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Meyers Konversationslexikon Band 15

by Various · German · Gutenberg #10223 · 7,089,796 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Meyers Konversationslexikon Band 15
    
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Title: Meyers Konversationslexikon Band 15

Author: Various


        
Release date: November 1, 2003 [eBook #10223]
                Most recently updated: October 28, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEYERS KONVERSATIONSLEXIKON BAND 15 ***
Dies ist ein Zwischenstand (Oktober 2003) der Digitalisierung von
"Meyers Konversationslexikon" (4. Aufl., 1888-1890).  Die
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Karl Eichwalder                                         Oktober 2003



S.

Das im laufenden Alphabet nicht Verzeichnete ist im Register des
Schlußbandes aufzusuchen.

Sodbrennen (Magenbrennen, Pyrosis), Symptom des
chronischen Magenkatarrhs, besteht in einem brennenden Gefühl
im Schlund und Rachen; es beruht darauf, daß die sauren und
scharfen Flüssigkeiten und Gase, welche sich infolge des
chronischen Magenkatarrhs und der dabei stattfindenden abnormen
Verdauungsvorgänge im Magen bilden, durch Aufstoßen in
den Schlund, ja selbst bis in den Mund gelangen und auf die
Schleimhaut dieser Teile einen scharfen Reiz ausüben. Das S.
verschwindet mit dem Magenkatarrh. Zur augenblicklichen Milderung
eignet sich am meisten doppeltkohlensaures Natron, welches die
überschüssige Säure neutralisiert.

Soddoma (eigentlich Giovannantonio Bazzi), ital. Maler,
geb. 1477 zu Vercelli in Savoyen, bildete sich seit 1498 nach
Leonardo da Vinci in Mailand und kam 1501 nach Siena, wo er
verschiedene Fresken und Tafelbilder ausführte; 1505 malte er
einen großen Freskencyklus aus dem Leben des heil. Benedikt
für das Kloster Montoliveto und um dieselbe Zeit die
Kreuzabnahme, jetzt im Museum von Siena. 1507-1509 war er in Rom,
wo er im Vatikan malte; dann ging er wieder nach Siena, kehrte aber
1514 nach Rom zurück, wo er in der Villa Farnesina seine
berühmtesten Fresken malte, Alexander vor der Familie des
Dareios und seine Vermählung mit Roxane, ein Bild, das durch
Liebenswürdigkeit der Erfindung und Zartheit des Ausdrucks
bezaubert. Damals erhob ihn Leo X. für ein Bild der
Römerin Lucrezia in den Ritterstand. Im J. 1515 kam er nach
Siena zurück, wo er 1518 vier Fresken aus der Geschichte der
Maria im Oratorium von San Bernardino malte. Zwischen 1518 und 1525
scheint er sich in Oberitalien aufgehalten zu haben, wo er mehr von
der lombardischen Schule beeinflußt wurde. Von 1525 bis 1537
war er wieder in Siena ansässig, wo er seit 1525 die Fresken
aus dem Leben der heil. Katharina in der Kapelle der Heiligen in
der Kirche San Domenico, ein durch Tiefe und Wahrheit der
Empfindung ausgezeichnetes Hauptwerk des Künstlers, und
später mehrere Heiligengestalten, die Auferstehung Christi u.
a. im Stadthaus malte. Im J. 1542 war er zu Pisa thätig. Er
starb 15. Febr. 1549 in Siena. B. war ein Lebemann, dessen
exzentrisches Wesen (daher der Name S.) ihn nicht zu einem
sorgsamen Naturstudium und zu einer fleißigen
Durchführung seiner Bilder kommen ließ. Von seinen
Tafelbildern sind noch die heilige Familie mit Calixtus (im
Stadthaus zu Siena), die Anbetung der Könige (in Sant'
Agostino daselbst) sowie eine Prozessionsfahne mit der Madonna und
dem heil. Sebastian (in den Uffizien zu Florenz) hervorzuheben.
Vgl. Jansen, Leben und Werke des Malers G. Bazzi (Stuttg.
1870).

Soden, 1) Dorf und Badeort im preuß.
Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Höchst, am Fuß des
Taunus und an der Linie Höchst-S. der Preußischen
Staatsbahn, 142 m ü. M., hat schöne Parkanlagen, einen
Kursaal, ein Badehaus, eine neue Trinkhalle und (1885) 1517 meist
evang. Einwohner. Die dortigen Heilquellen, 24 an der Zahl, sind
eisenhaltige Säuerlinge von 11-29,5° C. und werden
namentlich gegen chronisch-entzündliche Krankheiten der
Respirationsorgane, Skrofulose etc., die stärkern gegen
chronische Magenkatarrhe, Dyspepsie, Hämorrhoiden,
Menstruationsstörungen, Rheumatismus, Gicht etc. angewandt.
Besonders wichtig für Badezwecke ist der Solsprudel, dessen
stark gashaltiges Kochsalzwasser (1,5 Proz.) eine natürliche
Wärme von 31° C. besitzt. Die Zahl der Kurgäste
betrug 1885: 2132. S. war früher unmittelbares Reichsdorf.
Vgl. Thilenius, S. am Taunus, mit vergleichender Rücksicht auf
Ems, Kissingen etc. (2. Aufl., Frankf. 1874); Köhler, S. am
Taunus (2. Aufl., das. 1873); Haupt, S. am Taunus (2. Aufl.,
Würzb. 1883). -

2) Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis
Schlüchtern, zwischen Salza und Kinzig, 1 km von Station
Salmünster der Linie Hanau-Bebra-Göttingen der
Preußischen Staatsbahn, hat eine kath. Kirche, ein
Schloß, eine Sägemühle und
Parkettfußbodenfabrik, Schuhmacherei und (1885) 883 fast nur
kath. Einwohner. Die dortigen vier jod- und bromhaltigen Solquellen
von 12,5-13° C. werden vorzugsweise bei Skrofulose,
Unterleibsstockungen, chronischen
Gebärmutterentzündungen, alten Exsudaten etc. benutzt.
1885 ward dort auch ein an Kohlensäure reicher Säuerling
entdeckt und gefaßt. Dabei auf einer Anhöhe die
malerisch gelegenen Ruinen der Burg Stolzenberg. -

3) (Sooden) Flecken im preuß. Regierungsbezirk Kassel,
Kreis Witzenhausen, an der Werra und der Linie
Frankfurt-Bebra-Göttingen der Preußischen Staatsbahn,
der Stadt Allendorf (s. d.) gegenüber, hat eine evang. Kirche,
ein Salzwerk (schon 973 genannt) mit

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

1

2

Soden - Sofala.

Solbad, eine Kinderheilanstalt und (1885) 758 evang. Einw. Vgl.
Sippell, S. an der Werra (Soden 1886).

Soden, Friedrich Julius Heinrich, Graf von,
Schriftsteller, geb. 4. Dez. 1754 zu Ansbach aus freiherrlichem
Geschlecht, wurde fürstlich branden-burgischer Regierungsrat,
später Geheimrat und preußischer Gesandter beim
fränkischen Kreis zu Nürnberg und 1790 in den
Reichsgrafenstand erhoben. Seit 1796 privatisierend, lebte er auf
seinem Gut Sassenfahrt am Main, führte 1804-10 die Leitung des
Bamberg-Würzburger Theaters, zog dann nach Erlangen und starb
13. Juli 1831 in Nürnberg. Als Schriftsteller hat er sich
durch Erzählungen (z. B. "Franz von Sickingen", 1808) und eine
beträchtliche Reihe dramatischer Arbeiten bekannt gemacht, von
welch letztern "Inez de Castro" (1784), "Anna Boley" (1794),
"Doktor Faust, ein Volksschauspiel" (1797), und "Virginia" (1805)
erwähnt seien. S. war auch als Übersetzer (Lope de Vega,
Cervantes) sowie als staatswissenschaftlicher Schriftsteller
thätig.

Söderhamn, Stadt im schwed. Län Gefleborg,
unweit des Bottnischen Meerbusens, an der Eisenbahn
Kilafors-Stugsund, hat lebhaften Handel mit Holz und Eisen und
(1885) 9044 Einw. S. ist Sitz eines deutschen Konsuls.

Söderköping, Stadt im schwed. Län
Ostgotland, am Götakanal, der 5 km davon in die Ostseebucht
Slätbaken mündet, einst ein ansehnlicher Ort, jetzt
unbedeutend, mit (1885) nur 1909 Einw.

Södermanland, Län im mittlern Schweden
(Swearike), zwischen der Ostsee im SO. und dem Mälar- und
Hjelmarsee im N., grenzt im Süden an Ostgotland, im W. an
Örebro, im N. an Westmanland, im NO. an das Län
Stockholm, welchem nur der nordöstliche Teil der alten
Landschaft S. zugeteilt ist, und hat ein Areal von 6841,4 qkm
(124,2 QM.). Es ist größtenteils Flachland, reich an
Seen und Wäldern (37 Proz. des Areals) und eine der
fruchtbarsten Provinzen des mittlern Schweden. Die Bewohner, deren
Zahl 1887: 152,296 betrug, treiben Ackerbau (1886 wurden 888,000 hl
Hafer, 435,000 hl Roggen, 116,000 hl Weizen geerntet), Viehzucht
(1884 zählte man 95,797 Stück Rindvieh) und Industrie in
Eisen, Wolle und Baumwolle. Das Län wird von der Westbahn
durchschnitten, an welche sich bei Flen nach Oxelösund und
Kolbäck führende Zweigbahnen und bei Katrineholm die
Ostbahn anschließt. Hauptstadt ist Nyköping.

Södertelge, Landstadt im schwed. Län Stockholm,
an der Bahn Stockholm-Gotenburg, zwischen dem Mälar und dem
kleinen See Maren, durchschnitten von dem Södertelgekanal,
welcher, 1819 eröffnet, von dem Mälar in den Maren und
von diesem in die Ostsee führt, hat ein Pädagogium, 2
mechanische Werkstätten, Zündhölzerfabrik, eine
Kaltwasserheilanstalt, ein Seebad und (1885) 3926 Einw.

Sodium, s. v. w. Natrium.

Sodom, alte Stadt Palästinas, im Thal Siddim, ging
nach mosaischem Bericht (1. Mos. 19, 24 ff.) mit dem benachbarten
Gomorra (s. d.) zu Abrahams Zeiten unter. Der Name hat sich in dem
des Salzbergs Usdum erhalten. Vgl. Totes Meer.

Sodoma, Maler, s. Soddoma.

Sodomie, s. Unzuchtsverbrechen.

Sodor und Man, engl. Bistum, welches jetzt nur die Insel
Man umfaßt, sich früher aber auch auf die Hebriden (die
Sodoreys der Normannen) erstreckte.

Soerabaya (spr. sura-), Stadt, s. Surabaja.

Soest, 1) (spr. sohst) Kreisstadt im preuß.
Regierungsbezirk Arnsberg, in einer fruchtbaren Ebene (Soester
Börde). Knotenpunkt der Linien S.-Nordhausen, Schwelm-S. und
S.-Münster der Preußischen Staatsbahn, 98 m ü. M.,
hat 6 evang. Kirchen (darunter die gotische, 1314 begonnene, 1846
restaurierte Wiesenkirche), einen kath. Dom, ein Gymnasium,
Schullehrerseminar, ein Taubstummen- und ein Blindeninstitut, ein
Rettungshaus, ein Amtsgericht, ein Puddel- und Walzwerk,
Fabrikation von Zucker, Nieten, Seife, Hüten und Zigarren,
Leinweberei, Gerberei, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, eine
Molkerei, Ziegeleien, Getreide- und Viehhandel, besuchte
Märkte, bedeutenden Acker- und Gartenbau und (1885) mit der
Garnison (eine Abteilung Feldartillerie Nr. 22) 14,846 meist evang.
Einwohner. - Im Mittelalter war S. eine der angesehensten und
reichsten Hansestädte mit reichsstädtischen Rechten und
einer Bevölkerung von 25-30,000 Seelen. Ihr Stadtrecht, Schran
(jus Susatense) genannt und zwischen 1144 und 1165 aufgezeichnet,
diente in vielen andern Städten, Lübeck, Hamburg etc.,
als Norm. Die Stadt galt als Hauptstadt des Landes Engern im
Herzogtum Sachsen. Nach Auflösung des letztern 1180
bemächtigte sich der Erzbischof von Köln derselben und
eignete sich das Schultheißenamt an. Dagegen stand den Grafen
von Arnsberg bis 1278 die Vogtei (Blutbann) in S. zu. Unter dem
Erzbischof Dietrich von Köln entzog sich die Stadt wegen zu
harten Drucks der erzbischöflichen Botmäßigkeit
wieder und begab sich 24. Okt. 1441 unter den Schutz Adolfs,
Herzogs von Kleve und Grafen von der Mark, was 1444 zu einer
langwierigen Belagerung der Stadt (Soester Fehde) führte, bei
welcher die dortigen Frauen sich durch Mut auszeichneten. Der
Streit endete infolge päpstlicher Entscheidung damit,
daß S. mit der Börde 1449 unter die Landeshoheit des
neuen Herzogs von Kleve, Johannes, kam. Vgl. Barthold, S., die
Stadt der Engern (Soest 1855); Schmitz, Denkwürdigkeiten aus
Soests Vorzeit (Leipz. 1873); Hansen, Die Soester Fehde (das.
1888); "Chroniken der deutschen Städte", Bd. 21; S. (das.
1889). -

2) (spr. suhst) Dorf in der niederländ. Provinz Utrecht,
Bezirk Amersfoort, am Eem und der Eisenbahn Utrecht-Kampen, mit
(1887) 3776 Einw. Dabei das Lustschloß Soestdyk, vom Prinzen
von Oranien (nachmals König Wilhelm III. von England) 1674
erbaut.

Soeste (spr. sohste), Fluß im Großherzogtum
Oldenburg, entspringt bei Kloppenburg, durchfließt das
Saterland und mündet links in die Leda.

Soeurs converses (franz., spr. ssör kongwérs,
bekehrte Schwestern), s. v. w. Beaten (s. d.).

Soeurs de la charité (franz., spr. ssör d' la
charité), s. v. w. Barmherzige Schwestern (s. d.).

Sofa, in den türk. Häusern die Vorhalle, von wo
man zu den verschiedenen Zimmern gelangt; dieselbe ist auf drei
Seiten mit Ruhesitzen versehen, woher die europäische
Bedeutung des Wortes stammt.

Sofála (arab., "Niederland"), geographische
Bezeichnung für das Küstenland Ostafrikas zwischen dem
Sambesi und der Delagoabai, bestehend aus einem flachen
Küstenstrich mit der vorliegenden Gruppe der Bazarutoinseln
und einem weiter zurückliegenden gebirgigen Teil. Zahlreiche
Flüsse, darunter Bazi, Sabia und Limpopo, münden hier in
den Ozean und überschwemmen alljährlich das Land. Der
Boden ist längs der Küste sehr fruchtbar und bringt
besonders Reis, Orseille, Indigo, Kautschuk, Zuckerrohr und

3

Soffariden - Sohar.

Kaffee hervor. Im Hinterland findet sich viel Gold, Kupfer,
Eisen, und die Kaffern, die Bewohner des Landes, bringen Elfenbein
an die Küste. Die Portugiesen, welche am Ende des 15. Jahrh.
diese Küste entdeckten, und zu deren Kolonie Mosambik dieselbe
jetzt gehört, trafen hier arabische, vom Sultan von Kilwa
abhängige Niederlassungen. Sie unterwarfen diese sowie die
benachbarten Kaffern und nannten die neue Besitzung Königreich
Algarve. Von ihren hier angelegten Militär- und
Handelsstationen S. und Inhambane unternahmen die Portugiesen
namentlich im 16. Jahrh. Züge nach den goldreichen
Kaffernstaaten Mokaranga und Monomotapa, welche als angeblich
mächtige und zivilisierte "Kaiserreiche" erschienen, in der
That aber nur barbarische Reiche waren. Im Hinterland von S. liegen
auch die Goldgruben von Manica sowie verschiedene 1871 von Karl
Mauch entdeckte Goldgruben und die Ruinen von Zimbabye (s. d.),
weshalb man schon im 16. Jahrh. das Salomonische Ophir hierher
verlegte, eine Ansicht, die mit mehr Kühnheit als
Begründung in neuerer Zeit wiederholt wurde. - Die Stadt S.,
am Kanal von Mosambik, seit 1505 im Besitz der Portugiesen, ist ein
armseliger, verfallener Ort, der kaum 1200 Einw. (darunter wenige
Weiße) zählt, aber doch Hauptort des gleichnamigen
Bezirks und Station für das submarine Kabel von Durban nach
Aden.

Soffariden, pers. Dynastie, s. Saffariden.

Soffionen (ital., "Blasebälge"), Name der
Dampfausströmungen der Borsäure (s. d.) in Toscana.

Soffítte (ital.), in der Baukunst die
ornamentierte Unteransicht eines Bogens, einer Hängeplatte,
einer Balkendecke etc.; eine in Felder geteilte oder mit
Getäfel gezierte Zimmerdecke; im Theaterwesen die über
der Bühne aufgehängten, den Himmel oder eine Decke
darstellenden Dekorationsstücke.

Sofi (arab., Sufi, Ssofi, Ssufi), s. Sûfismus.

Sófia (bulgar. Sredec), Hauptstadt des
Fürstentums Bulgarien, an der Eisenbahn von Konstantinopel
nach Belgrad und an der Bogana (Nebenflüßchen des Isker)
in einer prachtvollen, weiten Ebene, zwischen Balkan und Witosch,
580 m ü. M. gelegen. S., Mittelpunkt eines ansehnlichen
Straßennetzes, hat viele Moscheen (darunter als die
architektonisch bedeutendste die jetzt verfallene Böjük
Dschami), christliche Kirchen und Klöster; das sehenswerteste
Gebäude ist das große Bad bei der Moschee Baschi
Dschamisi, mit warmen Quellen. Doch entstehen gegenwärtig
viele Neubauten, und die alten Straßen werden reguliert und
gepflastert. Neu errichtet sind ein fürstlicher Palast, eine
Nationalbibliothek, eine Druckerei, Apotheken, Agenturen,
Gasthöfe, eine Post, eine Nationalbank mit einem Kapital von 2
Mill. Frank, ein wissenschaftlicher Verein u. a. 1887 zählte
es 30,428 Einw., darunter 5000 Juden, 2000 Türken und 1000
Zigeuner. S. hat starken Export von Häuten nach
Österreich und Frankreich, von Mais und Getreide. Es ist der
Sitz der bulgarischen Regierung, eines griechischen Metropoliten,
eines Kassations- und eines Appellhofs sowie eines deutschen
Berufskonsuls. - S. steht an der Stelle des alten Ulpia Serdica in
Obermösien (berühmt durch ein 344 daselbst gehaltenes
Konzil) und fiel 1382 in die Hände der Türken. Am 3. Jan.
1878 wurde die Stadt von den Russen unter Gurko besetzt.

Sofia-Expedition, 28. Juni bis 20. Okt. 1868, s. Maritime
wissenschaftliche Expeditionen.

Sofiero (Sophiero), königliches Lustschloß am
Öresund in Schweden, 6 km von Helsingborg; Sommersitz der
königlichen Familie.

Sofis (Safis, Sûfis), pers. Dynastie,
gegründet von Ismail, mit dem Beinamen Sofi, herrschte von
1505 bis 1735 über Persien (s. d., S. 873).

Sofismus, s. Sûfismus.

Söflingen, Marktflecken im württemberg.
Donaukreis, Oberamtsbezirk Ulm, an der Blau und der Linie
Ulm-Sigmaringen der Württembergischen Staatsbahn, hat eine
kath. Kirche, ein Forstamt, mechanische Weberei und (1885) 2501
Einw. S. war früher reichsunmittelbare Frauenabtei, kam 1802
an Bayern und 1810 an Württemberg.

Softa (pers.), in der Türkei ein der Wissenschaft
lebender, der Welt abgestorbener Besucher der Hochschulen (s.
Medresse). Die Softas rekrutieren sich jetzt aus den untersten
Volksschichten und haben mehrere Prüfungen zu bestehen, bis
sie den gesetzlichen Titel "Molla" (s. d.) erlangen, um dann als
Geistliche oder als Richter angestellt zu werden. Meist Gegner
aller europäisierenden Maßregeln, haben sie sich in der
Neuzeit auch zu politischen Demonstrationen verleiten lassen.

Sog, s. v. w. Kielwasser (s. d.).

Sogamoso, Stadt im Staat Boyacá der
südamerikan. Republik Kolumbien, am Chicamocha, 2506 m ü.
M., mit Hospital, lebhaftem Handel und (1870) 9553 Einw. Ehemals
war S. die Hauptstadt der theokratischen Regierung des Sugamuxi,
eines Hohenpriesters der Muisca oder Tschibtscha (s. d.).

Sogdiana, ehemals die nördlichste bis zum Jaxartes
reichende Satrapie des Perserreichs, mit der Hauptstadt Marakanda
(jetzt Samarkand).

Sögel, Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Osnabrück, Kreis Lingen, am Hümmling, mit kath. Kirche,
Amtsgericht und (1885) 1100 Einw. Östlich das herzoglich
arenbergische Jagdschloß Klemenswerth.

Soggen, s. Salz, S. 238.

Soghum Kala, Stadt, s. Suchum Kalé.

Soglio (spr. ssolljo), s. Sils 3).

Sognefjord, tief einschneidender Fjord an der
Westküste Norwegens, über 200 km lang, endigt in einem
Seitenfjord, welcher den Namen Lysterfjord führt, ist kaum
irgendwo 7 km breit und fast überall von hohen, steilen
Felswänden umgeben. Die Landschaft, welche den S. umgibt, ist
die gebirgige Vogtei Sogn und gehört zu den wildesten Gegenden
des Landes. Die vom Hauptfjord abgehenden Seitenfjorde zeichnen
sich besonders durch ihre gewaltigen Umgebungen aus. So sind die
südlichen Zweige, der Aurlands- und der Näröfjord,
von Gebirgen umgeben, die sich von der See aus 1600-2000 m
senkrecht erheben. Im N. sendet der S. außer dem Lysterfjord
auch den Sogndalsfjord und den Fjärlandsfjord aus, von denen
der letztere bis zu den Gletschern des Jostedalsbrä
hineindringt, welche hier bis zu 65 m ü. M. herabsteigen.
Diese riesenhafte Schneemasse, die mit ihren Gletschern die
angrenzenden Thäler erfüllt, begrenzt den Fjord im N.,
während ihn im O. große, zu den Jotunfjelden (s. d.)
gehörige Gebirgsmassen von den angrenzenden Gegenden scheiden;
nur im Süden führt ein einziger Paß durch das
großartige Närödal, die Fortsetzung des
Näröfjords.

Sohair (Zuhair), berühmter arab. Dichter der
vormohammedanischen Zeit. Seine "Moallaka" ist einzeln
herausgegeben von Rosenmüller ("Analecta arabica", 2. Teil,
Leipz. 1826), übersetzt von Rückert ("Hamasa" I, Zugabe 1
zu Nr. 149); seine erhaltenen Gedichte s. bei Ahlwardt in den "Six
ancient poets" (Lond. 1870). Vgl. Kaab Ibn Sohair.

Sohar ("Glanz", auch S. hakadosch, der heilige S.,
genannt), das in unkorrektem Aramäisch in Form

1*

4

Sohar - Soiron.

eines Pentateuchkommentars abgefaßte Hauptwerk der Kabbala
(s. d.), das jahrhundertelang fast vergöttert wurde, aber
durch seine verworrene Vermischung von neuplatonischen,
gnostischen, Aristotelischen und jüdisch-allegorischen
Anschauungen die Entwickelung des Judentums sehr geschädigt
hat. Verfasser oder Redakteur des S. ist vermutlich der in der
zweiten Hälfte des 13. Jahrh. in verschiedenen Städten
Spaniens lebende Moses ben Schemtob de Leon und nicht Simon ben
Jochai (Mitte des 2. Jahrh. n. Chr.). Der S., der an einzelnen
Stellen eine Feindseligkeit gegen den Talmud zu erkennen gibt und
hin und wieder mit dem Christentum liebäugelt, besteht aus
drei Hauptteilen: 1) dem eigentlichen S., 2) dem treuen Hirten
(Raja mehemna) und 3) dem geheimen Midrasch (Midrasch neelam). Vgl.
Tholuck, Wichtige Stellen des rabbinischen Buches S. (Berl. 1824);
Joël, Die Religionsphilosophie des S. (Leipz. 1849); Jellinek,
Moses ben Schem-Tob de Leon und sein Verhältnis zum S. (das.
1851).

Sohar, Hafenstadt in der arab. Landschaft Oman, mit guter
Reede, einem festen Schloß, sorgfältig angebauter
Umgebung und ca. 24,000 Einw. (darunter eine Anzahl Juden mit
eigner Synagoge). Gewerbe, Weberei, Metallarbeiten blühen.

Sohl (ungar. Zólyom), ungar. Komitat am linken
Donauufer, grenzt an die Komitate Liptau, Gömör,
Neográd, Hont, Bars und Thúrócz, ist 2730 qkm
(49,7 QM.) groß, ganz von Gebirgen bedeckt, wird vom
Granfluß durchströmt, dessen Thal besonders fruchtbar
ist, und hat zahlreiche Gebirgsweiden. Die Einwohner (1881:
102,500, meist Slowaken) betreiben Rindvieh- und Schafzucht, etwas
Weinbau, lebhaften Bergbau auf Schwefel, Silber, Kupfer, Eisen,
Vitriol und Quecksilber sowie Fabrikation von Eisen- und
Töpferwaren, Tuch, Glas, Papier etc. Sitz des Komitats, das
seinen Namen von der bei Altsohl malerisch gelegenen Ruine S. an
der Mündung der Szlatina in die Gran erhielt, ist Neusohl.

Sohland, Dorf in der sächs. Kreis- und
Amtshauptmannschaft Bautzen, an der Spree und an der Linie
Bischofswerda-Zittau der Sächsischen Staatsbahn, hat eine
evang. Kirche, Hand- und mechan. Weberei, Säge- und
Mahlmühlen und (1885) 5126 Einw.

Sohle (Soole), Fisch, s. Schollen.

Sohlenbau, s. v. w. Strossenbau, s. Bergbau, 724.

Sohlengänger, Säugetiere, die mit der ganzen
Sohle auftreten, wie die Bären (s. Säugetiere, 345).

Sohlennähmaschine, s. Schuh.

Söhlig, im Bergwesen s. v. w. horizontal. Vgl.
Fallen der Schichten.

Sohn, jede Person männlichen Geschlechts im
Verhältnis zu ihren Erzeugern (Vater und Mutter). S.
Verwandtschaft.

Sohn, 1) Karl Ferdinand, Maler, geb. 10. Dez. 1805 zu
Berlin, erhielt von Schadow, dem er 1826 nach Düsseldorf
folgte, den ersten Unterricht in der Kunst und behandelte anfangs
mit Vorliebe antike Stoffe, dann auch Szenen aus neuern Dichtern,
wie Tasso, Goethe etc. Seine Hauptwerke, welche ihm in den 30er und
40er Jahren eine große Popularität einbrachten, sind:
Rinaldo und Armida, die Lautenschlägerin und der Raub des
Hylas (beide in der Nationalgalerie zu Berlin), Diana und
Aktäon, das Urteil des Paris, Romeo und Julie, die beiden
Leonoren, die Schwestern, die vier Jahreszeiten, Lurlei und
Darstellungen von sentimental-romantischen Situationen. S. war
Meister in Behandlung der Karnation und in der Darstellung von
Frauengestalten. Besonders ausgezeichnet war er im weiblichen
Bildnis. Er wurde 1832 Lehrer an der Düsseldorfer Akademie und
starb 25. Nov. 1867 während eines Besuchs in Köln. Als
Lehrer hat er einen großen Einfluß auf die Entwickelung
der Düsseldorfer Schule geübt. - Seine beiden Söhne
Richard S. (geb. 1834) und Karl S. (geb. 1845) haben sich als
Porträt- und Genremaler vorteilhaft bekannt gemacht.

2) Wilhelm, Maler, Neffe des vorigen, geb. 1830 zu Berlin, ging
1847 nach Düsseldorf und erhielt durch Karl S. seine
Ausbildung, die er durch Reisen ergänzte. Anfangs malte er
historische Bilder, wie: Christus auf stürmischer See (1853,
städtische Galerie in Düsseldorf, Christus am Ölberg
(1855, in der Friedenskirche zu Jauer in Schlesien), Genoveva
(1856); bald aber wandte er sich der Genremalerei zu. Seine
Verschiedenen Lebenswege, Gewissensfrage (1864, Galerie zu
Karlsruhe), besonders aber die Konsultation beim Rechtsanwalt
(1866, Museum in Leipzig) sind meisterhaft in der Charakteristik,
in der Zeichnung und der koloristischen Wirkung. Infolge des
Aufsehens, welches diese Gemälde machten, erhielt er den
Auftrag, für die preußische Nationalgalerie ein
großes Bild, die Abendmahlsfeier einer protestantischen
Patrizierfamilie, zu malen, das ihn noch beschäftigt. S. wurde
1874 Lehrer der Malerei an der Düsseldorfer Akademie. Seit
dieser Zeit hat er wenig geschaffen, desto ersprießlicher
aber als Lehrer gewirkt.

Soho, Vorstadt von Birmingham (s. d.), mit
berühmter, von Watt gegründeter Dampfwagenfabrik.

Sohrau, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Oppeln,
Kreis Rybnik, am Ursprung der Ruda und an der Linie Orzesche-S. der
Preußischen Staatsbahn, 283 m ü. M., hat eine
evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein Amtsgericht,
Eisengießerei und Eisenwarenfabrikation, Lein- und
Wollweberei, eine Dampf- und 3 Wassermühlen, Ziegeleien und
(1885) mit der Garnison (1 Eskadron Ulanen Nr. 2) 4450 meist kath.
Einwohner.

Söhre, bewaldete Berglandschaft im preuß.
Regierungsbezirk Kassel, rechts von der Fulda, südöstlich
von Kassel, besteht aus Buntsandstein und erreicht im Stellberg 482
m Höhe.

Soi-disant (franz., spr. ssoa-disang), sogenannt.

Soignies (spr. ssoanjih), Hauptstadt eines
Arrondissements in der belg. Provinz Hennegau, an der Senne und der
Eisenbahn Brüssel-Quiévrain (mit Abzweigung nach
Houdeng-Goegnies), hat mehrere Kirchen (darunter die romanische
Vincentiuskirche aus dem 12. Jahrh.) und Klöster, ein Rathaus
im spanischen Stil, eine höhere Knabenschule, Industrieschule,
ein geistliches Seminar, Zwirnfabrikation und (1887) 8683 Einw.
Hier 10. Juli 1794 siegreiches Gefecht der Franzosen gegen die
Niederländer.

Soirée (franz., spr. ssóareh), Abend;
Abendgesellschaft; S. dansante, Abendgesellschaft mit Tanz.

Soiron (spr. ssoaróng), Alexander von, bad.
Politiker, geb. 2. Aug. 1806 zu Mannheim, studierte in Heidelberg
und Bonn, widmete sich seit 1832 der advokatorischen Praxis erst zu
Heidelberg, dann zu Mannheim und ward 1834 daselbst
Oberhofgerichtsadvokat. Seit 1845 Abgeordneter der badischen
Zweiten Kammer, hielt er zur liberalen Opposition und nahm 1848 an
den Vorbereitungen zur Berufung des Vorparlaments regen Anteil. Er
ward auch in den Fünfzigerausschuß gewählt und
führte den Vorsitz darin. In der Nationalversammlung war er
geraume Zeit erster Vizepräsident und Vorsitzender des
Verfassungsausschusses. Er handhabte seine Ämter mit Energie
und Umsicht und zog sich dadurch den Haß

5

Soissonische Stufe - Soja.

der Linken zu. S. war ein tüchtiger Redner und
fleißiger Arbeiter. Auch am Erfurter Parlament nahm er teil.
Er starb 6. Mai 1855 in Heidelberg.

Soissonische Stufe (spr. ssoa-), s.
Tertiärformation.

Soissons (spr. ssoassóng),
Arrondissementshauptstadt im franz. Departement Aisne, an der Aisne
und der Nordbahn (mit Abzweigung nach Compiègne und Reims),
mit detachierten Forts umgebene Festung zweiten Ranges, hat mehrere
Überreste gallorömischer Architektur und bedeutende
Bauwerke aus dem Mittelalter, wie die schöne Kathedrale
(12.-13. Jahrh.), die Kirche St.-Léger, die Stiftskirche
St.-Pierre, die Reste der 1076 gegründeten Abtei St.-Jean des
Vignes, das Stadthaus u. a. S. hat ein Zivil- und Handelstribunal,
ein Collège, großes und kleines Seminar, eine
Zeichenschule, eine Bibliothek mit 30,000 Bänden, ein
Antikenmuseum, ein Taubstummeninstitut und (1886) 11,850 Einw.,
welche etwas Industrie und starken Handel mit landwirtschaftlichen
Produkten treiben. Es ist Bischofsitz. - Im Altertum hieß die
Stadt Noviodunum, später Augusta Suessionum (wovon der heutige
Name) und war die Hauptstadt der Suessionen im belgischen Gallien.
In S. war ein Palatium der römischen Kaiser, und es war die
letzte Stadt, welche die Römer in Gallien besaßen.
Aetius und Syagrius residierten daselbst, und letzterer wurde 486
von Chlodwig in der Nähe der Stadt geschlagen. In der
Merowingerzeit war es fast immer Residenz eines Teilreichs und war
auch nachher von Bedeutung. Hier fand 744 eine für Neustrien
wichtige Synode und 751 die Erhebung Pippins zum König statt;
hier mußte Ludwig der Fromme 833 Kirchenbuße thun. Seit
dem 9. Jahrh. Sitz eigner Grafen, ging S. durch Kauf und Heirat in
verschiedene Hände über und fiel 1734 an die
französische Krone. Als Knotenpunkt großer
Heerstraßen und Sperrpunkt der Nordbahn spielte S. in den
Kämpfen von 1814 und 1815 sowie 1870 eine große Rolle,
15. Okt. d. J. ward es nach dreitägiger Beschießung vom
Großherzog von Mecklenburg-Schwerin genommen. Die Geschichte
dieser Belagerung beschrieben Gärtner (Berl. 1874) und H.
Müller (das. 1875).

Soissons (spr. ssoassóng), 1) Charles von Bourbon,
Graf von, Sohn des Prinzen Ludwig I. von Condé (s. d.) aus
dessen zweiter Ehe mit Françoise von
Orléans-Longueville, durch welche die Grafschaft S. an das
Haus Bourbon-Condé kam, geb. 1566, stand in den
Hugenottenkriegen bald auf seiten des Hofs, bald auf seiten des
Königs Heinrich von Navarra, schloß sich 1588 an diesen
an, leistete ihm in der Schlacht bei Coutras nützliche Dienste
und starb 1. Nov. 1612.

2) Louis von Bourbon, Graf von, Sohn des vorigen, geb. 11. Mai
1604 zu Paris, folgte seinem Vater als Grand-Maître und
Gouverneur der Dauphiné. Schon im 16. Jahr unterstützte
er die Königin-Mutter Maria von Medici gegen ihren Sohn Ludwig
XIII., während er zugleich, um sich gefürchtet zu machen,
mit den Hugenotten unterhandelte. Als diese ihn mißtrauisch
von sich wiesen, kehrte er zur Partei des Königs zurück
und begleitete diesen im Feldzug von 1622 gegen die Protestanten.
Durch die Entdeckung der Verschwörung gegen Richelieu, an der
er teilgenommen hatte, kompromittiert, floh er nach Italien; Ludwig
XIII. rief ihn jedoch zurück und beauftragte ihn mit der
Belagerung von La Rochelle. 1630 kaufte S. die Grafschaft S. vom
Prinzen von Condé, begleitete den König nochmals nach
Italien und erhielt dann das Gouvernement von Champagne und La
Brie. In dem Feldzug von 1636 befehligte er ein kleines Korps an
der Aisne und Oise, wurde jedoch von den Spaniern zum Rückzug
nach Noyon gezwungen. Ein neuer, abermals vereitelter Anschlag zur
Ermordung Richelieus nötigte S. zur Flucht nach Sedan, wo er
sich mit dem Herzog von Bouillon, dem Herzog von Guise und den
Spaniern zum Kriege gegen den Minister verband. Ein
königliches Heer unter dem Marschall Châtillon wurde 6.
Juli 1641 bei Marfée in der Nähe von Sedan geschlagen,
S. aber im Gefecht erschossen. Mit ihm erlosch die Seitenlinie S.
des Hauses Bourbon-Condé; Besitz und Titel gingen auf den
zweiten Sohn seiner Schwester Maria über, die sich 1625 mit
dem Prinzen Thomas Franz von Savoyen-Carignan vermählt
hatte.

3) Eugène Maurice von Savoyen, Graf von, Sohn des Prinzen
Thomas Franz von Savoyen-Carignan, Neffe des vorigen, geb. 1635 zu
Chambéry, widmete sich in der Jugend dem geistlichen Stand,
nahm jedoch später Kriegsdienste und heiratete 1657 Olympia
Mancini (s. Mancini 1), die Nichte des Ministers Mazarin, der ihn
zum Generalobersten der Schweizer und zum Gouverneur der Champagne
ernannte. 1667 wohnte er dem Feldzug in Flandern bei, und 1672 ward
er von Ludwig XIV. zum Generalleutnant befördert, in welcher
Eigenschaft er sich in Holland und am Rhein auszeichnete. Er starb
7. Juni 1673. Sein jüngerer Sohn war der berühmte Prinz
Eugen (s. d.) von Savoyen; der ältere, Ludwig Thomas, setzte
die Linie Savoyen-S. fort, die mit dessen Enkel 1734 erlosch.

Soja Savi (Sojabohne), Gattung aus der Familie der
Papilionaceen, mit der einzigen Art S. hispida Mönch, einer
einjährigen, in Japan, Südindien und auf den Molukken
heimischen Pflanze. Sie hat einen bis 1 m hohen, aufrechten, etwas
windenden Stengel, langgestielte, dreizählige Blätter,
welche wie Stengel und Zweige dicht rotbraun behaart sind,
kurzgestielte Blütenträubchen mit kleinen, unscheinbaren,
blaßvioletten Blüten und sichelförmige,
trockenhäutige, rötlich behaarte, zwei- bis
fünfsamige, zwischen den Samen schwammig gefächerte
Hülsen. Man kultiviert die Sojabohne in zahlreichen
Varietäten und in sehr weiter Verbreitung in Asien. Sie geht
mit ihrer nördlichen Verbreitungsgrenze noch über den
Mais hinaus, besitzt ein großes Anpassungsvermögen an
Boden- und klimatische Verhältnisse, völlige
Immunität gegen Schmarotzerpilze und nie versagende
Fruchtbarkeit. Die früh reifenden Varietäten geben in
Mitteleuropa nach zahlreichen mehrjährigen Anbauversuchen sehr
befriedigende Resultate. Die Samen sind rundlich, länglich
oder nierenförmig, gelblich, braunrot, grünlich oder
schwarz, niemals gefleckt; sie enthalten neben etwa 7 Proz. Wasser
38 Proteinkörper, 17-20 Fett, 24-28 stickstofffreie
Substanzen, 5 Rohfaser und 4,5 Proz. Asche. Ihr Nährwert ist
mithin gegenüber den übrigen Hülsenfrüchten ein
sehr hoher, und namentlich tritt der bedeutende Fettgehalt hervor.
Auf letzterm beruht zum Teil die vielfache Verwendung der
wohlschmeckenden Samen in Japan, indem der fettige Brei fast allen
Gerichten statt der Butter zugesetzt wird; in China lebt ein
großer Teil der Bevölkerung von Sojagerichten; auch
bereitet man aus Sojabohnen durch einen Gärungsprozeß
eine pikante braune Sauce für Braten und Fische, welche in
Japan, China, Ostindien sehr beliebt ist und in England wie auf dem
Kontinent und in Nordamerika ebenfalls in den Handel kommt. Die
japanische Sojasauce ist die beste, sie besitzt nicht den
süßlichen Geschmack der chinesischen. Gute Sojasauce ist
tiefbraun, sirupartig und bildet

6

Sojaro - Sokrates.

beim Schütteln eine helle, gelbbraune Decke. Bei der
Benutzung darf den Speisen nur sehr wenig zugesetzt werden. In
Österreich hat man die Samen als gutes Kaffeesurrogat benutzt.
Vgl. Haberlandt, Die Sojabohne (Wien 1878); Wein, Die Sojabohne
(Berl. 1881).

Sojaro, Beiname von Bernardino Gatti (s. d.).

Sok, siamesische Elle, = 2 Kup à 12 Niuh oder Nid
à 4 Kabiet = ½ m.

Sokal, Stadt in Ostgalizien, am Bug und an der Eisenbahn
Jaroslau-S., mit Bezirkshauptmannschaft, Bezirksgericht,
Bernhardinerkloster, Wallfahrtskirche und (1880) 6725 Einw. Hier
1519 Niederlage der Polen gegen die Tataren.

Sokol (slaw.), Falke; übertragen s. v. w. Held,
wackerer Mann; in Böhmen und Mähren häufig auch Name
von Turnvereinen.

Sokolka, Kreisstadt im russ. Gouvernement Grodno, an der
Petersburg-Warschauer Eisenbahn, mit (1885) 4125 Einw., von denen
sich die Christen mit Landbau, die Juden mit Kramhandel
beschäftigen; kam bei der dritten Teilung Polens (1795) an
Preußen und 1807 an Rußland.

Sokolow, 1) Stadt in Galizien, Bezirkshauptmannschaft
Kolbuszow, hat ein Bezirksgericht und (1880) 4296 Einw. -

2) Kreisstadt im russisch-poln. Gouvernement Sjedletz, mit
(1885) 7083 Einw.

Sókoto (Soccatu, Sakatu), Reich der Fellata im
westlichen Sudân (Afrika), grenzt nördlich an die
Sahara, östlich an Bornu, westlich an Gando und umfaßt
den größten Teil des Haussalandes mit einem
Flächenraum von ca. 440,000 qkm (8000 QM.). Hauptstadt des
Landes und Residenz des Sultans ist Wurno mit 22,000 Einw. Der
Sultan von S. übt über Gando, Bautschi, Nupe und
Adamáua mehr ein geistliches als ein weltliches Regiment.
Dennoch empfängt er von diesen Staaten mäßigen
Tribut. Das Reich, welches unter den Sultanen Bello (1819 bis 1832)
und Atiku (1832-37) in ziemlicher Blüte stand, ist unter deren
Nachfolgern sehr in Verfall gekommen. Die Stadt S., ehemals
Hauptstadt des Reichs, am gleichnamigen Fluß (Nebenfluß
des Niger), ist mit einer Mauer umgeben, ziemlich
regelmäßig gebaut, hat einen großen
Residenzpalast, mehrere Moscheen, Fabrikation von Leder- u.
Baumwollwaren, Waffen, Werkzeugen etc. Ein aus Brasilien
zurückgekehrter Fulahsklave hat in der Nähe eine
Zuckerplantage und -Raffinerie angelegt. Arabische Kaufleute aus
Ghadames bewohnen ein besonderes Viertel, auch englische
Händler erscheinen jetzt daselbst. Clapperton gelangte 1824
als erster Europäer nach S. und starb 1827 in der Nähe
der Stadt. 1853 wurde es von Barth, 1880 von Flegel und 1885 von I.
Thomson besucht. Letzterer schloß namens der National African
Company mit dem Sultan einen Vertrag ab, wonach jener Gesellschaft
gegen eine jährliche Subsidie das Monopol des Handels und der
Mineralausbeute an den Ufern des Binue eingeräumt wurde. S.
Karte bei Guinea.

Sokotora (Socotra, verderbt aus dem griech. Dioskorides),
Insel im Indischen Ozean, 220 km östlich vom Kap Gardafui, der
Ostspitze Afrikas, 3579 qkm (65 QM.) groß mit 12,000 Einw.,
ist mit Ausnahme eines schmalen Küstenstrichs von hohen, bis
über 1360 m aufsteigenden Gebirgen erfüllt, nur in
einzelnen Thälern unweit der Küste fruchtbar, in welchen
vorzugsweise die nach der Insel benannte Aloe und Dattelpalmen
gedeihen, welche nebst Drachenblut, Schildpatt, Zibetkatzen etc.
ausgeführt werden. Die Bevölkerung ist ein Mischvolk von
Arabern, Somal, Negern und Indern. Ihre Hauptbeschäftigung
bilden Handel, Viehzucht (Kamele, Rinder, Schafe, Ziegen) und etwas
Ackerbau. Der Hauptort ist Tamarida an der Nordküste. - Von
den alten Kulturvölkern Dioskorides genannt und auch im
Periplus erwähnt, wurde die Insel im 15. Jahrh. von
Niccolò Conti und 1503 von Pereira besucht und 1506 von
Tristan da Cunha erobert. Doch stellte 1510 der arabische Scheich
von Keschin seine Autorität wieder her. Damals befand sich
eine im 4. Jahrh. von Arabien aus gegründete christliche
Gemeinde auf der Insel, die später den Arabern weichen
mußte. Von 1835 bis 1839 hielten englische Truppen die Insel
besetzt, 1876 schloß die englische Regierung mit dem Scheich
von Keschin einen Vertrag ab, wodurch sie das Vorkaufsrecht erwarb,
und 30. Okt. 1886 ließ der britische Resident in Aden die
Insel besetzen. Schweinfurth hat dieselbe 1881 erforscht. Vgl.
Robinson, Sokotra (Lond. 1878).

Sokrates, 1) der berühmteste unter den griechischen
Weisen, Sohn des Bildhauers Sophroniskos und der Hebamme
Phänarete, wurde um 469 v. Chr. zu Athen geboren. Er soll die
Kunst seines Vaters erlernt und auch eine Zeitlang ausgeübt
haben; eine Gruppe am Fuß der zur Akropolis führenden
Treppe galt für sein Werk. Zu seiner Lebensaufgabe machte er
den in Gestalt von Unterredungen und im Gegensatz zu den Sophisten
unentgeltlich erteilten Unterricht, zu welchem Zweck er seine
materiellen Bedürfnisse auf das äußerste
beschränkte und den Verkehr mit Jünglingen, deren Geburt
und Talent (wie bei Alkibiades und Kritias) vorhersehen
ließen, daß sie späterhin einen großen
Einfluß auf ihre Mitbürger üben würden, um sie
zu denkenden und charaktervollen Männern zu bilden, jedem
andern vorzog. Seine Tüchtigkeit bekundete sich jedoch nicht
bloß in diesen didaktischen, sondern auch in praktischen, auf
die Erfüllung seiner Bürgerpflichten, auch der
militärischen, gerichteten Bestrebungen. Obgleich dem Krieg
abhold, beteiligte er sich an drei Feldzügen und rettete in
der Schlacht bei Potidäa dem vom Pferd gestürzten
Alkibiades durch mannhafte Verteidigung das Leben. Gerade aber sein
Streben nach unabhängiger Tüchtigkeit im Treiben einer
korrumpierten Umgebung und seine Bemühungen, die Jugend von
den verderblichen Lehren sittlicher Zersetzung abzuziehen und
edlerer Geistesverfassung zuzuführen, zogen ihm Verfolgung zu.
S. wurde bezichtigt, die Jugend zu verderben und andre Götter
als die vom Staat anerkannten zu lehren. Als seine Ankläger
werden genannt: ein mittelmäßiger Dichter, Melitos, ein
Lederhändler und Demagog, Anytos, und ein Rhetor, Lykon. S.
verteidigte sich in mutvoller und seiner würdiger Weise, ohne
eine gewisse Reizung seiner Richter zu vermeiden. Nachdem er mit
ganz geringer Majorität verurteilt war und nun selbst dem
Herkommen gemäß einen Strafantrag zu stellen hatte,
lehnte er letzteres ab, indem er ironisch an Stelle der
vorzuschlagenden Strafe eine Belohnung seiner Verdienste durch
Erhaltung auf öffentliche Kosten im Prytaneion forderte.
Hierdurch erbittert, verurteilten ihn seine Richter mit
größerer Majorität zum Tode. Der religiöse
Gebrauch, dem zufolge niemand bis zur Rückkehr eines gerade um
diese Zeit nach Delos entsendeten heiligen Schiffs hingerichtet
werden durfte, gestattete ihm, noch 30 Tage zu leben. Während
dieser Zeit unterhielt er sich im Gefängnis mit einigen seiner
Anhänger über philosophische Gegenstände und
namentlich über den Tod. Das Anerbieten Kritons, ihm zur
Flucht zu verhelfen, lehnte er ab. Mit der größten
Gemütsruhe nahm er

7

Sokratik - Sol., Soland.

nach Ablauf der Frist den Schierlingstrank und starb so in einem
Alter von etwa 70 Jahren 399. Die große Bedeutung des S. ist
in der Anregung zu suchen, die er durch sein Leben und noch mehr
durch seinen Tod gab. Sein geistreichster und edelster
Schüler, Platon, hat in seinen Dialogen Charakter und
Gedankenkreis seines Meisters, wenn auch in einer freien, mit
dichtender Umbildung versetzten Form, so doch mit jener Wahrheit,
die auch der Dichtung innewohnt, dargestellt. Eine mehr
nüchterne, aber gerade darum wertvolle Auffassung des S.
findet sich in den "Memorabilien" Xenophons, der ebenfalls zu dem
Kreise seiner Vertrauten gehörte. Die Lehre des S. ist, da er
selbst nichts geschrieben hat, nur durch seine Schüler auf uns
gekommen. Als Philosoph kam derselbe mit seinen Zeitgenossen, den
Sophisten, darin überein, daß er, wie diese, den
Schwerpunkt des Unterrichts in die (lehrbare) Methode und den Zweck
desselben nicht, wie deren Vorgänger, die griechischen
Physiker und Naturphilosophen, in die Erkenntnis der Natur, sondern
in jene des dem Menschen Nützlichen als des für diesen
einzig Wissens- und Wünschenswerten legte, unterschied sich
aber von denselben dadurch, daß einerseits seine Methode
nicht, wie die der Sophisten, ein dialektisch-rhetorisches
Kunststück, um Wahres falsch, Falsches wahr scheinen zu
machen, sondern die dialektische Kunst, das Wahre als solches zu
finden und zu erkennen, anderseits sein Zweck nicht, wie bei jenen,
auf die Erkenntnis des Nützlichen als des Guten, sondern
vielmehr auf jene des Guten als des allein wahrhaft, bleibend und
allgemein Nützlichen gerichtet war. Um seiner Abwendung von
der Physik willen ist von ihm gesagt worden, daß er die
Philosophie vom Himmel auf die Erde zurückgeführt habe.
Seine Übereinstimmung mit den Sophisten hinsichtlich des
Wertes methodischen Denkens und praktischer Ziele hat bewirkt,
daß er von Fernstehenden (z. B. von Aristophanes in den
"Wolken") zu den Sophisten gerechnet, ja seiner dialektischen
Schärfe wegen als "Erzsophist" hingestellt worden ist. Die
Reinheit seiner nur auf Erkenntnis der Wahrheit abzielenden sowie
die Uneigennützigkeit seiner nur das Gute als Zweck
menschlichen Handelns zulassenden Denkweise haben gemacht,
daß er von den ihm Nahestehenden (von seinen Schülern,
insbesondere von Platon) als deren diametraler Gegensatz erkannt
und sein Bild als Ideal eines Weisen dem des Sophisten als des
Zerrbildes eines solchen entgegengestellt wurde. Jene Kunst des S.
bestand (nach Aristoteles) darin, einerseits von der Betrachtung
des Besondern zum Allgemeinen aufzusteigen (Induktion), anderseits
durch Ausscheidung des Unwesentlichen und Ungehörigen wie
durch Zusammenfassung des Wesentlichen und Unentbehrlichen zum
Begriff zu gelangen (Definition), welch letzterer, weil er der
Sache selbst entspricht, immer derselbe bleibt, während das
Allgemeine, weil es aus dem Besondern gewonnen worden ist, dieses
letztere sämtlich in sich begreift. Dieselbe wurde von S.,
hierin dem Beispiel der Sophisten folgend, in dialogischer Form,
durch geschicktes Fragen (erotematisch), aber zu dem Zweck, die
Wahrheiten an den Tag zu bringen (daher er sie selbst mit dem
Handwerk seiner Mutter, der mäeutischen oder Hebammenkunst,
verglich), und zugleich indirekt, d. h. in der Weise geübt,
daß der Fragende (obgleich der Wissende) sich unwissend
stellt und von dem Gefragten (als ob dieser wissend wäre)
belehrt zu werden vorgibt, während er diesen belehrt (daher
diese Form des erotematischen Unterrichts als "sokratische Ironie"
bezeichnet wird). Von diesem nur aus didaktischen Gründen
gewählten Schein des Nichtwissens verschieden ist das dem S.
gleichfalls in den Mund gelegte Eingeständnis wirklichen
Nichtwissens, der anspruchsvollen Vielwisserei der Sophisten
gegenüber, um derentwillen derselbe von dem delphischen Orakel
für den weisesten aller Menschen erklärt worden sein
soll. In Bezug auf die Tugend als Verwirklichung des Guten war S.
der Meinung, daß dieselbe lehrbar, d. h. durch richtige
Erkenntnis und Unterweisung zu bewirken sei, denn es sei
unmöglich, das Gute zu wissen, ohne es zu thun. In Bezug auf
den Inhalt des Guten aber liebte es S., sich auf sein von ihm
sogenanntes Dämonion als eine in seinem Innern sich
kundgebende Stimme zu berufen, welche zwar niemals ratend, aber
stets warnend sich vernehmbar mache, wenn er etwas Unrechtes zu
thun im Begriff sei. Unter den Schülern des S. haben die
sogen. Sokratiker einzelne Seiten seines Wesens (Eukleides und
Phädon in der megarischen und elischen Schule die
dialektische, Antisthenes und Aristippos in der cynischen und
kyrenäischen Schule die moralische) einseitig entwickelt,
während Platon allein die empfangenen geistigen und sittlichen
Anregungen zu einem das Ganze der Philosophie umfassenden
Gedankenbau ausbildete. Aus der antiken Litteratur über S.
sind die Platonischen Dialoge (insbesondere Kriton, Phädon und
die "Apologie") hervorzuheben. Vgl. Lasaulx, Des S. Leben, Lehre
und Tod (Münch. 1857); Volkmann, Die Lehre des S. (Prag 1861);
Alberti, Sokrates (Götting. 1869); Fouillée, La
philosophie de Socrate (Par. 1874, 2 Bde.); Grote, Plato and the
other companions of S. (4. Aufl., Lond. 1885, 3 Bde.); Zeller,
Philosophie der Griechen, 2. Teil, 1. Abteil. (4. Aufl., Leipz.
1889).

2) S. Scholasticus, Verfasser einer Kirchengeschichte in sieben
Büchern, der Fortsetzung des Werkes des Eusebios, welche von
306-439 reicht, geboren um 380 zu Konstantinopel war eigentlich
Sachwalter. Sein Werk ist herausgegeben unter andern von Hussey
(Oxf. 1853, 3 Bde.) und Bright (das. 1878).

Sokrátik (Sokratische Methode), die
"erotematische" Kunst (s. Erotema) oder die Kunst, durch geschickt
gestellte Fragen die passende Antwort hervorzulocken, welche
Sokrates selbst, auf den Beruf seiner Mutter anspielend, eine
geistige Hebammenkunst (s. Mäeutik) genannt und seine Schule
mit Rücksicht darauf, daß der Fragende sich unwissend
stellt, aber wissend ist, als sokratische Ironie bezeichnet hat.
Vgl. Sokrates 1) und Katechetik.

Sokratiker, Schüler, Anhänger des Sokrates.

Sokratischer Dämon (Dämonion) nannte Sokrates
selbst (Xenophon und Platon zufolge) das "höhere Wesen", von
dem er meinte, daß es ihm durch ein göttliches Geschenk
von Jugend auf beiwohne und sich ihm, wenn er oder seine Freunde
etwas Unrechtes zu thun im Begriff seien, als abratende, jedoch
niemals als zu etwas zuratende Stimme kundgebe, was zu mancherlei
Mißdeutungen (z. B. durch den Spiritismus) Anlaß
gegeben hat. Vgl. Volquardsen, Das Dämonium des Sokrates (Kiel
1862).

Sol, seit 1862 Rechnungseinheit in Peru, à 100
Centavos = 5 Frank; auch s. v. w. Sou (s. d.).

Sol, in der Musik, s. Solmisation.

Sol, bei den Römern der Sonnengott, s. Helios; in
der Alchimie das Gold.

Sol., Soland., bei naturwissenschaftl. Namen
Abkürzung für Daniel Solander, geb. 1736 in Norrland,
gest. 1782 als Unterbibliothekar des Britischen Museums zu London.
Weichtiere, Korallen.

8

Sola fide - Solario.

Sola fide (lat.), d. h. "allein durch den Glauben" werden
wir nämlich gerechtfertigt. Dieses von Luther in der Stelle
Röm. 3, 28, sinn-, aber nicht textgemäß
eingeschobene Sola wurde das Stichwort der lutherischen
Reformation.

Solamen miseris socios habuisse malorum (lat.), "es ist
ein Trost für die Unglücklichen, Leidensgenossen zu
haben".

Solanaceen, dikotyle Familie aus der Ordnung der
Tubifloren, einjährige und perennierende Kräuter und
Holzpflanzen mit wechselständigen, einfachen, oft in der
Blütenstandregion gepaarten Blättern ohne
Nebenblätter und mit meist vollständigen Blüten,
welche einzeln oder in Wickeln stehen, und deren Stiele häufig
scheinbar außerhalb der Blattachseln oder aus der Seite der
Internodien entspringen. Der Kelch ist verwachsenblätterig,
meist fünfspaltig oder -teilig, selten über der stehen
bleibenden Basis abfallend, meist bleibend und an der Frucht mehr
oder weniger vergrößert. Die regelmäßige
Korolle ist dem Blütenboden inseriert,
verwachsenblätterig, rad-, glocken-, trichter- oder
präsentiertellerförmig, mit meist fünfspaltigem
Saum, dessen Zipfel gefaltet, gedreht oder klappig liegen;
bisweilen ist die Blumenkrone zygomorph. Die fünf
Staubgefäße stehen in der Röhre der Blumenkrone
abwechselnd mit den Saumabschnitten derselben. Der
oberständige Fruchtknoten wird aus zwei schräg zur
Mediane gestellten Karpiden gebildet und ist zweifächerig oder
durch sekundäre Scheidewände unvollständig oder
vollständig vierfächerig und hat eine dicke zentrale, mit
zahlreichen amphitropen Samenknospen besetzte Placenta. Die Frucht
ist eine Beere oder eine Kapsel. Die mehr oder weniger
nierenförmigen Samen haben ein reichliches fleischiges
Endosperm und einen halb oder ganz kreisförmig
gekrümmten, seltener geraden Embryo. Die Familie zählt
über 1200 Arten, die zum größten Teil den Tropen
und demnächst den beiden gemäßigten Zonen
angehören. Mehrere enthalten narkotische Alkaloide und sind
wichtige Arznei- oder gefährliche Giftpflanzen (Hyoscyamus,
Datura, Atropa, Solanum, Nicotiana); andere, wie die Kartoffel
(Solanum tuberosum), sind namentlich wegen ihres Gehalts an
Stärkemehl wichtige Nutzpflanzen. Nur sehr wenige S. sind
fossil in Tertiärschichten gefunden worden (Solanites
Sap.).

Solanin C43H71NO16 findet sich in verschiedenen Arten der
Pflanzengattung Solanum, besonders reichlich in den Keimen,
welche Kartoffeln im Frühjahr im Keller treiben. Extrahiert
man diese mit säurehaltigem Wasser und fällt den Auszug
mit Ammoniak, so entzieht Alkohol dem Niederschlag das S. Dies
bildet farb- und geruchlose Kristalle, schmeckt bitter, etwas
brennend, ist sehr schwer löslich in Wasser und Äther,
leichter in Alkohol, schmilzt bei 235°, reagiert schwach
alkalisch und bildet mit Säuren zwei Reihensalze, von denen
die neutralen nicht kristallisieren, bitter und brennend schmecken,
in Wasser und Alkohol leicht, in Äther kaum löslich sind,
und aus deren Lösung Ammoniak amorphes S. fällt. Beim
Kochen mit verdünnten Säuren wird S. in Zucker und
Solanidin C25H41NO gespalten; letzteres kristallisiert, ist
flüchtig, reagiert stärker alkalisch und bildet
kristallisierbare Salze. S. ist stark giftig.

Solano (span.), ein im südlichen Spanien in der
Mancha und Andalusien, namentlich in Sevilla und Cadiz, meist von
Juni bis September auftretender, dem Scirocco ähnlicher, von
SO. und Süden kommender heißer Wind, welcher
erschlaffend und Schwindel erregend wirkt.

Solanum L. (Nachtschatten), Gattung aus der Familie der
Solanaceen, Kräuter, Sträucher oder kleine Bäume von
sehr verschiedenem Habitus, bisweilen kletternd, oft zottig,
sternfilzig oder drüsig behaart, auch stachlig, mit
abwechselnden, einzeln stehenden oder gepaarten, einfachen,
gelappten oder fiederschnittigen Blättern, gelben,
weißen, violetten oder purpurnen Blüten in achsel- oder
endständigen Trauben oder wickeligen Infloreszenzen und
gewöhnlichen, vom bleibenden Kelche gestützten, meist
kugeligen, vielsamigen Beeren. Etwa 700 Arten, meist in den
tropischen und subtropischen Klimaten, besonders Amerikas. S.
Dulcamara L. (Bittersüß, Alpranke, Mäuseholz,
Hundskraut, Stinkteufel, Teufelszwirn), Halbstrauch mit hin- und
hergebogenem, kletterndem oder windendem Stamm, länglich
eiförmigen, zugespitzten, am Grund oft herzförmigen oder
geöhrt dreilappigen Blättern, diesen
gegenüberstehenden, wickeligen, nickenden Infloreszenzen,
violetten Blüten und roten, länglichen Beeren,
wächst an feuchten Stellen in Europa, Asien, Nordamerika. Die
Stämme riechen beim Zerbrechen sehr widrig narkotisch, sind
nach dem Trocknen geruchlos, schmecken bitterlich, hintennach
süß; sie enthalten Solanin, Dulcamarin und Zucker; seit
dem 17. Jahrh. wurden sie medizinisch benutzt, sind jetzt aber
ziemlich obsolet. Die Beeren erzeugen Erbrechen und Durchfall. S.
esculentum Dun. (S. Melongena L. Eierpflanze, Melanganapfel), in
Ostindien, einjährig, mit krautartigem, bis 60 cm hohem,
stachligem oder wehrlosem Stengel, eirunden, ganzrandige oder
buchtig gezahnten, unbewehrten oder dornigen, unterseits filzigen
Blättern und lilafarbigen, großen Blüten,
trägt ovale, violette, gelbe oder weiße Früchte
(Aubergine, Albergine) von der Größe eines
Hühnereies, die als Zuthat an Saucen, Suppen, Ragouts etc.
oder geröstet gegessen werden. Man kultiviert sie in den
Tropen, in Spanien, Südfrankreich, um Rom, Neapel, in der
Walachei und der Levante. In Deutschland kommt diese Pflanze nur in
Töpfen oder auf warmen Rabatten, besser in Mistbeeten, vor. S.
nigrum L. (Hühnertod, Saukraut, s. Tafel "Giftpflanzen II"),
aus Amerika eingewandert, allenthalben auf bebautem Land, an Wegen,
auf Schutt, unbewehrt, mit eirunden, buchtig-gezahnten
Blättern, weißen, selten ins Violette spielenden
Blüten in kurz doldenartigen Wickeln und erbsengroßen,
schwarzen (auch grünen) Beeren, und das zottig oder dicht
behaarte S. villosum Lam. mit gelben und mennigroten (S. miniatum
Bernh.) Beeren, sind bekannte Giftpflanzen und enthalten Solanin.
S. Quitoense Lam. (Orange von Quito), ein bis 2 m hoher Halbstrauch
in Peru und Quito, trägt genießbare Früchte von der
Größe einer kleinen Orange, wird auch in England
kultiviert. Von S. anthropophagorum Seem., auf den Fidschiinseln,
wurden die Beeren als Würze bei den kannibalischen Mahlzeiten
der Eingebornen benutzt. Viele Arten werden als Blattzierpflanzen
kultiviert. Über S. tuberosum s. Kartoffel.

Solar (solarisch, lat.), auf die Sonne
bezüglich.

Solarchemie, die von Kirchhoff und Bunsen
begründete, auf Beobachtung des Sonnenspektrums beruhende
Untersuchung der chemischen Beschaffenheit der
Sonnenatmosphäre; s. Spektralanalyse.

Solario, Andrea, italien. Maler, geboren um 1460 zu
Mailand, bildete sich seit 1490 in Venedig bei G. Bellini und
später nach Leonardo da Vinci. Von 1507 bis 1509 war er in
Frankreich thätig. Er starb nach 1515. Seine Hauptwerke sind:
der Ecce homo und die Ruhe auf der Flucht (im Museum Poldi-

9

Solarlicht - Soleillet.

Pezzoli zu Mailand), die Madonna mit dem grünen Kissen und
die Schüssel mit dem Haupt Johannes' des Täufers (im
Louvre zu Paris) und die Salome (in der Galerie zu Oldenburg).

Solarlicht, veraltet s. v. w. elektrisches Licht.

Solarmaschine, s. v. w. Sonnenmaschine.

Solaröl, s. Mineralöle.

Solarstearin, aus Schweineschmalz abgeschiedenes festes
Fett, dient zu Kerzen.

Solawechsel, ein nur in einem einzigen Exemplar
ausgestellter Wechsel, im Gegensatz zu einem Wechsel, von welchem
noch ein oder mehrere Duplikate ausgefertigt werden (Prima-,
Sekunda-, Tertiawechsel etc.); auch s. v. w. eigner Wechsel (s.
Wechsel).

Solbad, ein Bad, welches in einem natürlichen, viel
Kochsalz, oft auch Jod und Brom enthaltenden Mineralwasser (s. d.)
oder statt des letztern in einer künstlich bereiteten
Lösung von Seesalz oder Mutterlaugensalz (Kreuznach,
Kösen) genommen wird. Über die Anwendung der
Solbäder und die Bereitung der künstlichen s. Bad, S.
221.

Solbrunnen, s. Salz, S. 237.

Sold, s. v. w. Lohn, Bezahlung für geleistete
Dienste, namentlich Kriegsdienste, abzuleiten vom lat. solidus, der
von Alexander Severus (222-235 n. Chr.) eingeführten
Goldmünze, welche den viermonatlichen Lohn des Kriegers
ausmachte. Daher Söldner, Scharen, welche um Lohn in
Kriegsdienste treten, wie im Altertum die Griechen, im Mittelalter
Deutsche und, bis in die Neuzeit, besonders die Schweizer (s.
Fremdentruppen). Nach dem Verfall des Heerbannes, der Lehnsfolge
und des Rittertums bildeten bis gegen Ende des 18. Jahrh. geworbene
Söldner die Masse der Heere. Geregelte Soldzahlung begann erst
mit dem Aufkommen der stehenden Heere. Bei dem ausgehobenen
Wehrpflichtigen ist S. die zum Unterhalt nötige Löhnung,
die, wie schon zu Gustav Adolfs Zeit, alle zehn Tage ausbezahlt
wird. Ihre Höhe beträgt in Deutschland für den
Gemeinen der Infanterie 35 Pf. auf den Tag, für Leute der
berittenen Waffen 5 Pf. mehr, für Gefreite je 5 Pf. mehr als
für Gemeine derselben Waffe. Bei den Griechen beginnt die
Soldzahlung unter Perikles, bei den Römern schon unter den
Königen, aber aus den Gemeindekassen, aus der Staatskasse erst
seit 406 n. Chr. halbjährlich oder jährlich; der bare S.,
das Salarium (Geld für Salz) eingerechnet, entsprach dem Lohn
der ländlichen Arbeiter. Bei den Deutschen beginnt die
Soldzahlung vereinzelt unter Karl d. Gr. und war durch die Hansa im
13. Jahrh., in England um 1050 vollständig entwickelt.

Soldanella L. (Troddelblume, Alpenglöckchen),
Gattung aus der Familie der Primulaceen, kleine, perennierende
Kräuter mit grundständigen, gestielten,
nierenförmigen Blättern, auf nacktem Schaft einzeln oder
doldig stehenden, nickenden, blauen, violetten oder rosenroten
Blüten und kegelförmig länglicher Kapsel. Vier Arten
auf den südeuropäischen Hochgebirgen. S. alpina L., mit
überhängenden, hellvioletten Blüten auf zwei- bis
vierblütigem Schaft. S. pusilla Baumg., mit großer,
rötlichweißer oder rosenroter, einzeln stehender
Blüte, wird, wie die vorige, gleich andern Alpenpflanzen
kultiviert.

Soldat, jede für Sold dienende Militärperson,
mit Ausnahme der Militärbeamten; insbesondere der Gemeine (s.
Militär). Der Name S. wurde im 16. Jahrh. aus dem
Italienischen (soldato) entlehnt und stammt vom lateinischen
solidus (s. Sold).

Soldatenhandel, das Vermieten von Truppen, namentlich
seitens der Fürsten deutscher Kleinstaaten, an fremde Staaten,
lediglich zum Zweck des Gelderwerbs, gleichgültig, ob zu
gunsten der Kasse des Staats oder des Fürsten. Hierin liegt
der Unterschied zwischen dem S. und den Subsidienverträgen
behufs Truppenstellung oder Lieferung von Subsidiengeldern; diesen
Verträgen liegt eine Staatsidee zu Grunde, die dem S. mangelt.
Der letztere hat seinen Ursprung bei den Handelsstaaten des
Altertums: Syrakus, Tarent, Karthago, und fand gleiche Anwendung in
Venedig, den Niederlanden und England, die alle zur Aufstellung
ihrer Heere der Werbung von Söldnern bedurften und (wie
England) noch bedürfen. Den S. begann Bernhard von Galen,
Bischof von Münster, 1665; ihm folgte Johann Georg III. von
Sachsen, der 1685 für 120,000 Thlr. 3000 Mann an Venedig zum
Krieg in Morea vermietete. Den höchsten Aufschwung nahm der S.
während der Kriege Englands gegen seine amerikanischen
Kolonien; etwa 30,000 Mann sind dazu aus Deutschland gestellt,
wofür dieses gegen 8 Mill. Pfd. Sterl. erhielt. Der Landgraf
Wilhelm VIII. von Hessen vermietete während des
österreichischen Erbfolgekriegs sowohl Truppen an England als
an Karl VII., also an die sich bekriegenden Gegner. Die
Fremdentruppen (s. d.), die Schweizerregimenter, die sich oft in
den feindlichen Parteien gegenüberstanden, gehören zum S.
Vgl. Jähns, Heeresverfassungen und Völkerleben (Berl.
1885); Winter, Über Soldtruppen (8. Beiheft zum
"Militärwochenblatt" 1884).

Soldatéska (ital.), das Soldatentum, mit dem
Nebenbegriff des Übermütigen und Eigenmächtigen.

Soldau (poln. Dzialdowo), Stadt im preuß.
Regierungsbezirk Königsberg, Kreis Neidenburg, am Flusse S.,
Knotenpunkt der Linie Allenstein-S. und der Eisenbahn
Marienburg-Mlawka, 157 m ü. M., hat eine evangelische und eine
kath. Kirche, eine Synagoge, Ruinen eines alten Ordensschlosses,
ein Amtsgericht, Spiritusfabrikation, Getreide- und Schweinehandel
und (1885) mit der Garnison (ein Füsilierbat. Nr. 44) 3122
meist evang. Einwohner. Hier 26. Dez. 1806 heftiges Gefecht
zwischen Franzosen (Ney) und Preußen (Lestocq).

Soldin, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Frankfurt, am Ausfluß der Miezel aus dem Soldinsee und an der
Eisenbahn Stargard i. P.-Küstrin, 76 m ü. M., hat Reste
einer Stadtmauer und einige Thore aus dem Mittelalter, eine
schöne evang. Kirche, ein Amtsgericht, Maschinenfabrikation, 3
Dampfschneidemühlen, eine Molkerei, Fischerei und (1885) 6198
meist evang. Einwohner. S. wird zuerst 1262 erwähnt. Hier
bestand 1298-1538 ein Kollegiat- oder Domstift der
Prämonstratenser.

Söldner, s. Sold.

Soldo (Mehrzahl Soldi), ital. Rechnungs- und
Kupfermünze, von welcher 20 auf die Lira gehen.

Sole (Soole), kochsalzhaltiges Wasser aus
natürlichen Salzquellen oder künstlich erzeugt (s.
Salz).

Solea (Soole), Zungenscholle, s. Schollen.

Solebai, die Reede von Southwold (s. d.).

Soleillet (spr. ssolläjäh), Paul, franz.
Afrikareisender, geb. 29. April 1842 zu Nîmes, bereiste 1865
Algerien, Tunesien und Tripolitanien, durchzog dann 1871 die
algerische Sahara und machte sich bekannt als einer der
Hauptagitatoren der transsaharischen Eisenbahn. 1873 unternahm er
eine Reise nach Tuat auf einer neuen, noch nicht begangenen Route,
durfte aber die Oase selbst nicht betreten und kehrte 1874 nach
Frankreich zurück. 1878 ging er über Senegambien nach
Segu am Niger und versuchte 1879 nach seiner Rückkehr im
Auftrag der französischen Regierung

10

Solenhofen - Solferino.

von St. Louis nach Timbuktu vorzudringen, wurde indessen bei
Schingit, in der Nähe von Adras, ausgeplündert und war
schon im Mai 1880 wieder in Paris. Im Juli d. J. versuchte er von
St. Louis aus abermals, aber wiederum vergeblich, nach Timbuktu zu
gelangen. Im Auftrag einer französischen Handelsgesellschaft
in Obok machte er 1882 einen kurzen Ausflug über Schoa nach
Kaffa und stand im Begriff, sich abermals nach Schoa zu begeben,
als er 10. Sept. 1886 in Aden starb. Er schrieb: "Exploration du
Sahara" (1876); "L'avenir de la France en Afrique" (1876);
"L'Afrique occidentale" (1877); "Les voyages et découvertes
de P. S., etc., racontés par lui-même" (1881); "Voyage
en Éthiopie 1882-1884" (1886); "Obock, le Choa, le Kaffa"
(1886); "Voyage a Ségou 1878-79" (hrsg. von Gravier, 1887).
Vgl. Gros, Paul S. en Afrique (Par. 1888).

Solenhofen, Dorf, s. Solnhofen.

Solenn (lat.), feierlich; Solennität,
Feierlichkeit.

Solenoglypha (Röhrenzähner), Unterordnung der
Schlangen (s. d., S. 501).

Solenoid (griech.), ein schraubenförmig gewundener
Draht, welcher, solange ihn ein galvanischer Strom
durchfließt, sich wie ein Magnet verhält, nämlich,
wenn beweglich aufgehängt, seine Längsachse in den
magnetischen Meridian einstellt, indem dasjenige Ende, an welchem
der Strom in der Richtung des Uhrzeigers kreist, sich nach
Süden wendet und deshalb Südpol des Solenoids genannt
wird, wogegen das andre nach N. weisende Ende Nordpol heißt.
Auch einem Magnet oder einem zweiten S. gegenüber verhält
sich ein S. wie ein Magnet. Vgl. Elektrodynamik und Magnetismus, S.
90.

Solenópsis, s. Ameisen, S. 452.

Solent, Meeresarm, welcher die engl. Insel Wight von
Hampshire trennt. Die westliche Einfahrt verteidigt Hurst
Castle.

Soleras, s. Jereswein.

Solesmes (spr. ssolähm), 1) Stadt im franz.
Departement Nord, Arrondissement Cambrai, an der Selle und der
Nordbahn, hat bedeutende Zuckerfabrikation, Woll- u.
Baumwollwebereien und (1886) 5728 Einw. -

2) Dorf im franz. Departement Sarthe, Arrondissement La
Flèche, mit Benediktinerkloster aus dem 12. Jahrh., einer
Klosterkirche aus dem 13. Jahrh. mit schönen Skulpturen und
795 Einw.

Soleure (spr. -löhr), franz. Name für
Solothurn.

Soleus (lat.), der Schollenmuskel (fälschlich
Sohlenmuskel) in der Wade.

Solfa (ital.), Tonleiter (vgl. Solmisation).

Solfatára (ital., franz. Soufrière,
Schwefelgrube), vulkan. Krater, dessen Schlot sich bei abnehmender
vulkanischer Thätigkeit allmählich verschloß und
nur noch Gase, Wasserdämpfe und Sublimationen von Schwefel aus
Spalten zu Tage treten läßt wodurch die Gesteine der
Kraterwände Zersetzungen erleiden und einen Überzug von
Schwefel erhalten. Die bekanntesten Solfataren sind in Italien.
Hier heißen so insbesondere drei kleine Seen in der Provinz
Rom, an der nach Tivoli führenden Straße, welche durch
einen Kanal mit dem Teverone in Verbindung stehen. Der Boden
exhaliert Schwefeldünste an mehreren eingebrochenen Stellen
ist trübes Schwefelwasser zu sehen. Von dem einen dieser Seen
werden Thermalbäder (Aquae Albulae) gespeist. Die S. von
Pozzuoli ist einer von den 27 Kratern, welche sich auf der schon
bei den Alten als Phlegräische Felder (s. d.) bezeichneten
vulkanischen Hügellandschaft im W. von Neapel befinden. Es ist
ein durch Einsturz des Kraters eines sich dicht über Pozzuoli
erhebenden Vulkans entstandenes fast kreisrundes Becken das rings
von den Kraterwänden umgeben und nur durch eine Bresche an der
Westseite zugänglich ist. An einigen Stellen ist der Boden
warm, an andern brennend heiß; heiße
Schwefeldämpfe strömen namentlich aus der sogen. Bocca
grande hervor. Die aufsteigenden Dünste werden zu Heilzwecken
benutzt, zu welchem Behuf Bretterhütten errichtet sind. Auch
der an den Wänden der Spalten abgelagerte Schwefel und der
durch Verbindung der porösen Kalke mit der Schwefelsäure
gebildete Gips werden industriell verwertet. Andre Solfataren
finden sich in Westindien (St. Vincent, Guadeloupe, Dominica, wo
die sogen. Grande Soufrière am 4. Jan. 1880 einen
großen vulkanischen Ausbruch hatte, etc.) und in Mexiko. Die
vielgenannte S. von Urumtsi in der Nähe der gleichnamigen
Stadt, am Nordhang des Thianschan (Westchina), ist wahrscheinlich
nur ein brennendes Kohlenlager. Vgl. Fumarolen.

Solfeggio (ital., spr. ssolféddscho. franz.
Solfège) Gesangsübung zur Ausbildung des Gehörs
und der Trefffähigkeit, musikalische Leseübung, am
Pariser Konservatorium der vorbereitende Elementarkursus für
alle Schüler, an vielen andern Anstalten leider
vernachlässigt. Die Solfeggien benannten Gesangsübungen
werden in der Regel auf die Tonnamen: ut (do), re, mi, fa, sol, la,
si gesungen und sind daher zugleich Vokalisationsübungen
(Vokalisen) und bei gesteigerter Schwierigkeit Koloratur- und
Vortragsübungen. Als Meister in der Solfeggienkomposition
stehen die Italiener, namentlich Porpora, Mazzoni, Crescentini,
Concone, obenan. Vgl. Gesang.

Solferino, rote Farbe, s. Anilin, S. 591.

Solferino, Marktflecken in der ital. Provinz Mantua,
Distrikt Castiglione, auf einer Anhöhe 3 Stunden westlich vom
Mincio und ebenso weit südlich vom

[siehe Graphik]

Kärtchen zur Schlacht bei Solferino (24. Juni 1859).

Gardasee, mit (1881) 1284 Einw., ehemals Sitz eines
Fürstentums, geschichtlich merkwürdig durch den
entscheidenden Sieg, welchen hier 24. Juni 1859 die
verbündeten Franzosen und Sardinier über die
Öster-

11

Solger - Soliman.

reicher erfochten. Die Österreicher hatten 21. Juni 1859
ihren Rückzug hinter den Mincio beendigt, am 23. aber, nachdem
der Kaiser, dem Heß zur Seite trat, den Oberbefehl
übernommen, mit 170,000 Mann wieder den Vormarsch in die
Lombardei begonnen. Auf diesem trafen sie 24. Juni früh auf
die gleichfalls vormarschierenden Alliierten (150,000 Mann). Es
entspann sich nun auf der ganzen Linie eine Reihe von
Einzelgefechten ohne Entscheidung, bis Napoleon gegen Mittag einen
energischen Angriff auf S., den Mittelpunkt und Schlüssel der
österreichischen Aufstellung, befahl. Verteidigung u. Angriff
leisteten das Äußerste. Um 3 Uhr erstürmten die
Franzosen endlich die österreichischen Stellungen von S. und
San Cassiano. Da ein Angriff Wimpffens auf den französischen
rechten Flügel von Niel zurückgewiesen wurde, traten die
Österreicher 4 Uhr den Rückzug an. Ein starkes Gewitter
mit Wolkenbruch verhüllte von 5 Uhr an diesen. Die Piemontesen
hatten mittlerweile die gefährlichste Aufgabe zu lösen:
sie sollten in der schmalen Ebene zwischen dem Nordabfall des
Hügellandes und dem Südufer des Gardasees östlich
gegen Peschiera vorgehen. General Benedek drängte sie bis
Rivoltella zwischen Desenzano und Sermione zurück und stellte
sich auf dem Plateau von San Martino auf, das gegen N. und W. steil
abfällt. Fünfmal stürmten die piemontesischen
Bataillone; aber so oft sie bis an den obern Rand gelangten, wurden
sie unter großen Verlusten zurückgeworfen. Erst am Abend
trat auch Benedek zögernd den Rückzug an. Die Schlacht
von S. war eine sehr blutige. Der Gesamtverlust der
Österreicher belief sich auf 22,350 Mann; die Franzosen
verloren 11,670, die Piemontesen 5521 Mann. Den Gefallenen ward
hier 1870 ein Denkmal errichtet.

Solger, Karl Wilhelm Ferdinand, Ästhetiker, geb. 28.
Nov. 1780 zu Schwedt in der Ukermark, studierte zu Halle und Jena
die Rechte und unter Schelling Philosophie, schloß sich am
letztern Ort und später in Berlin dem Kreis der Romantiker an,
wurde 1809 Professor der Ästhetik zu Frankfurt a. O., 1811 zu
Berlin, wo er 20. Okt. 1819 starb. Außer seinem in Form der
Platonischen Dialoge abgefaßten mystisch-dunkeln "Erwin. Vier
Gespräche über das Schöne und die Kunst" (Berl.
1815, 2 Bde.), in welchem er die ästhetischen Prinzipien der
romantischen Schule vertrat, der aber auch eindringlich auf Hegels
Ästhetik gewirkt hat, verfaßte er noch: "Philosophische
Gespräche" (das. 1817) und eine geschätzte
Übersetzung des Sophokles (das. 1808, 2 Bde.; 3. Aufl. 1837).
Seine "Nachgelassenen Schriften und Briefwechsel" wurden von Tieck
und Fr. v. Raumer (Leipz. 1826, 2 Bde.), seine "Vorlesungen
über Ästhetik" von Heyse (Berl. 1829) herausgegeben. Vgl.
Reinh. Schmidt, Solgers Philosophie (Berl. 1841).

Solicitor (engl., spr. ssollíssítör),
Anwalt, Sachwalter (s. Attorney); S. general (spr.
dschönnerel), der Obersachwalter der Krone in England.

Solid (lat.), fest, gediegen, zuverlässig;
Solidität, Festigkeit, Zuverlässigkeit.

Solidago L. (Goldrute), Gattung aus der Familie der
Kompositen, ausdauernde Kräuter mit abwechselnden,
ganzrandigen, oft gesägten Blättern, in Trauben oder
Rispen stehenden, kleinen Blütenkörbchen und
cylindrischen, gerippten Achenen mit einreihigem Pappus. Etwa 80
Arten, meist Nordamerikaner. S. canadensis L. (kanadische Goldrute,
Klapperschlangenkraut), in Nordamerika, mit bis 2,5 m hohem,
zottigem Stengel, lanzettförmigen, gesägten, scharfen
Blättern und gelben Blüten in zurückgebogenen,
einseitigen Trauben, welche wieder große Rispen bilden, wird
gegen den Biß der Klapperschlange gebraucht und häufig
als Zierpflanze kultiviert. Von S. Virga aurea L. (heidnisches
Wundkraut), in Europa, in Wäldern und Hainen, besonders an
trockenen Stellen, mit bis 1 m hohem Stengel, untern elliptischen,
gesägten, obern lanzettlichen, fast ganzrandigen Blättern
und gelben, traubigen oder rispig traubigen
Blütenständen, war das adstringierend aromatische Kraut
früher offizinell.

Solidarhaft (Solidarbürgschaft), im
Genossenschaftswesen die Haftpflicht des Einzelmitglieds für
die Verbindlichkeiten der Genossenschaft (s. Genossenschaften, S.
103).

Solidarisch (lat. in solidum), Bezeichnung für
diejenige Gemeinschaftlichkeit von Verbindlichkeiten und Rechten
(Solidarobligation), vermöge deren, wenn mehrere etwas zu
fordern haben, jeder das Ganze fordern kann und, wenn mehrere
verpflichtet sind, jeder das Ganze zu leisten schuldig ist (alle
für einen und einer für alle, samt und sonders, korreal).
Der Entwurf des deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs spricht in
solchen Fällen von einem "Gesamtschuldverhältnis" und von
"Gesamtgläubigern" und "Gesamtschuldnern". Vgl.
Korrealverbindlichkeit.

Solidarität (lat.), völlige
Übereinstimmung, Einheit, z. B. der Interessen.

Solidarpathologie (lat.), s. Cellularpathologie und
Medizin.

Soli Deo gloria! (lat.), Gott allein die Ehre!

Solidieren (lat.), befestigen, sichern.

Solidungula, s. v. w. Einhufer.

Solidus, röm. Goldmünze, welche Kaiser
Konstantin d. Gr. um 312 an Stelle des bis dahin üblichen
Aureus (s. d.) einführte, und die seitdem nicht bloß die
allgemeine Reichsmünze war, sondern bald auch Geltung
über die ganze damals bekannte Welt erlangte. Der Wert betrug
1/72 Pfd = 4,55 g und war bisweilen durch die Zahl LXXII oder durch
die griechischen Zahlzeichen O B (d. h. 72) auf der Münze
ausgedrückt. Das gewöhnlichste Teilstück ist das
Drittel, der Tremissis oder Triens; selten sind Stücke von
1½, 2 und mehr Solidi (sogen. Medaillons). Der Name S.
("Ganzstück") erhielt sich noch lange für verschiedene
Geldwerte; schließlich ging er, da Feinheit und Kurswert der
Münzen immer mehr herabsanken, auf Kupfermünzen, wie den
italienischen Soldo und den französischen Sou, über.

Soligalitsch (Ssoligalitsch), Kreisstadt im russ.
Gouvernement Kostroma, an der Kostroma, mit (188^) 3303 Einw.,
entstand aus einem Kloster (1335 gegründet), in dessen
Nähe Salzquellen entdeckt wurden, und gehörte seit 1450
zum moskauischen Fürstentum. Die Salzgewinnung hat jetzt fast
ganz aufgehört; doch wird ein Brunnen, aus dem klares
bittersalziges Wasser hervorsprudelt, als Heilquelle benutzt.

Solikamsk (Ssolikamsk), Kreisstadt im russ. Gouvernement
Perm, unweit der Kama, hat 7 griechisch-russ. Kirchen, ein Kloster,
eine Stadtbank, wichtige Salinen (jährlich über 1 Mill.
Pud Salz) und (1885) 3901 Einw.

Soliloquium (lat.), Selbstgespräch, Monolog.

Soliman (Suleiman), Name von drei türk. Sultanen: 1)
S. I., Sohn Bajesids I., ließ sich nach der Gefangennehmung
seines Vaters bei Angora 1402 in Adrianopel zum Sultan ausrufen,
mußte aber mit seinem Bruder Musa um den Thron kämpfen,
wurde in Adrianopel eingeschlossen, auf der Flucht gefangen
genommen und seinem Bruder ausgeliefert, welcher ihn 1410
erdrosseln ließ.

12

Solimoes - Solis y Ribadeneira.

2) S. II., el Kanani ("der Große" oder "der
Prächtige"), Sohn Selims I., der berühmteste Sultan der
Osmanen, geb. 1496, war bei des Vaters Tod (22. Sept. 1520)
Statthalter von Magnesia, gab die durch seinen Vater eingezogenen
Güter an die Beraubten zurück und bestrafte mit Strenge
Staatsdiener, welche sich Unordnungen hatten zu schulden kommen
lassen. Die Verweigerung des bei einem Thronwechsel üblichen
Tributs gab ihm den Vorwand zu einem Feldzug gegen Ungarn, der ihm
den Besitz von Schabatz, Semlin und Belgrad verschaffte. Dann
rüstete er sich zur Eroberung der Insel Rhodos, welche nach
einer sechsmonatlichen Verteidigung am 25. Dez. 1522 durch Verrat
fiel. Hierauf zog er im April 1526 mit 100,000 Mann und 300 Kanonen
von neuem gegen Ungarn, und am 29. Aug. erfocht er den Sieg von
Mohács, worauf am 10. Sept. Pest und Ofen dem Sieger die
Thore öffneten. Nach Unterdrückung eines Aufstandes in
Kleinasien unternahm er zu gunsten Johann Zápolyas, Bans von
Siebenbürgen, den eine Partei zum Könige gewählt
hatte, 1529 einen dritten Feldzug nach Ungarn, nahm am 8. Sept.
Ofen und drang am 27. mit 120,000 Mann bis Wien vor, mußte
aber nach einem Verlust von 40,000 Mann am 14. Okt. die Belagerung
der Stadt aufgeben. Nun wandte er seine Waffen nach Osten. Bereits
im Herbst 1533 sandte er ein Heer unter dem Großwesir Ibrahim
nach Asien, wo die Festungen Ardschisch, Achlath und Wan fielen und
Persiens Hauptstadt Tebriz 13. Juli 1534 ihm ihre Thore
öffnete. Auch Bagdad ward noch in demselben Jahr besetzt und
hierauf von da aus das eroberte Land organisiert. Während
dessen hatte Solimans Marine unter Barbarossa den Spaniern 1533
Koron genommen und 1534 Tunis unterworfen, welches aber 1535 durch
Karls V. Expedition bald wieder verloren ging. 1541 unterwarf S.
über die Hälfte Ungarns, und Zápolyas Sohn
mußte sich mit Siebenbürgen begnügen. Endlich wurde
1547 ein fünfjähriger Waffenstillstand geschlossen, nach
welchem S. ein jährlicher Tribut von 50,000 Dukaten bewilligt
ward. Hierauf unternahm er einen zweijährigen Krieg gegen
Persien und erneuerte 1551 den Krieg in Ungarn. Erst 1562 kam mit
Ungarn ein Friede zu stande. Obschon über 70 Jahre alt,
unternahm S. 1566 einen abermaligen Heereszug gegen Ungarn, fand
aber vor Szigeth am 5. Sept. 1566 das Ende seines thatenreichen
Lebens. S. beschließt die Periode der Blüte der
osmanischen Herrschaft. Die Türken verehren in ihm ihren
größten Fürsten. Als Krieger ausgezeichnet und
glücklich, war er auch ein weiser Gesetzgeber und Staatsmann.
Er übte Gerechtigkeit, hielt die Beamten in Pflicht und
Gehorsam, beförderte Ackerbau, Gewerbfleiß und Handel
und war freigebig gegen Gelehrte und Dichter. Doch hielt er sich
nicht frei von Grausamkeit; so ließ er seiner Favoritin
Roxelane, einer gebornen Russin, zu Gefallen alle ihm von andern
Frauen gebornen Kinder umbringen, um ihrem Sohn Selim II. die
Nachfolge zu sichern.

3) S. III., Sohn Ibrahims, Bruder Mohammeds IV., geb. 1647,
folgte, nach dessen Absetzung von den Ulemas aus seiner
langjährigen Haft befreit, 1687, hatte mit Empörungen zu
kämpfen und führte den Krieg in Ungarn unglücklich,
bis er 1689 Mustafa Köprili zum Großwesir ernannte;
starb 1691.

Solimões, s. Amazonenstrom.

Solingen, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Düsseldorf, auf einer Anhöhe unweit der Wupper und an der
Linie Ohligswald-S. der Preußischen Staatsbahn, 216 m ü.
M., hat 2 evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein
Realprogymnasium, ein Kranken-, Armen- und Waisenhaus, ein
Amtsgericht, eine Handelskammer, eine Reichsbanknebenstelle, sehr
bedeutende Fabrikation von Eisen- und Stahlwaren, insbesondere von
trefflichen Säbel- und Degenklingen, Messern, Gabeln, Scheren,
chirurgischen Instrumenten etc., welche in die entferntesten
Länder ausgeführt werden, ferner Eisengießereien
und Fabriken für Patronentaschen, Helme, Zigarren etc. und
(1885) 18,641 meist evang. Einwohner. Die Entstehung der
Eisenindustrie soll unter Adolf IV. von Berg 1147 durch Damaszener
Waffenschmiede, nach andrer Annahme um 1290 durch eingewanderte
Steiermärker begründet worden sein. Erst 1359 wurde der
Herrenhof S. vom Grafen von Berg erworben und erhielt bald darauf
Stadtrecht. 1815 kam S. an Preußen. Vgl. Cronau, Geschichte
der Solinger Klingenindustrie (Stuttg. u. Leipz. 1885).

Solinus, Gajus Julius, röm. Schriftsteller,
wahrscheinlich aus dem 3. Jahrh. n. Chr., veranstaltete aus des
Plinius "Historia naturalis" einen Auszug, meist geographischen
Inhalts, der unter dem Titel: "Polyhistor" auf uns gekommen ist
(beste Bearbeitung von Th. Mommsen, Berl. 1864).

Soliped (lat.), Einhufer.

Solipsen (v. lat. solus, allein, und ipse, selbst, = S.
I.), satir. Name für die Jesuiten, insofern diese nur an sich
selbst zuerst denken. Vgl. Imhofer (Scotti), Monarchia Solipsorum
(Vened. 1645).

Solipsismus, in theoretischer Hinsicht der subjektive
Idealismus (Fichtes), weil das Ich aus sich allein die Welt
schafft, in praktischer Hinsicht der Egoismus, weil der Einzelne
handelt, als ob die Welt sein wäre; Solipsist, ein
Selbstsüchtiger.

Solis, Virgilius, Zeichner und Kupferstecher, geb. 1514
zu Nürnberg, bildete sich nach den Stichen der sogen.
Kleinmeister, verlor sich aber bald in charakterlose Manier, welche
den meisten seiner Kupferstiche (ca. 650) und Federzeichnungen
eigen ist. Er hat seine Motive mit Vorliebe aus der antiken
Mythologie und Geschichte gewählt, aber auch viele Bildnisse
und Szenen aus dem Leben seiner Zeit gezeichnet und gestochen.
Zuletzt schloß er sich ganz den Italienern an. Er starb 1.
Aug. 1562 in Nürnberg.

Solist (lat.), Solosänger.

Solis y Ribadeneira, Antonio de, span. Dichter und
Geschichtschreiber, geb. 28. Okt. 1610 zu Alcalá de Henares,
studierte in Salamanca die Rechte, begleitete später den
Grafen von Oropesa, Vizekönig von Navarra und später von
Valencia, als Sekretär und leistete in dieser Stellung
ausgezeichnete Dienste. Seine Talente erregten die Aufmerksamkeit
Philipps IV., der ihm eine Stelle im Staatssekretariat verlieh und
ihn später zu seinem eignen Sekretär machte. Dasselbe Amt
bekleidete S. auch bei der Königin-Regentin, die ihn
außerdem 1666 zum Chronisten von Indien ernannte. Nicht lange
darauf ließ er sich zum Priester weihen und starb 19. April
1686. Seine "Poesías varias" wurden von I. de Goyeneche
(Madr. 1692) herausgegeben, neuerdings auch in der "Biblioteca de
autores españoles" (Bd. 42) abgedruckt. Viel bedeutender ist
er aber durch seine "Comedias" und er kann als der letzte gute
Dramatiker im Nationalgeschmack betrachtet werden. Seine
Stücke zeichnen sich weniger durch Originalität der
Erfindung, die meistens nicht ihm gehört, als durch geschickte
Behandlung sowie große Reinheit und Eleganz der Sprache und
des Stils aus und wurden zu Madrid 1681 und 1732 gedruckt (eine
Auswahl auch im 47. Bande der genannten "Biblioteca"). Unter
denselben waren die Schauspiele: "El amor al uso" und

13

Solitär - Solmisation.

"El alcazar del segreto" sowie die nach Cervantes' schöner
Novelle bearbeitete "Gitanilla de Madrid" (auch von P. A. Wolff zu
seiner "Pretiosa" benutzt) besonders beliebt. Am berühmtesten
und außerhalb Spaniens am bekanntesten ist S. als
Geschichtschreiber durch seine "Historia de la conquista de Mejico"
(Madr. 1684; am besten, das. 1783-84, 2 Bde., u. öfter; auch
im 28. Bd. der "Biblioteca de autores españoles", 1853;
deutsch von Förster, Quedlinb. 1838), welche, wenn auch kein
kritisches Geschichtswerk im strengen Sinn des Wortes, doch wegen
der kunstreichen Darstellung und der geistvollen Betrachtungsweise
sowie wegen des Reichtums, der Eleganz und Klarheit der Sprache zu
den klassischen Werken der spanischen Litteratur gerechnet wird.
Noch hat man von S. eine Anzahl vortrefflich geschriebener Briefe,
die Mayans y Siscar in seiner Sammlung "Cartas morales etc." (Val.
1773, 5 Bde.) herausgab.

Solitär (franz. solitaire), Einsiedler,
einsiedlerisch lebender Mensch; ein einzeln stehender, funkelnder
Stern; ein einzeln gefaßter Diamant oder Edelstein von
besonderm Wert. Auch ein Geduldspiel für eine einzelne Person,
das sich vielfach in Kinderstuben findet, heißt S. Auf einem
Brett sind 37 Löcher in 7 Reihen so angebracht, daß die
1. und 7. Reihe je 3, die 2. und 6. je 5, die 3., 4. und 5. je 7
Löcher enthalten. In jedem Loch steckt ein leicht ausziehbarer
Stift. Das Spiel besteht darin, daß man einen Stift weglegt,
sodann immer einen Stift in gerader Linie über einen andern
wegsteckt und den übersprungenen herausnimmt. Um das Spiel zu
gewinnen, darf man zuletzt nur noch einen Stift im Brett behalten.
Solitärpflanzen, Pflanzen mit schönen Blättern etc.
zur Einzelstellung auf Rasen.

Solitüde (franz., "Einsamkeit"), öfters Name
von Lustschlössern. Besonders bekannt ist die S. bei
Stuttgart, 1763-67 von Herzog Karl erbaut und 1770-1775 Sitz der
durch Schiller berühmt gewordenen Karlsschule (s. d.).

Solium (lat.), s. v. w. Thron, ein hoher erhabener Sitz
mit Rücken- und Seitenlehnen. Auf einem solchen saß bei
den Römern der Pater familias, wenn er morgens seinen Klienten
Audienz gab.

Soljanka, russ. Gericht aus mit Zwiebeln gedämpftem
Sauerkraut, welches mit gebratenem Fleisch geschichtet, mit
Pfeffergurken, Pilzen, Würstchen bedeckt und im Ofen leicht
gebacken wird.

Soll, in der Buchhaltung (s. d., S. 564) s. v. w. Debet.
Solleinnahmen, Sollausgaben, erwartete, noch nicht erfolgte
Einnahmen und Ausgaben (Sollposten). Demgemäß spricht
man auch von einem Budgetsoll oder Etatsoll, während das
Kassensoll die Summe angibt, welche, entsprechend den Buchungen, in
der Kasse vorhanden sein soll.

Sölle, s. Riesentöpfe.

Sollen unterscheidet sich von Müssen wie das Sitten- vom
Naturgesetz dadurch, daß eine durch das erstere gebotene
Handlung unterlassen werden kann, aber nicht unterlassen werden
darf, ohne mißfällig zu werden, während von dem
durch das letztere vorgeschriebenen Geschehen keine Ausnahme
stattfinden kann.

Söller (v. lat. solarium), s. v. w. Saal oder
Vorplatz im obern Stockwerk eines Hauses; auch ein offener Gang
oder Altan um dasselbe.

Sollicitudo omnium ecclesiarum (lat.), die Bulle vom 7.
Aug. 1814, durch welche Papst Pius VII. den Jesuitenorden
wiederherstellte ; s. Jesuiten, 210.

Solling (Solinger Wald), ein den Weserbergen
angehöriger Bergzug in der preuß. Provinz Hannover und
im Herzogtum Braunschweig, fällt steil von Bodenfelde bis
Holzminden westlich zum Weserthal und östlich bei Einbeck zu
den Thälern der Leine und Elme ab. Der S., welcher im Moosberg
zu 513 m Höhe ansteigt, ist ganz bewaldet und besteht aus
Buntsandstein, der vielfach gebrochen wird (Höxtersandstein).
Mit dem S. schließt das durch die hessischen Länder nach
Süden bis zum Odenwald sich erstreckende Buntsandsteingebirge
im N. ab.

Sollizitieren (lat.), nachsuchen, inständig bitten;
Sollizitant, Bittsteller, Rechtssucher; Sollizitation, Gesuch;
Sollizitator, Anwalt.

Sollm., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für A. Sollmann, Lehrer in Koburg (Pilze).

Sollogub, Wladimir Alexandrowitsch, Graf, russ.
Schriftsteller, geb. 1814 zu St. Petersburg, studierte in Dorpat,
schlug dann die diplomatische Laufbahn ein und erhielt bei der
Gesandtschaft in Wien einen Posten. Später wurde er vom
Ministerium des Innern in den Süden Rußlands
abkommandiert, um statistische Nachrichten über die
südlichen Gouvernements zu sammeln. Nachdem er sich vom
Staatsdienst zurückgezogen, nahm er seinen Wohnsitz in Dorpat
und starb 17. Juni 1882 im Bad Homburg. Sein Hauptwerk ist
"Tarantas" (1845; deutsch, Leipz. 1847), eine mit trefflichem Humor
verfaßte Schilderung der verschiedenen Schichten der
Gesellschaft in der Provinz. Außerdem sind zahlreiche
Novellen und Erzählungen (darunter die rührende
"Geschichte zweier Galoschen" und "Die große Welt")
vorhanden, die von Phantasie und Beobachtungsgabe zeugen, wenn sie
auch der künstlerischen Tiefe ermangeln. Gelegentlich
versuchte sich S. auch als Theaterdichter (z. B. mit dem Lustspiel
"Der Beamte", 1857) und veröffentlichte "Erinnerungen an
Gogol, Puschkin und Lermontow" (deutsch, Dorp. 1883) u. a.

Solmisation, eine eigentümliche, Jahrhunderte
hindurch üblich gewesene Methode, die Kenntnis der Intervalle
und der Tonleitern zu lehren, welche auf Guido von Arezzo (um 1026)
zurückgeführt wird; sicher ist, daß sie um 1100
bereits sehr verbreitet war. Die S. hängt offenbar eng
zusammen mit der damals aufkommenden Musica ficta, d. h. dem
Gebrauch chromatischer, der Grundskala fremder Töne, und
verrät eine Ahnung von dem innersten Wesen der Modulation, d.
h. des Überganges in andre, transponierte Tonarten,
entsprechend unserm G dur, F dur etc., die nichts als Nachbildungen
des C dur auf andrer Stufe sind. Die sechs Töne C D E F G A
(Hexachordum naturale) erhielten nämlich die Namen ut, re, mi,
fa, sol, la (nach den Anfangssilben eines Johanneshymnus: ut queant
laxis resonare fibris mira gestorum famuli tuorum, sole polluti
labii reatum, sancte Ioannes); dieselben Silben konnten nun aber
auch von F oder von G aus anfangend zur Anwendung kommen, so
daß F oder G zum ut wurde, G oder A zum re etc. Da stellte
sich nun heraus, daß, wenn A mi war, der nächste Schritt
(mi-fa) einen andern Ton erreichte als das mi des mit G als ut
beginnenden Hexachords, d. h. die Unterscheidung des B von H (B
rotundum oder molle [b] und B quadratum oder durum [#], vgl.
Versetzungszeichen) wurde damit begreiflich gemacht. Jedes
Überschreiten des Tons A nach der Höhe (sei es nach B
oder H) bedingte nun aber einen Übergang aus dem Hexachordum
naturale entweder in das mit F beginnende (mit B molle [B], daher
Hexachordum molle) oder das mit G beginnende (mit B durum [H],
daher Hexachordum durum); im erstern Fall erschien der
Übergang von G nach A als sol-mi. im andern als sol-re. Vom
erstern stammt der Name S. Jeder

14

Solmona - Solms.

derartige Hexachordwechsel hieß Mutation. Die folgende
Tabelle mag das veranschaulichen:

[siehe Graphik]

Die geklammerten Vertikalreihen hier sind die Hexachorde: die
unterhalb mit # bezeichneten Reihen Hexachorda dura (mit h), die
mit b bezeichneten Hexachorda mollia (mit b), die ohne Abzeichen
naturalia (weder h noch b enthaltend). Die Horizontalreihen ergeben
die zusammengesetzten Solmisationsnamen der Töne (Gamma ut bis
e la). Zur bequemen Demonstration der S. bediente man sich der
sogen. Harmonischen Hand (s. d.). In Deutschland ist die S. nie
sehr beliebt gewesen; dagegen verdrängten in Italien und
Frankreich die Solmisationsnamen gänzlich die Buchstabennamen
der Töne, ja man bediente sich längere Zeit daselbst
sogar der zusammengesetzten Namen C solfaut, G solreut etc., weil
nämlich C im Hexachordum naturale ut, im Hexachordum durum fa
und im Hexachordum molle sol war etc. Der italienische Name Solfa
für Tonleiter sowie solfeggiare, solfeggieren (d. h. die
Tonleiter singen), kommt natürlich auch von der S. her.
Für das moderne System der transponierten Tonarten wurde die
S. unpraktikabel. Als man anfing, die zusammengesetzten
Solmisationsnamen zu schwerfällig und, was wichtiger ist,
nicht ausreichend zu finden (nämlich für die Benennung
der chromatischen Töne), und den einfachen Silben ut, re, mi,
fa, sol, la ein für allemal feststehende Bedeutung anwies, um
sie durch b und # beliebig verändern zu können, bemerkte
man, daß ein Ton (unser H) gar keinen Namen hatte; indem man
nun auch diesem Ton einen Namen gab, versetzte man der S. den
Todesstoß, denn die damit beseitigte Mutation war deren
Wesenskern. Einfacher wäre es freilich gewesen, zur schlichten
Buchstabenbenennung zurückzukehren, wie sie durch die
Schlüsselzeichen [Grafik] ein für allemal in unsrer
Tonschrift implizite enthalten ist. Statt dessen soll um 1550
Hubert Waelrant, ein belgischer Tonsetzer, die sogen. belgische S.
mit den sieben Silben: bo, ce, di, ga, lo, ma, ni (Bocedisation)
vorgeschlagen und eingeführt haben, während um dieselbe
Zeit der bayrische Hofmusikus Anselm von Flandern für H den
Namen si, für B aber bo wählte (beide galten nach alter
Anschauung für Stammtöne). Henri van de Putte (Puteanus,
Dupuy) stellte in seiner "Modulata Pallas" (1599) bi für H
auf, Adriano Banchieri in der "Cartella musicale" (1610) dagegen ba
und Pedro d'Urenna, ein spanischer Mönch um 1620, ni. Ganz
andre Silben wünschte Daniel Hitzler (1628): la, be, ce, de,
me, fe, ge (Bebisation), unserm A, B, C, D, E, F, G entsprechend,
und noch Graun (1750) glaubte mit dem Vorschlag von da, me, ni, po,
tu, la, be etwas Nützliches zu thun (Damenisation). Von allen
diesen Vorschlägen gelangte schließlich nur der zu
allgemeiner Geltung, die Silbe si für H (aber ohne bo für
B) zu setzen, und dies erklärt sich hinreichend daraus,
daß das si wie die übrigen Solmisationssilben dem
erwähnten Johanneshymnus entnommen ist (die Anfangsbuchstaben
der beiden Schlußworte: Sancte Ioannes).

Solmona, Kreishauptstadt in der ital. Provinz Aquila
(Abruzzen), in herrlicher Gebirgsgegend am Fluß Gizzio, an
der Eisenbahn Castellammare Adriatico-Aquila-Terni, ist
Bischofsitz, hat mehrere Kirchen (darunter San Pamfilo mit
schönem Portal), ein schönes Rathaus, eine alte
Wasserleitung, ein Gymnasium, technische Schule, Seminar, Papier-
und Walkmühlen, Fabrikation von Webwaren, Darmsaiten und
Konfitüren, Weinbau und (1881) 14,171 Einw. S. ist das alte
Sulmo, Ovids Geburtsort, wovon sich noch einzelne Baureste erhalten
haben.

Solms, altes gräfliches, zum Teil fürstliches
Geschlecht, dessen Stammschloß seit dem 14. Jahrh. Braunfels
in der Wetterau war, und das Marquard, Grafen von S. im Hessengau,
der 1129 erwähnt wird, zum ersten gewissen Stammvater hat.
1409 teilte sich das Geschlecht in die Linien S.-Braunfels und
S.-Lich. Erstere teilte sich wieder in drei Zweige, wovon nur noch
der Zweig Greiffenstein besteht, der 1693 den Namen Braunfels
annahm und 1742 in den Reichsfürstenstand erhoben ward. Die
zweite Linie teilte sich in zwei Hauptzweige: S.-Hohen-S.-Lich,
1792 in den Reichsfürstenstand erhoben, und S.-Laubach,
gräflich. Letzterer teilte sich wieder in zwei Unterlinien,
S.-Sonnenwalde und S.-Baruth; die letztgenannte wieder in zwei
Äste, S.-Rödelheim und Assenheim, in beiden Hessen
standesherrlich, und S.-Wildenfels mit den Nebenästen
S.-Wildenfels-Laubach und S.-Wildenfels zu Wildenfels. Die
Reichsunmittelbarkeit verloren die fürstlichen und
gräflichen Linien 1806. Den ansehnlichsten
zusammenhängenden Teil der Ländereien des Hauses besitzt
Georg, Fürst von S.-Braunfels (geb. 18. März 1836;
succedierte 7. März 1880 seinem Bruder, dem Fürsten
Ernst), nämlich unter preußischer Landeshoheit die
Ämter Braunfels, Greiffenstein, unter großherzoglich
hessischer die Ämter Hungen, Wölfersheim und Gambach,
unter württembergischer einen Teil von Limpurg-Gaildorf,
zusammen 514 qkm, mit welchen Besitzungen eine Virilstimme beim
Landtag der Rheinprovinz verbunden ist. Residenz ist Braunfels.
Dieser Linie gehörte auch der österreichische
Feldmarschallleutnant Prinz Karl zu S.-Braunfels (geb. 27. Juli
1812, gest. 13. Nov. 1875) an, der Sohn der in zweiter Ehe mit dem
Prinzen Friedrich Wilhelm (gest. 1814) vermählten Prinzessin
Friederike von Mecklenburg-Strelitz, Stiefbruder des Exkönigs
Georg von Hannover, auf den er in österreichischem Interesse
einwirkte; seine Söhne sind katholisch und stehen in
österreichischen Diensten. Der Fürst von
S.-Hohen-S.-Lich, Hermann, geb. 15. April 1838, besitzt unter
preußischer Landeshoheit das Amt Hohen-S. und unter
großherzoglich hessi-

15

Solnhofen - Solombala.

scher die Ämter Lich und Niederweisel, zusammen 220 qkm. Er
residiert zu Lich und ist erbliches Mitglied der
großherzoglich hessischen Ersten Kammer, wie er auch auf dem
Landtag der Rheinprovinz eine Virilstimme hat. Haupt der in
Preußen und Sachsen ansässigen, nicht standesherrlichen
Linie S.-Sonnenwalde ist Graf Theodor, geb. 6. Febr. 1814; sein
jüngerer Bruder, Graf Eberhard, geb. 2. Juli 1825, war 1878-87
deutscher Gesandter in Madrid und ist jetzt Botschafter in Rom.
Standesherr in der Linie S.-Laubach zu Rödelheim und Assenheim
ist Graf Maximilian, geb. 14. April 1826, der auf Grund seiner
Besitzungen im Groß Herzogtum Hessen erbliches Mitglied der
dortigen Ersten Kammer ist. Gleicherweise ist der Standesherr zu
S.-Laubach, Graf Friedrich, geb. 23. Juni 1833, erbliches Mitglied
der Ersten Kammer im Großherzogtum Hessen. Der Standesherr
von S.-Wildenfels zu Wildenfels, Graf Friedrich Magnus, geb. 26.
Juli 1847, der neben der Herrschaft Wildenfels unter königlich
sächsischer Landeshoheit im Großherzogtum Hessen und in
Sachsen-Weimar Besitzungen hat, ist erbliches Mitglied der Ersten
Kammer des Königreichs Sachsen. Das Haupt der Baruther Linie,
Graf Friedrich Hermann Karl Adolf, geb. 29. Mai 1821, erbliches
Mitglied des preußischen Herrenhauses, ward im April 1888 in
den Fürstenstand erhoben. Vgl. Graf zu S.-Laubach, Geschichte
des Grafen- und Fürstenhauses S. (Frankf. a. M. 1865).

Solnhofen (Solenhofen), Dorf im bayr. Regierungsbezirk
Mittelfranken, Bezirksamt Weißenburg, an der Altmühl und
der Linie München-Ingolstadt-Hof der Bayrischen Staatsbahn,
hat eine evang. Kirche, ein ehemaliges Benediktinerkloster von 743
und (1885) 1128 Einw. Berühmt sind die Solnhofener Schiefer,
womit man die obersten schieferigen Jurakalke bezeichnet, die
zwischen S. und Monheim und bis tief nach Schwaben hinein den
Jurakalk und Dolomit bedecken und in ausgedehnten Brüchen, die
bei S. ihren Mittelpunkt haben, für die verschiedensten
Zwecke: als lithographische Steine, zu Tischplatten, für
Kegelbahnen, Fußböden etc., verarbeitet werden. In ihnen
fand man die Überreste des ersten bekannten Vogels (s.
Archaeopteryx).

Solnhofener Schichten, s. Juraformation.

Solo (ital., "allein"), in der Musik Bezeichnung eines
Instrumentalstücks, welches allein, ohne Begleitung eines
andern Instruments, vorgetragen wird. Innerhalb der für
Orchester geschriebenen Werke bedeutet S. soviel wie eine sich
auffallend heraushebende, von einem einzelnen Instrument
ausdrucksvoll vorzutragende Stelle, die indes in der Regel von
andern Instrumenten begleitet wird. Wieder eine andre Nüance
der Bedeutung des Wortes ist die, daß es bei Instrumenten,
welche vielfach besetzt sind, als Gegensatz von Tutti gebraucht
wird; die Anweisung "S." im Parte der Violinen eines
Orchesterwerkes bedeutet, daß nur Ein Violinist (der
Konzertmeister) die Stelle spielen soll; der Wiedereintritt der
übrigen Geiger wird dann durch "Tutti" bezeichnet. In
demselben Sinn ist in Chorwerken S. der Gegensatz von "Chor" (vgl.
Ripieno). Tasto s. (t. s.) bedeutet in der
Generalbaßbezifferung, daß die übrigen Stimmen
pausieren und nur die Baßstimme selbst angegeben werden
soll.

Solo (ital., "allein"), im Kartenspiel entweder (z. B.
beim Skatspiel) ein Spiel, welches mit denjenigen Karten allein
gemacht wird, die man ursprünglich erhalten hat, oder ein
selbständiges Spiel mit deutscher Karte, dem L'hombre
nachgebildet. Zu diesem Spiel gehören vier Personen, welche
zunächst die vier Farben untereinander auslosen. Wer Eicheln
hat, gibt an, und Eicheln ist für die ersten 16 Spiele (eine
Tour) die Kouleur. In der nächsten Tour wird die Farbe des
zweiten Spielers Kouleur etc. Jeder erhält 8 Blätter.
Treffdame oder Eichelnober (Spadille), die Sieben der jedesmaligen
Trumpffarbe (Manille oder Spitze) und Pikdame oder Grünober
(Baste) sind beständige Trümpfe und rangieren in der
genannten Folge; der Wert der übrigen Karten ist der
natürliche. In Treff und Pik (Eicheln und Grün) sind 9,
in Coeur und Karo (Rot und Schellen) aber 10 Trümpfe
vorhanden. Es gibt im S. 4 Spiele: Frage, Groß-Casco
(Forcée partout, Respect), Solo und Klein-Casco
(Forcée simple). Die beiden Cascos sind Zwangsspiele: das
kleine muß, wenn alle 4 Personen gepaßt haben, der
Inhaber der Spadille machen; das große muß der Besitzer
von Spadille und Baste spielen, außer wenn er selbst oder ein
andrer S. hat. Frage und S. werden durch Frage und S. in Kouleur
überboten. Nur im S. spielt einer gegen drei; bei Casco oder
Frage nimmt sich der Meldende durch das sogen. Dausrufen einen
Gehilfen. Spielt jemand Frage, so wählt er eine Farbe zu
Trumpf und nennt zugleich ein Daus von einer andern Farbe. Wer
dieses Daus hat, ist Gehilfe; er darf dies aber nicht entdecken.
Spielt einer Casco, so ruft er ebenfalls ein Daus; den Trumpf macht
aber der aufgerufene Gehilfe. Zum Gewinn sind mindestens 5 Stiche
erforderlich; bei 4 Stichen ist das Spiel einfach verloren und bei
nur 3 Stichen "Codille". Vole, Tout, Wäsche oder Lese ist
gemacht, wenn der oder die Spieler alle 8 Stiche bekommen, eine
Revolte oder Devole, wenn sie gar keine bekommen, Remis, wenn jede
Partei 4 Stiche macht. Es gilt Matadorrechnung, wie im Skat. Das
Solospiel ist in vielfacher Weise erweitert und abgeändert
worden; eine interessante Abart ist das S. unter 5 Personen,
welches nach gleichen Regeln mit einer Karte von 5 Farben (40
Blättern) gespielt wird. Die hinzugefügte Farbe
heißt die blaue. Eine andre ist die mit dem Mediateur, wobei
von einem der Mitspieler ein Daus (As) gegen eine entbehrliche
Karte eingetauscht und dann S. gespielt wird.

Solo, Landschaft, s. Surakarta.

Solofänger, ein Windhund, der einen Hasen allein,
ohne Hilfe andrer Hunde, zu fangen vermag.

Solofra, Stadt in der ital. Provinz Avellino, am
Fuß des Monte Terminio, Station der Eisenbahn von Neapel nach
Avellino, hat bedeutende Fabrikation von Leder und Pergament,
Handel mit Wolle und gesalzenem Schweinefleisch und (1881) 5178
Einw.

Sologne (spr. ssolonnj), franz. Landstrich in den
Departements Cher, Loiret und Loir-et-Cher, 460,000 Hektar
groß und sprichwörtlich wegen seiner Unfruchtbarkeit,
enthält sandige Heiden, zahlreiche Teiche und Sümpfe (zu
deren Entwässerung in neuerer Zeit allerdings viel gethan
worden ist) und etwas Wald, produziert Buchweizen und Wein
(Solognewein), Schafe und eine eigne Rasse Pferde (Solognote).

Sololá, Departement im mittelamerikan. Staat
Guatemala, erstreckt sich an der Küste des Stillen Ozeans bis
auf die Hochebene und hat (1885) 76,342 Einw. In seiner Mitte liegt
der reizende Atitlansee (s. d.) und in dessen Nähe die
Hauptstadt S.

Solombala (Ssolombala), ehemaliger Kriegshafen im russ.
Gouvernement Archangel, am Weißen Meer, von Peter I.
angelegt, mit einer Admiralität, wurde 1862 als solcher
aufgehoben und bildet gegenwärtig eine Vorstadt von Archangel,
von welchem der Ort durch einen Arm der Dwina getrennt ist. S.

16

Solon - Solothurn.

hat 2 Kirchen, ein kath. Bethaus, eine Seemannsschule, eine
Schiffswerfte, einen geräumigen Kauffahrteihafen und gegen
11,000 Einw.

Solon, berühmter Gesetzgeber Athens, unter den
sieben Weisen Griechenlands der bedeutendste, geboren um 640 v.
Chr. zu Athen, Sohn des Exekestides, aus einem alten edlen
Geschlecht, welches Kodros unter seinen Ahnen zählte, widmete
sich dem Handel und ging frühzeitig auf Reisen. Zum erstenmal
trat er 604 öffentlich auf. Die Athener, eines langen
resultatlosen Kampfes mit Megara um Salamis müde, hatten ein
Gesetz gegeben, welches jeden mit dem Tod bedrohte, der eine
Erneuerung des Kampfes beantragen würde. S. erschien hierauf
in der Rolle eines Wahnsinnigen auf dem Markt, sang vom Stein des
Herolds herab eine von ihm verfertigte Elegie: "Salamis", und
entflammte dadurch die Kriegslust der Athener aufs neue in solchem
Grade, daß der Kampf wieder begonnen und mit der Eroberung
der Insel beendigt wurde. Nicht lange nachher (600) wurde auf
Solons Betrieb der erste Heilige Krieg gegen Krissa zum Schutz des
delphischen Heiligtums beschlossen. Athen selbst aber befand sich
um diese Zeit in einer bedenklichen Lage. Die Zerrüttung war
allgemein, und der Zwiespalt der Parteien drohte den Staat zu
untergraben. Da trat S. im entscheidenden Augenblick abermals als
Retter seiner Vaterstadt auf, bewirkte eine allgemeine Sühnung
des Volkes durch Epimenides und stiftete Frieden. Hierauf machte
er, um der wachsenden Not und Verarmung des niedern Volkes zu
steuern, durch die Seisachtheia (s. d.) dem Wucher ein Ende und
ermöglichte die Abwälzung der Schulden. 594 zum ersten
Archon gewählt, gab er dem Staat eine neue Verfassung. Seine
Absicht ging hierbei vornehmlich dahin, die bisher zwischen Adel
und Volk bestandene Kluft auszufüllen, die Anmaßung des
erstern zu brechen, die Entwürdigung der letztern zu
beseitigen, Standesvorrechte und Beamtenwillkür abzuschaffen
und eine nach den Leistungen abgestufte Beteiligung aller
Staatsbürger an der Staatsregierung einzuführen (s.
Athen, S. 1001). Seine Verfassung war also eine Timokratie. Ihren
Charakter und Zweck hat S. selbst am schönsten in den Versen
bezeichnet (nach der Übersetzung von Geibel):

So viel Teil an der Macht, als genug ist, gab ich dem Volke,

Nahm an Berechtigung ihm nichts, noch gewährt' ich zu
viel.

Für die Gewaltigen auch und die reicher Begüterten
sorgt' ich,

Daß man ihr Ansehen nicht schädige wider
Gebühr.

Also stand ich mit mächtigem Schild und schützte sie
beide,

Doch vor beiden zugleich schützt' ich das heilige
Recht.

Außerdem gab er dem Volk eine dessen ganzes Leben und
ganze Thätigkeit umfassende Gesetzgebung, deren segensreiche
Wirkungen seine Verfassung überdauert haben; sie gewöhnte
das Volk zu lebendiger, selbständiger Teilnahme am
öffentlichen Leben, hob die geistige Bildung und erzeugte
bewußte Sittlichkeit und edle Humanität in ihm. Die Sage
erzählt, daß S. die Athener verpflichtet habe,
während eines zehnjährigen Zeitraums an seiner
Gesetzgebung nichts zu ändern, und daß er eine Reise ins
Ausland deshalb gemacht habe, um nicht selbst Hand an die
Abänderung seiner Gesetze legen zu müssen. Er ging
zunächst nach Ägypten, wo er mit den Priestern von
Heliopolis und Sais Umgang hatte, dann nach Cypern und nach Sardes
zu Krösos, mit dem er nach der (historisch unmöglichen)
Sage die bekannte Unterredung über die Nichtigkeit
menschlicher Glückseligkeit hatte. Nach seiner Rückkehr
nach Athen suchte er vergeblich den von neuem ausbrechenden
Zerwürfnissen daselbst zu steuern und mußte noch sehen,
daß sich Peisistratos zum Tyrannen aufwarf. Er starb 559;
seine Gebeine sollen auf sein eignes Verlangen nach Salamis
gebracht und dort verbrannt, die Asche aber auf der ganzen Insel
umhergestreut worden sein. Als Sittenspruch wurde ihm beigelegt:
"Nichts zu viel". Als Dichter war er nicht minder ausgezeichnet wie
als Gesetzgeber. Seine Gedichte sind größtenteils
hervorgegangen aus dem Bedürfnis, seinen Mitbürgern die
Notwendigkeit der von ihm getroffenen Staatseinrichtungen
darzuthun. Die Fragmente derselben sind gesammelt von Bach (Bonn
1825), in Schneidewins "Delectus poesis Graecorum elegiacae"
(Göttingen 1838) und in Bergks "Poetae lyrici graeci". Ins
Deutsche übersetzte sie Weber in den "Elegischen Dichtern der
Hellenen" (Frankf. 1826). Die ihm von Diogenes Laertius beigelegten
Briefe an Peisistratos und einige der sieben Weisen sind
untergeschoben. Solons Leben beschrieb Plutarch. Vgl. Kleine,
Quaestiones de Solonis vita et fragmentis (Kref. 1832); Schelling,
De Solonis legibus (Berl. 1842).

Solothurn (franz. Soleure), ein Kanton der Schweiz, wird
im O. von Basel und Aargau, im Süden und W. von Bern, im N.
von Basel begrenzt und hat einen Flächengehalt von 784 qkm
(14,2 QM.). Abgesehen von den beiden Exklaven Mariastein und
Klein-Lützel, die auf bernischem Gebiet an der Elsässer
Grenze liegen, ist das Land von eigentümlich zerrissenen
Umrißformen und zerfällt zunächst in Anteile der
Schweizer Hochebene und in solche des Jura. Zu jenen gehören
das Aarethal von S., in welches die Thalebene der Großen Emme
ausmündet, und das Aarethal von Olten. Beide Thalstrecken
scheidet ein vorspringendes Stück des bernischen Ober-Aargaues
(Wangen-Wiedlisbach), und eine Jurakette, deren Häupter
Hasenmatt (1449 m), Weißenstein (1284 m) und Röthifluh
(1398 m) sind, schließt sie nach der Seite der jurassischen
Landschaften ab. In der Klus von Önsingen-Balsthal bricht die
Dünnern aus ihrem dem Aarelauf parallelen jurassischen
Hochthal hervor, um bei Olten in die Aare zu münden,
während ebenfalls bei Balsthal das jenem parallele Guldenthal
sich öffnet. Ein zweiter Jurazug, die Kette des Paßwang
(1005 m), führt von Mümliswyl hinüber in das
Birsgebiet (Schwarzbubenland). Das Klima gehört eher zu den
rauhen als milden, so daß das Land ohne Weinbau ist. Die
Volkszahl beläuft sich auf (1888) 85,720 Köpfe. Die
Solothurner, deutschen Stammes und katholischer Konfession (nur
21,898 Protestanten, vorwiegend im Bucheggberger Amt), gelten
für "ein gutmütiges, munteres und rechtschaffenes
Völkchen". Seit durch Referendum vom 4. Okt. 1874 die
Benediktinerabtei Mariastein und die beiden Chorherrenstifter von
Solothurn und Schönenwerd aufgehoben sind, besitzt der Kanton
noch drei Kapuziner- und drei Nonnenklöster. Die Katholiken
des Kantons sind der Diözese Basel zugeteilt, und seit
längerer Zeit ist die Stadt S. Bischofsitz. Einige Gemeinden
haben sich dem 1874 geschaffenen Nationalbistum angeschlossen. S.
ist ein vorzugsweise Ackerbau treibendes Ländchen, einer der
wenigen Schweizer Kantone, welche Getreide über den Bedarf
erzeugen; auch kommen Obst und Kirschwasser sowie (bei guter
Waldwirtschaft) Holz zur Ausfuhr. Rindvieh, meist vom Berner
Schlag, wird viel gehalten. Einige Käse kommen dem Emmenthaler
gleich; um Mümliswyl wird der "Geißkäse" bereitet.
Auch viele Schafe und Ziegen werden gehalten, Pferde weniger als
früher; hingegen besteht noch eine treffliche Schweinezucht.
Der Jura liefert Gips und trefflichen Kalkstein; in der Nähe
der Hauptstadt wird "Marmor"

17

Solothurn (Kanton und Stadt).

gebrochen und weithin versandt. Bohnerzlager finden sich bei
Matzendorf (seit 1877 so gut wie erschöpft). Gerlafingen hat
in neuerer Zeit Baumwollspinnerei (Derendingen) u.
Papierfabrikation eingeführt. Sonst besitzt die Gegend von
Olten-Schönenwerd eine rege Industrie: einen Eisendrahtzug,
eine große Maschinenbauwerkstätte, Strumpffabrikation u.
a. Die Bandweberei des Schwarzbubenlandes ist eine Dependenz von
Basel (s. d., S. 418). Ferner bestehen Glashütten,
Parkettfabriken etc. Wenn auch weder die Stadt S. noch Olten zu den
Handelsplätzen gehört, sind beide doch bedeutsame
Knotenpunkte im Schweizer Bahnnetz geworden. Im Kur- und
Touristenverkehr nimmt S. keine hervorragende Stelle ein; nur der
Weißenstein und Bad Lostorf sind stark besuchte Punkte. Die
heutige Volksschule gliedert sich, wie in den meisten Kantonen, in
eine allgemein verbindliche primäre und eine fakultative
sekundäre Stufe. Von humanitären Anstalten besitzt der
Kanton eine Irrenheilanstalt (Rosegg), die Dischersche
Rettungsanstalt Hofmatt und eine von Schwendimann dotierte
Blindenanstalt. Die öffentlichen Bibliotheken zählen ca.
85,000 Bände (die Stadtbibliothek Solothurns allein
40,000).

Die Verfassung des Kantons, 12. Dez. 1875 vom Volk angenommen,
23. Okt. 1887 revidiert, hat an die Stelle der
Repräsentativdemokratie das Referendum gesetzt.
Demgemäß unterliegen alle Gesetze und
Staatsverträge sowie alle neuen Ausgaben von höherm
Betrag und alle Staatsanleihen von mehr als einer halben Million
dem obligatorischen Referendum. Das Recht der Initiative ist
geregelt; ein Volksentscheid muß stattfinden, wenn eine
Anregung von 2000 Votanten eingereicht ist. Das Volk kann sowohl
Legislative als oberste Exekutive abberufen; eine Abstimmung
entscheidet, sobald die Abberufung von 4000 Votanten verlangt wird.
Der Kantonsrat, als gesetzgebende Behörde, wird vom Volk auf
vier Jahre gewählt. Die Exekutive übt ein Regierungsrat
von fünf Mitgliedern, welche das Volk auf vier Jahre
erwählt. Der Präsident führt den Titel Landammann.
Ein Obergericht, durch den Kantonsrat ebenfalls auf vier Jahre
ernannt, besteht aus sieben Mitgliedern. Im übrigen garantiert
die Verfassung alle in den Schweizer Kantonen üblichen
Grundrechte. Der Kanton ist in fünf Amteien eingeteilt, jede
mit Oberamtmann und Amtsgericht. Die Staatsrechnung für 1887
ergibt an Einnahmen 1,736,746 Frank, davon an Abgaben 611,581 Fr.;
die Ausgaben belaufen sich auf 1,865,956 Fr., wovon 333,558 Fr. auf
das Erziehungswesen entfallen. Zu Ende 1887 betrugen die Aktiva des
Staatsvermögens 13,245,122 Fr., die Passiva 10,079,000 Fr.,
also reines Staatsvermögen 3,166,122 Fr.; dazu die
Spezialfonds, 15 an Zahl, im Betrag von 3,685,089 Fr., zusammen
6,851,211 Fr.

Die gleichnamige Hauptstadt des Kantons, zu beiden Seiten der
Aare, Knotenpunkt der Bahnlinien Herzogenbuchsee-Biel,
Olten-Lyß und S.-Langnau, bietet außer dem
Ursusmünster (1773 von Pisoni vollendet) und dem Zeughaus nur
die eine Sehenswürdigkeit der Verena-Einsiedelei, mit einem
Felskirchlein und einer großen Felsenhöhle. Die Stadt
selbst hat sich in neuerer Zeit erweitert und verschönert und
besitzt eine Kantonsschule (Gymnasium und Industrieschule), eine
Stadtbibliothek mit einer Sammlung von Altertümern und
Münzen, eine Gemäldegalerie, 3 Bankinstitute (darunter
eine Notenbank mit 3 Mill. Fr. Kapital), Uhren-, Eisen-,
Zementfabrikation, Baumwollweberei, Marmorsteinbrüche und
(1888) 8305 Einw. (darunter ca. 2000 Protestanten). Entferntere
Punkte sind Zuchwyl, wo Kosciuszko begraben liegt, und der Kurort
Weißenstein. Vgl. Hartmann, S. und seine Umgebungen (Soloth.
1885).

[Geschichte.] Die Stadt S. (Salodurum) war schon zur
Römerzeit ein Knotenpunkt der großen Heerstraßen
Helvetiens. Im Mittelalter lehnt sich ihre Geschichte an das im 10.
Jahrh. entstandene Chorherrenstift des heil. Ursus an, das
ursprünglich alle Hoheitsrechte mit Ausnahme des Blutbanns
innehatte, von dem sich die Bürgerschaft aber allmählich
emanzipierte. Nach dem Aussterben der Zähringer (1218), welche
die Reichsvogtei besessen, wurde S. reichsunmittelbar; 1295
schloß es mit Bern ein ewiges Bündnis und hatte 1318
eine Belagerung durch Herzog Leopold auszustehen, weil es Friedrich
den Schönen nicht als König anerkannte. Ein Versuch des
verarmten Grafen Rudolf von Kyburg, sich der Stadt durch Verrat zu
bemächtigen, wurde glücklich vereitelt (Solothurner
Mordnacht, vom 10. zum 11. Nov. 1382) u. führte zu dem
Kyburger Krieg, in welchem Bern und S. das Grafenhaus vernichteten.
Als treue Verbündete Berns nahm S. an den Schicksalen der
Eidgenossen schon seit dem 14. Jahrh. Anteil, wurde aber infolge
des Widerstandes der "Länder" erst 22. Dez. 1481 gleichzeitig
mit Freiburg in den Bund aufgenommen, nachdem es sich durch Kauf
den größten Teil des heutigen Kantons als
Unterthanenland erworben. Gegen die Reformation verhielt sich S.
eine Zeitlang schwankend, aber nach der Schlacht von Kappel waren
die Katholiken im Begriff, die reformierte Minderheit mit den
Waffen zu vernichten, als der katholische Schultheiß Wengi
sich vor die Mündung der Kanonen stellte und durch seine
hochherzige Dazwischenkunft den blutigen Zusammenstoß
vermied. Doch blieb S. der Reformation verloren und schloß
sich 1586 dem Borromeischen Bund an. Dagegen hielt es sich fern von
dem Bunde der übrigen katholischen Orte mit Spanien (1587),
vornehmlich aus Ergebenheit gegen Frankreich, dessen Ambassadoren
S. zu ihrer regelmäßigen Residenz erwählt hatten.
Aus ihrem glänzenden Hofhalt und den reichlich
fließenden französischen Gnadengeldern schöpfte die
Stadt einen Wohlstand, den der Adel in höfischen
Festlichkeiten zu entfalten liebte. Auch in S. bildete sich
nämlich ein erbliches Patriziat aus, dessen Regiment erst 1798
mit dem Einrücken der Franzosen ein Ende nahm (1. März).
Die Mediationsakte erhob 1803 S. zu einem der sechs
Direktorialkantone mit einer Repräsentativverfassung. Nach dem
Einrücken der Österreicher bemächtigten sich die
noch lebenden Mitglieder der alten patrizischen Räte in der
Nacht vom 8. zum 9. Jan. 1814 des Rathauses, erklärten sich
für die rechtmäßige Regierung und schlugen eine
Erhebung der Landschaft mit bernischer Hilfe nieder; nur ein
Drittel des Großen Rats wurde dieser zugestanden. 1828 wurde
S. durch ein Konkordat der Kantone Bern, Luzern, Zug, S., Aargau
und Thurgau zum Sitz des neugegründeten Bistums Basel erhoben.
1830 mußte der Große Rat dem stürmischen Verlangen
der Landschaft nachgeben und vereinbarte mit den Ausschüssen
derselben eine neue Verfassung, welche, obwohl sie der Hauptstadt
noch 37 Vertreter auf 109 gewährte, 13. Jan. 1831 mit
großer Mehrheit angenommen wurde. Nach dem "Züricher
Putsch" wurde das Wahlvorrecht der Stadt beseitigt und die
Mitgliederzahl der Regierung vermindert, worauf die neue Verfassung
10. Jan. 1841 angenommen und das liberale Regiment durch
fortschrittliche Wahlen aufs neue befestigt wurde. Daher hielt sich
der Kan-

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

2

18

Solotnik - Soltikow.

ton trotz seiner überwiegend katholischen Bevölkerung
zu den entschiedensten Gegnern des Sonderbundes und nahm die neue
Bundesverfassung 1848 mit großer Mehrheit an. Durch zwei
Verfassungsrevisionen (1851 und 1856) ward das lange festgehaltene
System der indirekten Wahlen und der Allmacht der Regierung auch in
Kommunalangelegenheiten beseitigt. Nachdem 1869 Referendum und
Initiative eingeführt worden waren, wurde 1875 die gesamte
Verfassung revidiert. Inzwischen war der Konflikt der Baseler
Diözesanstände gegen den in S. residierenden Bischof
Lachat ausgebrochen, in welchem S. sich der Mehrheit anschloß
und den Bischof nötigte, nach seiner Entsetzung seine
Amtswohnung zu räumen. Zugleich strengte die Regierung namens
der Stände einen Aufsehen erregenden Prozeß gegen Lachat
wegen stiftungswidriger Verwendung von bedeutenden Legaten an, der
1877 vom Obergericht zu ihren gunsten entschieden wurde. Eine Folge
dieses Konflikts war die Aufhebung einer Anzahl kirchlicher
Stiftungen, deren ca. 4 Mill. betragendes Vermögen zu Schul-
u. Krankenfonds verwendet wurde (18. Sept. 1874). Auch fand das
christkatholische Bistum staatliche Anerkennung in S., doch
vermieden sowohl die Regierung als die römisch-katholische
Geistlichkeit einen offenen Bruch, und die letztere unterwarf sich
auch 1879 der in der Verfassung vorgesehenen periodischen
Wiederwahl durch die Gemeinden. 1885 wurde der Friede mit der Kurie
durch Wiedererrichtung des Bistums Basel und des Domkapitels in S.
hergestellt, wo der neue Bischof Fiala seinen Sitz nahm. Da die
Regierung sich durch Beteiligung mehrerer ihrer Mitglieder an einem
Bankschwindel bloßstellte, trat sie 1887 zurück, und das
Volk beschloß 23. Okt. d. J. eine neue, rein demokratische
Verfassung. Vgl. Strohmeier, Der Kanton S. historisch,
geographisch, statistisch (St. Gallen 1836); Fiala, Geschichtliches
über die Schule von S. (das. 1875-1879, 4 Tle.); Amiet, S. im
Bunde der Eidgenossen (Soloth. 1881).

Solotnik, Gewicht in Rußland, = 1/96 Pfund = 96
Doli = 4,265 g.

Solotonoscha, Kreisstadt im russ. Gouvernement Poltawa,
am Flusse S., der dem Dnjepr zuströmt, mit 9 Kirchen,
Mädchenprogymnasium und (1885) 8417 Einw., die sich meist mit
Landwirtschaft beschäftigen. S. kam 1654 an Rußland.

Solotschow, Stadt im russ. Gouvernement Charkow, an der
Uda, mit (1885) 6584 Einw., die sich mit Garten- und Ackerbau,
Schuhmacherei, Kürschnerei und Viehhandel
beschäftigen.

Solowezk (Ssolowezk), russ. Inselgruppe im Weißen
Meer, im Eingang zum Onegabusen gelegen, zum Teil mit Tundren und
Gestrüppe bedeckt, zum Teil mit Birken und Kiefern bewachsen.
Auf der Hauptinsel liegt das reiche Solowjezkische Kloster, ein
berühmter, jährlich von ca. 8000 Pilgern besuchter
Wallfahrtsort, seit 1429 bestehend und aus Anlaß der
häufigen Überfälle von seiten der Schweden mit
betürmten Granitmauern umgeben. Die Mönche betreiben
Thransiederei und in dem an den Ufern schon sehr tiefen Meer
Herings-, Hausen- und Lachsfanng (vgl. die vortreffliche
Schilderung von Dixon in "New Russia").

Solowjew, 1) Sergei Michailowitsch, russ.
Geschichtschreiber, geb. 5. Mai 1820 zu Moskau, studierte daselbst
und brachte als Hauslehrer bei dem Grafen Stroganow die Jahre
1842-44 im Ausland, meist in Paris, zu. Nachdem er mit einer
Schrift: "Über die Beziehungen Nowgorods zu den
Großfürsten", die Magisterwürde und mit einer
andern: "Die Geschichte der Beziehungen zwischen den Fürsten
des Rurikschen Geschlechts", den Doktorgrad erlangt hatte, hielt er
Vorlesungen über Geschichte an der Moskauer Universität,
ward 1855 Dekan der philosophischen Fakultät und 1871 Rektor
der Universität Moskau. Daneben unterrichtete er die
Großfürsten in Petersburg in der Geschichte und versah
das Amt eines Direktors der Antiquitätensammlung im Kreml. Als
der Unterrichtsminister Tolstoi das freisinnige
Universitätsstatut abschaffen wollte, geriet S. in Streit mit
den Behörden und forderte 1877 seine Entlassung, die er auch
erhielt. Er starb 4. Okt. 1879 in Moskau. Außer zahlreichen
Aufsätzen über Geschichtswissenschaft und russische
Geschichte in periodischen Zeitschriften schrieb S.: "Historische
Briefe" (1858-59); "Schlözer und die antihistorische
Richtung"; "Die Geschichte des Falles von Polen" (1863; deutsch von
Spörer, Gotha 1865); "Kaiser Alexander I., Politik und
Diplomatie" (1877); "Lehrbuch der russischen Geschichte" (7. Aufl.
1879); "Populäre Vorlesungen über russische Geschichte"
(1874); "Kursus der neuen Geschichte" ; "Politisch-diplomatische
Geschichte Alexanders I." (1877) u. a. Sein Hauptwerk ist die
"Russische Geschichte von den ältesten Zeiten" (1851-80, Bd.
1-29, bis 1774 reichend).

2) Alexander Konstantinowitsch, russ. Revolutionär, geb.
1846, ward Lehrer, dann Amtsschreiber, ging 1878 nach Petersburg,
trat hier der nihilistischen Verschwörung bei und unternahm
14. April 1879 ein Attentat auf Kaiser Alexander II., indem er
fünf Revolverschüsse auf ihn abfeuerte, ohne ihn zu
verletzen; S. ward 10. Juni d. J. gehenkt.

Solözismus (griech.), Sprachfehler, besonders ein
auf die Konstruktion des Satzes bezüglicher. Die Alten
leiteten das Wort von dem Namen der athenischen Kolonie Soloi in
Kilikien ab, deren Einwohner ihren Heimatsdialekt rasch vergessen
und sich durch fehlerhafte Sprechweise ausgezeichnet haben
sollen.

Solpuga, Walzenspinne.

Solquellen, s. Salz (S. 237) und Mineralwässer.

Solsalz, aus Salzlösungen gewonnenes Kochsalz im
Gegensatz zum Steinsalz.

Solsona (das alte Setelsis), Bezirksstadt in der span.
Provinz Lerida, hat 2 Kastelle, eine Kathedrale,
Quincailleriefabriken, Baumwoll- und Leinweberei und (1878) 2413
Einw.

Solspindel, s. Gradierwage.

Solstitium (lat., "Sonnenstillstand"), s. Sonnenwenden;
solstitial, die Solstitien betreffend.

Solt, Markt im ungar. Komitat Pest mit (1881) 5692
ungarischen und serbischen Einwohnern.

Solta, österreich. Insel im Adriatischen Meer,
südlich von Spalato, 56 qkm groß, ist fruchtbar, hat
mehrere Häfen, eine Landwirtschaftsgesellschaft und in sechs
Ortschaften (1880) 2556 Einw.

Soltau, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Lüneburg, an der Linie Stendal-Langwedel der Preußischen
Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, ein Amtsgericht, Filz-,
Teppich-, Faßkräne- und bedeutende
Fruchtweinfabrikation, Honig- und Bettfedernhandel und (1885) 2827
Einw. S., schon 937 genannt, ist durch die Schlacht vom 28. Juni
1519 (beim Dorf Langeloh) in der Hildesheimer Stiftsfehde
bekannt.

Soltikow (Ssaltykow), russ. Adelsgeschlecht, welches auf
die Zeiten Alexander Newskijs zurückreicht und unter seinen
Gliedern viele Bojaren zählt. Praskowja Fedorowna S. ward die
Gemahlin des Zaren Iwan Alexejewitsch (gest. 1696) und dadurch
Mutter der Kaiserin Anna. Der General Se-

19

Soltyk - Somal.

men S., Gouverneur von Moskau, ward durch diese 1732 in den
russischen Grafenstand erhoben. Dessen Sohn, Graf Peter
Semenowitsch S., geb. 1700, führte im Siebenjährigen
Krieg seit 1759 den Oberbefehl über die russische Armee, trug
23. Juli 1759 bei Kai einen Sieg über den preußischen
General Wedel davon und gewann 12. Aug., nachdem er sich mit dem
österreichischen General Laudon vereinigt hatte, den
entscheidenden Sieg bei Kunersdorf über den König
Friedrich II. selbst. Dafür mit der Feldmarschallswürde
belohnt, ward er später Generalgouverneur in Moskau und starb
15. Dez. 1772. Nikolai Iwanowitsch S., geb. 24. Okt. 1736, wurde
1783 Erzieher des nachmaligen Kaisers Alexander I. und des
Großfürsten Konstantin, 1796 Feldmarschall und
Präsident des Kriegskollegiums, 1812 Präsident des
Reichsrats und 1813-15 Vorsitzender des Ministerkomitees. 1814 in
den Fürstenstand erhoben, starb er 28. Mai 1816 in Petersburg.
Sein ältester Sohn, Fürst Alexander S., war kurze Zeit
Minister des Äußern und starb 1837. Dessen Neffe,
Fürst Alexei S., machte sich durch seine Reisen in Persien
1838 und Ostindien 1841-46 bekannt, die er in "Voyages dans l'Inde"
(3. Aufl., Par. 1858) und "Voyage en Perse" (das. 1851)
beschrieb.

Soltyk, Roman, poln. General, geb. 1791 zu Warschau, Sohn
des Reichstagsmarschalls Stanislaus S. und der Prinzessin Karoline
Sapieha, besuchte die polytechnische Schule in Paris, trat 1807 als
Leutnant in die Fußartillerie des damaligen
Großherzogtums Warschau und machte 1809 den Feldzug gegen
Österreich mit. 1812 als Adjutant des Generals Sokolnicki in
den Generalstab Napoleons I. berufen, befehligte er in der Schlacht
bei Leipzig die Sachsen und geriet durch deren Übergang in die
Gefangenschaft der Alliierten. Wieder frei, verließ er den
Militärdienst und eröffnete in Warschau ein Eisenmagazin.
Seit 1822 beteiligte er sich an den geheimen politischen
Gesellschaften. Nach dem Ausbruch der Revolution vom 29. Nov. 1830
begab er sich nach Warschau, ward Generalkommandant der vier auf
dem rechten Weichselufer liegenden Woiwodschaften, organisierte
hier 47,000 Mann mobiler Nationalgarden und beantragte auf dem
Reichstag die Absetzung des Kaisers Nikolaus und die Erklärung
der Souveränität des Volkes (21. Jan. 1831). Während
der Belagerung Warschaus durch die Russen Befehlshaber der
Artillerie in der Stadt, widersetzte er sich aufs eifrigste der
Kapitulation Krukowieckis und hielt stand bis zum letzten
Augenblick, ging dann mit der Armee nach Plozk und übernahm
eine Sendung nach England und Frankreich, um dort eine Vermittelung
dieser Mächte für Polen nachzusuchen. Er starb am 22.
Okt. 1843 in St. Germain en Laye. Im Exil schrieb er den
"Précis historique, politique et militaire de la
révolution du 29 novembre" (Par. 1833, 2 Bde.; deutsch
bearbeitet von Elsner, Stuttg. 1834) und "Napoléon en 1812"
(Par. 1836; deutsch, Wesel 1837).

Soluntum (Solus), im Altertum befestigte Stadt auf
Sizilien, östlich von Palermo, phönikischen Ursprungs,
zur Zeit des Dionys (397 v. Chr.) mit den Karthagern verbündet
und im ersten Punischen Krieg erst nach dem Fall von Panormos zu
Rom übergehend, wahrscheinlich durch die Sarazenen
zerstört; jetzt Ruinen Solanto. Seit 1826 (in
größerm Maßstab seit 1863) werden hier, ½
Stunde Gehens von der Station Santa Flavia, Ausgrabungen
vorgenommen, durch welche bereits die meisten Straßen der
Stadt, viele Mosaikböden und mancherlei Skulpturen freigelegt
worden sind.

Solution (lat.), Lösung; solubel, löslich.

Solutivum (neulat.), Auflösungsmittel.

Solutum (lat.), Zahlung.

Solvabel (lat.), auflösbar; solvieren, lösen,
seiner Verbindlichkeit nachkommen; solvent, zahlungsfähig
(daher insolvent, zahlungsunfähig); Solvenz,
Zahlungsfähigkeit, im Gegensatz zu Insolvenz (s. d.).

Solventia (lat.), lösende Mittel, Expektoranzien,
welche eine Lösung des zähen Schleims bewirken, den
Auswurf befördern.

Solway Firth (spr. ssóllwe), Golf des Irischen
Meers, zwischen England und Schottland, schneidet in
nordöstlicher Richtung 56 km tief in das Land ein und
enthält viele Lachse und Heringe. Während der Ebbe kann
der obere Teil des S. fast trocknen Fußes durchkreuzt werden,
die Flut steigt aber rasch und mit großer Heftigkeit. In ihn
münden die Flüsse Cocker, Eden, Esk, Annan und Nith. Sein
oberes Ende überspannt ein Eisenbahnviadukt.

Solwytschegodsk (Ssolwytschegodsk), Kreisstadt im russ.
Gouvernement Wologda, an der Wytschegda, mit (1885) 1313 Einw.

Solzy (Ssolzy), Flecken im russ. Gouvernement Pskow,
Kreis Porchow, am Schelonj, mit (1885) 5903 Einw., welche lebhaften
Flachshandel nach Petersburg treiben.

Soma (griech.), Leib, Körper.

Soma (ital.), in der Lombardei s. v. w. Hektoliter.

Soma, in den Hymnen des Weda (s. d.) ursprünglich
der berauschende, mit Milch und Mehl gemischte und einige Zeit der
Gärung überlassene Saft einer Pflanze, der eine
begeisternde und heilende Wirkung auf Menschen und Götter
übt; besonders häufig wird der berauschende Einfluß
des Trankes auf den Gott Indra geschildert. Als die betreffende
Pflanze gilt heute eine Sarcostemma-Art (Asclepias acida), die
indes in südlichern Strecken wächst, als die Wohnsitze
des wedischen Volkes gelegen waren, so daß wahrscheinlich mit
den Sitzen auch die Pflanze gewechselt hat. Die begeisternde Macht
des Trankes führte bereits in indo-iranischer Zeit dazu, den
Saft als Gott S. zu personifizieren und ihm fast alle Thaten andrer
Götter zuzuschreiben. Bei den Ostiraniern steht dem Somakult
der ganz analoge Haomakult zur Seite. Vgl. Windischmann, Über
den Somakultus der Arier (Münch. 1847); Muir, Original
Sanskrit texts (Bd. 2, S. 469 ff., und Bd. 5, S. 258 ff.); Haug,
Essays on the sacred language etc. of the Parsis (2. Ausg., Lond.
1878, S. 282 ff.); Hovelacqe, L'Avesta (Par. 1880, S. 272 ff.).

Somain (spr. ssomäng), Stadt im franz. Departement
Nord, Arrondissement Douai, Knotenpunkt der Eisenbahnlinien
zwischen Douai und Valenciennes, mit bedeutenden Steinkohlengruben
und darauf gegründeter Industrie in Zucker, Leinwand, Glas,
Chemikalien und 1881) 4782 Einw.

Somal (Singular Somali), ein den Hamiten und zwar der
äthiopischen Familie derselben zugerechneter großer
Volksstamm, welcher das ganze östliche Horn Afrikas
östlich von den Galla und südlich von den Danakil
über den Dschubbfluß hinaus bis gegen den Tana bewohnt.
Sie zerfallen in drei voneinander unabhängige Stämme: die
Adschi von Tadschura am Golf von Aden bis Kap Gardafui, die Hawijah
an der Küste des Indischen Ozeans bis zur Stadt Obbia und die
Rahanwin im W. der Hawijah zwischen Dschubb und Webbi (s. Tafel
"Afrikanische Völker", Fig. 29 u. 30). Die ethnographische
Stellung der S. ist noch keine sichere; sie scheinen ein Mischvolk
zu sein, bei dem nach den physischen Eigenschaften

20

Somateria - Somerset.

einmal der nordostafrikanische Typus durchschlägt, dann
aber wieder eine Annäherung an das Semitische sich kundgibt.
Unzweifelhaft sind sie Verwandte der Abessinier und Galla. Als
fanatische Mohammedaner rühmen sie sich ihrer Herkunft aus
Arabien. Bemerkenswert ist die von Revoil bei Somalweibern
häufiger beobachtete Steatopygie (s. d.). Das Haar
läßt man lang wachsen, beizt es mit Kalk rötlich;
im Innern werden Perücken aus Schaffell getragen. Die Zahl der
S. (zu 5 Mill. geschätzt) ist nicht bekannt, da in den
eigentlichen Kern ihres Landes bis jetzt nur der Brite L. James
nebst Genossen eingedrungen ist. Die Sprache der S. gehört zu
dem äthiopischen (südlichen) Zweig des hamitischen
Sprachstammes (dargestellt von Prätorius in der "Zeitschrift
der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft", Bd. 24, 1870;
auch von Hunter: "Somal-Grammatik", Bombay 1880). Eine Schrift
besitzen die S. nicht. Der Charakter des Volkes ist nach der
Lebensweise verschieden. Die beduinischen S. sind leidenschaftlich,
verräterisch und grausam, der Wert eines Mannes wird bei ihnen
nach der Zahl seiner Mordthaten bemessen. Dagegen zeigen die
Bewohner der größern Ortschaften eine
verhältnismäßig nicht unbedeutende Bildung. Alle
aber sind stolz und freiheitliebend u. im allgemeinen Feinde der
Fremden. Sie leben meist in Monogamie, Sklaven sind nicht
häufig. Die Kinder beiderlei Geschlechts werden beschnitten,
die Mädchen bis zur Verheiratung vernäht. Bei der
Verheiratung wählt das Mädchen den Mann, letzterer
muß aber den Schwiegervater für dasselbe bezahlen. Auf
die Frauen fällt die ganze Arbeitslast. Als Kleidung dienten
früher Felle, jetzt ein der abessinischen Schama
ähnliches Baumwollentuch, auch tragen die Frauen Beinkleider,
Sandalen sind häufig in Gebrauch. Als Waffen dienen Lanzen,
runde Schilde, Messer, im Süden auch Schwerter, ferner Bogen
und vergiftete Pfeile. Die Wohnungen werden in den Städten aus
Steinen und Lehmziegeln, sonst aus Fachwerk und Strohmatten
errichtet; die nomadisierenden S. haben leicht abtragbare,
zeltähnliche Hütten. Die Nahrung besteht im Fleisch ihrer
Herden, in Sorghum, Mais, Milch, Butter sowie eingeführten
Datteln und Reis. Spirituosen und Schweinefleisch sind verboten.
Als Haustiere werden Kamele, Rinder (Zebu), Schafe, Ziegen, Pferde,
Esel gehalten. Gelegentlich jagt man Elefanten, Nashorn,
Büffel, Antilopen, Strauße. Den Toten zollt man viel
Verehrung. Die Stämme stehen unter Häuptlingen, die aber
wenig Macht haben. Die Gesellschaft zerfällt in drei Klassen:
die Saladin, die Reichen und Würdenträger; die Barkele
oder Beduinen und die Mödgan, letztere sind die Eisenarbeiter
und werden als Zauberer scheel angesehen. Eine Art Hörige sind
die Tomal, welche als Hirten, Kamelreiter u. a. dienen; eine Art
Zigeuner, verachtet, aber wegen ihrer Zaubereien gefürchtet,
sind die Jibbir. Bei allen hat die Blutrache Geltung. Das Somal-
oder Somaliland besteht aus einem schmalen, sandigen
Küstenstreifen, der an der Nordseite mehrere Häfen
(Zeila, Bulhar, Berbera, Las Gori, sämtlich in englischem
Besitz, ferner am Osthorn Bender Felek, Ras Felek) hat,
während die Ostküste ganz ohne Häfen verläuft
bis zu den im Besitz von Sansibar befindlichen: Warscheich,
Mogduschu, Merka, Barawa, Kismaju. Das Innere ist eine weite, von
einzelnen Höhenrücken unterbrochene Hochfläche, die
zum Teil aus großen wüsten Strichen mit hartem Boden
besteht. Die Wasserläufe, die das Land durchziehen, sind den
größten Teil des Jahrs trocken, nur der Dschubb
führt das ganze Jahr hindurch Wasser und ist auch eine
beträchtliche Strecke aufwärts bis Bardera, wo v. d.
Decken ermordet wurde, schiffbar; der nächstbedeutende Webi
erreicht die See nicht. Auf dem Hochland sind der Tug Dehr und Tug
Faf ihrer fruchtbaren Thalmulden wegen zu bemerken. Die hohe
Temperatur des Küstenstrichs wird durch heftige Seewinde sehr
gemildert; auf dem Hochland bilden 8° C. das Temperaturminimum
und 32° C. das Maximum. Mimosen, Calotropis procera, Euphorbien
und Koloquinten charakterisieren die Vegetation des Tieflandes,
während im Hochland Weihrauchbäume, alle Gummisorten,
Leuchtereuphorbien, im Webigebiet auch der Affenbrotbaum gedeihen.
Die Fauna bietet Wanderheuschrecken, giftige große Ameisen,
viele Bienen, Flußpferde und Krokodile, Strauße, alle
afrikanischen Katzen, große Antilopenherden, das Zebra und
den Wildesel. Vgl. Haggenmacher, Reise im Somaliland (Gotha 1876);
Révoil, La vallée du Darror. Voyage au pays
Çomalis (Par. 1882); Derselbe, Faune et flore des pays
Çomalis (das. 1882); Paulitschke, Beiträge zur
Ethnographie und Anthropologie der S., Galla und Harari (Leipz.
1886); James, The unknown horn of Africa (Lond. 1888).

Somateria, Eiderente.

Somátisch (griech.), körperlich.

Somatologie (griech.), die Lehre vom menschlichen
Körper, also besonders Anatomie.

Sombreréte, Bergstadt im mexikan. Staat Zacatecas,
2369 m ü. M., an der Eisenbahn von Zacatecas nach Durango,
1570 gegründet, hat eine höhere Schule und (1882) 5173
Einw.

Sombrerit, ein jüngst gebildeter, an Korallen
reicher Kalk, der durch überlagernden Guano teilweise
metamorphosiert worden ist und neben kohlensaurem Kalk und Thon
75-90 Proz. phosphorsauren Kalk enthält. Er findet sich auf
der Insel Sombrero. Die Amerikaner beuteten 1856 den S. aus und
brachten ihn als Dungmittel in den Handel, doch scheint das Lager
rasch erschöpft worden zu sein. Vgl. Guano.

Sombrero ("Hutinsel"), eine der Kleinen Antillen, 5 qkm
groß, zwischen den Jungferninseln und Anguilla gelegen, ist
ein Kalksteinfels, der schroff aus dem Meer aufsteigt, einen
Leuchtturm trägt, fast ohne Vegetation ist, aber seiner
Kalkbrüche halber doch einigen Wert besitzt; eine Zeit lang
lieferte die Insel den Sombrerit.

Sombreros (span.), breitrandige, leichte und dauerhafte
Hüte, aus Palmblättern gefertigt (s. Sabal).

Somerset (spr. ssommersset), 1) Grafschaft im
südwestlichen England, grenzt nordwestlich an den
Bristolkanal, wird zu Lande von den Grafschaften Gloucester, Wilts,
Dorset und Devon umschlossen und umfaßt 4248 qkm (77,1 QM.)
mit (1881) 469,109 Einw. Die Küste ist großenteils steil
und unzugänglich, hat aber teilweise auch schöne Buchten
mit niedrigem Landsaum; die bedeutendste derselben ist die
Bridgewaterbai. Im N. und W. ist die Grafschaft gebirgig und von
langen, jäh abfallenden Hügelketten (Mendip, Blackdown
und Quantock Hills) durchschnitten; an der Westgrenze gegen Devon
zu erhebt sich das Bergland Exmoorforest (509 m). Die bedeutendern
Flüsse sind: der Avon, welcher zum Teil die Nordgrenze bildet,
der Ex, Yeo, Axe, Brue und Parret. Der Boden ist teils steinig,
teils Heide, teils Marsch- und Moorland, im allgemeinen aber
fruchtbar, und namentlich ist die Thalebene von Taunton einer der
reichsten Bezirke von England. Das Klima ist gemäßigt.
Von der Oberfläche sind 22,1 Proz. unter dem Pflug, 60,5 Proz.
bestehen aus Weideland; 1888 zählte man 34,701 Ackerpferde,
217,728 Rinder 557,857 Schafe, 123,901 Schweine. Der Bergbau

Die Sonne.

Fig. 1. Die Sonne (photographiert von Rutherford).

Fig. 2. Sonnenflecke, beobachtet vom 10.-22. Mai 1868.

Fig. 4. Protuberanzen, beobachtet von Zöllner 1869.

Fig. 3. Totale Sonnenfinsternis am 18. Juni 1860, nach
Rümker, I-VI sind Koronastrahlen.

Fig. 5. Protuberanzen, beobachtet von Zöllner 1869.

Fig. 6. Protuberanzen, beobachtet von Secchi 1871.

21

Somerset (engl. Adelstitel).

liefert Steinkohlen, Eisen und Blei. Die Industrie erstreckt
sich auf die Herstellung von Tuch, Seide, Spitzen, Handschuhen,
Eisen und Stahl, Maschinen etc. Hauptstadt ist Taunton, die
größte Stadt aber Bath. -

2) Die nördlichste Niederlassung der britisch-austral.
Kolonie Queensland auf der Kap-York-Halbinsel, mit sicherm
Zufluchtshafen. Das früher hier bestehende
Regierungsetablissement wurde nach der Thursdayinsel und die hier
1872 errichtete Hauptstation der Londoner Missionsgesellschaft nach
der Murrayinsel (Neuguinea) verlegt.

Somerset (spr. ssómmersset) , engl. Adelstitel.
1397 erhielt das von den Plantagenets abstammende ältere Haus
Beaufort den Grafentitel und 1443 den Herzogstitel von S. Dies Haus
starb mit Edmund, dem vierten Herzog von S., der nach der Schlacht
bei Tewkesbury auf Eduards IV. Befehl enthauptet wurde, aus. Ein
natürlicher Sohn des dritten Herzogs Henry von S. nahm den
Familiennamen S. an, und dessen Nachkommen sind 1514 Grafen, 1642
Marquis von Worcester, 1682 aber wieder Herzöge von Beaufort
geworden, so daß die jüngern Söhne dieses
Herzogshauses Lords S. heißen. Unter ihnen ist hervorzuheben
Lord Granville Charles Henry S., geb. 27. Dez. 1792, unter
Liverpool Lord des Schatzes, unter Peel Domänenminister und
1841 Kanzler des Herzogtums Lancaster, gest. 23. Febr. 1848. Dessen
Oheim war Fitzroy James Henry S., später Lord Raglan (s. d.).
Den Titel Graf S. führte im 17. Jahrh. Robert Carr, Viscount
von Rochester, Graf von S., geb. 1590. Derselbe stammte aus einer
schottischen Adelsfamilie, kam als Page an den Hof Jakobs I.,
gewann durch seine Schönheit dessen Gunst, ward von ihm 3.
Nov. 1611 zum Viscount von Rochester erhoben und erhielt
großen Einfluß auf die britische Regierung. 1613
vermählte er sich mit Frances Howard, Gräfin von Essex,
deren Ehe mit dem Grafen von Essex zu diesem Zweck getrennt werden
mußte. Einen Gegner dieser Verbindung, Sir Thomas Overbury,
ließ der mächtige Günstling im Tower vergiften,
ward aber später durch George Villiers, nachmaligen Herzog von
Buckingham, aus des Königs Gunst verdrängt und samt
seiner Gemahlin als Mörder Overburys zum Tod verurteilt.
Nachdem beide mehrere Jahre im Gefängnis gesessen, woselbst S.
mit der Enthüllung von Geheimnissen drohte, die den König
kompromittieren würden, erhielten sie die Freiheit und lebten
seitdem in stiller Zurückgezogenheit. S. starb im Juli 1645.
Aus der Ehe seiner einzigen Tochter mit dem Herzog von Bedford
entsprang der unter Karl II. hingerichtete Lord William Russell (s.
d. 1). Schon im 16. Jahrh. war der Herzogstitel von S. an die
Familie Seymour (s. d.) gekommen. Der erste Herzog war Edward
Seymour. Derselbe erhielt bei der Vermählung Heinrichs VIII.
mit seiner Schwester Jane S. 1536 den Titel eines Viscount von
Beauchamp, wurde 1537 zum Grafen von Hertford ernannt, kämpfte
1544 in Schottland, verwüstete Leith und Edinburg und folgte
darauf dem König nach Frankreich, wo er Boulogne erobern half.
1547 ernannte ihn Heinrich VIII. zu einem der Geheimräte, die
während der Minderjährigkeit des jungen Eduard VI.,
seines Neffen, die Regierung führen sollten. Gleich in den
ersten Sitzungen des Geheimen Rats nach Heinrichs Tod ließ
sich aber Hertford zum Protektor des Königreichs und zum
Herzog von S. erheben und zugleich durch ein Patent des jungen
Königs die volle Regierungsgewalt übertragen. S. benutzte
seine Macht zuvörderst, um unter Cranmers Leitung die
Kirchenreformation durchzuführen. Dann unternahm er im August
1547 einen abermaligen Feldzug nach Schottland und brachte den
Schotten 10. Sept. die Niederlage bei Pinkey bei. Nach seiner
Rückkehr ließ er vom Parlament alle blutigen Gesetze
Heinrichs VIII. aufheben. Gleichwohl bildete sich allmählich
eine Partei gegen ihn, an deren Spitze die Grafen Southampton und
John Dudley, Graf von Warwick, später Herzog von
Northumberland, standen. Diesen Gegnern gelang es infolge des
Mißvergnügens über des Protektors kirchliche
Reformen und den Krieg mit Frankreich, in welchen sein schottischer
Feldzug die Nation verwickelte, den Herzog zu stürzen: der
Geheime Rat entschied sich gegen ihn, und S. wurde gefangen
gesetzt. Im November 1549 ward seine Sache vor das Parlament
gebracht, doch verurteilte ihn dieses bloß zu einer
Geldstrafe. Darauf trat S. wieder in den Rat ein; aber seine alte
Macht erlangte er nicht wieder, und seine Zerwürfnisse mit
Warwick dauerten trotz einer zwischen beiden geschlossenen
Familienverbindung fort. Nachdem sich Warwick des Königs
bemächtigt und die Staatsgewalt an sich gerissen, ließ
er S. 16. Okt. 1551 verhaften und beschuldigte denselben, ihm nach
dem Leben getrachtet und verräterische Anschläge auf die
Staatsgewalt gemacht zu haben. Von der Anklage des Verrats
freigesprochen, aber wegen Felonie verurteilt, da er einen Vasallen
des Königs habe ermorden wollen, ward S. 22. Jan. 1552 auf
Tower Hill enthauptet. Der Titel Herzog von S. erlosch darauf;
seine übrigen Titel und Güter hatte S. auf seine Kinder
zweiter Ehe übertragen lassen, nach deren Aussterben erst die
Nachkommenschaft aus erster Ehe folgen sollte. Sein Enkel William
Seymour ging 1610 eine heimliche Ehe mit Lady Arabella Stuart,
einer Verwandten König Jakobs I., ein und mußte deshalb
ins Ausland flüchten, während seine Gattin 1615 im Tower
starb. Gleichwohl bewies er sich nachmals als treuen Anhänger
der königlichen Sache, ward 1640 zum Marquis von Hertford
erhoben und 1660 nach Karls II. Restauration wieder mit dem Titel
eines Herzogs von S. ausgestattet. Er starb 24. Okt. 1660. Charles
Seymour, siebenter Herzog von S., geb. 12. Aug. 1662, spielte unter
Karl II., Wilhelm III., Anna und Georg I. als erster Peer des
Reichs eine hervorragende Rolle, trug durch seine Gemahlin, die
Erbin der Percy, wesentlich zum Sturz Marlboroughs bei, ward
Lord-Oberkammerherr und starb 2. Dez. 1748. Da sein einziger Sohn,
Algernon, achter Herzog von S., 7. Febr. 1750 ohne männliche
Nachkommen starb, trat jene frühere Klausel in Kraft, und die
Titel des Herzogs von S. und Lord Seymour gingen auf Sir Edward
Seymour, einen Nachkommen des Protektors aus erster Ehe, über,
welcher 15. Dez. 1757 starb. Dessen Urenkel Edward Adolphus, 12.
Herzog von S., geb. 20. Dez. 1804, trat 1834 für Totneß
ins Parlament. Als eifriger Whig ward er 1835 zum Lord des
Schatzes, 1839 zum Sekretär des indischen Amtes und 1841 auf
einige Zeit zum Unterstaatssekretär des Innern ernannt. Von
1849 bis Februar 1852 war er Oberkommissar der Wälder und
Forsten, zog sich aber durch Willkürlichkeiten viele Gegner zu
und wurde beim Wiedereintritt der Whigregierung 1855
übergangen, dagegen 1859 in das Whigministerium unter
Palmerston als erster Lord der Admiralität berufen, welches
Amt er bis 1866 verwaltete. Seitdem gehörte S. keiner
Regierung mehr an und starb 28. Nov. 1885 in London. Ihm folgte
sein Bruder Archibald (geb. 30. Dez. 1810) als 13. Herzog von
S.

22

Somersinseln - Somme.

Somersinseln (spr. ssömmers), s. Bermudas.

Somerville (spr. ssömmerwill), Stadt im
nordamerikan. Staat Massachusetts, dicht bei Cambridge und
Charlestown, und Wohnstadt von Boston, hat ein Irrenhaus und (1885)
29,992 Einw.

Somerville (spr. ssömmerwill), 1) William, engl.
Dichter, geb. 1677 (nicht 1692) zu Edston in Warwickshire, kam 1690
auf die Schule zu Winchester, wurde dann Fellow am New College zu
Oxford und lebte später als Friedensrichter auf dem von seinem
Vater ererbten Gut. Er starb am 19. Juli 1742. Sein Hauptwerk ist:
"The chace" (1735, mit kritischem Essay von Aikin 1796; neue Ausg.
1873), ein gefälliges didaktisch-deskriptives Gedicht in
reimlosen Versen, in welchen die Sportsmen besonders die
Sachkenntnis, die sich darin ausspricht, hervorheben. Seine "Works"
erschienen zu London 1742, 1776 u. öfter.

2) Mary, engl. Schriftstellerin im Fach der Physik und
Astronomie, Tochter des Vizeadmirals Sir William Fairfax, geb. 26.
Dez. 1780 zu Jedburg in Roxburghshire, wurde in der Nähe von
Edinburg erzogen und heiratete den Kapitän Samuel Greig, der
sie in den exakten Wissenschaften unterrichtete. Schon 1811 hatte
sie mehrere wissenschaftliche Probleme gelöst, 1826
veröffentlichte sie eine Arbeit über die magnetisierende
Kraft der Sonnenstrahlen; dann folgten unter dem Titel: "Mechanism
of the heavens" (Lond. 1831) eine Einleitung in das Studium der
Astronomie und "On the connexion of the physical sciences" (das.
1851; 10. Aufl., das. 1877), ihr Hauptwerk, welches wegen seiner
Tiefe und Klarheit außerordentlichen Beifall fand. S. wurde
1835 zum Mitglied der königlichen Gesellschaft der
wissenschaften ernannt. Sie vermählte sich nach dem Tod ihres
ersten Gatten mit dem Arzt William S., mit dem sie in London lebte.
1838 siedelte sie mit den Ihrigen nach Italien über, wo sie
1860 von neuem Witwe ward und 29. Nov. 1872 in Neapel starb. Von
ihren Werken sind noch die treffliche "Physical geography" (Lond.
1848, 2 Bde.; 7. Aufl. 1877; deutsch, Leipz. 1852) und "On the
molecular and microscopic science" (l869, 2 Bde.) zu erwähnen.
Vgl. ihre "Personal recollections from early life to old age"
(1873).

Somino (Ssomino), Flußhafen im russ. Gouvernement
Nowgorod, Kreis Ustjuschna, an der Somina, ist ein bedeutender
Stapelplatz, hauptsächlich für Getreide, Glas und
Metalle, wo alljährlich gegen 4000 Flußfahrzeuge
(Barken) ankommen und gegen 5000 abgehen.

Somma, 1) (S. Lombarda) Flecken in der ital. Provinz
Mailand, Kreis Gallarate, an der Simplonstraße und der
Eisenbahn von Mailand nach Arona, mit altem Kastell und (1881) 3422
Einw. Als Sehenswürdigkeit gilt eine uralte Cypresse von 28 m
Höhe.

2) (S. Vesuviana) Flecken in der ital. Provinz Neapel, am
nördlichen Abhang des Vesuvs, hat ein Schloß, Reste von
alten Stadtmauern, Weinbau und (1881) 4533 Einw. Hiernach ist auch
der nördliche Gipfel des Vesuvs "S." benannt.

Somma-Campagna, Dorf bei Custozza (s. d.).

Sommatino, Stadt in der ital. Provinz Caltanissetta, 368
m ü. M. auf einer Hochebene südlich von Caltanissetta
gelegen, mit Olivenkultur, Schwefelbergbau und (1881) 5375
Einw.

Sommation (franz.), die vor dem Zwangseinschreiten
erlassene Aufforderung oder gütliche Mahnung; diplomatisch s.
v. w. Ultimatum.

Somme (spr. ssomm, im Altertum Samara), Fluß im
nördlichen Frankreich, entspringt bei Font-S. unweit
St.-Quentin im Departement Aisne, fließt südwestlich,
wendet sich dann nordwestlich, tritt in das Departement S. ein,
wird bei Bray für kleinere, bei Amiens für
größere Fahrzeuge schiffbar und fällt nach einem
Laufe von 245 km unterhalb St.-Valéry mit breitem
Mündungsbecken in den Kanal (La Manche). Der Sommekanal
begleitet einen großen Teil ihres Laufs; außerdem steht
die S. noch durch den St.-Quentin-Kanal mit der Schelde und durch
den Crozatkanal mit der Oise in Verbindung.

Das Departement Somme, gebildet aus den ehemals zur Picardie
gehörigen Landschaften Santerre, Amiénais, Vimeux,
Ponthieu, Vermandois und Marquenterre, grenzt nördlich an das
Departement Pas de Calais, nordöstlich an das Departement
Nord, östlich an Aisne, südlich an Oise, südwestlich
an Niederseine, westlich an den Kanal (La Manche) und umfaßt
6161 qkm (111,89 QM.). Das Departement gehört zu den
fruchtbarsten des nördlichen Frankreich; es bildet eine weite,
nur gegen die Küste hin sandige Ebene, die sich namentlich um
den Sommebusen allmählich durch Anschwemmungen und
Eindeichungen vergrößert hat und noch
vergrößert; nur im SO. ist das Land von einzelnen
Ausläufern der Ardennen durchzogen. Bewässert wird das
Departement von der Authie, Maye, Somme mit ihren Nebenflüssen
und der Bresle. Das Klima ist kühl und feucht, im allgemeinen
aber gesund. Die Bevölkerung belief sich 1886 auf 548,982
Einw. und hat seit 25 Jahren um 24,000 Seelen abgenommen. Von der
Oberfläche kamen 1882 auf Äcker und Gärten 499,714
Hektar, Wiesen 21,596, Wälder 39,449, Heiden und Weiden 5553
Hektar. Der hoch entwickelte Ackerbau liefert Getreide über
den Bedarf (jährlich 7-8 Mill. hl), besonders: Weizen (2,8
Mill. hl), Hafer (3,4 Mill. hl), Halbfrucht, Gerste und Roggen,
Kartoffeln, viel Hülsenfrüchte, Gemüse, Hanf,
Flachs, Raps, andere Ölpflanzen und Zuckerrüben. Sehr
bedeutend ist ferner die Torfgewinnung (85,500 Ton.). Geringere
Ausdehnung hat die Viehzucht; doch ist die Zahl der Pferde (1882:
77,590), der Schafe (423,948) und namentlich des Geflügels
(1,8 Mill. Stück) immerhin ansehnlich. Einen
größern Holzbestand bildet nur der Wald von Crécy
im NW. Die Industrie ist sehr lebhaft. Ihre vorzüglichsten
Zweige sind die Spinnerei und zwar in Wolle (125,000 Spindeln),
Baumwolle (75,000 Spindeln), Flachs und Hanf (50,600 Spindeln) und
Seide (18,000 Spindeln) nebst der Schafwollkämmerei und
Zwirnerei; außerdem die Weberei (3400 mechanische und 10,500
Handstühle), insbesondere die Erzeugung von sogen. Articles
d'Amiens (Gewebe aus verschiedenen Stoffen), Tuch (besonders zu
Abbeville), Baumwollsamt, Teppichen etc. Neben der Textilindustrie
ist besonders wichtig die Rübenzuckerfabrikation (69
Etablissements mit 6600 Arbeitern, Produktion 970,000 metr. Ztr.);
ferner sind zu nennen die Eisengießerei, die Erzeugung von
Schlosserwaren und Maschinen, Seife, Kerzen, chemischen Produkten,
Papier, Bier und Branntwein. Von geringerer Wichtigkeit dagegen ist
der Handel, namentlich der Seehandel, da es dem Departement an
guten Häfen fehlt; er erstreckt sich auf die einheimischen
Ackerbau- und Industrieprodukte in der Ausfuhr, Wein, Holz, Kohlen
etc. in der Einfuhr. Das Departement wird von der Nordbahn
(Paris-Brüssel) durchschnitten, die hier von Amiens nach
Beauvais, Rouen, Abbeville, St.-Valéry, Tréport,
Boulogne und Doullens sowie nach Laon abzweigt. Es zerfällt in
fünf Arrondissement Abbeville, Amiens, Doullens, Montdidier
und Péronne. Hauptstadt ist Amiens.

23

Sommer - Sommersprossen.

Sommer, die Jahreszeit zwischen Frühling und Herbst,
astronomisch die Zeit vom längsten Tag bis zum darauf
folgenden Äquinoktium. Auf der nördlichen Halbkugel der
Erde beginnt der S., wenn die Sonne den Wendekreis des Krebses und
damit ihre größte nördliche Abweichung vom
Äquator erreicht hat (Sommersonnenwende, 21. oder 22. Juni),
und endet, wenn die Sonne auf ihrem Rückgang wieder den
Äquator erreicht hat (Herbstäquinoktium, 22. oder 23.
Sept.). Der S. der südlichen Hemisphäre dagegen
fällt auf unsern Winter und umfaßt den Zeitraum,
während dessen die Sonne von ihrer größten
südlichen Abweichung vom Äquator, also vom Wendekreis des
Steinbocks (Wintersonnenwende, 21. oder 22. Dez.), wieder zum
Äquator zurückkehrt (Frühlingsäquinoktium, 20.
oder 21. März). Auf der nördlichen Halbkugel ist der S.
um einige Tage länger als auf der südlichen, was davon
herrührt, daß die Erde während unsers
Frühlings und Sommers die von der Sonne entferntere
Hälfte ihrer Bahn durchläuft, in welcher, dem zweiten
Keplerschen Gesetz zufolge, ihre Geschwindigkeit eine geringere
ist. Der höhere Stand der Sonne, der ein mehr senkrechtes
Auftreffen der Strahlen bewirkt, sowie die längere Dauer des
Verweilens der Sonne über dem Horizont bewirken, daß
trotz des größern Abstandes der Sonne unser S.
wärmer ist als unser Winter; der Einfluß der
verschiedenen Entfernung der Sonne ist in Bezug auf die durch sie
bewirkte Erwärmung nicht bedeutend und wird erst merklich bei
Vergleichung der S. beider Hemisphären. Infolge der
stärkern Bestrahlung während des Sommers der
Südhalbkugel ist z. B. in Australien und Neuseeland
während des Sommers der Wechsel, wenn man aus dem Schatten in
die Sonne tritt, fühlbarer als bei uns. Im meteorologischen
Sinn rechnet man den S. bei uns vom 1. Juni bis 1. Sept., auf der
Südhalbkugel vom 1. Dez. bis 1. März. Die
größte Sommerwärme tritt etwa einen Monat nach dem
längsten Tag und zwar erst dann ein, wenn die Erwärmung
durch die Sonnenstrahlen gleich der Abkühlung durch die
Wärmeausstrahlung geworden ist. Daher ist der Juli der
wärmste Monat auf der nördlichen und der Januar auf der
südlichen Halbkugel, und damit dieser wärmste Monat in
die Mitte des Sommers fällt, ist die oben angegebene
Begrenzung desselben erforderlich. Vgl. Jahreszeiten.

Sommer, 1) Anton, thüring. Dialektdichter, geb. 11.
Dez. 1816 zu Rudolstadt, studierte 1835-38 in Jena Theologie,
übernahm 1847 die Leitung einer Töchterschule in seiner
Vaterstadt und daneben das Pfarramt zu Schaala und wurde 1864 zum
Garnisonprediger in Rudolstadt ernannt, wo er, halb erblindet und
seit 1881 Ehrenbürger, 1. Juni 1888 starb. Seine
gemütvollen "Bilder und Klänge aus Rudolstadt in
Volksmundart" (11. Aufl., Rudolst. 1886, 2 Bde.) haben vielen
Beifall gefunden.

2) Otto, Pseudonym, s. Möller 3).

Sommercypresse, s. Chenopodium.

Sömmerda, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Erfurt, Kreis Weißensee, an der Unstrut, Knotenpunkt der
Linie Sangerhausen-Erfurt der Preußischen Staatsbahn u. der
Eisenbahn Großheringen-Straußfurt, 160 m ü. M.,
hat 2 evangelische und eine kath. Kirche, ein Amtsgericht, Gewehr-,
Munitions-, Zündhütchen- und Eisenwarenfabrikation,
Eisengießerei und (1885) 4795 meist evang. Einwohner. S. war
Geburtsort und Wohnsitz von Dreyse (s. d.).

Sommerendivien, s. Lattich.

Sommerfäden, s. v. w. Alterweibersommer.

Sommerfeld, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Frankfurt, Kreis Krossen, an der Lubis, Knotenpunkt der Linien
Berlin-S., S.-Breslau und S.-Liegnitz der Preußischen
Staatsbahn, 82 m ü. M., besteht aus der Stadt, 2
Vorstädten (Schönfeld und Hinkau) und 3 Kolonien (Karras,
Bornstadt und Klinge), hat 2 evang. Kirchen, ein Schloß, ein
Rettungshaus, ein Amtsgericht, eine Reichsbanknebenstelle,
bedeutende Tuchfabrikation, eine Hutfabrik, eine mechanische
Bandweberei, 3 Dampffärbereien, 2 Maschinenbauanstalten, eine
Flachsgarnspinnerei, Appretur- u. Karbonisieranstalten, Ziegeleien,
eine Ofenfabrik, Dampfschneidemühlen, Bierbrauereien u. (1885)
11,362 meist ev. Einw.

Sommerfrischen, die im Sommer zu benutzenden klimatischen
Kurorte (s. d.).

Sommergewächse, einjährige Pflanzen, s.
Einjährig.

Sommerkatarrh (Catarrhus aestivus), s. Heufieber.

Sommerkleid, s. Vögel.

Sommerkönig, Vogel, s. Laubsänger und
Goldhähnchen.

Sommerpappel, s. Lavatera.

Sommerpunkt, s. v. w. Sommersolstitium, s.
Sonnenwenden.

Sömmerring, Samuel Thomas von, Mediziner, geb. 28.
Jan. 1755 zu Thorn, studierte seit 1774 in Göttingen, ward
1778 Professor der Anatomie in Kassel, 1784 in Mainz, praktizierte
seit 1798 in Frankfurt a. M., wurde 1805 königlicher Leibarzt
in München, dann Geheimrat und in den Adelstand erhoben. 1820
kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er 2. März 1830
starb. Seine Untersuchungen über Gehirn- und Nervensystem,
über die Sinnesorgane, über den Embryo und seine
Mißbildungen, über den Bau der Lungen, über die
Brüche etc. stellen ihn in die Reihe der ersten deutschen
Anatomen. Er konstruierte auch 1809 einen elektrischen Telegraphen,
bei welchem die Zeichen durch galvanische Zersetzung von Wasser
gegeben werden sollten, arbeitete über die Veredelung des
Weins, über die Zeichnungen, welche sich bei der Ätzung
des Meteoreisens auf demselben bilden, über die Sonnenflecke
etc. Er schrieb: "Vom Hirn- und Rückenmark" (Mainz 1788, 2.
Aufl. 1792); "Vom Bau des menschlichen Körpers" (Frankf.
1791-96, 6 Bde.; 2. Aufl. 1800; neue Aufl. von Bischoff, Henle u.
a., Leipz. 1839-45, 8 Bde.); "De corporis humani fabrica" (Frankf.
1794-1801, 6 Bde.); "De morbis vasorum absorbentium corporis
humani" (das. 1795); "Tabula sceleti feminini" (das. 1798);
"Abbildungen des menschlichen Auges" (das. 1801), "des menschlichen
Hörorgans" (das.1806), "des menschlichen Organs des Geschmacks
und der Stimme" (das. 1806), "der menschlichen Organe des Geruchs"
(1809). Sömmerrings Briefwechsel mit Georg Forster wurde von
Hettner (Braunschw. 1878) herausgegeben. Vgl. R. Wagner,
Sömmerrings Leben und Verkehr mit Zeitgenossen (Leipz.
1844).

Sommerschlaf s. Winterschlaf.

Sommersolstitium, s. Sonnenwenden.

Sommersporen, s. Pilze, S. 66, und Rostpilze, S. 989.

Sommersprossen (Sommerflecke, Ephelides), kleine,
rundliche, bräunliche Flecke, welche sich namentlich bei
blonden und rothaarigen Menschen, unter der Einwirkung des
Sonnenlichts und der Sonnenwärme, der Feuchtigkeit und des
Windes an den unbedeckten Stellen der Haut bilden. Die S. beruhen
auf der Ablagerung eines bräunlichen Pigments in den
oberflächlichen Hautschichten. Während des Win-

24

Sommerthürchen - Son.

ters blassen sie ab oder verschwinden auch ganz. Durch Mittel,
welche eine Abstoßung der Epidermis mit Einschluß ihrer
tiefern pigmenthaltigen Schichten bewirken, kann man die S.
vertreiben; sie kehren aber nach wenigen Wochen wieder, wenn die
Haut von neuem den erwähnten Schädlichkeiten ausgesetzt
wird. Auf diese Weise wirken die Lilionese und Umschläge mit
einprozentiger Lösung von Sublimat (Quecksilberchlorid,
höchst giftig!). Man läßt diese Umschläge nur
einige Stunden lang wirken und sorgt dafür, daß die mit
der Sublimatlösung befeuchteten Leinwandläppchen keine
Falten schlagen. Zeigt sich die Haut hiernach stärker
entzündet, so bedeckt man sie mit in Öl getränkten
Kompressen.

Sommerthürchen, Pflanze, s. Leucojum.

Sommertuch, s. Halbtuch.

Sommerwal, s. Finnfisch.

Sommerwurz, s. Orobranche.

Sommières (spr. ssommjähr), Stadt im franz.
Departement Gard, Arrondissement Nîmes, am Vidourle und an
der Eisenbahnlinie Lunel-Le Vigan (mit Abzweigung nach Nimes und
Les Mazes), hat ein altes Schloß, eine Brücke mit Turm,
eine reformierte Konsistorialkirche, Fabrikation von Likör,
Essenzen, Decken, Wollenstoffen, Hüten etc. und (1881) 3644
Einw.

Sommitäten (franz.), die Höchsten,
Vornehmsten.

Somnambulismus (lat.), im engern Sinn das "Umherwandeln
im Schlaf", das Schlafwandeln; dann das habituell gewordene, dem
Anschein nach mit Überlegung vor sich gehende, in Wahrheit
aber nur traumbewußte Verrichten von Handlungen während
des Schlafs, das Schlafhandeln; gewöhnlich rechnet man zum S.
auch diejenigen meist auf Selbsttäuschung oder Betrug
beruhenden Fälle, in welchen gewisse Personen Dinge oder
Ereignisse wahrzunehmen glauben oder vorgeben, welche mittels
gesunder Sinne nicht wahrzunehmen sind (das Hellsehen,
clairvoyance); endlich auch die Gesamtheit der noch vielfach
problematischen Erscheinungen des sogen. tierischen Magnetismus (s.
Magnetische Kuren und Hypnotismus). Die beiden ersten Arten des S.,
welche man gewöhnlich als Nachtwandeln bezeichnet,
charakterisieren sich besonders dadurch, daß bei mangelndem
klaren Bewußtsein Handlungen vorgenommen werden, welche den
Schein der Willkürlichkeit und Zweckmäßigkeit an
sich tragen. Das Nachtwandeln nimmt niemals einen tödlichen
Ausgang und stört den Fortgang der Körperentwickelung
nicht auf eine erhebliche Weise. Beim Traum wie beim Nachtwandeln
ist das dämmernde Selbstbewußtsein der Mittelpunkt,
worin sich die dunkeln und verworrenen Empfindungen der Sinne und
des Gemeingefühls, wenn nämlich solche noch zur
Wahrnehmung kommen, sammeln, während Reihen von Vorstellungen
und Willensantrieben auftreten, welche zu den mannigfaltigsten,
ihnen entsprechenden Bewegungen der Glieder sowie zu einem
völlig artikulierten und zusammenhängenden Sprechen
Veranlassung geben. Nur die höchsten Grade dieser
Erscheinungen kommen aber hier in Betracht, insofern bei ihnen die
charakteristischen Bedingungen des Schlafs nicht mehr vorhanden zu
sein scheinen. Dahin ist vor allem zu rechnen, daß die
Nachtwandler ungeachtet der größten Anstrengung beim
Erklettern von Fenstern, Dächern etc. nicht erwachen, was doch
der Fall sein würde, wenn bei ihnen, wie beim
gewöhnlichen Schlaf, die Fähigkeit zur Empfindung und
Bewegung in gleichem Maß ab- und zunähme. Vielmehr geben
sie bei äußerer ordentlicher Bethätigung ihres
ganzen Muskelsystems zuweilen eine so gänzliche
Empfindungslosigkeit kund, daß weder das stärkste Licht,
noch der Schall von lärmenden Instrumenten, noch die
schärfsten Gerüche, noch Verletzungen der Haut den
geringsten Eindruck auf sie machen. Auch haben die Reden des
Nachtwandlers nicht jenen Charakter der Zerfahrenheit und des
Unzusammenhängenden wie die des Träumenden, sondern meist
logischen Zusammenhang und bewegen sich, wie seine Handlungen,
größtenteils im Kreis früherer Erinnerungen. Nach
dem bisherigen Stand unsers Wissens unerklärlich ist der
angebliche, im Volksmund allgemein behauptete Einfluß des
Mondes auf die Nachtwandler, welcher zu der Bezeichnung Mondsucht
(Lunatismus) Veranlassung gegeben hat. Die oft erzählten Sagen
von Mondsüchtigen, welche auf Bäume, Dächer und
Türme gleichsam dem Mond entgegengeklettert seien etc., sind
noch zu wenig beglaubigt, als daß man sie unbedenklich gelten
lassen könnte. Erwähnung verdient noch, daß die
Nachtwandler ihre Bewegungen auch auf gefährlichen Wegen mit
der größten Sicherheit ausführen sollen, wobei das
Freibleiben von Schwindel eine wirksame Unterstützung
gewähren mag. Da das Nachtwandeln gewöhnlich einen
völlig konstitutionellen Zustand darstellt, welcher als
solcher das Individuum Jahrzehnte behaften kann, so läßt
es sich höchstens durch kräftige diätetische
Maßregeln mit einigem Erfolg bekämpfen. Zu letztern
würden vor allem angemessene Körperanstrengungen, um
einen möglichst festen und tiefen Schlaf zu bewirken, und
Vermeidung aller das Nervensystem stärker aufregenden
psychischen und physischen Reize, z. B. allzu reichliche
Abendmahlzeiten, zu rechnen sein. Entschieden abzuraten ist von den
gebräuchlichen Gewaltmitteln, wie z. B. den vor das Bett
gestellten Wassergefäßen, Prügeln u. dgl.
Jedenfalls hat man die Nachtwandler unter eine angemessene Aufsicht
zu stellen, damit sie in ihren Paroxysmen weder sich noch andern
Schaden zufügen können. Vgl. Magnetische Kuren.

Somnium (lat.), Traum.

Somnolénz (lat.), Schläfrigkeit,
schlafsüchtiger Zustand, leichtester Grad von
Betäubtheit.

Somnus (lat.), Gott des Schlafs, s. Hypnos.

Somogy (spr. schómodj, Sümeg), Komitat in
Ungarn, am rechten Donauufer zwischen dem Plattensee und der Drau,
hat 6531 qkm (118,6 QM.) Areal mit (1881) 307,448 meist
ungarischen, kath. Einwohnern. Es wird von zahlreichen kleinen
Flüssen bewässert, ist sehr fruchtbar und im Süden
an der Drau teilweise sumpfig; 1/3 des Gebiets bedeckt Wald. Sitz
des Komitats, das nach dem alten Schlosse Somogyvár benannt
ist und von der Donau-Draubahn, der Linie
Stuhlweißenburg-Kanizsa und der Fünfkirchen-Barcser Bahn
durchschnitten wird, ist Kaposvár.

Somorrostro, kleiner Ort in der span. Provinz Viscaya,
10km nordwestlich von Bilbao, berühmt wegen seiner reichen
Eisenminen.

Somosierra, Dorf in der span. Provinz Madrid, am
Südabhang des gleichnamigen Gebirges (Fortsetzung der Sierra
de Guadarrama), historisch merkwürdig durch das siegreiche
Gefecht Napoleons I. gegen die Spanier 30. Nov. 1808.

Somvix ("Oberdorf", rätoroman. Sumvigel), Ort im
schweizer. Kanton Graubünden, am Vorderrhein, 880 m ü. M.
gelegen, zum Bezirk Vorderrhein gehörig, mit (1880) 1235 Einw.
Gegenüber öffnet sich das alpine, vom Somvixer Rhein
durchströmte Val S. in das Hauptthal; es bildet den Zugang zu
dem (nicht fahrbaren) Paß Greina.

Son (Sona), Fluß in Britisch-Indien, entspringt in
Zentralindien am Gebirgsstock des Amarkantak

25

Sonate.

und fließt in nordöstlicher Richtung dem Ganges zu,
den er oberhalb Patna nach einem Laufe von 748 km erreicht. Im
Unterlauf ist er schiffbar und seit 1871 durch einen bei Dehri
vollendeten Querdamm, wodurch fünf Kanäle gespeist
werden, zur künstlichen Überflutung seiner Ufer
eingerichtet.

Sonate (ital. sonata, suonata), ein in der Regel aus drei
oder vier abgeschlossenen, aber durch innere Verwandtschaft unter
sich verbundenen Sätzen bestehendes Tonwerk von ganz
bestimmter Form, zunächst für ein Soloinstrument,
namentlich Klavier, Cello, Flöte, Violine, Orgel etc.,
bestimmt, jedoch, als Duo, Trio, Quartett etc., auch auf mehrere
Instrumente und, als Symphonie, sogar auf großes Orchester
übertragen. Der erste Satz ist der speziell für die S.
charakteristische und sie von der Suite, Serenade etc.
unterscheidende; seine Form ist die darum speziell so genannte
Sonatenform. Er beginnt entweder mit einer langsamen Einleitung
(Grave, Largo) oder gleich mit dem Hauptthema (Hauptsatz) in
bewegtem Tempo (Allegro), von welchem geschlossene, modulierende
(nicht in allzufern liegende Tonarten ausschweifende) Gänge
zum zweiten Thema (Nebensatz, Seitensatz) überleiten, das zwar
in gleichem Tempo, aber in längern Notenwerten, gesangartiger
gehalten ist. Steht der Hauptsatz in Dur, so pflegt der Seitensatz
auf der Tonart der Dominante zu stehen; steht er in Moll, so kommt
die Parallel-Durtonart oder Durtonart der kleinen Sexte (z. B. bei
A moll: F dur) oder auch eine verwandte Molltonart in Anwendung.
Entweder schließt nun der erste Teil hiermit ab, oder es
folgt noch ein kleiner Schlußsatz, der zum ersten Thema
zurückführt. Die Repetition (Reprise) der den ersten Teil
des Sonatensatzes konstituierenden Themata ist durchaus für
die Form charakteristisch, und Abweichungen sind selten und
bedeuten ein Zerbrechen der Form (Beethoven). Der nun folgende
zweite Teil (Durchführungssatz) besteht ausschließlich
in Verarbeitung des vorausgegangenen thematischen Materials (selten
bringt er noch ein selbständiges Thema) und leitet ohne
Wiederholung durch den sogen. Rückgang zum dritten Teil
über. Dieser bringt wieder das Hauptthema in der Haupttonart,
führt jedoch diesmal (mit oder ohne Gang) den Seitensatz und
etwanigen Schlußsatz gleichfalls in der Haupttonart oder
gleichnamigen Molltonart ein und beschließt entweder hiermit
das Tonstück, oder es folgt ihm noch ein besonderer Anhang
(coda), der hier meistens etwas länger ausgeführt ist als
im ersten Teil. Bildungen wie die der ersten Sätze der sogen.
Mondscheinsonate (Op. 27, Cis moll) oder der As dur-Sonate (Op. 26)
von Beethoven haben mit diesem Schema nichts zu thun. Beiden
Sonaten fehlt der eigentliche erste Satz; sie beginnen mit dem
langsamen, der in der Regel der zweite ist. Charakteristikum des
zweiten Satzes ist die langsame Bewegung (nur ausnahmsweise
vertauschen der langsame Satz und das gleich zu besprechende
Scherzo ihren Platz). Seine Form kann eine sehr verschiedenartige
sein. Ist er wie der erste mit zwei kontrastiernden Themata
ausgestattet, so ist das bewegtere das zweite; die Reprise und
Durchführung fallen weg, dagegen erscheint gern das Hauptthema
dreimal, meist mit immer gesteigerter Figuration. Oft begnügt
sich der Tonsetzer mit der Liedform, d. h. der Themataordnung
I-II-I. Sehr beliebt ist auch die Variationenform für den
zweiten Satz. Die Tonart des zweiten Satzes ist meist die der
Unterdominante. Der dritte Satz bringt Menuett oder Scherzo,
gewöhnlich wieder in der Haupt- oder doch in einer eng
verwandten Tonart. In ältern Sonaten fehlt Menuett oder
Scherzo gänzlich, so daß man gleich vom zweiten zum
letzten Satz, dem Finale, gelangt. Dieser steht bei
durchschnittlich schneller Bewegung immer in der Haupttonart,
verwandelt sie aber nicht selten aus Moll in Dur. Seine Form ist
entweder die Sonatenform, in der Regel ohne Reprise, aber mit
Durchführung, oder eine weit ausgesponnene Rondoform mit mehr
als zwei meist kurzen Themata. In seltenen Fällen läuft
er in eine Fuge aus. Beethoven handhabt die Form sehr frei und
beschränkt sich manchmal auf nur zwei Sätze und zwar
nicht nur in der kleinen S. (Sonatine), bei der das fast die Regel
ist, sondern auch in groß und ernst angelegten Werken (Op.
53, 54, 78, 90, 101, 111).

Geschichte. Sonata ("Klingstück") ist ursprünglich, d.
h. als die Anfänge einer selbständigen Instrumentalmusik
sich entwickelten (gegen Ende des 15. Jahrh.), eine ganz allgemeine
Bezeichnung für Instrumentalstücke und der Gegensatz von
Cantata ("Singstück"). Die ältesten Komponisten, welche
den Namen S. gebrauchten, waren Giovanni Croce (1580) und Andrea
Gabrieli, dessen "S. a 5 istromenti" (1586) leider nicht mehr zu
finden sind. Dagegen sind uns einige Sonaten von seinem Neffen
Giovanni Gabrieli erhalten (I597 und 1615). Diese ältesten
Sonaten sind Stücke für mehrere Instrumente (Violinen,
Violen, Zinken und Posaunen), und ihr Schwerpunkt liegt in der
Entfaltung harmonischer Fülle. Ihre praktische Bestimmung war
die, einem kirchlichen Gesangswerk als Einleitung vorausgeschickt
zu werden, die S. tritt in der Folge (völlig gleichbedeutend
mit Symphonia) als Einleitung der Kantate auf. Gegen Ende des 17.
Jahrh. begann man die Sonata da chiesa (Kirchensonate) von der
Sonata da camera (Kammersonate) zu unterscheiden. Die letztere
schied die Blasinstrumente aus und wurde schließlich die
Prärogative der Violine (Biber, Corelli), ja die alte Art der
für die Kirche bestimmten S. wurde gleichfalls nach Art der
Kammersonate zugestutzt und nur, statt mit Cembalo, mit der Orgel
begleitet. Neben beiden bestand die vielstimmige, besonders mit
Blasinstrumenten besetzte S. fort für Tafelmusik und
ähnliche weltliche Bestimmungen. Diese Sonaten, auch die
Corellischen und Biberschen, haben mit der neuern Sonatenform noch
wenig mehr gemeinsam als die Zusammensetzung aus mehreren Teilen
von verschiedener Bewegungsart, welche bereits I. Gabrieli seinen
letzten Sonaten gegeben hatte. Corelli schrieb sie viersätzig:
Adagio, Allegro, Adagio, Allegro. Die Übertragung des Namens
S. auf Klavierwerke ähnlicher Gestaltung ist das Werk Johann
Kuhnaus (s. d.). Die letzte Vollendung der Form der S., namentlich
ihres charakteristischen ersten Satzes, erfolgte durch Domenico
Scarlatti, J. S. Bach, Philipp Emanuel Bach, Joseph Haydn, Mozart
und Beethoven. Die Umbildung des Stils der S. ist nichts derselben
Eigentümliches, sondern geht parallel mit der Entwickelung der
Instrumentalmusik und insbesondere des Klavierstils überhaupt,
welcher nach J. S. Bach allgemein, aber schon früher in
ziemlich ausgedehntem Maß eine freiere (homophone) Setzweise
erfuhr. Die Form der S. wurde durch Haydn, Mozart und Beethoven auf
die Komposition für verschiedene Ensembles (Violine und
Klavier, Klavier, Violine und Cello, Streichtrio, Streichquartett
etc.) und für Orchester (Symphonie) übertragen. Nach
Beethoven haben die Form der S. mit besonderm Glück Franz
Schubert, Mendelsohn, Rob. Schumann und in neuester Zeit Johannes
Brahms, Joachim Raff, Anton Rubinstein, I. Rhein-

26

Sonatine - Sonett.

berger und Robert Volkmann behandelt. Vgl. Marx,
Kompositionslehre, Tl. 3 (5. Aufl., Leipz. 1868); Faißt,
Beiträge zur Geschichte der Klaviersonate (in der
"Cäcilia", Bd. 25 u. 26, Mainz 1847); Bagge, Geschichtliche
Entwickelung der S. (Leipz. 1880).

Sonatine, s. v. w. kleine Sonate, leichtverständlich
und leicht zu spielen; der erste Satz der S. hat entweder keine
oder nur eine sehr kurze Durchführung, die Zahl der Sätze
ist meist 2 oder 3 (vgl. Sonate).

Soncino (spr. ssontschino), Dorf in der ital. Provinz
Cremona, Kreis Crema, unweit des Oglio, hat ein altes Schloß,
bekannt durch die Gefangenschaft und den Tod (1259) des
Statthalters Ezzelino, Seidenbau und (1881) 3965 Einw.

Sond., bei botan. Namen Abkürzung für W.
Sonder, Apotheker in Hamburg (Algen, Kapflora).

Sonde (Specillum), dünnes, rundes, 12-28 cm langes
Stäbchen, gewöhnlich aus Stahl oder Silber, an der Spitze
abgerundet oder mit einem Knöpfchen oder Öhr versehen,
dient zur Untersuchung von Wunden, Geschwüren etc., zum
Einbringen von Scharpie oder Fäden oder als Leitungswerkzeug
für schneidende Instrumente, in welchem Fall es der Länge
nach gefurcht oder gerinnt ist (Hohlsonde). Im Seewesen ist S. s.
v. w. Senkblei.

Sonderbund, der Bund der sechs ultramontanen Kantone der
Schweiz (1845), der 1847 den Sonderbundskrieg zur Folge hatte. S.
Schweiz, S. 762.

Sonderburg, Kreisstadt in der preuß. Provinz
Schleswig-Holstein, auf der Insel Alsen und am Alsensund, über
welchen eine Schiffbrücke zum Festland führt, hat eine
evang. Kirche, ein Schloß, ein Realprogymnasium, ein
Amtsgericht, Eisengießereien, Dampfmahlmühlen,
Färbereien, ein Seebad, einen guten Hafen und (1885) mit der
Garnison (ein Füsilierbataillon Nr. 86) 5266 fast nur evang.
Einwohner. - S. war schon 1253 vorhanden, brannte 1864 während
der Belagerung der Düppeler Schanzen teilweise nieder und fiel
29. Juni d. J. mit dem Übergang der Preußen nach Alsen
in deren Hände. Die Festungswerke sind neuerdings aufgegeben.
Nach S. wird die apanagierte Linie der Herzöge von S. benannt
(s. Schleswig-Holstein, S. 524).

Sondereigen, gesondertes Privateigentum im Gegensatz zum
gemeinschaftlichen oder Gemeineigen.

Sondergut (Einhands-, Rezeptiziengut), das Vermögen
der Ehefrau, welches sie sich zur freien Verfügung
vorbehält (s. Güterrecht etc., S. 949).

Sonderland, Johann Baptist, Maler und Radierer, geb. 2.
Febr. 1805 zu Düsseldorf und an der Akademie daselbst sowie
auf Studienreisen in Paris, Holland und Frankfurt a. M. gebildet,
zeichnete sich in seinen Genrebildern durch Reichtum der Erfindung,
Lebendigkeit der Darstellung und naiven Humor aus. Unter dem Titel:
"Bilder und Randzeichnungen zu deutschen Dichtern" fertigte er eine
große Anzahl radierter Blätter sowie auch die
Illustrationen zu Reinicks "Malerliedern", zu "Münchhausen"
von Immermann etc. In den letzten Jahren seines Lebens wandte er
sich ausschließlich der Illustration zu und schuf eine
große Zahl von Aquarellkompositionen, Lithographien nach
eignen und fremden Originalen, Randzeichnungen etc. Er starb 21.
Juli 1878. Sein Sohn Friedrich S., geb. 20. Sept. 1836 zu
Düsseldorf ist ebenfalls ein begabter Maler, der besonders im
humoristischen Genre hervorragend ist.

Sonderling, Schmetterling, s. Aprikosenspinner.

Sondernachfolge, s. Rechtsnachfolge.

Sondershausen, Haupt- und Residenzstadt des
Fürstentums Schwarzburg-S., in der sogen. Unterherrschaft, am
Fuß der Hainleite, an der Wipper und der Linie
Nordhausen-Erfurt der Preußischen Staatsbahn, hat 3 Kirchen,
ein ansehnliches Residenzschloß mit Antiquitäten- und
Naturaliensammlung und schönem Garten, ein Gymnasium, eine
Realschule, ein Schullehrerseminar, ein Konservatorium, ein
Theater, ein Zeughaus, ein Landeskrankenhaus, Nadelfabrikation, 2
Dampfziegeleien, eine Dampfschneidemühle und (1885) 6336 meist
evang. Einwohner. S. ist Sitz der obersten Landesbehörden,
eines Landratsamtes und eines Amtsgerichts. Vor der Stadt liegt das
Loh, ein Vergnügungsort, und unweit von S. auf der Hainleite
das Jagdschloß Possen (s. d.).

Sondersieche, s. v. w. Aussätzige, s. Aussatz, S.
127.

Sondieren, mit dem Senkblei (Sonde) die Tiefe
ergründen; ausforschen, prüfen.

Sondrio, ital. Provinz im N. der Lombardei, begreift
großenteils das bis 1797 zu Graubünden gehörige
Veltlin, wird im N. von der Schweiz, im O. von Tirol und der
Provinz Brescia, im Süden von Bergamo und im W. von Como
begrenzt und umfaßt 3268, nach Strelbitsky 3123 qkm (56,7
QM.) mit (1881) 120,534 Einw. Das Land besteht der Hauptsache nach
aus den Thälern der obern Adda und der Mera, welche von
mehreren Gebirgsgruppen der Alpen (Bernina-, Ortler- und
Bergamasker Alpen) flankiert werden. Über das Gebirge
führen im W. der Splügen, im O. das Stilfser Joch; auch
münden hier die Straßen über den Maloja- und
Berninapaß. Der Boden ist großenteils Weide und Wald
(57,538 Hektar); das bebaute Land bringt Wein (1886: 119,200 hl,
doch gute Sorten), etwas Getreide, viel Kartoffeln, Obst etc.
hervor; das Mineralreich liefert Eisen, Blei und andre Metalle und
Mineralien. Neben dem sehr beschränkten Ackerbau, der Vieh-
und Seidenzucht und Holzgewinnung wird etwas Industrie
(Seidenfilanden, Baumwollspinnerei, Metallindustrie) und Handel
betrieben. Durch die Eisenbahnen Colico-Sondrio und
Colico-Chiavenna in Verbindung mit der Dampfschiffahrt am Comersee
ist die Provinz in neuester Zeit dem Weltverkehr näher
gerückt worden. Von Bedeutung sind endlich die ausgezeichneten
Mineralquellen (vor allen die zu Bormio). Doch genügen die
vorhandenen Erwerbsquellen nicht, so daß viele Bewohner
alljährlich auswärts Beschäftigung suchen
müssen. Die gleichnamige Hauptstadt, malerisch an der
Mündung des Mallero in die Adda und an der Bahn Colico-S.
gelegen, hat ein königliches Lyceum und Gymnasium, eine
technische Schule, ein Gewerbeinstitut, eine städtische
Bibliothek, ein Nationalkonvikt, ein großes Krankenhaus, ein
schönes Theater, ein ehemaliges Kloster (jetzt
Traubenkuranstalt), Ruinen eines Schlosses, Seidenindustrie,
Töpferei (aus dem im Val Malenco gebrochenen Lavezstein),
Handel und (1881) 3989 Einw. S. ist Sitz eines Präfekten.

Sonett (ital., Klanggedicht), kleines Gedicht von
bestimmter Form, bestehend aus 14 (in der Regel iambischen) Zeilen,
von denen die ersten 8 und die letzten 6 miteinander reimen und
zwar so, daß die 8 ersten, in zwei Strophen von je 4 Zeilen
zerfallend (Quaternarien oder Quatrains), nur zwei Reime haben,
welche je viermal anklingen und in dem Verhältnis der
Reimumschlingung zu einander stehen

27

Songarei - Sonnborn.

(abba abba), die 6 letzten dagegen, in zwei Strophen von je 3
Zeilen zerfallend (Terzinen), mit zwei oder auch drei
Reimklängen beliebig wechseln können (cdc ded, cde cde,
cde dce etc.). Das S. ist eine ebenso schöne wie kunstvolle,
aber auch schwierige Form für die reflektierende Lyrik, weil
sie nicht nur einen bedeutenden Reichtum an Reimen erfordert,
sondern auch die innere Gedankenordnung sich genau den Abteilungen
anschmiegen soll, nicht bloß so, daß mit der 4., 8. und
11. Zeile eine Sinnpause eintreten muß, sondern die Art des
Gedankenvortrags soll auch mit jeder neuen Strophe eine neue
Wendung nehmen. Unbedingt verpönt ist namentlich das
Herüberziehen des Satzes aus der 8. in die 9. Zeile.
Hervorgegangen aus der provencalischen Poesie, fand das S. in der
Mitte des 13. Jahrh. in die italienische Poesie Aufnahme. Die erste
regelmäßige Gestalt gab ihm Fra Guittone von Arezzo, die
höchste Vollendung Dante und Petrarca; im übrigen ist die
Zahl der italienischen Sonettendichter unendlich. In Frankreich
ward das S. erst im 16. Jahrh. wieder aufgenommen, aber als Bouts
rimés zum leeren Witz- und Reimspiel herabgewürdigt.
Auch in England, wohin es durch Howard Graf Surrey verpflanzt ward,
war es eine Zeitlang Modeform (Shakespeare). In Spanien haben sich
Boscau, Garcilaso de la Vega, Mendoza etc., in Portugal namentlich
Camoens als Meister des Sonetts ausgezeichnet. In der deutschen
Poesie finden sich Anklänge an das S. bereits bei Walther von
der Vogelweide. Eigentlich eingeführt ward es zuerst von
Weckherlin und Opitz (in Alexandrinern) und unter dem Namen
Klanggedicht bald mit Vorliebe (Gryphius, P. Fleming etc.)
bearbeitet. Später geriet es wieder in Vergessenheit, bis es
durch Bürger und dann durch die romantische Schule von neuem
aufgenommen und mit Eifer kultiviert wurde. Treffliche deutsche
Sonette haben Schlegel, Goethe, Rückert, Platen, Chamisso,
Herwegh, Geibel, Strachwitz u. a. geliefert. Sonettenkranz ist eine
Reihe von 15 Sonetten, von denen 14 durch ihre Anfangs- oder
Endzeilen das 15., das sogen. Meistersonett, bilden. Vgl.
Tomlinson, The sonnet, its origin, structure etc. (Lond. 1874);
Welti, Geschichte des Sonetts in der deutschen Dichtung (Leipz.
1884); Lentzner, Über das S. in der englischen Dichtung (Halle
1886).

Songarei, Land, s. Dsungarei.

Songhay, Negerstamm, s. Sonrhai.

Songka (Sangkoi oder Roter Fluß), Hauptfluß
der franz. Kolonie Tongking (Hinterindien), entspringt mit drei
westlichern und einer östlichen Quelle in den
Südabhängen der die chinesische Provinz Jünnan
durchziehenden hohen Gebirgskette. In China heißt er
Hongkiang, bei Laokai tritt er über die Grenze, bleibt wie
zuvor noch 140 km von Bergen eingefaßt und bildet zahlreiche
Stromschnellen. Später wird er ruhiger, nimmt rechts den
Hellen Fluß und links den Klaren Fluß auf und spaltet
sich unterhalb in zahlreiche Arme, von denen die linksseitigen mit
dem Thaibinh oder Bakha durch drei künstliche Kanäle und
andre Wasseradern in Verbindung stehen, so daß hier ein
mächtiges Delta gebildet wird, und ergießt sich in den
Meerbusen von Tongking. An einem Arm des Thaibinh liegt Haiphong,
der Haupthafen des Gebiets. Der S. wurde zuerst 1870 von Dupuis von
der chinesischen Stadt Manghao bis zu seinem Eintritt in die Ebene
und 1872 aufwärts bis Jünnan hinein befahren. Auch der
Klare Fluß ist bis zur chinesischen Grenze, der Schwarze
Fluß eine große Strecke aufwärts für leichte
Fahrzeuge befahrbar. Am rechten Ufer des S., 175 km von der
Mündung, liegt die Hauptstadt Hanoi, die im 8. Jahrh. noch am
Meer gelegen haben soll, ein Beweis für die rasche
Deltabildung des Flusses.

Sonica (franz.), wird in Hasardspielen von einer Karte
gesagt, die beim ersten Aufschlagen über Gewinn und Verlust
entscheidet; im weitern Sinn s. v. w.. sogleich, zu rechter
Zeit.

Soninke, Negerstamm, s. Serechule.

Sonklar, Karl, Edler von Innstädten,
österreich. Militär und Geograph, geb. 2. Dez. 1816 zu
Weißkirchen in der damaligen Militärgrenze, besuchte
1829-32 die mathematische Schule in Karansebes, an welcher er eine
Zeitlang auch Lehrer war, stand 1839-48 als Infanterieoffizier in
Agram, Graz und Innsbruck und benutzte seinen Aufenthalt in Graz
dazu, Studien über Physik und Chemie an der dortigen
Universität zu machen, wogegen er von Innsbruck aus
weitreichende Wanderungen in den Alpen machte. Von 1848 bis 1857
lebte er als Erzieher des Erzherzogs Karl Viktor in
Schönbrunn, wirkte seit 1857 als Lehrer der Geographie an der
Militärakademie in Wiener-Neustadt, aus welcher Stellung er
1872 als Generalmajor in den Ruhestand trat und seinen Aufenthalt
in Innsbruck nahm, wo er 10. Jan. 1885 starb. Seine ersten
Schriften: "Über Führung einer Arrieregarde" (1844),
"Über die Heeresverwaltung der alten Römer im Frieden und
Krieg etc." (Innsbr. 1847), waren rein militärischen
Charakters; später aber wandte er sich der Geographie zu und
hat auf dem Gebiet der Orographie die größten Erfolge
aufzuweisen. Als Anhänger K. Ritters war er bestrebt, die
Ursachen der Erscheinungen, welche unmittelbar zu beobachten er
seit 1857 jährlich Reisen in die Alpen (1870 nach Ungarn, 1875
nach Italien) unternahm, aufzuspüren und darzulegen. Als
Frucht dieser Einzelforschungen veröffentlichte er:
"Reiseskizzen aus den Alpen und Karpathen" (Wien 1857); "Die
Gebirgsgruppe der Hochschwab" (das. 1859); "Die Ötzthaler
Gebirgsgruppe" (Gotha 1860, mit Atlas); "Die Gebirgsgruppe der
Hohen Tauern" (Wien 1866); "Die Zillerthaler Alpen" (Gotha 1877).
Sein in mehrfacher Hinsicht grundlegendes Hauptwerk ist aber die
"Allgemeine Orographie oder Lehre von den Reliefformen der
Erdoberfläche" (Wien 1872). Noch veröffentlichte er
außer verschiedenen Lehrbüchern der Geographie, die
ebenfalls besonderes Gewicht auf die Darstellung des Erdreliefs
legen: "Die Überschwemmungen" (Wien 1883) und bearbeitete
für die vom Deutschen u. Österreichischen Alpenverein
herausgegebene "Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung auf
Reisen" den Teil "Die Orographie u. Topographie, Hydrographie und
Gletscherwesen" (Münch. 1879). In der Kunstlitteratur
versuchte er sich durch eine "Graphische Darstellung der Geschichte
der Malerei" (Wien 1853).

Sonn., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für P. Sonnerat (spr. ssonn'ra), geb. 1749, Reisender, gest.
1814 in Paris (Zoologie, Botanik).

Sonnabend (d. h. der Abend vor dem Sonntag), der siebente
Tag der Woche im christlichen Kalender, der Sabbat im
jüdischen Kalender. An die letztere Bedeutung erinnern die
Namen Samstag im Deutschen, samedi im Französischen u. a.,
wogegen sich die römische Bezeichnung dies Saturni
(Saturnustag), im plattdeutschen Zaturdag, Saterdag sowie im
englischen Saturday erhalten hat.

Sonnblick, Berg, s. Rauriser Thal.

Sonnborn, Landgemeinde im preuß. Regierungsbezirk
Düsseldorf, Kreis Mettmann, an der Wupper

28

Sonne (Entfernung, Parallaxe, Größe,
Oberfläche).

und an den Linien Neuß-Schwelm und Düsseldorf-Schwelm
der Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine
kath. Kirche, mechanische Weberei, eine Tapetenfabrik,
Kalksteinindustrie, Fabrikation landwirtschaftlicher Maschinen und
(1885) 7543 meist evang. Einwohner.

Sonne (hierzu Tafel "Sonne"), der Zentralkörper des
Planetensystems, zu dem die Erde gehört, an Volumen und Masse
weitaus der größte unter den Körpern dieses Systems
und für sie alle Quelle von Licht und Wärme.

[Entfernung von der Erde, Parallaxe.] Da die Erde sich in einer
Ellipse um die im Brennpunkt stehende S. bewegt, so ist die
Entfernung beider Himmelskörper voneinander veränderlich,
wie sich schon aus den zwischen 32' 36'' und 31' 32'' schwankenden
Werten des scheinbaren Halbmessers der S. ergibt. Die mittlere
Größe dieser Entfernung ist eins der wichtigsten
Elemente der Astronomie, denn sie bildet die Einheit, in welcher
man die Entfernungen der Weltkörper zunächst ermittelt.
Man bezeichnet sie gewöhnlich mit den Namen Sonnenweite,
Sonnenferne oder auch Erdweite. Dem dritten Keplerschen Gesetz
zufolge verhalten sich die dritten Potenzen der mittlern
Entfernungen zweier Planeten von der S. wie die Quadrate ihrer
Umlaufszeiten. Sind daher die letztern durch Beobachtung bekannt,
so kann man das Verhältnis zwischen den mittlern Entfernungen
berechnen. Ebenso läßt sich die Entfernung derjenigen
Fixsterne, bei denen die Bestimmung der jährlichen Parallaxe
(s. d.) gelungen ist, in Erdweiten angeben. Um nun die
Größe einer Erdweite in geographischen Meilen oder
Kilometern zu finden, muß die Parallaxe der S. bekannt sein.
Diese kann man aber, ihrer Kleinheit wegen, nicht direkt durch
Beobachtung von Sonnenhöhen an verschiedenen Punkten der Erde
finden; man bestimmt sie vielmehr indirekt, indem man die Parallaxe
und Entfernung der Planeten Mars und Venus in ihrem geringsten
Abstand von der Erde durch Beobachtung ermittelt. Dom. Cassini
leitete zuerst aus den Beobachtungen des Mars zur Zeit seiner
Opposition eine Parallaxe von 25'' ab, und da die Entfernung des
Mars von der Erde zur Zeit der Beobachtung 0,4 von der Entfernung
der Erde von der S. betrug, so ergab sich daraus die
Sonnenparallaxe = 0,4.25'' oder 10'', was eine Entfernung der S.
von 20,700 Erdhalbmessern gibt. Statt des Mars kann man auch die
Venus in ihrer Erdnähe beobachten. Dieselbe kehrt uns dann
ihre dunkle Seite zu und ist nur sichtbar, wenn sie vor der
Sonnenscheibe vorübergeht, wenn ein sogen. "Durchgang der
Venus durch die S." stattfindet. Halley machte zuerst (1677) auf
die Wichtigkeit der Venusdurchgänge für die Bestimmung
der Sonnenparallaxe aufmerksam und schlug eine hierzu geeignete
Beobachtungsmethode vor (1691 u. 1716). Seitdem sind alle
Venusdurchgänge (9. Juni 1761, 2. Juni 1769, 8. Dez. 1874 und
6. Dez. 1882) mit größter Sorgfalt beobachtet worden.
Aus den Beobachtungen von 1761 und 1769 hat Encke den Wert der
Sonnenparallaxe zu 8,57116'' bestimmt, was eine Entfernung der S.
gleich 24,043 Erdhalbmessern oder 20,682,000 geogr. Meilen gibt.
Bis Anfang der 60er Jahre galt dieser Wert als der
zuverlässigste. Eine neue Berechnung von Powalky, bei welcher
genauere Werte für die Längen einiger Beobachtungsorte
benutzt wurden, gab für die Sonnenparallaxe den
größern Wert 8,855''. Ferner berechnete Newcomb aus den
Beobachtungen des Mars zur Zeit seiner Opposition 1862, die nach
einem von Winnecke entworfenen Plan auf zahlreichen Sternwarten
angestellt wurden, den Wert 8,848''. Später hat Galle aus
Oppositionsbeobachtungen des Planeten Flora, der im Oktober und
November 1873 sich der Erde bis auf 0,87 Sonnenweiten näherte,
den Wert 8,873'' berechnet, fast übereinstimmend mit der Zahl
8,879, welche Puiseux aus den französischen Beobachtungen des
Venusdurchganges von 1874 abgeleitet hat. Leverrier hatte
früher aus den Störungen der Venus den Wert 8,95''
berechnet, und ähnliche Werte, sämtlich größer
als der Enckesche, sind von Hansen, Delaunay und Plana aus gewissen
Ungleichheiten der Mondbewegung gefunden worden. Endlich kann man
die Sonnenparallaxe auch finden, wenn man die Lichtgeschwindigkeit
unabhängig von astronomischen Beobachtungen bestimmt und die
sogen. Lichtgleichung, d. h. die Zeit, in welcher das Licht von der
S. zur Erde gelangt, oder auch den Aberrationswinkel (s. Aberration
des Lichts) kennt. Nach den neuesten Versuchen von Newcomb
beträgt aber die Lichtgeschwindigkeit im leeren Raum 299,860
km, und daraus ergibt sich mit Nyréns Wert der
Aberrationskonstanten (s. Aberration) eine Sonnenparallaxe von
8,794'', entsprechend einer Entfernung der S. von 149,61 Mill. km.
Da eine Bearbeitung der sämtlichen Beobachtungen der
Venusdurchgänge von 1874 und 1882 zur Zeit noch nicht
vorliegt, so bedient man sich gewöhnlich des Newcombschen
Wertes 8,85'' für die Sonnenparallaxe. Hiernach beträgt
die mittlere Entfernung der S. 23,307 Erdhalbmesser = 148,670,000
km = 20,036,000 geogr. Meilen. Das Licht braucht 8 Min. 18 Sek. zur
Zurücklegung dieses Wegs. Da die Exzentrizität der
Erdbahn ungefähr 1/60 beträgt, so wird die Entfernung im
Perihel um etwa 1/3 Mill. Meilen verkleinert, im Aphel um
ebensoviel vergrößert.

[Scheinbare und wahre Größe.] In mittlerer Entfernung
erscheint der Sonnenhalbmesser unter einem Winkel von 16' 1,8''
oder 961,8''; daraus berechnet sich der wahre Durchmesser der S. =
(961,8)/(8,85) = 108,556 Erddurchmessern = 1,387,600 km = 187,000
geogr. Meilen, also ungefähr 1 4/5 mal so groß als der
Durchmesser der Mondbahn. Ein Bogen auf der Mitte der S., der uns
unter einem Winkel von 1'' erscheint, hat eine Länge von 720
km, und selbst der feinste Spinnwebenfaden eines Mikrometers
verdeckt noch gegen 200km. Die S. hat 11,800 mal soviel
Oberfläche und 1,279,000 mal soviel Volumen als die Erde, 600
mal soviel als alle Planeten zusammen. Ihre Masse ist das 319,500
fache von der Erdmasse, mehr als das 700 fache aller
Planetenmassen. Die mittlere Dichte aber ist nur 0,253 oder
ungefähr 1/4 von der unsrer Erde, also 1,4 von der des
Wassers. Da die Schwerkraft an der Oberfläche eines
Himmelskörpers, abgesehen von den Wirkungen der
Zentrifugalkraft, proportional ist dem Produkt aus mittlerer Dichte
und Durchmesser, so ist dieselbe auf der S. 108,6.0,253 = 27,5 mal
so groß als bei uns, und während ein Körper auf der
Erde 4,9 m in der ersten Sekunde fällt, beträgt der
Fallraum auf der S. 135 m.

[Oberfläche.] Während bei Anwendung mäßiger
Vergrößerung die leuchtende Oberfläche der S. , die
Photosphäre, glatt und gleichförmig erscheint, erblickt
man sie durch Instrumente von großer Öffnung mit starker
Vergrößerung bei klarer und ruhiger Luft wie bedeckt mit
leuchtenden, in ein weniger helles Netzwerk eingebetteten
Körnern. Schon W. Herschel hat dieselben wahrgenommen und als
"Runzeln" bezeichnet, später hat sie Nasmyth mit
Weidenblättern, Secchi aber mit Reiskörnern verglichen.
Nach

29

Sonne (Flecke und Fackeln, Rotation).

Langley hat die Photosphäre ein wollig-wolkenartiges
Aussehen, aber neben den verwaschen wolkenartigen Gebilden
unterscheidet man noch zahlreiche schwache Fleckchen auf hellem
Grund, und unter günstigen Umständen lösen sich die
wolkenähnlichen Gebilde in eine Menge kleiner intensiv
leuchtender Körner auf, die in einem dunklern Medium
suspendiert erscheinen. Die erwähnten Fleckchen haben jetzt
das Aussehen von Öffnungen oder Poren, entstanden durch
Abwesenheit der weißen Wolkenknoten und Durchscheinen des
dunklern Grundes; der Durchmesser beträgt bei den deutlicher
wahrnehmbaren 2-4 Bogensekunden. Die hellen Knötchen oder
Reiskörner Secchis bestehen nach Langley aus Anhäufungen
kleiner Lichtpunkte von ungefähr 1/3'' Durchmesser. Janssen
hat Photographien der S. bis zu einem Durchmesser von 30cm und mehr
dargestellt, die unter der Lupe sehr deutlich die granulierte
Beschaffenheit der Photosphäre zeigen. An Stellen, wo die
Granulationen am deutlichsten ausgeprägt sind, besitzen die
Elemente alle eine mehr oder minder kugelförmige Gestalt, und
das um so mehr, je geringer ihre Größe ist. Der
Durchmesser dieser Kugeln ist sehr verschieden, von wenigen
Zehnteln der Bogensekunde bis zu 3 und 4''. Die ganze
Oberfläche der Photosphäre erscheint in eine Reihe von
mehr oder minder abgerundeten, oft fast geradlinigen, meist an
Vielecke erinnernden Figuren abgeteilt, deren Größe sehr
verschieden ist, oft einen Durchmesser bis zu 1' und darüber
erreicht. Während nun in den Zwischenräumen dieser
Figuren die einzelnen Körner bestimmt und gut begrenzt, obwohl
von sehr verschiedener Größe sind, erscheinen sie im
Innern wie zur Hälfte ausgelöscht, gestreckt oder
gewunden; ja, am häufigsten sind sie ganz verschwunden, um
Strömen von leuchtender Materie Platz zu machen, die an die
Stelle der Granulationen getreten sind. Janssen hat diese
Gestaltung als photosphärisches Netz bezeichnet.

[Sonnenflecke, Rotation.] Ferner bemerkt man auf der
Sonnenfläche schon bei schwachen Vergrößerungen
bald einzelne, bald in Gruppen zusammenstehende dunklere Stellen,
sogen. Sonnenflecke. Dieselben wurden zuerst 1610 von Fabricius
wahrgenommen, 1611 auch von Galilei und von Scheiner in Ingolstadt
entdeckt. Während ersterer die S. mit ungeschütztem Auge
beobachtete, wenn sie in der Nähe des Horizonts stand, wandte
Scheiner zuerst dunkel gefärbte Blendgläser an.
Gegenwärtig polarisiert man auch das Licht im Fernrohr durch
Reflexion und kann es dann durch abermalige Reflexion beliebig
abschwächen (Helioskop von Merz). Vielfach beobachtet man auch
das objektive Sonnenbild, das durch ein Äquatorial auf einer
weißen Fläche entworfen wird. Auch wendet man jetzt nach
dem Vorgang von Warren de la Rue häufig die Photographie an,
um getreue Abbildungen der Sonnenfläche mit ihren Flecken etc.
zu erhalten. Fig. 1 der Tafel "Sonne" zeigt den Anblick der S. nach
einer Photographie von Rutherfurd in New York 23. Sept. 1870.
Außer den Sonnenflecken zeigt dieselbe auch noch nach dem
Rand hin helle Adern, sogen. Fackeln, in Silberlicht glänzende
Streifen, die schon Galilei beobachtete. Die Sonnenflecke sind von
sehr verschiedener Größe, oft nur als dunkle Punkte
erkennbar, sogen. Poren, und oftmals 1000 Meilen und mehr im
Durchmesser haltend. Schwabe beobachtete im September 1850 einen
Fleck von 30,000 Meilen Durchmesser. Große Flecke von mehr
als 50'' = 4800 Meilen Durchmesser sind auch mit bloßem Auge
sichtbar, wenn man die S. durch dünnes Gewölk oder nahe
am Horizont oder auch ein berußtes Glas beobachtet, und es
sind solche schon vor Erfindung der Fernröhre, namentlich von
den Chinesen, vereinzelt gesehen worden. An den größern
Flecken unterscheidet man meist einen dunkeln Kern, den Kernfleck,
bisweilen mit noch dunklern Stellen, Dawes' Centra. Diese Kerne
sind umgeben mit einem matten, nach der leuchtenden
Sonnenfläche gut abgegrenzten Hof oder Halbschatten
(penumbra), ungefähr von der grauen Färbung der
Mondmeere. Doch sind auch bisweilen rötliche Färbungen
beobachtet worden, namentlich hat Secchi größere Flecke
wiederholt wie durch einen rötlichen Schleier gesehen. Nicht
selten fehlt übrigens die Penumbra, andre Male wieder der
Kernfleck.

Gleich die ersten Beobachter bemerkten, daß die
Sonnenflecke sich vom östlichen Rande der S. nach dem
westlichen bewegen, und erklärten diese Bewegung richtig durch
eine Rotation der S. um eine Achse. Die Bestimmung der Dauer der
Rotation ist aber mit Schwierigkeiten verbunden, einesteils wegen
der Veränderlichkeit, andernteils wegen der eignen Bewegung
der Flecke, die nach Laugier bisweilen über 100m in der
Sekunde beträgt. Verhältnismäßig nicht viele
Flecke behalten ihre Gestalt so lange, daß man sie
während mehrerer Rotationen verfolgen kann; viele ändern
von einem Tag zum andern ihre Gestalt teils durch Zerfallen (s.
Tafel, Fig. 2), teils durch Zusammenfließen mit andern
derart, daß sie nicht wieder zu erkennen sind; andre
verschwinden gänzlich, neue erscheinen. Das Auftreten neuer
Fleckengruppen wird meist vorher angezeigt durch ausgedehnte helle
Fackeln an der gleichen Stelle. Dessen ungeachtet hat man
zahlreiche Flecke durch mehrere Rotationen beobachtet. Man findet
nun, daß ein Fleck ungefähr 27½ Tage nach seinem
ersten Erscheinen sich wieder am Ostrand zeigt, und daraus ergibt
sich, mit Berücksichtigung der Bewegung der Erde, die wahre
Dauer einer Rotation der S. zu ungefähr 25½ Tagen. Die
genauere Bestimmung liefert aber für Flecke, die dem
Sonnenäquator nahe sind, eine kürzere Dauer als für
solche in höhern Breiten. Spörer fand z. B. für
1,5° heliographischer Breite 25,118 Tage, für 24,6°
aber 26,216 Tage. Es deutet dies auf eine Bewegung der Flecke
parallel zum Äquator. Außerdem aber ändern sich
auch die Breiten, es zeigen die meisten Flecke eine Bewegung vom
Äquator nach den Polen hin. Spörer vermutet, daß
diese Bewegungen mit Winden auf der S. zusammenhängen. Nach
seiner Bestimmung beträgt die Rotationszeit der S. 25,234
Tage, der Sonnenäquator ist um 6° 57' geneigt gegen die
Ekliptik, und die Länge seines aufsteigenden Knotens ist
74° 36'; Carrington hat 25,38 Tage, 7° 15' und 73° 57'
gefunden.

Bei der Rotation der S. zeigen die Flecke, den Regeln der
Perspektive entsprechend, gewisse regelmäßige
Formveränderungen: wenn ein Fleck sich vom Ostrand aus nach
der Mitte der S. bewegt, so wird seine Ausdehnung parallel zum
Äquator immer größer; entfernt er sich aber von der
Mitte, so wird sie immer kleiner, während gleichzeitig seine
Ausdehnung senkrecht zum Äquator ungeändert bleibt.
Wilson in Glasgow beobachtete 1769 an einem großen
Sonnenfleck, daß die Penumbra, als derselbe in der Mitte der
S. stand, links und rechts ungefähr gleich groß, vor-
und nachher aber, bei exzentrischer Stellung, allemal auf der dem
Rande der S. zunächst liegenden Seite sich am breitesten
zeigte. Wilson kam dadurch zu der Ansicht, daß die Penumbra
gebildet werde durch die trichterförmig nach unten
abfallenden, nur wenig leuchtenden Seitenwände einer
Öffnung in

30

Sonne (Korona, Protuberanzen etc.).

der Lichthülle der S., durch welche wir deren dunkeln Kern
erblicken. Daß der eigentliche Sonnenkörper dunkel sei,
hatte schon Dom. Cassini (1671) behauptet; Bode (1776) und
später W. Herschel haben der Wilsonschen Hypothese, daß
der dunkle Kern der S. zunächst von einer wenig leuchtenden,
wolkenähnlichen Hülle umgeben sei, über welche sich
die eigentliche Lichthülle ausbreite, allgemein Eingang
verschafft. Erst Kirchhoff (1861) machte darauf aufmerksam,
daß die leuchtende Hülle der S. unmöglich
bloß nach außen Licht und Wärme senden könne,
daß vielmehr auch die unter ihr liegende wolkenartige Schicht
und der Sonnenkörper selbst längst durch Leitung und
Strahlung erwärmt und ins Glühen versetzt worden sein
müßten. Aus diesen Gründen ist die Wilsonsche
Hypothese aufgegeben worden.

Die Sonnenflecke erscheinen nicht an allen Stellen der
Sonnenoberfläche in gleicher Häufigkeit. In der
Hauptsache sind sie beschränkt auf die Zonen zwischen 10 und
30° heliographischer Breite, die sogen. Königszonen. In
der Nähe des Sonnenäquators selbst sind sie nur
spärlich vorhanden, und ebenso finden sie sich selten jenseit
des 35. Breitengrads. Ferner sind die Sonnenflecke nicht zu allen
Zeiten gleich häufig, und es hat zuerst Schwabe 1843 aus
seiner seit 1826 fortgesetzten Beobachtung auf eine etwa
zehnjährige Periode der Häufigkeit geschlossen. Zu
allgemeiner Anerkennung gelangte diese Behauptung namentlich durch
die Diskussion älterer Fleckenbeobachtungen durch Wolf 1852.
Derselbe fand eine mittlere Dauer der Periode von 11 1/9 Jahren mit
Abweichungen von durchschnittlich 1 2/3 Jahren; etwa fünf
solcher Perioden bilden wieder eine größere Periode, die
durch die Höhe der Fleckenmaxima und die Tiefe der Minima
charakterisiert ist. Merkwürdig ist das 1852 von Sabine,
Gautier und Wolf erkannte Zusammentreffen der Sonnenfleckenperiode
mit derjenigen der erdmagnetischen Störungen und Variationen.
Später hat man auch in den Erscheinungen der Nordlichter, des
Regenfalls, der Stürme etc. dieselbe Periode zu erkennen
geglaubt; auch hatte schon W. Herschel einen Zusammenhang zwischen
der Häufigkeit der Sonnenflecke und der Fruchtbarkeit der
einzelnen Jahre zu erkennen geglaubt. Vgl. Hahn, Über die
Beziehungen der Sonnenfleckenperiode zu meteorologischen
Erscheinungen (Leipz. 1877); Fritz, Die Beziehungen der
Sonnenflecke zu den magnetischen und meteorologischen Erscheinungen
der Erde (Haarlem 1878).

[Korona und Protuberanzen.] Bei totalen Sonnenfinsternissen
erscheint der vor der S. stehende Mond rings umgeben mit einem
silberglänzenden, wallenden Lichtschimmer, aus dem einzelne,
oft wunderbar gekrümmte Strahlengruppen hervorschießen.
Es ist dies die sogen. Korona. Außerdem aber hat man auch
noch bei diesen Gelegenheiten eigentümliche rosenrote Gebilde
am Sonnenrand bemerkt, die bald wie Berge oder Flammen an der S.
haften, bald wie Wolken frei schweben, die Protuberanzen (vgl.
Tafel "Sonne", Fig. 3). Solche Protuberanzen sind bereits 1733 von
Vassenius in Gotenburg beobachtet und abgebildet worden; ihr
genaueres Studium beginnt aber erst mit der Sonnenfinsternis vom 8.
Juli 1842, wo Arago, Airy, Schumacher u. a. sie wahrnahmen; 1860
wurden sie bereits photographiert, und 1867 glückte es Rziha,
bei Ragusa eine Protuberanz während einer zehnzölligen
ringförmigen Finsternis zu beobachten. Endlich haben 1868
Lockyer, Janssen, Huggins und Zöllner Methoden angegeben, um
diese Gebilde auch bei vollem Sonnenschein zu beobachten. Als
Mittel hierzu dient das Spektroskop. Das Sonnenspektrum ist ein
kontinuierliches Spektrum, welches von zahlreichen dunkeln
(Fraunhoferschen) Linien unterbrochen wird, die genau dieselbe
Stelle einnehmen wie die hellen Linien in den Spektren
verschiedener Metalldämpfe. Kirchhoff zeigte, daß ein
jedes glühende Gas ausschließlich Strahlen von der
Brechbarkeit derer schwächt, die es selbst aussendet, so
daß die hellen Linien eines glühenden Gases in dunkle
verwandelt werden müssen, wenn durch dasselbe Strahlen einer
Lichtquelle treten, die hinreichend hell ist und an sich ein
kontinuierliches Spektrum gibt. Um also die dunkeln Linien des
Sonnenspektrums zu erklären, muß man annehmen, daß
die Sonnenatmosphäre einen leuchtenden Körper
umhüllt, der für sich allein ein kontinuierliches
Spektrum gibt. Die wahrscheinlichste Annahme scheint Kirchhoff die
zu sein, daß die S. aus einem festen oder
tropfbarflüssigen, in der höchsten Glühhitze
befindlichen Kern besteht, der umgeben ist von einer
Atmosphäre von etwas niedrigerer Temperatur. Durch das
erwähnte Zusammentreffen der Fraunhoferschen mit den hellen
Linien in den Spektren gewisser Metalldämp

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