Aus meinem Leben — Zweiter Teil
by August Bebel · German · Gutenberg #13690 · 933,669 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Aus meinem Leben — Zweiter Teil
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Aus meinem Leben — Zweiter Teil
Author: August Bebel
Release date: October 10, 2004 [eBook #13690]
Most recently updated: October 28, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/13690
Credits: Produced by Distributed Proofreaders
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN — ZWEITER TEIL ***
Aus meinem Leben
Von August Bebel
Zweiter Teil
Stuttgart 1911
Verlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H.
Inhaltsverzeichnis.
Geleitwort
Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen Arbeiterbewegung
Jean Baptist v. Schweitzer
„Der Sozialdemokrat“
Schweitzer und die Konservativen
Schweitzer im norddeutschen Reichstag
Schweitzers Diktatur
Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld
Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
Der Eisenacher Kongreß
Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung
des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
Nach Eisenach
Schweitzers Ende
Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit
Im konstituierenden norddeutschen Reichstag
Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament
Taktische Unstimmigkeiten
Der Deutsch-Französische Krieg
Das Vorspiel zur Kriegserklärung
Meinungsdifferenzen
Erklärungen und Proklamationen
Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses
Annexionen und Kaiserkrone
Unsere Verhaftung
Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger Hochverratsprozeß
und anderes
Die erste Session des deutschen Reichstags
Der erste deutsche Webertag
Weiteres aus Sachsen
Der Dresdener Parteikongreß
Die zweite Session des deutschen Reichstags
Der Leipziger Hochverratsprozeß
Die dritte Session des ersten deutschen Reichstags
Mein Majestätsbeleidigungsprozeß
Unsere Festungshaft und was zwischendurch passierte
Hubertusburg
Königstein
Zwickau
Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha
Die Regierungen und die Sozialdemokratie
Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen
Der Parteikongreß zu Eisenach 1873
Die erste Session des neuen Reichstags 1874
Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. Einigungsverhandlungen
Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des Sozialistengesetzes
Das Einigungswerk
Nachwehen
Reichstagsarbeit
Meine Stellung zur Kommune
Neue Verfolgungen
Der Parteikongreß zu Gotha 1876
Der Wahlkampf 1876 bis 1877
Der Reichstag 1877
Der Kongreß zu Gotha 1877
Landtagswahl in Sachsen. „Die Zukunft“
Wieder reif fürs Gefängnis
Innere Vorgänge
Der Reichstag Frühjahr 1878
Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah
Das Hödel-Attentat und seine Folgen
Das erste Ausnahmegesetz
Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung
Die Reichstagswahl von 1878
Geleitwort.
Früher, als ich selbst gehofft, ist es mir ermöglicht worden, den
vorliegenden zweiten Band „Aus meinem Leben“ fertigzustellen. Mein
Gesundheitszustand hat sich in den letzten anderthalb Jahren erheblich
gebessert und damit ist meine Leistungsfähigkeit gehoben worden. Leider
fiel in diese Zeit die lange, schwere Erkrankung meiner teuren,
unvergeßlichen Frau, mit deren Hinscheiden Ende November 1910 ihr Leiden
seinen Abschluß fand.
Der zweite Band ist weit stärker geworden, als ich anfangs geahnt; er
wuchs mir unter den Händen zu einer Art Geschichte der Partei, was
erklärlich ist bei der Stellung, die ich in der Partei erlangte. Auch
kamen mir noch Briefe und Aktenmaterial in die Hände, das ich verloren
glaubte. Während dem ruhelosen, überarbeiteten Leben, das ich länger als
ein Menschenalter führte, war vorsichtshalber manches beseitigt und
vergeben worden, das sich bei gründlichem Nachforschen wieder fand.
Außerdem gelangten, da ich als Miterbe des Friedrich Engelsschen
literarischen Nachlasses testamentarisch eingesetzt worden war, die
meisten meiner Briefe wieder in meinen Besitz, die ich im Laufe mehrerer
Jahrzehnte mit Friedrich Engels und Karl Marx gewechselt hatte. Den
Hauptinhalt dieser Briefe, die wesentlich in die Zeit des
Sozialistengesetzes fielen, werde ich im dritten Bande benutzen.
Dieser letztere wird, vorausgesetzt, daß mir überhaupt das Leben und die
nötigen Kräfte verbleiben, erst nach längerer Zeit erscheinen. Die
Vorarbeiten befinden sich noch in den Anfängen. Möglicherweise muß ich
diesen dritten Band in zwei Teile zerlegen. Sein Inhalt wird die zwölf
Jahre Sozialistengesetz, die „Heroenzeit“ der Partei, wie diese Periode
gern genannt wird, umfassen. Damit gedenke ich meine Veröffentlichungen
größeren Umfangs abzuschließen.
Dem Schlußband wird ein Namen- und Sachregister beigegeben werden.
Zürich, den 2. September 1911.
A. Bebel
Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen
Arbeiterbewegung.
Jean Baptist v. Schweitzer
Unter den Persönlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die
Führung des von ihm gegründeten Vereins übernahmen, steht J.B. v.
Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen
Führer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besaß, die für seine
Stellung von großem Werte waren. Er besaß die nötige theoretische
Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine kühle Ueberlegung.
Als Journalist und Agitator hatte er die Fähigkeit, die schwierigsten
Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand
es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er
veröffentlichte im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit in seinem
Blatte, dem „Sozialdemokrat“, eine Reihe populärwissenschaftlicher
Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehören, was die sozialistische
Literatur besitzt. So beispielsweise seine Kritik des Marxschen
„Kapital“ und die später als Broschüre veröffentlichte Abhandlung „Der
tote Schulze gegen den lebenden Lassalle“, Arbeiten, die noch heute
ihren vollen Wert haben. Auch als Parlamentarier erwies er sich als sehr
geschickt und gewandt. Er erfaßte rasch eine gegebene Situation und
verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von
großer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte.
Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß
Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer
_Arbeiterpartei_, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen
war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich
nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel
zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm innerhalb
des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch seine
Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der
Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine
Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß der
Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie für
seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe von Jahren in
einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, später
sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen
Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rüstzeug, das ihn,
der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker
machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung
seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen,
lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche materielle Mittel, die
er nicht besaß, nicht möglich war. Es ist aber eine alte geschichtliche
Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich bestätigt hat, daß führende
Persönlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel
an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermögen, leicht an sie
herantretenden Versuchungen unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch
glauben, außer der Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen
zu können.
Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einräumte, begünstigte
die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber auch ebenso
natürlich, daß gegen die Gelüste des Diktators ein ständiger Kampf der
selbständiger denkenden Mitglieder im Verein entstand. Die Opposition,
zeitweilig durch seine brutale Rücksichtslosigkeit scheinbar
niedergeworfen und aus dem Verein hinausgedrängt, erhob sich in Kürze in
anderen Personen und an anderen Orten wieder, und es begann der Kampf
von neuem gegen ihn. Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch
ungemein begünstigt, daß das einzige Blatt, das der Verein besaß — und
ein zweites neben diesem duldete er nicht —, „Der Sozialdemokrat“, in
seinen Händen war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel
in der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung
der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden Widerspruch
und jede ihm unbequeme Meinungsäußerung gewaltsam niederhielt. Die Art,
wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich
er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in ähnlichem Maße
begegnet. Sich selbst stellte er als ihr Werkzeug hin, das nur dem
Willen des „souveränen Volkes“ gehorche, dieses souveränen Volkes, das
nur seine Zeitung las und dem er seinen Willen suggerierte. Wer aber
wieder ihn zu lecken wagte, der wurde der niedersten Motive geziehen,
als eine Viertels- oder Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich über
die braven, ehrlichen Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer
Gegner zu mißbrauchen.
Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmählich spielte, war allerdings nur in
den Jugendjahren der Bewegung möglich, und darin liegt die
Entschuldigung für seine fanatisierten Anhänger. Wer heute die Rolle
eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wäre in kurzer Zeit
unmöglich, sei er wer er wolle.
Schweitzer war ein Demagog großen Stils, der an der Spitze eines Staates
sich als ein würdiger Schüler Machiavellis — für dessen grundsatzlose
Theorien er schwärmte — erwiesen haben würde. Die absolute Herrschaft,
die er durch die erwähnten Mittel sich auf Jahre in seinem Verein zu
sichern wußte, läßt sich nur vergleichen mit gewissen Erscheinungen in
der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst bei den Jesuiten
Unterricht genommen.
Wessen wir — Liebknecht und ich — Schweitzer beschuldigten, war, daß er
den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — natürlich wider Wissen und
Wollen des weitaus größten Teiles seiner Mitglieder — im Interesse der
Bismarckschen Politik leite, _die wir nicht als eine deutsche, sondern
als eine großpreußische Politik betrachteten,_ eine Politik, betrieben
im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt war, die
Herrschaft über ganz Deutschland zu gewinnen und Deutschland mit
preußischem Geist und preußischen Regierungsgrundsätzen — _die der
Todfeind aller Demokratie sind_ — zu erfüllen.
Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren Kampfe,
in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand, benutzte er
jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken dienen konnte.
Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt, wie Bismarck
noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer Eichler einen
gewandten Agenten besaß, der für seine Politik in den Arbeiterkreisen
Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender, sondern als
Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in Unterhandlungen
sich einließ, unterstützte mehr als er wohl selbst wollte diese
Bismarckschen Bestrebungen. Seine Verhandlungen mit Bismarck wurden zwar
offenbar mit dem Februar 1864 abgebrochen und bis zu seinem (Lassalles)
Tode nicht wieder aufgenommen, aber das Streben, die Arbeiterbewegung
der Bismarckschen Politik dienstbar zu machen, blieb bestehen und hatte
einen gewissen Erfolg, woran die scharfe Absage, die Karl Marx dem alter
ego Bismarcks, Lothar Bucher, gab, als dieser ihn zur Mitarbeit am
preußischen „Staatsanzeiger“ einlud, nichts änderte.
Helene v. Rakowicza (Helene v. Dönniges), die ehemalige Geliebte
Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihn das Leben kostete,
verwickelt wurde, erzählt in ihrem Buche: „Von anderen und mir“, Berlin
1909, daß sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt:
Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf
dieser geantwortet habe: „Was Bismarck anbelangt und was er von mir
gewollt hat und ich von ihm? — laß dir's genügen, daß es nicht zustande
kam, nicht zustande kommen konnte. Wir waren beide zu schlau — wir sahen
unsere beiderseitige Schlauheit und hätten nur damit enden können, uns
(immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut
erzogen — also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprächen.“
Diese Darstellung klingt wahrscheinlich. Es hieße Lassalles Scharfsinn
und seine Einsicht beleidigen, sollte er anders gedacht haben, als hier
seine ehemalige Geliebte erzählt. Ueberhaupt konnte kein scharfsinniger
und einsichtiger Mensch, und das war auch Schweitzer, sich täuschen
über das, was ein Sozialdemokrat von Bismarck erlangen konnte, was
nicht, und daß, wenn Bismarck auf irgendwelche Beziehungen mit
Sozialdemokraten sich einließ, es nur geschah, um sie in seinem
Interesse zu verwenden und nachher wie ausgepreßte Zitronen beiseite zu
werfen. Oder ein anderes, daß sie sich an ihn verkauften und ihm Dienste
leisteten, was bei Lassalle nicht in Frage kommen konnte.
Für meine Auffassung spricht zunächst die Tatsache, daß, als an des
Präsidenten Bernhardt Beckers Stelle F.W. Fritzsche Vizepräsident des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde, Dr. Dammer, der frühere
Vizepräsident des Vereins, Fritzsche empfahl, _er solle bei seinen
Agitationen im Königreich Sachsen neben den sozialistischen Forderungen
für die preußische Spitze eintreten und die über diese Versammlungen
veröffentlichten Zeitungsberichte direkt an Bismarck senden, auch diesem
über die abgehaltenen Versammlungen direkt berichten._ Fritzsche selbst
hat mir diese Mitteilungen gemacht, als es sich im Herbst 1878 um die
Bekämpfung des Entwurfs des Sozialistengesetzes handelte. Diese
Mitteilungen habe ich damals im Reichstag in einer Rede gegen Bismarck
auch verwendet.
Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für die
Bismarcksche großpreußische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr
frühzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner
Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, daß Schweitzer diesen
Bestrebungen Bismarcks bewußt diente.
Wäre Schweitzer ein Mann gewesen, der der Sache, die er äußerlich
verfocht, innerlich ehrlich zugetan war, wäre er ein Mann gewesen, von
dem jeder Parteigenosse überzeugt sein mußte, daß nur die Begeisterung
und das reinste Streben, der Arbeiterklasse zu dienen, bei ihm vorhanden
war, hätte er die sehr bedenklichen Zweideutigkeiten, die in seinem
politischen Leben auftauchten, zu vermeiden gewußt, wäre mit einem Worte
sein ganzes Tun Vertrauen fordernd gewesen, er wäre bis an sein
Lebensende unbestritten der Führer der Partei geblieben. Jeder Versuch,
ihn zu diskreditieren, wäre an ihm abgeprallt, mochten solche Angriffe
ausgehen von welcher Seite immer. Statt dessen mußte er sein stetig
sinkendes Ansehen verteidigen und erlebte schließlich, daß nach der
Niederlegung seiner Präsidentschaft, als jeder wagen durfte, frei zu
sprechen, ohne Gefahr, von einem Bannstrahl getroffen zu werden, gerade
diejenigen die ehrenrührigsten Anklagen gegen ihn erhoben, die ihn
einstmals gegen die Angriffe von unserer Seite fanatisch verteidigt
hatten. So kam es, daß die Nachricht von seinem Tode jene kalt und
gleichgültig ließ, die im anderen Falle ihn bis zur letzten Stunde als
ihren Führer anerkannt und seinem Andenken alle Ehren erwiesen haben
würden.
* * * * *
Jean Baptist v. Schweitzer wurde am 12. Juli 1834 zu Frankfurt am Main
geboren. Das Blut, das in seinen Adern floß, war, nach seinen Vorfahren
zu urteilen, eine Mischung von italienisch-französischem mit deutschem
Blute. Seine Familie, die im Jahre 1814 vom damaligen König von Bayern
geadelt wurde, gehörte zu den sogenannten Patrizierfamilien
Altfrankfurts.
Was der junge Schweitzer in seiner Familie sah und hörte, war nicht sehr
erhebend und von zweifelhaft erzieherischem Einfluß. Der Vater, einst
Kammerjunker bei dem berüchtigten Herzog Karl von Braunschweig, der 1830
eilig sein Land verlassen mußte, wollte er nicht der Volkswut zum Opfer
fallen, war ein Lüdrian, der als Verschwender lebte. Die Mutter, die
getrennt von ihrem Manne ein besonderes Haus führte, trieb es in der
gleichen Weise. Kein Wunder, daß der junge Jean Baptist bei solcher
Abstammung und bei solchem Vorbild in die elterlichen Fußtapfen trat,
nur daß ihm die Mittel fehlten, welche die Eltern verjubelt hatten,
worauf denn für ihn das Schuldenmachen die notwendige Konsequenz war.
Gegen die Mitte der fünfziger Jahre führte ihn sein Studium auch nach
Berlin, wo er unter anderem im Hause Krummachers, dessen Frau eine
Verwandte seiner Großmutter war, verkehrte, und die führenden Männer der
preußischen Reaktion, so zum Beispiel Friedrich Julius Stahl, kennen
lernte. Die später in seinen Schriften hervortretende scharfe und
treffende Kritik der Natur des preußischen Staates dürfte er bei seinem
Aufenthalt in Berlin und im Verkehr mit den maßgebenden
Gesellschaftskreisen gewonnen haben. Sein großdeutsch-österreichischer
Standpunkt, der nicht nur der herrschende in seiner Familie, sondern
auch in den Bürgerkreisen Altfrankfurts war, mochte seine
Beobachtungsgabe besonders schärfen. Er lernte jetzt den Staat in seinem
innersten Wesen kennen, der der Todfeind Oesterreichs war. Dieser sein
großdeutsch-österreichischer Standpunkt kam auch in den politischen
Schriften zum Ausdruck, deren erste Schweitzer 1859 veröffentlichte, und
zwar in Frankfurt, wo er sich 1857 als Rechtsanwalt niedergelassen
hatte, dem aber die Praxis fehlte. Diese Schrift, die während des
österreichisch-italienisch-französischen Krieges veröffentlicht wurde,
führte den bezeichnenden Titel „Oesterreichs Sache ist Deutschlands
Sache“ und forderte das Eintreten von Gesamtdeutschland für Oesterreich.
Die zweite Schrift mit gleicher Tendenz führte den Titel: „Widerlegung
von Karl Vogts Studien zur gegenwärtigen Lage Europas“. Dieselbe
schließt: Oesterreichs Sache ist die Sache des europäischen Rechtes und
der europäischen Ordnung, die Sache der Kultur und Humanität und vor
allem die _nationale Sache deutscher Ehre und deutscher Unabhängigkeit_.
In einer dritten Schrift, die 1860 erschien, betitelt „Der einzige Weg
zur nationalen Einheit“, rückt er erheblich nach links. Er bekennt sich
als Republikaner und sieht nur in einer demokratischen Einheit
Deutschlands, die durch eine Revolution von unten herbeizuführen sei,
das Heil Deutschlands. Indes verfiel er später wieder in seine
großdeutsch-österreichischen Sympathien, bis er endlich nach seiner
persönlichen Bekanntschaft mit Lassalle ins kleindeutsche Lager
abschwenkte und in der Politik eines Bismarck die einzige Möglichkeit
zur Lösung der deutschen Frage sah.
Der Beginn der Volksbewegung und die Gründung des Nationalvereins im
Jahre 1859 mit seinen kleindeutschen Bestrebungen konnten Schweitzer
nicht gleichgültig lassen. Er trat, entsprechend seinem damaligen
Standpunkt, gegen den Nationalverein auf. Er meinte (Januar 1861), nur
wenn der Nationalverein sich für die Republik, das hieß also für die
Revolution erkläre, könne er auf die Hilfe der _Arbeiter_ rechnen.
Preußen sei nicht besser als Oesterreich; _beide müßten zertrümmert
werden_, sollte die deutsche Einheit möglich sein.
Als dann im November 1861 in Frankfurt a.M. mit seiner Hilfe ein
Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, wählte man Schweitzer zu dessen
Vorsitzenden. Hier vertrat er die gleichen radikalen Ideen. Anfang 1862
erschien wiederum eine Schrift von ihm, „Zur deutschen Frage“, in der er
sich abermals als unerbittlichen Gegner der hohenzollernschen
Hauspolitik und der preußischen Führerschaft in Deutschland bekannte und
die Jämmerlichkeit der Mittelparteien brandmarkte. Er trat jetzt als
Vielgeschäftiger in der Politik hervor. So wurde er auch Vorsitzender
des Frankfurter Turnvereins; Vereine, die damals samt und sonders eine
eifrige politische Tätigkeit entfalteten, obgleich sie angeblich
unpolitische Vereine sein sollten. Das gleiche war mit der
Schützenvereinsbewegung der Fall. Auch in dieser trat Schweitzer aktiv
hervor und wurde, als der deutsche Schützenbund gegründet wurde,
Mitglied des engeren Ausschusses desselben. Als dann Juli 1862 das erste
deutsche Schützenfest in Frankfurt abgehalten wurde, war Schweitzer
Schriftführer des Zentralausschusses und Redakteur der Festzeitung. Der
intime Umgang, den er damals mit dem Herzog von Koburg, dem
„Schützenherzog“, pflog, an dessen Seite er sich häufig auf dem
Festplatze zeigte, stand freilich in Widerspruch zu seinem bisherigen
radikalen Verhalten und auch zu der radikalen Rede, die er am 22. Mai
1862 auf dem Arbeitertag des Maingaus in durchaus sozialistischem Sinne
gehalten hatte, wie ich das bereits im ersten Teil dieser meiner Arbeit
erwähnte.
Schweitzer hatte um diese Zeit gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer. Aber
da brach das Verhängnis über ihn herein. Er wurde kurz nach dem
Frankfurter Schützenfest zweier Verfehlungen öffentlich beschuldigt, die
einen schwarzen Schatten auf sein späteres Leben warfen und als Merkmale
seines Charakters von Bedeutung sind.
Zunächst wurde er beschuldigt, 2600 Gulden für die Kasse des
Frankfurter Schützenfestes unterschlagen zu haben. Klage wurde von
seiten des Ausschusses nicht erhoben, und das gab wohl Veranlassung, daß
die Tat überhaupt bestritten wurde. Demgegenüber möchte ich feststellen,
daß der Justizrat Sterzing in Gotha, der im Zentralausschuß des
Schützenfestes saß, mit seiner Namensunterschrift eine Erklärung in der
„Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg erließ, worin er die
Unterschlagung als Tatsache bestätigte. Als dann einige Jahre später im
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Opposition gegen Schweitzer
losbrach, schickte die Gothaer Mitgliedschaft einen ihrer Angehörigen zu
Justizrat Sterzing, um ihn zu fragen, ob die gegen Schweitzer erhobene
Beschuldigung der Unterschlagung wahr sei. Sterzing betätigte das.
Darauf wandte sich die Gothaer Mitgliedschaft an Schweitzer, teilte ihm
die Aeußerung Sterzings mit und ersuchte ihn, Sterzing zu verklagen.
Schweitzer lehnte ab. Er erklärte: das falle ihm nicht ein, da habe er
viel zu tun.
Ein anderer noch unliebsamerer Vorgang trug sich im August 1862 im
Schloßgarten zu Mannheim zu. Schweitzer wurde beschuldigt, am Vormittag
des betreffenden Tages ein Sittenvergehen an einem Knaben begangen zu
haben. Er wurde mit vierzehn Tagen Gefängnis bestraft. Die Handlung wäre
viel schwerer bestraft worden, hätte man den betreffenden Knaben
feststellen können. Dieses gelang nicht. Wohl aber wurden andere Knaben
gefunden, denen Schweitzer das gleiche Ansinnen gemacht hatte. Daraufhin
fand seine Verurteilung statt. Im Eifer, Schweitzer reinzuwaschen, hat
man die Unschuld Schweitzers, die er natürlich selbst behauptete, zu
beweisen versucht. Im Interesse der historischen Wahrheit sollten solche
Versuche unterbleiben. Man mag über die gleichgeschlechtliche Liebe noch
so frei denken, so war es unter allen Umständen eine Ehrlosigkeit, die
Befriedigung derselben am hellen Tage in einem öffentlichen Park und an
einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen. Bemerkt sei auch, daß
Schweitzer sich hütete, gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung
einzulegen, was sicher geschehen wäre, wenn er sich unschuldig gefühlt
hätte.
Diese beiden Vorkommnisse zwangen Schweitzer, auf einige Zeit Frankfurt
zu verlassen. In den Arbeiterkreisen erweckten sie natürlich eine starke
Animosität gegen ihn. Als daher im nächsten Jahre, nach Gründung des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Schweitzer die persönliche
Bekanntschaft Lassalles gemacht hatte und Mitglied des Vereins geworden
war, stellten die Frankfurter Mitglieder an Lassalle das Ersuchen, er
solle Schweitzer angehen, den Versammlungen des Vereins nicht mehr
beizuwohnen. Lassalle lehnte dieses Ersuchen als philiströs ab, das
Schweitzer zugeschriebene Vergehen habe mit seinem politischen Charakter
nichts zu tun. Die Knabenliebe sei in Griechenland allgemein
herrschender Brauch gewesen, dem der Staatsmann und der Dichter
gehuldigt habe. Im übrigen zollte er den Fähigkeiten Schweitzers hohes
Lob. An Schweitzer selbst schrieb er, daß die gerügten Neigungen nicht
nach seinem Geschmack seien. Einen Zweifel, daß Schweitzer diese nicht
besitze, drückte er nicht aus; er wußte wohl warum.
Anfang 1863 veröffentlichte Schweitzer eine neue Schrift bei Otto Wigand
in Leipzig, betitelt „Die österreichische Spitze“. Die Schrift widmete
er seinem Freunde Herrn v. Hofstetten, einem ehemaligen bayerischen
Offizier, „in Verehrung und Freundschaft“; die Vorrede ist von einer
schwülen Ueberschwenglichkeit, als rede Alkibiades zu einem seiner
Lieblinge. Der Inhalt der Schrift ist in mehr als einer Beziehung
interessant. Er schildert darin den Charakter des preußischen Staates
durchaus richtig und erklärt Preußen für eine Einigung Deutschlands
durchaus _ungeeignet_. Im weiteren tritt er trotz aller demokratischen
Vorbehalte wieder für die _österreichische_ Spitze ein. Der preußische
Staat stehe der Gesamtheit Deutschlands gegenüber, so führt er aus, auf
Grund seiner historischen Entwicklung ..., die ihn zwinge, sich weiter
in demselben Lande und durch dieselbe Bereicherungsart zu vergrößern,
also auf Annexionen auszugehen. _Diese Mission Preußens sei aber keine
deutsche, sondern eine preußische._ Preußen müsse nach seiner inneren
Natur darauf sehen, _daß der alles einzelne mehr oder weniger
durchdringende Geist, der althistorische, spezifisch preußische,
wesentlich hohenzollernsche Charakter des Staates nicht verloren gehe_.
Gegen dieses Preußen macht er energisch Front, das mit einem _wirklichen
Gesamtdeutschland unverträglich sei_. Er spricht sich dabei in folgender
programmatischer Weise aus, eine Auffassung, der wir später in einer
anderen Situation wieder begegnen werden. Er sagt: „Wenn dem künftigen
Deutschen Reiche — sei es eine Republick oder ein Kaisertum — auch nur ein
einziges Dorf des jetzigen deutschen Bundesgebiets fehlt, _so ist dies
ein nationaler Skandal_. Die kleinste Hütte im fernsten Dorfe, wo
deutsche Zunge klingt, hat das heilige Recht auf den Schutz der
Gesamtheit.“
Diese feierliche Erklärung hielt ihn aber bald darauf nicht ab, die
Politik zu unterstützen, die den _nationalen Skandal_ herbeiführte und
herbeiführen wollte, und nach seiner eigenen Auffassung herbeiführen
mußte. Und es handelte sich dabei nicht bloß um ein einzelnes Dorf oder
eine Hütte, sondern um Ländergebiete mit zehn Millionen Deutscher, die
Jahrhundertelang früher zum Reiche gehörten als die Provinz Preußen,
deren Namen die Hohenzollern ihrem Königreich gaben. Schließlich
forderte er die _österreichische Spitze_ und den Eintritt
_Gesamtösterreichs_ in den Bund, wenn nicht anders, _so durch die
Zertrümmerung Preußens_. Demgemäß verlangte er, daß die großdeutsche
Partei _energisch für die österreichische Spitze_ eintrete und nicht der
kleindeutschen Partei das Feld in der Agitation für die preußische
Spitze überlasse.
So Schweitzer als schwarzgelber Großdeutscher noch Anfang 1863. In
wenigen Monaten war er ein anderer. Mittlerweile hatte er die
persönliche Bekanntschaft Lassalles gemacht. Er begriff rasch, daß sich
hier eine Gelegenheit zu einer Stellung für seine Zukunft bot, die
seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der bürgerlichen Welt nach den oben
geschilderten Vorgängen für alle Zeit abgeschnitten war. In diesen
Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tür schließen müsse.
Als im Frühjahr 1863 Lassalle nach Frankfurt kam, verständigten sich
beide offenbar sehr bald. Gelegenheit dazu bot auch ein gemeinsamer
Ausflug in die Rheinpfalz, auf dem sich ein amüsanter Vorgang mit
Lassalle zutrug. Außer Lassalle und Schweitzer nahmen an der Partie die
Gräfin Hatzfeldt, Hans v. Bülow und unser verstorbener Parteigenosse,
der damals jugendliche Wendelin _Weißheimer_ teil. Die Reise ging nach
Osthofen am Rhein, von wo aus der Ebernburg, bekanntlich einst der Sitz
Sickingens, ein Besuch gemacht werden sollte. Auf Betreiben Weißheimers
hatte sein Vater, der in Osthofen wohnte, die Gesellschaft zum
Mittagstisch geladen. Lassalle saß an der Tafel neben Frau Weißheimer.
Als diese im Laufe des Gesprächs, wißbegierig wie Frauen nun einmal
sind, die Frage an Lassalle richtete: ob er glaube, daß seine Pläne
durchführbar seien, umarmte Lassalle sie und drückte ihr mit den Worten:
„Sie sind eine köstliche Frau“ einen Kuß auf die Lippen. Er schloß ihr
also buchstäblich den Mund. Ueber diese Verhöhnung aller
gesellschaftlichen Etikette geriet der alte Weißheimer dermaßen in
Aufregung, daß er einige Sekunden nach Atem schnappte, wohingegen die
übrige Gesellschaft aus vollem Halse lachte.
Die Wandlung in der Gesinnung Schweitzers unter dem Einfluß Lassalles
zeigte sich sofort deutlich in der Rede, die er am 13. Oktober 1863 in
Leipzig unter dem Titel hielt: „Die Partei des Fortschritts als Trägerin
des Stillstandes“. Diese Rede bezeichnet eine vollständige Umwandlung
seiner bisherigen Stellung zu Preußen, zugleich war sie eine
Rechtfertigung der Politik Lassalles und eine klare Stellungnahme gegen
den Liberalismus, _was zu jener Zeit hieß_ eine Parteinahme für Bismarck
und die Feudalen. In jener Rede führt er unter anderem aus:
„Allein, meine Herren, wenn Sie meinem Vortrag gefolgt sind, so werden
Sie erkannt haben, daß zwar der moderne Absolutismus samt seinen
Adels- und Priesterkoterien uns feindlich gegenübersteht, da er
überhaupt von Neuerung nichts wissen will; allein, Sie werden zugleich
erkannt haben, _daß unser eigentlicher, hartnäckiger und erbitterter
Feind wo ganz anders steckt — nämlich in der Bourgeoispartei und ihren
Vertretern_. Es muß durchaus einmal _offen und bestimmt ausgesprochen
werden,_ daß in der weitaus höchsten und wichtigsten Frage der Zeit
_der wahre Sitz des Stillstandes in der sogenannten liberalen Partei
liegt, daß also unser, der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster
Linie gegen sie gerichtet sein muß_. Wenn Sie dies aber festhalten,
meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: _Warum hätte Lassalle
sich nicht an Bismarck wenden sollen?“_
Nach dieser Theorie waren also nicht die Feudalen, denen jeder
politische und soziale Fortschritt ein Greuel war, die, um modern zu
reden, die heftigsten Verteidiger der gottgewollten Abhängigkeiten sind,
der Hauptfeind der Arbeiter, das waren vielmehr die Liberalen, von denen
selbst der am weitesten rechtsstehende Anhänger doch immer noch ein
Vertreter der modernen Entwicklung, ein Anhänger eines gewissen
Kulturfortschrittes ist, ohne den die kapitalistische Ordnung nicht
bestehen kann, die dem Proletarier erst die Möglichkeit schafft, sich
zum freien Menschen emporzuarbeiten, die Unterdrückung des Menschen
durch den Menschen zu beseitigen. Schweitzer _wußte_, daß die von ihm
gepredigte Auffassung eine _grundreaktionäre_ war, ein Verrat an den
Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte,
sich dadurch nach oben zu empfehlen.
Es verstand sich von selbst, daß Bismarck und die Feudalen eine solche
Hilfe von der äußersten Linken mit Vergnügen sich gefallen ließen und
den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch unterstützten. War
doch dieses Spielen mit Sozialismus und Kommunismus — und kein
vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß es sich um mehr als um ein
Spielen handle — ein vortreffliches Mittel, die liberale Bourgeoisie, die
nie an einem Uebermaß von Mut und Einsicht litt, ins Bockshorn zu jagen
und _sie dem Bismarckschen Zäsarismus ins Garn zu treiben_. Je radikaler
dieser Sozialismus sich gegen die Bourgeoisie aufspielte, je mehr
erfüllte er seinen Zweck. Daher auch die Aufforderung Buchers an
Marx — man muß dieses immer wiederholen —, im „Staatsanzeiger“ selbst
kommunistisch zu schreiben.
Diese Politik war aber das gerade Gegenteil von Demokratie und
Sozialismus, was ich nicht erst zu beweisen nötig habe.
„Der Sozialdemokrat.“
Schweitzer siedelte im Juli 1864 nach Berlin über und ließ sich dort
naturalisieren. Sein Zweck war, die Herausgabe eines Parteiorgans „Der
Sozialdemokrat“ zu betreiben, wozu sein Freund v. Hofstetten, der mit
einer Gräfin Strachwitz verheiratet war und einiges Vermögen besaß, die
Mittel hergab. Auffallend ist, daß Lassalle in seinem Testament keinen
Pfennig für das von ihm gebilligte Unternehmen anwies.
Schweitzer war es gelungen, trotz des Mißtrauens, das ein Teil der hier
Genannten gegen ihn hegte, außer Liebknecht Karl Marx, Friedrich Engels,
Oberst Rüstow, Georg Herwegh, Jean Philipp Becker, Fr. Reusche, Moritz
Heß und Professor Wuttke als Mitarbeiter zu gewinnen, selbstverständlich
auf ein radikales Programm, das Schweitzer entworfen hatte, das sich
durch Klarheit, Bestimmtheit und Kürze auszeichnete. Dasselbe erschien
an der Spitze der Probenummer des „Sozialdemokrat“ vom 15. Dezember 1864
und lautete:
_Unser Programm._
Drei große Gesichtspunkte sind es, welche das Streben und die
Tätigkeit unserer Partei bestimmen:
Wir bekämpfen jene Gestaltungen des europäischen Staatensystems,
welche, unnatürlich die Völker trennend und verbindend, aus dem
feudalen Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert sich
herübergeschleppt haben — wir wollen fördern die Solidarität der
Völkerinteressen und der Volkssache durch die ganze Welt.
Wir wollen nicht ein ohnmächtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos
nach außen und voll Willkür im Innern — _das ganze, gewaltige
Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat_.
Wir verwerfen die bisherige Beherrschung der Gesellschaft durch das
Kapital — wir hoffen zu erkämpfen, daß die Arbeit den Staat regiere.
Diese drei großen auf gemeinsamer Grundlage beruhenden Gesichtspunkte
_weisen uns in jeder möglichen Frage mit zwingender Notwendigkeit auf
die Bahnen, die wir zu wandeln haben_.
Unsere Prinzipien sind einfach und klar — _ihre Konsequenzen zu ziehen
werden wir uns niemals scheuen_.
Kein Zweifel, wäre dieses durchaus unanfechtbare, von allen maßgebenden
Personen in der Partei gebilligte Programm fortan die Richtschnur des
Blattes geblieben, eine Spaltung wäre unmöglich gewesen, eine Aera
gesunder Fortentwicklung wäre eingetreten und hätte eine ungeahnte
Ausbreitung der Partei schon in jungen Jahren höchst wahrscheinlich
gemacht.
Aber Schweitzer wollte es anders. Von Herrn v. Hofstetten, seinem
Associé und Miteigentümer des „Sozialdemokrat“, rede ich nicht.
Hofstetten war ein schwacher Mann ohne tiefere Einsicht in das Wesen der
Dinge, der sich von Schweitzer treiben und mißbrauchen ließ, und den
dann Schweitzer wie eine ausgequetschte Zitrone nach einigen Jahren
beiseite warf, nachdem Hofstetten sein Vermögen bis zum letzten Rest für
den „Sozialdemokrat“ und für Schweitzer, der über Jahr und Tag auch an
seinem Tische saß, geopfert hatte.
Die korrekte Haltung des „Sozialdemokrat“ währte nicht lange.
Bereits in Nr. 6 des „Sozialdemokrat“ waren in dem Artikel „Das
Ministerium Bismarck und die Regierungen der Mittel- und Kleinstaaten“
Wendungen enthalten, in denen Schweitzers Sympathie mit der Politik
Bismarcks, wenn auch noch sehr vorsichtig, zum Ausdruck kam. Mit der Nr.
14 des „Sozialdemokrat“ vom 27. Januar 1865 beginnt dann jene Serie
Artikel „Das Ministerium Bismarck“, in denen er die demokratische Maske
fallen läßt, was die öffentliche Absage der meisten der eben erst
gewonnenen Mitarbeiter zur Folge hatte.
In dem ersten dieser Artikel wurde ausgeführt:
„Parlamentarismus heißt Regiment der _Mittelmäßigkeit_, heißt
_machtloses Gerede_, während _Zäsarismus_ doch wenigstens _kühne
Initiative, doch wenigstens bewältigende Tat heißt_. ‚Schmach den
Renegaten, die jetzt der Reaktion dienen‘, rufe man. Sonderbar aber
doch, daß diese radikalen Renegaten (deren rasche Abwirtschaftung wir
erlebt haben. A.B.) nicht bei Pfordten und Beust (selbstverständlich
nicht. A.B.), daß diese radikalen Renegaten gerade bei Bismarck sind.“
Die Renegaten, die er meinte, waren eben alles Leute, die keinen Beruf
zu einem revolutionären Vorgehen in sich verspürten, die sich mit der
kapitalistischen Ordnung der Dinge — vorausgesetzt, daß sie überhaupt je
deren Gegner waren — abgefunden hatten und sich sagten, daß der
Kapitalismus unter der Aegide des märkischen Junkers nicht zu kurz
kommen werde, worin sie sich nicht täuschten.
Im zweiten Artikel Schweitzers hieß es in Betrachtung der Entwicklung
Preußens:
„Von dieser Grundlage aus (dem Kurfürstentum) hat sich sodann der
vergleichungsweise junge Staat, vorzugsweise durch _das mächtige Genie
eines großen Königs und gewaltigen Kriegshelden, eines in jeder
Beziehung bewunderungswürdigen Mannes_, zu einem ausgedehnten und
mächtigen Königreich erweitert.“
Nach dieser Verherrlichung Friedrichs des Großen, die ein Sybel oder
Treitschke tönender nicht betreiben konnte, spendet er auch der
Volkserhebung von 1813 ein Lob, die eine glänzende Ausnahme von der
Regel preußischer Geschichte sei. „Der Hauptsache nach und alles in
allem genommen, ist Preußen das, was es ist, durch die an seiner Spitze
stehende Dynastie geworden.“
Alsdann charakterisiert er das Wesen des preußischen Royalismus.
„Während ein solcher Geist in den einen deutschen Staaten zwar nicht
ohne alle Begründung sein mag, jedenfalls aber alles höheren
politischen Ernstes und der tieferen Würde entbehrt, in den anderen
Staaten aber geradezu als Karikatur dessen erscheint, was man
Royalismus nennt, ist _der königliche Geist in Preußen eine
wohlbegründete politische Anschauungsweise und Richtung_. Denn die
Dynastie und in ihr _der jedesmalige Regent können mit innerer
Berechtigung als der Kulminationspunkt der aufsteigenden Skala_ der
herkömmlichen Elemente, als der Schwerpunkt der in hergebrachten
Bahnen rotierenden Kräfte, als Herz und Gehirn des Organismus
innerhalb eines Staatsganzen betrachtet werden, welches nur so und
unter solcher Voraussetzung seine eigentümliche Wesenheit und seine
dermalige Stellung erlangte und erlangen konnte.“
Des weiteren meinte er noch, daß der preußische Staat in seinem
dermaligen Zustand das offenbare Gepräge des Unfertigen, einer noch
nicht abgeschlossenen geschichtlichen Entwicklung auf sich trage. Ein
Zustand also, _der nach Annexionen schreie_. Diese Mission, die Preußen
in Deutschland habe, sei aber keine deutsche, wie man uns glauben machen
wolle, sondern eine _preußische_.
Schweitzer kannte also die Natur des preußischen Staates, wie keiner sie
besser kennen konnte, seine Schlüsse waren durchaus logisch. Aber um so
mehr drängt sich die Frage auf, wie konnte er dann eine Politik
unterstützen, die nach seinem eigenen Geständnis _undeutsch_, weil nur
_großpreußisch_ war, und wenn siegreich, die _Niederlage der Demokratie
bedeutete_? Eine solche Politik durfte vom demokratischen Standpunkt aus
nicht unterstützt, _sie mußte vielmehr auf Leben und Tod bekämpft
werden, denn es war der Todfeind der Demokratie, der diese Politik
betrieb._
Schweitzer schließt seinen zweiten Artikel also:
„Ein _wahrhaft preußisches_ Ministerium, ein solches, welches die aus
der Geschichte des preußischen Staates hervorgegangene Wesenheit
desselben zu befestigen und weiterzuentwickeln strebt, kann weder in
Gemäßheit bloßen Schablonenkonservatismus _lediglich die stupide
Aufrechterhaltung des gerade Vorhandenen beabsichtigen_, wie dies
konservative Ministerien in Preußen lange getan, noch auch kann es die
dem Staate von seiner Geschichte indizierte äußere Politik _unter
Aufhebung des inneren Charakters des Staates anstreben, wie dies die
liberale Partei unter Verleugnung des Machtschwerpunktes von der Krone
hinweg in das Abgeordnetenhaus beabsichtigte_.“
Das heißt also in klares Deutsch übersetzt: Die Eigenart des preußischen
Staates verbietet einer preußischen Regierung die Einführung eines
parlamentarischen Regimes, und wenn ihr Liberalen dennoch danach strebt,
so verlangt ihr etwas, was der Natur des preußischen Staates entgegen
ist. Begnügt euch also, ein Ornament am Staatswagen zu sein. In der
Situation, in der damals die Kammer sich der Regierung gegenüber befand,
bedeuteten solche Auslassungen einfach ein _In-den-Rücken-fallen_ der
Volksvertretung und eine _Unterstützung_ der Pläne Bismarcks.
In seinem dritten Artikel führt er zunächst aus: Die Schlußfolgerungen
seines zweiten Artikels und die Untersuchungen, die zu denselben
führten, seien _mehrfach mißverstanden_ (!) worden. Er wird also jetzt
noch deutlicher. Er sagt:
„Indem Preußen eine Politik verfolge, die zur Annexion der Herzogtümer
(Schleswig-Holstein) führen müsse, setze es, _die glorreichen
Traditionen preußischer Geschichte aus langem Schlummer weckend, an
den innersten Kern des preußischen Staatsgeistes seine Hebel an._
Es ist eine bedeutende Politik, die jetzt in Preußen gemacht wird! ...
Wer Annexion anfängt, muß sie durchsetzen. Mehr noch.
Eine preußische Regierung, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts deutsches Land zu annektieren beginnt, eine preußische
Regierung, die _angesichts der offenkundigen, von Kaiser, Königen und
Fürsten feierlich proklamierten Unhaltbarkeit der politischen
Verfassung Deutschlands die ‚friedericianische Politik‘_ (wie ein
großdeutsches Blatt sich ausdrückte) _wieder aufnimmt, kann nicht
stille stehen nach kleinem Sieg — weiter muß sie auf der betretenen
Bahn — vorwärts, wenn nötig mit ‚Blut und Eisen‘._
Denn anknüpfen an die stolzesten Traditionen eines historisch
erwachsenen Staates und dann feige zurückbeben vor entscheidender Tat,
hieße den innersten Lebensnerv eines solchen Staates ertöten.
Man kann solche Traditionen ruhen lassen — _aber man kann sie nicht
aufnehmen, um sie zu ruinieren!_
Ein preußischer Minister, der _solche_ Politik für Preußen machte — er
verfiele unrettbar _den zürnenden Manen des großen Friedrich und dem
Gelächter seiner Zeitgenossen._“
Wie mußte bei dem Lesen solcher Artikel das Herz jedes guten Preußen
schlagen; war doch danach Preußen quasi von der Vorsehung vorher
bestimmt, der Beherrscher Deutschlands zu werden. Und wie mußten die
Herzen der Feudalen einem Manne zugetan sein, der besser als sie alle
die „historische Mission“ des preußischen Staates darzulegen und zu
verherrlichen verstand. Und das sollte unbeachtet und unbelohnt bleiben?
Was Schweitzer hier schrieb, war aber auch eine Verherrlichung der
weiteren Bismarckschen Politik, es war eine förmliche Anpeitschung
Bismarcks, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, wäre eine solche
noch notwendig gewesen.
Im vierten Artikel kam Schweitzer auf den Bundestag und Oesterreich zu
sprechen. Hier hatte er mit seiner Kritik leichtes Spiel, denn dümmer
und dem Zeitbedürfnis widersprechender konnte nicht gehandelt werden,
als diese beiden Faktoren in der deutschen Frage gehandelt hatten. Im
übrigen war die Haltung, die in diesem Artikel Schweitzer Oesterreich
gegenüber einnahm, wie in seiner ganzen späteren Politik, das direkte
Gegenteil von dem, was er noch im Jahre 1863 — also anderthalb Jahre
zuvor — in seiner Broschüre „Die österreichische Spitze“ zur
Verherrlichung Oesterreichs gesagt hatte, und was das Programm besagte,
das angeblich der „Sozialdemokrat“ vertreten sollte.
Der fünfte Artikel beschäftigte sich mit der Stellung der Nation und der
deutschen Frage. Er kommt zu dem Resultat:
„_Aktionsfähig in Deutschland sind nur noch zwei Faktoren: Preußen und
die Nation, preußische Bajonette oder deutsche Proletarierfäuste_ — wir
sehen kein drittes.
... _Das Preußentum ist der Feind des Deutschtums, aber es ist auch
der Feind der bestehenden Gewalten Deutschlands._
Die Nation steht fest auf ewigem Fundament — die Fürstenstühle
Deutschlands aber müssen wanken, _wenn Preußen sich erinnert, daß
Friedrich der Große sein König war._“
Und wie stand's mit dem preußischen Thron?
Der Leser wird zugeben, daß raffinierter, demagogischer nicht zu
schreiben war. Wie ein Aal windet er sich vor einer klaren
Stellungnahme. Er läßt nur ahnen, spricht aber nicht aus, was er will.
Klar ist, daß das Lesepublikum, an das Schweitzer sich wandte, von
seinem Plädoyer für Preußen gefangen genommen wurde, und das war sein
Zweck. Dazu kam, daß der ganze politische Inhalt des „Sozialdemokrat“
von der Tendenz durchtränkt war, welche die fünf Artikel erfüllte.
Bismarck hatte in der ganzen deutschen Presse keine Feder, die
geschickter für seine Politik Propaganda machte.
Kein Zweifel, diese Bismarckartikel standen mit dem Programm des
„Sozialdemokrat“ in seiner ersten Nummer im schneidendsten Widerspruch.
Es ist auch ausgeschlossen, daß der äußerst scharfsinnige Schweitzer
nicht vorausgesehen habe, daß er mit diesen Artikeln der großen Mehrzahl
der eben erst gewonnenen Mitarbeiter in gröblichster Weise vor den Kopf
schlug. Es war eine Brüskierung sondergleichen. Es war also
selbstverständlich, daß darauf Karl Marx, Friedrich Engels, W.
Liebknecht, Herwegh, Joh. Ph. Becker und Friedrich Reusche von dem
Blatte sich lossagten.
Schweitzer quittierte in einem Artikel in der Nr. 31 seines Blattes über
die Rücktritte mit den Worten: Einige bornierte Köpfe hatten sich an
unseren Leitartikeln „Das Ministerium Bismarck“ gestoßen. Mit Genugtuung
konstatiere er, daß zwei Hauptorgane des österreichischen Liberalismus,
die „Presse“ und die „Ostdeutsche Post“, sich auf seine Seite gestellt
hätten und brachte längere Auszüge aus denselben. Weiter zitierte er die
„Neue Frankfurter Zeitung“, das Blatt Sonnemanns, die ausgeführt hatte,
daß die von Schweitzer befolgte Politik nichts als die Fortsetzung der
Lassalleschen Politik sei.
Das war richtig! Ohne Lassalles Verhalten wäre es Schweitzer sehr schwer
geworden, die von ihm beliebte Politik im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein zur Geltung zu bringen. Aber doch war zwischen Lassalle
und ihm ein Unterschied. Lassalle, ökonomisch vollständig unabhängig,
stand zu Bismarck wie Macht zu Macht, davon konnte bei Schweitzer, der
tief in Schulden steckte und nach seiner sonstigen Qualität in alle Wege
keine Rede sein. Er erschien in seinem Auftreten als ein Werkzeug der
Bismarckschen Politik, als ein Mann, der den Vorteil des Lassalleschen
Scheins für sich hatte und ihn geschickt ausnutzte.
Im weiteren erklärte Schweitzer gegen Marx und Engels, daß sie sich vom
„Sozialdemokrat“ zurückgezogen, sobald sie eingesehen hätten, daß sie
nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu
ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion,
sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein
schriftstellerischer Doktrinär, sondern ein Mann der praktischen Tat
gewesen.
Wobei wieder nicht vergessen werden darf, daß später Schweitzer den
Mann der „unfruchtbaren Abstraktion“, den „schriftstellerischen
Doktrinär“ Karl Marx, umschmeichelte und für sich zu gewinnen suchte.
Marx und Engels blieben die Antwort nicht schuldig. Unter dem 24.
Februar 1865 veröffentlichten sie folgende Erklärung:
„Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am ‚Sozialdemokrat‘
und gestatteten ihre Nennung als Mitarbeiter unter dem ausdrücklichen
Vorbehalt, daß das Blatt im Geiste des ihnen _mitgeteilten_ kurzen
Programms redigiert werde. Sie verkannten keinen Augenblick die
schwierige Stellung des ‚Sozialdemokrat‘ und machten daher keine für
den Meridian Berlin unpassenden Ansprüche. Sie forderten aber
wiederholt, _daß dem Ministerium und der feudalabsolutistischen Partei
gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde wie
gegenüber den Fortschrittlern._ Die von dem ‚Sozialdemokrat‘ befolgte
Taktik schließt unsere weitere Beteiligung an demselben aus. Die
Ansicht der Unterzeichneten _vom königlich preußischen
Regierungssozialismus_ und von der richtigen Stellung der
Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk findet sich bereits ausführlich
entwickelt in Nr. 73 der ‚Deutschen Brüsseler Zeitung‘ vom 12.
September 1847, in Antwort auf Nr. 206 des damals in Köln
erscheinenden ‚Rheinischen Beobachters‘, worin die Allianz des
Proletariats und der Regierung gegen die liberale Bourgeosie
vorgeschlagen war. Jedes Wort unserer damaligen Erklärung
unterschreiben wir noch heute.“
Die Erklärung in der „Deutschen Brüsseler Zeitung“, auf die hier Marx
und Engels sich bezogen, lautete:
„Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen
die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die
niemandem Vorteil brachte als den deutschen _Regierungen_, wenn jetzt
Regierungsblätter wie der ‚Rheinische Beobachter‘, auf die Phrasen
dieser Leute gestützt, behaupten, _nicht die liberale Bourgeoisie,
sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats,
so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren
etwas gemein...._
Das Volk oder, um an die Stelle dieses weitsichtigen, schwankenden
Ausdrucks den bestimmten zu setzen, das Proletariat räsoniert ganz
anders, als man im geistlichen Ministerium sich träumen läßt. Das
Proletariat fragt nicht, ob den Bourgeois das Volkswohl Nebensache
oder Hauptsache sei, ob sie die Proletarier als Kanonenfutter
gebrauchen werden oder nicht. Das Proletariat fragt nicht, was die
Bourgeois bloß _wollen, sondern was sie müssen_. Es fragt, ob der
jetzige politische Zustand, die Herrschaft der Bureaukratie, _oder der
von den Liberalen erstrebte, die Herrschaft der Bourgeoisie, ihm mehr
Mittel bieten wird, seine eigenen Zwecke zu erreichen._ Dazu hat es
nur nötig, die politische Stellung des Proletariats in England,
Frankreich und Amerika mit der in Deutschland zu vergleichen, um zu
sehen, _daß die Herrschaft der Bourgeoisie dem Proletariat nicht nur
ganz neue Waffen zum Kampfe gegen die Bourgeoisie in die Hand gibt,
sondern ihm auch eine ganz andere Stellung, eine Stellung als
anerkannte Partei verschafft._“
Es heißt weiter: „Das Volk kann sich nicht für die _ständischen
Rechte_ interessieren. Aber ein Landtag, der Geschworenengerichte,
Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit,
Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Repräsentation verlangt, _ein
Landtag, der ein für allemal mit der Vergangenheit gebrochen und seine
Forderungen nach den Bedürfnissen der Zeit eingerichtet hat statt nach
alten Gesetzen, solch ein Landtag kann auf die kräftigste
Unterstützung des Proletariats rechnen._“
Am 4. März schlossen sich Georg Herwegh und Wilhelm Rüstow der Erklärung
von Marx und Engels ausdrücklich an. Am 5. März erklärte Fr. Reusche in
der „Rheinischen Zeitung“ seinen Rücktritt von der Mitarbeiterschaft am
„Sozialdemokrat“, wobei er unter anderem bemerkte, er habe wiederholt
die Redaktion aufgefordert, das Junkertum rücksichtslos zu bekämpfen.
Rüstow habe Anfang Februar eine eingehende Kritik der Militärfrage an
die Redaktion gesandt; aber trotz der wiederholten Anfragen von Rüstow
und ihm erschienen weder diese noch ein von ihm eingesandter Artikel
gegen den königlich preußischen Regierungssozialismus. Bald habe es
geheißen, es sei kein Raum vorhanden, bald, man wolle warten, bis die
Zeit geeignet wäre. Am 11. März erklärte Jean Philipp Becker in Genf im
Hamburger „Nordstern“, dem Vorgehen von Marx und Engels sich
anzuschließen. Liebknecht hatte sich gleichzeitig mit den letzteren von
Schweitzer und dem „Sozialdemokrat“ losgesagt. Professor Wuttke in
Leipzig gab zwar keine öffentliche Erklärung ab, stellte aber seine
Mitarbeiterschaft am „Sozialdemokrat“ ein. Der einzige, der von dem
ganzen Mitarbeiterstab einstweilen noch dem „Sozialdemokrat“ verblieb,
war Moritz Heß in Paris. Er schied Ende 1866 aus. Eine zweite Erklärung
von Marx und Engels, datiert London den 15. März und abgedruckt in der
Berliner „Reform“ vom 19. März 1865, richtete sich gegen einen Artikel,
den Schweitzer aus der „Neuen Frankfurter Zeitung“ im „Sozialdemokrat“
abgedruckt hatte, in dem nachgewiesen werden sollte, „wie inkonsequent
und innerlich haltlos das Verfahren der Herren Marx und Engels dem
‚Sozialdemokrat‘ gegenüber ist“. Marx konstatiert: Schweitzer habe am
11. November 1864 ihm das Erscheinen des „Sozialdemokrat“ angezeigt und
habe bei dieser Gelegenheit geschrieben:
„Wir haben uns an etwa sechs bis acht bewährte Mitglieder der Partei
oder derselben wenigstens nahestehende Männer gewandt, um sie für die
Mitarbeiterschaft zu gewinnen.... Allein für ungleich wichtiger halten
wir es, daß _Sie, der Begründer der deutschen Arbeiterpartei und ihr
erster Verfechter_, uns Ihre Mitwirkung angedeihen lassen. Wir hegen
die Hoffnung, daß Sie einem Verein, der, wenn auch nur indirekt, auf
Ihre eigene Wirksamkeit zurückzuführen ist, nach dem großen Verlust,
der ihn betroffen, in seinem schweren Kampfe zur Seite stehen werden.“
In dem Prospekt habe der Name Lassalle nirgends gestanden. Der Prospekt
habe nur drei Punkte enthalten: „Solidarität der Völkerinteressen“, „Das
ganze gewaltige Deutschland — ein freier Volksstaat“, „Abschaffung der
Kapitalherrschaft“. Daraufhin hätten er und Engels ihre Mitarbeit
zugesagt.... Am 28. November habe Schweitzer ihm geschrieben, daß seine
und Engels' Zusage in der Partei, soweit sie überhaupt eingeweiht sei,
die freudigste Sensation hervorgerufen.... Marx erzählt weiter, wie er
im Laufe des Januar gegen die Taktik Schweitzers im „Sozialdemokrat“
protestierte und daß, als trotz Schweitzers Beruhigungsschreiben die
Taktik im Blatte dieselbe geblieben, er aufs neue protestiert habe,
worauf Schweitzer ihm am 15. Februar folgendes geschrieben:
„Wenn Sie mir wie im letzten Schreiben über theoretische Fragen
Aufklärung geben wollen, so würde ich solche Belehrung von Ihrer Seite
dankbar entgegennehmen. Was aber die praktischen Fragen momentaner
Taktik betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken, daß, um diese Dinge zu
beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen muß. Sie tun uns
daher unrecht, _wenn Sie irgendwo und irgendwie Ihre Unzufriedenheit
mit unserer Taktik aussprechen_. Dies dürfen Sie nur dann tun, wenn
Sie die Verhältnisse genau kennen. Auch vergessen Sie nicht, daß der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ein konsolidierter Körper ist und
bis zu einem gewissen Grade an seine Tradition gebunden bleibt. (Der
Verein war damals kaum 22 Monate alt und hatte nur einige tausend
Mitglieder. A.B.) Die Dinge in concreto schleppen eben immer irgend
ein Fußgewicht mit sich herum.“
Es war also selbstverständlich, daß Marx, Engels und Genossen handeln
mußten, wie sie gehandelt haben. Schweitzer scheint geglaubt zu haben,
daß er seinen Mitarbeitern eine ähnliche Rolle zumuten dürfe, wie sie
Lothar Bucher im Einverständnis mit Bismarck Marx im „Staatsanzeiger“
zugemutet hatte. Sie sollten Mitarbeiter sein, aber kein Recht haben,
über die Taktik mitzusprechen, die mit dem Programm, auf Grund dessen
sie ihre Mitarbeiterschaft zugesagt hatten, im _schneidendsten
Widerspruch stand_. Schreibt so radikal wie möglich für Sozialismus und
Kommunismus, je radikaler, desto besser; ihr seid dann die Flagge, unter
der ich meine Konterbande decke. So ungefähr mochte Schweitzer
räsonnieren. Es war daher eine Unverschämtheit, wenn er auf die
Beschwerde von Marx und Engels über die Haltung des Blattes erklärte:
sie im Ausland könnten die Dinge in Deutschland nicht beurteilen. Diese
konnten aber selbst Personen durchaus richtig beurteilen, die den Marx
und Engels nicht das Wasser reichten. Eines konnte man damals Bismarck
nicht vorwerfen, daß er seine Politik verschleierte und mit verdeckten
Karten spielte.
Bucher hat später, im Herbst 1878, als anläßlich des bevorstehenden
Sozialistengesetzes seine Einladung von Marx, für den „Staatsanzeiger“
zu schreiben, Gegenstand der öffentlichen Erörterung wurde, die Marxsche
Darlegung dieser Einladung bestritten. Darauf antwortete Marx in der
„Daily News“ unter anderem:
Der Brief, worin mich Herr Bucher für den „Staatsanzeiger“ zu kirren
suchte, datiert vom _8. Oktober 1865_. Es heißt darin unter anderem:
„In betreff des Inhaltes versteht es sich von selbst, daß Sie nur
Ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung folgen; jedoch wird die
Rücksicht auf den Leserkreis — haute finance —, nicht auf die
Redaktion, es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für
den Sachverständigen durchscheinen lassen.“ Dagegen besagt die
„Berichtigung“ des Herrn Bucher, daß er bei „Herrn Marx anfrug, ob er
die gewünschten Artikel liefern wolle, indem es auf eine objektive
Behandlung ankäme. Von des Herrn Marx ‚eigenem wissenschaftlichen
Standpunkt‘ steht nichts in meinem Briefe.“
Ferner heißt's in dem Briefe Buchers:
„Der ‚Staatsanzeiger‘ wünscht monatlich einen Bericht über die
Bewegungen des Geldmarktes (und natürlich auch des Warenmarktes,
soweit beide nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich nicht
jemanden empfehlen könnte, und erwiderte, niemand würde das besser
machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu
wenden.“
Klassisch ist der Schluß der Bucherschen Einladung, die Marx in jener
Erklärung ebenfalls abdruckt:
„Der Fortschritt (er meinte die liberale oder Fortschrittsbourgeoisie)
wird sich noch oft häuten, ehe er stirbt; wer also während seines
Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der muß sich ralliieren
um die Regierung.“
Das war also der Grund, der Bucher Bismarck in die Arme trieb und der
ihn veranlaßte, bei anderen das gleiche zu versuchen.
Nach einer Erklärung, die Liebknecht am 24. März in der „Rheinischen
Zeitung“ veröffentlichte, habe Schweitzer nach dem Tode Lassalles Marx
zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorgeschlagen.
Marx habe abgelehnt, sich mit einer Bewegung zu identifizieren, deren
Taktik er für grundverkehrt hielt, auch habe er keine Neigung gehabt,
unter den obwaltenden politischen Zuständen nach Deutschland
überzusiedeln. Schweitzer habe sich verpflichtet, daß das neue Blatt die
Lassallesche Taktik nicht befolgen, jedes Kokettieren mit der Reaktion
vermeiden sollte, unter dieser Bedingung, und nur unter dieser, habe er
sich zur Mitarbeiterschaft bereit erklärt, vorausgesetzt, daß auch Marx
und Engels sich beteiligen würden. Beide hätten sich schließlich nur mit
dem größten Widerstreben dazu verstanden, und nur auf seine wiederholte
Versicherung, daß er an die Loyalität Schweitzers — von dem er sehr
schlimme Dinge gehört — glaube.
Die Politik des „Sozialdemokrat“ trug rasch die gewünschten Früchte.
Bereits Anfang Februar 1865 hielt ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, Peter Rex, in Köln eine Rede, worin er sagte: _ihm sei
die jetzige Regierung lieber als ein Fortschrittsministerium_. Der
„Sozialdemokrat“ druckte ohne ein Wort der Kritik diese Aeußerungen ab.
Am 12. März erklärte der Rheinisch-Westfälische Arbeitertag zu Barmen
sich mit der Haltung des „Sozialdemokrat“ einverstanden, auch sei es
durchaus zu billigen, die Vorschläge der preußischen Regierung, die bei
verschiedenen Gelegenheiten die Verbesserung der Lage der arbeitenden
Klassen durch die Gesetzgebung _versprochen_ habe, abzuwarten, bevor man
über dieselbe aburteile, indem es keineswegs unmöglich sei, _daß
dieselbe das Dreiklassenwahlgesetz aufhebe und statt desselben das
allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht_, wie es das von
Lassalle, dem Begründer der deutschen Arbeiterpartei, vorgezeichnete
nächste Ziel der jetzigen deutschen Arbeiterbewegung sei, _einführe_.
Form und Inhalt dieser Resolution sprachen dafür, daß Schweitzer sie
verfaßt hatte, auch empfahl der „Sozialdemokrat“, überall dieselbe zur
Abstimmung zu bringen, ein Akt, der einem Vertrauensvotum für die
preußische Regierung gleichkam.
Bereits begann aber auch die Opposition im Verein sich bemerkbar zu
machen. In seiner Nr. 38 polemisierte der „Sozialdemokrat“ gegen die
offenen Feinde und falschen Freunde, die Zwietracht in die Partei zu
säen suchten. Und da die Opposition auch begann, gegen die
diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu
polemisieren, so mußte die Organisation als das ureigenste Werk
Lassalles mit einer Art _Glorienschein_ umgeben werden. Der
Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefördert und jeder als
eine Art Schänder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu
hegen wagte. Es waren namentlich die Worte im Lassalleschen Testament:
„Dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein empfehle ich, den Frankfurter
Bevollmächtigten, Bernhard Becker, zu meinem Nachfolger zu wählen. _Er
soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum
Siege führen_“, die das Schibolet wurden, das den echten von dem
falschen Lassalleaner unterschied. Und Schweitzer unterstützte diese
allmählich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schließlich
eine Art religiöser Glaubenssätze wurden. Kam es doch im Laufe der Jahre
dahin, daß das Thema „Christus und Lassalle“ das Thema für die
Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde. F.W. Fritzsche
erhielt sogar 1868 in Berlin eine Anklage wegen eines Vortrags über
dieses Thema, in dem der Staatsanwalt eine Gotteslästerung erblickte.
Fritzsche wurde nur freigesprochen, weil ihm der Dolus nicht
nachgewiesen werden konnte.
Wie Schweitzer innerlich über dieses von ihm geförderte Treiben dachte,
bedarf keiner Auseinandersetzung.
In einem merkwürdigen Gegensatz zu den Bismarckartikeln veröffentlichte
der „Sozialdemokrat“ in seiner Nr. 43 vom 5. April 1865 eine
Schlußbetrachtung über die österreichischen Staatsverhältnisse, worin es
hieß:
„Die Deutsche Volkspartei ist, wie in allem, so auch in der deutschen
Einheitssache radikal, das heißt sie will die ganze und ausnahmslose
Verwirklichung der als gut und richtig erkannten Idee.
Die Deutsche Volkspartei also will das _ganze_ Deutschland zum freien
Volksstaat vereinen.
Das _ganze_ Deutschland! sagen wir. Nicht ein Dorf, nicht ein
Meierhof, nicht die kleinste Hütte im fernsten Winkel darf uns fehlen!
Der kleindeutsche Gedanke eines ‚einigen Deutschland‘ ohne die
deutsch-österreichischen Provinzen ist _ein Hochverrat an der Nation
und ihrer Zukunft_. (Auch im Text gesperrt gedruckt.)
Ein einiges Deutschland — _bedingungslos, ausnahmslos!_“
Das war eine der Doppelzüngigkeiten, womit Schweitzer bezweckte, die
Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich anläßlich der
Bismarckartikel innerhalb und außerhalb des Vereins geltend machte. Er
sah, daß er sich zu weit vorgewagt hatte. Ein solches Manöver
wiederholte er _regelmäßig_, sobald er wegen seines Verhaltens
öffentlich Angriffen ausgesetzt war. Alsdann warf er sich wieder auf die
linke Seite und schrieb mit einem Radikalismus, der nichts zu wünschen
übrig ließ. Er konnte so, aber auch anders.
Und er nicht allein, auch der eine und der andere seiner Anhänger. In
derselben Nummer des „Sozialdemokrat“, in der der oben zitierte Artikel
über Oesterreich stand, veröffentlichte Tölcke einen spaltenlangen
Bericht über eine _Königsgeburtstagsfeier, welche die Mitglieder des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Iserlohn veranstaltet hatten
und in der Tölcke ein Hoch auf den König von Preußen ausgebracht hatte_.
In diesem Toast führte Tölcke aus, der Wille, den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein vernichten zu wollen — wie das der Iserlohner
Bürgermeister durch maßlos brutale Unterdrückungsmaßregeln versucht
hatte — sei vergeblich.
„Das gelingt nimmermehr, weil das preußische Ministerium den
Bestrebungen des Vereins, mehr aus volkswirtschaftlichen als aus
politischen Beweggründen, augenscheinlich die große Aufmerksamkeit
schenkt — es gelingt endlich nimmermehr, weil Seine Majestät unser
allverehrter König der Freund der Arbeiter ist.“
Auf Tölckes Betreiben hatte man sogar den König durch eine
telegraphische Depesche zum Geburtstag beglückwünscht, worauf folgende
Antwort eingegangen war:
„Dem Arbeiterverein Iserlohn. Seine Majestät dankt bestens für Ihre
Glückwünsche. Im allerhöchsten Auftrag: Strubberg, Oberstleutnant und
Flügeladjutant.“
Die Verlesung dieser Depesche wurde, wie Tölcke weiter berichtete, mit
einem gewaltigen Hoch auf Seine Majestät aufgenommen. Im Festsaal war
ein Transparent angebracht: der preußische Adler stehend auf
verschlungenen Eichen- und Lorbeerzweigen, und darüber die Inschrift:
Heil dem Könige, dem Beschützer der Bedrängten!... Weithin schallten
patriotische Lieder. Ein Kriegerverein konnte nicht patriotischer
handeln.
Schweitzer druckte den spaltenlangen Bericht Tölckes im „Sozialdemokrat“
ab, ohne ein Wort des Tadels oder der Unzufriedenheit hinzuzufügen.
Tölcke handelte eben in den Intentionen Schweitzers. Das hinderte ihn
aber nicht, im „Sozialdemokrat“ vom 20. September 1865 bei Besprechung
einer Depesche Lord Russells, worin dieser den Gasteiner Vertrag
zwischen Preußen und Oesterreich aufs schärfste verurteilte, zu sagen:
Was geht uns der Gasteiner Vertrag an?... Es ist nur eine Angelegenheit
der preußischen Regierung, deren Politik im offensten und
entschiedensten Widerspruch zum Willen des Volkes in Preußen steht. Und
gegen die „Kreuzzeitung“ gewendet, die dem Volke mit dem Ausland drohte,
das sich in deutsche Angelegenheiten mischen werde, antwortete er: Nicht
in Frankreich, in Deutschland sitzen die Erbfeinde deutscher Nation. Wen
er darunter meinte, das überließ er dem Leser, sich zurechtzulegen. Wie
konnte der Arbeiter von damals in dieser Zweideutigkeit und
Doppelzüngigkeit sich zurechtfinden? Er hatte nur das eine Gefühl, daß
der Mann, der alles das schrieb, geistig turmhoch über ihm stand und er
darum ihm folgen müsse.
Die Verbreitung, die damals der „Sozialdemokrat“ besaß, war eine sehr
geringe. Er hatte nur _einige hundert Abonnenten_. Das Blatt erforderte
also _sehr erhebliche_ Zuschüsse, und es konnte gar keine Rede davon
sein, daß es seinen Redakteuren auch nur einen Pfennig Gehalt abwarf,
obgleich beide darauf angewiesen waren. Um so mehr mußte auffallen, daß
bei einem solch elenden finanziellen Stand dasselbe vom 1. Juli 1865 ab
sogar _täglich_ erschien, also sein Defizit fast verdoppelte, ohne jede
Aussicht, in absehbarer Zeit einen Abonnentenzuwachs zu erlangen, der
auch nur einen nennenswerten Teil der Kosten deckte. Die Frage war also
sehr natürlich: wo kommt das Geld her? denn ohne daß erhebliche
Zuschüsse von irgend einer Seite in Aussicht standen, war der Plan, das
Blatt täglich erscheinen zu lassen, der Plan von Irrenhäuslern.
Der Verein hatte kein Bedürfnis nach einer solchen Vergrößerung des
Blattes, wohl aber die _konservative Presse_, welche die scharfen
Angriffe, die der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt gegen die
Fortschrittspartei und ihre Politik führte, mit Behagen weiter
verbreitete und die liberale Presse zwang, dem „Sozialdemokrat“
ebenfalls größere Beachtung zu schenken. Auf diese Weise erlangte das
Blatt eine Bedeutung, die ganz außer Verhältnis zu seiner Verbreitung
stand. Die Frage: woher kommt das Geld? wurde auch für die liberale
Presse aktuell, und so sahen sich Schweitzer und Hofstetten genötigt, in
der Nr. 77 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juni 1865 eine Erklärung gegen
die „Rheinische Zeitung“ zu veröffentlichen, die in ihrer Nr. 139
erklärt hatte: _Der „Sozialdemokrat“ stehe in nahen Beziehungen zu
Bismarck, und in ihrer Nr. 139 weiter die Beschuldigung aussprach, dem
„Sozialdemokrat“ flössen aus hochkonservativen Kreisen die Mittel zu, um
statt dreimal wöchentlich täglich zu erscheinen_. Die Erklärung
Schweitzers und Hofstettens gegen die „Rheinische Zeitung“ lautete:
„In diesen beiden Stellen hat die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘,
obwohl mit einiger Vorsicht (? A.B.) und in etwas gewundenen Phrasen
(? A.B.), so doch im ganzen ziemlich unzweideutig uns, die Redakteure
des ‚Sozialdemokrat‘, der schmählichsten und erbärmlichsten Haltung
beschuldigt, die überhaupt in der Politik möglich ist: daß nämlich
wir, die berufen sind, die sozialdemokratische Partei in der Presse zu
vertreten, uns an eine entgegenstehende Partei oder politische Macht
verkauft hätten.
Wenn die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ nicht _sofort nach
Kenntnisnahme dieser Erklärung ihre Verleumdung widerruft, werden wir
gegen dieselbe, weiteres uns übrigens vorbehaltend, bei dem
zuständigen Gericht Klage erheben._“
Darauf antwortete die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ bereits am
folgenden Tage, den 29. Juni:
_„An die Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, zu Händen des Herrn v.
Schweitzer, Berlin.
Die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ sieht sich angesichts der ihr
zugesandten Erklärung nicht veranlaßt, irgend etwas zu widerrufen, und
überläßt es der Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, die angedrohte Klage
zu erheben.“_
Darauf antwortete Schweitzer:
_„Demgemäß wird also die in Aussicht gestellte Klage stattfinden.“_
Diese Klage fand aber nicht statt, Schweitzer ließ die schweren
Beschuldigungen gleich anderen, die ihm schon gemacht worden waren, auf
sich sitzen. Das besagt genug.
Um diese Zeit und noch Jahre nachher machte sich ein Individuum in den
Berliner Arbeiterkreisen sehr bemerklich, das im Verdacht stand, im
Dienste der Regierung zu stehen. Es war dies der angebliche Arbeiter
Preuß. Tatsächlich war dieser für ein Gehalt von 50 Taler monatlich
angestellt, und zwar stand er im direkten Dienst des _Geheimen
Regierungsrats Wagener_. Nebenher lieferte Preuß für eine Anzahl Blätter
die Polizeinachrichten, die ihm eine Extraeinnahme brachten. Preuß war
es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen
Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser, wie ich schon im
ersten Teil dieser Arbeit erzählte, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt
wurde. Preuß besuchte mit Vorliebe die Versammlungen des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins, in denen er auch öfter sprach. Liebknecht und
andere unserer damaligen Berliner Parteifreunde behaupteten mit
Bestimmtheit, daß er den Mittelsmann zwischen Schweitzer und Wagener
abgebe, doch hatte Schweitzer wohl direktere Beziehungen zu Wagener.
Letzterer, der Geriebene, mit allen Wassern Gewaschene, war, wie
allbekannt, die rechte Hand Bismarcks in allen sozialpolitischen
Angelegenheiten, zugleich war er vortragender Rat und stand so in
engster täglicher Beziehung zu Bismarck und dem König. Die Kette
Schweitzer-Wagener-Bismarck war also ohne ein weiteres Verbindungsglied
geschlossen, was für alle Teile sehr wichtig war. Daß Schweitzer je mit
Bismarck persönlich verkehrte, betrachte ich als vollkommen
ausgeschlossen. Schweitzer war kein Lassalle. Unvergeßlich bleibt mir,
wie Bismarck eines Tages im Reichstag den Neugierigen spielte und mit
der Lorgnette vor den Augen den auf die Tribüne zuschreitenden
Schweitzer vom Scheitel bis zu den Zehen maß, als wollte er sagen: also
du bist der, der mir an den Rockschößen hängt?
Am Molkenmarkt mußte man die Beziehungen Schweitzers zu Wagener und
höher hinauf kennen. Daher kam es wohl, daß, wenn der „Doktor“, wie
Schweitzer dort kurz und vertraulich genannt wurde, seine öfteren
Besuche auf dem Präsidium machte, die Beamten und Offiziere ihn sehr
entgegenkommend behandelten, wie das der undankbare Tölcke nach einer
Reihe Jahre, als er mit Schweitzer gebrochen hatte, zugestand. Das
Berliner Polizeipräsidium hatte offenbar ein lebhaftes Interesse, auf
Grund seiner wenig sagenden Akten Schweitzer zu rehabilitieren und damit
auch Wagener und Bismarck weiß zu waschen. Aus diesem Grunde geschah es
wohl, daß, als Dr. Gustav Mayer sein Werk „Johann Baptist v. Schweitzer
und die Sozialdemokratie“ schrieb (bei Gustav Fischer in Jena
erschienen), ihm das Berliner Polizeipräsidium bereitwilligst Einsicht
in seine Geheimakten über Schweitzer nehmen ließ. Schon fünfzehn Jahre
früher wurde Genosse Franz Mehring, als er seine Geschichte der
deutschen Sozialdemokratie verfaßte, vom Polizeipräsidium dieselbe
Offerte gemacht, die Mehring aber ablehnte.
* * * * *
Die Gräfin Hatzfeldt, der die Unterstützung der Bismarckschen Politik
durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung
dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau
Herweghs versucht, in dem sie schrieb:
„Es liegt ein förmlicher Abîme (Abgrund) zwischen folgenden zwei
Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt
oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu
erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind
durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn
zu drängen und die dem Zwecke günstige Konjunktur, sie möge
hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die _bloßen_
ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen,
in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und
darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht
brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu
Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig,
kurz, sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser
weiß.“
Die Frau Gräfin hatte sich hier ein Programm zurechtgelegt, das selbst
einen Lassalle zum Scheitern gebracht hätte, weil vor allen Dingen die
Macht, die dazu gehörte, in der von ihr geschilderten Weise zu
politisieren, fehlte. Lassalle wäre, das ist meine Ueberzeugung, wenn es
zum Kirschenessen mit Bismarck gekommen wäre, gehörig hereingefallen;
sein Spiel hätte mit einer gewaltigen Blamage geendet. Zu glauben, ein
Bismarck konnte oder wollte der Sozialdemokratie, also dem Todfeind der
bürgerlichen Gesellschaft, ernsthafte Konzessionen machen, er, dem doch
allein daran liegen mußte, mit der modernen Macht des Kapitalismus sich
zu verständigen und der zu diesem Zwecke die Sozialdemokratie allenfalls
als _Mittel_ benutzte, hätte von einer Verblendung gezeugt, die alles
andere, nur nicht Realpolitik gewesen wäre. Auch ist die
Sozialdemokratie keine Schafherde, die gedankenlos hinter dem Führer
trottet und sich beliebig führen und nasführen läßt. Das mochte die
Gräfin Hatzfeldt zu ihrer Zeit und in der Atmosphäre, in der sie lebte,
noch glauben, aber eine sozialdemokratische Politik ist auf die Dauer
nicht ohne die bewußte Mitwirkung der Massen und das Betreten ehrlicher,
gerader Wege möglich. Die Massen lassen sich auf diplomatische Finessen
nicht ein; der Führer, der anders rechnet, wird bald erkennen, daß er
sich verrechnet hat.
Der Sommer 1865 bot Schweitzer Gelegenheit, sich wieder als Radikaler
aufzuspielen, womit er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in den
Hintergrund zu drängen hoffen durfte. Es war das ebenfalls schon von mir
im ersten Bande erwähnte Abgeordnetenfest in Köln, dem gegenüber
Bismarck den Gewaltmenschen spielte. Schweitzer mit seinem gewohnten
großen Geschick wendete sich in einer Reihe Artikel im „Sozialdemokrat“
gegen die Regierung. Und wenn er darin der Fortschrittspartei wegen
ihres feigen Verhaltens in der Kölner Angelegenheit übel mitspielte, so
forderte er auch mit Nachdruck ein völlig freies Vereins- und
Versammlungsrecht für Preußen. Trotz seiner eminenten journalistischen
Gewandtheit schrieb er jetzt mit einer Schärfe, daß der „Sozialdemokrat“
eine längere Reihe von Tagen _täglich konfisziert_ wurde. Diese
oppositionelle Haltung übertrug er auch auf die Kritik an der
auswärtigen Politik, als Bismarck im Oktober zu Napoleon nach Biarritz
reiste, um dessen Zustimmung zu seiner „nationalen“ Politik zu erlangen,
Verhandlungen, bei denen, wie sich nach 1866 erwies, Napoleon der
Geprellte war. Gegen Schweitzer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage
wegen verschiedener Preßvergehen. Auch reizte die Opposition des
„Sozialdemokrat“ die Staatsanwaltschaft noch zu weiterer Verfolgung. So
wurden durch Gerichtsbeschluß in Berlin und Magdeburg die
Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unterdrückt,
weil sie als selbständige politische Vereine anzusehen seien, die nach
dem § 8 des preußischen Vereins- und Versammlungsgesetzes nicht
miteinander in Verbindung stehen durften.
Diese Verfolgungen verhinderten aber nicht, daß im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein Schweitzer mit einer starken Opposition zu kämpfen hatte,
wobei die Gräfin Hatzfeldt tapfer schürte, weil er dieser nicht den
verlangten Einfluß auf den Verein und seine Politik einräumte. Es begann
ein wahres Tohuwabohu im Verein, es war der Kampf um die Macht. Lassalle
hatte kurz vor seinem Tode Schweitzer zum Vorstandsmitglied des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ernannt. Die Generalversammlung in
Düsseldorf ließ ihn aber für diesen Posten durchfallen. Bernhard Becker
war ebenfalls mit Schweitzer zerfallen und versuchte einen Haupttrumpf
gegen ihn auszuspielen, indem er die Generalversammlung des Vereins nach
Frankfurt a.M. einberief, den Ort, der Schweitzer nach seiner
Vergangenheit der allerunangenehmste sein mußte. Indes war die
Opposition auch gegen den unfähigen Becker so stark, daß dieser kurz
vor der Frankfurter Generalversammlung sein Amt niederlegte, worauf
Tölcke als sein Nachfolger gewählt wurde. Bis aber dessen Wahl durch die
Urabstimmung in den Mitgliedschaften bestätigt war, sollte
Hillmann-Elberfeld, der wieder Fritzsche als Vizepräsident ersetzt
hatte, die Leitung des Vereins übernehmen. Hillmann, der zu den
entschiedensten Gegnern Schweitzers gehörte, benutzte jetzt seine
Stellung, um den zwischen Becker und Schweitzer abgeschlossenen Vertrag,
wonach der „Sozialdemokrat“ offizielles Vereinsorgan war, für null und
nichtig zu erklären und ihm das Recht, sich Vereinsorgan zu nennen, zu
entziehen. Schweitzer und Hofstetten bezeichneten von da ab das Blatt
als „Organ der sozialdemokratischen Partei“.
Mittlerweile war Schweitzer ins Gefängnis gewandert. Er war am 24.
November wegen verschiedener Preßvergehen, darunter Majestätsbeleidigung
und Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen, zu einem Jahre Gefängnis
verurteilt worden. Später bekam er noch vier Monate dazu, auch wurden
ihm jetzt die Ehrenrechte aberkannt. Seine Verhaftung erfolgte kurz nach
seiner ersten Verurteilung. Schweitzers journalistische Tätigkeit wurde
aber durch die Haft in keiner Weise unterbrochen, wie er denn im
Gefängnis ein Maß von Freiheiten genoß, das weder bis dahin noch später
einem in Berlin zu Gefängnis verurteilten politischen Gefangenen zuteil
wurde. Er traf alle Anordnungen sowohl als Redakteur wie später als
Präsident des Vereins aus dem Gefängnis. Seine Korrespondenz war
unbeschränkt, Besuche empfing er häufig. Als er 1869 eine mehrmonatige
Gefängnisstrafe in Rummelsburg verbüßte, konnte er sich sogar dem
Vergnügen des Kahnfahrens auf dem Rummelsburger See widmen.
Selbstbeköstigung war ihm ebenfalls gestattet, die in den Berliner
Gefängnissen für politische Gefangene erst in sehr viel späterer Zeit,
zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erlangt wurde.
Man hat geltend gemacht, daß die verschiedenen Gefängnisstrafen ein
Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wäre Bismarckscher Agent
gewesen. Diese Auffassung ist durchaus _falsch_. Die Beziehungen, die
eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie
nicht den Staatsanwälten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige
Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen
ist auch sehr geeignet, Mißtrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen
und das Vertrauen in ihn zu stärken. Bekanntlich haben auch die Berliner
Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine
stundenlangen politischen Unterhaltungen als „angenehmer Gutsnachbar“
hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefängnisstrafen
zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wußte, wie
Bismarck und Lassalle zueinander standen. Lastete doch der Gedanke
schwer auf Lassalle, wie er bei seinem Gesundheitszustand die langen
Haftstrafen überstehen werde.
In den Monaten, welche der Kriegsentscheidung im Juni 1866 vorausgingen,
arbeitete der „Sozialdemokrat“ weiter zugunsten der Bismarckschen
Politik, und zwar wie auch früher mit raffiniertem Geschick. Es mußten
schon geübte Augen und ein scharfer Verstand sein, um aus all den
Verklausulierungen und Widersprüchen herauszuschälen, daß er eine
unehrliche Politik betrieb.
Gegen Ende März 1866, also während er im Gefängnis sitzt, wird er im
„Sozialdemokrat“ deutlicher: „Die Zerstörung der Bundesleiche zu
Frankfurt sollte die Auflösung der Nation bedeuten. Die Geburt der
Nation würde von diesem Tage an datieren.“ Einer seiner Hamburger
Anhänger, Schallmeier, erklärte im „Sozialdemokrat“, die Arbeiter würden
für den Krieg sein, gebe man denselben das allgemeine Wahlrecht.
Gleichzeitig erhebt der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt heftige
Angriffe gegen die Fortschrittspartei, den Nationalverein, den
Sechsunddreißiger-Ausschuß. Daneben erschienen wieder einige Artikel,
worin ein Buch Rüstows über das Milizsystem günstig besprochen und das
Milizheer als eine Einrichtung gepriesen wird, die am billigten die
meisten Streiter liefere.
Im März noch hatte der „Sozialdemokrat“ den preußischen
Bundesreformentwurf mit Geringschätzung behandelt, er werde „schätzbares
Material“ bleiben. In der zweiten Hälfte April tritt er entschieden für
die preußische Bundesreform ein. Jetzt war keine Rede mehr von den
früheren Versicherungen, dem neuen Deutschen Reiche dürfe kein Dorf,
nicht der letzte Weiler fehlen. Er hatte auch vergessen, daß er noch in
der zweiten Hälfte September 1865 geschrieben: Unser köstliches Kleinod
ist, daß wir kein Oesterreich und kein Preußen, kein Bayern und kein
Hessen-Homburg, daß wir nur ein Deutschland kennen, ein deutsches Volk
und eine deutsche Sprache.
In einer Artikelserie: Habsburg, Hohenzollern und die deutsche
Demokratie, die Ende April erschien, spricht er sich schließlich für die
Vernichtung Oesterreichs aus; es müsse reduziert werden auf die 12900000
Einwohner, die zum Bunde gehörten. Dann sei Deutschland konstituiert,
das heißt dann hat Preußen das Feld.
Auf ein wiederholtes Gesuch wurde Schweitzer am 9. Mai 1866 angeblich
wegen gefährdeter Gesundheit aus dem Gefängnis beurlaubt. Dagegen wäre
nichts einzuwenden gewesen, entsprach der Grund des Urlaubs der
_Wahrheit_. Dieser Grund erwies sich aber als eine Lüge. _Kaum aus dem
Gefängnis beurlaubt, entwickelte Schweitzer eine umfassende politische
Tätigkeit_, die nicht nur bewies, daß die Ruhe des Gefängnisses ihm
wieder eine gute Gesundheit verschafft hatte, _sondern daß auch die
maßgebenden Behörden gegen seine politische Tätigkeit nichts einzuwenden
hatten, obgleich sonst die Behörden bei Beurlaubungen politischer
Gefangener die selbstverständliche Forderung stellen, daß der Beurlaubte
nicht eine Tätigkeit betreibe, wegen der er in Strafe genommen worden
ist_.
Am 21. Mai erscheint Schweitzer in Hamburg, um dort „Ordnung zu
schaffen“, am 11. Juni in Erfurt und am 18. Juni in Leipzig, woselbst er
in einer Rede für die Bismarcksche Bundesreform eintritt. Dieses
Eintreten hatte aber nicht verhindert, daß am 18. Mai der
„Sozialdemokrat“ in einem Leitartikel sagte: Von einem liberalen Preußen
sprechen die Gothaer, das an die Spitze Deutschlands zu treten habe,
aber das hieße in Wahrheit sprechen: _von einem Preußen, das nicht
existiert und nicht existieren kann_.
Und dieser positiven durchaus richtigen Auffassung über das Wesen
Preußens gegenüber sagt Schweitzer am 16. Juni in Leipzig in einem
Vortrag „Ueber die gegenwärtigen Aufgaben der sozialdemokratischen
Partei Deutschlands“ am Schlusse:
„Wenn es aber gelingt, die preußische Regierung weiterzutreiben auf
dem _Wege der Konzessionen an uns_ (sic! A.B.)..., dann werden wir
soviel wir können das _Unsere tun_, daß der Sieg nicht bei den Fahnen
Oesterreichs, sondern bei den Fahnen Preußens, nicht bei den Fahnen
Benedeks, sondern bei den Fahnen Bismarcks und Garibaldis sei.“
Kann man widerspruchsvoller handeln?
Diese Auslassungen sind als Programmsätze Schweitzers sehr
bemerkenswert, und sie fanden wohl an hoher Stelle in Berlin ihr Echo.
Was aber das Antreiben der preußischen Regierung zu Konzessionen an uns
(also an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein) betraf, so war, ganz
abgesehen von dem Utopismus, auf Bismarcksche Konzessionen zu
hoffen — woran Schweitzer auch selbstverständlich nicht glaubte — das
ganze Gerede eine _Aufschneiderei_, denn Schweitzer selbst hatte zuletzt
noch am 3. Juni, vierzehn Tage vor seiner Leipziger Rede, im
„Sozialdemokrat“ geschrieben: _daß die Wirren im Verein bis auf weiteres
denselben unfähig machten, in sozialpolitischen Dingen irgend etwas zu
leisten_.
Diesem Gedanken hatte er auch schon wiederholt vor dem 3. Juni im
„Sozialdemokrat“ Ausdruck gegeben, wie denn in der Tat die Wirren im
Verein, an denen Schweitzer sein vollgerüttelt Maß der Schuld trug, bis
in das Jahr 1867 hinein denselben in Zerrüttung hielten.
In seltsamem Widerspruch zu diesen wiederholten Erklärungen Schweitzers
steht es, wenn noch in unseren Tagen die Behauptung aufgestellt wurde,
der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein habe zu jener Zeit einen
merkbaren Einfluß auf die Neugestaltung der Dinge ausgeübt, zum Beispiel
bei Erlangung des allgemeinen Wahlrechts. Bei dem Widerstand, den das
Bismarcksche Reformprojekt in den weitesten Kreisen fand, mußte Bismarck
allerdings jede Unterstützung, war sie auch noch so unbedeutend, für
sein Projekt willkommen sein. Daß er das allgemeine Wahlrecht gewährte,
geschah, weil er es gewähren mußte. Das war so selbstverständlich, daß
es dazu keiner Einflüsterungen und Anfeuerungen bedurfte. Hatte er doch
bereits Sommer 1863, also zu einer Zeit, in der der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein eben erst gegründet worden war, gegenüber dem
österreichischen Reformentwurf, der das deutsche Parlament aus
Delegationen der einzelstaatlichen Landtage zusammensetzen wollte, ein
Parlament gefordert, das auf Grund des in der Paulskirche 1849
beschlossenen allgemeinen Wahlrechtes gewählt werden sollte. Bismarck
hat die Gründe, weshalb er zu demselben griff und greifen mußte, nicht
bloß später im norddeutschen Reichstag auseinandergesetzt; er schrieb
auch in einer Zirkulardepesche am 24. März 1866, also drei Monate vor
dem Krieg:
„Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich für größere
Bürgschaften einer konservativen Haltung als irgend ein künstliches,
auf Erzielung gemachter Majoritäten berechnetes Wahlgesetz. Nach
unseren Erfahrungen sind die Massen ehrlicher bei der Erhaltung
staatlicher Ordnung interessiert als die Führer derjenigen Massen, die
man durch die Einführung irgendeines Zensus in der aktiven
Wahlberechtigung privilegieren möchte.“
Und an den Grafen Bernsdorf in London schrieb Bismarck unter dem 19.
April 1866:
„Ich darf es wohl als eine auf langer Erfahrung begründete
Ueberzeugung aussprechen, daß das künstliche System indirekter und
Klassenwahlen ein viel gefährlicheres ist, indem es die Berührung der
höchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse
des Volkes bilden, verhindert.... Die Träger der Revolution sind die
Wahlmännerkollegien, die der Umsturzpartei ein über das Land
verbreitetes und leicht zu handhabendes Netz gewähren, wie dies 1789
die Pariser Elekteurs gezeigt haben. Ich stehe nicht an, indirekte
Wahlen für eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Revolution zu
erklären, und ich glaube, in diesen Dingen praktisch einige
Erfahrungen gesammelt zu haben.“
Zu diesen Gründen, die deutlich das Unbehagen verraten, das die
bisherigen Resultate der Wahlen nach dem Dreiklassenwahlsystem in
Preußen bei ihm erzeugten, kommen noch als besonders _entscheidende_,
daß in dem Staatenkonglomerat, das der später neugebackene Norddeutsche
Bund bildete, es keine gemeinsame Grundlage gab, auf der ein anderes
Wahlrecht als das allgemeine möglich war. Ferner gebot die Rücksicht auf
die Traditionen des ersten deutschen Parlaments in Frankfurt 1848/49,
daß er das allgemeine Wahlrecht einführte, das allein die starken
Antipathien, die gegen die Gründung des Norddeutschen Bundes selbst in
weiten Kreisen der norddeutschen Bevölkerung vorhanden waren,
einigermaßen überwinden konnte. Es muß weiter hinzugefügt und
_wiederholt_ daran erinnert werden, daß in jenen Jahren der Gedanke, das
allgemeine Wahlrecht einzuführen, selbst in konservativen Kreisen im
Hinblick auf die Resultate des Dreiklassenwahlsystems sympathisch
aufgenommen wurde und der Geheime Regierungsrat Wagener schon im
Spätsommer 1862, also _ehe_ noch Lassalle öffentlich diese Forderung
erhoben hatte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts befürwortete.
Auch hatten schon zu Anfang 1862 die radikalen Leipziger Arbeiter diese
Forderung gestellt, und seit 1865 war es eine Programmforderung _der
gesamten deutschen Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei_. Im
Winter 1865/66 wurde diese Forderung in unzähligen Volksversammlungen
propagiert, noch ehe jemand an den Bismarckschen Reformentwurf denken
konnte, weil er für die Oeffentlichkeit noch nicht existierte. Es war
also nach Lage der Dinge unmöglich, daß der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein als solcher merkbaren Einfluß auf die Gewährung des
allgemeinen Stimmrechts ausgeübt hat.
Bismarck hatte am 9. Mai den Landtag nach Hause geschickt, weil er
fürchtete, daß er ihm, wie bei Gelegenheit der Schleswig-Holsteinschen
Frage, die Mittel zum Kriegführen verweigern werde. Bismarck brauchte
aber Geld, und so gab er auf dem Verordnungswege, also ohne alles
gesetzliche Recht, 40 Millionen Taler Kassenscheine aus und ordnete die
Errichtung von Darlehenskassen an. Die gesamte liberale und
demokratische Presse spie mit Recht Feuer und Flamme über diese
gesetzwidrige Handlung, aber _Schweitzer brachte es fertig, unter sehr
deplacierten Angriffen auf die Fortschrittspartei die Handlung
Bismarcks zu verteidigen_. Als dann Bismarck nach dem Kriege die
Gründung eines Staatsschatzes, der mit 20 Millionen Taler dotiert werden
sollte, verlangte, um ausgesprochenermaßen im Kriegsfall zunächst von
einer Geldbewilligung der Kammer unabhängig zu sein, _führte Schweitzer
wieder eine Menge Gründe zugunsten desselben an, wagte aber nicht_, sich
rückhaltlos für den Plan auszusprechen.
Der „Sozialdemokrat“ mußte mit dem 1. April 1866 sein sechsmaliges
Erscheinen einstellen; er erschien wieder nur dreimal wöchentlich. Es
mochte niemand mehr ein Bedürfnis haben, angesichts der kommenden
kriegerischen Ereignisse weiter schwere Opfer für ein sechsmaliges
Erscheinen zu tragen. _Denn er besaß noch keine 500 Abonnenten_. Am 17.
Juni fand eine Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in Leipzig statt, die nur von 12 Delegierten besucht
war, was zeigt, wie gering damals die Leistungsfähigkeit des Vereins
war. Angeblich sollten diese 12 Delegierten, unter denen sich auch
Schweitzer befand, 9400 Mitglieder vertreten. Bei der Präsidentenwahl
unterlag Hillmann-Elberfeld gegenüber Perl-Hamburg, das war ein
indirekter Sieg Schweitzers. Im „Sozialdemokrat“ wiederholte sich jetzt
das Spiel, das man nach seiner Leipziger Rede erwarten mußte. Als
Oesterreich während der Waffenstillstandsverhandlungen Venetien an
Napoleon übergab, um es nicht an das verhaßte Italien abtreten zu
müssen, entdeckte Schweitzer hierin, gleich der liberalen Presse, einen
_Verrat_ Oesterreichs an Deutschland, und ging nun, diesen Vorwand
benutzend, mit fliegenden Fahnen in das Lager Preußens, dessen
„staunenswerte organisatorische Kraft“ gezeigt, daß Deutschland zu ihm
zu stehen habe. Von diesem seinem Standpunkt aus war es ihm
außerordentlich peinlich, als Ende August Johann Jacoby anläßlich der
Beratung einer Adresse an den König eine vorzügliche Rede im preußischen
Landtag hielt, in der er sich entschieden gegen das neue Gebilde,
den Norddeutschen Bund, aussprach, der die Ausschließung
Deutsch-Oesterreichs und der süddeutschen Staaten zur Voraussetzung
gehabt habe. Im weiteren erklärte sich Jacoby gegen die Indemnität, die
jetzt die Regierung für ihre gesetzwidrigen Maßnahmen vor und während
des Krieges von dem Landtag forderte. Schweitzer zollte zwar dem Mute
und dem Idealismus Jacobys volles Lob, rechtfertigte aber durch
gewundene Ausführungen den neuen Stand der Dinge. Als dann am 20.
September die allgemeine Amnestie erschien, war niemand vorhanden, der
dieselbe mehr verdient hätte als er für die Dienste, die er vom 9. Mai
ab für die Regierung geleistet hatte; sie brachte ihm den Nachlaß von
zehn Monaten seiner Haft.
Ende August 1866 machte der „Sozialdemokrat“ in der Anwandlung einer
melancholischen Stimmung das Geständnis: „So habe sich das deutsche Volk
die deutsche Einheit nicht vorgestellt.“ Was damals über den Entwurf zur
künftigen Nordbundsverfassung verlautete, war allerdings zum
Melancholischwerden. Bismarck, der wirkliche Realpolitiker, der jetzt im
Zenith seiner Macht stand, schmiedete das Eisen, solange es warm war,
und schuf einen Verfassungsentwurf, der noch ein gut Stück hinter der
preußischen Verfassung an konstitutionellen Rechten zurückstand. Es
hieße den Scharfsinn Schweitzers beleidigen, wollte man annehmen, daß er
ernstlich darüber enttäuscht war. Wer wie er das Wesen des jetzt alles
beherrschenden preußischen Staates und auch das Wesen und den Charakter
Bismarcks kannte, konnte nichts anderes erwarten. Aber wie wollte er
seine großpreußische Politik dem Verein gegenüber rechtfertigen und
mundgerecht machen? Jetzt zeigte sich, was es mit seiner Behauptung, der
Verein sei eine Macht, so „daß er ihm (Bismarck) Konzessionen abnötigen
könne“, auf sich hatte.
Wir waren nicht enttäuscht, denn wir hatten uns keinen Illusionen
hingegeben. Indes spann Schweitzer den alten Faden weiter. Vor allem
setzte er auf der Generalversammlung in Erfurt, die für den 27. Dezember
einberufen worden war, ein Wahlprogramm durch, dessen erster Punkt in
Berlin an maßgebender Stelle notwendig freundlich aufgenommen werden
mußte. Dieser Punkt lautete: „Gänzliche Beseitigung jeder Föderation,
jedes Staatenbundes, unter welcher Form es auch sei. Vereinigung aller
deutschen Stämme zu einer innerlich und organisch durchaus
verschmolzenen Staatseinheit, durch welche allein das deutsche Volk
einer glorreichen nationalen Zukunft fähig werden kann: durch Einheit
zur Freiheit.“ Also auf dem Wege der Bismarckschen Politik zur Freiheit.
Das war die _gleiche_ Parole, welche die nationalliberale Partei
aufgestellt hatte, und bedeutete weitere Annexionen, die nicht ohne
einen neuen Krieg ausführbar waren. Der zweite Punkt des Programms
handelte von der Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes mit
Diätenzahlung für Reichstag und Landtage. Sicherung der Volksrechte. Die
Forderung nach allgemeiner Volksbewaffnung, die in dem von der Gräfin
Hatzfeldt herrührenden Programmentwurf stand, strich Schweitzer, denn
nach dem „Sozialdemokrat“ hatte Preußen bewiesen, „daß es allein durch
seine staunenerregende organisatorische Kraft zur Führung der deutschen
Wehrkraft berufen sei“, und dem durfte man doch jetzt nicht mit der
allgemeinen Volksbewaffnung kommen. Der vierte Punkt verlangte Anbahnung
der Lösung der Arbeiterfrage durch freie Assoziationen mit Staatshilfe
nach den Prinzipien Ferdinand Lassalles. Also von Bismarcks Gnaden. Für
Moritz Heß gab das Erfurter Programm endlich den Anstoß, um als letzter
von den ersten Mitarbeitern dem „Sozialdemokrat“ die Mitarbeiterschaft
aufzusagen.
Man vergleiche dieses Verhalten Schweitzers mit seinem Verhalten im
Frühjahr 1865, als er, durch die Opposition in seinem Verein bedrängt,
im „Sozialdemokrat“ vom 5. April 1865 erklärte:
„Die Deutsche Volkspartei _also will das ganze_ Deutschland zum freien
Volksstaat vereinen. Das ganze Deutschland sagen wir. Nicht ein Dorf,
nicht ein Meierhof, nicht die kleinste Hütte im entferntesten Winkel
darf uns fehlen. Der kleindeutsche Gedanke eines einigen Deutschland
_ohne die deutsch-österreichischen Provinzen ist ein Hochverrat an der
Zukunft der Nation_.“
So hatte der Schweitzer von 1865 dem Schweitzer von 1866 das Urteil
gesprochen. Aber was er 1865 geschrieben und beteuert hatte, hatten
seine Anhänger vergessen. Blieb nach einer anderen seiner früheren
Ausführungen nur die Wahl zwischen deutschen Proletarierfäusten und
Preußen für die Lösung der deutschen Frage, und waren damals die
deutschen Proletarierfäuste zu schwach, die deutsche Frage im
demokratischen Sinne zu lösen, so war dies für den Führer einer
Arbeiterpartei kein Grund, sich zum Werkzeug der Lösung im cäsarischen
Sinne herzugeben. Einmal die Ehrlichkeit Schweitzers für einen
Augenblick vorausgesetzt, so wäre selbst dann seine Taktik ein Verrat an
der Demokratie gewesen, weil er die Politik ihres gewalttätigsten und
grimmigsten Feindes unterstützte.
Schweitzer und die Konservativen.
Mit der Agitation für die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen
Reichstag, die auf den 12. Februar 1867 angesetzt waren, beginnt die
zweite Periode der Tätigkeit Schweitzers. Die Haltung des
„Sozialdemokrat“ ließ keinen Zweifel, daß Schweitzer es mit den
_Konservativen_ nicht verderben wollte. Er rechnete offenbar auf
Schachergeschäfte mit diesen gegen die Liberalen, was auch im Wunsche
Bismarcks liegen mußte. Schweitzer ging also wieder gegen die
Fortschrittspartei aufs schärfste ins Feuer, eine Taktik, die ihm der
alte Moritz Heß als Verrat anrechnete. Dieser meinte, es handle sich vor
allen Dingen doch darum, die _linke_ Seite des Parlamentes nach Kräften
zu stärken, um eine leidliche Verfassung zustande zu bringen, was ein
durchaus richtiger Standpunkt, aber nicht der Schweitzers war.
Schweitzer hatte unter den verschiedenen Kandidaturen, die ihm von
seinen Anhängern angeboten worden waren, sich für Barmen-Elberfeld
entschieden, ein Wahlkreis, der ihm die meiste Aussicht auf Sieg bot.
Die Leipziger Lassalleaner wollten in Leipzig Liebknecht aufstellen, den
wir im neunzehnten sächsischen Wahlkreis aufgestellt hatten, wo wir
hofften, ihn durchzubringen, was leider nicht gelang. Wir hatten in
Leipzig, nachdem Professor Roßmäßler abgelehnt hatte, Professor Wuttke
als Kandidat proklamiert. Schweitzer eiferte gegen Liebknechts
Kandidatur. Dieselbe gehe von einer Seite aus, der das Werk Lassalles
stets ein Dorn im Auge gewesen sei. Die Leute, die im Hintergrund von
Liebknechts Kandidatur stünden, seien im Zusammenhang mit
österreichischen reaktionären Kreisen. Liebknecht habe noch vor zwei
Jahren Lassalle in öffentlichen Blättern geschmäht. Wer Liebknecht
wähle, sage sich offen von Lassalle und seinem Werke los. So spekulierte
er auf die blinde Voreingenommenheit seiner Anhänger für Lassalles Werk.
Liebknecht zu wählen, war also ein Verbrechen an Lassalle. Wie
Schweitzer überhaupt die Dinge ansah, zeigt ein Ausruf „An meine Freunde
und Parteigenossen in Schlesien und im Rheinland“, in dem es pathetisch
hieß: „_Eine mildere Zeit, eine weisere Regierung ist gekommen!_“ In
Barmen-Elberfeld, woselbst Schweitzer Ende Januar wieder eine seiner
geschickten Reden hielt, sprach er _mit keinem Worte über seine Stellung
in der Politik und gegebenenfalls im Parlament_. Im „Sozialdemokrat“
wurden ungeschickterweise maßlose Hoffnungen über den Ausfall der Wahlen
genährt. So wurde zum Beispiel in der Nr. 15 vom 3. Februar angekündigt,
die gewählten Vertreter würden in Berlin einen gemeinsamen Haushalt
führen. Man sprach von Diätenkommunismus usw. Schweitzer wurde sogar im
„Sozialdemokrat“ als Sieger angesungen, noch ehe er gewählt war. Er
hatte als Gegenkandidaten in Barmen-Elberfeld von konservativer Seite
Bismarck, von liberaler Herrn v. Forckenbeck. Der Wahltag brachte eine
schwere Enttäuschung. Bismarck erhielt 6523, Forckenbeck 6123,
Schweitzer nur 4688 Stimmen. Er war nicht einmal in die engere Wahl
gekommen. Auch im übrigen Deutschland war der Wahlausfall für den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein eine Enttäuschung. In der engeren
Wahl in Barmen-Elberfeld hatten also die Sozialdemokraten den Ausschlag
zu geben. In einer großen Wählerversammlung am 26. Februar nimmt
Schweitzer zunächst das Wort, erklärt aber, keine Parole für die engere
Wahl auszugeben, bevor er nicht die Meinung der Versammlung gehört.
Schließlich ergreift er wieder das Wort, wobei er äußerte:
„Das vielfache Rufen des Namens Bismarck aus der Versammlung hätte ihn
erkennen lassen, _nach welcher Seite sich die Stimmung im allgemeinen
gelenkt habe. Er könne dem einzelnen keine Vorschriften machen, für
wessen Wahl sich derselbe entscheiden solle, ein jeder solle dem Zuge
seines Herzens folgen._“
Damit wußte jeder, woran er war. Um aber das Komödienspiel zu vollenden,
ließ er im Widerspruch mit seiner eigenen Rede eine Resolution annehmen,
in der sich die Versammlung für _Stimmenthaltung_ aussprach. In der Tat
erhielt Bismarck bei der engeren Wahl _fast die gesamten Schweitzerschen
Stimmen. Er wurde mit 10196 gegen 6944, die Forckenbeck erhielt,
gewählt._
Schweitzer suchte in einer Erklärung diese Abstimmung damit zu
rechtfertigen, daß er ausführte:
Man habe der liberalen Bourgeoisie eine Lehre geben wollen für die
gemeine Kampfweise, die sie im Wahlkampf geübt habe. „_Vielleicht
auch, Arbeiter_,“ fuhr er fort, „_war eure Abstimmung eine Huldigung
nicht zwar für den Kandidaten der konservativen Partei, wohl aber für
den Minister, der aus eigenem Antrieb ein Volksrecht euch
zurückgegeben, welch es die liberale Opposition für euch zu fordern so
hartnäckig vergessen hatte._“
Der gute, volksfreundliche Bismarck!
Wenige Tage nach jener Elberfelder Bismarckwahl stand ich in engerer
Wahl im 17. sächsischen Wahlkreis (Glauchau, Meerane usw.) gegen einen
nationalliberalen Kandidaten. Hier erklärte der Führer der
Lassalleaner — den Bericht veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ —, _ein
reiner Lassalleaner dürfe Bebel nicht wählen, der nach dem Standpunkte,
den sie, die Lassalleaner, einnähmen, ein Verräter an der Sache sei_.
_Bismarck der Wohltäter der Arbeiter, Liebknecht und Bebel ihre
Verräter._ Das war das Resultat der Schweitzerschen Erziehungsmethode.
Wie schon früher gemeldet, wurde ich trotzdem gewählt, die wenigen
hundert Stimmen der Lassalleaner gaben nicht den Ausschlag.
In Barmen-Elberfeld mußte kurz darauf eine Neuwahl stattfinden, da
Bismarck, der doppelt gewählt worden war, das Mandat für
Barmen-Elberfeld niederlegte. Bei der darauf folgenden Neuwahl erhielt
Schweitzer 4919, der liberale Professor Gneist 4291, der konservative
von der Heidt 2594, Oberbürgermeister Bredt 1497 Stimmen. Es mußte also
wieder engere Wahl stattfinden, und zwar diesmal zwischen Schweitzer und
Gneist. Der „Sozialdemokrat“ buhlte jetzt offen um die Stimmen der
konservative — Arbeiter. _Noch charakterloser und würdeloser trieb
Schweitzer die Buhlerei in einer Versammlung am 17. März, in der er die
Konservativen aufforderte, von zwei Uebeln das kleinere oder entferntere
zu wählen, und das sei er. Auf dem sozialen Boden könnte sich die
Arbeiterpartei mit den Konservativen über manches die Hände reichen._ Er
bezieht sich dafür auf _Reden des Geheimen Oberregierungsrats Wagener,_
auf Bischof Kettelers Buch, _auf Aeußerungen Bismarcks_.
_„Die Konservativen möchten mitwirken, damit die Arbeiter durch ihn im
Parlament zum Wort kämen. Als die Konservativen die Arbeiter
riefen — einerlei aus welchem Grunde —, kamen diese mit ihrer ganzen
Armee. Jetzt rufen die Arbeiter, und die Konservativen würden eine
moralische Verpflichtung nicht lösen, wenn nicht auch sie nun dem Rufe
folgten. Sie müßten kommen, wenn sie nicht die gerechtere Entrüstung
über sich heraufbeschwören wollten.“_
Dann stößt er Drohungen gegen die Fortschrittspartei aus.
Aber für diese Charakterlosigkeit und Würdelosigkeit sondergleichen
blieb dennoch der Lohn aus. Schweitzer unterlag abermals, und zwar mit
7923 gegen 8019 Stimmen, die auf Gneist fielen.
Schweitzer im norddeutschen Reichstag.
Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichstag die Verfassung des
Norddeutschen Bundes beraten hatte und diese verkündet worden war,
wurden die Wahlen für die erste Legislaturperiode auf Ende August 1867
angesetzt. Schweitzer kandidierte wieder in Barmen-Elberfeld, diesmal
mit Erfolg. Schweitzer erhielt im ersten Wahlgang 6110, Dr. Löwe-Calbe
(Fortschritt) 3588, Professor v. Sybel-Düsseldorf 3478 Stimmen, es war
also engere Wahl zwischen Schweitzer und Löwe-Calbe nötig, in der
Schweitzer mit 8915 Stimmen gegen 6690 Stimmen, die auf Löwe-Calbe
fielen, siegte. _Diesmal hatte wieder der größte Teil der Konservativen
für Schweitzer gestimmt._ Wie er in seiner Danksagung glaubte
hervorheben zu müssen, waren es die konservativen Arbeiter, die in
richtiger Erkenntnis der Sachlage dem Arbeiterkandidaten ihre Stimme
gegeben hätten. Inwieweit das richtig war, zeigt die später bekannt
gewordene Tatsache, _daß der Führer der Konservativen, Herr v. Kusserow,
Schweitzer für seine Wahl 400 Taler eingehändigt hatte._ Auf der
Berliner Generalversammlung stellte man, als diese Tatsache bekannt
wurde, das grausame Verlangen, Schweitzer solle das Geld zurückgeben.
Wie konnte man nur so naiv sein.
Aber Schweitzer glaubte noch ein übriges tun zu müssen und den
Konservativen Zusicherungen für sein Wohlverhalten im Reichstag geben zu
sollen, und so äußerte er in seiner Erklärung vom 11. September weiter:
„Mein sozialer Standpunkt wird von niemand in Zweifel gezogen; ich
brauche daher in dieser Beziehung nichts zu sagen. In politischer
Beziehung bemerke ich, daß ich gemäß den Grundsätzen der Partei, der
ich angehöre und die mich zu ihrem Führer erkoren, in Fragen der
Freiheit und _des Volkswohls_ unwandelbar mit der äußersten Linken
(der Fortschrittspartei) stimmen werde. Sollten ernstliche Gefahren
vom Ausland her das deutsche Vaterland bedrohen, so werde ich den
König von Preußen, in dem jetzt die nationale Machtstellung
Deutschlands gipfelt, und seine Regierung mit aller Kraft, die einem
einzelnen zu Gebote stehen kann, in dem Parlament wie außerhalb
desselben zu unterstützen bestrebt sein.“
Schweitzers Wahl hatte begreiflicherweise unter seinen Anhängern große
Begeisterung hervorgerufen, und er nutzte diese nun aus, indem er in
einem mit vier Schimmeln bespannten Wagen einen Triumphzug durch die
beiden Städte Barmen-Elberfeld unternahm. Solche Triumphzüge, die,
wollte sie heute ein Arbeiterführer arrangieren, ihn zum toten Manne
machten, liebte er. Solche Triumphzüge, wobei stets die Schimmel eine
Rolle spielten, kamen wiederholt auch später vor, so zum Beispiel in
Hamburg-Altona, nochmals in Barmen-Elberfeld und in Kassel. Damit aber
auch das nötige Volk auf der Straße war, unterbrach zum Beispiel
Schweitzer seine Reise von Berlin nach Kassel in Minden und fuhr von
dort mit einem Zug, der erst abends nach 7 Uhr in Kassel eintraf. Hier
benutzte er die mit Schimmeln bespannte Equipage auch während der
mehrtägigen Dauer der Generalversammlung des Arbeiterverbandes,
verlangte aber, daß seine Anhänger die hohen Kosten dafür tragen
sollten. Dessen weigerten sie sich. Die Kosten des Triumphzugs vom
Bahnhof nach der Stadt wollten sie bezahlen, das andere müsse Schweitzer
tragen. Dabei blieb es.
Mit Schweitzers Eintritt in den norddeutschen Reichstag, dem außer mir
nunmehr auch Liebknecht angehörte, kam es zeitweilig zwischen uns und
Schweitzer zu Auseinandersetzungen. Eine solche von besonderem Interesse
spielte sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1867 ab, in der der
Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienst auf der
Tagesordnung stand. Liebknecht sprach zunächst, und zwar in
außerordentlich scharfer Form unter häufigen heftigen Unterbrechungen
der Mehrheit und des Präsidenten. Namentlich griff er die Politik
Bismarcks schonungslos an und schloß seine Rede mit den Worten: „Die
Weltgeschichte wird hinwegschreiten über diesen norddeutschen Reichstag,
der nichts ist als das Feigenblatt des Absolutismus.“ Nachher kam ich
zum Wort. Ich begründete in aller Ruhe unseren Standpunkt als Vertreter
des Milizsystems. Mittlerweile hatte sich auch Schweitzer gemeldet, um
seinen entgegengesetzten Standpunkt zu markieren. Bei Einbringung eines
Schlußantrags verlas der Präsident, wie es damals Vorschrift war, die
Namen der eingeschriebenen Redner für und wider den Gesetzentwurf,
darunter Schweitzer als Gegner. _Dieser erklärte darauf zur
Geschäftsordnung, er habe sich nicht wider, sondern für den
Gesetzentwurf einschreiben lassen._
Schweitzer ergriff alsdann bei der Spezialdebatte das Wort und führte
aus: Nach dem Standpunkt, den Herr Liebknecht einnehme, müßte auch die
allgemeine Wehrpflicht verworfen werden. Dabei hatten wir beide eine
Resolution einzubringen versucht, für die wir aber nicht die nötigen
Unterschriften erhielten, in der die Einführung des Milizsystems, also
die Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Muster
Scharnhorsts und Gneisenaus gefordert wurde. Liebknecht wünsche, daß der
Norddeutsche Bund überhaupt nicht existiere. Er und seine Freunde
wollten den Norddeutschen Bund freiheitlich gestalten, darin ständen sie
mit der _Fortschrittspartei_ auf einem Boden. Er berief sich also wieder
auf dieselbe Partei, die er seit 1863 als Trägerin des Rückschritts
bekämpft und fortgesetzt angegriffen hatte. Er, Schweitzer, wolle nicht
mit Herrn Liebknecht und seinen Freunden, den depossedierten Fürsten und
dem Ausland, dahin trachten, Preußen und den Norddeutschen Bund zu
ruinieren und zu zerstören:
„Wir haben erkannt, daß der preußische Machtkern unser deutsches
Vaterland, das so lange mißachtet war, dem Ausland gegenüber endlich
zur Geltung und zu Ehren gebracht hat und dies auch künftig tun wird,
und es liegt uns fern, mit jenen selbst diejenigen Eigenschaften an
Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, die im vorigen Jahre eine
feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte.“
Sie stünden innerhalb, wir außerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes,
wollten außerhalb desselben stehen.
Liebknecht antwortete in einer persönlichen Bemerkung:
„Der Abgeordnete v. Schweitzer hat mir einen großen Gefallen getan,
denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, die ich bis jetzt vergebens
gesucht habe, zu erklären, _daß ich allerdings mit dem Doppelgänger
des Herrn Wagener nichts zu tun habe_.“
Schweitzer schwieg und Wagener schwieg. Vor der Abstimmung über den
entscheidenden § 1 verließ Schweitzer den Saal. Er wagte nicht dafür zu
stimmen und wollte nicht dagegen stimmen.
Diese Vorgänge im Reichstag beschäftigten kurz darauf zwei Versammlungen
der Berliner Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Schweitzer beantragte hier folgende Resolution:
„Die Versammlung erkennt an, daß die von Preußen geschaffene Macht die
Möglichkeit der Herstellung der deutschen Einheit in sich trägt;
zweitens ist sie _mit der Fortschrittspartei damit einverstanden_
(weiter nach links wagte Schweitzer nicht mehr zu gehen. A.B.), daß
mit äußerstem Nachdruck und ohne daß man sich um Drohungen der
preußischen Regierung kümmere, auf eine freiheitliche Gestaltung
Preußens und des Norddeutschen Bundes gedrungen werden muß, da nur
hierdurch eine ersprießliche endgültige Lösung der deutschen Sache
möglich ist; drittens erklärt sie es für verfehlt, in Gemeinschaft mit
der Auffassung des mißgünstigen Auslandes das Vorgehen Preußens im
vorigen Jahre zu beurteilen und demgemäß eine Zertrümmerung Preußens
und des Norddeutschen Bundes zu erstreben und zu erhoffen.“
Rückhaltloser konnte man für die Bismarcksche Schöpfung nicht eintreten.
Dieser Resolution gegenüber beantragten nun _Theodor Metzner_ und
_Reimann_, zwei Opponenten von Schweitzer:
„Die Versammlung beschließt, daß Herr v. Schweitzer sowohl im
Reichstag als durch seine Verdächtigung der radikalen Partei in der
heutigen Versammlung _das wenige Vertrauen, das derselbe bisher bei
den Berliner Arbeitern genossen, vollständig verloren hat_.“
Eine dritte Resolution brachte der fortschrittliche Maschinenbauer
Andreack ein, die forderte:
_„Die Versammlung möge beschließen, daß sie in der deutschen Frage
sich nur mit dem Standpunkt der Deutschen Fortschrittspartei
einverstanden erklären kann.“_
Und was geschah jetzt? Als Schweitzer merkte, daß die scharfe
Opposition, die er fand, seine Resolution zu Fall bringen könnte, zog
er, feig wie er immer war, wenn ihm eine Niederlage drohte, _dieselbe
zurück und erklärte sich für die fortschrittliche Resolution, die
dasselbe besage wie die seine_. Hofstetten, der den Vorsitz hatte, tat
Schweitzer den Gefallen, über die Andreacksche Resolution zuerst
abzustimmen und sie für angenommen zu erklären, was seitens der
Opposition einen Sturm der Entrüstung hervorrief.
Schweitzers Diktatur.
Schweitzer hatte das dringendste Interesse, den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein ganz in die Hand zu bekommen, also dessen Präsident zu
werden. Dieses Sehnen verwirklichte sich, als Perl-Hamburg, der
Präsidentschaft müde, erklärte, dieselbe niederlegen zu wollen. Es wurde
eine außerordentliche Generalversammlung auf den 19. und 20. Mai 1867
nach Braunschweig einberufen, die von 18 Delegierten, die 2500 Stimmen
hinter sich hatten, besucht war. Schweitzer vertrat Apolda mit 22 und
Limbach in Sachsen mit 30 Stimmen. Der Verein war sehr heruntergekommen.
Die beständigen Zerwürfnisse, das Mißtrauen gegen Schweitzer wegen
seiner Politik, der ungünstige Ausfall der Wahlen zum norddeutschen
Reichstag, trotz aller großsprecherischen Worte Schweitzers, die Krise
waren die Hauptursachen dieser Erscheinung. Die Eröffnungsrede Perls war
der Ausdruck der vorhandenen Mutlosigkeit. Die Hoffnung, die man noch in
Leipzig gehegt, Ordnung in den Verein zu bringen, hätte sich nicht
erfüllt; die finanziellen Verhältnisse des Vereins seien sehr ungünstig,
nur wenige Orte zahlten Beiträge usw. Im weiteren Verlauf der
Verhandlungen bat Perl, von seiner Wiederwahl als Präsident abzustehen;
er könne die Opfer nicht mehr tragen, die ihm diese Stellung auferlege.
Schweitzer kritisierte Perls Geschäftsführung, doch wolle er, wie er
sagte, ihm nicht persönlich zu nahe treten. Er erklärte, die
Generalversammlung sei entscheidend für den Verein, nach Tölcke sollte
er sogar die Präsidentschaft _gefordert_ und gedroht haben, falls er
nicht gewählt werde, ließe er mit der nächsten Nummer den
„Sozialdemokrat“ eingehen. Er versprach Garantien zu geben, daß die
_Verwaltungsgeschäfte_ korrekt erledigt würden, da er wisse, daß man ihm
mißtraue. Die Versammlung war unschlüssig, was sie tun sollte; so ließ
man auf Vorschlag Brackes eine Pause eintreten, um sich zu verständigen.
Nach dieser schlug Tölcke Schweitzer als Präsidenten vor. Es wurde
darauf mehrseitig wieder geltend gemacht, daß gegen Schweitzer Mißtrauen
vorhanden sei; auch sei es ein Unding, daß der Präsident des Vereins und
der Redakteur des Vereinsorgans ein und dieselbe Person sei. Tölcke
suchte die Bedenken zu beschwichtigen. Schweitzer erklärte, er wisse,
daß man Mißtrauen gegen ihn habe; er werde das Amt nur annehmen, wenn
man ihm Vertrauen entgegenbringe. Er beantragte eine zweite Pause zur
Verständigung. Nach dieser erklärten mehrere Delegierte, ihr Mißtrauen
gegen Schweitzer fallen zu lassen. Er wurde alsdann, nachdem er auf
einen Vorhalt Tölckes noch mitgeteilt, _er werde sich selber wählen_,
mit 2385 gegen 97 Stimmen und 41 Enthaltungen Präsident des Vereins. Er
hatte, um sich Vertrauen zu erwerben, auf dieser Generalversammlung ein
radikales Programm vorgelegt und annehmen lassen. Jetzt gab er auch die
sogenannten Garantien für sein ferneres Wohlverhalten, indem er durch
Handschlag sämtlichen Delegierten gegenüber sich feierlich
verpflichtete, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, den Verein
vorwärtszubringen. Umgekehrt verpflichteten sich die Delegierten
ebenfalls durch Handschlag Schweitzer gegenüber, treu zur Organisation
und zum Präsidenten zu stehen. Also eine Art Ballhausschwur, wie ihn die
französische Nationalversammlung 1789 leistete, nur mit dem Unterschied,
daß der Regisseur der Schwurszene in Braunschweig, Schweitzer, wußte,
daß es sich um eine Posse handelte. —
Auf der Generalversammlung des Vereins in Berlin — 23. bis 25. September
1867 — wiederholte Schweitzer: _daß in politischen Fragen der Verein mit
der Fortschrittspartei gehen könne_. Das verhinderte allerdings nicht,
daß, als um dieselbe Zeit in Düsseldorf eine Nachwahl für den Reichstag
stattzufinden hatte, bei der in der engeren Wahl der fortschrittliche
Kandidat, Redakteur der „Rheinischen Zeitung“, Bürgers, und ein
konservativ-nationalliberaler Kandidat sich gegenüberstanden, Schweitzer
im „Sozialdemokrat“ die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins aufforderte, für den letzteren zu stimmen, worauf
Bürgers durchfiel. Neben dem, daß er damit Bismarck einen Gefallen
erwies, kühlte er seine Rache wegen der Anklage der „Rheinischen
Zeitung“, er habe aus hochkonservativen Kreisen Geld für den
„Sozialdemokrat“ genommen.
Ein anderer für Schweitzer wenig ehrenvoller und seinen Charakter
beleuchtender Vorgang war die Auseinandersetzung mit seinem bisherigen
Freunde Hofstetten. Hofstetten hatte seine Mittel für die Gründung des
„Sozialdemokrat“ hergegeben. Diese Mittel waren Mitte 1867 verbraucht
und Hofstetten ein armer Mann. Anfang 1868 versuchte Schweitzer
Hofstetten nach Wien zu schieben, woselbst er ein sozialdemokratisches
Blatt gründen sollte. Hofstetten kam aber in Wien übel an und eilte nach
Berlin zurück. Jetzt verschloß Schweitzer ihm den Wiedereintritt in die
Redaktion des Blattes, er bestritt auch, daß Hofstetten noch
irgendwelche Ansprüche habe, und setzte ihn vor die Tür, wobei er sich
auf einen Vertrag stützte, den er dem gutmütigen und nicht gerade
scharfsinnigen Hofstetten abgedrungen hatte. Als Hofstetten im Frühjahr
1869 auf der Generalversammlung des Vereins in Barmen-Elberfeld eine
lange Anklagerede gegen Schweitzers Verhalten ihm gegenüber hielt,
entrüsteten die mitgeteilten Tatsachen den Delegierten Heinrich
Vogel — der gegenwärtig noch in Charlottenburg lebt — so, daß er erklärte,
Schweitzer habe Hofstetten gegenüber wie ein ordinärer Bourgeois
gehandelt, eine Charakterisierung, die bei Schweitzers Anhängern einen
Sturm der Entrüstung hervorrief und nachher Vogels Ausschluß aus dem
Verein zur Folge hatte. Hofstetten klagte auch Schweitzer an, daß er das
Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen habe; woher er es
erhielt, wisse er nicht. Als er Schweitzer wegen seiner
verschwenderischen Lebensweise Vorhalt gemacht, habe dieser geantwortet:
Darüber sei er ihm keine Rechenschaft schuldig, er habe seine Schulden
nicht zu bezahlen. Darin hatte Schweitzer sicher recht, aber die
Tatsache an sich ist sehr beachtlich. Ende 1867 hatte das Blatt erst
1200 Abonnenten, deckte also bei weitem noch immer nicht seine Kosten;
es war also die Frage sehr wohl gerechtfertigt: Woher kommt das Geld für
das Blatt und die verschwenderische Lebensweise Schweitzers? Das ewige
Schuldenmachen hatte doch seine Grenze. Auch wollten die Gläubiger ab
und zu Geld sehen. Eine Erbschaft, die er nach dem Tode seines Vaters
Ende 1868 machte, war so geringfügig, daß sie einen Tropfen auf einen
heißen Stein bedeutete. Dabei hielt Schweitzer sich während des
Reichstags eine Equipage mit galonierten Dienern.
Gustav Mayer, dessen Buch über Schweitzer ich oben erwähnte, hielt es
für zweckdienlich, sich bei Paul Lindau, der nach Schweitzers Rücktritt
häufigen Verkehr mit ihm hatte, zu befragen, ob er Extravaganzen
Schweitzers wahrgenommen habe. Lindau habe das verneint. Mir ist Paul
Lindaus Urteil nicht maßgebend. Die lebemännischen Gewohnheiten des
alten, heute noch lebenden Herrn waren immer große und da legt er wohl
einen anderen Maßstab an „Extravaganzen“ als andere Menschenkinder. Auch
war Schweitzer, als er zu Lindau in Beziehungen trat, bereits krank und
hatte geheiratet, zwei Umstände, die Extravaganzen erschwerten. Die
Informationen, die wir seinerzeit in Berlin über Schweitzers Lebensweise
einzogen, lauteten anders. Danach war er ein Lebemann ersten Ranges, der
namentlich auch häufig bei Kroll und in den Berliner Nachtlokalen mit
der Demimonde verkehrte, womit er wahrscheinlich die „Treue“ gegen seine
langjährige Braut betätigte, die man ihm als Tugend nachrühmte. Auch
veranstaltete er zeitweilig Champagnergelage mit seinen intimsten
Anhängern. Schweitzer gehörte zu den Naturen, die stets mindestens
doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist:
Die Bedürfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die
Einnahmen haben sich nach den Bedürfnissen zu richten, was bedingt, daß
sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer
1862 2600 Gulden aus der Schützenfestkasse entnommen, so unterschlug er
später, als er Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war
und als solcher über die Kassengelder verfügte, von schlecht gelohnten
Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelüste zu befriedigen. Es
handelte sich hier nicht um große Summen, aber das lag nicht an
Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Mißwirtschaft
ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen
und nachgewiesen worden, und _Bracke_, der jahrelang Kassierer des
Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mußte,
hat ihn öffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne daß Schweitzer ein
Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fähig ist, von dem
soll man nicht behaupten, daß er unfähig gewesen sei, sich politisch zu
verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschäft für ihn sein
konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen,
denn dergleichen Geschäfte werden nicht auf offenem Markte
abgeschlossen. Es kann sich hier nur um den Nachweis durch Indizien und
zahlreiche Tatsachen handeln, die sich anders nicht erklären lassen.
Hervorheben möchte ich hier, daß Bismarck nach 1866 die Zinsen aus dem
48 Millionen Mark betragenden Privatvermögen des Königs von Hannover zur
Verfügung standen, die er skrupellos für ihm gutdünkende politische
Zwecke benutzte. Diesen Fonds, der unter dem Namen „Reptilienfonds“
berüchtigt geworden ist, konnte Bismarck verwenden, ohne jemand darüber
Rechenschaft abzulegen. Da ist's nun charakteristisch, daß, während die
ganze Oppositionspresse gegen diesen Korruptionsfonds ankämpfte, der
„Sozialdemokrat“ den Fonds niemals erwähnte.
Charakteristisch für den Mann ist ferner, daß, als wir Anfang 1868 das
„Demokratische Wochenblatt“ herausgaben, er systematisch den Namen
desselben totschwieg und, wenn er nicht umhin konnte, gegen dasselbe zu
polemisieren, er immer nur von dem Blatte des Herrn Liebknecht sprach.
Er wollte mit dieser Taktik verhindern, daß einer seiner Anhänger durch
Nennung des Namens des Blattes auf den Gedanken kommen könnte, das
„Demokratische Wochenblatt“ zu abonnieren, wodurch der Leser vieles
erfahren konnte, was ihm, Schweitzer, unangenehm war. Das war eine
kleinliche und lächerliche Kampfesweise, aber er übte sie.
* * * * *
Eine merkwürdige Wandlung stellte sich bei Schweitzer wieder im Frühjahr
1868 ein. Gleich dem „Demokratischen Wochenblatt“ druckte jetzt der
„Sozialdemokrat“, wenn er vom norddeutschen Reichstag sprach, diese
Worte in Gänsefüßchen ab. Auch hielt er im Reichstag — Mitte Juni
1868 — eine Rede, in der er in einer Polemik gegen v. Kirchmann eine ganz
andere Auffassung als bisher vom Wert des allgemeinen Wahlrechts
entwickelte. Bisher hatte er damit eine Art Kultus getrieben und die
Wahl Bismarcks durch seine Anhänger in Barmen-Elberfeld bekanntlich
damit zu rechtfertigen gesucht, daß sie dem Geber des allgemeinen
Stimmrechts ihre Dankbarkeit beweisen wollten, als sie ihn wählten.
Jetzt erklärte er:
„Ich muß im Interesse derjenigen, die mich gewählt haben, und im
Interesse der demokratischen Sache konstatieren, daß dieses Haus nur
scheinbar und nicht in Wirklichkeit aus allgemeinen Wahlen
hervorgegangen ist.“
Er motivierte dieses damit, daß Preßfreiheit und volle Vereins-und
Versammlungsfreiheit fehlten. Diese fehlten aber von Anfang an, und doch
klang damals sein Urteil anders. Das Urteil, das er jetzt über das
geltende Wahlrecht fällte, deckte sich mit dem, das das „Demokratische
Wochenblatt“ längst und wiederholt abgegeben hatte. Diese plötzliche
auffällige Meinungsänderung wurde offenbar wieder durch die zunehmende
Opposition in seinem Verein verursacht.
In Nr. 80 des „Sozialdemokrat“ vom 19. Juli kündigt Schweitzer an, daß
er eine _dreiwöchige_ Haft in der Stadtvogtei antrete, die ihm wegen
eines Flugblattes vom Landgericht Elberfeld zuerkannt worden war. Er
ernannte W. Real in Düsseldorf zum Vizepräsidenten und Hasselmann zum
Leiter des Vereinsorgans, mit dessen Eintritt die Rüpelhaftigkeit im Ton
des Blattes einkehrte. Der pathetische Schluß der Ansprache lautete:
„Indem ich meine Haft antrete, richte ich an alle Parteigenossen meinen
herzlichsten Abschiedsgruß. Ich hoffe, den Verein in derselben Blüte, in
der ich ihn verlasse, oder in noch gesteigertem Maße (nach ganzen _drei_
Wochen) wiederzufinden.“
Im Sommer 1868 hatte Johann Jacoby eine Rede über „Die soziale Frage“
gehalten, in der er stark nach links und weit ab von der
Fortschrittspartei rückte. Auf einem großen Volksfest, das auf der Asse
bei Braunschweig abgehalten wurde, hatte sich Bracke über dieses
Auftreten Jacobys sehr günstig ausgesprochen und es begrüßt. Bracke
stellte hier über die Rede folgende Thesen auf: Erstens, das
demokratische Programm von Johann Jacoby verdient im höchsten Maße die
Beachtung des deutschen Volkes; zweitens, nach demselben gibt es in den
Zielen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der entschiedenen
demokratischen Partei und der eigentlichen Arbeiterpartei; drittens,
beide Parteien müssen in dem von Jacoby aufgestellten Ziel: Umgestaltung
der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Zustände im Sinne der
Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen was Menschengesicht
trägt, übereinstimmen. Darauf antwortete der „Sozialdemokrat“ in einem
„Verwirrung“ überschriebenen Artikel:
„Der von Jacoby aufgestellte Satz einer gerechten Verteilung des
Arbeitslohnes zwischen Kapital und Arbeit, die zu erstreben wäre, ist
eine über alle Maßen verfehlte, alberne und hohle Phrase; es ist
traurig, daß es Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
gibt, die an diesen elenden Brocken herumkauen. ... Wenn einer
behauptet, es seien beachtenswerte Gedanken in Jacobys Rede, wird es
hoffentlich von allen Seiten tönen: Nein! es ist albernes, hohles
Geschwätz eines wichtigtuenden Bourgeois.“
Diese erregte, grobe Sprache zeigte, welche Aufregung es Schweitzer
verursachte, sobald Mitglieder des Vereins den Anschein erweckten, als
wollten sie mit Vertretern nahestehender Parteien Fühlung nehmen. Der
Verein mußte nach außen mit einer Art chinesischer Mauer umgeben sein,
damit er ihn absolut beherrschen und nach seinem Willen lenken konnte.
Die nächste Generalversammlung des Vereins war auf den 22. bis 26.
August nach Hamburg einberufen. Waren auf der Braunschweiger
Generalversammlung nur 2508 Mitglieder vertreten, auf der Berliner 3102,
so jetzt 8192 durch 36 Delegierte. Der Verein war also wesentlich
stärker geworden. Man hat diese Entwicklung ausschließlich der Tätigkeit
und der Leitung Schweitzers zugeschrieben. Mit Unrecht. Der Druck der
Krise, die sich als Folge des sechsundsechziger Krieges eingestellt
hatte, war gewichen, an deren Stelle brachte das Jahr 1868 eine
Prosperitätsperiode. Damit hatte die Hoffnungsfreudigkeit und das
politische Leben in den Arbeiterkreisen von neuem eingesetzt, wovon
nicht nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, sondern auch der
Verband der Arbeitervereine profitierte, an dessen Spitze ich stand und
der damals über 13000 Mitglieder zählte, die freilich keine
programmatische Geschlossenheit wie der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein besaßen. Schweitzer suchte jetzt Karl Marx für sich zu
gewinnen. Er hatte Marx den Dank des Vorstandes für sein Werk „Das
Kapital“ votieren lassen, auch hatte er ihn zur Generalversammlung nach
Hamburg eingeladen, eine Einladung, die Marx wegen Ueberbürdung mit
Arbeit ablehnte. Auch erlaubte er, daß Geib folgenden Antrag stellte:
„Die Generalversammlung erklärt, da der Druck des Kapitals und der
Reaktion in allen Kulturländern aus im wesentlichen gleichen Ursachen
auf der Arbeiterklasse lastet und da die Bestrebungen der Arbeiter nur
dann erfolgreich sein können, wenn sie einheitlich zusammenhängend in
allen Kulturländern auftreten, ist es die Pflicht der deutschen
Arbeiterpartei und der Arbeiterparteien aller Kulturländer, die von
denselben Prinzipien geleitet werden, gemeinsam vorzugehen.“
Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Aber wie radikal sich
Schweitzer auch gebärdete, die Unzufriedenheit mit seiner Diktatur nahm
zu. So beantragten die Erfurter Mitglieder: Schweitzer solle
spezifizierte Rechnung ablegen über die Gelder, die er seit dem 1.
Januar 1868 der Kasse entnommen habe. Der Vorstand solle die Abrechnung
prüfen. Düsseldorf verlangte, daß Präsidium und Redaktion des
Vereinsorgans getrennt würden, die Einrichtung könne leicht zu
Despotismus führen; sie hätte bereits dazu geführt. Weiter waren
lebhafte Klagen auf den vermiedenen Generalversammlungen laut geworden,
daß die Redaktion des „Sozialdemokrat“ ihr mißfallende Korrespondenzen
unterdrücke, andere willkürlich ändere, ja fälsche. Ein Antrag, das
Organ von seiten des Vereins zu übernehmen, wurde auf der
Generalversammlung für untunlich, die Trennung der Redaktion vom
Präsidium als unzweckmäßig erklärt. Dagegen wurde beschlossen, daß der
vierundzwanzigköpfige Vorstand des Vereins, der in vielen Orten verteilt
wohnte, konzentriert werden solle. Er wurde nach Hamburg verlegt. Das
war der erste harte Schlag, der die Diktatur Schweitzers traf. Bei den
Erörterungen hierüber machte er eine Mitteilung, durch die er sich wider
Willen denunzierte. Er äußerte: _„Dies wird unsere letzte
Generalversammlung sein. Die Feindseligkeit der preußischen Regierung
wird immer mehr hervortreten. Der Verein wird aufgelöst werden.“_ Und
siehe da, kaum drei Wochen später löste die Leipziger Polizeibehörde, da
der Verein in Leipzig seinen Sitz hatte, den Verein wegen der örtlichen
Kassenverwaltungen auf, einer Einrichtung, die von Anfang an im Verein
bestanden hatte.
_Es ist ganz zweifellos, daß Schweitzer vorher von dieser Auflösung
wußte, ja daß sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeipräsidium
verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den
Verein auflöste._ Natürlich unterließ unter so bewandten Umständen
Schweitzer jede Beschwerde gegen das Vorgehen der Leipziger Polizei bei
Kreishauptmannschaft und Ministerium. Schweitzer schloß seinen
bezüglichen Artikel, worin er die Auflösung besprach, mit den Worten:
„Wir fügen uns einfach darum, weil es nach Lage der Dinge das
Vernünftigste ist, was wir tun können. Daher erkläre auch ich andurch:
‚Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hat sich aufzulösen...‘
Arbeiter in ganz Deutschland! Wir stehen heute am Grabe des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Aber der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein lebt unter uns fort.
_So stehen wir auch am Grabe Lassalles; er selbst aber weilt noch
unter uns._
Daß unser Verein aufgelöst wurde, gereicht ihm, gereicht uns zur Ehre.
Der Verein hat seine Schuldigkeit getan für die Arbeitersache — darum
wurde er aufgelöst.
Die alte Form ist gefallen — wir werden neue Formen für die Betätigung
unseres Strebens zu finden wissen.“
Dann dankt er für das ihm geschenkte Vertrauen.
„Wir haben gemeinsam gekämpft und gelitten — wir werden auch in Zukunft
gemeinsam kämpfen und leiden.“
So auf die Rührseligkeit spekulierend, rührte er die Mitglieder zu
Tränen, und sie vertrauten ihm weiter.
Wäre es die Feindseligkeit der preußischen Regierung gegen den Verein
gewesen, wie Schweitzer _wider besseres Wissen_ schrieb, dann war es
jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit, den Verein dem Einfluß der
preußischen Regierung nach Möglichkeit zu entziehen, zum Beispiel dessen
Sitz nach Hamburg zu verlegen, dessen Vereins- und Versammlungsgesetz
kein Verbindungsverbot kannte. Außerdem hatte der Verein in
Hamburg-Altona seine stärkste Mitgliedschaft, die für die Finanzen des
Vereins wie für das Blatt das eigentliche Rückgrat bildete. Auch fehlte
es in Hamburg nicht an geistigen Kräften. Statt dessen gründete
Schweitzer den neuen Verein _unter den Augen der Berliner Polizei_, und
_Berlin wurde dessen Sitz. In Preußen bestand aber das Verbindungsverbot
so gut wie in Sachsen, und außerdem verlangte das damalige preußische
Vereins- und Versammlungsgesetz, daß die Mitgliederlisten des Vereins
aus ganz Deutschland bei dem Polizeipräsidium eingereicht werden
mußten._ Und wiederum verriet er seine Beziehungen zum Berliner
Polizeipräsidium und sein Einverständnis mit der Auflösung, indem er in
Nr. 119 des „Sozialdemokrat“ sagte:
_„Man habe Berlin als Sitz der Partei gewählt, damit die Polizei
fortwährend Gelegenheit habe, sich davon zu überzeugen, daß die Partei
ihre Agitation auf Grund und in Gemäßheit der bestehenden Gesetze
betreibe.“_
Wie rührend folgsam gegen die liebe Polizei von der Leitung einer
demokratischen Partei!
_Wenn je die innige Verbindung zwischen Schweitzer und dem Berliner
Polizeipräsidium nachgewiesen werden konnte, so jetzt._ Aber nicht
allein, daß der Verein nunmehr unter die Kontrolle des Berliner
Polizeipräsidiums kam, Schweitzer benutzte auch die Neugründung, _um die
ihm unbequemen Beschlüsse der Hamburger Generalversammlung aus der Welt
zu schaffen und durch die neue Organisation seine Diktatur
unumschränkter denn je zuvor zu befestigen._ Er verkündete den neuen
Plan mit den Worten:
„Jedenfalls wird dafür gesorgt werden, daß die Einheitlichkeit der
Partei durch ganz Deutschland gewahrt werde. Denn diese
Einheitlichkeit ist unser bestes Kleinod — sie ist der Grundgedanke der
Lassalleschen Organisation, und von dieser werden wir niemals
abgehen.“
So mußte also die beständige Berufung auf Lassalle dazu dienen, seine
Autorität aufrecht zu erhalten und den Mitgliedern Sand in die Augen zu
streuen.
Die neue Vereinsgründung fand _unter Ausschluß der Öffentlichkeit_ statt
in einem kleinen Kreise Auserwählter, die mit ihm durch dick und dünn
gingen. Das neue Statut enthielt geradezu _ungeheuerliche_ Bestimmungen.
So sollte der Präsident _sechs Wochen vor der ordentlichen
Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins
gewählt werden_, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und
dessen Geschäftsführung geprüft hatte. Ein Mißtrauensvotum auf der
Generalversammlung war dann wirkungslos, ebenso eine unliebsame Kritik
seiner Tätigkeit. Ferner besagte §5 der Statuten:
_„Wenn der Präsident es für dringlich hält, so kann er, vorbehaltlich
der in drei Monaten einzuholenden Genehmigung des Vorstandes, alle
Anordnungen treffen.“_
Der Vorstand selbst sollte, im Gegensatz zu den Beschlüssen der
Hamburger Generalversammlung, wieder über ganz Deutschland verteilt
wohnen. Die Generalversammlung sollte eine Statutenänderung nur dann
vornehmen können (§7), wenn ein solcher Antrag von 60 Mitgliedern
unterzeichnet _und drei Monate vor der Generalversammlung beim Vorstand
eingereicht worden war_. Wo und wie der Verein aufs neue gegründet
wurde, darüber hat man nie Sicheres erfahren. Aber die Polizei mußte
davon unterrichtet sein, sonst hätte sie den Verein nicht anerkannt. Der
organisierte Arbeiter unserer Zeit wird sich bei dem Lesen solcher
Vorgänge fragen, wie denn dergleichen möglich gewesen sei und ob denn
nicht die ungeheure Mehrheit der Mitglieder des Vereins sich wie ein
Mann erhob und gegen solche Ungeheuerlichkeiten protestierte, den
Urheber derselben aber sofort von seinem Posten entfernte? Von alledem
keine Spur. Mit seinem Blatte beherrschte Schweitzer absolut den Verein;
jeder, der wagte aufzumucken, dessen Beschwerde flog in den Papierkorb,
und wer in einer Versammlung austrat, der wurde als Verräter an dem
Kleinod der Lassalleschen Organisation gebrandmarkt und mit dem Bann
belegt. Im Verein war er tot. Ließ aber jemand sich merken, daß er mit
Liebknecht und mir sympathisiere, so galt dieses selbst in den Augen der
meisten Mitglieder als ein Verbrechen, womöglich größer als Blutschande
oder Mord. Das war die Folge der systematisch von ihm betriebenen
Verhetzung.
Doch die Umwandlung in den Anschauungen vollzog sich bei einem Teil der
Vereinsmitglieder rascher, als wir damals selbst für wahrscheinlich
hielten.
Unter dem 26. November 1868 veröffentlichte Schweitzer einen langen
Aufruf in dem mittlerweile seit dem 10. Oktober vergrößerten
„Sozialdemokrat“, der damals 3400 Abonnenten hatte, in welchem er seine
Ansicht über die Finanzlage des Vereins darlegte, die durch das Wachstum
desselben eine wesentlich günstigere geworden war. Zum Schluß kündigte
er an, daß er auf drei Monate „in die Einsamkeit des Gefängnisses
wandere“, die er wegen Veröffentlichung einer Broschüre, „Der
Arbeitslohn und der Kapitalgewinn“, anzutreten hatte. Er schließt den
Artikel mit den Worten:
„Lassalle sagt in betreff der Organisation, daß alle Einzelkräfte
zusammengeschmiedet werden müßten zu einem einzigen Hammer. Die Partei
war, als sie mich zu ihrem Führer erkor, der Meinung, daß mein Arm
kräftig genug sei, diesen Hammer zu schwingen. Ich will hoffen, daß
mir diese Kraft niemals erlahmt.“
An Selbstgefühl ließen diese Ausführungen nichts zu wünschen übrig.
Anfang Dezember trat er seine Haft an, er wurde aber bereits gegen Ende
Dezember wieder aus dieser entlassen, weil sein Vater schwer erkrankte,
der noch vor Ende des Jahres starb. Schweitzer erhielt darauf eine Woche
Urlaub zur Ordnung von Familienangelegenheiten. Jetzt spielte sich aber
dasselbe ab, was sich 1866 abgespielt hatte, als er auf Urlaub
entlassen wurde. Aus der einen Woche wurden viele Wochen Urlaub, und nun
begann _Schweitzer abermals eine umfassende politische Tätigkeit, als
sei der Urlaub ihm nur zu diesem Zweck gewährt worden_.
Am 1. Januar 1869 kündigte der „Sozialdemokrat“ an, _der Präsident sei
noch auf Tage den Geschäften der Parteileitung entzogen. Am 14. Januar
veröffentlichte Schweitzer unter den Augen der Polizei im
„Sozialdemokrat“ eine lange Ansprache an die Mitglieder des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins und berief die Generalversammlung des Vereins
auf den 27. bis 30. März nach Barmen-Elberfeld._
Nach normalem Gang hätte Schweitzer dieser Generalversammlung gar nicht
beiwohnen können, da um diese Zeit seine Haft noch nicht zu Ende war.
_Aber er wußte bereits, daß er die Freiheit dazu haben würde._ Weiter
ordnete er an, daß die Präsidentenwahl sechs Wochen vor der
Generalversammlung, zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar
stattzufinden habe, wie es die neue, von ihm oktroyierte Organisation
vorschrieb.
Ferner kündigte er die Einberufung einer Konferenz des Vorstandes in
einer Stadt Mitteldeutschlands an, in der über die Agitation in
Süddeutschland und Sachsen beschlossen werden sollte. Gegen uns nahm der
„Sozialdemokrat“ jetzt eine noch schärfere Stellung ein, da wir bewußt
oder unbewußt im Schlepptau der österreichischen Politik uns befänden.
Bemerkt sei hier, daß um diese Zeit Liebknecht wiederholt im
„Demokratischen Wochenblatt“ Oesterreich gegenüber eine Taktik
eingeschlagen hatte, die ich für durchaus verfehlt hielt, was wiederholt
zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten führte. Liebknecht war eben
ein Mann des Extrems. Wie sein Haß gegen Bismarck und den Nordbund oft
die Grenze überschritt, so auch wieder seine Zuneigung zu Oesterreich,
dessen liberalem Bürgerministerium er übermäßige Leistungen zutraute. Es
war nur natürlich, daß Schweitzer diese Schwäche Liebknechts ausnutzte,
wobei ich bemerken will, daß es im Jahre 1867 auch für Schweitzer eine
Periode gab, in der er dem Bürgerministerium seine Unterstützung in
Aussicht stellte. Er wollte offenbar Hofstetten die Wege in Wien ebnen.
Im Januar 1869 setzten wir unseren schon früher gegen Schweitzer im
„Demokratischen Wochenblatt“ und in Volksversammlungen aufgenommenen
Kampf mit aller Vehemenz und mit schwerstem Geschütz fort, dessen
vorläufiger Abschluß war, daß wir zur Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins nach Elberfeld-Barmen eingeladen wurden, um
unsere Anklagen gegen Schweitzer zu erheben. Ich habe das Vorspiel zu
diesem Ereignis bereits im ersten Teil dieser Arbeit ausführlicher
geschildert.
* * * * *
Sozusagen zwischenaktlich sei hier erwähnt, daß Hasenclever infolge
einer Stichwahl in Duisburg Anfang 1869 ebenfalls in den Reichstag
gewählt worden war. Da ich glaubte annehmen zu dürfen, daß Hasenclever
das Treiben Schweitzers mißbillige und ehrlich eine Vereinigung wolle,
hatte ich 12 Taler gesammelt, die ich ihm zur Unterstützung seiner Wahl
schickte. Damals rechneten wir hüben und drüben bei Wahlen noch nicht
mit Tausenden und Zehntausenden Mark wie heute. Jeder Taler galt als
namhafter Beitrag. Ich machte darauf unter dem 13. Februar 1869 im
„Demokratischen Wochenblatt“ bekannt, daß Hasenclever seine große Freude
und Genugtuung über die Sympathie und Unterstützung, die ihm zuteil
geworden, ausspreche. Er bedauere die Spaltung, die unter den
verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei ausgebrochen sei, und hoffe,
daß die Differenzen, die wir mit anderen Führern seiner eigenen Partei
hätten oder gehabt hätten, und die doch nur persönlichen Ursprunges
seien, bald verschwinden würden. Er lebe der vollsten Ueberzeugung, daß
die Zeit nicht fern sei, wo sämtliche Sozialdemokraten Deutschlands in
festgeschlossenen Reihen unter einem Banner kämpften.
An dieser Erklärung Hasenclevers ist bemerkenswert, daß er von uns als
Sozialdemokraten spricht, ein Zugeständnis, das Schweitzer und der
„Sozialdemokrat“ bis ans Ende der Wirksamkeit Schweitzers uns
versagten. Freilich hat es nachher, als Hasenclever Nachfolger
Schweitzers im Präsidium wurde, auch noch Jahre gedauert, ehe die
Einigung sich vollzog. Es scheint, daß auch sozialdemokratische
Kronprinzen, wo solche vorhanden, liberaler sind, denn später als
regierende Herren.
* * * * *
Am 14. Februar verkündete Schweitzer das Wahlresultat; er war wieder mit
rund 5000 Stimmen gegen 54 zum Präsidenten gewählt. Die Wahl war ein
moralisches Mißtrauensvotum, wenn man bedenkt, daß einige Wochen später
auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld 12000 Mitglieder
vertreten waren; 40 Orte hatten gar keine Stimme abgegeben. Nachdem so
der politische Urlaub Schweitzers seinen Zweck erreicht hatte, ging er
am 18. Februar wieder ins Gefängnis, er wurde aber bereits am 4. März,
_dem Tage vor dem Zusammentritt des Reichstags, aus der Haft entlassen._
_Diese Haftentlassung bewies aufs neue die intimen Beziehungen
Schweitzers zur Regierung._ Solange ein Reichstag besteht, also von 1867
bis heute, ist es nie vorgekommen, daß ein Reichstagsabgeordneter, _auch
kein bürgerlicher, während des Reichstags aus der Strafhaft entlassen
wurde_, um an den Verhandlungen desselben teilzunehmen. Sogar mitten in
der Session von 1909 bis 1910 mußte ein elsässischer Abgeordneter seine
zweimonatige Strafhaft antreten. Die Regierungen, die preußische voran,
wie die Mehrheit des Reichstags, haben stets die Ansicht vertreten, daß
der Artikel 31 der Verfassung, der von der Immunität der Abgeordneten
handelt, die _Strafhaft nicht umfaßt_. Im Gegensatz zu dieser
jahrzehntelangen Uebung, die Preußen auch schon früher handhabte, _wurde
jetzt Schweitzer aus der Strafhaft beurlaubt, was nicht ohne
Einwilligung des zuständigen Ministers geschehen konnte, der dieses
nicht ohne die Zustimmung Bismarcks gewagt hätte._
Wie letzterer im übrigen in diesen Dingen dachte, zeigte plastisch die
Verhandlung, die der Reichstag am 28. April — also wenige Wochen nach
Schweitzers Beurlaubung aus der Strafhaft — hatte. Mende hatte in
München-Gladbach eine Versammlung abgehalten, nach der es zu
tumultuarischen Auftritten gekommen war, wobei er verhaftet wurde, weil
er angeblich diese Auftritte verursacht habe, was nicht der Fall war.
_Schweitzer_ stellte einen Antrag auf Haftentlassung Mendes. In der
Debatte nahm auch Bismarck das Wort und erklärte sich in seiner
peremptorischen Art _gegen_ die Haftentlassung. Der Reichstag mußte aber
auf Grund der vorliegenden Tatsachen gegen Bismarck entscheiden. Darauf
rächte sich dieser dadurch, daß er den Beamten, die die Verhaftung
Mendes angeordnet und vorgenommen hatten, Ordensauszeichnungen
zustellte. Und im Falle Mende handelte es sich um keine rechtskräftig
gewordene Strafhaft wie im Falle Schweitzer, sondern um eine
Untersuchungshaft.
Kurze Zeit vor jenem Vorgang war ich unfreiwilliger Zeuge einer
Begegnung zwischen Schweitzer und dem Prinzen Albrecht, Bruder des
Königs, der Mitglied des Reichstags war. Ich kam einen Korridor entlang
und sah am Ende desselben den Prinzen Albrecht in Gesellschaft einiger
konservativer Abgeordneter stehen. Aus einem Seitenkorridor trat
Schweitzer. Sobald der Prinz seiner ansichtig wurde, winkte er
Schweitzer heran, reichte ihm die Hand, die er kräftig schüttelte und
fragte sehr leutselig: Mein lieber Schweitzer, wie geht es Ihnen?
Schweitzer: Danke, Königliche Hoheit! Der Prinz: Warum waren Sie gestern
nicht in der Sitzung? Schweitzer: Doch, Königliche Hoheit, ich war
zugegen! Der Prinz: Warum haben Sie denn nicht das Wort ergriffen? Man
hatte dieses erwartet.... Ich trat rasch in den Sitzungssaal, um nicht
als Horcher zu erscheinen. Die Unterhaltung zeigte, daß Schweitzer mit
dem Prinzen schon öfter verkehrt hatte, und sie zeigte weiter, daß „man“
auf der rechten Seite des Reichstags genau wußte, was selbst die
radikalsten Reden Schweitzers bedeuteten.
Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld.
Als wir am 27. März gegen Abend in Barmen-Elberfeld ankamen, empfingen
uns eine Anzahl Gesinnungsgenossen, die sämtlich der Internationale
angehörten. Ueber unsere Verhandlungen an jenem Abend schrieb ich noch
in der Nacht an Marx:
„Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen
Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan für die morgige
Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Fülle von
Schuftereien Schweitzers zu hören bekommen, daß uns die Haare zu Berge
stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, daß Schweitzer das
Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlägt, um einen
Hauptcoup gegen uns zu führen und ein gut Teil oppositioneller
Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herüberzuziehen. Ich
bitte Sie deshalb, zugleich im Namen Liebknechts und sämtlicher
hiesiger Freunde, eine etwaige Ratifikation des betreffenden
Beschlusses der Generalversammlung durch Schweitzer vorläufig
unberücksichtigt zu lassen oder wenigstens nur sehr vorsichtig zu
beantworten.
Nähere Mitteilungen folgen bald nach.
Ueber den Ausgang der morgigen Disputation läßt sich noch gar nichts
sagen, nur das eine kann ich mitteilen, daß Schweitzer mit allen
Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns wühlt, auf einen
durchschlagenden Erfolg hoffen wir auf keinen Fall. Die Organisation,
um jede Opposition aus der Mitte seines eigenen Vereins totzuschlagen,
ist hier schon seit Wochen mit großem Geschick getroffen worden.
Gestern abend beispielsweise hat Schweitzer bei seiner Ankunft einen
wahren Triumphzug durch Elberfeld-Barmen gehabt. (In einer mit
Schimmeln bespannten Equipage.) Damit schließe ich für heute.“
Schweitzer hatte im „Sozialdemokrat“ angekündigt, daß die Feinde schon
bis in die Nähe des Präsidenten (also der allerhöchsten Person)
gedrungen seien und die Generalversammlung wohl strenger und
entschiedener als bisher alle Angriffe auf die Organisation, das heißt
auf die von ihm oktroyierte, zurückweisen müsse.
In der Vorversammlung war gegen die Ansicht Schweitzers — der die
Begegnung mit uns hinausschieben, wenn nicht ganz verhindern wollte — mit
30 gegen 27 Stimmen unsere sofortige Zulassung beschlossen worden. Am
nächsten Nachmittag traten wir in den überfüllten Saal, von wütenden
Blicken der fanatisierten Anhänger Schweitzers empfangen. Liebknecht
sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich
kürzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrängt, was ich bisher
hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige
Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent
bezeichnete. Ich solle das Wort zurücknehmen. Dessen weigerte ich mich.
Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu
dürfen, sie, die Zuhörer, brauchten mir ja nicht zu glauben.
Der „Sozialdemokrat“ brachte einen sehr verstümmelten, zum Teil
gefälschten Bericht unserer Reden, der irreführend wirkte. Liebknecht
übertrieb die Loyalität. Er unterließ jede Berichterstattung und
begnügte sich, im „Demokratischen Wochenblatt“ mitzuteilen, daß wir auf
der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewesen
und unsere Anklagen gegen Schweitzer vorgebracht hätten. Schweitzer habe
mit 6500 Stimmen gegen 4500, deren Vertreter sich der Abstimmung
enthalten hätten, ein Vertrauensvotum erhalten. Doch da wir begründete
Aussicht auf Verständigung, wenn auch nicht auf Vereinigung der
vermiedenen sozialdemokratischen Fraktionen hätten, werde das
„Demokratische Wochenblatt“ keine Angriffe auf Schweitzer mehr
veröffentlichen, wobei wir voraussetzten, daß von der Gegenseite
dieselbe Taktik innegehalten werde. Das geschah aber nicht, vielmehr
setzte der „Sozialdemokrat“ seine Angriffe auf uns fort.
Schweitzer, der während unserer Reden auf dem Podium hinter uns saß,
erwiderte kein Wort. So verließen wir den Saal, wobei einige Delegierte
vor und hinter uns gingen, um uns vor Tätlichkeiten der fanatisierten
Anhänger Schweitzers zu schützen. Aber Schmeichelworte wie Schufte,
Verräter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw.,
bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hören.
Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen
vom Podium durch einen Stoß in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der
Tür nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach
unserem Hotel zu geleiten.
Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach
erregter Debatte wurde ihm dasselbe mit der oben mitgeteilten
Stimmenzahl erteilt. Die Delegierten, die sich der Abstimmung
enthielten, waren: Bracke, Bräuer, Rudolph-Hannover, v. Daake, Geib,
Hirsch, Perl, Raspe-Essen, Schrader, Louis Schumann-Berlin, Spier,
Heinrich Vogel, Wilke und York.
Die Genannten mußten schwer büßen, daß sie das Vertrauensvotum
verweigert hatten; im „Sozialdemokrat“ fielen die Angriffe hageldicht
auf sie nieder. Das beschlossene Vertrauensvotum lautete:
„In Erwägung, daß in den Ausführungen der Herren Bebel und Liebknecht
nichts Neues und Erhebliches enthalten ist, erklärt die
Generalversammlung, daß der Vereinspräsident nach wie vor das volle
Vertrauen der deutschen Arbeiterpartei besitzt.“
Die Elberfelder Generalversammlung bedeutete für Schweitzer eine Reihe
schwarzer Tage. Was er im Herbste nach der Auflösung des Vereins durch
die Leipziger Polizei an diktatorischen Bestimmungen in die neue
Organisation gebracht hatte, fiel jetzt den Beschlüssen der
Generalversammlung zum Opfer. Zunächst wurde beschlossen, daß die
Leitung des Vereins aus einem Vorstand von 15 Personen statt wie bisher
von 25 bestehen solle. Außer dem Präsidenten, Kassierer und Sekretär
mußten die übrigen 12 Mitglieder an einem Orte wohnen, damit sie in
beständiger Fühlung miteinander waren und jeden Augenblick eine Sitzung
einberufen konnten. Die Sitzungen des Vorstandes sollte dessen
Vorsitzender berufen, nicht wie bisher der Präsident. Der letztere
sollte auch nicht sechs Wochen _vor_ der Generalversammlung, sondern
erst _nach_ derselben durch direkte Wahl seitens der Vereinsmitglieder
gewählt werden, nachdem das Protokoll veröffentlicht worden sei, damit
die Mitglieder wußten, was auf der Generalversammlung geschehen sei. Die
Befugnis des Präsidenten, für von ihm getroffene Anordnungen erst binnen
drei Monaten die Genehmigung des Vorstandes einzuholen, wurde auf acht
Tage beschränkt, machte also die Befugnis gegenstandslos. Außerdem
sollte der Vorstand mit einfacher Mehrheit über die innere Organisation,
den Geschäftsgang, die Förderungsmittel des Vereins, das Schreib- und
Kassenwesen beschließen. Ferner sollte der Vorstand auch das Recht
haben, in Fällen einer _politischen Unredlichkeit oder grober
Kassenvergehen ihn vom Amte zu suspendieren und die endgültige
Entscheidung durch eine sofort zu berufende Generalversammlung oder
durch Urabstimmung herbeiführen._ Durch diese und noch eine Reihe
anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr
bedeutend eingeschränkt. Die Beschlüsse legten Zeugnis ab _von einem
sehr intensiven Mißtrauen, das gegen ihn herrschte,_ und bemerkenswert
ist, daß die wichtigsten Bestimmungen angenommen wurden, obgleich er
opponierte. Weiter wurde eine Ueberwachungs- und Beschwerdekommission
von drei Berliner Mitgliedern eingesetzt, die alle Beschwerden gegen die
Redaktion entgegennehmen und darüber entscheiden sollte. Durch diese
Beschlüsse war der Verein auf eine durchaus _demokratische Basis_
gestellt. Schweitzer war durch die Einschränkung seiner Allmacht so
deprimiert, daß er, nach Berlin zurückgekehrt, Annäherungsversuche an
uns machte. Unter dem 8. April sandte ich meiner Frau einen Brief, in
dem es hieß:
„Schweitzer hatte, obgleich ich ihn anfangs ignorierte, sich an mich
herangeschlängelt, als ich mit einem anderen Kollegen eine Unterhaltung
hatte. Beim Schluß der Sitzung hat er mich eingeladen, mit ihm,
Fritzsche und Hasenclever zu speisen. Diese Einladung auszuschlagen war
unmöglich, ohne grob zu erscheinen. Schweitzer ließ darauf seine
elegante Equipage mit Livreebedienten vorfahren und fuhr mit uns nach
dem Lokal, in dem wir speisten. (Wir aßen bei Olbrich, damals ein
bayerisches Bierlokal, auf der Leipzigerstraße in der Nähe der Linden.)
Nach dem Essen ließ er es sich nicht nehmen, mich mit der Equipage nach
dem Anhalter Bahnhof zu fahren, woselbst ich Liebknecht abholen wollte.“
Nebenbei bemerkt, sein Essen zahlte jeder selbst.
Während des Essens wurde über Waffenstillstandsbedingungen verhandelt.
Ich erklärte mich zu solchen bereit, könnte mich aber auf nichts
Bestimmtes einlassen, bevor nicht Liebknecht mit dabei sei. Mit dreien
gegen mich allein zu verhandeln, war mir bedenklich. Die folgenden Tage
setzten wir die Verhandlungen im Reichstag fort. Schweitzer verlangte,
daß nicht nur die gegenseitigen Angriffe in den Blättern und
Versammlungen eingestellt würden, sondern daß auch die Mitglieder der
beiden Parteien nicht miteinander politisch verkehren oder gemeinsame
Aktionen unternehmen dürften. Das letztere lehnten wir ab, wie wir denn
überhaupt wiederholt sehr heftig aneinander gerieten und Schweitzer
nichts schenkten. Es sei eine Beleidigung für uns und auch eine solche
für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sich
gegenseitig wie Feinde anzusehen. Daß weder die Personen noch die
Organisationen gegenseitig angegriffen werden dürften, sei
selbstverständlich. Auch kamen wir überein, künftig im Reichstag die von
der einen oder anderen Partei gestellten Anträge gegenseitig zu
unterstützen. Darauf veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ in der Nummer
45 vom 16. April die Ankündigung, wonach er von jetzt ab weder Angriffe
gegen Liebknecht und mich, noch gegen unsere Partei bringen würde, und
forderte die Vereinsmitglieder auf, im gleichen Sinne zu handeln.
Umgekehrt veröffentlichten wir im „Demokratischen Wochenblatt“ eine
ähnlich lautende Erklärung.
So schien alles in schönster Harmonie zu sein. Aber Schweitzer konnte
sich der neuen Ordnung nicht fügen; eine demokratische Organisation, wie
sie die Barmen-Elberfelder Generalversammlung geschaffen hatte, war für
ihn der politische Tod. Dieselbe legte ihm in einer Weise Fesseln an,
daß die bisher geübte politische Zweideutigkeit für künftig unmöglich
wurde. Außerordentlich bezeichnend für sein damaliges Verhalten ist
auch, daß er das ausführliche Protokoll, das über die Elberfelder
Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden ließ, wie er
das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus
dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn
kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die
Oeffentlichkeit dringen.
Da erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Proklamation in
Nummer 70 des „Sozialdemokrat“ vom 18. Juni, überschrieben:
_Wiederherstellung der Einheit der Lassalleschen Partei_, und
unterzeichnet von Schweitzer und Mende. Wiederholt sei hier, daß seit
Anfang 1867 sich ein Teil der Mitglieder vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein unter dem Einfluß der Gräfin Hatzfeldt losgelöst und
unter dem Namen „Lassallescher Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“
organisiert hatte, dessen Präsident Mende war. Das Organ des letzteren
Vereins war die „Freie Zeitung“. Die beiden Vereine lagen sich seitdem
gegenseitig in den Haaren. Jetzt hatten sich die feindlichen Brüder,
soweit ihre Präsidenten und die Gräfin Hatzfeldt in Frage kamen, auf
einmal gefunden und traten Hand in Hand vor ihre Anhänger.
Der veröffentlichte Aufruf war ein ungemein phrasenreiches Schriftstück,
das mit einer Verherrlichung Lassalles begann. Wieder wurde das Wort
Lassalles: „Ihr sollt die Organisation aufrechterhalten, sie wird euch
zum Siege führen“, zitiert. Weiter hieß es in hochtrabenden Worten:
„Die erwählten Führer der beiden Vereine sind von dieser Erkenntnis
durchdrungen; mit gehobenem Gefühl treten sie heute vor die Mitglieder
der beiden Vereine und fordern sie auf, ein stolzes Werk ihnen bauen
zu helfen, ... einen wahrhaft Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein,
mächtig über ganz Deutschland.... Unseren Vorschlag unterbreiten wir
den gesamten Mitgliedschaften beider Vereine, das heißt dem
_souveränen Volk selbst unmittelbar zur sofortigen Entscheidung_.
(Auch im Original gesperrt.)
_Das alte Lassallesche Statut ist es_, unter dem wir dereinst einig
waren und zu dem wir zurückkehren müssen, _um diesmal in einheitlicher
Entwicklung_, von diesem Boden aus gemeinsam voranzuschreiten....“
Dann wurde gefordert, daß bis zum 22. ds. Mts. — der Ausruf, vom 16.
datiert, erschien am 18. Juni im „Sozialdemokrat“ und gelangte erst am
19. oder 20. in die Hände der meisten Mitglieder — über ihren Vorschlag
abgestimmt werden solle und am 23. _das Abstimmungsresultat in Berlin
angelangt sein müsse_.
Des weiteren wurde erklärt, daß, wenn die Abstimmung zugunsten des
Mende-Schweitzerschen Vorschlags ausfalle — in berechnender
Bescheidenheit trat Schweitzer hinter den stupiden Mende zurück —,
sollten am 24. Juni beide Vereine _aufgelöst_ werden, worauf noch _an
demselben Tage einige Parteifreunde zusammentreten und die
Wiederherstellung des ursprünglichen Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins unter dem alten Lassalleschen Statut beschließen
sollten_. Die Präsidentenwahl sollte am 30. Juni stattfinden und am 3.
Juli das Resultat verkündet werden. Bis zur Wahl des Präsidenten sollte
Mende als Präsident, Tölcke als Sekretär, Bracke als Kassierer
fungieren. Der Aufruf schloß:
„Macht es möglich, Parteigenossen, daß, wenn der Todestag Lassalles
wiederkehrt, wir alle, alle über seinem Grabe uns die Hände reichen
und uns sagen können: _Wir haben uns des Meisters würdig gezeigt._“
Dieses Vorgehen der beiden Präsidenten war der _Staatsstreich_. Damit
war die demokratische Organisation, welche die Elberfelder
Generalversammlung dem Schweitzerschen Verein gegeben hatte, mit einem
Schlage vernichtet. Schweitzer hatte die ihm angelegten Fesseln mit
einem Ruck zerrissen und war wieder unumschränkter Herr und Diktator. Um
den befürchteten Widerstand des in Hamburg domizilierten Vorstandes zu
brechen, schickte Schweitzer seinen Vertrauensmann Tölcke nach dort, dem
die Ueberredung des Vorstandes gelang. Geib telegraphierte: „Vorstand
befürwortet einstimmig nach Erwägung der ihm von Tölcke vorgetragenen
Gründe Wiedervereinigung. Mitgliederversammlung stimmte zu.“
Aber nun galt es auch die zwischen Schweitzer, Fritzsche, Hasenclever
und uns getroffenen Vereinbarungen aufzuheben. Zu diesem Zwecke erklärte
Schweitzer in der Nummer 72 des „Sozialdemokrat“ vom 22. Juni: Wir
hätten diese Abmachungen gebrochen, _indem wir erneut wissentlich und in
böswilliger Weise einen Eingriff in die von uns gehaßte Organisation des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins versuchten_. Damit hätten wir die
getroffenen Vereinbarungen gelöst, und nun hielten auch sie sich nicht
mehr daran gebunden.
Das begangene „Verbrechen“ fiel zunächst auf mein Haupt. Ich hatte im
Laufe des Juni in zwölf thüringischen Städten Versammlungen abgehalten,
darunter auch in Apolda, Erfurt und Gotha. Hier hatten die Mitglieder
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, indem sie mich dazu einluden,
Versammlungen einberufen, und deren Bevollmächtigte führten darin den
Vorsitz. Alle Versammlungen waren überfüllt und verliefen ausgezeichnet.
In jenen Versammlungen war eine Resolution angenommen worden, dahin
lautend, daß nur die sozialdemokratischen Prinzipien es seien, welche
die Lage der arbeitenden Klassen verbessern könnten, und daß eine
Einigung der sozialdemokratischen Arbeiterfraktionen herbeigeführt
werden müsse.
Den Schluß meiner Agitationsreise bildete eine Konferenz in Eisenach, an
der außer unseren Anhängern auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins und Mitglieder der Demokratischen Partei teilnahmen. Es
sei hier erläuternd bemerkt, daß zu jener Zeit eine Anzahl bürgerlicher
Demokraten in Thüringen vorhanden waren, die sämtlich auf dem Standpunkt
Jacobys standen, so Professor Abbe und sein Schwiegervater Professor
Snell, weiter Dr. Sy in Jena, der später der Partei sich anschloß,
Rechtsanwalt Creuznacher in Eisenach usw. Ferner zählte diese Partei
Anhänger in Weimar, Gotha und Altenburg. In Eisenach war in einer
Resolution erklärt worden:
„Zur gemeinsamen Arbeit für die Lösung der sozialen Frage ist es nicht
nur erforderlich, daß die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen
der Demokratischen Arbeiterpartei aufhört, sondern auch, daß die
demokratischen Arbeitervereine mit der gesamten demokratischen Partei
geeint seien, daß namentlich bei gemeinsamen politischen
Angelegenheiten, insbesondere bei Wahlen, die demokratische Partei und
die sozialdemokratischen Arbeitervereine zusammengehen.“
Das war also das Verbrechen, das Schweitzer zu seinem Vorgehen gegen uns
veranlaßte.
Das Agitieren machte mir übrigens trotz aller Erfolge und
Beifallsbezeigungen wenig Vergnügen. Am 7. Juni hatte ich meiner Frau
von Ronneburg aus geschrieben: „Bei aller Liebe und Freundschaft, die
einem die Leute erweisen, ist das Agitieren kein angenehmes Geschäft.“
Und wie lange habe ich es nachher noch betrieben. Die Pflicht gebot es,
das genügte.
Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein.
Schweitzers und Mendes Staatsstreich machte in weiten Kreisen des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins böses Blut. Ein Teil der
intelligenteren Mitglieder sah ein, daß es kein Auskommen mehr mit
Schweitzer gebe und er das Hindernis einer Einigung sei. Bracke ließ
durch Vermittlung von Bremer-Magdeburg Liebknecht und mich wissen: sie
wünschten eine Zusammenkunft mit uns. Auf diesen Wunsch gingen wir
bereitwillig ein. Am 22. Juni abends trafen wir uns — Bracke, Bremer,
Spier-Wolfenbüttel, York-Harburg, Liebknecht und ich — in einem Gasthaus
dritter Güte in Magdeburg. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge.
Bracke und Bremer waren für sofortiges Losschlagen gegen Schweitzer und
Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Spier und York
hatten große Bedenken. Man müsse versuchen, den Verein von „innen
heraus“ zu reformieren, meinten sie; worauf wir antworteten, daß gerade
die Vorgänge von Barmen-Elberfeld zeigten, wie es mit einer Reformierung
von innen heraus aussehe. Solange Schweitzer Präsident sei und den
„Sozialdemokrat“ in der Hand habe, sei es unmöglich. Schließlich wurden
wir einig. Es war Mitternacht, als der prächtige Bracke sich über das in
der Wirtsstube stehende Billard streckte, um auf demselben den Aufruf
niederzuschreiben, für den alsdann Unterschriften für die Einberufung
eines Kongresses gesammelt werden sollten. Nachdem wir den Aufruf
nochmals gründlich durchberaten, gingen wir gegen 3 Uhr zu Bette. Aber,
o weh! Wir waren in ein Wanzennest geraten. Keiner von uns konnte
schlafen. Bereits um 4 Uhr erhoben wir uns und fuhren mit den ersten
Frühzügen nach unseren Heimatorten zurück. Beschlossen war worden, einen
Kongreß nach einer mitteldeutschen Stadt — Gotha oder Eisenach — zu
berufen und zur Beschickung desselben auch die deutsch-österreichischen
und die deutschen Arbeitervereine der Schweiz einzuladen, ebenso die
deutsche Abteilung der Internationale um eine Vertretung zu ersuchen.
Wegen seiner historischen Bedeutung bringe ich den Aufruf von Bracke
und Genossen wörtlich zum Abdruck:
_An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins._
Parteigenossen! Unter einer Menge von heuchlerischen Redensarten hat
der Präsident unseres Vereins eine Maßregel getroffen, welche jedes
denkende Mitglied mit Entrüstung erfüllen muß. In derjenigen Eile,
welche diese Vorgänge geboten — weshalb denn auch niemand sich über
Zurücksetzung beklagen wolle —, sind die Unterzeichneten
zusammengetreten und haben sich über einen Schritt geeinigt, der von
den weittragendsten Folgen für die Partei sein wird. Wir bitten Euch,
Parteigenossen, aufmerksam und vorurteilsfrei unsere Meinung zu
prüfen.
Während noch vor kurzem die Herren Schweitzer und Mende, die sich in
der heftigsten Weise gegenseitig beschuldigten, Söldlinge der Reaktion
zu sein, von einer Verschmelzung der verschiedenen Fraktionen der
Arbeiterpartei nichts wissen wollten, treten sie plötzlich heute (im
Einverständnis mit der Gräfin Hatzfeldt) mit rührenden Worten vor die
Mitglieder ihrer Vereine, um dieselben aufzufordern, eine Einheit
lediglich dieser beiden Fraktionen der Partei herbeizuführen — wobei
denn von der Einigung der gesamten sozialdemokratischen Partei keine
Rede ist —, und dies alles unter Bedingungen, welche ein Hohn sind auf
die Rechte des sogenannten „souveränen Volkes“. Nicht allein ist die
Frist der Abstimmung so kurz, daß es unmöglich erscheinen muß, daß die
Mitglieder sich über die Frage wirklich ein Urteil bilden können, so
daß alles wie die reinste Ueberrumpelung erscheint; nicht allein ist
die Form der Abstimmung, bei der man den Mitgliedern einfach die
Pistole auf die Brust setzt mit der Aufforderung, ja oder nein zu
sagen, also entweder sich in die schmachvollsten Bedingungen zu fügen
oder auf die sehnlichst gewünschte, wenn auch nur stückweise Einigung
zu verzichten; nicht allein ist diese Form der Abstimmung eine
demokratisch gesinnter Männer unwürdige, sondern es ist auch der
Präsident so eigenmächtig bei dem allen vorgegangen, wie es fast ohne
Beispiel ist. Nie ist über amerikanische Sklaven in willkürlicherer
Weise verfügt worden, als hier über die Mitglieder des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins. Wozu auch vorher, ehe man solche im
höchsten Grade wichtige Schritte tut, die Mitglieder oder den Vorstand
um ihre Meinung fragen?! Wenn die Tatsachen fertig sind, wird die
„freie“ Zustimmung der Mitglieder durch einige Redensarten erpreßt.
Wenn Herr v. Schweitzer diktiert, haben die Mitglieder einfach zu
gehorchen, und dann nennt man dieselben noch das „souveräne Volk“. Ein
größerer Hohn war nie einem Menschen geboten. Wenn Herr v. Schweitzer
es für gut hält, wird den Mitgliedern zugemutet, mit eigener Hand und
mit einem Schlage das mühsam in einer Reihe von Jahren aufgebaute
Reformwerk zu vernichten und ohne weiteres ein Statut anzunehmen, das
früher zu dem erbittertsten Zwiespalt Veranlassung gegeben hat; ein
Statut, nach welchem der Präsident die unumschränkteste Gewalt in
seinen Händen und der Vorstand nicht den allergeringsten Einfluß hat,
und das zu alledem dahin ausgelegt werden kann, daß auf volle drei
Jahre hinaus jede Aenderung an demselben unmöglich ist! Das Vorgehen
des Präsidenten in diesem Falle — ein Staatsstreich im kleinen — erhebt
den schon seit langer Zeit von vielen Mitgliedern des Vereins gehegten
Argwohn zur Gewißheit, daß Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur
Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer
arbeiterfeindlichen reaktionären Politik herabwürdigen will; sonst
würde derselbe jetzt die Einigung der gesamten sozialdemokratischen
Arbeiter Deutschlands suchen. Wer die Einigung eines Teils der
sozialdemokratischen Arbeiter empfiehlt, ohne dabei mit aller Energie
auf die Einigung der gesamten Partei zu wirken, welche ihr allein
Macht und Einfluß verschaffen kann, wer durch Einigung eines Teiles in
diesen Formen die Einigung aller Teile unmöglich macht, und wer dies
tut mit rührenden, von Bruderliebe überfließenden Worten, der ist ein
elender Heuchler; und wer dann diejenigen, welche sich den gestellten
schmachvollen Bedingungen nicht fügen, sondern etwas Größeres, etwas
Erhabeneres erstreben, als Gegner der Einigung überhaupt brandmarken
will, ist ein Jesuit ohnegleichen.
Die Einigung der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands
herbeizuführen, muß das Streben jedes ehrlichen Sozialdemokraten sein.
Angesichts der immer mächtiger sich ausbreitenden Wogen der Bewegung,
angesichts der Vorzeichen, welche in allen Kulturstaaten der Welt auf
eine baldige mächtige Umgestaltung der politischen und sozialen
Verhältnisse hindeuten, ist ein Verschleppen dieser Einigung Verrat.
Diese Einigung kann aber nur das Werk sein des wirklich souveränen
Volkes selbst, und Ihr, Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, werdet Euch nicht verschachern lassen nach der Laune
einiger Führer wie eine Herde Schafe, sondern Ihr werdet wie Männer
Eures eigenen Geschickes Schmiede sein!
Wir haben eingesehen, daß eine Organisation, in welcher der Wille
eines Einzelnen sich hinwegsetzen kann über alle Errungenschaften des
Vereins, ja den Verein selber in jedem Augenblicke in Frage stellen,
denselben jeden Augenblick auflösen und in anderer ihm passenderer
Form wieder ins Leben rufen kann, in welcher dieser Einzelne die
Pfennige der Arbeiter gebraucht, um elende Lumpen zu bestechen, daß
eine solche Organisation keine Faser von demokratischem Geiste in sich
hat. In einer solchen Organisation ferner zu wirken, wäre schmähliche
Verschwendung unserer besten Kräfte; wir verzichten darauf!
Geleitet von dem Gedanken, daß nur von der Partei selbst über ihre
Organisation beschlossen werden kann, und ferner geleitet von dem
Gedanken, die Einigung der sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands,
auch was die Gewerkschaften betrifft, herbeizuführen, haben wir den
Entschluß gefaßt, in kürzester Zeit einen allgemeinen Kongreß der
gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands zu berufen, auf
welchem der Grund einer wirklich demokratischen Organisation der
Partei, im Anschluß an die internationale Bewegung, gelegt werden
kann. Parteigenossen, wir rechnen auf Eure Unterstützung! Die
sozialdemokratischen Arbeiter, welche nie anders als von einem
künstlich erregten Haß gegeneinander erfüllt gewesen sind, werden sich
zu einigen und sich eine Organisation zu geben wissen, welche den
Geist ihrer Prinzipien mit der Zusammenfassung aller ihrer Kräfte
vereint.
Parteigenossen, Ihr werdet Euch nicht verblenden lassen von den
heuchlerischen Redensarten von Leuten, denen die Einigung der Partei
nie am Herzen gelegen hat; Ihr werdet Euch eine Behandlung nicht
gefallen lassen, welche man nur ehrlosen oder gedankenlosen Menschen
zu bieten wagen kann; Ihr werdet Euch als das zeigen, was Ihr
seid — nicht als die willenlosen Sklaven eines launischen Herrschers —,
sondern als das wirklich und wahrhaft souveräne Volk, das allein über
die Gestaltung seiner Geschicke zu entscheiden hat. Wagt einmal im
Interesse unserer Prinzipien, im Interesse der Demokratie und des
Sozialismus eine kühne Tat! Laßt uns die Fahne, auf welcher die
Einigung der gesamten Partei geschrieben steht, nicht vergebens
erhoben haben! Einig nur sind die Arbeiter eine Macht! Zersplittert
sind wir ewig das Gespött unserer Gegner, aber einheitlich und
wahrhaft demokratisch organisiert sind wir unüberwindlich.
Wenn Ihr uns zustimmt — und wir hoffen sehr, daß Ihr dies tun
werdet —, so sendet Eure Zustimmung an einen der Unterzeichneten ein,
damit wir gemeinsam die Einberufung des Kongreß betreiben können.
Aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein werden wir — es ist uns
schwer geworden, den Entschluß zu fassen — austreten. Der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein war uns ans Herz gewachsen, aber im Interesse
der Sache muß man das schwerste Opfer zu bringen verstehen; und anders
ist keine Rettung!
Vorwärts denn, Parteigenossen, auf der neuen Bahn in heiligem Kampfe
für unsere große und erhabene Sache! Begeisterung und Ausdauer
verbürgen den Sieg.
Den 22. Juni 1869.
I. Bremer in Magdeburg. Hoffmann in Neustadt-Magdeburg. W. Klees in
Buckau bei Magdeburg. Th. Borck in Harburg. C. Müller, S. Spier und A.
Viewieg in Wolfenbüttel. W. Bracke junior, H. Ehlers, E. Lüdecke und
A. Schrader in Braunschweig. Friedrich Ellner in Frankfurt a.M.
In derselben Nummer des „Demokratischen Wochenblatts“ vom 26. Juni, in
der wir den vorstehenden Ausruf veröffentlichten, erschien auch eine
Erklärung von uns an die Parteigenossen, in der die Beschuldigung
Schweitzers, wir hätten die mit ihm getroffenen Abmachungen gebrochen,
zurückgewiesen wurde. Alsdann unterzogen wir die Einigungskomödie der
Mende-Hatzfeldt-Schweitzer einer scharfen Kritik. Wir erklärten: „Wir
werden den Kampf aufnehmen und mit aller Kraft und Zuversicht ihn
führen, Hand in Hand mit den klarblickenden Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins.“ Wir schlossen:
„Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die
Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit
der Absichten auf unserer den Sieg davonträgt.
Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem
Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten
anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie,
hoch die Internationale Arbeiterassoziation!“
Daß wir in dieser Erklärung und später wiederholt die Ehrlichkeit
unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld führten,
brachte nachher der neu gegründeten Partei von der Gegenseite den
Spitznamen „Die Ehrlichen“ ein.
Auf meinen Antrag beschloß der Vorortsvorstand einstimmig, sich dem
Aufruf von Bracke und Genossen zur Einberufung eines allgemeinen
deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongresses anzuschließen und die
Vorstände der Arbeitervereine aufzufordern, ein gleiches zu tun. Ein am
28. Juni von mir hinausgesandtes Zirkular verlangte Antwort bis
spätestens den 1. Juli mittags, eventuell telegraphisch. Auch schrieb
ich an Joh. Phil. Becker in Genf, der Zentralrat der deutschen Sektion
der Internationale möge ebenfalls eine zustimmende Erklärung zu dem
Einigungswerk einsenden. Ich hoffte, diesesmal gelinge uns ein
Hauptschlag. Am 26. Juni hatten auch Geib, Praast und Ockelmann-Hamburg
ihren Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklärt und
sich Bracke und Genossen angeschlossen.
Der „Sozialdemokrat“ beobachtete jetzt die Taktik, ständig zu verkünden,
unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten,
Schulmeistern und sonstigen Bourgeois.
Schweitzer suchte weiter mit dem Geschick, das er besaß, die Mitglieder
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an der von ihm systematisch
gepflegten schwachen Seite zu fassen. In einem Artikel schrieb er mit
Bezug auf die Opposition:
„Ein einziger Punkt entscheidet alles. Seid ihr Demokraten oder nicht?
Ihr behauptet: Ja? Wißt ihr oder wißt ihr nicht, daß der Demokrat sich
der Mehrheit zu fügen hat — doppelt zu fügen hat, wenn diese Mehrheit
an Einstimmigkeit grenzt? Nun denn! Der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein-beide bisherigen Vereine — habe nahezu einstimmig mit Ja
gestimmt. Unterwerft ihr euch jetzt dem Volkswillen? O nein! In eurer
Eitelkeit, ihr ‚Demokraten‘, erklärt ihr das Volk für eine Herde
Schafe und eure Meinung für unfehlbar. Geht doch, ihr aufgeblasenen
Heuchler, _die ihr euch weiser dünkt als das ganze Volk und als
Ferdinand Lassalle!_
Weiser als Ferdinand Lassalle, euer riesenhafter Lehrer und
Meister — ja ja. Denn der Stein des Anstoßes liegt euch darin, daß die
Lassallesche Organisation in ihrem ganzen Umfang wieder hergestellt
wurde ...“
Das Spiel mit der Lassalleschen Organisation ging spaltenlang und fast
Nummer um Nummer weiter.
Auf der anderen Seite brachte das „Demokratische Wochenblatt“ Nummer für
Nummer Erklärungen gegen Schweitzer aus der Mitte des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins. So aus Gotha, Hamburg, Hildesheim, Erfurt,
Hannover, Solingen, Wiesbaden, Elberfeld, Chemnitz (letztere gegen
Mende). Auch H. Roller, der bisherige Sekretär des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, erklärte sich ebenfalls gegen Schweitzer.
Von den Gewerkschaftsführern sagten sich Fritzsche, Präsident des
Zigarren- und Tabakarbeitervereins, L. Schumann, Präsident des
Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Th. Bork, Präsident des
Gewerkvereins deutscher Holzarbeiter, und Schob, Präsident des
Allgemeinen Deutschen Schneidervereins, von Schweitzer los.
Unter dem 5. Juli teilte Mende im „Sozialdemokrat“ mit, daß Schweitzer
mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt sei. Eine starke
Minorität sei auf ihn (Mende) gefallen, trotzdem er wiederholt erklärt
habe, er nehme eine Wahl nicht an. Zahlen wurden nicht mitgeteilt. Die
Beteiligung an der Wahl war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.
In der schwülstigen Ansprache, mit der Mende die Wahl Schweitzers zum
Präsidenten verkündete, hieß es:
„Wie Marat, der größte Revolutionär seiner Zeit, es so treffend
bezeichnet: Als Diktator mit der Kugel am Bein soll der Präsident den
Verein leiten, und diese Kugel soll sein: _Prinzip und Organisation_.“
Bekanntlich erwies sich diese Kugel als Attrappe. Und wiederum zitierte
Mende:
„Haltet treu und fest an der Organisation, sie muß uns zum Siege
führen“, und schloß: „Es lebe Ferdinand Lassalle! Es lebe der von ihm
gestiftete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein! Es lebe die
Organisation!“
Schweitzer dankte für seine Wahl in einer Ansprache, die ebenso
schwülstig und emphatisch war wie jene Mendes. Der Schluß lautet:
„Wohlan denn! Namens des hingegangenen Meisters, der euch alle, ihr
Arbeiter, aus dem Schlummer geweckt — namens des _souveränen Volkes
unserer Partei_, das mich zum Führer erkoren — _namens_ eurer leidenden
_Brüder auf der ganzen Erde, entfalte ich die Fahne und trage sie
voran_. Festgeschlossen in Reih' und Glied, ihr Arbeiterbataillone,
folget dem erwählten Führer.
Hoch die Manen Lassalles! Hoch die sozialdemokratische Agitation!“
So die beiden Auguren, beide, wie sich nachher sehr bald herausstellte,
betrogene Betrüger. Darauf ordnete unter dem 10. Juli Schweitzer die
Wahl der vierundzwanzig Vorstandsmitglieder an, für die er die
Kandidatenliste vorschlug. Der Vorstand wurde wieder in früherer Weise,
über Deutschland verteilt wohnend, gewählt.
Im „Sozialdemokrat“ vom 14. Juli machte Schweitzer bekannt, der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein werde sich auf dem von uns berufenen
sozialdemokratischen Kongreß vertreten lassen und veröffentlichte eine
Reihe von Resolutionen, die seine Anhänger auf dem Kongreß zur Annahme
vorschlagen sollten. Hinter unserem Kongreß, hieß es in der betreffenden
Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren
Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation könne natürlich
bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten
usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute müsse Gelegenheit haben, sich
recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot,
log er weiter. Er werde dafür sorgen, daß eine entsprechende Anzahl
Delegierter auf den Eisenacher Kongreß komme, aber keine Literaten und
Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter.
Von den Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw., aus denen allein
unsere Partei bestehen sollte, sprach er von jetzt ab nicht anders als
von Achtels- und Viertelsintelligenzen.
Unter dem 17. Juli forderte das _„Demokratische Wochenblatt“ Schweitzer
auf, nicht nur seine Werkzeuge nach Eisenach zu schicken, sondern selbst
zu kommen_. Ein Wort bei der Berliner Polizei, und der Urlaub werde ihm
bewilligt, falls Herr v. Schweitzer sich überhaupt noch anstandshalber
sollte einsperren lassen.
Das letztere zog Schweitzer vor. Er veröffentlichte, datiert vom 17.
Juli, einen langen Aufruf „An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins“, worin er noch einmal einen Ueberblick über die
vorhandenen Wirren gab und eine Anzahl Versprechungen machte, die er
nach seiner Freilassung aus der Haft erfüllen wolle. Er schloß den
Aufruf mit den Worten:
„Behaltet mich in gutem Andenken, wie auch ich _inmitten meiner
Kerkermauern eurer gern gedenken werde_. Ich scheide von euch mit dem
Rufe: Auf frohes Wiedersehen bei der alten Fahne! Es lebe der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein!“
Der Rest der Haft, den er jetzt „hinter Kerkermauern“ verbüßen sollte,
betrug noch acht Wochen, die er in Rummelsburg mit Kahnfahrten auf dem
See und anderen Annehmlichkeiten verbrachte.
Man vergegenwärtige sich jetzt folgendes. Ende November ging Schweitzer
zur Verbüßung einer dreimonatigen Haft ins Gefängnis. Gegen Ende
Dezember wird er wegen Ordnung von Familienverhältnissen infolge seines
Vaters Tod auf acht Tage beurlaubt; er bleibt aber _sieben Wochen frei,
betreibt in dieser Zeit unter den Augen der Polizei und der Behörden
eine intensive politische Agitation und tritt erst am 18. Februar wieder
die Haft an_. Am 4. März erweist ihm die Regierung abermals den Dienst,
ihn wegen Eröffnung der Reichstagssession aus der Haft zu beurlauben.
Die Session wird am 22. Juni geschlossen, aber Schweitzer bleibt wieder
frei und betreibt abermals bis zum 19. Juli unter den Augen von Polizei
und Behörden eine intensive politische Agitation. Alsdann beliebt es
ihm, die Haft wieder anzutreten.
Dergleichen war weder vor noch nach Schweitzer in Preußen je möglich.
Als zum Beispiel 1868 Dr. _Guido Weiß_ wegen Preßvergehen zu 14 Tagen
Gefängnis verurteilt wurde, überfielen ihn einige Polizisten morgens 6
Uhr im Bett und transportierten ihn ins Gefängnis. Diese brutale
Methode, politisch Verurteilte in frühester Stunde aus dem Bette zu
holen und ins Gefängnis zu schleppen, war _jahrzehntelang Sitte bei der
Berliner Polizei_. Es sind noch nicht viele Jahre her, daß diese Sitte
verlassen wurde. Schweitzer hatte sich _nie_ über solche oder ähnliche
Mißhandlungen zu beklagen. Er ging ins Gefängnis und verließ dasselbe,
als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verließ. Und jeden gewünschten
Besuch konnte er empfangen. Das Mißtrauen gegen ihn war also zehnfach
gerechtfertigt.
* * * * *
Kurz vor dem Eisenacher Kongreß glaubte Tölcke mir eine Stinkbombe an
den Kopf werfen zu müssen, in der Hoffnung, mir politisch zu schaden. Er
erklärte in Nummer 87 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juli, ich beziehe vom
Exkönig von Hannover eine jährliche Besoldung von 600 Talern. Die
Beschuldigung war blöde, aber es gab Leute im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein, die daran glaubten. So beschloß ich, Tölcke wegen
verleumderischer Beleidigung zu verklagen. Ich bat den Parteigenossen
Wilhelm Eichhoff in Berlin, mit Rechtsanwalt Hirsemenzel, damals der
erste Rechtsanwalt Berlins, zu reden und ihn zu fragen, ob er den Prozeß
annehmen werde. Hirsemenzel lehnte ab, und zwar weil bei dem Prozeß
nichts herauskomme. Der Richter werde in der Behauptung, daß ich im
Solde eines Fürsten stehen solle, nichts Ehrenkränkendes finden und eine
Beweiserhebung darüber ablehnen. Tölcke würde also höchstens wegen
Beleidigung verurteilt, womit mir nicht gedient sein könne. Weiter
machte Hirsemenzel geltend, ließe ich den Grafen Platen, den
Hausminister des Exkönigs von Hannover, als Zeugen darüber vernehmen, ob
die Behauptung Tölckes wahr sei, so werde dieser _schon der Konsequenzen
halber_ das Zeugnis verweigern und dadurch erhalte die Behauptung
Tölckes einen Schein von Berechtigung. Eichhoff richtete darauf zweimal
ein Schreiben an Tölcke mit der Aufforderung, im „Sozialdemokrat“ die
Beweise zu veröffentlichen, da er behauptete, ich stünde
„erwiesenermaßen“ im Dienste des Exkönigs. Tölcke schwieg; ich richtete
darauf ebenfalls eine Aufforderung an ihn, die Beweise zu
veröffentlichen. Statt dessen wiederholte er seine Beschuldigung und
forderte mich auf, ihn zu verklagen. Ich nannte ihn darauf einen
gemeinen Verleumder und ersuchte ihn, mich vor dem Leipziger Gericht zu
belangen, da der Ausgang des Prozesses in Berlin kein Resultat
verspreche. Die Sache ging aus wie das Hornberger Schießen. Bracke
gegenüber erklärte Tölcke, er selbst habe keine Beweise für seine
Behauptung, aber ein Regierungsrat(!) habe die Behauptung aufgestellt
und den könne er nur bei einer gerichtlichen Klage meinerseits als
Zeugen zum Beweis seiner Angaben zwingen. —
Der Eisenacher Kongreß.
Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung
des Verbandes der deutschen Arbeitervereine.
Nachdem wir uns verständigt hatten, den Kongreß auf den 7. August nach
Eisenach einzuberufen, erschien im „Demokratischen Wochenblatt“ vom 17.
Juli der Ausruf, der unterzeichnet war von 66 ehemaligen Mitgliedern des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins aus verschiedenen Orten, 114
Mitgliedern des Verbandes der deutschen Arbeitervereine — worunter
ebenfalls eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins waren —, einer Anzahl ehemaliger Mitglieder des
Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, vom Zentralkomitee
der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, vom Deutsch-Republikanischen
Verein in Zürich; für die Arbeiter Oesterreichs von H. Oberwinder, H.
Hartung, B. Beschan, A. Macher, A. Straßer-Graz, und für die deutsche
Abteilung der Internationale in Genf von Joh. Phil. Becker. Der Ausruf
lautete:
_An die deutschen Sozialdemokraten!_
Parteigenossen! In der jüngsten Zeit haben sich im Schoße unserer
Partei Ereignisse vollzogen, die jeden ehrlichen Sozialdemokraten mit
Freude erfüllen müssen. Der Bann, welcher bisher auf der
sozialdemokratischen Arbeiterbewegung lastete, ist gebrochen; die
Selbstsucht einzelner, welche sich wie ein spaltender Keil in das
Mark, in das Herz unserer Partei geschoben, ist entlarvt und
niedergeschmettert, und es gilt nun, rasch zu handeln, damit die
Früchte des Sieges uns nicht wieder entrissen werden und damit aus der
heilsamen Revolution, welche sich soeben vollzogen hat, die
Prinzipienreinheit und die einheitliche Organisation hervorgehen
mögen, ohne die unsere Partei den ihr gebührenden Einfluß nicht
ausüben, die ihr innewohnende Kraft nicht entfalten kann.
Lange, leider zu lange, war es dem Egoismus und der Bosheit einzelner
möglich, die Partei in sich zu verfeinden. Doch eine neue Zeit ist
angebrochen; mit ehernem Finger zeigt sie uns auf die Notwendigkeit
hin, die Partei der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter
Deutschlands in sich zu einigen und dieselbe in die richtige, einzig
zum Siege führende Bahn der auf internationaler Grundlage beruhenden,
großen Arbeiterbewegung hinüberzuleiten.
Wer, der ein aufrichtig denkender Sozialdemokrat ist, sollte sich
dieser Notwendigkeit verschließen können? Wer sollte die
unberechenbaren Vorteile für unsere Partei nicht ahnen, die sich aus
einer derartigen Einigung auf Grund einer gemeinsamen Organisation,
eines gemeinsamen Programms, eines gemeinsamen Auftretens in der
politisch-sozialen Welt ergeben? — Wir zweifeln keinen Augenblick
daran, daß die große, die überwältigende Mehrheit unserer
Parteigenossen der besseren Erkenntnis huldigt, daß sie gern und
freudig die Hand zu dem stolzen Werke bietet, das endlich unsere
Partei zur großartigen und wirksamen Machtentfaltung befähigt!
Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben wir uns auf einer in
Braunschweig am 6. Juli dieses Jahres stattgehabten Konferenz über die
hierzu zunächst erforderlichen Schritte völlig verständigt und berufen
hiermit in Gemäßheit des dort gefaßten Beschlusses einen _allgemeinen
deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongreß_ auf Sonnabend den 7.
August, Sonntag den 8. August und Montag den 9. August nach Eisenach.
Auf die Tagesordnung des Kongresses sind, unbeschadet weiterer
Anträge, folgende Punkte gesetzt: l. Die Organisation der Partei. 2.
Das Parteiprogramm. 3. Das Verhältnis zur Internationalen
Arbeiterassoziation. 4. Das Parteiorgan (Blatt). 5. Die Vereinigung
der Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften).
Die auf diese fünf Punkte der Tagesordnung sich beziehenden
spezielleren Anträge, zum Beispiel Vorlage betreffs der
Parteiorganisation usw., werden ihrem Wortlaut nach spätestens Ende
dieses Monats gedruckt versandt werden.
Die Delegierten (Abgeordneten) zum Arbeiterkongreß haben sich durch
ein Mandat (Vollmacht), worin der Ort, für den sie abgeordnet sind,
sowie die Zahl ihrer Wähler, die sie vertreten, angegeben sein muß, zu
legitimieren. Es kann solche Legitimation erfolgen entweder durch
Mandate, welche im Namen von Vereinen oder deren Mitgliedschaften,
oder welche auch im Auftrag von zum Zwecke der Beschickung des
Kongresses stattgehabten Volksversammlungen ausgestellt sind, oder
endlich auch Mandate, welche mit den Unterschriften der an einem Orte
anwesenden Parteigenossen versehen sind. Mehrere Orte, denen es zu
schwer wird, je einen Delegierten zu senden, mögen zusammentreten, um
mindestens gemeinsam einen Delegierten abzuordnen.
Es ist dringend notwendig, daß der Kongreß schon am Sonnabend den 7.
August, abends 8 Uhr, eröffnet wird, damit die Wahl des Bureaus und
die Feststellung der Geschäftsordnung erfolgen kann, weshalb denn auch
die Delegierten noch an diesem Tage (7. August) in Eisenach eintreffen
wollen.
Wir geben uns der frohen Hoffnung hin, daß von allen Orten des großen
Gesamtdeutschlands, wo die Arbeit im Kampfe mit der Kapitalmacht, wo
der Volkswille gegen die staatliche Reaktion tagtäglich im Ringen nach
Freiheit begriffen ist, Vertreter zum Kongreß abgeordnet werden — wir
hoffen es zum Wohle und Wachstum der Partei, welche die politischen
und sozialen Rechte des gedrückten Volkes mit Flammenschrift auf ihre
Fahne schrieb.
Auf, Parteigenossen, zu wirken für den allgemeinen deutschen
Arbeiterkongreß, zu wirken durch ihn für die Größe und Einheit der
Partei!
Im weiteren berief ich im Auftrag des Vorortsvorstandes als Vorsitzender
desselben für Montag den 9. August einen Vereinstag der deutschen
Arbeitervereine nach Eisenach mit der Tagesordnung: 1. Bericht des
Vorstandes. 2. Beratung über die Frage: Welche Stellung soll der Verband
zu der neuen Organisation der sozialdemokratischen Partei einnehmen?
Eventuell Auflösung des Verbandes.
Von den Einberufern des Kongresses erhielt ich den Auftrag, die nötigen
Vorkehrungen für den Kongreß in Eisenach zu treffen, ferner einen
Programm- und einen Organisationsentwurf auszuarbeiten und zur
gemeinsamen Beratung vorzulegen. Bracke und Geib meinten, es sei an uns,
die für passend erachteten Vorschläge zu machen. Liebknecht war mit der
Redaktion des „Demokratischen Wochenblattes“ und der Polemik gegen den
„Sozialdemokrat“ beschäftigt, so fiel mir die erwähnte Arbeit zu.
Ich betrachte noch heute mit einiger Heiterkeit die Schriftstücke, worin
sowohl die königlich sächsische Staatsbahnverwaltung wie das Direktorium
der damals privaten Thüringischen Eisenbahngesellschaft auf meine
Gesuche mir anzeigten, daß sie die üblichen Fahrpreisermäßigungen für
Besucher von Kongressen auch den Besuchern des in Eisenach
stattfindenden sozialdemokratischen Kongresses gewährten. Heute geschähe
dergleichen nicht mehr.
* * * * *
In eine kleine Verlegenheit brachte mich ein Artikel, in dem Joh. Phil.
Becker im „Vorboten“ seine Ansichten über die Organisation der neuen
Partei entwickelte. Der alte Jean Philipp war ein prächtiger Kerl,
opferbereit, hingebend, unermüdlich bei Tag und Nacht, ein Haudegen, der
wie 1848 und 1849 in der badischen Revolution als Oberst eines
Freischarenregiments jetzt wieder bereit gewesen wäre, zu Pferde zu
steigen. Auch wußte er aus seinem sehr bewegten Leben eine Menge
Geschichten, Schnurren und Anekdoten zu erzählen, die er in äußerst
lebendiger Weise zum Vortrag brachte. Ich habe mich öfter stundenlang
über seine Erzählungen amüsiert. Aber von einer Parteiorganisation
verstand er nicht allzuviel, und seine lange Abwesenheit aus Deutschland
hatten ihn den deutschen Verhältnissen entfremdet. Statt einer
geschlossenen, möglichst zentralisierten, aber demokratisch
organisierten Partei, die fähig zu kräftigem Handeln war, wollte Becker
eine Verbindung, die wohl die Propagierung der sozialdemokratischen
Grundsätze betreibe, aber keine feste Parteiorganisation habe; sie müsse
sich, wie er es nannte, einen stets wandelbaren und entwicklungsfähigen
Charakter bewahren, und diese Verbindung sollte von Genf abhängen. Einen
bezüglichen Entwurf hatte er im „Vorboten“ veröffentlicht und hoffte,
daß der Eisenacher Kongreß ihm zustimmen werde. Dieser Artikel Beckers
veranlaßte Marx, mir zu schreiben, daß sie mit demselben nichts zu tun
hätten und die Ansichten desselben nicht teilten. Darauf antwortete ich
Marx unter dem 30. Juli:
„Ihr werter Brief, den ich soeben empfangen, hat mir viel Freude
gemacht. Ich habe die Vorschläge Beckers im ‚Vorboten‘ ebenfalls
gelesen und muß gestehen, daß sie mich etwas unbehaglich stimmten,
weil ich daraus zu ersehen glaubte, daß es Becker darum zu tun sei,
die Leitung für Deutschland in bezug auf die Internationale in die
Hände zu bekommen. Mein Entschluß war denn auch, auf dem Kongreß das
unpraktische, ja unausführbare, Zeit und Geld kostende Projekt zu
bekämpfen. Es freut mich nun, an dem Generalrat der Internationale
selbst eine Stütze gefunden zu haben. Fürchten Sie deshalb nicht, daß
ich Sie oder den Generalrat irgendwie nutzloser Weise in die Debatte
hereinziehen werde; ich werde sogar versuchen, wenn Becker selbst oder
ein anderer Vertreter aus Genf kommt, ihm privatim die Gründe
auseinanderzusetzen. Auch können Sie im voraus versichert sein, daß
Beckers Vorschlag weder von unserer Seite, noch von seiten der
Opposition des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, noch von den
schweizer oder österreichischen Vertretern unterstützt wird, ich müßte
denn die Stimmung sehr schlecht kennen. Wie wir uns unser Verhältnis
zur Internationale gedacht, werden Sie aus dem von mir entworfenen und
von Braunschweig und Hamburg mitberatenen Organisationsentwurf, den
das „Demokratische Wochenblatt“ diese Woche bringt, ersehen. Ich
glaube, es ist die einzig richtige und mögliche Form.“
An I. Ph. Becker schrieb ich einen Brief im gleichen Sinne, in dem ich
unter anderem auch ein Urteil über Schweitzer abgab, und zwar schrieb
ich Becker mit Bezugnahme auf Schweitzers Plan, Delegierte zum
Eisenacher Kongreß senden zu wollen:
„Es ist bei aller Pfiffigkeit Schweitzers doch eine große Dummheit,
daß er seinen Coup selber verrät. Ich habe überhaupt im Zusammensein
mit ihm, sowohl in Barmen-Elberfeld wie in Berlin, die Beobachtung
gemacht, daß er, namentlich wenn man ihm persönlich gegenübertritt,
sehr leicht den Kopf verliert und Dummheiten macht. Das böse Gewissen
ist's, das ihm jederzeit die Besinnung raubt, sobald ihn einer an der
Kehle packt.“
Ich möchte hier auch einige Worte über Schweitzers Aeußere verlieren.
Schweitzer war von hoher, schlanker Gestalt und hatte bleiche, verlebte
Gesichtszüge. Das braune Haar war dünn, ebenso die Bartkoteletten und
der verzwirbelte Schnurrbart. Die Nase war ziemlich lang und gegen ihr
Ende gebogen und spitz; hinter der Brille sahen ein paar kalte,
glitzernde Augen hervor. Wenn er stand oder ging, legte er stets die
Hände auf den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er mußte
sehr blutarm sein, denn als ich ihm nach der Barmen-Elberfelder Affäre
einmal in Berlin die Hand reichte, schauerte ich ein wenig zusammen. Es
war, als hätte ich die kalte, feuchte Hand einer Leiche erfaßt.
* * * * *
Der Kongreß war von einer stattlichen Zahl von Delegierten besucht. Es
waren 262 Abgeordnete anwesend, die 193 Orte vertraten. Darunter Johann
Philipp Becker-Genf, Greulich und Dr. Ladendorf-Zürich, Oberwinder und
Andreas Scheu-Wien, Hofstetten-Berlin. Sonnemann-Frankfurt war ebenfalls
zugegen, er beteiligte sich auch einigemal an der Debatte. Von jetzt ab
besuchte er aber keinen Arbeiterkongreß mehr; seine Hoffnungen, es könne
noch zwischen der Arbeiterpartei und der Volkspartei zu einer
Verständigung kommen, erfüllten sich nicht. Der Klassencharakter der
Partei stieß ihn ab. Die „Schweitzerianer“, wie wir die Delegierten des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins jetzt nannten, waren ganz
bedeutend schwächer vertreten, nicht halb so stark. Dieselben
versammelten sich im „Schiff“, unsere Delegierten im „Goldenen Bären“.
Da von den verschiedensten Seiten Mitteilungen gemacht wurden, daß die
Schweitzerianer den Kongreß mit Gewalt sprengen wollten, begab ich mich
zum Oberbürgermeister und zur Polizei, um zu hören, wie diese die
Situation betrachteten, denn es lag uns selbstverständlich alles daran,
den Kongreß abhalten zu können, sollten nicht die enormen Opfer umsonst
gebracht worden sein. Die Erklärung lautete, daß wir die Versammlungen
ganz nach Belieben wo und wie abhalten könnten. In Sachsen-Weimar gebe
es kein Vereins- und Versammlungsgesetz, die Versammlungsfreiheit war
also eine absolute. Weiter wurde mir versichert, daß die Polizei, falls
die von uns getroffenen Anordnungen mit Gewalt gestört werden sollten,
bereit sei, einzugreifen. Eine Aufforderung an die Schweitzerianer im
„Schiff“, ihre Mandate abzugeben und dieselben gegen rote
Legitimationskarten einzutauschen, verweigerten sie. Abends gegen 7 Uhr
rückten sie dann über hundert Mann stark, unter Führung des Riesen
Tölcke, in den „Goldenen Bären“. Ueber seine damalige Mission schrieb
Tölcke später in seiner Schrift „Zweck, Mittel und Organisation des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“:
„Es war überhaupt eine beliebte Manier des Herrn v. Schweitzer,
_überallhin, wo es galt, in heißem Kampfe einen Strauß anzufechten,
andere zu senden_ und diesen die Verantwortlichkeit der Partei
gegenüber für ein etwaiges Mißlingen aufzubürden.“
Das war vollkommen zutreffend; Tapferkeit war nicht die Stärke
Schweitzers, dagegen ließ sich damals
Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/13690