Der Todesgruß der Legionen, 2. Band
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Title: Der Todesgruß der Legionen, 2. Band
Author: Gregor Samarow
Release date: October 6, 2004 [eBook #13658]
Most recently updated: October 28, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN, 2. BAND ***
Der Todesgruß der Legionen
Zeit-Roman
von
Gregor Samarow.
Zweiter Band.
Berlin, 1874.
Druck und Verlag von Otto Janke.
Erstes Capitel.
An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Königs
von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespräch.
Herr Meding saß in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, über
dessen Mitte vom Plafond eine große Lampe mit breitem, flachem
Glasschirm herabhing, — ihm gegenüber lehnte in einer Chaiselongue,
welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzösischen großen Kamine
stand, der Graf von Chaudordy, der frühere Cabinetsrath unter Drouyn de
L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.
„Ich bedauere,“ sagte der Graf, „daß aus dem Project, Ihren emigrirten
Landsleuten eine Colonie in Algier zu gründen, Nichts werden soll. Man
hat sich hier allgemein so lebhaft dafür interessirt, und den armen
Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, würde dort
Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber hätten durch so fleißige
und tüchtige Colonisten für die öconomische Verwaltung Algiers viel
gewonnen.“
„Ich habe noch vor Kurzem,“ erwiderte Herr Meding, „mit dem Herrn Faré,
dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
Marschall Mac Mahon geführt, ausführlich gesprochen — auch der Marschall
selbst, mit dem ich darüber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
civilen Colonisation Algeriens nicht besonders günstig ist, doch bereit,
Alles für meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
besonders aufgefordert ist, — die Leute selbst wollen sehr gern nach
Algerien, allein Seine Majestät hat dennoch das Project definitiv wieder
aufgegeben.“
„Ich begreife nicht warum,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn der
König daran denkt, jemals wieder für sein Recht unter irgend welchen
Constellationen zu kämpfen, so muß er sich doch vor Allem diejenigen
Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
ergänzen könnte.“
„Es scheint,“ erwiderte Herr Meding, „daß im Lande Hannover selbst sehr
falsche Ideen über das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
daß der König in Rücksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
bedauere sehr,“ fuhr er fort, „daß man unter diesen Verhältnissen die
Sache überhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
Regierung gegenüber in eine eigenthümliche Lage. Ich habe die
Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
Platen so energisch als möglich betrieben und nun, nachdem alle
Verhältnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
und zwar — wie Graf Platen angiebt — weil die Aufstellung einer
hannöverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint — doch gleichviel, die
Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelöst werden und damit
ist, wie ich glaube, die Sache des Königs und der Kampf für dieselbe
auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
dem König treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, daß nunmehr der König die
neue Ordnung der Dinge anerkannt habe.“
„Es wäre vielleicht das Beste,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn
der König dies einfach thäte, sich in den Besitz seines großen Vermögens
brächte und sich nach England zurückzöge, wo er ja immer eine große und
ehrenvolle Stellung behält. Ich habe Ihnen schon früher gesagt,“ fuhr er
fort, „daß ich wenig Chancen für den König zu sehen vermöchte, wenn es
ihm nicht gelingen könnte, in Deutschland selbst sich eine große und
mächtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
Stande wäre, eine ernste und nachdrückliche Bewegung für ihn zu
organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts für ihn geschehen; er
hätte sich müssen eine Stellung schaffen, daß im Fall einer großen
Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wären, mit ihm zu
rechnen.“
„Das ist aber Alles leider nicht geschehen,“ sagte Herr Meding, „alle
Anläufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anläufe geblieben und wie
das leider so oft an depossedirten Höfen der Fall ist, die ganze
Thätigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgelöst. Ich
bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
als Graf Platen — wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
hat, welcher als geheimer Agent des Königs figurirt, obwohl Seine
Majestät mir persönlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
dessen eigenthümliche Thätigkeit die Sache des Königs mehr und mehr
discreditirt. Ich würde für meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur für das ganze Welfenhaus
eine sichere und würdige Zukunft geschaffen werden könnte. Doch müßte
man sich in Hietzing klar werden, was man will — Eins oder das Andere,
entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, daß man
gefürchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
behält. Es scheint aber, daß überall in der Welt heute der Entschluß und
die Thatkraft verschwindet. Denn ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß
ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt.“
Der Graf Chaudordy seufzte.
„In der That,“ sagte er, „häuft man hier Fehler auf Fehler. Ich
fürchte, daß sich das eines Tages bitter rächen wird; ich bin mit Herz
und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
ergeben, aber für die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
hier die Geschäfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten für die
Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
zu keinem Entschluß aufraffen konnte, mußte er dahin gedrängt werden,
größere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
zu spät entschließen können, und da er diesen Entschluß so lange
hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
zu machen, welcher der größte Fehler sein wird.“
„Sie hätten also gewollt,“ fragte Herr Meding, „daß der Kaiser im Jahre
1866 entschieden für Oesterreich hätte Partei nehmen sollen?“
Der Graf Chaudordy blickte ihn groß an.
„Nein,“ sagte er, „nicht für Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
immer für sehr stark gehalten, ich habe Preußens Ueberlegenheit über
Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
Nach meiner Ueberlegung hätte der Kaiser damals — und zwar vor dem
Kriege — eine feste und entschiedene Alliance mit Preußen machen müssen,
um aus derselben alle die Vortheile für Frankreich zu ziehen, welche das
siegreiche Preußen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewährte. Auch heute
noch wäre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
Verständigung mit Preußen zu suchen — das ist die einzige Macht, mit
welcher wir eine nützliche und starke Alliance schließen können, und
wenn wir diese Alliance nicht schließen, so werden wir ihr und zwar in
kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
entgegentreten müssen.“
„Man rechnet aber doch,“ warf Herr Meding ein, „sehr erheblich auf
Oesterreich und Italien — Sie kennen gewiß die Negotiationen, welche in
diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
beiden Mächten zu schließen. Wie man mir erzählt, soll die Sache sehr
weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon.“
„Das wird Alles zu Nichts führen,“ sagte der Graf von Chaudordy. „Auch
in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
Kaiser großen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden, — man
hat sich getäuscht und hätte dies sogleich erkennen sollen, als die
neue österreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
Rüstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschäftigen begann.
Wie ist es denn möglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stützen,
welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
Leitung der dortigen Politik täglich mehr in die Hände Ungarns übergeht.
„Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut,“ fuhr er fort, „aber er ist
nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
Entschlüssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrängt
werden, gänzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
der kaum mit einem entscheidenden Siege für Frankreich enden wird, und
der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stürzen kann, auch
giebt man alle Gründe, um vernünftiger Weise dort den Krieg
vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
verletzen lassen, daß es fast lächerlich sein würde, heute noch
kategorisch dessen Erfüllung zu fordern. Jetzt läßt man die Bewegungen
in Baden und Süddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstützung, — es
wäre so leicht — und man hat uns darüber Mittheilungen gemacht, eine
Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
projectirten Anschluß an Preußen zu erregen und dadurch die deutsche
Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
Dann hätte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenüber — läßt man die
Ereignisse weiter gehen, läßt man den Widerstand der süddeutschen
Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnächst nicht
mehr Preußen, sondern dem ganzen Deutschland gegenüber befinden, und das
wird für uns die schlimmste und gefährlichste Position sein, in der wir
uns befinden können. Es ist in der That ein Glück,“ sagte er lächelnd,
„in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein.“
„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Herr Meding, „daß Drouyn de L'huys, dem
ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder übernehmen und größere
Festigkeit und Klarheit in die französische Politik bringen werde?“
Der Graf von Chaudordy schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht,“ sagte er, „daß Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
Kaiser definitiv verständigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
und der Kaiser kann sich nicht entschließen, weder ernsthaft den
Frieden zu begründen, noch ernsthaft den Krieg zu machen — er läßt sich
treiben und wird in den Krieg hineingedrängt werden, ohne es selbst zu
wollen. Für Ihren König und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlüssen
erheben kann.“
Der Kammerdiener öffnete die Thür.
Herr von Düring, Herr von Tschirschnitz und die übrigen hannöverschen
Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
Hansen erschien.
Das Gespräch wurde allgemein; man unterhielt sich über die
Tagesereignisse.
„Wissen Sie, meine Herren,“ sagte Herr Hansen, „daß der Proceß des
Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich höre, sind alle Juristen
der Ansicht, daß der Prinz freigesprochen werden muß.“
„Ich wüßte kaum,“ sagte der Graf von Chaudordy, „wie man ihn
verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
angegriffen wird — und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
sich gehabt — so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
machen — doch ist das Alles sehr unangenehm für die Regierung — es ist,
als ob Alles zusammenkäme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
Geschichte immer vor großen Katastrophen.“
„Der arme Victor Noir thut mir leid,“ sagte Herr Meding, „ich habe ihn
gekannt, er war Redacteur an der ‚Situation‘ und Herr Grenier hat ihn
mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
eine Sympathie für ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
harmloser Naivetät, man hat ihn zu dieser Demonstration gemißbraucht,
und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,“
fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
eben eingetreten war, „haben Sie bald einen König gefunden, oder glauben
Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu können?“
„Spanien erträgt dauernd kaum eine Republik,“ erwiderte Herr Angel de
Miranda, der frühere Kammerherr der Königin Isabella, welcher
gegenwärtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
Thätigkeit für die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. „Es hat
viel dazu gehört, um die alte Monarchie zu zerstören, wir werden aber,“
fuhr er mit geheimnißvoller Miene fort, „wie ich glaube, in nicht langer
Zeit einen König finden und damit wird diese Revolution endlich zum
Abschluß gelangen.“
„Ich wünsche Ihnen das von Herzen,“ sagte Graf Chaudordy. „Für das ganze
westliche Europa sind diese unsichern Zustände in Spanien vom
schädlichsten Einfluß. Sie müssen übrigens,“ sagte er lächelnd, „eine
kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
die Blicke wohl gewendet haben könnten, um einen Herrscher für Ihr Land
zu finden, — Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiß,
ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
kaiserlichen Diadem von Mexiko träumte, auch jetzt wieder daran denkt,
die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat.“
Angel de Miranda zuckte die Achseln.
„Ich glaube kaum, daß Prim ähnliche Gedanken hegen könnte, er ist klug
und weiß sehr gut, daß, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
könnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
noch vom Volk als König acceptirt werden könnte. Ich glaube viel eher,
daß er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
daran denkt, den Prinzen von Asturien möglich zu machen, um dann an der
Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Händen zu
behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir können in Spanien keinen
König von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhänger des
Einen würden sich niemals den Anhängern des Andern unterwerfen wollen,
das würde zu ewigen Bewegungen und Unruhen führen. Die einzige
Möglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fürsten
zu finden, der dem Volk sympathisch ist —“
„Und der vielleicht,“ fiel Herr Meding lächelnd ein, „irgend wie mit dem
iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stünde.“
Betroffen blickte Angel de Miranda auf.
„Dieser Gedanke,“ erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, „ist
heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
Ueberzeugung die Zukunft der pyrenäischen Halbinsel.“
Er trat zu einer andern Gruppe — nach einiger Zeit zog sich der Graf
Chaudordy zurück, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
Besuchenden — nur die hannöverschen Officiere blieben zurück.
„Nun, meine Herren,“ fragte der Regierungsrath Meding, „haben Sie
Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
und haben Sie irgend welche Beschlüsse gefaßt über die Schritte, welche
Sie demnächst thun wollen?“
„Wir haben noch Nichts von Hietzing gehört,“ erwiderte Herr von
Tschirschnitz. „Ich kann nicht zweifeln,“ fuhr er fort, „daß der König
unsere Vorstellung ernstlich erwägen und berücksichtigen werde. Ich
wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
sie von völliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
durchaus nicht, wie es möglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
Mißverständnisse, welche da vorliegen, müssen sich ja aufklären.“
„Man muß es hoffen,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „doch bin ich
dessen nicht ganz gewiß, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
König her lauter Mißverständnisse zu lagern. Sie erinnern sich, daß
Herr von Münchhausen bei der Conferenz über das algerische
Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
Instructionen bei sich führte, welche, wie er sich selbst überzeugte,
denjenigen, die mir ertheilt waren, vollständig widersprachen.“
Rasch wurde die Thür geöffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein großer,
schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
Erscheinung, traten ein.
„Nun,“ rief Herr von Düring lebhaft, „Ihr seid wieder zurück? Was bringt
Ihr? Hat sich Alles aufgeklärt?“
„Nichts hat sich aufgeklärt,“ erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
bewegter Stimme, „der König hat uns gar nicht angenommen und uns den
Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurückzureisen.“
„Unglaublich,“ rief Herr von Düring.
„Aber wahr,“ rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, „es scheint,
daß man eine vollständige chinesische Mauer um den König gezogen hat und
daß Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
Feldwebel Stürmann gehört.“
„Den Feldwebel Stürmann,“ rief Herr von Tschirschnitz, „und uns, seinen
Officieren, verweigert er das Gehör! Das ist doch ein Affront für uns
Alle, wie er stärker und kränkender nicht gedacht werden kann.“
„Graf Platen ist am Tage vorher,“ sagte Herr von Mengersen, „bei
Stürmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum König
gebracht worden.“
„Und habt Ihr nicht gehört, was nun weiter geschehen soll,“ sagte Herr
von Düring.
„Mit uns zu gleicher Zeit,“ sagte der Lieutenant Heyse, „ist der Major
von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu übernehmen und die
Legion aufzulösen. Es kommt nun darauf an, daß wir uns entschließen, was
wir thun wollen für uns und für die Leute, denn auf Gehör beim König
haben wir nicht mehr zu rechnen.“
„Wir müssen uns fest verbinden,“ rief Herr von Tschirschnitz, „um Alles
aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
und nicht vereinsamt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
werden uns darin unterstützen,“ sprach er zu dem Regierungsrath Meding
gewendet.
„Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,“
erwiderte dieser, „und die Unmöglichkeit mit irgend welchen
Vorstellungen bis an Seine Majestät zu dringen, — ich bin aber hier als
Vertreter des Königs und muß, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
Befehl, den Seine Majestät mir ertheilen wird, ausführen; und ich rathe
auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
Ausführung der Befehle Seiner Majestät zu leisten, doch können Sie auf
das Festeste auf meine Unterstützung dafür rechnen, daß den Emigranten
nach Auflösung des Verbandes die Möglichkeit geboten werde, sich zu
gegenseitiger Unterstützung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
einflußreichen Personen Rücksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
versichert, zu einem Comité de Patronage für die Emigrirten zusammen zu
treten. Der Baron Thénard, welcher großen Einfluß in den Kreisen der
Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Güter besitzt, hat mir bereits
zugesagt, mit in dieses Comité einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rücksicht
genommen, daß die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, daß
sie eine reine Wohlthätigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, daß wir dann
binnen Kurzem für alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
Beschäftigung haben werden. Auch für Diejenigen, welche etwa krank und
arbeitsunfähig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstützung
ermöglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
seine Beiträge in eine Krankenkasse zahlt, für welche außerdem von allen
Seiten reichliche Hülfsquellen sich öffnen werden. Lassen Sie also den
Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiß gut für die Leute zu sorgen im
Stande sein. Sie, mein lieber Düring, und Sie, Herr von Tschirschnitz
müssen dann mit mir in das Comité de Patronage eintreten und die innere
Organisation des Hülfsverbandes der Emigranten übernehmen.“
„Das ist eine vortreffliche Idee,“ rief Herr von Düring, „ich habe
früher schon etwas Aehnliches überdacht und dazu einen Organisationsplan
ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem König eingeschickt habe, den
er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint —“
„Ich habe bereits dem Könige,“ sagte der Regierungsrath Meding, „von
diesem Plan und den für die Bildung des Comité de Patronage gethanen
Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comité könnte dann auch für
Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne daß der König
irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
vermittelt werden; damit würde der Wunsch der Leute erfüllt und zugleich
jede Betheiligung des Königs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
Majestät wegen der Stimmung in Hannover unerwünscht ist. Ich bitte Sie
also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
Adelebsen zur Auflösung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausführen, was ihm vom Könige oder von wem
es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafür sorgen, daß
unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewährt.“
„Aber wie der König mit uns umgeht,“ rief Herr von Tschirschnitz, „so
hätte er ja zur Zeit des Bestandes des Königreichs Hannover mit keinem
Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens hätten wir doch Gehör
erlangen müssen, — dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus.“
„Meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „einem unglücklichen
Fürsten gegenüber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
vergessen Sie vor Allem nicht, daß wir Alle Vertreter einer Sache sind,
welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben für diese
Sache gefochten nach allen Kräften, — man kann uns vorwerfen, daß es
thöricht und unvernünftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir für die
Sache gethan, was überhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
soll,“ fügte er noch ernster hinzu, „und ich glaube, daß sie zu Ende
ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
mit Ehren untergehen, ohne daß wir der Welt das Schauspiel der inneren
Zerrüttung und der Fäulniß, welche sie angefressen hat, und an welcher
wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrücklich zu
vertheidigen, aber so lange es möglich ist, darf auch in dieser
Vertheidigung Nichts gegen den König unternommen werden, auf dem die
Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den äußersten
Grenzen der Vertheidigung gedrängt werden, so müssen wir wenigstens vor
der ganzen Welt beweisen können, daß wir dazu unwiderstehlich gezwungen
worden sind.“
„Aber man greift unsere Ehre an,“ rief Herr von Mengersen, „unserer
Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man
gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen.“
„Seien Sie ganz ruhig, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding,
„wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre
anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei
Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen
wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu
halten, der den König verletzen könnte.“
„Jedenfalls,“ rief Herr von Düring, „werde ich meine Magazinbestände dem
Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge
vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
mir noch immer nicht gegeben hat.“
Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von
auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer.
Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen
Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung
dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes
Schreiben.
„Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist,“ sagte er.
Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas.
„Der Major von Adelebsen ist angekommen,“ sagte der Legationskanzlist
Hattensauer, während Herr Meding las, „er hat diese Depesche mitgebracht
und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen.“
Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund.
„Nun,“ rief Herr von Düring, „haben Sie irgend welches Licht in der
Sache erhalten?“
„Der König,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „findet meine
Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe
auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit
seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die
Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
übrigens,“ fuhr er fort, „abermals eine Antwort auf etwas durchaus
Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen
Stylisirung und Logik.“
„Unerhört!“ riefen die Officiere.
„Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?“ fragte Herr von Düring.
„Ganz gewiß,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „ich stehe noch im
Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie
mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht.“
„Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von
Tschirschnitz,“ sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den
beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben
schnell öffneten und durchflogen.
„Ich bin nach Bern verbannt,“ sagte Herr von Düring.
„Und ich nach Basel!“ rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. „Die
Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die
Gebieter der Welt zu halten.“
„Haben Sie Nichts für mich?“ rief Herr von Mengersen, zu Herrn
Hattensauer sich wendend, „vielleicht hat man mich nach Sibirien
verbannt.“
„Nun, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „so müssen wir
denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das
Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und
nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können
sagen: ‚Finita la commedia‘. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu
thun ist, und,“ sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von
Tschirschnitz, „unsere Reisevorbereitungen treffen.“
Zweites Capitel
Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.
Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt,
die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
Militairüberrock, — die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und
drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien, — der
frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen
Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.
Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
der Legationsrath Bucher.
Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
gegenüber fast winzig erschien, — seine etwas gebückte Haltung, — das
Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner
politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
eines Bureaukraten und eines Professors.
„Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,“ fragte der Graf — ‚l'oeuvre
de Monsieur de Bismarck‘ — es wird in Paris viel besprochen —“
„Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen,“ bemerkte
der Legationsrath, „es enthält viel Interessantes und manche sehr
bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges
von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. — Ob freilich Alles das wahr ist,
was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen
können, als ich —“
„Im Allgemeinen,“ sagte Graf Bismarck, „so weit ich das Buch zu
durchblättern Zeit gefunden habe, — giebt er meine Aeußerungen richtig
wieder, — und das ist schon sehr viel. — So oft man mit einem Journalisten
spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder
nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, — oder wie er
es aufgefaßt zu sehen wünscht, — das hindert mich übrigens nicht,“ fuhr
er fort, „mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren
auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; — ich
halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
Berge, — die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen
Sinn mehr in unserer Zeit, — freilich muß ich dann auch die öffentliche
Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, — Gott sei
Dank, — dafür habe ich ganz gesunde Nerven.“
„Herr Vilbort,“ sagte der Legationsrath Bucher, „scheint mir durch die
Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen
haben, etwas eitel geworden zu sein; — er hält sich für einen
Geschichtschreiber, — und das ist er in der That nicht, — auch geht durch
sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der
doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit
war.“
„Diese Richtung des Buches,“ fiel Graf Bismarck ein, „das jedenfalls in
Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
unangenehm, — die Franzosen können in der That eine Warnung vor den
traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, — es scheint, daß dort
wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen
Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten
nicht Herr werden sollte.“
„Glauben Eure Excellenz wirklich,“ fragte der Legationsrath, „daß man in
Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, — gerade jetzt in dem
Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert
sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
Minister geworden ist?“
„Die Berichte aus Paris,“ sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
„sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, — ich glaube
auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
sehnt, — schon um persönlich Ruhe zu haben, — aber Alles,“ fuhr er fort,
„was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen,
auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.
„Sehen Sie,“ sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen
sinnend emporschlug, „dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir
tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
bricht über das Kaiserreich herein, — das ist ein furchtbares
Verhängniß, — und das constitutionelle Regiment kann die immer höher
aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche
durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
herstellen will, gewinnt an Boden, — der Kaiser ist schwach, — wird man
ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den
festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen
verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die
Schwäche ist tollkühner als die Kraft.
„Für uns,“ fuhr der Graf fort, „ist der Krieg um so weniger zu fürchten,
je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, — aber der
arme Kaiser thut mir leid, — es ist doch eine groß angelegte und im
Grunde gute Natur, — und für Europa ist das Kaiserreich eine
Wohlthat, — denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente
in Frankreich wieder entfesselt würden!
„Man hat mir da,“ fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
Schreibtisch nahm, „einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem
dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx
in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit
gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die
allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse.
Merkwürdigerweise,“ sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend,
„will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England
verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.“
„England sei das einzige Land,“ fuhr er fort, „in welchem eine wirkliche
socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber
könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und
der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.“
Der Legationsrath Bucher lächelte. „Das sind Träumereien,“ sagte er,
„wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
Resultaten zu führen.“
„Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, — das ist ganz richtig,“ fiel
Graf Bismarck ein, — „aber in Frankreich ist die Sache ernster, — dort
haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die
Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
Arbeiterbevölkerung, — bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
proclamirt werden. — Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn
eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; — wir müssen
von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.“
„Die Elemente der Gährung,“ sagte der Legationsrath, „von denen Eure
Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
erfüllen die ganze Welt, — auch unter den deutschen Arbeitern macht die
Internationale Fortschritte, — ich glaube, daß die Regierungen zu dieser
Frage Stellung nehmen müssen.“
„Das sagt mir auch Wagner,“ rief Graf Bismarck, — „aber welche Stellung
soll man dazu nehmen? — Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, — und
gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf
eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. — Das wäre eine Aufgabe
für die Conservativen,“ sagte er sinnend, — „aber leider verlieren gerade
diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.“
„Nun,“ fuhr er fort, — „wir müssen darüber nachdenken, — jetzt will ich
ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.“
Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.
„Ist Jemand im Vorzimmer?“ fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.
„Der englische Botschafter, Excellenz.“
„Ich lasse bitten.“
Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der
Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät
der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
in das Cabinet trat.
Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde
und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen
Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte
des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
einem kurzen Räuspern:
„Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf
bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
Frieden Europas gefährlich werden könnten.“
Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große
Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:
„Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von
denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen
Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens
gewährt wird.“
Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.
„Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,“ sagte er, „sind
gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,“ fuhr er
ein wenig zögernd fort, „um eine wirklich praktische und vor allen
Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu
schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe
gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.“
„Ich wüßte in der That nicht,“ sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
erstaunt anblickend, „daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen
beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in
Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.“
„Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin,“ erwiderte Lord Loftus,
„auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur
Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte
vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein
Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren
Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
liegen möchte.“
„Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?“ fragte Graf Bismarck
mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.
„Es ist eine Thatsache,“ sprach Lord Loftus weiter, „welche offen vor
Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren
ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und
Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen
Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht.“
„Es liegt ja aber,“ fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
gleichgültigen Ton ein, „zwischen Frankreich und uns durchaus keine
Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann
ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und
freundlichsten sind.“
„Und doch stehen Sie sich,“ bemerkte Lord Loftus, „mit so übermäßig
angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser
Zustand,“ fuhr er etwas lebhafter fort, „wenn er auch den Frieden nicht
unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der
Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen
Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den
Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen
Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen
Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen, — wenn
die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller
Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
lastet.“
Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten
Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:
„Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
Sprache zu bringen?“
„Ich habe nicht den Auftrag,“ erwiderte der Lord, „bestimmte Anträge zu
stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen, — doch bin ich
allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die
militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische
Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten
würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die
unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch
thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern
bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu
lassen.“
„Und wissen Sie,“ fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines
Gesichtes sich veränderte, „ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber
von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?“
„Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können,“ erwiderte Lord Loftus, „daß
dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt
hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu
reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte.“
Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen
Bismarck.
„Es würde dann immer die Frage sein,“ sagte er in leichtem Ton, „wer
denn mit der Abrüstung anzufangen hätte — und wer dieselbe controliren
könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert
sind, — doch,“ fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
„ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische
Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es
bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf
eine directe Aeußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
geben zu müssen.“
„So halten Sie es dennoch für möglich,“ fragte Lord Loftus, ein wenig
erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, „daß aus den
Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung
einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig
macht?“
„Was Frankreich betrifft,“ erwiderte Graf Bismarck, „so habe ich darüber
kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen
gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen
Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so
mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm
indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere
oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in
dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt,“ fuhr er fort, „daß der
König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und
ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die
ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern.
Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar.
Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische
Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule,
in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung
lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König
und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem
klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung
nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die
Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein
theurer Lord,“ fuhr er fort, „daß alle diese Gesichtspunkte es mir
unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
discutiren; — so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem
Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des
Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der
beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis
aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn
ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen.“
Lord Loftus verneigte sich und sprach:
„Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gründe an, welche Sie mir
angeben und werde dieselben dem auswärtigen Amt zur Kenntniß bringen.
Ich bedaure,“ fuhr er fort, „daß Ihre Mittheilungen mich von der
Unmöglichkeit überzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
ängstlicher Besorgniß durch ein einfaches Mittel zu beseitigen.“
„Ich begreife nicht, mein lieber Lord,“ sagte Graf Bismarck, „warum Sie
von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich
keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten könnte; — wenn einige
chauvinistische Blätter in Frankreich nicht aufhören, die Welt von Zeit
zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluß auf die
Cabinette der Großmächte haben. Mag sich die Börse hin und wieder
darüber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem,“ fuhr er mit
volltönender Stimme fort, „können derartige auf keinen concreten
Gründen beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, daß eine mit dem
Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschäftigte, alle Verträge
respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
langjährige und bewährte Militairverfassung ändern sollte, eine
Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
und selbstständige innere Entwickelung nöthigenfalls gegen jede Störung
schützen zu können.“
„Apropos, haben Sie Nachricht vom König Georg?“ fragte Graf Bismarck,
als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. „Man theilt mir mit,
daß er diese unglückliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
Vaterlande und ihren Familien entzogen sind.“
„Wenn der König seinen Widerstand aufgiebt,“ sagte Lord Loftus, „sollte
es dann nicht möglich sein, ihm den Genuß seines Vermögens wieder zu
geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiß, daß der Herzog von Cambridge
als nächster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
es wäre in der That erwünscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
werden könnte.“
„Niemand wünscht das lebhafter als ich,“ rief Graf Bismarck, „wir haben
im Interesse der Sicherheit Preußens dem Könige sein Land nehmen müssen,
aber sowohl mein allergnädigster Herr wie ich selbst wünschen gewiß auf
das Dringendste, daß dem alten, hochberühmten und edlen Welfenhause auch
in seiner hannöverschen Linie für die Zukunft eine große und würdige
Existenz gesichert bleibe. Aber,“ fuhr er fort, „wenn der König einfach
seine Legion entläßt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
übrigen Agitationen aufzuhören, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
können wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hände geben.
Ich muß bekennen, daß mir diese Legion weniger beachtungswerth
erschienen ist, als andere Agitationen des Königs, welche sich der
Oeffentlichkeit mehr entziehen und für welche ich,“ sagte er mit
entschiedener Betonung, „niemals die Mittel zur Verfügung stellen kann.
Will sich der König in die Notwendigkeit der Verhältnisse fügen, will er
mit uns Frieden schließen, so wird er dafür gewiß das bereitere
Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafür
interessirt, so wird er dem König Georg und dessen ganzem Hause gewiß
den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluß anwendet, um ihn zu
einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen.“
„Ich werde,“ sagte Lord Loftus, „wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
versuchen, in diesem Sinne zu wirken, — ich glaube, daß der Herzog von
Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
scheint mir bei dem Charakter des Königs zweifelhaft. Jedenfalls ist
meine ganze Thätigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschließlich
private, hervorgehend aus dem natürlichen Interesse, welches ich für den
erlauchten Vetter meiner Königin hege; als Vertreter der englischen
Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
thun.“
Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Händedruck des
Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thür hin begleitete, und verließ
das Cabinet.
In dem großen Vorsaal saß in einem Lehnstuhl die schmächtige, magere
Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
Gesicht, dessen Züge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen ließen.
Der Graf erhob sich und begrüßte den englischen Collegen.
„Nun,“ sagte er, „haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, über
welche wir gestern sprachen, und von welcher ich überzeugt bin, daß sie
in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?“
„Ich habe darüber gesprochen,“ erwiderte Lord Loftus.
„Und?“ fragte Benedetti.
„Jede Discussion darüber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
das in London sehr bedauern, obgleich die Gründe dafür nicht ohne
Berechtigung sind.“
In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:
„Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rüstungen in Frankreich und
Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, daß wir es
nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
welche übrigens,“ fügte er hinzu, „nach meiner Auffassung ohne
Begründung ist.“
Der Kammerdiener des Grafen Bismarck näherte sich dem französischen
Botschafter mit der Meldung, daß der Minister-Präsident bereit sei, ihn
zu empfangen.
Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
Cabinet.
„Nun,“ sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
begrüßt hatte, „es scheint, daß man in Europa an den Frieden nicht recht
glauben will. Man möchte aller Welt die Waffen aus den Händen nehmen und
sie in irgend einem großen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
Mißbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
beziehen, — ich begreife das in der That nicht,“ fuhr er ernster fort,
„glaubt man denn, daß zwei große Mächte nur dann im Frieden neben
einander leben können, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
führen? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
allgemeinen Friedens, wenn alle Mächte stark und kräftig sind, sobald
sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
zu leben. Ich weiß nicht, wie man bei Ihnen über die Möglichkeit einer
Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmöglich, und ich glaube
auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschränkung
unserer Armee glauben.“
„Ich theile gewiß vollkommen Ihre Ansicht,“ sagte Graf Benedetti, indem
er dem Minister-Präsidenten gegenüber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
„und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verständig
regierten Staaten eine Gefahr für den Frieden zu erblicken. Indeß,“ fuhr
er fort, „könnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
vielleicht der Beachtung nicht ganz unwürdig sein, wenn man durch eine
solche Maßregel der öffentlichen Meinung und den übrigen Mächten neues
Vertrauen in die Stabilität der europäischen Ruhe und Ordnung einflößen
kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kräfte in
Erwägung zu ziehen, wobei außerdem noch eine wesentliche Erleichterung
des Volkes in Betracht kommt, die für die innere Stellung der
Regierungen nicht unwesentlich ist.“
„Diese Rücksicht würde bei uns von keiner Bedeutung sein,“ sagte Graf
Bismarck, „unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
gleich vertheilten militairischen Pflichten.“
Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
mit einer fast naiven Offenheit zu dem preußischen Minister-Präsidenten
auf und sprach:
„Ich bin natürlich nicht in der Lage, die inneren Verhältnisse bei
Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
nur als Fremder in dieselben hineinblicke, — aber doch verfolge ich Ihr
öffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, daß
in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
nicht ganz gleichgültig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemäß
der Militairetat auf eine Periode von fünf Jahren festgesetzt, welche im
nächsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse,“ fuhr er fort,
„und nach dem, was ich hier und da über die Stimmung der Abgeordneten
gehört habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nächsten Jahre das
Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
Reductionen zu beschließen, welche gewissermaßen einer theilweisen
Entwaffnung gleich kommen würden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
hiesigen Verhältnisse nicht täusche,“ sprach er weiter, während Graf
Bismarck zuhörte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
schlug, — „so bedürfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
gemäßigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Würde es
da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
Rücksichten auf die inneren Verhältnisse und diejenigen auf die
auswärtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie würden die europäischen
Mächte, England an der Spitze, verpflichten, die öffentliche Meinung
beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
erwachsen könnte, wenn im nächsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
Reductionen des Militairbudgets beschließen sollte.“
„Diese Verlegenheit,“ sagte Graf Bismarck, „kann nicht eintreten, und
die Rücksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlüsse keinen
Einfluß üben.“
„So glauben Sie,“ sagte der Graf Benedetti, „der Zustimmung der
Parlamentsmajorität für das Militairbudget auch im nächsten Jahr
vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen,“ fügte er hinzu, „daß ich über
Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
sehr ich mich für dieselben interessire, und Sie haben mir früher schon
öfter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen über diese
Verhältnisse zu belehren.“
„Unsere inneren Angelegenheiten,“ erwiderte Graf Bismarck, artig den
Kopf neigend, „liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
kann nur zu immer größerer Klärung meiner eigenen Anschauung dienen,
mich mit Ihnen über dieselben zu unterhalten. Sie fragten also,“ fuhr er
fort, „ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
Militairbudget im nächsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
antworten: das weiß ich nicht, denn parlamentarische Majoritäten sind
Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
für mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
Verfassung genau studirt haben,“ sagte er mit einer kaum vernehmbaren
Nuance von Ironie in seiner Stimme, „wie ich nach Ihren Bemerkungen
voraussetze, so werden Sie gesehen haben, daß der Artikel 60 — nach der
Festsetzung der Friedensstärke in der Armee bis zum 31. Dezember
1871 — weiter bestimmt, daß für die Zukunft die Effectivstärke durch die
Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
voraussetzen will, aber auch ebenso wenig für unmöglich erklären kann,
der Norddeutsche Reichstag im nächsten Jahre das von den verbündeten
Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverständlich gilt dann
das bisher bestandene Gesetz so lange, bis früher oder später über das
an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
Regierungen eine Verständigung erzielt ist. Sie sehen also, daß ich um
mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und daß, wenn
Diejenigen,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
Gesichtszüge plötzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
annahmen, „welche sich außerhalb Deutschlands vielleicht veranlaßt
finden möchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wünschen, die zur
Vertheidigung Preußens und des Norddeutschen Bundes nöthig ist, sich auf
gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
Militairetats glauben stützen zu können, — daß sie in solchen
Voraussetzungen ihre Rechnung — ohne die Bundesverfassung und ohne mich
gemacht haben.“
Graf Benedetti verneigte sich.
„Es ist mir erfreulich,“ sprach er, „Ihre Ansichten so bestimmt und klar
ausgesprochen zu hören. Der ganze Gegenstand,“ fuhr er mit leichtem Ton
fort, „ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
Preußen können ihre gegenseitige Stärke ohne jedes Mißtrauen ansehen, es
wäre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den übrigen
Mächten hätten zeigen können —“
„Welche aber ihrerseits,“ fiel Graf Bismarck ein, „ebenfalls
fortfahren, unausgesetzt zu rüsten und zwar in weit größerem Maßstabe,
als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
glaube, es ist besser, ein für alle Mal diese ganze Frage der Rüstungen
unerörtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
und das Vertrauen zu stützen, welches die Regierungen einander
entgegentragen. Sie können mir,“ fuhr er fort, „wahrlich den Vorwurf
nicht machen, daß ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und daß ich,
wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wäre, nicht sogleich
durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklärung und zur
Beseitigung der Mißverständnisse gebe.“
Ein leichter Ausdruck verschärfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
Botschafters bemerkbar.
„Ich freue mich,“ sagte er, „daß diese Beziehungen gegenseitiger
Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
es ja so oft schon möglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
die so guten und befriedigenden Verhältnisse zwischen beiden Regierungen
hätte trüben können. Gegenwärtig,“ sagte er mit leichtem Lächeln, „sind
ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und —“
„Ganz verschwinden sie niemals,“ fiel Graf Bismarck ein, „denn immer und
immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
Mittheilungen, welche bei ängstlichen und mißtrauischen Naturen, zu
denen ich nicht gehöre,“ sagte er sich verneigend, „Bedenken und Sorgen
hervorrufen könnten.“
Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.
„Schon vor längerer Zeit,“ sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
gleichgültigem Ton, „habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom hätte
uns verschiedene Umstände mitgetheilt, welche fast glauben lassen
mußten, daß geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfänden.“
„Ich habe damals Gelegenheit genommen,“ sagte Graf Benedetti schnell,
„in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
daß die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschöpft
hat, eine nicht zuverlässige gewesen sein müsse —“
„Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben,“ fiel Graf Bismarck
ein.
„Jedenfalls,“ sagte Graf Benedetti, „war er unrichtig berichtet oder
durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden.“
„Es sind nun,“ sprach Graf Bismarck weiter, „in neuester Zeit wiederholt
Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation
zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits,“ fuhr er fort,
indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der
Hand rasch hin und her bewegte, „lege keinen besonderen Werth auf
derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb,“ sagte er mit Betonung,
„weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der
nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
hätte.“
„Ich werde sogleich,“ sagte Benedetti eifrig, „nach Paris schreiben und
mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im
Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau
den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten
und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige
Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen.“
„Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber
Botschafter,“ sagte Graf Bismarck, „ich kam auf die Sache nur durch
unser Gespräch und durch die Aeußerungen, welche Lord Loftus mir vorher
gemacht hat. Denn wenn,“ fuhr er fort, „ähnliche Winke, wie sie an mich
gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt,
welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser
Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die
Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
Garantieen an falscher Stelle; doch,“ fuhr er abbrechend fort, „ich
glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und
stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch
die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte
beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte.“
„Ganz gewiß,“ sagte Benedetti. „Es ist merkwürdig,“ fuhr er dann fort,
„wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten
so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben,
so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris
ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls
früher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung
hervorzurufen.“
Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an.
„Ich habe neuerdings,“ sagte er, „Nichts wieder von dieser Idee gehört,
welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein
wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen
aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache
jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben
würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen,
der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß,“ fügte er
lächelnd hinzu, „durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von
Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden
kann.“
„Der Prinz Leopold,“ sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton,
indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, „würde
ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische
Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß
des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den
Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat.“
„Das ist nicht der Fall,“ sagte Graf Bismarck, „der Prinz würde in
letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen,
und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß
ausüben zu wollen, — ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß,
nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens
kaum,“ fuhr er fort, „daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien
gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen
halten, — vielleicht Prim noch mehr als Serrano — werden kaum wünschen,
durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei
welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
hat ja früher schon,“ fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, „den
Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle
diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
eigentlichen Bestand zu haben.“
„Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,“ sagte Benedetti,
„weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische
Negociation gehört.“
Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf.
„Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können,“ sagte Benedetti,
indem er aufstand, „daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte,
und man wird sich,“ fügte er lächelnd hinzu, „in London wohl überzeugen,
daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft
neben einander leben können.“
„Das bewaffnete Deutschland,“ sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
einige Schritte zur Thür geleitete, „ist wenigstens für Niemand eine
Drohung — als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und
nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten.“
Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des
Minister-Präsidenten und ging hinaus.
Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.
„Es ist etwas im Werk,“ sagte er, — „dieser englische
Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut,
man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen,
und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und
vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
Bedeutung beilegen mochte — diese Mittheilungen über die geheime
Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
gegriffen sein können, — es scheint, daß da wieder irgend einer jener
verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866
unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,“ sagte er, die Brust weit
ausdehnend, „mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In
Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige
Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger
geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
den wir, wenn er einmal entbrannt ist,“ fügte er mit dem Ausdruck
eiserner Entschlossenheit hinzu, „bis auf's Messer würden führen müssen.
Freilich,“ sagte er dann nachsinnend, „je schwächer und willenloser er
wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie
werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei
Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,“
sagte er mit ruhigem Ton, „ich arbeite mit aller Macht daran, den
Frieden zu erhalten — wenn es aber nicht möglich sein sollte — wir sind
gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein
entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
zu begegnen. Leider, leider,“ sagte er nach einer Pause, „kann ich noch
immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser
glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und
vorbereitet wird, — wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann
und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
Ohren zu hören.“
Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.
„Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief
gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.“
Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches
Lächeln um seine Lippen und er sagte:
„Führen Sie den Herrn herein.“
„Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,“ sprach er
halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
war, „hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist
mir vollkommen unbekannt, — es muß eine ganz besondere Angelegenheit
sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
spanischen Gesandtschaft wendet.“ —
Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber
in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.
Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.
„Der Marschall Prim,“ sagte er in französischer Sprache, „hat mir den
ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
überreichen.“
Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ
einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und
deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
„Sie erlauben,“ sagte er, indem er sich niederließ, — er öffnete das
Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht
eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.
„Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?“
fragte er.
„Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,“
erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. „Er hat geglaubt, in dieser
delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz
wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor
in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
überzeugt,“ fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
zuhörte, „daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien
gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche
Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im
Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die
Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle
diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur
Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für
Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es
leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen
und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.“
Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.
„Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
Herr,“ sagte er dann. „Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die
Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation
sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll
die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir
sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache
irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der
Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend
sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag
sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen
auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen
Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen
direct verhandelt werden müssen.“
„Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
des Königs Ansicht darüber zu wissen.“
„Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen,
daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
Charakter — würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem
Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz
und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die
Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, — von denen ich ebenso wie
der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten
bleiben mögen — irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch
kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen
irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben —
Wenn ich nun schon,“ fuhr er fort, „mir eine absolute Zurückhaltung
auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der
König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit
der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen
Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen
Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine
Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde,
etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch
viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige
vorzulegen, — würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer
die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse
Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber
einzuholen.“
„Eure Excellenz,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu
sein schien, „würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts
entgegen zu setzen haben?“
„Wie könnte ich das!“ erwiderte Graf Bismarck, — „es kann ja nur, wie
ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern
sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
König erwählt. Politische Gründe _dagegen_,“ fuhr er fort, „kann ich als
preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie _dafür_ auszusprechen im
Stande bin. Doch bin ich,“ fuhr er fort, „dem Marschall sehr dankbar für
das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.“
Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für
beendet ansehen zu wollen.
„Würden Eure Excellenz die Güte haben,“ sprach er, „Ihre Ansicht über
die Sache — Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
Schreibens mitzutheilen?“
Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
vor ihm auf dem Tische lag.
„Ich glaube,“ sagte er, „daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen
habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu
wiederholen.“
„Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu
haben,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, „doch bin ich überzeugt, daß
der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen
durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu
sehen.“
Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.
„Sie werden begreifen,“ sagte er, „daß eine gewisse Schwierigkeit für
mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens
und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach
allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief
des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich
dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct
officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,“
fügte er artig hinzu, „Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin
veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die
Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den
Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer
direkten Antwort ersetzen werden.“
Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die
Unterredung zu Ende sei.
Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine
sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.
„Ich bitte Sie nochmals,“ sagte Graf Bismarck, „dem Marschall den
Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen
meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe
mich herzlich gefreut,“ fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, „bei
dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“
„Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,“ sagte Herr
Salazar-y-Mazarredo, „daß ich Schritte thue, um mich über die
persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.“
„Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
in erster Linie in Betracht kommt,“ sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
„so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser
Richtung hin sich informiren. Uebrigens,“ fügte er hinzu, „wird es ganz
und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen,
welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.“
Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.
„Es ist also doch Etwas im Gange,“ sagte Graf Bismarck, indem er sich
wieder vor seinen Schreibtisch setzte, — „aber was kann dieser Sache zu
Grunde liegen — warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken
von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei
seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
werden, — der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,“ sagte
er nachsinnend mit leiser Stimme — „die Candidatur des Herzogs von
Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, — sie könnte ihm unter
Umständen gefährlich werden; — sollte die erneuete Anregung dieser
Combination damit zusammenhängen?
„Nun,“ — rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, — „einmal muß die
große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch
ausbrechen, — und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht
fortwährend wieder zu beschwören versuche! — Vielleicht wäre es ein
Glück, wenn die Entscheidung bald käme,“ — sagte er ernst, — „wenn sie
käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte
stehe, — denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit
halben Mitteln operirt wird, — dann muß die Zukunft Deutschlands auf
lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. — Ich,“ rief er
flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen
leuchtete — „ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe
erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, — und — ich fühle
es, — ich würde siegen!
„O,“ sagte er dann schmerzlich, „warum ist die Zukunft unserem Blick
verborgen, — warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?
„Wie viele ringende und kämpfende Geister,“ sagte er leise, die
gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, „haben vor mir
diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, — wie viele werden sie
nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten — das ewige
Schweigen!
„Und doch,“ sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen
Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten
hätte, „doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
gebracht hat — einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
zuerst sich entrang — Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!“
Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob
er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes
hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich
kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
hinsprechend auf und nieder.
Drittes Capitel.
In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils
ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die
gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg,
saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
Goldrollen lagen.
Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein
junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die
auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr
blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln
spielte.
Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
Adelebsen zu protocolliren.
„Unterofficier Rühlberg!“ rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.
In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.
„Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,“ sagte Herr von Adelebsen, „zur
Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von
Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige
Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung,
wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.“
„Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,“ erwiderte der
Unterofficier, „ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.“
„Sie wollen nach Algier gehen?“ fragte Herr von Adelebsen ein
wenig befremdet, „Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine
Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und
daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
Auswanderung nach Algier abzurathen.“
„Zu Befehl, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „Herr Minister von
Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,“ fügte er mit einer
gewissen Bitterkeit hinzu, „die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,“ fuhr er fort, „daß
Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den
Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in
Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr
Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät
uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes.
Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei
meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
mir die Abfindungssumme auszuzahlen.“
„Wenn aber doch Seine Majestät,“ sagte der Lieutenant de Pottere mit
einer etwas näselnden Stimme, „eine solche Colonie nicht für zweckmäßig
hält —“
„Der Herr Major,“ fiel der Unteroffizier ein, „haben uns gesagt, daß wir
die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie
wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei,
daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,“ fuhr er fort, „möchte ich
ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.“
„Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,“ sagte Herr von
Adelebsen mit sanfter Stimme, „wie sich die Zukunft seiner früheren
Soldaten gestaltet, und deshalb —“
„Darf ich bitten, Herr Major,“ fiel der Unterofficier, sich in strammer
Haltung aufrichtend, ein, „meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu
lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.“
Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die
Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie
dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat.
„Dragoner Cappei!“ rief Herr von Adelebsen.
Der junge Mann trat heran.
„Ihre Erklärung?“ fragte Herr von Adelebsen.
„Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,“ sagte Cappei.
„Sie sind militairpflichtig gewesen,“ sagte Herr von Adelebsen. „Haben
Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die
preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich
dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
gehen —“
„Ich danke, Herr Major,“ erwiderte Cappei ruhig, „ich bin entschlossen,
zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
und zu meiner Familie zurückkehren.“
Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.
Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle
Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg
nach Algier auszuwandern.
„Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,“ sagte Herr von
Adelebsen, „daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt
finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne
Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem
solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.“
„Niemand hat uns beeinflußt!“ riefen Mehrere der Emigranten. „Wir haben
selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie
gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr
erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.“
„Ich muß aber ausdrücklich bemerken,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß
Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß
Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich
eine Existenz zu gründen.“
„Wir werden im fremden Lande,“ rief der Unterofficier Rühlberg, einen
Schritt vortretend, „immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück
treu geblieben sind, — wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so
kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen
haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen.
Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe
sterben und verderben können.“
„In Amerika wären wir freilich weiter fort,“ rief eine Stimme aus den
Reihen, „und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß
Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.“
Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
seinen Schnurrbart und sagte:
„Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.“
„Ich glaube, wir sind abgefunden,“ rief es aus den Reihen, „und haben
hier nichts mehr zu thun, gehen wir.“
Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den
Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:
„Lustige Hannoveraner seien wir.“
Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
ihre Zimmer zurück.
„Nun Cappei,“ sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner,
welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
hinabstieg, „wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle
zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten,
da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie
sie früher war.“
„Es thut mir leid, Euch zu verlassen,“ sagte Cappei, — „aber unsere Sache
ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es
dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen — ich liebe meine Heimath,
und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.“
„Nun, geht hin,“ sagte der Unterofficier, „Ihr werdet es noch bereuen,
aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und
das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen,
daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche
Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden
unsern Weg schon machen.“
Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in
welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.
Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den
großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.
Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
herzlichem Gruß entgegen.
„Alles ist abgemacht, Herr Challier,“ sagte Cappei in ziemlich reinem,
aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, „die Legion ist
aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und
alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
zusammenfinden.“
„Das ist recht traurig,“ sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
schüttelnd. „So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, — das thut
mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein
Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen
gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er
unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,“ sagte er, indem seine
dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, „und ich hätte mich von
Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren
König und sein Recht zu fechten, — das Schicksal geht seinen eigenen
Weg, — es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
ihnen,“ fuhr er fort, „und mir wird es in meinem Hause recht leer
vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest
gehalten,“ fragte er, „nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? — Ich würde
mich kaum dazu entschließen können,“ sagte er, „wenn ich mich in Ihre
Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.“
Ernst erwiderte der junge Mann:
„Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und
doch kann ich nicht anders handeln. — Sie sind Franzose und wenn es
möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so
würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen
Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir
Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit
fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht
haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
Ganzen, — die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine
deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen.
Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil
wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das
Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht
aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen
gegenüber stehen! Uebrigens,“ fuhr er fort, „werde ich vielleicht nicht
immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort
geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, — und darüber,“ fügte er
etwas zögernd hinzu, „möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher
Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken
über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,“ sagte er
seufzend, „so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben,
welche mir die liebsten und schönsten sind.“
Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
Ton:
„Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn
ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.“
Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:
„Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie
haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
Vergangenheit war.“
„Ich habe Ihnen vertraut,“ erwiderte Herr Challier, „weil Sie
hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten.
Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,“ fügte er mit der den Franzosen so
eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, „ich habe mich in meinem
Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns
verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.“
„Ich gehe in mein Vaterland zurück,“ erwiderte Cappei, „um so bald es
mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der
heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück
abhängt, — die Bitte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu, „mir das
Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind — deren Glück ich
alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde
und freudlos sein würde.“
Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte
einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
sprach er mit milder freundlicher Stimme:
„Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen
habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, — daraus folgt, daß ich, was
Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner
Tochter anzuvertrauen, — ich bin nicht reich,“ fuhr er fort, „aber ich
habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz
begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb
nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,“ fuhr er
fort, „die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner
Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es
verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren,
den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb
habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst
sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich
fühle es vollkommen,“ fuhr er fort, „was es heißt, sein Vaterland zu
verlassen, — aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert,
und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es
vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu
kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten
Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein
Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie
hegen, — worüber Sie,“ fügte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein wenig
unterrichtet sind.“
„Ich glaube,“ sagte Cappei mit leiser Stimme, „daß Fräulein Luise mir
nicht abgeneigt ist —“
Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen
richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit
freundlichem Gruß die Hand.
„Du kommst eben recht,“ sagte Herr Challier, „um eine Frage zu
beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.“
Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
Geliebten, — sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.
„Herr Cappei,“ sagte der alte Herr, „hat mir soeben mitgetheilt, daß er,
wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, — was
würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
auch an Dich richtetet?“
Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
des jungen Mannes und sprach:
„Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, — mögen Andere es für
schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, — ich sage offen,
was ich empfinde, — ich liebe ihn,“ fuhr sie mit strahlenden Blicken
fort, „mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein
Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.“
Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.
„Brav, mein Kind,“ sagte er, „das ist recht und tapfer gesprochen, und
ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.“
Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und
er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.
„Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
und,“ fügte er hinzu, „kommen Sie bald zurück, — ich verlange nicht als
unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm
Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat,
und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja
gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, — das ist der Lauf der
Natur, aber,“ fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
leicht zitterte, „Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem
Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
von Generationen gelebt haben.“
Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden
Augen fragend und bittend an.
„Ich kehre zurück,“ sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, „um meine
Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe.
Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die
Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen
zu sichern. Denn,“ fügte er mit fester Stimme hinzu, „nicht dem
heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.“
Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
streckte seine beiden Hände aus, — die jungen Leute ergriffen sie und
beugten sich zärtlich zu ihm herab.
Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten
nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte
ließ sie aufblicken.
Herr Vergier war eingetreten, — starr und bleich stand er in der Mitte
des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.
Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem
Händedruck begrüßte:
„Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige
Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.“
Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
Tochter mit.
„Sie wissen,“ sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung
zuckten, „wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
betrifft, — aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen,
die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,“ fügte er mit
bitterm Ton hinzu. „Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,“ fuhr er
mit brennendem Blick fort, „kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so
kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu
entscheiden.“
Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.
Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.
„Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,“ sagte sie — „Sie waren der
Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben
und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die
Sie mir entgegen trugen, — Sie werden das vergessen,“ fügte sie
freundlich hinzu, — „Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte
bieten können.“
Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen
Augenblick ergriffen.
„Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,“ sagte er
mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
„welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist,
wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen,
Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche
Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,“ fuhr er
immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten — „schon
sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese
hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der
Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren
Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. — Und wenn ich denken sollte,“
rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine
Lippen trat, — „daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
eines Feindes Frankreichs — —“
Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
drohenden Bewegung erhob er die Hand —
Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen
richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.
Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
ruhig, beinahe sanft und milde.
„Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,“ sagte er,
„ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, — ich muß Ihnen viel
vergeben, — aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,“
fuhr er fort, „im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht,
welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen,
wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein
würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen.
Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
widerfahren lassen und,“ fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, „ich
hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses
gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier
und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß
ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.“
Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.
Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.
„Verzeihen Sie mir,“ sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
einzeln und abgebrochen hervordrangen, „verzeihen Sie mir meine
kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, — ich bin
Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.“
Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.
Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.
„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,“ sagte Herr Vergier, „ich passe
in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.“
Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.
„Der Arme thut mir leid,“ sagte der alte Herr Challier, ihm
nachblickend, „er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
sehr leiden —“
„Ich hätte ihn doch nicht lieben können,“ sagte Luise, indem sie mit
leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. „Wenn mein Herz nicht
gesprochen hätte,“ fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
„wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären
wir Beide unglücklich geworden.“ —
Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der
alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde
beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen
sollte. —
Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.
„Je schneller er fortgeht,“ sagte sie lächelnd, „um so schneller wird
er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.“ — —
Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.
Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der
Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch — zahlreiche Freunde aus
der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
hatten.
Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur
sehr mäßig zugesprochen wurde, — alle Gesichter waren ernst und oft
stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen
Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten,
fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das
letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband,
nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt
hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.
Der junge Cappei trat ein. — Traurig überblickte er diese Versammlung
seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen
gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.
Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.
„Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,“ sagte dieser,
indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, — „wenn Ihr mit uns
gingt, — Ihr seid noch jung und kräftig, — geschickt zu aller Arbeit und
habt mehr gelernt, als wir Alle, — Ihr würdet ein schönes Vermögen in
Algier erwerben, — das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
würde, — von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn
erhaltet, — ich sage Euch noch einmal, — geht mit uns, — laßt die Phantasie
im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, — es hat noch nie zu
etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
verdrehen lassen.“
„Ich bitte Euch, Rühlberg,“ sagte Cappei sanft aber bestimmt — „laßt
mich, — mein Entschluß ist gefaßt, — versprecht mir,“ fuhr er abbrechend
fort, „Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht — ich muß Euch
sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, — hätte
der _König_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen
Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, — aber so, — Ihr werdet
vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der
Heimath zurückzukehren. — Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß
ihm folgen.“
Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.
Es verging noch eine halbe Stunde, — dann zog der Unterofficier die Uhr
und sagte tief aufathmend:
„Es ist Zeit, Leute, — wir müssen aufbrechen!“
Alle erhoben sich.
Rühlberg ergriff sein Glas.
„Wir sind heute zum letzten Male beisammen,“ sprach er mit etwas
unsicher klingender Stimme, — „und wir wollen auch dies letzte Mal von
der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, — ein Glas auf
das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
gethan, — das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns
gestorben — leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.“
Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, — mancher blinkende
Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne
Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.
Dann brach man auf.
Jeder nahm sein kleines Gepäck, — viel hatten sie nicht, diese armen
Soldaten des Exils — und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
eingefunden hatten, — auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke
der Scheidenden erwidernd.
Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der
Stadt her eine Glocke zu läuten.
Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel
sendeten.
Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle
diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des
Gestorbenen, — auch die Hannoveraner falteten die Hände — Niemand wußte,
welchem Todten dies Geläut galt, — aber auch ihnen starb ja heute für
immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
hatten, — ihre Heimath und ihr König.
Der Zug brauste heran, — noch ein Händedruck, — ein letztes
Abschiedswort — und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.
— „Adieu — adieu — bonne chance!“ tönte es aus den Gruppen der Bürger von
St. Dizier — Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, — fast zog es den
jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
einem Leben voll Abenteuer und Gefahren — da trat das Bild Luisens mit
ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele — rasch näherte er
sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der
am Schlage saß, die Hand hin.
„Gott befohlen!“ sagte er mit erstickter Stimme, — „und — auf fröhliches
Wiedersehn!“
„Das wird schon kommen,“ erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
trachtete, „Ihr werdet zur Einsicht kommen — wir werden Euch einen Platz
offen halten.“
Die Schaffner eilten an den Zug, — die Locomotive pfiff und langsam
begannen die Räder zu rollen.
Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber
klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das
Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, — die Legionaire auf dem
abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:
„Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen —“
aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
Glockenton begleitet, — da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager
und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
den man zur letzten Ruhe hinausführt.
Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
verschwunden, — weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
Rollen der Räder.
Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück.
In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während
seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.
Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.
Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor
stehen, — er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach
dem Hause hin.
„Gute Nacht, meine süße Geliebte,“ flüsterte er, — und schritt dann rasch
weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.
Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des
Challier'schen Hauses gekommen.
Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
der Dunkelheit verschwand, nach.
„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so
könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen
Räuber meiner Liebe vernichten!“
— „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen
Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden
Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht
zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und
mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“
Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann
wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.
Viertes Capitel
Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball
bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in
tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit
welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die
noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.
Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches
Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten
aus ihren Augen.
Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und
wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es
sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den
ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden
untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren
von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das
Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des
Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die
entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in
einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen
guten angenehmen Tänzer.
Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit
gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn
dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn
ihrer Mutter zu trotzen.
Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft
hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches
er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte
seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen
Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde,
welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern
des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich
zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das
dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte
dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und
seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders
hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick
auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte
Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte
seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen
aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte
und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen
durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.
Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee
eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des
Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme
Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch
steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren
Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze
sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten
aristokratischen Grundsätze aussprachen.
Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je
gewesen, er hatte den Baron mehrere Male „mein verehrter Freund“, einmal
sogar „mein lieber Freund“ genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen
unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den
Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft
engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine
mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die
Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen
Château Lafitte zu probiren.
Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese
intime Soirée bei dem Baron.
Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein
Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige
hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.
Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin
ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen
gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als
ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.
Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu
unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge
Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten
Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen
sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick
seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge
überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem
jungen Mädchen annehmbar zu machen.
Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht,
sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts
wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch
gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen;
obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die
lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den
erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.
Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das
durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr
schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre
aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der
weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken
war.
„Er liebt mich,“ flüsterte sie leise vor sich hin, — „das hat mein Herz
lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es
wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein
Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,“
fuhr sie fort, „warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken
zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere
Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er
einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht
finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,“ rief sie, leicht mit dem
zierlichen Fuß auf den Boden tretend, „diese unklare, peinliche Lage muß
ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von
Rantow, — es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!
Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,“ sagte sie
trotzig die Lippen aufwerfend — „das beunruhigt mich nicht, mein Vater
wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, — aber ein Ende muß das
nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,“ sprach sie sinnend, „was soll
ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich
herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht
der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?“
Sie sann lange nach.
„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist
empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich
erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte
sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine
Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein
Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,
der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen
sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu
sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch
fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie
leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren,
weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für
immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten
Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu
zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn
sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und
laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch
aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren
gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf
ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um
mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu
erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es
reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle.
Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen
Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,
was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß
er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu
verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich
ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“
Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen
Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,
während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.
Dann las sie dieselben durch.
„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem
andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er
wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem
stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich
mich so in seine Hände gebe.“
Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine
Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.
„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post
tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner
Bitte folgen.“
Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie
sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer
und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen
Glückes.
* * * * *
Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein
Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich
einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in
Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und
die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief
empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz
neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen
von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre
und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,
kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem
Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen
Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte
sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und
hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen
würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken
zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.
Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er
war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er
mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen
sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu
nehmen.
Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte
mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle
so stark und so warm erwiedert würden.
Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber
am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte
den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf
seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den
Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so
lange sein Commando in Berlin noch dauerte.
Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die
geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,
aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied
sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen
können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen
Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die
Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange
stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei
versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die
Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen
Himmel sandte.
Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die
Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von
Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen
Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus
bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath
associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als
unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch
immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes
mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.
Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten
seines Vaters zugehört.
Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so
mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu
finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut
ausgerufen:
„Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes
und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,
aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch
unser Blut vermischen.“
Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen
Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er
aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.
Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem
Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das
Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen
Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun
auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu
seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.
Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen
Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle
Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle
Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt
zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.
Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, — er suchte durch
die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen
durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller
Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für
eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den
Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles
beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das
gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.
An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den
Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden
Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der
Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in
welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein
Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen
Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,
welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen
kleinen Hotel holen ließ.
„Du siehst bleich aus,“ sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit
sorgenvoller Theilnahme ansah, „ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es
ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf
darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast
jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr — Du darfst
Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,“ sagte er, sich den
Schnurrbart streichend, „waren wir jungen Officiere anders, wenn es
keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus
und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir
es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu
sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.“
„Sei ruhig, lieber Vater,“ sagte der Lieutenant mit einem etwas
gezwungenen Lächeln, „ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten;
wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich
keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn
ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,
unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.“
„Nun,“ sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang
folgend, „es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier
heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute
die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist
Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht
werden. — Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht
gefällt,“ fuhr er fort, „verstehe ich, und daß Du glücklicher in den
einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist — freilich,“ sagte
er dann wehmüthig seufzend, „wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz
allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters — Ihr marschirt in die
Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege
nicht zusammenlaufen.“
Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der
alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und
dünne Bouillon.
Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus
einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem
Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen
Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater
zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft
wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein
starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen
Wohnung.
Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit
einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.
„Ein Brief für den Herrn Lieutenant,“ sagte er, indem er in
dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.
Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen
über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit
starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er
die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen
Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten
ruhten, die er so eben gelesen.
„Mein Gott,“ rief der alte Oberstlieutenant unruhig, „was ist das? Du
hast doch keine böse Nachricht bekommen — doch nicht etwa eine
Ehrensache?“
Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu
gewinnen.
„Es ist Nichts,“ sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine
Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte
hervorbrachte, „ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu
verbringen.“
„Aber Du bist doch so erschrocken,“ sagte der alte Herr forschend, „Du
bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.“
„Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,“ sagte der
Lieutenant, „die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig
echauffirt, — es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein
leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.“ —
Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.
Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit
einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen,
Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb
wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst
zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ,
sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an
seinen Gesprächen Theil nahm.
Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt
war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen
Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer
sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen
Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute
tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern
die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden
und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer
höhern Ehren brachte.
Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem
Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine
Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
Lectüre desselben.
„Mein Gott,“ sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,
„mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte
mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu
haben, — da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse
wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel
versenkt —
„Mein lieber Freund.“
Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.
„Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu
sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen
eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und
sprechen, — gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres
Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen
dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht
und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.“
„Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,“ sagte er, immerfort sinnend
das Papier betrachtend, — „ein einfaches A. ist die Unterschrift. — Ich
habe niemals Anna's Handschrift gesehen,“ fuhr er fort, „aber es ist
kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen
wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit
dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein — nach ihren letzten Worten
freilich,“ sagte er, den Kopf in die Hand stützend, „mußte ich glauben,
daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht
annehmen, sie gab mir Hoffnung, — oh, eine so süße Hoffnung, welche ich
mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.
Wäre es möglich“ — ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein
Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor,
drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in
heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. —
„Sei es, was es will,“ rief er, „es wäre unritterlich und feige, der
Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt
habe, daß ich sie liebe — und welche dieses Geständniß so gütig und
freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. —
Aber,“ fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, „wenn
sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden
will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?
Nun,“ fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,
„auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe,
ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch
verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere.
Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird
ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser
schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,“ sagte er
leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die
Mitte hielt, „sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen
meine Liebe sich erneuern — ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das
wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, — ich muß hingehen und werde
stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle
Augenblick mir bringen kann.“
Er blickte auf seine Uhr.
„Noch über eine Stunde,“ sagte er, — „daß doch die Zeit oft so langsam
vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn
man sie fesseln möchte.“
Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht
bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren
Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin
und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald
glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare;
und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,
fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter
Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer
Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen
Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten
Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben
so reich ist.
Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte
die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu
betreten, das Haus.
* * * * *
Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag
verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um
zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.
Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen
Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener
Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den
Weg gelegt hatten.
Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne
sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick
entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich,
daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte,
daß sein Herz ihr gehörte.
Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln
auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre
Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer
Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun
pflegte um frische Luft zu schöpfen.
Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all
den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen
Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen
Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten
verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem
ihr Herz entgegenflog.
Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.
„Guten Tag, Fräulein Anna,“ ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar
neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,
welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit
einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit
eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte,
als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein
unerwünscht war.
Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen
Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.
Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.
„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich
gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu
begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre
blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen
blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und
Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton
hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt
des jungen Mädchen hinglitt.
„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen
Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös
verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte
jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen
Gedanken nachzuhängen.“
„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den
ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr
in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein
Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei
leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu
sein.“
„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß
am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut,
und für mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft,“ fügte
sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“
„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit
einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee
hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es
mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein
sein zu wollen —“
„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr
Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle
sie ihm entgegen eilen.
Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung
ihres Blickes.
„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch
ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge
Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so
würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“
Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben
Herrn von Rantow stehen blieb.
Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in
freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den
jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch
neben Fräulein Anna herging.
Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten
sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen
blieb, — ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen
Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine
Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging
er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein
Cohnheim militairisch grüßend.
Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten
sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen
Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,
rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle
sie die Hände ausstrecken.
„Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!“ rief sie.
Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt,
daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr
stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich
dieser um.
„Büchenfeld!“ rief er, „so höre doch, — wie unhöflich, so vorbei zu
laufen, — Fräulein Cohnheim ruft Dich.“
Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm
und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes
höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von
Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd
erwartete.
„Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,“ stammelte
sie mit unsicherm Ton, „ich wollte Ihnen sagen, — daß —“ sie blickte auf
Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr
stand, und dann schlug sie die Augen nieder, — sie schien nach Worten zu
suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat
heftig mit dem Fuß auf den Boden.
„Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,“ sagte der
Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. „Ich
bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen
Augenblick aufhalten kann, — der unerbittliche Dienst ruft mich.“
Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,
und eilte dann mit schnellen Schritten davon.
Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm
nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer
schnellerem Gang, sie — sah ihm mit brennendem Blick nach.
Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.
„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Rantow, „was er haben kann, er sah
ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt
haben?“
Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern
zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.
„Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,“ sagte sie mit kaltem Ton, „daß ich
nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft
greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.“
Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem
leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.
„Wir gehen denselben Weg,“ sagte er ganz erstaunt, „ich will so eben zu
meinen Eltern.“
Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt
blickte er ihr nach.
„Was geht denn da vor!“ sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. „Sollte
da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, — das würde mir nicht zu
meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das
Alles fügt sich so vortrefflich, — nun, ich glaube kaum, daß es ein
ernstes Hinderniß sein wird,“ sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart
streichend, „dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen
wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird
auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der
Nichts weiter besitzt als seinen Degen.“
Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat
einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen
Parterre seine Eltern bewohnten.
Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem
Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum
die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken
beschäftigt.
„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß
Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige
Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,
aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl
das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt.
Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie
wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,
der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. —
„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es
ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den
edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich
weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie
hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf
einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen
Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht
verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat
sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich
mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen
der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“
Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung
er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.
„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein
junger Dragonerofficier.
„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und
Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber
jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute
Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,
„wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu
feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein
schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein
vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.
Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den
Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und
nüchtern bleiben.“
Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die
Andern folgten.
„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel
gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den
Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“
sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses
der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele
fortspülten!“
Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die
Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von
Borchard in der Französischen Straße.
Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher
so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die
Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die
dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden
entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß
sich in die zierlichen Krystallkelche.
Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen
sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas
des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, — eine wilde Heiterkeit
schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen
glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit
sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, — er war
scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten
Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.
Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.
„Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,“ sagte der
Dragonerofficier, „so habe ich ihn noch nie gesehen.“
„Oder,“ sagte der Husar lachend, „er steht im Begriff, sich
todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.“
„Weder das Eine noch das Andere,“ meinte ein Dritter, „es ist einfach
dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund
so gesprächig macht.“
„Oder sollte er etwa verliebt sein,“ sagte der Dragoner, „das wäre ja
das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, — er, der bis jetzt gar
keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen
Studien gelebt hat.“
„Ja, ja,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, „Du hast es
getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,“ sagte er,
ein neues Glas herunterstürzend, „aus seiner gewohnten Ruhe
herauszutreten. Nein, nein,“ fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,
„wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich
mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die
Liebe?“ sagte er plötzlich düster; — „die unwürdige Fessel, welche den
Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer
Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und
sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!“
Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten
die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde
mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um
es augenblicklich wieder zu leeren.
Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne
Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz
genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.
Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick
durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der
Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen
freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und
stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen.
Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans
zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem
Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um
seine Lippen.
„Sieh da, Büchenfeld,“ sagte der Referendarius, ihm freundlich
zunickend, „ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und
unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die
Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, — das war nicht höflich.“
„Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,“ sagte der
Husarenofficier, — „er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie
gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in
fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns
das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.“
Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu,
stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer
Stimme:
„Das würde nicht zu besorgen sein, — ich bin im Gegentheil in sehr
friedlicher Stimmung, — sehr friedlich — und sehr vergnügt. — Du hast
Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin
einer großen Gefahr entronnen, — ich stand im Begriff einen tiefen Fall
zu thun, — einen tiefen, tiefen Fall,“ sagte er mit dumpfem, allmälig
immer leiser und leiser verklingendem Ton; — dann sank sein Haupt auf die
Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu
beenden.
Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.
„Ich fürchtete schon,“ sagte Herr von Rantow lächelnd, „daß Du mir böse
sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens
gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, — sollten wir
Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,“ fügte er hinzu, „gute Freunde
müssen sich über so Etwas verständigen.“
„Nebenbuhler?“ riefen die Officiere neugierig, — „so haben wir doch
Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz
Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.“
Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden
geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem
Ausdruck im Kreise umher.
„Nebenbuhler,“ rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow
wendend, „wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz
ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze
dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren
Werth; und ihr Werth ist sehr gering,“ fügte er achselzuckend
hinzu, — „über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,“
fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder
zu leisem Ton herabsank, „stände hier eine Roulette zwischen uns, ich
würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und
Liebesansprüche der Welt setzen.“
„Das ist ein guter Gedanke,“ rief der Dragonerofficier, der ebenso wie
die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des
feurigen Weines befand, „ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,
setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur
Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist
nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne —“
„Vortrefflich, vortrefflich!“ riefen die Andern jubelnd, — „ein
ausgezeichneter Gedanke!“
„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!“ rief der Husarenofficier.
„Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben —“
„Warum nicht,“ rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer
verschleierten, „gebt die Karten her!“
Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.
Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man
räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn
von Rantow zu dem jungen Officier hin.
„Ich setze hundert Louisd'or,“ sagte dieser, indem er den Blick
forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der
Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu
bringen.
„Ich nehme an,“ sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell
leerte er noch ein Glas.
„Wer gewinnt,“ rief der Dragonerofficier, „zahlt also hundert Louisd'or
und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour
zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr
sprechen.“
Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht
ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.
„Angenommen,“ sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung
nach dem Spiel und hob ab.
„Drei,“ sagte Herr von Rantow, — dann coupirte und zeigte ein Aß.
„Du giebst,“ sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.
Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male
den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.
Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.
„Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!“ rief er, die Karten
durcheinander werfend, — „ich gratulire Dir!“ — er sank auf seinen Stuhl
zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.
Herr von Rantow zuckte zusammen.
Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise
herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit
verlegenen Blicken an.
„Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,“
sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser
peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.
Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem
Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.
Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand
aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.
„Der Einsatz ist zu hoch,“ sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen
Worten, „Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht
werth, ich kann das nicht annehmen.“
Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich,
sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.
Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer
der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den
Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,
der Alles mit angehört hatte.
„Wie peinlich, wie unangenehm,“ sagte er, während die ernst gewordenen
Officiere schweigend um ihn her standen.
„Meine Herren,“ fuhr er fort, „ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit
Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm
einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie
möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter
darüber reden.“
Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.
Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden,
sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das
schwere Folgen nach sich ziehen müsse.
Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne
weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen.
Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten
Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig
von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.
Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen,
daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über
seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.
Fünftes Capitel.
Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause
zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und
Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und
verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere
Verwirrung entstanden.
Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von
den zitternden Händen.
„Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,“ rief sie heftig, „ich hätte
daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal
anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon
ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt
werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.“
Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit
zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem
Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung
abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow,
welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen
hatte.
„Es ist unerhört,“ rief sie, „wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem
jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände — aber,“ fuhr sie fort,
„sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu
sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu
finden. Was soll ich thun? — Ihm noch einmal schreiben? — Er würde mir
nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im
Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der
Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu
versagen!
Er ist hart wie Stein,“ rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen
ihres Kleides zerknitternd, „aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist
nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie
Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt
ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg
finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?“
Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf
Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.
„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen
Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater
sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen
ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen,
diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück
meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen
tragen sollte.“
Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit
über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon
ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer
Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung
ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für
sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf
bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen
Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und
ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der
Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher
bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu
ersteigen.
Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,
an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt
hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt,
die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.
Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit
gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat.
Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu
thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den
freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war
und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen
Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und
flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.
Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie
in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger
Besorgniß beimischte:
„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in
Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es
besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer
vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie
zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme
Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“
„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es
ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene
Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was
kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“
„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt
ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich
so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen
und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet?
Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend
treffen?“
„Haus und Geschäft,“ rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er
noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, „das kommt nicht
in Betracht — aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner
Tochter — was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich
verhöhnen!“
Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.
„Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,“ sagte sie. „Ich bitte Dich,
was giebt es — so erzähle uns doch.“
„Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,“ sagte die Commerzienräthin
im strengen Ton, „uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,
denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als
Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung
aufrecht zu erhalten,“ sagte sie, den Kopf erhebend, „und über den Ruf
meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.“
„Was es giebt,“ rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch
herantrat, — „etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter
ist beleidigt, — öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer
bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen
unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als
möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,
welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich
wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu
können.“
„Was ist geschehen,“ fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend,
„wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.“
„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz
unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich
die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,
weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,
ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.“
Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem
Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
Gestalt schwankte unsicher hin und her.
„Lieutenant von Büchenfeld,“ sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,
während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,
indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen
Mund zuckte.
„Er war,“ sprach der Commerzienrath eifrig, — „Du mußt es ja doch
wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, — er war in
Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das
Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz
nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, — die
Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken
haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen
zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von
Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht
besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr
wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre
Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere
Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von
Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe,
das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr
erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von
Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte
das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert
Louisd'or, — ich ahnte noch immer nichts Böses, — dann warf er die Karten
mit den lauten Worten hin: — Du hast das schöne Fräulein Cohnheim
gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich
kann ihn nicht annehmen. — Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte
kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich
die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.“
Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben
nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend.
Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene
ihr schönes glänzendes Haar.
„Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt
und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.
Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,“ sagte er, zu seiner Frau
gewendet, „sie mußte es ja doch erfahren.“
„Das kommt davon,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem
strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, „wenn man nicht vorsichtig
in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft
zuläßt, — der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir
unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den
Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute
setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der
Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich
irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.“
„O, wie wäre es möglich gewesen,“ rief Fräulein Anna, ohne die Worte
ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt,
„wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche
Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, — und das, nachdem —“ sie
bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in
sich zusammen.
„Nun, mein Kind,“ sagte der alte Commerzienrath, den die heftige
Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, „so übermäßig
ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch
ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,
ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,“ fuhr er fort, „mit dem Herrn von
Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das
Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander
geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst
morgen mittheilen wollte,“ sprach er weiter, — „indeß, da ich mich nun
einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es
besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.“
Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male
rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen
bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche
sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit
strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann
er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:
„Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,
und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten
Gesellschaft sich schickt und paßt —“
„Besser als andere Leute,“ fiel die Commerzienräthin ein, „welche sich
in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen
sollen —“
„Der Herr von Rantow,“ fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust
hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die
Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, „hat mir gesagt, wie leid es
ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, — er habe alles Mögliche
gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste
gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so
schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich
nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so
unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und
solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir
gesagt,“ fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort,
„werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die
in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt
sei, persönlich einzutreten.“
Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes
Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.
„Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, — oh,“ fuhr
sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft
verschlangen, „warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und
Erbärmlichkeit?“
„Du bist nicht wehrlos, mein Kind,“ sagte der Commerzienrath, indem er
zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, „der
junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von
Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer
öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich
weigert, so wird er ihn zwingen,“ sagte er mit stolzem und wichtigem
Ausdruck, „ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.“
„Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,“ rief Fräulein
Anna, verächtlich die Achseln zuckend, „und ich noch mehr der Gegenstand
des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.“
„Des Spottes niemals, mein Kind,“ sagte die Commerzienräthin mit einem
ruhigen kalten Ton, „wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner
Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten.“
„Nun,“ rief Anna, „mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow
dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige
Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen
kann.“
„Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger
Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter
gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,
wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn
sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen
weiteren Beziehungen zu ihr stände — das brächte sie immer in eine
schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen
möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun, — hat er mir
weiter gesagt, — schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in
nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit
mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere
Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein
Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,
bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses
zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den
Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen
hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu
einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so
werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung
bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich
entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,
so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen
Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch
vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger
aufzutreten.“
„Der junge Mann,“ sagte die Commerzienräthin, „hat wirklich ein feines
und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter
diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja
nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei.“
„Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen,“ sagte Anna mit
schneidendem Hohn, „der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem
Degen in der Hand erobern — aber“ fuhr sie fort „das ist doch wenigstens
ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe
Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen
Preis für seine Vertheidigung verlangt, — so soll er ihn haben — er ist ja
eine vortreffliche Partie“ fuhr sie bitter fort, „und ich muß ja
glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit
einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron,“ sprach sie in
kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, „daß ich seine Bewerbung annehme,
da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen
hat.“
Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf.
Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die
Stirn. Anna stand auf.
„Doch muß ich,“ sprach sie, „bitten, daß er mich einige Tage von seinen
Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen
und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im
Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von
Büchenfeld“ — sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung
aus — „geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl
selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer.
„Ich bin sehr erfreut,“ sagte die Commerzienräthin, „daß diese so
äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.
Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so
viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen
würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn
sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für
diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja
jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire
keine ernsten Folgen haben,“ fügte sie nachlässig hinzu.
„So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor,“ sagte der
Commerzienrath, „und wie selten hört man, daß es wirklich
lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und
wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht,“ fügte er hinzu,
„daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen
wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen
sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer
Ehrenerklärung erledigt werden wird — der alte Herr von Rantow ist, so
viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird
ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle
boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall
hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre
Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren.“
Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.
Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft
besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so
glänzend gestalten würden.
Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die
Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich
zusammen, — lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet,
die Blicke starr auf den Boden geheftet.
„Wie schnell,“ sprach sie mit dumpfer Stimme, „sind die Träume
verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell
sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen
reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte.“
Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich
befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar
zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann
zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht.
„Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst
seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein
Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber
das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens
unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des
Hohnes, der Verachtung habe sein können, — und warum?“ — rief sie, die
Hände ringend, — „weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht
gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen,
weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und
würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine
Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie
so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge,
aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden,
daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der,
dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich
öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer
Weinlaune.“
Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen
Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.
„Da liegen die Reliquien meiner Träume,“ sprach sie mit dumpfem
traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf
den Inhalt des kleinen Kästchens.
„Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben,“ sagte sie leise, indem
sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, „vertrocknet wie
diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und
hoffnungsreich erblühten, — wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen
geruht! Vorbei! Vorbei!“
Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf
sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer
langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen
flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf
den glühenden Kohlen liegen.
Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk
zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls
kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere
Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick
aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.
„Die Vergangenheit ist vorbei,“ sagte sie schmerzlich, „meine Zukunft
wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis
endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz
ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben
ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten.“
Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr
starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen. —
— Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer
Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,
die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des
schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,
welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der
Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in
den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.
Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,
und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage
vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen
bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner
Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der
Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen
Hoffnungen sich bekränzt hatte.
„Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben,“ flüsterte er, ohne
von seinem Lager sich zu erheben — „oder warum ist sie nicht allein
gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das
Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine
absichtliche Kränkung, ein absichtlicher
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