Drei Gaugöttinnen
by Ernst Ludwig Rochholz · German · Gutenberg #12012 · 404,712 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Drei Gaugöttinnen
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Drei Gaugöttinnen
Author: Ernst Ludwig Rochholz
Release date: April 1, 2004 [eBook #12012]
Most recently updated: December 14, 2020
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/12012
Credits: Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
Drei Gaugöttinnen
Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.
Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben
von
E.L. Rochholz.
1870
* * * * *
Vorwort.
Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen
die nachfolgende Schrift am Titel trägt, drei nächstverwandte Wesen aus
der deutschen Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den
Perioden seines akademischen Jünglingsalters und während der ersten
Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgängen,
Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung örtlicher Alterthümer
nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung
den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss sei
ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergänzen helfe.
Während sich ihm letzteres bald als eine gemüthliche Täuschung erweisen
musste, war ihm darüber doch das Glück beschert, reichliche, nachhaltige
Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt
einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden
Lebensänderungen nicht mehr veralten lässt. Und so erklärt sich der
Ursprung unseres Buches als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer
gereifte und hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was
man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht uns eigentlich nichts
an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thälern der
Altmühl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und
Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der
Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt
wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit ältester Zeit
bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier
nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern
die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen
waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des
Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung dieser
Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt ein älterer, als
der durch die Kirche veranlasste je hatte sein können. Und also führte
uns die _Gauheilige_ in rückschreitender Metamorphose auf die
_Gaugöttin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich
approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstützt
wird, lässt sich mit ferner versuchten Einwänden nicht weiter mehr
aufkommen. Auch führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste
Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch ungeschwächt und
persönlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von
Amélie Bosquet die Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen
einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und
dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen
Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.
Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes
Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.
Die dem Germanen eigenthümliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn
vor allen Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.
Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,
welche Wächterinnen der züchtigen Geschlechterliebe, der häuslichen
Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war
es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das
Wort frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau
bekleiden und als solche die Geschäfte der Tempeljungfrau, Priesterin,
Heilräthin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer
langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig
überrascht durch das in barbarischer Form überlieferte römische
Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengöttinnen
kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends
satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser
Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, sondern ebenso
die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung
herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein
allerdings nöthigender Grund, sie später einmal zu Christentugenden zu
subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu
Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine
erzwungene, innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des
Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob
hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, anstatt dass
umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn
legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher
Klerus, der dem Cölibat den übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend
zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die
Himmelsherrin, auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des
Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwürde
verkündenden Mythus durfte der Mönch kein Recht belassen, sondern musste
ihn so weit und so unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis
heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar auf einer
Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segenssprüchen
bereitete, als ölschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie
auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke
brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das
aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.
Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin gewesen, hier eine Frau
Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren
Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden
den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber
nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.
149). So ursprünglich schon steckt in dem Legenden erzählenden Mönch
ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender
Waldteufel, wo in der fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und
Spessarts die Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die
Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwüstenden Riesin
wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena
--auf des gefürchteten Gipfels
Schneebehangener Scheitel,
Den mit Geisterreigen
Kränzten ahnende Völker.
Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafür
ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite
der Männerwelt, rein aus Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an
die neue Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des Lebens,
für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm
einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengrösse
erobert und sogar den Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser
Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische
Streben des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein
frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein Mirakel
erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das
persönliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen
bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der
Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem
germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der
Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.
Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,
die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.
Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.
E.L.R.
* * * * *
Inhalt.
Vorwort.
I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergöttin.
Erster Abschnitt.
_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_.
Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen, Klosterstiftungen,
Grabstätten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft
fliessend; ähnliches kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und
Embleme Walburgis.
Zweiter Abschnitt.
_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_.
Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgöttinnen und
Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes
Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und süsse
Hündlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre
und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in
dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
Eulogienbrode.
Dritter Abschnitt.
_Walburgistag, des Meien hochgezît_.
Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen,
den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und
Ruthenzug.--Maigraf und Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche
und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: sämmtliches
als Abbilder eines göttlichen Werbungs- und Vermählungsmythus, welcher
im Frühlings- und Erntevorgang spielt.
Vierter Abschnitt.
_Maiengeding und Walbernzins_.
Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen
Gerichte, gezeigt aus den Weisthümern.--Urkundliche Berechnung der
Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die
Walpersmännchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit
verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag
fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.
Fünfter Abschnitt.
_Der Mythus vom Maienthau_.
Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau. Thau als
Quelle von Leben, Lebensdauer und Körperschönheit, angewendet
als Heilbad, Stärke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung,
Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt
durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in
seiner naturgeschichtlichen Begründung. Thauschlepper
und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner.
Walburg in den Riesen- und Hexensagen.
Sechster Abschnitt.
_Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung_.
Die westfälische Walburg. Die phallischen Götzenbilder zu Antwerpen und
Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen
Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in
den Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit. Etymologische
Erklärung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher
Anwendung.--Schluss: die Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig,
Meth, Ael und Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank.
II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter.
Erster Abschnitt.
_Verena, eine alemannische Gauheilige_.
Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres
durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und
Altäre in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene.
Zweiter Abschnitt.
_Verena, die Müllerpatronin_.
Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen
Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als Ehegöttin. Der in Stein
verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke.
Wirthschaftsregeln am Verenentage.
Dritter Abschnitt.
_Verena, die Geburtshelferin_.
Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und
Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von der
Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnischgletscher.
Vierter Abschnitt.
_Verena als Frau Venus_.
Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und
Vrenenhäuser, zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung
auf den ursprünglichen Mythus.
III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin.
1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen.
Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes,
Stabes, der Spindel und der Mäuse.
2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht,
Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und
werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten.
3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben
und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische Bräuche.
4) Die Rolle der Maus bei den Erntebräuchen, die in Mausform gebackenen
Zweckbrode. Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das
Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walküre.
_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen Mäuschen. Das
Kalenderzeichen des Gertrudentages.
Nachträge
Wortregister
* * * * *
I.
Walburg mit drei Aehren,
die Ackergöttin.
* * * * *
Erster Abschnitt.
Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
jungfräuliche Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über den
thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghöhe die
entsetzliche Nachtkönigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
Seuche brauend, unkeusche Satanstänze abhaltend, eine Feindin des
Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
Hälften eines ursprünglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
dieselben zur würdigen Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu
vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
nach deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmückenden
kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
Ausarbeitung.
Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
sind nachfolgende.
Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
nach Jerusalem enthält) schrieb eine Landsmännin und Zeitgenossin
Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba
etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- und Gemäldedieb;
er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
des Hochstifts Eichstädt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle für alle
übrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende
Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mönch
Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. Altmühl, einer im J.
888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im
J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen
Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Königin
Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Königsfelden
aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof überschickt ihr und ihrem
Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fünfte, aber
die erste _umfassendere_ Erzählung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
Der bischöfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb
1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der
Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte es dem damaligen
Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrä
Angermayer. Auf diese beiden Schriften stützen sich nachfolgende, von
uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
Literatur über die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
Kirchengesch. 2, 347 und 356.
Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thüringen und Baiern kam und in
diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
diejenigen zu Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt gründete.
Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
begleitete ihn dahin und übernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
Thüringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen Fürstenpaares
Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thüringen nach Baiern gereist und
hier im Sualafelder Gau mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser
Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
des Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen Eichstädt, schloss
auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in
der Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre nachher auf der
Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
von Eichstädt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fügte
demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
übergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr
Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
noch für heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der Eichstädter
Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstädter
Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
Römleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
Römer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunächst dem Kloster
Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
seitdem bei keiner Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
auf einem der zwei grünen Höhenzüge, die den Eichstädter Thalkessel
umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
jener mächtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
einen dreikästigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie
stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. Eben
so liess sich die Schwester Walburg im mittelfränkischen Städtchen
Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen
heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell,
an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift Auhausen; seine
Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.
Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
Diöcese Eichstädt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.
Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, die beiden ersteren
im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und
bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berührt und
wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krücken voran in die Kirche
zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
Schwester kommt! Darüber lässt er die Krücken fallen und ist geheilt.
Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
streitet indess die weiter gehende Erzählung von der Theilung der
Walburg-Reliquien. Als nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre
Gefährtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus
ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt abgegebenen
Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstädt wiederum aufgrub,
zeigten sie sich mit einer wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei
Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berühmt
gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
Eichstädt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
Jahrestage durch vier Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in
gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
Klöster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
Wülzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstörte der Bildersturm
(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass
Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf dessen
Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei später auf dem
Walpersberge bei Köln von den Jesuiten verwahrt worden und alljährlich
am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
302. Wir werden später darauf noch zurückkommen.
Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstädt nichts
anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
Walburgiskirche. Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in
seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg erscheint. Sein
Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche vom benachbarten Pleinfelden
ergeben. Durch seine Höhlung geht der Länge nach eine ebne
ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nächsten
Eichstädterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Träger aus Sandstein.
Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt
Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und
überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spätere
Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. Dies ist das Mirakel des
Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflüchtigend;
unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
mit Wachs verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
diese Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk des Mieders.
Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium
begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen
Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr.
(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss
erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen
Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser
die Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels schrieb,
folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12.
Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft
nach Eichstädt übertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und
fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle übrigen
Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel
trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die älteste
Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die apostolorum Philippi et
Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die
omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum
administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich
auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken
begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der
Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei,
und kümmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in
verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fünf
verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1].
Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, den solennen
Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der
Eichstädter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem
in früheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals
bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
1237 sammt seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die
versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, das
Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da
1713 zum grössten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. März
fast kein Tropfen Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach
einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach
beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu
Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem
Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses
Glas voll davon im Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es
die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern müssen,
oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte
Gefäss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfüllte.--Der Eichstädter
Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten
Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise gegen seine
Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et
desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II,
306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die
darob verzagten Eichstädter ihren Sittenwandel besserten, brach es so
reichlich los, dass man ein Weinlägel von einer halben Pinte, also ein
wirkliches Fass, damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.
So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer)
Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure Menge" Walburgisöl zu
Eichstädt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten
statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches
Bergöl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei
sich trage, behaupten die Mönche, müsse sich im Stande der Gnaden
befinden, damit es nicht sogleich verfliege.
Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine
derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich nicht verheimlicht.
Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Märtyrer Asche und Gebein,
sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkräftig,
und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren
Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit
von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von irme lîbe
vlôz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179)
fügt erklärend bei:
ûz dem sarksteine,
dâ inne lît diu reine,
vil heilic ol vlûzet,
des diu werlt vil genûzet.
der iht siecheite hat,
des wirt al ze hant rat,
als man ez dar an strîchet.
In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden Steine; der eine
lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift:
Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und
Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl
und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für
immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann.
Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstädt 1309 die Gebeine
des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des
Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der
damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die
Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. 101. Die von Rom
nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger
Quirinuskapelle ein Heilöl, das in kleinen Fläschlein an die Gläubigen
verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jährlich
davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.
Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen
auf solcherlei Steinöl allein nicht beschränken mögen. Schon zu
Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von
Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in
Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi
Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen.
Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und
achterlei heilige Jungfrauen zählt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49
auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang,
Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. Mit dem Oel
der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um damit den Dieb zu
entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo.
Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thüringen, die
Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltären
ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der
Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende
Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen Faustkampfe Oel habe
schwitzen müssen:
Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
In cavea Martis num pugil illa fuit?
Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem
Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes
gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen könne. So sagt
Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi
athleta Christi. Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner
6. Homilie über den Brief an die Coloss.--Nork, Realwörtb. 3, 301.
Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles sagen die Acta
SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders häufig Lahme
geheilt habe; Gretser fügt bei, X, 917, es fördere die Geburten, auch
lutherische Frauen hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und
seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei
Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger
heilt:
Hinc quendam fastidiosum
Fame paene mortuum
Alloquens per visionem
Monet, ut de calice
Ejus biberet; quo facto
Esuriit solito.
Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Füssen lahm, wurde
von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da
auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die
er seine Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher
Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft,
welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, erklärt sich Jac. 5, 14: Ist
einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei,
dieselben sollen über ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im
Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten.
Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per
totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae
dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das
Wunderöl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest
Walburgis wurden zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias
ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt
wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen,
geflossen war. Das Glas ging an Luther über, der wie J. Mathesius
erzählt, es einst seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen
Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu
Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen
daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai
zusammen, um das Walburgisöl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund)
kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die
dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland.
518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.
Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im
Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die während der Reformation
verwüstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt
Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf
welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand
einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser säulengeschmückte
Aufbau mit Perlenfries gehört den Werken der romanischen Periode an
(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist
Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae
Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach und
im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken 1843. Der hl.
Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem
Teppich, welcher ursprünglich in der Eichstädter Kirche aufbewahrt
wurde und nun im Münchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen
erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in
der Hand haltend:
Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de
Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga.
Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt
das Grabmal).--P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen der hl.
Walburgis. Regensb. 1708.
Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem
Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und
Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff
vervollständigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede
sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten
aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.
Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering
eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hügel stehend, von
Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt führt drei
Stufen abwärts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht
der Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit
gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. Walburg hat jener Pest
gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man
habe hier noch den Götzen geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.
Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt das
topographisch-statistische Handbuch des Königreichs (München 1868)
folgende auf: Walbenhof, Einöde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth,
Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg
bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein
Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf
bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof;
Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei
Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei
Rosenheim, und zwei gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei
Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei
Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei
Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf
bei Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei
Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einöde bei
Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich jedoch noch um vieles
vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens
Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmühlthale Bürgli, in
altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit
Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im
tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen
Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als
Walber foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.
Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen,
nunmehr würtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien
Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss
ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich
von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten aufbewahrten
Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos.
Bolland. 3, 518.
Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der
Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird;
2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt
Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron.
Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei
erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.
Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem
Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.
Der grössere Theil der ältesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben
Heiligen geweiht, so zu Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim,
Aldenaerde, Brügge, Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später
noch zu handeln sein.
Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein,
Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.
In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu
Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in der Jesuitenkirche
daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg,
einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta
fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027
gegründet) nennen bei Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu
dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg.
Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis
übersendete 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an König
Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber
diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite
Godefredus Henschenius in Actis SS. ausführlich berichtet.
* * * * *
FUSSNOTEN:
[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.
25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstädt in der
Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. März: Gretser l.c.
pag. 907.
1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstädt; gefeiert in
der Eichstädt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica.
Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz.
Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die
Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
Liturgia 4, 768.
4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstädt (Bollandisten
ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland.
522; zu Veurne, in der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912.
12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter Walb.kloster.
* * * * *
Zweiter Abschnitt.
Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.
Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die
bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des
Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch
das Eichstädter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da
zwischen den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau
gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3,
tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch
davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thüre
des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rüden angefallen wird;
auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp
(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller
Hunde angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der Heiligen
als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren Zeit nachweisen. Die
Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt spielt nicht in dieser Stadt,
sondern in einem Orte, welcher römisch Aureatum heisst und schon seit
Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit
einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse
gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstädter
Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von
Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft
geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind
Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der
Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll röm.
Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, deutlich unterscheidet man
noch den Lauf der Römerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser
1620 von der Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau
vorstellte, zu deren Füssen, von Erde überschüttet, angeblich ein Hund
liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei
Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind
seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele
entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, aber deutschen
Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236,
und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber
derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer
Kirche nicht, wo Walburgis frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair.
Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf
den frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft
angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben
musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes,
dessen herabhängende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Händen berührt
werden. Man sagt, hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund
begraben.
Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg führen dasselbe
Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form
und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi
genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier
nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der
Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengöttinnen
und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde
erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten
die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und
Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter
(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter der Frû Gauden umbellen
den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Hündinnen. Colshorn, Märch.
u. Sag. no. 75. Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei
_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde,
welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25.
289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das überirdische
Hündchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege
hiefür: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden
steht gerade über der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist
der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat.
Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das
Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad.
Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwähnten Kapelle zu
Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von
der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen.
Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950.
Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das
freundlich-wohlthätige Geleitsthier der schönen Weissen Frau ist es
gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die
des Gewitters feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der
Rost, der während der Hitze der Hundstage das Getreide befällt, war dem
Römer versinnlicht durch das Götterpaar des Robigus und der Robigo, die
beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien
geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in
seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den
Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Hündchen
schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und
Kornähre abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die Ursache
des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941:
Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar,
Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.
Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljährlich
zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im
April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt,
Fastelabendgebräuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese für die
Landwirthschaft gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man das
Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.),
oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederösterreich wird am 28. Dec.
(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das
wird das Wind- und Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer,
so sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu befürchten. Ein
Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man müsse
die Windhunde füttern." Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das
eben angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte
Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das
Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der
erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschädigen
konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brôt, ez hat gesnîget.
Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers Hackelberg
in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter über an der
Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so
mildherziges Haus im Frühjahr drauf mit Milch und Butter reichlich
gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten
noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten)
jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet
die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm
traben, denen söllent sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der
Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für jeden
geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die
oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspätzlein, die man
in Baiern Nackete Hündlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen
Tölpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud;
beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein
wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag.
2, 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes sprang die
Vorstellung über auf den Biss der wüthenden Hunde, hielt aber in beiden
Fällen die Kornähre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht
man im Felde zum ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf
Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und streicht sie
stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden
gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. S. 402. Ein latein.
Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen
also beginnenden Hymnus:
Walburga venit: cedite
vesane grex, molossi!
Cedunt, pavent, obmutuit
os impotens latrandum.
Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass
euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe
Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst.
Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen
Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und
diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem nächsten
Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4,
149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea
canicida, canivora genannt war.
Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um
thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische
Butter auf ein Stück Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm
entzwei, mach ein Löchlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit
Brod zu, schmiere Meyenbutter drüber, lass es aufessen. Dies ist ao.
1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll;
reissen an den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor
ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine
Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen.
Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den
Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermünze) auf Butterbrod,
so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in
Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der
Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, Schnitten mit Butter und Honig
reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon
verabreicht, damit es in keinen bösen Wind komme. Wir werden hievon im
fünften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession
von Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg
gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten
Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen
abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzählen von einem am
Wolfshunger leidenden Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst
eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch.
Sualaveldico in pago
Fuit quaedam faemina,
Quae languore fortissimo
Aegrotare coeperat.
Namque tam intemperata
Edendi ingluvies
Incessit semisanatam,
Ut nulla edulii
Abundantia valeret
A suis saturari,
Exhaustis jam parentibus,
Sed fame accrescente
Anxiata hinc dolore
Hinc pudore maximo.
Tandem divinitus tale
Occurrit consilium.
Rogat suos se deferri
Ad Walpurgae gratiam.
Quo delata, biduanis
Incumbebat precibus,
Quibus exorata virgo
Gradiendi miserae,
Qua privata diu fuit,
Sospitatem reddidit.
Bona quaedam monialis,
Vocato preabytero,
Benedici panem fecit
Redditque famelicae.
Quo gustato nequam illa
Fames voracissima,
Virgine sacra favente,
Coepit se subtrahere,
Sic paulatim decrescendo,
Ut prius accreverat.
Sic crescente fastidio,
Pro mira esurie,
Tandem nil aliud cibi
Praeter solum caseum,
Nihil de potu gustare
Nisi tantum lac poterat.
Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Bändigung der Hundswuth
gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin
misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe.
So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839.
Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss
nothwendig auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie
kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Büschel
in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers
Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre
Dame de trois épis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne
erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen
der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae Geburt
und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142.
"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blüht, so wird
er vor Jacobi nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet
ihren über das sündige Menschengeschlecht erzürnten Sohn, nicht alle
Feldfrucht zumal zerstören zu wollen, sondern doch noch so viel an den
Aehren stehen zu lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein
ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur
Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim elsäss. Stifte Katzenthal
gelegen ist. Ebenso lässt Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer
Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwählt, mitten aus dem Winterschnee
drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der
Hand trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornähre
brachen und vereinigten die römischen Brautpaare und benannten nach
demselben den Eheabschluss stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn,
so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben
Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom
reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, der Frühlings-Genius der
aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen
verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen
Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur
entgehen, wenn man in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem
färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen
Verfolgung ins Fruchtkorn:
Ein Kornfeld liess da Wodans Macht
Geschwind erwachsen in einer Nacht.
In des Ackers Mitte verbarg alsbald
Wodan den Knaben in Aehrengestalt.
Als Aehre ward er mitten ins Feld,
In die Aehren mitten als Korn gestellt:
"Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!"
Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 44) ist die
hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern
und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause
einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den
daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie ein kleines
Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst
auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit
langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig
(golden), in den Händen trägt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles
Zukünftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser
Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch sein
Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag).
Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der
Bauer willfahrt, als die Reiter vorüber brausten. Des andern Morgens
fand er in den heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher wird
die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner,
erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind
in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine
Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe trägt.
Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Städten des bair.
Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen
Volksbelustigung gewesen.
Plätze, Strassen und Häuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den
Festumzug eröffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh
gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe
zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres
Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den
Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt dorten nur
noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum
Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In
Niederösterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht,
sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gärten und trägt die schon
vorhin erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den
Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold
auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern
und Moosfräulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer über sein
Ross legt und die sich Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der
französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich lokalisirt. Um
die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem südfranzös. Dorfe
Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte
ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und
sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen
eines Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt
und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jährlich
im Frühling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in
der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und
Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf
Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte
vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die
vergötterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Frühling umherirrend
sich dem Zephyr ergab und daher die Macht über die Blüthen der Bäume und
Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler Estourgoux,
verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der
Felseinöde des dortigen Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier
aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in
beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit Kreuzen gekrönt sind. Unter
grossem Zudrange des Volkes werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der
Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens
getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das Gewölk vertrieben,
sobald jener Umgang von Mazorit heran zu rücken pflegt. A. SS.
Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart.
Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen einer ursprünglich
edleren Vorstellung von gütig gesinnten und für den Erntewachsthum
bemüht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung,
emsig das Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner Sage
bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Mühle
heimträgt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er
grüsst sie:
Gott vermîr ich iren danz,
Gott vermîr ich iren kranz!
Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des
Mehles ledig wird!
Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von
Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209);
allein damit verbürgt er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach
überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim
Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die
Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da wächst im Korn schwarzer Raden,
am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf,
Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in abergläubischer
Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des
Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als
Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby,
Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen,
geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des
Schutzgeistes reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur
etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder
Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau
bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss,
Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des
Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
_Milchtrut_, anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. Wörtb. 62): so
wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valküre
galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allüberall ihren Schützling
umflog, wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in umgekehrter
Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschrättelein
die Stallrosse und zöpft ihnen Schweif und Mähne, dass sie schwitzen;
denn es ist gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener
himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt,
Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel
noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der
Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen.
Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten;
das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu
Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai
einen reichlich geschmückten Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen,
wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128.
205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt _drei_ Aehren vom
fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune.
Schönwerth 1, 432.
Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis
Eulogienbroden.
Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede
zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich
einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es
war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen
Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor
ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein ähnlicher Brauch war nun auch
dem deutschen Heidenthum geläufig gewesen und dauerte noch lange fort in
dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsächsischer Name
Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für Alle; Gott, auf
dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte
bewahren. Eine natürliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung
derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Dürftigkeit
geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den
Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und
ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit
derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite
Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen
Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. Das Christenthum
vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten der Germanen nicht
abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen:
"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die
angelsächsischen Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass
man diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr einen andern
Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz
mit grünen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches
Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans
Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der
Sättigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten
trat später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den
Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- und Festtagen unter
dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain béni) überreichlich
an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein
durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung
von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem
daselbst erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, Fische,
und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3.
II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getränk
jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils
aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andächtigen
gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre
werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der
hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten
Brode. Hierüber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder
gesungen, von denen ein kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist
diese. Ein blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume sagen:
Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die grüne
Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum
Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, überbrachte dahin die Brode
und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am
Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie
bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg,
untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich
und das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. 300).
Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Hühner. Sie
lassen nicht auf die gewöhnlichen Zinshühner schliessen, von denen in
der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der
Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche
galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und
gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch für heilsame Thiere
gehalten (Schönwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein
und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym.
Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei,
allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des
Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und
Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.
Puella quaedam ab ipsis
Heu caeca cunabulis,
Audita opinione
Virginis eximiae,
Desiderio flagravit
Veniendi maximo.
Quam quidam in visione
Nocturna submonuit,
Oratorium adiret
Tanti desiderii,
Oblatas mundas offerret,
Altari imponeret.
Quas illatas statim binae
Gallinae comederent;
Quibus pastae deservirent
Matris excubiis.
Venit, attulit, imponit,
Preces fudit intimas.
Astant duae moniales
Gallinae videlicet,
Praevisae in visione,
Quae oblatas colligunt,
Et requirunt diligenter
Quae, unde, cur venerit.
Quibus illa dum exponit
Singula veraciter,
Domino propitiante
Et beata Virgine,
Incognitum lumen coeli
Novis hausit oculis.
* * * * *
Dritter Abschnitt.
Walburgistag, des Meien hochgezît.
Der meie der ist rîche,
er füeret sicherlîche
den walt an sîner hende,
der ist nu niuwes loubes vol:
der winter hat ein ende.
Neidhart von Reuenthal (1234).
Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der göttlichen Wesen
unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer
älteren Sprachweise lässt hierüber keinen Zweifel übrig. Die Edda nennt
den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svâsudhr; der Winter
dagegen (Vetr) hat den Vindlôni und Vindsvalr zum Vater, den Windkühl
und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vâsadhr
abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
einem Zweikampfe, und dessen scenische Aufführungen waren ein Brauch,
welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Südbaiern und der
Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort
herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch
des Winters, der es erst auf einen förmlichen Kampf ankommen lässt.
Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lärm
die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt
gewappnet auf den Plan:
sein panzer was ein grüenes graz,
sein koller darauf ein weisser klee,
sein halsperg was veyolvar,
sein bugler wag von rosenbluet.
er füert in seiner hende
ein sper, was michel lanc
vnd was eitel vögelingesang.
A. Keller, Altd. Erzählungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub
gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikönigs geschah auf Walburgis oder
1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In
Dänemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des
Ortes seine Maigräfin, die Majinde, erwählte, indem er seinen
Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thüringen war es der in
Pappellaub eingebundne Graskönig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein
Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet,
der Pfingstkönig auf die Brautwerbung geritten und führte die im Busche
versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern
Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der
Provence Rosenmädchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienröslein. An diesem
letzteren Orte trägt am Walburgistage ein Kind einen bändergeschmückten
Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und
das Gefolge singt vor den Häusern:
Maienröslein, kehr dich dreimal 'rum,
Lass dich beschauen 'rum und 'num.
Maienröslein, komm in grünen Wald hinein,
Wir wollen alle lustig sein;
So fahren wir vom Maien in die Rosen.
Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein,
Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder die Hühner nehme, der
Stock keine Trauben, der Baum keine Nüsse, der Acker keine Frucht mehr
trage; denn das Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen
Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, 56. Fällt der Nachdruck
der scenischen Festaufführung auf das Vertreiben des Winters, so nennt
man dasselbe den Tod austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise,
mit dem Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit
Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der König einen mit Goldpapier
beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm
sein Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Königstochter
werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein
Bündel Lichtspäne (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom
erzürnten Vater niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei
Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die eine angeführt
vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit Handspiessen bewaffnet,
Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der
mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein
Speerstechen, worin der Sommer den Winter überwand und durch Ausspruch
des umstehenden Volkes für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung
des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln
unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der
Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen Birken- und
Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Mühe
zum Grünen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glänzender als
es durch Speerkämpfe errungen wird, schloss das Turnier. So die
Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik
(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt
Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer Mairitt,
welchen die Bürger von Soest im J. 1446 während ihrer Fehde gegen den
Bischof von Köln ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte
in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie
zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo
sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die
Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und Vesten, führten Heerden,
Güterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder
frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden
Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem grünen Maien"
nach Hause. Wie hier der grüne Mai, unter welchem das Kriegsheer
einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste
die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und
Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst.
Diese Kadettenzüge sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und
_Kinderspiel_, pg. 490. Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem
zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der
mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm
die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach
seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft
niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden
sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die
Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart
in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen
Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der
Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen Mädchen in
öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem
Höchstbietenden zugeschlagen. Der Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria
IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen"
ausgeboten und den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile
daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hüter
"Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der
Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz,
das ehmals im ganzen Eifellande üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag.
1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen
unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen gleichfalls ins
Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker,
Hess. Sag. no. 317[2].
Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum
Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis
nachweisen, über deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit
sagen lässt, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts
genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen
einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Würzburg
gethan worden und sah hier das berühmte Maispiel mit an, das die
gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljährlich zu begehen
pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch
verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor.
Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der
ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre
Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem
Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, hielt das
Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im Frühling zu Ehren der
Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt
wurde. Sämmtliche Wittwen unter fünfzig Jahren und alle mannbaren
Mädchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar den Reihen
führte, ergötzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fühlte
sich zu frischem Beginne angespornt. Das Männervolk machte dabei den
Zuschauer. Den Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die
ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die
künftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemüthe,
traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle
bei diesem Feste geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre
Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer
Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwählte, die er noch
nicht näher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er
ein heidnisches Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "_König_" er sich
selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese
Mädchen sich den Titel der "_Königin_" beilegen, wenn eben diejenigen
Männer, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen Scherz nachher
tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis,
die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes
werden wollte: unter Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig
Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann
der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So
weit Herbelo's Nachricht.
Der Ehemann, welcher, hier _König_ genannt wird, ist im heutigen
Frühlingsspiele der Maigraf oder Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut
die Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln
sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Männer ins
Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekränzt, tragen
Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen
Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt
genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht
keineswegs aus nackten, sondern aus entblössten Tänzerinnen, d.i. aus
solchen, die als Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt
haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den Reihen treten,
ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda
lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Mönchsphantasie ein
züchtiger Frühlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der
angebliche Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle,
als eben dieses grausame Missverständniss von Seite des Klerus.
Doch wir kehren zurück zu den ferneren Volksbräuchen der Walburgisfeier.
In derselben Mainacht werden glattgeschälte, schmuckbehangene Bäumchen
auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
das Jahr über klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und
schön bleibt. Man wählt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit
ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Prätorius,
Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum hängt oder vor dem
Kammerfenster des Mädchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
Sinnbildern:
Grüss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,
Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.
Grüss dich Gott durch einen Seidenfaden,
Gott bewahre dich im finstern Gaden.
I lôss sie grüessen durh e höchi Tanne,
die Zît isch cho zum Wîben--und zum Manne,
I lôss sie grüessen durh es Hämpfeli Thau:
i wött, mî Holdi wär mî Frau.
Rosmeri und Zypresse,
ass i de nit vergesse;
Rosmeri und Nägeli drî,
g'hörsch, i möcht gern bî der sî!
bî der sî, wie's Rösli hockt
am-ene einige Stengel:
Der Herr ist schön, sî Frau ist schön
und s' Chind ist wie ne Engel.
Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein dürrer
Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor
das Fenster der Verführten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz,
Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land
noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen
erforscht zur selbigen Nacht das Mädchen ihre Zukunft aus mehrfachen von
Walburg selbst herrührenden Liebesorakeln. Die Heilige trägt eine
aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der österreichische Brauch
des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die
Mädchen, welche Lust haben, ihres Zukünftigen Beschaffenheit
vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen
feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
hinter einem Mariabilde gehangen hat. Während er im Kreise herum durch
die Finger läuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:
Voaten, i ziech di,
Walpurga, i bid di,
zag von main Man
alle Seiten an.
Wie dabei der Faden sich anfühlt, weich und glatt, hart und fest, so
werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfälzer
Bauernmädchen schleudert ungesehen ihren Schuh über den Peuntbaum und
horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herüberschallt;
eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:
Hunderl, ball, ball,
ball über neunmal,
ball über's Land,
wau mein feins Liab wahnd.
Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs
Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des
Liebeszaubers.
Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Mädchen
an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai,
sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der
_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal
24). Eine Waldhöhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger
Mann, Konrad von Heuwa, zerstörte beide von Grund aus und liess an der
Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schöppner, B. Sagb. no. 70.
Dies führt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag,
das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nördlichen
Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner,
vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons
erklärt, dass sich am 14. Febr. die Vögel zu paaren beginnen, und ein
gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Männchen Valentin, das
Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit
dem von Russwurm veröffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in
welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein
nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist
das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder brütenden
Vögel. Alles überschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
und anonyme Liebeserklärungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner
Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000
Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag
12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage
(ausser den vielen bezüglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern)
422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
mehr, als an allen übrigen Tagen des Jahres. Dafür zum Entgelt erhalten
dieses Tages die Briefträger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus
Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch
dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen
und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar
bleibender Treue zu knüpfen. Allbekannt ist das dahin zielende
Liebeslied der Hamletischen Ophelia:
Guten Morgen, es ist St. Valentinstag
so früh vor Sonnenschein,
ich junge Maid am Fensterschlag
will euer Valentin sein.
Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmädchen des
festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages
erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass
er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und
kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Männer oft schon vor
Sonnenaufgang in der Nähe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre
Geliebten vorüber kommen müssen, und diese wiederum gehen bei ihren
Gängen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem
Nichtersehnten aus dem Wege gehen können, oder sitzen mit zugemachten
Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme
desjenigen hören, den sie gern möchten. Suchen wir die Erklärung und den
Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den
vorausgeschilderten Maibräuchen, so finden wir dafür den nordischen
Natur-Mythus von der Brautwerbung der Götter. Das in zwei Hälften
getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich
der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrängen, er ist noch kinderlos. Da
wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), spröde sträubt sie
sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils
gerührt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert,
entflieht Uller-Odhin, gehüllt in Pelze und dahinschreitend auf
Schlittschuhen, in den Hochnorden zurück. Dies der äusserlichste Umriss
der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen
Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzüge der späteren Sagen und
Bräuche finden dabei ihr überraschendes Verständniss. Mit der
aufsteigenden Frühlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest
gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch
Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres grünen und
schimmern dann alle Höhen von den bei der Götterhochzeit abgehaltenen
Festtänzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller
Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage müssten die Hexen den
letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder
ebenso an Mariae Lichtmess müssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen,
damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
wachse wie die Sprünge der Tänzer sind. Ob dabei das Fest auf 14.
Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst
auf Pfingsten angesetzt wird, verschlägt nichts und ist eine blosse
Folge späterer Zeiteintheilung. In den Volksbräuchen ist noch vielfach
die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da
der 12. Mai als der frühere erste begangen und der Tag Pancratius hat
übernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein säen und
dabei recht lange Schritte machen (Thüringen, Hessen); oder die älteste
Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess
(Meklenburg) rückwärts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss
einige Stücke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark);
oder man steckt beim Säen die Harke oder grosse Hollunderzweige
senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thüringen)--alles, damit der Flachs
gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S.
184. Hauptgehalt aller dieser Bräuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr
der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen
Liebesbündnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das
Kindermärchen vom Dornröschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn
die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, träumerisch nickende
Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Nährkraft. Sigfried, von dem
gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den
Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des
Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen
sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefällt hat. Dies heisst in
der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt
der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte
den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen,
worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth füllt, dem Befreier
überreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-,
Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
andere als dich will ich zum Weibe haben!
Wohin aber in diesem sagenhaften Göttergewimmel mit Walburgis? Auch sie,
obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige
geworden ist, war einst eine Schönheitsgöttin gewiesen, von welcher das
Glück der ehelichen Liebe und das Gedeihen der ländlichen Arbeiten
ausgieng. Von ihrer Frauenschönheit berichtet noch eine oberpfälzische
Sage (Schönwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich
trägt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester
gegenseitig in Religionsdisputationen über die Vorzüge ihrer Himmel und
Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide
Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen
liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe
(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schöner sei, die Heidengöttin
Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine
Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklärt aber auf dessen
Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er
möge sie nur bei der nächsten Ausfahrt begleiten und sich selber
überzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen
Wagen und fährt durch die Lüfte, bis man Glocken läuten hört. Da senkt
sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer
zahllosen Menge angefüllten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter
Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schönheit. Doch
dem Priester schien sie zu üppig und verführerisch, er sprang auf den
Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter
die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da
erloschen mit einem mal sämmtliche Lichter, dichte Finsterniss und
Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es
gegen Tag gieng, befand er sich im Gemäuer eines Galgens.--Wir werden
dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der
Kirche selbst angeben hören; denn allerdings sind schon die bisher von
ihr gemeldeten Züge unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der
Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre nächtlichen
Höhenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne
Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
Marterwerkzeuges trägt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald.
Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und trägt
eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes
Abbild ist Pindars "röthlichfüssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
römische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
Gerstensaat.
* * * * *
FUSSNOTEN:
[2] Der immer gleichlautende Auskündungsspruch:
Heut zum Lehen,
Morgen zur Ehe,
Ueber ein Jahr zu einem Paar--
steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.
* * * * *
Vierter Abschnitt.
Maiengeding und Walbernzins.
Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach späterer
christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten
Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung
bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, sondern auch
über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, somit über Krieg und Frieden,
und ihre Aussprüche waren die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie
unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und Parlamenten
anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil der Tag sich aus der
Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften (Weihnachten bis
Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
Klöpfleinsnächte und Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und
Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den heidnischen
Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In gleicher Analogie spricht man
von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewährten
Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch
noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
dem Wintergerichte zusammen, erst später auch mit dem Herbstgerichte zu
Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch.
Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding
da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
Walburgis auch später in den Städten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Räth zusammen schwerend",
heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
Gesellsch. Die Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der täglichen
Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt überkompt, dass
einer ein aug domit bedecken müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
geendet, die für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft
nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den späteren
Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
beköstigen, den Schöffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
in den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und
Bünzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
jährlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage für den Lehensherrn
beliefen, zeigt folgendes Aktenstück.
Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--für Höuw vnd Haber über Nacht
1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt an einem
Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren die Bräuche, unter
denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu überbringen hatten.
Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knütl
alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
alter hessischer Münze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
überbrachte, hiess das Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh
Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er sich, so verdoppelte
sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend hätte ihn die ganze
Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
Walpertsmännchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit
nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslänglich zu
verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
abzutragen verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann auf einen breiten Stein
unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
spät einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
Aber auch dabei kamen dem Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
erhielt, welches mit der Zeit für ganze Gemeinden zu nicht
unbeträchtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Bräuche
und Sagen.
Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jährlich
an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
welcher dem Churfürsten von Mainz zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen.
Gleichzeitig kam dann sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt
in dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei Musik, Tanz und
Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
hammerführenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren.
Mit Eichlaub bekränzt singt der heimkehrende Zug:
Willst du mit nach Walpern gehn,
Willst du mit, so komm!
Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
Schusterzunft den grünen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
bekränzt nebst ihren Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für die
Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die übrigen
hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstörten, von
dem aus die Orte des Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei
Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, pflegte man
sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es sollen die zwei
Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
Kostbarkeiten behängt die Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens
anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
angeblichen Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die
Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die städtischen
Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
nichts, was dieser Geschichte einer zerstörten Raubburg aufhelfen
könnte, wohl aber dass der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg.
Schwörtages ist, an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer
Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestätigte
ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem
Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht aus dem Filz,
den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
gelungenen Kriegszuge der Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss,
oder einer militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses örtliche Holzrechte
verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich für die Nutzung
überlassener Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
der Frau "den kühlen Mai".
Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, 37) an den
Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich fällt,
dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu füllen vermag, so ist
auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die
Wunderkräftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim
Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann
gemeindeweise zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition
entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhängigkeit
der Landschaft durch einen glücklichen Waffenstreich errungen worden
sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und
die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
"Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der
Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen
zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn,
das sie nicht länger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das
älteste und festete Gebäu im Ditmarschenlande war die Grafenburg
Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr älterer Name war Walburg, sagt
Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in
unmittelbarer Nähe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch
die aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. Müllenhoff, Glossar zum
Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast
geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen,
wofür der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt der Tafelmusik
musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlärmen. Solcher
Wohlstand reizte die habsüchtige Gräfin Walburg und sie beredete ihren
Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren
nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten denn die Bauern eine
lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine
schöne Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Säcken des
zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor
erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort:
Rühret die Hände, Zerschneidet die Gebände!
Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, zuckten die
Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach
entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen
und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die
Gräfin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat
mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit
gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine
Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das
dorten ein Bauer aus dem Boden gepflügt und daheim aufbewahrt hatte,
entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es
heilkräftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter
sterken.
So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur
Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugräfin und Burgfrau,
mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhört und die politische
Selbständigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und
die hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich an einem
oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden
Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den
Broken. _Dreimal_ des Jahres müssen die Hexen ihre drei hohen
Tagsatzungen abhalten, sagt Prätorius Blockesberg (1668) 499, und
zergrübelt sich über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so
sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige
dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit
ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren.
Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der
Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut fällt, theilt W.
Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens
Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss.
Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig
liegt, hatte der böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber und Töchter
entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des
Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu
geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemäss ein grosses Feuer
auf dem Berge angezündet und der übliche Reigentanz um das Feuer
gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe plötzlich zu
überfallen. König Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnügen
zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie
hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig
seinen Namen erhalten haben.
Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen
Bräutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits
ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden können, wird der winterliche
Tyrann, König Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt.
* * * * *
Fünfter Abschnitt.
Der Mythus vom Maienthau.
Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische Kirche täglich
die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trägt von der Stelle Jesaia's
45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel,
den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden
Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn
erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von
der ersteren ist hier die Rede.
Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette
und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein
reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf
eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im
Heumonat darauf noch soviel Futter wächst, er traut demselben keine
Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz
und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als
mit einem doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht.
Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom
Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl.
Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten die Festfeuer
zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen
reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat über keinen mehr.
Maienthau macht grüne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer
Progression also: Thaut es im Mai fünfmal, so erwartet man eine
Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts
eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als König
Gustav III. von Schweden einem ostgothländer Bauern, der ihm vorgestellt
wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn über dessen muthmasslichen
Werth befragte, meinte der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel,
wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. Daher trägt die
hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher
trägt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den
Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3,
no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der
Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der Prinzessin
Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag.
no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse
Krüge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedürfniss damit behelfen
können." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem
einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich hineinschaut.
Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre
Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von
Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und
piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert.
das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in
sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts Vierzeilen:
Die Rose stand in Thau,
Es waren Perlen grau;
Als Sonne sie beschienen,
Da wurden sie Rubinen.
Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen
die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S.
319-330):
uon dem leime gab er ime daz fleisch,
der tow becechenit den sweihc.
übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein,
dass es soll blühen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes flüchten
beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir,
Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch,
kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es;
wenn man einen Baum im Maienthau schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter,
der die drei letzten Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des
Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang des
Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er
liess hierauf die Bäume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand.
Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen für die Menschen
rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in
Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem
firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
grôz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch
niemer her ab, wan daz, sûmeliche maister wèn, daz daz tov daruz werde.
Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwünschter, wie hier hernach noch
des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der
Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse
weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen
erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, wächst kein
Gras; daher in G. Bürgers Romanze:
Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,
Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras,
Das wird von Thau und von Regen nicht nass.
Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz
(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der
Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen.
Panzer, BS. 2, pg. 54.
Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des Liebreizes und der
Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:
Wenns thaut, wirds grön,
werden alle Jungfern schön.
Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der
Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau
neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und
frischgrünende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera
umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in
seinem Trojan. Krieg--verjüngt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien
gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):
Es giengen drei heilige Frawen
zu Morgens in dem Tawe.
So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger Christian von Hameln dem
bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten
Fuss darauf:
Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen
ein wîp, nâch der mîn herze stê;
sô wünsche ich, daz si mit blôzen füezen
noch hiure müeze ûf iu gê.
Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene
kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr
genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den
man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster
setzt, muss nebst Aepfeln und Bändern stets mit einer vollen
Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen
der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen
einen heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156.
Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, Parasol und
Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das
milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde
Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem
den Durst. Schönwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu
Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter sammelt und sie in
Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr
frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit
Wein gefüllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter jahrelang frisch und
schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.)
Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das
keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd
bayz (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt
Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich
denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den
taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit
genaden auf vns reüdige menschen!
Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer
Höhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus
erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand
mit diesen Erdmännlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch
stellte man ihnen jedes Frühjahr einen Krug Maienthau an einen
bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie
badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den Bauern Honigthau,
worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die
Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hängt ihre Höhle voll
milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich
zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das Volk die
Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes
wälzt: se rouler ce jour-là le matin dans la rosée, ou se baigner dans
une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore,
Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl.
no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten
berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund
sein soll, wenn sie sich früh nacket drein wälzen. Die Medici nennen
solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Isländer und
Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu
heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Engländer setzten eine
Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich
mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas.
Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend:
Das hilft für's Gah,
für's Bläh,
für'n U'flat.
Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die
Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2,
30. "Morgenthau ist gut für abgehauene Füsse, gut für abgehauene Arme,
für ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen,
bestreichen den Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
"Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblättern
liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem von der Stiefmutter geblendeten
Mädchen. Haltrich, Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt ein
Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht
seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107.
Dies ist der im böhmischen Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen
Geblendeten verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein
des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen
Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3,
pars 2, pag. 305.
Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den näher rückenden Mai
zu vertrösten als auf die Zeit ihrer gänzlichen Herstellung.
Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die
besonderen Mittel gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben.
Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit
heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzündung blickt man
eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte
Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der
Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh
und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins
Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetränkten
Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsäss. Sundgau, eine halbe
Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen
Walburgiskapelle ein kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und
Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Mütter mit ihren siechen
Kindern hieher, um sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an
Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob
(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die
allgemeine Sitte ausführlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die
Bresthaften, die ihre Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai
daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn
sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein
Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade
abzubilden, oder ein mit fröhlichen Leuten unter Trommel- und
Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
Gesellen.--König Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im
Städtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine
Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am
linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings
erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die
Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften
enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten
Tochter, so erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den
grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen
Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene
allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich
z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:
die Teutschen wurden wohlgemut,
sie giengen in der ketzer plut,
als wer's ain mayentawe.
Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".
Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als bürgerlicher
Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der
Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und
besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:
Heiliwog, Gottesgob,
Glück ins Hus, Unglück drus!
Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch,
nach Panzers BS. 2, 301:
O du guter Walbernthau,
Bringe mir, so weit ich schau,
In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein Schmalz!
Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Mädchen, das
sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Bächlein gejagt und
da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade
darf die Kübelmarie, "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den
Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen heimkehrt, wird in der
Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schüssel Wasser
begossen. Schönwerth 1, 400. Zu Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der
Dorfhirte alle übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg,
Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig
mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und
Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewölbes, durch das die
hölzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten,
angezündetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen.
Wiedemanns Chronik d. St. Hof.
Diese Züge führen über zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury
(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie
zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als
Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512)
nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem
öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh.
fällt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu
Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmückung des
Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse für den
Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch
aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte
Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den Chorsängern
preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233.
Vielleicht, dass man diesen welschen Mönchsbrauch aus dem altrömischen
Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den
Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des Tiber zog
und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So manchen Schluck da der
Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele
Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Römerthum unberührt
gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die
Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den
Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die
Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr
und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen
Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedrängnissen einer langen
Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen
Landschaften kennen ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich
auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst
der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders
gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen
pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies
als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die
Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem
Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere
Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau,
trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer
Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so trugen
sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen als Trinkgefässe
dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum
Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte,
macht alljährlich die Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und
geniesst daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten
Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu
holländisch Gröningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der
Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder
Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im
Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der
über eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette nicht
sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in
sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim
Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Mädchen die Symbole der
künftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und
Eier und Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben
Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte
Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie
beide und die vorhin genannten Maigetränke zielen, sagen uns einige im
Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt
in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem
Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser
Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen
bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu
dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den
Verjüngungstrank. Bei thüringisch Arnstadt liegt der kräuterreiche
Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster
getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und
Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn
dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin gebannt. Sie
heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht umgeht sie jene Buche und
ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die
öl-und älschenkende Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet;
noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier abgehaltene
Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch,
Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdrücklich erzählt die
Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter
an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise
darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes
Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und kann weder wieder zum
Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden.
Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich über
jenen Verlust besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in
Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier als ein
neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder
Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen Stadt Eltmann, er war
von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen
werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten
lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime
Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und
Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der Erenbürg, eines hohen
sattelförmigen Berges beim oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das
urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger
Königshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen
abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch
berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier war das Schloss
von drei schönen Fräulein, die beim Trocknen die Wäsche nur in die Luft
warfen, so blieb sie hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel
steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor
Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht über die
blüthenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen für
unerschöpfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der
duftenden Bratwürste. So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch
1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:
Gott geb dir des Himmels Thau
Und die Fettigkeit der Au
Und die Fülle der Halmen
Und den Most der Palmen.
Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden
Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die darauf gegründeten
örtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen
geschmückt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um
den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung,
der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und
vervollständigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur,
sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.
Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen
der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges
vorgenommen. Die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt,
ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag über auf
Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische
Gedächtnisschärfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen
Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein
stossen) vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig bedarf
es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen
verknallt und welches Weinquantum vom Männerdurst weggetrunken wird, um
dann nach lustigem Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen,
dessen würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die städtischen
Bürgerschaften pflügten ebenso unter grossem militärischen Aufwande ihr
Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen
Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen.
Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die
Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai
fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den
verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien
abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser
und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem
Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln
und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:
Deine milde Hand giebt Segen,
Giebt uns Sonnenschein und Regen.
So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde
abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In
Tirol glaubt man, diese Prozession sei älter als das Christenthum
selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle,
Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen
Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg,
Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur
Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren unter
dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen
Bevölkerung an der Elbe üblich und durch ein besonderes Volksgelübde
daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei
halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer
Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.
Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt;
schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil.
Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis,
als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die
Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromünster wird bereits in der
Urkunde von 1223 erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der
Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde
abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse
herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Städtlein weg auf aargauisches
Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute
haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul
stösst. Diese und ähnliche berittene Prozessionen sind bereits
ausführlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur
das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der
Blutritt in Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat
man dabei schon über siebentausend Reiter gezählt. Franz Sauter, Kloster
Weingarten 1857, 35. In den oberschwäbischen Dörfern findet der
Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang
wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt am
Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht unbesucht. Birlinger,
Schwäb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai
veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fällt
derjenige zu Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover
bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhängtem
Zügel quer über die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte
eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem
Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no.
345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem
Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche geführt,
da mit einem Rosenkranz geschmückt und feierlich wieder hinaus geleitet.
Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Königsreiten in österreich.
Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der
Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten
nach einem geschmückten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln
reiten" herabgesunken. Sommer, Thüring. Saga S. 154. Unsre
rechtgläubigen Bauern, bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der
Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am
Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider
anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt
Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De
moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio
Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland
betrifft; hier ist der würzburgische Pfingstritt also beschrieben:
Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos
habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri
sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab
omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich zweimal, am 10.
Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das südfranzösische Dorf
Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trägt deren
Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld
heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf
welchem das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem
angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andächtigen, die oft
bis auf Fünftausend anwächst, nicht zu fassen vermag und folglich da und
dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon
ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden,
sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit
eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem
Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthümer hier der Prozession den
Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und
die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II,
ad diem 10. Maii.
Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu
umreiten und zu durchreiten, stützen sich auf heidnischen und auf
alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Göttern
selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du krönest
das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess
eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persönlich
beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfähig macht, weshalb das
Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9
jene Worte nachdrücklich wiederholt:
Umkrön das Jahr mit deiner Hand,
Mit deinen Fussstapfen düng das Land.
Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von
besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf
den Bergwiesen striemenweise fetter und üppiger wachsenden Grase sagt
der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der
Alpgeist mit schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag.
no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden
Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grüne Frucht
hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornähren. Wolf, Hess. Sag.
no. 31. 56. Von den über die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden
Hufen des Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese
haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen
Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird er sich weniger lagern
und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz
nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in
den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der Kornähren vom
Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blüthen ausschüttelt
und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der
Unregelmässigkeit der Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele
Hülsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun seit
alter Zeit folgende Methode zur künstlichen Unterstützung der
Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei
Männer ein Seil über der Höhe des blühenden Getreides hin und streifen
damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die übrigen aber gegen
das Sichlagern gestärkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen
gleichförmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die
aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergöttert, in
Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene übertragen worden.
Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen
acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes),
der den gedeihlichen Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein
Genius mit heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande
einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend
und neben reifenden Früchten eine Kornähre. Droben auf der Akropolis
stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende)
führte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand
trug (Welcker, Griech. Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie
nach demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros
(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den
Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und
Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau
steuern und waren der Athene gewidmet.
Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe
unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben.
Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns Vermuthung (Weber,
Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha Milch, ableitend, von duh, ziehen,
ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens
und Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton
heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und Bräuche in der
Annahme überein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hängenden
Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes
Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene
Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel
zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas.
Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender
besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide
mit subtilen Tüchern aufzufangen und diese in Gefässe auszuwinden habe,
denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prätorius, Blockesberg S.
559. Grohmann, Böhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun
verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht
seine Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus
und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drückte er die
thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, indem er dabei mit den vier
Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den
Thieren unter die Tränke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es
ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte,
abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen,
indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf
feierlich abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den Preisnamen
Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch,
weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit
dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck
beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso
gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische
Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen
denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die
Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld,
um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tüchern ihn
aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden
Weidekuh für sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten
Bischöfe erklärten eine letztjährige Hungersnoth daraus, dass der Teufel
den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren
ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida
fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich
lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils
zu bedienen suchen und darüber kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge
im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar
machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick
oder eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. Damit
fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und
konnten tüchtig durchgeprügelt werden. Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um
sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man
ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch
einander geschüttelt liegen, lässt sie vom Nachtthau benetzt werden und
füttert damit sämmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab.
Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9.
Da auf ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt wird, so ist
das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht
stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene
_Ankenbrüt_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon
zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt Jac. Sprenger im
Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem
Maitag empfanden mehrere zusammen über Feld Spazierende grosse Lust,
frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufällig an einem Flusse.
Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein
wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf,
rührte mit den Händen rückwärts und es dauerte nicht lange, so brachte
er eine förmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai
machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich
schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am
Maitag Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in
seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in
seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei
Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum
habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus.
Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage
seinen Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. Was er nicht
weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen
Algen in Tellergrösse, die man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt,
heissen daher Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon
dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen
können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen,
sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf
die Blumen fällt;" und daher erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die
Bauern hätten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen,
ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai
giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns
zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:
Mengmol e Hämpfeli Bluememehl,
Mengmol e Tröpfli Morgethau.
Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie
darum auch so süssschmeckend; denn, sagt Hebel:
Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme Rosinli.
Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth.
Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Körbchen mit
Pflanzen, in der andern einen Strauss trägt. Im Frühlinge trägt das Volk
Honig in die Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht:
Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! Grohmann, Böhm.
Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzählt, wie
der ertrunkene Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht
wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es
möchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem
Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt
von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die
Sprache kehrt auf seine Zunge zurück.
Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit
berührt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten
Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung
gebracht werden kann.
Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des
Lebens und heilt damit den alten kranken König (Grimm KM. 3, S. 178), so
taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben
Bouteillen, beschmiert sich damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn,
Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und
silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der
Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nächtlicher Weile
vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstörten
Nonnenkloster Erlesberg hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn,
aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst
das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknüpft
(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss
und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat
und Gras aus dem Boden gezündet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang
der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt
sich ins Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das Hexenbrennen, und aus
dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen
und Schürgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand
einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst
Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das
Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang begangen wurde,
wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und läutete, "_damit
das Gras wächst_" (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol.
Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im tiroler Innthale
umgeht am Jörgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit
Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten
Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau
tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer
Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit alle sittlichen
Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle
der rossetummelnden Saatenreiter die hässliche Bocksreiterei und der
teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse
die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. Gymnas. Ztschr.
1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs einen Segensspruch
veröffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der
Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu
verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Pülewesen
osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach
Weinholds Schles. Wörtb. 1855, 10). Mit Heilöl salbt die
Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem
Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze
ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer
Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen Hexenöl, und wenn sie
darüber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür
den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs
Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott,
ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie die vollen Garben in
der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den
Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser
mangelt, die neubelaubten Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen
an Eschen und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des
Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass
es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der jungfräulichen Walküren glich;
statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in
den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens
abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von
unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. Statt die
Häuser mit Maien zu schmücken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden
so viele Ruthen auf den Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die
Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die
Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die Milchkühe
ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein förmliches
Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen
werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen,
Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das
Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
Hinausblitzen in Deutschböhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem
tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle
gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann
hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des
Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles
Natürlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des
ursprünglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige
Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert
vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen
diese doch immer noch schöne Jungfrauen, die mit brennenden
Wachslichtern in den Ställen die Thiere besorgen, dass des Morgens
Wachstropfen in den Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter
schattigen Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem
Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke
jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Königin
Habundia, unsre deutsche Göttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es
dem Hause Glück und Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie
nun feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch schöne Holda, dann
eine triefäugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren
Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim,
die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim
Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf,
Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung
ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen
Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die
Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2,
265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Götter durch die
Kirche genugsam durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit
ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun
die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und sind damit am
Schlusse.
* * * * *
Sechster Abschnitt.
Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung.
Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen
und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem
Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in
ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte.
Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der
niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen
zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine
gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die
Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und
nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei
nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits
im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener
westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen.
Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands
alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten
Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass
man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein
Heidentempel der _Göttin_ Walburg gewesen, und dass man in der
Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt,
wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl.
Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr
hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil
unterstützt; die zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern
und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe
Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt
gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer
Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen
haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so
mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst
ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon
im Harz wird _Wilibald_ ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um
Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber
vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst
sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre
Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres
Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber.
Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau,
menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire,
sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von
Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein
Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den
Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun
Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat
sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1,
lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein
deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem
Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes
Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen Umrissen zu erkennen, in
seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar,
hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus
einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt
Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens
überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür
spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt
auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die
Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver
tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon
berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin.
Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und
selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt
Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr
zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres
dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist
solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye
erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung
begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon
vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt
habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe
abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde
schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens
allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen,
norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da
sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen
Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit
doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen.
Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco,
der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die
Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und
das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie
priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen
Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er
werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe
den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt
ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch
Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der
altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es
ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als
dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder
findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am
Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim
findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des
dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die
Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines
Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten
Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus
einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide
Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im
vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der
Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah
und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter
Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung
des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857,
S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein,
Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209,
entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung
des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit
ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass
schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen
nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341
sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu
glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als
eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass
Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser
Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass
dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem
uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger
Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und
kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder
moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen."
Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer
Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende
Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten.
Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte
Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61:
Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal
II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen
Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet);
adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda
in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass
solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend,
vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De
divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties
de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus.
Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die
Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in
bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck;
dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern
von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher
Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung
gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische
breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das
stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den
oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt,
beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen
Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das
obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten
Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige
der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein.
Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter
Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des
Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des
OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland
Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete
Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam,
dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander
spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel,
varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin
beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch
wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter
und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben
darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein
des Naturmenschen noch gänzlich schlummert.
Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit
den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher
vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes
Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die
Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier
den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der
Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des
Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem
Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen
Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen.
Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns
sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die
Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau
Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf
den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch
Gewährende.
Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des
Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende);
diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also
durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe
dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen
Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried
entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum
regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage
bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i.
dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt
wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also
nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den
jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist
Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst
Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der
Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der
angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.
Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische
Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die
leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu
Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden
(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes
wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die
sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt,
die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal
Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach
der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es
Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel
niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt,
Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer
Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren
Zaubergesängen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag.
Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im
Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie
selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich
verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss,
oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar
in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird
eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III,
516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg
verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die
Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen
Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie
z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga
(Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden
hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre
und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke
erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der
Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der
Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in
schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht.
Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das
Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine
der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich
besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig
starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen
Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz
der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem
hervorragenden Berge des dortigen Südlandes. Vala wird dorten die böse
Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag.
107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu
ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen
diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den
Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in
der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde
Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere
zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen
Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen
Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird
darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen
grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau
Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie
ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild
umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger
Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure
Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute
nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht
sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland
erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem
letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf
den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr
ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon
ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen,
sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die
Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole
das Garn."--
Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am
Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel
erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182);
als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede
von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der
schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im
Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
Wunschkinder herauszuschöpfen.
In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen,
117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die
Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist
Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel
das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und
Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und
Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle
und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418
heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Müllenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der
bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles
Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit
diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen.
Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren
oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen
lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis
dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses
Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter
genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen
Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich
fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei
welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese
heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald,
und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg.
74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und
Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder
Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte
Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936);
die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere
Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des
Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne
des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und
Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre
Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel
Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth
führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein
Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb.
3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen
Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der
grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der
Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie
Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen:
der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem
Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn
geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den
Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in
der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in
den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der
Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte
(âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So
braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler,
Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger
(Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit
dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten
somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der
Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten
haben.
Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier
abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
Auf den Wald und auf die Wiese,
Mit dem ersten Morgengrau,
Träuft ein Quell vom Paradiese,
Leiser frischer Maienthau.
Wenn den Thau die Muschel trinket,
Wird in ihr ein Perlenstrauss;
Wenn er in den Eichstamm sinket,
Werden Honigbienen draus.
Mit dem Thau der Maienglocken
Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,
Badet sie die goldnen Locken
Und sie glänzt vor Himmelslicht.
Selbst ein Auge rothgeweinet
Labt sich mit den Tropfen gern,
Bis ihm freundlich nieder scheinet
Thaugetränkt der Abendstern.
* * * * *
II.
Verena mit dem Kamme,
die Kindsmutter.
* * * * *
Erster Abschnitt.
Verena, eine Gauheilige.
Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres
durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und
Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.
Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der
Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch
eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang
mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die
Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in
die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter
ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen
römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann
nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt,
schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer
verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade
entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die
ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu
Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn;
Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser
Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet,
entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.
Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts,
begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte
hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen
nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener
Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode
der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die
Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren
Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre
verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen,
jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von
lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger
Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz;
begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre
bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters
Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des
Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen
überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und
Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung
im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben
will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur
Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie
trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den
Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und
setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward
erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben
und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der
Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das
Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit
naiver Zweifellosigkeit angesetzt.
Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die
geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen,
denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf
und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der
dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu
entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende
mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der
romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in
römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen
denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen
war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer
schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg,
Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine
solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der
Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die
deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend
oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften
Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind
Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch.
Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken
noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu
den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen
wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche
nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige
nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen
Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die
ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth
des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche
Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des
Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in
Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am
1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese
feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste
bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch
in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind
Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen,
Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch
Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter
Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken
Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit
einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst
der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den
Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für
die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält
Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des
Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert
von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese
Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät
in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von
Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit
der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht
verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer
Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige
nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich
anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel
versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den
Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm
jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag
voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.
Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken
konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das
Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher
Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr
600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung
über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den
wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den
Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer.
Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster
Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig
von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation
zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche;
nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil
im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak.
Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es
sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der
Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit
Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur
gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St.
Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach;
ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur
gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem
kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft
Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die
beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil
des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und
Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium
noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion
Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler,
Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in
denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum
Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum:
zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu
thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57),
Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182),
Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelege
Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/12012