch und in das römische Wesen verschwanden. So war
auch zweifelsohne das Loos der Völker, welche vor der Einwanderung der
Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
Naturvölker: wo sie mit höherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
letztere sich friedlich gegen sie verhält, sehen wir sie von Krankheiten
ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermögen versiechen,
und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
sind auch einzelne Naturvölker aufgerieben oder doch stark vermindert
durch ganz äusserliche und leicht begreifliche Gründe: so namentlich
viele malaiische Stämme, welche durch nachrückende verwandte Völker ins
Gebirge zurückgedrängt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
während sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
Neu-Seeländer aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
Zahl jetzt nur noch 200 beträgt: und auch diese nehmen, durch
Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
1866, 62). Auch müssen wir hier die schwarze Urbevölkerung
Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavölker erwähnen, weil auch
sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmählich abnehmen.
Früher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
Tübet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrückenden
arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurückgedrängt
(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
theils aber, und so namentlich die südlicheren Dekhanvölker, in die
indische Kultur übergingen (Lassen 364. 371). Ein ähnliches Schicksal
hatten verschiedene amerikanische Stämme, die von anderen mächtigeren
Indianervölkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
wird von einzelnen Hottentottenvölkern eine ähnliche Vermischung mit
Kafferstämmen erwähnt (Waitz 2, 318).

Doch scheinen auch manche Völker vermindert oder gar verschwunden, ohne
es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umänderung von Namen, wo man nun
fälschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
Volk erloschen, oder durch Irrthümer der Reisenden, indem sie manche
Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf völligem Missverständniss
beruhen, oder durch falsche Schätzung der Volkszahl, wie man sie oft
sehr übertrieben, namentlich bei älteren Reisenden, z.B. für Polynesien
bei Cook, findet u. dergl.

Ehe wir nun aber die Gründe für jenes weniger leicht zu erklärende
Hinschwinden der Naturvölker aufsuchen, müssen wir den Umfang desselben
betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu berücksichtigen
haben.

In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
La Perouse noch wohl bevölkert sahen, völlig menschenleer fand. Wenn La
Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
Mittheilungen eines dort ansässigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzählen
selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
175). La Perouses Reisegefährte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
Viertel der eigentlichen Kamtschadalen übrig sei; und er war noch nicht
ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stämme auf den nächsten Küsten von
Amerika, die wir hier gleich erwähnen, weil auch sie wie die
Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Männer, während er für 1796 1300 und
für 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs tröstlich. Denn
wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmässigen Mittheilungen für
1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Männer und 570 Frauen, 1817
dagegen auf 462 Männer und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
Sinken der Bevölkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansässig sind,
mitgezählt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmässig
findet, ist nur eine scheinbare.

Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
Nordamerika für die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
kaum noch 2 Millionen schätzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zählte man noch
294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
nämlich 268,000 unabhängige Indianer für die Vereinigten Staaten,
155,000 für britisch Nordamerika. Und während d'Orbigny (1838) für den
von ihm bereisten grösseren Theil von Südamerika 1,685,127 Indianer
zählte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhängige Indianer, die drei
Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
zusammen 1,613,170 und zwar für ganz Südamerika. So viel aber betrug
allein die Bevölkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pöppig 385
Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
Städten. Behm nimmt als jetzige unabhängige Urbevölkerung nur 6000 an
(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
gering ist: allein Behm schätzt hier nur die Indianer ab, »welche sich
den Behörden vollständig entziehen«, während Humboldt auch die
Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europäischen Leben so gut wie
die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schätzt diese auf
4,800,000. Natürlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofür
v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
Stamm, 1787 noch über 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
ansässig sind und ungefährdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
höher als auf einige über dreissig gestiegen.

In Afrika sind es die Hottentotten zunächst, welche in den Kreis unserer
Betrachtung hineingehören. Während sie früher sich weit hin in das
Innere von Südafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
einzelnen Stämmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stämme, die Korana, Namaqua
und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwährend im Fallen ist.
Auch die Kaffern müssen hier erwähnt werden, denn im brittisch Kafraria
hat sich 1857 die Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindert: sie
betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
Eingeborene.

Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten übrig, wo
an vielen Orten die Bevölkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
Neuholland. Doch ist es gerade für dies Land schwer, ja ganz unmöglich,
Zahlen aufzustellen, weil die Stämme fortwährend hin- und herziehen und
daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlässig sind (Grey 2, 246). Die,
welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genüge, und selbst
die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Südaustralien, Queensland
und Viktoria hat er bestimmte Zählungsergebnisse und so ist seine
Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefähre. Alle Quellen aber
berichten einstimmig, dass die Bevölkerung wenigstens der Küsten
reissend abnimmt; dass Stämme, welche früher nach Hunderten zählten,
jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
Bevölkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.

Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
360), die Völker der kleinen Inseln in der Nähe von Neuguinea: so nach
D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevölkerung von Anneitum
1860, welche Turner auf 3513 Seelen schätzt, 1100 Menschen durch eine
Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
durch eine gefährliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.

In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, für die aber auch
100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gänzlich
ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
beiden südlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
nur noch 700 Menschen (Gulick 245).

In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevölkerung zu Cooks Zeiten (1770)
etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 für 1830 und Ellis 1, 102 für
1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch für 1852 angibt (2, 41). Mögen
auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
negativ übertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
Entdeckung durch die Europäer die Entvölkerung dieser Insel, welche
indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon früher
begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hälfte der
früheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den übrigen Societätsinseln
war das Verhältniss (Meinicke a. a. O.) ein ähnliches. Auch jetzt
scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
französische Bericht für 1862 gibt für Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
81).

Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevölkerung 1822
mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
(Mörenhout 1, 143). Günstiger ist Meinickes Schätzung, welcher auf der
ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, für 1840 nur noch 2000 annimmt
(a.a.O. 114). Rapa schätzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mörenhout
(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
eine furchtbare Seuche im höchsten Grade gelitten hat (Williams 281).

Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
Bevölkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
haben, dass die Bevölkerungsziffer für 1836 zu gering ist, weil eine
Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhältniss der Abnahme
aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverändert. Nach Virgin 1, 267
hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
sich die Bevölkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
verhielt sich zu den Todesfällen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).

Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevölkerung nach Meinicke (b, 115)
22,000 Menschen beträgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
Drittel seiner Bevölkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland beträgt
die Abnahme der Bevölkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenäum (Zeitschr. 9, 325),
welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Männer und
56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
(Meinicke c 557) mit Hochstetter überein: denn sie geben 55,336
Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefälle und
Geburten zur Gesammtbevölkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.

Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevölkerung, 37,000 Seelen,
gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
Missionäre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
vorgeschritten sein (eb. 60).

Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ähnlicher malaiischer
Stamm auf einer kleinen Insel südlich von Sumatra sterben aus nach
Wallands Urtheil, der auf der Insel eine äusserst geringe Kinderzahl
vorfand--nur fünf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).




§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.


Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden
aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die
Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von
Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe
verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische
Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch
machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel
macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu
nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in
den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
eine _geistig vorzüglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines
ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen,
und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals
begriffen (?) und tief empfunden werden.«

So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen
Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner;
seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen
Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer
geistigen Entwickelung und Fähigkeit. Ganz ähnlicher Ansicht über die
Neuholländer, wie Pöppig über die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
nur dass er sich verhüllter ausdrückt; doch nennt er sie einen »dem
Untergang _geweihten_« Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
von ihrer »gänzlichen Unbildsamkeit«. Viel direkter hat man von der
Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
Lebensfähigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raçen in
Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
machte, den Untergang, welchem diese Raçen nun doch einmal geweiht
seien, damit auf ihren Trümmern sich das bessere Leben höherstehender
Raçen entwickeln könne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.

Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
Räthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvölkerung, welche in
Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
»Begreiflicher Weise, fährt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
Volkes, das früher kräftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklärt,
dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprünglichen Mangel
der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
Unbefriedigendes für eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
verdanke; man wird vielmehr hier wie überall nach dem natürlichen
Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
zu dem Geständnisse genöthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
gelingen will, denselben vollständig aufzuklären.«

Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Geständniss genöthigt werden.

Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, für welches er viele
natürliche Gründe anführt, auch »noch irgend eine mehr räthselhafte
Wirksamkeit« thätig. »Die Menschenraçen, sagt er, scheinen auf dieselbe
Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
stärkere die schwächere vertilgt.« Er macht darauf aufmerksam, dass fast
bei jeder Berührung der Naturvölker und der Weissen, oft auch von
Stämmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei völliger Gesundheit
der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Völkerschaft, »von denen
alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raçen oder die der
Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
leiden hat« (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
allerdings häufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers »am häufigsten durch
die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde«, obwohl doch
Chile selbst eines der gesündesten Länder der Welt sei und das gelbe
Fieber gar nicht kenne; aber die schädlichen Folgen der ausserordentlich
erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dünsten verdorbenen Luft, an
welche die Organe der Eingeborenen gewöhnt seien, wirkten mächtig auf
Individuen aus einer kälteren Region. Aehnlich verhält es sich mit dem
Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
eingeschleppt zu haben so häufig die eine der genannten Gegenden
Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die »grausame
Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewöhnlich heftig vom gelben Fieber
heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
tödtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
welche die Hälfte der Eingeborenen dahinrafften (Mörenh. 1, 139); auf
Tubuai (Australinseln) ward die Bevölkerung durch Krankheiten, welche
mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
Seuchen, die er in der Südsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewöhnlichem Wege mit den
Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
zwischen Europäern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
Hälfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
Virgin 1, 268; »Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
Inselgruppen der Südsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
Natur verursacht, die sich sogar erst längere Zeit nachher gezeigt
haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
solche gewesen, welche möglicherweise durch eigentliche Ansteckung
mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehören, deren
Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tödtlich ist.« Von Tahiti
erzählt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
litt die Insel unter Dysenterie (Mörenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berührungen mit fremden
Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
Mischbevölkerung von Tahitiern und Engländern) stärker an Blutandrang
(plethora) und Schwären als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gästen, mögen diese selbst auch
ganz gesund sein, herrühren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
ein anderes Scharbock, das dritte Geschwüre u.s.w. gebracht haben, wie
sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
ähnliches erwarteten: ja sie fühlten schon Kopfweh und Schwindel.
Beechey erklärt diese Zufälle durch die Veränderung ihrer Lebensweise
während solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
erzählt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde Dinge«
nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
fremden (europäischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, für die
sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).

Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnüsse von den Bäumen fielen,
sobald ein Missionär die Insel beträte. So mag denn auch diese
weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
Feierlichste die Götter um Hülfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
nicht mit etwas Religiösem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
beachten, dass die Naturvölker vor der Bekanntschaft mit den Europäern
fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
noch die übrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
freilich die Neu-Seeländer, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
vor Cook heimgesucht hätten, erzählten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
Neu-Holländer, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).

Für die Indianerstämme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
amerikanischen Völker, 2, 216 sagt: »Es ist eine höchst eigenthümliche
Erscheinung, dass Indianerstämme, die durch Krieg oder Epidemien
plötzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewöhnlich Jahrzehnte
lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nämlichen
physischen Bedingungen lebenden Völkern beobachtet wird. Meines Wissens
ist dieses Verhältniss noch nirgends erörtert worden. Ich habe es bei
einem genauen Studium der Geschichte der nord- und südamerikanischen
Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
beruht, ist wohl schwer zu ermitteln.« Waitz freilich (1, 163) bringt
Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurück.

Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
Berührung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Raçe stammender
Menschen entstehen, zu erklären versucht. Darwin, der in Shropshire
gehört, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingeführt wurden, in
einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raçen wären
(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
durch die Erfahrung bestätigt wird.

Will man sich aber mit Waitz dabei begnügen zu sagen, dass beim
Zusammentreffen verschiedener Raçen, selbst bei völliger Gesundheit
beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
niedere Raçe ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Raçe
leicht etwas Missverständliches in den Ausdruck, und andererseits wird
nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklärt. Dazu
kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts über das gelbe Fieber in Panama
und Callao sich ja auf gleiche Raçen bezieht und eben so doch auch die
Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
kultivirten Völker betrachtet, so findet man eine ähnliche Erscheinung:
eine neu auftretende Krankheitsform wüthet viel allgemeiner und
verheerender, als eine fortwährend herrschende; so die Pest, der
schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
verlöschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschädlich gemacht, dass
man eine verwandte, aber unschädlichere Krankheitsform einimpft. Es
scheint also, als ob der menschliche Körper um so empfänglicher für ein
Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
demselben er früher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
disponirt worden, so dass er sich nun allmählich an jenen feindlichen
Stoff gewöhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fähigkeit zum Widerstand
gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
erlöschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
Einathmen der miasmatischen Luft körperlich selbst immer fester.
Keineswegs hilft aber eine solche Gewöhnung für alle Zeit, wie ja auch
die Pocken nach bestimmten Zeiträumen von neuem eingeimpft werden
müssen. Merkwürdig, aber für uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
über diese Krankheit in Mexiko sagt: »die Pocken scheinen
ihre Verwüstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
Aequinoktial-Gegenden«--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
gilt?--»haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmässig wieder
einfinden: und man möchte glauben, dass sich in diesen Ländern die
Anlage der Eingeborenen für gewisse Miasmen nur in sehr weit von
einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
sehr oft von europäischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
ansehnlichen Zwischenräumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
desto gefährlicher werden.« Alles dies scheint sehr für unsere obige
Annahme zu sprechen. Der Europäer, der Civilisirte kommt nun fortwährend
mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fällen
ohne es selbst zu merken, in Berührung, als der im Naturzustande und der
freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewöhnung von
Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
und Grosseltern her hat er eine viel grössere Widerstandsfähigkeit gegen
solche schädliche Einflüsse, als sie jemals früher Isolirte und
namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
Einflüssen in Berührung kommen, sich erwerben können. Hiergegen spricht
nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvölker gesund etwa in Europa
längere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fällen ist da eine
Gewöhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
Fälle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
solche Besuche unglücklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
dort sehr sorgfältig pflegte, an einer ähnlichen Krankheit, kurz nach
seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Völker Bekanntschaft mit
der weissen Raçe haben.

Nach alledem würde es kein Wunder, nichts Rätselhaftes sein, wenn die
Naturvölker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
unbemerkt eingeschleppt werden können, um so empfänglicher und
empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewöhnung
haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklärlich
entstehen, mit einer Heftigkeit wüthen, wie, vor Zeiten die Pest. So
erzählt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
Geschwüre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)

Dass auch Geschwüre genannt werden, könnte auffallen. Die ausbrechenden
Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nähe
gefüllter Krankenhäuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
bis zum Tode führen kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
überzugehen: ebenso natürlich ist es, dass sich solche eingeführten
Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
schon zuvor, in den meisten Fällen gewiss gleichfalls unbewusst, der
schwächste oder gerade bei der Einführung des Miasma irgendwie erregt
oder afficirt war. Auch erklärt es sich hieraus, wie bei gleichen
Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen können.

So erklärt sich das räthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, was Humboldt an sich und
seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: »Es kommt häufig vor,
sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
dann äussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben.« Denn aus diesem Satze
erklären sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
Naturvölker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berührung mit den
Kulturvölkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
welche sonst auffallen müssten. So, dass diese Uebel während der
Anwesenheit der Europäer noch nicht verspürt werden, denn jene
Schwindel- und Kopfwehanfälle der Pitkairner noch während Beecheys
Besuch beruhten sicher, nach ächt polynesischer Art, auf anticipirender
und übertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
feindlichem Zusammenstoss zweier Raçen sich zeigen, welcher freilich
meist auch von kürzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
verschiedener Art abhärte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
Anfall der verheerendste.

Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache für das Aussterben der
Naturvölker: ihre leichte Empfänglichkeit für Miasmen, welche die
Kulturvölker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
bringen; und die geringe Widerstandsfähigkeit ihres Organismus gegen
solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.




§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.


Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den
Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber
gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen
haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa
nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und
andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch
von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen
für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und
Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr;
und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so
wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen.
Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern
(Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und
so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich
verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt,
doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt
(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr
durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).

Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In
Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist
(Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel
venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon
heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis
ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331)
und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so
noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also
keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit
der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die
Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche
auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er
schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit
und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war,
hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug
die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und
neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch
Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291;
Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo
Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
Formen nach und nach angenommen zu haben.

Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch
beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch
neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob
sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich
nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den
Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern,
mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung.

Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet,
die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von
Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch
sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen
nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen,
Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161).
Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern
von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie
aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder
ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf.

In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der
Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
(Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie
wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach
ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit
flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit
sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür,
dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel
der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind.

Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der
Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so
verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren),
welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).

Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz
Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von
Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
Menschen (Waitz 1, 176).

Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind
wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).

Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter
den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher
verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).

Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren.
Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland
wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische
Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
(Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit
Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige
Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten
unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete,
geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien
1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer,
vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn
anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt,
welche sie früher nicht hatten.

Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er
a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen
aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
eingeschleppt werden.«




§4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern.


Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene
Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die
Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils
gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet
werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
(Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die
Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen
unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu
benehmen pflegen.

Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung
der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den
versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen
Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst
misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche
rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
262).

So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker
zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für
böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere
schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit
Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux
îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet
werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit
verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).

Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte,
so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man
Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
_G***_, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für
sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und
der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland
(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in
Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben.
Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen
(Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher
für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten
gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen
gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1,
161).

In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz
4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des
Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur,
ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist
Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der
Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und
tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville
130) u.s.w.

Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi
(Schomburgk 2, 333) und sonst.

Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
der Aleuten.

Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des
Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte
sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen
Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus
(Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon
der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die
Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
(Sparmann 273).

Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt,
in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder
getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren
eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann
198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den
Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt
als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.




§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl.


Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand
nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden
bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können.
Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und,
wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung;
und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten
und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung
und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die
Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe,
an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich
gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der
Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern
aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
als kümmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil
alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2,
189.

Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes
Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern
mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch,
während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen
Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege,
sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für
sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196).
Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche
Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen,
was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker
thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste.

In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia)
werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels
durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf
Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit
der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die
Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
Remy XLII Hunde und Schweine.

In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes
Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben
einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder
gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst
geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe;
als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
und arbeitete fort (eb. 63).

Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein
Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten
Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der
Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern,
wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu
vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt,
dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2,
279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist
gewiss oft genug selten.

Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das
Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod
nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
zu unterschätzender Abbruch gethan.

Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das
leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe
schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch
mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt,
folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt
besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten,
und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was
diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für
Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend
besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur
Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren
beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft
bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen,
die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit
Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.

Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt
Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen,
wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste
misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den
Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter
ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die
Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie
gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie
gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch
andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes
übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es
gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von
ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde
ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103).
Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser
(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout
2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster
Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut
wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr
gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch
später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der
ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten,
ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die
Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die
Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen
Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den
Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen
Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der
Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige
Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt
es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt
(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von
11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).

Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in
Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter
mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte
(Schomburgk 2, 239. 315).

Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken
lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch
vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei
oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher
Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach,
in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein
so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige
Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den
Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner
und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung
verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche,
die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht
Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen,
dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die
Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert
sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche
die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch
werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was
Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre
Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war
Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die
Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten
sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr
günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne
dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.

Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch
von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren
Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen.
Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu
wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen,
Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte
Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält
Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist
es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
Wurzel gemischt.

In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem
Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse.
Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der
äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten
Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt
sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast
sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche
Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die
ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt
sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer
gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets
an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und
verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2,
278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten
von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den
Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt
ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten
Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel
nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom
südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart,
einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber
etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur
in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun
dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für
die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und
die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91
die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur
der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung,
welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem
Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu
alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).

Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie
sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so
namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth,
besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen
Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das
Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen
trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste
Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu
seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst
und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können,
soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565
von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen
Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu
zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen
Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen
seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193
Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.

Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall
in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge
und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen.
Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke
bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der
Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das
Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder
Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm
tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119).
Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin«
Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten)
stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung
in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz
übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229
vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr
heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend
findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und
benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich
durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die
Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
Polynesien später vielfach aufgekommen ist.

Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die
Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene
beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn
begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte,
noch mancherlei sammeln.

Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf
hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben
zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit
Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr
mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu
werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar
schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe
Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon
erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als
solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder
unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.




§ 6. Charakter der Naturvölker.


Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben
schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und
so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des
Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur
das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist
(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele
von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet
ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem
ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt
umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die
Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu
leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und
wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr
befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer
gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.

So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine
Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder
gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien
zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu
behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen
feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach
langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen
Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.

Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine
gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man
gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über
ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch,
sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands
sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über
das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten
Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit,
die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.

Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der
nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste
Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird
auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender
wird.

Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen.
Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von
Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche
Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst
vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo
der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch
Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in
Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir
auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.




§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.


Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat
auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche
einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
allen in geschlechtlicher Beziehung.

Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es
bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher
stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte
Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des
Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer.
Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig)
berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso
(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar
so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4.
Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich
fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die
Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten,
nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge
anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein
ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie,
durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür
wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
gegen derartiges verhängten, sprechen.

In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie
erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war
überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den
roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne
128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden
vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in
Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt
(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal
scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden,
als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war
es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den
Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben,
Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber
auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige
Parallele erwähnt.

Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen
Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit
gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für
unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch
gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu
machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster
vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier
(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).

Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für
uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der
Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
haben, ist eine traurige Wahrheit.

Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von
Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen
hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten,
waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem
Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn
bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und
indogermanischen, religiöse Motive wirksam.

Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern
durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste
(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen
berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die
Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker
schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese
Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.

In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von
Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die
Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein
dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den
Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den
Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst
beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie
der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem
Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens
einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen
oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben
Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese
Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich
hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
geschadet.

Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf
die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir
bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders
finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer,
einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität
gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die
Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend
sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann
sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten
sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so
behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe
Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu
günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl
erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
Zügellosigkeit gesteigert sein.

Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen,
unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste
gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches
Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das
Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit,
Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade
diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst
gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn
trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter
bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So
hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für
Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und
gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug
waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden
Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen
Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden)
nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu
Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in
Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen
den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich
auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.

Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch
nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher
betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man
die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt
dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook
und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas
Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die
Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft
abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter,
Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff.
256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst,
vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem
Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu
erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11
Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle
anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen
Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche
Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren
sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust
(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die
Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die
Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre
Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt
werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen
Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam
(Remy XLIII).

Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le
Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen
waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor
verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere
Sittenstrenge.

Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche
Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen
Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter
erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor
der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in
Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe
waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
zusammenstellen müssen.

Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung
untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten
Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen
mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
verbreiten und gefährlich erweisen musste.




§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.


Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf
diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe
Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.

Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere
Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die
Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele
zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich
abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe,
wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der
Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale,
unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker
nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben
Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer
Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).

Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der
Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele
Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so
spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei
Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der
Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer
als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass
in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren
Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute
verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von
25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er
selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen«
(Waitz 3, 103).

Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren
gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders
erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen
rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso,
was man für manche amerikanische Völker als Grund für die
Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das
weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig,
Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
Folgen sicher ist.

Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht
hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie
natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die
Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch
die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre
sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden
Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41
Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche
Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile
melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in
ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit
Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?

Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben
besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele
aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit
Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
Verhältniss eintritt.

Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie,
wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen.
Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese
Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker
nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist
das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.

Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge,
deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche
Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles
bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen
die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und
missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
die Quellen).

Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des
Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher
stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige
und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war
(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika.
Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt
um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen
sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet
Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der
Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei
ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch
künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten
machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren
ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr
schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also
eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut
und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich
viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay)
tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den
Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen
von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen
immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre
Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz
ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar
nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie
dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie
immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich
der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen
dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum
Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder
spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis
sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und
dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er
nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so
ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen
jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen
zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten:
wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch
derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür;
und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das
aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt
nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes
gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).

Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der
man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu
bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle
ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und
hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte,
den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der
Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt,
lieber sah als Mädchen.

Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen
glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen
Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet
werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer
wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft
getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).

Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf
den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie
entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der
Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig,
aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen
verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
»ausgestossene« getödtet werden.

Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus
bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber
fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu
haben.

Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten
beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle
Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2,
134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit
oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).

Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil
sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon
allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner
Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden
die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit
der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch
Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei
Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der
eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges
Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort
ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und
dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout
1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere
geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen
für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten
entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle
Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen
der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich
gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine
Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die
andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19
umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams
562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor
den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den
Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen
und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit
nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint
aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive
mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater
von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).

Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus
durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte
(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That
scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen
Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst
gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die
man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte,
galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr
liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.

Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen
oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so
tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch
noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte
Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich,
so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche
Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte
(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau,
welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht
nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über
seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er
könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so
wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist
häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer
Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch
hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165).
Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der
Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
zärtliche Eltern (Browne 39).

Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem
abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden
Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet
gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung.
Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50
Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln
eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes
oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas
häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen
tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage
geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr
Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen
(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben
unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.

Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass,
wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen
(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für
Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der
Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche
historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu
Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«,
fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein,
ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen
Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben
werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die
Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen
gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch
die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder
übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit
bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen
Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht
wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams
Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und
nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.

Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin,
und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in
Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in
Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für
Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams
sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum
hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem
unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für
besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern
und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten
Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse
Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man
(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben
ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt
finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der
so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so
auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen
Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich
ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich
geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete,
so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren
Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B.
die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von
einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
schon ausser Gebrauch gekommen war.

Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen
ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus
ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich
weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an
älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche
Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in
Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den
Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig
Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen
(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel
bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und
als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot
unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das
portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches
und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.




§ 9. Krieg und Kannibalismus.


Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern
geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit
der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?

Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen
mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets
das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der
Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass
erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares
Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete
und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste
Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer
getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker
verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben
grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat
Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die
Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer
früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen
haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein
schienen als die Nulkas und Chinooks.

Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus
ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B.
den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit
verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und
Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende
Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3,
159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den
Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte,
anzueignen (Waitz 3, 159).

In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu
erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre
eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im
nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich
gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden,
denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne
Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können
(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein
mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
Katarakten des Orinoko, wo

  ihres Stammes letzte Spuren
  birgt des Uferschilfes Grün,

hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana.
Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die
Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen
Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche
alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander
sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert
seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem
Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
unfehlbar tödtet.

Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen
Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407),
aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie
nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte,
blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach
und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4,
374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.

Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser
im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann
beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind
(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich
die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern
gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie für die Zahl
und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine
der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier
bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
wurde (Nixon 26).

Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an
Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen
der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt--ein
Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
(Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer
zu frei von Kannibalismus dargestellt.

Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel
der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt
werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme
unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in
nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall
eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste
von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst
roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen
des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten
Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).

Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens
auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein
wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher
Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen
(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu
Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten,
sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so
sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei
Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen
nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem
Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.

Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends
sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange«
Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest
muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden
von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in
einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen
zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440).
Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er
tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben,
gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen
(1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um
die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und
Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle
anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
bestimmtem Rythmus

   |  |\ |  _  |   |     |  |\ |  _  |   |
   |  |  |  /  |   |     |  |  |  /  |   |
  *  *  *     * ' * ' , *  *  *     * ' * ' ,

der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei
ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten
(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440).

Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis
ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung
nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den
Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm
200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie
selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die
verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre
gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des
Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt,
welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es,
welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich
wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei
einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.

Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit
durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt
haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall
geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und
trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei
Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder
Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die
tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen
Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem
besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter
Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von
denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte,
alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände
fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten
Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger
verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
gefalle

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